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GA 190

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ERSTER VORTRAG Dornach, 21. März 1919

#G190-1991-SE011 Vergangenheits- und Zukunftsimpulse im sozialen Geschehen

#TI

ERSTER VORTRAG

Dornach, 21. März 1919

#TX

Ich habe schon öfter darauf hingewiesen, wie das Bedürfnis der neue­ren Menschheit nach einer Sozialisierung der gesellschaftlichen Ord­nung gerade aus den in der Gegenwart stärker als in früheren Zeiten hervortretenden antisozialen Impulsen der Menschen entspringt. Die Menschen sind ihrem Empfindungsleben, überhaupt ihrem Seelenleben nach heute wesentlich antisozialer als in früheren Zeiten. Und man möchte sagen: In bezug auf die mehr elementarische, natürliche Ent­wickelung der Menschheit nehmen die antisozialen Triebe zu. Man kann ferner sagen: Im Laufe der vier letzten Jahrhunderte haben sich die Menschen mehr oder weniger - es liegt dem ja eine geschichtliche Notwendigkeit zugrunde - gewissen antisozialen Impulsen im weiten Umkreise des gesellschaftlichen Lebens überlassen. Und die Gegen­Strömung gegen dieses Sich den antisozialen Impulsen Überlassen ist der Ruf nach Sozialisierung. Gerade deshalb flammt im Bewußtsein der Menschen dieser Ruf nach Sozialisierung auf, weil im Unterbewußten der Menschen starke antisoziale Triebe erwachen.

Man kann dieses heute bis in das intimste Seelenleben hinein ver­folgen. Niemals ist es jedoch den Menschen so schwer gewesen, sich von irgend etwas zu überzeugen, das ihnen als Meinung entgegentritt oder auch als die Beweisführung eines anderen, niemals war die Starr-köpfigkeit mit Bezug auf das Stehenbleiben auf Meinungen so groß, wie sie in der Gegenwart ist. Und wenn es einmal vorkommt, daß jemand auf das Einseitige einer jeden menschlichen Meinung, ja auch auf das Einseitige alles dessen, was man menschliche Wahrheit nennt, aufmerksam macht, wenn es einmal vorkommt, daß jemand die Dinge von verschiedenen Seiten her beleuchtet, dann macht man ihm den Vorwurf, daß er einmal die eine, einmal die andere Meinung äußere. Wir werden zu gesunder Sozialisierung, die auf sozialem Verständnis der Menschen beruht, nicht kommen, wenn nicht diese Fähigkeit der Anpassung des Einzelmenschen an den anderen auch für die mensch­liche Seele eintritt.

#SE190-012

Nun ist es natürlich in der geschichtlichen Entwickelung tief, ganz tief begründet, daß das heute so ist mit den antisozialen Trieben. Denn die Menschen entwickeln sich ja seit der Mitte des 15.Jahrhunderts im Zeitalter der Bewußtseinsseele. Die Menschen sollen nach und nach auf die Grundlage des individuellen Bewußtseins sich stellen. Sie kön­nen also zu einem sozialen Leben auch nur auf eine andere Art gelan­gen als in früheren Zeitaltern, wo noch die Gruppeninstinkte, die Gruppen-Iche eine viel größere Rolle spielten, als sie heute spielen. Da­her sehen wir überall heute in dem gesellschaftlichen Leben der Men­schen Diskrepanzen. Wir sehen merkwürdiges Nichtzusammenstim­men. Der Mensch hat immer etwas in sich irgendwo in den Untergrün­den seiner Seele, durch das er alles, was in irgendeiner Zeit sich offen­baren kann, versteht. Nur ist er gewöhnlich mit seinem Kopfver­ständnis, mit seinem Verstande, nicht weit genug. Da kann dann die merkwürdige Erscheinung eintreten - die gerade von denjenigen be­obachtet werden sollte, die sich einer geisteswissenschaftlichen Bewe­gung anschließen -, daß gerade diejenigen, die zuviel gelernt haben in irgendeiner Richtung, zurückbleiben in der Entwickelung. Wir er­leben das heute in ausreichendstem Maße. Wir würden heute in bezug auf das Verständnis des sozial Notwendigen viel raschere Fortschritte machen können, wenn nicht die Massen von denjenigen zurückgehal­ten würden, die von dem Alten zuviel gelernt haben, die zuviel in alten Begriffen leben, die zu starrköpfig sich angepaßt haben den alten Begriffen. Im Ganzen kann man sagen, daß heute die breite Masse des Proletariats für die fortgeschrittensten Impulse ganz gewiß Ver­ständnis haben würde, wenn sie nicht zurückgehalten würde von jener Führerschaft, welche seit Jahrzehnten sich eingepaßt hat in ganz be­stimmte starre Begriffe, und nun nicht weiterkann. Das Zurückge­haltenwerden der Menschen durch diejenigen, die zuviel gelernt haben, gerade zuviel gelernt haben von demjenigen, was man im 19. Jahr­hundert lernen konnte, das ist etwas sehr Bedeutsames für das psycho­logische Verständnis unserer Zeit. Man wird deshalb nur langsam und allmählich etwas einsehen können, was aber ganz intensiv notwendig ist einzusehen.

Woran - das muß man immer wieder und wieder fragen - haben

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denn die gegenwärtig führenden Menschen ihre Begriffe, ihre Vor­stellungen, ihre Empfindungen, auch ihr soziales Wollen ausgebildet? Sie haben es ausgebildet an den naturwissenschaftlichen Vorstellun­gen, die im 19. Jahrhundert eine so große, eine so entscheidende Rolle gespielt haben. Man darf sich darüber keiner Täuschung hingeben. Naturwissenschaftliche Vorstellungen sind überall eingedrungen. Aber naturwissenschaftliche Vorstellungen, so wie sie sich in den letzten vier Jahrhunderten ergeben haben, sind nur anwendbar für das Tote, Ersterbende, für dasjenige, was kein Leben mehr hat. Es ist nicht eine Außerlichkeit, sondern es ist tief im Wesen der Sache begründet, daß die gegenwärtigen Vorstellungen über das Wesen des Menschen nur das­jenige gelten lassen, was man an der Leiche gewinnt, was man überhaupt außer dem Zusammenhang des Lebens gewinnt. Was naturwissenschaft­liche Vorstellungen geben können über den Menschen, das führt nicht zum Menschen, nicht zum Homo, das führt bloß zum Homunkulus. Und darum denken die Menschen, wenn sie sozial zu denken beginnen heute, eigentlich immer an der Wirklichkeit vorbei. Sie denken nur an dasjenige, was im Grunde genommen die soziale Organisation zer­stört, was sie abbaut, und nicht an das, was der sozialen Organisation neues befruchtendes Leben zuführt. Weil die Menschen in den letzten vier Jahrhunderten keine Vorstellungen über das Lebendige aufge­nommen haben, haben sie auch nicht gelernt, dem gesunden Organis­mus fruchtbares Leben zuzuführen. Es ist die Tragik der gegenwärtigen Zeit, daß wir nur von Begriffen über das Tote leben, und daß der so­ziale Organismus von uns fordert, Impulse geltend zu machen, die dem Leben gelten. Aber wir haben gerade innerhalb desjenigen, was heute als die Menschheitsbildung angesehen wird, keinen Begriff vom Le­bendigen. Frägt denn heute jemand nach dem sozialen Organismus wie nach einem Lebendigen? Er tut das nicht.

Ich habe Sie schon neulich darauf hingewiesen: Stellen wir uns vor, daß jemand die Frage aufwürfe: Warum sollen wir immer essen? Wir sättigen uns durch das Essen, aber wir erreichen nichts anderes, als daß wir nachher wiederum Hunger haben; also könnten wir ja gleich den Hunger behalten! - Nicht wahr, es wäre eine Torheit, wenn jemand dem natürlichen Organismus gegenüber so dächte; aber nach diesem

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Torenmuster denkt man eigentlich immer mit Bezug auf den sozialen Organismus! Das bewirkt, daß dieser soziale Organismus immer wie­derum durchzittert und durchbebt werden muß von Erschütterungen, die, wenn das Mißverstehen des sozialen Lebens ganz besonders lange dauert, eben revolutionsartige Erschütterungen und sogar Revolutio­nen im Großen werden müssen. Weil in den letzten Jahrhunderten die Menschen sich verrannt haben in alle möglichen sozialen Illusionen, deshalb ist der furchtbare revolutionäre Zug in unserer Zeit entstan­den. Was kann da nur helfen? Es kann nur helfen, das soziale Leben als etwas wirklich Lebendiges anzusehen. Was ist denn eigentlich eine Revolution? Sehen Sie, eine Revolution ist nichts anderes als das, was sich summiert aus lauter notwendigen kleinen Revolutionen. Revolu­tionen gibt es nämlich immer. Wie im natürlichen menschlichen Orga­nismus, der auch von einer Sättigungsperiode zur anderen sehr bedeut­same Revolutionen durchmacht, so gibt es immer Revolutionen im so­zialen Organismus. Warum? Weil es gar nicht anders sein kann, als daß durch das Zusammenwirken der individuellen menschlichen Fä­higkeiten, des geistigen Anteiles des Menschen mit dem Wirtschafts­leben fortwährend die Neigung entsteht, daß einzelne Menschen die Oberhand gewinnen über andere. Diese Tendenz ist einfach im Wirt­schaftsleben und im geistigen Leben immer vorhanden. Es ist im Wirt­schaftsleben zum Beispiel immer die Neigung vorhanden, Kapital zu bilden. Würde diese Neigung des Wirtschaftslebens nicht vorhanden sein, Kapital zu bilden, so würde das Wirtschaftsleben überhaupt er-sterben müssen. Denn nur durch das Kapital ist es möglich, daß in unserer fortgeschrittenen Zeit die komplizierten Produktionsmittel da sind.

Aber die Arbeitsleistung an diesen Produktionsmitteln läßt sich durch gar nichts anderes erreichen als durch die individuellen mensch­lichen Fähigkeiten. Indem sich Kapital bildet, bilden sich selbstver­ständlich immer kleine Revolutionsherde. Und das Regieren muß dar­innen bestehen, wachsam zu sein über das Bilden der kleinen Revolu­tionsherde. Fortwährend muß der Revolution entgegengearbeitet wer­den, aber nicht indem man frägt: Wie kann man verhindern, daß Ka­pital entsteht? -, sondern: Was muß mit dem Kapital geschehen, wenn

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es eine gewisse Zeit hindurch an einem Orte sich entwickelt hat? -Es muß übergeleitet werden von der einen Individualität auf die an­dere! Das ist es, worauf es ankommt. Es muß der Weg gefunden wer­den, auch für die materiellen Güter, die sich in den Produktionsmitteln ausdrücken, der, wie ich neulich zu Ihnen gesagt habe, für das scho­felste Gut, das die heutige Menschheit als schofelstes Gut eben ansieht, als der gangbare befunden wird. Was man geistig produziert, geht nach einiger Zeit für die Familie des Produzenten verloren, es geht in die Allgemeinheit über. Die materiellen Güter müssen sogar schon in dem Augenblicke, wo sie keinen Zusammenhang mehr haben mit der indi­viduellen Fähigkeit des Menschen, ihren Übergang finden in den so­zialen Organismus, so daß sie wiederum durch andere individuelle Fähigkeiten am besten verwertet werden. Sozialistische Denker stellen heute mit Bezug auf den sozialen Organismus ganz falsche Fragen. Sozialistische Denker fragen heute? Wie kann man das Privateigentum an Produktionsmitteln, auch an Grund und Boden, verhindern? Das heißt: Wie kann man das Leben des sozialen Organismus abtöten? Man hat eben gesehen im Lauf der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, daß das Privatkapital an Produktionsmitteln und an Grund und Boden große Schäden hervorbringt. Die einfachste Frage scheint dann diese: Wie schafft man dasjenige, was Schäden hervorbringt, ab, wie läßt man es gar nicht aufkommen? Aber das ist eine ertötende Frage. Eine lebendige Frage ist diese: Was macht man mit dem Privatkapital, da­mit es nicht weiter Schaden anrichte? Wie trennt man es in entspre­chender Weise von dem Privatkapitalisten und führt es über, wenn er selber nicht mehr im Dienste des sozialen Organismus produziert, an einen anderen Produzenten? Die Fragen schon müssen aus einem viel tieferen Verständnis heraus gestellt werden, als die gegenwärtige Menschheit auch nur ahnt. Die gegenwärtige Menschheit lebt eigentlich in ihren Illusionen nur deshalb, weil sie die Konsequenzen dieser Illu­sionen nicht in der Wirklichkeit zieht. Allerlei nationalökonomische Professoren über alle Universitäten der Welt hin lehren heute man­cherlei Dinge nach dem Rezept: Wasch mir den Pelz, doch mach ihn nicht naß. - Das ist die Grundlage dieser Lehren, die so etwas nach Sozialisierung hinschielen. Die ganz alten antisozialen Lehren werden

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nur noch von einigen alten Knöpfen vertreten. Aber daß diese braven Professoren diese Dinge lehren, ist ja nur darum möglich, weil sie nicht die Konsequenzen ziehen. Die Konsequenzen desjenigen, was diese Professoren lehren, die ziehen Lenin und Trotzkij. Da ist ein konti­nuierlicher Zusammenhang. Und man müßte eigentlich sich aufschwin­gen zu einem ganz anderen Denken gegenüber dem sozialen Organis­mus. Man müßte eben nicht bei den alten Denkgewohnheiten stehen­bleiben, sondern zu neuen Denkgewohnheiten übergehen, weil die alten Denkgewohnheiten, konsequent durchgeführt, zum Raubbau führen müssen an der alten gesellschaftlichen Ordnung. Und dazu können sich die Menschen so schwer entschließen, sich zu neuen Denkgewohnheiten zu bequemen. Das wird vielleicht so lange nicht eintreten, bis die Men­schen wirklich geisteswissenschaftlich denken und an den Gedanken, die sie sich an der Geisteswissenschaft angewöhnen, auch die Lehr­meister, vielleicht besser die Zuchtmeister, haben werden für die Art, wie sie sozial denken sollen. Es wird doch immer etwas Halbes bleiben, wenn man bloß soziale Lehren heute verbreitet, ohne sie zu durch­tränken mit den eigentlich geisteswissenschaftlichen Lehren, die das Denken und das Empfinden und das Vorstellen, vor allen Dingen das Urteilen erst so biegsam machen, wie wir es heute brauchen, wenn wir uns hineinfügen wollen in die große Lebenskomplikation, die nun ein­mal über die neuere Menschheit notwendig heraufgezogen ist.

Muß man denn nicht eigentlich fragen: Was ist denn dieser Mensch, der hineingestellt sein soll in den sozialen Organismus, diesen mensch­heitlichen Organismus? Kann man eigentlich sich versprechen, über den sozialen Organismus richtig zu empfinden, wenn man nicht zuerst richtig empfindet über den Menschen selber? Denn der Mensch ist ja ein Glied dieses sozialen Organismus. Nun hat aber die Naturwissen­schaft trotz aller ihrer großen Fortschritte vom Verständnis des wirk­lichen Menschen weggeführt, nicht dazu hingeführt. Das ist dasjenige, was ins Auge gefaßt werden muß.

Wenn man heute den Leuten davon spricht: Seht, der gesunde so­ziale Organismus muß aus den drei selbständigen Gliedern, der gei­stigen Organisation, der politischen Staats- und Rechtsorganisation und der Wirtschaftsorganisation bestehen, und wenn man dann hinweist

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darauf, daß der natürliche Mensch auch aus drei Gliedern be­steht, aus dem Nerven-Sinnessystem, aus dem Lungen-Herz- oder rhythmischen System, und aus dem Stoffwechselsystem, da kommen die gescheiten Leute und sagen: Wieder solch ein Spiel mit Analogien! -Es handelt sich aber nicht um ein Spiel mit Analogien, es handelt sich darum, daß man auf der einen Seite den Geist an einem richtigen Ver­ständnis des natürlichen Menschen schult, damit man mit dem so ge­schulten Geist auch den sozialen Organismus richtig auffassen kann. Nicht darum handelt es sich, von dem einen auf das andere hinüberzu­schließen, wie früher der Schäffle, jetzt wieder der Meray es getan haben,i sondern darum, sein Denken so beweglich zu machen an dem menschlichen Organismus, daß man auch wirklich den sozialen Or­ganismus in seinen Bedürfnissen verstehen kann.

Eines der Grundphänomene des zukünftigen Menschenverständ­nisses wird eben dieses sein, wie der Mensch durch die Geburt aus einem geistigen Leben heruntersteigt, wie er zwischen der Geburt und dem Tode lebt in seinem physischen Dasein und mit der Gesellschaft ein soziales Leben lebt, und dann durch den Tod wiederum in die geistige Welt zurückgeht. Da handelt es sich darum, schon einmal diesen Menschen als solchen wirklich in seiner Dreigliederung zu verstehen. Der gegenwärtige Anatom, der gegenwärtige Physiologe, der hat den Menschen vor sich; für den ist ein Muskel im Kopf dasselbe, wie ein Muskel am Arm. Er gliedert nicht den Menschen in seine drei Teile, er weiß nichts davon, dieser gegenwärtige Naturforscher, wie des Men­schen Ursprung aus drei Quellen kommt. Er frägt nicht sachgemäß, daher kommt er auch zu keiner sachgemäßen Antwort, was der Mensch zum Beispiel hat von der Mutter und was von dem Vater. Wir haben öfters über die Sache gesprochen, wir können heute wiederum von ei­nem gewissen Gesichtspunkte aus über die Sache sprechen. Sie wissen, wenn der Mensch in diesem gewöhnlichen Leben lebt, so lebt er in zwei voneinander verschiedenen Lebens- oder Bewußtseinszuständen. Wa­chend durchdringen einander physischer Leib, Atherleib, astralischer Leib, Ich. Im Schlaf liegen im Bette physischer Leib und Atherleib; in der geistigen Welt sind Ich und astralischer Leib. Morgens verbindet sich wiederum das Ich und der astralische Leib mit dem physischen

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Leib und Ätherleib. Fassen Sie das einmal ins Auge vom Menschen, was, wenn der Mensch schläft, ohne das Ich und ohne den astralischen Leib im Bette liegt. Das ist natürlich kein Mensch; aber es ist doch etwas Wesentliches von dem Menschen, der auf der physischen Erde lebt. Sie können dasjenige, was da ist von dem Menschen, der auf der physischen Erde lebt, wenn er schläft, und das im physischen Leib und Atherleib sich offenbart, sehr genau abtrennen von dem ganzen Men­schen. Sehen wir nun zunächst ab von dem ganzen Menschen, sehen wir auf dasjenige, was in der Nacht im Bette liegt, wenn das Ich und der astralische Leib fort sind, und fragen wir nach dem Ursprunge dieses Menschen, der aus dem physischen Leib und Atherleib besteht, der in der Nacht im Bette liegt, fragen wir nach dessen nächstem Ur­sprung: Woher kommt das? Es ist ja nur ein Stück Mensch, aber woher kommt das? - was da im Bette liegt, das kommt seiner Anlage nach, seinen Kräften nach, nicht wie es zunächst beim Vollmenschen, beim erwachsenen Menschen gestaltet ist, sondern seinen Anlagen, seinen Kräften nach kommt das von der Mutter und ist schon bei der Mutter vor einer jeglichen Befruchtung. Dasjenige, was sich bloß durch die Frau hereinstellt an Kräften, das ist dasjenige, was dann ganz ausge­wachsen vom Menschen im Bette liegt, wenn er schläft. Das ist kein Mensch; aber es kann das auch kein Mensch werden, was bloß von der Mutter kommt.

Es ist nicht ein willkürliches Gerede, wenn man den Menschen ein­teilt in diese Glieder, von denen man gewöhnlich spricht, sondern es weist auf sehr reale Dinge hin. Wenn man vom physischen Leib und Atherleib spricht, so spricht man von dem, was in der Mutter veranlagt ist vor der Befruchtung, was immer in der Mutter veranlagt ist. Wenn der Mensch aus geistigen Höhen, nachdem er eine Zeitlang durchlebt hat das Leben zwischen Tod und neuer Geburt, wiederum sich neigt zum physischen Leben, dann verspürt er gewissermaßen, daß sich bei einer ihm verwandten weiblichen Persönlichkeit diejenige Anlage fin­det, in die er hineingießen kann dasjenige, was bei ihm sich entwickelt hat seit dem letzten Leben von dem übrigen Organismus zum Kopf. Die menschliche Embryonalbildung geht ja deshalb vom Kopf aus. Der Kopf ist das, was sich zuerst in einer gewissen Vollkommenheit

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in der menschlichen Embryonalbildung ausbildet. Das, was wirkt auf diese eigentlich aus dem Kosmos kommende Kopfbildung, das ist schon im Ich und im astralischen Leib. Und daß das Ich und der astralische Leib zusammensein können mit dem physischen Leib und dem Äther­leib, das rührt von der Befruchtung her. Die Befruchtung vermittelt das Zusammenleben zwischen dem Ich und dem astralischen Leib, und dem physischen Leib und dem Ätherleib. Worauf geht nur die Befruch­tung? Die Befruchtung geht zunächst auf das bloße Stoffwechselleben des Menschen. Sie geht darauf, ihm einen neuen Stoffwechsel- und Atmungsorganismus zu geben, denn die Kräfte des Kopforganismus rühren aus der vorhergehenden Inkarnation her. Alles dasjenige also, was den Menschen, der aus der vorigen Inkarnation kommt, mit dem Kopforganismus zusammenbringt, das verdankt der Mensch seinem Verhältnis zur geistigen Welt. Alles dasjenige, was gewissermaßen in den Menschen hineinfährt im Embryonalleben, wenn die Befruchtung stattgefunden hat, das verdankt der Mensch dem Zusammenleben mit dem Erdenwesen, mit dem irdischen Wesen.

Da sehen Sie, wie kompliziert das zustande kommt, was der Mensch eigentlich ist. Dem Menschen werden gewissermaßen seine Gliedmaßen, zu denen auch das Stoffwechselsystem gehört innerlich, von der Erde aus gegeben. Dasjenige, was im menschlichen Kopf funktioniert, das wird ihm von der geistigen Welt aus gegeben. Und dasjenige, was At­mung und Herzsystem ist, das steckt dazwischen.

Und jetzt können Sie fragen: Worinnen liegt denn das Eigentliche, das wir von unserem Vater und unserer Mutter erben können? In wel­chem System des Menschen liegen denn die Kräfte, durch die wir etwas durch unseren Vater und durch unsere Mutter erben können? - Wir erben nichts für unseren Kopf von unserem Vater und unserer Mutter, denn, was in unserem Kopf funktioniert, das bringen wir uns aus der vorigen Inkarnation mit. Wir erben nichts für unser Stoffwechsel-system, denn das gibt uns nach der Befruchtung erst die Erde. Wir erben bloß innerhalb des Lungen-Herzsystems, wir erben bloß in all den Kräften, die im Atmen und in der Blutzirkulation leben; da erben wir. Nur ein Glied, das mittlere Glied des Menschen, das Atmungs­Zirkulationsglied, das ist dasjenige, was den beiden Geschlechtern den

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Ursprung verdankt. So kompliziert ist der Mensch. Er ist ein dreiglied­riges Wesen auch seinem physischen Organismus nach. Er hat seinen Kopf, den er nur brauchen kann für dasjenige, was nicht irdisch ist; er hat seine Gliedmaßen mit dem Stoffwechselsystem, die er nur brau­chen kann für dasjenige, was irdisch ist; und er hat dasjenige, was in Atmung und Zirkulation liegt, durch das Verhältnis von Mensch zu Mensch.

Ich kann Ihnen hier nur andeuten, was auf ein weites, weites Feld von Menschenkenntnis führt. Was ich Ihnen angedeutet habe, das schaut aus wie eine Theorie. Aber für unsere Zeit ist es keine Theorie, sondern es gibt heute im Menschen etwas, was im Sinne dessen, was ich eben gesagt habe, empfindet. Es entwickelt sich in der Gegenwart etwas, was in diesem dreigliedrigen Sinne im Menschen empfindet. Der Mensch hat heute im Innersten seines Wesens, ohne daß er das schon vollstän­dig weiß, komplizierte Empfindungen. Er weiß sich durch seinen Kopf als Bürger eines Außerirdischen, er weiß sich durch sein Lungen-Herz-system in einem Verhältnis von Mensch zu Mensch. Da sagt etwas im Inneren des Menschen: Wenn ich einem anderen Menschen begegne, so ist diese Begegnung ein Abbild desjenigen, was in mich verpflanzt wurde auch von Mensch zu Mensch, nämlich durch Vater und Mutter. Durch sein Lungen-Herzsystem fühlt sich der Mensch so recht hinein­gestellt unter Menschen. Durch sein Stoffwechselsystem fühlt sich der Mensch als ein Glied der Erde, als zur Erde gehörig. Diese dreierlei Empfindungsweisen sind heute schon im Menschen. Aber der Ver­stand will nicht mit. Der Verstand möchte alles einfach haben, der Verstand möchte, daß man alles auf irgendein Monon zurückführen könne. Und daran kranken die Menschen der Gegenwart. Sie werden erst dann nicht mehr daran kranken, wenn der dreigliedrigen Empfin­dung im Inneren, die sich wirklich jetzt schon in den Menschen findet, ein dreigliedriger sozialer Organismus entspricht, wenn der Mensch außen ein Spiegelbild seines Wesens findet.

Sehen Sie, das ist das Furchtbare, was im Unterbewußtsein bei den Leuten liegt, die heute der sozialen Bewegung angehören. Seit drei bis vier Jahrhunderten hat sich das Geistesleben und alles, was das gesell­schaftliche Zusammenleben der Menschen beherrscht, so entwickelt,

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daß dieses Geistesleben ein Spiegel des materiellen Lebens ist. Im In­neren aber pulst die Sehnsucht, das äußere Leben soll ein Spiegel des inneren sein. Daran krankt die heutige Menschheit. Sie möchte das äußere Leben so gestalten, daß der äußere soziale Organismus ein Bild des Menschen ist, während heute der Mensch ein Bild der Außenwelt ist. Und daran sehen die Menschen in der Gegenwart vorbei, das finden sie kompliziert, das finden sie theoretisch. Sie finden es ein­facher, den Menschen als ein Ganzes hinzustellen. Es ist natürlich komplizierter, jemandem auf die Frage: Was ist der Mensch? - ant­worten zu müssen: Sieh dir in der Mitte den Menschheitsrepräsentanten an und oben Luzifer und unten Ahriman! Alle drei gehören zusammen in die Einheit des Menschen. Aber der Mensch ist eben dreigliedrig und anders verstehst du den Menschen nicht.

Das ist nicht eine Theorie, sondern etwas, was sehr, sehr lebens­wirklich ist, was auftritt in der menschlichen Natur. Weil der Mensch anfängt, über sich und über die Welt dreigliedrig zu empfinden, for­dert er im Unterbewußtsein einen dreigliedrigen sozialen Organismus, nicht nur einen einheitlichen monistischen Staatsorganismus, der das Wirtschaftsleben und das Staatsleben auch umschließt: Eine geistige Organisation für sich, eine Rechts- oder politische oder Staatsorgani­sation für sich, und eine Wirtschaftsorganisation für sich. Nur dann wird der Mensch sich selber finden in dieser Außenwelt. Und die erd­bebenartigen Erschütterungen in unserer Zeit rühren davon her, daß eine Kulmination, ein höchster Punkt erreicht ist mit Bezug auf das Nichtentsprechen des äußeren sozialen Organismus gegenüber dem menschlichen Inneren. Während die Menschen im Grunde danach stre­ben, die selbständige Dreigliederung des sozialen Organismus zu emp­finden, treten ihre Führer auf, die Führer der Sozialisten, und sagen: Aus dem Wirtschaftsleben heraus wird sich schon alles ergeben, wenn wir das Wirtschaftsleben richtig sich entwickeln lassen, wenn wir es nur ein bißchen umkehren, daß dasjenige, was bisher unten war, nach oben, und das, was oben war, nach unten kommt; dann wird sich schon das Richtige entwickeln.

Es wird sich aus dem Wirtschaftsleben allein heraus nichts Richtiges entwickeln, sondern nur dann, wenn man die Selbständigkeit zugibt

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des Wirtschaftslebens auf der einen Seite, und auf der zweiten Seite des politischen Rechtslebens, des Sicherheitslebens, und auf der anderen Seite der geistigen Organisation als solcher. Wenn man wirklich das geistige Leben auf sich selbst stellt, dann muß es seine Wirklichkeit aus sich selbst heraus gestalten. Sonst werden immer die Abgründe bleiben zwischen den menschlichen Klassen. Man ahnt heute gar nicht, wie diese Abgründe eigentlich sich aufgetan haben. Man kann ja wirk­lich manchmal dem Allerberechtigtsten im Sinne eben der Gegenwarts­kultur gegenüberstehen und man wird nicht darauf kommen, wie das­jenige, was der eine, der einer Klasse angehört, als ganz berechtigt empfinden muß, dem anderen nicht verständlich werden kann.

Nehmen Sie einmal, um ein naheliegendes Beispiel zu wählen, eine gut gemalte Landschaft, eine recht künstlerisch gemalte Landschaft. Da hat sich nun der Angehörige der bürgerlichen Klasse gewisse Emp­findungen, gewisse Vorstellungen angeeignet, wie eine gut gemalte Landschaft ausschauen soll. Er stellt sich mit diesen Empfindungen, mit diesen Vorstellungen vor ein in einem Rahmen eingespanntes Land­schaftsbild und bewundert das. Der Proletarier mag ja veranlaßt wer­den, das auch zu bewundern, weil man ihm nach und nach einreden kann, daß das zur «Bildung» gehört, so etwas zu bewundern; manche, die nicht Proletarier sind, verstehen ja auch nichts von einem Land­schaftsbild und bewundern es, weil man ihnen eben eingeredet hat, daß das zur Bildung gehört. Das züchtet aber sogar die Unwahrhaftigkeit, denn wenn man nicht der Klasse angehört, wo unter denjenigen, die körperlich arbeiten, auch einige gezüchtet werden, die körperlich mü­ßiggehen dürfen, damit sie malen können, damit sie sich ausdenken können, wie man malen muß, der bleibt nur wahr, wenn er sich einer solchen Landschaft etwa so gegenüberstellt, daß er sagt: Wozu das? Da macht einer mit Farbenklecksen auf eine Leinwand ein Stück Wald, das sehe ich ja alle Tage, wenn ich durch den Wald gehe, viel schöner. Man kann niemals ein Landschaftsbild so schön machen, als es draußen in der Natur ist: Wozu hängen die Leute, die nicht in die Natur hineinschauen wollen, um sich das Stück Landschaft anzuschauen, ein Stück Land­schaft, das doch nur eine tapsige Nachahmung der Natur ist, in einem Goldrahmen in ihrem Zimmer auf? - Das würde die wahrhaftige Empfindung

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sein. Und diese Empfindung ruht auf dem Seelengrunde vieler Leute, die nicht herangebändigt werden, aus Bildungsuntergründen heraus die Dinge zu bewundern. Gewiß ist die Bewunderung einer ge­wissen Klasse ehrlich; aber die Bewunderung der weitaus größten Masse der Menschen für eine solche Landschaft kann nicht ehrlich sein, weil sie nicht mit den anderen erzogen sind.

Man muß an viel tiefere Dinge im Empfindungsleben rühren, wenn man heute begreifen will, was für Abgründe zwischen Menschenseelen liegen. Wir werden nicht eher Verständnis für die Kunst erwecken -und Sie können das auf andere Zweige des Lebens übertragen -, bis man züm Beispiel auch in der Malerei dasjenige wird verfolgen wollen, was man nicht jeden Tag draußen in der Natur sehen kann, sondern was heruntergetragen werden muß aus der geistigen Welt. Das werden alle Menschen verstehen, und es wird auf diesem Umwege etwas ande­res kommen. Das Geistige muß aus der geistigen Welt heruntergetragen werden durch Menschen. Es wird wiederum Vertrauen entstehen von Mensch zu Mensch, weil durch den einen Menschen das, durch den anderen Menschen jenes aus der geistigen Welt heruntergetragen wer­den muß. Auf einem anderen Wege als dadurch, daß man aus der gei­stigen Welt die Dinge herunterträgt, wird es nicht möglich sein, daß Seele sich wiederum mit Seele sozial findet.

Also man muß, ich möchte sagen, tiefer hineinreden in dasjenige, was heute durch die Zeit pulst, als man es gewöhnlich tut. Salbungs­volle Prediger, welche eigentlich doch nur einen Abklatsch bringen von dem, was die katholischen Kanzelredner in ihrer Art besser können, die gehen jetzt viel herum und reden davon, daß «innerlich» die Men­schen sich wieder finden sollten, nachdem diese furchtbare Katastrophe der letzten viereinhalb Jahre gezeigt hat, wie wenig die Menschen zu einem in sich harmonischen Leben geneigt sind. Ja, aber innerlich kann man die Menschen nicht durch Redensarten sich finden lassen, inner­lich kann man sie nur sich finden lassen, wenn man heute den Willen hat, wirklich radikal zu anderen Denk- und Empfindungsgewohnhei­ten überzugehen. Neulich hat einer gesagt, man müsse die Armut ken­nengelernt haben, um soziales Empfinden in sich zu entwickeln. Das genügt heute nicht, daß man die Armut angeschaut hat, daß man in

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irgendein Stadtviertel einer Großstadt gegangen ist und gesehen hat, wie die Leute zerlumpt sind, wie wenig sie zu essen haben; das genügt heute nicht. Heute genügt nur, daß man wirklich die Seelen derjenigen, die sich sozial heraufarbeiten wollen, kennt. Nicht bloß die Armut zu kennen, ist heute notwendig, sondern die Armen in ihren Seelen, in ihrem innersten Leben zu kennen, das ist heute notwendig. Dazu aber gelangt man auf keine andere Weise, als daß man einen neuen Weg zu der menschlichen Seele findet, als daß man wirklich lernt, einzu­dringen in das innerste Wesen des Menschen. Und dann wird man finden, daß die Menschen fürderhin nichts sein können, ohne daß sie den Spiegel ihres eigenen Wesens im sozialen äußeren Organismus finden.

Man muß fähig werden, die Menschen auf der einen Seite zu den höchsten Höhen des Geisteslebens zu führen und auf der anderen Seite mit dem Geiste wirklich in die wirtschaftlichen Probleme untertauchen zu können. Man muß allerdings heute merkwürdige Dinge sagen. Man muß auf der einen Seite sagen: Nehmt dem Staat die Schulen ab, nehmt ihm das geistige Leben ab, gründet das geistige Leben auf sich selbst, laßt es durch sich selbst verwalten, dann werdet ihr dieses geistige Le­ben nötigen, den Kampf fortwährend aus seiner eigenen Kraft zu füh­ren. Dann wird aber dieses geistige Leben auch von sich aus in der richtigen Weise zum Rechtsstaat und zum Wirtschaftsleben sich stel­len können, wird zum Beispiel das geistige Leben gerade - ich habe das in meiner sozialen Schrift, die nunmehr fertig wird in den nächsten Tagen, ausgeführt -, dann wird das geistige Leben auch der richtige Verwalter des Kapitals sein.

Auf der anderen Seite: Man stelle das Wirtschaftsleben auf sich selbst. Das ist in bezug auf konkrete Fragen wahrhaftig nicht eine Phrase. Wenn Sie das Wirtschaftsleben auf sich selbst stellen, es dem Staate abnehmen, so müssen Sie vor allen Dingen dem Staate etwas sehr, sehr Konkretes abnehmen, nämlich das Geld, die Verwaltung über die Währung. Die Verwaltung über die Währung müssen Sie dem Wirtschaftsleben zurückgeben. Die Menschen haben auf den verschie­denen Territorien, wo sie sich heraufgearbeitet haben aus der Natural­wirtschaft in die Geldwirtschaft, zunächst es gehalten mit einem Geldrepräsentanten,

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der so ein Zwitterding ist zwischen Ware und bloßer Anweisung. Die sehr gelehrten Leute streiten sich herum, ob Geld eine bloße Anweisung ist, ob ein Geldschein eine bloße Anweisung ist, oder ob Geld eine Ware ist. Man kann sich lange darüber herumstreiten, weil Geld eben das eine und das andere ist. Das eine ist es dadurch, weil es den wirtschaftlichen Prozeß vermittelt; dadurch ist Geld eine Ware. Das andere ist es dadurch, daß der Staat durch sein Gesetz den Wert der betreffenden Münze bestimmt. Aber das Geld muß ganz dem Wirt­schaftsleben zurückgegeben werden. Dann wird eines eintreten, aller­dings nur nach und nach. Damit es eintrete, muß gerade dies, was ich jetzt berühre, international werden: Das wird noch lange dauern, weil der führende Handelsstaat England von dem es ja in Wirklichkeit ab­hängt, daß wir Goldwährung haben, von der Goldwährung nicht leicht lassen wird. Also das wird lange Zeit dauern. Aber die auf sich selbst ge­stellte Wirtschaftsorganisation, der auch die Währung überlassen wird, das Geldsystem, die wird nicht mehr nötig haben, eine Ware «Gold» zwischen die anderen Waren hineinzustellen als Austauschmittel. Das braucht die Wirtschaftsorganisation nicht. Die Wirtschaftsorganisa­tion wird allerdings auch Geld haben, aber nur zur Verteilung des Warenaustausches. Denn es wird sich ergeben, daß immer dasjenige, was die solide, wirkliche Grundlage des Wirtschaftslebens ist, daß das die Währungsgrundlage auch für das Geld ist. Gold ist nur deshalb Geld, weil Gold unter den Menschen nach und nach eine besonders be­liebte Ware geworden ist, weil die Menschen übereingekommen sind, das Gold zu schätzen. Das sieht dilettantisch aus, wenn man es sagt, aber es ist viel richtiger als dasjenige, was die Nichtdilettanten, die heutigen Gelehrten, sagen. Der Wert des Goldes beruht bloß auf dem stillschweigenden Übereinkommen der Menschen über diesen Wert des Goldes. Es könnte auch etwas anderes zu einer solchen Schätzung kom­men. Aber bei der Zentralisation der drei sozialen Glieder wird immer irgend etwas, was eigentlich einen bloßen Scheinwert hat, im Wirt­schaftsleben zu dieser Schätzung kommen. Gold hat ja in Wirklichkeit nur einen Scheinwert. Sie können Gold nicht essen. Sie können sehr reich sein an Gold; wenn Ihnen niemand etwas dafür gibt, können Sie vom Golde natürlich nicht leben. Das beruht nur auf einer stillschweigenden

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Übereinkunft der Menschen. Man braucht es im innerstaat­lichen Verkehr überhaupt nicht. Im zwischenstaatlichen Verkehre braucht man es eben nur, um gewisse Ausgleiche herbeizuführen, die sonst nicht herbeigeführt werden können, weil nicht das nötige große Vertrauen besteht. Aber dieser Scheinwert, der einem bestimmten Me­tall zugeschrieben wird, der wird aufhören, wenn man die Verwaltung des Geldes dem Wirtschaftskörper übergibt und der Staat nichts mehr hineinzureden hat in die Verwaltung des Geldes. Dann bleibt der Staat auf dem Boden des bloßen Rechtes, bleibt auf der Grundlage dessen, was nur zwischen Mensch und Mensch ausgemacht werden kann auf demokratischer Grundlage.

Nun hat, wenn bestimmte Geldzeichen, Geldanweisungen im Um-laufe sind, der Staat einen bestimmten Goldschatz. Was wird dann da sein, wenn die Wahrheit an die Stelle des Scheins getreten sein wird durch die Dreiteilung? Dann wird alles dasjenige da sein als Dek­kung für das Geld, was in Wahrheit nicht dem einzelnen gehören wird, woran der einzelne nur arbeiten wird, was aber für alle Menschen einen gleichen Wert hat, die im sozialen Organismus drinnen wohnen: An die Stelle des Goldes werden treten die Produktionsmittel, das­jenige, wodurch man etwas für den Warencharakter zubereiten kann. Dadurch, daß die Produktionsmittel in Fluß gebracht werden, wie heute nur die geistigen Produktionen in Fluß sind, dadurch wird all­mählich herbeigeführt der Charakter der Produktionsmittel als Geld-grundlage.

Diese Dinge sind sehr schwierig, und man muß sehr komplizierte nationalökonomische Voraussetzungen machen - die ich bei Ihnen na­türlich nicht voraussetze -, wenn man sie wissenschaftlich beweisen will; sie lassen sich aber ganz wissenschaftlich beweisen. Ich will Ihnen aber lieber ein konkretes Beispiel für das anführen, was ich meine. Sehen Sie, ich habe einmal selber eine merkwürdige Geldsorte kennen­gelernt - ich habe schon einmal, glaube ich, hier davon gesprochen. Diese merkwürdige Geldsorte bestand nämlich in Goethe-Briefen und Goethe-Manuskripten. Ich habe einen Herrn, nein mehrere, kennen­gelernt, die waren eigentlich recht klug als Finanzmänner. Sie fingen so in den fünfziger Jahren an, durch die fünfziger, sechziger, siebziger,

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achtziger Jahre billig Goethe-Briefe, Goethe-Manuskripte zu kaufen. Man brauchte damals nicht viel dafür zu bezahlen. Nun hatten sie sie. Nun kam die Zeit, wo alles schon aufgekauft war, wo durch Umstände, deren Schilderung zu weit führen würde, Goethe-Briefe und Goethe­Manuskripte einen großen Wert bekamen. Da wurden diese Briefe und Manuskripte verkauft. Das war ein merkwürdiges Geld, dessen Wert in ungefähr dreißig bis vierzig Jahren wesentlich gestiegen ist. Mir hat selbst einer der Herren, der das getan hat, versichert, daß keine Börsenpapiere sich so haben fruktifizieren lassen, eine Zeitlang, als Goethe-Briefe. Sie waren das beste Papier, und sie hatten eigentlich einen Geldcharakter angenommen. Man bekam sehr viel dafür. Nun denken Sie, wovon das abhing. Das hing davon ab, daß Konstella­tionen eingetreten waren, die ganz und gar unabhängig waren von dem ersten Entstehen. Nicht wahr, als Goethe seine Briefe geschrieben hat, waren diese Briefe vielleicht seelisch für den Empfänger sehr viel wert. Gekauft hat sie keiner. Geld waren sie dazumal noch nicht. Brot konnte man sich nicht dafür kaufen. Herr von Loeper, der in den fünfziger Jahren Goethe-Briefe kaufte, der konnte sich sehr viel Brot erwerben im Jahre 1895 für diese Goethe-Briefe. Sie waren wie gutes Geld. Die Art und Weise, wie im Wirtschaftsorganismus gewöhnliches Geld drin­nensteht, ist auch nicht anders, als dieses Drinnenstehen bei den Goethe-Briefen war. Da beruhte der Wert dieser Papierstücke, auf denen Goethesche Buchstaben waren, der beruhte auf einem sozialen Prozeß, auf einem sozialen Vorgang, auf dem, was geschehen war im Zusam­menhange mit der Persönlichkeit Goethes von den fünfziger Jahren zu den neunziger Jahren. Man muß eben den sozialen Organismus gut kennen, wenn man diese merkwürdigen Vorgänge beurteilen will, wo etwas, was zu einer bestimmten Zeit gar nichts besonderes im Wirt­schaftsprozeß Wert zu sein braucht, Wert wird.

Die gewöhnliche Forderung der Sozialdemokraten nach Vergesell­schaftung der Produktionsmittel würde natürlich zur Lähmung der geistigen Eigenschaften, der geistigen Begabungen der Menschen füh­ren. Das ist etwas, was unmöglich durchzuführen ist. Denken Sie sich aber nur beispielsweise - natürlich kann man es sich in der mannig­faltigsten Weise variiert denken -: Derjenige, welcher gewisse Begabungen

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hat für irgendeinen Wirtschaftszweig, der wird in völlig freier Konkurrenz zu Kapital kommen können, nämlich zu erspartem Ka­pital, das er sich als Darlehen zusammensammelt. Da können natürlich Vermittlungen da sein; ich reduziere gewissermaßen den Vorgang auf die einfachste Form. Der Betreffende wird gewisse Ansprüche stellen für seine geistige Leistung, für seine Führerleistung, für seine Leitung. Wenn einmal ein wirklicher Vertrag zwischen Arbeitgeber und Arbeit­nehmer geschlossen wird - der heute übliche Vertrag ist nur ein Schein-vertrag -, wird der Arbeitnehmer einsehen, daß seine Interessen am besten vertreten sind, wenn der Unternehmer den Betrieb mit seinen individuellen Kräften gut leitet, ohne ihn aber zu besitzen. Und dies ist eben dann möglich, wenn der Unternehmer ursprünglich aus freier Initiative die Forderung für seine geistige Leistung aufstellt und dar­über mit den Arbeitern verhandelt. Kann diese Forderung nicht er­füllt werden, muß der Unternehmer mit seiner Forderung eben her-untergehen. Aber die Forderung muß aus völlig freier Initiative ur­sprünglich gestellt werden. Findet der Unternehmer keine Abnehmer, so muß er, was sich von selbst versteht, heruntergehen. Aber nun muß es dabei bleiben. Er bezieht nun aus dem Unternehmen heraus nichts weiter als den vereinbarten Anteil, der, wenn sich seine Arbeit vergrö­ßert, vergrößert werden kann. Aber es bleibt Zins. Daneben besteht die Produktivität der Produktionsmittel selber, der Profit, der aus dem Betrieb hervorgeht. Das sind zwei ganz verschiedene Dinge, das, was man durch seine geistige Leistung erwirbt, und das, was aus dem Be­trieb herausgeht. Es ist nämlich etwas ganz anderes, mit Produktions­mitteln zu arbeiten, als sein erspartes Kapital in iproduktionsmittel hineinzustecken. Diese Dinge unterscheidet man heute nicht. Diese Dinge werden im gesunden sozialen Organismus unterschieden werden.

Wenn ich ein gewisses Kapital, das ich selber erspart habe, in eine Fabrik hineinstecke, so ist das etwas ganz anderes, als wenn ich dieses Kapital verwende, um mir eine Zimmereinrichtung zu kaufen. Wenn ich nämlich das Kapital verwende, um es in eine Fabrik hineinzu­stecken, so habe ich, indem ich das Kapital mir erspart habe, für den sozialen Organismus gearbeitet. Wenn ich es verwende, um mir eine Zimmereinrichtung zu verschaffen, so lasse ich den sozialen Organismus

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für mich arbeiten. Diese Dinge werden im gesunden sozialen Organismus unterschieden Sie werden nicht unterschieden in dem heu­tigen kranken sozialen Organismus Selbstverstandlich sage ich nicht, daß keiner sich eine Zimmereinrichtung kaufen soll. Aber das Kaufen einer Zimmereinrichtung wird eben in dem gesunden sozialen Orga­nismus etwas ganz anderes bedeuten, als es heute bedeutet. Heute kann es Ausbeutung sein; nachher wird es sein das Sich-Bedienen der Zim­mereinrichtung als Produktionsmittel, weil man nichts haben wird von der Zimmereinrichtung, wenn man nicht mit Hilfe der Zimmerein­richtung für den sozialen Organismus irgend etwas hervorbringt, was es auch sei. Der Begriff «Produktionsmittel» wird erst auf eine gesunde Basis gestellt im gesunden sozialen Organismus.

Da sehen Sie, daß man genau unterscheiden kann zwischen dem, was jemand als Zins bezieht, und dem, was aus der Selbstarbeit der Produk­tionsmittel stammt. Solange einer den Produktionsmittelgewinn ver­wendet, um den Betrieb zu vergrößern, gut, es bleibt dabei. In dem Augenblicke aber, wo aus den Produktionsmitteln etwas gewonnen wird, was nicht zur Vergrößerung des Betriebes, zur Erweiterung des Betriebes verwendet wird, dann ist der Leiter verpflichtet, das Ge­wonnene überzuführen auf einen anderen, der wieder produzieren kann.

Da haben Sie eine Zirkulation des Kapitals. Da haben Sie die Über­leitung auf eine andere Individualität. Wer sich nicht für fähig hält, sein Kapital auf eine andere Individualität überzuleiten, der über­trägt es auf eine Korporation der geistigen Organisation, die es nicht selbst verwenden darf, die es wiederum an einen einzelnen oder an eine Menschengruppe, auf eine Assoziation übertragen wird. Da brin­gen Sie alles das, was durch die Produktionsmittel hervorgebracht wird, in den sozialen Fluß, in eine wirkliche soziale Zirkulation hinein. Das­jenige, was so zirkuliert im sozialen Organismus, was in einer fortwäh­renden Zirkulation ist, das hat einen Dauerwert, trotzdem es sich im­merfort ändert. Aber es hat deshalb einen Dauerwert, weil das, was abgenutzt ist, wieder ersetzt werden muß. Wenn Sie heute in national-ökonomischen Büchern nachlesen, warum sich das Gold so gut zum

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Geld eignet, da finden Sie allerlei schöne Eigenschaften des Goldes; also erstens, daß es bei allen Menschen übereinstimmend beliebt ist, zwei­tens, daß es dauerhaft ist, sich nicht abnützt, nicht oxydiert und so wei­ter. Alle diese schönen Eigenschaften hat dieses Idealgut, das zirkuliert als Produktionsmittel. Die zukünftige Deckung für die Geldnoten wird, wenn im Wirtschaftsorganismus, nicht im St'aatsorganismus das Geld geschaffen wird, das Geld verwaltet wird, zirkulieren, die Deckung werden sein die nicht im Privateigentum sich ansammelnden Kapital-güter, es werden die Produktionsmittel sein, die wirklich fruktifiziert werden können im Wirtschaftsprozeß.

In den sauren Apfel, an dies zu glauben, meine lieben Freunde, werden zunächst vor allem die mitteleuropäischen Staaten und be­sonders auch Rußland beißen müssen. Die Weststaaten werden zu­nächst noch nicht daran glauben, so lange, als die Galgenfrist noch dauert; die werden zunächst noch an das Gold glauben. Die Mittel-und die Oststaaten werden daran glauben müssen, daß ihre nunmehr ganz deroutierte Währung, ihre ganz zugrunde gegangene Valuta über­haupt auf keine andere Weise wieder in die Höhe kommt, als indem sie das Wirtschaftsleben auf sich stellen. Es können noch so viele Pro­jekte über die Verbesserung der Währung in den Mittel- und Oststaa­ten auftauchen - alle werden unnütz sein, werden zu nichts führen; einzig und allein die Abtretung der Währung vom Staate an das Wirt­schaftsleben wird die Währungsfrage bei diesen Mittel- und Oststaaten lösen. Gewiß, es werden die Wirtschaftsorganisationen in den Mittel-und Oststaaten, solange bestanden wird auf dem Golde, mit Gold ar­beiten müssen. Aber das wird nur eine Scheindekoration sein. Wenn mit den Weststaaten einmal wieder Handel getrieben werden wird, so wird der Goldschatz da sein müssen. Aber der eigentliche Wohl­stand, die eigentliche Deckung für das Geld wird liegen müssen in dem, was zirkulierende Produktionsmittel sind.

Da beginnt nämlich an einem ganz konkreten Punkte diese Drei-gliederung internationale Angelegenheit zu werden. Es glauben die Leute so leicht, daß diese Dreigliederung, von der ich jetzt immer spreche, eine bloße innerstaatliche Angelegenheit ist. Und deshalb habe ich in dem Aufruf eben geltend gemacht, daß ein gesundes Verhandeln

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der Mittelstaaten mit den Weststaaten, wenn es einmal eintreten sollte, nur darauf wird beruhen können, daß in den Mittelstaaten die Dele­gierten selbständig vom Wirtschaftskörper, vom Rechtskörper und vom geistigen Körper gewählt werden. Den Weststaaten kann es schließlich gleich sein, mit wem sie zu verhandeln haben; sie können sagen: Uns sind sie alle gleich, darauf kommt es nicht an. - Aber diese Mittelstaaten können nur von sich aus zu einer wirklichen Gesundung kommen, indem sie zu einer wirklichen Dreigliederung kommen. Die Weststaaten können sich einstweilen noch Illusionen hingeben, daß sie über die Dreigliederung hinweggehen. Aber anders wird es in der Welt nicht gehen, als so, daß sich die Menschen zu dieser Dreigliede­rung bekehren, um den Entwickelungskräften gemäß zu leben, die sich in den nächsten zwanzig bis dreißig Jahren eben in der zivilisierten Welt verwirklichen wollen. Es könnte ja sein, daß gerade solche Staa­ten, in denen es noch verhältnismäßig gut zugeht, wie die Schweiz, sich bequemen würden, bevor es drunter und drüber geht, zu einer solchen Dreigliederung zu greifen. Die anderen aber, die sollten jetzt schon einsehen, die Mittel- und Oststaaten, daß sie entweder weiter zerstö­ren müssen, oder zur Dreigliederung vorschreiten müssen. Davon wol­len wir dann morgen weiter reden.

ZWEITER VORTRAG Dornach, 22. März 1919

#G190-1991-SE032 Vergangenheits- und Zukunftsimpulse im sozialen Geschehen

#TI

ZWEITER VORTRAG

Dornach, 22. März 1919

#TX

Wir wollen heute den sozialen Organismus noch einmal betrachten, und zwar so, daß wir ihn in Parallele bringen mit dem menschlichen natürlichen Organismus. Wenn eine solche Parallele gemacht wird, muß man sie nehmen als ein Mittel, manche Dinge mit Bezug auf den sozialen Organismus besser zu verstehen. Auf der anderen Seite dürfen Sie gegenüber der Außenwelt nicht allzu aufdringlich sein mit solchen Parallelen, weil diese heute ein starkes Mißtrauen gegen solche Paralle­len hat und glaubt, man wolle ein müßiges Spiel mit Analogien trei­ben. Dann wollen die Leute die Sache zurückweisen. Das wird für Sie besonders notwendig sein zu berücksichtigen. Geisteswissenschaftlich ist die Parallele, die wir schon öfter gezogen haben, und die wir heute unter einem gewissen Gesichtspunkte verfolgen werden, durchaus zum Ziele führend, durchaus aufklärend. Sie klärt manche soziale Erschei­nung in der Gegenwart auf. Aber, ich möchte Sie bitten, sie mehr im Hintergrunde zu halten, bis sich die landläufigen Vorurteile gegen eine Parallelisierung des menschlichen natürlichen Organismus mit dem so­zialen Organismus verlaufen haben. Auch ich selbst gebrauche ja diese Parallele der Außenwelt gegenüber. Aber ich verwahre mich dagegen, ein müßiges Analogiespiel zu treiben. So habe ich es gemacht in mei­nen Zürcher Vorträgen über die soziale Frage, so mache ich es in der Schrift, die jetzt über die soziale Frage erscheinen wird. Aber diese Vorsicht wird nicht immer von Kennern der anthroposophischen Welt­anschauung gebraucht. Deshalb ermahne ich ausdrücklich zur Vorsicht. Nun, mit dieser Einschränkung wollen wir einmal heute von einem ge­wissen Gesichtspunkte den sozialen Organismus noch einmal betrachten.

Den gewöhnlichen natürlichen Organismus teilen wir ja in drei Glieder, in das Kopfsystem, wir können auch sagen Nerven-Sinnes­system, in das Lungen-Herzsystem, wir können auch sagen rhythmi­sches System, und in das Stoffwechselsystem. Alle Tätigkeit des mensch­lichen Organismus ist in diesen drei Systemen erschöpft. Was im menschlichen Leibe vorgeht, kann unter eine dieser drei Kategorien gebracht

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werden. Bemerkenswert ist dabei dieses, daß jedes dieser Systeme eine eigene, für sich bestehende Verbindung mit der Außenwelt hat. Gerade daraus ersieht man, daß es durchaus nicht willkürlich ist, den natürlichen menschlichen Organismus in diese drei Systeme zu gliedern. Das Nerven-Sinnessystem steht durch die Sinne in Verbindung mit der Außenwelt, das Atmungssystem durch Atmungsorgane, das Stoffwech­selsystem durch die Ernährungsorgane. Jedes dieser Systeme steht für sich mit der Außenwelt in einer abgesonderten Beziehung.

Nun, ebenso können wir den sozialen Organismus in drei Glieder einteilen - in ein erstes, zweites und drittes Glied -, so daß sie selbstän­dig sind. Beim sozialen Organismus haben wir dann als die drei Glie­der zu unterscheiden das Wirtschaftssystem, das Staatssystem oder Rechtssystem, und das System der geistigen Organisation.

I. Kopfsystem Wirtschaftssystem

Nerven-Sinnessystem

II. Lungen-Herzsystem Staatssystem

Rhythmisches System

III. Stoffwechselsystem geistige Organisation

Ich bitte Sie, das durchaus zu berücksichtigen, was ich jetzt auf die Tafel geschrieben habe, denn das ist sehr wichtig. Der Kopf des so­zialen Organismus ist das Wirtschaftssystem. Das rhythmische System, das Zirkulationssystem, das Lungen-Herzsystem, das ist das Staats-system. Und das Stoffwechselsystem, das ist in der geistigen Organi­sation beschlossen. Deshalb sagte ich immer: Will man sich die Sache richtig vorstellen, so muß man sich gegenüber dem menschlichen na­türlichen Organismus vorstellen, daß der soziale Organismus auf dem Kopfe steht. Wenn man ein müßiges Analogiespiel treibt, dann wird man glauben, die geistige Organisation entspreche beim Menschen dem Kopfsystem. Das ist nicht der Fall. Die geistige Organisation entspricht dem Stoffwechselsystem. Wir können sagen, der soziale Organismus nährt sich von demjenigen, was die Menschen im sozialen Organismus

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geistig leisten. Der soziale Organismus hat seine Kopfbegabung in der Naturgrundlage. Wenn ein gewisses Volk in einer reichen Gegend wohnt mit vielen Erzgruben, mit reichen Bodenschätzen, mit frucht­barem Boden, so ist der soziale Organismus begabt, bis zur Genialität kann er begabt sein. Wenn der Boden unfruchtbar ist, wenn wenig Bo­denschätze da sind, dann ist der soziale Organismus töricht, unbegabt.

Also Sie müssen nicht einfach analogisieren, sondern Sie müssen ge­rade, wenn Sie die Parallele bilden, auf das Richtige gehen. Sie wissen ja, man muß auch gegen das bloße Spielen mit Begriffen aus der gei­steswissenschaftlichen Erfahrung heraus das Richtige auf anderen Ge­bieten suchen. Wenn die Menschen bloß ein Analogiespiel treiben, so werden sie zum Beispiel sagen: Man kann den Wachzustand des Men­schen vergleichen mit dem Sommer, den Schlafzustand mit dem Winter. Sie wissen, daß das ganz falsch wäre. Ich habe Ihnen wiederholt ausein­andergesetzt, daß wenn man diese Parallele zieht, Jahreszeiten und menschliches Leben, so muß man gerade umgekehrt den Sommer als den Schlafzustand und den Winter als den Wachzustand der Erde ansehen. So müssen Sie das Wirtschaftsleben als den Kopf des sozialen Organis­mus ansehen. Und dasjenige, was die Menschen geistig leisten - wohl­gemerkt in der Wirkung auf den sozialen Organismus -, müssen Sie als die Nahrungsmittel des sozialen Organismus ansehen.

Diese Sache ist außerordentlich wichtig, um gerade unsere Zeit zu verstehen. Unsere Zeit, das habe ich gestern betont, hat es im Grunde genommen schwer mit irgendeiner Lösung der sozialen Frage, und zwar, weil überwiegend antisoziale Triebe in der gegenwärtigen Menschheit vorhanden sind. Antisoziale Triebe sind im Verhältnis von Einzelmensch zu Einzelmensch vorhanden. Manchmal aber auch ka­schieren sich, verbergen sich die antisozialen Triebe. Sie verbergen sich zum Beispiel heute hinter den nationalen Aspirationen, die sich in in­tensiver Weise über die Erde hin geltend machen. Mit diesen nationalen Aspirationen verbindet man ja heute etwas, was man noch immer für selbstverständlich ansieht, während das Selbstverständliche für das wirkliche Entwickeln des Menschen in unserer Zeit darin besteht, daß beginnen müßte im entscheidensten Sinne ein internationales Element. Allein da ist mit den heutigen Menschen noch schwer zu sprechen. Für

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die anderen Nationen sehen gewöhnlich alle Leute ein, daß das Inter­nationale beginnen sollte; nur für die eigene gewöhnlich nicht. Wenn man über diese Dinge mit den Leuten reden will heute, da begegnet einem das, was mir auf einem anderen Gebiete einmal vor vielen Jah­ren auf dem Boden der Anthroposophischen, damals Theosophischen Gesellschaft begegnet ist.

Ich hatte auseinanderzusetzen, daß Tiere Gruppenseelen haben, und daß, wenn die Tiere sterben, sie eingehen in die Gruppenseelen, daß sie nicht eine individuelle Wiederverkörperung haben. Da erwi­derte eine Dame, die einen Hund hatte, den sie sehr liebte: Bei allen anderen Tieren möge das der Fall sein, aber für diesen, ihren Hund gelte es nicht, er habe sich schon eine so entschiedene Individualseele angeeignet, daß er eine persönliche Reinkarnation erfahren werde. Es war sehr schwer, der Dame beizukommen. Nachher aber, als diese Dame weg war und man noch etwas beisammen war, da sagte eine an­dere Dame: Sie könne nicht begreifen, wie eine so gescheite Frau das nicht einsehen kann, daß ihr Hund keine Individualseele hat; sie habe das gleich begriffen! Aber ihr Papagei, der habe eine Individualseele! Das sei eben eine ganz andere Sache! - Das ist ein ganz lehrreiches Bei­spiel dafür, wie Menschen urteilen, wenn Dinge berührt werden, die unmittelbar mit ihrer Persönlichkeit zusammenhängen.

Aber es gibt die verschiedensten Gründe, warum in der Gegenwart dem, was man vernünftigerweise Sozialisierung nennen kann, gewisse Hindernisse erwachsen. Wenn Sie verschiedene Dinge überblicken, die Sie aus unserer anthroposophischen Geisteswissenschaft wissen, so wird Ihnen ja klar sein, daß das Geistesleben zunächst innerhalb der mensch­lichen Entwickelung in absteigender Linie gegangen ist. Gewiß sind die Menschen heute stolz auf ihre weit fortgeschrittene geistige Ent­wickelung; jedoch ist in dem, was sie denken, was sie empfinden, eigentlich kein Geist.

Blicken Sie zurück nur in die dritte nachatlantische Kulturperiode, um nicht weiter zu gehen. Der Quell, aus dem die Menschen dazumal geschöpft haben, mag ja gewiß atavistisches Hellsehen gewesen sein, aber aus diesem atavistischen Hellsehen heraus haben die Menschen eine breite Weisheit gewonnen, eine Weisheit, welche spirituell inhaltsvoll

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war. Die heutigen Menschen sehen mit einem gewissen Hochmut auf dasjenige zurück, was die Chaldäer, was die Ägypter hervorge­bracht haben. Dieser Hochmut ist sehr, sehr unberechtigt. Dasjenige allerdings, was schulmäßig, philologisch zutage gefördert wird über die Weisheit der Ägypter und Chaldäer, das ist nicht sehr ergiebig. Aber das ist ja schließlich «der Herren eigener Geist». Das dringt nicht an die tiefen Einblicke heran, die die alten ägyptischen Priester, die alten ägyptischen Mysterienleiter, die chaldäischen Priester, die chaldäischen Mysterienleiter durch ihre allerdings noch an Atavistisches anklingende Hellseherweisheit hatten. Auch innerhalb der griechisch-lateinischen Kultur war an Weisheit noch mehr enthalten als in dem, was heute die Menschen denken und empfinden, was einfließt in ihre Ideen, in ihre Begriffe vom Spirituellen. Im Grunde ist heute der Mensch arm ge­worden an spirituellem Leben. Und eine besondere Verarmung an spirituellem Leben ist eingetreten eben gerade seit dem Heraufkom­men der fünften nachatlantischen Kulturperiode, seit der Mitte des 15. Jahrhunderts. Da ist ungeheuer viel wirkliches geistiges Leben ver­flutet.

Und immer mehr wurde der menschliche Verstand gewissermaßen ausgedörrt. Daher beschränkte er sich immer mehr und mehr darauf, Bilder des äußeren sinnlichen Lebens zu entwerfen. An wirkliche Offen­barungen aus der geistigen Welt heraus will der Mensch nicht mehr glauben und auch sich nicht mehr halten. Aber dasjenige, was der Mensch an geistigem Inhalt in sich entwickelt, das hat nicht nur für ihn eine subjektive Bedeutung. Insoferne das, was der Mensch innerlich gei­stig entwickelt, eine Bedeutung hat im Leben von Mensch zu Mensch, insofern ist das, was der Mensch in seinem Kopfe hat, in sich hat, zu­gleich Nahrung für den sozialen Organismus; davon nährt sich der soziale Organismus. Daher werden Sie es begreifen, daß derjenige, der vom sozialen Organismus verständnisvoll redet, sagen muß, daß die­ser soziale Organismus seit der Mitte des 15. Jahrhunderts darbt, hun­gert. Der Niedergang des wirklichen geistigen Lebens bedeutet ein all­mähliches Aushungern des sozialen Organismus, des sozialen Orga­nismus auf allen Territorien. Und man darf schon sagen: Der soziale Organismus ist heute schon eine ziemlich magere, schlanke Persönlichkeit

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geworden und droht noch schlanker und magerer zu werden. Wenn heute einer ein Sinnbild, durch die menschliche Persönlichkeit ausgedrückt, vom sozialen Organismus entwerfen sollte, so müßte er eine magere Persönlichkeit, nicht eine feiste entwerfen. Ein gut ge­nährtes Mönchlein etwa dürfte man heute nicht als Sinnbild des sozia­len Organismus malen.

Wenn Sie dies berücksichtigen, dann werden Sie auch verstehen können, daß im Gegenteil, während der Magen unseres sozialen Orga­nismus, den wir eigentlich anfüllen mit unseren geistigen Leistungen, ziemlich leer ist, heute gerade der Kopf, nämlich das Wirtschaftsleben des sozialen Organismus dasjenige ist, das sich besonders betätigt. Der soziale Organismus denkt heute sehr viel, der soziale Organismus ent­wickelt reichlich Intellektualität. Es ist vielleicht ein etwas gefährlicher Vergleich, aber er müßte eigentlich doch gemacht werden. Sie wissen, zu starke Unterernährung, wenn eine starke Intellektualität da ist, bringt zu gleicher Zeit diese Intellektualität etwas in Unordnung. Nun darf man nicht glauben, daß unser sozialer Organismus Anlagen hat, un­bedingt gleich verrückt zu werden. Aber mancherlei Dinge, die heute geschehen, und für die nicht allein die Menschen verantwortlich sind, sondern schon dasjenige, was als soziales Denken durch die Welt pul­siert, das zeigt sich krankhaft in diesem sozialen Organismus. Und ge­rade aus dem Grunde sprechen wir ja von der Notwendigkeit, den sozia­len Organismus zur Gesundung zu bringen, weil wir fühlen, wie er krank ist. Aber davon wollen wir, wie gesagt, trotzdem der Vergleich einmal gebraucht werden muß, zunächst absehen. Gebraucht mußte der Vergleich werden aus dem Grunde, damit Sie sehen, daß die mensch­liche Entwickelung wirklich in einer gesetzmäßigen Weise verläuft, daß nicht bloß, weil die Menschen subjektiv wollen, das oder jenes geschieht, sondern daß das, was geschieht einer fortlaufenden Gesetz­mäßigkeit entspricht. Wir sind einmal in die Periode eingetreten, wo der soziale Organismus Hunger leidet, und wo er zuviel denkt, wo er sein Kopfsystem zu stark entwickelt.

Das bedeutet nicht etwa, daß heute zuviel gewirtschaftet wird. Es wird viel zuwenig gewirtschaftet. Die Menschheit hätte nötig, viel mehr zu produzieren. Das wird jedoch erst geschehen, wenn der soziale

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Organismus in seine drei Glieder richtig eingeteilt sein wird. Aber über das Wirtschaftsleben wird tatsächlich so gedacht, als wenn es ganz allein in der Welt wäre. Wenn ich von diesem Gesichtspunkte aus auf den sozialen Organismus hinschaue, wie er einseitig alles, alles verhandeln möchte nach dem Kopf des sozialen Organismus, nach dem Wirtschaftsleben, da muß ich immer denken, wie aus einer gewissen Verwechselung des sozialen Organismus mit dem einzelnen mensch­lichen Organismus mir einmal der österreichische Dichter Hermann Rollet - es ist jetzt sehr lange her - eine große Besorgnis über die Zu­kunft der Menschheit ausgedrückt hat. Hermann Rollet war ein sehr lieber Mann. Er hat jenes schöne Buch über die Goethe-Bildnisse zu­sammengestellt. Allein er war, wie das dazumal Mode war in den siebziger, achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, ein sehr aufge­klärter Mann und daher stolz darauf, wie weit es die Menschen mit ihrer Kopfkultur heute gebracht haben. Und da äußerte er mir einmal seine tiefe Besorgnis, was aus den Menschen werden soll, wenn sie nun immer gescheiter und gescheiter werden, wenn sie immer mehr und mehr denken. Da wird ja der Kopf immer mehr und mehr sich ent­wickeln auf Kosten des anderen Organismus. Und er meinte, die Men­schen müßten wirklich, wenn die Erde noch weiterhin sich entwickelt, nur als bloße Köpfe, als Kugeln so über die Erde hinrollen. Damit drückte er eine wirkliche Besorgnis aus. Und diese Besorgnis trifft für den individuellen Menschen nicht zu. Aber sie trifft in einer ge­wissen Weise wenigstens für die heutigen Tage zu für den sozialen Organismus, der seinen Kopf im Wirtschaftssystem hat, und der droht immer mehr und mehr Kopf zu werden.

Was ich Ihnen da sage, ist für das heutige Leben eine sehr, sehr praktische Sache. Ich habe ja jetzt mehrmals vorgetragen in proleta­rischen Kreisen. Die proletarische Welt selbst versteht einen gut, aber sie wird vorläufig von ihren Führern zurückgehalten. Die stehen näm­lich ganz tief drinnen nicht in einem individuellen Denken, sondern in dem, was vom sozialen Denken, vom Denken des sozialen Orga­nismus in sie übergeht. Wenn man in diesen Kreisen nun das heute Sach­gemäße und unbedingt Notwendige vorträgt, daß der soziale Orga­nismus gegliedert werden müsse in eine wirtschaftliche Organisation,

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in eine politisch-rechtliche oder Staatsorganisation, und in eine geistige Organisation, da kann man ganz sicher sein, daß programmäßig er­widert wird: Ja, aber es muß sich doch alles aus dem Wirtschaftssystem heraus ergeben, wozu denn die anderen Glieder? Wenn das Wirtschafts­leben auf seine richtige Grundlage gestellt wird, dann werden sich die Rechte und dann wird sich auch das geistige Leben von selbst erge­ben. - Die Menschen sind sich da nicht bewußt, daß das nicht ein in­dividuelles Denken ist, sondern daß das dasjenige Denken ist, was durchraunt durch ihre Köpfe vom sozialen Organismus her. Der denkt vor allen Dingen zuviel, das heißt, er denkt bloß im Wirtschaften. Er kann noch nicht sich entschließen, sein Herz und seine Lunge, näm­lich einen wirklichen abgesonderten Staat, zu entwickeln. Ja er kann sogar nicht einmal sich klar bewußt werden seines Magens, nämlich der Notwendigkeit des Eingreifens der individuellen menschlichen Fähig­keiten in den sozialen Organismus.

Ich möchte, daß Sie verstehen, daß solches Reden heute, das nur gelten lassen will das Wirtschaftssystem, tief begründet ist in der menschlichen Entwickelung, daß es daher starker Kräfte brauchen wird, um auf diesem Wege eine Umkehr zu bewirken. Denken Sie ein­mal, daß es ja notwendig wird, daß das geistige Leben emanzipiert wird, auf sich selbst gestellt wird, daß die Leute werden begreifen müs­sen: Von der untersten Schule bis hinauf muß alles vom Staate abge­sondert werden, unabhängig vom Wirtschaftsleben sich entwickeln können. Das wollen heute weder die bürgerlichen Kreise noch wollen es - die erst recht nicht - die Sozialdemokraten. Die Sozialdemokraten werden von ihrem Standpunkte aus mit Recht immer wiederum darauf hinweisen, daß das gesunde Wirtschaftsleben in der früheren Zeit ge­stützt war von zwei Säulen, vom Geistesleben und vom Staatsleben. Populär drückt man das so aus, daß man sagt: Das menschliche Wirt­schaftsleben muß gestützt werden, wie es von jeher der Fall war, durch Thron, Staatsleben und Altar, geistiges Leben. Das sagen die einen mit Abscheu, das sagen diejenigen, die noch in alten Vorstellungen drinnen stehen, mit Begeisterung: Thron und Altar sind notwendig. In der neue­ren Zeit ist der Thron zuweilen Präsidentenstuhl geworden, aber das macht zumeist nur in der äußeren Ästhetik einen Unterschied; und

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der Altar ist zuweilen eine Wertheimsche Kasse geworden, aber das macht auch nur einen äußerlichen Unterschied. Es ist eigentlich kein tiefgehender Unterschied in bezug auf das Fühlen. Neuere Men­schen haben die Wertheimsche Kasse oftmals so gerne, wie ältere Men­schen den Altar hatten.

Nun weist das aber noch zurück auf eine Zeit, welche in einer ge­wissen Weise Sinn und Empfänglichkeit hatte für das freie geistige Leben. Denken Sie, es ist ja nicht so sehr lange her, daß die freien Hochschulen, die Universitäten, von dem Staate aufgesogen worden sind. Die Universitäten hatten früher ihr eigenes Ansehen, ihre eigene Ehre. Autonom waren sie, autonome Körperschaften. Diese Auto­nomie haben sie vollständig verloren. Sie bilden Staatsdiener aus, brave, gute Staatsdiener auf allen Gebieten. Dem aber tritt gegenüber eine Hypertrophie des sozialen Kopfsystems, des Wirtschaftslebens. Alles wird vom Wirtschaftssystem ausgedacht, und die Perspektive Kontor und Maschine anstelle von Thron und Altar, das ist auch gerade keine Perspektive, welche auf Dinge hinwiese, die den sozialen Organismus lebensfähig machen können! Ich habe Ihnen ja öfter gesagt, da würde die Welt eine große Buchhaltung werden, die geführt würde über eine Art Werkstättenleben. Gerade die individuellen menschlichen Fähig­keiten, die die Nahrungsmittel bilden für den sozialen Organismus, die würden verkümmern und gelähmt sein, wenn an die Stelle von Thron und Altar treten würde Kontor und Fabrik, Kontor und Maschine.

Das aber alles hängt eben damit zusammen, daß das gegenwärtige menschliche Zusammenleben, das heißt das Individualleben, in dem Menschen auslöst vor allen Dingen ein Denken, das nach dem Wirt­schaftsleben hin orientiert ist, das nur Sinn und Interesse hat für das Wirtschaftleben. Die ist in der neueren Zeit dadurch heraufgekom­men, daß die moderne Technik Platz gegriffen hat, und mit der mo­dernen Technik die moderne Art des Kapitalismus. Da wurden zu­nächst die führenden, leitenden Kreise abhängig von demjenigen, was man nennen könnte den bloß auf das Wirtschaftssystem hin orientierten sozialen Verstand. Ich habe immer wieder und wiederum hingewiesen darauf, wie gewissermaßen der Mensch aufgesogen worden ist von dem objektiven sozialen Verstande, von der Überflutung durch das bloße

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Kopfsystem, mit dem der soziale Organismus um uns herum denkt. In dieses Denken sind wir heute eingespannt.

Sie wissen, ich habe Sie öfter darauf hingewiesen, wie die mensch­liche Persönlichkeit mit ihrem eigenen Denken selbst im Kapitalleben allmählich ausgeschaltet worden ist. Es ist heute das objektive Kapital dasjenige, welches über die Erde hin arbeitet. Die menschliche Per­sönlichkeit ist eigentlich da ausgeschaltet, wo das Kapital recht wirt­schaftet. Bald ist einer unten, bald oben, bald ist alles verloren, bald ist alles wieder gewonnen, und die Aktien wirken für sich, arbeiten immer mehr und mehr für sich. Ich gebrauche da gewöhnlich ein Symp­tom als Beispiel. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und bis in das letzte Drittel hinein waren die einzelnen individuellen Bankiers die Ausschlaggebenden. Dann aber sind es für die großen Unternehmen mehr die Gesellschaften geworden. Amerika, das etwas nachklappt in der Entwickelung, das hat gerade jetzt den Übergang, wird jetzt den Übergang vollziehen von der weit ausgreifenden Individualität zu der objektiven Kapitalwirkung, und wird wahrscheinlich diese Erscheinung in ganz hervorragendem Maße zeigen. Aber der einzelne Bankier war so mächtig, daß man schon seine Stellung im sozialen Leben gut trifft, wenn man aufmerksam macht - ich glaube, es war in den vierziger Jahren, ich habe das schon einmal erzählt hier -, wie der Finanzminister des Königs von Frankreich zu Rothschild ging, um - nun, was tut ein Finanzminister? -, um ihn anzupumpen für den Staat Frankreich. Rothschild war gerade mit einem Schuster oder einem Schreiner be­schäftigt, und dieses Geschäft war ihm ebenso wichtig wie der Fi­nanzminister des Königs von Frankreich, vielleicht sogar wichtiger. Der Finanzminister läßt sich anmelden. Der Diener geht hinein, kommt zurück und sagt: Der Herr Rothschild bittet, Sie möchten ein bißchen warten, es ist gerade ein Schreiner drin. - Was, ein Schreiner? Ich bin doch der Finanzminister des Königs von Frankreich! - Der Diener er­widerte: Herr Rothschild sagt, Sie möchten warten. - Der Minister reißt aber die Türe auf und stürmt hinein: Ich bin der Finanzminister des Königs von Frankreich! - Bitte, nehmen Sie einen Stuhl, ich habe erst mit dem Herrn hier zu tun. - Aber, ich bin der Finanzminister des Königs von Frankreich! - Na, bitte, dann nehmen Sie zwei Stühle!

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Durch so etwas sehen Sie durchschimmern, obschon es nur ein Sym­ptom ist, die persönliche Macht. Die persönliche Initiative, die hat in dieser Form mehr oder weniger aufgehört und war im Aufhören, bevor die Kriegskatastrophe hereinbrach, auf dem Gebiete des wirtschaft­lichen Lebens. Dasjenige, was im Wirtschaftsleben selber denkt, die soziale Intelligenz, die bekam die Obermacht über die individuelle Intelligenz der einzelnen Menschen. Zunächst ist diese soziale Intelli­genz, dieser aus dem Wirtschaftsleben, aus der Hypertrophie des Wirt­schaftslebens herausgeborene soziale Verstand sehr nüchtern. Und das ist gerade das, was dem Kenner des sozialen Lebens von einem höheren Gesichtspunkte aus besonders auffallen müßte, wie nüchtern heute das aus dem Wirtschaftsleben heraus geborene Denken geworden ist. Zu­nächst tritt eine Art von neuem Gruppendenken bei den Menschen auf. Aber dieses Gruppendenken ist ungemein nüchtern. Herausgeboren wurde es aus der Bourgeoisie während der kapitalistischen Zeit, hat sich zur Spießigkeit, zur Philistrosität entwickelt, hat als Philistrosität weite Kreise gezogen und hat nunmehr ergriffen als nüchternstes Pro­dukt das sozialistische Denken.

Es ist in diesem Punkt, meine lieben Freunde, etwas sehr, sehr Be­merkenswertes zu sagen. Die Verhältnisse, die sich abgespielt haben, haben es mit sich gebracht, daß der größte Teil der proletarischen Massen freigeistig, ungläubig ist: Die Kirchenaustritte in diesen Krei­sen sind ja sehr, sehr zahlreich. Diejenigen, die nicht austreten, tun es oftmals nur aus dem Grunde nicht, weil sie die Sache nicht für sehr wichtig halten. Aber man hört oftmals etwas anderes. Man hört oft­mals betonen, daß dem Proletarier als Ersatz für die alten Religionen gerade die sozialistische Lehre dient. Das ist nur aus einem gewissen Begeisterungsrausch, nicht aus einer wahren Begeisterung heraus mög­lich; denn natürlich ist die sozialistische Lehre, die nur aus dem Wirt­schaftsleben heraus denkt, etwas furchtbar Nüchternes und kann nicht irgendwie einen religiösen Charakter annehmen.

Daraus aber werden Sie sehen, daß das Ernste, das ich in diesen Vorträgen öfters zu Ihnen gesprochen habe, auch wirklich, man möchte sagen, ein heiliges Gebot der Weltgeschichte ist. Wenn wir auf der einen Seite durch eine geisteswissenschaftliche Betrachtung die menschliche

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Entwickelung seit dem Zeitalter der Bewußtseinsseele verfolgen, wenn wir auf der anderen Seite dasjenige ins Auge fassen, was die anthroposophische Anschauung bewahrheitend, uns gerade innerhalb des sozialistischen Denkens entgegentritt, wenn wir das alles ansehen, dann sagen wir uns: Ein ungeheuer wichtiges Phänomen des sozialen Organismus ist sein allmähliches Aushungern. Er verhungert ja, wenn nicht in die Menschen hineinkommt wirkliches spirituelles Leben, wenn nicht geistiges Leben die Menschen ergreift! So wie der einzelne Mensch verhungern muß, wenn er nicht Nahrungsmittel zu genießen hat, so muß ein sozialer Organismus verhungern, wenn die Menschen nicht zum spirituellen Leben kommen. Er steht wirklich auf dem Kopf, der soziale Organismus. Der einzelne Mensch braucht die Nahrungsmittel, um zu leben; der soziale Organismus braucht die menschlichen Talente, die menschlichen Begabungen, die menschlichen inneren Offenbarun­gen, damit aus diesen Begabungen, aus diesen inneren Offenbarungen, hervorgehe dasjenige, was allein den sozialen Organismus gesund ma­chenkann!

Erinnern Sie sich, wie ich es öfter betont habe: Man kann heute nicht so etwas wie den Gotthardtunnel bauen, wenn man nicht als Leiter eines solchen Baues Differential- und Integralrechnung kennt. Die aber rührt von Leibniz her, die Engländer sagen: von Newton; nun, mögen sie es sagen. Aber ob es der eine oder andere ist: Nicht allein derjenige, der die Steine aufeinanderlegt, hat den Gotthardtunnel gebaut, sondern Leibniz oder Newton haben mitgebaut. Das ist nur ein Beispiel dafür, wie aus dem geistigen Leben heraus auch das Allermateriellste wirklich entsteht. Schalten Sie die geistigen individuellen Fähigkeiten aus, so ver­nichten Sie auch das Wirtschaftsleben. Niemals kann es sich darum han­deln, eine Weltbürokratie einzurichten, durch die ganz gewiß die freie Initiative der geistigen Fähigkeiten ausgeschaltet wird! Diese Welt-bürokratie, die das Ideal der Trotzkij und Lenin ist, die würde selbst­verständlich den sozialen Organismus zum Verhungern bringen.

Gerade wer es ehrlich meint mit der sozialen Frage in der Gegen­wart, der muß immer wieder und wiederum betonen: Notwendig ist vor allen Dingen eine freie Entfaltung geistiger Wissenschaft. Das ist nicht irgendwie die Einführung eines Unpraktischen in das gegenwärtige

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Leben, sondern das ist das Allerallerpraktischste, weil es unmittel­bar, wirklich notwendig ist. Gerade weil so lange die individuellen Fähigkeiten der Menschen unterdrückt worden sind, gerade deshalb schlugen die objektiven Ereignisse im Jahre 1914 den Menschen über den Köpfen zusammen. In den Köpfen war nichts drin, als zuweilen sogar tolle Ideen. Die objektiven Ereignisse schlugen den Menschen über den Köpfen zusammen. Die individuellen Fähigkeiten waren zu­rückgegangen. Die Menschen konnten das äußere Leben nicht meistern. Ihre Begriffe, ihre Ideen, ihre Vorstellungen waren zu engmaschig. Sie konnten sich nicht erstrecken über die objektiven Ereignisse. Und von gegenseitigem Verstehen war erst recht nicht das Geringste mehr vor­handen. Da mußten diese letzten viereinhalb Jahre der große Zucht-meister der Menschheit sein, der sie lehrt, daß es notwendig ist, daß geistiges Leben wirklich als Nahrungsmittel des sozialen Organismus in diesen einfließe.

Diese Zusammenhänge versteht man dann, wenn man in der Lage ist, den sozialen Organismus wirklich in dieser Beziehung als ein drei­gliedriges System zu betrachten. Man muß verstehen lernen, daß im sozialen Organismus das Wirtschaftsleben selbständig seine auswärti­gen Beziehungen pflegen muß, daß Staatskörper mit Staatskörper und Geistesleben mit Geistesleben in Verbindung treten muß. Es soll nicht ein einheitliches Staatssystem mit einem anderen einheitlichen Staats­sytem verhandeln. Wie im menschlichen Organismus muß es sich ver­halten, wo jedes der drei Systeme seine besonderen Beziehungen zur Außenwelt entwickelt. Dadurch, daß die internationalen Beziehungen der Menschen so geregelt werden, daß gewissermaßen immer das eine Glied mit dem anderen Glied nur in Korrespondenz tritt, dadurch wird am besten entgegengearbeitet solchen Konflikten, wie sie zum Beispiel 1914 zum Ausdruck gekommen sind. Denken Sie einmal, wie­viel komplizierter es einmal sein wird, wenn zwei Territorien in Kon­flikt kommen sollen, denn es kann ja zunächst der Konflikt sich nur ergeben zwischen Staatssystem und Staatssystem. Er kann nicht aus­getragen werden, weil die geistige Organisation und das Wirtschafts­system, wenn sie frei in sich zentralisiert sind, erst noch mitzureden haben.

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Man muß sich nur klar sein darüber, wie anders gestaltet das ganze Leben wird, wenn diese Dreigliederung eintritt. Man muß sich auf der anderen Seite allerdings auch wiederum klar sein darüber, wie gründ­lich heute die Menschen in Vorurteilen gegen solches Umdenken und Umlernen drinnenstehen. Wenn man die Frage immer wieder und wie­derum aufwerfen möchte: Warum wird so großer Widerstand der Gei­steswissenschaft entgegengesetzt? - so ist es ja wahrhaftig nicht die Schwierigkeit des Begreifens, das haben wir öfter betont, sondern es ist lediglich die Unfähigkeit der Menschen, den Entschluß zu fassen, ihre Denkgewohnheiten anders einzurichten, als sich diese Denkge­wohnheiten in den letzten Jahrzehnten, ja Jahrhunderten allmählich geformt haben. Es ist den Menschen eben viel bequemer, im geraden Geleise fortzuwursteln. Was Wunder daher, daß gegenwärtig die Men­schen auch wieder daran denken, wie in Bern der Ausdruck geprägt worden ist, einen «Überstaat» zu gründen, den Völkerbund mit einem Überparlamente. Nicht wahr, die alten Staaten haben ja so Günstiges gewirkt, haben gezeigt, was sie zustande bringen können in den letzten viereinhalb Jahren! Nun, «Überstaaten», «Überparlamente» begrün­den, das ist so recht ein Zeichen dafür, daß die Menschen nicht heraus-schlüpfen mögen aus den alten Denknetzen, daß sie drinnenbleiben möchten in diesen alten Denknetzen. Während man den einzelnen Staat zerklüften muß in seine drei Glieder, wollen die Menschen das Gegenteil. Sie wollen die ganze Erde - mit Ausnahme derjenigen, die man zunächst jetzt ausschließt - zu einem einzigen großen Staat zu­sammenschweißen. Sie wollen das Gegenteil von dem, was in den Ent­wickelungskräften der Zeit begründet ist. Deshalb sollte gerade der­jenige, der im Geisteswissenschaftlichen drinnensteht, wirklich einse­hen und es auch überführen in sein Wollen, daß ein starkes Anstürmen notwendig ist gegen dasjenige, was heute noch in der ganz entgegenge­setzten Richtung geht. Dieses Anstürmen ist notwendig. Das muß man sich immer wieder und wiederum sagen. Und da wir uns daran ge­wöhnen müssen, die Dinge innerlich zu betrachten, so wird es schon gut sein, recht oft zu versuchen, das Soziale von diesem Gesichtspunkte, den ich auch heute wiederum charakterisiert habe, innerlich meditie­rend zu erleben, weil das unser Wollen anfeuern kann.

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Davon wollen wir dann morgen weiter reden. Morgen um fünf Uhr ist also die öffentliche Eurythmievorstellung hier, und ich denke, um halb acht oder Viertel vor acht Uhr werde ich dann diesen Vortrag fortsetzen.

DRITTER VORTRAG Dornach, 23. März 1919

#G190-1991-SE047 Vergangenheits- und Zukunftsimpulse im sozialen Geschehen

#TI

DRITTER VORTRAG

Dornach, 23. März 1919

#TX

Wir wollen heute auf einige Tatsachen des übersinnlichen Lebens hin­deuten, die von einer besonderen Seite her Ihnen belegen können, wie bedeutsam und immer bedeutsamer es wird für die Beurteilung des­jenigen, was hier in der physischen Welt geschieht, hinzublicken auf die ja immer mit den physischen Vorgängen auf der Erde verbundenen übersinnlichen, überphysischen Vorgängen. Wir stehen tatsächlich am Ausgange, am Ende eines Zeitalters und am Anfange eines neuen Zeit­alters. Sie wissen ja allerdings, daß von jedem Zeitalter dergleichen gesagt wird. Von diesem abgelaufenen und von dem jetzt beginnenden Zeitalter wird man das aber in einem ganz anderen Sinne sagen kön­nen als von irgendeinem früheren Zeitalter. Denn wir haben Ereignisse hinter uns, katastrophale Ereignisse, von denen die Menschheit sich immer mehr und mehr bewußt geworden ist, daß sie in dieser Inten­sität nicht da waren, seit man ein geschichtliches Leben verzeichnet. Das abgelaufene Zeitalter war ein solches, in dem die Menschen hier auf der Erde sich möglichst wenig um die übersinnliche Welt kümmer­ten. Sie müssen, wenn Sie eine solche Sache ganz ernst nehmen wollen, nur nicht verwechseln dasjenige, was man äußerlichen Kirchen- und Lippendienst nennen könnte mit einem wirklich Hinorientiertsein auf die übersinnliche Welt. Es ist wahrhaftig nicht besonders schwierig zu sehen, daß dasjenige, was die Leute schon seit Jahrhunderten als eine gewisse Religiosität ansehen, mehr eine äußerliche Sache ist, daß es nicht ein wirkliches Hinorientiertsein auf die übersinnliche Welt ist. Die Menschen haben bis in unsere Tage herein mit einem gewissen Un­bekümmertsein um die übersinnliche Welt gelebt. Und der Umschwung der Zeiten fordert heute von der Menschheit ein sich wieder Hinorien-tieren zu den übersinnlichen Welten. Die Menschen müssen lernen, zu diesen übersinnlichen Welten wiederum hinzublicken, aber in einer an­deren Weise, als man sich das heute oftmals vorstellt. Die Menschen möchten bei dem gewöhnlichen bequemen Glauben bleiben, der nicht viel innerliche Anstrengungen kostet. Diejenigen, die bei diesem bequemen

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Glauben geblieben sind, die sind die größten Feinde des wahren gegenwärtigen Fortschrittes. Die Kirchen, die sich wehren gegen die neuen Wege zur Übersinnlichkeit, die sind in Wahrheit heute schon die Veranlasser, daß immer materialistischere und materialistischere Impulse in die Menschheit hereinkommen. Notwendig ist es heute, in ganz konkreter Art zu lernen, in die übersinnlichen Welten hineinzu-blicken. Wir stehen in dem Zeitalter, in dem zum Beispiel der große, gewaltige Umschwung sich vollziehen muß, daß die Menschen von Denkautomaten zu wirklichen denkenden Menschen werden. Nicht wahr, es ist schrecklich, wenn man so etwas sagt, denn die Menschen der heutigen Zeit halten sich doch selbstverständlich für denkende Menschen, und wenn man von ihnen verlangt, daß sie erst denkende Menschen werden sollen, dann betrachten sie das mehr oder weniger als eine Beleidigung. Aber es ist dennoch so. Seit der Mitte des 15. Jahr­hunderts kam immer mehr das über die Menschen, daß sie zu Denk-automaten geworden sind. Die Menschen über!assen sich gewisser­maßen heute den Gedanken, sie beherrschen nicht die Gedanken. Den­ken Sie sich nur einmal, was das bedeuten würde, wenn Ihnen dasselbe passieren würde mit Bezug auf andere Glieder Ihres Organismus, was den meisten Menschen gegenwärtig passiert mit Bezug auf die Denk-Organe. Fragen Sie sich, ob der heutige Mensch sehr geneigt sein kann -ich sage: sein kann -, willkürlich mit einem Gedanken zu beginnen, willkürlich mit einem Gedanken abzuschließen? Die Gedanken brodeln heute den Menschen durch den Kopf. Sie können sich ihrer nicht er­wehren, sie geben sich ihnen automatisch hin. Da steigt ein Gedanke auf, der andere geht fort, das zuckt und blitzt durch den Kopf und die Menschen denken so, daß man eigentlich am besten sagen könnte, es denkt in den Menschen. Denken Sie sich, wenn dasselbe den Menschen passieren würde in bezug auf ihre Arme und Beine, wenn sie diese ebensowenig beherrschen würden, wie sie ihr Denken beherrschen. Den­ken Sie sich, ein Mensch würde sich heute auf den Straßen mit den Ar­men so benehmen, wie er sich mit dem Denkorgan benimmt! Sie kön­nen sich vorstellen, was alles an Gedanken durch den Kopf eines Men­schen zuckt, wenn er über die Straße geht, und nun denken Sie sich, er würde fortwährend mit den Händen und Armen fuchteln wie mit

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seinen Gedanken, oder gar mit den Beinen! Und dennoch, vor dieser Epoche stehen wir, vor welcher die Menschen lernen müssen, ebenso Gewalt zu haben über ihre Gedanken, das heißt, genauer gesprochen über ihre Denkorgane, wie sie Gewalt haben über ihre Arme und Beine. In dieses Zeitalter tritt der Mensch ein. Eine gewisse innere Disziplin des Denkens ist dasjenige, was Platz greifen soll und wovon die Men­schen heute noch recht weit entfernt sind.

Wir sind ja seit der Mitte des 15. Jahrhunderts in den fünften nach-atlantischen Zeitraum eingetreten. Bevor dieser abläuft, müssen tat-sächlich die Menschen lernen, ihr Denken so zu beherrschen wie ihre Arme und ihre Beine. Dann wird die eigentliche Aufgabe dieses fünf­ten nachatlantischen Zeitraums für diejenigen Menschen erfüllt wer­den, die das können. Sie sehen, es handelt sich um Ernstes, wenn man dasjenige in Erwägung ziehen will, was gewissermaßen am Horizonte der Menschheitsentwickelung im heutigen Zeitalter heraufzieht. Nun wird aber mit dem, was ich eben angedeutet habe, mit diesem Beherr­schen des Denkens etwas wesentlich anderes verknüpft sein. Die Men­schen werden, je mehr sie das Denken zu beherrschen beginnen, desto mehr in die Lage kommen, wieder bildlich vorzustellen, Imaginationen zu haben. Und Imaginationen werden gebraucht von den Menschen, denn nur dadurch können sich in die heute vielfach wirkenden anti-sozialen Triebe die sozialen Triebe hineinentwickeln, daß die Men­schen durch Imaginationen die Fähigkeit bekommen, sich so recht in die anderen Menschen, in ihre Mitmenschen hineinzuversetzen. Man kann sich nicht durch das bloße abstrakte Denken in die Mitmenschen hineinversetzen. Das abstrakte Denken macht eigensinnig, das abstrakte Denken bringt den Menschen dazu, bloß auf seine eigenen Meinungen zu hören. Und vor allen Dingen bringt das abstrakte Denken den Men­schen dazu, überhaupt sich abzuschließen mehr oder weniger von jener Beweglichkeit, die man braucht, um mit der geistigen Welt leben zu können. Daß man heute nicht leicht mit der geistigen Welt leben kann, das können Sie an einer ganz bestimmten Erscheinung, die heute außer­ordentlich häufig ist, sehen.

Sehen Sie, es ging zum Beispiel jetzt unser Aufruf durch die Welt. Er ist ja von einer Anzahl von Menschen - das ist augenscheinlich - verstanden

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worden. Überall in der Welt haben sich da oder dort Menschen gefunden, die ihn verstanden haben. Aber eine ganze Anzahl anderer Menschen hat ihn eingestandenermaßen nicht verstehen können. Man kann sich sogar schwer vorstellen, was das heißt, man versteht den Aufruf nicht, denn es steht nichts drinnen, was nicht eigentlich jeder Mensch von vornherein verstehen könnte. Dennoch finden ihn viele unverständlich. Woher kommt dies? Das kommt daher, daß heute die wirkliche Geistesbildung auf einen außerordentlichen Tiefstand ge­kommen ist, weil die Leute in dem Augenblicke, wo Gedanken an sie anklingen, die ihren Gedankenautomatismus unterbrechen, nicht mehr mitkönnen. Die Menschen sind heute gewöhnt, den einmal in Schwung gekommenen Gedanken automatisch zu folgen. Beobachten Sie nur so recht die typischen Leute der Gegenwart, Sie werden ihnen goldene Dinge erzählen können - wenn dann die Leute selber etwas sagen sol­len, rollt wiederum dasjenige ab, was sie seit Kindheit zu sagen gewohnt sind. Neue Gedanken in die Köpfe der Menschen zu setzen, das wird heute außerordentlich schwer. Wer ein klein wenig Lebenserfahrung hat, der weiß in der Regel immer, was man zu dem einen oder zu dem anderen, das heute in der Welt auftritt, von seiten der meisten Leute sagen wird. So automatisch sind die Urteile, so automatisch sind die Gedanken der Menschen geworden. Der Gedankenautomatismus ist dasjenige, was am meisten störend eingreift in das, was heute durch die Entwickelungskräfte von den Menschen gefordert wird. Formeln mögen die Leute gern haben, Eingewöhntes mögen sie gern haben. Je weiter man westwärts kommt, um so mehr hört man, wenn irgendein Satz geprägt ist: Ja, das kann man nicht sagen! - Wie häufig sagen die Leute, wenn irgend etwas Deutsches zum Beispiel ins Holländische oder ins Englische oder ins Französische zu übersetzen ist: Das ist nicht eng­lisch, das ist nicht holländisch, das ist nicht französisch! - Umgekehrt kann man das nicht sagen. Im Deutschen ist alles möglich. Da kann man das Prädikat an den Anfang, in die Mitte, ans Ende setzen - immer ist es deutsch. Man kann den Ausdruck, eine Redeweise sei nicht deutsch, fast gar nicht gebrauchen in dem Sinne, wie man sagt, irgend etwas sei nicht holländisch, nicht englisch, nicht französisch und so weiter. Gewiß, es gibt auch da gewisse Denkgewohnheiten, die sich

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dann in der Satzfolge ausdrücken; aber man kann ebensogut eine an­dere Satzfolge gebrauchen, als diejenige, die in der Grammatik steht. Es ist eigentlich in dieser Beziehung nichts falsch, und es ist nur eine Philostrosität, eine Spießerei, wenn vielfach da auch von Falschem und Unrichtigem gesprochen wird. Es drückt sich in der Sprache oft­mals der Automatismus des Denkens sehr klar aus. Auf solche Nuancen des Lebens müßten eigentlich die Menschen heute aufmerksam sein, denn solche Nuancen sind zum Verständnis unserer Zeit außerordent­lich wichtig. Also indem der Automatismus des Denkens aufhört und die Beweglichkeit des Denkens wieder Platz greift, wird auch die Möglichkeit zu Imaginationen in den Menschenseelen erweckt werden.

Es wird nun noch eines bekämpft werden müssen, und das ist die Ungebildetheit unseres Zeitalters. Die Ungebildetheit unseres Zeitalters ist nämlich eine außerordentlich große. Die Menschen verstehen alles mögliche nicht, einfach weil es in ihren Denkautomatismus nicht hin­einpaßt. Prediger werden gewöhnlich so allgemein verständlich ge­funden, weil sie im Grunde genommen nichts anderes sagen, als was in den Denkautomatismen der Zuhörer unzählige Male abgeschnurrt ist. Die Leute finden das ganz besonders schön, wenn sie so im Inneren denken können: Ach, was der sagt, das habe ich ja auch schon immer innerlich gesagt - habe ich es nicht gesagt? - Wie oft hört man heute gerade diese Redensart und wie treffend findet man dasjenige, von dem man sagen kann: Habe ich das nicht selbst gesagt? - Es ist wohl kaum notwendig, das zu hören, was man schon selbst gesagt hat. Es ist eine ziemliche Verschwendung des Lebens, wenn man sich immer anhören will, was man schon selbst gesagt hat. So bequem hat man es allerdings beim Anhören des Geisteswissenschaftlichen nicht. Die meisten Men­schen können sich nicht sagen, daß sie das schon selbst gesagt haben. Und weil es in den Denkautomatismus nicht hineinpaßt, finden es die Leute heute so schwer verständlich. Die ungebildetsten Leute sind heute oftmals gerade in denjenigen Kreisen, wo man sie am wenigsten suchen würde. Die Spezialisierung der Wissenschaft hat es dahin ge­bracht, daß gerade die Wissenschafter ein bestimmtes Feld beackern. Da bohren sie sich hinein mit ihrem Denkautomatismus, und im übri­gen sind sie oftmals die ungebildetsten Leute. Wir haben heute Universitätsprofessoren,

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die eigentlich das Allereinfachste nicht verstehen können, die wirklich die ungebildetsten Leute sind, über deren Unge­bildetheit man sich nur deshalb täuscht, weil sie so oftmals sagen: So etwas ist zu wenig populär für das Volk! - Man hört solche Dinge auch auf anderen Gebieten. Wie oft kann man zum Beispiel von Thea­terdirektoren unserer Großstädte hören: Man muß Allgemeinver­ständlicheres geben, sonst verstehen die Leute nicht. - Meistens liegt dem zugrunde, daß die Theaterdirektoren selbst Besseres nicht verstehen, während die Leute, die ins Theater gehen, eigentlich froh wären, wenn man ihnen etwas anderes bieten würde. Man muß schon ein wenig auf die Untergründe sehen, wenn man unsere Zeit gerade in dem verstehen will, worinnen es notwendig ist, diese Zeit etwas weiterzuführen.

Alle diese Dinge sind wichtig für die Gewinnung eines Urteils dar­über, was beitragen kann, damit die Menschen zu den für das soziale Leben so notwendigen Imaginationen kommen. Werden allmählich diese Imaginationen in den Menschenseelen auftreten, dann werden diese Menschenseelen in eine Stimmung kommen, welche es unerträg­lich finden wird, das geistige Leben, Erziehungswesen, Schulwesen, Universitätswesen abhängig zu wissen von der staatlichen Ordnung oder von der Wirtschaftsordnung.

Eine Zeit wird kommen, wo die Imaginationen bei den einzelnen Menschen so stark sein werden, daß diese Menschen sich innerhalb eines Geisteslebens, das nach staatlichen oder nach wirtschaftlichen Verhältnissen geordnet ist, fühlen werden wie ein Mensch, der gefes­selt und in eine Bahn eingespannt ist, so daß er sich nur in einer Rich­tung bewegen kann. Die Menschen, welche Imaginationen entwickeln, werden sich in der Bildung gefesselt empfinden, welche vom Staats-und Wirtschaftsleben abhängig ist und heute als das Ideal angesehen wird. Die Entwickelungskräfte der Zeit sind in dieser Beziehung stark sprechend, meine lieben Freunde. Wenn die heutigen Verhältnisse fort-gingen, würde nach und nach eine starke Diskrepanz, ein Nichtzusam­menstimmen eintreten zwischen dem, was die Menschen fordern durch die äußere Verfassung ihrer Seelen an freiem Geistesleben, und dem­jenigen, was da sein würde, wenn alle Bildung eingeschnürt wäre in staatliche Verhältnisse. Es sind vielleicht nur karikaturhafte Vorläufer,

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wenn jetzt in einzelnen Städten Mittel- und Osteuropas die Schul­knaben und Schulmädchen die Erzieher und Erzieherinnen herausexpe­dieren und aus ihren eigenen Reihen die Vorstände wählen, aber es ist eine Stimmung, die nicht zu übersehen ist, die eben dahin geht, abzu­werfen dasjenige, was nicht eine Fortsetzung haben darf. Es ist solch ein Wetterleuchten einer neuen Zeit, das man nicht bloß verurteilen darf, das man schon in seinen Impulsen ein wenig richtig auffassen sollte. Das ist das eine. Die Menschen werden immer mehr und mehr darauf angewiesen sein, ein freies Geistesleben zu haben. Warum? Weil wir im fünften nachatlantischen Zeitalter einer sinnlich-übersinnlichen Einrichtung der Welt entgegengehen, in der diejenigen Geister der höheren Hierarchien, die wir als Angeloi bezeichnen, tiefer herunter­steigen als vorher, in eine viel innigere Gemeinschaft mit den Menschen treten, als das vorher der Fall war. Die Beziehungen zwischen der sinn­lichen und der übersinnlichen Welt sollen vom jetzigen Zeitalter an intimer werden. Die Menschen sollen nicht nur den Regen empfangen aus den Wolken, sondern sie sollen von höheren Regionen auch die Ein­gebungen der immer mehr sich unter die Menschenseelen mischenden Engel wahrnehmen lernen.

Dadurch wird das Geistesleben, das befreit wird, in der Tat zu einem solchen, das durch die Gedankenfreiheit aufnehmen wird das­jenige, was als Einflüsse einer übersinnlichen Welt herunterkommt. Ein auf sich selbst gebautes Geistesleben zu begründen, das emanzipiert ist vom Staats- und Wirtschaftsleben, ist nicht ein äußeres Programm, das ist etwas, was im Zusammenhang mit den die Menschheit fortentwik­kelnden inneren Kräften des Menschenlebens erlernt werden muß. Des­halb kann man sagen: Wenn man eine solche soziale Orientierung for­dert, wie sie durch unsere Dreigliederung angestrebt wird, so fordert man nicht etwas im Sinne eines Programms, sondern etwas, was ge­fordert wird durch die Offenbarungen der geistigen Welt, die immer deutlicher und deutlicher zu den Menschen sprechen werden, und die zugleich sagen werden, wie die Menschheit in ihr Verderben, in krank­hafte Zustände sich hineinlebt, wenn sie dasjenige nicht hören will, was aus übersinnlichen Welten heraus sich zum Heil, zur Gesundung der Menschheit offenbart. Und außerdem, daß sich die Engel in dieser

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Weise in intimere Gemeinschaft mit den Menschen einlassen - in Mit­teldeutschland nennt man dieses Sich-Einlassen von Vornehmeren mit Leuten aus dem Volke «sich gemein machen», also die Engel werden sich gemein machen in der Zukunft -, auch die Erzengel werden dies tun. Das wird noch andere Impulse geben; wenn die auch viel leiser sprechen werden, wenn die sprechen werden wie leise Inspirationen, so werden sie doch kommen, diese Inspirationen. Und diese Inspiratio­nen werden in der Zukunft die innere Substanz der Zukunftsstaaten begründen, die auf der einen Seite aus sich herausgestellt haben das Geistesleben, auf der anderen Seite das Wirtschaftsleben, die also wirk­liche, auf sich gestellte Rechtsstaaten sind. Die Staaten, welche zum Bei­spiel begründet wurden im dritten nachatlantischen, im ägyptisch-chal­däischen Zeitalter, die kann man theokratische nennen, wie man auch den alten hebräischen Staat eine Theokratie nennen kann. Aber diese Theokratien sind allmählich verschwunden. Theokratien sollen aber wiederum auf die Erde kommen. Im irdischen Rechtsleben soll man das Walten der Erzengel fühlen. Wir haben ja gesagt, das Gegenteil vom übersinnlichen Leben des Menschen präge sich gerade im Rechtsleben aus. Aber in dieses Rechtsleben, das so, wie es auf der Erde lebt, das Ungeistigste ist, soll sich die Führung und Leitung der mit dem Men­schen wieder intimer werdenden Erzengel, der Archangeloi, mischen.

Und die Zeitgeister werden zu Trägern, zu Verwaltern des wirt­schaftlichen Kreislaufes der Menschen, die werden immer mehr und mehr im wirtschaftlichen Leben walten, wenn dieses wirtschaftliche Leben wirklich organisiert sein wird. Ein assoziatives Leben wird es werden. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts hat sich der Hang der Menschen herausgebildet, immer bloß auf die Gütererzeugung zu se­hen, auf die Güteranhäufung, auf das Profitieren. Eine Umkehr wird notwendig. In der zukünftigen Zeit, wenn der Wirtschaftskreislauf auf sich selbst gestellt sein wird, wird es viel mehr auf die Güterverteilung unter den Menschen und auf den Güterkonsum ankommen. Assozia­tionen werden sich bilden, welche nach dem Konsum wiederum die Produktion regeln werden. Wenn man heute noch einen spärlichen Anfang macht mit einer solchen Sache, so wird sie wenig verstanden oder durch andere Impulse heute noch beeinträchtigt.

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Denken Sie doch, wie wir vor einiger Zeit versucht haben, Brot unter die Leute dadurch zu bringen, daß nicht in einer blinden Weise von einer Stelle aus produziert wurde und das dann auf den Markt gebracht wurde, sondern daß wir Konsumenten, die sich rekrutieren sollten aus der Anthroposophischen Gesellschaft, baten, das Brot ab­zunehmen. Das wäre eine Konsumgenossenschaft gewesen, die auf diese Weise von einer bestimmten Stelle aus versorgt worden wäre. Da wäre an einem Punkte überwunden worden das abstrakte Prinzip von An­gebot und Nachfrage. Da wäre auf einem anderen Wege, wie es im­mer mehr kommen muß, das Prinzip durchgeführt worden, daß pro­duziert wird in dem Maße, als konsumiert werden kann. Dies ist das einzige gesunde Prinzip der Volkswirtschaft. Aber wie gesagt, heute sind solche Dinge noch schwer im Kleinen durchzuführen. Aber ange­strebt werden muß das gerade im Wirtschaftsleben. Die Sozialdemo­kratie spricht das aus mit den Worten: Bisher ist produziert worden, um zu profitieren; künftig muß produziert werden, um zu konsumie­ren. So aber, wie die Sozialdemokratie dieses Prinzip verwirklichen will, so würde es zu einer Lähmung des wirklichen sozialen Organis­mus führen. Das Prinzip ist berechtigt, aber es wird heute noch nicht in dem Sinne gedacht, wie es zum Heile des sozialen Organismus ver­wirklicht werden kann.

So scheint heraus aus demjenigen, was uns, ich möchte sagen, von der Zukunft entgegenströmt: erstens die Notwendigkeit des selbstän­digen Geisteslebens, durch das sich die Angeloi intimer machen mit den Menschen; zweitens das selbständige Staatsleben, durch das sich die Archangeloi intimer machen mit den Menschen; drittens das selb­ständige Wirtschaftsleben, durch das sich die Archai intimer machen mit den Menschen. So rücken die Entwickelungskräfte der Menschheit her­an. Am schnellsten muß das selbständige Geistesleben vorwärtskom­men, denn das muß, wenn die Menschheit nicht einem großen Unheil entgegengehen soll, fertig, das heißt selbständig sein am Ende des fünf­ten nachatlantischen Zeitraums. Am Ende des sechsten nachatlanti­schen Zeitraums muß fertig, selbständig sein eine neue spirituelle Theo­kratie, und am Ende des siebenten nachatlantischen Zeitraums muß vollständig ausgebildet sein ein wirkliches soziales Gemeinwesen, in

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dem der einzelne sich unglücklich fühlen würde, wenn nicht alle ganz gleich glücklich wären wie er, wenn der einzelne sein Glück erkaufen müßte mit Entbehrungen von anderen. Von anderen Gesichtspunkten haben wir ja diese Dinge schon öfter berührt.

Geisteswissenschaftlich muß man hinter dem, was man fordern will für die Entwickelung in der physischen Welt, die übersinnliche Entwickelung sehen. Eben beginnt diejenige Zeit, wo die Menschen das Sinnliche nur richtig ansehen werden, wenn sie das Übersinnliche mit sehen. Vor allen Dingen wird es auch schon für das Verständnis der allernächsten Gegenwart notwendig, daß die Anschauung von den wiederholten Erdenleben nicht bloß in abstracto verstanden, sondern daß sie, recht konkret begriffen werde. Wenn man bloß weiß: Der Mensch geht von Inkarnation zu Inkarnation mit dazwischenliegenden Leben in der rein geistigen Welt, so weiß man eben das Abstrakte. Da­mit sollte man nicht zufrieden sein. Das Wissen von diesem Abstrak­ten kann einem eine gewisse Befriedigung geben, aber praktisch wird für die Welt erst dasjenige Wissen, das zum Konkreten fortschreitet. Ein solches konkretes Wissen, das zusammenhängt mit den wiederhol­ten Erdenleben, führt zum Beispiel auch dazu, einzusehen, daß ein ge­wisser Zusammenhang besteht zwischen den Erlebnissen, die Menschen hier auf der Erde gehabt haben, bevor sie durch die Todespforte gegan­gen sind, und nachtodlichen Erlebnissen. Die Menschen setzen ja eigent­lich, nachdem sie durch die Todespforte gegangen sind, in einer gewissen Weise das Leben fort, das sie hier bis zum Tode geführt haben, und das­jenige, was die Menschen auf der Erde durchgemacht haben, das wirkt sehr stark nach, wenn die Menschen durch die Todespforte gegangen sind. Denken Sie sich also recht lebendig: Die Menschen gehen durch die Todespforte, sie bringen in die übersinnliche Welt dasjenige mit, was sie hier mit ihren Seelen vereint haben; das lebt sich dort in einer sehr, sehr realen Weise aus. Das ist nicht gleichgültig, was der Mensch, indem er durch die Todespforte schreitet, in die geistige Welt mit hin-einnimmt. Denn dasjenige, was der Mensch durch die Todespforte in die geistige Welt mit hineinnimmt, das wird wichtiges Erlebnis für die­jenigen, die kurze Zeit darauf durch die Geburt in das physische Le­ben heruntersteigen. Es findet eine Art wichtiger, wesentlicher Begegnung

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statt zwischen denjenigen, die eine Zeitlang vor jener Zeit ge­storben sind, und denjenigen, die hinterher geboren werden. Wichtige Erlebnisse haben die Geborenwerdenden mit den kurz vorher Gestor­benen. Gewissermaßen wie die Erde war, bevor diese, die jetzt hin­aufkommen, durch die Todespforte gegangen sind, das erfahren nicht, aber erleben diejenigen, die demnächst heruntersteigen wollen. Sie wer­den auch in einer gewissen Weise vorbereitet für ihr Heruntersteigen durch dasjenige, was die kurz vor diesem Heruntersteigen durch die Todespforte Gehenden in die geistige Welt hinaufbringen.

Wir sind durch ein sehr materialistisches Zeitalter gegangen. Ein großer Teil der Menschheit hat bis 1913 in einer gewissen gedanken­losen Hinnahme der materiellen Interessen diese Welt durch den Tod verlassen. Hineingenommen in die geistige Welt haben die weitaus meisten Menschen bis 1913, 1914 wenig. Da waren Seelen in der gei­stigen Welt, welche diese Ankömmlinge gesehen haben. Die Seelen, die später, 1914,1915, 1916, 1917 heruntersteigen sollten, die haben diese Ankömmlinge mit den Seelenresten des materialistischen Zeit­alters hinaufkommen sehen. Das hat sich umgewandelt in diesen Seelen in eine furchtbare Sehnsucht.

Sehen Sie, das ist das Eigentümliche der Kinder, die seit dem Jahre 1912 oder 1913 geboren worden sind, daß sie die Reste in ihrem kind­lichen Seelenleben, in ihrem Lächeln, in ihren Tränen, daß sie die Reste in ihrem kindlichen Seelenleben tragen von einer Sehnsucht, die sie durchgemacht haben, bevor sie durch die Geburt in das irdische Dasein heruntergestiegen sind. Und diese Sehnsucht ist in sie verpflanzt wor­den durch die Menschen, die hinaufgekommen sind. Die haben wenig Geistiges hinaufgebracht. Dieser furchtbare Mangel an Geistigem, den die Menschen hinaufgebracht haben in dieser Zeit in die geistigen Welten, der hat in einer großen Zahl von Kindern, die seit 1914 schon geboren worden sind, oder die in den nächsten Jahren geboren werden, die Sehnsucht hervorgerufen, die Verhältnisse auf der Erde nicht wie­der zu finden, die diejenigen verlassen haben, die also hinaufgestiegen sind.

Auf dem Grunde des Lebens der Gegenwart sah man eine merk­würdige Kraft, die ausging von denen, die geboren werden wollten.

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Man kann diese Kraft ausdrücken als die Sehnsucht, hinwegzuwischen dasjenige, was sich allmählich an Materialismus auf der Erde angehäuft hat. Natürlich können solche Kräfte, die in einer solchen intensiven Weise nach einer gewissen Richtung hin wirken, da sie in Diskrepanz kommen mit anderen Kräften, von allen möglichen luziferischen und ahrimanischen Mächten in dieser oder jener Richtung benützt werden. Aber denken Sie sich aus dasjenige, was ich eben gesagt habe, und Sie haben einen der hinter den sinnlichen Erscheinungen liegenden Hinter­gründe: Die Sehnsucht, wegzuwischen die sich immer mehr und mehr vermaterialisierende Zeit. Da haben Sie eine der Kräfte, welche die Vernichtung dieses materialistischer und materialistischer werdenden Zeitalters anstrebt. Man kann sagen: Unter den Mächten, welche hin-gearbeitet haben in der Menschheitsentwickelung, wenn auch aus einer tiefen Tragik heraus, nach der Vernichtung der ins immer Materiellere hineinschwimmenden Kultur, unter diesen Kräften sind die Sehnsuch­ten der Kinder, die seit dem Jahre 1913 geboren worden sind. Sie haben nicht erscheinen wollen in einer Welt, die die Fortsetzung dar­bietet von dem, was seither war.

Das ist die andere Seite der wüsten Zerstörung, welche eingetreten ist, das ist die andere Seite der Aufforderung, zu lernen aus der Be­trachtung des Materialismus des abgelaufenen Zeitalters. Das ist der Impuls, der in unserer Sehnsucht nach wirklicher Sozialisierung sich hineinergießen sollte. So müssen wir aus den übersinnlichen Tatsachen unsere Zeit verstehen, müssen uns immer mehr und mehr bestreben, nicht im Sinnlichen stehenzubleiben, sondern zu fragen: Was spielen für übersinnliche Kräfte in das sinnliche Leben herein? - Ein großer Ruf geht von den übersinnlichen Welten durch dieses Zeitalter. Ende der siebziger Jahre fand hinter dieser sinnlichen Welt der Sieg des Michael über diejenigen Mächte statt, die ich Ihnen öfter charakteri­siert habe. Fünfunddreißig Jahre durften die Menschen alt werden, bis zum Jahre 1914; in dieser Mitte ihres Lebens mußte die Krisis her­einbrechen. Denn wäre keine Krisis gekommen, so wären selbst die­jenigen, die Ende der siebziger Jahre geboren waren und über die Mitte des Lebens hinausgekommen sind, starrer und immer starrer ge­worden in dem Denkautomatismus, der, weil er ein Automatismus ist,

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an das physische Leben gebannt ist. Es durften fortan nicht diese Fünf­unddreißigjährigen fortwirken in demselben Zustand des Zeitalters. Diejenigen, die seither geboren werden, sie müssen ja auf der einen Seite tragischerweise nach der Vernichtung desjenigen blicken, wohin-ein sich ihre Väter und ihre Mütter gelebt haben, aber für ihr Gesamt­seelenleben ist es so besser. Den anderen aber fehlt die Notwendigkeit, zu verstehen, daß übersinnliche Welten die Umkehr gebieten von all-dem, was die Menschen als die moderne Zivilisation angesehen haben, und das Einleben in geistige Welten. Ja, meine lieben Freunde, der Geist ist es, der von uns Verständnis für ein neu anbrechendes Zeitalter fordert. Diejenigen Menschen allein werden etwas beitragen können zur weiteren Entwickelung der Menschheit, die diesen Ruf des Geistes nicht überhören. Lassen wir das in unserem Inneren laut sprechen. Dann allein sind wir in Wirklichkeit in dem drinnenstehend, was die anthroposophische Geistesbewegung sein soll und allein wollen kann.

Davon wollen wir dann nächsten Freitag um sieben Uhr weiter sprechen.

VIERTER VORTRAG Dornach, 28. März 1919

#G190-1991-SE060 - Vergangenheits- und Zukunftsimpulse im sozialen Geschehen

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VIERTER VORTRAG

Dornach, 28. März 1919

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Zunächst werde ich einiges vorzubringen haben, das scheinbar weniger mit den Auseinandersetzungen, die wir jetzt hier pflegen, zusammen­hängt: mit den Auseinandersetzungen nämlich über die soziale Frage. Aber es wird sich morgen schon herausstellen, wie dieser Zusammen­hang doch vorhanden ist. Ich habe das letzte Mal damit geschlossen, daß ich Ihnen gezeigt habe, aus welchen Gründen Kinder, die in den letzten Jahren, so seit 1912/1913 geboren werden, mitbringen aus ihrem geistigen Leben vor der Geburt, man könnte sagen, eine gewisse Abneigung, in dasjenige sich hineinzuleben, was sie durch die unmittel­baren oder mittelbaren Vorfahren der letzten Jahrhunderte hier auf der Erde vorfinden wie ein Kulturerbgut. Ich habe Ihnen gesagt, daß unter den konkreten Erfahrungen, die man über die geistige Welt machen kann, die ist, daß eine Art Begegnung stattfindet in der geistigen Welt zwischen den Seelen derer, welche jüngst verstorben sind, die also durch die Pforte des Todes hinauf in die geistige Welt zurückkehren, und je­nen Seelen, die sich eben anschicken, den irdischen Schauplatz wieder­um zu betreten. Welche Zusammenhänge die Menschen gehabt haben mit der geistigen Welt, bevor sie gestorben sind, das wirkt sehr stark nach, wenn die Menschen durch die Todespforte gegangen sind. Das hat ins­besondere eine große Bedeutung für unsere Zeit. In unserer Zeit sind nur wenige atavistische Gefühle im Menschen noch vorhanden, die ihn zusammenhängen lassen mit der geistigen Welt. Daher bekommt er Impulse, die er dann hinauftragen kann, nachdem er durch die Todes-pforte eingetreten ist in diese geistige Welt, nur dann, wenn er sich be­wußt in Vorstellungen mit der geistigen Welt befaßt. Es ist schon ein­mal heute ein größerer Unterschied zwischen solchen Verstorbenen, die von irgendwoher Ideen bekommen haben über die geistige Welt, Ideen, die in wirklicher Gedankenform sind, und solchen Persönlich­keiten, die lediglich in den Vorstellungen unserer materialistischen Kul­tur gelebt haben. Es ist ein großer Unterschied zwischen diesen Seelen im nachtodlichen Leben, und namentlich empfinden stark diesen Unterschied

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die Seelen, welche sich eben anschicken, wiederum auf die Erde herunter zur Verkörperung zu kommen.

Nun wissen Sie ja, daß im Lauf der letzten Zeit, bis in das 20. Jahr­hundert herein, die materialistischen Neigungen, das materialistische Denken und Empfinden auf der Erde immer intensiver und intensiver geworden sind. Die Menschen, die also durch die Todespforte in die geistige Welt hinaufkommen, haben wenig Impulse, die gewissermaßen, wenn ich mich so ausdrücken darf, sympathische Erwartungen erwek­ken für ihren Erdenaufenthalt bei denen, die nun heruntersteigen wol­len auf die Erde.

Das hatte seine Kulminatiön im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahr­hunderts erreicht. Und so kamen diejenigen Kinder, die im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts geboren waren, mit einer starken gei­stigen Antipathie gegen dasjenige, was hergebrachte Kultur, herge­brachte Bildung war, auf der Erde an. Dieser Strom von Impulsen, der da mit diesen jüngstgeborenen Kindern auf die Erde hereinkam, der hat mächtig dazu beigetragen, auf der Erde die Neigung hervorzu­rufen, diese alte Kultur, diese Kultur der kapitalistischen und tech­nischen Zeit wegzuwischen, wegzufegen. Und wer in der rechten Weise in der Lage ist, einzugehen auf den Zusammenhang zwischen der phy­sischen und der überphysischen Welt, der wird nicht mißverstehen, wenn gesagt wird, daß, was in den Herzen und Seelen unserer jüngsten irdischen Mitbürger lebt an Begierde nach einer spirituellen Kultur, we­sentlich mitgewirkt hat an demjenigen, was in den letzten Jahren auf der Erde sich ereignet hat. Sehen Sie, meine lieben Freunde, das ist ge­wissermaßen, wenn ich sagen darf, die Lichtseite der traurigen, der fürchterlichen Ereignisse der letzten Jahre. Es ist deshalb eine Lichtseite, weil es zeigt, daß das Furchtbare, das angerichtet worden ist, wenn man sich so ausdrücken darf, wegen der Versumpftheit des materialistischen Zeitalters, vom Himmel gewollt worden ist und als Botschaften her­untergeschickt worden ist durch das Unterbewußte der jüngstgebore­nen Kinder. Das ist der Seelenausdruck, der ein ganz anderer ist bei den allerjüngsten Kindern, als bei denjenigen, die etwa im 19. oder im Anfange des 20. Jahrhunderts geboren worden sind. Und es wird schon notwendig sein, daß sich die Menschheit auf solche feineren Beobachtungen

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einrichtet. Heute ist die Menschheit stolz auf ihren praktischen Sinn. Aber wo sich dieser praktische Sinn betätigen sollte im wirk­lichen Lebensbeobachten, da wird über alles hinweggesehen, da wird über alles hinweggeredet und hinweggedacht. Den melancholischen Aus­druck, der sich auf zahlreichen jüngsten Kindern, Kinderantlitzen zeigt seit fünf bis sechs Jahren, den bemerken heute die Menschen wenig. Wür­den sie ihn bemerken, so würden sie daraus den Impuls schöpfen - schon daraus -, daß eine mächtige soziale Bewegung Platz greifen muß.

Aber man muß eben sich aneignen den Sinn für den Blick, für die Physiognomie, die der Mensch trägt in den allerjüngsten Jahren seines Erdendaseins; dazu ist allerdings notwendig, daß die Menschen diesen Sinn ausbilden. Nun kann viel von diesem Sinne ausgebildet werden, so grotesk es heute für manchen sich noch ausnehmen mag, wenn das gesagt wird, wenn man sich ein wenig - aber nun nicht bloß, indem man auf Sensation ausgeht, sondern indem man mit der Seele dabei ist -einläßt auf dasjenige, was eigentlich die Eurythmie will. Sie werden gleich sehen aus welchem Grunde.

Wer heute in der Lage ist, durch seine okkulte Erfahrung mit den Toten zu verkehren, der bemerkt sehr bald - man verkehrt mit den Toten ja durch Gedanken -, daß sehr viele Gedanken, durch die man sich selber mit den Toten verständigen will, von diesen Toten nicht verstanden werden. Viele von den Gedanken der Menschen hier auf Erden, von den Gedanken, an die sich die Menschen gewöhnt haben, klingen für die Toten - Sie müssen das natürlich entsprechend neh­men, ich rede von Gedankenverkehr mit den Toten -, wie eine unver­ständliche, eine fremde Sprache. Und wenn man näher auf dieses ganze Verhältnis eingeht, so findet man namentlich, daß Verben, Zeitwörter, auch Präpositionen und vor allen Dingen Interjektionen von den Toten verhältnismäßig leicht verstanden werden, Substantiva, Hauptwörter hingegen fast gar nicht. Die bilden sozusagen im Sprachverstehen der Toten eine gewisse Lücke. Da versteht der Tote nimmer, wenn man viel in Hauptwörtern mit ihm sprechen will. Und man merkt, wenn man versucht, das Hauptwort in ein Verbum umzusetzen, daß er dann anfängt zu verstehen. Wenn Sie zum Beispiel zu einem Toten sagen:

Der Keim für irgend etwas - so bleibt ihm das Wort «der Keim» in

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den meisten Fällen unverständlich, ja, es ist, als ob er überhaupt nichts hörte. Wenn Sie sagen, was keimt, wenn Sie also «der Keim» verwan­deln in das Verbum: was keimt -, dann fängt er an zu verstehen.

Woran liegt das? Sie kommen darauf, daß das durchaus nicht an dem Toten liegt, sondern das liegt an einem selbst. Das liegt an dem Menschen, der mit dem Toten spricht, und zwar aus dem Grunde, weil die heutigen Menschen seit der Mitte des 15.Jahrhunderts, wenigstens für alle mittel- und westeuropäischen Sprachen - es ist um so mehr der Fall, je weiter man nach Westen kommt -, verloren haben für die Sub­stantiva das lebendige Bildgefühl, was das Substantive ausdrückt: es ist so irgend etwas Nebuloses, was nur eigentlich im Verständnis an-klingt, wenn der Mensch heute ein Substantivum sagt; die wenigsten Menschen denken überhaupt noch etwas Wirkliches, wenn sie in einem Substantivum sprechen. Wenn sie dann das Substantivum in ein Ver­bum verwandeln müssen, dann sind sie innerlich gezwungen, ein biß­chen konkreter zu denken. Wenn einer sagt «der Keim», so werden Sie in den meisten Fällen, insbesondere wenn er in abstrakten Reden redet, nicht finden, daß er sich konkret irgendeinen Pflanzenkeim, etwa eine keimende Bohne, irgendwie noch im Bilde vorstellt; er stellt sich etwas ganz Nebuloses im Bilde vor, so irgend etwas im Prinzip. Wenn Sie sagen «was keimt», oder «dasjenige, welches keimt», so sind Sie wenigstens gezwungen, dadurch daß Sie die Verbalform haben, an das Herauskommen zu denken, also doch an irgend etwas, das sich bewegt. Das heißt: Sie gehen aus dem Abstrakten ins Konkrete hin­ein. Dadurch, daß Sie selbst aus dem Abstrakten ins Konkrete hinein­gehen, beginnt der Tote Sie zu verstehen. Aber die Menschen werden genötigt werden, weil aus Gründen, die ich hier oftmals angeführt habe, die lebendigen Zusammenhänge zwischen den hier auf der Erde le­benden und den durch die Pforte des Todes gegangenen, unverkörper­ten Seelen immer enger und enger werden müssen, weil die Impulse der Toten immer mehr und mehr hereinwirken müssen auf die Erde, allmählich in ihre Sprache, in ihr Sprechen und damit in ihr Denken etwas aufzunehmen, welches vom Abstrakten ins Konkrete herüber-führt. Das muß geradezu ein Bestreben der Menschen werden, wieder­um bildhaft, imaginativ zu denken, wenn gesprochen wird.

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Nun frage ich Sie: Wie viele Menschen denken zum Beispiel kon­kret, wenn sie, sagen wir, lesen von einer Gerichtsverhandlung, wo Richter waren, die gerichtet haben, Urteile gesprochen haben, also die richterliche Tätigkeit ausübten? Wo in aller Welt wird konkret ge­dacht, wenn irgend jemand das Hauptwort ausspricht, das Substanti­vum «das Recht»? Stellen Sie sich nur einmal diese schattenhafteste Abstraktheit vor, die in den Köpfen vorhanden ist, wenn vom Recht gesprochen wird, wenn «rechten», «das Richtige» in der Sprache zum Ausdruck kommt? Was ist denn eigentlich, rein sprachlich genommen, das Recht? Wir haben jetzt viel gesprochen davon, daß der Staat vor allem ein Rechtsstaat sein soll. Was ist denn rein so für sich genom­men das Recht? Es bleibt für die meisten eine ganz schattenhafte Vor­stellung, eine Vorstellung, die in Abstraktionen wüstester Art spielt. Wie können Sie denn zu einer konkreten Vorstellung vom Recht kom­men? Wollen wir da einmal im einzelnen Fall die Sache durchgehen.

Sie haben schon gehört, daß man gewisse Menschen linkisch nennt. Was sind linkische Menschen? Sehen Sie, was wir mit der linken Hand auszuführen versuchen, wenn wir nicht gerade Linkshänder sind, das tun wir gewöhnlich ungeschickt, da sind wir nicht anstellig dazu. Wenn jemand sich in seinem ganzen Leben so verhält, wie man sich selber verhält, wenn man etwas mit der linken Hand tut, so ist er linkisch. Es liegt der Bezeichnung «linkisch» die ganz konkrete Vorstellung zu­grunde: Der macht alles so, wie ich es mache, wenn ich etwas mit der linken Hand tue; nicht irgendeine wüste Abstraktheit, sondern das ganz Konkrete: Der verhält sich so, wie ich mich in den Fällen ver­halte, wo ich etwas mit der linken Hand mache. Daraus entsteht, kon­kret aufgefaßt, ein Gefühlsgegensatz zwischen dem Linkischen und dem Rechtsischen, demjenigen, was man mit der rechten Hand macht und dem, was man mit der linken Hand macht. Und das, was recht­sisch ist, das wird im Substantivum «das Recht». Das Recht ist einfach ursprünglich dasjenige, was so geschickt für die Wirklichkeit gemacht wird, wie das, was man mit der rechten und nicht mit der linken Hand macht.

Da haben Sie schon etwas Konkretheit in die Sache hineingebracht. Jetzt aber stellen Sie sich einmal vor - Sie brauchen sich es ja nur an

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der Uhr vorzustellen, aber es gibt zahlreiche andere Fälle, wo man Ähnliches tun könnte -, Sie werden in der Regel nicht, wenn Sie eine Uhr zu richten haben, mit der linken Hand drehen, sondern mit der rechten Hand: da richten Sie die Uhr. Dieses Drehen von links nach rechts, das man mit der rechten Hand macht, das ist das konkrete Richten, Rechten. Man sagt sogar «zurechtrichten». Da haben Sie die konkrete Vorstellung des von links nach rechts im Kreisegehens, des Zurechtsetzens. Das ist richten. Einer der nach links abgeirrt ist, wohin er nicht sollte, den setzt der Richter zurecht.

Durch solche Dinge kommen Sie darauf, konkrete bildhafte Vor­stellungen mit dem Worte noch zu verbinden. Sehen Sie, solche bild­hafte Vorstellungen waren mit den Worten bis ins 15. Jahrhundert bei allen Menschen noch verknüpft. Dieses bildhafte Vorstellen ist erst ab­geworfen worden. Dazu muß man sich wiederum zurückbändigen, zu diesem bildhaften Vorstellen. Denn der Tote versteht nur dasjenige, was noch bildhaft in der Sprache drinnen klingt. Alles das, was - wie es beim heutigen Sprechen zumeist der Fall ist- nicht mehr bildhaft klingt, was nicht mehr bildhaft formuliert ist, so daß bei dem Betreffenden eine bildhafte Vorstellung sitzt, das ist für die Toten unverständlich.

Wenn Sie die Sache weiter überlegen, dann werden Sie sehen, daß bei allem Umsetzen ins Bildhafte eigentlich das Substantivische zu­erst verlorengeht. Das geht alles ins Verbale, ins Zeitwortgemäße über, oder wenigstens geht es in etwas so über, daß man genötigt ist, bild­hafte Vorstellungen zu entwickeln. Wenn man heute einen solchen Stil entwickelt, daß überall bildhafte Vorstellungen zugrunde liegen, dann bekommt man in der Regel zur Antwort: Die Leute verstehen das nicht, das ist schwer verständlich. Aber wer es ehrlich meint mit un­serer Zeit, der strebt bewußt einen solchen Stil an, der vorgestellt wer­den kann durch und durch in Bildern. Ich habe jetzt in der Broschüre, die über soziale Fragen erscheint - selbst da, wo man so sehr gedrängt ist zu Abstraktionen, weil die Gegenwart, da wo über die soziale Frage diskutiert wird, fast nur noch Abstraktionen zutage fördert -, selbst da habe ich angestrebt, möglichst so zu stilisieren, daß die Dinge in Bilder umgesetzt werden können. Gerade bei den heutigen Redereien über die soziale Frage ist das Abstraktionsvermögen zum Alleräußersten

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getrieben. Und die Menschen haben sich allmählich angewöhnt, die Worte gewissermaßen wie Redemünzen hinzunehmen, bei denen sie ganz und gar nicht mehr an irgend etwas konkret Bildliches den­ken. Lesen Sie heute eine soziale Broschüre oder ein soziales Buch: da können Sie nur zurechtkommen, wenn Sie sich jahrelang hineinge­wöhnt haben in dasjenige, was gemeint ist, denn nur auf dem konven­tionellen Gebrauch der Worte beruht eigentlich der ganze Sinn solcher Reden. Wer fühlt heute, wenn er von «Besitzenden» spricht, daß dieses Wort einen gewissen Zusammenhang hat mit besessen sein! Und den­noch, der Sprachgenius, der, wie ich oftmals bemerkt habe, viel, viel bedeutender ist als dasjenige, was das einzelne menschliche Individuum denken und sprechen kann, der hat unzählige Beziehungen geschaffen, welche von dem Individuum nur entdeckt zu werden brauchen, um wiederum hineinzukommen in ein gewisses geistiges Leben. Und gerade wenn wir uns bestreben, hinter jedem Substantivum sein Verbum zu suchen, und geradezu übungsgemäß nicht immer vom Licht und vom Schall sprechen, sondern von dem sprechen, was leuchtet, und von dem, was schallt, und dann uns genötigt finden, immer mehr und mehr auf Wesenhaftiges einzugehen gegenüber dem Nichtwesenhaften, dann kommen wir auf eine Bahn, die in dieser Beziehung heilsam sein kann.

Viel besser als das Substantivum ist schon das Adjektivum. Viel konkreter ist es, wenn ich sage: Wer fleißig ist -, als wenn ich einfach sage: Der Fleißige. - Aber der «Fleißige» ist schon wiederum viel kon­kreter, als wenn ich gar das furchtbare Gespenst - der Tote empfindet es nämlich als ein furchtbares Gespenst -, «der Fleiß» zitiere. Wenn Sie sagen: das Wie, das Was - Goethe prägt einmal den schönen Satz: Das Was bedenke, mehr bedenke Wie -, dann ist das für den Toten deshalb eine lebendige Sprache, weil Sie selbst genötigt sind, indem Sie substantivisch solche Worte gebrauchen wie Was und Wie, konkret zu fühlen. Wenn Sie heute sagen: Ich stehe aus Prinzip auf einem gewissen Standpunkte -, dann haben Sie für den Toten zwei Gespenster zitiert, erst das «Prinzip», denn kaum ein Mensch denkt sich heute bei Prinzip etwas Konkretes, zweitens: «Standpunkt.» Dieses Gespenst «Stand­punkt» ist ja in unserer Sprache und in allen westeuropäischen Spra­chen schon so korrumpiert, daß man, wenn einer spricht, meistens schon

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das Allerwichtigste wegläßt. Sogar die Setzer korrigieren einen manch­mal! Wenn ich in einem Manuskript schreibe: Wenn man von einem Standpunkte aus etwas sieht -, dann korrigiert der Setzer das «aus» zumeist heraus, und man muß es in der Korrektur wieder einsetzen; denn die Leute haben sich gewöhnt, den Unsinn zu sagen: Wenn man von einem Standpunkte etwas sieht. - Man kann, wenn man konkret spricht, nur sagen: Wenn man von einem Standpunkte aus etwas sieht -, dadurch wird eine Konkretheit hineingelegt. Aber wenn man von ei­nem Standpunkte etwas sieht - da ist höchstens für den, der konkret spricht, die Vorstellung möglich, sich vorzustellen, daß man von dem Punkt etwas sieht, worauf der steht: ein Stückchen von dem Punkt. Na, ein Stückchen von dem Punkt ist schon an sich schwer vorzustellen, nicht wahr?

Sehen Sie, diese Dinge sind außerordentlich wichtig und bedeutsam, denn sie weisen auf die Intimitäten der Beziehungen zwischen der sinnlichen und der geistigen Welt hin. Diese Dinge geben viel mehr eine Vorstellung über die Beziehungen des Sinnlichen und des Über­sinnlichen, als das meiste, was in abstrakten Worten heute darüber ge­prägt wird. Gehen Sie einmal diejenige geisteswissenschaftliche Lite­ratur durch, die ich versucht habe zu schreiben, und prüfen Sie sie auf ihre Methode hin. Das ist eine Prüfung, die wahrscheinlich bis heute die wenigsten Menschen vollzogen haben, denn immer ist die Methode eingeschlagen, daß eigentlich das eine durch das andere erklärt wird, daß immer die Dinge aufeinander hinweisen. Und ein wirkliches Gei­stesverständnis kann man auf gar keine andere Weise hervorrufen, als daß ein Ding immer auf anderes hinweist. Nehmen Sie nur einmal das Wort «Geist»! Geist, Geist, Geist - glaubt heute jeder immer sprechen zu müssen, der über den Materialismus hinweg sein will. Nehmen wir «Geist» in der deutschen Sprache. In der lateinischen trägt es ja einen noch mehr konkreten Charakter: Spiritus - aber, nicht wahr, das ist etwas, was die meisten Menschen nicht sehr stark zum Geiste hinfüh­ren wird nach dem, was man unter «Geist» versteht, und wenn Sie dann nachdenken darüber, so wird die Sache sehr abstrakt, weil Sie sich doch nicht vorstellen können einen «Spiritus», nicht wahr? Das ist aber die konkrete Vorstellung, die zugrunde liegt. Aber, was ist

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«Geist»? Die meisten Menschen stellen sich ja, wenn sie sich den Geist vorstellen - ich habe das oft getadelt -, eine sehr, sehr dünne Materie nur vor, so einen recht dünnen Nebel, und wenn sie irgendwo vom Geiste sprechen wollen, reden sie von «Vibrationen». Ich habe früher oft gehört, nicht gerade in theosophischen Versammlungen, aber bei theosophischen Tees, daß die Leute gesagt haben: Da sind so gute Vibrationen! - Ich weiß nicht, wie sie das meinten, aber jedenfalls ist ja auch das ein sehr materieller Vorgang, den man hineinphantasiert in den Raum. Das Wort «Geist», «Gischt», «Geischt», «Geschti» ist ja so etwas wie Dampf, der heraus-gischt aus irgendeiner Öffnung; das würde die konkrete Vorstellung sein. Aber in unserer heutigen Zeit, in dem fünften nachatlantischen Kulturzeitalter, kann man auf diese Weise gar nicht zu irgendeiner konkreten Vorstellung über den Geist kommen; das ist ja rein unmöglich. Denn, nicht wahr, entweder blei­ben Sie bei irgendeiner schattenhaften Abstraktion stehen, die Sie mit dem Worte «Geist» verbinden, oder Sie sind genötigt, an Spiritus, an Weingeist zu denken; bei einem «begeisterten Menschen» werden Sie dann zu einer kuriosen Vorstellung kommen. Oder aber Sie denken an Gisch, Geisch, an etwas, was aus irgendeinem Spalt, in dem sich ein Ventil öffnet, heraus-gischt. Da würden Sie zu dem Konkreten kom­men.

Nun wird in der Methode, die hier in dem anthroposophischen Be­trieb der Geisteswissenschaft eingeführt ist, versucht, durch die gegen­seitigen Bedingungen der Vorstellungen, auf die angespielt ist, diese ins Konkrete allmählich überzuführen. Denken Sie doch, daß nur auf der einen Seite davon gesprochen wird, der Mensch zerfalle in phy­sischen Leib, Ätherleib, Astralleib, Empfindungsseele, Verstandesseele, Bewußtseinsseele. Und da tritt «Geist» auf: Geistselbst - Lebensgeist, Geistesmensch. Es wird mit vollem Bewußtsein nur angeschlagen, da davon überhaupt die meisten, welche die Sache anhören, noch keine konkreten Vorstellungen bekommen können. Dann aber folgt sehr bald darauf, daß den Leuten gesagt wird: Betrachtet den Lebenslauf eines Menschen: von der Geburt bis zum siebenten Jahre, bis zum Zahnwechsel, ist vorzugsweise der physische Leib in Tätigkeit, dann bis zum vierzehnten Jahre der ätherische Leib, dann der Empfindungsleib,

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dann vom einundzwanzigsten bis zum achtundzwanzigsten Jahre die Empfindungsseele, dann in den Dreißigerjahren die Verstandes-oder Gemütsseele und so weiter. Damit wird der Mensch darauf hin­gewiesen: Beobachte äußerlich an dem konkreten Menschen, der sich durch seinen Lebenslauf hin entwickelt, welche Verschiedenheiten auf­treten. Siehst du einen Menschen mit seinen besonderen Eigentümlich­keiten an, der im Anfang der Zwanzigerjahre ist, so seien dir diese Eigentümlichkeiten Symptome für dasjenige, was du vorzustellen hast, wenn der Ausdruck «Empfindungsseele» gebraucht wird. Siehst du ein Kind mit seiner Eigentümlichkeit, alles das zu tun, was der Große tut, durch die Hülle des Leibes zu leben, dann bekommst du in der Art, wie das Kind sich gebärdet, eine Vorstellung davon, was man eigentlich unter «physischem Leib» versteht. Und siehst du einen alten Menschen mit grauen Haaren und runzeligem Gesicht, wo die Materie bemerk­lich welkt, und du beobachtest ihn in seinen Bewegungen, in der Art und Weise, wie er sich darlebt, dann siehst du nicht mehr wie beim Kinde, wie sich da etwas, das ja in ihm ist, vorzüglich durch die Hülle darlebt, sondern du siehst in dem Greise wirksam dasjenige, was sich schon beginnt loszulösen vom physischen Leib. Beobachte den Greis: du wirst an seinen Gebärden, an der Art seines Verhaltens allmählich aufsteigen zu einer Vorstellung vom Geiste. Wenn du den Greis ver­gleichst mit dem Kinde und die Gebärde des Greises vergleichst mit den kindlichen Imitationsgebärden, dann erweckt sich in deiner Seele ein Gefühl des Unterschieds zwischen Geist und Materie. - Denken Sie, wie da der Bildlichkeit, dem imaginativen Vorstellen geholfen wird. Da wird der Mensch darauf hingewiesen: Stelle dir konkret den Lebenslauf eines Menschen vor und empfinde an diesem Lebenslauf et­was, dann füllen sich deine sonstigen abstrakten Worte mit konkreten Inhalten an.

Und wiederum wird versucht, auf alle mögliche Weise zu zeigen, wie die Menschheit als solche immer jünger und jünger geworden ist, wie wir jetzt siebenundzwanzig Jahre alt sind, das heißt, wie unsere Kultur darin besteht, daß wir siebenundzwanzig Jahre alt sind als Menschheit. Wenn Sie das vergleichen mit dem, was Sie wissen können von früheren Kulturperioden, was Sie erhoffen können von späteren

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Kulturperioden, so unterstützt Ihnen das wiederum das bildliche Vor­stellen. Vergleichnisweise beziehungsweise Vorstellungen bilden, das ist etwas, wodurch Sie vorschreiten vom Abstrakten zum Konkreten und dahin gelangen, die Abstraktionen allmählich überhaupt nicht mehr als Abstraktionen gelten zu lassen, sondern ins Konkrete über-zuführen, den Sprachgenius zu belauschen.

Da müßte nun wirklich heute die Schule zu Hilfe kommen dem­jenigen, was eine große Kulturaufgabe ist. Übungen müßten in der Schule angestellt werden in diesem Konkretmachen der Vorstellungen, damit der Mensch anfange, wenn er etwas spricht, sich in dem Spre­chen drinnen zu fühlen, im Sprechen in der Welt sich zu fühlen. Neh­men Sie zum Beispiel an, ich habe etwas auf die Tafel geschrieben. Irgend jemand sagt einem: Das begreife ich nicht. - Denken Sie an die schattenhaften Abstraktionen, die Sie manchmal in Ihrem Gemüte haben, wenn Sie sagen: Das begreife ich nicht. - Konkret würden die nämlich werden, wenn Sie sich vorstellen wollten, Sie wollten das be­greifen, hin-greifen, doch Sie begreifen es nicht, Sie bleiben zurück, Sie kommen nicht an die Sache. - Aber da müßten Sie mit Ihren Hän­den das vorstellen. Versuchen Sie das gerade bei den wichtigsten Wor­ten, was werden Sie dann tun? Sie werden eigentlich im Geiste Eutyth­mie treiben! Wenn Sie nämlich konkret sprechen, so treiben Sie im Geiste Eurythmie. Sie können gar nicht anders, als im Geiste Euryth­mie treiben. Und derjenige, der in solchen Dingen lebendig drinnen-steht, der empfindet die meisten heutigen Menschen - verzeihen Sie -als schreckliche Faulpelze, als Menschen, die eigentlich immer herum-gehen mit den Händen in den Hosentaschen und sich nicht bewegen wollen und dann reden. Denn abstrakt vorstellen, das ist, geistig emp­funden, die Hacken und auch die Fußspitzen zusammenmachen, die Hände in die Hosentaschen tun und alles so einzwängen in sich, wie man nur kann! So redet der heutige Mensch. Die Konkretheit fort­lassen aus den Vorstellungen: das heißt nämlich, «latsch» sein! Aber so sind die meisten heutigen Menschen. Die Menschen müssen innerlich wieder beweglich werden, das heißt, sie müssen sich mitfühlen mit der Welt. Selbst diejenigen, die das tun, die tun es manchmal nur un­bewußt. Man kennt Menschen, wenn sie über etwas nachdenken, so

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machen sie es mit dem Finger an der Nase. Daß dies aber eine ganz konkrete eurythmische Vorstellung ist für das Sich-stark-Fühlenwollen, um etwas zu entscheiden, dessen werden sich die Menschen gar nicht bewußt. Die Menschen denken ja heute nicht einmal darüber nach, warum sie eine rechte und eine linke Hand haben, oder warum sie zwei Augen haben. Und in den gelehrten Büchern stehen namentlich über das Sehen mit den zwei Augen die allertollsten Dinge, die eigent­lich gar nichts erklären. Hätten wir nämlich nicht zwei Hände, so daß wir die linke mit unserer rechten angreifen könnten, so könnten wir nie eine ordentliche Ich-Vorstellung haben. Nur daß wir Gleiches mit Gleichem von rechts nach links angreifen, dadurch wird die Ich-Vor­stellung allmählich in der rechten Weise möglich. Und geradeso wie wir mit der rechten Hand die linke zur Kreuzung bringen können, wie wir uns selber empfinden und erstaunt sind über unser Empfinden, über das, daß wir uns empfinden, so kreuzen wir auch die Augen-achsen. Die sind nur nicht so sichtbar gekreuzt wie die beiden Hände. Und damit wir kreuzen können, haben wir zwei Augen, aus demselben Grund, warum wir zwei Hände respektive Arme haben.

Das ist, was man sich vor Augen führen muß, wenn man die in­timeren Notwendigkeiten der menschlichen Entwickelung von der Gegenwart in die Zukunft ins Auge fassen will: diese Notwendigkeit, in die Sprache dasjenige aufzunehmen, was der Sprache heute fehlt. Und weil es fehlt, schließt sich der Mensch ab von der ganzen Welt, in der er ist zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Deshalb wird immer ermahnt, wenn man eine Verbindung herstellen will mit einem Toten, nicht einfach mit ihm in Wortvorstellungen zu sprechen, denn das führt nicht zu viel, sondern irgendeine konkrete Situation zu den­ken: So hast du neben ihm gestanden, seine Stimme hast du gehört, das hat dich in der Empfindung mit ihm zusammengeführt -, ganz kon­kret sich die Situation und alles, was dabei vorgekommen ist, zu den­ken, das verbindet mit dem Toten. Denn die Menschen brauchen heute die Sprache in einem Sinn, durch den sie geradezu von der Welt der Toten abgeschlossen werden; der Sprachgenius ist zum größten Teil eben gestorben und muß wiederum verlebendigt werden. Da muß wahrscheinlich vieles fallen, was die Leute heute gewöhnt sind, als

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Sprachfügungen und dergleichen zu haben! Das ist es, worauf vieles, vieles ankommt, meine lieben Freunde. Denn nur dadurch werden wir - was ich schon einmal hier erwähnte als notwendig für die zu­künftige Entwickelung - in das imaginative Vorstellen wieder hinein­kommen, indem wir wirklich versuchen, dem Sprachgenius abzulau­schen, was den Worten Konkretes zugrunde liegt. Da werden wir über­haupt die vertrackte Abstraktion allmählich losbekommen.

Und etwas anderes wird eintreten. Heute fühlt der Mensch eine ungeheure Befriedigung, wenn er in Abstraktionen denken kann, wenn er loskommt von der Wirklichkeit, die für ihn die sinnliche Wirklich­keit ist. Aber er kommt eigentlich dadurch nur in lauter Vorstellungs-löcher hinein, wenigstens für den Toten sind sie Vorstellungslöcher Und wenn heute die Leute von Geist, Geist, Geist sprechen, so sind das ebenso viele Vorstellungslöcher, denn die Menschen stellen sich nichts Konkretes vor. Die meisten Gedanken sind heute Abstraktionen. Je weiter man nach dem Osten geht - sagen die Europäer -, wird die Sprache bildhafter. Das ist es gerade, warum die Sprache geistver-wandter ist, je weiter man nach Osten kommt: Weil sie bildhafter ist. In Abstraktionen sprechen sollte nämlich gar nicht wegführen vom sinnlich-konkreten Vorstellen, sondern es sollte das sinnlich-konkrete Vorstellen nur durchleuchten. Aber denken Sie nur einmal: Haben viele oder werden viele von Ihnen an das Konkrete desjenigen Satzes gedacht haben, den ich jetzt ausgesprochen habe: Die sinnlich-wirk­lichen Vorstellungen sollen durch die Abstraktionen durchleuchtet wer­den? - Sie müssen sich also die sinnlich-konkreten Vorstellungen dun­kel vorstellen, eine Finsternis, in die wird durch die Abstraktion hin-eingeleuchtet. Also indem wir den Satz aussprechen: In unsere konkre­ten Vorstellungen wird durch die Abstraktion hineingeleuchtet -, den­ken wir uns Lichtstrahlen in einen dunklen Raum hineinfallend, der womöglich blauschwarz ist, während das Hineinfallende gelblich hin­einstrahlt. Indem ich den Satz ausspreche: In unsere konkreten sinn­lichen Vorstellungen leuchten die Abstraktionen hinein -, habe ich einen dunklen Raum im Geiste, in den helle Lichtstrahlen hineinfallen (siehe Zeichnung). Bei wie vielen Menschen ist das heute der Fall, daß wirklich in ihrem Gemüte solch ein Bild lebt? Sie sprechen das

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# Bild s. 73

Wort «durchleuchten» aus, ohne daß sie die konkrete Vorstellung in dem, was sie geistigen Sinn nennen, irgendwie noch haben. Aber darauf kommt es an, daß wir nicht nur das Konkrete, das Sinnliche anders vorstellen, wenn wir zur Abstraktion übergehen, sondern daß wir eine Empfindung haben von diesem Andersvorstellen! Diese Empfindung können wir uns aneignen, wenn wir gerade das Eurythmische an­schauen; denn da kommt durch ein anderes Mittel, das weniger abge-braucht ist, durch das Mittel der Gebärde dasjenige, was in den Wor­ten liegt, zum Ausdruck. Und die Menschen können sich wieder zu­rückfinden zu dem bildlichen Vorstellen.

Es ist wenigen Menschen bewußt, daß eine Handstreckung ein wirkliches I ist, weil sie nicht wissen, wenn sie 1 aussprechen und dieses I mit einer konkreten Vorstellung verknüpft ist, daß sie etwas strecken in ihrem Ätherleib. Aber sie kommen allmählich darauf, daß sie etwas strecken in ihrem ätherischen Leib, wenn sie I aussprechen, wenn sie eben dieselbe Bewegung in der Eurythmie beobachten! Das ist also keine willkürliche Sache, die jetzt hereingetragen wird, sondern es ist tatsächlich eine Sache, die mit unserer Kulturentwickelung außeror­dentlich stark zusammenhängt.

Sehen Sie, es ist wichtig, dies zu begreifen. Wir haben jetzt den fünf­ten nachatlantischen Zeitraum; dann haben wir noch vor uns den sech­sten und siebenten bis zu einem großen Einschnitt in der Menschheitsentwickelung.

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Während dieses fünften nachatlantischen Zeitraums müssen die Sprachen wiederum zurückkehren zur Konkretisierung, zum bildhaften Vorstellen. Nur auf diese Weise können wir die Auf­gabe dieses fünften nachatlantischen Zeitraums wirklich erfüllen. Nun werden die Sprachen um so weniger zurückkehren zum bildhaften Vorstellen, je mehr der Staat unterjochen würde das geistige Leben. Je mehr Schulen und Geistesbetriebe verstaatlicht worden sind in den letzten Jahrhunderten, desto abstrakter ist das ganze Leben geworden. Erst das auf sich selbst gebaute Geistesleben wird diese notwendige Verbildlichung des geistigen Wesens des Menschen herbeiführen kön­nen, die herbeigeführt werden muß. Innerhalb dieser Bestrebung wer­den Dinge auftreten im Laufe des fünften nachatlantischen Zeitraums, die sehr störend eingreifen werden in die spirituellen Bestrebungen. Während dieses fünften nachatlantischen Zeitraums wird jeder Mensch sich nur richtig empfinden, der sich denken kann in der Situation: Du bist stehend in der Welt, du mußt dir bewußt sein, daß du auf der einen Seite immerfort nahekommst luziferischer Wesenheit, auf der anderen Seite nahekommst ahrimanischer Wesenheit (es wird gezeichnet). -Dieses lebendige Gefühl, in diese Trinität hineingestellt zu sein als Mensch, das muß die Menschen während des fünften nachatlantischen Zeitraums immer mehr und mehr durchdringen; dadurch kommen sie über die großen Gefahren dieses fünften nachatlantischen Zeitraums hinaus. Die mannigfaltigsten Menschencharaktere werden auftreten während dieses fünften nachatlantischen Zeitraums: Da werden Idea­listen sein, da werden Materialisten sein. Aber die Idealisten, die wer­den immerfort vor der Gefahr stehen, daß sie mit ihren Vorstellungen in luziferische Regionen hineinkommen, daß sie Schwärmer, Phan-tasten, Schwarmgeister, Lenine, Trotzkijs werden, ohne wirklichen Boden unter den Füßen; mit ihrem Willen können sie leicht ahrimanisch werden, despotisch, tyrannisch. Was ist eigentlich für ein Unterschied zwischen einem Zaren und einem Lenin? - Die Materialisten werden in ihren Vorstellungen leicht ahrimanisch werden, nüchtern, philiströs, trocken, bürgerlich; in ihrem Willen können die Materialisten luzife­risch werden; animalisch, begierlich, nervös, sensitiv, hysterisch. Ich will das auf die Tafel schreiben:

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Idealisten: Vorstellungen können leicht luziferisch werden; Schwärmer, Phantasten, Schwarmgeister.

Wille kann leicht ahrimanisch werden; despotisch,

tyrannisch.

Materialisten: Vorstellungen können leicht ahrimanisch werden; nüchtern, philiströs, trocken, bürgerlich.

Wille kann leicht luziferisch werden; animalisch, begierlich, nervös, sensitiv, hysterisch.

Sie sehen: Idealisten und Materialisten, sie sind, nur von verschie­denen Seiten her, im fünften nachatlantischen Zeitraum den gleichen Gefahren ausgesetzt, die Idealisten von seiten der Vorstellungen dem Luziferischen, von seiten des Willens dem Ahrimanischen; die Mate­rialisten von seiten der Vorstellungen dem Ahrimanischen und von seiten des Willens dem Luziferischen. Die verschiedenen Charaktere, die auftreten, werden das in den verschiedensten Abstufungen haben. Da wird die Schwierigkeit liegen, die Menschheit wirklich vorwärts-zubringen, denn all das werden zugleich Quellen des Abirrens der Menschheit sein. Denn niemals wird der Mensch einseitig als Idealist oder als Materialist richtig vorwärtskommen können, sondern nur dann, wenn er den guten Willen hat, ebenso in die materielle Wirklich­keit verständnisvoll einzudringen, wie auch auf der anderen Seite sich vom Geiste in der richtigen Weise erleuchten zu lassen. Aber einseitig soll man nicht werden selbst mit Bezug auf die allerkonkretesten An­schauungen des Lebens, da erst recht nicht.

Wer nur Kinder gerne hat, der steht vor der Gefahr, daß sehr starke ahrimanische Einflüsse auf ihn wirken; wer nur Alte gerne hat, steht vor der Gefahr, daß sehr starke luziferische Einflüsse auf ihn wirken. Vielseitigkeit der Interessen, das ist dasjenige, was den Menschen not­wendig wird, wenn sie Beihilfe leisten wollen zu einem fruchtbaren Entwickeln der Kultur nach der Zukunft hin. Das wird vorzugsweise die Aufgabe des fünften nachatlantischen Zeitraums sein. Aber diese drei Zeiträume, die noch folgen müssen, werden sehr ineinander über­greifen. Das, was für den sechsten zum Ausdruck kommt, muß auch schon mitentwickelt werden in dem fünften, und auch das, was in dem

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siebenten zum Ausdruck kommt; es kann nicht alles so geschieden wer­den in der Zukunft, wie es in der Vergangenheit geschieden war. Und für den sechsten Zeitraum, da wird vor allen Dingen notwendig sein, daß die Menschen es dahin bringen, das Ahrimanische zu fesseln, das heißt, mit der Wirklichkeit so recht fertig zu werden. Wie werden sie mit der Wirklichkeit fertig? Dazu ist notwendig vor allen Dingen, daß das Rechtsleben, das ausgesondert hat das geistige Leben und das Wirtschaftsleben, daß dieses Rechtsleben, also dasjenige, was von Mensch zu Mensch demokratisch leben muß, jetzt so bewußt werden muß, wie es während der ägyptisch-chaldäischen Kulturperiode un­bewußt war. Es muß der Mensch lernen, bei alledem, was vorgeht in der Welt zwischen Mensch und Mensch, bedeutsame Vorgänge höher zu empfinden. Lebendig werden solche Vorstellungen werden müssen, wie sie angeschlagen waren in meinem letzten Mysteriendrama in jener ägyptischen Szene, wo von Capesius ausgesprochen wird, wie das­jenige, was da im engen Raume vorgeht, eine Bedeutung hat für das ganze Weltgeschehen. Wenn die Menschen wissen werden wiederum, daß man niemanden anlügen kann, ohne daß in der geistigen Welt mächtige Dinge toben, dann wird so etwas erfüllt werden, wie es im­mer mehr erfüllt werden muß in dem sechsten nachatlantischen Zeit­raum. - Und wenn wir wiederum kommen zu der Möglichkeit eines weisheitsvollen Heidentums neben dem Christentum, dann wird etwas von dem verwirklicht, was für den siebenten nachatlantischen Zeit­raum, aber auch schon für jetzt ganz besonders notwendig ist. Die Menschen haben verloren das Verhältnis zur Natur. Die Natur spricht nicht mehr in Gebärden zu den Menschen. Wie viele Menschen können sich heute noch etwas davon vorstellen, wenn man sagt: Im Sommer schläft die Erde, im Winter wacht die Erde? - Das ist für sie eine Ab­straktion. Es ist keine Abstraktion! Zur ganzen Natur muß wiederum ein solches Verhältnis gewonnen werden, daß der Mensch sich eigent­lich als etwas Gleiches fühlt mit der ganzen Natur.

Das sind Dinge, die für das intimere Seelenleben wesentlich sind. Wie sie zusammenhängen mit dem, was wir soziale Impulse nennen können, davon wollen wir dann morgen weiter sprechen.

FÜNFTER VORTRAG Dornach, 29. März 1919

#G190-1991-SE077 Vergangenheits- und Zukunftsimpulse im sozialen Geschehen

#TI

FÜNFTER VORTRAG

Dornach, 29. März 1919

#TX

Wenn wir jetzt viel von der die Zeit bewegenden sozialen Frage spre­chen, so ist für uns - außer dem, was natürlich für unsere Zeitgenossen als solche mit von besonderer Wichtigkeit in dieser Frage ist - noch wesentlich, daß die wirklich letzte praktische Lösung, die gegenüber dieser Frage in Betracht kommt, innig zusammenhängt mit geisteswis­senschaftlichen Untergründen, und daß daher derjenige, der sich für Geisteswissenschaft interessiert, gerade eine besondere Veranlassung hat, vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus auf diese Frage hinzusehen. Gewiß ist es heute dringend notwendig, daß in weitesten Kreisen Verständnis erweckt werde für dasjenige, was an Impulsen in der sozialen Bewegung liegt; aber auf der anderen Seite sind diese wei­testen Kreise ja wenig vorbereitet, in die Grundlagen der Sache hin­einzuschauen, die Sache wirklich aus ihren Fundamenten heraus ins Auge zu fassen. Es muß von den Menschen, die sich für Geisteswissen­schaft interessieren, nach und nach auch gerade auf dem Gebiete der so­zialen Bewegung ein gewisses Verständnis ausstrahlen, und dazu ist es notwendig, daß wir uns mit gewissen Grundtatsachen bekanntmachen, ohne deren Kenntnis ein wahrhaftiges Verständnis der sozialen Frage gar nicht möglich ist. Denn man täusche sich darüber nicht: Im sozia­len Zusammenleben der Menschen spielt das Unbewußte und Unterbe-wußte eine ungeheuer große Rolle. Dasjenige, was im sozialen Leben wirkt, geht zuletzt doch hervor aus dem, was Menschen denken, was Menschen fühlen und was Menschen aus ihren Charakterimpulsen her­aus wollen. Das wird aber im Zeitalter der Bewußtseinsseelen-Ent­wickelung immer individueller und individueller. Die Menschen wer­den in bezug auf ihr Denken, Fühlen und Wollen immer verschiedener werden müssen: das ist die Aufgabe des Zeitalters der Bewußtseins-seelen-Entwickelung. Daher wird auch aus den unterbewußten Unter­gründen der Menschen im sozialen Zusammenwirken sehr vieles her­ausquellen, was hineinspielen wird in die soziale Bewegung, wie sie seit einem halben Jahrhundert begonnen hat, heute auf einem vorläufigen

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Gipfelpunkt angekommen ist und sich immer weiter und weiter be­wegen wird, ungeheuer die Menschen in Anspruch nehmend. Denn, was heute hervortritt, das sind zunächst chaotische Forderungen. An die Stelle dieser chaotischen Forderungen werden immer klarere Vorstel­lungen und immer bessere und bessere Willensimpulse treten müssen. Daß diese klaren Vorstellungen und guten Willensimpulse nicht vor­handen waren, das brachte ja die Menschheit in diese jetzige Katastro­phe hinein und wird diese Katastrophe noch in ganz unermeßlicher Art vergrößern. Denn man kann nicht sagen, daß heute schon in wei­testen Kreisen ein wirklich guter Wille vorhanden sei mit Bezug auf diese Fragen. Es ist so etwas vorhanden wie ein Nachgeben dem, was einem als das Unvermeidliche erscheint. Man möchte gern da und dort ein Stücklein beigeben, weil man Angst hat, daß das nicht anders ge­hen könnte, daß einem das Wasser in den Mund rinnen könnte und dergleichen. Aber, was auftreten wird müssen, das ist ein wirkliches in­neres soziales Verständnis. Das wird sich hereinleben müssen in die Gemüter der Menschen, und das wird ein Bestandteil sogar unserer Schulerziehung werden müssen.

So etwas kann aber nur erreicht werden, wenn wirklich aus der Er­kenntnis der Menschennatur, aus der Erkenntnis der Beziehungen zwi­schen sinnlicher und übersinnlicher Welt wenigstens eine Anzahl von Menschen auf der Erde ein tieferes Verständnis entwickeln für diese Fragen, als es die meisten Menschen heute wegen der oberflächlichen Zeitbildung entwickeln können.

Sie haben gestern gesehen, wie es eigentlich mit dem steht, was als Sprache im ganzen Menschenleben eine Rolle spielt. Nun bedenken Sie, welche Rolle anderseits wiederum die Sprachen spielen im inter­nationalen Zusammenleben der Menschen über die Erde hin. Beden­ken Sie, wie unendlich viel Empfindungen und Willensimpulse der mannigfaltigsten Art abhängen von den Sprachen. Und bedenken Sie wiederum, wie unendlich viele Ungeklärtheiten gerade mit Bezug auf solche Dinge unter den Menschen der Gegenwart herrschen. Bleiben wir heute noch einmal ein wenig bei der Sprache stehen. Wir haben -ich erwähnte es gestern - vor uns drei Entwickelungszeiträume der nachatlantischen Menschheitsentwickelung. Wir leben im fünften

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nachatlantischen Zeitraum; auf den wird der sechste folgen und auf diesen der siebente; wir haben bis jetzt - und wie Sie gestern gesehen haben sogar unter Einstellung der Sprachenentwickelung - als Erden­menschheit eigentlich einen gewissen Hang zu abstraktem Denken, zu unbildlichem Denken entwickelt. Dasjenige, was sich aber entwickeln muß, bevor dieser fünfte nachatlantische Zeitraum zu Ende geht, das ist bildliches Vorstellen, Imagination. Und es ist die spezielle Aufgabe dieses fünften nachatlantischen Zeitraums, in der Erdenmenschheit die Gabe der Imagination zu entwickeln. Verwechseln Sie bitte dieses, was ich jetzt auseinandersetze, nicht mit den Dingen, die in dem Buche stehen «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». In diesem Buche ist vom einzelnen individuellen Menschen die Rede. Das ist Ge­genstand der esoterischen Entwickelung des einzelnen Menschen. Das­jenige, wovon ich jetzt spreche, ist soziales Völkerleben. Der Volks-genius entwickelt die Imagination. Seine eigene Imagination zu seiner esoterischen Entwickelung, die muß jeder für sich suchen; aber der Volksgenius entwickelt die Imagination, aus der heraus folgen muß die gemeinsame Geisteskultur der Zukunft. Eine imaginative Geistes-kultur muß sich in der Zukunft entwickeln. Heute haben wir gewisser­maßen den Kulminationspunkt der abstrakten Geisteskultur, der Gei­steskultur, welche überall auf Abstraktion hinarbeitet; aus dem heraus muß sich eine Geisteskultur entwickeln mit bildhaften Vorstellungen. Durchdrungen muß gewissermaßen unsere Kultur werden von dem­jenigen, was man nicht wird in abstrakten Gedanken aussprechen wollen, sondern in solchen Bildern, wie zum Beispiel unsere «Gruppe» eines ist: mit dem Menschheitsrepräsentanten in der Mitte, mit dem Luziferischen als einem Pol, mit dem Ahrimanischen als anderem Pol. Und viele Menschen, immer mehr Menschen werden sich sagen müs­sen: Dasjenige, was eigentlich das Geistesleben angeht, ist nicht aus­zudrücken in abstrakten Gedanken. Man soll nicht immer um die ab­strakten Gedanken fragen, sondern es ist richtig und sich recht ein-lebend in das menschliche Gemüt, eben sich auszudrücken durch Bil­der. Das bildhafte Gemeinsamkeitsleben, das ist dasjenige, was auftre­ten muß.

Im sechsten nachatlantischen Zeitraum soll sich insbesondere eine

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Art Inspiration der Volksgenien entwickeln. Und aus dieser Inspiration heraus sollen sich entwickeln Rechtsvorstellungen, welche empfunden werden wie eine Art Gabe für das irdische Leben. Das Leben, das im Rechtsstaat entwickelt wird, ist ja, wie ich Ihnen neulich schon aus­einandergesetzt habe, ein solches, das entgegengesetzt ist allem Geistes­leben. Das Staatsleben ist der Gegensatz zu allem Geistesleben. Wenn das Erdenleben heilsam verlaufen soll, nicht unheilsam, so muß das­jenige, was als Rechtsprinzipien sich nach und nach geltend machen wird, so empfunden werden wie Gaben aus der geistigen Welt, die durch Inspiration herunterkommen an den Volksgenius, um das irdi­sche Leben zu regeln, so daß es nicht von menschlicher Willkür bloß, sondern im Sinne einer großen geistigen Führerschaft geregelt ist. Man könnte auch sagen: Gerade durch diese Inspiration, die der Volks-genius erfahren muß, wird Ahriman gefesselt werden. Sonst würde sich ein ahrimanisches Wesen über die ganze Erde hin entwickeln.

Und der letzte Zeitraum würde vorzugsweise die Intuition zu ent­wickeln haben. Erst unter dem Einfluß dieser Intuition kann sich das ganze Wirtschaftsleben entwickeln, wie man es eigentlich als Wirt­schaftsleben wie ein Ideal auffassen könnte. Aber das ist das Eigen­tümliche, daß von jetzt ab man nicht die Dinge so trennen kann, wie ich es eben auch mehr oder weniger abstrakt auf die Tafel geschrie­ben habe: V.: Imagination - VI.: Inspiration - VII.: Intuition.

Man kann ganz gut sprechen vom urindischen Zeitraum, urpersi­schen Zeitraum, ägyptisch-chaldäischen Zeitraum, griechisch-lateini­schen Zeitraum, als für sich bestehende Zeiträume, die nach hinten und vorne abgegrenzt sind; in jedem entwickelt sich eine ganz bestimmte Art des Menschenlebens. Das kann man zukünftig nicht mehr, da ver­mischen sich die Kulturimpulse. So daß, was als intuitives Leben im siebenten Zeitraum auftritt, in den fünften Zeitraum schon herein-wirkt, auch Inspiration in den fünften hereinwirkt, während die Ima­gination, die im fünften nicht voll erreicht wird, in den späteren Zeit-räumen nachgetragen werden kann. Das geht alles durcheinander, wir sind nicht so streng voneinander abgegrenzt. Die Menschheit hat jetzt schon nötig, hinzuarbeiten auf dasjenige, was im imaginativen, im in­spirierten Leben, im intuitiven Leben erreicht werden soll. Aber was

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zeitlich sich gewissermaßen durcheinanderschiebt, das muß eben ge­rade äußerlich vom Menschen auseinandergehalten werden. Das Gei­stesleben, das vorzugsweise gegen die Zukunft hin die Imagination zu entwickeln haben wird, dieses Geistesleben, das muß in der emanzi­pierten geistigen Organisation sich entwickeln. Das inspirierte Leben, das für den Volksgenius vorzugsweise die Rechtsvorstellungen geben wird, das muß sich im abgesonderten Staate entwickeln. Und das in­tuitive Leben, so sonderbar das erscheint, das muß sich im Wirtschafts­leben entwickeln. Es müssen diese Gebiete äußerlich auseinandergehal­ten werden, was ja von vielen Gesichtspunkten aus vor Ihnen schon vorgetragen worden ist.

Nun werden Sie wiederum ein Stück tiefer in diese Gliederung ein-dringen, wenn Sie gerade dasjenige, was ich so auseinandergehalten habe, mit Bezug auf die Sprache ins Auge fassen. Sehen Sie, die Sprache ist scheinbar etwas ganz Einheitliches. Sie halten die Sprache für etwas Einheitliches, und die Menschen empfinden die Sprache wie etwas ganz Einheitliches. Das ist sie aber nicht. Die Sprache ist etwas ganz anderes mit Bezug auf das eigentliche geistig-seelische Leben des Menschen, wieder etwas ganz anderes mit Bezug auf das soziale Zusammenleben im Rechtsstaate, und wiederum etwas ganz anderes ist die Sprache mit Bezug auf das Wirtschaftsleben.

Wollen wir einmal versuchen, ein wenig das zu charakterisieren, was zu charakterisieren sehr schwierig ist. Denken Sie bei der Sprache zu­nächst einmal an die Dichtung. Sie haben von mir schon öfter erwähnt gefunden, wieviel der Mensch eines jeden Kulturgebietes, wenn er Dichter ist - und wer ist nicht ein bißchen Dichter -, eigentlich der Sprache verdankt. Viel mehr als man glaubt, schafft eigentlich die Sprache. Die Sprache enthält große, gewaltige Geheimnisse; der Sprach­genius ist etwas ungeheuer Schöpferisches. Daher ist es so selten, daß innerhalb des Sprachlichen das eigene Menschlich-Schöpferische auf­tritt. Das bemerkt nur der, der mit einer gewissen innerlichen Hingabe die Entwickelung der Völker betrachtet. Die Menschen stehen ja ge­wöhnlich in einer Inkarnation eben auch nur in einem Zeitalter drin­nen. Daher haben sie keinen rechten Anhaltspunkt, um so etwas, was ich jetzt meine, ordentlich zu beurteilen. Wir Deutschen zum Beispiel,

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wir sprechen heute da und dort etwas nuanciert; aber insofern wir die einheitliche, gebildete deutsche Umgangssprache sprechen, sprechen wir alle anders, als etwa gesprochen worden ist im 18. Jahrhunderte! Wer aufmerksam die Literatur verfolgt bis ins letzte Drittel des 18. Jahrhunderts herein, der wird das schon merken. Denn die Sprache, die wir heute sprechen als gemeinsame, gebildete deutsche Umgangs­sprache, die ist ein Geschöpf des Goetheschen Schaffens und derjenigen Menschen, die mit diesem Goetheschen Schaffen zusammenhängen: Lessing, Herder, Wieland sogar, Goethe und ein wenig auch Schiller. Eine ganze große Summe von Wortbildungen waren ja vor diesen Gei­stern nicht vorhanden! Nehmen Sie sich das Adelungsche Wörterbuch und versuchen Sie einmal, manche Dinge, die heute gang und gäbe sind, nun im Adelungschen Wörterbuch, das verhältnismäßig spät geschrie­ben ist, aufzufinden: Sie werden sie nicht finden! In hohem Maße war dieses Zeitalter, das den Goetheanismus hervorgebracht hat, sprach-schöpferisch, und wir leben in dem, was auf diese Art geschaffen wor­den ist. Da sehen Sie hineinspielen das Individual-Schöpferische in das, was der Sprachgenius als solcher ist. Da kann man auch bei Dichtern von Schöpferischem erster Natur sprechen; was dann nachkommt als Epigonen, das schöpft wieder vielfach bloß aus der Sprache heraus.

Daher habe ich Ihnen öfter gesagt: Wenn man diese Dinge durch­schaut, imponiert einem oftmals eine glatte Sprache, eine so recht ge-schniegelte dichterische Leistung gar nicht besonders. Das Originelle, was wirklich aus dem Innersten der Seele heraus pulsiert, das ist manchmal viel, viel ungeschickter als dasjenige, was aus gar keiner gro­ßen Dichterkraft, aber mit einer gewissen Vollendung der Sprache, mit schönen Versen und dergleichen gemacht wird. Es ist ja auch in den anderen Künsten so. Solche Dinge müssen ins Auge gefaßt werden, wenn man einen Begriff bekommen will, wie im Sprachlichen selbst ein Leben ist, in das wir eingeschaltet sind. Und in der Vertiefung in diese Sprache wird sich ergeben die Möglichkeit eines imaginativen Fühlens und Empfindens. Es ist gewiß heute sehr vieles, was wider-strebt diesem Lernen des Imaginativen von der Sprache, weil die Menschen mit einem gewissen Recht, da die Sprachen in der letzten Zeit international geworden sind, gewöhnlich viele Sprachen bis zu

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einem gewissen Grade sich aneignen, oder wenigstens mehrere Spra­chen. Diese Aneignung mehrerer Sprachen hat zunächst noch nicht das Tiefere der Sache an die Oberfläche getrieben, sondern eigentlich nur das Oberflächliche der Sache. Das Empfindungsgemäße, das die Ima­gination vermittelt, das ist noch nicht an die Oberfläche getrieben worden. Es muß heute derjenige, der sich mehrere Sprachen aneignet, doch Sklave der Wörterbücher werden, oder zum Sklaven der sonsti­gen Handbücher der betreffenden Sprachen. Dadurch lernt man, sich die ungeheuerliche Unwahrheit anzueignen, daß ein Wort, das man für ein Wort der eigenen Sprache im Wörterbuch einer anderen Sprache angeführt findet, dasselbe bedeute wie in der eigenen Sprache. Gewiß, in bezug auf dasjenige, was ich nachher anführen werde, bedeutet es dasselbe, aber es bedeutet nicht dasselbe mit Bezug auf das innerliche Erleben.

Nehmen Sie zum Beispiel folgendes: Im Deutschen sagen wir «Kopf», im Französischen «teAte», italienisch «testa» und so fort. Wor­auf weist das hin? «Kopf» sagen wir zum menschlichen Kopf, zum tierischen Kopf aus demselben Grunde, aus dem wir zum Kohlkopf «Kopf» sagen: weil das Ding rund ist, weil das Ding kugelig ist. Der­jenige also, der deutsch den Kopf bezeichnet, der setzt ab, stilisiert mit Bezug auf die Form. TeAte, testa, das ist abgestellt mit Bezug auf Zeugnisablegung, etwas bezeugen, testieren. Da ist ein ganz anderer Gesichtspunkt eingenommen, um dieses selbe Glied des menschlichen Organismus zu bezeichnen. «Fuß» sagen wir im Deutschen: das hängt zusammen mit Furt, mit dem Eindruck der Furche, die wir machen, wenn wir über den Boden hinschleifen; das ist der Gesichtspunkt, unter dem wir als Deutsche dieses Organ des menschlichen Organismus be­zeichnen; «pied» - das Aufstellen, das Bezeichnen des Sich-auf-den­Boden-Aufstellens: etwas ganz anderes! Die Valeurs der Worte gehen aus verschiedenen Gesichtspunkten hervor. Und es prägt sich in diesem Impetus, dieselben Dinge aus ganz bestimmten Untergründen heraus zu bezeichnen, ein Unterbewußtsein im Volkscharakter aus, das man gewöhnlich gar nicht berücksichtigt.

Nun denken Sie sich aber, Sie haben es nicht bloß mit auf der phy­sischen Erde herumwandelnden physischen Menschen, sondern überhaupt

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mit Menschen zu tun; Sie studieren das ganze Verhältnis an den Toten. Da tritt eigentlich das Charakteristische der Sache ganz beson­ders hervor. Der Tote hat für dieses lexikographische Sprechen von einem Wort zum anderen eigentlich gar keinen Sinn, und er hat gerade für das Imaginative an der Sache den allertiefsten Sinn. Bildet man nun den Gedanken so, daß er die Gedankennuance bekommt von den sprachlichen Lauten, so hat der Tote zunächst die imaginative Form, die er bekommt. Er empfindet, wenn ihm das Wort für den «Kopf» deutsch gesagt wird, er empfindet die Rundung. Wenn ihm dasselbe Wort in einer romanischen Sprache gesagt wird, empfindet er das Be­zeugende. Aber dieses Stigmatisieren, dieses Abstellen bloß, dieses ab­strakte Beziehen auf irgendein einzelnes Organ, das erlebt der Tote nicht mit; er erlebt gerade dasjenige in der allerbedeutsamsten Weise, was der Mensch in der heutigen Abstraktheit gar nicht merkt. So daß der Mensch als Seele ein ganz besonderes Verhältnis zur Sprache hat. Es ist eigentlich das, was die Seele als Verhältnis zur Sprache hat, viel innerlicher als das allgemeine, gewöhnliche, alltägliche Verhältnis des Menschen zur Sprache. Innerlich fühlt schon die Seele diesen Unter­schied, ob man den Fuß bezeichnet dadurch, daß man sich darauf stellt, oder dadurch, daß man eine Furt, eine Furche macht. Die Seele fühlt das; äußerlich abstrakt empfindet der Mensch nur die Beziehung des Wortes zu dem betreffenden einzelnen Organ. Die Seele ist innerlich in ihrem Sprachempfinden sehr ähnlich der Art, wie sie ist, wenn sie entkörpert ist. Und dasjenige, was man im gewöhnlichen Leben viel­fach eigentlich als das einzige der Sprache empfindet, das legt sich nur wie eine äußere Schicht über die Sprache hinüber. Und ein wahrer Dichter zum Beispiel ist eigentlich nur derjenige, der für dieses Inner­liche der Sprache ein feines Gefühl hat, ein feineres Gefühl als die an­deren. Wer wirklich das Imaginative der Sprache miterlebt, der ist eigentlich erst ein Dichter, wie im Grunde genommen ein Künstler nicht derjenige ist, der malen oder bildhauern kann, sondern derjenige, der in Farben oder in Formen leben kann.

Solche Dinge müssen sich die Menschen aneignen von der Gegen­wart ab in die Zukunft hinein. Ohne diese Dinge ist ein weiteres Fort­leben der Menschheit in gedeihlicher Weise nicht möglich, weil das

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menschliche Geistesleben abdorren würde und die Menschen nur noch ein animalisches Leben entwickeln künnten, wenn Verständnis für solche Dinge nicht Platz greifen würde. Und das ist das Eigentümliche: Wenn man verfolgt, wie Kinder geboren werden, ihre ersten Kinder­jahre entwickeln, erst lallen, dannn allmählich sprechen lernen, da ist in dieser Art, wie sie sprechen lernen, etwas darinnen, was hineinmischt in das Sprechenlernen der Kinder eine Erbschaft, die sie herunterbrin­gen aus den Erfahrungen, die sie noch in der geistigen Welt durchge­macht haben, bevor sie heruntergeboren worden sind; da vermischt sich etwas davon mit dem, was Mutter oder Amme oder Vater oder sonst irgend jemand dann im Sprechenlernen dem Kinde beibringt. Wer auf diesem Gebiete feiner beobachten kann, der wird ungeheure Überraschungen erleben, die ihm die Kinder darbieten, die sprechen lernen. Und er wird diese Überraschungen nur verstehen können, wenn er die Voraussetzung machen kann: das Kind bringt sich wirklich aus der geistigen Welt etwas von Anlagen mit, etwas, das es hineinmischt in dasjenige, was ihm von außen zum Sprechen kommt. In dem inner­lichen Empfinden der Sprache lebt der Mensch etwas nach, was er sich mitbringt aus der geistigen Welt. Das aber ist das einzige, was wirklich an der Sprache das Geistige ist. Das ist eigentlich das eine Ele­ment der Sprache, dieses innerliche Erleben, das wir deshalb haben können, weil wir uns gewisse Impulse aus der geistigen Welt mitbringen.

Das andere ist, daß die Sprache ein bloßes Verständigungsmittel ist. Als Verständigungsmittel kommt sie für alles dasjenige in Betracht, was die Menschen als Gleiche untereinander angeht. Wir reden mitein­ander, damit der eine von dem anderen weiß, was ihm der mitteilen will. Da kommt das innere Gefüge der Sprache nicht so sehr in Be­tracht, da kommt eine gewisse Konvention in Betracht. Da kommt in Betracht, daß wir nicht glauben, wenn einer «Tisch» sagt, er meine ei­nen Stuhl, und wenn einer «Stuhl» sagt, er meine einen Tisch. Darüber brauchen sich die Menschen sozusagen hier auf der Erde nur miteinan­der zu verständigen; da spielt dasjenige nicht hinein, was innerliches Erleben der Sprache ist. Für die heutige Gegenwart ist diese Art des Sprachverstehens, wo die Sprache bloß als ein Verständigungsmittel genommen wird, eigentlich das einzige, was wirklich erlebt wird. Für

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die Menschen heute ist ja die Sprache nicht viel mehr als das Mittel, sich untereinander zu verständigen. Lauschen den geheimnisvollen in­neren Impulsen der Sprache, um aus ihnen herauszuhören das göttliche Walten, wie es sich gerade durch die Sprache kundgibt, das ist heute wenigen Menschen eigen. Es gibt einige Persönlichkeiten der Gegen­wart, die bemerkt haben, daß die Sprache selber ein innerliches Leben hat; aber bei allen, von denen dies bemerkt worden ist, tritt dieses Aperçu eigentlich mit einer gewissen Koketterie auf, wie zum Beispiel bei dem Dichter Hofmannsthal oder selbst bei dem frechen Karl Kraus in Wien, der immer behauptet, daß er gar nicht selber seine Sätze schreibe, sondern daß er nur hinhöre auf das, was die Sprache schreiben will. Daß er dasjenige, was die Sprache schreiben will, zwar anhört, aber dann gerade so, wie wenn man aus der geistigen Welt heraus nach seinen eigenen Emotionen hört, schief und falsch, das bezeugt ja, daß er so furchtbar frech schreibt, wie die Sprache niemals ihn inspirieren würde. - Aber, wie gesagt, einzelne Menschen bemerken heute schon dieses Mitteilen der Sprache, das dann aus anderen Welten heraus kommt, und das gepflegt werden muß, wenn die Menschen den Weg finden sollen zu dem imaginativen Leben.

Das wird ein wichtiges soziales Moment sein, denn es ist eben etwas, was die Menschen sozial bindet. Die gemeinsame Sprache, die eine ge­meinsame Imagination bringt, das ist etwas, was eine soziale Tiefe ab­geben wird. Das kann die Sprache als Verständigungsmittel zur Not auch noch, aber sie ist dann veräußerlicht; sie beruht darin, worinnen sie bloß Verständigungsmittel ist, sehr auf Konvention. Daher auch die Veräußerlichung des Seelenlebens heute, daß die Menschen im Grunde die Sprache nur haben, um anderen vorzuplappern, damit der eine weiß, was der andere denkt. Ja, Sie können gegen diesen Satz einwenden: da ja so viele nicht denken, so wissen manche, wenn eine Mitteilung gemacht wird, was der andere nicht denkt! Nun aber - wir verstehen uns doch.

So haben wir in der Sprache etwas, was insbesondere hinweist auf das Geistesleben, auf das Leben in dem geistigen Organismus. Etwas anderes in der Sprache ist das bloß Verständigende, was einzig und allein im Grunde genommen heute in Betracht kommt, wenn die Leute

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ein Wörterbuch nehmen. Dieses weist auf das Rechtsleben. Und weil in der einen Sprache das Wort so heißt, in der anderen Sprache so, da kommt es bloß auf das äußerliche Verständnis an, da wird gar nicht der Unterklang in Betracht gezogen: ob der eine aus dem Impuls, der andere aus jenem Impuls heraus etwas bezeichnet! Da ist natürlich ein Riesenunterschied im Seelenleben, wenn man bei «Kopf» das Gerun­dete, also die Form zu verstehen hat, wie überhaupt die meisten sub­stantivischen Bildungen im Deutschen plastische Imaginationen sind, oder ob, wie in den romanischen Sprachen, die meisten substantivi­schen Bildungen hergenommen sind vom Auftreten des Menschen, von dem Sich-in-die-Welt-Stellen, nicht vom Anschauen, sondern von dem Sich-Hinstellen in die Welt. Da verbergen sich große Geheimnisse in den Sprachen.

Mit Bezug auf das Wirtschaftsleben, da können wir alle taubstumm sein und doch ein Wirtschaftsleben führen. Die Tiere führen es ja auch. Im Wirtschaftsleben ist die Sprache gewissermaßen ein Fremdling, ein richtiger Fremdling. Wir gebrauchen die Sprache im Wirtschaftsleben, weil wir nun schon einmal sprechende Menschen sind; aber man kann wirtschaften in einem fremden Lande, dessen Sprache man gar nicht kennt; man kann alles einkaufen, alles mögliche tun. Überhaupt - die Menschen brauchen die Sprache nicht gerade um des Wirtschaftslebens willen: da ist die Sprache ein vollständiger Fremdling. Das eigentliche geistige innere Element der Sprache ist im Geistesleben vorhanden; veräußerlicht schon wird das innere sprachliche Element im Rechts-leben, und völlig verloren geht alles, was die Sprache eigentlich für den Menschen bedeutet, im Wirtschaftsleben. Aber dafür ist auch das Wirt­schaftsleben, wie ich Ihnen ausgeführt habe, dasjenige, welches auf seinem Grund und Boden entwickeln kann gerade die Vorbereitung für das Leben nach dem Tode. Wie wir uns im Wirtschaftsleben ver­halten, welche Gefühle wir im Wirtschaftsleben entwickeln, ob wir Menschen sind, die gern einem anderen wirtschaftlich brüderlich bei­stehen, oder ob wir Neidhammel sind und alles nur selber verfressen wollen: das hängt schon zusammen mit der Grundkonstitution unserer Seele, und das ist im wesentlichen die stumme Vorbereitung für viele Impulse, die sich im nachtodlichen Leben zu entwickeln haben. Wir

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bringen uns eine Erbschaft herein aus dem vorgeburtlichen Leben, die sich, wie ich es geschildert habe, ausspricht in dem, was das Kind hin-einträgt in das, was es lernt von der Amme oder der Mutter. Wir tragen aus dem Leben heraus ein stummes Element, das gerade aus der im Wirtschaftsleben sich entfaltenden Brüderlichkeit aufkeimt und das wichtige Impulse entwickelt im nachtodlichen Leben.

Es ist gut, daß wir im Wirtschaftsleben die Sprache als einen solchen Fremdling haben, daß wir das Wirtschaftsleben auch entwickeln könn­ten, wenn wir taubstumm waren. Denn dadurch gerade entwickelt sich dieses unterbewußte Seelenleben, das dann eine Fortsetzung erfahren kann, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist. Würde der Mensch ganz aufgehen in dem, was er seelisch erlebt, in dem, was ausgesprochen werden kann zwischen Mensch und Mensch, würden wir nicht als Menschen einander dienen können in nicht ausge­sprochener Weise, dann würden wir wenig hineintragen können in die Welt, die wir zu durchleben haben, nachdem wir die Pforte des Todes durchschritten haben.

Aber auf der anderen Seite ist es außerordentlich schwierig, gerade die heutigen drängenden Forderungen der sozialen Bewegung zu be­sprechen, denn die heutigen drängenden Forderungen der sozialen Be­wegung sind vielfach Wirtschaftssorgen der Menschheit. Und die Sprache ist eigentlich gar nicht da, um Wirtschaftssorgen zu bespre­chen. Unsere Begriffe taugen eigentlich am allerwenigsten für die Be­sprechung der sozialen Frage. Wir würden die soziale Frage vielleicht in Europa auf eine ganz andere Weise besprechen können, wenn wir alles dasjenige in der Sprache hätten, was die Orientalen in ihrer Sprache haben. Es ist dort nur der Volkscharakter in der Dekadenz; aber in der Sprache sind geistige Impulse da, die dann die Möglichkeit bieten, wie durch Gebärden hinzuweisen auf dasjenige, was gerade mit Bezug auf das soziale Leben zu besprechen ist, während wir Euro­päer eigentlich das Gefühl haben, es solle alles stets, wie wir glauben, in deutlichen Worten zum Ausdrucke kommen. Das kann es aber gar nicht. Wir müssen uns das Gefühl aneignen, daß, indem wir sprechen, wir eigentlich nichts anderes machen als Lautgesten hervorbringen, auf die Dinge hindeuten. Denn eine richtige Innerlichkeit mit Bezug auf

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die Lautgeste entwickelt ja der Mensch heute fast nur noch für die Interjektion; ein wenig, wie ich gestern auseinandergesetzt habe, für die Zeitwörter, für die Verben; einen Anflug noch für die Eigenschafts­wörter, gar keinen für die Substantiva. Die sind etwas völlig Abstrak­tes; daher verstehen die Toten diese Substantiva gar nicht. Es bleiben für sie Lücken, wenn wir uns mit ihnen verständigen und in der Sprache die Dinge zum Ausdruck bringen wollen. Daher hat man nötig, sich dem Toten verständlich zu machen dadurch, daß man inner­lich das, was man sagen will, in wirkliche Gesten verwandelt, in wirk­liche Bilder verwandelt, nicht versucht in Worten zu denken dem Toten gegenüber, sondern immer besser und besser versucht in Bildern zu denken, nach der Art, wie ich das gestern angeführt habe.

Nun muß ich immer wieder sagen: Unterstützen kann uns in diesem Bilderempfinden dasjenige, was wir jetzt wiederum als eine sichtbare Sprache bringen wollen - das eurythmische Element. Das Eurythmisie-ren ist ein Umsetzen des Sprachlichen in den entsprechenden Bewe­gungsrhythmus, in die Geste und so weiter. Aber wir müssen umge­kehrt auch wiederum lernen, dasjenige, was uns sichtbarlich entgegen­tritt, wie eine Art von Sprache zu empfinden. Wir müssen lernen, wie uns etwas sagt dasjenige, was gewöhnlich von uns nur angeschaut wird: der Morgen sagt uns etwas anderes als der Abend, und der Mittag sagt uns etwas anderes als die Nacht; ein mit Tauperlen besetztes Pflanzen-blatt sagt uns etwas anderes als ein trockenes Pflanzenblatt. Das Spre­chen der ganzen Natur müssen wir wieder verstehen lernen. Wir müs­sen lernen durchdringen durch das abstrakte Anschauen der Natur zu einem konkreten Anschauen der Natur. Unser Christentum muß er­weitert werden durch ein Sich-Durchdringen, wie ich schon gestern gesagt habe, mit einem gesunden Heidentum. Die Natur muß uns wie­derum etwas werden. Das ist das Eigentümliche der Menschheitsent­wickelung in der bisherigen Epoche des fünften nachatlantischen Zeit­raums, daß wir der Natur gegenüber immer gleichgültiger und gleich­gültiger geworden sind. Gewiß, die Menschen haben noch Naturge­fühl, sie sind gern in der Natur, sie wissen auch künstlerisch, ästhetisch die Natur zu empfinden. Aber sie können sich nicht dazu aufschwin­gen, das Innerlich-Lebendige der Natur wirklich so zu erleben, daß

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die Natur zu ihnen spricht, wie ein Mensch zu dem anderen Menschen spricht. Das aber ist notwendig, wenn wirklich wieder Intuition in das Menschenleben eintreten soll.

Bevor alle diese drei Zeiträume, von denen wir da sprechen, abge­laufen sind, muß die Menschheit, wenn sie sich gesund entwickeln soll, zu allen Einzelheiten, durch die sie mit der Natur zusammenhängt, eine Art persönlichen Verhältnisses entwickeln. Dasjenige, was wir heute abstrakt sagen können: Wenn du Zucker issest, so verstärkst du deine Egoität; wenn du weniger Zucker issest, schwächst du deine Egoität; Tee ist dasjenige, was die Gedanken auseinandertreibt, das Diploma­tengetränk, das Mittel, oberflächlich zu werden; Kaffee ist das Jour­nalistengetränk, das in abstrakter Logik einen Gedanken an den an­deren setzt, daher Journalisten so gern ins Kaffeehaus gehen, Diplo­maten zu Tees und so weiter, das können wir heute aus der Natur der Dinge heraus abstrakt entwickeln, aber die Menschen werden erst später dazu kommen, ein gesundes Verhältnis zu entwickeln zu allem, was ihnen so ein Verhältnis zur ganzen Natur gibt, wie die Tiere es instinktiv heute haben. Die Tiere wissen ganz genau, was sie fressen; die Menschen haben das ursprünglich in naiven Verhältnissen auch gewußt, was sie essen, aber sie haben es vergessen, haben es verlernt, sie müssen wiederum dieses Verhältnis gewinnen. Heute gibt es - ich erwähnte das schon öfters - merkwürdige Menschen, die haben, indem sie bei ihrem Tische sitzen, eine Waage, da wägen sie ab, wieviel Fleisch und andere Dinge sie essen sollen - weil das ausgerechnet ist, nicht wahr, von den Nahrungsmittelchemikern!

Unter diesem abstrakten Verhältnis, das der Mensch zur Welt ent­wickelt, geht alles gesunde Sich-Inbeziehungsetzen zur Welt verloren. Wir müssen wiederum - verzeihen Sie, wenn ich das so ausspreche -den Geist des Zuckers, den Geist des Tees, den Geist des Kaffees, des Salzes, den Geist aller anderen Dinge erleben, mit denen wir in Bezie­hung stehen einfach durch unseren Organismus; wir müssen das wie­derum erfahren lernen, erleben lernen. Heute empfindet der Mensch auf dem Gebiete in allerabstraktester Form. Er fühlt sich was, wenn er sagt: Ich bin ein Mystiker, ich bin ein Theosoph. - Was ist das? Ein Mensch, der innerlich mit seinem Ich das göttliche Ich fühlt, der den

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Makrokosmos im Mikrokosmos fühlt; der göttliche Mensch in unserem Inneren, der wird fühlbar, der lebt - na, und wie das alles heißt. Das sind natürlich die allergrauesten, die allernebelhaftesten Abstraktio­nen. Aber die Menschen haben heute den Glauben, daß man über diese Abstraktionen überhaupt nicht hinauskommen könne. Das konkrete Miterleben mit der ganzen Welt, das suchen heute die Menschen nicht. Das gedankenlose Hinschwätzen von dem Erleben von Gott in seinem Inneren, das erscheint den Menschen heute etwas Großes. Wenn man ihnen sagt, sie sollen den Gott des Zuckers oder des Kaffees oder des Tees erleben -, ich weiß nicht, sie denken darüber sehr sonderbar, die Menschen, und doch ist dieses das wirkliche Miterleben mit der Außen­welt: weil das menschliche Erleben der Außenwelt grob und materiell ist, wenn nicht gerade den materiellen Erlebnissen ein Geistiges zu­grunde liegen kann.

In der zweiten nachatlantischen Periode war es zum Beispiel noch so, daß jeder, der innerhalb der urpersischen Kultur etwas aß, auch fühlte, wieviel Licht er damit in sich aufnimmt. Die Sonne bereitet zu, gibt ihr Licht ab; wenn man ißt, ißt man das Licht mit; es fühlte ein jeder, wieviel Licht er in sich bekommt. Das ist in alten Zeiten erlebt worden, das muß auf einer höheren Stufe des Bewußtseins wiederkeh­ren. Sehen Sie, das sind natürlich alles weitausschauende Ideale, aber sie sind eigentlich nicht so ferne, als man glaubt, dem, was die Men­schen heute am notwendigsten haben. Denn gerade wenn man auf diese Dinge hinschaut, dann wird man sich immer mehr und mehr konkret und real dem nähern, was den Menschen gemeinsam ist. Das haben wir nun sehr nötig, uns dem zu nähern, was den Menschen gemeinsam ist. Und gerade auf dem Gebiete der Naturverehrung, auf dem Gebiete des Naturdurchschauens wird immer mehr und mehr dasjenige heraus­kommen, was auch das Wirtschaftsleben, das uns heute so materiell erscheint, dieses stumme Wirtschaftsleben gewissermaßen als ein Glied der göttlichen Weltordnung hinstellt. Und dann werden wir verstehen:

Der soziale Organismus muß, wenn er gesund ist, dreifach gegliedert sein. Er muß die geistige Organisation haben, weil wir in diese vorzugs­weise dasjenige hineintragen, was wir aus dem vorgeburtlichen Leben uns mitbringen; er muß die wirtschaftliche Organisation haben, weil

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sich in dieser stumm entwickeln muß dasjenige, was wir durch die To­despforte tragen, und was Impulse nach dem Tode werden; und er muß abgesondert von diesen beiden anderen das Leben des Rechtsstaa­tes haben, weil auf diesem Gebiete sich vorzugsweise dasjenige aus­prägt, was für dieses irdische Leben gilt. Schematisch ausgedrückt:

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Wenn dieses das irdische Leben ist (siehe Zeichnung), so kommt in die­ses irdische Leben herein, es gewissermaßen überstrahlend, dasjenige, was wir uns aus dem vorgeburtlichen Leben mitbringen (gelbe Pfeile, links); und wiederum entwickeln wir in diesem Leben dasjenige, was wir hinaustragen (gelb, rechts). In dem, was ich hier als rote Linie bezeichnet habe, ist von vornherein dasjenige drinnen, was geistig ist; es kommt vorzugsweise durch die Sprachen oder durch ähnliches hin­ein. In dem, was ich hier blau gezeichnet habe, strahlt nach dem Tode durch die Impulse, die wir aufgesogen haben im Wirtschaftsleben, das Geistige aus (gelbe Pfeile). Dieses Mittlere, das ich weiß gezeichnet habe, wird von dem Geistigen gewissermaßen seitwärts durchstrahlt (gelb). Das Rechtsleben ist als solches ganz irdisch, aber es wird ge­wissermaßen seitwärts durchstrahlt, so daß die Inspiration, die den Ahriman bändigen soll, im Rechtsleben sich ausleben soll. Wir müssen zu Rechtsvorstellungen vordringen, die wirklich dem Geistesleben ent­nommen sind, die eigentlich Initiationsvorstellungen sind.

Aber solche Dinge, von denen ich Ihnen heute gesprochen habe, wie sollen sie weiteren Kreisen der Gegenwartsmenschen so ohne weiteres

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schon verständlich sein? Das können sie ja nicht! Dazu wird schon notwendig sein, daß das geisteswissenschaftliche Element unsere gesamte Zeitbildung und Zeitkultur durchdringt. Ohne das geht es in die Zukunft hinein nicht. Deshalb hängt die Gesundung unseres sozia­len Lebens innig zusammen mit der Ausbreitung eines wirklichen Verständnisses für Geist-Erkenntnis. Freilich wird auf der anderen Seite bei denjenigen Menschen, die einen guten Willen haben zur Auf­nahme sozialer Vorstellungen, nach und nach der Drang entstehen, auch Geistiges in sich aufzunehmen. Am meisten sträuben werden sich diejenigen gegen das Geistige, welche starr stehenbleiben wollen bei jenen Dingen, von denen ich gerade gestern sagen mußte, daß sie anti­pathisch sind den Kindern, die seit einer Anzahl von Jahren aus der geistigen Welt in diese irdische Welt heruntersteigen. Da ist es aller­dings manchmal jammervoll, wenn man so sieht, wie wenig die Men­schen geneigt sind, von den Ereignissen wirklich zu lernen, wie sehr die Menschen heute noch immer die Vorstellungen zeigen, die sie frü­her gehabt haben, bevor sich geoffenbart hat, daß die Welt, welche in diesen Vorstellungen lebt, eben die Menschheit in diese furchtbare Zeitkatastrophe hineingetrieben hat. Da sollte sich der Menschheit be­mächtigen ein gewisses Gefühl der Verantwortlichkeit, und ein Ver­ständnis dafür, nun wirklich einmal in weiterem Umfange diese Zeit-bedürfnisse auch zu sehen! Denken Sie nur, wie man heute - mit Be­zug auf sehr viele Menschen muß das gesagt werden - sehr egoistisch in sich selbst steckt, und wieviel Ursache man heute hätte, eigentlich so ziemlich von der eigenen Person ganz abzusehen und auf die großen Fragen der Menschheit hinzuschauen! Sie sind ja so überwältigend groß, diese Menschheitsfragen heute, daß man kaum, wenn man ein vernünftiger Mensch ist, Zeit finden sollte, die engsten persönlichen Schicksale ins Auge zu fassen, wenn diese engsten persönlichen Schick­sale nicht fruchtbar gemacht werden können für die großen Zeitfragen, die heute eben im Schoße der Entwickelungsepoche der Menschheit liegen. Man möchte, daß die Menschen die starke Diskrepanz bemer­ken zwischen dem Wesenlosen, das heute persönliches Schicksal ist, und dem Wesentlichen, das in den großen, heute überwältigenden Menschheitsfragen zutage tritt. Und man kann in Wirklichkeit Geisteswissenschaft

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nicht verstehen, wenigstens in der gegenwärtigen Zeit nicht verstehen, wenn man nicht für diese großen Menschheitsfragen Verständnis und Entgegenkommen hat. Manches beginnt sich jetzt doch zu entwickeln; aber gerade von denjenigen, die sich in einem ge­wissen Sinne bekennen zur Geist-Erkenntnis-Bewegung, von denen sollte ein besonders energisches Verständnis erstrebt werden dessen, was sich in weitem Umfange in der sozialen Bewegung der Gegenwart abspielt, und was, wie Sie auch wiederum aus diesen heutigen Andeu­tungen ersehen können, weitere Horizonte hat, als man gewöhnlich denkt.

Auf den gestern und heute gemachten Voraussetzungen wollen wir dann morgen einen Abschluß aufbauen.

SECHSTER VORTRAG Dornach, 30. März 1919

#G190-1991-SE095 Vergangenheits- und Zukunftsimpulse im sozialen Geschehen

#TI

SECHSTER VORTRAG

Dornach, 30. März 1919

#TX

Dasjenige, was man die soziale Frage nennt, spricht in der allerinten­sivsten Weise als eine weltgeschichtliche Forderung in unsere Zeit her­ein. Man kann aber zu gleicher Zeit sagen: Diese Zeit, diese unsere Gegenwart ist möglichst wenig vorbereitet, der wahren Gestalt dieser sozialen Frage ein wirkliches, durchgreifendes Verständnis entgegen-zubringen. Man gebe sich nur in bezug auf diese Tatsache keinen Illu­sionen hin. Wir haben öfter hinweisen müssen auf die tiefe Kluft, welche besteht zwischen den bis in unsere Zeit herein führenden Klas­sen und Ständen und den proletarischen Massen. Die führenden Klas­sen und Stände haben sich im weitesten Umkreise im Laufe der neueren geschichtlichen Entwickelung in sich abgeschlossen mit gewissen Inter­essenkreisen und haben ein allgemein menschliches Verständnis ver­nachlässigt. Die proletarischen Massen haben sich immer mehr und mehr durch ihre ganzen Lebensverhältnisse als ausgeschlossen betrach­ten müssen von dem, worinnen sich mehr oder weniger eingesponnen haben die führenden Menschenklassen. Nun könnte man ja allerdings sagen, daß mit Bezug auf die Scheidung in Klassen das Verhältnis zum Beispiel im alten Griechenland noch ungünstiger war. Da hatte man die großen Kreise von Sklaven, die nicht nur teilweise, in bezug auf ihre Arbeitskraft, als Ware betrachtet wurden, sondern die überhaupt in ihrer ganzen Menschheit als Ware betrachtet wurden, gekauft und verkauft wurden auf dem Markte. Aber man würde doch die Sache falsch ansehen, wenn man bloß auf das eben Erwähnte hinschaute. Ge­wiß, bis weit herein in die neuere Zeit war eine schroffe Klassenson­derung und Klassenscheidung da; aber sie war mehr für die äußeren Lebensverhältnisse da, für diejenigen Verhältnisse, die sich in dem äußeren sozialen Rang ausdrücken. Während die neueste Zeit - und das ist gerade das Bedeutsame - eine Art von geistiger Gemeinschaft über die führenden Klassen ausgegossen hat, eine geistige Gemein­schaft, die eng zusammenhängt mit den egoistischen Interessen dieser führenden Klassen, und an der die großen proletarischen Massen nicht

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teilhaben können. Man bedenke nur, wie wenig das Geistesleben frü­herer Zeiten gerade in dieser Richtung gewirkt hat. Gewiß, es waren einzelne Individuen in alten Zeiten als Mysterienleiter, als Mysterien-schüler mit den höheren Gliedern des geistigen Lebens durchdrungen; aber dieses geistige Leben gliederte sich nicht wie heute so, daß der Mensch gewissermaßen eine bürgerliche Bildung anzieht, wie er das bes­sere Bürgerkleid anzieht gegenüber dem Arbeiterkittel, und daß er dem Proletarier auch nur eine proletarische Bildung übrig läßt, wie er ihm eben den Arbeiterkittel übrig läßt. Bedenken Sie, wie das Christentum sich durch Jahrhunderte hindurch bemüht hat, gerade ein gemeinsames Geistesleben, das alle Menschen gleich hinstellen sollte vor Gott, über die Menschheit auszugießen. Und auch wenn Sie zurückschauen mei­netwillen auf das Geistesleben des alten Hebräertums, gewiß, da waren die Schriftgelehrten und Pharisäer, einzelne Gemeinschaften, die sich heraushoben, die im Besitz eines gewissen geistigen Lebens waren; aber das, was sie aus diesem Geistesleben heraus gegeben haben, das gaben sie allen Klassen in gleicher Weise. Die Klassenscheidung bezog sich viel mehr auf anderes als auf das Geistesleben selbst. Und wir dürfen nicht vergessen, daß zum Beispiel das Mittelalter hindurch der Inhalt des Geisteslebens in etwas ganz anderem lag, als er heute liegt. Der In­halt des Geisteslebens im Mittelalter lag im Bilde, das in der Kirche war, wo es jeder sehen konnte, wo es der höchste Adelige sehen konnte, wo es der letzte Arme sehen konnte. Dieses Geistesleben verband die Menschen von unten nach oben.

Dann kam aber die neuere Zeit herauf, welche im wesentlichen das Literarische an die Stelle des alten Bildhaften setzte. Immer geringeres und geringeres Verständnis zeigte sich für das Bildhafte, für das Ima­ginative, und immer mehr und mehr suchten die Leute die Bildung in dem Literarischen, in dem Schrifttum, in den niedergeschriebenen und gedruckten Worten. Und dieses niedergeschriebene und gedruckte Wort nahm immer mehr und mehr die Gestaltung an, welche es mög­lich machte, daß gewissermaßen neben dem proletarischen allgemein-menschlichen Fühlen sich eine Oberschicht der Bildung herausgestal­tete. Diese Seelenzweiheit im sozialen Leben, die immer mehr und mehr herauskam in der neueren Zeit, die begründete viel mehr als alles andere

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die tiefe, tiefe soziale Kluft, die jetzt solche furchtbaren Fol­gen hat.

Dazu kam noch, daß ja an sich in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum, in diesem Zeitraum der herrschenden Bewußtseinsseelen-Entwickelung, die Menschen immer egoistischer und egoistischer wur­den, weil sie sich gewissermaßen auf die Spitze der menschlichen Per­sönlichkeit stellen mußten, weil sie gerade die menschliche Persönlich­keit ausbilden sollten. Durch diese Ausbildung der menschlichen Per­sönlichkeit stellte sich das heraus, daß die Menschen immer weniger und weniger fähig waren, wirklich einander zu verstehen, aufeinander einzugehen. Wir sind ja endlich in diesem Zeitalter der Gegenwart da-hin gelangt, wo es fast zur Unmöglichkeit geworden ist, daß einer von dem anderen überzeugt werde, wo daher Ausbreitung von Ideen so leicht gesucht wird auf dem Wege der Gewalt. Wie oft habe ich es hier und sonst in unserem Gemeinschaftszusammenhange betont, daß heute eigentlich ein jeder über alles - aus keinerlei Voraussetzungen heraus - immer seinen Standpunkt hat. Es kann heute einer ein noch so junger Dachs sein, er hat gegenüber den gereiftesten Anschauungen eben seinen Standpunkt. Das Gefühl, daß Gesichtspunkte für das Le­bensurteil gewonnen werden sollen durch Heranreifen, durch Aus­breitung der Erfahrung, dieses Gefühl ist immer mehr und mehr zum Schwinden gekommen. Das Eingehen auf den anderen, so daß man überzeugt werden kann von dem, was in der Seele des anderen lebt, das ist immer mehr und mehr zurückgetreten; daher verstehen sich die Menschen so ungeheuer wenig.

Dazu kam, daß im Laufe der letzten Jahrhunderte sich die Men­schen vom Geistigen überhaupt immer mehr und mehr abgewendet ha­ben. Ich habe neulich erst hier noch einmal besonders betont, wie man durchaus nicht sich täuschen lassen soll dadurch, daß auch heute die Leute noch in die Kirche gehen und behaupten, Religion zu haben. Diese Religion bedeutet gegenüber dem Zusammenhange, den der Mensch braucht und suchen soll zwischen der sinnlichen Welt, in der er lebt zwischen Geburt und Tod, und der übersinnlichen Welt, außer­ordentlich wenig. Der größte Teil von dem, was die Menschen heute als religiösen Inhalt für sich behaupten, ist ja nichts weiter als ein Leben

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in Worten, als ein Leben in der Sprache. Und nachdem wir betont haben gestern und vorgestern, wie abstrakt das Leben in der Sprache geworden ist, braucht es uns nicht zu verwundern, daß auch das reli­giöse Leben, das sich ja zumeist in der Sprache für die Menschen aus­drückt, ein abstraktes und damit ein materialistisches geworden ist. Denn alles Abstrakte führt eigentlich den Menschen immerzu zum Ma­terialistischen. Und die Frage, die eigentlich unser ganzes Leben fort­während durchdringen und durchklingen sollte: Was ist eigentlich der Mensch? - die Frage ist ja auf etwas hinweisend, das dem heutigen Menschen, dem Durchschnittsmenschen kaum zugänglich ist. Beden­ken Sie doch, daß, um die Frage zu beantworten, was der Mensch ist, man nötig hat, in hingebungsvoller Art auf die ganze Welt einzugehen; denn der Mensch ist ein Mikrokosmos, eine kleine Welt, und er wird nur verständlich, wenn man ihn sich vorzustellen vermag so, wie er herausgeboren ist aus der ganzen Welt. Zum Verständnis des Men­schen ist das Verständnis der Welt nötig. Wie wenig wird aber heute im Zeitalter der rein auf das Äußerliche gehenden Naturwissenschaft ein wirkliches Verständnis der Welt und damit eine Verständnis des Men­schen gesucht. So wenig man nun in der Gegenwart oftmals denkt, das hinge gar nicht zusammen mit dem Verständnis für die soziale Frage, so ist es doch durchaus wahr, daß alles das, was ich jetzt eben wieder aufgeführt habe, mit dem Verständnis für die soziale Frage innig zusammenhängt. Man wird aber diesen Zusammenhang erst all­mählich wiederum merken, wenn man liebevoll wird eingehen wollen auf das Geistige. Heute will man die soziale Frage lediglich aus äußeren Dingen heraus lösen. Wirklich lösen wird man sie nur können, wenn man für alles Streben und Empfinden und Wollen des Menschen das geistige Erleben zugrunde legen kann, wenn man fruchtbar wiederum die Frage stellen wird können: Wie kann eine wahre Verbindung her­gestellt werden zwischen der Welt, in welcher der Mensch lebt zwi­schen der Geburt und dem Tode, und der Welt, in der er lebt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt?

Sie kennen alle schon mehr oder weniger die «Gruppe», welche die Trinität für die Weltanschauung der Zukunft darstellen soll: den Menschheitsrepräsentanten zwischen Luzifer und Ahriman. Sie werden

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bemerkt haben, daß versucht worden ist, diesen Menschheitsreprä­sentanten in solcher Weise darzustellen, daß er als Ganzes eigentlich so wirken soll, wie sonst nur das menschliche Antlitz in seinen Zügen wirkt. Das menschliche Antlitz in seinen Zügen wirkt so, daß diese Züge ein Ausdruck des Seelenlebens sind. Wir sprechen von Physiog­nomie, wir sprechen mit Bezug auf gewisse äußere Dinge beim Men­schen von Gesten, und wir wissen, daß diese Beweglichkeit, die sich in Physis und Geste ausdrückt, zusammenhängt mit dem Seelenleben. Nicht nur wurde versucht, das Antlitz, so weit als es beim Menschen zwischen Geburt und Tod einen physiognomischen Ausdruck hat, in dem Menschheitsrepräsentanten unserer Gruppe physiognomisch dar­zustellen, sondern gewissermaßen nach dem Prinzip, wie in der Natur nur das menschliche Antlitz gebaut ist, so wurde versucht, den ganzen Menschen zu bilden, jede Formung, jedes Glied gewissermaßen zu einem erweiterten Antlitz zu machen. Warum denn das? Weil in un­serer Zeit wiederum das Bestreben Platz greifen muß, ein gemeinsames Verständnis zu schaffen zwischen Wesen, welche nur als geistig-see­lische Wesen leben, und Wesen, die hier auf der Erde im physischen Leibe leben, wie zum Beispiel die Menschen. Vergegenwärtigen wir uns - wie wir uns vergegenwärtigt haben, was die Toten von unserer Sprache vernehmen -, was sie überhaupt von unserer Erde im ganzen vernehmen.

Wir haben auf unserer Erde erstens das weite Steinreich, das Mine­ralreich; bis zu einem gewissen Grade haben wir dieses Mineralreich in Kristallformen, dann aber auch zerschlagen, amorph, wie man sagt. Im Grunde genommen sehen die Toten von der Erde nur die Kristall­formen und dasjenige, was sich sonst aus den morphologischen, aus den Gestaltungsverhältnissen der Erde als regelmäßige Gestalt ergibt; und das sehen sie wie einen Hohlkörper. Sie können die Dinge nachlesen in meiner «Theosophie». Von den Pflanzen sehen die Toten zunächst nicht diejenige Gestalt, die wir mit unseren Augen sehen. Es ist sogar sehr schwierig, darauf hinzuweisen, was die Toten von der Pflanzen­welt sehen. Erstens ist ihnen die ganze Pflanzenwelt der Erde wie ein großer Leib; aber sie sehen nicht die grüne Pflanzengestalt, die wir sehen, sondern sie sehen eine gewisse Bewegung, das Wachsen der

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Pflanzen, sie sehen das Entstehen eines Blattes nach dem anderen bis zur Blüte hin; sie sehen dasjenige, was gerade den Menschen entgeht. Sie sehen also die Erde als einen einheitlichen großen Organismus und gewissermaßen geistig die Haare herauswachsen aus der Erde - denn vergeistigt sind diese Pflanzen. Wiederum von der Tierwelt - ich spreche jetzt immer von den äußeren sinnlichen Formen - sehen die Toten nur das Laufen der Tiere über die Erde; nicht die einzelne Ge­stalt des Tieres, sondern die Ortsveränderung.

Und von den Menschen, insofern die Menschen physische Gestalten tragen, was sehen davon die Toten? Ja, die menschliche Gestalt als solche ist fast ganz so, nur wenige Teile ausgenommen, daß die Toten überhaupt von den Menschen nichts sehen. Sie nehmen die Seele wahr, das Geistige, aber die äußere Gestalt gar nicht. Würden wir also rein naturalistisch den Menschheitsrepräsentanten gestaltet haben als eine solche menschliche Gestalt, wie der Mensch hier auf der Erde ist, so würde diese Gestalt für die Toten schlechterdings unwahrnehmbar sein; auch für die Angeloi, Archangeloi. Für alle geistigen Wesen, die nicht mehr einen Leib tragen, in dem sinnliche Augen drinnen sind, ist die menschliche Gestalt, rein nachgebildet ihrer Form nach, etwas Un­sichtbares, etwas Unwahrnehmbares. Und erst wenn Sie beginnen, Seelisches in der Form auszudrücken, so daß die äußere Form nicht mehr naturalistisch der hiesigen Menschengestalt entspricht, dann be­ginnen auch die Toten diese Form zu sehen. Wenn Sie ein gewöhnliches symmetrisches Gesicht hinhauen - wie ja im allgemeinen die Gesichter nicht sind, aber wie sie die Menschen sehen -, so sieht der Tote von einem solchen sogenannten Kunstwerke nichts. Unsere Gestalt konnte nur dadurch sichtbar gemacht werden auch für die übersinnlichen Wesenheiten, daß sie asymmetrisch ist, daß die Asymmetrie besonders betont ist, daß etwas drinnen ist, was seelisch ist, und was sich sonst naturalistisch nicht in der äußeren Form ausdrückt.

Nun aber bedenken Sie, wie die Kunst in der neueren Zeit immer naturalistischer und naturalistischer geworden ist! Ich habe es viel­leicht schon erzählt: Ich habe als junger Dachs einen befreundeten Bildhauer gekannt, der dann sogar sich in seinem Heimatlande einen gewissen Namen erworben hat, der sagte - wir sprachen über künstlerische

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Denkmäler - zu meinem Entsetzen: Nun, die beste Nachbildung eines Menschen würde doch entstehen, wenn man ganz genau räumlich jedes einzelne, was am Menschen ist, in Stein oder in Bronze oder sonst einem Material nachbildete. - Ich antwortete: Was dadurch entsteht, das ist das Gegenteil von dem, was entstehen soll! Das ist so weit wie möglich von einem Kunstwerk entfernt! Denn in Wirklichkeit sollte ein Kunstwerk nichts haben von einer solchen bloßen Nachbildung, es sollte alles anders sein wie im Original. - Das verstand der gar nicht; der «Abguß» war ihm eigentlich das vollkommenste plastische Kunst­werk. Aber man möchte sagen: Aus dieser Gesinnung heraus ist ja vielfach die neuere Kunst gebildet, und auch das Kunsturteil ist da­nach gebildet. Woher soll denn schließlich auch ein anderes Kunst-urteil kommen? Nicht wahr, die Leute müssen doch irgend etwas emp­finden, wenn sie irgend so etwas in Marmor oder in Bronze Geformtes oder dergleichen sehen! Wenn nun die Leute gar keine Beziehung zu einer geistigen Welt haben, so können sie doch schließlich gar nicht anders ein Kunsturteil fällen, als indem sie sich fragen: Ist das natur­gemäß, gibt es so etwas in der Natur? - Und wenn irgendeiner findet:

So etwas gibt es nicht -, so hält er es eben nicht gerechtfertigt, was die Kunst darstellt.

Aber, meine lieben Freunde, sagen wir uns das doch immer wieder und wiederum: Es ist ja eigentlich etwas Lächerliches in diesem rein naturalistisch das Leben Nachbilden! Hauptmannsche Dramen zu schreiben, ist doch etwas Lächerliches, denn das kann ja selbstver­ständlich die Natur doch besser. Da kommen wir ja doch der Natur nicht nach. Während dasjenige, was - wenn auch unvollkommen -herausgeholt ist aus der geistigen Welt, eine Bereicherung der Natur ist, etwas Neues in diese Welt hereinstellt. Aber immer mehr und mehr hat sich die neuere Zeit diesem Naturalismus zugewendet, der eben der Materialismus auf geschichtlichem Gebiete ist.

Das alles rührt von der Abkehr der Menschen vom Geistesleben her. Eine Rückkehr, eine gesunde Rückkehr zum Geistesleben ist nur mög­lich dadurch, daß wir uns in solcher Konkretheit die Beziehungen des Sinnlichen zu dem Übersinnlichen vorstellen, wie wir es jetzt wieder­um versucht haben auf den verschiedensten Gebieten, indem wir uns

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klarmachen, was der Tote hört von der Sprache, sieht von den For­men, die hier auf der Erde für den sinnlichen Menschen vorhanden sind. Wenn wir, ebenso wie für irgend etwas auf der physischen Erde, uns im einzelnen konkret klarmachen, wie die Beziehungen vom Sinn­lichen und Übersinnlichen sind, dann haben wir erst eine reale Vor­stellung über den Zusammenhang des Sinnlichen und des Übersinn­lichen! In der neueren Zeit hat erst der heraufkommende materialisti­sche Naturalismus, der seit dem 15., 16. Jahrhundert immer energischer die Menschen ergriffen hat, den Sinn für diesen Zusammenhang von Sinnlichem und Übersinnlichem getötet. Die Wissenschaft läßt zuletzt nichts mehr gelten als dasjenige, was sinnlich-tatsächlich ist. Dadurch haben die Menschen sich losgerissen von einem wirklichen, lebendigen Zusammenfühlen mit der geistigen Welt.

Im 18. Jahrhunderte war das in einzelnen Kulturgebieten noch an­ders. Da hat innerhalb der französischen Kultur unter den Enzyklopä­disten der Materialismus seine geistreichsten Früchte getrieben, dann hat er sich immer mehr und mehr ausgebreitet, und dann ist zuletzt das­jenige gekommen, was am meisten abführt von der geistigen Welt: das Leben in den theosophischen Abstraktionen! Dieses Leben in den theo­sophischen Abstraktionen, das sich darauf beschränkt, daß man sagt:

der Mensch besteht aus physischem Leib, Ätherleib und Astralleib und so weiter, der Mensch hat ein Karma, der Mensch lebt in wiederholten Erdenleben -, daß man diese Abstraktionen wie etwas Großes lehren will und dabei in Worten steckenbleibt, das führt zuletzt sogar zu dem äußersten Hochmut, der in vielen theosophischen Gesellschaften so verbreitet ist; denn da bleibt man ganz in äußeren Worten stecken. Erst wenn man übergeht zu einer solchen Charakteristik wie: Was hö­ren die Toten von dem, was wir sprechen? Was sehen die Toten von dem, was wir in unserer Umgebung hier haben? - erst wenn man zu solchen konkreten Vorstellungen vorschreitet, erschließen sich wirk­liche Gedanken über die geistige Welt. Die äußersten Extreme grenzen aneinander: das Schwefeln und Schwafeln in Worten, wie astralischer Leib, Ätherleib und so weiter, hinter denen oftmals gar nichts anderes steckt als das Wort, und der rein naturalistische Materialismus.

Für diese Dinge muß man durchaus ein Gefühl sich erwerben, ein

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solches Gefühl, daß man verlangt, im Konkreten zu hören über die Beziehungen der physischen und der überphysischen Welt. Und nur wenn wir uns erfüllen mit solchen konkreten Vorstellungen des Zu­sammenhanges zwischen der physischen und der überphysischen Welt, können wir wiederum zurückkehren zu dem, was in anderer Weise Menschen älterer Erdepochen gehabt haben, können zurückkehren zu weit ausgreifenden Weltinteressen. Wir können fragen: Warum ist denn all das Unglück über die Erde hereingebrochen, das über die Erde hereingebrochen ist? Ja, der letzte Grund ist doch der, daß die Inter­essen der Menschen so enge geworden sind, daß sie kaum über das Alleralltäglichste hinausgehen. Selbstverständlich, wenn der Mensch aufhört, sich für die Sterne zu interessieren, dann beginnt er sich für den Kaffeeklatsch zu interessieren; wenn der Mensch aufhört, die Be­ziehungen der höheren Hierarchien in einigen Gedanken zu überblik­ken, so beginnt in ihm die Sehnsucht, seine Zeit im alltäglichen Spiel zu vertändeln. Man sehe sich nur die Interessen an, welche seit ein paar Jahrhunderten die führend gewordenen Kreise der Menschheit erfül­len, man sehe an, was diese Leute vom Morgen bis zum Abend tun! Und wenn man das mit Verständnis ansieht, so wird man sich nicht wun­dern, daß ein solches Debakel der Menschheit eingetreten ist, wie es eingetreten ist. Die Menschen sind ja heute froh, wenn sie über irgend etwas nur eine mit ein paar Worten umrissene Vorstellung gewinnen können! Sie sind froh, wenn sie in bequemer Weise das eine oder das andere umfassen können.

Die Entwickelungsgeschichte der Menschheit spricht ja laut und deutlich über die verschiedenen Möglichkeiten, die Dinge anzusehen. Unzählig sind in dieser Richtung die Beispiele. In den letzten Jahren hat man zum Beispiel der deutschen Kultur immer wieder und wie­derum vorgeworfen, daß sie einen Hegel hat mit seiner Staatstheorie, daß von Hegel gesagt worden ist: der Staat ist zuletzt etwas wie eine Art Gott auf Erden. Ja, aber man bedenke, daß innerhalb des deut­schen Geisteslebens nicht nur Hegel vorhanden war, sondern Stirner, und zwar gar nicht viele Jahre getrennt von Hegel. Während für He­gel der Staat etwas war wie der wandelnde Erdengott, war für Stirner der Staat überhaupt ein Dreck, etwas, was man nur zu negieren hat.

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Die beiden lebten sehr nahe nebeneinander. Man kann sich keine grö­ßeren Extreme denken, beide aus demselben Geistesleben heraus. Will man dann solch ein Geistesleben darstellen, dann muß man es schon so machen, wie ich es zum Beispiel in meinen «Rätseln der Philosophie» gemacht habe, wo der eine mit demselben Anteil dargestellt wird wie der entgegengesetzt Denkende. Sie können bei mir zuerst so über Hegel lesen, daß Sie glauben könnten, ich stünde auf Hegeischem Stand­punkt; dann können Sie bei mir lesen über Stirner so, daß Sie glauben könnten, ich stünde auf Stirnerschem Standpunkte. Damit soll aber nichts anderes angedeutet sein, als daß wir uns erziehen sollen zu einem Verständnis für die Vielseitigkeit der Menschen, zu einer inneren To­leranz! Uns soll interessieren dasjenige, was in der Seele des anderen ganz anders gedacht ist als unser eigenes Gedachtes; denn wir sollen das Gefühl haben, daß dieses Andere das Unsere ergänzt. Sagen wir, da seien einzelne Menschen, zehn einzelne Menschen (es wird gezeich­net), ich sei einer davon, die anderen neun sind da herum. Nun sage ich mir: Ich denke über gewisse Sachen so, der zweite denkt so, der dritte so, der vierte und fünfte so, alles untereinander mehr oder we­niger variiert und verschieden; alle haben wir recht, keiner hat recht. Wenn wir ungefähr das arithmetische Mittel aus alledem erfühlen, wenn wir uns im Zusammenhang so fühlen, daß wir alles mit gleicher Liebe auffassen, gleichgültig ob wir es sagen, oder es die anderen sagen, daß wir lernen, uns in der Gesamtheit drinnen zu fühlen, dann eilen wir gemeinsam der Bestimmung entgegen, die für die Menschen der Zukunft da ist. Dieses Entgegeneilen müssen wir anstreben. Wir müs­sen es einfach aus dem Grunde anstreben, damit wir einen Sinn bekom­men für wirkliches soziales Leben. Wir müssen lernen fühlen, drinnen-zustehen in dem, was von dem Sprachgenius umfaßt wird, drinnenzu­stehen in dem, was von dem gemeinsamen Rechtsleben, von dem Rechtsgenius umfaßt wird; wir müssen lernen, drinnenzustehen in dem, was von dem gemeinsamen Wirtschaftsgenius umfaßt wird: erst dieses lebendige Sich-Drinnenfühlen in einem Ganzen, das sich bewußt der Mensch aneignen muß im Bewußtseinszeitalter, erst das treibt ihn der Zukunftsbestimmung der Menschheit entgegen. Dieses Entgegengehen der Zukunftsbestimmung können wir uns aber nicht anders aneignen,

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als wenn wir unsere Interessen immer weiter und weiter machen; das heißt aber mit anderen Worten: Wenn wir immer mehr von uns los­kommen lernen. Ja, meine lieben Freunde, geht man ganz ehrlich mit sich zu Rate, so wird man zuletzt doch finden, daß eigentlich das Alleruninteressanteste von der ganzen Welt dasjenige ist, was man sel­ber über sich im Kreise des engsten Ich denken und empfinden kann. Über dieses engste Ich empfinden und denken allerdings viele Men­schen in der Gegenwart sehr viel. Daher ist ihr Leben so langweilig, daher sind sie so unbefriedigt vom Leben. Wir werden niemals inter­essant, wenn wir uns in diesem Punkt nur immer so herumdrehen. Dagegen wenn wir nach außen schauen und immer auf das blicken, wie die Außenwelt zu uns hinstrahlt, wenn wir die Interessen immer mehr erweitern, dann wird unser Ich interessant dadurch, daß es uns einen Standpunkt abgibt für die Beobachtung der Außenwelt, dann wird unser Ich erst dadurch bedeutend, daß gerade in diesem Punkte des Ich nur wir ja die Welt sehen können, kein anderer. Ein anderer sieht sie wieder von einem anderen Standpunkte aus.

Aber wenn wir in uns selber bleiben und uns immer um uns selber drehen, so betrachten wir eigentlich nur dasjenige, was wir mit allen anderen Menschen gemeinschaftlich haben; dann verliert zuletzt jeder andere Mensch und dann verliert die ganze Welt für uns eigentlich das Interesse. Erweiterung des Interesses, das ist ja auch vor allen Din­gen dasjenige, was angestrebt wird durch Geisteswissenschaft. Um aber diese Erweiterung des Interesses zu erfahren, ist es notwendig, daß wir unsere Seele so erziehen, daß sie in die Lage kommt, empfänglich zu sein für dasjenige, was von außen an sie herantritt, daß sie wirklich Neues aufnehmen kann. Geisteswissenschaft weisen die Leute nicht aus dem Grunde zurück, weil sie schwierig ist - sie ist nämlich nicht schwierig -, sondern sie weisen sie aus dem Grunde zurück, weil sie nicht in den eingefahrenen Gedankenbahnen fortrollt, weil sie von den Leuten neue Gedankenbahnen fordert. Alles das, was neue Ge­dankenbahnen fordert, weisen die Leute zurück. Man kann ja sehr merkwürdige Erfahrungen machen. Den Inhalt des Aufrufes, den Sie kennen, auch verschiedenes aus der Schrift, die nunmehr in wenigen Tagen erscheinen wird über die soziale Frage, habe ich während der

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letzten Schreckensjahre diesen und jenen Persönlichkeiten mitgeteilt, weil es sich eigentlich darum gehandelt hätte, daß die Leute hätten ler­nen sollen aus den bitteren Erfahrungen der letzten Jahre heraus, von sich aus so zu handeln, wie es nötig gewesen wäre zu handeln. Wenn ich zum Beispiel dem einen oder dem anderen gegenüber die Notwendig­keit besprochen habe, daß das geistige Leben auf sich gestellt werde, daß es nicht weiter verquickt werde mit dem Staats- und Wirtschafts­leben, so haben sich die Leute das ja angehört; aber bei sehr vielen sol­chen Anlässen, da hat es zunächst ausgesehen, als ob sich die Leute an­strengten, einen Gedanken dabei zu entwickeln. Ist man dabei, indem man redet, dann sind die Leute höflich und machen es nicht so, wie sie es machen, wenn sie die Sache nur lesen sollten. Sie haben also ei­nen Gedanken entwickelt, aber dann, nachdem die Höflichkeitsgeste vorbei ist, die doch keine Gedankenwahrheit hat, da schnurrt wieder der Gedankenautomat ab, und da hörte man bei solchen Gelegenheiten immer wiederum: Ach ja, verständlich ist die Trennung der Kirche von der Schule! - Das war das einzige, was die Leute gehört haben, das einzige, was als ein gewohnter Gedanke seit alten Zeiten immer wie­der von dem einen so, von dem anderen anders gesagt wird - einge­fahrenes Gedankengeleise! Das andere geht vorüber wie Schall und Rauch.

Da berühren wir die Dinge, die in unserer Zeit anders werden müs­sen. Jenes Hingebungsvolle, das wir entwickeln sollen, wird auch emp­fänglich werden für die Offenbarungen, die sich, wie ich kürzlich hier ausführte, aus der geistigen Welt gerade in unserem Zeitalter den Men­schen offenbaren wollen. Wie oft hörte man in der letzten Zeit die Worte: Einfach, einfach muß alles sein! - Und immer wiederum konnte man ja, zum Beispiel mit Bezug auf Goethe, die gescheitesten Leute zi­tieren hören: «Der Allumfasser, Allerhalter, umfaßt er nicht dich, mich, sich selbst?» «Name ist Schall und Rauch, Gefühl ist alles» und so weiter. Es sollte sehr tiefsinnig sein. Aber Goethe hat es geschrieben als einen Unterricht des Faust an ein sechzehnjähriges Mädchen; das hat man übersehen! Das wurde tiefe philosophische Weisheit, was, für das naive Gretchen-Gemüt gerade geeignet, hingeschrieben worden ist! Das bemerkten die Leute nicht. Aber selbstverständlich ist leichter zu

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begreifen, was für ein sechzehnjähriges Gretchen ist, als dasjenige, was eben nicht für ein sechzehnjähriges Gretchen, sondern für gereifte Men­schen ist. Die Verirrungen in dieser Richtung sollte der Mensch der Gegenwart wohl ins Auge fassen und abkommen von vielen, vielen hergebrachten Begriffen. Immer wieder und wieder ist ja durch die Kultur der neueren Zeit auch dasjenige durchgetönt, was gewisse Keime für die Zukunft enthält. Ich habe ein Fichte-Wort vor einiger Zeit hier zitiert: «Der Mensch kann, was er soll; und wenn er sagt, ich kann nicht, so will er nicht.» Das ist ein sehr wichtiges Wort, vor allen Dingen ein Wort, das der moderne Mensch unbedingt als eine Richtlinie für sich braucht. Denn der moderne Mensch darf sich nicht aufs Faulbett legen und gewissen Bedingungen gegenüber sagen: Das kann ich nicht. - Es liegt einmal in der Natur des modernen Menschen, daß er viel mehr kann, als er sich oft einredet, und daß «Genie» für ihn immer mehr und mehr ein Ergebnis des Fleißes sein muß. Aber man muß den Glauben zu diesem Fleiß sich erringen können. Man muß gewissermaßen jeden Gedanken möglichst beseitigen, daß man das oder jenes, was man soll, nicht könne. Man soll sich immer vor Augen halten, wie unendlich nahe es liegt, zu erklären, man könne etwas nicht, weil es einem zu unbequem ist, den Versuch zu machen, es zu tun. Und je mehr der moderne Mensch sich in der Alltäglichkeit dies zur Regel macht, desto mehr wird er sich zu dieser Stimmung hinauf-arbeiten für das Seelisch-Geistige, für die Empfänglichkeit des Seelisch-Geistigen. Diese Stimmung wird bei viel mehr Menschen, als Sie heute glauben, die innere Erfahrung hervorrufen von dem, was anthroposo­phisch orientierte Geisteswissenschaft sagen will. Es ist zu haben, meine lieben Freunde, dasjenige, was anthroposophisch orientierte Geistes­wissenschaft wenigstens für gewisse elementarische Dinge sagen will, es ist zu haben für das menschliche Gemüt. Man fasse nur den Mut, es zu haben. Dann aber, wenn man diese Stimmung entwickelt, dann wird auch das soziale Verständnis und das soziale Interesse sich ent­wickeln. Denn wann haben wir kein soziales Verständnis? Wir haben nur dann kein soziales Verständnis, wenn wir keine Interessen haben, die über unseren eigenen Lebenskreis hinausgehen. Das soziale Ver­ständnis erwacht sogleich, wenn wir uns auch für dasjenige interessieren,

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was über unseren Lebenskreis hinausliegt, aber wahrhaftig und wirklich interessieren! Diese Dinge zu berücksichtigen, ist ganz be­sonders nötig im Zeitalter der Bewußtseinsseelen-Entwickelung. Es ist aus dem Grunde nötig, weil die Weltenkräfte den Menschen im Zeit­alter der Bewußtseinsseelen-Entwickelung auf das Ich hinweisen, auf die Bewußtseinsseele hinweisen. Also muß er um so mehr auf der Hut sein, über dieses Ich hinauszukommen! Weil so viel Antisoziales aus den Tiefen der Seele des Menschen heute aufsteigt, deshalb muß das Bewußtsein um so mehr Soziales entwickeln, das wir wiederum hin­unterschicken in die unterbewußten Tiefen. Es liegt heute für die mei­sten Menschen so nahe, mit sich nichts rechtes anfangen zu können. Das rührt aber nur davon her, weil sie nur mit sich etwas anfangen wollen. In dem Augenblick, wo man nicht bloß mit sich, sondern mit der ganzen Welt empfindend und fühlend etwas anfangen will, dann fängt man auch das Richtige mit sich an.

Diese Dinge liegen ja neben demjenigen, was man heute Verständ­nis nennen kann für die soziale Frage. Die soziale Frage ist in vieler Beziehung eine Seelenfrage. Aber nur derjenige, der in anthroposo­phisch orientierter Geisteswissenschaft drinnensteht, wird sie in rich­tiger Art als eine Seelenfrage zu erfühlen wissen. Das wollte ich Ihnen heute noch sagen.

SIEBENTER VORTRAG Dornach, 5. April 1919

#G190-1991-SE109 Vergangenheits- und Zukunftsimpulse im sozialen Geschehen

#TI

SIEBENTER VORTRAG

Dornach, 5. April 1919

#TX

Ich werde heute sehr pedantisch beginnen müssen, weil ich genötigt sein werde, aus einer Einzelheit heraus einiges Licht zu werfen auf unsere Zeit im Sinne einer allgemeinen Charakteristik dieser Zeit. Eine Eigenschaft unserer Zeit, deren Betrachtung aber außerordentlich wichtig ist für denjenigen, der im geisteswissenschaftlichen Sinne, das heißt, mit offenem Seelenauge unsere Zeit betrachten soll, möchte ich Ihnen charakterisieren. Und da möchte ich gewissermaßen empirisch von einem einzelnen Beispiel ausgehen, was sehr pedantisch erscheinen könnte, was aber eben ein Symptom ist für eine ganz, ganz allgemeine Eigenschaft unserer Zeit. Vorerst möchte ich nur andeuten, welche Eigenschaft unserer Zeit ich eigentlich meine. Es ist eine gewisse Seelen-verwirrung, die herrührt aus einer sehr bedeutsam wirkenden Ober­flächlichkeit unserer Zeit. Dafür also möchte ich von einem ganz kon­kreten Einzelbeispiel ausgehen.

Sie werden sich vielleicht, wenigstens einzelne von Ihnen, erin­nern, daß in den vielen, unübersehbar vielen Besprechungen über die Ereignisse, die dieser Weltkriegskatastrophe vorangegangen sind, ein englisches Telegramm eine große Rolle spielt, welches in einer ganz bestimmten Weise auch nachkonstruiert worden ist. Ich werde heute nicht wieder auf die Kriegsursache eingehen, davon rede ich heute nicht, ich rede von dieser formalen Eigenschaft unserer Zeit. Mit all-dem, was wir besprochen haben über die Vorgänge des Jahres 1914, hat das, was ich jetzt besprechen werde, unmittelbar nichts zu tun. Also von einem Telegramm ist viel die Rede gewesen, welches in Lon­don verfaßt und nach Petersburg geschickt worden ist, und das dort eine merkwürdige Rolle gespielt hat, trotzdem der Glaube bestanden hat, daß dieses Telegramm eigentlich im Einverständnisse des Außen­ministers Grey mit dem Botschafter Lichnowsky entstanden ist. So hat man sich die Entstehung des Telegramms gedacht, welches in Peters­burg einen besonderen Eindruck gemacht hat und auf welches hin unmittelbar die russische Mobilisation erfolgt ist. Und das war vielfach

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eine Rätselfrage, wie es denn kommt, daß durch Verabredung zwischen dem deutschen Gesandten in London, Lichnowsky, mit Ed-ward Grey ein Telegramm zustande kommt, das nach Petersburg ge­schickt wird, und das unmittelbar dort die Mobilisation veranlaßt.

Einen Beweis für die Existenz dieses Telegrammes, das merkwür­digerweise eben viel besprochen worden ist, nur sich in dem englischen «Blaubuch» nicht findet, einen merkwürdigen Beweis dafür sah man in der Formulierung des Vorschlages, den Sassonow gemacht hat, wie man sagte, unmittelbar auf dieses Telegramm hin, also eigentlich ohne Berücksichtigung eines Vorschlages, an dessen Gestaltung auch der deutsche Botschafter teilgenommen hat, das von England ausgegangen ist. Ohne Rücksicht auf die Gestaltung dieses Telegrammes ist sofort in Rußland die Mobilisierung in Szene gesetzt worden.

Wie gesagt, ich spreche nicht über die Kriegsursachen, ich will nur zunächst hervorheben, daß es eine große Rätselfrage war, wie gerade auf dieses Telegramm hin Sassonow die Formulierung seines Vorschla­ges bezüglich Österreichs und Serbiens habe machen können, wie er mit der Mobilisierung hat einverstanden sein können und so weiter. Unter den Leuten, die viel geredet haben über dieses Telegramm, ist auch der damalige deutsche Reichstagsabgeordnete David, der jetzige deut­sche sozialistische Minister David. Er hat nicht nur eine Reichstagsrede gehalten, also vor einer großen Anzahl von Menschen, die in einer so ernsten Zeit doch in eine solche Sache selbstverständlich eingeweiht sind, er hat auch einen sehr aufsehenerregenden Artikel in der «Frank­furter Zeitung» über dieses Telegramm geschrieben. Das wurde also eine sehr rätselhafte Sache. Nun will ich Ihnen die Formulierung auf die Tafel schreiben - Sie sehen, ich fange heute sehr pedantisch an -, welche der Vorschlag des russischen Außenministers Sassonow auf die­ses Telegramm hin angenommen hat: «Im Auftrag seiner Regierung» -so ist die Übersetzung - «übermittelte mir der englische Botschafter den Wunsch des Londoner Kabinetts einige Abänderungen in der For­mel, die ich gestern dem deutschen Botschafter vorschlug, anzubrin­gen. Ich antwortete, daß ich den englischen Vorschlag annehme. Hier­mit übermittele ich Ihnen die entsprechende abgeänderte Formel.»

Auf diese Formel des Sassonow berief sich auch, wie gesagt, der

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jetzige deutsche Minister David, und in dem Artikel in der «Frank­furter Zeitung», den er geschrieben hat, unterstreicht er besonders noch die Worte: «Ich antwortete, daß ich den englischen Vorschlag annehme. »

Mit diesem Satze soll zum Ausdruck kommen, daß angenommen werde der englische Vorschlag, der in jenem Telegramm formuliert gewesen wäre zwischen Lichnowsky und Grey, und von dem sehr viel die Rede ist. Von diesem Telegramm, auf das sich David stützt, han­delt ein ganzer langer Artikel der «Frankfurter Zeitung», der sehr viel gelesen worden ist und sehr großes Aufsehen gemacht hat, und der namentlich eben Licht wirft auf dieses Telegramm, ausgehend da­von, daß kurioserweise Sassonow antwortet: «Ich antwortete, daß ich den englischen Vorschlag annehme.» Nun folgt aber die Mobilisation darauf. Also mußte das Telegramm, das ist daraus zu schließen, ent­halten haben einen englischen Vorschlag zur Mobilisation.

Nun bemerke ich: diese Unterstreichung findet sich in der Formel nicht; aber diese Unterstreichung ist außerordentlich wichtig für das, was ich die Verwirrung unserer Zeit nenne. Denn selbstverständlich, wenn die Leute heute etwas unterstreichen, das heißt, fett gedruckt fin­den, dann sind sie darauf besonders aus, das aufmerksam zu verfolgen und sehen in einem solchen Unterstrichenen den Hauptinhalt der Sache. Aber es ist eben, wie gesagt, gar nicht unterstrichen in der Original-formel. Aber man lese einmal diese Formel. Man lese sie nun einmal wirklich. So, wie in ausführlichen Artikeln darüber die Rede ist, wird hier verwiesen auf einen Vorschlag, der in einem Telegramm, wie ich es Ihnen ausgeführt habe, enthalten sein soll. Aber man lese einmal diese Formel: «Im Auftrag seiner Regierung übermittelte mir der englische Botschafter den Wunsch des Londoner Kabinetts einige Ab-änderungen in der Formel, die ich gestern dem deutschen Botschafter vorschlug, anzubringen.» Die Formel, von der hier Sassonow spricht, ist die, die Sassonow am vorhergehenden Tage selbst gemacht hat. Über diese Formel wurde von Grey eine Anderung gewünscht. Diese Anderung bringt er an und sagt: «Ich antwortete, daß ich den eng­lischen Vorschlag annehme» -, nämlich die Formel, die er gestern ge­macht hat, heute zu ändern. Also dieser Satz bezieht sich darauf, daß

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er die gestern gemachte Formel, die Formel, die als die gestrige dieser selben Formel zugrunde lag, ändert in diese Gestalt. Und dieser Satz bezieht sich auf diese Änderung. Der Vorschlag bezieht sich darauf, daß er seine Formel ändern soll.

Das heißt, jenes Telegramm ist überhaupt nicht vorhanden. Dieses Telegramm ist das reinste Gespenst und beruht nur lediglich darauf, daß diese Formel falsch gelesen worden ist, weil man nicht sich die Zeit genommen hat in der Oberflächlichkeit der Gegenwart, ordent­lich zu verfolgen, was in den Sätzen drinnensteht. Denken Sie, das ist in der Gegenwart in ernstesten Angelegenheiten möglich, daß die Leute über etwas reden, das überhaupt nicht existiert, weil sie nicht mehr verstehen in ihrer Oberflächlichkeit, was sie lesen. Das ist nur ein konkretes Beispiel für den Fall, der heute unzählige Male vorkommt, daß diejenigen Menschen, die schreiben und drucken lassen, nicht le­sen können, daß die Leser, Tausende und aber Tausende, nichts be­merken davon, daß die Schreibenden und Druckenlassenden nicht le­sen können und über Dinge reden, die nicht vorhanden sind.

Sehen Sie, das ist die Strafe für die Nichtanerkennung einer geistigen Welt, für die Nichtanerkennung desjenigen, was die Leute Gespenster nennen, daß sie selber Gespenster schaffen in ihrer Ober­flächlichkeit. Wer heute gesunden Sinnes in die Welt blickt, der findet, wie gesagt, auf Schritt und Tritt die verheerendsten Folgen dieser furchtbaren Oberflächlichkeit, die sich ausgestaltet eben zu Gedanken-verwirrung. Und das Traurigste ist eigentlich, daß wenn man diese Dinge hervorhebt, sie bespricht, die Sache auf die gegenwärtigen Men­schen gar keinen besonderen Eindruck macht, weil die Oberfläch­lichkeit, die Gedankenlosigkeit nun schon einmal leider zu einer all­gemeinen Menschheitseigenschaft geworden ist. Und es ist einfach furchtbar, wieviel in dem ganzen Leben unserer Gegenwart beruht auf den Folgen dieser Oberflächlichkeit. So muß man das Seelenleben un­serer Zeit ansehen. Und man kann gerade solche Erscheinungen nicht ernst genug, nicht wichtig genug nehmen. Eigentlich müßte fast jeder in unserer Zeit, der den Versuch macht, sich durch die heute gang­baren Mittel von etwas zu unterrichten, gleichgültig ob ein anderer ihm etwas sagt, denn im Reden ist die gleiche Oberflächlichkeit heute

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vorhanden, oder ob er irgend etwas liest, sei es da oder dort, er müßte sich fortwährend von einem inneren kritischen Sinne leiten lassen und sich sagen: Du mußt versuchen, die Dinge zu durchschauen, welche heute herumschwirren in der Welt, und welche dadurch, daß sie durch alle möglichen Kanäle in die Menschenseelen hineinkommen und in den Menschenseelen als Impulse wirken, das Leben ungeheuer ver­wirren, ungeheuer durcheinanderbringen. Wie gesagt, ich bin von ei­nem konkreten Beispiel ausgegangen, um Ihnen zu zeigen, wie leitende, führende Persönlichkeiten durch ihre Oberflächlichkeit dazu verführt werden, nicht nur von etwas zu reden, was gar nicht vorhanden ist, sondern seitenlange Auseinandersetzungen zu schreiben über etwas, was es gar nicht gibt, und wie solche Persönlichkeiten, die dazu beru­fen sind, in den Weltgeschicken mitzureden, vor Versammlungen sol­ches Zeug vorbringen können, ohne daß die Hunderte von Abgeord­neten, die da sind, um ihr Volk zu vertreten, etwas davon merken.

Diese Dinge müssen schon sehr ernst genommen werden. Und zu den bittersten Dingen der Gegenwart gehört dieses, daß gerade in den letzten viereinhalb Jahren die Menschen sich noch mehr abgewöhnt haben, genau und exakt auf dasjenige hinzusehen, was in der Wirklich­keit vorhanden ist. Positivismus ist nicht unkritischer Sinn; Positivis­mus ist, die Dinge zu sehen, wie sie sind, und nicht Phantastereien nach-leben, die reine Gespenster schaffen statt Wirklichkeit. Das, was ich sage, ist sehr aktuell, denn es geht jeden einzelnen Menschen in jeder einzelnen Lebenslage an. Und jedem einzelnen Menschen in jeder ein­zelnen Lebenslage kann etwas von dieser Sorte in jedem Augenblick passieren.

Nun könnte ich dieses Beispiel nicht nur verhundertfachen, son­dern vertausendfachen, und diese Vertausendfachung wäre eben Zeug­nis dafür, daß es eine allgemeine Eigenschaft der heutigen Menschheit ist, sich durch Oberflächlichkeit in Verwirrung hineinzubringen, weil eine gewisse Abneigung vorhanden ist, auf die Wirklichkeit loszu­gehen. Das aber rührt doch aus tieferen Grundlagen unserer mensch-heitlichen Entwickelung her. Nicht allein kann man in dem gewöhn­lichen Sinn, wie vielleicht auch meine Worte wiederum aufgefaßt wer­den, als ob man die Gegenwart nur kritisieren wollte, von diesen Dingen

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sprechen, sondern es ist schon wahr, daß durch außerirdische Ein­flüsse, durch Einflüsse von geistiger, ahrimanischer Seite diese Ver­wirrung, diese Verwirrungswelle über die Menschheit heraufgezogen ist. Das sieht man auf der einen Seite daran, daß die Verwirrung so vorhanden ist, wie ich sie Ihnen in einem grotesken Fall gezeigt habe, auf der anderen Seite daran, daß viele Menschen, die wissen, wie man heute die Menschen behandeln muß, diese Verwirrung benutzen, im umfassendsten Sinne mit dieser Verwirrung rechnen. Menschen, die nicht gutartiger Natur sind, die aber darauf ausgehen, geistige Kräfte zu benützen, bringen geradezu das wiederum unter die Menschen, was rechnet mit der Verwirrung, mit dem Nicht-eingehen-Wollen auf die Tatsachen.

Was erscheint heute nicht alles, meine lieben Freunde! Man braucht nur ein klein wenig mit den Faktoren der Verwirrung zu rechnen, dann ist es heute leicht, die Leute zu verwirren, den Leuten alles, alles mög-liche vorzumachen. Ein Beispiel: Vor einiger Zeit erschien ein russi­sches Buch, das im ersten Teil - ich rede jetzt nicht über den übrigen Inhalt - eine Anzahl von Protokollen enthält, angebliche Protokolle von Sitzungen irgendeiner Geheimgesellschaft, die die unglaublichsten Dinge sich vortragen läßt von ihren Oberen. Diese Geheimgesellschaft ist geradezu wie eine Art Teufel, könnte man sagen, unter der Mensch­heit. Ungefähr das Gegenteil von alledem, was den Menschen gut und heilsam ist, würde ausgehen von dieser Geheimgesellschaft. Und diese Protokolle sollen ein Beweis dafür sein - gemäß den Reden, die da ge­halten werden in jener Geheimgesellschaft -, daß eine solche Gesell­schaft existiert. Diese Protokolle sollen sogar in außerordentlicher Nähe von hier gefunden worden sein, sind einverleibt einem Buch, das aber vom russischen Standpunkt geschrieben ist. Wie gesagt, über den übrigen Inhalt des Buches will ich nicht sprechen, aber man braucht nur ganz weniges von diesen Protokollen zu lesen und die Welt zu kennen, so weiß man, daß es sich um einen der plumpesten jesuitischen Schwindel handelt. Es sind einfach jesuitische Falsifikate, die aufgeschrieben worden sind, um eine solche Gesellschaft hinzustel­len. Diese Dinge werden eben wiederum benützt, um auf die Verwir­rung der Menschen zu wirken. Diese Verwirrung der Menschen ist

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ungeheuer gefährlich in unserer Zeit, weil sie, wie gesagt, nicht beruht bloß auf dem, was man finden kann an Impulsen innerhalb des physi­schen Erdenlebens, sondern weil da geistige Kräfte ahrimanischer Na­tur hereinspielen. Mit diesen Dingen muß man sich durchaus bekannt­machen, denn es handelt sich wirklich nicht darum, daß man anthro­posophische Geisteswissenschaft treibt in dem Sinne, daß man alles weiß, was inhaltlich in anthroposophischer Geisteswissenschaft mitge­teilt wird, sondern das Wesentliche ist, wie ich es schon oftmals gesagt habe, daß man durch die Aufnahme anthroposophischer Geisteswissen­schaft, die eine Art des Urteilens notwendig macht, welche nicht an­wendbar ist in der gewöhnlichen physischen Welt, wirklichkeitsfreund­licher, einsichtsvoller, urteilsfähiger wird mit Bezug auf das Leben und die Welt.

Nun, ich sagte, eine Welle von Verwirrung geht über die Welt. Warum ist das? Erinnern Sie sich daran, daß 1413 begonnen hat unser gegenwärtiger fünfter nachatlantischer Zeitraum, der Zeitraum der Entwickelung der Bewußtseinsseele. Seit jener Zeit strebt die Mensch­heit dahin, die Bewußtseinsseele besonders zu entwickeln. Wenn man so spricht über diesen unseren Zeitraum, so spricht man wie drinnen-stehend in der Erdenentwickelung. Denn in der physischen Erdenent-wickelung prägt sich aus dasjenige, was, in Worten gefaßt, eben lautet:

Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts ist die Menschheit im Zeitalter der Bewußtseinsentwickelung.

Nun könnte man aber die Frage auch von einem anderen Gesichts­punkte aus stellen, von einem Gesichtspunkte aus, den man geistes-wissenschaftlich immer wieder anschlagen muß. Man könnte die Frage auch stellen von dem Gesichtspunkte der entkörperten Seelen, der Seelen, die leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Für viele Dinge, die in anthroposophischer Geisteswissenschaft besprochen wer­den müssen, ist es von einer großen Bedeutung, immer auch den Ge­sichtspunkt klar ins Auge zu fassen, wie sich die Dinge ausnehmen vor den entkörperten Menschenseelen oder sogar vor anderen Geistern der verschiedenen geistigen Hierarchien. Dadurch kann man erst in der richtigen Weise kontrollieren, ob man dasjenige, was man irdisch ent­scheidet, was ja immer einseitig sein muß, in der richtigen Weise geisteswissenschaftlich

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zum Ausdrucke bringt. Nun, wer durch geistes-wissenschaftliche Forschung diesen Zeitraum der fünften nachatlan-tischen Epoche überblickt, der findet, daß von einem ganz bestimmten Zeitpunkte an, ebenso wie sich ändert das Leben der Lebenden, die immer mehr auf den Boden des Bewußtseins, die Spitze der Persön­lichkeit sich stellen, sich auch ändert das Leben der Toten. Und da konnen wir zunächst nur darauf Rücksicht nehmen, inwiefern sich dieses Leben der Toten ändert im Verkehr mit den auf der Erde le­benden Menschen. Es ist ja in dem Verhältnis der Lebenden zu den To­ten so außerordentlich schwer ins menschliche Bewußtsein hereinzu-bringen, weil - wie ich Ihnen ja oftmals von den verschiedensten Ge­sichtspunkten her angedeutet habe - dasjenige, was man da erlebt, doch außerordentlich verschieden ist von demjenigen, was hier inner­halb des physischen Erdenumkreises erlebbar ist. Innerhalb des phy­sischen Erdenumkreises aber bildet sich der Mensch gewöhnlich seine Vorstellungen; aber wir leben eben einmal in einer Zeit, in der diese Vorstellungen, die innerhalb des physischen Erdenumkreises gebildet werden, korrigiert werden müssen an den Erlebnissen mit den entkör-perten Seelen. Anfangs ist es einem nur außerordentlich schwer ver­ständlich, was da eigentlich vorgeht. Man erlebt da außerordentlich lebendig, wie das wirkt, was ich in den letzten Vorträgen hier ange­deutet habe: das Verhältnis der Toten zur menschlichen Sprache. Ich habe Ihnen gesagt: Hauptwörter werden von den Toten kaum ver­standen. Ich habe Ihnen charakterisiert, wie die anderen Wörter der Sprache von den Toten verstanden werden. Aber auch darinnen gibt es wiederum Unterschiede, und man möchte sagen: Deutlich vernehmbar ist das, daß eigentlich die menschliche Sprache, wie sie hier auf der Erde gesprochen wird - trotzdem das ganz richtig ist, was ich neulich ausgeführt habe -, daß die menschliche Sprache, wie sie auf Erden hier gesprochen wird, immer unverständlicher und unverständlicher dem Toten wird. Gewiß, sie verstehen noch Zeitwörter, Verben, sie ver­stehen auch Beziehungswörter, sie verstehen alles dasjenige, wobei wir selbst genötigt sind, bildliche Vorstellungen zu entwickeln. Aber eben für das, was in die Sprache eigentlich gefaßt werden kann, für das geht dem Toten immer mehr das Verständnis, das Auffassungsvermogen

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mit der fortlaufenden Zeit verloren, und das wird in der Zukunft immer anders, immer mehr und mehr anders werden.

Vor allen Dingen tritt eine Sache allerdings nur für gewisse Men­schen mit ganz besonderer Deutlichkeit hervor, das ist, daß die Toten dasjenige, was auf der Erde hier als Naturwissenschaft getrieben wird, gar nicht verstehen. Wenn man dem Toten von allem möglichen ande­ren redet, dann findet man Verständnis. Wenn man aber einkleidet dasjenige, was zur Verständigung mit dem Toten dienen soll, in natur­wissenschaftliche Vorstellungsart, dann empfindet das der Tote ge­radezu als einen Schmerz. Das ist außerordentlich wichtig, und das bezeugt, was auch aus anderen geistigen Untergründen herausgeholt werden kann, daß alles, was hier aufgebracht werden kann mit Bezug auf das Naturwissen, daß alles das eigentlich nur hervorgebracht wird durch den menschlichen physischen Organismus. Und sobald der Mensch diesen menschlichen physischen Organismus verläßt, so gilt für ihn dasjenige, was er im physischen Organismus über die Natur als Naturwissenschaft entwickelt, nicht mehr. Das hat keine Bedeu­tung für ihn. Er nimmt es nicht mehr auf, es ist nicht mehr da.

Über diese Dinge kann man sich sehr deutliche Vorstellungen an­eignen. Nehmen Sie ein rein naturwissenschaftlich geschriebenes Buch von einem richtigen Naturwissenschafter, sagen wir über Botanik. Nehmen Sie ein Kapitel und versuchen Sie, dasjenige, was rein im Sinne der heutigen Naturwissenschaft geschrieben ist, an den Toten heranzubringen; es macht ihm Schmerz. Er weiß gar nicht, woher der Schmerz kommt. Es ist ihm absolut nicht konform, er kann es nicht aufnehmen. In dem Augenblick, wo Sie sich erinnern, wie Sie einmal einen Löwenzahn, von dem vielleicht der Naturforscher redet, gesehen haben und Sie stellen sich lebhaft die gelbe Farbe des Löwen­zahns vor und die eigentümlich zackig getriebenen Blätter, in dem Augenblicke, wo Sie dasjenige, was Ihr Auge sieht, wirklich innerlich empfinden - Sie müssen es allerdings empfinden, das Augenbild ist für den Toten gar nicht da -, aber dann, wenn Sie es empfinden, da fängt der Tote an, Verständnis zu fassen.

Das, sehen Sie, ist sehr merkwürdig. Die Freude über eine grüne Wiese, die kann der Tote miterleben mit dem irdischen Menschen. Die

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naturwissenschaftlichen Vorstellungen über die grüne Wiese, die kann er nicht miterleben. Die Naturwissenschafter der Gegenwart sprechen davon, daß man eigentlich über das Lebendige keine Vorstellung bil­den könne. Da müsse erst in der Zukunft einmal irgendeine besonders vollendete Naturwissenschaft aus allen möglichen Atomkombinatio-nen heraus gefunden werden, wie das Lebendige sich zusammensetzt. Aber man dürfe aus den heutigen Untergründen heraus keine Vorstel­lung über das Lebendige fassen. Wenn Sie aber die Vorstellung über das Lebendige so fassen, wie zum Beispiel Goethe das tut in der Meta-morphosenlehre, und diese Vorstellung in sich lebendig machen, dann wiederum versteht sie auch der Tote. Das sind wiederum Vorstellun­gen, die der Tote versteht.

Nun liegt alldem, was ich jetzt hier auseinandersetze, eine ganz be­stimmte spirituell historische Tatsache zugrunde. Sehen Sie, ungefähr von dem Jahre 1721 an beginnt das eigentlich erst so recht hervorzu-treten, was ich jetzt gesagt habe. Wenn Sie zurückgehen in die Zeit vor dem Jahre 1720 und vertiefen sich verständig in Schriften über die Natur, die damals geschrieben worden sind - die meisten Menschen bemerken solche Dinge nicht, aber es ist doch so-, so werden Sie sehen, da wird viel lebendiger über die Natur gesprochen. Diese Art, wie man heute - jetzt darf ich sagen - dem Toten unverständlich von der Natur spricht, die beginnt eigentlich erst in diesem Beginne des 18. Jahrhun­derts. Da kommt erst diese Welle über die Menschheit hereingebrochen. Vorher haben die Menschen immer das Bedürfnis, in viel lebendigerer Weise über die Natur zu schreiben, so daß es die Toten noch verstehen können, daß ein gewisses Miterleben der Toten mit den Lebenden stattfindet. Die wissenschaftlichen Vorstellungen werden seit dieser Zeit, seit dem Übergange zum 18. Jahrhundert, so, daß sie nur Vorstel­lungen für die Erdenmenschen sind, solange diese Erdenmenschen im physischen Leib sind, daß sie kein Band mehr bilden hinauf in die geistige Welt.

Das ist eine außerordentlich wichtige spirituelle entwickelungsge­schichtliche Tatsache. Denn Sie können sich ja leicht vorstellen jetzt, wie wir hineingehen in einen Prozeß, wo gewissermaßen die Entkör-perten durch die Wissenschaft, die der Mensch einzig und allein noch

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gelten lassen will, gerade von dem, was der Mensch als das wissen­schaftlich Wertvollste findet, von der Erde abgeschnürt werden. Stel­len Sie sich einmal mit großer Lebendigkeit vor, was ich eben gesagt habe. Es nützt ja nichts, wenn man sich über diese Dinge die Augen verschließt, ich meine, die geistigen Augen. Stellen Sie sich vor, daß an den Universitäten über die ganze Erde hin alles ausgemerzt wird nach und nach, was nicht gelten kann vor der sogenannten exakten Naturwissenschaft. Also die Universitäten, das sind solche Inseln auf der Erde (es wird gezeichnet), wo am ausgiebigsten ausgemerzt wird alles, was nicht exakte Wissenschaft ist. Damit aber sind diese Uni­versitäten diejenigen Stätten, vor denen der Geist, das heißt alles das­jenige, was an Wesenheit im Geistigen existiert, flieht. Und sie sind jene Inseln in der Menschheitskultur, wo am meisten den Anfang nimmt die Ungeistigkeit, das unspirituelle Leben.

Die Universitäten sind ja, von den anderen Gesichtspunkten aus angesehen, unsere geistigen Zentren. Aber denken Sie, wie wir Erden-menschen eigentlich reden. Wir nennen seit dem 18. Jahrhundert das­jenige unsere geistigen Zentren, wo der Geist Abschied nimmt, wo der Geist am allerwenigsten ist! Heute ist nicht mehr die Zeit, sich vor diesen Dingen zu verschließen, diese Dinge nicht, ich möchte sagen, kaltsinnig der wahren Wirklichkeit gemäß anzuschauen. Denn man verschließt sich vor dem, dessen Verständnis notwendig ist, wenn man in die wahre Wirklichkeit der Zeit hineinsehen will, wenn man über solche Dinge hinwegsieht.

Diese Entwickelung, die im 18. Jahrhundert eingesetzt hat, ist auf ihren Höhepunkt gelangt in unserer Zeit. Und in unserer Zeit ist die Rückkehr notwendig. In unserer Zeit ist notwendig die Rückkehr zu der anderen, geistigen Welle, die ich Ihnen vor einiger Zeit hier charakterisiert habe, durch die sich ein spirituelles Leben wirklich der Menschheit auch mitteilt.

Nun gibt es eine Sorte von Geistern, die einen besonderen Hang haben, sich gewissermaßen zu ersättigen an dem, was ungeistig wird auf diese Art auf unserer Erde. Das sind die ahrimanischen Geister. Die gewöhnlichen entkörperten Menschenseelen in dem Leben zwi­schen dem Tod und einer neuen Geburt fühlen wenigstens, ich möchte

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sagen, negativ, indem sie wie einen Schmerz empfinden dieses Natur-wissen, sie fühlen etwas von diesem Naturwissen, haben also eine Art negativer Erfahrung davon. Die luziferischen Geister haben eine furchtbare Wut auf dieses Naturwissen, sie hassen es, und nur die ahri-manischen Geister haben eine gewisse Neigung dafür, suchen gerade dadurch zu ihrem Ziele zu kommen, daß sie sich einlassen auf dieses Naturwissen, so daß dieses Naturwissen ein Anziehungsband bildet für die ahrimanischen Geister.

Nun ist Ahriman eben gerade der Geist der Täuschung, des Truges, und ich habe Ihnen, indem ich Ihnen dies auseinandersetze, zu gleicher Zeit damit gezeigt, daß seit jenem Beginne des 18. Jahrhunderts die ahrimanischen Einflüsse immer größer und größer geworden sind. Da­mit aber ist die Welle der Verwirrung heraufgezogen über die Mensch­heit. Davon kommt sie. Diese Welle der Verwirrung, die ist dasjenige, was die Menschen wie ein Strudel erfaßt hat, und was sich äußert in der grandiosen Oberflächlichkeit, von der ich Ihnen im Eingange der heutigen Besprechungen gesprochen habe.

Solche Dinge müssen wir wissen, weil wir gerade durch diese an-throposophisch orientierte Geisteswissenschaft in die Lage kommen müssen, uns vor diesen Dingen zu behüten, uns vor ihnen zu bewahren. Eine Art der Bewahrung ist eben jenes Kritische, von dem ich Ihnen gesprochen habe, dieses Achtgeben auf dasjenige, was aus jeder Ecke an uns herankommen kann heute, um uns zu verwirren, wie bei dem Beispiel, das ich eben hier angeführt habe, das kaum bemerkt worden ist, von wenigen nur bemerkt worden ist. Aber auf der anderen Seite begründet das, was ich gesagt habe, noch etwas anderes. Nicht wahr, etwas, was eine allgemeine Welterscheinung ist, dem kann man sich ja nicht entziehen, das ist doch einmal da. Es ist eben heute diese Welle der Wirrnis da. Das Seelenauge davor zu verschließen, das hilft uns gar nichts. Es hilft uns nur, aufmerksam darauf zu machen, daß diese Welle der Wirrnis da ist. Und wir werden aufmerksam, wenn wir vor allen Dingen bei dem, was sich bezieht auf die geistige Welt, immer uns sagen: Die Wirrnis ist da, sie will uns abhalten von der richtigen Erkenntnis der geistigen Welt. Wenn wir immer, ich möchte sagen, eine Art Argwohn haben, wo irgend etwas aus der geistigen Welt uns

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gesagt wird, daß es auch ein Irrtum sein könnte, wenn wir uns ange­wöhnen, vorsichtig genug zu sein, dann verfallen wir schon ganz ge­wiß der in der Gegenwart herrschenden Welle der Wirrnis nicht. Wir müssen den Mut aufbringen, durch diese Wirrnis durchzugehen und uns über sie zu erheben, indem wir uns recht, recht viel befassen mit wirklichem, gesundem Menschenverstand. Dieser gesunde Menschen­verstand, der wird uns dann allein zu eigen werden, wenn wir uns vor allen Dingen nicht verwirren lassen durch etwas, was in der Gegen­wart eben so gar häufig ist. In der Gegenwart wollen die Menschen eigentlich nur das gelten lassen, wenn sie ein bestimmtes Alter erreicht haben, was ihnen schon geläufig ist.

Es ist eine ganz allgemeine Erscheinung, daß die Menschen kaum von irgend etwas neu überzeugt werden können, wenn sie ein bestimm­tes Alter erreicht haben. Tritt ihnen irgend etwas entgegen, dann fragen sie sich nur: Haben sie das schon gedacht? - dann sind sie damit einver­standen; oder aber sie haben es eben noch nicht gedacht, dann ist es für sie falsch oder abstrakt oder irgend etwas. Kurz, es gibt irgendeinen Grund, weswegen sie sich mit der Sache nicht einlassen. Demgegenüber hat eigentlich der Mensch der Gegenwart die ernste Aufgabe, immerzu sich von neuen Dingen, ich will nicht sagen, überzeugen zu lassen, aber sich wenigstens von neuen Dingen vorurteilslos, unbefangen berüh­ren zu lassen, neue Dinge, die in die Welt hereintreten, mitzumachen. Es könnte scheinen, als ob es eine triviale Bemerkung wäre, die ich damit mache. Sie ist keine triviale Bemerkung, weil in der Gegenwart gegen das, was ich meine, so außerordentlich viel gesündigt wird. Und schnell würde manches besser werden, wenn im Verkehre der Men­schen heute mehr überzeugende Kraft sich entwickeln könnte, wenn nicht die Menschen gegeneinander im Verkehre so abweisend wären, nicht so starrköpfig auf ihren eigenen, in einem bestinimten Lebensalter in sich aufgenommenen Meinungen bestünden. Wovon rührt denn das eigentlich her, meine lieben Freunde? In demselben Zeitpunkt, in dem das, was ich Ihnen angedeutet habe mit Bezug auf die naturwissen­schaftlich orientierte Vorstellung, auftritt, in demselben Zeitpunkt be­ginnt ein ganz gewisser Entwickelungsprozeß mit der Menschheit, der in folgendem besteht: Im ganzen und großen ist der Mensch ein physischer

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Leib, der in einen Ätherleib eingebettet ist; das andere brauchen wir heute nicht zu berücksichtigen. Aber die Innigkeit der Verbin­dung - ich meine jetzt nicht das räumliche Sich-Decken, aber das Dyna­mische in der Verbindung -, das ändert sich im Laufe der Erdenent-wickelung, und die innigen Beziehungen zwischen dem Ätherkopfe und dem menschlichen physischen Kopf, die bestanden haben zum Beispiel in den Jahrhunderten, von denen man hauptsächlich spricht, wenn man von griechischer Kultur spricht, diese Beziehungen bestehen schon seit dem 3. vorchristlichen Jahrhundert nicht mehr. Seit dem 3. vorchristlichen Jahrhundert ist schon der alte Innigkeitszusammen-hang zwischen dem Ätherkopf des Menschen und dem physischen Kopf verlorengegangen. Aber es ist doch immer aufrechterhalten ge­blieben ein recht inniger Zusammenhang zwischen dem menschlichen physischen Herzen und dem menschlichen Ätherherzen. Aber seit dem Jahre 1721 lockert sich merkwürdigerweise immer mehr und mehr der Zusammenhang zwischen dem menschlichen physischen Herzen und

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dem Ätherherzen. Wenn ich so sagen darf: Wenn das physische Herz da ist und das Ätherherz da (siehe Zeichnung) so war das früher mehr ein Ganzes, jetzt kann das Ätherherz geschüttelt werden ätherisch, es ist nicht mehr innerlich so dynamisch verbunden wie früher. Später werden

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noch andere Organe des Menschen sich vom Ätherischen lösen. Das aber, daß das Herz nach und nach sich löst von seinem Ätherteil, und bis in das 3. Jahrtausend hinein, bis man 2100 ungefähr schreiben wird, sich ganz gelöst haben wird, das macht auch in bezug auf die menschliche Entwickelung etwas sehr Bedeutsames aus. Was es ausmacht, das kann man in der folgenden Weise charakterisieren. Man muß sagen: Das macht das aus, daß die Menschen nötig haben, etwas, was ihnen früher von selbst kam durch den natürlichen Zusammenhang zwischen phy­sischem Herzen und Ätherherzen, auf einem anderen Wege zu suchen, auf dem Wege des spirituellen Lebens. Dieses vom physischen Her­zen los getrennte Ätherherz, das wird seine richtige Beziehung zur gei­stigen Welt nur gewinnen, wenn der Mensch sucht spirituelles Wissen, wenn der Mensch sucht anthroposophisch orientierte geistige Gedan­ken. Das muß immer mehr und mehr gesucht werden.

Nun finden Sie etwas höchst Merkwürdiges in unserer Zeit. Wenn von anthroposophischer Geisteswissenschaft bei den - mit Respekt zu vermelden - Zeitungsleuten die Rede ist, dann wird oftmals gesagt:

Ja, aber das, das hat einen systematischen Zusammenhang, das ist kompliziert, da muß man viele Gedanken haben; das Christentum macht das alles einfach, es hat den Glauben! - Aber dieser Glaube, der sich nicht aufschwingen will zum spirituellen Leben, der sich nicht ein­lassen will auf die wirklichen Gedanken über die geistige Welt, dieser Glaube ist gerade seit jener Lostrennung des Ätherherzens vom phy­sischen Herzen außerordentlich gefährlich, denn dieser Glaube, der nicht begreifen will die geistige Welt, der eben nur ein naives Ge­fühlsverhältnis zur geistigen Welt entwickeln will, dieser Glaube ma­terialisiert das Herz der Menschheit, der ist ein Mittel zur materiali­stischen Kultur auf einem Gebiete, woran man gewöhnlich nicht denkt. Deshalb werden gerade die religiösen Leute, wenn man die Sache ernst nimmt, so furchtbar materialistisch in unserer Zeit, weil sie sich auf den bloßen Glauben stützen. Dieser Glaube muß durchtränkt und durchgeistigt werden von wirklichen Ideen über die geistige Welt, und es ist ein ahrimanischer Trick, den Leuten im Zeitalter der Verwirrung einzuprägen: sie sollen nur ja nicht zur Anschauung der geistigen Welt kommen, sondern beim bloßen Glauben stehenbleiben.

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Sie sehen da wiederum hingedeutet auf etwas in unserer Zeit, das von einer ungeheuer großen Bedeutung ist. Und das, was ich heute im Anfange gesagt habe, und was ich jetzt am Ende sage der heutigen Auseinandersetzung, es schließt sich zusammen. Schauen Sie nur un­befangen hin auf die furchtbare Gedankenlosigkeit, auf die grenzen­lose Oberflächlichkeit, aus der sich heraus entwickelt haben unsere traurigen Verhältnisse, schauen Sie tief hin auf dasjenige, was geistes­wissenschaftlich allein konstatiert werden kann, die Lostrennung des Ätherherzens vom physischen Herzen, und nehmen Sie aus solchen Auseinandersetzungen den Impuls des Ernstes, der in unserer Zeit so nötig ist zur Entwickelung. Immer zahlreicher und zahlreicher wer­den auf der einen Seite in unserer Zeit die Menschen werden, die aus der oberflächlichen Verwirrung heraus schon gar nicht mehr wissen, wovon sie reden. Natürlich, bei einem solchen Menschen ist es ganz klar, er weiß doch nicht, wovon er redet, denn er redet von etwas, was überhaupt nicht mehr vorhanden ist, weil er nicht mehr lesen kann. Und auf der anderen Seite werden die Menschen immer zahlreicher, die im trüben fischen wollen, welche die Verwirrung der Gemüter benützen, um einzuträufeln allerlei, was sie wollen, denn in verwor­rene Geister kann man alle möglichen Impulse hineinverpflanzen. Denn unter den Geistern, die noch eine Beziehung zu der irdischen Verwirrung haben, sind die Truggeister, sind die ahrimanischen Gei­ster. Und man kann das Gegenteil des Vernünftigen, des Gesunden den Menschen dann einpflanzen, wenn man auf ihre Verwirrung rechnet.

Das sind ernste Angelegenheiten, meine lieben Freunde. Wir wollen morgen von ihnen weiter sprechen. Morgen werden wir um halb acht Uhr mit dem Vortrage beginnen.

ACHTER VORTRAG Dornach, 6. April 1919

#G190-1991-SE125 Vergangenheits- und Zukunftsimpulse im sozialen Geschehen

#TI

ACHTER VORTRAG

Dornach, 6. April 1919

#TX

Wenn wir solche Gedanken durch unsere Seele ziehen lassen, wie wir sie gestern wiederum besprochen haben, so tun wir das in Anbetracht des Ernstes unserer Zeit, der ja leider, wie wir wissen, nicht allgemein, ja nicht einmal von einem einigermaßen schon größeren Kreise unserer Zeitgenossen wirklich gefühlt wird. Man wird erst sagen können, daß dieser Ernst der Zeit erfühlt werde, wenn eine größere Anzahl von Menschen die Empfindung haben werden, daß ein Weg, und zwar der unserer Zeit angemessene Weg in ein geistiges Erkennen hinein not­wendig ist, und daß dieser Weg in ein geistiges Erkennen hinein gewis­sermaßen die einzige wirkliche Heilung für Schäden und Krankheiten unserer Zeit ist. Einer solchen Sache gegenüber muß eigentlich in uns die Frage auftauchen: Worinnen liegen die Fundamente der Schäden unserer Zeit? Worinnen liegt das eigentlich Verursachende der Krank­heiten unserer Zeit? - Und wenn auch bei sehr vielen Menschen heute die Neigung besteht, diese Schäden, diese Krankheiten unserer Zeit wo anders zu suchen als beim Menschen selbst, so ist es dennoch unendlich wichtig, einzusehen, daß dies, die Schäden beim Menschen selbst zu suchen, der einzige Weg ist, der irgendwie zu einem Ziel führen kann.

Wenn wir die Gegenwart überblicken, sehen wir ja, wie vom Osten Europas herüber die Wetterzeichen leuchten. Man kann nun auch heute noch nicht sagen, daß die europäische Menschheit geneigt sei, diese Wetterzeichen irgendwie ins Auge zu fassen. Die Dinge werden doch immer so betrachtet, daß man es unbequem findet, über die großen Angelegenheiten der Menschheit sich wirklich Urteile zu bilden. In solchen Angelegenheiten kann immer wieder und wiederum der Ge­danke nützlich sein, der darauf hinweist, was versäumt worden ist. Denn sieht man einigermaßen ein, was versäumt worden ist, so wird man vielleicht abgehalten werden, in der Zukunft in ähnlicher Weise wiederum Versäumnisse herbeizuführen. Vom Osten herüber, von dem hier oftmals gesagt worden ist, daß trotz allem, was da vorgehen mag, dort die Keime für die sechste nachatlantische Kultur liegen, von jenem

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Osten sind seit langem Wetterzeichen gekommen. Sie waren ja nicht in 50 blutiger Schrift geschrieben, wie die der letzten Zeit es ist, aber sie wären doch geeignet gewesen, gehört zu werden, ins Auge gefaßt zu werden. Hier ist auf manches seit Jahren hingewiesen worden. Ich möchte einiges von dem zuerst heute, im ersten Teile unserer Betrach­tung erwähnen, was hier von der einen oder anderen Seite her schon vorgebracht worden ist. Wenn man auf dasjenige hinblickt, was im Osten Europas seit langem lebt, so könnte man das zusammenfassen in eine für unsere Gegenwart außerordentlich charakteristische Frage, in die Frage: Was ist denn eigentlich der Mensch?

Man kann sagen, diese Frage: Was ist denn eigentlich der Mensch? Was stellt der Mensch vor im Weltenall? - diese Frage ist von den ver­schiedensten Schichten der Bevölkerung am ernstesten in der neueren Zeit im Osten Europas genommen worden. Der Westen hatte viel­fach anderes zu tun, als über die Frage: Was ist denn eigentlich der Mensch? - nachzudenken. Gewiß, theoretisch wurde viel verhandelt über diese Frage; aber solche theoretischen Verhandlungen, wenn sie nicht durchdrungen sind von wirklichem spirituellem Leben, taugen ja nichts.

Ich will nur einiges anführen von dem, was hinweist auf die im Osten sehnsüchtig gestellte Frage:Was ist denn eigentlich der Mensch? -Es sind bedeutsame Worte, die gerade von Osten gehört werden konn­ten. Ich habe schon einmal auf ein solches Wort hingewiesen. Unter denjenigen, welche in der neueren Zeit mitgewirkt haben beim Her­aufkommen von Anschauungen über die soziale Frage, war einer der begabtesten Menschen Bakunin, später Marxens Gegner. Im Gegen-satze zu Marx, der durchaus aus westeuropäischen Vorstellungen her­aus das soziale Leben und die soziale Bewegung angegriffen hat, hat Bakunin aus östlichen Vorstellungen und Impulsen heraus die soziale Bewegung angefaßt. Überall glimmt bei Bakunin so etwas durch von einer Lebensphilosophie, von einer tieferen Auffassung und Anschau­ung des Lebens. Und so rührt denn auch von Bakunin ein sehr bedeut­sames Wort her, das Wort, welches die Frage: Was ist denn eigentlich der Mensch? - beleuchten will durch einen Kontrast der Vorstellung des Menschen und der Vorstellung Gottes. Sehen Sie, dieses Wort Bakunins,

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von dem ich sprechen möchte nun, das ist hervorgegangen aus der Empfindung des modernen Lebens bei Bakunin. Er fand: tief in der menschlichen Natur liegt der Impuls der Freiheit, der Impuls des freien Menschen. Was möchte man denn mehr im Leben als ein freier Mensch sein - so etwa könnte man den Sehnsuchtsimpuls eines Men­schen, der ähnlich denkt wie Bakunin, ausdrücken. Gegen diesen Sehn­suchtsimpuls der inneren Menschennatur steht bei einem solchen Men­schen die andere Empfindung, die er bekommt von der Betrachtung des modernen Lebens, wo der Mensch eingespannt ist, wenn er den bürgerlichen Kreisen angehört, in eine Unsumme von staatlichen und sonstigen Vorurteilen, wenn er den proletarischen Kreisen angehört, in Industrialismus und Kapitalismus, der Mensch ist eigentlich inner­halb des modernen Lebens für den, der so frei und unabhängig dieses Leben betrachtet wie Bakunin, eine Art Sklave. Die Freiheit muß fun­damental gefaßt werden, wie ich es versucht habe in meiner «Philoso­phie der Freiheit». Wenn diese Freiheit nicht so fundamental erfaßt wird, so wird man immer herumgeworfen werden, auf der einen Seite von der Sucht nach der Freiheit, auf der anderen Seite von der Wahr­nehmung des gegenwärtigen Lebens, das alles eher realisiert als die Freiheit. Und so blickt Bakunin förmlich auf zu dem, was Jahrtausende sagen, zu den religiösen Gottesempfindungen der Menschheit und kon­trastiert dieses mit dem modernen Leben. «Gott ist, also ist der Mensch frei.» Bakunin stellt sich vor, wenn Gott ist, so kann der Mensch nicht anders sein als frei. «Der Mensch ist Sklave, also gibt es keinen Gott. Ich bin überzeugt,» - sagt Bakunin weiter - «daß niemand aus diesem Kreise heraus kann, und jetzt laßt uns wählen.»

Das ist ein Wort, das eigentlich auf die Menschen einen bedeutungs­volleren Eindruck machen sollte als manches Weltereignis, das eben durch seine Äußerlichkeit geeignet ist, auf die Sensationen der Men­schen einen Eindruck zu machen. Wenn man nur die Menschen dazu bringen könnte, Empfindung zu haben für solch ein Wort, durch das ein moderner Mensch gesteht: Ich komme nicht hinaus über das Di­lemma; auf der einen Seite müßte ich sagen: Gott ist, also ist der Mensch frei; auf der anderen Seite aber muß ich sagen: Aber der Mensch ist Sklave, also gibt es keinen Gott! - Wir haben zu wählen,

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zu wählen zwischen der ewigen Sehnsucht des menschlichen Herzens nach Freiheit, und der unbesieglichen Erfahrung des modernen Le­bens, daß der Mensch Sklave ist. Das eine, die Menschennatur selbst, führt zum Gottesbeweis. Das moderne Leben führt zum Atheismus. Und dazwischen gibt es nicht eine Entscheidung - meint Bakunin - auf ein Urteil hin, dazwischen gibt es nur eine Wahl. Man kann so und so wählen, wenn man moderner Mensch ist, weil im Grunde genommen nichts zwingt dazu, etwas anderes zu tun, als zu wählen.

Nun kann man ja schon sagen, daß die meisten Menschen heute überhaupt nicht wählen, sondern gedankenlos in diesem Dilemma, in diesem Kreise dahinvegetieren geistig, seelisch.

Ein anderes Wort aus dem Osten, das Gorki einen seiner Helden sagen läßt: «Ich will ein kleines Buch schreiben. Ich will es nennen; es gibt solche Gebete, man spricht sie über Sterbende. Und diese Gesellschaft, auf der der Fluch der inneren Schwäche lastet, wird, bevor sie verreckt, nach meinem Buche greifen wie nach Mo­schus.»

Sehen Sie, das ist ein solches Wort, welches schon von einem gewis­sen Gesichtspunkte aus der neueren Menschheit zugerufen werden kann, daß die neuere Menschheit sucht nur nach allerlei Betäubungs­mitteln, seelischen, geistigen Betäubungsmitteln, um ein solches Wort nicht ernst genug nehmen zu müssen. Und im Osten ist ja jene merk­würdige Philosophenschule - nennen wir sie so - entstanden, welche eine Art Lebenskonsequenz des modernen Daseins gezogen hat, die Sekte der Barfüßer-Philosophen, wie sie von manchen genannt wer­den. Gorki läßt einen solchen Barfüßer die Worte aussprechen: «In mir selbst ist was nicht in Ordnung. Ich bin folglich nicht so zur Welt gekommen, wie es sich für einen Menschen gehört. Ich befinde mich auf besonderer Bahn. Und nicht allein ich. Unserer sind viele. Wir müssen zu absonderlichen Menschen werden und fügen uns in keine Ordnung... Wer ist vor uns schuldig? Selbst sind wir vor uns und vor dem Leben schuldig!»

So sprachen im Osten nicht einzelne Menschen, so sprachen viele, und wenn einmal auch aus äußerlichen Untergründen - was heute noch nicht möglich ist - die Geschichte dieser letzten Wirrjahre Europas

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wird geschrieben werden können, dann wird man schon finden, wieviel Anteil eine solche Weltanschauung an dem ganzen Schick­sal unserer Zeit hat, wie aber andererseits auch eine solche Weltan­schauung begründet ist in dem, was ich gestern charakterisiert habe als die Verworrenheit, die Oberflächlichkeit, die Gedankenlosigkeit unseres Zeitalters.

Da muß man sich denn doch immer wieder und wiederum fragen:

Wie drückt sich denn in den Einzelheiten dasjenige aus, was ich schon gestern sagte, daß unser Zeitalter, insbesondere seit dem Anfange des 18. Jahrhunderts, durchgeht wie durch eine Welle von Verwirrung, wie durch eine Welle von sich bildenden, die Menschen verwirrenden Gedankenknäueln? Sehen Sie, etwas, was zur Aufklärung über diese Frage dienen kann, kann eigentlich nur auf dem Boden einer wirk­lichen Geisteswissenschaft gefunden werden. Was ist denn eigentlich dasjenige, was am leichtesten sich heute unter einer gewissen Sorte von Menschen verbreitet? Gedanken, sogenannte Gedanken! Es sind allerdings meistens Gedanken, die in Worten zum Ausdrucke kommen, Vorstellungen, die auf bedrucktem Papier heute eine rasche Verbrei­tung gewinnen können, Gedanken namentlich von der Art, auf welche die Menschen am meisten stolz sind, über das sinnlich-materielle Le­ben, wie sie die Naturwissenschaft, die ja hinlänglich popularisiert wird, in allen Kreisen heute treibt. Es sollte einmal verglichen werden, welch gewaltiger Unterschied zwischen dem Seelenleben der heutigen Menschen besteht und dem Seelenleben eines Menschen etwa noch des 15. Jahrhunderts, ja des 16. Jahrhunderts. Damals teilte man sich die Gedanken mit; man las nicht jeden Morgen bedrucktes Papier mit den Gedanken, die dann eigentlich den Menschen durch den ganzen Tag hindurch, meistens ohne daß er irgendwie etwas davon ahnt, tragen. Was macht es schon heute auf den Menschen viel Eindruck, wenn er am Sonntag eine Predigt hört, nachdem er aus ganz anderen Gedanken-unterlagen heraus seine Zeitung gelesen hat? Dadurch wird eine ge­wisse Bildung verbreitet. Aber in unserem Zeitalter ist diese Bildung ganz ohne eigentlichen wirklichen geistigen Inhalt, denn wirklicher geistiger Inhalt kann erst wiederum durch eine spirituelle Kultur kommen.

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Nun haben Gedanken, wie sie in der neueren Zeit verbreitet wer­den, gar keinen wirklichen Menschheitswert, wenn diese Gedanken nicht bezogen werden können auf das übersinnliche Leben. Alle Ge­danken - das ist etwas radikal gesprochen, aber es ist richtig -, die nicht angeknüpft werden können an das übersinnliche Leben, sind eigentlich dem Menschen schädlich. Und darinnen liegt eine der Haupt-krankheiten unserer Zeit, daß aus allen möglichen Untergründen her­aus, namentlich aus der Popularisierung der naturwissenschaftlichen Vorstellungen, Gedanken verbreitet werden, die dann nicht von den Menschen auf das übersinnliche Leben bezogen werden, und die des­halb schädlich sind. Gedanken sollten eigentlich immer auf das über­sinnliche Leben bezogen werden. Sie wirken zerstörerisch, vernichtend auf das menschliche Leben, wenn sie nicht auf das Übersinnliche be­zogen werden. Denn ohne die Beziehung der Gedanken, die im Men­schen erzeugt werden, auf das Übersinnliche, kann nämlich die Kar­dinalfrage: Was ist denn eigentlich der Mensch? - gar nicht beant­wortet werden. Da der Mensch mit seinem Wesen schon einmal das Übersinnliche hat, so bleibt immer für ihn etwas Ödes, etwas ihn im Tiefsten Unbefriedigendes, wenn er Gedanken, die ja auf übersinn­liche Art doch in ihm erzeugt werden, nicht auf das Übersinnliche be­ziehen kann. Nun wird niemals die Sehnsucht nach einer Antwort auf die Frage in der Menschenseele erlöschen, die Sehnsucht nach einer Beantwortung der Frage: Was ist denn eigentlich der Mensch? - Diese Sehnsucht kann nicht erlöschen. Sie kann betäubt werden, der Mensch kann gewissermaßen sich selber die Besinnung nehmen, so daß diese Besinnung nicht hinreicht bis zu der Frage: Was ist denn eigentlich der Mensch? - Dann wird in allerlei nervösen und sonstigen Zuständen diese Frage: Was ist denn eigentlich der Mensch? - in dem Menschen wühlen. Aber ausgelöscht aus dem menschlichen Seelenleben kann diese Frage: Was ist denn eigentlich der Mensch? - nicht werden.

Nun war gerade das 19. Jahrhundert mit seiner Gesamtkultur ganz und gar nicht geeignet, diese Frage in einer menschenbefriedigenden Art zu beantworten. Große Impulse des Zeitalters drücken sich dann immer in bedeutungsvollen Symptomen aus. Ein solches bedeutungs­volles Symptom für das ganze neuere Geistesleben ist das Dasein

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Friedrich Nietzsches. Es ist ja sehr zu beklagen, daß das neuzeitliche Spießer- und Philistertum sich auch als Anhängerschaft Nietzsches geriert hat, und daß vor allen Dingen der Blick nicht geworfen wor­den ist, oder wenigstens von wenigen nur geworfen worden ist auf das eigentliche Phänomen Nietzsche.

Ich habe es immer so ausgesprochen, daß ich gesagt habe: In Nietz­sche stellt sich der moderne Mensch dar, welcher seelisch am meisten gelitten hat und auch daran zugrunde gegangen ist an der Kultur des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts. Ich sagte oftmals: Die anderen haben diese Kultur des 19. Jahrhunderts hervorgebracht. Da war Scho­penhauer. Er hat ein gewisses Stück der Kultur des 19.Jahrhunderts hervorgebracht. Nietzsche hat daran gelitten als Schopenhauerianer. Da war Richard Wagner, auch er hat ein Stück Kultur des 19.Jahr-hunderts hervorgebracht. Nietzsche hat daran gelitten als Wagneria­ner. Da war der wiedererneuerte Voltairismus, die freie Geistigkeit aus dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts; Haeckel, Büchner, Feuer­bach und andere haben diese Freigeisterei vom letzten Drittel des 19. Jahrhunderts hervorgebracht. Nietzsche hat daran gelitten. Innerhalb der ganzen neueren Kultur drückt sich aus im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, daß diese Kultur sich selbst ad absurdum führen muß. Die Kunst lief ein in Werte, die man nur dann begreifen konnte, wenn man sie in ihrer Selbstauflösung begriff. Die Wissenschaft kam immer mehr und mehr dazu, ihre eigene Nichtigkeit gegenüber dem Über­sinnlichen als höchste Weisheit zu predigen. Nietzsche litt daran. Er litt an Schopenhauer, an Richard Wagner, an dem wiederauferweck­ten Voltairismus vom letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, er litt an der ganzen Kultur des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts, und prägte aus diesem Leiden heraus zwei grandiose, überwältigende, aber Ver­zweiflung weckende Ideen, die Idee vom Übermenschen und die Idee von der Wiederkunft des Gleichen. Die Idee vom Übermenschen -warum Übermensch? Weil man keine Möglichkeit hatte, die Frage:

Was ist denn der Mensch? - zu beantworten. Das bewirkte in einem so Leidenden, wie es Nietzsche war, die Flucht vor dem Menschen, das Hineilen zu etwas, was den Menschen überwindet. Übermensch ist für Nietzsche einfach das starke, große Illusionsmittel, Betäubungsmittel

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gegen die Unmöglichkeit, aus der Kultur des 19. Jahrhunderts heraus zu einer Anschauung über den Menschen zu kommen.

Wiederkunft des Gleichen: Man muß sich nur den ganzen Ernst dieser Idee bei Nietzsche vorstellen. Denken Sie nur einmal, wie wir hier sitzen und vereinigt sind jetzt, sind wir schon unzählige Male so da gesessen und werden unzählige Male wiederum da sitzen; jeder von uns hat unzählige Male das durchgemacht, was er jetzt in dieser Zeit durchmacht und wird es unzählige Male wiederum durchmachen. Keine Evolution, welche wirklich aufkommen läßt den Gedanken an einen Aufstieg an einen Fortschritt. - Weil man nicht zu einer An­schauung über den Menschen kommen kann, deshalb Übermensch, weil man keinen wirklichen Fortschritt in der Entwickelung weder der Menschheit noch des Kosmos denken kann, Wiederkunft des Glei­chen. Nietzsche ist zu diesen Konsequenzen gekommen. Die anderen, die vielleicht lachen über diese Konsequenzen, sie kommen nicht dazu aus Gedankenlosigkeit. Denn entweder kommt man zu diesen Konse­quenzen, oder man muß zur Geisteswissenschaft sich wenden, die nicht vom Übermenschen spricht, aber von demjenigen spricht, was sich schon entwickelt hat durch Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit, durch die Erdenentwickelung durch und weiterhin in den kosmischen Meta­morphosen unserer Erde, und die auch nicht von der Wiederkunft des Gleichen spricht, sondern die in der Lage ist, von einem wirklichen Fortschritt - lesen Sie nur meine «Geheimwissenschaft im Umriß» -zu sprechen. Aber wo ist Neigung heute vorhanden, diese Dinge in ihrem vollen Ernste zu betrachten? Was ist denn für die meisten Men­schen unendlich viel wichtiger, als diese große, weltumfassende Ange­legenheit?

Aus allen solchen Voraussetzungen heraus muß man fragen: Was liegt denn da eigentlich vor? - In allen Tiefen kommt man heute nicht leicht dem bei, was da eigentlich vorliegt. Ich möchte einen besonderen Gesichtspunkt heute erwähnen. Wenn man sich bemüht, die Erlebnisse derjenigen Menschen ins Auge zu fassen, die eben oder vor kurzer Zeit durch die Todespforte gegangen sind, die also am Beginne desjeni­gen Lebens stehen, welches geführt wird zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, da bemerkt man etwas sehr eigentümliches. Ich gestehe

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Ihnen offen, meine lieben Freunde, daß diese Bemerkung, von der ich Ihnen jetzt spreche, mir lange etwas recht Unerklärliches gewesen ist, daß man nur nach und nach zurechtkommt, wenn man eine solche Tat­sache gefunden hat. Es ist die Tatsache, daß eine große Anzahl von Menschen, die heute, das heißt in unserer Gegenwart, durch die Todes­pforte gehen, durch dasjenige, was sie nach dem Tode erleben, außer­ordentlich überrascht sind über das Unbekannte, das da vor ihnen steht. Ich habe Ihnen ja von dem gesprochen, was der Tote erlebt, nachdem er durch die Todespforte gegangen ist. In all das, was leichter ver­ständlich ist, mit dem man leichter zurechtkommt und über das auch leichter zu sprechen ist, mischt sich eben so manches hinein, was man nicht anders charakterisieren kann, als indem man sagt: es überrascht den Toten, daß so etwas auch da ist. Das auf der einen Seite. Es lebt in ihm das Bewußtsein, daß er eigentlich nicht gedacht haben würde, daß Erlebnisse solcher Art vor seine Seele treten würden.

Auf der anderen Seite bei älter gestorbenen Menschen - bei jugend­lich Gestorbenen ist es weniger der Fall - zeigt sich dieses, das mit einer gewissen Unbekanntheit vor die Seele tritt, zugleich deutlich, daß es mit dem Menschen selbst etwas zu tun hat, daß es irgendwie von dem Menschen, der da durch die Todespforte gegangen ist, eigentlich her-rührt. Also etwas Unbekanntes ist es, dem der Tote begegnet, aber zu-gleich etwas, von dem er deutlich weiß, es rührt von ihm selbst her, wie gesagt, namentlich dann, wenn er zu den älter gestorbenen Men­schen gehört.

Wenn man diese Tatsache bemerkt, so findet man wirklich recht schwer eine Erklärung dafür. Erst dann findet man eine Erklärung dafür, wenn man es ganz ernst nimmt mit etwas anderem, was man im Zusainmenhange damit betrachten muß, nämlich mit der Tatsache, daß der heutige Mensch, der in die heutige Lebensordnung hereinge­stellt ist, eine große Summe von Dingen erlebt, von denen er entweder gar nichts weiß, oder über die er sich alle möglichen Illusionen macht. Es ist eine ganze weite Summe von Erlebnissen, die man zu den unter-bewußten Erlebnissen zählen kann, die an den Menschen herankom­men, geradeso wie dasjenige, was er bewußt durchlebt, die er aber ent­weder gar nicht beachtet, während sie doch in ihm vorgehen, oder

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denen er eine ganz falsche Deutung gibt. Das ist ja überhaupt das Charakteristische des heutigen Menschen, daß dieser heutige Mensch gern umdeutet dasjenige, was er selbst erlebt. Er mag sich über sich selbst nicht gerne wahrheitsgemäße Rechenschaft geben. Er möchte dasjenige, was zusammenhängt mit seiner Einstellung zu der Welt, nach der einen oder nach der anderen Seite färben. Man prüfe sich nach dieser Richtung nur einmal und frage sich, wie oft man eigentlich sich eingesteht, daß man unrecht hat in einer Sache. Man wird da, wo man sich eingestehen sollte, daß man unrecht hat, in den meisten Fällen irgend etwas anderes vorstellen, was einen hinwegbetäubt über das­jenige, was man sich sonst sagen müßte; daß man in irgendeiner Sache unrecht hat. Aber das ist nur eine von den Erscheinungen, welche schon äußerlich den Menschen darauf hinweisen könnten, daß er vieles heute unterbewußt erlebt, worüber er sich in seinem Bewußtsein Illusionen macht. Wird man etwas älter und stirbt dann, dann hat man eine große Summe solcher unterbewußter Erfahrungen in sich. Und diese unter­bewußten Erfahrungen sind es, welche wie umgestaltet in Wesenhaftes nach dem Tode dem Menschen entgegentreten. Findet man diesen Zu­sammenhang heraus zwischen dem unterbewußten Erlebten und dem, was der Tote, nachdem er durch die Todespforte gegangen ist, Über­raschendes erlebt, dann kommt man erst mit dieser Erscheinung zu­recht, dann kommt man erst dazu, zu begreifen, warum so viele Men­schen, die heute gar nicht gern nachdenken darüber, wie sie das eine und das andere erleben, sondern es im Unterbewußten lassen, wie die überrascht sind, wenn ihnen nun diese ganze unterbewußte Sache, nachdem sie durch die Todespforte gegangen sind, wirklich entgegen­tritt. Sie sind davon überrascht, trotzdem sie die Dinge erlebt haben, und sie müssen zu gleicher Zeit empfinden, daß sie mit dem, was sie erleben, selbst sehr viel zu tun gehabt haben. Es ist eigentlich ein Teil ihres eigenen Lebens, der entweder gar nicht oder nur sehr undeutlich bemerkte Teil ihres eigenen Erlebens.

Solche Dinge in der richtigen Weise zu würdigen, ist heute eine not­wendige, aber noch schwierige Aufgabe des geisteswissenschaftlichen Erkennens. Aber der Hinweis auf diese Tatsache ist für unsere Zeit von einer ganz fundamentalen Wichtigkeit. Denn erst wenn man von

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diesen Dingen ausgeht, kann man eigentlich eine ganz vernünftige Antwort auf die Frage bekommen: Warum gestaltet sich die Antwort auf die Frage: Was ist eigentlich der Mensch? - für den gegenwärti­gen Menschen zu einer so außerordentlich schwierigen?

Wenn man das menschliche Leben in seiner inneren Entwickelung ganz nimmt, so zerfällt es eigentlich in drei Teile. Der eine umfaßt das­jenige, was wir als unsere Begabungen, unsere Talente, unsere Fähig­keiten empfinden. Der zweite Teil umfaßt alles dasjenige, was wir im Verkehr mit unseren Mitmenschen, durch die Wechselwirkung unseres Bewußtseins mit dem Bewußtsein anderer Menschen entwickeln. Und das dritte Gebiet umfaßt unsere Erfahrung. Unsere Zeit verhält sich zu diesen drei Teilen der Menschennatur sehr, sehr einseitig, berück­sichtigt eigentlich nur den mittleren Teil. Gewiß, es wird ja heute von gewissen Seiten her viel gejammert über das Verkennen begabter Men­schen, aber es sind zumeist die begabten Menschen selber, die so jam­mern. Die hingebungsvolle Art, Begabungen zu pflegen, die kommt ja immer mehr und mehr ab. Ebenso kommt aber eigentlich die Schät­zung der menschlichen Erfahrung ab. Der Mensch ist sich heute nicht mehr bewußt - ich habe das öfters ausgeführt -, daß man nicht bloß älter wird, sondern daß man im Älterwerden Erfahrung ansammelt, daß man im Älterwerden klüger, weiser wird. Dieses Gefühl für die menschliche Entwickelung, das kommt auch den Menschen immer mehr und mehr abhanden. Die Menschen wollen heute, nachdem sie ein gewisses Alter erreicht haben, alle gleich weise sein, über alles in gleicher Weise mitreden, und nach der Ansicht vieler soll sich in dieses Mitreden weder die Begabung hineinmischen, noch die durch das Le­ben errungene Erfahrung. Darauf beruht im Grunde genommen unsere ganze demokratische Weltanschauung, die immer dazu neigen wird, sich selbst ihr Grab zu schaufeln: daß der Mensch, nachdem er ein ge­wisses Alter erreicht hat, im Verein mit seinen Mitmenschen über Gott und über die Welt und über noch drei Dörfer, über alles mögliche Ent­scheidungen treffen kann.

Dasjenige aber, was der Mensch in Verein mit seinen Mitmen­schen durch die Wechselwirkung von Bewußtsein zu Bewußtsein ent­wickelt, das gehört nur dem einen Gebiete des sozialen Lebens, dem

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Staatsleben an. Der Staat ist allerdings der Götze geworden, gerade aus dem Grunde, weil man nur dasjenige gelten lassen will, was auf die eben angedeutete Weise unter den Menschen pulsiert. Die beiden anderen Gebiete will man nicht als selbständige soziale Organisatio­nen gelten lassen, weil ja in der geistigen Organisation die besondere Pflege der individuellen Fähigkeiten da sein würde. Und in der wirt­schaftlichen Organisation würde vor allen Dingen das wirklich ganz durch innere Kräfte zur Geltung kommen, was man die Erfahrung nennt. Im Lebenswirtschaften wird man eigentlich nur gescheiter, wo-bei ich natürlich unter Lebenswirtschaften nicht bloß Kühe melken und Kohl kochen verstehe, sondern das Lebenswirtschaften im wei­testen Kreise. Zum Wirtschaften gehört auch Geistiges, insofern gei­stige Leistungen einen bestimmten Warenwert haben, und den müs­sen sie ja haben, sonst würde man von geistigen Leistungen niemals leben können. Sie haben natürlich auch auf anderem Gebiete einen Wert, aber sie haben Warenwert. Gerade aus diesem Wirtschaften, zu dem also das Erzeugen von geistigen Werten gehört, insofern diese Werte Warenwerte sind, ergibt sich die Erfahrung. Nun weiß man heute außer dem Gebiete der Geisteswissenschaft eigentlich gar nicht zu unterscheiden zwischen diesen drei Gebieten der menschlichen Na­tur. Unsere gewöhnlichen Begabungen, durch die wir entweder in dem einen oder in dem anderen geistigen Zweige begabt sind, oder durch die wir für das eine oder andere geschickt sind, denn auch körperliche Geschicklichkeiten gehören zu den individuellen Begabungen, alle diese Dinge gehören eigentlich, so wie der Mensch heute ist, nicht ganz der individuellen Menschennatur an. Im Grunde genommen, so paradox Ihnen das klingt, je genialer heute ein Mensch ist, desto weniger ist er eigentlich ein individueller Mensch. Denn unsere Begabungen, unsere individuellen Fähigkeiten, sie werden erzeugt durch eine Wechselwir­kung des Kosmos vor unserer Geburt beziehungsweise vor unserer Empfängnis, mit den Kräften der Vererbung durch viele Generatio­nen hindurch. Das habe ich einmal dargestellt, wie das ist. Unsere genialen Begabungen und überhaupt unsere individuellen Fähigkeiten sind alle vom Kopf abhängig. Worinnen auch die besondere Begabung eines Menschen bestehen mag, mag sie auch scheinbar zusammenhängen

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mit besonderen Muskelausbildungen, diese besonderen Begabungen haben doch im Kopfe ihren Ursprung, auch insoferne sich diese Be­gabungen in der Menschenstatur und dergleichen ausdrücken. Ob einer ein Riese ist, der Bäume zerbrechen kann, dickstämmige Bäume, oder ob einer ein kleiner Knirps ist, davon hängt doch seine individuelle Fähigkeit in vieler Beziehung ab. Das hat alles im Kopfe den Ursprung. Was am Menschen gewissermaßen eingeboren ist an individuellen Fä­higkeiten, das hat alles aus dem Kopfe den Ursprung.

Was der Mensch im Verhältnis zum Menschen wirkt, das hat eben im Wechselverkehr, in dem Leben zwischen der Geburt und dem Tode den Ursprung, wie die Sprache, so alle sozialen Elemente in dem Men­schenleben. Aber mit den Erfahrungen, die wir durchmachen, da be­treten wir ein viel, viel schwierigeres Kapitel, als die meisten Menschen sich heute vorstellen, denn die Menschen heute werden sehr selten er­fahrene Menschen, weil sie die Erfahrung nicht an sich herankommen lassen. Die meisten Menschen haben gegenwärtig sogar ein gewisses Geniertsein vor dem Erfahrenwerden. Wenn sie gestehen sollten, die Menschen, daß sie über etwas anders urteilen als vor zehn Jahren, sind sie beschämt, obwohl sie nicht beschämt sein sollten, daß sie seit zehn Jahren gescheiter geworden sind, aber sie sind doch beschämt. Die Anwendung des Lebens, um weiser zu werden, das ist kein Ideal des heutigen Menschen. Der Mensch verschleudert heute zum großen Teil sein Leben mit Bezug auf das Erfahrenerwerden. Aber in diesem Erfahrenerwerden drückt sich das Individuelle aus. Sie können ein Kapitalgenie sein: das, was Sie durch Ihr Kapitalgenie hervorbringen, dazu wird nur in sehr geringer Weise mitwirken, was Sie durchge­macht haben in Ihren früheren Inkarnationen. Diese früheren In­karnationen sind meistens höchst unschuldig an dem eigentlichen Ge­nie-Sein, denn das ist etwas, was bewirkt wird durch eine Wechsel-wirkung des Kosmos mit den Kräften der Vererbung durch Gene­rationen hindurch. Die Genies werden der Menschheit gegeben, wer­den wahrhaftig nicht vom Himmel fallengelassen, damit sie sich selbst befriedigen. Aber dasjenige, was wir uns erwerben, indem wir von Jahr zu Jahr gescheiter werden, bis in unsere alten Tage hinein, da­vor genieren sich ganz besonders heute die Leute. Daß wir von Jahr

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zu Jahr gescheiter werden, daß wir die Erfahrungen des Lebens hin­nehmen zum Weiserwerden, das hängt mit unseren Inkarnationen zu­sammen.

Sehen Sie, wenn man bei so etwas eine Persönlichkeit wie die Goe­thes anschaut, so kommt man zu sehr, sehr merkwürdigen, sehr be­deutungsvollen Resultaten. Man kann sprechen von Goethes Genie. Dieses Goethesche Genie spricht sich schon in seiner Jugend aus. Aber, was da an Fähigkeiten bei ihm hervortritt in seiner Jugend, das hat, ich möchte sagen, den Wert wie etwas vom Himmel Gefallenes. Aber indem Goethe ein alter Mann wird und immer reifer und reifer wird, nie aufhört reifer zu werden, da gestaltet sich nach und nach das, da evolutioniert sich dasjenige, was er aus seinen früheren Inkar­nationen mitgebracht hat. Das hassen aber auch die Menschen heute. Goethe selbst mußte sich schon beklagen darüber, daß dasjenige, was er nicht sich als Verdienst anrechnete, die Produktionen seiner Jugend, den Leuten besonders wertvoll war, dagegen dasjenige, was er sich durch seine Lebenserfahrung angeeignet hat, daß sie das ablehnen. Ich habe Ihnen öfter einen Spruch angeführt, den er getan hat mit Bezug auf den ersten Teil seines « Faust», der zweite Teil war dazumal noch nicht in Aussicht:

Da loben sie den Faust

Und was noch sunsten

In meinen Werken braust

Zu ihren Gunsten.

Das alte Mick und Mack,

Das freut sie sehr,

Es meint das Lumpenpack,

Man wär's nicht mehr.

Aber das ging ja weit in unsere Tage herein. Wie hat noch der wahre und sehr gescheite, begabte Schwaben-Vischer, der sogenannte V-Vi­scher, über den zweiten Teil des Goetheschen «Faust» geschimpft, ihn parodiert, ihn ein zusammengeschustertes, zusammengeleimtes Mach-werk des Goetheschen Alters genannt, weil man in unserer Zeit nicht viel Empfindung hat für das Reiferwerden, für das Erfahrung-Bekommen.

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Mit dem hängt aber zusammen, daß das heutige Leben nichts her­gibt zu der Beantwortung der Frage: Was ist denn eigentlich der Mensch als Mensch? - Denn eigentlich kann nur aus der Lebenserfahrung heute die Antwort kommen auf die Frage: Was ist denn eigentlich der Mensch als Mensch? - Aber diese Lebenserfahrung darf nicht so ge­macht werden, daß das Geistige dabei ausgeschlossen wird. Man muß im fortschreitenden individuellen Leben nach und nach das Gefühl bekommen können: Du lernst nicht nur von dem äußeren sinnlichen Verlauf der Dinge, sondern du lernst auch aus dem, was aus dem Un­tergrund der Dinge heraufkommt. Alle diese Dinge sind zu gleicher Zeit so, daß sie heute von einem gewissen höheren Gesichtspunkte aus die Frage fast unvermeidlich machen: Wie lösen wir das Geistesleben vom Staatsleben los? - Würde das Geistesleben mit dem Staatsleben fer­nerhin verbunden bleiben, so könnte sich dieses Geistesleben nicht so entwickeln, wie es die Menschen brauchen, um wirkliche Lebenserfah­rungen zu werden. Der Staat würde das Geistesleben immer mehr ver­flachen müssen, weil der Staat nicht eingehen könnte auf jene Intimi­täten des Geisteslebens, die dann zu den wirklichen Erfahrungen füh­ren. Der Staat könnte sich nur auf ein solches Geistesleben einlassen, das ganz demokratisch wäre, denn dem Staate gehört die Demokratie zu. Das Geistesleben aber in seinen eigenen Tiefen kann nie ganz de­mokratisch wirken. Sie können nicht in die Tiefe des Geisteslebens und auch nicht in die Tiefe der Menschenerkenntnis hinuntersteigen, wenn Sie bei der Demokratie bleiben. Aber im Staate muß alles demokra­tisch sein. Im Staate soll nur dasjenige beurteilt werden, was jeder Mensch von jedem Menschen beurteilen kann. So kann aber niemals eine wirkliche Menschenerkenntnis zustande kommen. Die muß weg-geschoben werden auf das Gebiet, welches ganz allein eben auf sich selbst gestellt ist, und als Geistesleben für sich verläuft. Die Menschen gehen heute aneinander vorbei und werden so lange aneinander vor­beigehen, bis sie sich im Geist erschauen.

Das war in älteren Zeiten aus dem Grunde nicht notwendig, weil in älteren Zeiten die Menschen nicht so komplizierte Wesen waren, wie sie heute sind. Die Komplikation in der Menschennatur tritt heute besonders dadurch ein, daß die Menschen eigentlich nur - wie ich es

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Ihnen von einem anderen Gesichtspunkte aus auseinandergesetzt habe -, das Menschengeschlecht als solches nur siebenundzwanzig Jahre alt wird, das heißt, von selbst sich nur entwickelt bis zum sieben­undzwanzigsten Jahre. Was dann noch kommt, das entwickelt sich nicht von selbst wie in alten Zeiten, für das muß die Entwickelung gesucht werden. Und so ist es heute so, daß der junge Mensch bis zu seinem siebenundzwanzigsten Jahre eine Entwickelung durchmacht, wo ihm die Elemente des Menschentums anfliegen. Er erwartet sie bis zu diesem siebenundzwanzigsten Jahr vom Leben. Jetzt kommt das siebenundzwanzigste Jahr, da gibt das Leben selber nichts mehr her. Er tut aber nichts dazu. Daher beginnt von da ab das Leben hohl und leer, öde zu werden, wenn der Mensch sich nicht aufschwingt, das gei­stige Leben, von dem ich gesagt habe, daß es wie eine Welle sich über die Menschheit ergieße, heute in sich aufzunehmen.

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Diese Krisis, die eigentlich in jeglichem Menschenleben heute ist um das siebenundzwanzigste Jahr - sie dauert dann bis um das fünf­unddreißigste Jahr herum -, die drückt sich in charakteristischen Er­scheinungen heute aus. Denn alles dasjenige, was in der allgemeinen Menschennatur lebt, das drückt sich in einzelnen Erscheinungen be­sonders radikal, besonders stark aus. So hat es bis vor kurzer Zeit eine als sehr führend - obwohl sie nicht viel führte - angesehene Persön­lichkeit gegeben, die war zu einem bestimmten Zeitpunkt vor eine wichtige Entscheidung gestellt. Aber gleichzeitig mit dieser Entschei­dung zeigte sich etwas anderes bei dieser Persönlichkeit. Diese Persönlichkeit

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war früher einmal inkarniert im 9. Jahrhunderte der christlichen Zeitrechnung und war in diesem 9. Jahrhunderte an einem südlicheren Orte Europas eine Art schwarzer Magier. Das hat in die jetzige Inkarnation dieser Persönlichkeit so hereingewirkt, daß, als diese Entscheidung eintrat, das entscheidungsvolle Ereignis, diese Per­sönlichkeit eigentlich starb, das heißt, der Leib von der Seele, die da sich wieder inkarniert hatte, verlassen worden ist. Aber die Persön­lichkeit lebte weiter, äußerlich, war trotzdem da. Denken Sie, welche Gelegenheiten für allerlei ahrimanische Geister und Individualitäten, in einem solch gestorbenen Menschen weiterzuleben! Das ist ein Fall von solchen Fällen, wie sie die Komplikation des heutigen Lebens mehr­fach hervorbringt. Solche Dinge spielen hinein in dasjenige, was heute Menschenhandlungen sind, in dasjenige, was heute auch Menschen-schicksale sind. Man kann heute nicht, ohne wenigstens ein Gefühl zu haben für so einschneidende Dinge, wie ich jetzt einen Fall erwähnt habe, ein Urteil über dasjenige gewinnen, was geschieht. Ich habe oft­mals betont, und auch hier sind Persönlichkeiten, denen gegenüber ich öfter betont habe: Über die sogenannte Vorgeschichte dieser Welt­kriegskatastrophe wird nicht so geurteilt werden können, wie man früher Geschichte gemacht hat, weil überall Fenster geöffnet waren für ahrimanische Wesenheiten, die hereinkamen. Und weil geistige Ursachen der zweifelhaftesten und sonderbarsten Art hereingespielt haben in die Ereignisse vom Juli 1914, wird man nicht ohne Zuhilfe­nahme von geistigen Faktoren über dasjenige sprechen können, ge­schichtlich, was zu dieser Weltkriegskatastrophe geführt hat.

Aber bedenken Sie, wie notwendig es ist, die Dinge heute wirklich ernst zu nehmen. Nehmen Sie also dasjenige, was ich als Grundphäno­men angeführt habe gerade vorhin: Bis zum siebenten Jahre entwickelt der Mensch seinen physischen Leib, bis zum vierzehnten Jahre etwa den Ätherleib, bis zum einundzwanzigsten Jahre den Astralleib, bis zum achtundzwanzigsten Jahre die Empfindungsseele. Da ist aber das siebenundzwanzigste Jahr, das heute besonders wichtig ist. Dann wir­ken bis zum fünfunddreißigsten Jahre erst Verstandesseele, dann Be­wußtseinsseele; in der Verstandesseele - lesen Sie nach in meiner «Theo-sophie», so finden Sie das -, da geht das Ich auf. Nun entwickelt sich

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aber der Mensch nach dem, was die Menschennatur hergibt, nur bis zum siebenundzwanzigsten Jahr. Er entwickelt sich so, daß er den Aufgang des Ich in der Verstandesseele erwartet. Das kommt aber nicht von selber, weil die Entwickelung vom achtundzwanzigsten bis fünfunddreißigsten Jahr nicht mehr von selber vonstatten geht.

Das ist die ungeheure Frage, die vor dem heutigen Menschen steht. Er lebt über das siebenundzwanzigste Jahr hinaus. Er hat nichts dazu getan, um dasjenige zu entwickeln, was das wirkliche Ich-Gefühl gibt und damit das Menschheitsgefühl, das Wissen vom Menschen. Was ent­steht? Die Frage: Was ist der Mensch eigentlich? - Die Antwort ist:

Weg vom Menschen, zum Übermenschen -, der einen bloßen lyrischen Inhalt abgibt. Oder aber solche Dinge wie: «In mir selbst ist was nicht in Ordnung. Ich bin folglich nicht so zur Welt gekommen, wie es sich für einen Menschen gehört. Ich befinde mich auf besonderer Bahn. Und nicht allein ich. Unserer sind viele. Wir müssen zu absonderlichen Menschen werden und fügen uns in keine Ordnung. Wer ist vor uns schuldig? Selbst sind wir vor uns und vor dem Leben schuldig!»

Da haben Sie aus der Geisteswissenschaft heraus die Frage: Was ist eigentlich der Mensch? - Sie kommt aus der gegenwärtigen Menschen-natur heraus. Ich frage Sie: Ist es nicht eine ernste Aufgabe für die Zukunft, daran zu denken, das Geistesleben, das uns befähigt, Le­benserfahrungen zu machen auch über den Geist, wirklich zu trennen von demjenigen, was niemals intime Lebenserfahrungen geben könnte, von dem demokratischen Staatsleben? Glauben Sie, daß jemals irgend etwas aufkommen könnte an der theologischen oder juristischen oder philosophischen oder medizinischen oder staatswissenschaftlichen oder naturwissenschaftlichen Fakultät - ich glaube, diese Fakultäten gibt es heute schon alle -, was zum Beispiel darauf aufmerksam machen könnte: In dieser gefährlichen Zeit nach dem siebenundzwanzigsten bis zum fünfunddreißigsten Jahre, da kann den Menschen innerlich Verödung ankommen, in einem extremen Fall so, daß die Seele sogar herausfahren kann, so daß der Mensch später eigentlich nur noch scheinbar lebt, indem er besessen ist von irgendeiner ahrimanischen Natur. Die Kompliziertheit des modernen Lebens fordert, daß das Geistesleben wirklich hineinmünden kann in das Geistige. Die Fragen,

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die die wichtigsten sind, lassen sich heute nicht an der Oberfläche des Lebens anfassen. Und wie sollte die bloße staatliche Demokratie, die auf dem Gebiete des Staatslebens ganz berechtigt ist, es möglich ma­chen, was nun kommen muß über die Menschheit, daß in der Zukunft Menschen auftreten, die immer notwendiger und notwendiger sein werden, die dasjenige, was sie über das Leben zu sagen haben, ganz und gar als geistige Botschaft aus der geistigen Welt bringen. Würde das nicht möglich sein, daß in die Zukunft der Menschheit hinein gei­stige Botschaft aus der geistigen Welt getragen werde, dann würde die Erdenentwickelung keineswegs ihr Ziel erreichen können. Aber die Möglichkeit des Auftretens eines solchen Geisteslebens hängt an der Freiheit des Geisteslebens, hängt daran, daß wirklich das Geistesleben emanzipiert vom Staate und auf sich selbst gestellt wird. Sonst wird sich immer wieder vollziehen, was einmal irgendwo, weit von hier, geschehen ist: An einer Hochschule, wo immer nur Menschen lehrten, die nichts Besonderes zu sagen hatten, machten sich in der demokrati­schen Versammlung Rufe laut, es sollten «Kapazitäten» berufen wer­den. Aber die Demokraten stießen mit ihren Stöcken auf den Erdbo­den: Wir wollen keine Kapazitäten, wir wollen mittlere Lüt! Mitt­lere Lüt! -

Sehen Sie, meine lieben Freunde, diese Dinge haben schon alle eine ernste, tiefe Grundlage. Und es ist unsere Aufgabe, auf diese ernste, tiefe Grundlage auch hinzuweisen, und vor allen Dingen das furcht­barste Übel der neueren Zeit, die Oberflächlichkeit und Gedanken­losigkeit, zu bekämpfen. Vielfach wird gesagt, die soziale Frage sei auch eine geistige Frage. Aber das Geistesleben muß dann in seinen Fundamenten und wirklich in seiner Tiefe betrachtet werden, sonst bleibt die geistige Betrachtung vor allen Dingen der sozialen Frage eine recht oberflächliche, bleibt an der Oberfläche haften.

Diese Betrachtungen werden wir dann am nächsten Freitag fort­setzen, oder wenn Freitag sein sollte, wie gewünscht worden ist, in der Nähe hier irgendwo ein anderer Vortrag, dann am Samstag um sieben Uhr fortsetzen.

Jetzt aber bin ich gebeten, Ihnen zu sagen, daß am Mittwoch um acht Uhr in einer der Abteilungen des Schweizerischen Studentenbundes

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Basel ein Vortrag sein wird von mir über «Soziales Wollen und proletarische Forderungen» im Bernoullianum, wozu Sie von den Stu­dierenden alle freundlich eingeladen sind.

NEUNTER VORTRAG Dornach, 11. April 1919

#G190-1991-SE145 Vergangenheits- und Zukunftsimpulse im sozialen Geschehen

#TI

NEUNTER VORTRAG

Dornach, 11. April 1919

#TX

Aus den verschiedenen Besprechungen unserer gegenwärtigen Mensch­heitsentwickelungsanlage werden Sie gesehen haben, daß von einem gewissen höheren Gesichtspunkte aus über die Gegenwart gesagt wer­den muß, daß die Menschheit eine sehr bedeutsame Phase ihres Da­seins durchschreitet. Wenn ich sage: in der gegenwärtigen Zeit -, muß man sich natürlich bewußt sein, daß diese Gegenwart eine sehr, sehr lange Zeit ist, und wenn wir heute von der Gegenwart sprechen, so sprechen wir im wesentlichen von der Entwickelungszeit der Bewußt­seinsseele, in welche die Menschheit, wie wir ja wissen, um die Mitte ungefähr des 15. Jahrhunderts eingetreten ist, und in der sie zwei­tausend Jahre lang sein wird. Wir wissen, daß diese Zeit der fünfte nachatlantische Zeitraum ist, und wir wissen ferner, daß dieser Zeit­raum abgelöst werden wird von einem anderen, in dem eine ganz an­dere Wesenheit der menschlichen Natur an die Oberfläche dringen wird, als in den verflossenen Zeiträumen da war. Bedenken wir nur einmal, was da eigentlich vorliegt.

Wir gliedern ja die Gesamtentwickelung der Menschheit, ob wir nun längere oder kürzere Zeiträume ins Auge fassen, immer in sieben­gliedrige Phasen. Wir stehen also jetzt im fünften Zeitraum und wis­sen, daß im sechsten Zeitraum das Geistselbst in einer gewissen Art von der Menschheit Besitz ergreifen soll, daß unser Zeitraum, wenn er auch im wesentlichen zum Ausdruck bringt die Bewußtseinsseele, der Entwickelung des Ich angehört. Damit sehen Sie schon, daß beim Über-gange von dem fünften in den sechsten nachatlantischen Zeitraum der Mensch eine Art Rubikon überschreitet (siehe Zeichnung), der Mensch als ganze Menschheit eintritt in eine Entwickelungsphase, welche hin-aufgeht in die höhere Geistigkeit. Das ist eine sehr wichtige, eine be­deutungsvolle Tatsache. Nun ist es immer unzulänglich, wenn man Entwickelungszustände im großen, also zum Beispiel Entwickelungs­zustände, die die ganze Menschheit betreffen, charakterisiert durch Entwickelungszustände des einzelnen Menschen. Es kommen da leicht

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bloße Vergleiche zustande. Das, was ich jetzt anführen werde, ist aller­dings mehr als ein bloßer Vergleich, aber Sie müssen sich hüten, die Sache pedantisch zu nehmen, Sie müssen die Sache weitherzig nehmen.

Sie wissen, wenn der Mensch eintritt in diejenige Welt, die wir die übersinnliche nennen, dann hat er dasjenige zu überschreiten, was wir die Schwelle des Hüters nennen. Man kommt hinüber in die über-sinnliche Welt durch das Überschreiten dieser Schwelle. Dieses Über­schreiten finden Sie in dem kleinen Büchelchen «Die Schwelle der geistigen Welt» von mir geschildert. Wenn Sie dasjenige, was dort ge­schildert ist, zusammennehmen mit gewissen Kapiteln der Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» dann bekommen Sie nach einer gewissen Richtung hin genauere Vorstellungen. Sie wissen, daß jene Zusammenfügung, die in der Menschenseele aus Denken, Füh­len und Wollen besteht, mehr gespalten wird, wenn man die Schwelle überschreitet, daß gewissermaßen das Denken an sich selbständiger wird, das Fühlen an sich selbständiger wird, das Wollen selbständiger wird, während im gewöhnlichen Geistesleben diesseits der Schwelle diese drei Tätigkeiten des Menschen mehr zusammengeschmolzen sind, mehr ineinandergewoben sind.

Also diese zwei Tatsachen wollen wir ganz genau berücksichtigen, daß, wenn man in die übersinnliche Welt eintreten will, man zu über­schreiten hat die Schwelle, daß dann gewissermaßen eine Art Spaltung eintritt der drei Haupttätigkeiten des menschlichen Seelenlebens, die selbständig macht Denken, Fühlen und Wollen. Das, was der Mensch so bewußt beim Übergang in die übersinnliche Welt durchmachen kann, das macht, ohne daß es dem einzelnen Menschen bewußt werden müßte, die ganze Menschheit durch in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum. In diesem fünften nachatlantischen Zeitraum liegt die Schwelle (siehe Zeichnung), durch die die Gesamtmenschheit durch­gehen muß.

Daß die gesamte Menschheit durch diese Schwelle durchgeht, das braucht den einzelnen Menschen so unmittelbar gar nicht zum Be­wußtsein zu kommen. Wenn die Menschen zum Beispiel beharren wür­den bei der Gesinnung, die die Mehrzahl jetzt hat, bei der Ablehnung aller geistigen Erkenntnisse, dann würde zwar die gesamte Menschheit

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doch im Laufe dieses fünften nachatlantischen Zeitraums durch die Schwelle durchgehen; aber die Menschen würden in ihrer Mehr­zahl das nicht bemerken. Jenes gewaltige Ereignis für die Menschen, das ein geistig-seelisches Ereignis ist, und das gekennzeichnet werden kann als der Durchgang durch die Schwelle, es kann den Menschen nur bewußt werden, wenn sie sich einlassen auf diejenigen Erkennt­nisse, welche durch die Geisteswissenschaft vermittelt werden. Aber selbst wenn kein Mensch bemerken würde, daß dieser Durchgang der gesamten Menschheit durch die Schwelle stattfindet, daß die Mensch­heit eigentlich schon jetzt in diesem Durchgang begriffen ist, so würde dasjenige, was dieser Durchgang für die Entwickelung der Mensch­heit bedeutet, doch wirklich da sein. Es hängt gar nicht ab davon, daß so etwas ein Ereignis in der Menschheitsentwickelung ist, ob die Menschen das bemerken oder nicht. Den Menschen kann das Bemer­ken verlorengehen. Sie können durch ihre Starrköpfigkeit dem Ein-gange des Wissens von dieser Tatsache ein Hindernis entgegensetzen. Aber daß sich dasjenige, was diese Tatsache bedeutet, in der ganzen menschlichen Entwickelung zum Ausdrucke bringt, das wird dadurch nicht verhindert.

Wenn Sie das zunächst in dieser Abstraktheit nehmen, dann wer­den Sie sich sagen können: Während dieses unseres fünften nachatlan­tischen Zeitraums, während der Entwickelung der Bewußtseinsseele, geht mit der Menschheit Bedeutungsvolles, Großartiges vor sich. Und zwar geht mit der Menschheit auch das vor sich, daß eine gewisse Tren­nung des Gedankenlebens, des Gefühlslebens und des Willenslebens stattfindet. Also bitte, fassen Sie das klar ins Auge. Eine gewisse Tren­nung, eine Verselbständigung des Gedankenlebens, des Gefühlslebens,

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des Willenslebens geht mit der Menschheit vor sich im fünften nach-atlantischen Zeitraum. Diese drei Gebiete des Seelenlebens der Ge-samtmenschheit werden selbständiger. Und das wird die Menschheit der Zukunft unterscheiden von der Menschheit der Vergangenheit, daß die Seele in der Vergangenheit mehr in sich zentralisiert war, wäh­rend die Seele in der Zukunft sich dreigliedrig fühlen wird. Wenn der Mensch einsam für sich sein wird, wird er ja seine Entwickelung durch­machen können in dem Sinne, wie wir sie angedeutet finden in «Wie er­langt man Erkenntnisse der höheren Welten?»; das geht den einzelnen individuellen Menschen an. Indem aber die Menschen zusammen sind -die Menschen sind ja zusammen als Volk, als Staat, im Wirtschafts-kreislauf und so weiter -, indem die Menschen miteinander verkehren, ihre gemeinsamen Interessen erkennen und befriedigen, entwickelt sich das, was ich eben charakterisiert habe, entwickelt sich im lebendigen Verkehr der Menschen diese Spaltung des Gesamtseelenlebens in die drei Sphären, weil, wie gesagt, hinter den Kulissen des Daseins die ge­samte Menschheit durch eine Entwickelungsphase durchgeht, die man vergleichen kann mit dem Durchgang des einzelnen Menschen durch die Schwelle zur übersinnlichen Welt, mit dem Übergang des einzelnen Menschen durch die Schwelle zur übersinnlichen Welt.

Nun kann man sagen, daß es in unserer Zeit Menschen durchaus gibt, welche von diesen hinter den Kulissen des Daseins sich abspie-lenden Ereignissen etwas merken. Nur merken sie es, ich möchte sa­gen, im negativen Sinne. Ich habe Ihnen öfter den Namen Fritz Mauth­ner angeführt, der eine «Kritik der Sprache» geschrieben und ein dickes zweibändiges «Wörterbuch der Philosophie» veröffentlicht hat. Nach­dem ich Ihnen in der letzten Zeit gerade über die Bedeutung der Sprache im menschlichen Leben etwas Wirkliches gesagt habe, darf es für Sie interessant sein, jetzt sich mit der Frage zu beschäftigen:

Wie denkt ein Mensch in der Gegenwart über das eigentliche Seelen-leben des Menschen, der seine Aufmerksamkeit, wie Fritz Mauthner, gerade auf die Sprache richtet, der aber keine Ahnung hat von dem Vorhandensein einer Geisteswissenschaft, der nichts ahnt von dem, was Geisteswissenschaft der Menschheit geben kann? Ein solcher Mensch, der ein vollständiger Ignorant in geisteswissenschaftlichen Dingen,

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aber ein scharfsinniger Kopf ist, der gescheiter ist als unzählige offi­zielle Gelehrte, wenn er die Aufmerksamkeit darauf wendet, was die menschliche Seele unter der Wirkung der Sprache wird, äußert eigen­tümliche Wahrnehmungen über die menschliche Entwickelung. Im gan­zen, wissen Sie ja, ist die heutige Menschheit noch unendlich stolz auf dasjenige, was sie ihre Wissenschaft nennt. Fritz Mauthner ist gar nicht stolz auf diese Wissenschaft. Er hält von dieser Wissenschaft gar nichts. Denn er glaubt, daß die Menschen, während sie denken eine Wissen­schaft zu haben, eigentlich bloß in Worten kramen, daß sie bloß an Worten hängen, und indem sie in Worten denken, in Worten sich ver­ständigen, meinen sie, ein inneres Seelenleben zu haben; während sie im Grunde genommen doch nur in den äußeren Worten sich bewegen. Das hat Fritz Mauthner bewiesen.

Nun erinnern Sie sich, daß ich Ihnen neulich gesagt habe: Von dem ganzen Gefüge unserer Sprache verstehen die Toten höchstens das­jenige klar, was wir in Verben, in Zeitwörtern zu ihnen sagen, wäh­rend sie fast gar nichts merken von dem, was wir wollen, wenn wir zu ihnen sprechen in Substantiven, in Hauptwörtern. Daraus schon kön­nen Sie empfinden, welche Bedeutung das Sprechen im wirklichen gei­stigen Leben des Menschen hat. Und wenn der Mensch nicht loskom­men kann mit seinem sogenannten Denken von dem Sprachinhalte, so denkt er eigentlich, wenn er substantivisch denkt, etwas ganz Ungeisti-ges, etwas, was gar nicht hineindringt in die geistige Welt. Er schnürt sich einfach durch das substantivische Denken von der geistigen Welt ab. Das ist auch in der Gegenwart reichlich der Fall, daß sich die Menschen durch ein gewisses substantivisches Denken von der geisti­gen Welt abschnüren. Völker, welche schon in die Dekadenz gekom­men sind und welche selbst die Verben sehr substantivisch empfinden, wie die Neger, die schnüren sich dadurch vollständig von der geistigen Welt ab.

Indem nun Fritz Mauthner meint, daß in all dem, was die Men­schen heute als Wissenschaft haben, eigentlich nichts anderes liegt als eine Art Sich-Selbstnarren durch die Sprache, kommt er zu einer für die Gegenwart höchst merkwürdigen Ansicht über dieses menschliche Seelenleben. Er sagt: die Menschen stehen zunächst der Welt gegenüber.

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Indem sie der Welt mit ihren Sinnen gegenüberstehen, nehmen sie zunächst nur diejenigen Eindrücke der Welt wahr, welche sie mit Eigenschaftswörtern bezeichnen. Auf das achtet man nicht. Aber es ist eine gute Bemerkung. Wenn Sie einen Vogel fliegen sehen, wenn Sie einen Tisch stehen sehen, so nehmen Sie durch Ihre Sinne eigentlich nur die Eigenschaften, sagen wir, die Farbe des Vogels wahr; Sie neh­men an dem Tisch auch nur die Eigenschaften wahr. Daß Sie außer den Eigenschaften noch einen besonderen Tisch wahrnehmen, daß Sie außer denjenigen Eindrücken, die Sie durch Eigenschaftswörter be­zeichnen, noch etwas wahrnehmen, was Sie substantivisch bezeichnen können, das ist ja nur eine Selbsttäuschung, das ist nur eine Illusion. Sinnlich nimmt der Mensch nur die Eigenschaften der Dinge wahr. Aber indem er diese sinnlichen Eigenschaften durch die Adjektiva, durch die Eigenschaftswörter der Sprache ausspricht, lebt er äußerlich sinnlich mit den Dingen. Und solch ein Mensch, wie Fritz Mauthner, frägt sich: Was kann denn da der Mensch, wenn er äußerlich mit den Dingen lebt, eigentlich von den Dingen in sich aufnehmen, wiederge­ben von den Dingen? - Er kann nur von den Dingen aufnehmen, meint Fritz Mauthner, dasjenige, was wiedergegeben wird durch die Kunst. Dabei muß man allerdings denken an die Kunst von den primitivsten Stufen der Menschheit an bis hinauf zu demjenigen, was man als die höchste Stufe der Kunst bis heute bezeichnen kann. Wenn der Mensch dasjenige, was er mit den Sinnen wahrnimmt, was er durch Eigen­schaftswörter ausdrücken kann, verarbeitet, so entsteht Kunst. Für solche Leute wie Fritz Mauthner, die viel Abergläubisches der Gegen­wart abgestreift haben, die vor allen Dingen abgestreift haben den Aberglauben unserer Schule, für die ist das künstlerische Schaffen, zu dem also auch das allerprimitivste künstlerische Schaffen gehört, das einzige, was der Mensch zustande bringt im Schaffen im Verein mit den Dingen. Aber der Mensch ist nicht zufrieden damit, daß er bloß die Eigenschaften der Dinge durch Eigenschaftswörter ausdrückt. Er bildet sich Substantiva, Hauptwörter. Aber mit den Hauptwörtern bezeichnet man gar nichts von dem, was in der äußeren Sinnenwelt an den Menschen herantritt. Das macht sich Fritz Mauthner besonders klar und deshalb sagt er auf zweiter Stufe: Wenn der Mensch zu dem

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illusionären Leben aufsteigt, indem er Substantive bildet, da entsteht in seiner Seele die Mystik. Da glaubt er einzudringen in das Wesen der Dinge und merkt nicht, daß er eigentlich nichts hat in den Sub­stantiven. Auf diesem Gebiete, meint Fritz Mauthner, läßt sich nur träumen. So sagt er zu den Menschen: Wenn ihr wirklich leben wollt, so müßt ihr künstlerisch vorstellen, da wacht ihr eigentlich allein. Wenn ihr keinen Sinn für künstlerische Vorstellungen habt, so wacht ihr eigentlich gar nicht mit euerer Seele, ihr träumt, wenn ihr glaubt, in das Wesen der Dinge eindringen zu können über das bloße künst­lerische Gestalten des sinnlichen Eigenschaftsmaterials hinaus. Ihr ge­ratet mit eurer Mystik in die Unwirklichkeit, aber ihr habt an dieser Mystik eine gewisse Befriedigung. Ihr träumt über die Dinge, indem ihr über sie Hauptwörter, Substantive bildet.

Das ist zwar eine vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte blöd-sinnige Behauptung, aber eine außerordentlich scharfsinnige, für die Gegenwart außerordentlich bedeutsame Behauptung, weil in der Tat, wenn der Mensch bloß diejenigen Eigenschaften ausbildet, die man heute liebt, er in der ganzen substantivischen Welt, in der er mystisch leben kann, nur Traumillusionen erlebt. Die meisten Menschen machen sich das nur nicht klar. So sonderbar dies auch klingt, es ist eine für das Leben der Gegenwart außerordentlich bedeutsame Tatsache: die Menschen arbeiten mit den äußeren sinnlichen Eigenschaften die Dinge, die sie in den Eigenschaftswörtern zum Ausdruck bringen. Sie gestal­ten diese äußeren Dinge, indem sie ihre Eigenschaften irgendwie ver­ändern. Dann außer dem, daß sie an diesen äußeren Dingen arbeiten, meinetwillen in primitiver Kunst - auch das Handwerk, jegliche Tä­tigkeit ist eine primitive Kunst -, wenden sich die Leute noch, sagen wir an die Kirche, an die Schule. Da, meinen sie, hören sie etwas über das Wesen der Dinge. Aber da bekommen sie nur eine substantivische Bildung, also etwas, was eigentlich lauter Illusionen sind. Ein Mensch wie Fritz Mauthner hat eine ganz richtige Empfindung dafür. Wenn man über eine Wiese geht, dort die grüne Fläche sieht, in der mannig-faltigsten Weise differenziert, durchspickt mit weißen, blauen, gelben, rötlichen Pflanzenblüten, dann hat man dasjenige, was eigentlich in der sinnlichen Welt das Wirkliche ist. Aber die Menschen glauben darüber

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noch etwas hinaus zu haben. Wenn sie des Weges gehen, der eine neben dem anderen, und der eine streckt seine Hand aus, pflückt so etwas, was gelb aussieht, so frägt er den anderen: Wie heißt denn diese Pflanze? - Der andere hat vielleicht einmal durch irgendeinen anderen Menschen oder in der Schule gehört, wie diese Pflanze heißt und spricht ein Substantivum aus. Aber diese ganze Tätigkeit ist eine illusorische Tätigkeit, ist eine Traumtätigkeit. Die wirkliche Tätigkeit ist allein das Sehen eines Gelben, eines gestalteten Gelben; was aber darüber in Substantiven gesprochen wird, das ist eine Traumtätigkeit. Diese Traumtätigkeit lieben die Menschen heute, aber sie hat eigentlich kei­nen Inhalt. Viele Menschen, die unbefriedigt sind mit dem bloßen Hantieren mit den äußeren eigenschaftlichen Eindrücken, hören sich Predigten an, machen Gottesdienste mit. Alles dasjenige aber, was in ihrer Seele durch diese Predigten, durch die Gottesdienste lebt, ist im Grunde genommen nichts weiter als ein Traum, eine Summe von Illu­sionen, ist nichts Wirkliches. Solche Menschen, die sich genauer be­fassen mit dem Charakter der Sprache, wie Fritz Mauthner, die mer­ken das und machen die Menschen aufmerksam, daß in dem Augen­blicke, wo sie über das Künstlerische oder künstliche Hantieren hin­wegkommen, sie sogleich in das Gebiet des mystischen Träumens hin­einkommen.

Dann unterscheidet Fritz Mauthner noch eine dritte Stufe im See-lenleben des heutigen Menschen. Diese Stufe nennt er die Wissenschaft. Sie ist heute ganz besonders stolz auf die Idee der Entwickelung, der Evolution. Dasjenige, was sie darstellt, drückt sie vorzugsweise in Verben aus. Aber nun nehmen Sie, was ich Ihnen gesagt habe mit Be­zug auf das Erleben der verbalen Tätigkeit, der Tätigkeit der Zeit-wörter. Wie viele Menschen erleben denn heute die Zeitwörter euryth-misch? Wie trocken und nüchtern und abstrakt ist dasjenige, was die Menschen in den Zeitwörtern erleben! Der Deutsche sagt: Entwicke­lung. «Evolution» sagt man, wenn man dasselbe anders ausdrücken will. Aber man hat ja gar nichts von dem Worte Evolution oder Ent­wickelung, wenn man nicht in der Lage ist, dieses ganze Wort konkret durchzuempfinden, innerlich durchzuleben. Wie viele Menschen den­ken aber, wenn sie sagen, der gegenwärtige physische Mensch habe sich

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von niederen Organismen her entwickelt, an einen Zwirnknäuel, der zusammengewickelt ist, und der aufgewickelt wird, der entwickelt wird? Wenn Sie einen Ballen haben, darum einen Faden gewickelt und den abwickeln, so sagen Sie: Sie entwickeln das. Das ist Entwickelung. Da haben Sie diese konkrete Vorstellung. Nehmen Sie nun Ernst Haek­kel, wenn er sagt, der Mensch habe sich aus dem Affen entwickelt. Wir wollen nicht über das Substantielle der Sache sprechen. Glauben Sie, daß er daran denkt, daß da ein Zwirnknäuel vorliegt und daß sich da etwas abgewickelt hat, indem aus dem Affen ein Mensch geworden ist? Nicht wahr, so etwas Konkretes liegt ganz gewiß nicht in dem Wort, das ausgesprochen wird, indem man sagt, der Mensch habe sich aus dem Affen entwickelt, sonst müßte man an das Aufwickeln eines Fadens von einem Knäuel denken. Was heißt es, daß man das Wort «entwickelt» ausspricht, aber sich eigentlich nichts darunter vorstellt? Das ist gerade das Merkwürdige, daß die Menschen heute, indem sie wissenschaftlich denken, vorzugsweise verbal sich ausdrücken, zu Ver­ben, zu Zeitwörtern ihre Zuflucht nehmen, daß sie aber bei Zeitwörtern gar nichts mehr denken. Denn würden sie sich sprachlich klarmachen, was sie da eigentlich denken, so würden sie gar nicht mit dem zurecht­kommen, was sie in Wirklichkeit denken. Die wissenschaftlichen Be­griffe sind eigentlich nichts anderes als wissenschaftliche Gedanken­losigkeiten. Sie können heute die dicksten gelehrten Bücher aufschla­gen, insbesondere in der Volkswirtschaftslehre, und können da die Be­griffe durchgehen; es sind ebenso viele Gedankenlosigkeiten, als Be­griffe darinnen sind.

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Nun kann so jemand wie Fritz Mauthner, der keine Ahnung hat von Geisteswissenschaft, natürlich nicht die Gründe der Gedanken­losigkeit einsehen, die wir jetzt einsehen, nachdem wir neulich die Dinge besprochen haben, die mit der Sprache zusammenhängen. Aber Fritz Mauthner fühlt, daß eigentlich, indem die Leute heute wissen­schaftlich reden, infolge der Grenzen des sprachlichen Denkens dieses wissenschaftliche Reden nichts weiter ist als eine Gedankenlosigkeit. Es ist immerhin eine harte Tatsache, wenn man zugestehen muß: auf den untersten Schulstufen, wo ja schon reichlich gesündigt wird den Kindern gegenüber, da macht es das kindliche Gemüt notwendig, weil es noch etwas Sinnliches haben will, daß man ihm irgend etwas an konkreten Gedanken noch gibt. Treten aber dann die Leute ins Gym­nasium ein, oder werden sie «höhere Töchter», dann kann man ihnen schon mehr zumuten an Gedankenlosigkeit, dann hört schon der In­halt des Begrifflichen auf. Und kommt man gar auf die Universität hinauf, dann ist der Gipfel der Gedankenlosigkeit dasjenige, was da als Wissenschaft tradiert wird, denn wie Wirklichkeit sind heute nur die Hantierungen, das Künstliche, was man aus dem Laboratorium, was man aus dem Seziersaal und so weiter hinausträgt, das Technische, das Künstliche. Dasjenige aber, was gedacht wird - ich spreche einen Unsinn, indem ich sage: was gedacht wird, denn es wird eben nichts gedacht, es wird Gedankenlosigkeit kultiviert -, dasjenige, was ge­dacht wird, ist nichts Gedachtes, ist Gedankenlosigkeit.

So etwas fühlt Fritz Mauthner. Deshalb stellt er diese Skala von drei Stufen auf: Erstens die Kunst; zweitens die Mystik, die aber ein Träumen ist, und drittens die Wissenschaft, von der er sagt, daß sie in Wirklichkeit eine Docta ignorantia, eine gelehrte Unwissenheit ist. So etwas von einem solchen Manne ausgesprochen, muß man wie ein Geständnis eines repräsentativen Menschen der Gegenwart nehmen. So etwas sagt eben ein Mensch, der jenen Aberglauben abgestreift hat, unter dem die meisten Menschen heute leben, der namentlich durch die Betrachtung der Sprache darauf gekommen ist, welche Leerheit sich er­gießt über die heutige Menschheit, indem auf der Höhe der Bildung angebliche Gedanken gelehrt werden, die aber nur die Gedankenlosig­keit sind. Und diese Gedankenlosigkeit, die ergießt wortklappernd sich

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dann hinein in die populäre Literatur und wird endlich der furcht­bare Wortsumpf in der Journalistik, von der sich die meisten Men­schen heute geistig nähren.

Wenn Sie dies bedenken, wie ich es Ihnen vorgeführt habe an einem repräsentativen Menschen der Gegenwart, der keine Ahnung hat von der Geisteswissenschaft, und wenn Sie bedenken, daß ebenso wie ich Fritz Mauthner als ein Beispiel genommen habe, ich manche andere Persönlichkeit der Gegenwart anführen könnte, die nur nicht so prä­zise die Sache zum Ausdrucke bringt, nicht so borniert systematisch, und wenn Sie vorurteilslos dazunehmen die Gespräche, die die heu­tigen Menschen untereinander führen, vom gewöhnlichen Kaffee­klatsch bis in die Stände-, Bundes-, Reichstäglichen Versammlungen hinauf, bis in die Duma hinauf, so ist da vorhanden ein Zusammen-schallen von Sprachlauten, Worten und Gedankenlosigkeit, dieses Zu­sammenschallen durchsetzend.

Damit charakterisiert man aber den wirklichen Tatbestand des­jenigen, was man heute Kultur nennen muß, wenn man von ihm redet, damit charakterisiert man diejenige Welt, die man heute Kulturwelt nennen muß, wenn man sie nicht beleidigen will, indem man sie an­spricht. Ich habe Ihnen nichts weiter geschildert als Tatsachen, die eben einfach bestehen. Und des Geisteswissenschafters Aufgabe ist es, diesen Bestand unbefangen, mutig zu durchschauen, ohne Selbstillu­sion. Und Sie sehen, Leute, die außerhalb der Geisteswissenschaft ste­hen, kommen schon darauf, daß es ein furchtbarer Aberglaube ist, die Wissenschaft, wie sie heute herrscht, für etwas zu halten, daß sie eine Docta ignorantia ist. Und das ist sie geworden nach und nach. Seit Nikolaus der Cusaner sie im 15. Jahrhundert bezeichnet hat mit dem Worte «docta ignorantia», ist unsere Wissenschaft immer mehr und mehr dazu geworden. Tröpfe könnten jetzt allerdings kommen und sagen: Was redest du denn da? Du hast uns doch so oft gesagt, daß die Gegenwart großartige Triumphe in bezug auf die Naturwissenschaft erreicht hat, und daß du gerade diese Triumphe der Naturwissenschaft voll anerkennen willst! Ja, meine lieben Freunde, aber die Natur ist dasjenige, was keine Gedanken in sich enthält! Die Naturwissenschaft kann gerade im Zeitalter der Gedankenlosigkeit am allergrößten werden,

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weil man keine Gedanken, sondern nur äußere Formeiworte braucht, um die naturwissenschaftlichen Tatsachen zusammenzuhal-ten. Gerade dem Umstande verdankt die Naturwissenschaft ihre Größe, daß sie, um rechte Naturwissenschaft zu sein, gedankenlos sein darf und sein soll sogar. Aber worauf ich Sie vor allen Dingen aufmerk­sam machen wollte, das ist, daß schon in der Gegenwart bemerkt wird, wie die Menschheit durch etwas durchgeht, was ihr das innere Seelen-leben zu einem Träumen und die eigentliche Wissenschaft zu einem Schlafen macht, zu einer Ignorantia. Das ist auch das Wohlige, das die Menschen heute an der Wissenschaft und am wissenschaftlichen Denken empfinden, daß sich darinnen seelisch so wohlig schlafen läßt. Man glaubt gar nicht, wie stark die heutige Menschheit schläft, indem sie etwas zu wissen glaubt, wie überall sie autoritätsgläubig bis zum Exzeß ist gegenüber dem, was sie Wissenschaft nennt, und was ihr als Wissenschaft gegeben wird, wie sie aber nirgends aus ihrem tiefen Schlaf heraus diese Wissenschaft auf die wirkliche Umgebung anwen­den kann. Ja, sie sieht es als eine Phantasterei an, wenn «Wissenschaft­liches» auf das äußere Leben angewendet wird.

Stellen Sie einmal in einer Bibliothek - sie müßte sehr groß sein -alle gelehrten psychiatrischen Werke, alle Werke über Irrenkunde zu­sammen, da hätte man im Sinne der heutigen Zeit vieles Scharfsinnige beisammen. Aber man muß doch auch annehmen, daß die Psychiater, die sich fachlich mit den Dingen beschäftigen, das kennen, was in den Büchern steht; wenigstens der Hauptsache nach müßten sie es kennen, und sie kennen es auch, aber eben schlafend. Denn wenn es zum Bei­spiel darauf ankommt, das Leben zu betrachten, einzusehen, daß ein Mensch, der jahrelang über einen großen Teil Europas hin die Ereig­nisse beherrscht, wirklich wahnsinnig war und ist, dann nützt den Leuten ihre Wissenschaft der Psychiatrie nichts, denn sie kommen nicht darauf, ihre Wissenschaft anzuwenden auf das wirkliche Leben.

Diese Dinge waren nicht immer so in der Menschheitsentwickelung. Wenn wir zurückgehen in andere Zeiträume, so war das nicht in dem­selben Maße vorhanden. Und je weiter wir zurückgehen, in desto ge­ringerem Maße war es vorhanden. Als die Menschen das alte atavisti-sche Hellsehen noch hatten, da waren ihre Träume nicht Träume in

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dem heutigen Sinn, sondern da hatten ihre Träume einen seelischen Inhalt, in dem sie etwas Reales wahrnahmen. Und menschliche Ange­legenheiten erforschten die Leute eben gerade aus dem Schlafe heraus. Aber heute ist es so geworden, daß die Menschen, wenn sie Menschen bleiben wollen, eine andere Erkenntnis sammeln müssen, als diejenige ist, vor der sie Fritz Mauthner als eine Docta ignorantia oder als einer träumerischen Mystik gestellt findet. Die Menschen müssen aufwachen, und sie können nur aufwachen durch geisteswissenschaftliches Erken­nen. Deshalb nenne ich aber dasjenige, was eintreten muß, ein Auf­wachen. Dieses Aufwachen muß etwas sehr Reales, etwas in das Le­ben sehr, sehr Eingreifendes werden. Die Menschen sprechen heute und denken in der Sprache. Das haben wir ja charakterisiert. Daher glauben sie, auch Gedanken zu haben. Aber in Wirklichkeit sind diese Gedanken nicht da. Denn, was sind für den heutigen Menschen Ge­danken, wenn er sie wirklich als Gedanken faßt? Sie sind gar nicht eigentlich Reales, sie sind Spiegelbilder von einem Realen. Und selbst wenn sich der heutige Mensch, ja, gerade dann, wenn er sich zu wirk­lichen Gedanken aufschwingt, ein wirkliches Ideenleben anstrebt, so muß er sich dessen bewußt sein, daß diese Ideen Schattenbilder einer Wirklichkeit, nicht selbst eine Wirklichkeit sind.

Ich habe Ihnen neulich ein Kapitel Hegel vorgeführt. Ich habe Ihnen gesagt, es wird Ihnen schwierig sein, weil Hegel sich immer in Gedanken bewegt. Das ist ja für die heutigen Menschen so furchtbar schwierig, sich in Gedanken zu bewegen. Man wird sogar anstößig, höchst anstößig, wenn man in Gedanken sich bewegt. Als von mir be­gonnen worden ist, in Berlin zunächst, über Anthroposophie zu spre­chen, da kamen allerlei Leute aus den verschiedensten Richtungen des sogenannten Geisteslebens und wollten nun auch einmal sehen, was es denn da gibt, Leute, die im Spiritismus gestanden haben, die ver­sucht haben, durch allerlei fragwürdige mediale Dinge etwas von der geistigen Welt zu erfahren, Leute, die mancherlei über die geistige Welt geträumt haben, sie kamen halt heran. Und da stellte es sich oft­mals heraus, daß gerade solche Leute, namentlich wenn sie selber etwas medial waren, regelmäßig bei meinen Vorträgen einschliefen. Man konnte da manchen gesund schlafen sehen. Dann blieben sie wieder

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aus. Und einige von ihnen sagten, sie dürften nicht mehr zu diesen Vor­trägen gehen, denn die Geister hätten ihnen gesagt, da würde mit Ideen, mit Gedanken gearbeitet, und da dürften sie nicht dazu gehen. Ich erinnere mich noch lebhaft an eine Dame, welche - sie schien un­päßlich geworden zu sein - mit einer gewissen Schnelligkeit zur Türe hinauslief, aber kaum daß sie draußen war, legt sie sich der Länge nach hin. Diesen Eindruck hatte das Geben von Gedanken auf sie gemacht. Die Leute sind heute im allgemeinen auf Gedanken wirklich nicht ein­geschult, weil sie das Sich-Bewegen in den Projektionen der Sprache lieber für Gedanken halten. Aber gerade dann, wenn man sich auf das Denken einläßt, merkt man, daß man in unserem heutigen fünften nachatlantischen Zeitraum, indem man wirklich denkt, das heißt in Gedanken lebt, Schattenbilder von etwas hat, man merkt, wenn man den Charakter des Gedankenlebens richtig auffaßt, da bewegt sich die Seele gewissermaßen auf der Fläche der Gedanken, und dahinter ist etwas, was im Unbewußten bleibt. Da ist die Seele. Aber sie sieht etwas, was sie gewissermaßen vorausschickt als die Schattenbilder dessen, in dem sie lebt. Da muß aber die Seele hinein in das, worin sie wirklich lebt. Sie muß die Schattenbilder, Gedanken, Ideen auffassen und muß sie hineintragen in etwas, was dem Menschen heute noch vielfach un­bewußt bleibt, diese Schattenbilder von Ideen, Gedanken. Wodurch kann sie das? Sie kann das nur dadurch, daß aufgenommen werde in das Gedankenleben dasjenige, worüber wir uns, wenn wir es aufneh­men, keinerlei Täuschung hingeben können, das ist der Denkwille, die Empfindung des Wollens, indem wir denken, die Empfindung, daß wir dabei sind, indem wir denken, daß wir wirklich mit dem einen Gedanken zu dem anderen überleiten, daß wir immer ein anschauliches Bild unterliegend haben, indem wir denken. Das lieben die Menschen heute nicht. Die Menschen sitzen, gehen, stehen heute und ihre Ge­danken spielen durch den Kopf dasjenige, was ich eben jetzt charak­terisiert habe, was eigentlich Gedankenlosigkeit ist, aber es spielt durch den Kopf. Die Menschen überlassen sich diesen sogenannten Gedan­ken, sie geben sich passiv hin, nehmen auch jeden sogenannten Gedan­ken an, der ihnen durch den Kopf rollt. Und die Folge davon ist, daß der Gedankenwille, das Willkürliche, das aktiv Arbeitende im Gedanken,

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daß das heute in den Menschenseelen zu dem Allerseltensten ge­hört.

Der Mensch, der sich heute für den tonangebenden hält, der will sich überhaupt am wenigsten gerne hinsetzen und aus seinem Willen heraus tätig werden. Rasch greift er nach der Zeitung, damit von außen seine Gedanken abgerollt werden, oder nach einem Buch, um ja nicht im Inneren die Aktivität zu entwickeln, die nun wirklich zum aktiven Denken führt. Mit Bezug auf dieses aktive Denken lebt die heutige Menschheit in einer - man kann es nicht anders nennen - so­zialen Faulheit.

Das alles gibt die wirkliche Gestalt jenes Überganges, den ein Mensch wie Fritz Mauthner fühlt, indem er so etwas ausspricht, wie ich es Ihnen vorhin charakterisiert habe. Das alles aber sind Begleit­erscheinungen des Durchganges durch die Schwelle von seiten der gan­zen Menschheit. Durch den ernsten Hüter, an dem ernsten Hüter vor­bei muß die ganze Menschheit in diesem fünften nachatlantischen Zeit­alter. Und zum Bewußtsein sollte es kommen gerade im Zeitalter der Bewußtseinsseelen-Entwickelung, daß die Menschheit durch dieses Stadium ihrer Entwickelung durchgeht. Da muß aber eine Art von Spaltung des Seelenlebens eintreten. Dasjenige, was früher als Einheit zentralisiert war, muß in eine Dreiheit auseinandergespalten werden, und jedes einzelne Glied muß für sich zentralisiert werden. Das kann nur geschehen, weil es um die Menschheit sich handelt in ihrem Zu­sammenleben, nicht um den einzelnen Menschen, das kann nur ge­schehen, wenn äußere Anhaltspunkte da sind, an denen sich diese Ten­denz zu der inneren Dreigliederung fortentwickeln kann. Diese äuße­ren Anhaltspunkte müssen nun da sein in dem sozialen Organismus, in dem der Mensch drinnen lebt. Das ist durchaus nicht ein beliebig auf­gebrachtes Aperçu, daß heute gesprochen werden muß von dem drei­gliedrigen sozialen Organismus. Das ist dasjenige, was aus den Zei­chen der Zeit heraus der Menschheit klargemacht werden muß, aus jenen Zeichen der Zeit heraus, die sich ergeben, wenn man bedenkt, daß die Menschheit vorbeigehen muß an dem ernsten Hüter der Schwelle. Und wenn Sie nach einer inneren Charakteristik suchen der Gründe, warum im sozialen Organismus die Dreigliederung eintreten

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muß, dann bitte lesen Sie noch einmal nach jenes Kapitel in «Wie er­langt man Erkenntnisse der höheren Welten?», das vom Hüter der Schwelle handelt. Da steht von einem anderen Gesichtspunkte aus schon alles darinnen.

Sie sehen daraus, daß, indem man Geisteswissenschaft studiert, man die wichtigsten Impulse der gegenwärtigen Menschheitsentwickelung studiert, daß hingedeutet wird durch die Geisteswissenschaft von den verschiedensten Gesichtspunkten aus auf die intensivst wirkenden Le­bensnotwendigkeiten der Gegenwart. Und indem in jenem Kapitel von dem Hüter der Schwelle in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höhe­ren Welten?» hingewiesen wird auf die Spaltung der Menschenseele in die drei Glieder Denken und Fühlen und Wollen, wird zu gleicher Zeit für die ganze Menschheit herausgefordert das Denken an den drei-gliedrigen sozialen Organismus.

So hängen die Dinge zusammen. Betrachten Sie den Einzelmen­schen, der die Schwelle zur übersinnlichen Welt überschreitet, so kön­nen Sie sich sagen: Dieser Mensch erlebt in sich die Spaltung in ein Gedankenleben, in ein Gefühlsleben, in ein Willensleben. Betrachten Sie die heutige Menschheit, die, indem sie den fünften nachatlantischen Zeitraum durchmacht, hinter den Kulissen des geschichtlichen Wer-dens die Schwelle überschreitet, dann müssen Sie sagen: Diese Mensch­heit muß ihr Gedankenleben in einem selbständigen Geistesorganismus finden; ihr Gefühlsleben, das heißt die Verhältnisse der Gefühle, die zwischen Mensch und Mensch spielen, in dem selbständigen Rechts-organismus; das Willensleben in dem Wirtschaftskreislauf, Wirtschafts­Organismus.

Wenn Sie diese Dinge so betrachten, werden Sie die richtigen Grundlagen, die tieferen Grundlagen haben für die Notwendigkeit dessen, was mit dem dreigliedrigen sozialen Organismus gegeben ist. Dann werden Sie aber auch über das bloße Wortgeplärr hinauskommen, das die Gegenwart vielfach beherrscht. Dann werden Sie einsehen, daß man gegenwärtig nicht streiten sollte in Worten, sondern gerade ein­sehen sollte, daß die Worte erst dann ihr Gewicht erhalten und auf Gedanken hinweisen, wenn man sie in die richtige Richtung bringt, wenn man zum Beispiel bedenkt, daß alles dasjenige, was sich als Gedankenleben

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im Geistorganismus der Menschheit entwickeln muß, die Pflege der individuellen Fähigkeiten der Menschen ist, daß herrschen muß im Geistorganismus Individualismus, im Rechts- oder Staats-Organismus, weil dieser mit dem zu tun hat, was jeder Mensch zu je­dem Menschen als Verhältnis entwickelt, die Demokratie; und auf dem Gebiete der Wirtschaft das assoziative Leben, das zusammenfaßt die Berufsgenossen oder die Genossenschaften, welche auch durch die Ver­bindung von Produktion mit Konsumtion entstehen, daß mit anderen Worten herrschen muß auf dem Gebiet des Wirtschaftsorganismus der Sozialismus. Aber getrennt für die drei selbständigen Glieder müssen die Dinge auftreten.

Jetzt leben wir noch in einer Zeit, in der Ahriman Ball spielt mit den Menschen, indem er sie in Illusionen wiegt über dasjenige, was eigentlich geschehen soll. So läßt er sie wie in alten Zeiten Willensorga­nismus und Gefühlsorganismus vermischen, nämlich Sozialismus und Demokratie, und läßt sie sagen: Wir streben Sozialdemokratie an. Da­bei wird das individualistische Moment ganz ausgelassen, weil man ja Gedanken nicht liebt. Denn sonst müßte man sagen: Es muß angestrebt werden Individual-Sozial-Demokratie, was aufheben würde die wich­tigsten Vorstellungen, die die programmäßige Sozialdemokratie heute hat. In der Konfusion, die im Zusammenspannen von Sozialismus und Demokratie in der Sozialdemokratie ist, sehen Sie ein Geschäft, das Ahriman treibt mit den Menschen. Sie sehen aber darin zugleich, wie man fühlen muß, daß aus dem Ballspiel, das Ahriman mit den Men­schen treibt, das Richtige herausentwickelt werden muß. Und den Ernst dieses Richtigen wird man nur fühlen, wenn man den Durch­gang an der Schwelle in der fünften nachatlantischen Zeit ins Auge faßt und weiß, daß ja eintreten muß, weil die ganze Menschheit im sozialen Organismus drinnen lebt, eine Dreigliederung des sozialen Organismus, so wahr wie beim Übergang des einzelnen Menschen über die Schwelle eine Dreigliederung seines seelischen Lebens eintreten muß.

Davon wollen wir dann morgen weitersprechen; wir kommen mor­gen wiederum um sieben Uhr hier zusammen.

ZEHNTER VORTRAG Dornach, 12. April 1919

#G190-1991-SE162 Vergangenheits- und Zukunftsimpulse im sozialen Geschehen

#TI

ZEHNTER VORTRAG

Dornach, 12. April 1919

#TX

Stellen wir uns kurz noch einmal vor Augen, was wir gestern versuch­ten uns klarzumachen. Wir sagten: Die gegenwärtige Menschheit, inso­fern sie als zivilisierte Menschheit in Betracht kommt, geht als ganze Menschheit durch Ahnliches hindurch, was man in der individuellen Entwickelung des einzelnen Menschen bezeichnen kann als das Über­schreiten der Schwelle zur übersinnlichen Welt. Wenn man nun so, wie ich es getan habe in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in der Schrift «Die Schwelle der geistigen Welt», die Entwickelung des einzelnen Menschen bespricht, so meint man gewöhnlich den bewußten Aufstieg in das übersinnliche Leben. Dann meint man auch mit dem Überschreiten der Schwelle einen ganz bewußten Vorgang, wie wir ihn eben öfters beschrieben haben. Ich sagte nun gestern, daß man die Begriffe nicht pressen darf, wenn man genötigt ist, sie von einem Gebiet auf das andere zu übertragen. Des­halb muß ich sagen: Was die Menschheit jetzt als Ganzes durchläuft, ist etwas Ahnliches wie ein Überschreiten der Schwelle. Denn ich deu­tete schon an, es könnte ja geschehen, es wäre ja durchaus möglich, daß die Menschheit Geisteswissenschaft ablehnte. Dann würde sie kein Mit­tel haben, um etwas davon zu wissen, daß von der ganzen Menschheit ein solcher Prozeß durchgemacht wird wie das Überschreiten der Schwelle. überhaupt finden ganz andere Vorgänge statt bei dem, was zu gelten hat als Überschreiten der Schwelle, für die ganze Menschheit, als stattfinden beim einzelnen Menschen, wenn er bewußterweise den Gang in die übersinnliche Welt hinein tut. Und ich habe gestern schon angedeutet, daß das Wesentliche für die ganze Menschheit beim Über­schreiten der Schwelle, wie es geschehen muß im Laufe der fünften nachatlantischen Zeit, der Zeit der Bewußtseinsentwickelung, besteht in dieser Ihnen dem Wesen nach bekannten Spaltung in die drei See­Ienfähigkeiten zu einer gewissen Selbständigkeit. Denken, Fühlen und Wollen bleiben für die Gesamtmenschheit - also nicht für den einzel­nen Menschen spreche ich jetzt, sondern für die Menschheit, insofern

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diese Menschheit miteinander verkehrt -, Denken, Fühlen und Wollen bleiben für die gesamte Menschheit nicht so chaotisch verschmolzen, wie sie es jetzt sind. Es gliedert sich das seelische Leben dieser ganzen Menschheit so, daß sie eben mehr als bisher selbständig empfindet ihr Denken, ihr Fühlen, ihr Wollen. Und deshalb braucht diese Mensch­heit die Gliederung in die drei Gebiete des sozialen Organismus in der Zukunft, die sie bisher nicht in dieser Weise brauchte. Wenn man also von dieser Dreigliederung des sozialen Organismus heute redet, redet man aus dem Bewußtsein heraus von etwas, was nach geistigen Geset­zen des Universums mit der ganzen Menschheit sich notwendig voll­zieht.

Nun darf nicht der Fehler gemacht werden, daß gleich allzusehr in einzelnen Ereignissen, die da oder dort auftreten, das Umfassende, das Große gefunden werde. Wir haben seit der Mitte des 15. Jahrhun­derts erst einen kleinen Teil von dem Zeitalter der Bewußtseinsseelen-Entwickelung durchlebt. Ein solcher Zeitraum dauert über zweitau­send Jahre. Dieses Zeitalter der Bewußtseinsseelen-Entwickelung wird also noch lange dauern, und das wird sich in verschiedenen Stadien, durch verschiedene Ereignisse hindurch geltend machen, was man aber doch schon als dieses Überschreiten der Schwelle zum Übersinnlichen begreifen muß. Also den Fehler bitte ich Sie in Ihrem Denken nicht zu begehen, daß Sie etwa die gegenwärtige Weltkatastrophe allein iden­tifizieren mit dem Umfassenden, von dem ich gestern gesprochen habe. Das wäre ein Fehler, wenn Sie das täten. Aber kein Fehler ist es, wenn man die Ereignisse, in denen man lebt, das, was um einen herum vor­geht, zu verstehen sucht aus den großen Vorgängen heraus, welche lange Zeitalter umfassen. Denn nur dann findet man sich in bezug auf die einzelnen Ereignisse zurecht, wenn man sie so versteht. Deshalb lassen Sie uns heute etwas besprechen, was gewissermaßen zur Sym­ptomatologie, zur Kennzeichnung der Symptome dieser Entwickelung des fünften nachatlantischen Zeitraums nach dem Überschreiten der Schwelle gehört.

Ganz besonders deutlich ist das Heraufkommen der Zeit der Be­wußtseinsseelen-Entwickelung gerade an der mitteleuropäischen Kul­tur zu sehen. Es bereitet sich dieses Heraufkommen der mitteleuropäischen

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Kultur allerdings schon seit dem 10., 11., 12. und 13. Jahrhun-dert deutlich vor, führt dann zu gewissen Ereignissen, die wir gleich besprechen wollen, und gestaltet sich in diesem Mitteleuropa so, daß es ganz besonders jetzt in dem gegenwärtigen Augenblick der Mensch­heitsentwickelung zur mitteleuropäischen Katastrophe geführt hat und eben einfach weiter führen muß.

Es ist schon so, daß dieses Mitteleuropa eigentlich dazu verurteilt ist, gewisse Dinge erstens schneller, zweitens aber auch energischer, charakteristischer zu erleben als das übrige Europa. Man kann sagen:

Deutlich kann man sehen, wie gegen das 15. Jahrhundert zu in Mittel­europa das heraufkommt, was das Zeitalter der Bewußtseinsseelen-Ent­wickelung einleitet. Und jetzt kann man an den katastrophalen Er­eignissen gerade Mitteleuropas sehen, welchen schwierigen Weg die Menschheit gerade in diesem Zeitalter der Bewußtseinsseelen-Entwik­kelung zu durchmessen hat, welche schwierigen Kämpfe, welche furchtbaren Erschütterungen durchzumachen sind, damit das Zeitalter der Bewußtseinsseelen-Entwickelung die Impulse, die in ihm liegen, an die Oberfläche der geschichtlichen Entwickelung treiben kann.

Da kann es insbesondere von einer gewissen Bedeutung sein, wenn man den Zeitpunkt etwa um das Jahr 1200 für Mitteleuropa ins Auge faßt. Von diesem Zeitpunkt nimmt man gewöhnlich an, approximativ natürlich, daß zum Abschluß gekommen ist die Nibelungendichtung, also jene Dichtung, welche sehr häufig in bezug auf die mitteleuropäi­sche Bevölkerung verglichen wird mit dem, was Homer für das Grie­chentum war. In der Nibelungendichtung kommen zum Ausdruck in bildhafter, in imaginativer Gestalt offenbar bedeutsame Volksschick­sale einer Zeit, die weit vorangegangen ist jenem Zeitalter, in dem eben die Nibelungendichtung zum Abschluß gekommen ist. Und wer sich heute mit einer ehrlichen, inneren Gesinnung auf die Nibelungendich­tung einläßt, auch auf das, was verschiedene spätere, Wilhelm Jordan, Richard Wagner und andere, aus der Nibelungendichtung gemacht ha­ben, der muß sich sagen: Die Menschlichkeit, das Menschenwesen, das aus der Nibelungendichtung herausleuchtet, das ist im Grunde genom­men für den heutigen Menschen nur noch wenig verständlich. Die Ni­belungendichtung weist auf eine Zeit zurück, in der es ganz offenbar

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in Mitteleuropa ganz, ganz anders ausgesehen hat als etwa nach dem Beginne des 12. Jahrhunderts. Die Nibelungendichtung weist auf eine Zeit zurück, in der es schon landschaftlich ganz anders in diesem Mit­teleuropa ausgesehen haben muß und in der aus dem Landschaftlichen heraus ganz andere Menschencharaktere sich entwickelt haben als spä­ter. Man kann, wenn man anschauliches Wahrnehmungsvermögen hat, nicht anders als, ich möchte sagen, «herausriechen» aus der Nibelun­gendichtung, wie die Menschen, von denen diese Dichtung spricht, über öde Strecken hin gelebt haben, die weit, weit von dichten Wäldern bedeckt waren. Waldcharakter und alles, was sich den Menschen auf-prägt dadurch, daß sie in den waldbedeckten Landen wohnten, das drückt sich in den Nibelungendichtungen aus. Wir können uns nicht vorstellen, daß die Nibelungenmenschen so aussahen, auch in den Ge­stalten des Nibelungenliedes, wo die Menschen sehr vermenschlicht sind, wie die Menschen zum Beispiel des späteren Deutschland nach dem Jahre 1200 ausgesehen haben. Wir müssen uns vorstellen, daß diese Menschen innerlich mit einem anderen Seelenleben begabt waren als jene späteren Menschen. Wir müssen uns vorstellen, daß sie ein viel instinktiveres, ein elementareres Fühlen hatten als die Menschen der späteren Zeit. Es war ja eigentlich in diese Nibelungenmenschen auch noch nicht der Strahl des Christentums hineingefallen. Wir wollen aber weniger auf den Inhalt dieses Seelenlebens sehen, als viel mehr auf das im Seelenleben dieser Menschen sehen, was das Formale ist, was die Artung dieses Seelenlebens ist. Es ist eben ein Instinktiveres - wenn man das Wort nicht mißversteht -, ein Wilderes, eben ein Elementare­res, das mit einer ursprünglicheren Kraft als später aus der Menschen-seele hervorquillt.

Ungefähr von dem Ende der Zeit, in das die Nibelungendichtung noch hineinweist, rührt dann das her, was man die mitteleuropäische Bürgerzeit, das mitteleuropäische bürgerliche Leben nennen könnte. Wie bildete sich das heraus? Das bildete sich so heraus, daß nach und nach in weitem Umkreise die Wälder ausgerodet wurden, daß über weite Landstrecken Mitteleuropas hin, auf den Gebieten, die früher mit fast undurchdringlichen Wäldern bedeckt waren, Wiesen und Kornfelder entstanden. Das brachte eine andere Menschheit herauf,

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als die letzte Waldmenschheit war. Das brachte eben im Grunde das mitteleuropäische Bürgertum der ersten Zeit der Bewußtseinsseelen-Entwickelung hervor. Und wohl nirgends sind die charakteristischen Eigenschaften dieses europäischen Bürgertums so stark zu studieren wie in diesem Mitteleuropa, aus dem Grunde, weil in diesem Mitteleuropa sich bis zum heutigen Zeitpunkt - ich möchte sagen in einer tragischen Weise - die Schicksale dieses Bürgertums schon gerundet haben, weil sie sich in unseren Tagen eben bis zu einem gewissen Abschluß bringen, weil in Mitteleuropa dieses Bürgertum im Grunde heute am Ende sei­ner Entwickelung ist, weil dieses Bürgertum gerade in Mitteleuropa seinen eigenen charakteristischen Anlagen gemäß, wegen seiner Natur, durch etwas hindurchgegangen ist. Durch die Weltkatastrophe und durch das, was jetzt darauf folgt, wird es weiter so durch etwas ganz anderes durchgehen als das übrige europäische Bürgertum. Dieses wird gewisse Entwickelungsphasen erst durchmachen, welche beim mittel­europäischen Bürgertum heute schon zur Endkatastrophe deutlich hin­weisen. So haben wir in diesem mitteleuropäischen Bürgertum bereits eine Art von in sich gerundetem Schicksal: das Aufgehen in dem Zeit­alter, in dem sich weite Waldstrecken gerade des späteren Deutsch­land aus Waldgegenden in Wiesen und Felder verwandeln, und dann die Entwickelung vom 13. bis ins 20.Jahrhundert hinein und den furchtbaren tragischen Absturz im 20. Jahrhundert.

Diese Erscheinung, die da in Mitteleuropa eine gewisse Geschlossen­heit hat, sie kann ihrer Symptomatologie nach nirgendswo als eben in diesem Mitteleuropa studiert werden. Und wer im Ernste die großen Impulse der Menschheitsentwickelung wirklich ins Auge fassen will, der darf nicht zu feige sein, das Augenmerk auf die charakteristischen, auf die bedeutsamen Symptome, die sich in so etwas ausdrücken, hin­zulenken. Denn auch alles andere in Europa ist nur zu verstehen, wenn man diese in sich abgerundete Schicksalsreihe von dem höheren Ge­sichtspunkte der Geisteswissenschaft einmal unbefangen ins Auge faßt.

Man redet aber zunächst eigentlich nur einseitig von einer Kultur-strömung, wenn man sagt: Mit dem 13. Jahrhundert kommt aus dem Nibelungenmenschen herauf das spätere mitteleuropäische Bürgertum und wird Träger dieser mitteleuropäischen Kultur. Man redet einseitig

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darüber. Wahr ist es allerdings und innerhalb dieser Grenze richtig, aber eben nur, weil innerhalb dieser Grenze einseitig, daß sich aus­breitet, namentlich über die mitteleuropäischen Städte, jene Seelen­stimmung, welche mit diesem mitteleuropäischen Bürgertum gemeint sein kann, daß sich aus diesem Bürgertum die mitteleuropäische Kul­tur herausentwickelt. Das ist von der einen Seite her vollständig wahr. Aber es ist nicht die ganze Wahrheit, es ist nur ein Teil, ein Glied der Erscheinungen, die sich herausentwickelt haben in diesem Mitteleu­ropa, das in vielen Dingen, die sich mit ihm entwickelt haben, heute verröchelt. Der andere Teil ist der, daß etwas von den alten Wald-und Nibelungenmenschen zurückgeblieben ist, von solchen Charakte­ren, welche in ihrer Seele das alte Zeitalter, aus dem die Nibelungen berichten, weitergelebt haben. Die Menschen, die sich, wenn ich so sa­gen darf, unter dem Sonnenglanz der Kornfelder und Wiesen zum mitteleuropäischen Bürgertum entwickelten, das waren nicht die ein­zigen Menschen, die sich vom Jahre 1200 ab dann weiter bis ins 20. Jahrhundert entwickelt haben. Es waren noch andere Menschen da, die sich etwas zurückbehalten hatten von der alten innerlichen Seelenwildheit und Seelenprimitivität der Nibelungenmenschen.

Wenn man aber eine solche Erscheinung ins Auge faßt, dann muß man nicht vergessen, daß die fortschreitende Zeit für die Entwickelung der Menschheit etwas bedeutet, daß sie eine Realität ist innerhalb der Entwickelung der Menschheit, und daß jemand, wenn er zurückbe-hält das, was eigentlich einem früheren Zeitalter der Seelenkultur ange­hört, nicht etwa in derselben Seelenstimmung bleibt, die diese alte Seelenkultur gehabt hat, sondern er kommt in die Dekadenz hinein, er kommt herunter, er kommt in eine Untergangsrichtung hinein, er wird fremd demjenigen, was der Zeit entspricht. Er entwickelt in einer späteren Zeit das, was in einer früheren Zeit hat entwickelt werden sollen, und er entwickelt daher das, was er in einer späteren Zeit ent­wickelt, nicht so, wie er es in einer früheren Zeit entwickelt hätte, sondern er entwickelt es in einer späteren Zeit krankhaft. Er ent­wickelt es eben mit den charakteristischen Zeichen des Verfalls, der Dekadenz. Daher sehen wir auf der einen Linie sich entwickeln das neuzeitliche mitteleuropäische Bürgertum, ich möchte sagen, das oberste

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Produkt der aus den Wäldern hervorgegangenen Kornfelder und Wiesen, und wir sehen auf der anderen Seite mitten unter diesen Bür­gerlichen in Mitteleuropa die Menschen, die das alte Seelenleben der Nibelungenzeit bewahrt haben, die nur äußerlich die neue Zeit, selbst das Christentum aufgenommen haben, und die daher diesen alten in­nerlichen Nibelungen-Seelencharakter in einer Verfallswesenheit dar-lebten. Die Menschen, die diesen alten Nibelungencharakter in der Verfallsform darlebten, das sind die mittelalterlichen Territorial-fürsten und ihr Anhang, die jetzt zu Dutzenden von ihren Thronen gestürzt sind. Zu diesem mittelalterlichen Nachwuchs gehört ja in erster Linie alles das, was Inhalt, menschlicher Inhalt war des Hauses IIabsburg, aber auch die übrigen Territorialfürsten Mitteleuropas. Nie­niand versteht, was eigentlich sich jetzt tragisch vollzieht, der nicht auch diesen Untergrund der Ereignisse ins Auge zu fassen weiß, daß durch Jahrhunderte hindurch der fortgeschrittenere Teil der mittel­europäischen Bevölkerung regiert und verwaltet worden ist von dem Teil, der in der Verfallsform den Seelencharakter der alten wilden Nibelungenmenschen zurückbehalten hat.

Es war tatsächlich ein ungeheurer Kontrast zwischen dem ganz in­neren Seelengefüge der Menschen, die man nennen könnte die Nach­zügler des mitteleuropäischen Bürgertums, und denen, die auf den königlichen oder fürstlichen Thronen saßen, und allen denen, welche, anhänglich diesen Thronen, die Menschen auf diesen Thronen umga­ben. Die Seele irgendeines Königs von Bayern oder Herzogs von Braun­schweig und eines mittleren deutschen Menschen, der eine mittlere deutsche Bildung aufgenommen hat, das sind zwei durchaus voneinan­der verschiedene geistige Potenzen. Das lebte nebeneinander in den verflossenen Jahrhunderten wie zwei fremde Rassen, vielleicht sogar mit stärkeren Differenzierungen als zwei fremde Rassen.

Man muß den Mut haben, solch einer historischen Untergrundtat-sache ins Auge zu schauen. Denn nicht auf den äußeren Ereignissen, die die konventionelle Geschichte verzeichnet, beruht das, was am aller-meisten Menschenschicksal und Menschenentwickelung berührt. Be­denken Sie nun, daß von diesem Schicksal, so unter einer Anzahl von Menschen zu stehen, die in ihrem Seelenleben ein früheres Zeitalter

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zurückbehalten haben, das übrige europäische Bürgertum nicht betrof­fen war, sondern eben gerade das mitteleuropäische Bürgertum. Neh­men Sie zum Beispiel, nur um das, was eigentlich gemeint ist, noch bes­ser zu verstehen, die aus diesem mitteleuropäischen Bürgertum heraus-kommenden, aber vorher ausgewanderten, später die englisch spre­chende Bevölkerung gewordenen Menschen. Diese haben sich, wenn ich so sagen darf, nicht eingelassen auf jene Entwickelung, die in Mit­teleuropa durchgemacht worden ist, sie haben sich das, was in alten Zeiten innerhalb des europäischen, mitteleuropäischen Bürgertums vor­banden war, mitgenommen, haben es nicht im Kampfe mit zurückge­bliebenen Nibelungenmenschen aufreiben müssen.

Daher kommt das, was ich in anderem Zusammenhange schon aus­gesprochen habe, daß zum Beispiel in der englisch sprechenden Bevöl­kerung gewisse Instinkte für die Entwickelung der Bewußtseinsseele vorhanden sind, die in Mitteleuropa gar nicht vorhanden sind, gewisse Instinkte vor allen Dingen für das politische Leben, während die Menschheit Mitteleuropas apolitisch, unpolitisch bleiben mußte, gar keine Anlage hatte, an einem politischen Leben irgendwie teilzuneh­men, denn sie wurden ja beherrscht von Menschen, die ein früheres Zeitalter in ihrem Seelenleben zurückbehalten hatten.

Wie grandios anschaulich tritt einem das, was ich eben charakteri­siert habe, entgegen, wenn wir den Blick auf das Ende des 18. Jahr­hunderts, auf die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts hinwenden, und wir hinschauen auf die Blüte des mitteleuropäischen Bürgertums, auf ihre geistige Blüte. Klopstock, Lessing, Herder, Schiller, Goethe, und manche andere brauchten wir nur zu nennen, und wir hätten diese Blüte dessen, was keimhaft sich aus der alten Nibelungenzeit um das Jahr 1200 heraus entwickelt hat. Und in demselben Zeitalter steht ent­gegen diesen Menschen, die diese Blüte darstellen, deren höchste Kul­mination in Goethe und im Goetheanismus liegt, dem steht entgegen die allerärgste Bewahrung der Nibelungenwildheit in vollstem Ver­fall unter Friedrich dem Großen. Suchen Sie sich Menschheitskontraste auf, wo Sie wollen, so in der perspektivischen 13etrachtung tragisch wirkende wie Goethe neben Friedrich dem Großen gibt es sonst gar nicht! Für die Geschichte hinterher ist ja nur das zu sagen, daß die

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äußerste Gedankenlosigkeit, die furchtbarste Gleichgültigkeit gegen­über geistigen Interessen im 19.Jahrhundert eintrat und ins 20.Jahr-hundert sich fortsetzen mußte, damit von dem Goetheanismus, von dieser für ihr Jahrhundert größten in die Menschheit einschlagenden Geistespulsation, eigentlich so gut wie gar nichts bemerkt wurde. Denn es ist von der allgemeinen Kultur kaum irgend etwas vom Goetheanis­mus berücksichtigt worden. Dazu gehört die ganze Gedankenlosigkeit, die ganze innere Unwahrhaftigkeit dieser Kultur des 19. und des Be­ginns des 20. Jahrhunderts, um für die neuere Zeit, das Zeitalter Fried­richs des Großen, die Impulse Friedrichs des Großen charakteristisch zu finden. Man konnte eigentlich nichts Unzutreffenderes sagen als das, was in den gangbaren geschichtlichen Darstellungen über Friedrich den Großen gesagt worden ist. Auf diesem Untergrunde muß man eben die neueren Ereignisse sehen, aber nicht bloß Ereignisse lokaler Art, sondern Ereignisse, die in das internationale Leben tief, tief eingreifen, Ereignisse allerdings, die bis heute von der Menschheit vollständig ver­schlafen werden. Gibt es denn etwas Tragikomischeres, als daß Men­schen, die weit abstehen von alldem, was sich in Weimar entwickelt hat, sich nun in Weimar zu der Farce der gegenwärtigen National­versammlung vereinigen! Etwas Unsinnigeres als die Zusammenstel­lung dieser gegenwärtigen Versammlung in Weimar ist überhaupt nicht auszudenken, gibt es gar nicht!

Das meinte ich vorhin, als ich von einer schnelleren und auch ener­gischeren Entwickelung sprach. Ich muß heute oftmals an verschie­dene Gespräche denken, die ich mit allerlei für das Deutschtum be­geisterten Leuten in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts führte, zum Beispiel auch mit dem Manne, der dann später die Ge­schichte des neueren Österreich geschrieben hat, mit Heinrich Fried-jung, den ich neulich in einem anderen Zusammenhange in dem Vor­trag im Bernoullianum erwähnte, und dessen sonderbare Tat Sie ja erwähnt finden in einem meiner Vorträge, die ja auch in den Zyklen gedruckt sind. Dazumal wurde davon gesprochen, daß Mitteleuropa in dem Zeitalter Lessings, Herders, Goethes, Schillers und derjenigen, die zu ihnen gehören, eine Höhe der geistigen Entwickelung der Menschheit erreicht habe. Friedjung und andere, die dazumal in der

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Gesellschaft waren, sagten ungefähr: Nun muß es eben weitergehen, es muß weiter hinaufgehen. - Ich erinnere mich heute sehr gut, wie ich sagte: Nein, das ist der Höhepunkt, von nun an geht es herunter; mit diesem Zeitalter hat das mitteleuropäische Wesen das, was es an Sub­jektivität in sich gehabt hatte, heraus an die Oberfläche der Mensch­heitsentwickelung getrieben. Das ist die charakteristische Erscheinung von Mitteleuropa. - Selbstverständlich wurde einem das dazumal sehr, sehr übelgenommen, vielleicht sogar für Unsinn gehalten. Ich kann ja begreifen, daß vieles von dem, was ich sagen muß und in meinem gan­zen Leben sagen mußte, von meinen Zeitgenossen als ein Unsinn ange­sehen wird. Aber es ist doch eben eine charakteristische Erscheinung, daß das, was um das Jahr 1200 begann, in der gewaltigen Kulmina­tionskultur Herder-Lessing-Goethe-Schiller ausgelaufen ist, daß diese Kulminationskultur da ist, aber nicht verstanden werden kann inner­halb des nationalen mitteleuropäischen Lebens, sondern wohl erst von einem geisteswissenschaftlichen Leben verstanden werden wird, das aber nicht mehr national - was ich immer betont habe -, sondern hy­pernational, international sein will, wie es doch in unserer Geisteswis­senschaft gegenüber allem nationalen Chauvinismus der gegenwärtigen Zeit ehrlich gepflegt werden soll. Das wird doch die charakteristische Erscheinung sein, daß erst von diesem geisteswissenschaftlichen Kultur­leben die wahre Substanz dessen, was dazumal um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert zutage getreten ist, wahrgenommen, gelebt wer­den kann.

Wir können ein wenig zurückschauen, wenn wir eine gewisse Nuance dieses mitteleuropäischen Kulturlebens ins Auge fassen wol­len. Für den, der die Geschichte symptomatisch, symptomatologisch zu nehmen weiß, bleibt es doch eine sehr merkwürdige, tief in historische Geheimnisse hineinweisende Tatsache, daß 1077, also verhältnismäßig schon lange vor dem Beginn des neueren Bewußtseinszeitalters, ein Ver­treter der alten Nibelungen-Seelenwildheit, wie es die salischen Kaiser alle waren, wie es auch die sächsischen Kaiser waren, daß Heinrich IV. damals 1077 zu Canossa vor dem zum großen Papste gewordenen Mönch von Cluny, oder wenigstens Anhänger des Mönchtums von Cluny seine furchtbare Buße zu tun hatte. Denn der große Papst

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Gregor, der Heinrich IV. in den Kirchenbann getan hat und nach Ca­nossa gezwungen hat, er stand ganz unter dem Einfluß der Cluniazen­ser, jener kirchlichen Strömung der damaligen Zeit, welche darauf aus­ging, die Kirche zur übermächtigen Gewalt, zum übermächtigen Impe­rium in Europa zu erheben. Und die ganze Wildheit des alten Nibelun­gencharakters prägte sich in jenem Heinrich IV., dem Salier, in seinem ganzen Verhältnis zu Papst Gregor aus.

Und wiederum prägte sich noch etwas anderes aus, etwas, das dann noch eine gewisse Fortsetzung erfahren hat. Es prägte sich da aus, daß Mitteleuropa einfach nicht anders konnte, als in Streit zu kommen mit dem, was auf dem Umwege durch das Romanentum zum Pseudochri­stentum geworden war, was aus dem ursprünglichen christlichen Im­puls heraus zum christlichen Imperium geworden war. Noch hatte die alte Nibelungenwildheit abgerechnet mit dem Imperium Romanum, war aber in einer gewissen Weise unterlegen. Sie wurde dann abge­löst von jener Strömung, die ich Ihnen schon charakterisiert habe, die dann sich erhob über den in Kornfelder und Wiesen umgewandelten Wäldern Mitteleuropas. Im Grunde genommen war diese Fortsetzung, aber verwandelte Fortsetzung des alten Nibelungentums in nichts ver­anlagt dazu, unmittelbar die Impulse des Imperium Romanum aufzu­nehmen. Sie war eigentlich in einem fortwährenden Sträuben gegen das politisierte Christentum, gegen das von Rom aus politisierte Chri­stentum. Und indem es auf der einen Seite seine eigene Natur zur Aus­breitung brachte, das, was in seinem eigenen Wesen war, zur Entfal­tung brachte, sah es sich auf der anderen Seite geduckt, beherrscht, ver­waltet von denen, die in der früher charakterisierten Weise zurück­behalten und zum Verfall gebracht hatten die alte Nibelungen-Seelen-wildheit.

Um solche Dinge zu verstehen, ich sage es noch einmal, muß man sich eben geisteswissenschaftlich klar darüber sein, daß wenn etwas, das für eine frühere Zeit groß war, bewahrt wird, es dann in einer spä­teren Zeit krank ist und in den Verfall gerät. Das macht jenes Charak­teristische aus des Kontrastes, der besteht zwischen alldem, was sich erhoben hat mit dem Beginne des 13.Jahrhunderts nach dem Ausroden der alten Wälder, was angefangen hat von der Erde nach dem Himmel

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hinauf zu tönen mit den Liedern des Walther von der Vogelweide und was eingelaufen ist in den Goetheanismus. Das ist die eine Seite, die unpolitisch ist, die einen Kreislauf ihrer Entwickelung in sich selber durchmacht und die durch ihre eigene Struktur, ohne daß sie die ganze Tragweite dieser Tatsache erkennt, neben sich hat die verfallenden Nibelungencharaktere auf dem Throne und mit den Fürstenhüten.

Unter solchen Voraussetzungen und Bedingungen kam über Mittel­europa das 19.Jahrhundert, namentlich in seiner zweiten Hälfte, und es kam das 20. Jahrhundert. Und mit diesem 19., mit diesem 20.Jahr-hundert traf dieses Mitteleuropa in einer anderen Art das, was jetzt so häufig geschildert werden muß als Gegenwart Europas, von Ruß­land abgesehen in dieser Betrachtungsweise. Gerade in den Dingen, die jetzt so vielfach besprochen werden müssen, muß ja geredet werden von der modernen industriellen Entwickelung, von dem Maschinen-zeitalter, von dem heraufkommenden Kapitalismus. Das sind inter­nationale Erscheinungen. Wenn man spricht von dem heraufkommen-den technischen, von dem Maschinenzeitalter, von dem industriellen, dem kapitalistischen Zeitalter, so spricht man von internationalen Im­pulsen. Aber diese internationalen Impulse, sie schlugen ja überall in einer anderen Weise ein.

Man möchte so sehr, daß einmal geschildert würde, unbefangen, ohne die scheußlichen Schulvorurteile, die sich in die konventionelle Geschichte hineingemacht haben auf allen Gebieten, das, was sich in Mitteleuropa entwickelt hat von jenem Tage an, da Walther von der Vogelweide gesungen hat, bis in jene Tage hinein, da Goethe von höch­sten Dingen der Menschheit gesprochen hat, die von Goethes Worten nichts mehr verstand. Man möchte, daß einmal unbefangen geschildert würde, was in diesen Entwickelungsjahren liegt. Man möchte, daß dies vollständig der Wahrheit gemäß geschildert würde. Denn dann wird die Unwahrheit auch da ausgemerzt werden müssen, wo sie so ungeheuer elementar in die Menschenherzen und die Menschenseelen sich hineindrängte, daß selbst der Wahrste unwahr werden mußte. Ausgemerzt wird werden müssen von der wahren Geschichte die Un­wahrheit, zu der selbst ein Goethe gedrängt wurde, wenn er über Friedrich den Großen sprach, weil einfach die Macht desjenigen, was

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als allgemeines Vorurteil waltete, so stark war, daß der Wahrste gar nicht anders konnte, als mitreden mit den anderen.

Die Wahrheit fordert noch etwas ganz anderes als irgendeinen blinden Autoritätsglauben oder dergleichen. Daher ist die Wahrheit eine so gemiedene Individualität in der Entwickelung der Menschheit, eine so gemiedene Wesenheit. Daher ist die Unwahrheit das, was so viel Tragik hervorruft in der menschlichen Entwickelung. Würde man wahrheitsgemäß, unbefangen das schildern, was liegt in der Entwicke­lung von jenem Zeitalter an, da Walther von der Vogelweide seine Lieder gesungen hat, bis zu dem noch ungehobenen Schatze von Gei­stesleben, von dem Goethe der ihn nicht verstehenden Mit- und Nach­welt sprach, man würde von einer ganz besonderen Offenbarung der neueren Zeit sprechen müssen und können. Aber man würde gedrängt sein, aufmerksam zu machen, daß gewissermaßen für die allgemeine Menschheit der Erde anonym sich da etwas entwickelte, da etwas ge­schah. Und das, was nicht anonym war, das, was man als Weltge­schichte betrachtete, das war die luziferische Ausgestaltung der alten Nibelungenwildheit.

So stand vom Jahre 1200 bis in das 20. Jahrhundert hinein das, was sich als die naturgemäße Entwickelung Mitteleuropas ergab, einem Luzifertum gegenüber, das die zurückgebliebene Nibelungenwildheit war, als Seelenleben entfaltet in der neueren Zeit. Betrachten wir das, dessen Ausgangspunkt wir suchen dürfen ungefähr um das Jahr 1200 herum, und stellen wir ihm gegenüber das luziferische Element der Fürstentümer, der Territorialfürsten, dann werden wir begreifen, was es für ein besonderes Zusammenwirken ergab, als das ahrimanische Element des modernen Industrialismus mit der Technik und dem Ka­pitalismus heraufkam und in der letzten Phase des nun seinem Ver­röcheln entgegengehenden Mitteleuropa der furchtbar ahrimanisch­luziferische Zusammenhang zustande kam; namentlich im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts jenes Zusammenwirken zustande kam zwischen dem In­dustrialismus und dem alten Territorialfürstentum, dem alten Junker­tum und den alten Anhängern der in den Verfall geratenen Nibelun­genwildheit. Das ist es, was Mitteleuropa seinen Untergang gebracht

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hat: die Ehe zwischen dem Industrialismus und dem Territorialfürsten­tum, den politischen Verwaltern Mitteleuropas. Das ist es, was die in meinem Aufrufe geforderte Entfaltung einer wirklichen mitteleuro­päischen und deutschen Mission nicht zustande kommen ließ: Die ahri­manisch-luziferische Ehe zwischen dem heraufkommenden Industria­lismus, der andere Gegenden der Welt anders ergriffen hat als die Ge­gend, in der die alte Nibelungenwildheit im Territorialfürstentum in Mitteleuropa herrschend war. Und wenn einmal frank und frei wird geschildert werden sollen, welche furchtbaren Symptome eines welt-historischen, tragischen Niederganges vorhanden waren vom Jahre 1914 bis 1919, weiter hinaus vorhanden sein werden gerade in Mitteleuropa, dann wird man zu schildern haben das für dieses Mitteleuropa grau­sam-fürchterliche Zusammenwirken des alten verkommenen Nibelun­genadels mit dem heraufkommenden, seine welthistorische Stellung durch keine inneren seelischen Ansprüche rechtfertigenden industriel­len Menschentum Mitteleuropas. Die Typen, welche sich in Mitteleu­ropa in diesen Jahren gezeigt haben aus diesen beiderlei Kreisen her­aus, das waren die Menschen, die in unendlichem Hochmut aus einer eingebildeten Praxis heraus durch Jahre hindurch alles niedergetreten haben, was irgendwie hat hinwirken wollen auf ein Wiederbemerken dessen, was mit Walther von der Vogelweide zu singen begonnen hat, und was mit dem Goetheanismus seinen Abschluß gefunden hat. Daß die äußere Welt sich das Schlagwort des «Militarismus» erfunden hat, um diese viel tiefere Erscheinung unzutreffend-zutreffend, zutreffend-unzutreffend zu bezeichnen, das ist ja nicht weiter zu verwundern, denn furchtbar viel tiefsinniger als die mitteleuropäische Welt ist die außermitteleuropäische Welt auch nicht, wahrhaftig nicht. Ein Ver­ständnis für mitteleuropäisches Wesen hat sich nirgends gefunden wo­anders, wenn auch gesagt werden muß, daß es mit Riesenschritten zu­rückgegangen ist, was in diesem Mitteleuropa sich entwickelt hat bis zum Goetheanismus hin, nach dem Zeitalter Goethes.

Wenn man spricht von dem Überschreiten der Schwelle zum Über­sinnlichen hin, dann muß man sich immer erinnern an das, was in alten Zeiten, wo man aus atavistischem Hellsehen heraus viel gewußt hat über das, was mit der Menschenseele vorgeht, wenn sie die Schwelle

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zum Übersinnlichen überschreitet, nämlich: Durchgang durch die Pforte des Todes. Mancherlei geht in der ganzen Menschheit vor, was seelisch-geistig heute sich schon ankündigt als ein Durchgehen durch die Pforte des Todes. Und mancherlei darf, wie ich noch einmal sagen will, nicht so betrachtet werden, daß man gleich die einzelne Erschei­nung unmittelbar identifiziert mit den großen, umschlagenden revo­lutionierenden Impulsen der weltgeschichtlichen Entwickelung. Aber man muß das, was im einzelnen einen umgebend geschieht, in das Licht rücken können, was uns geisteswissenschaftlich als Beleuchtung wer­den kann für die großen umschlagenden Impulse der Zeit. Es ist ja in der Tat gerade in Mitteleuropa Merkwürdiges vorgegangen. Charakte­ristische Erscheinungen! Was ich Ihnen jetzt öfters charakterisiert habe als ausdrückend die Realität des Seelenlebens durch die Sprache, das läßt sich auch verfolgen gerade um die Wende des 19. zum 20.Jahrhun-dert in diesem mitteleuropäischen Geistesleben. Die industriell-tech­nisch-kapitalistische Färbung, die allmählich die tonangebende Kultur Mitteleuropas angenommen hatte, die überall eingriff, bewirkte, daß man eigentlich die Vorzeit bis ins 12. Jahrhundert vollständig vergaß. Eigentlich wußten die Deutschen des endenden 19., beginnenden 20. Jahrhunderts nicht in Wirklichkeit, wie und wodurch sie Deutsche sind. Da wußten sie nicht, hatten eigentlich im Grunde keine Ahnung davon. In wirklichem Seelenschlafe wurden die Ereignisse der Vor­zeit aufgenommen. Denn es war nichts eingedrungen in das Bewußt­sein der sogenannten gebildeten Klassen, die allmählich brachen mit dem, was im Goetheanismus seinen Abschluß gefunden hatte, von der wirklichen Geistessubstanz, die da heraufgezogen war. Und so konnte es geschehen - und solche Erscheinungen ließen sich verhundert-, ver­tausendfachen -, daß elementare Menschen zum Beispiel eine Nei­gung hatten, die Glorifizierung deutscher Heldenvorzeit durch einen Wortplärrer wie Ernst von Wildenbruch wie ernsthafte Dramatik oder ernsthafte Dichtung entgegenzunehmen. Man weiß gar nicht, was alles Ernst von Wildenbruch in Dramen gebracht hat von irgendwelchen Kaisern, Königen und so weiter, Fürsten der Vorzeit. Stets die aller­unbedeutendsten Familienereignisse, niemals die weltgeschichtlichen Impulse! Dabei hat man bei seinen Dramen das Gefühl: Da tönen

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Worte wie Blech, lauter geschlagenes Blech. Aber wir sind schon so weit gekommen im Zeitalter des Industrialismus, der gerade auf ein so zur Geistigkeit ursprünglich veranlagtes Volk wie das deutsche ver­heerend wirken mußte, daß man den Schellenklang des Ernst von Wildenbruch wie wahrhafte Dichtung empfand. Ja mehr! Wir sind so weit gekommen, daß Menschen, die aus der klassischen Empfindung heraus, aus der Empfindung, die sie sich geholt haben in der klassischen Zeit, die durchgegangen sind durch eine wirklich feine geistige Erfas­sung der neueren Kunstempfindung, die es gebracht haben zu einem feinen geistigen Erfassen seiner Entwickelungsphase der Menschheits­entwickelung wie Herman Grimm - Sie wissen, eine Persönlichkeit, die ich von den neueren Persönlichkeiten am meisten verehre -, daß eine solche Persönlichkeit, wie Herman Grimm, bewundernd, tief be­wundernd dasteht vor dem seelenlosen Wortgeplärr Ernst von Wilden-bruchs, und es vergleicht mit den Leistungen der größten Dichter der Weltgeschichte. So weit hat sich die neuere Menschheit entfernt von dem, was innerliches Erfassen der wahren Wirklichkeit ist.

Das muß verzeichnet werden, wenn man charakterisieren soll, in welchem Zeitalter wir leben das muß nicht ohne Betonung und ohne Charakteristik bleiben, wenn man verstehen will, was es heißen soll, daß unsere Zeit in gewisser Weise durch einen geistigen Tod durch-geht, um zu einer höheren Stufe der Menschheitsentwickelung zu kom­men.

ELFTER VORTRAG Dornach, 13. April 1919

#G190-1991-SE178 Vergangenheits- und Zukunftsimpulse im sozialen Geschehen

#TI

ELFTER VORTRAG

Dornach, 13. April 1919

#TX

Aus den beiden Vorträgen von vorgestern und gestern werden Sie er­sehen haben, daß wahrhaftig nicht aus irgendeiner subjektiven Mei­nung, aus irgendeinem subjektiven Wollen heraus von seiten anthro­posophisch orientierter Geisteswissenschaft gegenwärtig gesprochen werden muß von jener sozialen Dreigliederung, von der wir ja jetzt so oft gesprochen haben und die auch zum Gegenstande öffentlicher Darstellungen gemacht worden ist. Was besonders die Auseinander­setzungen von gestern betrifft, so ist darüber zu sagen, daß ich dabei die Absicht haben mußte, darauf hinzuweisen, welche tiefgehenden Impulse in dem Völkerleben der gegenwärtigen zivilisierten Welt, also der Welt der fünften nachatlantischen Zeit herrschen. Ich versuchte zu zeigen, wie ungefähr vom Jahre 1200 ab in Mitteleuropa ein Impuls er­wacht, der in diesem Mitteleuropa eigentlich bedeutete den Aufstieg desjenigen, was man nennen kann die bürgerliche soziale Ordnung, daß aber sich hineinmischte in dieses bürgerlich soziale Leben Mittel­europas wie zurückgebliebenes Seelenleben aus früheren Jahrhunder­ten, verfallendes Nibelungentum, jenes verfallene Nibelungentum, wel­ches als Seelenleben sich ausgestaltete, namentlich in den verwaltenden und regierenden Oberschichten der mitteleuropäischen Länder. Und ich betonte ganz besonders, welch ein einschneidender Kontrast in die­sem mitteleuropäischen Leben vorhanden war vom 13. bis ins 20. Jahr­hundert herein, wo er eben dann geführt hat zu jenem furchtbaren so­zialen Röcheln, das auch über Mitteleuropa hereingebrochen ist. Ich versuchte darauf hinzuweisen, welch ein einschneidender Kontrast vor­handen war zwischen dem inneren seelischen Erleben der breiten bür­gerlichen Bevölkerung und denjenigen Leuten, welche, hervorkom­mend aus dem alten Rittertum, aus den alten Lehensträgern, aus all-dem, was eben Überbleibsel war in seelischer Beziehung des alten Nibe­lungentums, im Grunde die Politik dieses Mitteleuropa machten, wäh­rend die breite Masse des Bürgertums unpolitisch, apolitisch blieb. Man muß sich schon einmal ganz ernsthaftig, gerade wenn man von

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praktischen Gesichtspunkten aus Geisteswissenschafter sein will, hin­einversetzen in diesen Seelenunterschied, der da besteht oder bestan­den hat, namentlich zwischen dem sogenannten gebildeten Bürgertum und ihren Angehörigen und zwischen alldem, was auf irgendwie ge­arteten Regierungssesseln in Mitteleuropa gesessen hat. Das habe ich gestern charakterisiert.

Nun wollen wir ein wenig näher ins Auge fassen, warum eigentlich diese im Grunde doch großartige Geistesbewegung, die da geht von Walther von der Vogelweide bis herauf zum Goetheanismus, während sie nach dem Goetheanismus einen jähen Absturz erfährt, warum denn diese Geistesbewegung so gar nicht dahin gekommen ist, das soziale Leben irgendwie zu bewältigen, in dem sozialen Leben irgendwie Ge­danken zu fassen. Man bedenke doch nur, daß selbst Goethe, der über vieles in der Welt die umfassendsten Ideen zu entwickeln verstand, eigentlich nur in gewissen Andeutungen, von denen man dreist sagen kann, daß sie ihm selber nicht ganz klar waren, zu sprechen verstand über dasjenige, was da als eine neue soziale Ordnung über die zivilisierte Menschheit heraufkommen muß. Im Grunde war schon die Tendenz nach der Dreigliederung des gesunden sozialen Organismus seit dem Ende des 18. Jahrhunderts in dem Unterbewußtsein der Menschen vor­handen. Und die Rufe nach Freiheit, Gleichheit, Brüderliclikeit, die nur dann Sinn bekommen werden, wenn einmal die Dreigliederung sich verwirklicht, sie bezeugten, daß diese unterbewußte Sehnsucht nach der Dreigliederung vorhanden war. Warum eigentlich kam sie nicht ans Tageslicht?

Das hängt mit der ganzen Artung des Geisteslebens Mitteleuropas zusammen. Ich habe gestern am Schlusse hingewiesen auf eine eigen­tümliche Erscheinung, ich habe gesagt: Der von mir so hoch verehrte Herman Grimm, der mit seinen Ideen in so manches hineinleuchten konnte, was Künstlerisches, was Allgemein-Menschliches ist, was die Antike betrifft, er verfiel in die merkwürdige Unwahrheit, einen blo­ßen Wortphraseur wie Wildenbruch zu bewundern. Ich habe öfter im Lauf der Jahre - gestatten Sie diese persönliche Bemerkung - auf etwas hingewiesen, was, wenn man es so erzählt, recht unbedeutend dem Zu­hörer erscheinen könnte, was aber für den, der das Leben symptomatologisch

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betrachtet, eine große, tiefgehende Bedeutung haben kann. Ich hatte unter manchen anderen Gesprächen, die ich führen durfte in der Zeit, als ich mit Herman Grimm persönlichen Verkehr hatte, auch einmal ein Gespräch mit ihm, im Verlauf dessen ich von meinem Ge­sichtspunkte aus auf manches hinwies, was geistig zu verstehen ist. Und wenn ich dies erzählt habe, habe ich immer darauf aufmerksam ge­macht, daß Herman Grimm für eine solche Rede über das Geistige nur eine abwehrende Handbewegung hatte; er meinte, das ist etwas, wor­auf er sich nicht einläßt. Es war in diesem Momente eine ungeheuer wahre Bemerkung, die in dieser Handbewegung bestand. Inwiefern war diese Bemerkung ungeheuer wahr? Wahr war sie insofern, als Herman Grimm bei allem seinem Eingehen auf manches in der sogenannten gei­stigen Entwickelung der Menschheit, in der Kunst, in der Darlebung des Allgemein-Menschlichen, auch nicht die geringste Ahnung hatte von dem, was eigentlich Geist sein muß dem Menschen des fünften nachat­lantischen Zeitalters. Herman Grimm wußte einfach nicht vom Ge­sichtspunkte aus eines Menschen des fünften nachatlantischen Zeit­raums, was Geist ist. Wenn man solch eine Sache bespricht, dann ist es schon nötig, daß man nicht schroff sich auf den Gesichtspunkt der Wahrheit stellt; wenigstens bis zum Geiste hin war ein solcher Mensch wie Herman Grimm wahr, weil er nichts wußte von der Art, wie man über den Geist denkt, machte er eine abwehrende Bewegung. Wäre er einer gewesen von den Phraseuren, die heute wieder als Propheten mas­kiert herumgehen und die Menschen bessern wollen, dann würde er ge­glaubt haben, er könne über den Geist mitreden, dann würde er ge­glaubt haben, wenn man sagt: Geist, Geist, Geist -, dann wäre damit irgend etwas gesagt, was auch entsprechen würde einem Inhalt, den man in seiner eigenen Seele hegt.

Unter denjenigen, die auch viel vom Geiste gesprochen haben in den letzten Jahrzehnten, ohne eine Ahnung zu haben von dem, was Geist ist, sind ja auch die Majorität der Theosophen zu verzeichnen. Denn eigentlich kann man schon sagen, daß unter allen geistlosen Schwätzereien, die in der neuesten Zeit gepflogen worden sind, die theosophischen die betrübendsten waren, auch die schlimmsten Früchte zum Teil getragen haben. Wenn man aber so etwas ausspricht wie dasjenige,

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was ich eben in bezug auf Herman Grimm gesagt habe, den ich dabei nicht als Persönlichkeit, sondern als Repräsentanten, als Typus unserer Zeit ins Auge fassen möchte, dann kann man doch die Frage stellen, wie es denn eigentlich möglich ist, daß ein solcher, das mittel­europäische Leben ganz und gar repräsentierender Mensch keine Ah­nung davon hat, wie man denken muß, wenn man über den Geist denkt. Damit ist nämlich Herman Grimm wirklich nur der Repräsen­tant für mitteleuropäisches Leben. Denn fassen wir eben gerade die­jenige Kultur ins Auge, die ich gestern charakterisiert habe, die als die Kultur des Bürgertums, sagen wir im Jahre 1200 - approximativ na­türlich - aufgeht und dann bis in den Goetheanismus hinein sich er­streckt, fassen wir gerade diese Kultur, diese glanzvolle Kultur ins Auge, dann muß uns als das Charakteristische dieser Kultur, die ja deshalb nicht geringer geschätzt zu werden braucht, erscheinen, daß sie im schönsten Sinne von demjenigen durchpulst ist, was man Seele nennt, daß ihr aber ganz und gar dasjenige fehlt, was man Geist nen­nen kann. Das muß man nur mit all der dazu nötigen tragischen Emp­findung ins Auge fassen können, daß gerade dieser glanzvollen Kultur dasjenige fehlt, was man Geist nennen könnte. Nur muß man natürlich den Geist in dem Sinne nehmen, wie man den Geist zu nehmen lernt durch die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft.

Ich komme immer wiederum auf diese repräsentative Persönlichkeit, Herman Grimm, zurück, denn so, wie er gedacht hat, so haben Tau­sende und aber Tausende von Gebildeten Mitteleuropas gedacht. Her-man Grimm hat ein ausgezeichnetes Buch über Goethe geschrieben, das zusammenfaßt Vorlesungen, die er in den siebziger Jahren des 19. Jahr­hunderts an der Berliner Universität gehalten hat. Mit Bezug auf all dasjenige, was Herman Grimm über Goethe gesagt hat, ist es richtig, daß er eigentlich das Beste gesagt hat, was in umfassender Weise aus dieser Bildungsschichte heraus über Goethe gesagt worden ist. Und Herman Grimm hatte von seinem seelenvollen Standpunkte aus die Gabe, Menschen zu charakterisieren, aber auch die Gabe, Menschen­charakteristiken in richtiger Weise aufzufassen, in richtiger Weise zu taxieren. In dieser Beziehung war er glänzend im Auffinden der Worte, um irgend etwas zu charakterisieren. Ich möchte nur an eines erinnern.

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Herman Grimm gehörte natürlich auch zu den Menschen, von denen ich gestern gesprochen habe, die mit Bezug auf die Nibelungenwild­linge in der Unwahrheit drinnen waren. Er war begeistert für Friedrich den Großen und hatte in seiner Seele eine ganz bestimmte Vorstellung, wie er sich Friedrich den Großen als einen germanisch-deutschen Hel­den vorzustellen habe. Nun hat der englische Historiker und Schrift­steller Macaulay eine Charakteristik Friedrichs des Großen gegeben, die selbstverständlich vom englischen Gesichtspunkte aus geschrieben ist. Herman Grimm wollte in einem Aufsatz über Macaulay klarma­chen, wie eigentlich nur ein richtig empfindender Deutscher Friedrich den Großen verstehen und die Linien ziehen kann, durch die dieser Charakter gezeichnet wird, und die Macaulaysche Zeichnung von Friedrich dem Großen charakterisierte er sehr treffend, indem er sagte:

Macaulay macht aus Friedrich dem Großen ein verzwicktes englisches Lordsgesicht mit Schnupftabak auf der Nase.

Nun, solch eine Charakteristik zu finden, das ist etwas, das bedeutet etwas, nämlich, daß man runden kann seine Ideen, seine Vorstellungen, daß diese Vorstellungen plastisch werden können. Solche Beispiele, aus denen anschaulich wird, wie solch ein Geist wie Herman Grimm tref­fend charakterisieren kann, könnte man viele geben, aber auch von anderen ähnlichen Geistern aus der ganzen Kulturzeit Mitteleuropas, die ich gestern charakterisiert habe. Aber sieht man gerade mit diesem guten Willen, der aus einer solchen Anerkennung Herman Grimms hervorgeht, seine Goethe-Monographie an, die weitaus die beste ist von denen, die geschrieben worden sind, was hat man dann für eine Emp­findung? Man hat die Empfindung: Das ist etwas sehr Schönes, etwas außerordentlich Gutes - aber Goethe ist es nicht! Von Goethe ist eigent­lich im Grunde genommen nur ein Schattenbild da, wie wenn man von einem Gebilde, das drei Dimensionen hat, nur ein Schattenbild, das auf die Wand geworfen wird und zwei Dimensionen hätte, macht. Ich möchte sagen: Kapitel für Kapitel wandelt Goethe wie ein Gespenst vom Jahre 1749 bis 1832. Ein gespenstiger Goethe wird geschildert, nicht dasjenige, was Goethe war, was Goethe dachte, was Goethe fühlte, was Goethe wollte, sondern dasjenige, was wie ein Gespenst durch die Jahr­zehnte, auf die ich eben gedeutet habe, hinwanderte und wandelte.

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Goethe selber hat nicht alles von dem, was in seiner Seele lebte, was in seiner Seele namentlich geistig lebte, auch geistig sich zum Be­wußtsein gebracht. Das ist gerade heute das große Problem Goethe, dasjenige, was in Goethe geistig lebte, wirklich auf geistige Art ins Be­wußtsein heraufzuholen, was Goethe noch nicht konnte, denn es war dazumal nicht möglich, etwas anderes als eine seelenvolle, nicht eine geistige Kultur zu haben. So hat auch Herman Grimm, der ganz in der Goethe-Tradition drinnen fußt, wenn er von dem Geist Goethes reden sollte, nur einen Schatten, ein Gespenst, ein Schema. Und es ist schon eine charakteristische Erscheinung, daß dasjenige, was man aus der heutigen Kultur hervorgehend als das Beste über Goethe und den Goetheanismus bezeichnen muß, nur ein Gespenst von Goethe gibt. Das ist schon eine bezeichnende Erscheinung.

Ja, woher rührt es denn aber, daß durch diese ganze glanzvolle Kulturentwickelung hindurch der Begriff, das Erleben, das Erfühlen des eigentlichen Geistes fehlt? Tastend haben Leute wie Troxler, wie auch manchmal Schelling, hingewiesen auf den Geist. Aber rein objektiv gesehen, muß man sagen: In dieser ganzen Kultur fehlt der Geist. Und weil der Geist fehlte, kannte man auch nicht die Bedürfnisse des Gei­stes, kannte man nicht die Lebensbedingungen des Geistes. Das ist wiederum etwas, was als tragische Empfindung hervorquellen kann aus der Wahrnehmung dieser Kulturströmung, daß man innerhalb ihrer die Lebensbedingungen des Geistes, auch die sozialen Lebensbedingun­gen des Geistes nicht wahrzunehmen, nicht zu empfinden vermochte. Daran liegt es aber, daß sich das mitteleuropäische soziale Leben durch die Jahrhunderte herauf entwickeln konnte und, weil es kein eigent­liches Erlebnis vom Geiste hatte, auch nicht das Bedürfnis bekam, die Grundbedingungen dieses Geisteslebens dadurch zu erfüllen, daß man das Geistesleben emanzipiert, auf sich selber stellt und von dem Staats-leben absondert. Weil man den Geist nicht kannte, kannte man auch nicht die innersten Lebensbedingungen des Geistes, empfand daher nicht die Notwendigkeit - ich rede immer nur von diesen Gebieten, bei den anderen Gebieten der gegenwärtigen zivilisierten Welt empfand man es auch nicht, aber aus anderen Gründen -, den Geist auf sich selbst zu stellen, sondern ließ ihn verschmelzen mit dem, worinnen er sich

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nur in Fesseln entwickeln konnte: mit dem Staatswesen. 1200, sagte ich, ist der Zeitpunkt, in dem auch die Tätigkeit Walthers von der Vogelweide verzeichnet werden kann, der Zeitpunkt, in dem das gei­stige Leben Mitteleuropas in mächtigen Imaginationen dahinpulste, von denen die konventionelle Geschichte wenig verzeichnet. Dann gleitet dieses Geistesleben durch die Jahrhunderte weiter, nimmt aber eigentlich schon vom 15., 16.Jahrhundert an die Keime des Nieder­gangs in sich auf, und es stellt sich hinein in dieses Geistesleben Mittel­europas die Begründung der Universitäten Prag, Ingolstadt, Frei­burg, Heidelberg, Rostock, Würzburg und so weiter. Die Begründung dieser Universitäten, die sich so aussäen über das mitteleuropäische Leben, fällt fast ganz in ein Jahrhundert hinein. Mit diesem Denken, mit diesem Leben, das von den Universitäten ausstrahlte, wurde die Tendenz gebracht nach dem Abstrakten, nach demjenigen, das dann als das rein naturwissenschaftliche Denken vergöttert und verehrt wurde - vergöttert kann man natürlich nur vergleichsweise sagen -und das heute so verheerend in die Denkgewohnheiten der Menschen eingreift.

Und mit diesem Leben wurde im Grunde genommen der ganzen gebildeten Bürgerwelt die Nuance gegeben. Wie war denn diese Nuance der ganzen gebildeten Bürgerwelt? Natürlich spricht da vieles mit, was nicht in jedem einzelnen, ich möchte sagen, quellenhaft wirkte, aber dessen Wirkung auf jeden einzelnen überging. Es wirkte das mit, daß ja in dieser Zeit immer mehr und mehr heraufkam die Empfänglichkeit für ein ganz fremdes Seelenleben, das gebildet wurde durch Träger der Bildung in diesem Bürgertum, das dann in Goethe und Herder und Schiller kulminierte, das entwickelte ja außerdem, was in der eigenen Seele lag, im wesentlichen entwickelte das fremde Elemente, fremde Impulse.

Damit weise ich auf eine ungeheuer charakteristische Erscheinung hin. Die Seelen dieser Leute, die Träger des Bürgertums waren, sie suchten ja nach dem Geiste, dessen Begriff sie nicht einmal hatten. Aber wo suchten sie nach dem Geiste? In der griechischen Bildung. Sie lern­ten in ihren Mittelschulen griechisch, und was als Geistesinhalt in die Seelen floß, war griechischer Inhalt. Wenn man vom 13. Jahrhundert

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bis ins 20. Jahrhundert in Mitteleuropa vom Geist sprach, hätte man immer sagen müssen: Dasjenige, was einem die eingeimpfte griechische Bildung über den Geist beibrachte. Es enstand da kein eigenes Leben über den Geist. Griechische Bildung aber über den Geist war noch nicht die Bildung desjenigen Zeitraumes in der Menschheitsentwicke­lung, den wir den Zeitraum der Bewußtseinsentwickelung nennen. Der beginnt erst mit der Mitte des 15. Jahrhunderts. So trug dieses Bürger­tum in sich veraltete Bildung, griechische Bildung, und die gab ihm allein dasjenige, was er vom Geiste eigentlich fühlte und empfand.

Dasjenige aber, was der Grieche vom Geiste empfand, das war durchaus bloß die Seelenseite des Geistes. Darin liegt ja die Tiefe des Griechentums, daß der Grieche gewissermaßen gerade hinaufgelangte bis zur Empfindung des höchsten Seelischen. Das nannte er Geist. Ge­wiß, der Geist erglänzt herunter aus den Höhen. So wie ich ihn hier zeichne, erglänzt er aus den Höhen herunter, durchpulst das Seelische. Aber wenn man den Blick hinaufrichtet, so hat man das Seelische des Geistes.

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Aber es wurde die Aufgabe des fünften nachatlantischen Zeitraums, sich zu erheben in den Geist selbst. Das konnte diese Kulturentwicke­lung noch nicht. Das ist viel wichtiger, als man gewöhnlich denkt. Denn das klärt auf über die ganze Art, wie neuzeitlich-mittelalterliche Bil­dung von dem Geist Besitz ergreifen konnte.

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Was war denn notwendig, um zu einem Begriff des Geistes, zu einem inneren Erleben des Geistes im neuzeitlichen Sinne zu kommen? Gerade an einer solchen repräsentativen Erscheinung wie Herman Grimm ist es möglich, zu studieren, was notwendig war, um in der neueren Zeit sich durchzuarbeiten zum inneren Erleben des Geistes. Dazu ist näm­lich notwendig gewesen, wovon gerade ein so klassisch gebildeter Mensch wie Herman Grimm keine Ahnung hatte: naturwissenschaftli­ches Streben, naturwissenschaftliche Denkweise. Warum? Die naturwis­senschaftliche Denkweise ist geistlos. Die naturwissenschaftliche Denk­weise enthält gerade, wenn sie groß ist, nicht ein Stückchen Geist, gar nichts Geistiges. Alle naturwissenschaftlichen Begriffe, alle Begriffe von Naturgesetzen sind geistlos, weil sie nur Schattenbilder vom Geiste sind, weil im Bewußtsein, wenn man etwas weiß von Naturgesetzen, nichts vom Geist anwesend ist. Man kann dann zwei Wege gehen. Man kann sich der Naturwissenschaft hingeben, wie viele sich ihr heute hingeben, kann stehenbleiben bei dem, was die Naturwissenschaft gibt; dann wird man geistlos. Man kann gerade dadurch ein großer Natur-forscher sein, aber man muß geistlos sein. Das ist der eine Weg.

Der andere Weg ist der, daß man die Geistlosigkeit der Naturwis­senschaft gerade da, wo sie in ihrer Größe aufgetreten ist, innerlich tragisch erlebt, daß man mit seiner Seele untertaucht in das Naturwis­sen. Wenn man mit seiner Seele untertaucht in dasjenige, was an ab­strakten Naturgesetzen, die sehr interessant sind und in manches hin-einleuchten, gefunden wurde, die aber geistlos sind, wenn man unter-taucht in die Naturgesetze der Chemie, der Physik, der Biologie, die am Seziertisch gewonnen werden und schon dadurch andeuten, wie sie von dem Lebendigen nur das Tote geben, wenn man versucht, mit dem nicht nur in menschlichem Hochmut als einer Erkenntnis zu leben, son­dern wenn man versucht zu fragen: Was gibt das der menschlichen Seele? - dann ist es erlebt! Das gibt nichts von Geistlosigkeit. Das ist ja auch das tragische Problem Nietzsche, der gerade an dem Empfinden der Geistlosigkeit der modernen naturwissenschaftlichen Bildung in seinem Seelenleben zerklüftet und zerrissen wird.

Und dann kann die Reaktion eintreten im Inneren der Seele. Dann kann man erleben, wie im Anschauen der Natur der Geist ganz stumm,

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ganz schweigsam bleibt, nichts sagt. Die Seele bäumt sich auf, nimmt ihre Kraft zusammen, sucht dann aus dem Inneren heraus den Geist zu gebären. Das kann nur in dem Zeitalter geschehen, in dem die un­mittelbare Naturanlage bei solchen Menschen wie denen der mittel-europäischen bürgerlichen Bildung nicht vorhanden sind, und an die herantritt naturwissenschaftliche Kultur. Dann, wenn sie nicht inner­lich tot sind, wenn sie innerlich lebendig sind, dann rafft sich in ihrem Inneren der Impuls des Geistes selbst auf. An dem Toten muß seit der Mitte des 15. Jahrhunderts der Geist geboren werden, wenn der Geist in das menschliche Seelenleben überhaupt hereintreten soll. Daher wer­den diejenigen, die nur mit der klassischen Bildung jenen Nachduft des Griechischen ausleben, der das Seelenhafte des Geistes durch des Men­schen eigene Seele durchpulsieren läßt, noch befriedigt sein können in dem inneren Erleben, das ihnen gibt die Empfindung dieses griechi­schen Seelen-Geistes, dieser griechischen Geistes-Seele. Diejenigen aber, die genötigt sind, mit der Naturwissenschaft innerlich lebendig Ernst zu machen und ihren Tod, ihr Leichnamhaftes zu empfinden, die wer­den dann den Geist in ihrer Seele erstehen lassen.

Man muß schon, um in der neueren Zeit ein wirkliches unmittel­bares Erlebnis vom Geist zu haben, nicht nur in Laboratorien gewesen sein und dort Zyansäure oder Ammoniak gerochen oder im Seziersaal gewesen sein und die frischen Präparate der Leichen angeschaut ha­ben, man muß aus der ganzen naturwissenschaftlichen Richtung her­aus den Leichenduft verspürt haben, um aus dieser Empfindung her­aus zu dem Licht des Geistes zu kommen. Das ist ein Impuls, der in neuerer Zeit aufleben muß. Das ist eine der Prüfungen, die die Men­schen durchmachen müssen in der neueren Zeit. Die Naturwissenschaft ist viel mehr dazu da, die Menschen zu erziehen, als Wahrheiten über die Natur zu vermitteln. Nur der naive Mensch kann glauben, daß in irgendeinem Naturgesetz, das die gelehrten Naturwissenschafter ver­zeichnen, eine innerliche Wahrheit ist. Nein, die ist nicht drinnen; aber zur Erziehung der Menschen zum Geiste ist gerade die geistlose Naturwissenschaft da. Das ist eine von jenen Paradoxien der weltge­schichtlichen Entwickelung der Menschheit.

So leuchtete erst in der neuesten Zeit - in der Zeit, die den Goetheanismus

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ablöste, denn da kam erst die eigentliche Leichenhaftigkeit, das eigentliche Tote der Naturwissenschaft herauf - der Geist, allerdings nur für diejenigen Menschen, die sein Licht empfangen wollten. Und so schützten sich die Menschen bis zur Goethe-Zeit und noch Goethe selber gegen das Verheerende eines in den Staatszwang hineingefes­selten Geisteslebens dadurch, daß sie im Grunde genommen das grie­chische Geistesleben verarbeiten, das ja dem modernen Staate nicht angehörte, weil es überhaupt der modernen Zeit nicht angehörte. Die Abtrennung des Geisteslebens von dem Staatsleben wurde surrogativ dadurch besorgt, daß man ein fremdes Geistesleben, das griechische, in sich aufnahm. Dieses griechische Geistesleben, das war es eben, wel­ches die innere Geistleerheit der neueren europäischen Welt überhaupt zudeckt. Das war auf der einen Seite.

Auf der anderen Seite empfand man aber auch nicht die Notwen­digkeit der Trennung des Wirtschaftslebens von dem Rechtsleben, von dem Leben des eigentlichen politischen Staates. Warum nicht? Dem Wirtschaftsleben kann sich ja der Mensch niemals entziehen. Dafür sorgt, trivial ausgedrückt, eben der Magen. Es ist nicht möglich, daß die Menschen solche Kataklysmen auf dem Gebiete des Wirtschafts­lebens unbemerkt erleben, wie sie unbemerkt erlebt werden auf dem Gebiete des Rechtslebens und des Geisteslebens. Das Wirtschaften war also da, und dieses Wirtschaften entwickelte sich auch in einer sehr geraden Linie. Das, was ich gestern angedeutet habe, die Verwand­lung der alten, undurchdringlichen Wälder in Wiesen und Kornfelder mit alldem, was als wirtschaftliche Konsequenz davon dasteht, das entwickelte sich in sehr gerader, regulärer Linie. Das war eine sehr ge­rade Strömung. Aber es fiel in das Erleben dieses Wirtschaftlichen hin­ein wiederum ein Fremdes, das eigentlich schon länger stark war in der mitteleuropäischen Seele als das Griechische: Es fiel hinein das Latei­nisch-Romanische. Und aus dem Lateinisch-Romanischen stammt alles, was sich auf Staats- und Rechtsleben, auf Politik bezieht. Und das ist ja diese merkwürdige Inkongruenz, wiederum etwas, was von der Ge­schichte der Zukunft scharf wird betont werden müssen, was aber über­sehen wird von der parteiischen, für den Materialismus namentlich parteiischen konventionellen Geschichtsschreibung der unmittelbaren

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Vergangenheit: daß gewisse wirtschaftliche Vorstellungen, gewisse wirtschaftliche Hantierungen des Lebens, ein gewisses Nehmen des Wirtschaftens im Leben sich in gerader Linie aus den sozialen Ver­hältnissen fortentwickelte, die Tacitus beschreibt für das erste Jahr­hundert der germanischen Welt nach der Begründung des Christen­tums. Aber diese wirtschaftlichen Denkgewohnheiten haben sich nicht ungehindert fortentwickelt. Da schlug die politische Denkart des Ro­manisch-Lateinischen hinein und infizierte sie ganz und gar und hielt auseinander die ursprünglichen europäischen Wirtschaftsgewohnheiten und das politische Rechtsleben. Und so waren künstlich nebeneinander, scheinbar geteilt, so daß die Teilung eine Maske war, Wirtschaftsleben und politisches Leben, weil das politische Leben die Nuance des La­teinisch-Romanischen und das Wirtschaftsleben die Nuance des alt-germanischen hatte. Weil zwei einander fremde Schichtungen inein­anderlebten, empfand man, daß das nicht zusammengehörte und schmolz äußerlich ineinander, aber man war zufrieden, weil man es ja doch innerlich, seelisch, als getrennt erlebte. Man muß nur einmal die Geschichte des Mittelalters und der neueren Zeit studieren, dann wird man sehen, wie eigentlich diese Geschichte in Wahrheit in Mitteleuropa ein fortwährendes Aufmucken, ein fortwährendes Sich-Wehren, eine fortwährende Opposition ist der wirtschaftlichen Verhältnisse, die aus den alten Zeiten heraufgebracht worden sind, gegen das Staatswesen, gegen den juristischen Romanismus. Man sieht förmlich, wenn man die Dinge bildlich sieht, wie durch die Köpfe der Verwaltungsbeamten der Romanismus als Jurisprudenz eindringt in die Menschen. Da dringt auch viel vom Romanismus gerade in die verfallenden Nibelungen­wildlinge hinein. «Graf» hängt mit grapho, schreiben zusammen, das habe ich schon einmal gesagt. Da dringt der Romanismus hinein. Wie ich sagte: man kann es förmlich im Bilde sehen, wie die Bauern, die erfüllt sind von diesem wirtschaftsorientierten Denken, entweder die Fäuste in den Taschen ballen oder mit den Dreschflegeln sich gegen dieses Romanische, Juristische aufbäumen. Das geschieht natürlich nicht immer so äußerlich habhaft. Aber im ganzen moralischen Trei­ben, wenn man die Geschichte wirklich betrachtet, ist es schon so. So war das, was aus den Keimen der mitteleuropäischen Welt sich heraufentwickelte,

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durchsetzt - ich charakterisiere bloß, kritisiere nicht, denn alles, was da sich vollzogen hat, hat auch seinen Segen gebracht und war notwendig, war in der historischen Entwickelung in Mit­teleuropa nicht zu umgehen -, es war durchsetzt, infiziert von dem juristisch-politischen Romanismus und dem griechischen Humanismus, von dem griechischen Geist-Seele-Begriff, Seelen-Geist-Begriff. Und erst als einschlug das moderne internationale wirtschaftliche Element mit allem, was es im Gefolge hatte, da war es eigentlich nicht mehr möglich, die alten Dinge aufrechtzuerhalten. Man konnte sehr gut klassisch gebildet sein und ein Ignorant sein in bezug auf die natur­wissenschaftliche Bildung der neueren Zeit, aber man war dann eben trotzdem innerlich-seelisch ein Rückschrittler. Man konnte nicht mit seiner Zeit gehen, wenn man bloß klassisch gebildet war, wenn man nicht eindrang in dasjenige, was die naturwissenschaftliche Bildung der neueren Zeit gab. Und war man naturwissenschaftlich gebildet, war man vertraut mit dem, was die Naturwissenschaft der neueren Zeit bringen wollte, so konnte man wahrhaftig nur Kulturkrankhei­ten, Kulturscharlach, Kulturmasern durchmachen, wenn man sich be­kanntmachte mit dem, was innerhalb des Zeitraumes, von dem ich Ihnen gesprochen habe, aus dem alten juristischen Romanismus gewor­den war. Im alten Imperium Romanum war dieser juristische Roma­nismus am Platze. Dann hatte sich dieses romanische Juristentum, die Res publica, beziehungsweise die Anschauungen darüber, vom alten Romanismus her, ebenso wie auf der anderen Seite die Nibelungenwild­heit, durch die mitteleuropäische Bildung hindurch fortgepflanzt.

Ja, meine lieben Freunde, Kulturscharlach, Kulturmasern bekommt man, wenn man die Jurisprudenz nicht bloß abstrakt denkt, sondern mit gesunden naturwissenschaftlichen Begriffen durchtränkt sich ein­läßt auf dieses Etwas, das als moderne Juristerei in der Literatur und in der Wissenschaft figuriert.

Einen gewissen Höhepunkt hat das erreicht, als einer, der eigentlich geistreich war, wie Rudolf von Ihering, schon gar nicht mehr wußte, wie er zurechtkommen sollte mit diesen Jammerbegriffen von Jurispru­denz der neueren Zeit. Grotesk wurde das Buch, das Ihering schrieb über den «Zweck im Recht», weil ein Mensch, der ein bißchen sich hineingefunden

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hatte in naturwissenschaftliches Denken, diese sprach­lichen Begriffe, die er hatte, nun auf die Jurisprudenz anwenden wollte, so daß ein Wechselbalg des menschlichen Denkens herauskam. Es ist tatsächlich ein Martyrium für ein gesundes Denken, sich in die neuere juristische Literatur einzulassen, denn man hat alle Augenblicke das Gefühl: das geht wie Regenwürmer durch das Gehirn. Es ist schon so, ich schildere nur die imaginativen Wahrnehmungen.

Man muß den Mut haben, auch diese Dinge gehörig ins Auge zu fassen, um einzusehen, daß wir in dem Zeitpunkt angekommen sind, wo nicht nur gewisse Einrichtungen, sondern wo die Denkgewohnhei­ten der Menschen metamorphosiert, umgestaltet werden müssen, wo die Menschen beginnen müssen, über manche Dinge anders zu denken. Dann erst werden die sozialen Einrichtungen in der Außenwelt unter dem Einfluß der menschlichen Denkgewohnheiten und Empfindungs­gewohnheiten so werden können, wie es diese furchtbaren, schreckhaft sprechenden Tatsachen fordern.

Es ist schon ein gründliches Umlernen mit Bezug auf allerwichtigste Dinge der modernen Menschheit notwendig. Weil aber diese moderne Menschheit insbesondere in der Zeit, von der ich gestern sprach, 1200 anfangend, mit dem Goetheanismus schließend, solche wie Regenwür­mer durch das Gehirn ziehende Gedanken in sich aufnahm und das nicht bemerkte, geschah es, daß jene Lässigkeit, jene Passivität des Denkens eintrat, die eine charakteristische Erscheinung der neueren Zeit ist. Diese charakteristische Erscheinung der neueren Zeit ist ja das Nichtvorhandensein des Willens im Element des Denkens. Die Men­schen lassen ihre Gedanken über sich kommen, sie geben sich ihnen hin, sie haben die Gedanken am liebsten als Instinkt. Auf diese Weise kann man niemals zum Geiste dringen. Man kann nur zum Geiste dringen, wenn man wahrhaft objektiv den Willen in das Denken hin-einlegt, so daß das Denken eine Handlung wird wie irgendeine andere Handlung, wie Holzhacken. Haben denn die modernen Menschen wirklich das Gefühl, daß man beim Denken ermüdet? Das haben sie nicht, weil das Denken für sie keine Tätigkeit ist. Die modernen Men­schen haben das Gefühl, daß man beim Holzhacken ermüdet. Daß aber für den, der nicht mit Worten, sondern mit Gedanken denkt, ebenso

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nach kürzerer Zeit als beim Holzhacken jene Ermüdung kommt, die ganz genau ebenso ist wie beim Holzhacken, daß man nicht weiter kann, das haben die modernen Menschen nicht, das erleben die moder­nen Menschen nicht. Das muß erlebt werden, sonst wird nicht von der modernen Menschheit in ihrem Zusammenleben jener Durchgang voll-bracht werden können, von dem ich nun gestern und vorgestern sprach, jener Durchgang von der sinnlichen in die übersinnliche Welt. Sie wis­sen, man braucht nicht heilsehend zu werden, um in die übersinnliche Welt überzugehen, sondern man braucht nur durch den gesunden Men­schenverstand zu begreifen, was aus der übersinnlichen Welt heraus er­forscht werden kann durch einen Hellseherweg. Nicht ist notwendig, daß die ganze Menschheit heilsehend wird, aber notwendig ist, was für jeden Menschen möglich ist: mit dem gesunden Menschenverstand die Einsichten in die geistige Welt zu bekommen. Nur auf diesem Wege kann Harmonie in die moderne Seele hineinkommen, denn diese Har­monie in den modernen Seelen geht gerade aus den Bedingungen der Zeitentwickelung heraus verloren. Wir sind heute einmal an einem Punkt, namentlich der europäischen Entwickelung mit ihrem ameri­kanischen Anhange und ihren asiatischen Vorposten, angekommen, in der von den Geistern der überirdischen Welt real das Fazit gezogen wird zwischen dem, was in älteren Zeiten gang und gäbe war mit Be­zug auf das Nebeneinander der Bevölkerungen auf der Erde, mit dem, was in späterer Zeit gang und gäbe geworden ist.

Wie waren in ältester Zeit die Völker auf der Erdkugel angeordnet? Bis zu einem gewissen Zeitpunkte, der eigentlich nicht weit vor dem Mysterium von Golgatha zurückliegt, da war alles, was an Völker-konfiguration auf der Erde bewirkt worden ist, von oben herunter bedingt, dadurch bedingt, daß die Seelen sich einfach senkten aus dem Kosmos, aus der geistigen Welt in die Körper, welche an einem be­stimmten Territorium lebendig waren in der physischen Menschheits­entwickelung. So waren in Griechenland in den älteren Zeiten aus den physiologischen, geographischen, klimatischen Verhältnissen her­aus gewisse Menschenleiber da, auf der italischen Halbinsel gewisse Menschenleiber da. Die Eltern brachten zwar die Kinder zur Welt, doch kamen die Seelen von oben, waren nur ganz von oben bestimmt

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und griffen sehr tief in die ganze Konfiguration des Menschen, in seine äußere körperliche Physiognomie ein.

Dann kamen die großen Völkerwanderungen. Menschen wanderten in verschiedenen Strömungen über die Erde. Die Rassenmischungen traten ein, Völkermischungen traten ein. Dadurch kam in ausgiebigem Maße das Vererbungselement im irdischen Leben zur Geltung. Da lebte an einem bestimmten Orte der Erde eine Bevölkerung, die wan­derte an einen anderen Ort; so lebten in gewissen Gegenden des Kon­tinents die Angeln und die Sachsen, die wanderten nach den englischen Inseln aus. Das ist solch eine Völkerwanderung. Nun sind doch die Nachkommen der Angeln und der Sachsen in physischer Vererbung abhängig von dem, was sich vorher auf dem Kontinente entwickelte; sie sehen so aus in bezug auf ihre Physiognomie, mit Bezug auf ihre Hantierungen und so weiter. Dadurch kommt etwas hinein in die Ent­wickelung der Menschheit, was horizontal abhängig ist. Während frü­her die Verteilungen der Menschen über die Erde nur abhängig waren von der Art und Weise, wie sich die Seelen inkarnierten, heruntersenk­ten, wurde jetzt mitbestimmend dasjenige, was an Wanderungen, an Strömungen auftrat. Aber mit Bezug darauf ist gerade um die Wende des 14. zum 15. Jahrhundert ein neues kosmisch-geschichtliches Ele­ment aufgetreten, ein neuer kosmisch-geschichtlicher Impuls. Es war eine Zeit hindurch so, daß eine gewisse Sympathie bestand zwischen den Seelen, die herunterkamen aus der geistigen Welt, und den Kör­pern, die unten waren. Also konkret gesprochen: Auf den englischen Inseln, über den englischen Inseln senkten sich Seelen, die sympathisch berührt waren von der Gestaltung der Leiber, die als Nachkommen der Angeln und der Sachsen auf der britischen Insel lebten. Diese Sympa­thie hörte mit dem 15. Jahrhundert immer mehr und mehr auf, und die Seelen richten sich seit diesem 15. Jahrhundert nicht mehr nach den Rasseneigentümlichkeiten, sondern wiederum nach den geographischen Verhältnissen, nach dem Klima, nach dem, ob da unten Ebene, ob da Gebirge ist. Die Seelen kümmern sich seit dem 15. Jahrhundert immer weniger darum, wie die Menschen rassengemäß aussehen; sie richten sich mehr nach den geographischen Verhältnissen. So daß es heute in der über die Erde hin ausgebreiteten Menschheit etwas gibt, wie einen

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Zwiespalt zwischen dem angeerbten Rassenmäßigen und dem See­lischen, das aus der geistigen Welt kommt. Und würden die heutigen Menschen mehr ihr Unterbewußtes wirklich ins Bewußtsein bringen können, dann würden sich heute die wenigsten Menschen - wenn ich mich trivial ausdrücken darf - in ihrer Haut wohlfühlen. Die meisten Menschen würden heute sagen: Ich bin doch heruntergestiegen auf die Erde, um in der Ebene zu leben, unter Grünem oder über Grünem, um dieses oder jenes Klima zu haben, und im Grunde genommen ist es mir gar nicht so besonders wichtig, daß ich ein romanisch oder ein ger­manisch aussehendes Gesicht trage.

Ja, es sieht schon einmal paradox aus, wenn man diese Dinge, die von eminentester Wichtigkeit sind für das Menschenleben heute, im Konkreten schildert. Pantheistisch von Geist, Geist, Geist reden auch die Menschen, die gute Lehren geben, die sagen, man solle sich vom Materialismus abwenden und wiederum dem Geiste zuwenden; das schockiert die Leute heute nicht. Aber wenn man in dieser Konkret­heit spricht über den Geist, dann lassen sich das die Leute heute noch nicht recht gefallen. Aber so ist es schon. Und Harmonie muß wieder­um gesucht werden zwischen, ich möchte sagen, einer geographischen Prädestination und einem Rassenelemente, das sich über die Erde hin breitet. Daher kommen die internationalen Neigungen in unserer Zeit, daß die Seelen sich nicht kümmern mehr um das Rassenmäßige.

Ich habe dasjenige, was jetzt geschieht, einmal verglichen mit ei­ner vertikalen Völkerwanderung, während früher eine horizontale Völkerwanderung war. Der Vergleich ist nicht bloß eine Analogie, der Vergleich ist auf Grund der Tatsachen des geistigen Lebens aus­gesprochen.

Zu alldem muß hinzugenommen werden, daß der Mensch einfach durch die geistige Entwickelung der neueren Zeit im Unterbewußten immer geistiger wird, und daß eigentlich jene materialistische Gesin­nung, die im Oberbewußtsein auftritt, immer mehr widerspricht dem, was der Mensch in seinem Unterbewußtsein hat. Um das einzusehen, dazu ist allerdings notwendig, auf die dreifache Gliederung des Men­schen selbst noch einmal einzugehen.

Diese dreifache Gliederung empfindet zunächst der heute nur dem

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Sinnlich-Physischen zugewendete Mensch so, daß er sich sagt: Ich nehme wahr durch meine Sinne, die sind durch den ganzen Körper verteilt, aber hauptsächlich im Kopfe zentralisiert; ich habe im Wahr­nehmen das Nerven-Sinnesleben. Aber weiter kommt der Mensch heute nicht. Er kann dann allenfalls beschreiben, daß der Mensch atmet, und daß das Leben von dem Atmen in der Herzbewegung, in die Blut­pulsation übergeht. Aber viel weiter kommt der Mensch nicht. Den Stoffwechsel studiert man ja sehr genau, aber nicht als ein Glied des dreigliedrigen Menschen; man betrachtet ihn eigentlich als den gan­zen Menschen. Man braucht ja nicht so weit zu gehen, wie jener natur­wissenschaftliche Denker, der gesagt hat: Der Mensch ist, was er ißt -, aber im Ganzen ist die naturwissenschaftliche Gesinnung ziemlich stark davon durchdrungen, daß der Mensch ist, was er ißt. In Mitteleuropa wird er ja bald dasjenige sein, was er nicht ißt!

Diese Dreigliederung des Menschen, die sich hineinfinden will in eine soziale Dreigliederung, weil sie immer deutlicher und deutlicher auftritt, die tritt auch differenziert über die Erde hin auf. Der Mensch ist wahrhaftig nicht bloß dasjenige, was innerhalb seiner Haut einge­schlossen ist. Es entsprach schon einer tiefen Empfindung, als ich in meinem ersten Mysterium «Die Pforte der Einweihung» Capesius und Strader allerlei Dinge verrichten ließ und darauf aufmerksam machte, daß das, was da auf der Erde hantiert wird von den Menschen, ent­spricht kosmischen Vorgängen draußen im Weltenall. Bei jedem Ge­danken, den wir fassen, jeder Handbewegung, die wir tun, bei allem, was wir sagen, ob wir gehen, stehen, oder was wir sonst vollbringen, da geht immer etwas im Kosmos vor. Um diese Dinge wirklich zu durchleben, fehlen dem heutigen Menschen die Wahrnehmungsmög­lichkeiten. Der Mensch weiß heute nicht - man kann es auch nicht verlangen, und es ist paradox, so zu reden, wie ich jetzt rede -, wie er sich ausnehmen würde, wenn er nur vom Monde aus meinetwillen beobachten würde, wie es auf der Erde hier zugeht. Da würde er se­hen, daß das Nerven-Sinnesleben noch etwas ganz anderes ist, als das­jenige, was man davon weiß im physisch-sinnlichen Dasein. Das Ner­ven-Sinnesleben, also dasjenige, was vorgeht während Sie sehen, wäh­rend Sie hören, riechen, tasten, das ist Licht im Kosmos, das Ausstrahlen

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von Licht in den Kosmos. Von Ihrem Schauen, von Ihrem Fühlen, von Ihrem Hören erglänzt die Erde in den Kosmos hinaus.

Anders wiederum ist die Wirkung alles dessen, was rhythmisch ist im Menschen: Atmung, Herzbewegung, Blutpulsation. Das geht in mächtigen Rhythmen, die von dem entsprechenden Gehörorgane ge­hört würden, in das Weltenall hinaus. Der menschliche Stoffwechsel geht als von der Erde ausströmendes Leben in den Weltenraum hinaus. Sie können nicht wahrnehmen, nicht hören, nicht sehen, nicht riechen, nicht fühlen, ohne daß Sie leuchten in den Kosmos hinaus. Sie können Ihr Blut nicht zirkulieren lassen, ohne daß Sie hinausklingen in den Weltenraum, und Sie können nicht den Stoffwechsel in sich vollbrin­gen, ohne daß von außen sich das ansieht als das Leben der Erde, das Leben der ganzen Erde.

Mit Bezug darauf aber ist ein großer Unterschied zum Beispiel zwi­schen Asien und Europa. Von außen angesehen würde die eigentüm­liche Denkweise der Asiaten selbst heute noch, wo schon ein großer Teil der Asiaten unspirituell geworden ist, sprühendes, helles Licht in den geistigen Weltenraum hinaus verbreiten. Das wird immer dunk­ler, je weiter man nach dem Westen geht, immer weniger wird hinaus­geleuchtet in den Weltenraum. Dagegen pulsiert immer mehr Leben hinaus in den Weltenraum, je weiter man nach Westen geht. So allein entsteht in der menschlichen Seele das, was man nennen könnte die Anschauung von dem kosmischen Aspekt der Erde; und zur Erde ge­hört die Menschheit dazu.

Solche Vorstellungen wird man brauchen, wenn die Menschheit einer heilsamen und nicht einer unheilsamen Zukunft entgegengehen soll. Jenes Idiotentum, welches erzeugt wird in der Menschheit all­mählich, indem man die gegenwärtigen geographischen Karten bloß zeichnet und die Menschen lernen läßt: hier Donau, hier Rhein, hier Reuß, hier Aare, hier liegt Bern, hier Basel, hier Zürich - bloß dieses äußerliche theoretische Liniieren, das dann, den Globus ergänzend, nur das Sinnliche verbreitet, diese Art von Bildung wird die Mensch­heit immer mehr herunterbringen. Gewiß, sie ist notwendig als eine Grundlage, sie soll nicht angefochten werden, aber sie wird die Menschheit immer mehr und mehr herunterbringen. Der Globus der

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zukünftigen Zeit muß verzeichnen: da leuchtet die Erde, weil in den Köpfen der Menschen da Spiritualität ist; da strahlt die Erde mehr Leben in den kosmischen Raum hinaus, weil das eben den Menschen auf diesem Territorium besonders entspricht.

Damit hängt es auch zusammen, was ich schon einmal hier bemerkt habe. Man muß immer das eine durch das andere beleuchten. Ich sagte Ihnen, daß wenn die Europäer sich allmählich in Amerika ansiedeln, sie indianerhafte Hände bekommen, dem Typus des alten Indianers ähnlich werden. Das rührt davon her, weil heute die Seelen, die her-unterkommen und sich senken in Menschenleiber, sich mehr nach dem Geographischen richten, wie in alten Zeiten, wo noch die Indianerkultur eine nächstgegebene ist. Jetzt richten sich die Seelen nicht nach den Ras­sen, richten sich nicht nach dem, was sich aus dem Blute heraus ent­wickelt, sie richten sich nach den geographischen Verhältnissen. Es wird notwendig sein, daß man innerlich durchdringt dasjenige, was in der Menschheit vorgeht. Diese Durchdringung wartet auf die Menschheit, auf die Geneigtheit der Menschheit zu beweglicheren Begriffen, die eingehen können in solche Dinge. Die können sich aber nur entwickeln auf geisteswissenschaftlicher Grundlage. Und geisteswissenschaftliche Grundlage ist nur möglich, wenn der Geist in der Menschenseele ge­boren werden kann. Dazu braucht man das emanzipierte freie Geistes­leben. Dazu braucht man die Herauslösung des Geisteslebens von dem politischen Staatsleben

Nun, meine lieben Freunde, ich habe Ihnen über dasjenige heute einige Andeutungen gegeben, was sich so durchzieht durch jene Mensch­heit, die heute streben muß nach einer sozialen Neugestaltung. Man kann heute nicht mit den gewöhnlichen Trivialbegriffen soziale For­derungen aufstellen. Man muß eine Einsicht haben in die Natur der gegenwärtigen Menschheit. Man muß einholen dasjenige, was man versäumt hat im Studium der gegenwärtigen Menschheit.

Da wir jetzt doch bald abreisen müssen, so werde ich morgen zum letzten Male über diese Dinge sprechen. Wir werden uns also morgen um halb acht Uhr hier wiederum versammeln. Vielleicht werden einige eurythmische Stückchen dann auch gegeben werden können, und dann wollen wir morgen noch einen Vortrag hier haben, eben aus dem

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Grunde, weil wir ja vermutlich diese Woche hier wegfahren müssen. Ich habe Ihnen dann auch einiges zu sagen morgen, was anknüpft an mein Buch «Die soziale Frage», das jetzt ausgedruckt ist und dem­nächst, allernächst erscheinen wird. In Anknüpfung an dieses Buch habe ich dann einiges zu sagen, was mir besonders am Herzen liegt.

ZWÖLFTER VORTRAG Dornach, 14. April 1919

#G190-1991-SE199 Vergangenheits- und Zukunftsimpulse im sozialen Geschehen

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ZWÖLFTER VORTRAG

Dornach, 14. April 1919

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Heute liegt mir vor allen Dingen auf der Seele, einiges zu Ihnen zu sprechen mit Rücksicht auf das, was aus den Impulsen unserer Zeit, aus der Not unserer Zeit heraus zur Menschheit überhaupt gesprochen sein will durch meine in den nächsten Tagen erscheinende Schrift über die soziale Frage. Die Schrift wird heißen: «Die Kernpunkte der sozia­len Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft». Aus den Betrachtungen der letzten Tage, die im Grunde genommen nur eine weitere Fortsetzung und ein Ausbau jener Betrachtungen waren, die wir hier seit vielen Wochen gepflogen haben, werden Sie ersehen haben, daß dasjenige, was von mir gesagt werden soll jetzt gerade mit Bezug auf die soziale Frage, nicht etwa nur wie eine Art Nebenströ-mung dasteht neben dem, was pulsiert in unserem ganzen geisteswis­senschaftlichen Streben, sondern daß in der Tat die Sache so betrachtet werden muß, daß dieses geisteswissenschaftliche Streben gerade durch seine ihm eigene Art Verständnis entwickelt für die Bedürfnisse und Forderungen unserer Gegenwart und der nächsten Zukunft, und daß schon einmal der Grundcharakter gerade unserer Zeit darinnen liegt, daß der Not der Zeit radikal doch nur geholfen werden kann aus gei­stigen Impulsen heraus. Alles andere, was versucht würde - das habe ich ja von den verschiedensten Gesichtspunkten her betont -, würde doch höchstens ein Surrogat sein können. Auch das Äußere, was getan werden soll, es wird so geartet sein müssen, daß, ich will nicht sagen eine bestimmte Form der Geisteswissenschaft, aber daß ein Geistes­leben, das hinaufdringt zum wirklichen Geist, innerhalb der sozialen Ordnung möglich werde.

Das ist aus dem Grunde notwendig, weil durch die Entwickelung der Menschheit der Mensch der Gegenwart in einer ganz bestimmten Lage ist. Diese Lage des Menschen der Gegenwart, ich habe sie Ihnen von den verschiedensten Seiten her charakterisiert. Ich will heute nur noch einmal darauf hinweisen, daß im Grunde genommen alle Be­trachtungen uns dazu geführt haben, einzusehen, wie der Mensch der

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Gegenwart durch seine Organisation einfach im jetzigen Zeitpunkte in einem gewissen Zwiespalt drinnen ist. Man kann ja leicht den Men­schen seiner ganzen Wesenheit nach als eine Einheit ansehen. Er ist aber keine Einheit. Wir wissen, daß er ein dreigliedriges Wesen ist. Aber diese drei Glieder der menschlichen Wesenheit, sie standen zu den ver­schiedenen Epochen der nachatlantischen Zeit in verschiedenem Ver­hältnisse zur ganzen Außenwelt, der physischen, seelischen und gei­stigen Außenwelt, und zu dem eigenen Inneren. Wir können nun den dreigliedrigen Menschen auf zwei Arten betrachten. Machen wir das schematisch, setzen wir einfach die drei Glieder des Menschen über­einander (siehe Zeichnung). Wie wir sie nun benennen, ob nach ihrem physischen Aspekt: Nerven-Sinnessystem, rhythmisches System, Glied­maßen-Stoffwechselsystem, oder nach dem geistigen Aspekte: dem in­tuitiven Geistigen, dem inspirierten Seelischen, dem imaginativen Leib­lichen, ob wir mit anderen Worten mehr so vorgehen, wie ich das von

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dem geistigen Aspekte her in meinem Buche «Theosophie» dargestellt habe, oder ob wir die physische Projektion dieses dreigliedrigen Men­schen nehmen, wie ich auf sie aufmerksam gemacht habe in meinem letzten Buche «Von Seelenrätseln», von allen Gesichtspunkten aus zeigt

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sich uns, daß der Mensch ein dreigliedriges Wesen ist. Aber dieses drei­gliedrige Wesen Mensch, das ist, wenn ich so sagen darf, gar nicht so einfach dreifach. Der Mensch ist einmal ein kompliziertes Wesen, und die Dreiheit in ihm ist auch gar nicht so einfach dreifach, sondern wir können sagen: der Mensch ist in gewissem Sinne ein Doppelwesen, ein zweifaches Wesen, und die Grenze geht eigentlich mitten durch das Rhythmussystem, durch das Atmungs- und Herzsystem.

Heute, in unserer gegenwärtigen Entwickelungsphase, ist die Sache so, daß eigentlich das Innere des Menschen so recht nur lebt im Stoff­wechselsystem und in den unteren Gliedern des Lungen-Herzsystems, des rhythmischen Systems. Da ist eigentlich für die heutige Zeit der Mensch im wesentlichen innerlich. Dagegen mit Bezug auf den oberen Teil des Herz-Atmungssystems und mit Bezug auf das Nerven-Sinnes-system ist der Mensch heute auf eine starke Außerlichkeit angewiesen. Sie werden gleich verstehen, was ich meine. Der Mensch nimmt durch seine Sinne die äußere Welt wahr. Er verarbeitet durch seinen Verstand die äußere Welt. Er atmet auch die äußere Welt durch seine Lunge ein. Das nimmt der Mensch von außen, was durch Wahrnehmungen, durch Verstandesbearbeitung, durch Einatmen kommt. Aber mit Bezug auf das, was da von außen in den Menschen kommt, ist der Mensch gewis­sermaßen doch nur eine Art von Wohnhaus. Eigentlich ist in diesem Teil des Menschen - dem oberen - die ganze äußere Natur drinnen:

die Farben, die Töne von außen, die Sterne, die Wolken, die Luft so­gar bis zum Atmungsprozeß; und Sie selbst sind eigentlich nur 4as Wohnhaus für dieses Äußerliche. In alten Zeiten haben die Menschen in diesem Äußerlichen noch etwas gefunden, was ihrem Inneren ver­wandt war: Elementargeister, auch göttlich-geistige Wesenheiten der höheren Hierarchien. Sie haben in ihren Mythologien, die weiser waren als die heutige naturwissenschaftliche Weisheit, von diesen Naturwesen gesprochen. Aber die sind aus dem menschlichen Wahrnehmen fort. Der Mensch nimmt heute nur das Sinnliche wahr und verarbeitet es. Da trägt er eigentlich nur die Außenwelt in sich. Man iSt sehr häufig nicht genügend aufmerksam darauf, wie wenig in dem, was wir so in uns tragen als Wahrnehmung von der Außenwelt oder auch als das­jenige, was im Gedächtnis von der Außenwelt bleibt, wie wenig in dem

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eigentlich von uns ist. Wenn Sie des Morgens oder des Mittags über diesen Hügel heraufgehen und das Goetheanum sehen und wiederum hinuntergehen und das Bild des Goetheanums in sich tragen und all dasjenige, was Sie da gesehen haben, so haben Sie scheinbar etwas in sich, was aber in Ihnen nur ein Spiegelbild ist, denn das Goetheanum steht hier auf diesem Hügel. Alles das, was Sie gesehen haben, steht auch auf diesem Hügel. Sie sind nur mit dem Teil des Menschen, den ich hier abgegliedert habe, das Wohnhaus von dem. Und heute ist der Mensch so geistarm, weil er eben in diesem Äußeren nicht mehr den Geist findet.

Ja, es gab Zeiten in der Erdenentwickelung, wo auf die Menschen, die hier auf diesen Hügel heraufgegangen wären und so etwas erblickt hätten wie dieses Goetheanum, beim Hinuntergehen gewisse Dinge nicht wie eine Phantasie, nicht wie eine innere Mystik, sondern wie eine Tatsachenwelt gewirkt hätte. Wie etwas, was sie gesehen haben, wie etwa die Malerei oder dergleichen, würden sie mitgenommen haben in ihrer Seele, jene Geistwesen, die ihnen von allen Ecken herausgeschlüpft wären, und die mitgetan haben, indem die Menschen hier geschaffen haben. Aber das ist vorbei für die Menschen, so, wie wenn die elemen­tarischen und die geistigen Wesen geflohen wären aus der äußeren Na­tur. Entgeistet ist die äußere Natur, und damit auch dieser Teil des Menscheninneren. Und für das Innere bleibt eigentlich nur der untere Teil der Brust und der Stoffwechselleib mit den Gliedmaßen. Der ist für den heutigen veräußerlichten Menschen, für diese Periode der Menschheitsentwickelung dasjenige, was der Mensch, wenn er sich nicht wirklich anfängt für wahre Geistigkeit zu interessieren, was der Mensch sein Inneres nennt. Und hart an dem Punkte ist der Mensch angelangt, wo er zwar spricht von seinem Inneren, aber wo er mit die­sem Inneren im Grunde genommen nichts anderes meint als seinen Stoffwechsel und höchstens die Korrespondenz, welche die Atmung und der Herzrhythmus mit seinem Stoffwechsel eingehen. Man täusche sich darüber nicht. Man sei sich darüber nur klar: die Menschen kom­men heute und reden davon, daß sie mit ihrem Inneren nicht fertig werden, daß sie innere Schwierigkeiten haben. Das iSt nur ein Wort-ausdruck für irgendeine Unregelmäßigkeit des Stoffwechsels. Der eine

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ist heiter, der andere ist mürrisch aus seinem Inneren heraus; der eine ist leidenschaftlich, der andere ist humorvoll. Es ist im Grunde genom­men das alles ein Ergebnis des Stoffwechsels und höchstens des Rück­schlages der Atmungs- und Herzzirkulation auf den Stoffwechsel. Viele Menschen sprechen heute von ihrem Inneren. Sie reden von den Bedürfnissen dieses Inneren. Sie reden davon, daß ihre Seele mit dem und jenem nicht fertig werde. In Wahrheit wird ihr Magen und werden ihre Gedärme nicht fertig. Und dieses, was sie vom seelischen Leben reden, ist im Grunde genommen nur ein Wortausdruck für dasjenige, was im Stoffwechsel vor sich geht. Und es ist so, daß die Menschen selbstverständlich nicht der Wahrheit gemäß zugeben würden: Mein Magen, meine Gedärme, Milz und Leber oder sonstige Dinge sind in mir nicht in Ordnung -, sondern sie sagen: Meine Seele hat diese oder jene Schwierigkeit. - Das klingt besser, vornehmer für manche Men­schen, das halten sie für weniger materialistisch. Für denjenigen, der die Dinge der Wahrheit gemäß schaut, ist es nur verlogener. Denn wir stehen heute eben in derjenigen Entwickelungsphase, in der sich die menschliche Natur deutlich in diese zwei Glieder abgliedert.

Und wenn Sie fragen: Was gibt es da für eine Hilfe? - Es gibt nur die eine Hilfe für die Menschen heute: loszukommen von sich selbst durch ein Interesse für die Angelegenheiten der Menschheit, durch wirkliches Interesse für dasjenige, was alle Menschen der heutigen Zeit angeht, und möglichst wenig Aufmerksamkeit für diese heute doch zumeist vorhandenen Unregelmäßigkeiten des Stoffwechsels im weiteren Sinne. Wenn die Menschen loskommen können von ihrem Reden über sich selber durch ein weitgehendes Interesse, was nur durch ein Ernstnehmen der Geisteswissenschaft zu erreichen ist, dann kann allein Heil sich ausgießen über das gegenwärtige menschliche Ge­schlecht.

Man macht ja mit einer solchen Sache wirklich heute charakteri­stische Erfahrungen. Ich war neulich bei jenem Völkerbundskongreß in Bern, wo von all den Dingen gesprochen wurde, von denen es heute unnötig ist, zu sprechen, weil es doch zu nichts führt, und wo von all-dem nicht gesprochen wurde, was heute das Notwendigste ist. Aber das will ich gar nicht einmal als die Hauptsache erwähnen. Als die

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Hauptsache möchte ich erwähnen ein gewisses Formales, das fast bei allen Rednern zutage getreten ist. In jedem dritten Satze mindestens findet sich bei diesen Rednern das Wörtchen «ich»: Ich bin der An­sicht -, ich meine -, mir scheint, daß dies oder jenes notwendig ist -, ich liebe dies oder jenes -, das können Sie fast in jedem Satze hören. Und die Menschen werden geradezu wild, wenn man nicht einstimmt in diesen Ton! Redet man mehr aus der Objektivität heraus, stellt man seine Sätze so, daß man den inneren, objektiven Gehalt ins Auge faßt, und nicht seine Meinung gibt, nicht dasjenige gibt, was man liebt, dann sagen sie, man rede autoritär, man rede anmaßlich. Natürlich ist die höchste Anmaßung, wenn einer in jedem dritten Satze das Wörtchen «ich» im Munde führt. Aber die Leute haben verlernt, diese Anmaßung zu spüren. Sie finden gescheiter, wenn einer immer von sich redet, und sie finden das höchst unbescheiden und anmaßlich, wenn jemand ver­sucht, aus der Objektivität heraus zu reden. Sie haben dann das dunkle Gefühl, er behaupte, etwas anderes zu wissen, als was seine «persön­liche Meinung» ist. Und das ist heute eine große Sünde, wenn jemand behauptet, etwas anderes zu wissen, als was seine persönliche Meinung ist! Nun, diese persönlichen Meinungen -! Der geisteswissenschaftlich Bewanderte möchte oftmals solch eine Versammlung genauer charak­terisieren, gerade von seinem geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus. Er hört einen Redner von jener Sorte, die in jedem dritten Satze das Wörtchen «ich» äußert: Jch meine -, ich bin der Ansicht -, mir ist dies sympathisch -, ich bitte Sie, auf dieses einzugehen -, der redet dann von «Überstaat», «Überparlament», und geht ab. Der geisteswis­senschaftlich Einsichtige sagt sich: Der Mann hat halt doch ein Leber­leiden, es ist an der Leber irgend etwas nicht in Ordnung, und aus ihm redet der Stoffwechsel. Ein zweiter Redner tritt auf, redet formal in einer ähnlichen Weise; er geht ab. Der Mann hat wahrscheinlich Gal­lensteine. Der dritte neigt zu Magenverstimmungen!

Diese Dinge werden bedeutsam nur in einem Zeitalter, in dem der Materialismus pulsiert, wo die freie von der Materie unabhängige Seele nicht spricht, wo eigentlich der Leib spricht. Und heute spricht vielfach der Leib. Die Leute sind nur noch gewöhnt, für ihre leiblichen Indisposi­tionen die alten Worte zu gebrauchen. Dem die Dinge geisteswissen­

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schaftlich Durchschauenden wäre es lieber, wenn sie, statt vom Über­menschen zu reden - ich meine natürlich nicht Nietzsche, aber die an­deren, die ja auch nach Nietzsche vom Übermenschen gesprochen ha­ben -, vom Untermagen sprechen würden. Denn damit würden sie die Realität besser treffen, die eigentlich aus ihnen spricht.

Das ist nicht Pessimismus, meine lieben Freunde, das ist ganz ein­fach die Welt der gegenwärtigen Tatsachen. Und der Mensch wird in der heutigen Zeit gedrängt, unwahr zu werden, aus dem einfachen Grunde, weil er sich schämen würde, die Tatsachen aufzuzählen. Sogar eine Sehnsucht ist vorhanden, sich diesem Menschen hinzugeben, der eigentlich nur der physische Mensch ist. In unserer Zeit ist es ja schon einmal eine Wahrheit, daß wir vielleicht nur deshalb keinen Moliere haben, der den «Malade imaginaire» schrieb, weil wir zu viele Mo­lie'res brauchten, denn es ist heute ein wahrer Enthusiasmus des Krank-seins vorhanden bei jenen Menschen, die Zeit haben, krank zu sein vor allem. Diejenigen Menschen, die nicht Zeit haben, krank zu sein, wen­den zumeist auf diejenigen Zustände gar nicht die Aufmerksamkeit, die bei anderen, die Zeit haben, krank zu sein, eine hinlängliche Ver­anlassung sind, sich krank zu fühlen. Die verheerenden Wirkungen des Materialismus muß man nicht nur dort suchen, wo vom Materia­lismus gesprochen wird, oder wo materialistisch gesprochen wird, diese verheerenden Wirkungen des Materialismus zeigen sich in zahlreichem Maße. Und manchmal ist die Rederei vom Geiste heute nichts anderes als der purste Materialismus, weil diese Rederei vom Geiste für sehr viele Menschen nichts anderes ist als ein Betäubungsmittel für ihre sonstige behäbige Materialität. Den Menschen heute fehlt der Wille zur Aktivität, zur wirklichen inneren Betätigung. Und alle äußere Be­tätigung muß heute von der inneren Betätigung kommen. Das ist ja der Grund, warum das Bürgertum so sehr in der Nullität geblieben ist gegenüber der seit siebzig Jahren heraufkommenden sozialen Frage. Es ist ein ungeheuerer Materialismus, welcher in den verschiedensten Formen die Menschen ergriffen hat, und namentlich diejenigen Kreise, die die Aufgabe hatten in der neuesten Zeit, sich dem Geistigen zuzu­wenden. Dies muß man ja wissen über die Grundimpulse unserer Zeit, über dasjenige, was in unserer Zeit lebt. Alles andere wäre ein Sich-Hingeben

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an Illusionen. Geisteswissenschaft ist dadurch für den gegen­wärtigen Menschen von einer so großen Bedeutung, weil sie ihn weg-bringt von sich. Aber sie muß auch wirklich so aufgefaßt werden. Es darf nicht eine andere Illusion eintreten gegenüber der Geisteswissen­schaft. Es kann leicht eine Eigenschaft, die in der Gegenwart gerade durch den Materialismus so recht verbreitet ist, auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft sich geltend machen, und das ist die Oberfläch­lichkeit. Da können die Menschen, wenn sie oberflächlich erfassen das­jenige, was an Interesse erwecken will die Geisteswissenschaft, sich erst recht in sich verhärten, da können sie erst recht in sich gedrängt werden. Da hilft eben nichts anderes, als immer wieder und wiederum zu dem zurückzukehren, was uns als Person gar nichts angeht, und was im Inhalte unserer Geisteswissenschaft sich findet, und die Dinge, die im Inhalte unserer Geisteswissenschaft sich finden, so objektiv als mög­lich zu nehmen; und wenn über die subjektivsten Dinge gesprochen wird, sie ja nicht subjektiv zu nehmen. Denken sie nur, wie klar es eigentlich ist, in diesem Punkte den naheliegenden Versuchungen sich zu widersetzen.

Wenn ich neulich hier davon gesprochen habe, wie der Mensch heute eigentlich nur bis zum achtundzwanzigsten Jahre von außen entwicke­lungsfähig ist, dann die Entwickelung abschließt, gerade aber steht vor der Verstandesseele und vor dem Ich, und an diese nicht heran­kommt, dadurch einer gewissen inneren Leerheit entgegengeht, so ist das für die heutige Zeit eine wichtige Wahrheit. Es ist wichtig, das zu wis&en, es ist wichtig, das als ein inneres Erlebnis in sich aufzunehmen. Aber es ist schädlich, hinterher zu denken: Bin ich vielleicht einer von dieser Art, der von seinem achtundzwanzigsten Jahre an nicht richtig sich zu seiner Verstandesseele entwickelt hat? Gerade die subjektiv­sten Dinge, die sich auf das Allerwichtigste beziehen, sollten objektiv aufgefaßt werden; wir sollten nicht hinsehen, ob wir es sind, denen so etwas passieren kann, wir sollten gerade bei den wichtigsten mensch­lichen Wahrheiten von uns absehen können und auf das Zeitalter se­hen können, auf die Menschheit sehen können, nicht immer in egoisti­scher Weise an uns selber denken.

Das ist dasjenige, was die Zeit charakterisiert, was hervorgeht aus

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den tiefsten Impulsen unserer Zeit, und was so schwierig macht, heute Ideen zu verbreiten, die sich beziehen auf die allerallerwichtigsten Im­pulse der Zeitentwickelung. Die Menschen können gewissermaßen aus dieser Grundstimmung, die ich eben charakterisiert habe, kein Inter­esse entwickeln. Die Ideen, sie bleiben für sie Sensationen, sie ergrei­fen sie nicht genügend, spornen sie nicht genügend an zur Aktivität.

Das ist es, was insbesondere jetzt gesagt werden muß, wo für alle diejenigen, die sich für unsere Geisteswissenschaft wahrhaftig inter­essieren, eine Art Übergang da ist. Sie haben bis jetzt eine Literatur gehabt, die sich auf die innere Entwickelung des Menschen und auf das Wissen über die geistige Welt bezieht, und die da sprach zu dem Men­schen so, daß er die Welt, sein Verhältnis zur Welt, sein Verhältnis zu anderen Menschen, soweit es seelisch-geistig ist, von den verschieden­sten Gesichtspunkten aus anfassen konnte. Jetzt erzeugt diese Geistes­wissenschaft eine gewisse Strömung - natürlich nur mit einer Verzwei­gung, sie geht als große Geisteswissenschaft weiter, denn gerade die große Geisteswissenschaft ist das Allernotwendigste auch für die Ge­sundung aller anderen Verhältnisse -, die redet über die soziale Frage, über die Gesundung des sozialen Organismus. Da läuft die Geisteswis­senschaft in eine Strömung hinein, die nun gar nicht unaktiv, die gar nicht bloß passiv genommen werden darf, sonst verfehlt sie ihr Ziel, ihren Zweck. Und jetzt wird sich zeigen, wie viele von uns durch die vielen vorangegangenen Jahre, wo sie Geisteswissenschaft in sich auf­genommen haben, sich reif gemacht haben vor allen Dingen für ein klares Erfassen desjenigen, was jetzt als soziale Frage zu verstehen ist, denn auf ein klares, vorurteilsloses, unsentimentalisches Erfassen des­jenigen, was ausgesprochen werden soll namentlich durch mein kom­mendes Buch über die Kernpunkte der sozialen Frage, auf das wird es ankommen. Das wird dasjenige sein, worüber wir jetzt eine gewisse Probe werden zu bestehen haben.

Man konnte bisher ein guter Geisteswissenschafter schon sein, wenn man Geisteswissenschaft studierte, ohne daß man sich kümmerte um dasjenige, was draußen im Leben vorging. Und wir haben ja gerade zwei Erscheinungen innerhalb unserer anthroposophischen Bewegung, über die wir eigentlich nachdenken sollten: Wir haben einerseits ganz

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gute Anthroposophen, welche aber, trotzdem sie ungeheuer viel wissen über die kosmische Entwickelung, über die Gliederung des Menschen, über Reinkarnation und Schicksal und Karma, von praktischen Ge­sichtspunkten des Lebens, von der Wirklichkeit des Lebens keine Ah­nung haben, die gerade in der Anthroposophie etwas gesucht haben, um sich von dieser Wirklichkeit des Lebens fernzuhalten. Ja, diejeni­gen, die das, was ich jetzt sage, besonders betrifft, die ahnen nicht ein­mal, daß es sie betrifft. Denn eigentlich hält sich naiv jeder für einen Lebenspraktiker. Das also ist die eine Erscheinung, die wir unter uns haben.

Die andere Erscheinung ist die Sektiererei in irgendeiner Form. Es ist ja eine tiefe Neigung vorhanden, gerade in solchen Bewegungen, die sich auf das Geistige beziehen, Sektiererei zu treiben. Ob diese Sek­tiererei nun sich heraus entwickelt aus kleinen Cliquen, die auch mit dem Charakter der Sektiererei, wenn auch in sehr inferioren Dingen, auftreten, oder ob direkt Sektiererei getrieben wird, darauf kommt es nicht an. Denn dasjenige, worauf es ankommt, ist, wirklich einzu­sehen, daß durch diese hier gemeinte, anthroposophisch orientierte gei­steswissenschaftliche Bewegung Objektivität, Unpersönlichkeit gehen muß. Das war ja immer das Schwierige unserer Bewegung, daß das Per­sönliche, meistens ohne daß man es ahnte, verwechselt wurde mit dem Objektiv-Sachlichen. Die Leute sind in dem guten Glauben, wenn sie sich zu einer Clique zusammentun, die mehr oder weniger groß ist, daß sie ein ganz sachliches Interesse haben. Gewiß, sie sind in dem guten Glauben, denn sie merken gar nicht, daß sie eigentlich doch in der Hauptsache dasjenige treiben, was sie wollen, weil ihnen der ge­rade geisteswissenschaftlich nahesteht, der ihnen so oder so gegenüber­steht, weil sie mit dem gerade das oder jenes Verhältnis haben wollen, und dergleichen. Das ahnen die Menschen nicht. Sie leben in dem guten Glauben, objektiv zu sein. Aber diese Sektiererei, dieses Cliquenwesen, das ist ja gerade dasjenige, was die schrecklichen Tatsachen gebracht hat, daß die Veröffentlichungen, die Kundgebungen der Geisteswissen­schaft nach außen, auf welchem Gebiete sie sich auch geltend machen, nicht beurteilt werden nach dem, was sie durch sich selbst sind, sondern nach dem, was eine Gesellschaft, die Anthroposophische Gesellschaft

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aus ihnen macht und gemacht hat. Wenn man hinweist auf die ärgsten Schäden und die fürchterlichsten Sumpfpflanzen von der Art eines Seiling, so darf man doch nie, wenn man auf die Grundlagen der Sache geht, außer acht lassen, daß solche Sumpfpflanzen gehätschelt, ge­züchtet, kultiviert worden sind von dem Cliquen- und Sektiererwesen, das sich sehr breit entwickelt hat in den verflossenen siebzehn, achtzehn Jahren der anthroposophischen Bewegung. Und was in dieser anthro­posophischen Bewegung vorgeht, das projiziert sich sehr vielfach auf die Anthroposophie, weil ja auch in sehr vielen Mitgliedern gesündigt wird gegen dasjenige, was heute bedeutsamster Zeitimpuls ist, der In­dividualismus auf geistigem Gebiete. Wie häufig hört man: Wir An­throposophen, wir Theosophen wollen dies und jenes! Es ist schreck­lich, daß wir überhaupt nur drei Grundsätze haben! - Wir brauchen gar keine Grundsätze, denn darauf kommt es nicht an; wir brauchen Wahrheiten, keine zusammenfassenden Grundsätze, und diese Wahr­heiten sind nur für den einzelnen Menschen, für die Individualität. Die Gesellschaft, wie oft habe ich gesagt, sie soll etwas sein nach außen; aber die Sache selbst geht die Gesellschaft nichts an. Diese Dinge muß man doch nur wirklich einmal ernst nehmen können. Heute ist es ge­rade notwendig; denn wenn dasjenige, was nun gerade in die Welt kommen soll durch die Bestrebungen mit Bezug auf die soziale Frage, wenn das etwa auch getragen werden sollte von sektiererischem oder Cliquengeiste oder den verschiedenen Engherzigkeiten, die ich heute charakterisiert habe, dann würde gerade dieser Sache ganz furchtbar geschadet werden. Hier müssen wir wirklich zu einer größeren Denk­weise uns entwickeln. Hier müssen wir wirklich den Eingang suchen in das real praktische Leben. Darauf kommt es an.

Nehmen Sie, wenn ich über diese Dinge etwas sage, es wirklich nur in freundschaftlichstem Sinne. Nehmen Sie es nicht so, als ob ich irgend­wie nach der einen oder nach der anderen Seite hin etwas Abträgliches sagen möchte. Aber ich bin einmal genötigt zu warnen, gründlich zu warnen gerade vor der sozialen Seite unserer Sache, ich meine, bevor diese soziale Seite unserer Sache Angelegenheit aller Mitglieder wird, die es werden soll, wirklich werden soll, gerade vorher dringend zu warnen: das Sektiererische, das Kleinliche, dasjenige, was keine großen

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Horizonte hat, nicht aus klarem Denken entspringt, nur ja nicht in dieses soziale Denken hineinzumischen, nur ja nicht, sondern da immer mehr zu versuchen, aus der Lebenserfahrung und aus der Lebenswirk­lichkeit heraus zu denken. Ich war ja hoch erstaunt, als vor kurzem einmal so an meine Ohren heranklang die Devise, die von der einen oder anderen Seite doch hier wohl ausgegangen sein muß, man solle die Dinge, die ich jetzt als soziale Ideen vortrage, praktisch ins Leben einführen. Und gemeint war die Überführung dieser praktischen Ideen in das Allerunpraktischste, was es nur geben kann. Wir dürfen wirklich nicht das tun, was gerade in die furchtbarsten Wirrnisse und Schäden der Zeit hineingeführt hat: verwechseln wahre Lebenspraxis mit illu­sorischer Lebenspraxis. Dasjenige, was da geäußert worden ist, ist so unpraktisch, ist so sektiererisch gedacht, hat so sehr nicht den Willen, wirklich ins praktische Leben einzutreten, daß ich gar nicht weiter darauf eingehen will. Ich bitte Sie, vor allen Dingen auf das zu sehen, was heute im wirklichen Leben vorgeht, kennenzulernen, woraus ei­gentlich die verschiedenen Sätze entspringen, die ich sage. Glauben Sie denn, das sei eine leichtherzige Theorie, wenn man über die Arbeits­kraft mit dem Charakter der Ware redet? Das ist etwas, was nur ge­sagt werden darf, wenn man es immer wiederum als das Charakteri­stischste im wirklichen Leben erkannt hat. Und so die anderen Sachen. Klares, scharfes Verstehen der Lebenswirklichkeit ist es, worauf es heute ankommt. Also wirklich sine ira, mit der Bitte, ja nicht diese Dinge persönlich zu nehmen, möchte ich zum Beispiel folgendes sagen. Ich bin gefragt worden, ob denn nicht innerhalb unserer Gesellschaft die Dreigliederung verwirklicht werden könnte: Wirtschaftsleben, Rechtsleben, geistiges Leben.

Man kann gewiß so etwas mit Worten auszusprechen, wenn man sehr gut drinnensteht in unserer Bewegung, wenn man es ganz ehrlich und tief meint mit unserer Bewegung. Aber es ist doch so, als ob man den Grundnerv unserer Bewegung gar nicht erfaßt hätte, wenn man dieses sagt. Man hat gar nichts verstanden von dem, was ich über die soziale Frage gesprochen habe, wenn man denkt, unsere Gesellschaft hier könne man wie eine Sekte dreigliedern! Welches sind denn die drei Zweige des gesunden sozialen Organismus? Zunächst das Wirtschaftsleben.

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Ja, meine lieben Freunde, wollen Sie denn das Aller-schlimmste machen, wirtschaftliche Sektiererei treiben, indem Sie in dieser Gesellschaft eine gemeinschaftliche Wirtschaft führen innerhalb der anderen Wirtschaft draußen? Wollen Sie denn gar nicht verstehen, daß man sich heute nicht in egoistischer, wenn auch gruppenegoisti­scher Weise abschließen kann und das andere alles unberücksichtigt lassen! Sie wirtschaften doch mit der anderen Wirtschaft des hiesigen Territoriums. Sie beziehen doch Ihre Milch, Käse, Gemüse, dasjenige, was Sie brauchen, von einem Wirtschaftskörper, von dem Sie sich doch nicht isolieren können! Sie können doch wahrhaftig die Zeit nicht re­formieren dadurch, daß Sie sich aus dieser Zeit herauslösen. Mir kommt es vor, wenn jemand eine solche Gesellschaft wie diese, zu einem Wirt­schaftskörper machen will, geradeso wie wenn einer eine große Fa­milie hat und sagt: Ich beginne jetzt in meiner Familie die Dreiglie­derung.

Diese Ideen sind zu ernst, zu umfassend, sie dürfen nicht in das Kleinlich-Bourgeoise der verschiedenen Sektierereien, die es immer gegeben hat, hineingezerrt werden. Sie müssen im Zusammenhang mit der ganzen Menschheit gedacht werden. Das mit Bezug auf das Wirt­schaftsleben. Sie würden sich ja ganz abschließen vom wirklichen praktischen Denken mit Bezug auf den Wirtschaftskreislauf der Welt, wenn Sie eine gruppenegoistische Wirtschaft für eine Sekte einrichten wollen.

Und das Rechtsleben: Gründen Sie einmal innerhalb unserer Ge­sellschaft den Rechtsstaat! Wenn Sie etwas stehlen, wird es ganz und gar bedeutungslos sein, wenn hier drei Leute zusammentreten und ur­teilen über dieses Stehlen. Es wird das äußere Gericht Sie schon in Anspruch nehmen und urteilen. In bezug auf den Rechtsstaat werden Sie sich aus der äußeren Organisation wahrhaftig nicht herausziehen können.

Und nun, meine lieben Freunde, in bezug auf das Geistesleben: Seit es eine Anthroposophische Gesellschaft gibt, beziehungsweise seit sie mit ihrem anthroposophischen Inhalt zur Theosophischen Gesell­schaft gehört hat, wo war irgend etwas, was hier innerhalb dieser geistigen Gemeinschaft getrieben wird, im geringsten Grade abhängig

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von irgendeiner staatlichen oder politischen Organisation? Vom ersten Tage dieser Gesellschaft an war mit Bezug auf das Geistesleben, das vor allen Dingen unsere Aufgabe ist, unser Ideal erfüllt! Verstehen Sie nicht, daß von Anfang an dieses Ideal erfüllt ist mit Bezug auf das­jenige, was wir gerade sind? Glauben Sie, daß das heute erst gemacht werden sollte mit dieser Anthroposophischen Gesellschaft? Hat diese Anthroposophische Gesellschaft in irgendeinem Staate je eine Staats-subvention gehabt? Sind ihre Lehrer von einem Staate angestellt? Ist nicht alles erfüllt gerade in dieser Anthroposophischen Gesellschaft, was nur zu erlangen ist von den äußeren Geistesorganisationen? Ist sie nicht in bezug darauf geradezu das praktischste Ideal? Wollen Sie jetzt kommen und diese Anthroposophische Gesellschaft nach dieser Rich­tung hin noch reformieren? Sie müssen ja gar nicht begriffen haben, in welcher Gesellschaft Sie seit so und so viel Jahren sind, wenn Sie jetzt erst das geistige Drittel hier in dieser Gesellschaft realisieren wollen.

Betrachten Sie also gerade das, was wir sein konnten, was man noch retten konnte an einem Zipfel, die Freiheit des geistigen Forschens und Lehrens wenigstens bei Menschen, die für das, was sie hier lernten, keine Staatsanstellungen verlangen, betrachten Sie das doch wenigstens als eine Art von Ausgangspunkt für das andere. Sehen Sie doch, was wirk­lich ist, und denken Sie nicht daran vorbei. In meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage» wird als ein Erbübel der gegenwärti­gen Zeit immer wieder angeführt, daß eben die sogenannten Lebens-praktiker von heute vorbeidenken und vorbeisprechen an demjenigen, worauf es ankommt. Soll bei uns dieses Übel grassieren, daß vorbei-gesprochen wird an demjenigen, worauf es ankommt? Nicht das kann unsere Aufgabe sein, hier das freie Geistesleben hereinzutragen, son­dern das kann die Aufgabe sein, daß Sie dasjenige, was hier als freies Geistesleben immer existiert hat, daß Sie das in die andere Welt hin-austragen, den Menschen klarmachen, daß alles Geistesleben von die­ser Art sein muß, von dieser Art von Verfassung sein muß.

Worauf es ankommt, das ist, wenigstens zunächst die nächste Wirk­lichkeit zu sehen. In dieser Richtung muß zunächst von den Anthropo­sophen verstanden werden, was von mir über die soziale Frage vor­gebracht wird. Man soll wenigstens innerhalb der Anthroposophischen

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Gesellschaft vermeiden, schrullenhafte Ideen zu verbreiten unter der Devise, das praktisch machen zu wollen, was hier vertreten wird. Neh­men Sie ernst, was wie ein Grundzug durch die Vorträge der letzten Wochen, ja vielleicht der letzten Monate durchgegangen ist, nehmen Sie vor allem ganz und gar ernst, daß die Gegenwart eine Neueinstel­lung der Menschen mit Bezug auf das Leben notwendig macht, daß es nicht getan ist damit, daß wir nur neue Gedanken aufnehmen, sondern daß wir die Möglichkeit finden, uns in einer neuen Weise dem Leben gegenüber einzustellen, daß wir alles vermeiden, was nach Isolierung und Abschluß hindrängt. Nehmen Sie vor allen Dingen ernst, daß die Menschheit mit ihrer sogenannten Kultur auf allen drei Gebieten in eine wirkliche Sackgasse hineingeraten ist. Wie konnte sich diese Sack­gasse deutlicher zeigen als in den chaotischen, verheerenden Wirkun­gen in Ost- und Mitteleuropa? Das ist ja das Ergebnis desjenigen, was die Menschen gewohnt gewesen sind, seit Jahrzehnten und Jahrhunder­ten her zu empfinden, zu denken, zu glauben. Nicht von dem Kriege allein rühren die Zustände in Rußland her, der war nur die Kulmina­tion, sondern von dem, was die Menschen gedacht, empfunden, gefühlt, gewollt haben seit langer, langer Zeit, was man genötigt war, eben wie eine Art von sozialer Krebskrankheit zu schildern. Was fehlt denn am meisten in der Gegenwart? In der Gegenwart fehlt am meisten Urteil über die Wirklichkeit! In der Gegenwart fehlt am meisten richtige soziale Aufklärung! Das ist es, was das Bürgertum am meisten ver­nachlässigt hat: richtige soziale Aufklärung. Es ist ja in den Menschen kein sozialer Sinn. Jeder kennt ja nur sich selbst. Daher wird dann das Urteil so kurzsinnig. Wenn heute einer davon spricht, es solle das Wirtschaftsleben in der Anthroposophischen Gesellschaft eingeführt werden, so würde ich mir höchstens unter diesem Satze etwas Reales vorstellen können, wenn einer eine Kuh kaufte, und sie pflegte und sie melken würde, und dadurch etwas produzieren würde und dieses Pro­duzierte in der richtigen Weise verwalten würde; dann wäre das keine Sektiererei innerhalb unserer Gesellschaft, denn im Wirtschaftsleben handelt es sich vor allen Dingen um diejenigen Maßnahmen, die die Produktivität erhöhen, die den notwendigen Bedürfnissen Rechnung tragen. Da ist ja auch einmal ein Anfang gemacht worden, der nur zum

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Teil durch die Persönlichkeit, mit der er gemacht wurde, mißglückt ist. Erinnern Sie sich doch, wir haben mit unserem Brote durch Herrn von R. einen Anfang gemacht, indem wir Brot produziert haben nicht nach dem Grundsatze des Produzierens, sondern nach dem Grundsatze des Konsumierens, was der einzige wirkliche gesunde Grundsatz sein kann. Wir haben zuerst Konsumenten schaffen wollen, was möglich gewesen wäre durch eine Gesellschaft. Dann wäre danach die Produktion ein­zurichten gewesen. Das war ein wirklicher praktischer Anfang. Er ist nur deshalb nicht geglückt, weil Herr von R. ein ganz unpraktischer Mann war, oder ist. Aber die Idee hätte sich realisieren lassen, wenn Herr von R. ein praktischer Mann gewesen wäre. Das wäre so eine praktische Idee, die aber mit der Anthroposophischen Gesellschaft nur das zu tun hat, daß die Anthroposophische Gesellschaft zunächst eine Summe von Konsumenten gebildet hat. Es handelt sich darum, den Blick auf die Sache zu lenken, nicht auf die Anthroposophische Gesell­schaft, ja nicht diese zu einer abgeschlossenen Sekte zu machen.

Mit Bezug auf diese äußeren Dinge, die dem Produzieren zugrunde liegen, und mit Bezug auf manches andere, werden Sie nicht weit kom­men, wenn Sie die Ideen, die in meinem Buche über die soziale Frage stehen, nicht im großen Stile auffassen. Denn schließlich, zur Reform des wirtschaftlichen Lebens gehört wirtschaftliche Praxis; sogar Kühe melken muß man verstehen, und es ist wichtiger, Kühe melken zu kön­nen, als in einer kleinen Sekte irgendeine Wirtschaft einzurichten und die Milch natürlich doch von außen zu beziehen. Worauf es aber an­kommen würde bei uns, das ist, daß eingesehen würde, worin der Im­puls der Gegenwart gerade liegen muß, was das Wichtigste in der Ge­genwart ist. Sie können heute Einrichtungen treffen, welche Sie wollen:

Gehen Sie, wenn Sie können, nach Rußland, machen Sie dort, was Sie wollen, richten Sie die besten, idealsten Dinge ein, oder gehen Sie nach Deutschland, nach Österreich, nach Ungarn und so weiter, nach zehn Jahren sind alle diese Dinge verkracht, wenn sie sich nur zehn Jahre halten! So liegen die Dinge heute. Sie können mit den Gedanken, die die Menschen heute haben, die idealsten Einrichtungen machen, sie sind nach zehn Jahren verkracht, da können Sie ganz sicher sein. Es wird nicht immer so schnell gehen wie jetzt in München, wo die eine Räteregierung

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durch eine andere abgesetzt werden soll und die dann wieder durch eine noch radikalere und so weiter; aber all das, was Sie heute an solchen Einrichtungen treffen, die Ihnen sehr gesund und gut erschei­nen, das wird wieder über den Haufen geworfen, wenn dieselben Ideen in den Menschenköpfen bleiben, die durch Jahrhunderte darin waren und die heute noch in ihnen spuken. Mit diesen Ideen ist nichts mehr an­zufangen. Daher muß man sich schon dazu bequemen, umzudenken und umzulernen, muß schon wirklich als einen Bestandteil seines See­leninneren die neuen Ideen aufnehmen. Das können Sie nicht von heute auf morgen. Sie können nicht von heute auf morgen gleich Einrichtun­gen treffen mit den neuen Ideen, Sie können aber diese Ideen, die in meinem Buche stehen, weil sie praktisch sind, bis zu den extremsten Spezialitäten herunter differenzieren. Sie können meinetwillen eine Meierei einrichten in dem Sinne, wie es in diesem Buche gemeint ist, aber wenn Sie nicht eine einzige Meierei bloß einrichten, wo Sie selbst Ihre Kühe melken drinnen, was ja nicht viel soziale Wirkung haben wird, die eine, einzige Meierei, wenn die anderen alle in dem alten Stile sind, wenn Sie nicht eine einzige einrichten, sondern wenn Sie verschie­dene einrichten, so brauchen Sie ja doch Leute dazu. In deren Köpfen sind aber die alten Ideen. Diese Einrichtungen werden bald entweder verkrachen oder die alten Formen annehmen, und alles ist beim alten. Daraus sehen Sie, was heute das Wichtigste ist. Heute ist nicht das Wichtigste, dies oder jenes einzurichten. Sie können natürlich gute Ein-richtungen treffen, ich will Sie gar nicht dazu verführen, schlechte Sachen einzurichten, aber ich mache Sie nur aufmerksam: Wenn Sie auch die beste Sache einrichten, so ändern Sie die Zeit nicht damit. Auf einzelnen Gebieten kann man das tun, wie ich es in bezug auf das Brot erwähnte, oder wie wir es mit unserer Literatur gemacht haben.

Wie haben wir angefangen? Ich habe zunächst vor einem sehr klei­nen Kreise in Berlin gesprochen. Dann sind die Kreise immer größer und größer geworden. Indem die Kreise größer und größer wurden, entstand das Bedürfnis, dasjenige, was gesprochen wurde, in Büchern zu haben. Leser waren für die Bücher da, bevor die Bücher gedruckt wurden. Verfolgen Sie heute bei kundigeren Menschen die Theorien

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der sozialen Ideen: eines der Grundübel in unserer sozialen Ordnung sind die fortwährenden Krisen, die durch die sporadische Überproduk­tion entstehen, wenn so darauflos produziert wird. Das ist im Buchhan­del am allerschlimmsten. Bedenken Sie, was alles im Buchhandel pro­duziert wird an Büchern mit Auflagen von fünfhundert, manchmal noch mehr Exemplaren, von denen keine fünfzig Exemplare verkauft werden, und was für ein Unterschied ist zwischen einem Buch, von dem die ganze Auflage verkauft wird, und einem Buch, von dem viel­leicht keine fünfzig Exemplare verkauft werden: Sie haben Setzer an­gestellt, Drucker angestellt, Papier verbraucht, alles für nichts! Das ist alles in den Wind gehangen, das ist alles Mißbrauch getrieben mit menschlicher Arbeitskraft. In dem Augenblicke, wo Sie drauflos pro­duzieren, müssen Sie sich dessen bewußt sein, daß Sie menschliche Ar­beitskraft verbrauchen, ist nicht der Konsum da, der den Verbrauch von menschlicher Arbeitskraft rechtfertig, denn der Verbrauch von menschlicher Arbeitskraft ist nur durch das Bedürfnis gerechtfertigt, durch das vorhandene Bedürfnis gerechtfertigt, nicht der Inhalt, son­dern das Bedürfnis muß da sein; die Aufwendung von menschlicher Arbeitskraft ist nur gerechtfertigt, wenn man voraussehen kann, daß dasjenige, was die Menschen arbeiten, Menschen zugute kommt. Also auf dem einzigen Gebiete, wo wir in einer gewissen Weise reformierend auftreten konnten, haben wir es getan. Wir haben sogar unsere Zuflucht nehmen müssen nicht zur Überproduktion, sondern sogar zur Unter-produktion. Die Welt konnte gar nicht anders denken, als daß die Zeitschrift «Lucifer-Gnosis» eingegangen sei wie andere Zeitschriften:

aus Mangel an Lesern. Gerade als sie eingehen mußte, weil andere An­forderungen an mich herantraten, war aber der Moment gekommen, wo sie zunächst anderthalbmal, dann zweimal, dann dreimal so viel Leser bekommen hätte, als sie vorher hatte. Wir haben uns sogar zur Unterproduktion entschließen müssen, nicht zur Überproduktion.

So werden in gesunder Weise Krisen vermieden. Der Buchhandel lebt in einer fortwährenden Krisis. Macht man Statistiken von Bü­chern, die nicht gekauft werden, so sieht man, daß Bücher produziert werden, die gar nicht gekauft werden können, weil gar nicht Sorge getragen werden kann dafür, daß sie gekauft werden. Manchmal haben

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die Leute eine gewisse Einsicht in die Dinge. Ich sprach einmal mit Eduard von Hartmann in den achtziger Jahren über erkenntnistheore­tische Literatur. Es war in der Zeit, als ich mein Büchelchen «Wahrheit und Wissenschaft» geschrieben habe, das jetzt vergriffen ist, von dem kein Exemplar vergeblich gedruckt, kein Exemplar vermakuliert wurde und durch welches daher keine menschliche Arbeitskraft ver­geudet wurde. Eduard von Hartmann sagte: Da lassen die Leute alle ihre erkenntnistheoretischen Werke drucken in fünfhundert Exempla­ren; wir haben doch nachweislich in Deutschland höchstens sechzig Leser; da sollte man höchstens hektographieren lassen und die Werke an die paar Leser, die sich wirklich interessieren, versenden. Nachweis­lich haben ja erkenntnistheoretische Werke nicht mehr Leser in der damaligen Zeit gehabt.

Tadeln Sie nicht, daß ich diese rein wirtschaftliche Frage der an­throposophischen Literatur hier einmal besprochen habe. Diese Dinge haben ja nichts zu tun mit dem Inhalte, nichts zu tun mit dem geistigen Wert. Aber sie können immerhin illustrieren, was eigentlich gemeint ist, und worauf es notwendig in der Gegenwart ankommt: daß zu­erst eine gesunde Konsum-Assoziation geschaffen und nicht ins Blinde und Blaue hinein produziert werde. Aus bloßer menschlicher Vorliebe heraus sollte nicht einmal Wahrheit produziert werden!

Darauf bezieht sich die Antwort, die ich einmal zwei katholischen Pfarrern in Kolmar nach einem Vortrag «Bibel und Weisheit» gegeben habe, und die ich neulich wieder erwähnte. Nach dem Vortrag kamen die beiden Pfarrer zu mir und sagten, gegen den Inhalt hätten sie eigent­lich nichts besonderes einzuwenden, wohl aber gegen die Art zu reden, denn so wie sie sprächen von der Kanzel herunter, sei es für alle Men­schen. So wie ich spräche, sei es nicht für alle Menschen, sondern nur für entsprechend gebildete. Ich konnte ihnen nur antworten: Auf das, was Sie meinen und was ich meine über die Art, wie man zu allen Men­schen sprechen soll, kommt es nicht an; darüber können wir ja vielleicht allerlei interessante Vorstellungen haben, aber darauf kommt es nicht an, sondern darauf, was die Tatsachen fordern. Und da frage ich Sie:

Gehen heute noch alle Leute zu Ihnen in die Kirche? Das können Sie nicht behaupten. Für die also, die draußen bleiben, und die doch auch

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ein Recht haben, vom Christus zu hören, für die rede ich, und das sind heute gerade genug.

Das sind Tatsachen. Dem widerspricht aber noch die alte bürger­liche Bildung, die ganz in sich verschlossen ist. Sie bildet sich ein: so ist etwas richtig, so muß es sein, so muß es gemacht werden. Aber so muß es gar nicht für das Leben gemacht werden! Für das Leben kommt alles darauf an, daß man beobachtet: Das ist da und das ist da, und daß man fordern läßt das, was man zu tun hat, durch das, was da ist. Dies sind nur scheinbar Trivialitäten, denn das Leben sündigt heute fort-während gegen diese Trivialitäten.

Was also vor allen Dingen notwendig ist, das ist eine andere Ein­stellung. Auch die Einsicht, daß es notwendig ist zu sehen, wie diese Kultur, die so gelobt worden ist, den Tod in sich selber getragen hat, sich aufgelöst hat. Sie müssen nicht glauben, daß durch die heutigen radikal sozialistischen Bewegungen die Kultur verdorben worden ist. Die hat sich selbst verdorben! Das, was die Oberschichte an Kultur hatte, das hat sich selbst in die Nullität hineingeführt, das geht an sich selbst zugrunde. Diese Oberschicht hat nur nicht dafür gesorgt, daß die unteren proletarischen Schichten, die nachkommen, etwas Vernünfti­ges wissen über die sozialen Einrichtungen, und jetzt ist sie verwundert, wenn die in ihrer sozialen Unwissenheit herankommen und eigentlich nichts als ein Chaos herbeiführen. Die Lage ist eben ernst und aus dieser Erfassung des Ernstes der ganzen heutigen Welt fließen die Ideen, die ich in meinem Buche über die soziale Frage habe aussprechen müssen. Dieses Buch wird man nur richtig verstehen, wenn man begreift, daß man heute die besten Einrichtungen treffen kann, daß aber mit den Menschen, die die Ideen unserer Zeit im Kopfe haben, eben nichts zu machen ist. Vor allem müssen die Köpfe mit anderen Ideen erfüllt wer­den. Was ist also die wirkliche, reale, die wahrhaft praktische Auf­gabe? Aufklärung verbreiten, meine lieben Freunde, vor allen Dingen Aufklärung verbreiten und die Menschen umdenken lehren! Das ist der Appell, der an jeden einzelnen von Ihnen geht, Aufklärung zu brin­gen in die Köpfe der Menschen, nicht an schrullenhafte Reformationen im einzelnen zu denken, sondern in universalistischer Weise aufklären über das, was not tut. Denn vor allen Dingen müssen heute die Menschen

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anders werden, das heißt, die Gedanken, die Empfindungen in den Seelen der Menschen müssen anders werden. Es handelt sich dar­um, diese Ideen dorthin zu tragen, wo man nur kann. Das ist das Praktische, das bedeutet: diese Ideen ins Praktische umsetzen. Mit jedem Viertelmenschen - verzeihen Sie, daß ich so spreche -, den Sie für diese Ideen gewinnen, ist etwas erreicht. Und am meisten ist er­reicht, wenn Sie Leute, die in der Praxis stehen, gewinnen. Bei der Un­terzeichnung des Aufrufes habe ich neulich gesagt: Es ist ja wirklich recht erfreulich, daß Schriftsteller unter diesem Aufrufe stehen, aber ein Bankdirektor, der den Aufruf wirklich versteht und in seinem Sinne wirkt, ist mehr wert als zehn Schriftsteller, die ihre Namen darunter-setzen. Es kommt heute darauf an, das Leben da anzufassen, wo es an-zufassen ist. Und das geht heute nicht anders, als indem man vor allen Dingen Aufklärung verbreitet, aufklärend wirkt. Denn, was die Men­schen am notwendigsten brauchen, das ist die Kenntnis von den Le­bensbedingungen des gesunden Organismus. Wenn die Menschen nicht die Lebensbedingungen des gesunden sozialen Organismus erkennen lernen, so werden sie fortfahren, den alten sozialen Organismus zu zer­stören, solange das Zerstören möglich ist. Es geht ja selbstverständlich nur bis zu einem gewissen Punkte. Alles, was jetzt gemacht wird ohne diese Ideen, ist Raubbau an der alten Ordnung, iSt Abtragen der alten Ordnung. Dieses hat in Rußland begonnen und wird von da aus wei­tergehen. Worauf es ankommt, ist, aufzubauen. Aber aufbauen können Sie heute nur, wenn die Menschen verstehen, wie der Aufbau gemacht werden muß. Denn wir leben im Zeitalter der Bewußtseinsseelen-Ent­wickelung, das heißt im Zeitalter der bewußten Individualitäten, in dem Zeitalter, wo die Menschen wissen müssen, was sie tun.

Aus diesem Geiste heraus ist mein Buch geschrieben, in diesem Geiste möchte ich es verstanden wissen. In diesem Geiste möchte ich es Ihnen ans Herz legen. Es will einfach der Zeit dienen; es will das aussprechen, was aus dem Geiste der Zeit heraus ausgesprochen werden muß. Cli­quen, sektiererische Richtungen innerhalb unseres eigenen Gesell­schaftskörpers haben genügend dafür gesorgt, daß man im Grunde genommen, wenn von Anthroposophie die Rede ist, allerlei bloßen Geisterspuk und dergleichen vermutet. Aber der Geist wird hier nicht

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darin gesucht, daß man immer bloß vom Geiste spricht - das kann man den Herren Saitschick und Foerster überlassen -, sondern es kommt darauf an, daß der Geist in der Lage ist, wirklich in das praktische Le­ben unterzutauchen, zu verstehen, wie das praktische Leben gehand­habt werden muß. Der glaubt schlecht an den Geist, der ihn nur in einer schattenhaften Gestalt, die über dem Leben schwebt, erfassen will. Daher müssen Sie selbst immer mehr und mehr abkommen von der Abkehr vom Leben, müssen immer mehr und mehr suchen, das Leben wirklich zu verstehen, hinzuschauen auf das Leben; sonst wer­den immer wieder die gleichen Erscheinungen eintreten, von denen ich gesprochen habe. Die Beispiele können aber verhundert-, vertausend­facht werden. Eine Dame kornint zu mir und sagt: Es ist ein Mensch zu mir gekommen, dem ich Geld leihen soll, aber das ist ein Bierbrauer, der braut für dieses Geld Bier. Ich kann doch das nicht unterstützen, die Bierbrauerei! - Nun ja, das ist ganz schön, in diesem engen Kreis wollte die Dame nicht die Bierbrauerei unterstützen, weil sie abstinent war, und nicht nur für sich abstinent sein wollte, sondern auch für die Abstinenz Propaganda machen wollte. Ich mußte ihr antworten: Sie haben doch Geld auf der Bank, von dem Sie leben. Haben Sie eine Ahnung, wieviel Bierbrauereien die Bank mit Ihrem Gelde versorgt, haben Sie eine Ahnung, was da alles gemacht wird? Glauben Sie, daß das alles im Sinne der Idee ist, die Sie jetzt eben hinsichtlich der Summe, die Sie einem Bierbrauer leihen sollen, erfüllt? Aber sind Sie nicht eben­so dabei, wenn Ihr in der Bank deponiertes Geld in das Wirtschafts­leben übergeführt wird? - Glauben Sie denn wirklich, daß es dem Le­ben zugekehrt sein heißt, wenn man nichts weiter treibt, als im aller-engsten Kreise dieses Leben beurteilen, wenn man sich gar nicht dar­auf einläßt, die Weiten des Lebens ins Auge zu fassen?

Darauf aber kommt es an: Unsere Anthroposophische Gesellschaft ist kein Experimentierfeld, sondern sie soll ein Kern sein für alles Gute, das über die Menschheit kommen soll. Mit Bezug auf die soziale Frage handelt es sich vor allen Dingen darum, daß von ihr ausströme ein weiter Strom von Aufklärung über soziale Notwendigkeiten. Dann handeln Sie schon praktisch, lebenskundig, wenn Sie diese Dinge ver­breiten, aber Sie müssen sich wirklich auch bemühen, sie lebenskundig

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zu verbreiten, nicht im engen Sinne verbleiben. Ich hoffe, daß nicht einer von Ihnen auf die vertrackte Idee kommt, daß hier alte national­ökonomische Lehren tradiert werden, damit die Leute Nationalöko­nomie lernen. Um Gotteswillen nichts fachmännisch Nationalökono­misches heute hier hereintragen, denn das sind ja alles Ideen aus der allerältesten Rumpelkammer! Glauben Sie ja nicht, daß Sie national-ökonomisch oder volkswirtschaftlich denken lernen, wenn Sie heute die gangbaren Begriffe in schulmäßiger Weise, wie sie heute etwa an Universitäten gelehrt werden, in sich aufnehmen! Machen Sie ja keine Programme, die scheinbar das ins Praktische umsetzen, was von mir vorgetragen wird, die aber nichts weiter bedeuten, als die fürchterlich grinsenden, alten bürgerlichen Masken! Stellen wir uns auf den Boden der großen Forderungen unserer Zeit, betrachten wir das soziale Le­ben vor allen Dingen in diesen Forderungen unserer Zeit!

Es war mir ein Bedürfnis, dieses noch vor Ihnen auszusprechen, jetzt, wo wir vor einer Reise nach Deutschland stehen und mancherlei Aufgaben an mich herantreten werden; und trotzdem wir hoffen, daß unsere Abwesenheit diesmal weit weniger lang sein wird als sonst, so leben wir ja doch in einer Zeit, wo man eigentlich niemals Pläne und Projekte über längere Zeiten hinaus machen soll. Man kann nur sa­gen: Menschen, die sich so zusammengefunden haben, wie die Mitglie­der der Anthroposophischen Gesellschaft sich zusammengefunden ha­ben, bleiben zusammen, wo sie auch sind, die stehen mit festem Mut und innerlicher Kühnheit bei der Sache und lassen sich nicht beirren, was auch die furchtbaren Wogen in der Gegenwart bringen mögen; Leichtes werden sie zumeist nicht bringen; manches wird von uns er­fahren werden können, das die Frage in uns aufwerfen wird: wie sol­len die Dinge gerade bei uns weitergehen? Lassen Sie sich auch dadurch nicht beirren, tun Sie, was an Ihnen ist, um irgend etwas weiterzubrin-gen in der Welt, und Sie werden das Richtige tun.

Ich konnte diesmal eben nur so lange dableiben, bis dieses Buch fertiggestellt war; denn dieses Buch soll der Zeit dienen. Unsere Freunde werden es hier übernehmen, werden für die Verbreitung in der Schweiz sorgen, und ich hoffe, gerade bei dieser Arbeit auch recht bald wieder­um hier sein zu können, aus mancherlei Gründen. Zum Teil aus einem

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Grunde, der recht sehr mißverstanden wird, gerade hier in der Schweiz. Man kann schon von der einen oder anderen Seite her hören: Was will denn der Fremde gerade hier in der Schweiz? Er soll uns in Ruhe lassen! Unsere Demokratie besteht sechshundert Jahre, die ist gesund, sie ist gefeit gegen das, was da draußen unter den verruchten östlichen und mitteleuropäischen Völkern vorgeht. Ich habe nun die Überzeu­gung, daß heute das Beste getan werden könnte da, wo es aus freiem Willen noch geschehen könnte. Wenn heute solche sozialen Ideen, wie sie in meinem Buche verzeichnet sind, in Rußland aufblühen würden, so geschähe es, weil die äußerste Not dazu zwingt; und wenn die äu­ßerste Not dazu drängt - ebenso in Mitteleuropa, ebenso in Deutsch­land -, so ist der rechte Impuls nicht mehr da. Der rechte Impuls gerade für diese Ideen, die der Menschheit soziales Heil bringen wollen, wäre da, wo sie aus Freiheit heraus geschehen würden auf einem Boden, von dem man sagen kann: zu uns sind nicht die Bolschewisten gekommen, wir haben noch etwas von den alten Zuständen. Oh, wenn gerade auf diesem Boden hier, bevor auch hier den Leuten das Wasser in den Mund rinnt, Verständnis entwickelt würde dafür, aus freiem Willen heraus diese Ideen zu entwickeln, dann würde die Schweiz das Blüten-land Europas werden können; denn durch ihre geographische Lage ist sie dazu ausgerüstet! Sie ist ausgerüstet mit einer riesigen Mission, trotz ihrer Kleinheit. Aber diese Mission wird sie nur erfüllen können, wenn sie aus freiem Willen das vollbringt, was weder die Ost- und Mittel­staaten heute mehr aus freiem Willen vollbringen können - da hätten sie früher angreifen müssen -, und was die Weststaaten nicht tun wer­den, weil sie dazu nicht die genügende Anlage haben. Hier wären An­lagen, hier wäre geographische Voraussetzung, hier wäre alles vor­handen! Hier ist nur notwendig: der gute Wille zum freien mensch­lichen Entschluß. Dazu gehört eben gerade Aktivität des Denkens. Da­zu gehört Denkwille. Denkwille ist das, was der heutigen Menschheit am meisten fehlt. Denkwille entwickelt sich auch geographisch sehr gut unter denjenigen Menschen - gestern machte ich darauf aufmerk­sam: auf die Rassen geben die Seelen nicht mehr viel, sie gehen nach der geographischen Lage -, zu denen die Seelen deshalb kommen, weil sie in die Gebirge hinein wollen. Denkwille entwickelt sich nicht in

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solchen Gegenden, in denen man «Die drei Zigeuner» dichtet. Das ist ein sehr schönes Gedicht, aber es ist gedichtet in der Ebene. Heute braucht der Mensch nicht Ebenengesinnung, heute braucht der Mensch schon Gebirgsgesinnung. Deshalb könnte aus den schweizerischen Ber­gen vieles herauskommen, deshalb möchte man hier auch gewisse Grundlagen, einen Ausgangspunkt für etwas haben. Und deshalb scheint es mir wichtig, gerade hier nicht zu schweigen, sondern von den großen Bedürfnissen der Zeit zu reden, solange man kann. Und unsere Freunde hier in der Schweiz rufe ich besonders auf, die Forderung nach der Aufklärung zu verstehen, dafür zu sorgen, daß die Forderungen der Zeit in das Bewußtsein gerade der hiesigen Bewohner übergehen. Je mehr Schweizerköpfe und Schweizerherzen gerade für diese sozialen Ideen gewonnen werden, desto besser wird es für Europa und die Welt sein. Das sage ich insbesondere auch zu den Schweizern. Sie können ja, meine lieben Schweizer unter uns, das Fremde zu einem Schweizeri­schen machen, dann ist es ein Schweizerisches! Alle diese Unterschei­dungen haben ja doch nur einen ephemeren Wert.

Es war mir ein Bedürfnis, Ihnen dieses heute zu sagen, und ich hoffe, daß Sie mich gerade in bezug auf diese Dinge richtig verstanden haben. Ich hoffe, daß der Geist, der diesen Bau erfüllen und umhüllen soll, durch die Gesinnung unserer Mitglieder weiter erhalten bleibe und daß wir uns nach einiger Zeit hier wiederfinden, zusammengehalten durch diesen Geist, der von Anfang an so war, wie er sich jetzt ausleben soll, und der auch nicht anders werden kann; denn er hat von Anfang an das in sich verwirklichen wollen, was in den Forderungen unserer Zeit liegt.

Damit möchte ich für diesmal Abschied nehmen. Dieser Ort hier soll aber eine solche geistige Wichtigkeit haben, daß, wenn es einmal notwendig werden sollte und mir noch möglich wäre, auf einem ganz abgezehrten, halbtoten Gaul hierherzureiten, um zu arbeiten, ich mich auch nicht scheuen würde, auf einem abgezehrten, halbtoten Gaul hier­herzureiten. Es können aber an anderen Orten Aufgaben kommen, die meine Rückkehr verzögern. Trotz alledem aber auf ein Wieder­sehen in unserem Geiste, namentlich auch in dem Geiste, den ich heute noch bei diesem letzten Zusammensein ein wenig geschildert und Ihren Herzen dargestellt habe.

HINWEISE

#G190-1991-SE224 Vergangenheits- und Zukunftsimpulse im sozialen Geschehen

#TI

HINWEISE

#TX

Die in den Vorträgen genannten geschriebenen Werke von Rudolf Steiner sind alle innerhalb der Gesamtausgabe erschienen. Siehe die Gbersicht am Schluß des Ban­des. Der Vortrag vom 30. März 1919 erschien im Nachrichtenblatt «Was in der An­throposophischen Gesellschaft vorgeht» 9. Jahrg. 1932 Nr.21-24.

zu Seite

16 Lenin (Wiadimir Iljitsch Uljanow), 1870-1924.

Trotzkij (Leib Bronstein), 1879-1940.

17 Albert Schäffle, 1831-1903, Nationalökonom.

C. H. Meray. Verfasser des von R. Steiner am 22. September 1918 zitierten

Werkes «Weltmutation», Zürich 1918. Siehe «Die Polarität von Dauer und

Entwickelung im Menschenleben», Bibl.-Nr. 184, Gesamtausgabe Dornach 1968.

21 Menschheitsrepräsentant mit Luzifer und Ahriman: Es handelt sich um die in Holz geschnitzte sogenannte «Gruppe» im Goetheanum in Dornach.

24 meine soziale Schrift: »Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnot-wendigkeiten der Gegenwart und Zukunft», Bibl.-Nr. 23, Gesamtausgabe Dornach 1961.

27 Gustav von Loeper, 1822-1891, Goethe-Forscher.

32 Zürcher Vorträge: Vier öffentliche Vorträge zwischen dem 3. und 12. Februar

1919, Gesamtausgabe Bibl.-Nr. 328.

Schrift: Siehe Hinweis zu S.24. 38 Hermann Rollett, 1819-1904.

Buch über Goethe-Bildnisse: »Die Goethe-Bildnisse biographisch-kunstge­schichtlich dargestellt» (1883).

40 Wertheim: Seinerzeit Berliner Warenhaus am Leipziger Platz.

49 Aufruf: »An das deutsche Volk und an die Kulturwelt», abgedruckt in »Die Kernpunkte der sozialen Frage».

82 Adelungs Wdrterhuch: Grammatik.-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart, 1774-86.

90 wenn du Zucker issest... : vgl. zur Wirkung der Genußmittel Zucker, Tee, Kaffee usw. Rudolf Steiner, »Welche Bedeutung hat die okkulte Entwicke­lung des Menschen für seine Hüllen und sein Selbst?» Bibl.-Nr. 145, Gesamt­ausgabe Dornach 1957.

92 wir müssen zu Rechtsvorstellun gen vordringen : vgl. dazu »Die irdische Geistigkeit, der äußere Rechtsstaat und das Wirtschaftsleben», Berlin 8. Fe­bruar 1919 in »Der innere Aspekt des sozialen Rätsels» Bibl.-Nr. 193, Ge­samtausgabe Dornach 1968.

#SE190-225

98 Gruppe: Siehe Hinweis zu S. 21.

101 Gerhart Hauptmann, 1862-1946.

106 Der Allumfasser, Allerhalter . . . : »Faust» I. Teil, Marthens Garten.

107 Der Mensch kann, was er soll: Aus J. G. Fichte, »Beiträge zur Berichtigung der Urteile des Publikums über die französische Revolution», Erster Teil : Zur Beurteilung ihrer Rechtmäßigkeit, Heft 1-2 (anonym, ohne Druckort), 1793.

109 Sir Edward Grey, 1862-1933, britischer Außenminister 1905-1916.

Fürst Karl Max Lichnowsky, 1860-1928.

110 Sergej Dimitrijewitseh Sassonow, 1861-1927, russischer Außenminister 1910-1916.

117 Protokolle: Die sog. »Protokolle der Weisen von Zion», eine antisemitische Fälschung, tauchten zuerst 1912 in Rußland auf, wurden in viele Sprachen übersetzt und bis in die neueste Zeit herein immer wieder verbreitet, obwohl sie als Fälschungen längst nachgewiesen sind.

124 von wenigen bemerkt: Zu den wenigen gehörte Kurt Eisner, Journalist, wäh­rend einiger Monate bis zu seiner Ermordung im Februar 1919 bayrischer Ministerpräsident. Seine in Rudolf Steiners Bibliothek enthaltene Broschüre »Unterdrücktes aus dem Weltkrieg», München 1919, enthält auf S. 67ff. eine genaue Analyse der Äußerungen des Abgeordneten David.

126 Michael Bakunin 1814-1876.

Gott ist, also ist der Mensch frei: Aus Bakunin, »Gott und der Staat» zitiert nach Mereschkowski, »Der Anmarsch des Pöbels», München 1907, S. 19.

128 «Ich will ein kleines Buch schreiben», zitiert nach Mereschkowski a. a. 0., S. 49:

»In mir selhst ist etwas nicht in Ordnung», zitiert nach Mereschkowski a. a. 0.,

S. 63.

131 Friedrich Nietzsche, 1844-1900.

Arthur Schopenhauer, 1788-1860.

Ernst Haeckel, 1834-1919.

Ludwig Büchner, 1824-1899.

136 Das habe ich einmal dargestellt: Siehe »Mysterienwahrheiten und Weihnachts-impulse. Alte Mythen und ihre Bedeutung», 14. Vortrag, Bibl.-Nr. 180, Ge­samtausgabe Dornach 1966.

138 »Da loben sie den Faust»: Aus Zahme Xenien.

Friedrich Theodor Vischer über «Faust»: »Goethes . Neue Beiträge zur Kritik des Gedichts», Stuttgart 1895.

148 Fritz Mauthner: Philosophisches Wörterbuch, München 1910.

155 Nikolaus Cusanus, 1411-1464.

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157 neulich ein Kapitel Hegel: Vortrag vom 16. März 1919 in «Die soziale Frage als Bewußtseinsfrage», Dornach 1957, S. 134ff.

170 Weimarer Nationalversammlung: Konstituierende Versammlung der deutschen Republik in Weimar, die am 11. August 1919 die Weimarer Verfassung be­schloß.

Heinrich Friedjung, 1851-1920. Usterreich von 1814-1860, Bd. 1, 1.-3. Aufl. 1908.

in einem meiner gedruckten Vorträge: Vortrag vom 26. Dezember 1909 in »Die tieferen Geheimnisse des Menschheitswerdens im Lichte der Evangelien», Bibl.­Nr.117, Gesamtausgabe Dornach 1966, als Einzelausgabe erschienen in «Das Weihnachtsmysterium - Novalis der Seher und Christusverkünder».

Vortrag im Bernoullianum: in Basel am 9. April 1919: Soziales Wollen und proletarische Forderungen (nicht gedruckt).

175 in meinem Aufrufe: Siehe Hinweis zu S. 49.

176 Ernst von Wildenbruch: 1845-1909.

177 Herman Grimm, 1828-1901.

182 Macaulay über Friedrich den Großen: Friedrich der Große und Macaulay, in:

Fünfzehn Essays, 3. Aufl., Berlin 1884.

190 Rudolf ,von Ihering, «Der Zweck im Recht», 1877.

194 Ich habe einmal . . . verglichen: in «Der Goetheanismus, ein Umwandlungs­impuls und Auferstehungsgedanke», 26. Januar 1919, S. 179ff., Bibl.-Nr. 188, Gesamtausgabe Dornach 1967.

195 «Der Mensch ist, was er ißt>: Das Wort stammt von Ludwig Feuerbach (1804-1872). Vgl. Georg Büchmann «Geflügelte Worte«, Fischer Bücherei 1961, S. 110.

197 Ich sagte lhnen: »Die spirituellen Hintergründe der äußeren Welt. Der Sturz der Geister der Finsternis», Bibl.-Nr. 177, Gesamtausgabe Dornach 1968, S. 211.

203 Völkerbundskongreß in Bern: 7.-13. März 1919, vgl. dazu Rudolf Steiner:

Die wirklichen Grundlagen eines Völkerbunds, Bern, 11. März 1919 (Bern 1946).

209 drei Grundsätze: Bezieht sich auf die drei Grundsätze in der Theosophischen Gesellschaft, vgl. »Die Konstitution der Allgemeinen Anthroposophischen Ge­sellschaft», Bibl.-Nr. 260 a (37) Gesamtausgabe Dornach 1966, S. 706. 213 was man genötigt war, als soziale Krebskrankheit zu schildern: vgl. »Inneres Wesen des Menschen und Leben zwischen Tod und neuer Geburt», 6. Vortrag, Bibl.-Nr. 153, Gesamtausgabe Dornach 1959. 223 »Die drei Zigeuner»: Gedicht von Lenau.

Literatur

Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com.
Freie Werkausgaben gibt es auf steiner.wiki, bdn-steiner.ru, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
Die Rudolf Steiner Ausgaben basieren auf Klartextnachschriften, die dem gesprochenen Wort Rudolf Steiners so nah wie möglich kommen.
Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.