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GA 95

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RUDOLF STEINER

VORTRÄGE

VORTRÄGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT

Vor dem Tore der Theosophie

Vierzehn Vorträge, gehalten in Stuttgart
vom 22. August bis 4. September 1906
mit zwei Fragenbeantwortungen
(Hörernotizen)

GA 95

1990

Inhaltsverzeichnis


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Erster Vortrag, Stuttgart, 22. August 1906

Es soll in diesen Vorträgen ein allgemeiner Überblick über das Gesamtgebiet der theosophischen Weltanschauung gegeben werden. Nicht immer ist Theosophie so wie heute gelehrt worden in Vorträgen und Büchern, die jedem zugänglich sind. Früher wurde Theosophie als etwas angesehen, das nur in kleinen intimen Zirkeln gelehrt werden konnte. Das Wissen beschränkte sich auf die Kreise von Eingeweihten, auf okkulte Brüderschaften; die Allgemeinheit sollte nur die Früchte dieses Wissens haben. Weder von ihrem Wissen und von ihren Taten noch von dem Ort ihres Wirkens war viel bekannt. Was die Welt an großen geschichtlichen Menschen kennt, das waren eigentlich nicht die größten. Die Größten, die Eingeweihten, hielten sich zurück.

So trat im 18. Jahrhundert ein solcher Eingeweihter einmal in einem Augenblick, der gar nicht beachtet wurde, vor einen Schriftsteller hin, wurde mit ihm flüchtig bekannt und sprach Worte, die der andere gar nicht besonders beachtete, die aber dennoch in ihm nachwirkten und gewaltige Gedankenbilder erzeugten, deren schriftstellerische Früchte heute in unzähligen Händen sind. Dieser andere war Jean-Jacques Rousseau. Er war kein Eingeweihter, aber die Quelle seines Wissens ging auf einen solchen zurück.

Ein anderes Beispiel: Jakob Böhme war als Schusterlehrling allein im Laden, in welchem er noch nichts verkaufen durfte. Da kam eine Persönlichkeit zu ihm, die einen tiefen Eindruck auf ihn machte; sie sagte einige Worte und entfernte sich dann wieder. Gleich darauf hörte er seinen Namen rufen: Jakob, Jakob, du bist jetzt noch klein, du wirst aber groß werden. Merke dir, was du heute gesehen hast. Es blieb eine geheime Anziehung zwischen ihm und jener Persönlichkeit, die ein großer Eingeweihter war. Von ihm stammten die mächtigen Inspirationen Böhmes.

Es gab auch noch andere Mittel, durch die früher ein Eingeweihter gewirkt hat. Jemand hat zum Beispiel einen Brief bekommen,

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der dazu bestimmt war, irgendeine Tat zu veranlassen. Er war vielleicht Minister und hatte die äußere Macht, irgend etwas auszuführen, aber nicht den Gedanken dazu. In dem Briefe stand etwas, was gar nichts zu tun hatte mit dem, was übermittelt werden sollte, vielleicht ein Bittgesuch. Man hätte aber den Brief noch auf eine andere Art lesen können: Man brauchte nur immer vier Worte auszustreichen und das fünfte stehen zu lassen, dann gab der Rest einen neuen Zusammenhang, den natürlich der Empfänger gar nicht bemerkte, der aber zum Inhalt hatte, was geschehen sollte. Waren nun die Worte die richtigen, so wirkten sie, auch ohne daß der Leser den Sinn im Tagesbewußtsein aufgenommen hatte. In ähnlicher Weise schrieb ein deutscher Gelehrter, der zugleich ein Eingeweihter war, der Lehrer von Agrippa von Nettesheim, Trithem von Sponheim. In seinen Werken, mit dem richtigen Schlüssel gelesen, steht vieles, was heute in der Theosophie gelehrt wird.

Es war damals notwendig, daß nur einige wenige, die genügend vorbereitet waren, in diese Dinge eingeweiht wurden. Wozu war dieses Geheimhalten notwendig? Gerade um dem Wissen die richtige Stellung zu verschaffen, konnte man es nur den genügend Vorbereiteten geben; die anderen empfanden nur die Segnungen. Es war ja kein Wissen für die Befriedigung der Neugierde oder der bloßen Wißbegierde. Dieses Wissen sollte in die Tat umgesetzt werden, es sollte arbeiten an den staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen, es sollte die Welt praktisch gestalten. Und so gehen alle großen Fortschritte in der Menschheitsentwickelung zurück auf die Impulse von Okkultem. Deshalb wurden auch alle, die der theosophischen Lehren teilhaftig werden sollten, schweren Proben und Prüfungen unterworfen, ob sie auch würdig dafür seien, und dann wurden sie stufenweise eingeweiht, ganz langsam von unten nach oben geführt.

Von dieser Methode ist in letzter Zeit abgegangen worden; man lehrt jetzt die elementaren Lehren öffentlich. Die Veröffentlichung war notwendig, weil die früheren Mittel, die Früchte einfließen zu lassen in die Menschheit, versagen würden. Zu diesen Mitteln gehörten auch die Religionen, und in allen Religionen ist diese Weisheit

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enthalten; heute aber spricht man von einem Gegensatz zwischen Wissen und Glauben. Wir haben heute nötig, auf den Wegen des Wissens zu der höheren Erkenntnis zu kommen.

Die eigentlichste Ursache aber für die Veröffentlichung ist die Erfindung der Buchdruckerkunst. Vorher wurden die theosophischen Lehren mündlich, von Person zu Person erteilt; kein Unreifer oder Unwürdiger hörte davon. Aber durch die Bücher hat das Wissen von den sinnlichen Dingen Verbreitung gefunden, und durch sie ist es populär geworden. Daher entstand auch der Zwiespalt zwischen Wissen und Glauben.

Solche Ursachen aber machen es notwendig, daß aus dem großen Schatze des Geheimwissens aller Zeiten jetzt vieles veröffentlicht werden muß. Fragen wie: Woher kommt der Mensch? Was ist sein Ziel? Was verbirgt die sichtbare Gestalt? Was geschieht nach dem Tode? mußten beantwortet werden, und zwar nicht durch Hypothesen und Theorien und Mutmaßungen, sondern durch die Tatsachen.

Das eigentliche Rätsel des Menschen zu enthüllen, das war es, um was es sich bei aller Geheimwissenschaft handelte. Alles, was hierüber gesagt werden soll, wird gegeben von dem eigentlichen Standpunkt des praktischen Okkultismus aus; nicht irgendeine Theorie soll es sein, die man im Praktischen nicht brauchen kann. Solche Theorien sind dadurch entstanden und in die theosophische Literatur eingedrungen, daß im Anfang die Leute, welche die Bücher schrieben, selbst nicht genau verstanden, was sie schrieben. Solches mag ja für die Wißbegier recht nützlich sein. Die Theosophie aber soll Leben werden.

Wir wenden uns zuerst dem Wesen des Menschen zu. Wenn uns ein Mensch entgegentritt, so sehen wir zunächst mit unseren äußeren Sinnesorganen das, was wir in der theosophischen Sprache den physischen Leib nennen. Dieser physische Leib ist etwas, was der Mensch mit der gesamten Umwelt gemeinsam hat. Das ist das einzige, was die äußere Wissenschaft gelten läßt, und doch ist es nur ein kleiner Teil des Menschen. Wir müssen tiefer eindringen in das Wesen des Menschen, denn schon eine bloße Überlegung lehrt, daß es

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mit diesem physischen Menschen eine ganz besondere Bewandtnis haben muß. Es gibt eben noch andere Dinge, die man sehen, betasten kann und so weiter; jeder Stein ist schon ein physischer Körper. Aber der Mensch kann sich bewegen, er kann fühlen, denken, er wächst, er ernährt sich, pflanzt sich fort. Das alles ist beim Stein nicht der Fall, wohl aber entsprechend bei der Pflanze und dem Tier. Mit allen Pflanzen hat der Mensch die Ernährung, das Wachstum, die Fortpflanzung gemeinsam. Hätte er nur einen physischen Körper wie der Stein, so könnte er nicht wachsen, sich ernähren, sich fortpflanzen. Er muß also etwas haben, was ihn fähig macht, die physischen Kräfte und Stoffe so zu verwerten, daß sie ihm Mittel werden, zu wachsen und so weiter. Das ist der Ätherleib.

So hat der Mensch seinen physischen Leib mit allem Mineralischen gemeinsam, den Ätherleib nur mit den Pflanzen und Tieren. Das ist zunächst durch eine bloße Überlegung festgestellt. Nun ist aber noch eine andere Möglichkeit vorhanden, sich davon zu überzeugen, daß es einen Ätherleib gibt. Diese Fähigkeit hat nur der, der seine höheren Sinne ausgebildet hat. Solche höheren Sinne sind nicht anders aufzufassen, als eine höhere Ausbildung dessen, was in jedem Menschen schlummert.

Es ist wie beim Blindgeborenen, der operiert wird; nur daß nicht jeder Blindgeborene operiert werden kann, daß die geistigen Sinne aber bei jedem Menschen entwickelt werden können, wenn er die nötige Geduld hat und die entsprechende Vorbereitung durchmacht. Schon um dieses Prinzip des Lebens, von Wachstum, Fortpflanzung und Ernährung wahrzunehmen, gehört eine ganz bestimmte höhere Wahrnehmung. An dem Beispiel des Hypnotisierens können wir uns klarmachen, was gemeint ist.

Der Hypnotismus, der den Eingeweihten immer bekannt war, bedeutet einen anderen Bewußtseinszustand als der gewöhnliche Schlaf. Ein Hypnotisierter ist im Rapport mit dem Hypnotiseur. Man kann nun unterscheiden zwischen positiver und negativer Suggestion, die beim Hypnotisierten auftreten. Die erstere läßt etwas wahrnehmen, was nicht vorhanden ist. Die negative Suggestion besteht darin, daß die Aufmerksamkeit abgelenkt wird von dem, was

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vorhanden ist. Es ist das nur eine Steigerung eines anderen Zustandes: Im gewöhnlichen Leben können wir auch unsere Aufmerksamkeit von einem Dinge abwenden, so daß wir es nicht sehen, trotzdem unsere Augen geöffnet sind. Das passiert uns ja unwillkürlich täglich, wenn wir vertieft in etwas sind. Die Theosophie will nichts zu tun haben mit solchen Zuständen, bei denen der Bewußtseinszustand des Menschen abgestumpft ist und er sich in einem Dämmerzustand befindet. Der Mensch, der zu theosophischen Wahrheiten kommen will, muß beim Untersuchen der höheren Welten seiner Sinne ebenso mächtig sein wie beim Untersuchen der alltäglichen Dinge. Die großen Gefahren der Einweihung können nur dann über den Menschen kommen, wenn sein Bewußtsein herabgedämpft wird.

Wer den Ätherleib aus eigener Anschauung kennenlernen will, der muß imstande sein, bei voller Aufrechterhaltung des gewöhnlichen Bewußtseins sich selbst durch eigene Willensstärke den physischen Leib abzusuggerieren. Dann aber ist der Raum für ihn trotzdem nicht leer; vor sich hat er dann den Ätherleib, der in einer rötlich-bläulichen Lichtform, wie ein Schemen, aber glänzend, leuchtend, etwas dunkler als junge Pfirsichblüten, erscheint. Diesen Ätherleib können wir niemals sehen, wenn wir einen Kristall betrachten, wohl aber bei der Pflanze und beim Tier, denn dieser Teil ist es ja, der die Ernährung, das Wachstum und die Fortpflanzung bewirkt.

Der Mensch aber hat nicht nur diese Fähigkeiten, er hat auch die Fähigkeit der Empfindung von Lust und Schmerz. Die hat die Pflanze nicht. Der Eingeweihte kann das durch eigene Erfahrung untersuchen, weil er sich mit der Pflanze identifizieren kann. Das Tier jedoch hat diese Fähigkeit, denn es hat ein weiteres Glied mit dem Menschen gemeinsam: das ist der Astralleib. Er umfaßt alles, was wir als Begierde, Leidenschaft und so weiter kennen. Das ist nun wieder durch eine Überlegung klar, durch ein inneres Erlebnis. Für den Eingeweihten aber kann es ein äußeres Erlebnis werden. Dieses dritte Glied des Menschen schaut der Eingeweihte als eiförmige Wolke, die sich in einer fortwährenden inneren Bewegung befindet;

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es ist das eine Wolke, die den Körper umgibt, in der der physische Körper und der Ätherleib darinstecken. Es ist so, daß, wenn man physischen Leib und Ätherleib absuggeriert, alles ausgefüllt ist von einer feinen Lichtwolke mit innerer Beweglichkeit. In dieser Wolke, in dieser Aura sieht der Eingeweihte jede Begierde, jeden Trieb und so weiter als Farbe und Gestalt des Astralleibes; so sieht er zum Beispiel heftige Leidenschaft als blitzartige Strahlen aus dem Astralleib hervorschießen.

Die Tiere haben einen Astralleib, der je nach der Gattung verschiedene Grundfarben hat; der Astralleib des Löwen hat eine andere Grundfarbe als derjenige des Lammes. Und auch beim Menschen ist die Grundfarbe nicht stets die gleiche, und wenn man für feinere Unterschiede einen Sinn hat, kann man beim Menschen das Temperament, die Grundstimmungen in seiner Aura erkennen. Nervöse Menschen haben eine getigerte, von Punkten durchsetzte Aura. Diese Punkte sind nicht ruhig, sondern leuchten immer auf und verschwinden wieder. So ist es immer, und deshalb kann man auch die Aura nicht malen.

Aber der Mensch unterscheidet sich auch noch vom Tiere. Da kommen wir zu dem vierten Gliede der menschlichen Wesenheit. Dieses vierte Glied liegt ausgesprochen in einem Namen, der sich von allen übrigen Namen unterscheidet: «Ich» kann ich nur zu mir selbst sagen. Es gibt in der ganzen Sprache keinen Namen, den nicht jeder andere auch zu dem gleichen Gegenstand sagen könnte. Nicht so das Ich; das kann der Mensch nur zu sich selber sagen. Das haben diejenigen, die eingeweiht waren, von jeher empfunden. Der hebräische Eingeweihte nannte so den «unaussprechlichen Namen Gottes», des Gottes, der im Menschen wohnt, denn er ist nur in dieser Seele für diese Seele auszusprechen. Er muß aus der Seele hervortönen, sie muß sich einen eigenen Namen geben; kein anderer kann ihr einen Namen geben. Daher die wunderbare Stimmung, die durch die Zuhörer ging, wenn der Name «Jahve» ausgesprochen wurde; denn Jahve oder Jehova bedeutet «Ich» oder «Ich bin». In dem Namen, den sich die Seele gibt, beginnt der Gott in der eigenen Seele zu sprechen.

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Diese Eigenschaft hat der Mensch vor dem Tiere voraus. Das Tier besitzt nicht die Fähigkeit, zu sich «Ich» zu sagen. Die Fähigkeit, sich selbst einen Namen zu geben, hat der Mensch allein. Man muß sich einmal die ungeheure Bedeutung dieses Wortes vor die Seele rücken. Jean Paul erinnert sich in seiner Selbstbiographie, wie er als ganz kleiner Junge vor einer Scheune stand und ihm bewußt wurde, daß er ein Ich sei. Er wußte, daß er das Unsterbliche in sich erfahren hatte.

Wiederum drückt sich dies für den Seher in einer eigentümlichen Weise aus. Wenn er den Astralleib untersucht, ist alles in fortwährender Bewegung bis auf einen einzigen kleinen Raum; der bleibt, wie eine etwas in die Länge gezogene eiförmige bläuliche Kugel, etwas hinter der Stirne, bei der Nasenwurzel. Sie findet sich nur beim Menschen. Bei dem Gebildeten ist sie nicht mehr so wahrnehmbar wie bei dem Ungebildeten; am deutlichsten ist sie bei den in der Kultur tiefstehenden Wilden. An dieser Stelle ist in Wahrheit nichts, ein leerer Raum. Wie die Mitte der Flamme, die leer ist, durch den Lichtkranz blau erscheint, so erscheint auch diese dunkle leere Stelle blau, weil das aurische Licht ringsherum strahlt. Das ist der äußere Ausdruck für das Ich.

Diese vier Teile hat jeder Mensch. Aber es ist ein Unterschied zwischen einem Wilden und einem europäischen Kulturmenschen, zwischen diesem und einem Franz von Assisi oder einem Schiller. Die Veredelung der Sitten bildet auch edlere Farben in der Aura. Das Wachstum in der Unterscheidung von Gut und Böse zeigt sich auch in der verfeinerten Aura. Um kultiviert zu werden, hat das Ich gearbeitet am Astralleib und die Begierden veredelt. Je höher ein Mensch in moralischer und intellektueller Kultur steht, desto mehr hat das Ich hineingearbeitet in den Astralleib. Der Seher kann sagen: Dies ist ein Entwickelter, dies ist ein Unentwickelter.

Was der Mensch selbst in den Astralleib hineingearbeitet hat, das nennt man Manas; das ist der fünfte Grundteil. So viel also der Mensch selbst in sich hineingearbeitet hat, so viel ist in ihm Manas; daher ist immer ein Teil seines Astralleibes Manas. Aber es ist dem Menschen nicht unmittelbar gegeben, auch auf seinen Ätherleib

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einen Einfluß auszuüben. So wie man lernt, auf eine höhere moralische Stufe zu kommen, so kann man auch lernen, in seinen Ätherleib hineinzuarbeiten. Wer dies lernt, ist ein Schüler, ein Chela. Dadurch wird der Mensch Herr über seinen Ätherleib, und so viel er in diesen hineingearbeitet hat, so viel ist in ihm vorhanden von Budhi. Das ist der sechste Grundteil, der umgewandelte Ätherleib.

Einen solchen Chela können wir an etwas erkennen. Der gewöhnliche Mensch ist nicht ähnlich seiner früheren Verkörperung, weder in Gestalt noch Temperament; der Chela aber hat dieselben Gewohnheiten, dasselbe Temperament wie in der früheren Verkörperung. Er bleibt sich ähnlich. Er hat bewußt hineingearbeitet in den Leib, der Fortpflanzung und Wachstum trägt.

Die höchste Gabe, die der Mensch auf dieser Erde erreichen kann, ist, daß er in seinen physischen Leib hinunterarbeitet. Das ist das Allerschwerste. Auf den physischen Leib arbeiten heißt, seinen Atem beherrschen lernen, seinen Blutumlauf bearbeiten, die Nervenarbeit verfolgen, auch den Denkprozeß regeln. Derjenige, der auf dieser Stufe steht, heißt in theosophischer Sprache ein Adept, und dieser hat dann das, was man Atma nennt, an sich ausgebildet. Das ist der siebente Grundteil.

Jeder Mensch hat vier Teile ausgebildet, den fünften teilweise, die anderen in der Anlage. Physischer Leib, Ätherleib, Astralleib, Ich, Manas, Budhi, Atma, das sind die sieben Glieder der menschlichen Wesenheit. Durch sie hat der Mensch Anteil an den drei Welten: der physischen Welt, der astralischen Welt und der Devachan- oder Geisteswelt.

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Zweiter Vortrag, Stuttgart, 23. August 1906

Wenn man von den Erkenntnissen höherer Daseinsgebiete spricht, von denen die Eingeweihten wissen, die aber dem gewöhnlichen Menschen heute noch nicht zugänglich sind, dann wird gegenüber diesem Besprechen übersinnlicher Tatsachen oft ein naheliegender Einwand gemacht. Er heißt: Was erzählt ihr, die ihr vorgebt, ein höheres Wissen zu besitzen, uns von höheren Welten? Was hat das für eine Bedeutung für uns, die wir doch selbst nicht in übersinnliche Welten hineinschauen können?

Darauf erwidere ich mit den schönen Worten einer jungen Zeitgenossin, die durch ihr Schicksal in den weitesten Kreisen bekanntgeworden ist: Helen Keller. Sie wurde im zweiten Lebensjahre blind und taub. Im siebenten Jahre war dieses Menschenkind noch immer wie eine Art Tier. Da fand sich eine liebevolle Seele, eine geniale Lehrerin, und heute, im sechsundzwanzigsten Lebensjahre, gehört Helen Keller wohl zu den Gebildetsten ihres Volkes. Sie ist eingedrungen in die Wissenschaften und hat eine erstaunliche Belesenheit; sie ist vertraut nicht nur mit den klassischen und modernen Dichtern, sondern sie kennt auch und studiert die Philosophen, wie Plato, Spinoza und so weiter. Und sie, der die Welt des Lichtes und der Töne verschlossen ist für immer, hegt einen ergreifenden Lebensmut und innige Freude über die Schönheit und Herrlichkeit der Welt. Einige Sätze aus ihrem Buch über «Optimismus» schreiben sich uns fest in die Seele. Sie sagt: Oh, es lagerte sich um mich herum durch Jahre Nacht und Finsternis, und es hat sich eine Seele gefunden, die mich gelehrt hat, und an Stelle von Nacht und Finsternis trat Friede und Hoffnung. Eine andere Stelle: Ich habe mir durch Denken und Empfinden den Himmel erobert. Eines nur konnte dieser Seele gegeben werden nicht Gesicht oder Gehör, die Sinneswelt bleibt ihr verschlossen, nur durch Kunde anderer Menschen dringt sie zu ihr , aber die erhabenen Gedanken der großen Genien sind in ihre Seele geflossen, und durch

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die Kunde der Wissenden hat sie Anteil an einer Welt, die Sie alle kennen.

Das ist die Situation dessen, der nur durch die Mitteilungen anderer von höheren Welten hört und selbst nicht hineinschauen kann in diese höheren Welten. Solch ein Vergleich lehrt die Bedeutsamkeit der Mitteilungen aus höheren Welten, wenn man sie auch noch nicht selbst schauen kann. Aber noch etwas anderes steht vor unserer Seele. Helen Keller muß sich sagen: Niemals werde ich die Welt selbst schauen. Jeder Mensch aber kann sich sagen: Auch ich werde die höheren Welten schauen, wenn meine Geistesaugen geöffnet werden. Die geistigen Augen und Ohren der Seele sind für jeden operierbar, wenn er nur die nötige Geduld und Ausdauer hat.

Wie lange dauert es denn, bis ich einen Einblick gewinne? so fragen wieder andere. Da hat der bedeutende Denker Subba Row eine schöne Antwort gegeben. Er sagt: Der eine erreicht es in siebzig Inkarnationen, der andere in sieben Inkarnationen, der eine in siebzig Jahren, der andere in sieben Jahren, ein anderer in sieben Monaten, in sieben Wochen, in sieben Tagen, in sieben Stunden. Oder die höhere Erkenntnis kommt, wie die Bibel sagt, «wie ein Dieb in der Nacht». Jedes geistige Auge kann geöffnet werden, wenn der Mensch nur die nötige Energie und Geduld hat. Darum kann jeder Freude und Hoffnung schöpfen aus den Mitteilungen anderer, denn was wir hören über die höheren Welten, sind keine Theorien, ist nicht etwas, was ohne Beziehung zu unserem Leben steht. Es ist etwas, was uns zwei Dinge als Früchte bringt, die wir haben müssen im Leben, wenn wir es richtig ergreifen wollen: Kraft und Sicherheit. Und beides gewinnen wir im vollsten Umfange: Kraft aus den Impulsen der höheren Welten, Sicherheit, wenn wir das Woher und Wohin des Menschen wissen, wenn uns bewußt wird, daß wir sichtbar ein Geschöpf der unsichtbaren Welt sind. Aber nur der kennt recht die sichtbare Welt, der auch von den zwei anderen Welten weiß.

Die drei Welten sind:

1. die physische Welt, der Schauplatz aller Menschen
2. die astralische oder seelische Welt
3. die devachanische oder geistige Welt.

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Diese drei Welten sind räumlich voneinander nicht getrennt. Es umgeben uns die Dinge der physischen Welt, die wir mit den äußeren Sinnesorganen wahrnehmen; aber in demselben Raume mit uns ist auch die astralische Welt. Ebenso wie in der physischen Welt leben wir auch zugleich in den beiden anderen Welten, in der astralischen und in der devachanischen Welt. Überall, wo wir sind, sind auch die drei Welten. Wir sehen die höheren Welten nur noch nicht, gleich dem Blinden, der die physische Welt nicht sieht. Aber wenn die Seelensinne dem Menschen geöffnet werden, dann tritt die neue Welt mit den neuen Eigenschaften und den neuen Wesenheiten für ihn hervor. Bekommt er neue Sinne, bekommt er auch neue Dinge.

Wenn wir nun zu einer näheren Betrachtung dieser drei Welten schreiten, so können wir sagen: Die physische Welt ist nicht besonders zu charakterisieren. Jeder kennt sie, und jeder lernt die physischen Gesetze, die darin gelten, kennen.

Die Astralwelt lernt er kennen nach dem Tode, oder er lebt jetzt darin als Eingeweihter. Der Schüler, dessen Sinne für die Astralwelt geöffnet werden, ist zunächst in einer Verwirrung, denn was dort auftaucht, ist mit nichts in der physischen Welt recht zu vergleichen. Man muß viele Dinge ganz neu lernen. Die Astralwelt charakterisiert sich durch eine Reihe von Eigenschaften. Eine verwirrende Eigenschaft ist vor allem für den Schüler, daß ihm alle Dinge verkehrt, sozusagen im Spiegelbilde erscheinen, so daß er sich gewöhnen muß, sie ganz anders anzusehen. Er muß zum Beispiel lernen, Zahlen von rückwärts nach vorwärts zu lesen. Wir sind gewohnt, eine Zahl so zu lesen, daß, wenn dasteht 3, 4, 5, wir 345 lesen; in der Astralwelt müssen wir umgekehrt, 543 lesen. Alles kehrt sich zum Spiegelbild um. Das ist sehr wichtig zu wissen. Das trifft auch für höhere Dinge, zum Beispiel moralische Dinge zu, auch solche erscheinen im Spiegelbild. Das begreifen die Leute zunächst nicht recht. Viele Menschen heutzutage klagen, daß sie sich umgeben sehen von bösartigen schwarzen Gestalten, die sie bedrohen und beängstigen und dergleichen. Das ist eine Erscheinung, die heute schon sehr viele Menschen befällt und über die die meisten gar nicht

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Bescheid wissen. In vielen Fällen verhält es sich nun so: Es sind das die eigenen Triebe, Begierden und Leidenschaften, die im Menschen leben, und zwar in dem, was wir den Astralkörper nennen. Der gewöhnliche Mensch sieht ja nicht seine eigenen Leidenschaften, aber durch besondere Vorgänge in der Seele und im Gehirn kann der Fall eintreten, daß sie ihm sichtbar werden; nur erscheinen sie ihm dann wie im Spiegelbild. Wie einer, der in den Spiegel schaut und rund um sich die Gegenstände sieht, so erblickt er rund um sich die Spiegelbilder seiner eigenen Triebe und so weiter. Alles, was aus ihm herausströmt, sieht er dann auf sich einströmen. Eine andere Erscheinung ist, daß die Zeit und die Ereignisse nach rückwärts gehen. Zum Beispiel sehen wir im Physischen zuerst die Henne und dann das Ei. Im Astralischen sieht man umgekehrt erst das Ei und dann die Henne, welche das Ei gelegt hat. Im Astralen bewegt sich die Zeit zurück; erst sieht man die Wirkung und dann die Ursache. Daher der prophetische Blick; niemand könnte künftige Ereignisse voraussehen ohne dieses Rückwärtsgehen von Zeitereignissen.

Es ist nicht wertlos, diese Eigentümlichkeiten der Astralwelt kennenzulernen. Viele Mythen und Sagen aller Völker haben sich mit wunderbarer Weisheit damit beschäftigt, zum Beispiel die Sage vom Herkules auf dem Scheidewege. Es wird gesagt, daß er sich einst hingestellt fühlte vor zwei weibliche Gestalten, die eine schön und verlockend; sie versprach ihm Lust, Glück und Seligkeit, die zweite einfach und ernst, von Mühsal, schwerer Arbeit und Entsagung sprechend. Die beiden Gestalten sind das Laster und die Tugend. Diese Sage sagt uns richtig, wie im Astralen des Herkules eigene zwei Naturen vor ihn treten, die eine, die ihn zum Bösen, die andere Natur, die ihn zum Guten drängt. Und diese erscheinen im Spiegelbilde als zwei Frauengestalten mit entgegengesetzten Eigenschaften: das Laster schön, üppig, bestrickend, die Tugend häßlich und abstoßend. Ein jedes Bild erscheint im Astralen umgekehrt.

Die Gelehrten schreiben solche Sagen dem Volksgeist zu. Dies ist nicht wahr. Auch nicht zufällig sind diese Sagen entstanden. Die großen Eingeweihten haben sie nach ihrer Weisheit geformt und den Menschen mitgeteilt. Alle Sagen, Mythen, alle Religionen, alle

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Volksdichtungen dienen zur Lösung der Welträtsel und beruhen auf Eingebungen der Eingeweihten.

Die Erkenntnisse der höheren Welten bringen uns Impulse und Kräfte zum Leben, und durch sie wird eine Begründung der Moral erlangt. Schopenhauer sagt: «Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwer.» Ohne eine wirkliche Begründung jedoch wird man sich die Moral nie wirklich zu eigen machen.

Viele Menschen sagen: Was sollen uns die Erkenntnisse höherer Welten, wenn wir nur gute Menschen werden und moralische Prinzipien haben! Aber auf die Dauer werden keine Moralpredigten eine Wirkung haben, wohl aber wird die Erkenntnis der Wahrheit die richtige Moral begründen. Der Moralprediger gleicht dem Menschen, der dem Ofen seine Pflichten vom Heizen und Wärmen vorpredigt, ihm aber keine Kohlen gibt. Will man Moral begründen, muß man der Seele «Heizmaterial» geben, und das geschieht nur durch die Erkenntnis der Wahrheit.

Es gibt einen Satz im Okkultismus, der jetzt bekannt werden kann: Jede Lüge ist in der Astralwelt ein Mord! Das ist ein sehr bedeutungsvoller Satz, dessen Wichtigkeit nur der einsieht, der Erkenntnis der höheren Welten hat. Wie leichthin sprechen die Menschen: Ach, das ist ja nur ein Gedanke, ein Gefühl, das bleibt in der Seele; eine Ohrfeige darf ich nicht geben, aber ein schlechter Gedanke, der schadet nichts. Es gibt kein unwahreres Sprichwort als: Gedanken sind zollfrei, denn jeder Gedanke, jedes Gefühl ist eine Wirklichkeit, und wenn ich denke, einer sei ein schlechter Mensch oder ich liebe ihn nicht, so ist das für den, der in die Astralwelt hineinschauen kann, wie ein Pfeil, wie ein Blitz, der sich wie eine Flintenkugel gegen den Astralleib des anderen bewegt und ihn schädigt. Jedes Gefühl, jeder Gedanke ist eine Wesenheit, eine Form in der Astralwelt, und für den, der Einblick hat in diese Welt, ist es oft viel schlimmer, mit anzusehen, wenn einer einen schlechten Gedanken über seinen Mitmenschen hat, als wenn er ihn physisch schädigt. Macht man diese Wahrheit bekannt, so heißt das Moral begründen, nicht predigen. Sagt man über einen Menschen die Wahrheit, so bildet sich eine Gedankenform, die der Seher nach Form und Farbe

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erkennen kann und die das Leben des Nächsten verstärkt. Der Gedanke, der eine Wahrheit enthält, geht auf die Wesenheit hin, auf die er sich bezieht, und fördert und belebt sie. Wenn ich also eine Wahrheit denke über meinen Mitmenschen, so stärke ich sein Leben; sage ich eine Lüge über ihn, so ströme ich eine feindliche Kraft auf ihn, die zerstörend, ja tötend wirkt. Daher ist jede Lüge ein Mord. Jede Wahrheit bildet ein lebenförderndes Element, jede Lüge ein lebenhemmendes Element. Wer das weiß, der wird sich mehr in acht nehmen in bezug auf Wahrheit und Lüge als jener, dem man nur predigt, man solle nur immer hübsch die Wahrheit sagen.

Die Astralwelt ist in der Hauptsache aus Formen und Farben zusammengesetzt. Solche gibt es auch in der physischen Welt; wir sind aber gewohnt, auf dem physischen Plan die Farben immer mit einem Gegenstand verbunden zu sehen. In der astralen Welt schwebt diese Farbe wie ein Flammenbild frei in der Luft. Es gibt eine Erscheinung der physischen Welt, die an diese schwebenden Farben erinnert, das ist der Regenbogen. Aber die astralischen Farbenbilder sind frei im Raum beweglich, sie vibrieren wie eine Flut von Farben, ein Farbenmeer in immer wechselnden, verschiedenartigen Linien und Formen.

Allmählich aber kommt der Schüler dazu, eine gewisse Ähnlichkeit zwischen der physischen und astralen Welt zu erkennen. Zuerst erscheint ihm diese Glut, dieses Farbenmeer sozusagen als herrenlos, es haftet nicht an Gegenständen. Dann aber treten die Farbenflocken zusammen und heften sich, zwar nicht an Gegenstände, aber an Wesenheiten. Während vorher nur eine schwebende Form gesehen wurde, offenbaren sich jetzt durch diese Farben geistige Wesenheiten, die man Götter, Devas, nennt. Es sprechen sich darin geistige Wesenheiten aus. Eine Welt von Wesenheiten, die durch Farben zu uns spricht, ist die Astralwelt.

Die Astralwelt ist die Welt der Farben; höher noch steht die devachanische, die geistige Welt. Wenn der Schüler die geistige Welt kennenlernt, bemerkt er das an einem ganz bestimmten Vorgang; er lernt verstehen ein tiefes Wort indischer Weisheit, Tat tvam asi, das heißt: Das bist du! Darüber ist viel geschrieben worden. Die wahre

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Bedeutung lernt der Schüler erst kennen, wenn er von der astralischen in die Devachanwelt eintritt. Da sieht er in einem Moment seine physische Gestalt außerhalb seiner selbst und sagt: Das bist du. Während er früher zu sich gesprochen hat: Das bin ich, sieht er jetzt seine physische Gestalt außerhalb seiner selbst und sagt: Das bist du. In diesem Moment ist der Mensch in der Devachanwelt. Da tritt für ihn zu der Welt der Farben klar und deutlich noch eine andere Welt hinzu: die Welt der Töne, die in einem gewissen Sinne schon da war, aber nicht diese Bedeutung hatte. Die Devachanwelt ist die tönende Welt. Dieses Tönen bezeichnete Pythagoras als Sphärenmusik. Tönend hört man die Weltenkörper ihre Bahnen ziehen. Man vernimmt die Weltenharmonie, alles lebt in Tönen. Goethe läßt als Eingeweihter die Sonne tönen, er zeigt das Geheimnis des Devachan. Als Faust im Himmel, in der geistigen Welt ist, umgeben von Devas, da tönt die Sonne, da tönen die Sphären:

Die Sonne tönt nach alter Weise
In Brudersphären Wettgesang,
Und ihre vorgeschriebne Reise
Vollendet sie mit Donnergang.

Er meint den Geist der Sonne, der wirklich tönt, wenn man in der Devachanwelt weilt. Daß Goethe dies meint, können wir daraus ersehen, daß er bei dem Bilde bleibt. Im zweiten Teil von «Faust», als Faust wieder in diese Welt entrückt wird, heißt es:

Tönend wird für Geistesohren
Schon der neue Tag geboren.
Felsentore knarren rasselnd,
Phöbus Räder rollen prasselnd,
Welch Getöse bringt das Licht!
Es drommetet, es posaunet,
Auge blinzt und Ohr erstaunet,
Unerhörtes hört sich nicht.

Man hört die devachanische und sieht die astralische Welt. Beim Eintritt in die devachanische Welt bleibt für den Schüler die Astralwelt

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voll bestehen, sie verändert sich aber für ihn. Wenn man zuerst die Devachanwelt betritt, bietet sie einem einen merkwürdigen Anblick: Man sieht in der Devachanwelt jedes Ding im Negativ, wie auf der photographischen Platte. Wo ein physischer Gegenstand ist, sieht man nichts; was physisch hell ist, ist dort schwarz, und umgekehrt. Man sieht alles in den Komplementärfarben: statt Blau Gelb, statt Rot Grün. In der ersten Region des Devachan sind die Urbilder der physischen Welt, insofern diese nicht mit Leben begabt ist, also die Urbilder der Mineralien und ferner die der Pflanzen, Tiere und Menschen, insofern es sich um ihre physischen Formen handelt. Es ist die Region, die das Grundgerüste des Geisterlandes bildet. Es kann verglichen werden mit dem festen Land unserer physischen Erde; daher heißt sie die «Kontinentalmasse» des Devachan. Ein Mensch, der vor einem Eingeweihten steht, erscheint dort, wo er physisch den Raum ausfüllt, dunkel, aber ringsherum von einer Strahlenhülle umgeben.

Wenn die Sinne feiner werden, treten die Urbilder des Lebens hinzu, und alles, was Leben ist, flutet wie das Wasser auf der Erde dahin. Hier kann man ein Mineral nicht sehen, weil es kein pulsierendes Leben hat, wohl aber die Pflanze, das Tier und den Menschen. Wie das Blut im Körper, so fließt alles Leben im Devachan. Man nennt diese zweite Abteilung die «Meere» des Devachan.

In der dritten Abteilung, dem «Luftkreis», flutet alles dahin, was an Gefühlen und Empfindungen, an Lust und Schmerz im Physischen lebt.

Die physischen Gebilde sind gleichsam die feste kontinentale Grundlage im Devachan. Alles, was Leben in sich hat, ist Meer. Alles, was Lust und Leid bedeutet, ist in dem Luftkreis des Devachan enthalten. Der Inhalt all dessen, was auf Erden gelitten und genossen wird, stellt sich hier dar, also alles Tierische und Menschliche. Eine Schlacht zum Beispiel erscheint dem Eingeweihten auf dem Devachanplan wie feurige, zuckende Blitze, wie gewaltiger Donner, man könnte sagen, wie ein heftiges Gewitter. Aber es sind nicht die physischen Wirkungen der Schlacht, sondern die Leidenschaften der feindlichen Heere, die sich da gegenüberstehen und die

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dem Eingeweihten wie schwere Wolken mit Donner und Blitz erscheinen.

Die vierte Abteilung des Devachan geht hinaus über all das, was auch ohne den Menschen schon vorhanden wäre. Sie enthält alles das, was an originellen Gedanken im Menschen lebt, durch die er Neues in die Welt bringt und auf die Welt wirkt, gleichgültig, ob es die Gedanken eines Gelehrten oder Ungelehrten, eines Dichters oder eines Bauern sind. Es brauchen also keine großen Erfindungen zu sein, diese Gedanken können auch dem Alltag angehören.

Nach diesen vier Partien steht man an der Grenze der geistigen Welt. Wie uns nachts der Himmel wie eine Hohlkugel, umgrenzt von einem Sternenkranz, erscheint, so ist es mit dieser Grenze des Devachan. Aber das ist eine bedeutungsvolle Grenze, sie heißt «Akasha-Chronik». Alles, was der Mensch je getan und gewirkt hat, wenn es auch nicht von Geschichtsbüchern gemeldet wird, es bleibt in jenem unvergänglichen Geschichtsbuch an der Grenze des Devachan, das man die Akasha-Chronik nennt, eingeschrieben. Alles, was je von bewußten Wesen in der Welt bewirkt wurde, ist dort zu erfahren. Will der Seher zum Beispiel etwas wissen über Cäsar, dann nimmt er irgendeine Kleinigkeit aus der Geschichte als Anhalt, um einen festen Punkt zu haben, auf den er sich konzentrieren kann. Das tut er geistig; dann zeigen sich um ihn herum Bilder von all dem, was Cäsar tat, was um ihn herum geschehen ist, wie er seine Legionen gelenkt, seine Schlachten geschlagen, seine Siege erfochten hat. Aber in merkwürdiger Weise tritt das auf; der Seher sieht nicht nur eine abstrakte Schrift, sondern wie in Schattenrissen, in Bildern zieht alles vorüber. Es spielt sich nicht das ab, was sich im Raume zugetragen hat, sondern etwas ganz anderes. Wenn Cäsar zum Beispiel seine Siege erfochten hat, hat er gedacht; alles, was um ihn herum vorging, lebte auch in seinen Gedanken, jede Armbewegung lebt ja auch in den Gedanken. Die Absichten, also das, was Cäsar sich vorgestellt und gedacht hat, als er seine Legionen lenkte, und auch deren Vorstellungen, das zeigt die Akasha-Chronik. Sie ist ein treues Abbild alles dessen, was vorgegangen ist; was bewußte Wesen überhaupt erlebt haben, das wird da verzeichnet. Der Eingeweihte kann

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so die ganze menschliche Vergangenheit ablesen. Aber er muß es erst lernen. Diese Akasha-Bilder führen eine verwirrende Sprache, weil Akasha etwas Lebendiges ist. Aber man darf das Akasha-Bild Cäsars nicht verwechseln mit der Individualität Cäsars. Die kann schon wieder verkörpert sein. Das Verwechseln passiert namentlich dann leicht, wenn man durch äußere Mittel Zugang gewinnt zu den Akasha-Bildern. So spielen sie oft eine Rolle in spiritistischen Sitzungen. Der Spiritist glaubt einen verstorbenen Menschen zu sehen, es ist aber nur dessen Akasha-Bild. Ein Akasha-Bild von Goethe zum Beispiel kann auftreten, wie er im Jahre 1796 gewirkt hat; der Unkundige verwechselt es mit der Individualität Goethes. Das ist um so verwirrender, als dieses Bild lebt, auf Fragen Antwort gibt, und zwar nicht nur solche, die schon damals gegeben wurden, sondern ganz neue, die nicht ausgesprochen wurden. Es sind nicht Wiederholungen, sondern Antworten, so wie sie Goethe damals gegeben haben könnte. Es ist durchaus möglich, daß dieses Akasha-Bild Goethes sogar ein Gedicht macht im Stil und Sinn des damaligen Goethe. Die Akasha-Bilder sind eben richtig lebendige Gebilde.

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Dritter Vortrag, Stuttgart, 24. August 1906

Wie ist der Aufenthalt des Menschen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt?

Der Tod wird nicht mit Unrecht der ältere Bruder des Schlafes genannt, denn zwischen Schlaf und Tod besteht eine gewisse Verwandtschaft. Aber ebenso besteht wieder ein großer, gewaltiger Unterschied zwischen beiden.

Betrachten wir einmal, was mit dem Menschen vorgeht vom Moment des Einschlafens bis zum Moment des Erwachens. Diese Zeit stellt sich dar als eine Art Bewußtlosigkeitszustand. Nur spärliche, manchmal verworrene, manchmal klarere Erinnerungen an ein Traumbewußtsein tauchen auf. Um den Schlaf recht zu verstehen, müssen wir uns erinnern an die einzelnen Teile der menschlichen Wesenheit. Wir sahen, daß der Mensch aus sieben Gliedern besteht, von denen vier ganz entwickelt sind, das fünfte nur zum Teil, und daß vom sechsten und siebenten nur Keime und Anlagen vorhanden sind:

1. der physische Leib, den wir mit unseren Sinnen wahrnehmen
2. der Ätherleib, der fein leuchtend, durchlässig den ersten durchdringt
3. der Astralleib
4. der Ich-Leib oder Bewußtseinsleib.

In dem Ich-Leib ist enthalten:

5. das Geistselbst oder Manas, zum Teil entwickelt, zum Teil keimhaft
6. der Lebensgeist oder Budhi
7. der Geistesmensch oder Atma,
die beiden letzteren aber nur im Keime.

Ein wacher Mensch hat die vier untersten Leiber in dem Raume, den er einnimmt. Der Ätherleib ragt an allen Seiten ein wenig aus

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dem physischen Leibe heraus. Der Astralleib ragt etwa zweieinhalb Kopflängen über den physischen Leib heraus, umgibt ihn wie eine Wolke und verliert sich nach unten hin. Wenn ein Mensch einschläft, dann bleibt im Bette liegen der physische Leib und der Ätherleib; sie bleiben miteinander so verbunden wie am Tage. Dagegen tritt eine Lockerung ein für den Astralkörper; es findet gleichsam ein Herausheben des Astralleibes und des Ich-Leibes aus dem physischen Leibe statt. Da nun alle Empfindungen, Vorstellungen und so weiter im Astralkörper bewirkt werden, dieser aber jetzt außerhalb des physischen Leibes ist, deshalb ist der Mensch im Schlafe bewußtlos; denn in diesem Leben braucht der Mensch, um bewußt zu werden, das physische Gehirn als Instrument. Ohne dieses kann der Mensch sich nicht bewußt werden.

Was macht nun der losgelöste Astralkörper während der Nacht? Der Hellseher kann beobachten, wie sich der Astralleib in der Nacht am Schläfer beschäftigt; er hat seine bestimmte Aufgabe. Nicht schwebt er, wie es oft von Theosophen gelehrt wird, tatenlos, träge, als ein untätiges Gebilde über dem Menschen, sondern er ist fortwährend am physischen Leibe tätig. Und was tut er? Der physische Leib wird während des Tages ermüdet, abgenutzt, und diese Abnützung, die Ermüdung, macht der Astralleib während der Nacht wieder gut. Der Astralleib bessert den physischen Leib nachts wieder aus und ersetzt die verbrauchten Kräfte. Daher die Notwendigkeit des Schlafes und daher auch das Erquickende, Erfrischende und Heilende des Schlafes. Wie es sich mit den Träumen verhält, davon werden wir später noch sprechen.

Wenn nun der Mensch stirbt, ist es anders. Dann trennen sich nicht bloß der Astralleib und der Ich-Leib von dem physischen Körper, sondern auch der Ätherleib. Diese drei Körper heben sich heraus und bleiben nach dem Tode des physischen Körpers noch eine Zeitlang zusammen. Die Erscheinung des Todes geht so vor sich, daß sich im Moment des Todes der Zusammenhang, der zwischen dem Äther- und Astralleib einerseits und dem physischen Leib anderseits besteht, namentlich im Herzen löst. Eine Art Aufleuchten findet statt im Herzen, und dann hebt sich über den Kopf heraus

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Ätherleib, Astralleib und Ich. Im Augenblick des Todes tritt aber für den Menschen etwas Merkwürdiges ein: Für eine kurze Spanne Zeit erinnert sich der Mensch aller seiner Erlebnisse im eben verflossenen Leben. Wie ein großes Tableau steht in einem einzigen Augenblick sein ganzes Leben vor seiner Seele. Etwas ähnliches geschieht bei Lebzeiten dem Menschen nur in sehr seltenen Fällen, und zwar dann, wenn er in Todesgefahr schwebt oder einen großen Schreck bekommt; zum Beispiel ein Ertrinkender, ein Abstürzender sieht im Moment der Todesnähe sein Leben vor seiner Seele stehen.

Eine andere ähnliche Erscheinung ist das eigentümliche, prickelnde Gefühl, wenn ein Glied eingeschlafen ist. Woher kommt das? Das kommt durch eine Lockerung des Ätherleibes. Wenn ein Glied, zum Beispiel ein Finger, einschläft, dann sieht der Hellseher neben dem Finger einen Fingerling herausragen; das ist der Ätherleib, der sich an dieser Stelle gelockert hat und herausragt. Darin liegt auch die große Gefahr des Hypnotisierens, weil hierbei das Gehirn demselben Vorgang unterliegt wie der eingeschlafene Finger. Auf beiden Seiten des Kopfes sieht der Hellseher, wie zwei Lappen oder Säcke, den gelockerten Ätherleib heraushängen. Wird nun das Hypnotisieren häufig wiederholt, so entsteht die Neigung des Ätherleibes, sich zu lockern, die große Gefahren mit sich bringen kann. Die Betreffenden werden meist unfrei, träumerisch, haben Schwindelanfälle und so weiter. Eine solche Lockerung des ganzen Ätherkörpers findet statt in der Todesgefahr. Das hängt so zusammen: Der Ätherkörper ist der Träger des Gedächtnisses; je feiner der Ätherkörper, desto ausgebildeter, desto besser ist das Gedächtnis. Steckt nun der Ätherkörper in dem physischen Körper fest, wie dies beim gewöhnlichen Menschen der Fall ist, dann können seine Vibrationen nicht genügend auf das Gehirn wirken und dem Menschen zum Bewußtsein kommen, weil der physische Leib mit seinen gröberen Schwingungen sie gleichsam zudeckt. In Todesgefahr aber, wo sich der Ätherleib lockert, ist er mit seinen Erinnerungen vom Gehirn entlastet. Das ganze verflossene Leben steht einen Augenblick vor der Seele des Sterbenden. Im Moment also, wo der Ätherleib sich lockert, tritt alles hervor, was jemals in den Ätherleib

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hineingeschrieben worden ist. Daher auch die Erinnerung an das verflossene Leben unmittelbar nach dem Tode. Es dauert dann einige Zeit, bis sich der Ätherleib vom Astralleib und Ich trennt.

Beim gewöhnlichen Menschen löst sich der Ätherleib nach und nach im Weltenäther auf. Beim ungebildeten, noch tiefstehenden Menschen geht diese Auflösung des Ätherleibes langsam vor sich, beim Gebildeten rasch, beim Chela oder Schüler wieder langsam und immer langsamer, je höher der Mensch steigt, und endlich kommt ein Stadium in der Entwickelung, wo er sich überhaupt nicht mehr auflöst.

Nun haben wir beim gewöhnlichen Menschen schon zwei Leichname, den des physischen Körpers und den des Ätherleibes; es bleiben übrig Astralleib und Ich.

Wir müssen uns nun vergegenwärtigen, daß das ganze Bewußtsein des Menschen im irdischen Leben von seinen Sinnen abhängt. Wir werden uns eine Vorstellung machen können, wie anders der Bewußtseinszustand jetzt sein muß. Denken wir uns nach und nach alle Sinne dahinschwinden: Finsternis tritt ein nach Verlust der Augen, Tonlosigkeit nach Verlust der Ohren, weder Kälte noch Wärme gibt es nach Verlust des entsprechenden Sinnes. Was bleibt nun von dem, was die Seele belebt, was das Tagesbewußtsein erfüllt, was wir dem Körper verdanken von früh bis spät, nun, wo alle physischen Organe fehlen? Der seelische Inhalt; und gerade, wenn wir uns das klarmachen, werden wir begreifen, wie der Lebenszustand ist nach dem Tode, wenn der Mensch diese beiden Leichname abgelegt hat.

Man nennt diesen Zustand Kamaloka, das heißt Begierdenort. Aber das ist kein Ort irgendwo draußen, nein, wo wir sind, ist auch Kamaloka, und fortwährend umschweben uns und leben um uns die Geister der Verstorbenen. Aber dem physischen Menschen entgeht deren Anwesenheit. Wie empfindet nun ein Toter? Ein einfacher Fall wird uns das klarmachen: Ein Mensch ißt mit Begierde und wirklichem Genuß. Der Hellseher sieht bei ihm im oberen Teil seines Astralleibes die Befriedigung des Genusses als eine bräunlich-rote Gedankenform. Nun stirbt dieser Mensch; was ihm erhalten bleibt, ist die Begierde und Genußfähigkeit. An dem Physischen haftet

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nur das Physische, das Material des Genusses; wir müssen einen Gaumen und so weiter haben, um essen zu können. Der Genuß und die Begierde aber sind etwas Seelisches; daher bleiben Genußfähigkeit und Begierde auch nach dem Tode. Nur hat der Mensch dann keine Möglichkeit mehr, die Begierde zu befriedigen, denn die Organe zur Befriedigung fehlen. So ist es mit allen Genüssen und Wünschen: Es hat einer Begierde nach schönen Farbenzusammenstellungen es fehlen die Augen; nach harmonischer Musik es fehlen die Ohren.

Wie kommt das der Seele nach dem Tode zum Bewußtsein? Wie ein Wüstenwanderer, von brennendem Durst gepeinigt, umherirrt und eine Quelle sucht, um den Durst zu löschen, so leidet die Seele brennenden Durst, weil sie keine Organe, keine Werkzeuge zur Befriedigung mehr hat. Sie muß alles entbehren, daher ist «brennender Durst» eine sehr treffende Bezeichnung, und gerade darin drückt sich der Zustand von Kamaloka aus. Es ist das nicht eine Quälerei von außen, sondern die Qual der Unerfüllbarkeit der noch vorhandenen Genußfähigkeit.

Warum muß die Seele diese Qual leiden? Damit der Mensch sich nach und nach diese sinnlichen Begierden und Wünsche abgewöhnt, damit die Seele sich loslöse von der Erde, sich läutere und reinige. Wenn es so weit ist, dann ist die Kamaloka-Zeit zu Ende, dann steigt der Mensch auf zum Devachan.

Wie durchlebt nun die Seele das Leben im Kamaloka? Der Mensch durchlebt im Kamaloka noch einmal sein ganzes Leben, aber er durchlebt es rückwärts. Er durchläuft die ganze Lebenszeit von der Todesstunde bis zur Geburt rückwärts, Tag für Tag mit allen Erlebnissen, Geschehnissen und Taten. Und was ist der Sinn davon? Es hat den Sinn, daß er sozusagen bei jedem Ereignis Halt macht, um sich das Hängen am Physisch-Materiellen abzugewöhnen. Er durchlebt nochmals alle Genüsse, aber so, daß er sie entbehren muß, daß er sie nicht befriedigen kann. Dadurch gewöhnt er sich heraus aus dem physischen Leben. Und wenn er so sein Leben durchlebt hat bis zur Geburt, dann kann er, mit den biblischen Worten, eingehen in das «Reich der Himmel», wie Christus sagt:

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«So ihr nicht werdet wie die Kindlein, könnt ihr nicht kommen in die Reiche der Himmel.» Alle Evangelienworte sind sehr tief, und man lernt ihre Tiefe kennen, wenn man nach und nach in die göttliche Weisheit eindringt.

Einzelne Momente müssen wir noch herausheben aus diesem Kamaloka-Leben, die besonders wichtig und lehrreich sind.

Zu den verschiedenen Gefühlen, die dem Menschen im Leben anhaften, gehört besonders das eigentliche Daseinsgefühl, das Lebensgefühl, die Freude am Leben überhaupt, am Drinnenstecken im physischen Körper. Darum ist es eine Hauptentbehrung, keinen physischen Körper mehr zu haben. Wir werden nun dadurch das furchtbare Schicksal und die entsetzlichen Qualen jener Unglücklichen verstehen, welche durch Selbstmord aus dem Leben scheiden. Beim natürlichen Tod ist die Trennung der drei Körper verhältnismäßig eine leichte. Selbst bei Schlagfluß oder sonst einer schnellen natürlichen Todesart ist in Wirklichkeit schon längst die Trennung dieser höheren Glieder voneinander vorbereitet worden; sie trennen sich leicht, und die Entbehrung des physischen Leibes ist dann nur eine sehr geringe. Aber bei einer so gewaltsamen plötzlichen Trennung vom Körper wie bei einem Selbstmörder, wo noch alles gesund ist und noch fest zusammenhält, da tritt unmittelbar nach dem Tode eine starke Entbehrung des physischen Körpers auf, die furchtbare Leiden verursacht. Es ist ein furchtbares Schicksal. Der Selbstmörder fühlt sich wie ausgehöhlt und beginnt nun ein grausiges Suchen nach dem so plötzlich entzogenen physischen Körper. Nichts läßt sich damit vergleichen.

Es wird nun mancher sagen: Der Lebensüberdrüssige hängt ja gar nicht mehr am Leben, sonst hätte er es sich nicht genommen. Das ist eine Täuschung, denn gerade der Selbstmörder hängt zu sehr am Leben; weil es ihm aber die Befriedigung gewohnter Genüsse nicht mehr bietet, weil es ihm vielleicht durch veränderte Verhältnisse manches versagt, darum geht er in den Tod, und darum ist ihm nun die Entbehrung des physischen Körpers unsagbar groß.

Aber nicht für alle ist das Kamaloka-Leben so schwer. Wer weniger an materiellen Genüssen hing, für den ist natürlich auch das

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Abgewöhnen, die Entbehrung keine so schwere. Aber auch er muß ganz heraus aus seinem physischen Leben, denn das Kamaloka-Leben hat noch einen anderen Sinn.

Der Mensch vollbringt während seines Lebens nicht nur solche Dinge, welche Genuß bereiten, sondern er lebt hier zusammen mit anderen Menschen und Geschöpfen; bewußt oder unbewußt, absichtlich oder unabsichtlich verursacht er Menschen und Tieren Freude und Leid, Lust und Schmerz. Auch das trifft man wieder beim Durchlaufen der Kamaloka-Zeit. Man kommt zurück an die Stelle, den Ort und Moment, wo man den anderen Wesen Schmerz bereitete. Damals machte man den Schmerz anderen fühlbar, nunmehr muß man dieselben Schmerzen in der eigenen Seele erleiden. All die Qualen, die ich je einem anderen Wesen bereitet habe, muß ich nun in der eigenen Seele durchmachen. Ich stecke gleichsam in dem Menschen, in dem Tiere drinnen und lerne kennen, was das andere Wesen durch mich gelitten hat, und nun muß ich alle diese Qualen und Schmerzen selbst erleiden. Dem kann man nicht entgehen. Das ist aber nicht etwa die Wirkung von Karma, sondern nur das Loslösen vom Irdischen. Ganz besonders fürchterlich ist dadurch das Kamaloka des Vivisektors. Der Theosoph darf nicht Kritik üben an dem, was die Welterscheinungen bieten, wohl aber kann er begreifen, wie der moderne Mensch zu solchen Dingen kommen konnte. Im Mittelalter würde kein Mensch daran gedacht haben, und in alter Zeit würde es jeder Arzt für den größten Unsinn gehalten haben, das Leben zu zerstören, um das Leben kennenzulernen, denn wahr ist es, daß noch im Mittelalter ein großer Teil der Menschen hellsehend war und die Ärzte den Menschen durchschauen konnten und sahen, was in ihm beschädigt war und was ihm fehlte. So zum Beispiel Paracelsus; er durchschaute den physischen Leib. Aber die Zeit der materiellen Kultur mußte kommen, wo das Hellsehen verlorenging. Namentlich bei den heutigen Ärzten und Naturforschern sehen wir dies, und die Vivisektion war eine Folge davon. Somit ist sie zu begreifen, aber niemals zu entschuldigen oder zu rechtfertigen. Unfehlbar treten die Folgen eines solchen Qualen verursachenden Lebens ein: Der Vivisektor muß nach dem Tode

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selbst genau alle die Qualen durchmachen, die er den Tieren zugefügt hat, seine Seele steckt gleichsam drinnen in jedem Schmerz, den er bereitet hat. Seine Absichtslosigkeit, das Vorschieben der Wissenschaft, «der gute Zweck», sind keine Entschuldigungen. Das Gesetz des geistigen Lebens ist unbeugsam.

Wie lange bleibt nun der Mensch in Kamaloka? Ein Drittel seiner Lebenszeit. Wurde der Mensch fünfundsiebzig Jahre alt, so dauert der Aufenthalt in Kamaloka etwa fünfundzwanzig Jahre.

Was geschieht dann? Die Astralkörper der Menschen sind sehr verschieden in Farbe und Form. Der Astralkörper eines niedrigstehenden Menschen ist durchdrungen von allen möglichen Gebilden, von niederen Trieben; er hat eine rötlich-graue Grundfarbe mit rötlich-grauen Ausstrahlungen und unterscheidet sich in der Form nicht von gewissen Tieren. Ganz anders ist es bei einem Gebildeten oder gar bei einem Idealisten wie Schiller, oder bei einem Heiligen wie Franz von Assisi; sie versagten sich manches, veredelten ihre Triebe und so weiter. Je mehr aber der Mensch von seinem Ich aus an sich arbeitet, desto mehr Strahlungen gehen aus von der bläulichen Kugel, dem Ich-Zentrum; diese Strahlungen bedeuten Kräfte, durch die der Mensch den Astralkörper in seine Gewalt bekommt. Daher kann man sagen: Der Mensch hat zwei Astralleiber, einen Teil, der mit den tierischen Begierden geblieben ist, und einen anderen Teil, den der Mensch selbst hineingearbeitet hat.

Wenn der Mensch seine Kamaloka-Zeit durchgemacht hat, dann ist er reif, den veredelten Teil seines Astralkörpers herauszuheben aus dem niederen. Dieser niedere Teil bleibt zurück, und was er aus sich gemacht hat, das zieht er heraus. Beim Wilden und wenig kultivierten Menschen bleibt ein großer Teil als niederer Astralleib zurück, beim Gebildeten weniger. Wenn zum Beispiel ein Franz von Assisi stirbt, bleibt sehr wenig zurück, und ein mächtiger, hoher Astralleib wird herausgezogen, denn er hat viel an sich gearbeitet. Das, was zurückbleibt, ist der dritte Leichnam des Menschen: die niederen Triebe und Instinkte, die der Mensch noch nicht veredelt hat. Dieser Leichnam schwebt fortan überall im Astralraum umher, und mancher schädliche Einfluß geht von ihm aus.

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Das ist auch ein Zweites, was in spiritistischen Sitzungen erscheinen kann. Dieser Astralleichnam bleibt nämlich oft lange Zeit erhalten und kann sich mittels eines Mediums kundgeben, und oft glauben die Leute dann, es sei der Verstorbene selbst; es ist aber nur sein Astralleichnam. Wie in einer Hülse enthält er dessen niedere Triebe und Gewohnheiten; er kann auf Befragen auch Antwort geben, er kann Auskunft erteilen und kann ebenso vernünftig reden und sein, wie der niedere Mensch vernünftig war. Viele Verwechslungen kommen dadurch vor. Ein eklatantes Beispiel bietet die Broschüre des Spiritisten Langsdorff; in der er behauptet, eine Zusammenkunft mit H.P.B. gehabt zu haben. Auf Langsdorff wirkt nämlich die Idee der Wiederverkörperung wie das rote Tuch auf den Stier; er möchte alles in Bewegung setzen, um diese Lehre zu widerlegen. Er haßt H. P. B., weil sie diese Lehre gelehrt und verbreitet hat. Nun berichtet er in dieser Broschüre, daß er H. P. B. zitierte und daß sie ihm sagte, daß nicht nur die Reinkarnationslehre falsch sei, sondern auch, wie sehr sie es bedaure, dieselbe gelehrt zu haben. Das kann alles richtig sein, nur daß Langsdorff nicht H. P. B., sondern deren niederen Astralleichnam zitiert und befragt hat. Und daß dieser niedere Astralleichnam von H.P.B. derartig antwortete, ist jetzt ganz begreiflich, wenn man weiß, daß sie in der ersten Zeit ihrer Entwickelung in der «Isis Unveiled» wirklich die Wiederverkörperungslehre verwarf und bekämpfte. Sie selbst stieg in ihrer Erkenntnis, aber ihr Irrtum blieb mit der astralen Hülle zurück.

Dieser dritte Leichnam, die Astralhülle, löst sich nach und nach auf, und es ist wichtig, daß er ganz aufgelöst ist, wenn der Mensch wiederum zu einer neuen Verkörperung zurückkommt. In den allermeisten Fällen tritt das auch zu. Aber es gibt Ausnahmen, wo ein Mensch sich schnell wiederverkörpert, ehe sein astraler Leichnam zerronnen ist. Das gibt dann für diesen Menschen schwierige Lagen, wenn er bei seiner Wiederverkörperung seinen eigenen Astralleichnam noch vorfindet, der alles das noch enthält, was in seinem vorigen Leben noch unvollkommen war.

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Vierter Vortrag, Stuttgart, 25. August 1906

Wir haben gesehen, wie der Mensch im Tode erst den physischen, dann den ätherischen und schließlich den niederen Astralleib als Leichname zurückläßt. Was bleibt nun dem Menschen nach dem Abstreifen dieser drei Leiber? Das Erinnerungsbild, das nach dem Tode vor die Seele tritt, verschwindet in dem Augenblicke, wo der Ätherleib sich heraushebt aus dem Astralleib; da sinkt es sozusagen ins Unbewußte, es verschwindet als unmittelbar seelischer Eindruck. Aber etwas Wichtiges bleibt davon zurück: das Bild schwindet, aber die Frucht bleibt. Wie eine Art Kraftextrakt bleibt das ganze Erträgnis des letztvergangenen Lebens in dem höheren Astralleib und ruht darin.

Der Mensch hat aber schon sehr oft diesen Prozeß durchgemacht. Bei jedem Tode nach seinen verschiedenen Inkarnationen trat das Erinnerungsbild vor seine Seele und hinterließ diesen sogenannten Kraftextrakt. So hat ein Leben nach dem andern ein Bild hinzugefügt. Ein Mensch, der sich zum erstenmal verkörperte, hatte nach dem Tode das erste Erinnerungsbild, nach der zweiten Inkarnation das zweite Bild und dieses schon reicher als das erste und so fort. In diesen zusammengelegten Bildern haben wir eine Art von neuem Element des Menschen. Vor dem ersten Tode bestand der Mensch aus den vier Körpern; stirbt er zum ersten Male, so nimmt er das erste Bild mit sich. Nach seiner Wiederverkörperung hat er nicht nur die vier Wesensglieder, sondern auch noch dieses Erträgnis des früheren Lebens. Das ist der Kausalkörper. Es besteht nunmehr der Mensch aus fünf Körpern: dem physischen, ätherischen, dem Astralkörper, Ich und Kausalkörper. Wenn dieser Kausalkörper einmal da ist, dann bleibt er; aber er hat sich aus den Erträgnissen der Leben erst zusammengesetzt. Nun begreift man den Unterschied zwischen den einzelnen Menschen. Diejenigen, die oft gelebt haben, also schon viele Inkarnationen durchgemacht haben, die haben ihrem Lebensbuche viele Blätter beigefügt, sind hochentwickelt und

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haben einen reichen Kausalleib; die anderen sind erst durch wenige Leben hindurchgeschritten, haben daher weniger Früchte gesammelt und besitzen deswegen einen weniger entwickelten Kausalkörper.

Welchen Sinn hat dieses wiederholte Erscheinen des Menschen auf der Erde? Wären die Inkarnationen ohne Zusammenhang, dann wäre dies freilich sinnlos. So ist es aber nicht. Bedenken wir die verschiedenen Lebensverhältnisse, die ein Mensch durchmacht, der ein paar Jahrhunderte nach Christi Geburt lebte und der sich heute wieder inkarniert. Heute ist des Menschen Lebenszeit vom sechsten bis vierzehnten Jahre schon ausgefüllt mit dem Erwerben von Kenntnissen: Lesen, Schreiben und so weiter. Der heutige Mensch hat ganz andere Gelegenheiten, seine Persönlichkeit zu kultivieren und heranzubilden. Es sind die Inkarnationen so geordnet, daß der Mensch erst dann wiedererscheint, wenn er in neue Verhältnisse hineinkommt, ganz andere Gelegenheiten und Entwickelungsmöglichkeiten vorfindet, und das ist immer schon nach einigen Jahrhunderten der Fall. Wie stark entwickelt sich die Erde in jeder Hinsicht! Vor wenigen tausend Jahren war die Gegend hier mit Urwäldern bedeckt, in denen wilde Tiere hausten. Die Menschen lebten in Höhlen, bekleideten sich mit Tierfellen und verstanden nur in primitiver Weise, Feuer zu machen und Werkzeuge herzustellen. Wie anders ist es heute! So verändert sich in verhältnismäßig kurzer Zeit das Antlitz der Erde. Ein Mensch, der zur Zeit der alten Germanen lebte, hatte ein ganz anderes Bild von der Welt als derjenige, der heute hier lesen und schreiben lernt. Mit der veränderten Erde lernt er ganz Neues und eignet es sich an.

Wie lange dauert es nun, bis der Mensch in einer neuen Verkörperung erscheint? Von welchen Faktoren hängt das ab? Die Antwort ergibt sich aus der folgenden Betrachtung. Wir müssen sehen, was mit der Veränderung der Erde zusammenhängt.

Im Laufe der Zeiten haben immer gewisse Wesenheiten als heilige Symbole eine besondere Verehrung genossen. So zum Beispiel verehrte man in Persien bis 3000 Jahre vor Christi Geburt die Zwillinge. Von 3000 bis 800 vor Christi verehrte man in Ägypten den heiligen Stier Apis und zugleich in Vorderasien den Mithrasstier.

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Von ungefähr 800 vor Christi an tritt ein anderes Tier in den Vordergrund, der Widder oder das Lamm, und damit entstand die Sage von Jason, der das Goldene Vlies vom heiligen Widder aus Asien, von jenseits des Meeres, herüberholte. Das geht noch weiter. Das Lamm wurde so heilig verehrt, daß Christus sich als das «Lamm Gottes» bezeichnete, und das erste christliche Symbol war nicht das Kreuz, an dem der Erlöser hing, sondern das Kreuz mit dem Lamm.

Das alles bedeutet drei aufeinanderfolgende Kulturzustände, und das hängt zusammen mit bedeutungsvollen Vorgängen am Himmel. Der Gang der Sonne geht am Himmel entlang einer gewissen Zone, dem Tierkreis, und das Merkwürdige ist, daß die Sonne, die beim Anbruch des Frühlings in einem bestimmten Punkt des Tierkreises aufgeht, innerhalb einer bestimmten Epoche immer weiterrückt, so daß sie in einem Zeitraum von 2160 Jahren von einem Sternbild in ein anderes rückt. So ging die Sonne im Jahre 3000 vor Christi im Frühling auf im Sternbild des Stiers, noch früher im Sternbild der Zwillinge und ungefähr 800 Jahre vor Christi im Sternbild des Widders.

Dieser Punkt rückt also jedes Jahr ein Stückchen weiter, nach 2160 Jahren tritt er in das nächste Sternbild ein, und die Völker wählten als Symbol ihrer Verehrung das Zeichen am Himmel, in dem die Sonne im Frühling aufgeht, und brachten ihm ihre Verehrung dar. Würden wir heute noch die gewaltigen Gefühle und erhabenen Stimmungen verstehen, welche die Alten damit verbanden, als sie diesen Augenblick des Eintrittes der Sonne in ein neues Sternbild erlebten, dann würden wir auch die Bedeutung des Momentes verstanden haben, als die Sonne in das Sternbild der Fische eintrat. Aber das kann unsere materialistische Zeit nicht.

Was sah denn der damalige Mensch in diesem Vorgange? Die Alten sahen darin die Naturkraft verkörpert. Im Winter lag sie im Schlaf gebunden, und im Frühling wurde sie von der Sonne wieder hervorgerufen. Das Sternbild nun, in dem im Frühling die Sonne erschien, das der Sonne neue Kraft gab, das wurde als etwas Verehrungswürdiges empfunden. Das Sternbild symbolisiert also die auferweckende Kraft. Die Alten wußten, daß mit einem solchen

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Vorrücken der Sonne etwas ganz Wichtiges verbunden ist, denn die Sonnenstrahlen fallen dann unter ganz anderen Verhältnissen ein. Und wirklich bedeutet ein solcher Zeitraum von 2160 Jahren eben den Eintritt ganz anderer Verhältnisse auf der Erde. Diese Zeitperiode bringt nun der Mensch im Devachan zu, um vom Tode zu einer neuen Geburt zu kommen. Der Okkultismus hat diese 2160 Jahre von jeher als einen Zeitraum anerkannt, in dem die Zustände auf Erden sich derart ändern, daß der Mensch wiedererscheinen kann, um etwas Neues zu erleben.

2160 Jahre vergehen also zwischen zwei Verkörperungen. Hierbei ist aber in Betracht zu ziehen, daß in dieser Zeit von 2160 Jahren der Mensch eigentlich zweimal erscheint, so daß mithin schon tausend Jahre durchschnittlich den eigentlichen Zeitraum bilden, der zwischen zwei Verkörperungen liegt. Das geschieht darum, weil in der Regel beim Menschen eine Verkörperung männlich und eine weiblich ist. Es ist unrichtig, daß alle sieben Mal eine männliche und eine weibliche Inkarnation sich abwechseln. Die Erfahrungen einer Seele sind sehr verschieden, ob sie männlich oder weiblich inkarniert war; das ist ja begreiflich. Daher erscheint sie im Zeitraum von 2160 Jahren einmal männlich und einmal weiblich. Dann hat der Mensch alle Erfahrungen gemacht, die er in den gegebenen vorliegenden Verhältnissen machen kann. Da hatte er die Gelegenheit und Möglichkeit, seinem Lebensbuche ein neues Blatt hinzuzufügen. Solche radikale Veränderungen der Erde und der irdischen Verhältnisse sind eine Lehrzeit für die Seele. Das ist der Sinn des Wiedererscheinens, der Reinkarnation.

Die Frucht des Erinnerungsbildes, der Kausalleib und der gereinigte Astralleib bleiben beim Menschen, er verliert sie fortan nie wieder. Bei seinem Eintritt in das Devachan nimmt er den Kausalleib und einen Teil seines Astralleibes mit, und zwar den gereinigten, denn das, was er sich erarbeitet hat, bleibt ihm im Devachan und immer. Nun macht er seine Devachanzeit durch. Der Wilde hat natürlich erst wenig an seinem Astralleibe gearbeitet und nur ein Flämmchen nimmt er mit ins Devachan, seine Erinnerungsbilder gehören ihm mehr unbewußt an. Ein Franz von Assisi hat sich dagegen

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einen vollkommen schön gegliederten Astralleib errungen und lebt mit diesem im Devachan. Wenn der Mensch den niederen Astralleib abgestreift hat, sieht er in gewisser Weise sich selbst wie außer sich stehend vor sich. Das ist der Moment, wo er ins Devachan eintritt.

Das Devachan hat gleichsam vier Abteilungen, die wir nennen können:

1. die Kontinente
2. Flüsse und Meere
3. die Luft, den Ätherraum
4. die Region der geistigen Urbilder.

In dem ersten Teil, den Kontinenten, sieht man alles in einem negativen Bilde, gleichsam wie auf einer photografischen Platte. Was hier auf Erden je physisch gewesen ist und noch ist, alles, was je auf dieser Erde an physischen Mineralien, Pflanzen und Tieren war und noch ist, erscheint als negative Gestalten. Und wenn man sich unter diesen negativen Gestalten selbst negativ sieht, dann ist man im Devachan. Was hat das für einen Sinn, daß man sich so selbst sieht?

Man sieht sich nicht nur einmal, sondern nach und nach so, wie man in früheren Leben ausgeschaut hat, und das hat einen tiefen Sinn. Goethe sagt: Das Auge wird von dem Licht für das Licht gebildet. Er meint damit, das Licht sei der Schöpfer des Auges, und das ist richtig. Das begreifen wir, wenn wir sehen, wie aus Mangel an Licht das Auge rückgebildet wird. Gewisse Tiere zum Beispiel wanderten einst in Kentucky in Höhlen ein. Sie brauchten kein Sehvermögen mehr, denn die Höhlen waren finster. Nach und nach verloren sie das Augenlicht, die Augen verkümmerten. Der Säftezufluß wandte sich einem anderen Organ zu, das sie jetzt nötiger gebrauchten. Weshalb haben sie das Augenlicht verloren? Weil ihre Welt ohne Licht war. Die Abwesenheit des Lichtes hat das Sehvermögen genommen. Wäre also kein Licht, so wäre kein Auge. In dem Licht selbst sind die schöpferischen Kräfte für das Auge, geradeso wie in der Tonwelt die schöpferischen Kräfte für das Ohr sind. Kurz, der

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ganze Leib, alle Organe wurden von den schöpferischen Kräften des Universums gebildet.

Was hat das Gehirn aufgebaut? Gäbe es nichts nachzudenken, gäbe es auch kein Gehirn. Es gibt gewaltige Naturgesetze; ein Kepler, Galilei richteten den Verstand auf diese Gesetze. Wer schuf das Verstandesorgan? Die Weisheit in der Natur!

Mit einer gewissen Vollkommenheit der Organe betritt der Mensch die irdische Welt. Aber es sind ja inzwischen neue Verhältnisse eingetreten; die verarbeite ich nun mit dem Geiste. Alles aber, was ich erlebe, ist schöpferisch. Die Augen, die ich schon habe, der Verstand, den ich schon habe, sind von den vorigen Inkarnationen gebildet. Komme ich nach dem Tode ins Devachan, so finde ich, wie gesagt, das Bild des Leibes, wie er im letzten Leben war, und habe noch in mir die Frucht des Erinnerungsbildes an das letzte Leben. Ich kann nun vergleichen, wie ich mich in verschiedenen Leben entwickelte, wie ich war, ehe ich die Erfahrungen des letzten Lebens hatte, und was aus mir werden kann, wenn ich die Erfahrungen des letzten Lebens hinzufüge. Danach gestalte ich mir nun im Bilde einen neuen Leib, der eine Stufe höher steht als mein voriger Körper.

Auf der ersten Stufe im Devachan korrigiert also der Mensch das frühere Lebensbild: Er bereitet sich aus den Früchten des vorigen Lebens selbst das Bild seines Körpers für die nächste Inkarnation.

Auf der zweiten Devachanstufe pulsiert das Leben als Wirklichkeit gleichsam in Flüssen und Strömen. Während des irdischen Daseins hat der Mensch das Leben in sich, es konnte nicht wahrgenommen werden; jetzt sieht er es dahinfluten, und er benutzt es, um die Form, die er auf der ersten Stufe gemacht hat, zu beleben.

Auf der dritten Devachanstufe hat der Mensch um sich her alles, was früher in ihm war an Leidenschaften, Gefühlen und Affekten; wie Wolken, Donner und Blitze tritt es ihm hier entgegen. Das alles sieht er nun gleichsam objektiv, er lernt es kennen und beachten wie das Physische auf der Erde und sammelt seine Erfahrungen in bezug auf das seelische Leben. Durch dieses Sehen der Bilder des seelischen Lebens kann man sich die seelischen Eigentümlichkeiten einverleiben, man kann den auf der ersten Stufe gebildeten Körper beseelen.

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Das ist der Sinn des Devachans. Der Mensch muß im Devachan eine Stufe weiterkommen; so bereitet er sich selbst das Bild seines Körpers für die nächste Inkarnation. Das ist eine der Aufgaben, die der Mensch im Devachan hat.

Aber der Mensch hat noch viele Aufgaben im Devachan. Er ist keineswegs nur mit sich selbst beschäftigt. Er tut das alles auch nicht ohne Bewußtsein. Der Mensch lebt bewußt im Devachan, und falsch ist die Behauptung des Gegenteils in theosophischen Büchern. Wie geht das aber zu?

Wenn der Mensch schläft, ist der Astralleib aus dem physischen und Ätherleib herausgetreten, und dann hat der Mensch kein Bewußtsein, aber nur so lange, als der Astralleib seine gewöhnliche Arbeit verrichten muß: nämlich den abgearbeiteten und ermüdeten physischen Körper auszubessern und zu harmonisieren; so lange ist der Mensch ohne Bewußtsein. Wenn der Mensch aber gestorben ist, hat der Astralleib diese Tätigkeit nicht mehr auszuüben, und in demselben Maße, in dem er befreit wird von der Tätigkeit am physischen Körper, erwacht in ihm das Bewußtsein. Sein Bewußtsein wurde ja während des Lebens am Tage verdunkelt und eingedämmt durch die physische Macht des Körpers, und nachts mußte er arbeiten an diesem physischen Körper. Wenn nun nach dem Tode die Kräfte frei werden, dann treten am Astralleib sogleich ganz bestimmte Organe hervor. Diese Organe sind die sieben Lotusblumen, Chakrams. So entsteht an der Nasenwurzel, zwischen den Augenbrauen die zweiblättrige Lotusblume. Hellsehende Künstler haben das gewußt und ihren Kunstwerken das Symbol dafür gegeben: Michelangelo bildete seinen «Moses» mit zwei Hörnern. Die anderen Lotusblumen sind in folgender Weise verteilt:

die sechzehnblättrige Lotusblume in der Nähe des Kehlkopfes,
die zwölfblättrige Lotusblume in der Nähe des Herzens,
die acht- oder zehnblättrige Lotusblume in der Nähe der Magengrube,
eine sechs- und eine vierblättrige sind weiter unten.

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Diese astralen Organe sind beim gewöhnlichen heutigen Menschen kaum angedeutet zu sehen, aber wenn er hellsehend wird, oder bei Medien im Trancezustand, treten sie scharf hervor in lebhaften, leuchtenden Farben und bewegen sich.

In dem Augenblick, wo die Lotusblumen sich bewegen, nimmt der Mensch in der Astralwelt wahr. Der Unterschied zwischen physischen und astralen Organen besteht darin, daß die physischen Sinnesorgane des Menschen passiv sind; sie lassen alles von außen auf sich einwirken. Auge, Ohr und so weiter sind zunächst im Zustande der Ruhe, sie müssen warten, bis ihnen etwas geboten wird, Licht, Töne und so weiter. Die geistigen Organe sind im Gegensatz dazu aktiv, sie umfassen klammerartig den Gegenstand. Diese Tätigkeit kann aber erst dann erwachen, wenn die Kräfte des Astralleibes nicht anderweitig gebraucht werden; dann aber strömen sie in die Lotusblumen ein. Auch in Kamaloka, solange die niederen Teile des Astralleibes noch mit dem Menschen verbunden sind, findet immer noch eine Trübung statt. Wenn aber der astrale Leichnam abgestoßen ist und nur das dauernd Erworbene zurückbleibt, also an der Pforte von Devachan, dann sind diese astralen Sinnesorgane zu voller Tätigkeit erwacht, und im Devachan lebt der Mensch in hohem Maße bewußt mit diesen Sinnesorganen. Es ist nicht richtig, wenn in theosophischen Büchern gesagt wird, daß der Mensch im Devachan schläft, und es ist auch nicht richtig, daß er nur mit sich selbst beschäftigt ist oder daß er die auf Erden angesponnenen Verhältnisse nicht fortgesetzt findet; eine echte, auf Geistesgemeinschaft gegründete Freundschaft setzt sich vielmehr mit größerer Intensität dort fort. Die Innigkeit der Freundschaft führt der geistigen Gemeinschaft im Devachan Nahrung zu, bereichert es mit neuen Formen. Das ist es gerade, was der Seele im Devachan Nahrung gibt. Auch das Verhältnis des Menschen zur Natur, ein edler, ästhetischer Naturgenuß, ist Nahrung für das Leben der Seele im Devachan.

Davon lebt, wie gesagt, der Mensch dort. Die Freundschaftsverhältnisse sind gleichsam die Einrichtungsstücke, mit denen er sich umgibt. Die physischen Verhältnisse durchkreuzen auf Erden diese Beziehungen oft genug. Im Devachan wird die Art und Weise, wie

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zwei Freunde beisammen sind, nur durch die Intensität der Freundschaft bestimmt. Also solche Verhältnisse auf Erden anzuknüpfen bedeutet, Erlebnisse zuführen für das Leben im Devachan. So stellen sich die physischen Lebensverhältnisse als wirkliche Erlebnisse im Devachan dar.

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Fünfter Vortrag, Stuttgart, 26. August 1906

Wir haben uns gestern ein wenig bekanntgemacht mit dem Wesen von Devachan; nun liegt die Frage nahe: Wie kommt die eigentliche Seligkeit des Devachan zustande? Die Tätigkeit im Devachan besteht hauptsächlich im Schöpferischen, und es ist schwer, eine Vorstellung von dieser Seligkeit zu geben. Aber vielleicht wird der Vergleich mit etwas Irdischem sie uns näherbringen.

Es gibt auf der Erde eine Empfindung, die sich am besten studieren läßt, wenn man ein Wesen bei einer Tätigkeit beobachtet, die mit dem Hervorbringen eines anderen Wesens zu tun hat, zum Beispiel ein Huhn, das ein Ei ausbrütet. Es ist das ein grotesker, aber sehr passender Vergleich. Für die sinnliche Empfindung des Huhns ist das Brüten eine Seligkeit, ein ungeheures Wohlgefühl. Das kann man nun auf das Geistige übertragen und so sich das Devachan ausmalen.

In der ersten Region, dem Kontinentalgebiet des Geisterlandes, wo alles Physische im Negativ, aber wie ein riesiges Tableau vor dem Menschen sich ausbreitet, wird er veranlaßt, das Bild seines neuen Körpers hervorzubringen. Er tut das in ungehemmter Tätigkeit und empfindet dabei die Seligkeit des Hervorbringens.

In der zweiten Region flutet das allgemeine Leben, das im physischen Leben an die Menschen-, Tier- und Pflanzenformen gebunden, in jeder Wesenheit abgegrenzt ist, wie die Meereswässer dahin. Man sieht es dahinfluten, das allgemeine Leben, nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich. Äußerlich dadurch, daß es rötlich-lilafarben flutet von Pflanzenform zu Pflanzenform, von Tierform zu Tierform, als in der Einheit des Lebens begriffen. Im Devachan lebt das Leben. Alle Formen des geistigen Lebens, zum Beispiel das der christlichen Gemeinschaften, sieht man dort als gemeinsam flutendes Leben. Auch den ersten Grundsatz des Theosophen, das all-eine Leben zu suchen, kann man dort recht ausüben; dort sieht man das allen gemeinsame, das eine Leben fluten.

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In der dritten Region sieht man alles praktisch verwirklicht, was hier seelisch zwischen Mensch und Mensch spielt. Wenn zwei Menschen sich lieben, sieht man dort die Liebe als ein Wesen selbst, das in der Liebe den Körper hat. Wenn man dies alles sich ausmalt, dann bekommt man ein Bild von der Seligkeit des Devachan. Wer davon etwas kennt, wird wenig Worte machen, weil das Geistige nicht zu schildern ist mit der physischen Sprache.

Man darf aber nicht glauben, daß der Mensch untätig oder nur mit sich selbst beschäftigt sei im Devachan. Der Mensch hat noch anderes dort zu arbeiten.

Das Antlitz der Erde verändert sich fortwährend mitsamt der ganzen Fauna und Flora. Wie anders war es zum Beispiel im Norden von Sibirien zu der Zeit, als das Mammut, das man jetzt in Eisfeldern wie lebendig vereist wiederfindet, noch dort lebte! Wie anders hier, wo einst Urwälder den Boden bedeckten, wo wilde Tiere der heißen Zone hausten, kurz, eine Tropenwelt sich vorfand! Wer macht das? Wer ändert den Zustand der Erde? Wie steht es mit der Seele, dem Geist der Tiere? Wie steht es mit der Seele der Pflanzen?

Wenn wir den physischen Plan betrachten, sagen wir mit Recht: Der Mensch hat hier sein Ich, hier seinen Wohnort; er ist das hervorragendste Geschöpf unter den Wesen, die hier leben. Ganz anders ist es auf dem Astralplan. Sobald der Eingeweihte den Astralplan betritt, lernt er eine ganze Reihe von neuen Wesenheiten kennen, die hier auf dem physischen Plane gar nicht vorhanden sind. Es ist in dieser Hinsicht gleich, ob es sich um einen eingeweihten Menschen oder um einen Toten handelt; der Eingeweihte kann schon während einer Verkörperung auf dem Astralplan arbeiten. Er sieht dort zum Beispiel die Gattungs- oder Gruppenseelen der Tiere; mit denen hat er dort so Umgang wie hier mit den Menschen; er sieht sie wie seinesgleichen. Die Tiere haben auf dem physischen Plan nur den physischen, Äther- und Astralleib; das Ich haben sie nicht auf dem physischen, sondern auf dem Astralplan. So wie Ihre zehn Finger eine gemeinsame Seele haben, so haben alle Tiere einer Gattung eine gemeinsame Seele auf dem Astralplan. Das Ich der Tiergattung Löwe, Hund, Ameisen und so weiter ist dort vorhanden als eine

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Wesenheit. Es ist gleichsam, als schwebte das Ich im Astralraum und hielte an Seilen die verschiedenen Tiere wie Marionetten. Auch für die Pflanzen gibt es solche Gruppenseelen; sie haben ihr Ich aber im Devachan. Da reichen die «Seile» gewissermaßen noch höher hinauf. Und alle Mineralien aus gemeinsamen Stoffen, wie Gold, Diamanten, Steine und so weiter, haben eine gemeinsame Gruppenseele in der oberen Partie des Devachan.

So unterscheiden sich die Wesenheiten in ihrer Stufenfolge:

Wenn nun der Mensch gestorben ist, dann ist sein Ich auf dem Astralplan mit den Ichs dieser ungewöhnliche Plural kann nicht umgangen werden der Tiere zusammen, und er kann dort eine Arbeit verrichten wie die Ichs der Tiere. Diese Arbeit besteht darin, daß er die Tierwelt nach und nach verändert. Im unteren Devachan findet er die Ichs der Pflanzen als seine Genossen; da kann er die Pflanzenwelt verändern. Auf diese Weise wirkt er selbst mit an der Umgestaltung der Erde.

Mithin ist es der Mensch selbst, der die großen Veränderungen der Erde vollbringt; er arbeitet selbst an dem Antlitz der Erde. Den so ganz veränderten Schauplatz bei seiner neuen Inkarnation hat der Mensch selbst bewirkt. Aber diese Arbeit verrichtet er unter der Leitung und Führung höherer Wesen. Es ist also durchaus wahr, wenn wir im Hinblick auf die Tier- und Pflanzenwelt, die sich fortwährend

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verändert, sagen: Das ist das Werk der Verstorbenen. Die Toten arbeiten an der Umgestaltung der Fauna und Flora, ja selbst an der Umwandelung der physischen Formen der festen Erde. Erdenarbeit ist Totenarbeit. Auch in den Naturkräften haben wir die Handlungen der entkörperten Menschen zu sehen. Und wie gewaltig arbeiten diese Naturkräfte die Erde um!

Alle Tätigkeit, alles Arbeiten hat einmal vor Zeiten einen Anfang genommen. Da gab es noch keine Pyramiden, da gab es auch noch keine Werkzeuge. Alles war da, wie die Götter, oder wie die Materialisten sagen, die Naturkräfte es gegeben hatten, und der Mensch war in das hineingesetzt. Jetzt ist rund um uns her die Erde durch äußere Menschenarbeit umgestaltet; und was hier nicht erreicht werden kann, was der Mensch hier nicht tun kann, das tut er in der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt. Somit hängt unsere eigene Entwickelung zusammen mit der Veränderung der ganzen Erde. Der Bau und die Evolution der Erde ist die Arbeit des Menschen auf den höheren Planen, und je höher sich der Mensch selbst entwickelt, um so rascher und vollkommener schreitet die Umgestaltung der physischen Erde und der Fauna und Flora vorwärts. Je höher er entwickelt ist, desto länger hat er zu arbeiten in den höheren Partien des Devachan. Der Wilde hat noch wenig Einblick darin. In vielen Sagen und Märchen hat der scheinbar kindliche, in Wirklichkeit aber von hohen Kräften inspirierte Menschengeist diese Tatsachen zum Ausdruck gebracht.

Wie arbeiten nun die Kräfte, um den Menschen zu einer neuen Inkarnation zu bringen? Ungefähr tausend Jahre gehen dahin zwischen Tod und neuer Inkarnation, wie wir sahen; in dieser Zeit reift die Seele aus, um den Weg zu einer neuen Geburt wieder anzutreten. Für den Seher ist es außerordentlich interessant, die astralische Welt zu durchforschen. Er kann zum Beispiel fliegende, in Auflösung begriffene Astralleichname beobachten. Der Astralleichnam eines hochentwickelten Menschen, der an seinen niederen Trieben gearbeitet hat, löst sich rasch auf; aber langsam geht die Auflösung vor sich bei niedrigstehenden Menschen, die ihren Neigungen und Leiden

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schaften freien Lauf gelassen haben. Da kann es sogar vorkommen, daß der alte zurückgelassene Astralleichnam sich noch nicht aufgelöst hat, wenn der ursprüngliche Träger zu einer neuen Geburt schreitet. Und das ist dann ein schweres Schicksal. Es kann auch sein, daß ein Mensch durch besondere Umstände bald wiederkehrt und seinen alten Astralleichnam noch vorfindet; dieser hat dann eine starke Anziehung zu ihm und schlüpft mit hinein in den neuen Astralleib. Der Mensch bildet sich also wohl einen neuen Astralleib, aber sein alter verbindet sich damit, beide schleppt er dann mit sich durchs Leben. Der alte Astralleib tritt dann in bösen Träumen oder Visionen vor ihn als sein zweites Ich und umgaukelt, quält und peinigt ihn. Das ist der unberechtigte, falsche «Hüter der Schwelle». Dieser alte Astralleichnam tritt leicht aus dem Menschen heraus, weil er nicht fest mit den anderen Wesensgliedern verbunden ist, und erscheint dann als ein Doppelgänger.

Außer diesen Gestalten sieht der Seher noch eine ganz besonders merkwürdige Art von Gebilden; es sind glockenförmige Gebilde, die mit riesiger Schnelligkeit den Astralraum durchfliegen und durchschießen. Das sind die noch nicht verkörperten, aber nach Verkörperung hinstrebenden Menschenkeime. Die Zeit und der Ort sind eigentlich ziemlich bedeutungslos für diese zur Verkörperung hinstrebenden Menschenkeime, weil sie sich so leicht bewegen können. Sie sind mannigfaltig gefärbt und umgeben von einer Farbenatmosphäre, an einer Stelle sind sie rot, an der anderen blau, mitten drinnen funkelt ein gelbleuchtender Strahl. Es sind dies also die eben aus dem Devachan in den Astralraum hineinkommenden Menschenkeime. Was ist da geschehen? Der Mensch hatte den höheren Astralleib und die Früchte der verschiedenen Leben als Kausalleib mit sich ins Devachan genommen, und nun sammelt er eine neue «Astralmaterie» um sich herum. Es ist das gleichsam, wie wenn herumgestreute Eisenspäne sich ordnen nach den Kräften eines Magnets. Je nach den innewohnenden Kräften sammelt der Mensch die Astralmaterie um sich herum; bei einem guten Vorleben sammelt er anderes Material als bei einem schlechten. Das glockenförmige Gebilde nun ist der frühere Kausalleib, die Kräfte des früheren Astralleibes und der neue Astralleib. Der Keim soll nun nicht mehr den

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alten Astralleib finden, sondern er soll sich einen neuen Astralleib bilden aus der undifferenzierten Astralmaterie, so daß dieser Vorgang von dem Menschen selbst abhängig ist: Je nach den Kräften des vergangenen Lebens ist die Form und Farbe des neuen Astralleibes. Das ist eine Tatsache, die man wohl beachten muß. Warum schießen diese Menschenkeime mit solch rasender Schnelligkeit dahin? Weil das Elternpaar gesucht werden muß, das nach Charakter und Familienverhältnissen zu dem Menschenkeime paßt. Die Schnelligkeit ermöglicht es, daß das Elternpaar gefunden wird. Der Menschenkeim kann in diesem Moment hier, im nächsten schon in Amerika sein.

In dem, was weiter geschieht, ist der Mensch auf Hilfe angewiesen. Höhere Wesenheiten, die Lipikas, leiten den Menschenkeim hin zu dem entsprechenden Elternpaar, die Maharajas formen den Ätherleib in Gemäßheit der Astralform und dessen, was die Eltern an äußerem physischem Körper beitragen. Bei dem Befruchtungsakt kann der Seher in der Leidenschaft, die sich dabei von seiten der Eltern entwickelt, auch Astralmaterie entdecken. Dadurch wird die Leidenschaftlichkeit des Kindes je nach der Intensität dieser Leidenschaft bestimmt. Dann schießt die Äthermaterie an von Nord, Süd, Ost und West, aus der Höhe und von der Tiefe.

Nicht immer kann ein Elternpaar gefunden werden, das ganz genau zu dem Menschenkeim paßt; es kann immer nur das am besten passende herausgesucht werden. Und ebensowenig kann ein physischer Leib gebaut werden, der ganz genau zu dem Ätherleib des Menschenkeimes paßt. Eine völlige Harmonie kann es nie geben. Daher rühren die Zwiespalte im Menschen zwischen Seele und Körper.

Unmittelbar vor der Verkörperung tritt ein sehr wichtiges Ereignis ein, das demjenigen im Moment des Todes parallel ist. Wie unmittelbar nach dem Tode die Rückerinnerung an das vergangene Leben gleich einem Tableau vor die Seele tritt, so ist unmittelbar vor der Einkörperung eine Art Vorgesicht auf das kommende Leben vorhanden. Man sieht nicht alle Einzelheiten, aber in großen Umrissen alle Verhältnisse im kommenden Leben vor sich. Dieser Moment ist von ungeheurer Bedeutung. Es kommt vor, daß Menschen, die in früheren Leben viel gelitten haben und sehr Schweres durchgemacht

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haben, beim Anblick der neuen Verhältnisse und Schicksale einen Schock bekommen und die Seele zurückhalten vor der ganzen Einkörperung, so daß nur ein Teil der Seele in den Körper eingeht. Die Folge des Schocks bei einem solchen Vorgesicht ist die Geburt eines Idioten oder Epileptikers.

In dem Moment der Verkörperung, gleich nach der Befruchtung, verdunkelt sich der gelbglänzende Faden im Kausalleib und verschwindet. Nur bei dem Eingeweihten bleibt er in allen Stadien.

Nun darf man sich nicht vorstellen, daß die höheren Wesensglieder von Anfang an in vollster Weise mit dem Embryo verbunden sind. Was seine Tätigkeit zunächst entfaltet, ist der Kausalkörper, denn dieser arbeitet schon bei der allerersten Entstehung des physischen Leibes.

Der Ätherleib fängt erst in der siebenten Woche an, am Embryo zu arbeiten, der Astralleib erst im siebenten Monat. Vorher arbeitet am Kinde der Ätherleib und der Astralleib der Mutter. Es ist nun sehr wichtig für die Erziehung der ersten Jahre beim Kinde, diese Körper weiterzuentwickeln. Diesem sollte bei der Erziehung des Kindes viel mehr Rechnung getragen werden, als es geschieht. Es sollte die Zeit beobachtet werden, wo der Ätherleib und der Astralleib des Kindes anfangen mitzuarbeiten.

Die Entwickelung geht nach der Geburt in verschiedenster Weise stufenförmig weiter, und besonders wichtig für die Erziehung ist dann die Zeit vom siebenten bis zum vierzehnten Lebensjahre. Wir werden dann morgen weiter sehen, wie die Theosophie sich zu den Erziehungsfragen stellt, die ja ein wichtiges Kapitel in der Menschheitsentwickelung darstellen.

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Sechster Vortrag, Stuttgart, 27. August 1906

Bei der Theosophie handelt es sich um eine im eminentesten Sinne praktische Auffassung des Lebens. Das Licht, das sie auf die Erziehungsfrage wirft, wird der Menschheit tiefen Nutzen bringen, lange bevor es sich um Hellsehen handelt; man kann sich schon überzeugen, daß in der Theosophie Wahrheit ist für das Leben, lange bevor man herantritt an das unmittelbare Schauen.

Nach der Geburt tritt der Mensch hinein in ein neues Leben, und seine verschiedenen Leiber entwickeln sich in ganz verschiedener Art und Zeit. Der Erzieher sollte darauf Rücksicht nehmen. Ganz anders ist es vom ersten bis zum siebenten Jahre, ganz anders in den zweiten sieben Jahren, vom siebenten bis zum fünfzehnten oder sechzehnten Jahre, bei den Knaben später, bei den Mädchen früher. Wieder anders ist die Entwickelung nach dem fünfzehnten Jahre oder, sagen wir, nach der Geschlechtsreife. Man lernt die Entwickelung des Menschen erst dann richtig verstehen, wenn man die verschiedenartige Entwickelung seiner Wesensglieder betrachtet.

Von der Geburt bis zum siebenten Jahre kommt für Eltern und Erzieher eigentlich nur der physische Leib des Kindes in Betracht. Durch die Geburt ist der physische Leib für seine Umgebung frei geworden. Vor der Geburt bildet derselbe einen Bestandteil des Organismus der Mutter. Die ganze Zeit während der Keimung geht das Leben der Mutter und dasjenige des menschlichen Keimes ineinander. Der physische Leib der Mutter umhüllt den physischen Leib des Kindes; das bedeutet, daß er noch unzugänglich ist für die physische Außenwelt. Erst nach der Geburt ändert sich dies. Er kann erst Eindrücke von anderen Wesen der physischen Welt bekommen, wenn er geboren ist. Damit ist aber noch nicht der Äther- und Astralleib für die Außenwelt zugänglich. Auf den Äther- und Astralleib kann man zwischen dem ersten und siebenten Jahre von der Außenwelt her deshalb noch nicht einwirken, weil beide noch mit der Ausbildung des eigenen physischen Leibes zu tun haben. Alle ihre

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Tätigkeit richtet sich nach dem Innern des physischen Leibes; sie arbeiten an dessen Ausbau. Ungefähr gegen das siebente Lebensjahr fängt der Ätherleib an, frei zu werden für äußere Eindrücke. Dann erst kann man auf den Ätherleib einwirken. Zwischen dem siebenten und dem vierzehnten Jahre sollte man dagegen noch nicht auf den Astralleib wirken, denn man schädigt ihn dadurch, daß man ihm die Möglichkeit entzieht, nach innen zu wirken. Es ist am besten, wenn man in den ersten sieben Jahren den Äther- und Astralleib ganz unbehelligt läßt, wenn man damit rechnet, daß sich in diesen Jahren alles von selbst ergibt.

Wie wirkt man in den ersten sieben Jahren am besten auf den Menschen ein? Indem man die Sinnesorgane ausbildet. Alles, was von außen auf sie einwirkt, ist bedeutsam. Alles, was der Mensch in den ersten sieben Jahren sieht und hört, wirkt auf ihn ein durch die Sinnesorgane. Aber nicht durch einen Lehrstoff oder mündliche Belehrung wirkt man auf die Sinnesorgane ein, sondern durch das Beispiel, das Vorbild. Man muß dem Kinde etwas für seine Sinne bieten; das ist wichtiger als alles andere in den ersten sieben Jahren. Das Kind sieht, wie sich die Menschen benehmen in seiner Umgebung, es sieht es mit seinen Augen. Aristoteles sagt mit Recht: Der Mensch ist das nachahmendste der lebenden Wesen. Vorzugsweise ist das in den ersten sieben Jahren der Fall. Nie wieder ist der Mensch so sehr der Nachahmung zugänglich wie in diesen ersten sieben Jahren. Darum eben muß man in dieser Zeit auf die Sinnestätigkeit einwirken, muß sie herauszulocken suchen und zur eigenen Tätigkeit anregen. Daher ist es auch so verfehlt, wenn man in der frühen Jugend dem Kinde eine sogenannte «schöne» Puppe gibt; dabei können die inneren Kräfte nicht zur Arbeit kommen. Ein natürlich entwickeltes Kind weist sie ohnehin zurück und hält sich lieber an ein Stück Holz und dergleichen, das die Phantasie und Imagination zu eigener innerer Tätigkeit anregt.

Auf den Äther- und Astralkörper braucht man keine besondere Lehrmethode anzuwenden, aber ungeheuer wichtig ist es, daß die höheren Einflüsse, die von der physischen Umgebung ohne bewußte Einwirkung auf sie übergehen, günstig sind. Sehr wichtig ist es,

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daß der Mensch in diesem Lebensalter gerade von edlen, hochherzigen und gemütvollen Menschen mit guten Gedankenformen umgeben ist. Diese prägen sich den im Innern arbeitenden Wesensgliedern ein. Das Vorbild also, auch in Gefühlen und Gedanken, ist das wichtigste Erziehungsmittel. Nicht was man sagt, sondern wie man ist, wirkt in den ersten sieben Jahren auf das Kind ein. Wegen der ungemeinen Subtilität dieser Wesensglieder muß sich die Umgebung des Kindes aller unreinen, unmoralischen Gedanken und Gefühle enthalten.

In der Zeit vom siebenten bis vierzehnten, fünfzehnten und sechzehnten Jahre, also bis zur Geschlechtsreife, wird der Ätherleib geradeso herausgeboren, wie bei der Geburt der physische Leib für die Umgebung zugänglich wird. Da muß man also auf den Ätherleib wirken. Der Ätherleib ist der Träger des Gedächtnisses, der bleibenden Gewohnheiten, des Temperamentes, der Neigungen und der bleibenden Begierden. Daher muß man, wenn dieser frei wird, vor allem seine Sorgfalt darauf wenden, diese Eigenschaften zu entwickeln; man muß auf Gewohnheiten wirken, auf das Gedächtnis, überhaupt auf alles das, was dem Menschen einen dauernden Grundstock des Charakters geben soll. Er wird wie ein Irrlicht, wenn nicht in dieser Zeit dafür gesorgt wird, daß gewisse Gewohnheiten wie ein roter Faden seinen Charakter durchziehen, damit er feststehen kann gegen die Stürme des Lebens. Und jetzt muß man auf das Gedächtnis wirken; später, nach dieser Zeit, wird das, was als Gedächtnisstoff aufgenommen werden soll, schwer eingehen. Insbesondere wird auch der Sinn für Kunst in dieser Zeit erwachen, namentlich für eine solche Kunst, die sehr viel zu tun hat mit den Schwingungen des Ätherleibes, nämlich für Musik. Sind hierfür Talente vorhanden, so muß man in diesen Jahren dafür Sorge tragen, sie zur Entfaltung zu bringen. In dieser Zeit wirkt das Gleichnis; wenn man versucht, jetzt auch schon das Urteil auszubilden, so tut man unrecht. Unsere Zeit sündigt darin außerordentlich viel. Man soll dafür Sorge tragen, daß das Kind möglichst viel durch Gleichnisse lernt; das Gedächtnis muß Inhalt bekommen, die Vergleichungskraft muß an sinnlichen Vorstellungen geübt werden. Es müssen ihm Beispiele

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großer Menschen aus der Weltgeschichte vorgeführt werden; aber man darf nicht sagen, das ist gut oder das ist schlecht, denn das würde auf die Urteilskraft wirken. Man kann gar nicht genug solche Bilder, die auf den Ätherleib wirken, oder Vergleiche mit dem Großen auf der Welt dem Kinde vorhalten. Dabei ist es von großem Nutzen, wenn man viel mit Sinnbildern arbeitet. Das ist die Zeit, wo die sinnigen Märchen und Erzählungen, die das Menschenleben in Bildern darstellen, mächtig wirken. Dadurch macht man den Ätherleib beweglich, schmiegsam und gibt ihm dauernde Eindrücke. Wie mußte Goethe seiner Mutter dankbar sein, daß sie ihm in dieser Zeit so viele Märchen erzählte!

Also, je später man dazu kommt, das Urteil im Kinde hervorzurufen, desto besser ist es. Das Kind aber frägt «Warum?». Diese Fragen nach dem Wie und Warum sollen nicht mit abstrakten Erklärungen, sondern mit Beispielen, mit Sinnbildern beantwortet werden. Und wie unendlich wichtig ist es, die richtigen Sinnbilder zu finden! Wenn das Kind frägt nach Leben und Tod, nach den Verwandlungen des Menschen, so kann man ihm das Beispiel von der Raupe und Puppe vorführen; man macht ihm klar, wie gleichsam aus der Puppe heraus der Schmetterling aufersteht zu einem neuen Leben. Überall in der Natur findet man solche Gleichnisse für die höchsten Fragen. Ganz besonders aber wichtig ist in dieser Zeit für das Kind die Autorität. Nur darf es keine erzwungene Autorität sein, sondern in ganz natürlicher Weise muß der Lehrer Autorität erlangen, damit das Kind glaubt, bevor sich ein Wissen entwickeln darf. Daher fordert die theosophische Pädagogik nicht bloß intellektuelles Wissen, pädagogische Grundsätze und Einsichten bei dem Erzieher, sondern sie fordert, daß man solche Menschen dazu wählt, die durch ihre natürlichen Anlagen versprechen, eine Autorität zu werden. Scheint dies eine Härte? Aber wie sollte man sie nicht hineinbringen, da die Zukunft der Menschheit davon abhängt! Gerade das ist eine Perspektive für eine große Kulturaufgabe der Theosophie.

Wenn dann der Mensch die dritten sieben Jahre antritt, die Zeit der Geschlechtsreife, wird der Astralleib frei, und an ihm hängt das

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Urteil, die Kritik, hangen die unmittelbaren Beziehungen zu den übrigen Menschen. So wie die Gefühle von Mensch zu Mensch erwachen, so erwachen auch die Gefühle für die übrige Umwelt; da ist der Mensch reif, anzufangen zu begreifen. Die Persönlichkeit wird mit dem Astralleib freigelegt; da muß man das eigene Urteil aus dem Menschen herauslocken. Heutzutage wird er viel zu früh zur Kritik herausgefordert. Siebzehnjährige Kritiker sind häufig, und wie viele schreiben und urteilen ganz und gar Unreifes für die Menschheit! Man muß zweiundzwanzig bis vierundzwanzig Jahre alt sein, ehe man selbst urteilen kann; das andere ist absolut unmöglich. Vom vierzehnten bis zum vierundzwanzigsten Jahre ist die Zeit, wo der Mensch am besten von der Welt lernen wird, wo alles für ihn Lehre wird, was ihn umgibt. So wächst er heran zur völligen Lebensreife.

Das sind die großen Grundsätze der Erziehung. Unzählige Einzelheiten ergeben sich daraus. Die Theosophische Gesellschaft wird ein Buch herausgeben für Lehrer und Mütter, worin gezeigt wird, wie vom ersten bis siebenten Lebensjahre das Vorbild, vom siebenten bis vierzehnten Lebensjahre die Autorität und vom vierzehnten bis vierundzwanzigsten Lebensjahre das selbständige Urteil am Menschen arbeiten muß.

Das sollte ein Beispiel dafür sein, wie die Theosophie ihre Kulturaufgabe zu erfüllen sucht, wie sie auf Schritt und Tritt einzugreifen vermag in die wirklichen praktischen Aufgaben des Lebens.

Ein anderes Beispiel für praktische Theosophie gibt die Betrachtung des großen Gesetzes von Karma. Es ist das ein Gesetz, das dem Menschen das Leben eigentlich erst verständlich macht. Das Karmagesetz ist nicht bloß ein theoretisches Gesetz oder etwas, was bloß unsere Wißbegierde befriedigt. Nein, auf Schritt und Tritt ist es für das Leben etwas, was Kraft zum Handeln und Sicherheit gibt, was alles Unverständliche verständlich macht.

Zunächst antwortet das Karmagesetz auf eine große Lebensfrage: Wodurch kommt überhaupt unser Schicksal zustande? Warum obwalten schon bei der Geburt der Kinder so verschiedene Verhältnisse? Man sieht zum Beispiel, wie ein Kind in Reichtum geboren wird, vielleicht auch mit großen Talenten, von sorgsamster Liebe umgeben

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ist. Und man sieht ein anderes Kind, geboren in Elend und Armut, vielleicht mit geringen Talenten oder Fähigkeiten, so daß es dazu prädestiniert scheint, es zu nichts' zu bringen; oder auch mit großen Fähigkeiten, die aber vielleicht nicht ausgebildet werden können. Das sind Rätselfragen des praktischen Lebens, und auf diese gibt nur die Theosophie eine Antwort. Diese Fragen muß der Mensch beantwortet haben, wenn er mit Kraft und Hoffnung im Leben dastehen soll. Und wie antwortet das Karmagesetz auf diese Fragen?

Wir haben gesehen, daß der Mensch wiederholte Leben auf der Erde durchlebt. Das Kind wird nicht zum ersten Male auf dieser Erde geboren, es war schon oft da. Alles nun in der Welt draußen steht im Zusammenhang von Ursache und Wirkung; das erkennt jeder an. Das große Ursachengesetz herrscht also in der Natur, und dieses Gesetz, auf das Geistige, auf die geistige Welt übertragen, das ist das Karmagesetz.

Wie wirkt das Gesetz nun in der Außenwelt? Wenn wir eine Kugel nehmen, sie erhitzen und dann auf eine Holzplatte legen, so brennt sie ein Loch in das Holz hinein. Erhitzen wir eine andere Kugel, werfen sie erst ins Wasser und legen sie dann auf das Brett, dann brennt sie kein Loch in das Holz. Die Tatsache, daß ich die Kugel ins Wasser werfe, ist bedeutsam für das, was die Kugel nachher bewirkt. Die Kugel hat gleichsam ein Erlebnis, und es ist verschieden, was sie vor diesem Erlebnis und nachher tut. So hängt die Wirkung ab von der Ursache. Das ist ein Beispiel aus der leblosen Natur, und so ist es in der ganzen Welt. Tiere, die sehend in finstere Höhlen einwandern, verlieren die Sehkraft. Wenn das Tier in einer späteren Generation darüber nachdenken könnte: Warum habe ich keine Augen? so müßte es sich sagen: Die Einwanderung meiner Vorfahren in diese Höhlen ist die Ursache meines Schicksals. So ist das Erlebnis von vorher das Schicksal für später. So hängen die Dinge zusammen nach Ursache und Wirkung. Je weiter wir nun hinaufrücken zum Menschen, desto individueller wird die ganze Sache. Das Tier hat eine Gattungsseele, und das Schicksal einer Gruppe von Tieren knüpft sich an an die Gruppenseele. Der Mensch dahingegen

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hat ein Ich für sich. Dieses Einzel-Ich erleidet ein ähnliches Schicksal wie die Gruppenseele der Tiere. Wie die ganze Gattung von Tieren sich verwandelt, so verwandelt sich das einzelne Ich von einem Leben zum andern. Ursache und Wirkung pflanzen sich fort von einem Leben zum andern. Was ich heute erlebe, hat seine Ursache im früheren Leben, und was ich heute tue, bildet mein Schicksal für das nächste Leben. In diesem Leben liegt nicht die Ursache zu der verschiedenartigen Geburt; nichts ist jetzt verschuldet. Die Ursache liegt in dem früheren Leben. Der Mensch hat sich sein heutiges Schicksal selbst in dem vorigen Leben zubereitet.

Nun kann man sagen: Aber muß das nicht gerade den Menschen niederdrücken und ihm jede Hoffnung nehmen? Und doch ist das Karmagesetz das trostreichste Gesetz für das Leben. Denn so wahr es ist, daß nichts ohne Ursache ist, ebenso wahr ist es auch, daß nichts ohne Wirkung bleibt. Werde ich auch in Not und Elend geboren, habe ich auch geringe Fähigkeiten: Was ich tue, muß seine Wirkung haben, und was ich mir zueigne durch Fleiß und Moralität, das wird seine sichere Wirkung haben in folgenden Lebensläufen. Kann es mich niederdrücken, daß ich mein Schicksal selbst verdient habe, so kann es mich erheben, daß ich mir mein Schicksal für die Zukunft selbst zimmern kann. Wer dieses Gesetz in sein Denken und Fühlen aufnimmt, wird sehen, welche Kraft und Sicherheit im Leben er gewinnt. Es ist nicht so wichtig, daß man das Gesetz im einzelnen durchschaut; das kommt erst auf den höheren Stufen der hellseherischen Erkenntnis. Viel wichtiger ist, daß man im Sinne dieses Gesetzes die Welt betrachtet und danach lebt. Tut man dies mit Ernst durch Jahre hindurch, dann wird sich dieses Gesetz ganz von selbst dem Gefühl mitteilen. Es bewahrheitet sich durch Anwendung.

Nun kann jemand einwenden: Da würden wir ja zu reinen Fatalisten! Alles, was uns trifft, haben wir uns selbst zubereitet, aber wir können ja nichts daran ändern; also ist es das beste, wenn man nichts tut. Wenn ich faul bin, ist das eben mein Karma. Oder man sagt vielleicht: Es gibt ein Karmagesetz, das sagt, daß wir günstige Wirkungen für unser späteres Leben erzielen können. Da werde ich im

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späteren Leben anfangen, recht brav zu sein; jetzt will ich erst einmal genießen. Ich habe ja Zeit, ich komme ja später wieder auf die Erde; da fange ich dann an. Ein anderer sagt: Ich helfe jetzt keinem Menschen mehr, denn wenn er arm und elend ist und ich helfe ihm, dann greife ich ja in sein Karma ein. Er hat verdient, was er leidet; er muß selbst dafür sorgen, daß sein Karma ein anderes wird.

Alle diese Dinge sind die gröbsten Mißverständnisse. Das Karmagesetz sagt: Alles, was ich im Leben an guten Taten getan habe, wird seine Wirkung haben, ebenso alles Schlechte, so daß das wie eine Art Konto gibt im Lebensbuche mit einer Soll- und einer Habenseite. In jedem Moment kann man Bilanz machen. Mache ich nun den Abschluß und ziehe die Bilanz, so ergibt das mein Schicksal. Das scheint zunächst etwas Starres, Unbewegliches; das ist aber nicht der Fall. Der richtige Vergleich mit dem Kontobuch ergibt folgendes: Jedes neue Geschäft verändert die Bilanz, und jede neue Tat verändert das Schicksal. Der Kaufmann kann doch nicht sagen: Durch jedes neue Geschäft störe ich meine Bilanz, ich kann also nichts tun. Ebensowenig wie der Kaufmann durch sein Kontobuch gehindert ist, ein neues Geschäft zu machen, ebensowenig ist der Mensch gehindert, ein neues Faktum in sein Lebensbuch einzutragen. Und wenn der Kaufmann in Kalamität ist und zu seinem Freund sagt: Du, gib mir tausend Mark, damit ich mich aus der schwierigen Lage herausreiße , und der Freund erwidern würde: Damit greife ich ja in dein Kontobuch ein , so wäre diese Antwort ein Unsinn. Ebenso wäre es ein Unsinn, wenn ich nicht helfen wollte, um nicht mit dem Karmagesetz in Konflikt zu kommen. Nichts hindert den Menschen, der fest an das Karmagesetz glaubt, allem Elend, aller Not abzuhelfen. Im Gegenteil, wenn man nicht daran glauben würde, müßte man bezweifeln, ob die Hilfe überhaupt wirksam wird; so aber weiß ich gewiß, daß die Hilfe richtig wirkt. Darin liegt die trostreiche, tatkräftige Seite des Karmagesetzes. Man darf nicht so sehr nach der vergangenen Seite des Karmagesetzes sehen als nach der zukünftigen. Man sieht wohl zurück auf das Geschehene und trägt das Karma, aber vor allen Dingen rührt man seine Hände, weil man eine Grundlage legen muß für die Zukunft.

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Von christlichen Geistlichen wird oft der Einwand erhoben: Eure Theosophie ist kein Christentum, denn sie schreibt alles der Selbsterlösung zu. Ihr sagt, der Mensch muß ganz allein sein Karma auswirken. Wenn der Mensch selbst sein Karma auswirken kann, dann bleibt kein Platz für Christus Jesus, der doch für die ganze Menschheit litt. Der Theosoph sagt, ich brauche niemand. Das ist ein Mißverständnis auf beiden Seiten. Man bedenkt nicht, daß der freie Wille nicht beschränkt wird durch das Karmagesetz. Diese Einsicht muß der Theosoph haben, daß er nicht allein auf Selbsthilfe und Selbstentwickelung baut, wenn er an Karma glaubt.- Er muß wissen, daß der andere ihm helfen kann; und dann werden wir die echte Vereinigung des Karmagesetzes mit der zentralen Tatsache des Christentums leicht finden. Sie ist immer vorhanden gewesen, diese Übereinstimmung; die christliche Geheimlehre kennt das Karmagesetz.

Stellen wir uns zwei Menschen vor, der eine ist durch sein Karma im Elend, der andere hilft ihm, weil er die Macht hat zu helfen; jener hat sein Karma verbessert. Wird dadurch das Gesetz aus der Welt geschafft? Im Gegenteil, es bestätigt sich; gerade durch das Gesetz von Karma kann ja die Hilfe wirken.

Wenn einer mächtiger ist, so kann er zweien helfen oder dreien oder vieren, wenn sie es brauchen; und ist einer noch mächtiger, so kann er Hunderten oder Tausenden helfen und ihr Karma im günstigen Sinne beeinflussen. Und ist einer so mächtig, wie das Christentum sich den Christus Jesus vorstellt, so hilft er in einer Zeit, wo die ganze Menschheit Hilfe braucht, der ganzen Menschheit. Und das Karmagesetz wird dadurch nicht unwirksam, sondern im Gegenteil: Die Tat des Christus Jesus auf Erden wird gerade dadurch wirksam, daß man auf Karma bauen kann.

Der Erlöser weiß, daß durch Karma das Erlösungswerk auch wirklich allen zugänglich wird. Ja, diese Tat geschah gerade im Bauen auf das Karmagesetz, als eine Ursache für die zukünftige herrliche Wirkung, als eine Saat für die spätere Ernte, als eine Hilfe für den, der die Segnungen der Erlösung auf sich wirken läßt. Die Tat des Christus Jesus ist überhaupt nur denkbar durch das Existieren

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des Karmagesetzes; gerade das Testament des Christus Jesus ist die Karma- und Reinkarnationslehre. Darin heißt es nicht: Jeder muß die Folgen seiner Tat tragen, sondern: Die Folgen der Tat müssen getragen werden, gleichviel von wem. Wenn der Theosoph behauptet, er verstehe die einmalige Tat des Christus Jesus für die ganze Menschheit nicht, so versteht er eben Karma nicht. Ebenso der Priester, der da behauptet, Karma störe die Erlösung. Warum das Christentum gerade dieses Gesetz und auch den Reinkarnationsgedanken bisher weniger betont hat, liegt in der Entwickelung der Menschheit begründet und wird später noch näher behandelt werden.

Die Welt besteht nicht aus einzelnen Ichs, von denen jedes für sich abgeschlossen dasteht, sondern es herrscht die große Einheit, die große Verbrüderung in der Welt. Und wie hier im physischen Leben ein Bruder, ein Freund für den andern einspringen kann, so im weit tieferen Sinne auch in der geistigen Welt.

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Siebenter Vortrag, Stuttgart, 28. August 1906

Heute möchte ich sprechen über die Wirkungen des Karmagesetzes durch die einzelnen Menschenleben hindurch. Zuvor aber lassen Sie mich bemerken, daß natürlich eine jede solche Auseinandersetzung lückenhaft sein muß, da keine Spekulationen, keine ausgedachten Fälle vorgebracht werden, sondern, wie es im Okkultismus eigentlich immer sein soll, nur Tatsachen, nur Dinge, über die Erfahrungen vorliegen. Es wird also nur gesagt, dieses oder jenes tritt ein, wenn man wirklich einen Menschen beobachtet hat, der in einem solchen Falle war. Einzig und allein aus der Erfahrung heraus wird über die karmischen Zusammenhänge gesprochen werden.

Wir haben schon gestern die Tatsache berührt, wie am meisten für den Menschen die brennende Lebensfrage wichtig ist: Wodurch kommt überhaupt unser Schicksal zustande, wodurch die verschiedenen Verhältnisse und Anlagen bei der Geburt?

Wenn wir diese karmischen Zusammenhänge verstehen wollen, dann müssen wir wiederum Rücksicht nehmen auf das, was wir sagten über die Zusammensetzung des Menschen aus seinen verschiedenen Leibern: dem physischen Leib, dem Ätherleib und dem Astralleib, und darinnen der Ich-Leib, in dem ja der übrige, der höhere Teil des Menschen eingeschlossen ist. Bei den karmischen Zusammenhängen wird uns vorzugsweise die Frage beschäftigen, wie die Ursachen mit Wirkungen in diesen verschiedenen Leibern zusammenhängen.

Betrachten wir zunächst einmal den physischen Leib, soweit er für das Karmagesetz in Betracht kommt. Alle unsere Tätigkeiten geschehen in der physischen Welt; wir müssen am selben Orte mit einem Menschen sein natürlich nicht wörtlich genommen , um ihm Freude oder Schmerz zufügen zu können. Unser Tun hängt ab von den Bewegungen unseres physischen Körpers und allem, was überhaupt von ihm bedingt wird. Mit unseren Taten in diesem physischen Leben hängt unser äußeres Schicksal im späteren Leben

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zusammen. Das äußere Schicksal ist gleichsam die Umgebung, die Verhältnisse, in die wir hineingeboren werden. Wer schlechte Taten verrichtet hat, bereitet sich eine schlechte Umgebung, und umgekehrt. Das ist das erste wichtige karmische Gesetz: Die Taten in einem vorhergehenden Leben bedingen das äußere Schicksal.

Ein zweites Grundgesetz ergibt sich aus folgendem. Wir wollen einmal einen Blick auf die Entwickelung eines Menschen werfen. Im Laufe des Lebens nimmt der Mensch sehr viele Vorstellungen, Begriffe, Empfindungen und Erfahrungen auf; er lernt außerordentlich viel. Dadurch gehen große Veränderungen im Menschen vor sich. Denken Sie nur einmal ein paar Jahre zurück, ehe Sie von Theosophie wußten; wie viele neue Vorstellungen haben Sie seitdem gewonnen, wie hat sich das Leben danach verändert! All dieses hat den Astralleib verändert, denn der Astralleib, weil er der dünnste und feinste ist, macht am schnellsten die Veränderungen durch.

Viel weniger verändert sich der Mensch nach Temperament, Charakter und Neigungen. Ein jähzorniges Kind zum Beispiel ändert sich nur sehr langsam. Temperament, Charakter und Neigungen erhalten sich oft das ganze Leben hindurch. Rasch geht im Leben die Veränderung der Erfahrungen und Vorstellungen vor sich, langsam die Veränderung von Temperament, Charakter und Neigungen. Sie sind sehr zäh, sie ändern sich wohl auch etwas, aber nur außerordentlich langsam. Sie stehen zu dem, was man lernt, im selben Verhältnis etwa wie der kleine Zeiger der Uhr zum großen. Das kommt daher, daß alles dies am Ätherleibe hängt, und der verändert sich nur langsam, weil er aus einer viel weniger verwandlungsfähigen Materie besteht als der Astralleib. Am langsamsten aber verändert sich der physische Leib. Er ist etwas, was sozusagen einmal veranlagt ist und so ziemlich mit denselben Dispositionen das ganze Leben hindurch bleibt. Wir werden später sehen, wie der Einzuweihende auch seinen physischen Leib ändern und wie er auf seinen Ätherleib wirken kann. Jetzt müssen wir erst einmal betrachten, wie sich diese Dinge über das Leben hinaus erstrecken.

Die Vorstellungen, Empfindungen und so weiter eines langen Lebens, die den Astralleib umändern, werden erst im nächsten Leben

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eine eingreifende Veränderung im Ätherleib hervorrufen. Will man daher dafür sorgen, daß man im nächsten Leben mit guten Neigungen und Gewohnheiten geboren wird, so muß man versuchen, in seinem jetzigen Leben dies möglichst in seinem Astralleib vorzubereiten. Wenn sich also jemand bemüht, viele gute Taten zu tun, so wird er mit Neigungen zu guten Taten geboren. Das wird eine Eigenschaft des Ätherleibes. Wenn jemand zum Beispiel mit gutem Gedächtnis geboren werden will, so muß er hier möglichst viel Erinnerungsübungen machen, muß öfters Rückblicke nehmen auf die einzelnen Jahre seines Lebens und auf das Gesamtleben. Dadurch bildet er im Astralleib etwas aus, was im nächsten Leben eine Eigenschaft des Ätherleibes wird: eine gute Gedächtnisanlage. Ein Mensch, der in seinem Leben nur so durch die Welt rast, der wird im nächsten Leben so geboren, daß er wenig haften kann an einzelnen Dingen der Umgebung. Wer dagegen viel intim zusammenlebt mit einer bestimmten Umgebung, wird mit einer besonderen Vorliebe für alles, was eine solche Umgebung gebildet hat, geboren werden.

Nun kann man auch die verschiedenen Temperamente so richtig auf das Vorleben zurückführen, denn die Temperamente sind ja Eigenschaften des Ätherleibes.

Der Choleriker hat einen starken Willen, er ist mutig, kühn, tatendurstig und hat den Drang, viel zu tun. Von weltgeschichtlichen Persönlichkeiten waren es zum Beispiel Alexander der Große, Hannibal, Cäsar, Napoleon; das waren Choleriker. Es zeigt sich diese Charakteranlage schon beim Kinde. Ein solches Kind will eine führende Rolle spielen bei seinen Spielkameraden.

Der Melancholiker beschäftigt sich viel mit sich selbst; dadurch kommt er leicht dazu, sich abzusondern. Er denkt viel nach, hauptsächlich darüber, wie die Umgebung auf ihn wirkt. Er zieht sich gern zurück, ist leicht mißtrauisch. Das zeigt sich wiederum schon beim Kinde: Es zeigt nicht gern seine Spielsachen, hat Angst, es würde ihm etwas genommen und möchte zu allem gern ein Schlüsselchen haben.

Der Phlegmatiker hat für nichts recht Interesse, er verträumt viel, ist untätig, faul und sucht den Sinnengenuß.

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Der Sanguiniker dagegen hat leicht erregbares Interesse für alles, es hält aber nicht an, es verfliegt leicht und rasch, er wechselt viel und oft seine Liebhabereien.

Das sind die vier Grundcharakterzüge, die ein Mensch haben kann. Gewöhnlich hat der Mensch eine Mischung von allen vier Temperamenten; man kann aber immer mehr oder weniger einen Grundton finden. Diese vier Temperamente drücken sich im Ätherleib aus. Es gibt also vier verschiedene Hauptarten von Ätherleibern. Diese haben wiederum verschiedene Strömungen und Bewegungen, die sich in einer bestimmten Grundfarbe im Astralleib ausdrücken. Das ist nicht etwa vom Astralleib abhängig, es zeigt sich nur darin.

Das melancholische Temperament wird karmisch besonders dann hervorgerufen, wenn ein Mensch im vorhergehenden Leben gezwungen war, im kleinsten, engsten Kreise zu leben, viel für sich allein zu sein, immer nur sich mit sich selbst zu beschäftigen, so daß er kein Interesse für anderes in sich wecken konnte. Wer dagegen viel kennengelernt hat, wer mit vielen Dingen zusammengekommen ist und sie nicht bloß angeschaut hat, mit dem das vorige Leben hart umgegangen ist, der wird ein Choleriker. Wenn man ein angenehmes Leben ohne viele Kämpfe und Mühsale hatte oder auch wenn man viel gesehen hat, an vielem vorbeigekommen ist, es aber nur angesehen hat, so wird man ein Phlegmatiker oder Sanguiniker. Alles, was im Astralleib in diesem Leben geschieht, geht karmisch im nächsten Leben im Grundwesen auf den nächstdichteren Leib, den Ätherleib über.

Daraus kann man ersehen, wie man arbeiten kann für sein nächstes Leben, und in den okkulten Schulen wird bewußt in dieser Richtung an dem Menschen gearbeitet. Zwar war das früher noch mehr der Fall als heute. Das hängt mit den zyklischen Veränderungen der Entwickelung zusammen. Vor etwa fünftausend Jahren hatte der Geheimlehrer eine ganz andere Aufgabe. Damals hatte er für die Menschen mehr als Gruppen zu sorgen; die Menschen waren noch nicht so weit, daß jeder für sich zu sorgen hatte. Man arbeitete bewußt daran, daß ganze Kategorien und Gruppen von Menschen

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im nächsten Leben harmonisch zusammenstimmten. Die Menschen werden aber immer individueller, immer selbständiger, so daß der Geheimlehrer heute nicht mehr einen Menschen als Mittel zum Zweck benutzen kann, sondern jeden einzelnen als Zweck behandeln muß, jeden einzelnen so weit bringen muß, als es für diesen möglich ist. In den ältesten Kulturen, zum Beispiel in Indien, wurde die ganze Bevölkerung in vier Kasten geteilt und so an ihnen gearbeitet, daß die Menschen im nächsten Leben in eine bestimmte Kaste hineinpaßten. Die Ausbildung der Menschen war systematisch darauf eingerichtet, für Jahrtausende hinaus zu sorgen, für Jahrtausende das Weltbild umzumodeln, und gerade das gab den okkulten Führern die große Macht.

Wie wirkt der Mensch nun auf seinen Ätherleib ein im Hinblick auf das nächste Leben? Alles, was der Mensch an seinem Ätherleib ausbildet, entwickelt sich, wenn auch sehr langsam, und die Erziehung kann dafür sorgen, ganz bestimmte Gewohnheiten heranzuziehen. Das, was im Ätherleib im einen Leben vorgeht, kommt im nächsten Leben im physischen Leibe zum Dasein. Alle Neigungen und Gewohnheiten des jetzigen Ätherleibes geben im nächsten Leben die Disposition zu Gesundheit oder Krankheit. Gute Neigungen, gute Gewohnheiten geben die Disposition zur Gesundheit; üble Neigungen, üble Gewohnheiten erscheinen im nächsten Leben als Disposition zu bestimmten Krankheiten. Der Vorsatz, der feste Wille, sich eine schlechte Gewohnheit abzugewöhnen, wirkt schon in den tiefergelegenen Leib hinunter und gibt so die Disposition zur Gesundheit. Besonders gut ist beobachtet worden, wie die Disposition zu Infektionskrankheiten im physischen Leibe auftritt. Nicht, ob man eine Krankheit bekommt das hängt ja von den Taten ab , sondern ob man dazu disponiert ist, ob man ihr mehr oder weniger ausgesetzt ist, hängt von den Neigungen des vorhergehenden Lebens ab. Infektionskrankheiten führen merkwürdigerweise zurück auf einen besonders ausgebildeten egoistischen Erwerbssinn im vorigen Leben.

Wenn man sich informieren will über Gesundheit und Krankheit, so muß man bedenken, wie viele Dinge da zusammenwirken.

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Krankheiten brauchen nicht bloß ein Einzelkarma zu sein, es gibt auch ein Volkskarma in bezug auf Krankheiten.

Ein interessanter Fall, wie eigentümlich die Dinge im geistigen Leben zusammenhängen, ist die Einwanderung der Hunnen und der Mongolenstämme, die sich von Asien her nach dem Westen ergossen. Diese Völkerschaften, die Mongolen, waren Nachzügler der Atlantier. Während die Inder und Germanen und andere sich weiter aufwärtsentwickelten, waren die Mongolen die auf einer gewissen Stufe stehengebliebenen Brüder. Geradeso wie sich auf der Entwickelungsbahn des Menschen die Tiere abgegliedert haben, so gliedern sich auch niedrigere Völker und Rassen ab. Diese Völkerschaften, die Mongolen, waren zurückgebliebene Atlantier, die sich physisch hinunterentwickelten. Im Astralleib solcher zurückgebliebener Menschen sieht man reichliche astralische Verwesungsstoffe. Die Mongolen stießen auf die Germanen und auf die andern mitteleuropäischen Völker, die von Furcht und Schrecken ergriffen wurden. Furcht und Schrecken sind aber Eigenschaften des Astralleibes; in ihnen gedeihen vorzüglich solche astrale Verwesungsstoffe. So wurden die europäischen Astralleiber infiziert, und diese Infektion kam dann in den späteren Generationen im physischen Leibe heraus, aber nicht für das Individuum, sondern für ganze Völkerschaften. Das war der Aussatz, die Miselsucht, die schreckliche Krankheit, die im Mittelalter solche Verheerungen anrichtete. Diese Krankheit war die physische Folge des Einflusses auf den Astralleib.

Die philologische Forschung können Sie hier nicht zu Rate ziehen, weil sie von diesen astralischen Einflüssen nichts weiß. Aber schon in den Namen können Sie Hinweise finden für die Abstammung von der alten atlantischen Rasse: Attila, der Hunnenführer, heißt in der nordischen Sprache Atli, das heißt einer, der von den Atlantiern abstammt.

So haben Volkskrankheiten ihre Begründungen. Im Altertum wußte man noch um solche Dinge, und die Bibel drückte sie durch eine Wahrheit aus, die eben oft mißverstanden wird: «Der da heimsuchet der Väter Missetat bis in das dritte und vierte Glied»; denn damit sind nicht die aufeinanderfolgenden individuellen Inkarnationen

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gemeint, sondern die Generationen, diese Art von Volkskarma. Das ist wörtlich zu nehmen, wie überhaupt viele solcher Aussprüche wörtlicher zu nehmen sind, als man glaubt.

Man muß erst die religiösen Urkunden zu lesen verstehen lernen. Da gibt es vier Stufen. Der naive Mensch in alten Zeiten trat ihnen so gegenüber, daß er sie wörtlich nahm. Das war dann, als die Menschen gescheit wurden, immer weniger und weniger der Fall. Die klug gewordenen Liberalen, die Freigeister, legten die Urkunden jeder nach seiner Art aus, und so kam es, daß vieles nicht ausgelegt, sondern untergelegt wurde. Dann gibt es noch eine Stufe, die Symboliker. Das sind diejenigen, die alles symbolisch auslegen, sowohl die alten Mythen und Sagen wie auch das Leben des Christus Jesus. Natürlich hängt das alles von der Klugheit des einzelnen ab, denn man kann kluge und weniger kluge Bilder formen. Aber es gibt noch eine vierte Stufe, das ist der Geheimwissende, der nun wieder alles wörtlich verstehen kann, weil er durch seine geistige Erkenntnis die Zusammenhänge durchschaut.

Aus dem Gesagten ersehen Sie, wie im physischen Leben das herauskommt, was im geistigen Leben, in Gefühlen und Gewohnheiten früher vorhanden war. Man kann daraus einen wichtigen praktischen Grundsatz ableiten: Sorgt man in günstiger Weise für die Gewohnheiten der Menschen, so verbessert man nicht nur in den nächsten Generationen das sittliche, sondern auch das gesundheitliche Leben eines Volkes, und umgekehrt. Das ist dann Volkskarma.

Heutzutage ist eine Krankheit viel verbreitet, die man vor hundert Jahren kaum gekannt hat; nicht als ob man sie nicht erkannt hätte, aber sie war wirklich nicht verbreitet: Das ist die Nervosität. Diese eigentümliche Krankheitsform ist die Folge der materialistischen Weltanschauung des 18. Jahrhunderts. Ohne das Vorausgehen dieser materiellen Denkgewohnheiten wäre sie nie zustande gekommen. Der Geheimlehrer weiß, daß, wenn der Materialismus noch Jahrzehnte fortdauern würde, er eine verheerende Wirkung auf die Volksgesundheit haben würde. Würde diesen materiellen Denkgewohnheiten nicht gesteuert, so würden später die Menschen nicht nur gewöhnlich nervös sein, sondern die Kinder würden zitternd

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geboren werden und nicht nur die Umgebung empfinden, sondern an jeder Umgebung eine Schmerzempfindung haben. Vor allem würden die Geisteskrankheiten sich ungeheuer rasch verbreiten: Irrsinnsepidemien würden in den nächsten Jahrzehnten auftreten. Das war auch die Gefahr, welcher die Menschheit zusteuerte: epidemische Geisteskrankheiten. Und dieses Weltbild der Zukunft war die wahre Ursache, weshalb sich die okkulten Führer der Menschheit, die Meister der Weisheit, in die Notwendigkeit versetzt sahen, etwas von der spirituellen Weisheit in die allgemeine Menschheit einfließen zu lassen. Nur eine solche spirituelle Weltanschauung kann den kommenden Generationen wieder eine gute Gesundheitsanlage geben. Sie sehen, die Theosophie ist eine tiefe, aus dem Bedürfnis der Menschheit heraus geschöpfte Bewegung.

Vor einem Jahrhundert noch war ein «nervöser» Mensch einer, der starke Nerven hatte, Nerven wie Stricke. Schon aus der Umwandlung des Wortsinns kann man ersehen, wie da etwas ganz Neues in die Welt gekommen ist.

Wie steht nun das Karmagesetz zur physischen Vererbung? Die physische Vererbung spielt eine große Rolle. Wir wissen, daß sich im Sohn gewisse Eigenschaften des Vaters und der Voreltern wiederfinden; zum Beispiel gab es in der Familie Bach innerhalb zweihundertfünfzig Jahren achtundzwanzig bedeutende Musiker. Bernoulli war ein bedeutender Mathematiker, und acht bedeutende Mathematiker folgten in seiner Familie. Das ist alles Vererbung sagt man; aber das ist nur zum Teil wahr. Um zum Beispiel ein bedeutender Musiker zu werden, dazu gehört nicht bloß, daß man in der Seele die musikalischen Anlagen ausgebildet hat, sondern man muß auch physisch ein entsprechend gutes Ohr haben. Was nun rein physisch ist in der Musikerfamilie, die feinen Gehörorgane, das vererbt sich von den Eltern auf das Kind.

In einer Familie, in der viel Musik gepflegt wird, gibt es also gute, für die Musik ausgebildete Ohren. Wenn sich nun eine Seele mit stark ausgebildeten Anlagen für Musik verkörpert, da ist es verständlich, daß sie nicht in eine Familie hineingeboren wird, wo gar keine Musik getrieben wird da müßte sie ja verkümmern , sondern

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da hinein, wo geeignete physische Organe vorhanden sind. Es stimmt das ausgezeichnet mit dem Karmagesetz zusammen.

Ebenso kann es mit dem moralischen Mut sein. Findet eine Anlage dazu nicht das geeignete Blut, so verkommt sie. Sie sehen, man muß also vorsichtig sein in der Wahl seiner Eltern! Nicht das Kind sieht den Eltern ähnlich, sondern es wird da geboren, wo ihm die Eltern am meisten ähnlich sind.

Nun wird gefragt: Wird dadurch nicht die Mutterliebe beeinträchtigt? Das ist durchaus nicht der Fall. Gerade weil die tiefste Sympathie schon vor der Geburt besteht, geht dieses Kind zu der Mutter hin, so daß die Liebe ihrem Ursprung nach eigentlich noch weiter zurückverlegt wird; sie setzt sich nach der Geburt nur fort. Das Kind hat die Mutter schon geliebt vor der Geburt; kein Wunder, daß nachher die Mutter diese Liebe erwidert. So wird die Mutterliebe nicht etwa hinweggeleugnet, sondern erst ihren richtigen Ursachen nach erklärt.

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Achter Vortrag, Stuttgart, 29. August 1906

Wir fahren weiter fort in der Behandlung karmischer Einzelfragen gegenüber dem menschlichen Leben.

Eine weitere Frage ist: Welche Anschauung hat die Geheimlehre von der Entstehung des Gewissens? Das Gewissen zeigt sich dem Menschen unserer Kulturstufe als eine Art innerer Stimme, die ihm anzeigt, was er tun oder lassen soll. Wie ist eine solche innere Stimme entstanden?

Es ist von Interesse, zu erforschen, ob es denn überhaupt in der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit immer so etwas gegeben hat wie das, was man heute Gewissen nennt. Da finden wir, daß es in sehr frühen Volkszuständen kein Wort für diesen Begriff gegeben hat. In der griechischen Literatur taucht es erst verhältnismäßig sehr spät auf, so daß die älteren Griechen das Wort noch nicht in ihrer Sprache hatten. Und ebenso haben andere Völker in den Anfängen ihrer Kultur kein Wort dafür gehabt. Daraus können wir schließen, daß in einem mehr oder weniger bewußten Zustand dieses Gewissen erst nach und nach bekanntgeworden ist. So ist es auch. Das Gewissen ist erst entstanden, es hat sich herausgebildet und sogar erst ziemlich spät in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit. Wir werden später sehen, was unsere Vorfahren anstelle des Gewissens hatten.

Wie bildete sich nach und nach das Gewissen? Ein Beispiel: Darwin traf einmal auf seinen Reisen mit einem Menschenfresser zusammen und versuchte unter anderm ihm klarzumachen, daß es doch nicht gut sei, einen andern Menschen aufzufressen. Der Wilde aber sagte: Um zu entscheiden, ob es gut oder schlecht sei, einen Menschen zu fressen, müsse man ihn doch erst gefressen haben! Der Wilde hatte Gut und Böse noch nicht nach moralischen Begriffen beurteilt, sondern nach der von ihm empfundenen Annehmlichkeit. Er war ein zurückgebliebener Mensch aus einem alten, alten Kulturzustand, in dem wir alle einmal waren. Wie kam ein Mensch

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nun zu der Unterscheidung von Gut und Böse? Dadurch, zum Beispiel, daß er die Menschenfresserei so lange betrieb, bis er selbst einmal in die Lage kam, gefressen zu werden. In diesem Moment machte er die Erfahrung, daß ihn dasselbe treffen konnte. Er merkte also durch die Erfahrung, daß da etwas nicht ganz in Ordnung sei, und die Frucht dieser Erfahrung blieb ihm im Kamaloka und Devachan. Bei der nächsten Inkarnation brachte er ein ganz dunkles Gefühl mit, daß sein Tun nicht stimme, nach weiteren Inkarnationen wurde dies Gefühl bestimmter, er achtete auf die Empfindungen anderer, und es bildete sich so nach und nach ein gewisses Zurückhalten aus. Nach verschiedenen weiteren Inkarnationen hatte sich dies dunkle Gefühl verdichtet und der Gedanke herausgebildet: Das darf man nicht tun. Ebenso hat ein Wilder im Anfang der Kultur alles ohne Unterschied gegessen; da bekam er Magenschmerzen, und nach und nach machte er die Erfahrung, daß er manches essen konnte und manches nicht. So verdichtete sich allmählich die Erfahrung und wurde zur Stimme des Gewissens.

Was ist also das Gewissen? Das Ergebnis von Erfahrungen durch die verschiedenen Inkarnationen. Im Grunde ist alles Wissen, das höchste wie das niedrigste, überhaupt das Ergebnis von Erfahrungen; es ist auf dem Wege des Probierens, der Erfahrung entstanden.

Eine interessante Tatsache gehört hierher: Erst seit Aristoteles gibt es eine Wissenschaft der Logik, der Lehre vom Denken. Daraus muß man schließen, daß das richtige Denken auch erst entstanden ist. Und so ist es auch. Das Denken mußte sich erst entwickeln, und das richtige Denken, die Logik, ist erst im Laufe der Zeit aufgrund der Beobachtung entstanden, daß falsches Denken zu Dingen führt, die von Übel sind. Das Wissen ist etwas, was sich die Menschen in vielen Inkarnationen erworben haben. Nach langem Probieren gelangte die Menschheit zu einem Schatz des Wissens. Da sieht man die Wichtigkeit des Karmagesetzes; wir haben hier auch etwas, was sich als bleibende Angewöhnung und Neigung aus der Erfahrung heraus bildet. Solch eine Neigung wie das Gewissen haftet auch am Ätherleib: Indem der Astralleib sich soundso oft überzeugt hat,

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daß dieses oder jenes nicht geht, bildet sich diese Neigung im Ätherleib als eine bleibende Eigenschaft aus.

Ein anderer interessanter karmischer Zusammenhang zeigt sich bei einem gewohnheitsmäßig egoistischen Verhalten oder bei einem liebevollen sympathischen Mitleben mit anderen. Es gibt verhärtete Gewohnheitsegoisten nicht bloß in bezug auf den Erwerbssinn und es gibt altruistisch liebevoll Mitfühlende. Beides hängt am Ätherleib und kommt im nächsten Leben im physischen Leib zum Ausdruck. Personen, die in einem Leben gewohnheitsmäßig egoistisch handeln, altern früh im nächsten Leben, schrumpfen früh zusammen; das lange Jung- und Frischbleiben dagegen rührt von einem liebevollen, hingebungsvollen vorhergehenden Leben her. Somit kann man auch den physischen Leib bewußt vorbereiten für das nächste Leben.

Nun wird Ihnen eine Frage auf der Seele liegen, wenn Sie sich erinnern, was ich gestern gesagt habe: Wie ist es denn mit den Dingen, die der physische Körper sich selbst erringt? Seine Taten werden sein künftiges Schicksal; aber die Krankheiten, die er in diesem Leben durchgemacht hat, was wird daraus?

Die Antwort auf diese Frage, so seltsam sie klingen mag, ist keine Spekulation, keine Theorie, sie basiert auf Erfahrungen der Geheimwissenschaft und lehrt die Mission der Krankheit. Fabre dOlivet, der Erforscher der Anfangskapitel der Genesis, hat einmal ein sehr schönes Bild gebraucht. Er vergleicht das, was als Schicksal sich herausbildet, mit einem Naturvorgang; er sagt: Die wertvolle Perle entsteht durch eine Krankheit; sie ist ein Exsudat der Perlmuschel, so daß das Leben in diesem Fall erkranken muß, um etwas Wertvolles hervorzubringen. So wie aus einer Erkrankung der Muschel die Perle sich bildet, so kommen die Krankheiten des physischen Körpers in einem Leben im nächsten Leben als ästhetische Schönheit wieder zum Vorschein. Entweder wird der eigene Körper durch die Krankheit, die er durchgemacht hat, im nächsten Leben schön an äußerer Gestalt, oder es wird eine Infektionskrankheit, die er mit seiner Umgebung getragen hat, belohnt durch die Schönheit seiner Umgebung. Schönheit entwickelt sich also karmisch aus Leiden, Schmerzen, Entbehrungen und Krankheiten. Das ist ein frappierender

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Zusammenhang, aber er besteht tatsächlich. Sogar der Schönheitssinn wird auf diese Weise herausgebildet. Kein Schönes ist in der Welt ohne Leiden und Schmerzen und Krankheiten. Ganz Ähnliches tritt uns in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit im allgemeinen entgegen. Sie werden daraus ersehen, wie wunderbar eigentlich die karmischen Zusammenhänge im Leben sind und wie die Fragen nach dem Bösen, nach Krankheit und Schmerz gar nicht zu beantworten sind, ohne die großen inneren Zusammenhänge der Menschheitsentwickelung zu kennen.

Die Evolutionslinie geht zurück in ganz alte, alte Zeiten. Da waren noch ganz andere Verhältnisse, die Erde war eine ganz andere. Die höheren Tiere waren noch nicht vorhanden. Es gab eine Zeit, wo überhaupt noch keine Fische, Amphibien, Vögel, Säugetiere bestanden, nur Tiere, die niedriger sind als die Fische. Der Mensch war da, jedoch in ganz anderer Gestalt. Sein physischer Leib war noch sehr unvollkommen; höher war der geistige Leib. Er war noch in einem weichen, ätherischen Leib, und die Seele arbeitete selbst von außen an diesem physischen Leib. Der Mensch hatte noch alle anderen Wesen in sich. Nachher entwickelte sich der Mensch höher hinauf und ließ die Fischform zurück, die er in sich hatte. Das waren mächtige, phantastisch aussehende Geschöpfe, unähnlich unseren heutigen Fischen. Wieder entwickelte sich der Mensch höher hinauf und sonderte die Vögel aus sich heraus. Dann gingen die Reptilien und Amphibien aus dem Menschen heraus, groteske Wesen wie die Saurier, Fischeidechsen, die eigentlich nur Nachzügler der früher zurückgebliebenen, noch menschenunähnlicheren Wesen waren. Dann noch später setzte der Mensch die Säugetiere heraus. Zuletzt stieß er die Affen ab und ging selbst höher hinauf.

Der Mensch war also von Anfang an Mensch, nicht Affe, und sonderte das ganze Tierreich aus sich heraus, um selbst vollkommener zu werden; gleichsam wie wenn man aus einer mit Farbe gemischten Flüssigkeit die Farbstoffe nach und nach heraussondert und das klare Wasser zurückbehält. Alte Naturforscher, wie Paracelsus und Oken, haben dies in schöner Weise ausgesprochen: Wenn der Mensch hinaussieht auf die Tierwelt, muß er sich sagen: Das

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habe ich selbst in mir getragen und abgesondert aus meinem Wesen.

So hatte der Mensch in sich, was er später außer sich hatte. Und so hat der Mensch auch heute noch etwas in sich, was er später außer sich haben wird, nämlich sein Karma, die beiden Posten Gut und Böse. So wahr es ist, daß der Mensch das Tiergeschlecht aus sich herausgesetzt hat, ebenso wahr ist es, daß er das Böse und das Gute in die Welt hinaussetzen wird. Das Gute wird eine von Natur gute Menschenrasse ergeben, das Böse eine abgesonderte böse Menschenrasse. Das steht auch in der Apokalypse; das darf nur nicht mißverstanden werden. Nun muß man aber auch unterscheiden zwischen Seelenentwickelung und Rassenentwickelung. Eine Seele kann inkarniert sein in einer Rasse, die herunterkommt; aber wenn diese Seele sich nicht selbst böse macht, braucht sie sich nicht wieder in einer zurücksinkenden Rasse zu inkarnieren; sie verkörpert sich wieder in einer höhersteigenden Rasse. Für die heruntersteigenden Rassen strömen von anderen Seiten Seelen genug zur Inkarnation herbei.

Aber was innen ist, muß nach außen, und der Mensch wird immer höher steigen, wenn sein Karma sich ausgewirkt hat. Damit hängt etwas außerordentlich Interessantes zusammen. Im Hinblick auf diese Entwickelung der Menschheit sind nämlich schon vor Jahrhunderten Geheimorden gegründet worden, die sich die denkbar höchsten Aufgaben gestellt haben. Ein solcher Orden ist der Manichäerorden. Die Wissenschaft weiß nichts Rechtes über ihn. Man meint, die Manichäer hätten die Lehre aufgestellt, daß es von Natur aus ein Gutes und ein Böses gäbe, die miteinander im Kampfe liegen; das sei so von der Schöpfung her bestimmt gewesen. Das ist ein zum Unsinn verzerrter Schimmer der wirklichen Aufgabe dieses Ordens. Die einzelnen Glieder dieses Ordens werden in ganz besonderer Weise für ihre große Aufgabe erzogen. Dieser Orden weiß, daß es Menschen geben wird, die im Karma kein Böses mehr haben werden, und daß es auch eine von Natur aus böse Rasse geben wird, bei der alles Böse noch in höherem Grade vorhanden sein wird als bei den wildesten Tieren, denn sie werden Böses tun bewußt, raffiniert,

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mit einem hochausgebildeten Verstande. Der Manichäerorden belehrt nun jetzt schon seine Mitglieder in solcher Weise, daß sie das Böse nicht nur bekämpfen, sondern fähig werden, es zum Guten umzuwandeln in späteren Inkarnationen. Das ungeheuer Schwierige dieser Aufgabe liegt darin, daß in jenen bösen Menschenrassen nicht etwa wie bei einem bösen Kinde neben dem Bösen noch Gutes ist, das sich durch Beispiel und Lehre höher entwickeln läßt. Jene von Natur aus ganz Bösen radikal umzugestalten, das lernt das Mitglied des Manichäerordens heute schon. Und dieses dann umgeschmolzene Böse wird nach gelungener Arbeit ein ganz besonders Gutes. Ein Zustand der Heiligkeit wird der allgemeine sittliche Zustand auf Erden sein, und die Kraft der Umwandlung wird den Zustand der Heiligkeit bewirken. Aber das kann nicht anders erzielt werden, als wenn erst dieses Böse sich bildet; und in der Kraft nun, die angewandt werden muß, um dieses Böse zu überwinden, entwickelt sich die Kraft zur höchsten Heiligkeit. Der Acker muß gedüngt werden mit dem ekelerregenden Dünger, der Dünger muß zuerst gleichsam in den Acker hineinwachsen als Ferment. So braucht die Menschheit den Dünger des Bösen, um den Zustand der höchsten Heiligkeit zu erreichen. Das ist die Mission des Bösen. Stark wird der Mensch, wenn er seine Muskeln anstrengen muß; ebenso muß das Gute, wenn es sich zur Heiligkeit steigern soll, erst das ihm entgegengesetzte Böse überwinden. Das Böse hat die Aufgabe, die Menschheit höher zu bringen.

Solche Dinge lassen uns hineinschauen in das Geheimnis des Lebens. Später dann, wenn der Mensch das Böse überwunden hat, kann er darangehen, die heruntergestoßenen Geschöpfe, auf deren Kosten er sich entwickelt hat, zu erlösen. Das ist der Sinn der Entwickelung.

Etwas noch Schwierigeres ist das Folgende. Ein Schneckenhaus, eine Muschelschale sind abgesondert aus der lebendigen Substanz des Tieres selbst. Was als Haus die Schnecke umgibt, war ursprünglich in ihr; es ist ihr eigener Leib in verdichteter Form. Die Theosophie sagt: Wir sind eine Einheit mit allem, was uns umgibt. Das ist so zu verstehen, daß der Mensch einst alles in sich gehabt hat. In der

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Tat ist die Erdkruste entstanden dadurch, daß der Mensch sie einst auskristallisiert hat; und wie die Schnecke ihr Haus, so hat der Mensch auch alle anderen Wesen und Reiche, Mineral-, Pflanzen- und Tierreich, in sich gehabt und kann zu allen sagen: Die Substanzen waren in mir, ich habe die Bestandteile herauskristallisiert. So blickt er nun auf etwas außer sich selbst, und jetzt bekommt es einen greifbaren Sinn, wenn er, indem er sie schaut, sagt: Das alles bin ich selbst.

Noch subtiler ist eine zweite Idee. Stellen Sie sich jenen alten Menschheitszustand vor, in dem noch nichts aus dem Menschen herausgesondert war. Der Mensch war da und hatte auch Vorstellungen; aber er hatte sie nicht objektiv dadurch, daß die äußeren Dinge einen Eindruck machten, sondern rein subjektiv. Alles kam aus ihm selbst heraus. Der Traum ist noch ein Erbstück aus jener Zeit, wo der Mensch die ganze Welt gleichsam aus sich herausgesponnen hat. Dann setzte er die Welt sich selbst entgegen. Wir haben die Dinge selbst gemacht und schauen unsere eigenen Produkte, unser eigenes, festgewordenes Wesen in den anderen Geschöpfen.

Kant spricht von etwas, was der Mensch nicht erkennen könne, von einem «Ding an sich». Aber so etwas gibt es nicht. Es gibt keine Grenzen des Erkennens, denn der Mensch findet in allem, was er um sich herum sieht, die zurückgelassenen Spuren seiner eigenen Wesenheit.

Alles das wurde gesagt, um Ihnen zu zeigen, daß man, wenn man nur eine Seite der Dinge betrachtet, niemals zu einem wirklichen Verständnis kommen kann. Man muß sich klar darüber sein, daß alles, was uns in einem gewissen Zustande erscheint, in früheren Zeiten ganz anders war, und nur, wenn man die Gegenwart und die Vergangenheit miteinander vergleicht, kommt man da zu einem Verständnis. Und so auch, wenn man nur die sinnliche Welt betrachtet: Niemals wird man verstehen, warum es überhaupt Krankheit gibt oder was die Mission des Bösen ist, wenn man sich auf die sinnliche Betrachtung beschränkt. Alle solchen Zusammenhänge haben einen tiefen Sinn. Diese ganze Entwickelung durch Abspaltung, die ich Ihnen geschildert habe, hat sich vollzogen, weil der Mensch ein innerliches Wesen werden sollte; er mußte das alles aus sich

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heraussetzen, um sich selbst schauen zu können. So verstehen wir die Mission der Krankheit, die Mission des Bösen und die Mission der Außenwelt. Das sind große Zusammenhänge, wie sie die Betrachtung des Karmagesetzes ergibt.

Wir wollen nun noch einige karmische Einzelfragen behandeln, die häufig gestellt werden. Welches ist der karmische Zusammenhang, daß viele Menschen schon so jung sterben, zum Beispiel schon als Kinder? Fälle, die der Geheimwissenschaft bekannt sind, lehren das Folgende. Man konnte zum Beispiel ein Kind, das früh gestorben ist, in Beziehung auf sein voriges Leben untersuchen, und da zeigte sich, daß es in seinem früheren Leben recht gut veranlagt war und diese Anlagen auch gut benutzt hatte. Es war ein recht fähiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft geworden, aber es war etwas schwachsichtig. Durch diese schwachen Augen und das weniger genaue Ansehen-Können bekamen alle seine Erfahrungen einen besonderen Anstrich. Es fehlte dadurch überall an einer Kleinigkeit, um die es hätte besser sein können; der Mensch blieb immer etwas zurück wegen der schwachen Augen. Er hätte ganz Außerordentliches leisten können, wenn er gute Sehorgane gehabt hätte. Er starb und wurde dann ganz kurze Zeit danach wieder inkarniert mit gesunden Augen, lebte aber nur wenige Wochen. Dadurch aber hatten die Wesensglieder erfahren, wie man gesunde Augen bekommt, und der Mensch hatte ein Stückchen Leben bekommen, um zu erwerben, was ihm noch gefehlt hatte, gleichsam eine Korrektur des vorhergehenden Lebens. Der Schmerz der Eltern wird natürlich karmisch ausgeglichen, aber sie mußten das Werkzeug für diese Korrektur sein.

Was ist der karmische Zusammenhang bei totgeborenen Kindern? Darüber läßt sich schwer sprechen. In einzelnen Fällen, die okkult untersucht wurden, hatte sich der Astralleib schon mit dem physischen Leib verbunden, zog sich dann aber wieder zurück, so daß der physische Leib tot zur Welt kam. Warum aber zieht sich der Astralleib zurück? Das hängt so zusammen: Gewisse Glieder der höheren Menschennatur hängen mit gewissen physischen Organen zusammen. Kein Wesen zum Beispiel kann ohne Zellen einen Ätherleib haben. Der Stein hat keinen Ätherleib, weil er keine Gefäße

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oder Zellen hat wie die Pflanze. Ebenso ist der Astralleib an ein Nervensystem gebunden. Die Pflanze hat keinen Astralleib, eben weil sie kein Nervensystem hat. Sobald eine Pflanze von einem Astralleib durchzogen würde, könnte sie nicht mehr physisch wie eine Pflanze aussehen, sie müßte mit einem Nervensystem versehen sein, wie der Stein mit Zellen begabt würde, wenn er von einem Ätherleib durchzogen würde.

Soll nun der Ich-Leib nach und nach Platz greifen, dann muß innerhalb des physischen Körpers warmes rotes Blut vorhanden sein. Alle Tiere, die rotes Blut haben, sind in einer Zeit aus dem Menschen herausgesondert worden, in der sich für den Menschen der Ich-Zustand vorbereitet hat. Daraus erkennen wir, daß die physischen Organe in Ordnung sein müssen, wenn die höheren Leiber Wohnsitz in ihnen nehmen sollen. Wichtig ist nun, zu berücksichtigen, daß der physische Körper ausgestaltet wird in seiner Form durch rein physische Vererbung. Nun kann die Zusammensetzung der Säfte eine unrichtige sein, während die Eltern sonst geistig und seelisch gut zueinander passen. Dann kommt kein ordentlicher physischer Leib zustande; da bekommt der Menschenkeim einen physischen Leib, in dem die höheren Leiber ihren Wohnsitz nicht errichten können. Zum Beispiel der Ätherleib verbindet sich mit dem physischen Leib, nun soll sich der Astralleib des physischen Leibes bemächtigen. Da findet er kein geeignetes Werkzeug, kein ordentlicher Organismus steht ihm zur Verfügung, und der Astralleib muß sich wieder zurückziehen. So bleibt der physische Leib zurück, der dann tot geboren wird. Mithin wird eine Totgeburt bewirkt durch eine physisch schlechte Säftemischung, die kein geeignetes Werkzeug für den geistig-seelischen Menschenkeim geliefert hat. Der physische Leib gedeiht nur soweit, als höhere Wesensglieder in ihm wohnen können. Sie sehen, wie man ins einzelne gehen muß beim Studium karmischer Zusammenhänge.

Wie kommen nun karmische Ausgleiche zustande? Wenn jemand einer anderen Person etwas zugefügt hat, so muß das zwischen ihnen karmisch wieder ausgeglichen werden. Dazu aber müssen die betreffenden Personen gleichzeitig verkörpert sein. Wie geschieht das? Was

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bringt die Menschen zusammen, welche Kräfte bewirken das? Die Technik des Karma ist folgende: Das Böse, das ich einem Menschen angetan habe, ist geschehen, dadurch hat er gelitten. Nun sterbe ich, gehe ins Kamaloka. Zunächst unmittelbar nach dem Tode muß ich es im Erinnerungstableau sehen; das schmerzt nicht. Dann lebe ich mein Leben zurück. Komme ich in der Kamalokazeit wieder an den Punkt, da muß ich in den ausgehaltenen Schmerz des anderen Menschen nun selbst erleiden. Da kommt also der Gefühlsinhalt hinzu; der prägt sich wie ein Stempel in den Astralleib ein. Ich nehme etwas von diesem Schmerz als Ausbeute ins Devachan mit, es bleibt davon eine Kraft in mir als Ergebnis dessen, was ich an dem anderen Menschen erlebt habe. Ich muß in des anderen Menschen Schmerz oder auch Freude hineinschlüpfen, die er durchleben mußte; das zieht gewisse Kräfte in den Astralleib, so daß ich eine große Menge von Kräften mitnehme ins Devachan.

Komme ich nun zurück zu einer neuen Verkörperung, so ziehen mich diese Kräfte wieder zu dem betreffenden Menschen hin, zum Ausgleich des Karmas. So werden alle Menschen zusammengeführt, die einmal etwas miteinander erlebt haben; sie haben während der Kamalokazeit sich diese Kräfte einverleibt.

Selbstverständlich können in einem physisch verkörperten Menschen auch Kamaloka-Erlebnisse mit mehreren Menschen sein, um ihr Karma auszugleichen. Ein Beispiel soll uns auch das klarmachen. Ein in der Geheimwissenschaft bekannter Fall sagt folgendes: Ein Mensch wurde von fünf Richtern zum Tode verurteilt. Was war da geschehen? Dieser eine hatte im vorigen Leben eben diese fünf getötet, und die karmischen Kräfte hatten diese sechs Menschen zusammengeführt zum karmischen Ausgleich. Daraus entsteht nun aber nicht etwa eine nie endende karmische Kette, sondern andere karmische Beziehungen ändern den weiteren Verlauf.

Sie sehen, geheimnisvoll arbeiten die geistigen Kräfte, um das komplizierte Menschengebilde zustande zu bringen. Manche wichtige, große Gesichtspunkte werden uns noch klar werden, wenn wir in den nächsten Tagen die ganze Entwickelung der Erde und des Menschen betrachten werden.

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Neunter Vortrag, Stuttgart, 30. August 1906

Wenn wir uns fragen: Wie hat der Mensch sich seit den urältesten Zeiten bis heute gebildet, wie ist seit Urzeiten der Mensch entstanden? dann werden wir uns vor allem an das erinnern müssen, was wir über die Wesenheit des Menschen ausgeführt haben, Der Mensch hat sieben Glieder: das erste, der physische Leib, ist sozusagen das untergeordnetste Glied, höher und feiner ist dann schon der Ätherleib, noch höher und feiner ist der Astralleib, von dem Ich-Leib sind erst die Anlagen vorhanden. Es wäre aber falsch, daraus den Schluß zu ziehen, daß man den höchsten Leib, den der Mensch heute hat, auch den vollkommensten nennen könnte und daß der physische Leib der unvollkommenste wäre. Es ist gerade das Gegenteil der Fall, der physische Leib ist das vollkommenste Glied der menschlichen Wesenheit. Später einmal werden freilich die höheren Glieder in viel höherem Maße vollkommen sein, aber heute ist in seiner Art der physische Leib der am höchsten entwickelte. Er ist mit unbeschreiblicher Weisheit aufgebaut. Ich habe Ihnen einmal als Beispiel den Bau des Oberschenkelknochens beschrieben. Jeder einzelne Knochen ist mit seinem kunstvoll gefügten Gebälk in seiner weisen Anordnung so, wie kein Ingenieur heute das Problem lösen könnte, mit der kleinsten Masse die größte Leistung zu erzielen. Und je tiefer man eindringt in den Wunderbau der menschlichen Gestalt, desto bewunderungswürdiger erscheint uns der Aufbau, zum Beispiel der Wunderbau des Gehirns, des Herzens. Das Herz macht keinen Fehler, aber der menschliche Astralleib begeht viele Fehler. Die Triebe und Leidenschaften des Astralleibes stürmen auf den physischen Leib ein und überwältigen ihn. Wenn der Mensch unrichtige Nahrung zu sich nimmt, folgt er wiederum dem Astralleib. Das physische Herz hält den Blutlauf in Ordnung, aber der Astralleib macht unaufhörlich Attacken auf das Herz, weil seine Triebe begehren, was dem Herzen schadet. Kaffee, Tee, Alkohol sind Giftstoffe für das Herz, sie werden ihm oft täglich zugeführt,

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und das Herz hält dennoch stand. Es ist so dauerhaft konstruiert, daß es siebzig, achtzig Jahre allen Stürmen des Astralleibes trotzt. In der Stufenlage der Leiber ist also der physische Leib der vollkommenste bis in alle Einzelheiten hinein.

Weniger vollkommen ist der Ätherleib, noch weiter zurück in seiner Entwickelung ist der Astralleib, und am wenigsten entwickelt ist der Ich-Leib. Woher kommt das? Das kommt daher, daß der physische Leib die längste Entwickelung durchgemacht hat. Er ist das älteste Glied der menschlichen Wesenheit. Weniger alt ist der Ätherleib, noch jünger ist der Astralleib, und am jüngsten ist der Ich-Leib.

Um diese Entwickelung der Leiber zu verstehen, muß man wissen, daß nicht nur der Mensch wiederholte Verkörperungen durchmacht, sondern daß das Gesetz der Reinkarnation ein allgemeines Weltgesetz ist. Nicht nur der Mensch macht also fortwährend Verkörperungen durch, sondern alle Wesen und alle Planeten sind diesem Gesetze unterworfen. Unsere ganze Erde mit allem, was darauf ist, hat frühere Inkarnationen durchgemacht, von denen uns zunächst drei besonders beschäftigen sollen.

Bevor die Erde zu diesem Planeten geworden ist, war sie ein anderer. Vor uralten Zeiten war unsere Erde ein Planet, den die Geheimwissenschaft Saturn nennt. Vier sich folgende Verkörperungen sind: Saturn, Sonne, Mond, Erde. Wie zwischen zwei menschlichen Verkörperungen eine Kamaloka- und Devachanzeit liegt, so liegt zwischen je zwei planetarischen Verkörperungen der Erde eine Zeit, in der dieselbe nicht sichtbar ist und kein äußeres Leben führt. Diese Zeit zwischen den Verkörperungen unseres Planeten nannte man das Pralaya, und die Zeit, in der er verkörpert ist, Manvantara. Mit den Namen Saturn, Sonne, Mond sind aber nicht die Himmelskörper gemeint, die heute so genannt werden. Das, was hier Sonne genannt wird, ist nicht unsere heutige Sonne. Unsere heutige Sonne ist ein Fixstern, und im Laufe ihrer Verkörperungen hat sie sich aus der Substanz und Wesenheit eines Planeten zu dem Range eines Fixsterns heraufgearbeitet; die alte Sonne war ein Planet. Ebenso ist das, was der alte Mond genannt wird, nicht der heutige Mond; es war

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die dritte Verkörperungsstufe der Erde, und so ist es auch mit dem Saturn, er war die erste Entwickelungsstufe der Erde.

Auf dem Planeten Saturn war der Mensch schon vorhanden. Der Saturn leuchtete nicht, aber mit devachanischem Hören hätte man ihn hören können; er tönte. Nachdem er eine Zeitlang dagewesen war, verschwand er nach und nach, wurde eine lange Zeit unsichtbar und leuchtete dann wieder hervor als Sonne. Diese machte dann denselben Prozeß durch und kam als Mond wieder hervor. Zuletzt kam in gleicher Weise die Erde.

Man darf sich aber diese vier Planeten, Saturn, Sonne, Mond, Erde, nicht als vier voneinander getrennte Planeten vorstellen; das wäre ganz falsch. Es sind vier Erscheinungszustände eines und desselben Planeten. Es sind richtige Metamorphosen des einen Planeten, und alle Wesen auf demselben metamorphosieren sich mit ihm. Der Mensch war nie auf einem anderen Planeten, aber die Erde war in verschiedenen Zuständen da.

Als unsere Erde Saturn war, gab es nur die allerersten Keime zu unserem Menschenreich. Was heute als menschlicher Leib so kunstvoll aufgebaut ist, war auf dem Saturn nur Anlage, nichts weiter als allererste Anlage. Es gab kein Mineral, keine Pflanzen, kein Tier. Der Mensch ist der Erstling unserer Schöpfung. Aber der Saturnmensch war wesentlich anders als der heutige Mensch. Er war zum großen Teil ein geistiges Wesen. Man hätte ihn noch nicht mit physischen Augen sehen können. Es gab auch noch keine physischen Augen. Nur ein Wesen mit devachanischem Schauen hätte diesen Menschen wahrnehmen können. Dieses menschliche Gebilde war wie eine Art aurisches Ei und darin ein merkwürdiges schaliges Gebilde in Form einer kleinen Birne, wie zusammengefügte Austernschalen, eine Art von Wirbeln. Der Saturn war ganz durchsetzt von solchen Anfängen physischer Gebilde; es waren gleichsam Ausschwitzungen, die sich aus dem Geistigen verdichteten. Aus diesen Gebilden, die man nur als ganz leise Andeutungen des Späteren hätte ansehen können, hat sich im Laufe der Entwickelung der physische Leib des Menschen gebildet. Es war eine Art Urmineral, um das sich noch nicht ein Ätherleib gebildet hatte. Darum kann man

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sagen: Der Mensch ging durch das Mineralreich hindurch. Doch war das nicht unser heutiges Mineralreich, so zu denken wäre ganz unrichtig. Außer diesem Menschenreich gab es überhaupt kein anderes Reich auf dem Saturn.

Wie nun der Mensch gewisse Lebensstadien durchmacht, als Kind, Jüngling, Jungfrau, Mann, Frau, Greis, Greisin, so macht auch ein Planet Lebensstadien durch. Ehe der Saturn die in ihm abgelagerten Flocken zeigte, war er ein Arupa-Devachangebilde, dann ein Rupa-Devachangebilde, nachher ein Astralgebilde. Hierauf verschwinden nach und nach die Flocken, und der Saturn geht diese Stufen wieder zurück ins Dunkel des Pralaya. Solch eine Metamorphose vom Geistigen ins Physische und wieder zurück nennt man in der theosophischen Literatur eine «Runde» oder einen «Lebenszustand». Jede Runde zerfällt wieder in sieben Unterabteilungen: Arupa, Rupa, Astral, Physisch, dann wieder Astral, Rupa, Arupa; diese hat man mit Unrecht «Globen» genannt: Es sind Formzustände. Man hat es aber nicht mit sieben aufeinanderfolgenden Kugeln zu tun, es ist immer derselbe Planet, der sich verwandelt, und die Wesen machen die Verwandlungen mit durch. Der Saturn hat sieben solcher Runden oder Lebenszustände durchgemacht. In jeder Runde wird das Gebilde vervollkommnet, so daß es erst in der siebenten Runde in seiner Art vollkommen ist. In jeder Runde werden sieben Verwandlungen beziehungsweise Formzustände durchgemacht, mithin hätte der Saturn sieben mal sieben, also neunundvierzig Metamorphosen. Das hat der Saturn durchgemacht, ebenso die Sonne, der Mond, und die Erde macht dasselbe durch, und dann folgen in der Zukunft noch drei andere Planeten: Jupiter, Venus und Vulkan.

Es sind also sieben Planeten mit je sieben mal sieben Zuständen, also geheimwissenschaftlich geschrieben 777. In der Geheimschrift bedeutet die Sieben an der Einerstelle die Globen, an der Zehnerstelle die Runden, an der Hunderterstelle die Planeten. Diese Zahlen müssen miteinander multipliziert werden. Mithin hat unser Planetensystem 7 mal 7 mal 7 oder 343 Verwandlungen durchzumachen.

In der «Geheimlehre» von H. P. B. finden wir eine merkwürdige Stelle. Die «Geheimlehre» ist zu einem großen Teil des Inhalts von

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einer der höchsten geistigen Individualitäten inspiriert worden. Aber die großen Eingeweihten haben sich immer sehr vorsichtig ausgedrückt, sie haben nur angedeutet. Vor allen Dingen lassen sie die Menschen selbst immer etwas arbeiten. So ist diese Stelle voller Rätsel; H. P. B. wußte das. Der Lehrer sagte nichts von aufeinanderfolgenden Inkarnationen, er sagte nur: Lernt das Rätsel von 777 Inkarnationen zu lösen. Er wollte, daß man lernen sollte, daß dies 343 sind. In der «Geheimlehre» steht zwar die Aufgabe, aber nicht die Lösung; die ist erst in jüngster Zeit gefunden worden.

Der erste Keimzustand des Menschen war also auf dem in urferner Zeit sich entwickelnden Saturn. Dieser verschwand dann ins Pralaya und trat aus demselben wieder hervor als Sonne, und mit ihr trat aus dem Dunkel des Pralaya auch der Mensch wieder hervor, der alte Bewohner des Weltalls. Aber mittlerweile hatte der Mensch die Kraft bekommen, etwas aus sich herauszusondern, wie die Schnecke ihr Haus. Er konnte schalenförmige Gebilde heraussondern als schwebende Gestalten und behielt die feineren Stoffe in sich zurück, um sich höher zu entwickeln. So bildete der Mensch das Mineralreich aus sich heraus; aber diese Mineralien waren eine Art lebender Mineralien. Der Mensch entwickelte sich nun auf der Sonne so, daß der Ätherleib hinzutrat, wie bei den heutigen Pflanzen. Er machte also auf der Sonne das Pflanzenreich durch, und wir haben nun auf der Sonne zwei Reiche, das Mineralreich und das Pflanzenreich; das letztere war der Mensch. Aber diese Pflanzenformen waren ganz verschieden von unseren heutigen.

Wer in die tieferen Beziehungen eindringt, betrachtet die Pflanze als einen umgekehrten Menschen. Sie hat unten die Wurzel, dann nach oben den Stengel, Blätter, Blüte, Staubgefäße und Stempel; die Stempel enthalten die weiblichen, die Staubgefäße die männlichen Befruchtungsorgane. In naiver Unschuld streckt die Pflanze die Befruchtungsorgane der Sonne entgegen, denn die Sonne ist die Anregung der Befruchtungskraft. Die Wurzel ist in Wahrheit das Haupt der Pflanze, welche die Befruchtungsorgane in den Weltenraum hinausstreckt und deren Kopf von dem Innern des Erdzentrums angezogen wird. Der Mensch ist umgekehrt, er hat das Haupt oben und

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die Organe, die die Pflanze zur Sonne hinaufstreckt, unten. Das Tier steht in der Mitte, es hat den Leib horizontal. Wird die Pflanze halb gedreht, so ergibt sich die Stellung des Tieres, wird sie ganz umgedreht, die des Menschen.

Das hat die alte Geheimwissenschaft in einem uralten Symbol ausgedrückt, im Kreuz, und hat gesagt, wie Plato es nach den alten Mysterien ausdrückt: Die Weltenseele ist ans Kreuz des Weltenleibes geschlagen. Das heißt, die Weltenseele ist in allem enthalten, aber sie muß sich hinaufarbeiten durch diese drei Stufen hindurch; sie macht ihre Reise am Kreuz des Weltenleibes durch.

Auf der Sonne war der Mensch als Pflanzenwesen, also genau umgekehrt wie der heutige Mensch. Er lebte ja in der Sonne, er gehörte zum Leib der Sonne. Die Sonne war ein Lichtkörper, sie bestand aus Lichtäther; der Mensch war noch Pflanze und mit seinem Kopfe zum Mittelpunkt der Sonne gerichtet. Als dann später die Sonne heraustrat, mußte die Menschenpflanze sich umdrehen, sie blieb der Sonne treu.

In der ersten Runde ist die Sonne nur eine Wiederholung der Saturnzeit; erst bei der zweiten Runde beginnt die weitere Entwickelung des Menschen. Als die Sonne sich dann in den sieben Runden so weit entwickelt hatte, wie sie konnte, verschwand sie im Dunkel des Pralaya und kam erst wieder hervor als Mond.

Die erste Mondenrunde war wiederum nur eine Wiederholung des Saturndaseins in etwas anderer Gestalt. Die zweite Mondenrunde brachte auch noch nichts Neues, sie war eine Wiederholung des Lebens auf der Sonne. In der dritten Mondenrunde erst kam etwas Neues hinzu: Der Mensch bekam den Astralleib zu seinen zwei früheren Leibern. Da ist er in seiner äußeren Gestalt dem Tier von heute zu vergleichen: Er hat drei Leiber. Damals ist er angekommen auf der Stufe des Tierreiches. Der Mensch erhob sich zum Pflanzenreich durch Abstoßung des Mineralreiches, er erhebt sich nun zum Tierreich durch Abstoßung des Pflanzenreichs. So stehen nun zwei Reiche neben ihm. Dann stößt er wieder einen kleineren Teil von sich ab, sondert ihn von sich aus und geht höher hinauf.

In dieser dritten Mondenrunde geht nun auch ein wichtiger

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kosmischer Prozeß vor sich: Sonne und Mond trennen sich. Es entstehen zwei Körper; der Mond spaltet sich von der Sonne ab. Im Anfang der zweiten Mondenrunde ist die Sonne noch unverändert, dann zeigt sich eine kleine Einschnürung unten an dem Sonnenkörper, er schnürt sich ab, und in der dritten Mondenrunde sind zwei Körper nebeneinander.

Die Sonne hat die edleren Teile behalten, sie schickt von außen ihre Strahlen auf den Mond und gibt ihm und allen Wesen darauf das Nötige. Das ist das Avancement der Sonne, sie ist jetzt Fixstern geworden, und sie beschäftigt sich nicht mehr selbst mit den drei Reichen, sondern gibt nur ab, was sie zu geben hat. Sie beherbergt höhere Wesen, die sich jetzt entwickeln können, nachdem die Sonne die niederen Teile ausgesondert hat. In der vierten Mondenrunde vervollkommnet sich das alles, und in der fünften gehen dann die zwei Körper wieder ineinander über und verschwinden darauf als Eines im Pralaya.

Der alte Mond hatte noch keine feste Erdkruste, auf der man herumgehen konnte, wie auf den Felsen unserer Erde. Das Mineralreich war damals etwa wie eine lebendige Torfmoormasse oder wie gekochter Spinat. Diese lebendige, innerlich wachsende Masse war durchsetzt von holzartigen Gebilden. Daraus erwuchs das damalige Pflanzenreich, Pflanzen, die eigentlich Pflanzentiere waren. Sie hatten Empfindungen und würden einen Druck schmerzlich empfunden haben. Und der Mensch im damaligen Tierreich war nicht wie das heutige Tier, sondern stand zwischen Mensch und Tier. Er war höherstehend als das heutige Tier und konnte in viel planvollerer Weise seine Triebe ausführen. Er stand aber niedriger als der heutige Mensch, denn er konnte noch nicht zu sich Ich sagen. Er hatte noch nicht den Ich-Leib.

Diese drei Reiche lebten auf dem lebendigen Mondenkörper. Wichtig ist, daß diese Mondmenschen nicht so geatmet haben wie der heutige Mensch. Sie atmeten nicht Luft, sondern Feuer ein und aus. Mit dem Feuereinatmen durchdrangen sie sich mit Wärme; beim Ausatmen gaben sie die Wärme wieder von sich und wurden kalt. Die heutige innere Blutwärme hatte der Mensch auf dem Mond

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als Atmungswärme. Viele alte hellsehende Maler symbolisierten das in dem feueratmenden Drachen; sie haben eben gewußt, daß es in uralten Zeiten solche Mondwesen gegeben hat, die Feuer atmeten.

Nach seiner Entwickelung durch 7 mal 7 mal 7 Zustände ging der Mond ins Pralaya zurück und kam dann als Erde wieder hervor. In der ersten Erdenrunde wiederholt sich das ganze Saturndasein, in der zweiten das Sonnen- und in der dritten das Mondendasein. Während der dritten Runde wiederholte sich auch die Abspaltung von Sonne und Mond.

In der vierten Erdenrunde fängt die Erde an, sich herauszubilden. Nun geschieht ein hochwichtiger kosmischer Vorgang: Die Erde hat im Entstehen eine Begegnung mit dem Planeten Mars. Die zwei Planeten durchdringen einander, die Erde geht durch den Mars hindurch. Der Mars hatte einen Stoff, den die Erde damals nicht besaß: das Eisen. Dieses Eisen ließ der Mars in dampfförmigem Zustand in der Erde zurück. Wäre dies nicht geschehen, wäre die Erde alleingeblieben mit dem, was früher schon vorhanden war, dann hätten es die Menschen wohl bis zum Tierreich, wie es damals vorhanden war, gebracht; sie hätten Wärme atmen, aber niemals warmes Blut haben können. Hätte der Mars der Erde nicht das Eisen eingelagert, dann hätten die Menschen kein warmes Blut bekommen, denn im Blute ist Eisen enthalten. So sagt die Geheimwissenschaft: Die Erde verdankt bei ihrer Entwickelung dem Mars so viel, daß man sie in der ersten Hälfte ihres Seins Mars nennt. Für die zweite Hälfte hat eine ebenso wichtige Bedeutung der Merkur. Die Erde trat in alter Zeit in Beziehung zum Merkur und bleibt bis zum Ende ihrer Entwickelung mit ihm in Verbindung. Darum spricht man in der Geheimwissenschaft nicht von Erde, sondern von Mars und Merkur.

Auf dieses Stadium folgen in der Zukunft noch drei Stadien: Jupiter, Venus, Vulkan. Diese sieben Erdstadien, wie sie die Geheimwissenschaft angibt, haben sich erhalten in den Namen der Wochentage, die allerdings in der deutschen Sprache ziemlich verstümmelt sind:

Saturn Samstag Saturday, Samedi
Sonne Sonntag Sunday
Mond Montag Monday, Lundi
Mars Dienstag Mardi, oder Ziu Tuesday
Merkur Mittwoch Mercredi, Wednesday
Jupiter Donnerstag Jeudi, Tor, Donar Thursday
Venus Freitag Vendredi, Freya Friday

So haben Sie in den Namen der Wochentage die geheimwissenschaftliche Lehre von dem Durchgang der Erde durch diese verschiedenen Perioden: eine wunderbare Chronik, die es dem Menschen ermöglicht, sich diese Wahrheiten immer wieder zu vergegenwärtigen. Wir werden im Verlaufe der nächsten Tage dann immer mehr sehen, wie die Theosophie uns erst wieder zum Verständnis bringt, was unsere Urväter einst einfach im Namen ausgedrückt haben, und wie das Alltäglichste mit dem Allertiefsten zusammenhängt.

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Zehnter Vortrag, Stuttgart, 31. August 1906

Als die Erde aus dem Dunkel des Pralayazustandes auftauchte, erschien sie nicht allein, sondern zunächst vereinigt mit der Sonne und unserem heutigen Monde. Sonne, Mond und Erde waren ein Riesenkörper. Das war das Anfangsstadium unseres Planeten.

Damals bestand die Erde aus einer sehr, sehr dünnen Materie. Es gab keine festen Mineralien, auch kein Wasser, nur diese feine Materie, die wir Äther nennen. Das Ganze war also ein ätherischer, feiner Planet, umgeben von einer Geist-Atmosphäre, wie die heutige Erde von einem Luftkreis. In dieser Geist-Atmosphäre war alles enthalten, was heute die Menschenseele bildet. Ihre Seelen, die heute in Ihre Körper hineingesenkt sind, waren alle droben in jener geistigen Atmosphäre. Die Erde war eine große Ätherkugel, viel, viel größer als unsere heutige Erde, umgeben von geistiger Substanz, und in dieser geistigen Substanz waren enthalten die zukünftigen Menschenseelen. Unten in der dünnen Materie der Ätherkugel war etwas Dichteres vorhanden, nämlich Millionen von schalenförmigen Gebilden. Das waren die wieder herauskommenden Menschenkeime des Saturn. Hier wiederholte sich nun, was sich in alten Zeiten auf dem Saturn gebildet hatte. Von einer physischen Fortpflanzung und Vermehrung dieser Menschenkeime konnte natürlich nicht die Rede sein; es gab damals etwas ganz anderes. Die ganze die Erde umgebende Geist-Atmosphäre war, wie unser Luftkreis, mehr oder weniger ein einheitliches Ganzes, nur streckten sich von dieser Geist-Umhüllung geistige Fortsetzungen wie eine Art von Fangarmen herab in die Ätherkugel hinein und hüllten die schaligen Gebilde ein, so daß Sie sich vorzustellen haben, daß sich von oben der Geist heruntersenkte und die einzelnen Körper umhüllte. Diese Fangarme bearbeiteten dieselben und bildeten eine menschliche Form. War das Gebilde fertig, dann zog sich der Fortsatz wieder zurück, streckte sich nach einer anderen Richtung aus und arbeitete wieder an anderen Gebilden. Was hervorgebracht wurde, war also direkt von

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den geistigen Welten hervorgebracht. Ganz im Anfang war unten ein wirrer, durcheinanderwirbelnder Ätherstoff, viel dichter als die einheitliche göttliche Geistessubstanz, die die Arme ausstreckte, um aus dem Chaos Gebilde zu schaffen. Das war die erste Epoche unserer Erde; sie wird in der Genesis der Bibel sehr schön ausgedrückt: «Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde, und die Erde war wüst und leer, und der Geist Gottes schwebte über den Wassern.» Der Äther, wie er unten war, wird geheimwissenschaftlich als «Wasser» bezeichnet.

Man hätte damals die Erde nicht sehen können, ebensowenig die schaligen Gebilde; diese waren tönende Menschengebilde, und wenn ein solches entstand, drückte es sich in einem bestimmten Ton aus. Es war noch keine Individualität in den Gebilden; diese war noch ganz in der geistigen Atmosphäre aufgelöst. In diesen Gebilden konnte man sieben Arten von Grundtönen unterscheiden. Diese sieben Gruppen bildeten die ersten sieben menschlichen Wurzelrassen im Keim.

Nach Millionen von Jahren kam ein großer kosmischer Vorgang: Der ganze mächtige Ätherkörper schnürte sich etwas ein, nahm eine biskuitförmige Gestalt an und blieb eine Zeitlang so. Endlich trennte sich von diesem gemeinsamen Gebilde ein kleiner Teil ab, bestehend aus Erde und Mond. Mit diesem Vorgang war für die Menschheitsentwickelung etwas ganz Besonderes verbunden. Die Menschenkeime wurden gegliedert, sie wurden differenziert; durch den Austritt der Sonne konnten nun zuerst Gegenstände von außen beleuchtet werden. Alles Sehen beruht darauf, daß Licht vorhanden ist, daß die Sonnenstrahlen auf die Gegenstände fallen und zurückgeworfen werden. Das Licht ist der Urheber der Augen. Als die Sonne heraustrat, waren Körper vorhanden, die sie bescheinen konnte. Dadurch war die Möglichkeit gegeben, daß sich ganz allmählich Organe herausbildeten zur Wahrnehmung der beleuchteten Gegenstände. Die Umgebung wurde sichtbar. Diese Zeit wird in der Genesis dargestellt mit den Worten: «Und Gott sprach: Es werde Licht! und es ward Licht. Und Gott sah das Licht, daß es gut war, und Gott schied das Licht von der Finsternis.» Das ganze Erden-

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gebilde geriet nun in Drehung, und dadurch entstanden Tag und Nacht. Wenn man als Geheimwissenschafter die Bibel liest, kann man alles wieder wörtlich nehmen.

Jetzt war ein großer Teil derjenigen geistigen Wesenheiten, welche die Erde umgeben hatten, mit der Sonne fortgegangen. Sie bildeten die geistige Bevölkerung der Sonne und wirkten von der Sonne aus auf die Erde. Die physisch-ätherischen Menschengebilde wurden nun ausgestattet mit einer Astralhülle. Das Ganze, Erde und Mond, war nun umgeben von einer astralen Atmosphäre. Was vorher in der geistigen Atmosphäre ausgebreitet war, erstreckte sich nun zu den einzelnen menschlichen Gebilden, die einen selbständigen physischen und Ätherkörper ausgebildet hatten, und umgab sie. Der physische und der Ätherkörper war nun herausgebildet. In bezug auf den Astralleib aber war keine Selbständigkeit vorhanden; es gab noch eine gemeinsame Astralhülle für alle Wesen. Das war der Erdgeist, und der streckte wiederum seine Fangarme herein und umfing jeden einzelnen Menschenvorfahr. Eine neue Fähigkeit trat nun auf. Jetzt konnte ein jedes Menschengebilde ein anderes aus seiner eigenen Substanz hervorgehen lassen: eine Art Fortpflanzung ohne Befruchtung durch zwei Wesen. Es war also eine Befruchtung, die nicht geschlechtlicher Art war, sondern die von der ganzen Astralatmosphäre ausgeführt wurde. Wenn sich ein Fangarm niederstreckte, so bedeutete das eine Befruchtung des Menschenwesens, das dadurch wieder andere entwickeln konnte. Die Menschengebilde waren glockenförmig und hatten oben eine röhrenförmige Öffnung zur Aufnahme der Fangarme; sie öffneten sich der Sonne. Das war der hyperboräische Urmensch; man nennt diese Periode die zweite große Wurzelrasse. Diese Menschengebilde waren vielfach gegliedert. Sie starben nicht; einen Tod in unserem Sinne gab es nicht. Sterben bedeutet das Herausziehen des Bewußtseins aus dem Körper. Damals aber war das Bewußtsein noch nicht differenziert, es war ein allgemeines Bewußtsein für alle Menschen in der Astralhülle. Das Bewußtsein des einzelnen blieb ein Teil des gemeinsamen Bewußtseins, und wenn es sich aus einem Gebilde zurückzog, senkte es sich in ein anderes ohne Unterbrechung. Es war gleichsam, wie wenn von einer

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Wolke sich vorne ein Stück loslöste, das gleich hinten wieder durch ein anderes ersetzt wird. Es war nur eine Metamorphose, und es herrschte eine ununterbrochene Kontinuität des Bewußtseins. Das Bewußtsein empfand es nur wie ein Wechseln des Kleides. Und das Ganze lebte in wunderbarer Schönheit, es schwebte in den herrlichsten Farben, in einem Lichtäther, und verdichtete sich nach und nach.

Neben den Menschenvorfahren gab es aber auch schon Tier- und Pflanzenformen, die seine Genossen sein sollten. Die Pflanzen waren die heute zwerghaft gewordenen, niederen Gewächse. Ebenso waren die Tiere noch nicht in ihrer heutigen Gestalt vorhanden. Es waren leuchtende, den Äther durchwirbelnde Pflanzen und Tiere. Männliche und weibliche Tiere gab es nicht, es war noch alles eingeschlechtig; nur gewisse Tiere fingen gerade an, etwas von der Zweigeschlechtigkeit zu entwickeln. Ein eigentliches Mineralreich hatte sich noch nicht herausgebildet. Dann trat immer mehr eine Verdichtung der Ätherformen ein, so daß auch das Astrale immer mehr hereingezogen wurde.

Nach einer Jahrmillion sahen Erde und Mond ganz anders aus: Tiere und Pflanzen waren geleeartig, wie Eiweiß, wie gewisse Quallen und Meerpflanzen; und in dieser verdichteten Materie mit Organen befanden sich die Menschenvorfahren. Die Tier- und Pflanzengebilde verdichteten sich nach und nach durch die befruchtende Astralkraft. Dann kam eine wichtige Zeit, wo sich die befruchtenden Wesenheiten in der Astralatmosphäre durch die damals lebenden Naturgebilde manifestierten, so daß Menschen und Tiere die Befruchtungs- und Ernährungssubstanz zugleich durch die umliegende Pflanzenwelt erhielten. Diese sonderte etwas ab, was mit der späteren Milch der Menschen und Tiere Ähnlichkeit hatte. Ein letzter Rest solcher milchabsondernder Pflanzen ist zum Beispiel der Löwenzahn. So ernährten und befruchteten sich die Menschen damals aus der umgebenden Natur und waren selbstlos. Auf diese Art waren die Menschen vollständige Vegetarier. Sie nahmen nur auf, was die Natur freiwillig hergab. Sie nährten sich von milch- und honigähnlichen Säften. Es war ein wunderbarer Zustand in dieser

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urfernen Vergangenheit, der sich kaum mit Bildern unserer Sprache beschreiben läßt.

Nun kommt ein äußerst wichtiger Moment: Es trennen sich Erde und Mond; der kleinere Mond trennt sich von der Erde ab. Jetzt sind es drei Körper: Sonne, Mond und Erde. Dadurch war für die lebenden Wesen etwas außerordentlich Wichtiges gegeben. Der Mond nahm einen großen Teil derjenigen Kräfte mit sich fort, welche die Menschen und Tiergebilde brauchten, um aus sich selbst andere Wesen hervorgehen zu lassen. In jedem Menschen war jetzt nur noch die Hälfte der Befruchtungskraft, die früher in ihm gewesen war. Die produktive Kraft war halbiert, und dadurch entstand nach und nach die Trennung in zwei Geschlechter. Jetzt mußte der Mensch von einem Wesen seinesgleichen befruchtet werden. Diese Zeit war die lemurische Zeit, die dritte Wurzelrasse. In dieser Zeit entstand auch eine größere Verdichtung und Verdickung des Stoffes. Kurz vor der Trennung von Erde und Mond waren dichtere Einlagerungen entstanden, und nach der Trennung bildeten sich in Mensch und Tier knorpelartige Substanzen mit Anlagen zur Knochenverdichtung. In demselben Maße, wie sich die äußere Erdmasse verdichtete und der feste Boden, die feste Erdkruste sich heranbildete, bildete sich im Menschen und im Tier die feste Knochenmasse. Es entstanden allmählich feste mineralische Gebilde. Früher war alles ätherisch gewesen, dann luftartig und flüssig; die Wesen bewegten sich schwebend wie im Wasser oder fliegend wie in der Luft. Jetzt bildete sich die Erde in ihren Felsen ein festes Gerüste aus wie das Knochengerüst im Innern des Menschen. Knochen- und Felsenbildung gingen miteinander parallel. Die Form der damaligen Menschen ist zu vergleichen mit einer Art Fisch-Vogeltier. Der größte Teil der Erde war noch wässerig, die Temperatur war noch sehr hoch. In diesem wäßrigen Element war noch vieles aufgelöst, was später erst fest geworden ist, zum Beispiel auch jetzige Metalle und andere Stoffe. Darin bewegten sich die Menschen sozusagen in schwimmender, schwebender Bewegung. Die ungeheure Hitze, die damals auf der Erde herrschte, konnten sie gut vertragen; ihr Körper bestand ja noch aus einer Materie, die den

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geschilderten Verhältnissen entsprach, so daß sie darin leben konnten.

Dem Wasser waren kleine Kontinente, inselartige Gebilde eingelagert, auf denen die Menschen umherwandelten; aber die ganze Erdmasse war durchsetzt von vulkanischer Tätigkeit, die mit ungeheurer Vehemenz fortgesetzt Teile der Erde vernichtete, so daß diese fortwährend elementaren Zerstörungen und Neubildungen ausgesetzt war.

Die Menschen hatten noch keine Lungen, sie atmeten durch röhrenförmige Kiemenorgane. Sie sehen, der damalige Mensch war schon ein sehr kompliziertes Gebilde: Er hatte sich ein Rückgrat eingelagert, erst knorpelartig, dann knochig, und um sich schwebend und schwimmend fortbewegen zu können, hatte er eine Schwimmblase, etwa wie die heutigen Fische.

Bald, das heißt immerhin nach Jahrmillionen, wurde die Erde fester. Das Wasser trat zurück, sonderte sich ab von den festen Bestandteilen, die Luft kam in ihrer Reinheit heraus, und durch den Einfluß der Luft bildete sich die Schwimmblase allmählich zu Lungen um. Der Mensch erhob sich jetzt über das wässerige Element. Das war ein besonders wichtiger und bedeutungsvoller Vorgang. Die Kiemen bildeten sich zu anderen Organen um, teilweise zu Gehörorganen. Mit der Ausbildung der Lungen entstand die Fähigkeit des Atmens; dadurch lebt die ganze Menschheit in einem gemeinsamen Element, in der Luft. Die Menschen sind von Luft umgeben. Jeder Mensch nimmt ein Quantum Luft auf, bildet es nach seiner Form um und gibt es wieder heraus. Anfangs war der Mensch erfüllt mit dem reinen Geiste, später mit dem Astralen, und jetzt mit der Luft. Nun war der Mensch an dem Punkte angelangt, wo sich die Wärmeatmung in Luftatmung umwandelte. Damit wurde verwertet, was der Mars gebracht hatte: Es entstand jetzt warmes Blut. Der Moment ist da, wo das, was früher außerhalb des Menschen gewesen war, in ihn hineindrang: Der Geist, der früher ihn umgab, ging: in den Menschen hinein. Und wodurch? Durch die Luft. Die Fähigkeit des Atmens bedeutet die Aufnahme des individuellen menschlichen Geistes. Das Ich des Menschen kommt in den Menschen mit der

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Atemluft hinein. Wenn wir von einem gemeinsamen Ich aller Menschen sprechen, so hat dieses auch einen gemeinsamen Körper: die Luft. Nicht umsonst haben die Alten dieses gemeinschaftliche Ich Atma, das heißt Atmen, genannt. Sie wußten genau, daß sie es beim Atmen einziehen und wieder ausstoßen. Wir leben in unserem gemeinschaftlichen Ich, weil wir in der allgemeinen Luft leben. Natürlich darf die Schilderung dieses Vorganges wiederum nicht zu wörtlich genommen werden. Das Hineinsenken des individuellen Ichs in den Menschen wird in der theosophischen Literatur beschrieben als das Herabsteigen des Manas, der Manasaputras. Mit jedem Atemzuge nahm ein menschliches Wesen langsam Manas, Budhi und Atma mehr oder weniger im Keime auf. Die Genesis schildert diesen Moment, und wir können sie dabei wörtlich nehmen: «Und Gott hauchte Adam den Odem des Lebens ein, und er ward eine lebendige Seele.» Das ist die Aufnahme des individuellen Geistes.

Der Mensch hatte nun auch warmes Blut, und dadurch konnte er die Wärme in sich bleibend machen. Damit ist aber noch etwas sehr Wichtiges verbunden.

Auf dem Monde waren auch Wesen vorhanden gewesen, die höher standen als die damalige Menschenwelt. Das waren die Götter, in der christlichen Überlieferung Engel und Erzengel genannt. Sie waren einst auf der Menschenstufe, und so wie wir höher hinaufgekommen sein werden auf dem nächsten Planeten, so sind auch sie im Laufe der Zeiten höher gestiegen. Sie hatten keinen physischen Körper mehr, waren aber noch mit der Erde verbunden. Sie brauchten nicht mehr das, was der Mensch brauchte, sie brauchten aber die Menschen selbst, über die sie regieren konnten.

Als der Mond seine Entwickelung vollendet hatte, blieb von diesen Göttern ein Teil in der Entwickelung zurück, sie blieben sozusagen sitzen. Sie waren noch nicht so weit, wie sie eigentlich hätten kommen sollen. Und so gab es Wesen, die zwischen Göttern und Menschen standen: Halbgötter. Diese Wesen sind für die Erde und die Menschheit ganz besonders wichtig geworden. Sie konnten nicht ganz über die Menschheit und deren Sphäre hinauskommen, sie konnten sich aber auch nicht im Menschen verkörpern. Sie

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konnten sich nur in einem Teil der Menschennatur verankern, um mit diesem Teil ihre Entwickelung weiterzubringen und zugleich dem Menschen zu helfen. Sie hatten auf dem Monde Feuer geatmet. In dem Feuer, das nun im Menschen dauernd geworden war, im warmen Menschenblut, dem Ursitz der Leidenschaften und Triebe, verankerten sie sich und gaben ihm etwas von dem Feuer, das auf dem Monde ihr Element gewesen war. Das sind die Scharen des Luzifer, die luziferischen Wesenheiten. Die Bibel nennt sie die Verführer der Menschen. Sie verführten den Menschen insofern, als sie in seinem Blute lebten und ihn selbständig machten. Wären diese luziferischen Wesenheiten nicht dagewesen, so würden die Menschen alles von den Göttern als Geschenk bekommen haben. Sie wären weise, aber unselbständig, abgeklärt, aber unfrei geworden. Dadurch, daß diese Wesenheiten sich in seinem Blute verankerten, wurde der Mensch nicht nur weise, sondern er bekam Feuer, Leidenschaft für die Weisheit und Ideale.

Damit aber war die Möglichkeit des Abirrens gekommen. Die Menschen können sich abwenden von dem Hohen. Der Mensch konnte nun wählen zwischen Gut und Böse. Mit dieser Anlage, mit dieser Möglichkeit des Bösen wurde die lemurische Rasse nach und nach entwickelt. Diese Anlage rief große Umwälzungen in der Erde hervor. Die Erde geriet in Zuckungen und Beben, und so ging Lemurien zum großen Teil durch diese Leidenschaften der Menschen zugrunde.

Die Erde hatte sich wieder verändert, verdichtet. Andere Kontinente waren bereits entstanden. Der wichtigste Kontinent, der sich mittlerweile herausgebildet hatte, war Atlantis zwischen dem heutigen Europa, Afrika und Amerika. Auf diesem Kontinent hatten sich die Nachkommen der lemurischen Rasse ausgebreitet. In vielen Millionen Jahren hatte sie sich sehr verändert und eine Gestalt angenommen, die der heutigen Menschengestalt ähnelte. Dennoch waren diese Menschen von den heutigen sehr verschieden. Die Kopfbildung war eine ganz andere, die Stirn war noch viel niedriger; die Ernährungsorgane waren viel mächtiger ausgebildet. Der Ätherleib des Atlantiers ragte weit über seinen physischen Kopf hinaus. Im Ätherleib

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des Kopfes war ein wichtiger Punkt, der mit einem Punkte im physischen Kopf korrespondierte. Die Entwickelung bestand nun darin, daß beide Punkte zusammenrückten, so daß der Punkt des Ätherkopfes sich in den Punkt des physischen Körpers hineinschob. In diesem Augenblick, wo beide Punkte zusammenfielen, konnte der Mensch anfangen, Ich zu sich selbst zu sagen. Das Vorderhirn konnte jetzt ein Werkzeug werden für den Geist; es entstand das Selbstbewußtsein. Dieser Moment trat zuerst bei den in der Gegend des heutigen Irland wohnenden Atlantiern auf.

Die Atlantier entwickelten sich nach und nach in sieben Unterrassen: Rmoahals, Tlavatli, Urtolteken, Urturanier, Ursemiten, Urakkadier und Urmongolen. Bei den Ursemiten geschah die Vereinigung der beiden Punkte und entwickelte sich das klare Selbstbewußtsein. Die beiden folgenden Unterrassen, die Urakkadier und Urmongolen, schossen eigentlich über das Ziel der atlantischen Menschheit hinaus.

Vor dieser Vereinigung der beiden Punkte waren die Seelenkräfte der Atlantier grundverschieden von heute. Die Atlantier hatten einen viel beweglicheren Körper und vor allen Dingen in der allerersten Zeit einen mächtigen, starken Willen. Sie konnten zum Beispiel verlorene Gliedmaßen ergänzen, Pflanzen schnell wachsen lassen und übten dadurch einen gewaltigen Einfluß auf die Natur aus. Sie hatten mächtig ausgebildete Sinnesorgane; sie konnten Metalle durch das Gefühl unterscheiden, wie wir Gerüche unterscheiden. Dann aber hatten sie in hohem Grade die Gabe des Hellsehens. Sie schliefen in der Nacht nicht wie der heutige Mensch, der höchstens verworrene Träume hat, sondern wie der Hellseher, nur dumpfer. Sie standen nachts im Verkehr mit den Göttern, und was sie da erlebten, das lebt noch fort in den Mythen und Sagen. Sie zwangen die Naturkräfte in ihren Dienst. Ihre Wohnungen waren halbe Naturgebilde und in Felsen hineingehauen. Die Atlantier konstruierten Luftschiffe, zu deren Fortbewegung sie nicht anorganische Kraft, wie zum Beispiel die heutige Kohlenkraft, sondern die organische Pflanzentriebkraft verwandten.

Dadurch, daß die oben erwähnten beiden Punkte noch nicht

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miteinander verbunden waren, hatten die Atlantier keinen kombinierenden Verstand. So konnten sie zum Beispiel nicht rechnen. Aber dafür hatten sie eine andere Seelenkraft ganz besonders ausgebildet: das Gedächtnis. Die kombinierende logische Verstandeskraft und das Selbstbewußtsein kamen erst in der fünften Unterrasse, den Ursemiten, hervor.

Durch eine gewaltige Wasserkatastrophe ging Atlantis zugrunde. Der ganze Kontinent wurde allmählich überflutet, und die Volksmassen wanderten ostwärts, nach Europa und Asien. Ein Hauptzweig bewegte sich von Irland durch Europa nach Asien. Überall blieben Volksmassen zurück. Geführt wurden sie von einem hohen Eingeweihten, dem sie ganz und gar vertrauten. Dieser bewirkte dann durch seine Weisheit eine Auslese, er nahm die Besten mit sich und siedelte sie im fernen Asien an einer Stätte an, wo heute die Wüste Gobi liegt. Da wurde dann in völliger Absonderung eine kleine Kolonie besonders ausgebildet. Von dieser Kolonie aus gingen dann Kolonisatoren in alle bewohnten Länder und begründeten die Kulturen der nächsten Wurzelrasse: die indische, die altpersische, die ägyptisch-babylonisch-assyrische, die griechisch-lateinische Kultur. Und dann entstand die germanisch-angelsächsische Kultur.

Wir werden dann morgen sehen, wie die Entwickelung sich weiter gestaltete.

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Elfter Vortrag, Stuttgart, 01. September 1906

Ich schilderte Ihnen gestern, wie der große Eingeweihte sich aus der Gegend des heutigen Irland unter den Ursemiten eine Schar aussuchte, die er nach dem Osten führte und dort ansiedelte. Dort machte der Manu seine Auserwählten zu Stammvätern der neuen Kulturen. Er belehrte sie und gab ihnen Anweisung zu einer moralischen Lebensführung, die bis in die kleinsten Einzelheiten hinein vorgeschrieben war: wie die Zeit einzuteilen und die Arbeit vom Morgen bis zum Abend zu verrichten war. Aber mehr noch als durch seine Lehren erzog er sie durch seinen unmittelbaren Einfluß und durch seine Gedanken. Sein Einfluß war unmittelbar suggestiv; wenn er seine Gedanken in die Kolonie hineinschickte, wirkten seine Ideen und Vorschriften suggestiv. Solch einen Einfluß brauchte der damalige Mensch zu seiner Umbildung.

Für den Unterschied in der ganzen Anschauung zwischen der atlantischen und der neuen Wurzelrasse ist folgende Szene charakteristisch, die sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts abspielte. Europäische Kolonisten hatten die Indianer, in denen wir in der atlantischen Kultur stehengebliebene Nachkommen der alten Atlantier zu sehen haben, veranlaßt, ihnen Länderstrecken abzutreten unter der Bedingung, daß man ihnen neue Jagdgründe anweisen würde. Dieses Versprechen war nicht gehalten worden, und das konnte der Häuptling nicht begreifen. Das war die Veranlassung zu dem folgenden Gespräch. Der Indianer sagte: Ihr Bleichgesichter habt uns versprochen, daß euer Häuptling unseren Brüdern anderes Land anweisen werde, nachdem ihr uns dieses genommen habt. Eure Füße stehen jetzt auf unserem Land und gehen über die Gräber unserer Väter. Der weiße Mann hat sein Versprechen dem braunen Manne nicht gehalten. Ihr Bleichgesichter habt schwarze Instrumente mit allerlei kleinen Zauberzeichen gemeint sind Bücher und aus diesen lernt ihr erkennen, was euer Gott will. Das muß aber ein schlechter Gott sein, der die Menschen nicht lehrt, ihr Wort zu halten. Der braune

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Mann hat nicht einen solchen Gott, der braune Mann hört den Donner und sieht den Blitz, und diese Sprache versteht er; da spricht sein Gott zu ihm. Er hört im Walde das Rauschen der Blätter und Bäume, auch da spricht sein Gott zu ihm. Er hört die Wellen im Bach plätschern, und dann versteht der braune Mann diese Sprache. Er spürt, wenn sich ein Sturm erhebt. Überall hört er seinen Gott zu ihm sprechen, und dieser Gott lehrt etwas ganz anderes, als was euch eure schwarzen Zauberzeichen sagen.

Es ist das eigentlich eine recht bedeutsame Rede, denn sie enthält eine Art Glaubensbekenntnis. Nicht in vernunftgemäßen Begriffen und Vorstellungen erhob der Atlantier sich zu seinem Gott, sondern er spürte gleichsam etwas Heiliges in aller Natur als einen Grundakkord der Gottheit, er atmete gleichsam seinen Gott aus und ein. Und wenn man aussprechen wollte, was man so hörte, dann faßte man es zusammen in einen Laut, der ähnlich dem chinesischen Tao ist. Das war für den Atlantier der Laut, der die ganze Natur durchströmte. Wenn er ein Blatt berührte, wenn er einen Blitzstrahl sah, so war er sich bewußt, einen Teil der Gottheit vor sich zu haben; es war ihm, als berühre er das Kleid der Gottheit. Wie man im Händedruck das Seelische eines Menschen mitergreift, so ergriff der Atlantier, wenn er ein Naturgebilde anfaßte, den Körper der Gottheit. Es war eine ganz andere religiöse Empfindung, in der jene lebten. Dazu kam noch, daß die Atlantier mit Hellsehen begabt waren und dadurch im Verkehr mit der Geisterwelt standen.

Dann aber entwickelte sich das rechnerische, logische Denken, und je höher sich dieses entwickelte, desto mehr nahm das Hellsehen ab. Die Menschen machten sich viel mehr mit dem zu tun, was die Sinne von außen wahrnahmen, und dadurch wurde die Natur mehr und mehr ihrer Göttlichkeit entkleidet. Die Menschen eroberten sich eine neue Gabe auf Kosten einer alten. In dem Maße, wie sie die Gabe des genauen sinnlichen Anschauens erlangten, hörten sie auf zu verstehen, daß die Natur der Körper der Gottheit ist. Nach und nach hatten sie nur noch den Körper der Welt vor sich, nicht mehr die Seele. Dadurch entstand in dem nachatlantischen Menschen die Sehnsucht nach dem Göttlichen. In seinem Herzen stand

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ja geschrieben: Hinter der Natur muß die Gottheit sein , und er erkannte, daß er sie mit dem Geiste suchen müsse. Das Wort Religion heißt nichts anderes als: Suchen, eine Wiederverbindung mit der Gottheit herzustellen; religere heißt wiederverbinden. Nun gibt es verschiedene Wege, die Gottheit zu finden. Die erste Unterrasse der nachatlantischen arischen Rasse, die Inder, ging folgenden Weg. Einige gotterfüllte Sendboten des Manu, die heiligen Rishis genannt, wurden die Lehrer der uralten indischen Kultur, von der keine Dichtung, keine Tradition erzählt, die nur noch in den mündlichen Überlieferungen der Geheimschulen bekannt ist. Wunderbare Dichtungen, wie die Veden und Bhagavad Gita, sind viel später entstanden. Der alte Inder sagte sich: Das, was uns geblieben ist als äußere Natur, ist nicht die wahre Natur; hinter dieser Natur verbirgt sich die Gottheit. Und das, was sich hinter der Natur verbirgt, das nannte er Brahman, den verborgenen Gott. Die ganze äußere Welt war für ihn nur Illusion, Täuschung, Maja. Und während der Atlantier noch in jedem Blatt die Gottheit spürte, sagte der Inder: Nirgends mehr in der Außenwelt zeigt sich die Gottheit. In das Innere muß man sich versenken. Man muß die Gottheit, suchen im eigenen Herzen, man muß ihr nachgehen in einem höheren, geistigen Zustand. Etwas Traumartiges hatte alles Sichnähern der Gottheit beibehalten. In der Natur fand der Inder keine Gottheit; in großen und machtvollen Gedankenbildern, in Visionen und Imaginationen ging ihm die Welt des Brahman auf. Yoga war die Schulung, die er durchmachte, um jenseits der Illusion zum Geiste, zum Ursein zu kommen. Die tiefsinnigen Veden, die Bhagavad Gita, dieses Hohelied von der menschlichen Vollkommenheit, sind nur Nachklänge jener uralten Gottesweisheit.

Das war die erste Stufe, auf der die Menschheit zurückkommen wollte zur Gottheit; es ist eine Stufe, die es in der äußeren Kultur nicht besonders hoch bringen konnte. Denn von allem Äußeren hat sich der Inder abgewandt; nur in einem weltabgewandten Aufgehen im Geiste hat er das höhere Leben gesucht.

Schon eine andere Mission hatte die zweite Unterrasse, die Urperser, deren Kultur gleichfalls wohlberechnet vom Manu ausging.

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Noch vor der Zarathustra-Zeit hatten die alten Perser eine uralte Kultur, die sich auch nur durch mündliche Überlieferung erhalten hat. Dem Menschen erwuchs jetzt der Gedanke, daß die äußere Wirklichkeit ein Abbild der Gottheit sei, daß man sich nicht von ihr abwenden, sondern sie umgestalten müsse. Der Perser wollte die Natur umgestalten, er wollte an ihr arbeiten; er wurde ein Ackerbauer. Aus der Stille der weltfremden Gedankenwelt trat er hinaus und merkte an dem Widerstand, der sich ihm entgegenstellte, daß doch nicht alles Maja sei, daß neben der Welt des Geistes auch eine sehr reale Welt der Wirklichkeit existiere. Neben der Welt des Geistes fand er eine Welt, in der man arbeiten mußte. Es erwuchs in ihm allmählich die Überzeugung, daß es zwei Welten gibt: eine Welt des guten Geistes, in die man sich vertiefen kann, und die andere Welt, die man bearbeiten muß. Und dann sagte er sich: In der Welt des Geistes werde ich die Ideen und Begriffe finden, durch die ich die äußere Wirklichkeit umwandeln werde, so daß sie selbst ein Abbild des ewigen Geistes wird.

So sah der Perser sich selbst in einen Kampf hineingestellt zwischen zwei Welten, und das gestaltete sich später mehr und mehr um zu den beiden Mächten Ormuzd, die Welt des guten Geistes, und Ahriman, die Welt, die umgestaltet werden muß. Eines aber fehlte dem Perser noch: Die äußere Welt stand ihm gegenüber als ein Wesen, das er nicht verstand; er konnte keine Gesetze darin finden. Er merkte nicht, daß das Geistige in der Natur zu finden ist; er empfand nur den Widerstand bei seiner Arbeit.

Diese Weltgesetze lernte die dritte Unterrasse kennen, die chaldäisch-assyrisch-babylonisch-ägyptischen Völker, und später die Semiten, die wie ein Zweig aus ihnen hervorgingen. Sie sahen empor zum Sternenhimmel, sie beobachteten den Gang der Gestirne und ihren Einfluß auf das menschliche Leben und ersannen danach eine Wissenschaft, durch die sie die Bewegung und den Einfluß der Gestirne begreifen konnten. Sie verbanden Himmel und Erde miteinander. Wir können den Charakter dieser dritten Unterrasse an einem Beispiel betrachten. Der Ägypter sagte sich: Der Nil überschwemmt zu einer bestimmten Zeit das Land und macht es

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fruchtbar. Das geschieht stets beim Aufgang eines bestimmten Sternbildes, des Sirius. Und nun beobachteten die Ägypter die Zeit der Überschwemmungen. Das Sternbild, das dann am Himmel stand, brachten sie mit der Tätigkeit des Nils in Zusammenhang. Sie beobachteten ferner den Stand der Sonne beim Kommen und Fortwandern gewisser Vögel, das Auf- und Niedergehen der Sterne und ihre Beziehungen zueinander und zur Menschheit und bildeten so eine Wissenschaft aus. Es wurde ihnen offenbar, daß große Weisheit in allen Naturvorgängen herrsche, daß alles nach großen Gesetzen geschehe, die sie zu durchdringen suchten. Vor allem waren es die alten chaldäischen Priester, die Vertreter einer tiefen Weisheit waren. Die Naturgesetze waren ihnen aber keine abstrakten Gesetze. Sie sahen in den Sternen keine physischen Weltkugeln, sie sahen jeden Planeten beseelt durch eine Wesenheit, deren Körper der Planet war. Ganz konkret stellten sie sich hinter jedem Sternbild die belebende Gottheit vor. So spürte der Ägypter, der Chaldäer, daß er im Schoße der Welt der Geister als Geist unter Geistern eingeschlossen war; er sah weisheitserfüllte Materie.

Sie sehen, die Menschheit war allmählich dahin gelangt, auf dem Wege der Wissenschaft wieder die Weisheit in der äußeren Natur zu erkennen, zu erneuern, was dem alten Atlantier als ein natürliches hellseherisches Wissen eignete.

Die vierte Unterrasse, die griechisch-römische Kultur, wurde nicht direkt von dem Manu beeinflußt, stand aber unter dem Einfluß der anderen Kulturen. Sie hatte wiederum eine andere Mission: die Kunst. Nach und nach hatte der Mensch den Weg zur Vergeistigung der Natur gefunden. Der Grieche ging weiter als der Ägypter; er nahm nicht die fertigen Naturbilder, sondern er nahm die ungeformte Materie, den Marmor, und drückte ihm seinen eigenen Stempel auf. Er formte sich selbst den Zeus und die anderen Götter. Die dritte Unterrasse suchte den Geist in der Außenwelt; die vierte Unterrasse prägte ihr den Geist selbst ein. Die Kunst, das Einzaubern des Geistes in die Materie, war der griechisch-lateinischen Rasse vorbehalten.

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Der Ägypter studierte den Gang der Sterne und richtete danach die Staatenbildung ein auf Jahrhunderte hinaus. Der Grieche prägte das, was er aus seinem Innern nahm, der äußeren menschlichen Gemeinschaft ein, den Städten Sparta, Kolchis und so weiter. Der Römer ging noch weiter, er formte nicht nur Stein und Erz, sondern auch das ganze große Gemeinwesen der Menschen nach seinem Geiste um.

Die Germanen und Angelsachsen, die fünfte Unterrasse, gehen noch viel weiter in bezug auf die Formung der Außenwelt. Diese Unterrasse, der wir selbst angehören, prägt der Materie nicht nur ein, was im Menschen lebt, sondern sie prägt die Naturgesetze selbst der Materie ein. Sie entdeckt die göttlichen Weltengesetze, die Gesetze der Schwerkraft, des Lichtes, der Wärme, des Dampfes, der Elektrizität und gestaltet mit ihrer Hilfe die ganze Sinnenwelt um. Ihre Mission ist, nicht nur die im Menschen schlummernden Gesetze, sondern die die ganze Welt durchflutenden Gesetze zu studieren und sie der Außenwelt aufzudrücken. Dadurch ist die ganze Menschheit materieller, ja materialistisch geworden; es konnte kein Zeus entstehen, sondern die Dampfmaschine, Telegraf, Telefon und so weiter.

Auf uns wird eine andere Rasse folgen, die wiederum den Weg zurück finden wird. In unserer Rasse ist der Mensch auf dem Höhepunkt der Umgestaltung der physischen Welt angelangt. Wir sind am weitesten heruntergestiegen auf den physischen Plan, bis zum Äußersten sind wir gekommen in der Eroberung des physischen Planes.

Das war die Aufgabe der nachatlantischen Menschheit. Der Inder hatte sich abgewandt vom Physischen. Der Perser erkannte es als Masse, die ihm Widerstand entgegensetzte. Die Chaldäer, Babylonier, Ägypter erkannten die Weisheit der Natur. Die Griechen und Römer eroberten von innen aus den physischen Plan weiter, und erst unsere Menschheitskultur ist so weit vorangeschritten, daß sie die Naturgesetze dem physischen Plan einverleibt. Und nun wird die Menschheit wieder spiritueller werden.

Gewaltig, sinnvoll ist der Gang der Menschheitsentwickelung. Jede Menschengruppe hat ihre Aufgabe. Was in der dritten und vierten

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Unterrasse noch in Mythen und Sagen fortlebt, die Erinnerung an die Urzeit, an die Götterwelt, unsere Menschheit hat nichts mehr davon, sie hat nur noch die physische Welt. Mit dem Heraustreten auf den physischen Plan hat die Menschheit den Zusammenhang mit der Götterwelt verloren; nur noch die physische Welt ist für sie vorhanden.

Der Theosoph ist kein Reaktionär, er weiß, daß die materielle Zeit eine Notwendigkeit war. Geradeso wie die Tiere nach ihrer Einwanderung in finstere Höhlen zwar andere Organe mächtig ausbildeten, die Sehorgane aber rückbildeten, so geschieht es überall in der geistigen und sinnlichen Welt: Wo eine Fähigkeit sich entwickelt, muß eine andere zurücktreten. Die hellseherische Gabe und die Kraft der Erinnerung mußten zurücktreten, damit das physische Sehen sich ausbilden konnte. Als der Mensch lernte, die äußere Welt durch Naturgesetze zu beherrschen, mußte er die geistige Sehkraft einbüßen.

Wie ganz anders sah man früher! Kopernikus zum Beispiel hat die Menschheit von dem alten Irrtum abgebracht, daß die Erde stillstehe. Er lehrte, es sei ein Irrtum, anzunehmen, daß die Sonne sich um die Erde drehe. Kepler und Galilei bildeten diese Lehre weiter aus. Und doch haben beide, Kopernikus und Ptolemäos, recht; es kommt nur auf den Standpunkt an, von dem aus man die Sonne und die Erde betrachtet. Sieht man unser Sonnensystem nicht vom physischen, sondern vom astralen Plan aus, so ist das Ptolemäische System das richtige. Da steht die Erde im Mittelpunkt, und es verhält sich so, wie es die alte Welt beschrieben hat. Man braucht sich ja nur zu erinnern, daß auf dem Astralplan alles umgekehrt erscheint. Das Ptolemäische System gilt also für den astralen, das Kopernikanische für den physischen Plan. In Zukunft wird noch ein ganz anderes Weltbild kommen. Gewöhnlich wird bloß betont, daß Kopernikus zwei Dinge gelehrt habe: daß die Erde sich um ihre Achse bewege und daß sich die Erde um die Sonne bewege. Man beachtet es gar nicht, daß er noch eine andere Bewegung gelehrt hat, daß nämlich das ganze System sich in einer Spirale fortbewegt. Das bleibt liegen, bis die Menschheit in der Zukunft einmal darauf zurückkommen

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wird. Kopernikus stand an der Grenze und hatte das alte noch in starker Weise an sich.

Es gibt keine absolute Wahrheit; jede Wahrheit hat ihre Mission in einer bestimmten Zeit. Und wenn wir heute von Theosophie sprechen, so wissen wir, daß, wenn wir wiedergeboren werden, wir etwas anderes hören werden und in ganz anderer Weise zueinander stehen werden.

Blicken wir zurück in Zeiten, da wir vielleicht schon einmal zusammengewesen sind in irgendeiner Gegend des nördlichen Europa, wo Menschen sich um den Druidenpriester sammelten, der ihnen die Wahrheit in Form von Mythen und Sagen erzählte. Hätten wir nicht zugehört und hätte er nicht unsere Seelen geformt, so würden wir nicht verstehen, was uns heute die Theosophie in anderer Form als Wahrheit wiederbringt. Und wenn wir wiederkommen werden, wird in anderer Form gesprochen werden, in einer höheren Form. Die Wahrheit entwickelt sich wie alles andere in der Welt. Sie ist die Form des göttlichen Geistes, der göttliche Geist aber hat viele Formen. Durchdringen wir uns mit diesem Charakter der Wahrheit, dann werden wir ein ganz anderes Verhältnis zu ihr gewinnen. Wir werden uns sagen: Zwar leben wir in der Wahrheit, aber sie kann die verschiedensten Formen haben. Wir werden dann auch zu der gegenwärtigen Menschheit in einer ganz anderen Weise hinschauen. Wir werden nicht sagen, daß wir die absolute Wahrheit haben, sondern wir werden sagen: Diese Menschenbrüder stehen jetzt auf einem Standpunkte, auf dem wir auch einmal gestanden haben. Wir haben die Verpflichtung, auf das, was der andere sagt, einzugehen; wir brauchen ihm nur klarzumachen, daß wir ihn schätzen auf der Stufe der Wahrheit, auf der er steht. Ein jeder hat zu lernen, und so werden wir tolerant gegen eine jede Form der Wahrheit. So lernen wir alles verstehen; wir kämpfen nicht gegen die Menschen, sondern suchen mit ihnen zu leben. Die neuere Menschheit hat die Freiheit der Persönlichkeit herausgebildet. Die Theosophie wird aus dieser Grundanschauung über die Wahrheit eine innere Toleranz der Seele ausbilden.

Die Liebe steht höher als die Meinung. Die verschiedensten Meinungen vertragen sich, wenn sich die Menschen lieben. Deshalb hat

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es einen tiefen Sinn, daß in der theosophischen Weltanschauung keine Religion angegriffen und keine besonders herausgestellt wird, sondern alle werden verstanden, und es kann sich ein Bruderbund entwickeln, weil sich die Mitglieder der verschiedensten Religionen verstehen.

Das aber ist eine der wichtigsten Aufgaben der Menschheit heute und in der Zukunft: dieses Mit-den-andern-Leben, dieses Einander-verstehen. Und solange diese menschliche Gemeinschaftsstimmung sich nicht entwickelt, kann von einer okkulten Entwickelung nicht die Rede sein.

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Zwölfter Vortrag, Stuttgart, 02. September 1906

Aus den gestrigen Ausführungen über das Entwickeln einer menschlichen Gemeinschaftsstimmung werden Sie ersehen haben, wie wichtig es ist, die Rücksicht auf das eigene Ich zu überwinden, wenn es sich darum handelt, tiefer in die geistige Welt einzudringen. Für den Anfänger, der eine okkulte Entwickelung anstrebt, ist die erste Grundbedingung: Er muß sich jeder Art von Egoismus entledigen. Er darf zum Beispiel nicht sagen: Was hilft es mir, wenn andere mir von okkulten Dingen erzählen und ich selbst es nicht sehen kann. Das ist ein Mangel an Vertrauen. Es ist notwendig, daß man Vertrauen hat zu denjenigen, die schon einen gewissen Grad der Entwickelung erreicht haben. Die Menschen wirken miteinander, und wenn einer mehr erreicht hat, so hat er das nicht für sich erreicht, sondern für alle anderen, und diese sind dazu berufen, ihn anzuhören. Dadurch werden die eigenen Kräfte erhöht, und diese Zuhörer werden gerade dadurch, daß sie erst das Vertrauen haben, allmählich selbst Wissende. Man darf nicht den zweiten Schritt vor dem ersten machen wollen.

Nun gibt es drei okkulte Entwickelungswege: den orientalischen, den christlich-gnostischen und den christlich-rosenkreuzerischen oder einfach rosenkreuzerischen Weg. Sie unterscheiden sich vor allem in Beziehung auf die Hingebung des Schülers gegenüber dem Lehrer. Was geschieht überhaupt mit einem Menschen, der sich okkult entwickelt? Welches sind die Bedingungen zur okkulten Entwickelung?

Um das zu schildern, betrachten wir einmal das Leben eines heutigen gewöhnlichen Menschen. Das Leben eines solchen verläuft so, daß er von früh bis spät seiner Arbeit und seinen täglichen Erfahrungen nachgeht, daß er seinen Verstand anwendet und seine äußeren Sinne gebraucht. Er lebt und arbeitet also in einem Zustand, den wir den Wachzustand nennen. Das ist aber nur ein Zustand; ein anderer ist der, der zwischen Wachen und Schlafen liegt. Da ist der

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Mensch sich bewußt, daß Bilder durch seine Seele ziehen, Traumbilder. Sie beziehen sich nicht direkt auf die äußere Welt, auf die gewöhnliche Wirklichkeit, sondern indirekt. Diesen Zustand können wir den Traumzustand nennen. Es ist sehr interessant zu studieren, wie dieser Zustand verläuft. Viele Menschen werden der Meinung sein, daß der Traum etwas ganz Sinnloses ist. Das ist nicht der Fall. Auch beim heutigen Menschen haben die Träume einen gewissen Sinn, nur nicht den Sinn, den die Erlebnisse im Wachzustande haben. Im Wachen stimmt unsere Vorstellung immer mit bestimmten Sachen und Erlebnissen überein; beim Traum gestaltet sich das anders. Man kann zum Beispiel schlafen und träumen, daß man auf der Straße Pferdegetrappel hört; man wacht auf und merkt, daß man das Ticken einer Uhr gehört hat, die man neben sich liegen hatte. Der Traum ist ein Symboliker, ein Sinnbildner, er drückte das Ticktack der Uhr sinnbildlich durch Pferdegetrappel aus. Man kann ganze Geschichten träumen. Ein Student zum Beispiel träumt von einem Duell mit allen vorangehenden Einzelheiten, von der Forderung auf Pistolen bis zum Krachen des Schusses, der ihn aufweckt. Da zeigt es sich, daß er den Stuhl, der neben seinem Bett stand, umgeworfen hatte. Ein anderes Beispiel: Eine Bäuerin träumt vom Kirchgang. Sie tritt in die Kirche, der Priester spricht erhabene Worte, seine Arme bewegen sich; auf einmal werden seine Arme zu Flügeln, und dann fängt der Geistliche plötzlich an zu krähen wie ein Hahn. Sie wacht auf, und draußen kräht der Hahn.

Man sieht daraus, daß der Traum ganz andere Zeitverhältnisse hat als das Tagesbewußtsein, denn bei den angeführten Träumen trat die eigentliche Ursache zeitlich als letztes Ereignis ein. Das rührt davon her, daß ein solcher Traum, verglichen mit der physischen Wirklichkeit, in einem Augenblick durch die Seele schießt und im Nu eine ganze Reihe von Vorstellungen erweckt; der Mensch verpflanzt dabei selbst die Zeit in den Traum hinein. Man muß sich das in der folgenden Weise vorstellen: Indem der Aufwachende sich an alle Einzelheiten erinnert, dehnt er innerlich die Zeit selbst aus, so daß es ihm erscheint, als ob die Ereignisse in der entsprechenden Zeitlänge abgelaufen wären. Ein kleines Geschehnis

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wird also im Traum oft zu einem langen dramatischen Vorgang. Hier können wir einen Einblick gewinnen, wie die Zeit im Astralen erscheint.

Auch innere Zustände können sich im Traum symbolisch darstellen, zum Beispiel ein Kopfschmerz: Der Mensch träumt, er sei in einem dumpfen Kellerloch mit Spinnweben. Ein Herzklopfen und eine innerliche Hitze wird als glühender Ofen empfunden. Leute, die eine besondere innere Sensitivität haben, können noch anderes erleben. Sie sehen sich zum Beispiel in einer unglücklichen Lage im Traum. Da wirkt der Traum als Prophet; das ist dann ein Symbol dafür, daß eine Krankheit in ihnen steckt, die in einigen Tagen herauskommt. Ja, manche Menschen träumen sogar die Heilmittel gegen eine solche Krankheit. Kurz, eine ganz andere Art des Wahrnehmens ist in diesen Traumzuständen vorhanden.

Der dritte Zustand des Menschen ist der traumlose Schlafzustand, wo nichts in der Seele aufsteigt, wo der Mensch bewußtlos schläft. Wenn nun durch die innere Entwickelung der Mensch beginnt, die höheren Welten wahrzunehmen, so kündigt sich das zuerst in seinem Traumzustand an, und zwar dadurch, daß die Träume regelmäßiger werden und sinnvoller sind als vorher. Vor allen Dingen gewinnt der Mensch Erkenntnisse durch seine Träume; er muß nur recht auf sie achtgeben. Später bemerkt er dann, daß die Träume häufiger werden, bis er meint, die ganze Nacht hindurch geträumt zu haben. Ebenso kann er beobachten, daß die Träume sich mit Dingen verbinden, die es in der Außenwelt gar nicht gibt, die man physisch gar nicht erleben kann. Er merkt, daß in den Träumen ihm jetzt nicht mehr bloße Dinge erscheinen, die entweder äußerlich auf ihn einwirken oder Zustände versinnbildlichen, wie sie oben geschildert wurden, sondern er erlebt, wie gesagt, Bilder von Dingen, die in der sinnenfälligen Wirklichkeit gar nicht existieren, und er merkt dann, daß ihm die Träume etwas Bedeutungsvolles sagen. Zum Beispiel kann es in der folgenden Weise anfangen: Er träumt, ein Freund befinde sich in Feuersgefahr, und er sieht, wie er in die Gefahr hineinrückt. Am nächsten Tag erfährt er, daß dieser Freund in der Nacht krank geworden ist. Er hat nicht gesehen, daß der

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Freund krank geworden ist, aber ein Sinnbild dafür hat er geschaut. So können auch von den höheren Welten Einflüsse auf die Träume erfolgen, so daß man etwas erfährt, was es gar nicht in der physischen Welt gibt; da gehen Eindrücke von den höheren Welten in den Traum über. Das ist ein sehr wichtiger Übergang zur höheren okkulten Entwickelung.

Nun kann da jemand einwenden: Das ist ja alles nur geträumt, wie kann man darauf etwas geben? Das ist nicht richtig. Nehmen wir folgendes Beispiel an: es hätte Edison einmal geträumt, wie man eine Glühlampe macht; er hätte sich dann dieses Traumes erinnert und wirklich dem Traum gemäß eine Glühlampe angefertigt, und nun wäre jemand gekommen und hätte gesagt: Nichts ist es mit der Glühlampe, das ist ja bloß geträumt! Es handelt sich eben darum, ob das Geträumte Bedeutung hat für das Leben, nicht darum, daß es geträumt ist. Vielfach werden nun solche Traumzustände gar nicht beachtet, weil man zuwenig aufmerksam ist. Das ist nicht gut. Gerade auf solche subtile Sachen sollten wir unsere Aufmerksamkeit wenden; das bringt vorwärts.

Später tritt nun ein Zustand ein, wo sich dem Schüler das Wesen der Wirklichkeit im Traum enthüllt, und er kann dann die Träume an der Wirklichkeit prüfen. Wenn er so weit ist, daß er nicht bloß im Schlaf, sondern auch bei Tag die ganze Bilderwelt vor sich hat, dann kann er mit dem Verstand zergliedern, ob das wahr ist, was er sieht. Man darf also nicht etwa die Traumbilder als eine Grundlage für die Weisheit ansehen und benutzen, sondern man muß warten, bis sie sich in die Tageswelt hineindrängen. Wenn man sie bewußt kontrolliert, dann kommt auch bald der Zustand, wo der Schüler nicht nur sieht, was physisch vorhanden ist, wo er auch wirklich beobachten kann, was am Menschen die Aura, die Seele ist, was astral an ihm ist. Man lernt dann verstehen, was die Formen und Farben im Astralleib bedeuten, welche Leidenschaften zum Beispiel sich darin ausdrücken. Man lernt allmählich die seelische Welt sozusagen buchstabieren. Nur muß man sich stets dessen bewußt sein, daß alles sinnbildlich ist.

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dann kann ja ein Ereignis in allen möglichen Sinnbildern symbolisiert sein, und man kann sich gar nicht klar werden, daß so ein Bild sich gerade auf etwas Bestimmtes bezieht. Auf einer gewissen Stufe jedoch stellt sich eine Sache immer nur unter dem gleichen Bilde dar, gerade wie sich ein Gegenstand immer nur durch die gleiche Vorstellung ausdrückt. So drückt sich zum Beispiel Leidenschaft immer durch blitzartige rötliche Farben aus. Man muß nur lernen, die Bilder auf das Richtige zu beziehen. Man erkennt an dem Bild den Seelenzustand.

Nun begreifen Sie, warum in allen Religionsbüchern fast durchweg in Bildern gesprochen wird. Da wird die Weisheit zum Beispiel Licht genannt. Der Grund dafür ist, daß dem okkult Entwickelten die Weisheit des Menschen und der anderen Wesen immer als ein astrales Licht erscheint. Leidenschaften erscheinen als Feuer. Die religiösen Urkunden teilen Dinge mit, die sich nicht nur auf dem physischen Plan abspielen, sondern auch Geschehnisse auf höheren Planen. Diese Urkunden rühren sämtlich von Hellsehern her und beziehen sich auf höhere Welten; deshalb müssen sie zu uns in Bildern sprechen. Alles, was aus der Akasha-Chronik erzählt worden ist, wurde deshalb auch in solchen Bildern dargestellt.

Der nächste Zustand, den der Schüler erlebt, ist der, den man als Kontinuität des Bewußtseins bezeichnet. Wenn der gewöhnliche Mensch im Schlaf der sinnlichen Welt ganz entrückt ist, ist er bewußtlos. Bei einem Schüler ist das nicht mehr der Fall, wenn er die vorgenannte Stufe erreicht hat. Ununterbrochen, Tag und Nacht lebt der Schüler in vollem, klarem Bewußtsein, auch wenn der physische Leib ruht. Nach einiger Zeit kündigt sich der Eintritt in einen neuen, bestimmten Zustand dadurch an, daß zu dem Tagesbewußtsein, zu den Bildern Töne und Worte hinzutreten. Die Bilder reden und sagen ihm etwas; sie reden eine ihm verständliche Sprache. Sie sagen, was sie sind; da ist dann überhaupt keine Täuschung mehr möglich. Das ist das devachanische Tönen und Sprechen, die Sphärenmusik. Ein jedes Ding spricht dann seinen eigenen Namen aus und sein Verhältnis zu den anderen Dingen. Das kommt dann zum astralischen Schauen hinzu, und das ist der Eintritt des Hellsehers in

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Devachan. Hat der Mensch diesen devachanischen Zustand erlangt, dann fangen die Lotusblumen, die Chakrams oder Räder, an gewissen Stellen im Astralleib an, sich wie der Zeiger einer Uhr von links nach rechts zu drehen. Sie sind die Sinnesorgane des Astralleibes, aber ihr Wahrnehmen ist ein aktives. Das Auge zum Beispiel ist in Ruhe, es läßt das Licht in sich hereinkommen und nimmt es dann wahr. Dagegen nehmen die Lotusblumen erst dann wahr, wenn sie sich bewegen, wenn sie einen Gegenstand umfassen. Durch das Drehen der Lotusblumen werden Schwingungen in der Astralmaterie erregt, und so entsteht die Wahrnehmung auf dem Astralplan.

Welches sind nun die Kräfte, welche die Lotusblumen ausbilden? Woher kommen diese Kräfte? Wir wissen, daß während des Schlafes die verbrauchten Kräfte des physischen und ätherischen Körpers von dem Astralleibe wieder ersetzt werden; durch seine Regelmäßigkeit kann er im Schlafe Unregelmäßigkeiten des physischen und ätherischen Leibes ausgleichen. Diese Kräfte aber, welche zur Überwindung der Ermüdung verwendet werden, sind es, die die Lotusblumen ausbilden. Ein Mensch, der seine okkulte Entwickelung anfängt, entzieht also dadurch eigentlich seinem physischen und ätherischen Leibe Kräfte. Würden diese Kräfte dauernd dem physischen Leibe entzogen werden, so müßte der Mensch erkranken, ja, es würde sogar eine völlige Erschöpfung eintreten. Will er sich also physisch und moralisch nicht schädigen, so muß er diese Kräfte durch etwas anderes ersetzen.

Man muß eingedenk sein einer allgemeinen Weltregel: Rhythmus ersetzt Kraft! Das ist ein wichtiger okkulter Grundsatz. Heute lebt der Mensch höchst unregelmäßig, namentlich im Vorstellen und Handeln. Ein Mensch, der bloß die zerstreuende Außenwelt auf sich einwirken ließe und mitmachen würde, könnte dieser Gefahr, in die sein physischer Leib durch die okkulte Entwickelung wegen der Kraftentziehung gestürzt wird, nicht entgehen. Deshalb muß der Mensch daran arbeiten, daß Rhythmus in sein Leben hineinkommt. Natürlich kann er es nicht so einrichten, daß ein Tag wie der andere verläuft. Aber eines kann er tun: Gewisse Tätigkeiten kann er ganz regelmäßig ausführen, und das muß nun derjenige tun,

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der eine okkulte Entwickelung durchmacht. So zum Beispiel sollte er jeden Morgen Meditations- und Konzentrationsübungen zu einer von ihm selbst festgesetzten Zeit verrichten. Rhythmus kommt auch durch eine Abendrückschau über den Tag in sein Leben hinein. Kann man dann noch andere Regelmäßigkeiten einführen, so ist dies um so besser, denn so läuft alles sozusagen im Sinne der Weltgesetze ab. Das ganze Weltensystem verläuft ja rhythmisch. Alles in der Natur ist Rhythmus: der Gang der Sonne, der Verlauf der Jahreszeiten, von Tag und Nacht und so weiter. Die Pflanzen wachsen rhythmisch. Allerdings, je höher wir steigen, desto weniger prägt sich der Rhythmus aus, aber selbst bei den Tieren kann man noch einen gewissen Rhythmus wahrnehmen. Das Tier begattet sich zum Beispiel noch zu regelmäßigen Zeiten. Nur der Mensch kommt in ein unrhythmisches, chaotisches Leben hinein: Die Natur hat ihn entlassen.

Dieses chaotische Leben muß er nun ganz bewußt wiederum rhythmisch gestalten, und um das zu erreichen, werden ihm bestimmte Mittel an die Hand gegeben, durch die er Harmonie und Rhythmus in seinen physischen und ätherischen Leib hineinbringen kann. Nach und nach werden diese in regelmäßige Schwingungen versetzt, so daß sie sich auch beim Heraustreten des Astralleibes selbst korrigieren. Wenn sie bei Tage auch aus dem Rhythmus herausgetrieben waren, so drängen sie in der Ruhe von selbst wieder in die richtige Bewegung.

Diese Mittel bestehen in den folgenden sechs Übungen, die neben der Meditation ausgeführt werden müssen:

Gedankenkontrolle. Sie besteht darin, daß man wenigstens für kurze Zeiten des Tages nicht alles mögliche durch die Seele irrlichtelieren läßt, sondern einmal Ruhe in seinem Gedankenlaufe eintreten läßt. Man denkt an einen bestimmten Begriff, stellt diesen Begriff in den Mittelpunkt seines Gedankenlebens und reiht hierauf selbst alle Gedanken logisch so aneinander, daß sie sich an diesen Begriff anlehnen. Und wenn das auch nur eine Minute geschieht, so ist es schon von großer Bedeutung für den Rhythmus des physischen und Ätherleibes.

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Initiative des Handelns, das heißt, man muß sich zwingen zu wenn auch unbedeutenden, aber aus eigener Initiative entsprungenen Handlungen, zu selbst auferlegten Pflichten. Die meisten Ursachen des Handelns liegen in Familienverhältnissen, in der Erziehung, im Berufe und so weiter. Bedenken Sie nur, wie wenig eigentlich aus der eigenen Initiative hervorgeht! Nun muß man also kurze Zeit darauf verwenden, Handlungen aus der eigenen Initiative hervorgehen zu lassen. Das brauchen durchaus nicht wichtige Dinge zu sein; ganz unbedeutende Handlungen erfüllen denselben Zweck.

Gelassenheit. Das dritte, um was es sich handelt, kann man nennen Gelassenheit. Da lernt man den Zustand des Hin- und Herschwankens zwischen «himmelhoch jauchzend» und «zum Tode betrübt» regulieren. Wer das nicht will, weil er glaubt, daß dadurch seine Ursprünglichkeit im Handeln oder sein künstlerisches Empfinden verlorengehe, der kann eben keine okkulte Entwickelung durchmachen. Gelassenheit heißt, Herr sein gegenüber der höchsten Lust und dem tiefsten Schmerz. Ja, man wird für die Freuden und Leiden in der Welt erst dann richtig empfänglich, wenn man sich nicht mehr verliert im Schmerz und in der Lust, wenn man nicht mehr egoistisch darin aufgeht. Die größten Künstler haben gerade durch diese Gelassenheit am meisten erreicht, weil sie sich dadurch die Seele aufgeschlossen haben für subtile und innere wichtige Dinge.

Unbefangenheit. Das vierte ist, was man als Unbefangenheit bezeichnen kann. Das ist diejenige Eigenschaft, die in allen Dingen das Gute sieht. Sie geht überall auf das Positive in den Dingen los. Als Beispiel können wir am besten eine persische Legende anführen, die sich an den Christus Jesus knüpft: Der Christus Jesus sah einmal einen krepierten Hund am Wege liegen. Jesus blieb stehen und betrachtete das Tier, die Umstehenden aber wandten sich voll Abscheu weg ob solchen Anblicks. Da sagte der Christus Jesus: Oh, welch wunderschöne Zähne hat das Tier! Er sah nicht das Schlechte, das Häßliche, sondern fand selbst an diesem eklen Kadaver noch etwas Schönes, die weißen Zähne. Sind wir in dieser Stimmung, dann suchen wir in allen Dingen die positiven Eigenschaften, das

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Gute, und wir können es überall finden. Das wirkt in ganz mächtiger Weise auf den physischen und Ätherleib ein.

Glaube. Das nächste ist der Glaube. Glauben drückt im okkulten Sinne etwas anderes aus, als was man in der gewöhnlichen Sprache darunter versteht. Man soll sich niemals, wenn man in okkulter Entwickelung ist, in seinem Urteil durch seine Vergangenheit die Zukunft bestimmen lassen. Bei der okkulten Entwickelung muß man unter Umständen alles außer acht lassen, was man bisher erlebt hat, um jedem neuen Erleben mit gläubiger Stimmung gegenüberstehen zu können. Das muß der Okkultist bewußt durchführen. Wenn einer zum Beispiel kommt und sagt: Der Turm der Kirche steht schief, er hat sich um 45 Grad geneigt so würde jeder sagen: Das kann nicht sein. Der Okkultist muß sich aber noch ein Hintertürchen offen lassen. Ja, er muß so weit gehen, daß er jedes in der Welt Erfolgende, was ihm entgegentritt, glauben kann, sonst verlegt er sich den Weg zu neuen Erfahrungen. Man muß sich frei machen für neue Erfahrungen; dadurch werden der physische und der Ätherleib in eine Stimmung versetzt, die sich vergleichen läßt mit der wollüstigen Stimmung eines Tierwesens, das ein anderes ausbrüten will.

Inneres Gleichgewicht. Und dann folgt als nächste Eigenschaft inneres Gleichgewicht. Es bildet sich durch die fünf anderen Eigenschaften nach und nach ganz von selbst heraus. Auf diese sechs Eigenschaften muß der Mensch bedacht sein. Er muß sein Leben in die Hand nehmen und langsam fortschreiten im Sinne des Wortes: Steter Tropfen höhlt den Stein.

Eignet sich nun ein Mensch durch irgendwelche magischen Kunstgriffe höhere Kräfte an, ohne dies zu berücksichtigen, so ist er in einer üblen Lage. Im jetzigen Leben ist das Geistige und Leibliche so durcheinandergemischt, wie etwa in einem Glase eine blaue und eine gelbe Flüssigkeit. Mit der okkulten Entwickelung beginnt nun etwas, was dem Vorgange ähnelt, wenn der Chemiker diese beiden Flüssigkeiten trennt. Ähnlich wird Seelisches und Leibliches geschieden. Damit verliert der Mensch aber die Wohltaten dieser Mischung. Der gewöhnliche Mensch ist dadurch, daß die Seele im physischen Leib steckt, keinen Leidenschaften unterworfen, die allzu

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grotesk sind. Durch diese Trennung aber kann es nun vorkommen, daß der physische Leib sich selbst überlassen wird mit seinen Eigenschaften, und das kann zu allerlei Exzessen führen. So kann es vorkommen bei einem Menschen, der in okkulter Entwickelung begriffen ist, wenn er nicht darauf achtet, moralische Eigenschaften zu fördern, daß dann tatsächlich schlechte Eigenschaften zutage treten, die sich sonst nicht gezeigt haben würden. Er wird plötzlich lügnerisch, jähzornig, rachsüchtig; alle möglichen Eigenschaften, die vorher gemildert waren, treten kraß heraus. Ja, das kann schon vorkommen, wenn sich jemand ohne moralische Entwickelung zuviel mit den Weisheitslehren der Theosophie beschäftigt.

Wir haben gesehen, daß der Mensch zunächst durch die Stufe des Schauens durchgeht und dann erst auf die Stufe des geistigen Hörens kommt. Während man nun auf der Stufe des Schauens ist, muß man natürlich zuerst lernen, wie die Bilder sich zu den Gegenständen verhalten. Man würde in das stürmische Meer astraler Erlebnisse hineingedrängt, wenn man sich ihm ohne weiteres überließe. Deshalb braucht man einen Führer, der einem beim Eintritt sagt, wie die Dinge zusammenhängen und wie man sich da zurechtfindet. Darauf gründet sich die Notwendigkeit, daß man sich streng auf den Guru verläßt. Nach dieser Richtung unterscheidet man drei verschiedene Entwickelungen:

Die orientalische, die man auch die Yoga-Entwickelung nennt, ist eine solche, in der ein einzelner, auf dem physischen Plan lebender eingeweihter Mensch der Führer, der Guru eines andern ist und dieser sich vollständig und auch in allen Einzelheiten auf den Guru verläßt. Das erreicht man am besten, wenn man für die Zeit der Entwickelung sein eigenes Selbst ganz ausschaltet und es dem Guru hingibt. Der Guru muß sogar Rat erteilen bei der Initiative des Handelns. Für ein solches restloses Aufgehen des eigenen Selbstes ist die indische Natur geeignet; die europäische Kultur läßt eine derartige Hingabe gar nicht zu.

Die christliche Entwickelung setzt an Stelle des einzelnen Guru den einen großen Führer der Menschheit, den Christus Jesus selbst. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit zu diesem Christus Jesus, das

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Einssein mit ihm, kann die Hingabe an einen einzelnen Guru ersetzen. Aber man muß durch einen irdischen Lehrer erst zu ihm hingeführt werden. Auch da ist man in gewisser Weise abhängig von dem Lehrer, dem Guru auf dem physischen Plane.

Am unabhängigsten ist man bei der rosenkreuzerischen Schulung. Der Guru ist da nicht mehr der Führer, er ist der Ratgeber. Er ist derjenige, der einem Anweisungen gibt, was man innerlich tun soll. Zugleich sorgt er auch dafür, daß parallel mit der okkulten Schulung eine entschiedene Schulung des Denkens geht, ohne die man eine solche okkulte Schulung nicht durchmachen kann. Das kommt daher, daß das Denken eine Eigenschaft hat, die die anderen Dinge nicht haben. Sind wir zum Beispiel auf dem physischen Plane, dann nehmen wir mit den physischen Sinnen wahr, was sich auf dem physischen Plane befindet, nichts anderes. Auf dem Astralplan gelten die astralen Wahrnehmungen, und das devachanische Hören gilt nur im Devachan; kurz, jeder Plan hat seine eigenen Wahrnehmungen. Eines aber zieht sich durch alle Welten hindurch, und das ist das logische Denken. Die Logik ist dieselbe auf allen drei Planen. So kann man auf dem physischen Plane etwas lernen, was auch für die höheren Plane Gültigkeit hat, und diese Methode beobachtet die rosenkreuzerische Entwickelung, indem sie auf dem physischen Plan das Denken vorzugsweise schult mit den Mitteln des physischen Planes. Ein eindringliches Denken wird schon ausgebildet durch das Lernen theosophischer Wahrheiten oder auch durch direkte Denkübungen. Will man den Intellekt noch mehr schulen, dann kann man Bücher studieren, wie «Die Philosophie der Freiheit», «Wahrheit und Wissenschaft», die mit Absicht so geschrieben sind, daß ein durch sie geschultes Denken sich absolut sicher auf den höchsten Planen bewegen kann. Es könnte sogar jemand, der diese Schriften studiert und gar nichts von Theosophie wüßte, sich dadurch in den höheren Welten orientieren. Aber wie gesagt, auch die theosophischen Lehren wirken in derselben Weise. Das ist das System der Rosenkreuzerschulung. Im eigenen scharfen Denken hat man den wahrsten inneren Führer. Da ist dann der Guru nur noch der Freund des Schülers, der Ratschläge gibt, denn den besten Guru

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erzieht man in sich selbst in der eigenen Vernunft. Man braucht natürlich den Guru auch hier, weil er die Ratschläge geben muß, wie man selbst zur freien Entwickelung kommt.

In der europäischen Bevölkerung ist der christliche Weg der geeignete für diejenigen, die mehr das Gefühl ausgebildet haben. Diejenigen, die sich von der Kirche mehr oder weniger losgesagt haben, die mehr auf dem Boden der Wissenschaft stehen und wegen der Wissenschaft in Zweifel gekommen sind, gehen am besten den rosenkreuzerischen Weg.

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Dreizehnter Vortrag, Stuttgart, 03. September 1906

Gestern haben wir damit geschlossen, daß wir die drei Methoden der okkulten Entwickelung in ihren wesentlichen Zügen skizzierten: die orientalische, die christliche und die sogenannte rosenkreuzerische Schulung. Heute nun wollen wir damit beginnen, etwas näher auf die Einzelheiten einzugehen, die das Charakteristische jedes dieser drei Wege ausmachen.

Vorher jedoch möchte ich noch bemerken, daß in keiner okkulten Schule die Sache so aufzufassen ist, als ob das, was gesagt und gefordert wird, irgendwie als ein sittliches Gebot für die ganze Menschheit gelten könnte. Das ist durchaus nicht der Fall; nur für denjenigen, der sich wirklich einer solchen okkulten Entwickelung widmen will, gelten diese Forderungen. Man kann beispielsweise ein sehr guter Christ sein und das, was die christliche Religion für den Laien empfiehlt, ganz erfüllen, ohne eine christliche okkulte Schulung durchzumachen. Wenn zum Beispiel jemand sagt: Man kann doch auch ohne okkulte Schulung ein guter Mensch sein und zu einer Art höherem Leben kommen , so ist dagegen nichts einzuwenden; das ist selbstverständlich.

Ich sagte Ihnen schon, daß innerhalb der orientalischen Schulung eine strenge Unterwerfung unter den Guru stattfindet. Ich will Ihnen nun die Art der Anweisung, die der Lehrer innerhalb einer orientalischen Schulung gibt, angeben. Man kann begreiflicherweise öffentlich keine Anweisungen geben, sondern nur den Weg charakterisieren. Diejenigen Dinge, die als Anweisungen von dem Lehrer gegeben werden, kann man in acht Gruppen einteilen:

1. Yama
2. Niyama
3. Asanam
4. Pranayama

5. Pratyahara
6. Dharana
7. Dhyanam
8. Samadhi

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1. Yama schließt alles ein, was wir die Unterlassungen nennen, welche dem obliegen, der eine Yoga-Schulung durchmachen will; und das wird näher ausgedrückt in den Geboten: «Nicht lügen Nicht töten Nicht stehlen Nicht ausschweifen Nicht begehren.»

Die Forderung «Nicht töten» ist eine sehr strenge und bezieht sich auf alle Wesen. Kein lebendes Wesen darf getötet oder auch nur beeinträchtigt werden, und je strenger dies befolgt wird, desto weiter führt es. Etwas anderes ist es, ob man dies auch in unserer Kultur durchführen kann. Jedes Töten, auch das einer Wanze, beeinträchtigt die okkulte Entwickelung. Ob es einer aber doch tun muß, das ist eine andere Frage.

«Nicht lügen» ist eine Forderung, die Ihnen schon verständlicher sein wird aus dem, was ich Ihnen über den Astralplan gesagt habe. Auf dem Astralplan ist lügen dasselbe wie töten, ist jede Lüge ein Mord; also fällt es eigentlich in dasselbe Kapitel wie töten.

«Nicht stehlen», auch das muß im strengsten Sinne durchgeführt werden. Der Europäer wird sagen: Wir stehlen nicht. Aber der orientalische Yogi versteht die Sache nicht so einfach. In den Gebieten, wo zuerst diese Übungen ausgebreitet worden sind von den großen Lehrern der Menschheit, waren die Verhältnisse viel einfacher; da konnte man den Begriff des Stehlens leicht feststellen. Aber ein Yoga-Lehrer wird Ihnen nicht zugeben, daß ein Europäer nicht stiehlt, er nimmt das sehr streng. Wenn ich mir zum Beispiel die Arbeitskraft eines anderen aneigne, wenn ich mir einen Vorteil verschaffe, der wohl gesetzlich erlaubt ist, der aber eine Ausbeutung eines anderen bedeutet, so bezeichnet der Yoga-Lehrer das als Stehlen. Bei uns liegen die Dinge in unseren sozialen Verhältnissen so kompliziert, daß viele gegen dies Verbot verstoßen, ohne das allergeringste Bewußtsein davon zu haben. Denken Sie, Sie haben ein Vermögen und Sie hinterlegen das in einer Bank. Sie tun nichts damit, beuten niemanden aus. Nun aber geht der Bankier hin, treibt Spekulationen und beutet so andere Menschen mit Ihrem Gelde aus. Auch da sind Sie im okkulten Sinne verantwortlich, es belastet Ihr Karma. Sie sehen daraus, daß dieses Gebot bei einer okkulten Entwickelung ein tiefes Studium erfordert.

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Ebenso kompliziert stellen sich die Verhältnisse beim «Nicht ausschweifen». Ein Rentner zum Beispiel, dessen Kapital durch eine Bank ohne sein Wissen in Schnapsbrennereien angelegt ist, macht sich ebenso schuldig wie ein Fabrikant, der Spirituosen verfertigt. Das Nichtwissen ändert nichts am Karma. Es gibt nur eines, was eine gerade Richtung geben kann bei diesen Unterlassungen, das ist: nach Bedürfnislosigkeit streben. In demselben Maße, wie man nach Bedürfnislosigkeit strebt, kann man nie jemand anderen schädigen.

Besonders schwer ist das «Nichts begehren» durchzuführen. Es bedeutet, nach voller Bedürfnislosigkeit zu streben, mit keiner Begierde an etwas in der Welt heranzutreten, sondern nur das zu tun, was die Außenwelt von uns fordert. Ja, ich muß selbst mein Wohlgefühl unterdrücken, wenn ich jemand eine Wohltat erweise; nicht dieses Gefühl, sondern der Anblick des Leidenden muß mich bewegen, zu helfen. Auch sonst, wenn ich zum Beispiel selbst eine Aufwendung machen muß, darf ich nicht denken: Ich will, ich wünsche, ich begehre das, sondern ich muß mir sagen: Das brauchst du zur Unterhaltung deines Leibes oder für die Bedürfnisse deines Geistes, das braucht auch jeder andere; du begehrst es nicht, sondern du denkst nur nach, wie du am besten durch die Welt kommst. Innerhalb der Yoga-Lehre wird der Begriff Yama, wie gesagt, außerordentlich streng gefaßt und kann nicht ohne weiteres nach Europa verpflanzt werden.

2. Niyama. Das bedeutet etwa die Einhaltung religiöser Gebräuche. In Indien, wo diese Regeln hauptsächlich angewendet werden, ist eine Frage gelöst, die der europäischen Kultur viele Schwierigkeiten bereitet. Man sagt leicht: Ich bin über die Dogmen hinaus, ich halte mich nur an die innere Wahrheit und gebe nichts auf äußerliche Formen. Je mehr er über religiöse Gebräuche hinauskommen kann, desto erhabener dünkt sich der Europäer. Der Hindu denkt entgegengesetzt und hält fest an den Ritualien seiner Religion; niemand darf daran rühren. Welche Meinung aber man sich darüber bildet, das steht in der Hindureligion jedem ganz frei. Es bestehen uralte heilige Riten, die etwas sehr Tiefes bedeuten. Ein Ungebildeter wird sich davon eine sehr elementare Vorstellung machen, ein

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Mensch mit größerer Bildung macht sich eine andere, bessere Vorstellung, aber keiner wird sagen, daß die Vorstellung des andern falsch sei. Der Weise befolgt denselben Brauch wie der weniger Gebildete. Dogmen gibt es nicht, aber Riten. Auf diese Weise können die tief-religiösen Bräuche vom Weisen und vom Unweisen befolgt werden, beide können sich im Ritus vereinigen. So sind die Riten ein Bindemittel für die Bevölkerung; niemand wird in seiner Meinung beengt dadurch, daß er sich in ein strenges Ritual einfügt.

Die christliche Kirche hat das entgegengesetzte Prinzip verfolgt; nicht Bräuche, sondern Meinungen hat man den Leuten aufgenötigt, und die Folge ist, daß in der neueren Zeit die Formlosigkeit in unserem sozialen Zusammenleben Gesetz geworden ist. Da beginnt das vollständige Außer-acht-Lassen aller Bräuche, die die Menschen verbinden würden; alle Formen, die sinnbildlich höhere Wahrheiten ausdrücken, werden allmählich abgeschafft. Das ist ein großer Schaden für die gesamte Entwickelung des Menschen, hauptsächlich für die okkulte Entwickelung im orientalischen Sinne.

Viele glauben heute in der europäischen Bevölkerung, über Dogmen hinaus zu sein, aber gerade die Freidenker und Materialisten sind die ärgsten Dogmenfanatiker. Das materialistische Dogma ist noch viel drückender als jedes andere. Die Unfehlbarkeit des Papstes gilt für viele nicht mehr, wohl aber die Unfehlbarkeit des Universitätsprofessors. Auch der Liberalste ist, trotz der gegenteiligen Behauptungen, den Dogmen des Materialismus unterworfen. Welche Dogmen lasten zum Beispiel auf dem Juristen, Mediziner und so weiter. Jeder Universitätsprofessor lehrt sein Dogma. Oder auch: Wie schwer lastet auf einem das Dogma der Unfehlbarkeit der öffentlichen Meinung, der Tageszeitung! Der orientalische Yoga-Lehrer fordert, nicht herauszutreten aus den Formen, die ein Bindeglied sind für Weise und Unweise, denn diese uralten heiligen Formen sind die Bilder der höchsten Wahrheiten. Ohne Formen gibt es keine Kultur; es ist eine Täuschung, wenn man das Gegenteil glaubt. Nehmen wir zum Beispiel an, es gründe jemand eine Kolonie, ganz formlos, ohne Gesetze, ohne Riten und religiöse Gebräuche. Für den, der die Dinge durchschaut, ist es klar, daß eine solche Kolonie

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eine Zeitlang ganz gut bestehen kann, weil die Leute noch nach den alten Formen leben, die sie mitgebracht haben. Aber sobald sie diese verlieren, geht die Kolonie zugrunde, denn ohne Formen kann auf die Dauer keine solche Kolonie bestehen. Alle Kultur muß aus der Form herausgeboren werden. Das Innere muß äußerlich durch Formen ausgedrückt werden. Die moderne Kultur hat die Formen verloren; sie muß sie wieder gewinnen. Sie muß wieder lernen, auch äußerlich auszudrücken, was im Innern der Seele lebt. Die Form bedingt auf die Dauer das menschliche Zusammenleben. Das wußten die alten Weisen, und deswegen hielten sie fest an der Ausübung religiöser Bräuche.

3. Asanam bedeutet das Einnehmen einer gewissen Körperstellung bei der Meditation. Das ist für den Orientalen viel wichtiger als für den Europäer, weil der Körper des Europäers für gewisse feine Strömungen nicht mehr so sensitiv ist. Der orientalische Leib ist noch feiner, er empfindet leicht Strömungen, die von Ost nach West, von Nord nach Süd und aus der Höhe in die Tiefe gehen; denn im Weltall fluten geistige Ströme. Aus diesem Grunde wurden die Kirchen zum Beispiel in einer bestimmten Richtung gebaut. Deshalb läßt der Yoga-Lehrer den Yogi eine bestimmte Stellung einnehmen; der Schüler muß die Hände und Füße in einer bestimmten Stellung haben, damit die Ströme in geregelter Weise durch den Körper hindurchgehen können. Würde der Hindu seinen Körper nicht in diese Harmonie einfügen, so würde er die Früchte seiner Meditation völlig aufs Spiel setzen.

4. Pranayama ist das Atmen, das Yoga-Atmen. Das ist ein sehr wesentlicher und ausführlicher Bestandteil der orientalischen Yoga-Schulung. Es kommt fast gar nicht in Betracht bei der christlichen Schulung, hingegen wieder mehr bei der Rosenkreuzer-Schulung.

Was bedeutet das Atmen für die okkulte Entwickelung? Die Bedeutung des Atmens liegt schon in dem «Nicht töten», «Nicht das Leben beeinträchtigen». Der okkulte Lehrer sagt: Du tötest fortwährend langsam deine Umgebung durch das Atmen. Wieso? Wir ziehen den Atem ein, halten ihn an, versorgen unser Blut mit Sauerstoff und stoßen den Atem dann wieder aus. Was geschieht dabei?

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Wir atmen die mit Sauerstoff erfüllte Luft ein, verbinden sie in uns mit Kohlenstoff und atmen Kohlensäure aus; darin aber kann kein Mensch oder Tier leben. Sauerstoff atmen wir ein, Kohlensäure, den Giftstoff, atmen wir aus; wir töten also mit jedem Atemzug fortwährend andere Wesen. Stückweise töten wir unsere ganze Umgebung. Wir atmen Lebensluft ein und atmen Luft aus, die wir selbst nicht mehr brauchen können. Der okkulte Lehrer ist darauf bedacht, das zu ändern. Wenn es nur auf die Menschen und auf die Tiere ankäme, so wäre bald aller Sauerstoff aufgebraucht und alles Lebendige ausgestorben. Daß wir die Erde nicht zugrunde richten, das verdanken wir den Pflanzen, denn diese machen genau den entgegengesetzten Prozeß durch. Sie assimilieren die Kohlensäure, trennen den Kohlenstoff vom Sauerstoff und bauen aus dem ersteren ihren Körper auf. Den Sauerstoff geben sie wieder frei, und diesen atmen Mensch und Tier ein. So erneuern die Pflanzen die Lebensluft; alles Leben würde ohne sie schon längst vernichtet sein. Ihnen verdanken wir unser Leben. So ergänzen sich also Pflanze, Tier und Mensch gegenseitig.

Dieser Prozeß wird aber in der Zukunft anders werden, und da derjenige, der in okkulter Entwickelung begriffen ist, mit dem beginnt, was die anderen einmal in der Zukunft durchmachen werden, so muß er sich entwöhnen, durch den Atem zu töten. Das ist Pranayama, die Wissenschaft des Atmens. Unser modernes materialistisches Zeitalter braucht immer offene Fenster und stellt frische Luft als Heilmittel in die erste Reihe. Beim indischen Yogi ist das Gegenteil der Fall. Er schließt sich in eine Höhle ein und atmet so viel als immer möglich seine eigene Luft. Der Yogi hat die Kunst gelernt, die Luft so wenig wie möglich zu verpesten, weil er gelernt hat, die Luft auszunutzen. Wie macht er das? Dieses Geheimnis war in den europäischen Geheimschulen immer bekannt, man nannte es das Erreichen des Steins der Weisen oder des Steins der Philosophen. Wenn man den Stein der Weisen finden will, muß man das Geheimnis des Atmens finden.

Um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert sickerte manches davon durch. Da wurde viel von dem Stein der Weisen in öffentlichen

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Schriften geschrieben, aber man merkt, daß die Verfasser selbst nicht viel davon verstanden, wenn auch alles aus richtiger Quelle stammte. In einer Thüringer Staatszeitung erschien im Jahre 1796 ein Artikel über den Stein der Weisen, in dem unter anderm folgendes gesagt wurde: Der Stein der Weisen ist etwas, das man nur kennen muß, denn gesehen hat es jeder Mensch. Es ist etwas, was alle Menschen eine gewisse Zeit hindurch fast jeden Tag in die Hand nehmen, was man überall finden kann, nur wissen die Menschen nicht, daß es der Stein der Weisen ist. Das ist eine geheimnisvolle Andeutung: Überall soll der Stein der Weisen zu finden sein. Aber diese sonderbare Ausdrucksweise ist wörtlich wahr.

Die Sache ist nämlich so: Wenn die Pflanze ihren Leib bildet, nimmt sie die Kohlensäure auf und behält den Kohlenstoff zurück, aus dem sie sich ihren Körper aufbaut. Mensch und Tier essen nun die Pflanze, nehmen dadurch den Kohlenstoff in sich wieder auf und geben ihn im Atem als Kohlensäure wieder ab. So besteht ein Kreislauf des Kohlenstoffes. In der Zukunft wird es anders sein. Da wird der Mensch lernen, sein Selbst immer mehr zu erweitern und das, was er jetzt der Pflanze überläßt, das wird er selbst einmal zustande bringen. Wie der Mensch durch das Mineral- und Pflanzenreich hindurchgeschritten ist, so schreitet er auch wiederum zurück. Er selbst wird Pflanze, nimmt das Pflanzendasein in sich auf und wird den ganzen Prozeß in sich selbst durchmachen: Er wird den Kohlenstoff in sich behalten und bewußt damit seinen Körper aufbauen, wie es heute die Pflanze unbewußt tut. Den notwendigen Sauerstoff bereitet er dann sich selbst in seinen Organen, verbindet ihn mit dem Kohlenstoff zur Kohlensäure und lagert dann in sich selbst den Kohlenstoff wieder ab. Damit kann er also an seinem körperlichen Gerüst selbst fortbauen. Das ist eine große perspektivische Idee der Zukunft. Dann tötet er nichts anderes mehr.

Nun ist bekanntlich Kohlenstoff und Diamant derselbe Stoff. Diamant ist kristallisierter, durchsichtiger Kohlenstoff. Also brauchen Sie nicht zu denken, daß der Mensch später als Schwarzer herumlaufen wird, sondern sein Leib wird aus durchsichtigem, und zwar weichem Kohlenstoff bestehen. Dann hat er den Stein der Weisen

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gefunden. Er verwandelt seinen eigenen Leib in den Stein der Weisen.

Diesen Prozeß muß derjenige, der sich okkult entwickelt, so viel als möglich vorausnehmen, das heißt, er muß seinem Atem die Fähigkeit zu töten nehmen. Er muß ihn so gestalten, daß die ausgeatmete Luft wieder brauchbar wird, so daß er sie immer wieder einatmen kann. Und wodurch geschieht das? Dadurch, daß man in den Atmungsprozeß Rhythmus hineinbringt. Dazu gibt der Lehrer Anweisung. Einatmen, Atemanhalten und Ausatmen, darin muß, wenn auch nur für kurze Zeit, Rhythmus liegen. Mit jedem rhythmisch ausgeatmeten Atemzug wird die Luft verbessert, ganz langsam, aber sicher. Man kann fragen: Was macht das aus? Hier gilt der Satz: Steter Tropfen höhlt den Stein. Jeder Atemzug ist solch ein Tropfen. Der Chemiker kann das noch nicht nachweisen, weil seine Mittel zu grob sind, um die feinen Stoffe wahrzunehmen, aber der Okkultist weiß, daß dadurch in der Tat der Atem lebensfördernd wird und mehr Sauerstoff enthält als unter gewöhnlichen Umständen. Nun wird aber der Atem gleichzeitig noch durch etwas anderes rein gemacht, nämlich durch Meditieren. Auch dadurch wird, wenn auch nur äußerst wenig, dazu beigetragen, daß die Pflanzennatur wieder hereingenommen wird in die menschliche Natur, so daß der Mensch zu dem Nicht-Töten kommt.

5. Pratyahara. Das nächste ist das Pratyahara; das bedeutet die Zügelung der Sinneswahrnehmung. Der Mensch, der im heutigen Sinne ein alltägliches Leben führt, empfängt bald da einen Eindruck, bald dort, und so immerfort; er läßt alles auf sich einwirken. Dem Schüler sagt nun der okkultistische Lehrer: Du mußt so und so viele Minuten lang einen Sinneseindruck festhalten und darfst nicht übergehen zu einem anderen als durch eigenen freien Willen.

6. Wenn er das eine Weile durchgeführt hat, muß er dazu kommen können, gegen jeden äußeren Sinneseindruck taub und blind zu werden; er muß dazu kommen, überhaupt von jedem äußeren Sinneseindruck abzusehen und nur das festzuhalten, was als Vorstellung in den Gedanken zurückbleibt, nachdem der Sinneseindruck selbst beseitigt ist. Wenn man so nur in Vorstellungen lebt, sein Den-

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ken streng kontrolliert und nur aus freiem Willen eine Vorstellung an die andere reiht, dann ist das der sechste Zustand: Dharana.

7. Dhyanam. Nun gibt es Vorstellungen, von denen der Europäer nicht zugeben will, daß sie gar nicht von Sinneseindrücken herrühren, sondern daß der Mensch sie selbst bilden muß, zum Beispiel mathematische oder geometrische Vorstellungen. Ein Dreieck oder ein Kreis sind gedachte Vorstellungen. Das, was ich an die Tafel zeichne, sind doch nur zusammengesetzte Kreidepunkte. Nun gibt es eine Reihe von Vorstellungen, in denen der okkulte Schüler sich sehr üben muß. Das sind symbolische Zeichen, die bewußt mit irgendwelchen Dingen zusammenhängen, zum Beispiel das Hexagramm , ein Zeichen, das im Okkultismus erklärt wird; ebenso das Pentagramm . Der Schüler hält seinen Geist scharf auf solche Dinge gerichtet, die es in der Sinnenwelt nicht gibt. Ebenso ist es mit einer anderen Vorstellung, zum Beispiel die Gattung «Löwe», die man auch nur denken kann. Auch auf solche Vorstellungen muß der Schüler seine Aufmerksamkeit richten. Schließlich gibt es auch moralische Vorstellungen, wie zum Beispiel in «Licht auf den Weg»: Bevor das Auge sehen kann, muß es der Tränen sich entwöhnen. Das kann man auch nicht außen erleben, sondern nur in sich erfahren. Dieses Meditieren über Vorstellungen, die kein sinnliches Gegenstück haben, nennt man Dhyanam.

8. Samadhi. Und nun kommt das Schwerste: Samadhi. Man vertieft sich lange, lange in eine Vorstellung, die kein sinnliches Gegenbild hat, man läßt den Geist gewissermaßen darin ruhen und füllt die Seele ganz damit aus. Dann läßt man diese Vorstellung fallen und hat dann nichts mehr im Bewußtsein, aber man darf nicht einschlafen, was beim gewöhnlichen Menschen sofort der Fall sein würde; man muß bewußt bleiben. In diesem Zustande fangen die Geheimnisse der höheren Welten an sich zu enthüllen. Man beschreibt diesen Zustand in folgender Weise: Es bleibt ein Denken, das keine Gedanken hat; man denkt, denn man ist bewußt, aber man hat keine Gedanken. Dadurch können die geistigen Mächte ihren Inhalt in dieses Denken einströmen lassen. Solange man es selbst ausfüllt, können sie nicht hinein. Je länger man im Bewußtsein die Tätigkeit

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des Denkens ohne den Inhalt des Denkens festhält, desto mehr offenbart sich die übersinnliche Welt.

Auf diesen acht Gebieten liegen die Anweisungen des Lehrers bei der orientalischen Yoga-Schulung.

Nun werden wir noch, soweit es möglich ist, von der christlichen Schulung sprechen, und es wird sich zeigen, wie sie sich von der Schulung des Orients unterscheidet. Diese christliche Schulung kann erfolgen auf den Rat eines Lehrers hin, der weiß, was zu tun ist, und der immer bei jedem Schritt zurechtrücken kann, was verfehlt ist. Aber der große Guru ist der Christus Jesus selbst. Daher ist notwendig ein strenger Glaube an das wirkliche Vorhandensein und das wirkliche Gelebt-Haben des Christus Jesus. Ohne diesen Glauben ist ein Sich-Verbunden-Fühlen mit ihm unmöglich. Weiter ist zu begreifen, daß von diesem großen Guru ein Dokument herrührt, das selbst die Anleitung zur Schulung gibt, und das ist das Johannes-Evangelium. Das kann man auch innerlich erleben, nicht bloß äußerlich daran glauben, und wer es in richtiger Weise in sich aufgenommen hat, für den gibt es keine Notwendigkeit mehr, den Christus Jesus zu beweisen, weil er ihn gefunden hat.

Diese Schulung geht so vor sich, daß man nicht bloß immer und immer wieder das Johannes-Evangelium liest, sondern darüber meditiert. Das Johannes-Evangelium beginnt mit den Worten: «Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort» Diese Verse sind, richtig verstanden, ein Meditationsstoff, und sie müssen in einem Dhyanam-ähnlichen Zustand aufgenommen werden. Wer morgens früh, bevor andere Eindrücke in seine Seele eingezogen sind, alles andere aus den Gedanken ausschließt und fünf Minuten lang einzig und allein in diesen Sätzen lebt, und zwar fortgesetzt, jahrelang in absoluter Geduld und Ausdauer, der erlebt, daß diese Worte nicht nur etwas sind, was man verstehen muß; er erlebt, daß sie eine okkulte Kraft haben, ja, er erlebt dadurch eine innere okkulte Umwandlung der Seele. Man wird in gewisser Weise hellsichtig durch diese Worte, so daß man astral alles sehen kann, was im Johannes-Evangelium steht.

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Nach Anweisung des Lehrers läßt der Schüler zuerst sieben Tage lang die ersten fünf Sätze des ersten Kapitels durch die Seele ziehen. Die nächste Woche ebenso das zweite Kapitel, und so fort jedes einzelne Kapitel bis zum zwölften Kapitel. Man wird schon sehen, was man da Großartiges, Gewaltiges erlebt: wie man eingeführt wird in die Ereignisse von Palästina, wo Christus Jesus gelebt hat, wie sie in der Akasha-Chronik aufgezeichnet sind, und wie man dann tatsächlich alles, was zu jener Zeit geschehen ist, erlebt. Und dann, wenn man am dreizehnten Kapitel angekommen ist, erlebt man die einzelnen Stationen der christlichen Einweihung.

Die erste Station ist die sogenannte Fußwaschung. Zuerst muß man verstehen, was diese große Szene bedeutet. Der Christus Jesus neigt sich herunter zu denen, die niedriger sind als er. In der ganzen Welt müßte diese Demut gegenüber denen, die unter uns stehen und auf deren Kosten wir uns höher entwickeln, vorhanden sein. Wenn die Pflanze denken könnte, müßte sie dem Stein danken dafür, daß er den Boden hergibt, auf dem sie ein höheres Leben führen kann, und das Tier müßte sich zur Pflanze neigen und sagen: Dir verdanke ich die Möglichkeit, daß ich bin , und ebenso der Mensch der ganzen übrigen Natur. Und derjenige, der höher steht in der menschlichen Gesellschaft, muß sich herunterneigen zu den unter ihm Arbeitenden und sich sagen: Wenn nicht diese fleißigen Hände die niedrige Arbeit für mich verrichten würden, so könnte ich nicht stehen, wo ich stehe. Keiner könnte sich höher entwickeln, wenn nicht der Boden unter ihm bereitet wäre. Und so ist es auch bis hinauf zum Christus Jesus selbst, der sich in Demut zu den Aposteln herunterneigt und sagt: Ihr seid mein Boden, an euch erfülle ich den Satz: Derjenige aber, der sein will der Erste, der muß der Letzte sein, und derjenige, der sein will der Herr, der muß der Diener aller sein. Die Fußwaschung bedeutet das Gerne-dienen-Wollen, das Sichneigen in All-Demut. Das muß die allgemeine Empfindung werden für den okkult sich Entwickelnden.

Hat der Schüler sich mit dieser Demut ganz durchdrungen, dann hat er die erste Station der christlichen Einweihung erlebt. An einem äußeren und einem inneren Symptom erkennt er, daß er so

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weit ist. Das äußere Symptom dafür ist: Er fühlt seine Füße wie von Wasser umspült. Das innere Symptom ist eine astrale Vision, die ganz gewiß auftritt: Er sieht sich selbst einer Anzahl Menschen die Füße waschen. Dieses Bild taucht in seinen Träumen auf als astrale Vision, und jeder hat dieselbe Vision. Wenn er dieses erlebt, dann hat er dieses ganze Kapitel wirklich in sich aufgenommen.

Es folgt alsdann als zweites die Geißelung. Ist man bis dahin vorgeschritten, dann muß man, während man die Geißelung liest und auf sich wirken läßt, ein anderes Gefühl ausbilden. Man muß lernen, festzustehen bei den Geißelhieben des Lebens. Man sagt sich: Ich werde feststehen in allen Leiden und Schmerzen, in allem, was an mich herantritt. Das äußere Symptom dafür ist: Man fühlt gleichsam einen punktweisen Schmerz am ganzen Körper. Das innere Symptom ist: Man sieht sich selbst gegeißelt in der Traumvision.

Die dritte Station ist die Dornenkrönung. Noch ein anderes Gefühl muß hinzutreten: Man lernt standhaft aushalten, wenn man auch mit Spott und Hohn überschüttet wird wegen des Heiligsten, das man besitzt. Das äußere Symptom dafür ist, daß man einen drückenden Kopfschmerz fühlt. Das innere Symptom ist: Man sieht sich astral mit der Dornenkrone gekrönt.

Dann kann man weitergehen zur vierten Station: der Kreuzigung. Ein neues, ganz bestimmtes Gefühl muß hier ausgebildet werden. Es beruht auf der Überwindung dessen, daß einem der eigene Körper das Wichtigste ist; er muß einem so gleichgültig werden wie ein Stück Holz. Wir tragen unsern Leib dann durchs Leben und betrachten ihn objektiv; er ist uns das Holz des Kreuzes geworden. Dabei braucht man ihn nicht zu verachten, so wenig wie irgendein Werkzeug. Die Reife zu dieser Stufe wird angezeigt durch das äußere Symptom: Zur Zeit der Meditation treten genau an den Stellen, die man die Stellen der heiligen Wundmale nennt, rote Punkte stigmaartig hervor, und zwar an den Händen und Füßen und an der rechten Seite in der Höhe des Herzens. Das innere Symptom ist: Der Schüler hat die Vision, selbst am Kreuze zu hängen.

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Die fünfte Stufe ist der mystische Tod. Er besteht darin, daß der Mensch die Nichtigkeit des Irdischen erlebt, daß er tatsächlich für eine Weile allem Irdischen abstirbt.

Nunmehr können nur noch spärliche Schilderungen der christlichen Einweihung gegeben werden. Der Mensch erlebt als eine astrale Vision, daß überall Finsternis herrscht, daß die irdische Welt versunken ist. Vor dem, was da kommen soll, breitet sich ein schwarzer Schleier wie ein Vorhang aus. Während dieses Zustandes lernt er alles kennen, was in der Welt an Bösem und Schlechtem existiert. Das ist das Hinabsteigen in die Hölle, die Höllenfahrt. Dann erlebt er, daß der Vorhang wie entzweigerissen wird, und jetzt tritt die devachanische Welt hervor. Das ist das Zerreißen des Tempelvorhanges.

Dann folgt die sechste Stufe, die Grablegung. So wie bei der vierten Stufe der eigene Körper objektiv wird, so muß man hier das Gefühl ausbilden, daß einem nicht nur der eigene Körper ein Objekt ist, sondern daß man alles andere, was uns auf der Erde umgibt, geradeso als zu sich gehörig empfindet wie den eigenen Körper. Da dehnt sich der eigene Körper über die Haut hinaus. Man ist nicht mehr ein abgesondertes Wesen, man ist vereint mit dem ganzen Erdenplaneten. Die Erde ist unser Körper geworden, man ist in der Erde begraben.

Die siebente Stufe, die Auferstehung, kann nicht mit Worten geschildert werden. Man sagt daher im Okkultismus: Der siebente Zustand kann nur noch von demjenigen gedacht werden, dessen Seele ganz frei geworden ist vom Gehirn. Einem solchen könnte man ihn beschreiben. Deshalb kann er hier nur erwähnt werden. Wie er durchlebt wird, dazu gibt der christliche okkulte Lehrer die Anleitung.

Wenn der Mensch diese siebente Stufe durchlebt hat, dann ist das Christentum ein innerliches Erlebnis seiner Seele geworden. Er ist dann ganz vereinigt mit dem Christus Jesus; der Christus Jesus ist in ihm.

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Vierzehnter Vortrag, Stuttgart, 04. September 1906

Wir haben gestern die verschiedenen Gebiete charakterisiert, durch die der Schüler der orientalischen und der christlichen Schulung zu höheren Erkenntnissen gelangt; nun will ich Ihnen heute in ähnlicher Weise die Stufen beschreiben, durch welche die rosenkreuzerische Schulung aufsteigt.

Man darf sich nicht vorstellen, daß diese Rosenkreuzer-Schulung den beiden anderen widerspricht. Sie besteht ungefähr seit dem 14. Jahrhundert, und zwar mußte sie damals eingeführt werden, weil die Menschheit noch eine andere Form der Schulung brauchte. In den Kreisen der Eingeweihten sah man voraus, daß Menschen kommen würden, die durch das sich allmählich entwickelnde Wissen im Glauben beirrt werden würden. Deshalb mußte eine Form geschaffen werden für diejenigen, die in den Zwiespalt von Glauben und Wissen geraten. Im Mittelalter waren die größten Gelehrten auch zugleich die gläubigsten und frömmsten Menschen; aber auch noch lange Zeit später war für die in der Naturwissenschaft Fortgeschrittenen durchaus kein Widerspruch denkbar zwischen Glauben und Wissen. Man sagt, durch das Kopernikanische System sei der Glaube erschüttert worden, aber durchaus unberechtigterweise, hatte doch Kopernikus sein Buch dem Papst gewidmet! Erst in der allerletzten Zeit ist dieser Zwiespalt nach und nach gekommen. Das sahen die Meister der Weisheit voraus, und daher mußte für diejenigen, die durch die Wissenschaft vom Glauben abgebracht worden waren, ein neuer Weg gefunden werden. Für diejenigen Menschen, die sich viel mit der Wissenschaft befassen, ist es nötig, diesen Rosenkreuzer-Weg zu gehen, um ein Eingeweihter zu werden, denn die Rosenkreuzer-Methode zeigt, daß das höchste Wissen des Weltlichen mit dem höchsten Wissen der übersinnlichen geistigen Wahrheiten durchaus zusammen bestehen kann; und gerade durch die Rosenkreuzer-Methode kann derjenige, der sonst durch eine scheinbare Wissenschaft vom christlichen Glauben abgefallen wäre, diesen erst recht erkennen.

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Jeder kann durch diese Methode die Wahrheit des Christentums erst recht und mit tieferem Verständnis verstehen. Die Wahrheit ist eine einzige, doch kann man zu ihr auf verschiedenen Wegen gelangen, geradeso wie die verschiedenen Wege am Fuße des Berges auseinandergehen, am Gipfel jedoch alle zusammenlaufen.

Das Wesen der Rosenkreuzer-Schulung kann bezeichnet werden mit den Worten: wahre Selbsterkenntnis. Dazu muß man zwei Dinge unterscheiden, und man muß sie als Rosenkreuzer-Schüler nicht bloß theoretisch unterscheiden, sondern auch praktisch, das heißt, sie ins praktische Leben einführen. Es gibt zwei Arten von Selbsterkenntnis. Die niedere Selbsterkenntnis, die der Rosenkreuzer-Schüler Selbstbespiegelung nennt, durch sie soll man das niedere Selbst überwinden; und die höhere, durch Selbstentäußerung geborene Selbsterkenntnis.

Was ist nun niedere Selbsterkenntnis? Das ist die Erkenntnis unseres alltäglichen Selbst, dessen, was wir schon sind, was wir in uns tragen, wie man sagt, ein Hineinschauen in das eigene Seelenleben. Man muß sich aber klarmachen, daß man dadurch nicht zum höheren Selbst kommen kann, denn wenn der Mensch sich selbst anschaut, findet er nur, was er ist; aber gerade darüber soll er ja hinauswachsen, um dieses Selbst des gewöhnlichen Lebens zu überwinden. Aber wie? Die meisten Menschen sind überzeugt, daß ihre Eigenschaften die allerbesten sind, und wer diese nicht auch hat, ist ihnen unsympathisch. Wer über diese Meinung hinaus ist, nicht nur in der Theorie, sondern im Gefühl, der ist schon auf dem Wege zu einer wahren Selbsterkenntnis. Hinaus kommt man über diese Selbstbespiegelung durch eine besondere Methode, die immer angewandt werden kann, wenn man einmal fünf Minuten Zeit findet. Man muß von folgendem Satz ausgehen: Alle Eigenschaften, die du hast, sind einseitig; du mußt erkennen, worin deine Eigenschaften einseitig sind, und mußt sie zu harmonisieren suchen. Es ist dies ein Satz, der nicht nur in der Theorie, der in der Praxis der geeignetste ist. Wer fleißig ist, muß sich prüfen, ob er es nicht an einer falschen Stelle ist. Flinkheit ist auch einseitig, ich muß sie ergänzen durch eine sorgfältige Bedachtsamkeit. Jede Eigenschaft hat ihren Gegenpol;

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den muß man sich aneignen und dann die konträren Eigenschaften zu harmonisieren suchen, zum Beispiel: Eile mit Weile, flink sein und doch bedächtig, bedächtig sein und doch nicht träge. Dann fängt man an, über sich hinauszuarbeiten. Das gehört nicht zur Meditation, das muß man sich daneben erringen.

Dieses Harmonisieren besteht namentlich im Aufmerken auf kleine Züge. Wer zum Beispiel die Eigenschaft hat, andere nicht ausreden zu lassen, der muß sorgfältig darauf achten und einmal sechs Wochen sich vornehmen: Jetzt schweigst du überhaupt dem andern gegenüber, so lange es möglich ist. Dann gewöhne man sich, nicht zu laut und nicht zu leise zu sprechen. Solche Dinge, die der Mensch gewöhnlich gar nicht bedenkt, gehören zu dieser intimen Selbstentwickelung des Innern, und auf je unbedeutendere Eigenschaften man eingeht, desto besser ist es. Wenn man es gar dazu bringt, sich nicht nur bestimmte moralische, intellektuelle oder Gefühlseigenschaften anzueignen, sondern irgendeine äußere Gewohnheit abzugewöhnen, so ist das insbesondere wirksam. Es handelt sich weniger um eine Erforschung des Inneren im gewöhnlichen Sinne als vielmehr um eine Vervollkommnung der Eigenschaften, die man noch nicht genügend ausgebildet hat, und um eine Ergänzung des Vorhandenen durch eine entgegengesetzte Eigenschaft. Selbsterkenntnis gehört zu den allerschwersten Dingen für den Menschen, und gerade diejenigen, die sich am besten zu kennen glauben, täuschen sich am leichtesten. Sie denken zu viel an ihr eigenes Selbst. Das fortwährende Hinstarren auf sich selbst und das fortwährende Hinsagen des Wortes «Ich»: Ich denke, ich glaube, ich halte das für richtig das sollte man sich schon in der Redeweise abgewöhnen. Vor allen Dingen muß man sich die Idee abgewöhnen, als wenn auf die eigene Meinung mehr ankäme als auf die Meinung anderer Menschen. Nehmen wir zum Beispiel an, es ist einer ein sehr gescheiter Mensch. Wenn er nun seine Gescheitheit in einer Gesellschaft von Menschen anbringt, die auf einer viel tieferen Stufe stehen, so ist sie sehr deplaciert: Er bringt sie ja nur um seinetwillen an. Er sollte aber aus dem Geiste der anderen heraus wirken. Insbesondere Agitatoren verletzen diese Regel sehr leicht.

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Dazu muß ferner das kommen, was man im okkulten Sinne Geduld nennt. Die meisten, die etwas erreichen wollen, können nicht warten, weil sie glauben, sie seien schon reif, alles zu empfangen. Diese Geduld fließt aus einer strengen Selbsterziehung. Auch das hängt mit der Selbsterkenntnis zusammen.

Die höhere Selbsterkenntnis beginnt erst dann, wenn wir anfangen zu sagen: In dem, was unser alltägliches Ich ist, liegt gar nicht unser höheres Selbst. In der ganzen Welt draußen ist es, oben bei den Sternen, bei der Sonne und dem Mond, im Stein, im Tier: Überall ist dasselbe Wesen, das in uns ist. Wenn einer sagt: Ich will mein höheres Selbst pflegen und mich zurückziehen, ich will nichts wissen von allem Materiellen, dann verkennt er vollständig, daß gerade das Selbst überall draußen ist und daß sein eigenes höheres Selbst nur ein kleiner Teil ist von diesem großen Selbst draußen. Gewisse «geistige» Heilweisen machen diesen Fehler, der sehr verhängnisvoll werden kann; sie bringen dem Kranken die Vorstellung bei, es gäbe nichts Materielles, und so gäbe es auch keine Krankheiten. Das beruht auf einer falschen Selbsterkenntnis und ist, wie schon bemerkt, sehr gefährlich. Während sich eine solche Heilweise mit einem christlichen Namen bezeichnet, ist sie eigentlich antichristlich.

Das Christentum ist eine Anschauung, die in allem eine Offenbarung des Göttlichen sieht. In jedem Materiellen haben wir eine Illusion, wenn wir es nicht als einen Ausdruck des Göttlichen ansehen. Verleugnen wir die Außenwelt, so verleugnen wir das Göttliche; negieren wir die Materie, in der sich Gott offenbart hat, dann negieren wir Gott. Es handelt sich nicht darum, in sich hineinzuschauen, sondern wir müssen das große Selbst zu erkennen suchen, das in uns hineinleuchtet. Das niedere Selbst sagt: Ich stehe da und friere. Das höhere Selbst dagegen sagt: Ich bin auch die Kälte, denn ich lebe als das einige Selbst in der Kälte und mache mich selbst kalt. Das niedere Selbst sagt: Ich bin da, ich bin im Auge, das die Sonne sieht. Das höhere Selbst dagegen sagt: Ich bin in der Sonne und sehe im Sonnenstrahl in deine Augen hinein.

Wirklich herausgehen aus sich selbst heißt Selbstentäußerung. Daher geht die Rosenkreuzer-Schulung darauf aus, das niedere

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Selbst herauszubringen aus dem Menschen. In der theosophischen Bewegung ist anfangs der allerschlimmste Fehler gemacht worden dadurch, daß man sagte: Man muß absehen vom Äußeren und in sich hineinschauen. Das ist eine große Illusion. Man findet nur sein niederes Selbst, das vierte Prinzip, das niedere Ich, das sich einbildet, ein Göttliches zu sein, das aber gar kein Göttliches ist. Man muß aus sich heraus, um das Göttliche zu erkennen. «Erkenne dich selbst» heißt zugleich «überwinde dich selbst».

Die Gebiete, um die es sich bei der Rosenkreuzer-Schulung handelt, sind folgende, und sie müssen Hand in Hand gehen mit der Ausbildung der bereits erwähnten sechs Eigenschaften: Gedankenkontrolle, Initiative des Handelns, Gelassenheit, Unbefangenheit oder Positivität, Glaube, inneres Gleichgewicht.

Die Schulung selbst besteht in folgendem:

1. Studium. Ohne Studium kommt der jetzige Europäer nicht dazu, selbst zu erkennen. Er muß versuchen, erst die Gedanken der ganzen Menschheit in sich hervorzubringen. Er muß mit dem Weltensystem denken lernen. Er muß sich sagen: Wenn andere das gedacht haben, so muß es doch menschlich sein, und ich will einmal probieren, wie es sich damit leben läßt. Man braucht darauf ja nicht wie auf ein Dogma zu schwören, aber man muß es kennenlernen durch Studium. Der Schüler muß die Entwickelung der Sonnen und Planeten, der Erde und der Menschheit kennenlernen. Diese Gedanken, die uns für das Studium überliefert werden, reinigen unseren Geist. An den strengen Gedankenlinien ranken wir uns hinauf dazu, selbst streng logische Gedanken zu bilden. Dieses Studium reinigt auch wiederum unsere Gedanken, so daß wir streng logisch denken lernen. Wenn wir zum Beispiel ein sehr schweres Buch studieren, so kommt es weniger darauf an, den Inhalt zu begreifen, als darauf, daß wir auf die Gedankenbahnen des Verfassers eingehen und mitdenken lernen. Deshalb darf man auch kein Buch zu schwer finden; das hieße bloß, man ist zu bequem zu denken. Die besten Bücher sind gerade diejenigen, die man immer und immer wieder studieren muß, die man nicht gleich versteht, die man Satz für Satz durchdenken muß. Beim Studium kommt es nicht so sehr auf das

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Was als auf das Wie an. Durch die großen Wahrheiten, wie zum Beispiel die Planetengesetze, schaffen wir uns große Denklinien an, und das ist das Wesentliche an der Sache. Auch darin steckt viel Egoismus, wenn jemand sagt: Ich will mehr moralische Lehren haben und keine über Planetensysteme. Richtige Weisheit bewirkt ein moralisches Leben.

2. Das zweite ist die Imagination, das Erwerben von imaginativer Erkenntnis. Was ist sie und wie erlangt man sie? Auf folgende Weise gelangt man dazu: Man geht durch die Welt und beobachtet sie streng nach dem Goetheschen Grundsatz «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis». Denn Goethe war ein Rosenkreuzer, und er kann uns in das seelische Leben einführen. Jedes Ding muß in mehrfacher Beziehung ein Gleichnis werden. Nehmen wir an, ich gehe an einer Herbstzeitlose vorbei: Sie ist durch Form und Farbe für mich ein Sinnbild der Trauer. Eine andere Blume, der Windung, ist ein Sinnbild der Hilfsbedürftigkeit, eine rote Blume, die kühn ihre Blätter in die Höhe richtet, kann mir ein Zeichen sein für Munterkeit und so weiter. Ein Tier mit bunten Farben kann ein Gleichnis sein für die Koketterie. Oft liegen in den Namen schon die Gleichnisse ausgedrückt, zum Beispiel Trauerweide, Vergißmeinnicht und so weiter. Je mehr man in dieser Weise nachdenkt, daß die äußeren Dinge Sinnbilder werden für das Moralische, desto leichter kann man zu dieser imaginativen Erkenntnis aufsteigen. Auch bei den Menschen findet man solche Gleichnisse. So kann man zum Beispiel an dem Gang eines Menschen sein Temperament studieren. Beobachten Sie nur einmal den schleppenden, langsamen Schritt des Melancholikers, den festen, bestimmten Schritt des Cholerikers, den leichten, mehr auf den Fußspitzen ruhenden Schritt des Sanguinikers.

Hat man das eine Weile getrieben, dann geht man über zu den Übungen für die eigentliche Imagination. Man hält sich zum Beispiel eine natürliche Pflanze vor, sieht sie recht an, vertieft sich ganz hinein in sie, holt das Innere seiner Seele heraus und legt es sozusagen in die Pflanze hinein, wie es in meinen Aufsätzen «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben ist. Das bringt die Imagination herauf. Dadurch gelangt man zum astralen Schauen.

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Man bemerkt dann tatsächlich nach einiger Zeit, wie eine kleine Flamme aus der Pflanze hervorgeht; es ist die astrale Bedeutung dessen, was wächst. Ein anderes Beispiel: Man legt ein Samenkorn vor sich hin und sieht dann die ganze Pflanze, wie sie in der Wirklichkeit erst später sein wird, in Gedanken vor sich erscheinen. Das sind Übungen für die Imagination, auf die die Rosenkreuzer viel Aufmerksamkeit verwenden.

3. Das dritte ist das, was man nennt das Lernen der okkulten Schrift. Es gibt nämlich eine okkulte Schrift, durch die man tiefer hineindringen kann in die Dinge. Ich will Ihnen ein Beispiel sagen, damit Sie sehen, was ich eigentlich meine: Mit dem Untergang der alten Atlantis hat eine neue, die altindische Kultur begonnen. Das Zeichen eines solchen Entwickelungsstadiums, wo eine Kulturepoche aufhört und eine andere anfängt, ist der Wirbel. Solche Wirbel gibt es auch in der Natur, Sternennebel, der Orionnebel zum Beispiel und so weiter. Auch da geht eine Welt zugrunde, und eine neue tritt hervor. Beim Aufgang der altindischen Kultur stand die Sonne im Krebs, in der Zeit der persischen Kultur stand die Sonne in den Zwillingen, während der ägyptischen Kultur im Stier, während der griechisch-lateinischen Kultur im Widder. Da nun das astronomische Zeichen des Krebses  =  ist, war dieses auch das Zeichen für den Aufgang der altindischen Kultur.

Ein weiteres Beispiel ist der Buchstabe M. Jeder Buchstabe führt auf einen okkulten Ursprung zurück. So ist M das Zeichen der Weisheit. Es ist entstanden aus der Bildung der Oberlippe  und ist zugleich das Symbol für die Meereswellen ; daher wird die Weisheit durch das Wasser symbolisiert. Diese Zeichen sind stets Anklänge an sinnvolle Dinge. Zahlreiche solche Zeichen werden in der Rosenkreuzer-Schulung gelehrt.

4. Rhythmisierung des Lebens. Vom chaotischen zum rhythmischen Leben übergehen. Die Kinder haben den Vorteil, in die Schule zu gehen; beim Erwachsenen fehlt leider oft der Stundenplan. Man muß versuchen, gewisse Stunden des Tages für die Meditation festzulegen. Die Rhythmisierung des Atems spielt keine so große Rolle wie bei den Orientalen, aber sie gehört auch zur Schulung, und

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der Rosenkreuzer weiß, daß schon durch das Meditieren die Verbesserung der Atemluft eintritt.

5. Das Entsprechen von Mikrokosmos und Makrokosmos. Es ist das der Zusammenhang zwischen der großen und der kleinen Welt oder zwischen dem Menschen und der Welt draußen. Sie wissen, daß der Mensch allmählich entstanden ist, seine einzelnen Wesensglieder haben sich im Laufe der Evolution gebildet. Auf der alten Sonne hat der Mensch noch keinen Astralleib gehabt. Deshalb konnten gewisse Organe noch nicht entstehen. Ein solches Organ ist zum Beispiel die Leber. Bei einem Wesen, das nur einen Ätherleib hat, gibt es keine Leber, auch nicht in der Anlage. Zwar ist die Leber nicht ohne den Ätherkörper möglich, sie wird aber erst vom Astralleib geschaffen. Ebenso kann niemals ein Wesen warmes Blut haben, das nicht zu der Zeit entstanden ist, wo sich das Ich ausbildete.

Zwar haben die höheren Tiere auch warmes Blut, aber diese haben sich vom Menschen abgespalten, als er das Ich ausbildete. So gehört jedes Organ des menschlichen Leibes, auch das kleinste, zu einem seiner Wesensglieder. Die Leber entspricht dem Astralleib, das Blut dem Ich. Und wenn der Mensch nun seine Aufmerksamkeit objektiv auf sich selbst richtet, wie auf eine Sache, wenn er sich zum Beispiel auf den Punkt an der Nasenwurzel konzentriert und damit ein bestimmtes Wort verbindet, das der okkulte Lehrer ihm gibt, so wird er zu dem, was diesem Punkte entspricht, hingeführt, und er lernt es kennen. So wird der Mensch, der sich auf diesen Punkt unter bestimmter Anleitung konzentriert, die Natur des Ich kennenlernen. Eine andere, sehr viel spätere Übung richtet sich auf das Innere des Auges; dadurch lernt man die innere Natur des Lichtes und der Sonne kennen. Die Natur des Astralen lernt man dadurch kennen, daß man sich mit bestimmten Worten auf die Leber konzentriert.

Das ist die richtige Selbstentwickelung, wenn man durch jedes Organ, auf das man seine Aufmerksamkeit richtet, aus sich herausgeführt wird. Diese Methode ist besonders in neuerer Zeit wirksam geworden, weil die Menschheit so materiell geworden ist. So kommt man durch das Materielle zum Verursacher des Materiellen, zu den schöpferischen Kräften, die diese Organe gebildet haben.

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6. Das Verweilen oder Sichversenken in den Makrokosmos. Das ist dasselbe, was als Dhyanam beschrieben wurde, die geistige Kontemplation. Sie geschieht folgendermaßen: Man versenkt sich in das Organ der Kontemplation, zum Beispiel in das Innere des Auges. Wenn man sich darauf eine Weile konzentriert hat, läßt man die Vorstellung des äußeren Organs fallen, so daß man nur noch an das denkt, worauf das Auge hingewiesen hat: auf das Licht. Dadurch kommt man zum Schöpfer des Organs und hinaus in den Makrokosmos. Dann fühlt man, wie der Körper immer größer wird, so groß wie die ganze Erde, ja, er wächst sogar über die Erde hinaus, und alle Dinge sind in ihm. Der Mensch lebt dann in allen Dingen darinnen.

7. Der siebente Zustand entspricht dem orientalischen Samadhi; man nennt ihn in der Rosenkreuzer-Schulung Gottseligkeit. Man läßt die letzte Vorstellung fallen, aber man behält die Kraft des Denkens. Der Inhalt des Denkens hört auf, aber die Tätigkeit des Denkens bleibt. Dadurch ruht man in der göttlich-geistigen Welt.

Diese Stufen der Rosenkreuzer-Schulung sind mehr innere Stufen und erfordern eine subtile Pflege des höheren Seelenlebens. In unserem materiellen Zeitalter ist die weitverbreitete Oberflächlichkeit ein starkes Hindernis für die nötige Verinnerlichung des gesamten Seelenlebens; sie muß überwunden werden. Diese Schulung ist auf den Europäer zugeschnitten, sie erfordert eine gewisse seelische Energie, sie ist aber nicht schwer. Jeder kann sie ausführen, der nur ernstlich will. Doch gilt auch hier der Goethesche Satz: «Zwar ist es leicht, doch ist das Leichte schwer.»

Meine lieben Freunde! So sind wir nun auf die verschiedenen Methoden der Schulung eingegangen; und nun will ich damit die Vorträge schließen, daß ich Ihnen noch einen Einblick gebe in den Zusammenhang zwischen dem Menschen und der ganzen Erde, damit Sie sehen, wie der Mensch zusammenhängt mit alle dem, was sonst auf der Erde vor sich geht.

Ich habe Ihnen die Entwickelung des Menschen geschildert, wie er ein immer höheres Wesen werden kann. Die Menschheit als Ganzes wird ja alles das im Verlaufe der Entwickelung erreichen, was

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jeder einzelne durch eine okkulte Schulung für sich erreichen kann. Was geht nun mit der Erde vor, während sich so Mensch und Menschheit entwickeln? Denn für den Okkultisten ist die Erde nicht dasjenige, was sie für den gewöhnlichen Geologen oder Naturforscher ist, der darin gleichsam nur einen großen leblosen Ball sieht, der innen nicht viel anders ausschaut als außen, höchstens daß die Stoffe im Innern flüssig sind. Es ist ziemlich unverständlich, wie dieser tote Ball allerlei Wesen hervorbringen soll.

Wir wissen, daß unsere Erde ganz bestimmte Erscheinungen zeigt, die in das Schicksal vieler Wesen tief hineinspielen; doch das wird von der heutigen Naturwissenschaft als außer Zusammenhang mit diesem Schicksal stehend betrachtet. So wird zum Beispiel durch Erdbeben und Vulkanausbrüche in das Schicksal von Hunderten und Tausenden eingegriffen. Hat des Menschen Wille darauf einen Einfluß oder ist es Zufall? Gibt es tote Gesetze, die blind wüten, oder ist ein Zusammenhang zwischen diesen Ereignissen und dem Willen des Menschen? Wie steht es mit dem Menschen, der bei einem Erdbeben zugrunde geht? Was sagt der Okkultist über das Innere der Erde?

Die Geheimwissenschaft aller Zeiten sagt über das Innere der Erde das Folgende: Wir haben uns die Erde zu denken bestehend aus einer Reihe von Schichten, die aber nicht genau voneinander abgegrenzt sind wie bei einer Zwiebel, sondern sanft ineinander übergehen. Die oberste Schicht, die mineralische Masse, verhält sich zum Innern wie die Schale zum ganzen Ei. Diese oberste Schicht nennt man die mineralische Erde. Unterhalb derselben zeigt sich etwas, was sich mit keiner Substanz der Erde vergleichen läßt, man nennt es die flüssige Erde. Es ist aber nicht eigentlich eine Flüssigkeit gemeint, denn unsere Flüssigkeiten sind ja auch mineralisch; diese Schicht hat besondere Eigenschaften. Diese Substanz beginnt nämlich hier geistige Eigenschaften zu haben, darin bestehend, daß sie, als Substanz mit etwas Lebendem zusammengebracht, dieses Leben sofort heraustreiben und vernichten würde. Der Okkultist kann diese Schicht durch eine reine Konzentrationsarbeit untersuchen.

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3. Die Luft-Erde: Das ist eine die Empfindung vernichtende Substanz; wird sie zum Beispiel mit einem Schmerz zusammengebracht, so verwandelt sie ihn in Lust, und umgekehrt. Es wird sozusagen die Empfindung in der Art, wie sie besteht, ausgelöscht, so wie die zweite Schicht das Leben auslöscht.

4. Die Wasser- oder Form-Erde: Diese Schicht besteht aus Kräften, die aus jedem Ding materiell das machen, was im Devachan geistig geschieht. Dort haben wir die Negativbilder zu den physischen Dingen. Hier würde zum Beispiel ein Würfel vernichtet werden, sein Negativ aber entstehen. Die Form wird sozusagen in das Gegenteil verwandelt, alle Eigenschaften begeben sich in die Umgebung. Der Raum selbst, den der Würfel einnahm, ist leer.

5. Die Frucht-Erde: Diese Substanz ist voll von strotzender Wachstumsenergie. Jedes Teilchen derselben wächst sofort weiter wie ein Schwamm, wird immer größer und kann nur zusammengehalten werden von den oberen Schichten. Sie dient den Formen der vorhergehenden Schicht als dahinterstehendes Leben.

6. Die Feuer-Erde: Diese Substanz hat als solche Empfindung und Wille. Sie empfindet Schmerz; sie würde schreien, wenn sie getreten würde. Sie besteht sozusagen ganz und gar aus Leidenschaften.

7. Der Erdenspiegel, Erdreflektor: Diese Schicht hat ihren Namen daher, daß ihre Substanz, wenn man sich darauf konzentriert, alle Eigenschaften der Erde ins Gegenteil verwandelt. Wenn man alles Darüberliegende nicht sehen will, sondern direkt im Geist auf diese Schicht heruntersieht und sich dann zum Beispiel etwas Grünes vorlegt, so erscheint das Grüne rot; jede Farbe erscheint in ihrer Komplementärfarbe. Es entsteht eine polarische Spiegelung, eine Widerspiegelung ins Gegenteil. Das Traurige würde von dieser Substanz in Freude verwandelt.

8. Der Zersplitterer: Konzentriert man sich mit entwickelter okkulter Kraft darauf, so zeigt sich einem etwas ganz Merkwürdiges. Es erscheint dort zum Beispiel eine Pflanze zahllos vervielfältigt, ebenso alles andere. Aber das Wesentliche ist, daß diese Schicht auch die moralischen Eigenschaften zersplittert. Sie ist schuld durch die Kraft, die sie auf die Oberfläche der Erde ausstrahlt, daß es über-

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haupt auf der Erde Streit und Disharmonie gibt. Die Menschen müssen zusammenwirken in Harmonie, um die zersplitternde Kraft dieser Schicht zu überwinden. Dazu wurde diese Kraft in die Erde hineingelegt, damit die Menschen die Harmonie selbst entwickeln können. Alles Böse wird substantiell hier vorbereitet und organisiert. Streitsüchtige Menschen sind so organisiert, daß diese Schicht einen besonderen Einfluß auf sie hat. Alle, die aus dem Okkultismus heraus geschrieben haben, wußten das. Dante beschreibt diese Schicht in seiner «Göttlichen Komödie» als Kains-Schlucht. Der Streit zwischen den beiden Brüdern Kain und Abel kommt von daher. Diese Schicht hat substantiell das Böse in die Welt gebracht.

9. Der Erdkern: Das ist substantiell dasjenige, durch dessen Einfluß auf der Welt schwarze Magie entsteht. Von hier geht die Kraft des geistig Bösen aus.

Aus dem Obigen können wir entnehmen, daß der Mensch einen Bezug hat zu all diesen Schichten, denn sie strahlen fortwährend ihre Kraft aus. Die Menschen stehen unter dem Einfluß dieser Schichten und müssen fortwährend die Kräfte derselben überwinden. Wenn einmal die Menschen auf der Erde selbst Leben ausstrahlen werden, wenn sie Lebenförderndes ausatmen werden, dann überwinden sie die Feuer-Erde. Wenn sie den Schmerz geistig überwinden durch Gelassenheit, dann überwinden sie die Luft-Erde, und so weiter. Wenn die Eintracht siegt, wird der Zersplitterer besiegt. Wenn die weiße Magie siegt, gibt es kein Böses mehr in der Welt. So bedeutet also die Evolution des Menschen eine Umgestaltung des Erdinnern. Im Anfang war der Erdkörper so, daß er alles hemmte, was sich entwickelte. Zuletzt wird die ganze Erde, durch die Kraft der Menschheit umgewandelt, eine vergeistigte Erde sein. Der Mensch teilt so sein Wesen der Erde mit.

Nun kann der Fall eintreten, daß die substantielle Leidenschaft der Feuer-Erde rebellisch wird. Durch die Leidenschaften der Menschen angeregt, dringt sie durch die Frucht-Erde hindurch, zwängt sich dann durch die Kanäle in die oberen Schichten und fließt sogar in die feste Erde hinein, erschüttert diese und bewirkt ein Erdbeben. Stößt diese Leidenschaft der Feuerschicht innere Erdensubstanz aus,

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dann entsteht ein Vulkan. Das hat sehr viel zu tun mit dem Menschen. In der lemurischen Rasse war die obere Schicht noch sehr weich, und die Feuerschicht lag noch weit oben. Nun besteht eine Verwandtschaft zwischen der menschlichen Leidenschaft und der Leidenschaftssubstanz dieser Schicht. Wenn der Mensch also sehr böse ist, so verstärkt er diese Leidenschaft. Das geschah am Ende der lemurischen Zeit. Da machte der Lemurier durch seine Leidenschaft die Feuer-Erde rebellischer und richtete den ganzen lemurischen Kontinent auf diese Weise zugrunde. Nirgendwo anders kann er die wahre Ursache zu diesem Untergang finden als in dem, was er selbst aus der Erde heraufgezogen hat. Heute sind die Schichten dichter und fester geworden, aber noch immer stehen die menschlichen Leidenschaften mit der Leidenschaftsschicht der inneren Erde im Zusammenhang; immer noch bewirkt eine Ansammlung böser Leidenschaften und Kräfte Erdbeben und Vulkanausbrüche.

Wie der Mensch mit seinem Schicksal und Willen zusammenhängt mit dem, was da geschieht, das können wir an zwei Beispielen, die wirklich okkult untersucht worden sind, ersehen. Man hat nämlich gefunden, daß Menschen, die bei einem Erdbeben zugrunde gingen, in der nächsten Inkarnation spirituelle, geistgläubige Menschen geworden sind. Sie waren so weit gewesen, daß es nur noch dieses einen Schlages bedurfte, um ihnen die Vergänglichkeit des Irdischen zu zeigen. Das wirkte im Devachan so sehr nach, daß sie als Frucht für das nächste Leben lernten, daß das Materielle das Hinfällige, der Geist aber das Überwindende ist. Nicht alle haben das eingesehen, doch viele leben heute auf diese Weise als Menschen, die irgendwelchen spirituellen, theosophischen Bewegungen angehören.

Bei dem anderen Beispiel wurden die Menschen untersucht, deren Geburt mit einem Erdbeben oder mit einem Vulkanausbruch zusammenfiel. Man fand dabei heraus, daß alle diese Menschen merkwürdigerweise ganz materialistisch gesinnte Menschen geworden sind. Das Erdbeben oder der Vulkanausbruch war nicht die Ursache, sondern es waren die vielen materialistisch gesinnten Seelen, die, reif zur Geburt, sich durch ihren astralen Willen in die physische Welt hineinarbeiteten und die Kräfte der Feuer-

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schicht entfesselten, welche dann bei ihrer Geburt die Erde erschütterten.

So hängt der Wille des Menschen mit dem, was auf der Erde vorgeht, zusammen. Der Mensch verwandelt mit sich zugleich seinen Wohnplatz. Mit seiner eigenen Vergeistigung vergeistigt er die Erde. Er wird dereinst, auf einem nächsten Planeten, diese Erde durch seine eigene Schaffenskraft veredelt haben. In jedem Augenblick, wo wir denken und fühlen, arbeiten wir mit an dem großen Gebäude der Erde. Die Führer der Menschheit schauen hinein in solche Zusammenhänge und suchen der Menschheit solche Kräfte zuzuführen, welche im Sinne der Entwickelung wirken. Eine der letzten dieser Bewegungen ist die theosophische. Sie soll harmonisierend und ausgleichend wirken bis in die tiefsten Untergründe der menschlichen Seele hinein. Wer noch immer seine Meinung über die Liebe stellt, das Rechthabenwollen über den Frieden, der hat die theosophische Idee noch nicht ganz begriffen. Die Gesinnung der Liebe muß bis in die Meinung hinein wirken. Wer in einer okkulten Entwickelung begriffen ist, der lernt das naturnotwendig, sonst kommt er nicht weiter. Er verzichtet überhaupt auf eine eigene Meinung und will nur ein Werkzeug sein der objektiven Wahrheit, die von den Geistern kommt und die Welt durchströmt als die eine große Wahrheit, und je mehr man sich selbst entäußert und das Sprachrohr wird für die eine große Wahrheit und seine eigene Meinung nicht mehr in Betracht zieht, desto mehr übt man die wahre theosophische Gesinnung. Das ist heute außerordentlich schwer. Aber die theosophische Lehre ist selbst eine Friedensstifterin. Wenn wir zusammenkommen, um in der Lehre zu leben, so stiftet sie Frieden. Wenn wir aber hineinbringen, was draußen ist, dann bringt man Zwietracht hinein, und das müßte eigentlich eine Unmöglichkeit sein.

So muß die theosophische Weltanschauung übergehen in ein Gefühl, in etwas, was ich nennen möchte eine geistige Luft, in der die Theosophie lebt. Sie müssen den Willen haben zum Verständnis, dann schwebt die Theosophie wie ein einheitlicher Geist über den Versammlungen, und dann wirkt sie auch hinaus in die Welt.

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Fragenbeantwortung, Stuttgart, 2. September 1906

Frage über die Arbeit des Ich

Es gibt eine Arbeit am Astralleib, am Ätherleib und am physischen Leib. Am Astralleib arbeitet jeder Mensch; alle sittliche Erziehung ist Arbeit am Astralleib. Selbst wenn der Mensch mit seiner Einweihung, mit der okkulten Schulung beginnt, hat er noch viel an seinem Astralleib zu arbeiten. Was bei der Einweihung beginnt, ist ein stärkeres Arbeiten am Ätherleib durch Pflege des ästhetischen Genusses und der Religion. Bewußt arbeitet der Eingeweihte am Ätherleib.

Das Astralbewußtsein ist vierdimensional in einer gewissen Beziehung. Um sich eine annähernde Vorstellung davon zu machen, sei folgendes gesagt: Was tot ist, hat die Tendenz, in seinen drei Dimensionen zu bleiben. Dasjenige, was lebt, geht fortwährend über die drei Dimensionen hinaus. Das Wachsende hat in seinen drei Dimensionen durch seine Bewegung die vierte darinnen. Bewegt sich etwas im Kreis und wird der Kreis immer größer angenommen, so kommt man endlich doch zu einer geraden Linie. Wir würden aber mit dieser geraden Linie nicht mehr zu unserem Ausgangspunkt zurückkommen, weil unser Raum dreidimensional ist. Auf dem Astralraum, da kommt man dann zurück, weil der Astralraum von allen Seiten geschlossen ist. Es gibt keine Möglichkeit, dort ins Unendliche zu gehen. Der physische Raum ist für die vierte Dimension offen. Höhe und Breite sind zwei Dimensionen, die dritte Dimension ist das Herausheben und Hereinbringen in die vierte. Eine andere Geometrie herrscht auf dem Astralraum.

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Warum sind die Theosophen noch so unvollkommen?

Man soll in seinem Urteil nicht das Persönliche einfließen lassen, sondern eine objektive Beurteilung der Dinge vornehmen.

Über den Zustand im Devachan.

Schmerz und Weh ist außen im Devachan. Man empfindet dort die eigenen Schmerzen nicht. Sie sehen den Schmerz dort. Sie sehen ihn als Donner, als Blitz, als Farbe. Das ist die Seligkeit. Es sind die Bilder von dem, was von dem anderen hier unten geschieht. Der Friedenszustand im Devachan ist abhängig von dem Leben des Menschen hier zwischen Geburt und Tod. Harmonie hier bewirkt Friede dort. Fortwährend ist der Mensch in den drei Welten. «Ruhe sanft!» ist nicht so ganz zutreffend.

Hat es einen Wert, Seelenmessen lesen zu lassen?

Gute Gedanken sind wie Balsam für die Toten. Nicht egoistische Liebe soll man ihnen senden, nicht trauern, daß man die Toten selbst nicht mehr hat; das stört den Toten und ist für ihn wie Bleigewicht. Die Liebe, die bleibt, die nicht Anspruch macht darauf, den Toten noch hier haben zu wollen, die nützt dem Toten und vermehrt seine Seligkeit.

Reue?

Reue hat keinen Wert. Gutmachen muß man; das kürzt das Kamaloka ab.

Über die Gemeinschaft mit den Lieben im Kamaloka.

Diese Gemeinschaft ist bestimmter, klarer im Devachan, denn das Bewußtsein im Kamaloka ist durch das Abtragen persönlicher Schuld getrübt.

Lotusblumen?

Die Lotusblumen sind innerliche Bewegungen, sind im Innern des Menschen.

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Wie ist es, wenn man mit den Eltern nicht zusammenstimmt?

Mit den Eltern nicht zusammenzustimmen ist meist karmische Bestimmung.

Wie sieht der Astralleib aus?

Wenn der Astralleib mit seinem physischen Leib zusammen ist, hat er etwa die Eiform. Nach dem Tode ist er ein wunderbar leuchtendes, bewegliches Gebilde. Je nach seinen Eigenschaften hat er verschiedene Farben, leuchtende Farben. Diese drei leuchtenden Punkte sind erst weit voneinander getrennte Punkte, die in Verbindung stehen und unten die Verbindung offen haben. Die drei Punkte stellen Kraftzentren dar; sie ziehen sich immer mehr zusammen und schauen dann aus wie ein kleines Dreieck. 1. Herz, 2. Leber, 3. Gehirn. Bei der Neuinkarnation wirken diese drei Punkte mit. Im Devachan sind es leuchtende Kraftzentren, die von den drei Punkten ausgehen. In der astralischen Welt sind diese drei Punkte ein Dreieck, im Devachan ist ein Sechseck. Im Devachan ist es diese Form, zwei ineinandergeschobene Dreiecke. Glocken sind es.

Frage nicht notiert.

Atome sind eine Spekulation. Darum vermeiden wir es auch, von Atomen zu sprechen, weil es ja nur eine Annahme ist. Man soll nichts denken, was nicht Tatsachen sind; nur schauen, beobachten soll der Mensch. (Es war über das «permanente Atom» gefragt worden, von dem man damals in Theosophenkreisen sprach.)

Kann man in die Zukunft schauen?

Es ist möglich, in die Zukunft zu schauen, aber der Okkultist versagt sich dieses, weil es fast nur der hoch Eingeweihte verträgt,

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die Zukunft zu wissen. Das Schauen des Eingeweihten bestimmt nicht das, was der andere tut; er tut das in der Zukunft ganz aus freiem Willen.

Über Familienbeziehungen.

Bei Familien mit starker Familientradition liegt ein ganz bestimmtes Gesetz vor, wodurch sich das Familienkarma auslebt. Der Ahnherr erhält die Familie so lange, bis er sich selbst wieder in der nächsten Inkarnation einen neuen Körper aufbauen kann. Am Blute erhält sich das Kontinuierliche, am Blute hängt der Familienzusammenhang.

Über die Kunst.

Die Kunst ist die Offenbarung geheimer Naturgesetze. Goethe sagt: «Das Schöne ist eine Manifestation geheimer Naturgesetze, die uns ohne dessen Erscheinung ewig wären verborgen geblieben.» Die Natur kann ihre Absichten nur bis zu einem gewissen Grade ausführen; der Mensch kann sie zum Ausdruck bringen, aber der Künstler muß Blut und Leben weglassen.

Was geschieht mit der Menschenarbeit?

Was der Mensch einmal der Körperwelt eingeprägt hat, das bleibt bestehen in der Idee. Was er der Materie eingepflanzt hat, bleibt bestehen. Was die Menschen einstmals geformt haben, wird später auf Erden wachsen. Die Wolken werden später Gemälde sein, und ein Gebilde wie der Kölner Dom wird später wachsen.

Über die Gruppenseelen.

Die Gruppenseelen werden später, viel später dieselben Erfahrungen in sich aufnehmen, die heute der Mensch macht. Sie werden sich später einen eigenen Leib aufbauen. Sie werden ein einzelnes Individuum werden und werden dann eine Individualseele haben. Aus Tieren werden niemals Menschen werden, aber aus den Gruppenseelen

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werden Menschen werden; zwar ganz andere Menschen als wir. Man kann die Menschheitsstufe in der verschiedensten Weise durchmachen: auf der Saturnstufe, der Sonnenstufe, der Mondenstufe, der Erdenstufe und so weiter.

Wie stellen Sie sich zum Vaterunser?

Das christliche Urgebet lautet: Herr, laß diesen Kelch an mir vorübergehen, doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe. Man sollte nicht egoistisch beten. Das Gebet sollte sein eine Erhebung in die geistige Welt, ein Quell der Kraft und der Stärkung.

Über die Ehe.

Die Ehe ist ein Dualismus. Alles in der Welt sucht unsere Zeit zu Unrecht auf das Sexuelle zurückzuführen. In das Gebiet der Ehe spielt ein großer Weltengegensatz hinein: Der Mann hat einen weiblichen Ätherleib und die Frau einen männlichen Ätherleib. Der Geist, das Seelische beim Mann ist mehr weiblich, und umgekehrt. Unsere Seele strebt zu dem Höchsten. Der Mann wird daher dieses Höchste vergleichen mit dem Weiblichen, weil seine Seele weiblich ist. Das Äußere, der Leib, wird nur das äußere Symbol, ist nur ein Gleichnis. «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.» «Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.»

Über den Ich-Leib.

Der Ich-Leib zeigt sich dem Hellseher als eine blaue Hohlkugel zwischen den Augen, hinter der Stirn. Wenn der Mensch anfängt, daran zu arbeiten, so gehen Strahlen von diesem Punkte aus.

Über das Wesen des Kometen.

Der Komet ist eine Ansammlung von Kama, Wunschmaterie, ohne die entsprechende Geistmaterie. Der Komet bringt es nur bis zum Astralkörper. Die Sichtbarkeit des Kometen entsteht durch die starke Reibung der Äthermaterie, durch die der Astralkörper durchgegangen ist.

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Über das Sehen der Aura.

Das Wahrnehmen der Aura ist nur eine Frage des Sehens.

Wie entstand Gold?

Da haben Sie zuerst die Äthermasse.

Feuer
Luft
Wasser
Erde

Feueräther
Lichtäther
Chemischer Äther
Lebensäther

Kein Leben kann entstehen ohne den Lebensäther, der den Körper ausfüllt. Jeder Äther kann abgekühlt und dadurch fest werden. Gold rann früher in Klüften und noch früher war es gasförmig, war Feueräther, Lichtäther. Die Strahlen, die heute in der Sonne zu uns kommen, waren früher Äthermaterie. Alles Gold war damals Sonnenäther, Lichtäther. Gold ist verdichteter Sonnenäther, verdichtetes Sonnenlicht, Silber ist verdichtetes Mondenlicht.

Welche Wesenheiten bewohnen den Mond?

Der Mond ist mit solchen Wesenheiten bevölkert, die auf früherer Stufe der Entwickelung stehengeblieben, die sitzengeblieben sind: luziferische Wesenheiten. Auf dem alten Monde gab es solche Wesenheiten, die so weit ins Böse heruntergefallen waren, daß sie die Entwickelung nicht weiter mitmachen konnten. Diese verankerten sich auf dem Monde. Im abnehmenden Monde zeigen sich diese bösartigen Wesenheiten besonders. Beim zunehmenden Monde sind sie weniger schädlich. Greuliche Wesenheiten bewohnen den Mond, aber auch günstige Wesenheiten, auf Wachstum und Geburt wirkende Wesenheiten.

Über das Buch der Offenbarung.

Dieses Buch mit den sieben Siegeln in der Offenbarung des Johannes schreibt der Mensch selbst zunächst. Er evolviert und

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involviert es. Das zuerst Hineingeschriebene ist das, was die sieben Unterrassen sind. Jede Unterrasse hat ein Blatt hineingeschrieben und versiegelt, und in der nächsten Unterrasse wird es entsiegelt.

Über den Unterschied zwischen Verbrennen und Begraben.

Der Unterschied besteht hauptsächlich für den Ätherleib. Für den physischen Leib befördert dann das Verbrennen eine regelmäßige Auflösung in den Weltenraum. «Verwesen» heißt: zu seinem Wesen zurückgehen.

Über die Nächstenliebe.

Die Nächstenliebe ist ganz selbstverständlich; ich muß sie selbst tun.

Über das Leben Jesu.

Das Leben Jesu ist zugleich Symbol und Tatsache. Den Beweis für das Leben Jesu kann nur die Geisteswissenschaft geben. Historische Beweise finden sich nicht, weil Christus als hoher Eingeweihter denen, die die damalige Geschichte schrieben, nicht bekannt war.

Über das innere Wort.

Das innere Wort entwickelt sich, nachdem der Mensch bereits astral schauen gelernt hat. Dann kommt er in den Devachanzustand, da hört er die Weltengeheimnisse tönen, tönen in sich, und da hört er dann den Namen, den jedes Ding hat. Auch dem Eingeweihten wird später dieser sein eigener Name gesagt, und diesen zu meditieren ist von ganz besonderer Wirksamkeit. Das ist dann das innere Wort. Er wird dadurch erweckt, und dieses innere Wort ist dann der sichere Führer für die spätere Entwickelung.

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Fragenbeantwortung, Stuttgart, 4. September 1906

In früherer Zeit war der Ätherleib des Menschen noch außerhalb seines physischen Leibes, ebenso natürlich das Ich-Bewußtsein. Die Seele arbeitete von außen am physischen Leibe. Ebenso ist es noch mit dem Ätherleib des heutigen Pferdes.

Woher kommen die Namen der Tierkreissternbilder?

Das gesamte Tierreich war einstmals im Menschen darinnen, das heißt der Mensch stand auf einer Stufe zwischen dem heutigen Tierreich und Menschenreich. Um sich weiter entwickeln zu können, mußte er die Teile aus sich ausscheiden, die seine Entwickelung nicht mitmachen konnten. Er schied damals das aus, was dann heute unser Tierreich bildet. Ursprünglich also waren die Tiere weit weniger vom Menschen unterschieden als jetzt. Sie degenerierten dann allmählich. Nun ging das Ausscheiden des Tierreiches aber nicht plötzlich vor sich, sondern ganz allmählich. Erst die Fische, dann Reptilien und Amphibien, dann Vögel und Säugetiere. Und bei diesen Gruppen gab es ja auch wieder nur ein allmähliches Ausscheiden. So wurden die Raubtiere zum Beispiel früher ausgeschieden als die Affen. Als nun die Löwen ausgeschieden wurden, da nannte Sonne stand, Löwe, und als der Mensch die Stiernatur ausschied, nannte man das Sternbild Stier. Die Namen der vier apokalyptischen Tiere in der Offenbarung des Johannes deuten auf dasselbe hin. Sie heißen Adler, Löwe, Stier,

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Mensch. Aber damit sind noch nicht die Namen aller Tierkreisbilder erklärt.

Zeichnung aus GA 95, S. 158
Zeichnung aus GA 95, S. 158

Der Mond früherer Zeit bevor sich die Erde ausschied bestand aus weicher Pflanzenmasse, wie lebendiges Moor oder Spinatmasse, durchzogen von einem holzartigen Gerüst, das heute sich zu Felsen verhärtet hat. In dieser weichen Masse lebten die Mondpflanzen, eigentlich Pflanzentiere, zwischen den heutigen Tieren und Pflanzen stehend. Sie lebten also in Pflanzenmasse. Bei der Ausscheidung der Erde, wo sich die vier Naturreiche, Mineralien, Pflanzen, Tiere und Menschen bildeten, machten einige die volle Umwandlung zur heutigen Pflanze nicht mit. So entstanden die Schmarotzerpflanzen.

«Eh vor den Meistern kann die Stimme sprechen, muß das Verwunden sie verlernen.»
(Aus «Licht auf den Weg» von Mabel Collins.)

Zeichnung aus GA 95, S. 158
Zeichnung aus GA 95, S. 158

Wenn wir einen Liebesgedanken aussenden, so bildet er eine wunderschöne Gedankenform, aussehend wie eine Blume, die sich sanft öffnet und den, dem der Liebesgedanke gilt, ganz umfaßt. Denkt man einen Haßgedanken, so bildet er eine spitze, eckige Form, oben geschlossen, um zu verwunden. Dasjenige, was wir als «Meister» bezeichnen, ist die göttliche Stimme, die in uns spricht. Sie spricht immer, aber wir lassen sie nicht immer heraus. Der Liebesgedanke ist offen, da kann die Stimme des Meisters hindurchtönen. Aber die geschlossene Gedankenform des Hasses läßt die göttliche Gedankenform keinen Ausweg finden, so daß sie ungehört bleiben muß.

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Eine Lüge ist ein Mord im Astralen.
Zeichnung aus GA 95, S. 159
Zeichnung aus GA 95, S. 159

Nehmen wir an, ich denke folgenden Gedanken: Ich bin einem Menschen begegnet. Eine ganz bestimmte Gedankenform wird dadurch erzeugt. Nun sage ich dasselbe zu einem andern: Ich bin einem Menschen begegnet. Wiederum wird dieselbe Gedankenform erzeugt. Die beiden Gedankenformen begegnen sich und verstärken einander. Lüge ich aber und sage: Ich bin dem Menschen nicht begegnet so wird eine Gedankenform erzeugt, die der ersteren entgegengesetzt ist. Die beiden Gedankenformen prallen zusammen und zerstören einander. Die Explosion erfolgt im Astralleib des Lügners.

Wodurch schützt man seinen Astralleib vor schlechten Einflüssen?

Am besten dadurch, daß man selbst rein und wahr ist. Als besonderes Schutzmittel kann man sich aber auch durch energische Willenskonzentration eine astrale Hülle, einen blauen Einebel bilden. Man sagt sich fest und eindringlich: Alle meine guten Eigenschaften sollen mich umgeben wie ein Panzer!

Warum hatten die ersten Christen neben dem Symbol des Lammes auch das des Fisches?
Zeichnung aus GA 95, S. 159
Zeichnung aus GA 95, S. 159

Bei den Fischen, speziell beim Amphioxus, fängt das Rückenmark an, sich zu bilden. Der Mensch stand einmal in diesem Stadium, er hatte die Fischnatur noch in sich, war ganz Seele und arbeitete von außen an seinem Leibe. Dann schied er die Fische aus. Aus dem Rückenmark bildete sich später das Gehirn. Dies hat Goethe schon gewußt. Dr. Steiner fand dies als kleine Notiz mit Bleistift in ein Notizbuch eingetragen, als er im Goethe-Archiv in Weimar

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arbeitete. Dadurch wird der Mensch ein Selbst. Aber veredelt wird dies Selbst durch das Christentum, und daher ist der Fisch das Symbol der Christen. Dasselbe sagt die Sage von Jonas. Jonas der Mensch ist erst außerhalb des Fisches, das heißt als Seele von außen arbeitend. Dann wird er ein Selbst und schlüpft in den Fisch den physischen Leib hinein. Bei der Einweihung verläßt der Mensch den physischen Körper wieder.

Sieht man nach dem Tode physische Gegenstände?

Nach dem Tode sieht man nichts Physisches, aber das entsprechende Astrale, astrale Kraftgegenbilder, und devachanische. Das Mineralische fehlt; es erscheint als Hohlraum, wie ein photographisches Negativ. Eine Uhr sieht man im Devachan, da eine menschliche Absicht dabei ist. So sieht man dort jedes Menschenwerk.

Atma umgestalteter physischer Leib
Buddhi umgestalteter Ätherleib
Manas
Kama Manas Ich
Kama Astralleib
Prana Ätherleib
Physischer Leib


Die allgemeine Lebensflut heißt Prana. Sie rinnt wie Wasser; ist sie aber geformt, wie man Wasser in ein Gefäß gießt, in den physischen Leib gegossen, so spricht man von Ätherleib. Ebenso heißt die allgemeine Astralmaterie Kama, das heißt Wunschmaterie. Zu einem Leibe geformt, sagt man Astralleib. Das Ich ist das Zentrum der Person. Kama ragt hinein und ebenso Manas. Das Ich ist also aus Kama und Manas zusammengemischt. Das Kama soll ganz umgewandelt und veredelt werden, so daß Manas daraus wird. Wird der Ätherleib veredelt, so entsteht Budhi, und Atma entsteht durch Verwandlung des physischen Leibes.

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Die Mental-Ebene

Arupa

VII
VI
V

Kausalleib
Kausalleib
Kausalleib

Akasha-Chronik
Rupa

IV
III
II
I

Ätherkreis
Luftkreis
Meeresgebiet, wie das Blut im Menschenleib
Kontinentalgebiet

Das Kontinentalgebiet enthält alles Physische, das Meeresgebiet alles Leben, der Luftkreis alle Empfindungen und der Ätherkreis alle Gedanken. An der Grenze des Ätherkreises ist die Akasha-Chronik. Sie enthält alles, was je gedacht ist. Jenseits der Akasha-Chronik liegt alles noch nicht Gedachte, Arupa. Alles neu Gedachte, alle Erfindungen und so weiter kommen aus der Aruparegion. Wer Kama Manas entwickelt hat, kommt nach dem Tode bis in den Ätherkreis, zu selbständigen Gedanken. Das Ich gestaltet den Astralleib, so daß Manas daraus wird. Alles Manas, was noch nicht ins Astrale gezogen wurde, ist Arupa.

Lebensverneinung und Lebensbejahung.

Schopenhauer sagt, der vernunftlose Wille erbaue die Welt. Ihn müsse drum die Vernunft vernichten, damit die Welt zugrunde gehe. Dadurch werde der Mensch erlöst. Schelling, Hegel und Fichte vertreten eine andere Richtung, die sich ausdrücken läßt in den Worten: «Von Gott zu Gott!» Betrachten wir die Lebensverneinung und Lebensbejahung in einem Gleichnis: Ich zeige jemandem ein Stück magnetisches Eisen und sage ihm, daß in dem Eisen eine unsichtbare Kraft steckt, die Magnetismus heißt. Er antwortet: Ich will nichts von dieser Kraft wissen, ich bejahe das Eisen. Ganz ähnlich so macht es der, welcher gegenüber den Dingen in der Welt sagt, er bejahe die Welt. Gewiß, er bejaht die Welt, aber er verneint die unsichtbaren Kräfte darin. Nur der bejaht in Wahrheit das Leben,

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der die geistigen Wesenheiten sucht. Das halbe Leben verneint der andere. Manche Theosophen sagen: Ich kümmere mich nicht um die Welt, ich will nur mein höheres Selbst entwickeln. In Wahrheit suchen diese nur den niederen Menschen. Der höhere Mensch ist überall draußen. Wenn ich die ganze Welt in mir fühle, dann habe ich mich, mein höheres Selbst gefunden. Mein Selbst ist außer mir. Welt-Erkenntnis ist Selbst-Erkenntnis!

Welche Wirkung hat die Suggestion?

Die Suggestion wirkt auf das Ich. Die höheren Körper werden aus dem physischen Leibe herausgehoben und der Ich-Leib folgt dann ohne physisches Gehirn dem Hypnotiseur unbewußt. Das physische Gehirn, die Kontrolle der Handlungen, wird gelöst. Beim Eingeweihten ist es anders. Er behält die Kontrolle und das Bewußtsein auch ohne physisches Gehirn und kann deswegen nicht hypnotisiert werden.

Die «Pistis-Sophia».

Dieses Buch ist in koptischer Sprache verfaßt und enthält viel von den Reden Christi bei der Einweihung seiner Jünger, viele innere Auslegungen der Gleichnisse. Am bedeutsamsten ist das 13. Kapitel. Die εἱμαρμένη (Haimarmene) ist Devachan. Die ganze übersinnliche Welt wird eingeteilt in zwölf Äonen. Dies sind die sieben Abteilungen des Astralplanes und die fünf untersten Abteilungen des Devachan. Vom Devachan aus können abgeirrte Geister gereinigt werden. Der Lichtreiniger vor Christus ist Melchisedek. Er ist gemeint, wenn vom  (Episkopos) des Lichts die Rede ist.

Unter  ἄρχοντες (Archontes) sind die bösen Mächte zu verstehen.

Frage nicht notiert.

Kampf und Diskussion ist nicht das Gebiet der Theosophie. Wir sollen nicht mit Streiten unnütz Zeit vergeuden, sondern nur zu denen reden, die Herz und Sinn für die Theosophie haben.

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Warum sagt Christus: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben» wo doch schon vor ihm große Religionsstifter den Weg wiesen?

Man muß sich zunächst in die Sprechweise der damaligen Zeit versetzen. Damals hörte man mit dem äußeren Wort auch zugleich den geistigen Inhalt des Wortes. Dann bedenke man folgendes: Christus war die Verkörperung der zweiten Person Gottes. Kein Religionsstifter vor ihm hatte die ganze Fülle des Logos in sich verkörpert. Was aber an Göttlichem sich in seinen Vorgängern verkörperte, das war schon ein Teil des Logos, also Christus selbst. Er begreift also alles vor ihm mit ein in die Worte: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.» Dann kann man diese Worte auch noch in anderem Sinne wörtlich nehmen. Die Religionsstifter vor Christus zeigten den Weg und lehrten die Wahrheit, aber sie lebten nicht das Gottes-Mysterium der Menschheit vor. Sie konnten darum sagen: Ich bin der Weg und die Wahrheit. Christus allein kann sagen: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Nun heißt Elias «Weg» und Moses «Wahrheit». Bei der Verklärung erscheint Christus und mit ihm Elias und Moses. Die Verklärung sagt also: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Das Eingehen Buddhas in Nirvana, sein Tod, ist dasselbe wie die Verklärung Christi. Wo Buddha also seine Wirksamkeit beendet, da beginnt eigentlich erst Christi Wirken, sein Leben.

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Hinweise

Zu dieser Ausgabe

Der vorliegende Vortragszyklus wurde von Rudolf Steiner vor Mitgliedern der damaligen Theosophischen Gesellschaft in Stuttgart gehalten. Er verwendete dabei die den Hörern vertraute theosophische Terminologie, jedoch immer im Sinne seiner später «Anthroposophie» genannten Geisteswissenschaft.

Textgrundlagen: Wörtliche Nachschriften oder Stenogramme gibt es nicht, zur damaligen Zeit wurden die Vorträge noch nicht offiziell durch Stenografen mitgeschrieben. Handschriftliche Notizen verschiedener namentlich nicht bekannter Teilnehmer mit gekürzter oder frei referierter Wiedergabe der Vortragsinhalte wurden zunächst von Hand zu Hand weitergegeben und gelangten um 1908 nach London in die Hände des jungen Frankfurter Mitgliedes Erich Trommsdorff (18851967), der sich dort zu Studienzwecken aufhielt. Trommsdorff übertrug die handschriftlichen Notizen aus eigener Initiative erstmals in Maschinenschrift, wobei er das «teilweise recht holprige Deutsch etwas glättete» (Brief Trommsdorff vom 4.3.1964), und sandte eine Kopie an Adolf Arenson nach Stuttgart. Diese Abschrift von Handnotizen, abschnittweise mit Kapitelüberschriften versehen, wurde 1910 in der Bearbeitung von Adolf Arenson (18551936) in Form eines Manuskriptdruckes und mit der Bezeichnung «Zyklus 1» herausgegeben. Viele Jahre später, etwa um 1930, hat Arenson anhand von Aufzeichnungen Alfred Reebsteins handschriftlich eine zweite Textfassung erstellt, die sich von der als «Zyklus 1» erschienenen ersten Fassung im wesentlichen dadurch unterschied, daß er nun eine Gliederung nach den Vortragsdaten vornahm, um den ursprünglichen Ablauf des Vortragszyklus herzustellen. Hierbei übernahm er die bisherigen Überschriften der einzelnen Abschnitte als Vortragstitel, obgleich diese Abschnitte mit den Vortragsdaten nur teilweise übereinstimmen. Gedruckt wurde diese zweite Textfassung erst 1964, sie liegt den Auflagen 1964 und 1978 der Gesamtausgabe zugrunde (herausgegeben von Johann Waeger).

Für die Auflage 1990 wurde eine Textdurchsicht und ein Vergleich mit später aufgefundenen Notizen von Karl Kieser, Louise Boesé und Alice Kinkel vorgenommen. Hieraus ergaben sich eine Reihe von Verbesserungen und Ergänzungen sowie einige Textvarianten; letztere sind bei den Hinweisen zu der jeweiligen Seite abgedruckt.

Der auf diese Weise aus den Notizen mehrerer Teilnehmer entstandene Text kann nicht als authentischer Wortlaut Rudolf Steiners angesehen werden, doch gibt er Inhalt und Aufbau der Vorträge im ganzen wieder, auch wenn im Detail Lücken oder auch Fehler enthalten sein mögen.

Textunterlagen zu den Fragenbeantwortungen: 2. September 1906: Notizen von Alice Kinkel. 4. September 1906: Notizen von Hilde Stockmeyer.

Der Titel des Bandes geht auf die Ausgabe 1910 von Adolf Arenson zurück.

Die Zeichnungen im Text wurden von Hedwid Frey nach den Textunterlagen angefertigt.

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Hinweise zum Text

Werke Rudolf Steiners, innerhalb der Gesamtausgabe (GA) werden in den Hinweisen mit Bibliographie-Nummer angegeben. Siehe auch die Übersicht am Schluß des Bandes.


Zu Seite:

11 Jakob Böhme: Abraham von Franckenberg «Lebensbeschreibung Jakob Böhmes».
13 das Wissen von sinnlichen Dingen: In «Zyklus 1» hieß es «von übersinnlichen Dingen».
17 Jean Paul, eigentlich Johann Paul Friedrich Richter. «Wahrheit aus Jean Pauls Leben», erstes Heftlein, 2. Vorlesung, Breslau 1926:

 «Nie vergeß ich die noch keinem Menschen erzählte Erscheinung in mir, wo ich bei der Geburt meines Selbstbewußtseins stand, von der ich Ort und Zeit anzugeben weiß. An einem Vormittag stand ich als ein sehr junges Kind unter der Haustüre und sah links nach der Holzlege, als auf einmal das innere Gesicht, ich bin ein Ich, wie ein Blitzstrahl vom Himmel vor mich fuhr, und seitdem leuchtend stehen blieb: da hatte mein Ich zum erstenmale sich selber gesehen und auf ewig. Täuschungen des Erinnerns sind hier schwerlich denkbar, da kein fremdes Erzählen sich in eine bloß im Verhangnen Allerheiligsten des Menschen vorgefallne Begebenheit, deren Neuheit allein so alltäglichen Nebenumständen das Bleiben gegeben, mit Zusätzen mengen konnte.»

17f Manas, Budhi, Atma: Rudolf Steiner verwendet hier die den Zuhörern aus der theosophischen Literatur vertrauten Ausdrücke. In seinem 1904 erschienenen Buche «Theosophie» (GA 9) hatte er diese bereits ersetzt durch «Geistselbst, Lebensgeist, Geistesmensch».
19 Helen Keller, amerikanische Schriftstellerin; sie wurde im Alter von 19 Monaten blind und taub. «Die Geschichte meines Lebens», deutsch Stuttgart 1905; «Optimismus», deutsch Stuttgart 1906.
eine geniale Lehrerin: Miss Anne Mansfield Sullivan (Mrs. Macy), Erzieherin und Lehrerin, die Helen Keller so weit vorbildete, daß sie sechzehnjährig eine Schule in Boston besuchen konnte, wo sie unter Mitwirkung der Schulleiterin, Miss Sarah Fuller, sprechen lernte.
20 Subba Row (Rao): Ein gelehrter Inder, schrieb Aufsätze in der Zeitschrift «Theosophist», die später gesammelt herausgekommen sind unter dem Titel «Esoteric Writings», 2. Auflage 1931, Adyar, Madras.
20 Arthur Schopenhauer, 17881860, Philosoph. Der angeführte Satz ist das Motto zu seiner «Preisschrift über die Grundlage der Moral», 30. Januar 1840. In der Schrift «Über den Willen in der Natur», 1836, findet sich der Satz: «Da ergibt sich, daß Moral-Predigen leicht, Moral-Begründen schwer ist.»
24 Tat tvam asi: Sanskrit, in den Vedas.
25 Die Sonne tönt nach alter Weise: Goethe «Faust» I, Prolog im Himmel, 243246. Tönend wird für Geistesohren: «Faust» II, 1. Akt, 46674674.
34 So ihr nicht werdet wie die Kindlein: Matth. 18, 3.
167
37 Broschüre des Spiritisten Langsdorff: Georg von Langsdorff, Freiburg i.Br., war Ende des 19. Jahrhunderts auf spiritistischem Gebiet als Übersetzer und Publizist bekannt. Vgl. hierüber Carl Kiesewetter, «Geschichte des neueren Okkultismus», Leipzig o. J. (1891). Auf welche Broschüre Rudolf Steiner sich hier bezieht, ließ sich nicht feststellen.
Helena Petrowna Blavatsky, in theosophischen Kreisen H. P. B. genannt. Siehe den Abschnitt «Reincarnations» im Kapitel X von «Isis Unveiled».
40f. in einem Zeitraum von 2160 Jahren: In der als «Zyklus 1» bezeichneten ersten Ausgabe stand «2600 Jahre». Den vorhandenen Textunterlagen ist nicht zu entnehmen, ob Rudolf Steiner diese Zahl genannt hat, oder ob sie von den Hörern so verstanden wurde.
42 Goethe sagt: Wörtlich: « und so bildet sich das Auge am Lichte fürs Licht », «Entwurf einer Farbenlehre. Einleitung», S. 88. In Band III von «Goethes Naturwissenschaftliche Schriften», 5 Bände, herausgegeben und kommentiert von Rudolf Steiner in «Kürschners Deutsche National-Litteratur», GA 1 ae.
44 Michelangelo Buonarroti: Der «Moses» für das Grabmal Julius II. steht in der Kirche S. Pietro in Vincoli zu Rom.
51 Zeile 11 v. o.: Das ist der unberechtigte, falsche «Hüter der Schwelle». Textvariante in der Mitschrift von Alice Kinkel: Es sind diese Wesen unter der Bezeichnung «unberechtigte Hüter der Schwelle» bekannt, wie zum Beispiel in «Zanoni» von Bulwer, wo sie als entsetzliche Quäler der betreffenden Menschen auftreten.
52 Lipikas, Maharajas: Hohe Geistwesen, die mit der Geburt und dem Schicksal des Menschen zusammenhängen.
53 Der vorletzte Absatz fehlte in den bisher gedruckten Auflagen.
55 Aristoteles sagt mit Recht: Der angeführte Satz findet sich in der Abhandlung «Über die Dichtkunst», Kapitel 4. Im Zyklus 1 ist das griechische Wort «Zoon» mit «Tiere» wiedergegeben. Neuere Übersetzer sagen «lebende Wesen».
58 wird ein Buch herausgegeben: «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft», als Vortrag gehalten an verschiedenen Orten Deutschlands, erschien zuerst, zum Aufsatz umgearbeitet, in Rudolf Steiners Zeitschrift «Lucifer-Gnosis», 1907, im selben Jahre als Broschüre. Jetzt in «Lucifer-Gnosis 1903-1908», GA 34, und als Einzelausgabe.
69 «Der da heimsuchet der Väter Missetat »: 2. Mos. 20, 5.
71 Bach: Der bedeutendste ist Johann Sebastian Bach, 16851750; als Musiker bekannt auch seine Söhne Friedemann Bach, 17101784, Philipp Emanuel Bach, 17141788, Johann Christian Bach, 17351782.
Bernoulli: Mathematikerfamilie in Basel. Jakob Bernoulli, 16541705, Johann Bernoulli, 16671748, Nikolaus Bernoulli, 16871759, Daniel Bernoulli, 17001782.
75 Antoine Fahre dOlivet, der Erforscher der Anfangskapitel der Genesis: «La langue hébraique restituée», 1816. Wo das Bild von der Perle gebraucht wird, konnte bisher nicht nachgewiesen werden.
86 Arupa: Sanskrit, «formlos»; die höchsten Gebiete des Devachan bezeichnend.
Rupa: Sanskrit, «Form». Die Rupa-Ebenen sind die niederen Sphären des Devachan.
168
86f. In der «Geheimlehre» von H. P. B. finden wir eine merkwürdige Stelle: Band I, Kommentare, Strophe VI.
88 wie Plato es ausdrückt: Im Dialog «Timaios».
93 Zeile 4 von unten: Die Umgebung wurde sichtbar: Textvariante (Nachschreiber unbekannt): Diesen Gebilden, welche sonst von der gemeinsamen göttlichen Atmosphäre versorgt worden waren, wurde nunmehr die Umgebung sichtbar.
Bibelzitate: 1. Mos. 1, 1; 1. Mos. 1, 3-4.
97 Zeile 27 von oben: später mit dem Astralen: So steht es seit der Auflage 1964 nach der Mitschrift von Karl Kieser. In «Zyklus 1» stand hier «mit dem Äther».
98 Zeile 3 von oben: Nicht umsonst haben die Alten : Textvariante Kieser: Nicht umsonst haben die orientalischen Sprachen
Manasaputras: Nach der «Geheimlehre» von H. P. Blavatsky «Söhne der Weisheit, welche den Menschen bei der Schöpfung mit Manas begabten.»
«Und Gott hauchte Adam den Odem des Lebens ein, : 1. Mos. 2, 7.
115 Alles, was aus der Akasha-Chronik erzählt worden ist: Gemeint sind die Aufsätze «Aus der Akasha-Chronik», die von Rudolf Steiner in seiner Zeitschrift «Lucifer-Gnosis» vom Juli 1904 bis Mai 1908 veröffentlicht worden sind. In der Gesamtausgabe GA 11.
117 in den folgenden sechs Übungen: Die Übungen wurden von Rudolf Steiner im Oktober 1906 schriftlich formuliert unter der Überschrift «Allgemeine Anforderungen, die ein jeder an sich selbst stellen muß, der eine okkulte Entwickelung durchmachen will». Sie sind abgedruckt im Band «Anweisungen für eine esoterische Schulung», GA 245.
Zu dem Abschnitt «Gedankenkontrolle»: Die Mitschrift Boesé enthält hier zusätzlich noch folgendes:

 Setzen Sie sich zum Beispiel hin und lassen Sie nichts von äußeren Dingen hereinkommen. Denken Sie, Sie wollen Mut in sich hineinbringen. Nun gliedern Sie Ihre Gedanken um den Mut herum: Was der Mut in Ihrem bisherigen Leben für eine Rolle gespielt hat, was er in der Welt bedeutet, was für mutige Helden es gegeben hat und so weiter.

118 «Himmelhoch jauchzend, / Zum Tode betrübt»: Aus Klärchens Lied in Goethes «Egmont», 3, 2.
eine persische Legende: Siehe Goethe, Noten und Abhandlungen zu besserem Verständnis des West-östlichen Divans, «Allgemeines».
123 die Art der Anweisung innerhalb einer orientalischen Schulung: Nach dem alten klassischen Werk: «Die Yoga-sûtras des Patañjali».
127 Die moderne Kultur hat die Formen verloren: Die Mitschriften Boesé und Kieser enthalten hier zusätzlich folgendes:

 Nicht einmal zu einer richtigen Form der Kleidung hat es die heutige Industriekultur gebracht, weil man keine Ahnung davon hat, daß das, womit man sich umgibt, ein Abbild von dem ist, was in der Seele lebt. So scheußlich kleiden wir uns heute, weil wir so arm an innerem Leben sind.

169
129 In einer Thüringer Staatszeitung: In dem in Gotha erscheinenden «Reichsanzeiger» veröffentlichte Karl August Kortum am 8. Oktober 1796 einen Aufruf mit dem Ziel, «die vielen Sucher des Steins der Weisen» zu gemeinsamem Studium in einer «Hermetischen Gesellschaft» zu vereinigen. Siehe «Der Stein der Weisen und die Kunst Gold zu machen. Irrtum und Erkenntnis in der Wandlung der Elemente, mitgeteilt nach den Quellen der Vergangenheit und Gegenwart» von Willy Bein, Voigtländers Quellenbücher Nr. 88, Leipzig o. J. (1915).
131 «Licht auf den Weg»: Von Mabel Collins. Siehe auch Rudolf Steiners Exegese zu dieser Schrift in Abschnitt VI des Buches «Anweisungen für eine esoterische Schulung», GA 245.
136 dem Papst gewidmet: Paul III., Alessandro Farnese.
139 Gewisse «geistige» Heilweisen machen diesen Fehler: Bezieht sich auf die Christian Science.
140 erwähnten sechs Eigenschaften: Siehe den zwölften Vortrag.
141 «Alles Vergängliche / Ist nur ein Gleichnis»: Chorus mysticus, «Faust» II von Goethe, 12104.
der Windling: Die Winde, Convolvulus.
«Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?»: Als Aufsätze erschienen in der Zeitschrift «Luzifer-Gnosis», Juni 1904 bis September 1905; erste Buchausgabe 1909 (GA 10).
144 «Zwar ist es leicht, doch ist das Leichte schwer»: Worte des Mephisto in Goethes «Faust» II, 4928.
147 Dante Alighieri: Die Kains-Schlucht in der «Göttlichen Komödie»: die Kaina, 32. Gesang der «Hölle».
170

Schematische Übersicht der Weltentwicklungsstufen (zum 9. Vortrag)

7 Bewußtseinszustände (Planeten):
1.

 2.

 3.

 4.

 5.

 6.

 7.

Trancebewußtsein, Allbewußtsein (Saturn)

 Tiefschlafbewußtsein, traumloses Bewußtsein (Sonne)

 Traumbewußtsein, Bilderbewußtsein (Mond)

 Wach- oder Gegenstandsbewußtsein (Erde)

 Psychisches Bewußtsein, bewußtes Bilderbewußtsein (Jupiter)

 Psychisches Bewußtsein, bewußtes Schlafbewußtsein (Venus)

 Spirituelles Bewußtsein, bewußtes Allbewußtsein (Vulkan)

zu je 7 Lebenszuständen (Runden, Reiche):
1.

 2.

 3.

 4.

 5.

 6.

 7.

Erstes Elementarreich

 Zweites Elementarreich

 Drittes Elementarreich

 Mineralreich

 Pflanzenreich

 Tierreich

 Menschenreich

zu je 7 Formzuständen (Globen):
1.

 2.

 3.

 4.

 5.

 6.

 7.

Arupa

 Rupa

 Astral

 Physisch

 Plastisch

 Intellektuell

 Archetypisch oder urbildlich

Jeder Formzustand wiederum geht noch durch 7 mal 7 Zustände; zum Beispiel unser gegenwärtiger (4. Formzustand des Mineralreiches innerhalb des 4. Planeten, der Erde) geht durch die sog. 7 Wurzelrassen oder Hauptzeiträume und jede Wurzelrasse wiederum noch durch weitere 7 Unterstufen, z. B. die Kulturepochen unserer gegenwärtigen 5. Wurzelrasse.
Nach jedem «Reich» tritt ein kleineres Pralaya (Schlafzustand) und nach jedem Bewußtseinszustand ein großes Pralaya ein.
171

Namenregister

(H = Hinweis / * = ohne Namensnennung)

Agrippa von Nettesheim (14861535) 12
Alexander der Große (356323 v. Chr.) 66
Aristoteles (384322 v. Chr.) 55H, 74
Attila (bis 453) 69
Bach, Familie 71H
Bernoulli, Familie 71H
Blavatsky, Helena Petrowna (H. P. B.)
  (1831-1891) 37H, 86f. H
Böhme, Jakob (1575-1624) 11H
Cäsar, Gajus Julius (100-44 v. Chr.) 27f., 66
Collins, Mabel (1851-1927) 131*H, 153
Dante Alighieri (1265-1321) 147H
Darwin, Charles (1809-1882) 73
Edison, Thomas Alva (1847-1931) 114
Fabre d'Olivet, Antoine (1768-1825) 5H
Fichte, Johann Gottlieb (1762-1814) 61
Franz von Assisi (1181-1226) 17, 36, 41
Galilei, Galileo (1564-1642) 43H, 108
Goethe, Johann Wolfgang (1749-1832) 25H, 28, 42H, 57, 114*H, 140H, 144H, 153, 154*, 159
Hannibal (246-182 v. Chr.) 66
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (1770-1831) 161
H. P. B., siehe Blavatsky
Jean Paul (1763-1825) 17H
Kant, Immanuel (1724-1825) 79

Keller, Helen (1880-1968) 19f. H
Kepler, Johannes (1571-1630) 43, 108
Kopernikus, Nikolaus (1473-1543) 108, 136H
Kortum, Karl Arnold (1745-1828) 123*H
Langsdorff, Georg von 37H
Mani (216-277) 77f.
Manu 102, 104, 106
Michelangelo Buonarroti (1475-1564) 49H
Napoleon Bonaparte (1769-1821) 66
Oken, Lorenz (1779-1851) 76
Paracelsus (Theophrastus von Hohenheim) (1493-1571) 35H, 76
Paul III, (Alessandro Farnese)
 (Papst 1534-1549) 136* H
Plato (427-347 v. Chr.) 19, 88H
Ptolemäos, Claudius (87-165) 108
Pythagoras (6. Jahrh. v. Chr.) 25H
Rousseau, Jean-Jacques (1712-1778) 11
Schelling, Friedrich Wilhelm Joseph von (1775-1854) 161
Schiller, Friedrich (1759-1805) 17, 36
Schopenhauer, Arthur (1788-1860) 23H, 161
Spinoza, Baruch (1632-1677) 19
Subba Row (Rao) (1856-1890) 20H
Sullivan, Anne Mansfield 19* H
Trithem von Sponheim, Johannes (1462-1516) 12

172


173

Über die Vortragsnachschriften Rudolf Steiners

Aus Rudolf Steiners Autobiographie »Mein Lebensgang« (35. Kap., 1925)

Es liegen nun aus meinem anthroposophischen Wirken zwei Ergebnisse vor; erstens meine vor aller Welt veröffentlichten Bücher, zweitens eine große Reihe von Kursen, die zunächst als Privatdruck gedacht und verkäuflich nur an Mitglieder der Theosophischen (später Anthroposophischen) Gesellschaft sein sollten. Es waren dies Nachschriften, die bei den Vorträgen mehr oder weniger gut gemacht worden sind und die wegen mangelnder Zeit nicht von mir korrigiert werden konnten. Mir wäre es am liebsten gewesen, wenn mündlich gesprochenes Wort mündlich gesprochenes Wort geblieben wäre. Aber die Mitglieder wollten den Privatdruck der Kurse. Und so kam er zustande. Hätte ich Zeit gehabt, die Dinge zu korrigieren, so hätte vom Anfange an die Einschränkung «Nur für Mitglieder» nicht zu bestehen gebraucht. Jetzt ist sie seit mehr als einem Jahre ja fallen gelassen.

Hier in meinem «Lebensgang» ist notwendig, vor allem zu sagen, wie sich die beiden: meine veröffentlichten Bücher und diese Privatdrucke in das einfügen, was ich als Anthroposophie ausarbeitete.

Wer mein eigenes inneres Ringen und Arbeiten für das Hinstellen der Anthroposophie vor das Bewußtsein der gegenwärtigen Zeit verfolgen will, der muß das an Hand der allgemein veröffentlichten Schriften tun. In ihnen setzte ich mich auch mit alle dem auseinander, was an Erkenntnisstreben in der Zeit vorhanden ist. Da ist gegeben, was sich mir in «geistigem Schauen» immer mehr gestaltete, was zum Gebäude der Anthroposophie allerdings in vieler Hinsicht in unvollkommener Art wurde.

Neben diese Forderung, die «Anthroposophie» aufzubauen und dabei nur dem zu dienen, was sich ergab, wenn man Mitteilungen aus der Geist-Welt der allgemeinen Bildungswelt von heute zu übergeben hat, trat nun aber die andere, auch dem voll entgegenzukommen, was aus der Mitgliedschaft heraus als Seelenbedürfnis, als Geistessehnsucht sich offenbarte.

Da war vor allem eine starke Neigung vorhanden, die Evangelien und den Schrift-Inhalt der Bibel überhaupt in dem Lichte dargestellt zu hören, das sich als das anthroposophische ergeben hatte. Man wollte in Kursen über diese der Menschheit gegebenen Offenbarungen hören.

174

Indem interne Vortragskurse im Sinne dieser Forderung gehalten wurden, kam dazu noch ein anderes. Bei diesen Vorträgen waren nur Mitglieder. Sie waren mit den Anfangs-Mitteilungen aus Anthroposophie bekannt. Man konnte zu ihnen eben so sprechen, wie zu Vorgeschrittenen auf dem Gebiete der Anthroposophie. Die Haltung dieser internen Vorträge war eine solche, wie sie eben in Schriften nicht sein konnte, die ganz für die Öffentlichkeit bestimmt waren.

Ich durfte in internen Kreisen in einer Art über Dinge sprechen, die ich für die öffentliche Darstellung, wenn sie für sie von Anfang an bestimmt gewesen wären, hätte anders gestalten müssen.

So liegt in der Zweiheit, den öffentlichen und den privaten Schriften, in der Tat etwas vor, das aus zwei verschiedenen Untergründen stammt. Die ganz öffentlichen Schriften sind das Ergebnis dessen, was in mir rang und arbeitete; in den Privatdrucken ringt und arbeitet die Gesellschaft mit. Ich höre auf die Schwingungen im Seelenleben der Mitgliedschaft, und in meinem lebendigen Drinnenleben in dem, was ich da höre, entsteht die Haltung der Vorträge.

Es ist nirgends auch nur in geringstem Maße etwas gesagt, was nicht reinstes Ergebnis der sich aufbauenden Anthroposophie wäre. Von irgend einer Konzession an Vorurteile oder Vorempfindungen der Mitgliedschaft kann nicht die Rede sein. Wer diese Privatdrucke liest, kann sie im vollsten Sinne eben als das nehmen, was Anthroposophie zu sagen hat. Deshalb konnte ja auch ohne Bedenken, als die Anklagen nach dieser Richtung zu drängend wurden, von der Einrichtung abgegangen werden, diese Drucke nur im Kreise der Mitgliedschaft zu verbreiten. Es wird eben nur hingenommen werden müssen, daß in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.

Ein Urteil über den Inhalt eines solchen Privatdruckes wird ja allerdings nur demjenigen zugestanden werden können, der kennt, was als Urteils-Voraussetzung angenommen wird. Und das ist für die allermeisten dieser Drucke mindestens die anthroposophische Erkenntnis des Menschen, des Kosmos, insofern sein Wesen in der Anthroposophie dargestellt wird, und dessen, was als «anthroposophische Geschichte» in den Mitteilungen aus der Geist-Welt sich findet.

Literatur

Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com.
Freie Werkausgaben gibt es auf steiner.wiki, bdn-steiner.ru, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
Die Rudolf Steiner Ausgaben basieren auf Klartextnachschriften, die dem gesprochenen Wort Rudolf Steiners so nah wie möglich kommen.
Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.