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Menschen in der Landwirtschaft - Jan Peter
Jan Peter gibt Einblicke in seinen "Februarkurs 2023" am Dottenfelderhof. Der Februarkurs ist Teil des Lehrplans der Azubis vom Ausbildungsformat "biodynamische-ausbildung.de".

Lichtwurzeln - ein Vortrag von Ralf Rößner
Was sind eigentlich Lichtwurzeln? Und was hat das mit Lichtäther zu tun? Hier findest du einen spannenden Beitrag von Ralf Rößner aus dem Jahr 2018

10 Fragen an den Gärtner Alberto
Es ist überraschend und berührend, wie authentisch und glaubwürdig Alberto seine biodynamische Arbeit mit anthroposophischen Gedanken verbunden hat

Biografie von Dr. Manfred Klett
Manfred Klett vom Dottenfelderhof ist eine herausragende Persönlichkeit im Bereich der biologisch-dynamischen Landwirtschaft. Hier bekommen wir Einblicke in seinen Lebensgang

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GA 104

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Vortragsreihe rund um die «Apokalypse des Johannes» von Wolfgang Peter

Jeden Dienstag live ab 19h. Die Vorträge sind frei zugänglich und können wenig später auch als Video, Audio und als transkripierter Text abgerufen werden.

Mehr Infos dazu auf auf anthro.world anthro.world
ansehen im RUDOLF STEINER VERLAG

RUDOLF STEINER

VORTRÄGE

VORTRÄGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT

Die Apokalypse des Johannes

Ein Zyklus von zwölf Vorträgen
mit einem einleitenden öffentlichen Vortrag
gehalten in Nürnberg
vom 17. bis 30. Juni 1908

GA 104

1985

Inhaltsverzeichnis


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Aus dem Geleitwort von Marie Steiner zur ersten Buchauflage von 1945

Als Pri­vat­druck in Ma­schi­nen­schrift ist die­ser in die Apo­ka­lyp­se ein­füh­r­en­de Vor­trags­zy­k­lus schon in zwei Aufla­gen er­schie­nen. Lan­ge Zeit ha­ben die Her­aus­ge­ber, trotz vie­ler Bit­ten, ge­zö­gert, ihn als Buch her­aus­zu­brin­gen, weil je­ne, die 1908 das ge­spro­che­ne Wort ge­hört ha­ben, in der Nach­schrift durch die Kür­zun­gen ge­stört wur­den, wel­che der Ste­no­graph nicht hat­te um­ge­hen kön­nen, wenn er bis zum Schluß durch­hal­ten soll­te. So wur­de et­was von der er­leb­ten Er­schüt­te­rung ver­mißt: das Zün­den­de des im geis­ti­gen Feu­er er­strah­len­den Wor­tes. Jetzt, nach vie­len Jah­ren, fällt das nicht mehr so stö­rend auf; es tre­ten die ge­wal­ti­gen In­hal­te in ih­rer ob­jek­ti­ven Grö­ße her­vor, und die Sch­licht­heit der Spra­che scheint dem Drän­gen der su­chen­den See­le ent­ge­gen­zu­kom­men, oh­ne der Be­deut­sam­keit des Stof­fes Ab­bruch zu tun. Wie­der­ho­lun­gen und er­läu­tern­de Zwi­schen­be­trach­tun­gen hel­fen dem Ver­ständ­nis wei­ter rei­chen gleich­sam dem Wan­de­rer, der die stei­len Höhen er­k­lim­men will, ei­ne geis­ti­ge Hand.

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Öffentlicher Vortrag, Nürnberg, 17. Juni 1908

Geis­tes­wis­sen­schaft, Evan­ge­li­um und Men­schen­heits­zu­kunft

Nürn­berg kann im Herbst die­ses Jah­res ei­ne sc­hö­ne Jahr­hun­dert­fei­er be­ge­hen. Denn es war im Herbst 1808, als die­se Stadt in ih­ren Mau­ern ei­nen der größ­ten deut­schen Geis­ter auf­ge­nom­men hat, ei­nen der­je­ni­gen deut­schen Geis­ter, von de­nen frei­lich heu­te nicht ge­ra­de viel ge­spro­chen wird, des­sen Wer­ke noch we­ni­ger ver­stan­den wer­den, der aber für die Zu­kunft des men­sch­li­chen Geis­tes­le­bens, wenn er einst ver­stan­den wer­den wird, sehr viel be­deu­ten wird. Er ist al­ler­dings schwer zu ver­ste­hen, und des­halb mag es ei­ni­ge Zeit dau­ern, bis die Men­schen ihn wie­der be­g­rei­fen wer­den. Im Herbst 1808 wur­de He­gel Di­rek­tor des Kö­n­ig­li­chen Gym­na­si­ums in Nürn­berg.

He­gel hat ei­nen Aus­spruch ge­tan, den wir vi­el­leicht ge­ra­de heu­te als ei­nen Richt­spruch an die Spit­ze un­se­rer Be­trach­tun­gen set­zen dür­fen. He­gel sag­te: Der tiefs­te Ge­dan­ke ist mit der Ge­stalt Chris­ti: mit dem Ge­schicht­li­chen und Äu­ßer­li­chen ve­r­ei­nigt, und das ist eben das Gro­ße der christ­li­chen Re­li­gi­on, daß sie bei al­ler die­ser Tie­fe leicht vom Be­wußt­sein in äu­ßer­li­cher Hin­sicht auf­zu­fas­sen ist und zu­g­leich zum tie­fe­ren Ein­drin­gen auf­for­dert. Sie ist so für je­de Stu­fe der Bil­dung und be­frie­digt zu­g­leich die höchs­ten An­for­de­run­gen. Das sind Wor­te He­gels, des deut­schen Phi­lo­so­phen.

Daß die christ­li­che Re­li­gi­on, daß die Ver­kün­di­gung des Evan­ge­li­ums für je­de Stu­fe des Be­wußt­seins be­g­reif­lich ist, das hat ei­ne Zeit ge­lehrt, die fast schon nach Jahr­tau­sen­den zu rech­nen ist. Daß sie auf­for­dert zu den tiefs­ten Ge­dan­ken, zu dem tiefs­ten Ein­drin­gen in die Weis­heits­leh­ren des Men­schen­tums über­haupt, das zu zei­gen wird ei­ne der Auf­ga­ben sein der an­thro­po­so­phi­schen Geis­tes­strö­mung, der Geis­tes­wis­sen­schaft, wenn die­se in ih­rem rich­ti­gen Sinn,

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in ih­ren in­ners­ten Im­pul­sen er­faßt und zum Herrn des men­sch­li­chen Le­bens ge­macht wer­den wird. Man wür­de die heu­ti­ge Be­trach­tung mißv­er­ste­hen, wenn man des Glau­bens wä­re, An­thro­po­so­phie oder Geis­tes­wis­sen­schaft sei in ir­gend­ei­ner Be­zie­hung ei­ne neue Re­li­gi­on, wol­le ir­gend­ein neu­es Re­li­gi­ons­be­kennt­nis an die Stel­le ei­nes al­ten set­zen. Man möch­te so­gar, um nur ja nicht mißv­er­stan­den zu wer­den, sa­gen: Wird ein­mal Geis­tes­wis­sen­schaft rich­tig ver­stan­den wer­den, dann wird man sich klar sein dar­über, daß sie als sol­che zwar die fes­tes­te, die si­chers­te Stüt­ze des re­li­giö­sen Le­bens ist, daß sie selbst aber kei­ne Re­li­gi­on ist, daß sie da­her auch kei­ner Re­li­gi­on je­mals als sol­cher wi­der­sp­re­chen wird. Et­was an­de­res ist es aber, daß sie das In­stru­ment sein kann, das Werk­zeug, um die tiefs­ten Wei­s­tü­mer und Wahr­hei­ten und die erns­tes­ten und le­bens­volls­ten Ge­heim­nis­se der Re­li­gio­nen zu er­klä­ren und zum Ver­ständ­nis zu brin­gen.

Es liegt vi­el­leicht et­was fern, wenn man, um das Ver­hält­nis von der An­thro­po­so­phie zu den Ur­kun­den die­ser oder je­ner Re­li­gi­on zu schil­dern und heu­te wer­den wir es mit den re­li­giö­sen Ur­kun­den des Chris­ten­tums zu tun ha­ben, den Ver­g­leich macht: An­thro­po­so­phie ver­hält sich zu den re­li­giö­sen Ur­kun­den wie die ma­the­ma­ti­sche Leh­re zu den Ur­kun­den, wel­che im Lau­fe der ge­schicht­li­chen Ent­wi­cke­lung der Mensch­heit als ma­the­ma­ti­sche Lehr­bücher oder Bücher über­haupt auf­ge­t­re­ten sind. Da ha­ben wir ein al­tes Buch, das ei­gent­lich nur der mit der Ma­the­ma­tik be­wan­der­te Ge­schichts­for­scher näh­er ins Au­ge faßt: die Geo­me­trie des Eu­k­lid. Sie ent­hält zum ers­ten­mal in ei­ner schul­mä­ß­i­gen Wei­se das­je­ni­ge aus der Ma­the­ma­tik und Geo­me­trie, was heu­te die Kin­der in der Schu­le schon ler­nen. Wie we­ni­ge aber die­ser Kin­der wer­den sich des­sen be­wußt, daß al­les das, was sie über paral­le­le Li­ni­en, über das Drei­eck, über die Win­kel und so wei­ter ler­nen, in je­nem al­ten Bu­che steht, daß es da zum ers­ten­mal der Mensch­heit ge­schenkt wor­den ist! Mit Recht er­weckt man im Kin­de das Be­wußt­sein, daß man die­se Din­ge aus sich selbst ein­se­hen kann, daß, wenn der men­sch­li­che Geist sei­ne Kräf­te in Be­we­gung setzt und sie an­wen­det auf die For­men des Rau­mes, daß er die­se For­men ein­zu­se­hen

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im­stan­de ist ganz oh­ne Rück­sicht auf je­nes al­te Buch. Ei­ner aber, der vi­el­leicht gar nichts ge­wußt hat von die­sem Buch und die ma­the­ma­ti­schen und geo­me­tri­schen Leh­ren in sich auf­ge­nom­men hat, er wird, wenn er es ein­mal ken­nen­lernt, es in dem rich­ti­gen Sin­ne wür­di­gen und ver­ste­hen. Er wird zu schät­zen wis­sen, was der­je­ni­ge der Mensch­heit ge­ge­ben hat, der die­ses Buch zum ers­ten­mal vor ih­ren Geist hin­ge­s­tellt hat.

So möch­te man das Ver­hält­nis der Geis­tes­wis­sen­schaft zu den re­li­giö­sen Ur­kun­den cha­rak­te­ri­sie­ren. Die Qu­el­len der Geis­tes­wis­sen­schaft sind so, daß die Geis­tes­wis­sen­schaft auf kei­ner­lei Ur­kun­den, auf kei­ner­lei Über­lie­fe­rung an­ge­wie­sen sein soll, wenn sie ih­rem rich­ti­gen Im­pul­se nach ver­stan­den wird. So wie uns das an­de­re Wis­sen der Mensch­heit die Er­kennt­nis der um­lie­gen­den Sin­nes­welt da­durch ver­schafft, daß der Mensch sei­ne Kräf­te frei ge­braucht, so ver­schaf­fen uns die tie­fer­lie­gen­den, zu­nächst in der Men­schen­see­le schlum­mern­den geis­ti­gen, über­sinn­li­chen Kräf­te und Fähig­kei­ten die Er­kennt­nis des­sen, was als Über­sinn­li­ches, als Un­sicht­ba­res al­lem Sicht­ba­ren zu­grun­de liegt. Eben­so wie der Mensch, wenn er sei­ne Sin­nes­werk­zeu­ge ge­braucht, im­stan­de ist, das, was sich dem äu­ße­ren Sin­nes­schei­ne dar­bie­tet, wahr­zu­neh­men, wie er im­stan­de ist, das Wahr­ge­nom­me­ne mit sei­nem Ver­stan­de zu ver­bin­den und zu ver­knüp­fen, eben­so ist der Mensch, wenn er die durch die Geis­tes­wis­sen­schaft ihm über­lie­fer­ten Me­tho­den ge­braucht, im­stan­de, hin­ter die Ku­lis­sen des sinn­li­chen Da­seins zu schau­en, dort­hin, wo die geis­ti­gen Ur­sa­chen lie­gen, wo die We­sen we­ben und ar­bei­ten, die das sinn­li­che Au­ge nicht sieht, die das sinn­li­che Ohr nicht hört, wohl aber das über­sinn­li­che. So liegt im frei­en Ge­brauch der men­sch­li­chen Kräf­te, wenn sie auch bei ei­nem gro­ßen Teil der heu­ti­gen Mensch­heit als über­sinn­li­che Kräf­te noch schlum­mern, die Qu­el­le, die un­ab­hän­gi­ge freie Qu­el­le geis­ti­gen Wis­sens, wie im frei­en Ge­brauch der auf die Sin­nes­welt ge­rich­te­ten Kräf­te die Qu­el­le des äu­ße­ren Wis­sens liegt. Dann aber, wenn auf ir­gend­ei­ne Wei­se der Mensch sich in den Be­sitz der Er­kennt­nis­se ge­setzt hat, wel­che ihn ein­füh­ren in das Über­sinn­li­che hin­ter dem Sinn­li­chen, in das Un­sicht­ba­re hin­ter dem Sicht­ba­ren, wenn er sich da­von ein

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eben­sol­ches Wis­sen er­wirbt, wie es das sinn­li­che Wis­sen von den äu­ße­ren Ge­gen­stän­den und Ge­scheh­nis­sen ist, dann mag er, aus­ge­rüs­tet mit die­sem über­sinn­li­chen Wis­sen, eben­so an die Über­lie­fe­rung ge­hen, an die Bücher und Do­ku­men­te, an die Ur­kun­den, durch die im Lau­fe der Ent­wi­cke­lung Kun­de zu den Men­schen ge­kom­men ist über das über­sinn­li­che Ge­biet, wie der Geo­me­ter her­an­tritt an die Geo­me­trie des Eu­k­lid. Und dann prüft er sie von ei­nem ähn­li­chen Stand­punkt aus, wie der heu­ti­ge Geo­me­ter die Geo­me­trie des Eu­k­lid prüft. Dann kann er die­se Ur­kun­den ih­rem wah­ren Wert nach schät­zen und an­er­ken­nen. Und der­je­ni­ge, der die­sen Weg geht, der wir­k­lich aus­ge­rüs­tet mit den Er­kennt­nis­sen der über­sinn­li­chen Welt her­an­tritt an die Ur­kun­den der christ­li­chen Ver­kün­di­gung, für den ver­lie­ren die­se Ur­kun­den wahr­haf­tig nicht an Wert. Ja, im Ge­gen­teil, sie er­schei­nen in höhe­rem Glanz, als sie erst dem bloß gläu­bi­gen Ge­müt er­schie­nen sind. Sie zei­gen, daß sie tie­fe­re Wei­s­tü­mer ent­hal­ten, als der Mensch früh­er vor der an­thro­po­so­phi­schen Er­kennt­nis ge­ahnt hat.

Aber noch über ei­ne Fra­ge müs­sen wir uns klar wer­den, da­mit wir die rich­ti­ge Stel­lung ge­win­nen ge­gen­über dem Ver­hält­nis der An­thro­po­so­phie zu den re­li­giö­sen Ur­kun­den. Fra­gen wir uns ein­mal: Wer ist der bes­se­re Be­trach­ter der Geo­me­trie des Eu­k­lid, der­je­ni­ge, der die Wor­te des Bu­ches wört­lich über­set­zen kann und, oh­ne erst ein­ge­drun­gen zu sein in den Geist der Geo­me­trie, den In­halt des Bu­ches ent­hül­len will, oder der­je­ni­ge, wel­cher erst Geo­me­trie ver­steht und da­her auch die Geo­me­trie in je­nem Buch zu fin­den weiß? Den­ken wir uns ei­nen blo­ßen Phi­lo­lo­gen ge­gen­über dem Geo­me­trie­buch des Eu­k­lid, ei­nen, der nichts ver­stün­de von Geo­me­trie: wie­viel Un­rich­ti­ges wür­de da her­aus­kom­men, wenn er den Sinn des Bu­ches ent­hül­len woll­te! So ha­ben es vie­le mit den re­li­giö­sen Ur­kun­den ge­macht, selbst sol­che, die be­ru­fen sein soll­ten, den wah­ren Sinn der­sel­ben zu er­grün­den. Sie sind an die­se Ur­kun­den her­an­ge­gan­gen, oh­ne daß sie erst, un­ab­hän­gig von ih­nen, et­was wuß­ten von dem, was über das Über­sinn­li­che zu er­grün­den ist. So ha­ben wir heu­te recht sorg­fäl­ti­ge Er­klär­un­gen der re­li­giö­sen Ur­kun­den, Er­klär­un­gen, die al­les zu­sam­men­tra­gen aus

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der Zeit­ge­schich­te her­aus, wie die­se Ur­kun­den zum Bei­spiel ent­stan­den sind, aber die Er­klär­un­gen neh­men sich eben­so aus wie die Er­klär­un­gen der Geo­me­trie des Eu­k­lid durch ei­nen Nicht­geo­me­ter.

Er­kennt­nis der Re­li­gi­on das wol­len wir fest­hal­ten ist et­was, was man nur ge­win­nen kann, wenn man es mit Hil­fe der auf geis­tes­wis­sen­schaft­li­chem We­ge ge­won­ne­nen Er­kennt­nis­se be­trach­tet, ob­wohl An­thro­po­so­phie nur ein Werk­zeug des re­li­giö­sen Le­bens sein kann, nie­mals ei­ne Re­li­gi­on sel­ber. Re­li­gi­on wird cha­rak­te­ri­siert am bes­ten durch den In­halt des men­sch­li­chen Her­zens, des men­sch­li­chen Ge­mü­tes, je­ner Sum­me von Emp­fin­dun­gen und Ge­füh­len, durch die der Mensch hin­auf­schickt das Bes­te, was er an Emp­fäng­lich­keit in sei­ner See­le hat, zu den über­sinn­li­chen We­sen­hei­ten und Kräf­ten. Von dem Feu­er die­ses Ge­müts­in­hal­tes, von der Stär­ke die­ser Emp­fin­dun­gen, von der Art die­ser Ge­füh­le hängt der Cha­rak­ter der Re­li­gi­on ei­nes Men­schen ab, so wie von dem war­men Puls­schlag in un­se­rer Brust, von dem Ge­füh­le für Sc­hön­heit es ab­hängt, wie der Mensch ei­nem Bil­de ge­gen­über­tritt. Der In­halt des re­li­giö­sen Le­bens ist ge­wiß das, was wir die geis­ti­ge, die über­sinn­li­che Welt nen­nen. Aber eben­so­we­nig wie äst­he­tisch-künst­le­ri­sches Emp­fin­den das­sel­be ist wie das, was wir nen­nen geis­ti­ges Er­fas­sen der in­ne­ren künst­le­ri­schen Ge­set­ze ob­wohl das geis­ti­ge Er­fas­sen der­sel­ben das Kunst­ver­ständ­nis er­höhen wird , eben­so­we­nig ist je­ne Weis­heit, je­ne Wis­sen­schaft, wel­che in die geis­ti­gen Wel­ten ein­führt, und Re­li­gi­on sel­ber das glei­che. Die­se Wis­sen­schaft wird das re­li­giö­se Emp­fin­den, das re­li­giö­se Füh­len erns­ter, wür­di­ger, grö­ß­er, um­fang­rei­cher ma­chen, aber sel­ber Re­li­gi­on will sie nicht sein, wenn sie im rich­ti­gen Sin­ne ver­stan­den wird, ob­wohl sie zur Re­li­gi­on füh­ren mag.

Wenn wir nun­mehr von die­sem geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Stand­punkt die Kraft und Be­deu­tung, den Sinn und den Geist der christ­li­chen Re­li­gi­ons­ver­kün­di­gung ver­ste­hen wol­len, dann müs­sen wir weit im geis­ti­gen Le­ben aus­g­rei­fen. Wir müs­sen den Blick wer­fen in Zei­ten ur­fer­ner Ver­gan­gen­heit, mit an­de­ren Wor­ten, wir müs­sen zu­rück­g­rei­fen bis in die vor­re­li­giö­se Zeit der Mensch­heit, wir müs­sen

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ver­su­chen, die Ent­ste­hung der Re­li­gi­on ins Au­ge zu fas­sen. Gibt es ei­ne vor­re­li­giö­se Zeit der Mensch­heit? Ja, es war ein­mal ei­ne Zeit auf der Er­de, in der es kei­ne Re­li­gi­on ge­ge­ben hat. Auch die Geis­tes­wis­sen­schaft muß ei­ne sol­che Fra­ge be­ja­hen, ob­wohl in ei­nem ganz an­de­ren Sin­ne, als die ma­te­ria­lis­ti­sche Kul­tur­weis­heit es tut. Was be­deu­tet die Re­li­gi­on für die Mensch­heit? Re­li­gi­on war und wird noch lan­ge für die Mensch­heit das sein, was schon ihr Wort aus­drückt. Das Wort Re­li­gi­on be­deu­tet: Ver­bin­dung des Men­schen mit sei­nem Gött­li­chen, mit der geis­ti­gen Welt. Und im we­sent­li­chen sind die re­li­giö­sen Zei­ten sol­che, in de­nen der Mensch sich nach der Ve­r­ei­ni­gung mit dem Gött­li­chen sehn­te, sei es aus den Qu­el­len ei­nes Wis­sens oder aus ei­ner ge­wis­sen Emp­fin­dung her­aus, oder des­halb, weil er fühl­te, daß sein Wil­le nur stark sein kann, wenn er von gött­li­cher Kraft durch­strömt ist. Sol­che Zei­ten, in de­nen der Mensch so­zu­sa­gen mehr in sich ahn­te, als daß er et­was Äu­ße­res wuß­te, in de­nen er die über­sinn­li­che Welt mehr ahn­te, denn daß er sie ge­schaut, daß er sie um sich ge­habt hät­te, das sind die re­li­giö­sen Zei­ten un­se­rer Er­de. Und vor die­sen Zei­ten gab es an­de­re Zei­ten, wo der Mensch ein solch ah­nen­des, lech­zen­des Ver­bin­den mit der geis­tig-über­sinn­li­chen Welt nicht brauch­te, des­halb nicht brauch­te, weil er von die­ser über­sinn­li­chen Welt, von die­ser geis­ti­gen Welt wuß­te, wie der Mensch der Ge­gen­wart weiß von den sinn­li­chen Din­gen. Braucht der Mensch über­zeugt zu wer­den, daß es Stei­ne, Bäu­me, Tie­re gibt? Braucht er ir­gend­ei­ne Ur­kun­de, ei­ne Leh­re dar­über, die ihm be­zeugt oder ihn ah­nen läßt, daß es Stei­ne, Pflan­zen, Tie­re gibt? Nein, denn er sieht sie, er er­schaut sie um sich her­um, und des­halb braucht er ei­ne sol­che Re­li­gi­on des Sinn­li­chen nicht. Den­ken wir uns ei­nen Men­schen, der in ganz an­de­ren Wel­ten leb­te, mit ganz an­de­ren Sin­ne­s­or­ga­nen, Er­kennt­ni­s­or­ga­nen aus­ge­rüs­tet, der nicht die Stei­ne, Pflan­zen, Tie­re se­hen wür­de, weil sie un­sicht­bar wä­ren für ihn, den­ken wir uns ei­nen sol­chen Men­schen, dem durch Schrif­ten oder sonst­wie die Kun­de ge­ge­ben wür­de von Stei­nen, Pflan­zen, Tie­ren: Was wä­re das­je­ni­ge, was für Sie An­schau­ung, Er­fah­rung, un­mit­tel­ba­res Wis­sen ist, was wä­re das für ihn? Re­li­gi­on wä­re es für die­sen Men­schen. Wenn

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ir­gend­wo in ei­nem Bu­che ste­hen wür­de, es gibt Stei­ne, Pflan­zen, Tie­re, dann wä­re das für die­sen Men­schen Re­li­gi­on, denn er hat es nie­mals ge­se­hen.

Es gab für den Men­schen ei­ne Zeit, wo er in­mit­ten der­je­ni­gen geis­ti­gen We­sen­hei­ten und Tat­sa­chen schon ge­lebt hat, von de­nen ihm heu­te die Re­li­gio­nen und die Weis­heits­leh­ren Kun­de tun.

Das Wort Ent­wi­cke­lung ist heu­te auf vie­len Ge­bie­ten der Wel­t­an­schau­ung ein Zau­ber­wort ge­wor­den, aber es wird von der äu­ße­ren Wis­sen­schaft doch nur an­ge­wen­det auf äu­ße­re, sinn­li­che Tat­sa­chen. Für den­je­ni­gen, der geis­tes­wis­sen­schaft­lich die Welt be­trach­tet, für den ist al­les, al­les in Ent­wi­cke­lung, vor al­len Din­gen das men­sch­li­che Be­wußt­sein. Der Zu­stand des men­sch­li­chen Be­wußt­seins, in dem Sie heu­te le­ben, durch den Sie, wenn Sie des Mor­gens auf­wa­chen, ver­mö­ge Ih­rer Sin­ne­s­or­ga­ne die Sin­nen­welt se­hen und be­g­rei­fen, die­ser Zu­stand des Be­wußt­seins hat sich aus ei­nem an­de­ren ent­wi­ckelt. In der Geis­tes­wis­sen­schaft nen­nen wir die­sen Be­wußt­s­eins­zu­stand das so­ge­nann­te hel­le Ta­ges­be­wußt­sein. Aber die­ses hel­le Ta­ges­be­wußt­sein hat sich her­aus­ent­wi­ckelt aus ei­nem ural­ten an­de­ren Be­wußt­sein, das wir das däm­mer­haf­te Bil­der­be­wußt­sein der Mensch­heit nen­nen. Da kom­men wir al­ler­dings auf frühe Ent­wi­cke­lungs­zu­stän­de der Mensch­heit zu­rück, von de­nen ei­ne äu­ße­re An­thro­po­lo­gie nichts mel­det, aus dem Grun­de nicht, weil sie sich nur der sinn­li­chen In­stru­men­te und der Me­tho­den des Ver­stan­des be­di­ent. Sie glaubt, daß der Mensch Zu­stän­de durch­ge­macht ha­be in ur­fer­ner Ver­gan­gen­heit, die ei­gent­lich die­sel­ben sind, wie sie heu­te un­se­re tie­ri­schen We­sen durch­ma­chen.

In frühe­ren Vor­trä­gen wur­de schon dar­auf hin­ge­wie­sen, wie wir uns geis­tes­wis­sen­schaft­lich das Ver­hält­nis des Men­schen zu den tie­ri­schen We­sen zu den­ken ha­ben. Nie­mals war der Mensch ein sol­ches We­sen wie das heu­ti­ge Tier es ist. Er stammt nicht von We­sen­hei­ten ab, die so wa­ren wie die heu­ti­gen Tie­re. Die Ent­wi­cke­lungs­for­men, aus de­nen sich der Mensch her­aus­ge­bil­det hat, die wür­den, wenn wir sie schil­dern woll­ten, sich sehr un­ähn­lich den heu­ti­gen Tie­ren er­wei­sen. Die heu­ti­gen Tie­re sind gleich­sam auf frühe­ren Ent­wi­cke­lungs­stu­fen zu­rück­ge­b­lie­be­ne We­sen­hei­ten, die die­se

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frühe­ren Ent­wi­cke­lungs­stu­fen kon­ser­viert und sie in die Ver­här­tung ge­bracht ha­ben. Der Mensch ist über sei­ne frühe­ren Ent­wi­cke­lungs­stu­fen hin­aus­ge­wach­sen, die Tie­re sind dar­un­ter her­un­ter­ge­wach­sen. So se­hen wir in der Tier­welt et­was wie zu­rück­ge­b­lie­be­ne Brü­der der Mensch­heit, die aber nicht mehr die Form die­ser frühe­ren Ent­wi­cke­lungs­stu­fen tra­gen. Die frühe­ren Ent­wi­cke­lungs­stu­fen ver­lie­fen in ei­ner Zeit, wo die Er­de an­de­re Le­bens­be­din­gun­gen hat­te, in der noch nicht die Ele­men­te so ver­teilt wa­ren wie heu­te, wo nicht der Mensch mit ei­nem sol­chen Kör­per be­haf­tet war wie heu­te und doch Mensch war. Er hat war­ten kön­nen, bild­lich ge­spro­chen, inn­er­halb des Ent­wi­cke­lungs­gan­ges mit sei­nem He­r­ein­s­tei­gen in das Fleisch, hat war­ten kön­nen bis zu der Zeit, wo die­se flei­sch­li­che Ma­te­ria­li­tät so hat wer­den kön­nen, daß er die Kraft des heu­ti­gen Geis­tes ent­wi­ckeln konn­te. Die Tie­re ha­ben nicht war­ten kön­nen, sie sind auf frühe­rer Stu­fe ver­här­tet wor­den, ha­ben früh­er Fleisch an­ge­nom­men, als es am Plat­ze war. Da­her muß­ten sie zu­rück­b­lei­ben. So wer­den wir uns vor­s­tel­len kön­nen, daß der Mensch un­ter an­de­ren Be­din­gun­gen und in an­de­ren Be­wußt­s­eins­for­men ge­lebt hat als heu­te. Wenn wir die­se Be­wußt­s­eins­for­men Tau­sen­de und Tau­sen­de von Jah­ren zu­rück­ver­fol­gen, wer­den wir im­mer an­de­re fin­den. Was wir heu­te lo­gi­sches Den­ken nen­nen, In­tel­lekt und Ver­stand, das hat sich erst spä­ter in der Mensch­heit ent­wi­ckelt. Viel stär­ker wa­ren Kräf­te der Men­schen, die heu­te schon im Ab­neh­men be­grif­fen sind, zum Bei­spiel das Ge­dächt­nis. Das war in ei­ner frühe­ren Zeit un­ge­heu­er viel mehr ent­wi­ckelt als heu­te. Durch die zu­neh­men­de Ver­stan­des­kul­tur der Mensch­heit ist das Ge­dächt­nis we­sent­lich in den Hin­ter­grund ge­t­re­ten.

Wer mit ei­ni­ger­ma­ßen se­hen­den prak­ti­schen Au­gen in die Welt blickt, kann heu­te noch er­ken­nen, daß das­je­ni­ge, was so aus der Geis­tes­wis­sen­schaft her­aus ge­sagt wird, nicht in der Luft schwebt. Man könn­te sa­gen: Wenn das wahr ist, dann müß­ten die heu­ti­gen Men­schen, die durch ir­gend­ei­nen Zu­fall zu­rück­ge­b­lie­ben sind, zei­gen, daß sie ge­ra­de im Ge­dächt­nis am we­nigs­ten zu­rück­ge­b­lie­ben sind. Sie müß­ten auch zei­gen, daß, wenn man bei künst­lich zu­rück­ge­hal­te­nen Men­schen sich be­müht, ih­nen In­tel­lek­tua­li­tät bei­zu­brin­gen,

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das Ge­dächt­nis dar­un­ter lei­det. Hier in die­ser Stadt konn­te man ei­nen cha­rak­te­ris­ti­schen Fall die­ser Art be­trach­ten.

Der nicht hoch ge­nug zu schät­zen­de Pro­fes­sor Dau­merhat die­sen Fall gut be­o­b­ach­tet an je­nem für vie­le so rät­sel­haf­ten Men­schen, der ein­mal auf ge­heim­nis­vol­le Wei­se in die­se Stadt hier he­r­e­in­ver­setzt wor­den ist, und der auf eben­so ge­heim­nis­vol­le Wei­se in Ans­bach den Tod ge­fun­den hat; der­sel­be, von dem ein Schrift­s­tel­ler sagt, um das Ge­heim­nis­vol­le sei­nes Le­bens an­zu­deu­ten, daß, als man ihn hin­aus­ge­tra­gen hat, ein Tag war, wo an der ei­nen Sei­te am Ran­de des Him­mels die Son­ne un­ter­ging und auf der ent­ge­gen­ge­setz­ten Sei­te der Mond auf­s­tieg. Sie wis­sen, daß ich von Ka­s­par Hau­ser re­de. Wenn Sie ab­se­hen von al­lem Pro und Kon­t­ra, das in be­zug auf die­sen Fall gel­tend ge­macht wor­den ist, wenn Sie nur auf das se­hen, was un­ter al­len Um­stän­den be­legt ist, so wer­den Sie wis­sen, daß die­ser Find­ling, der ein­fach ein­mal da war auf der Stra­ße, der, weil man nicht wuß­te, wo­her er ge­kom­men war, das Kind Eu­ro­pas ge­nannt wor­den ist, daß er nicht le­sen, nicht rech­nen konn­te, als man ihn fand. Er hat­te in ei­nem Al­ter von zwan­zig Jah­ren nichts von dem, was durch den In­tel­lekt er­wor­ben wird, aber merk­wür­di­ger­wei­se hat­te er ein wun­der­ba­res Ge­dächt­nis. Als man an­fing ihn zu un­ter­rich­ten, als die Lo­gik in sei­ne See­le trat, schwand das Ge­dächt­nis. Die­ser Über­gang im Be­wußt­sein war auch noch mit et­was an­de­rem ver­bun­den. Ei­ne un­be­g­reif­li­che, ge­ra­de­zu ein­ge­bo­re­ne Wahr­haf­tig­keit war ur­sprüng­lich in ihm, und ge­ra­de an die­ser Wahr­haf­tig­keit wur­de er im­mer mehr und mehr ir­re. Je mehr er an der In­tel­lek­tua­li­tät na­schen durf­te, des­to mehr schwand sie da­hin.

Wir könn­ten man­ches stu­die­ren, wenn wir in die­se See­le uns ver­tief­ten, die künst­lich zu­rück­ge­hal­ten wor­den war. Und gar nicht so un­be­grün­det ist für den­je­ni­gen, der auf dem Bo­den der Geis­tes­wis­sen­schaft steht, die Volkstra­di­ti­on, die die ge­lehr­ten Leu­te von heu­te nicht glau­ben und die da be­rich­tet, daß Ka­s­par Hau­ser, als er noch gar nichts wuß­te, noch gar kei­ne Ah­nung da­von hat­te, daß es We­sen au­ßer ihm von ver­schie­de­ner Ge­stalt ge­be, daß er da ei­ne merk­wür­di­ge Wir­kung aus­üb­te, wenn er mit ganz wü­ten­den

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Tie­ren zu­sam­men­ge­bracht wur­de. Die wil­den Tie­re duck­ten sich und wur­den ganz sanft­mü­tig. Es ström­te von ihm et­was aus, was be­wirk­te, daß solch ein Tier, das je­den an­de­ren zor­nig an­fiel, sanft wur­de. Wie ge­sagt, wir könn­ten, weil sich solch ein Fall dar­bie­tet, der aus der Geis­tes­wis­sen­schaft her­aus ver­stan­den wer­den kann, tief in die See­le die­ser merk­wür­di­gen und für vie­le so rät­sel­haf­ten Per­sön­lich­keit ein­drin­gen, und es wür­de sich Ih­nen ein Fall vor­ma­len, aus dem Sie se­hen könn­ten, daß al­les das, was aus dem ge­wöhn­li­chen Le­ben nicht zu er­klä­ren ist, durch die Geis­tes­wis­sen­schaft zu­rück­ge­führt wird auf geis­ti­ge Tat­sa­chen. Frei­lich kön­nen sol­che geis­ti­gen Tat­sa­chen nicht durch Spe­ku­la­ti­on, son­dern nur durch geis­ti­ge Be­o­b­ach­tung ge­won­nen wer­den, aber ver­ständ­lich sind sie für das all­sei­tig um­fas­sen­de und lo­gi­sche Den­ken.

Das al­les soll­te nur ge­sagt sein, um Ih­nen zu zei­gen, wie Sie den Weg fin­den kön­nen zu dem Ge­dan­ken, daß sich der heu­ti­ge Be­wußt­s­eins­zu­stand her­aus­ent­wi­ckelt hat aus ei­nem ural­ten an­de­ren Be­wußt­s­eins­zu­stand, in dem der Mensch nicht in ei­ner un­mit­tel­ba­ren Be­rüh­rung mit den Sin­nes­ge­gen­stän­den im heu­ti­gen Sin­ne stand, da­für aber mit den geis­ti­gen Tat­sa­chen und We­sen in Be­zie­hung war. Da sah der Mensch nicht die phy­si­sche Ge­stalt des an­de­ren, die es ja auch in der heu­ti­gen Form da­mals noch gar nicht ge­ge­ben hat. Wenn sich ihm ei­ne an­de­re We­sen­heit näh­er­te, stieg in sei­ner See­le et­was wie ein Traum­bild auf. Je nach­dem, wie es ge­stal­tet und ge­färbt war, zeig­te es ihm an, ob die We­sen­heit ihm sym­pa­thisch oder an­ti­pa­thisch ge­sinnt war. Ein sol­ches Be­wußt­sein nahm die geis­ti­gen Tat­sa­chen und da­durch die geis­ti­ge Welt über­haupt wahr. So wie der Mensch heu­te mit flei­sch­li­chen We­sen zu­sam­men ist, so leb­te er in je­ner Zeit, wenn er den Blick auf sich sel­ber rich­te­te und sich selbst See­le und Geist war, un­ter geis­ti­gen We­sen­hei­ten. Sie wa­ren vor­han­den für ihn. Er war ein Geist un­ter Geis­tern. Wenn er auch nur ei­ne Art Traum­be­wußt­sein hat­te, so wa­ren doch die Bil­der, die in ihm auf­s­tie­gen, in ei­nem le­ben­di­gen Ver­hält­nis zu sei­ner Um­ge­bung. Das war die al­te Zeit, in wel­cher der Mensch noch in ei­ner geis­ti­gen Welt leb­te, aus der er spä­ter her­un­ter­ge­s­tie­gen ist, um sich ei­ne sinn­li­che Flei­sch­lich­keit zu

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schaf­fen für das für ihn pas­sen­de heu­ti­ge Be­wußt­sein. Die Tie­re wa­ren schon da als phy­si­sche We­sen­hei­ten, als der Mensch noch in geis­ti­gen Re­gio­nen wahr­nahm. Der Mensch leb­te da­zu­mal un­ter geis­ti­gen We­sen, und eben­so­we­nig wie Sie ei­nes Be­wei­ses be­dür­fen, um über­zeugt zu sein vom Da­sein des Stei­nes, der Pflan­zen, der Tie­re, eben­so­we­nig brauch­te der Mensch in die­ser Ur­zeit ein ir­gend­wie ge­ar­te­tes Zeug­nis, um von geis­ti­gen We­sen über­zeugt zu sein. Er leb­te un­ter Geis­tern und Göt­tern, des­halb brauch­te er kei­ne Re­li­gi­on. Das war die vor­re­li­giö­se Zeit.

Dann ist der Mensch her­un­ter­ge­s­tie­gen, die frühe­re Be­wußt­s­eins­form hat sich in die heu­ti­ge ver­wan­delt. Der Mensch sieht nicht mehr im Rau­me schwe­ben­de Far­ben und For­men, son­dern die Far­ben sind über die Ober­flächen der sinn­li­chen Din­ge hin­ge­legt. In dem­sel­ben Ma­ße, wie der Mensch lern­te, sei­ne äu­ße­ren Sin­ne auf die äu­ße­re Sin­nes­welt zu rich­ten, in dem­sel­ben Ma­ße zog sich die­se äu­ße­re Sin­nes­welt wie ein Sch­lei­er, wie die gro­ße Ma­ja hin über die geis­ti­ge Welt, und der Mensch muß­te durch die­se Hül­le hin­durch Kun­de er­hal­ten von der geis­ti­gen Welt. Re­li­gi­on wur­de not­wen­dig.

Es gibt aber auch ei­nen Zu­stand zwi­schen der Zeit, die dem re­li­giö­sen Be­wußt­sein vor­an­geht, und der des ei­gent­li­chen re­li­giö­sen Be­wußt­seins; es gibt ei­nen sol­chen Zwi­schen­zu­stand. Aus ihm her­aus stam­men die My­tho­lo­gi­en, die Sa­gen, die Ge­schich­ten der Völ­ker von den geis­ti­gen Wel­ten. Es ist ei­ne Ge­lehr­sam­keit vom grü­nen Tisch, die nichts von den wir­k­li­chen geis­ti­gen Vor­gän­gen ahnt, die da be­haup­tet, die Ge­stal­ten der nor­di­schen oder deut­schen My­tho­lo­gie, der grie­chi­schen My­tho­lo­gie, al­le die Ur­kun­den von den Göt­tern und Göt­ter­ta­ten sei­en Er­dich­tun­gen der Volks­phan­ta­sie. Das sind nicht Er­dich­tun­gen der Volks­phan­ta­sie. Das Volk dich­tet nicht so, daß es sagt, wenn man ein­zel­ne Wol­ken hin­st­rei­chen sieht, das sei­en Schäf­chen. Daß das Volk so dich­te, ist ei­ne Dich­tung un­se­rer heu­ti­gen Ge­lehr­sam­keit, die voll leb­haf­ter Phan­ta­sie in sol­chen Din­gen ist. Die Wahr­heit ist ei­ne ganz an­de­re. Al­les, was in den al­ten Göt­ter­sa­gen und Ge­schich­ten ent­hal­ten ist, sind die letz­ten Über­b­leib­sel, die letz­ten Er­in­ne­run­gen aus dem vor-

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re­li­giö­sen Be­wußt­sein. Kun­de ist den Men­schen ge­b­lie­ben von dem, was sie selbst ge­se­hen ha­ben. Die­se Men­schen, die Wo­tan, Thor, Zeus und so wei­ter be­sch­rei­ben, sie ha­ben es des­halb ge­tan, weil in ih­nen ei­ne Er­in­ne­rung da­ran vor­han­den war, daß man sol­ches ein­mal er­lebt hat­te. Bro­cken, zum Teil ab­ge­ris­se­ne Stü­cke von dem, was man einst er­lebt hat­te, das sind die My­tho­lo­gi­en.

Noch in an­de­rer Be­zie­hung war der Zwi­schen­zu­stand vor­han­den. Auch in der Zeit, als die ge­schei­ten Men­schen, sa­gen wir ein­mal, schon sehr ge­scheit wa­ren, da gab es noch im­mer sol­che, die we­nigs­tens in Aus­nah­me­zu­stän­den nen­nen Sie sie Ent­rückt­heit oder auch Ver­rückt­heit, wie Sie wol­len hin­ein­schau­en konn­ten in die geis­ti­gen Wel­ten, die noch wahr­neh­men konn­ten, was früh­er die Men­schen in ih­rer Mehr­heit sa­hen. Die er­zähl­ten, daß sie selbst noch et­was ge­se­hen ha­ben von der geis­ti­gen Welt. Das ver­band sich so mit den Er­in­ne­run­gen, daß ein le­ben­di­ger Glau­be leb­te in den Völ­kern. Das war ein Über­gangs­zu­stand zu dem ei­gent­lich re­li­giö­sen Zu­stand.

Und wie wur­de der ei­gent­lich re­li­giö­se Zu­stand an­ge­bahnt in der Mensch­heit? Da­durch, daß der Mensch die Mit­tel und We­ge fand, sein In­ne­res so zu ent­wi­ckeln, daß er die Wel­ten, aus de­nen er her­aus­ge­wach­sen ist, die er im dump­fen Be­wußt­sein einst­mals ge­se­hen hat­te, wie­der­um se­hen, wie­der­um schau­en kann. Da kom­men wir auf ein Ka­pi­tel, das für man­chen mo­der­nen Men­schen recht we­nig Wahr­schein­li­ches ent­hält, zu dem Ka­pi­tel von den Ein­ge­weih­ten. Was sind Ein­ge­weih­te der Mensch­heit? Ein­ge­weih­te wa­ren die­je­ni­gen Men­schen, wel­che ihr ei­ge­nes see­li­sches und geis­ti­ges In­ne­re so ent­fal­te­ten durch ge­wis­se Me­tho­den, daß sie wie­der hin­ein­wuch­sen in die geis­ti­ge Welt. Ein­wei­hung gibt es! Es schlum­mern in je­der See­le über­sinn­li­che Kräf­te und Fähig­kei­ten. Es gibt oder kann we­nigs­tens ge­ben für je­den Men­schen solch ei­nen gro­ßen, ge­wal­ti­gen Au­gen­blick, wo die­se Kräf­te er­wa­chen. Die­sen Au­gen­blick kön­nen wir vor un­se­re See­le rü­cken, wenn wir uns vor­s­tel­len, wie die an­de­re men­sch­li­che Ent­wi­cke­lung war. Sp­re­chen wir mit Goe­thes Wor­ten, so kön­nen wir sa­gen: Wir schau­en zu­rück in Zei­ten fer­ner Ver­gan­gen­heit, in de­nen im heu­ti­gen phy­si­schen Men-

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schen­lei­be noch kein sol­ches phy­si­sches Au­ge vor­han­den war, kein sol­ches phy­si­sches Ohr wie heu­te. Zu­rück schau­en wir in je­ne Zei­ten, in de­nen an den Stel­len, wo die­se Or­ga­ne jetzt sind, gleich­gül­ti­ge Or­ga­ne wa­ren, die nicht se­hen und hö­ren konn­ten. Es gab für den phy­si­schen Men­schen ei­ne Zeit, wo sol­che blin­de Or­ga­ne zu Leucht­punk­ten sich ent­wi­ckel­ten, wo sie sich all­mäh­lich mehr und mehr ent­fal­te­ten, bis für sie das Licht auf­tauch­te. Eben­so gab es ei­nen Zeit­punkt, wo des Men­schen Ohr so weit war, daß die vor­her stum­me Welt sich in Tö­nen und Har­mo­ni­en of­fen­bar­te. Eben­so wie die Son­ne mit ih­ren Kräf­ten da­ran ar­bei­te­te, sei­ne Au­gen aus sei­nem Or­ga­nis­mus her­aus­zu­bil­den, eben­so kann der Mensch heu­te sei­nem Geis­te nach so le­ben, daß sich die viel­fach für ihn heu­te gleich­gül­ti­gen geis­tig-see­li­schen Or­ga­ne in ähn­li­cher Wei­se ent­wi­ckeln. Der Au­gen­blick ist mög­lich, ist für vie­le schon da­ge­we­sen, wo sich ih­re See­le und ihr Geist so um­bil­den, wie sich ein­mal um­ge­bil­det hat die äu­ße­re phy­si­sche Or­ga­ni­sa­ti­on. Neue Au­gen und neue Oh­ren ent­ste­hen, durch die aus dem geis­tig fins­te­ren und stum­men Um­kreis her­aus das Licht hin­ein­scheint und die Tö­ne hin­ein­k­lin­gen. Ent­wi­cke­lung ist mög­lich, auch zum Hin­ein­le­ben in die höhe­ren Wel­ten. Das ist Ein­wei­hung. Und in den Mys­te­ri­en­schu­len wer­den eben­so die Me­tho­den die­ser Ein­wei­hung den Men­schen an die Hand ge­ge­ben wie in der äu­ße­ren Welt die Me­tho­den, sa­gen wir, des che­mi­schen La­bo­ra­to­ri­ums oder der bio­lo­gi­schen For­schung. Der Un­ter­schied zwi­schen den Me­tho­den der äu­ße­ren Wis­sen­schaft und der Ein­wei­hung ist nur, daß die äu­ße­re Wis­sen­schaft sich In­stru­men­te und äu­ße­re Hilfsap­pa­ra­te zu­recht­zu­rich­ten hat. Für den­je­ni­gen aber, der Ein­ge­weih­ter wer­den will, gibt es nur ein ein­zi­ges In­stru­ment, das er aus­bil­den muß, und das ist er selbst in al­len sei­nen Kräf­ten. So wie im Ei­sen die mag­ne­ti­sche Kraft schlum­mern kann, so schlum­mert in der men­sch­li­chen See­le die Kraft, ein­zu­drin­gen in die geis­ti­ge Licht- und Ton­welt. So kam die Zeit, wo nur das Phy­sisch-Sinn­li­che im Nor­ma­len ge­se­hen wur­de und wo die Füh­rer der Mensch­heit aus sol­chen Ein­ge­weih­ten be­stan­den, die hin­ein­schau­en konn­ten in die geis­ti­gen Wel­ten, die Mit­tei­lung ma­chen, Er­klär­ung ge­ben konn­ten über die

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Tat­sa­chen der geis­ti­gen Welt, in wel­cher der Mensch früh­er ge­lebt hat­te.

Die ers­te Stu­fe der Ein­wei­hung, wo­hin führt sie? Wie stellt sie sich dar der men­sch­li­chen See­le? Glau­ben Sie nicht, daß die­se Ent­wi­cke­lung nur in phi­lo­so­phi­schem Spe­ku­lie­ren, im Aus­spin­ti­sie­ren von Be­grif­fen, im Ver­fei­nern der Be­grif­fe be­steht. Das, was der Mensch an Be­grif­fen hat über die äu­ße­re Sin­nes­welt, das ver­wan­delt sich in dem Men­schen, der hin­ein­wächst in die geis­ti­ge Welt. Es wird so, daß der Mensch jetzt nicht mehr durch scharf kon­tu­rier­te Be­grif­fe be­g­reift, son­dern durch Bil­der, durch Ima­gi­na­tio­nen. Denn der Mensch wächst hin­ein in das geis­ti­ge, welt­sc­höp­fe­ri­sche Ver­fah­ren. So be­stimmt und fest um­ris­sen wie die Ge­gen­stän­de der Sin­nes­welt sind eben nur die­se sinn­li­chen Ge­gen­stän­de. Im welt­sc­höp­fe­ri­schen Ver­fah­ren ha­ben Sie nicht das Tier mit den fes­ten Um­ris­sen. Da ha­ben Sie et­was wie ein Bild zu­grun­de ge­legt, aus dem die ver­schie­de­nen äu­ße­ren Ge­stal­ten ent­ste­hen kön­nen, ei­ne le­ben­di­ge, in sich ge­g­lie­der­te Wir­k­lich­keit. Man muß sich st­reng auf den Bo­den des Wor­tes Goe­thes stel­len: «Al­les Ver­gäng­li­che ist nur ein Gleich­nis.» In Bil­dern lernt der Ein­ge­weih­te zu­nächst er­ken­nen und be­g­rei­fen, lernt er hin­auf­s­tei­gen in die geis­ti­ge Welt. Da muß sein Be­wußt­sein be­we­g­li­cher wer­den als das­je­ni­ge, das uns di­ent zum Be­g­rei­fen der um uns lie­gen­den Sin­nes­welt. Des­halb nennt man die­se Stu­fe der Ent­wi­cke­lung das ima­gi­na­ti­ve Be­wußt­sein. Es führt den Men­schen wie­der hin­ein in die geis­ti­ge Welt, aber nicht in däm­mer­haf­ter Wei­se. Die­ses zu er­rin­gen­de Wei­he­be­wußt­sein ist klar und hell, wie es der Mensch im hel­len Ta­ges­be­wußt­sein hat, wie die­ses Ta­ges­be­wußt­sein selbst. Der Mensch wird da­durch be­rei­chert, daß er zu dem Ta­ges­be­wußt­sein das Be­wußt­sein der geis­ti­gen Welt hin­zu­ge­winnt. So lebt er in dem ima­gi­na­ti­ven Be­wußt­sein in der ers­ten Ein­wei­hungs­stu­fe. Und was die­je­ni­gen, die so ein­ge­weiht wa­ren, in den geis­ti­gen Wel­ten er­fuh­ren, da­von ist in den Ur­kun­den, in den Do­ku­men­ten der Mensch­heit Mit­tei­lung ge­sche­hen, ge­ra­de­so wie von der nie­d­ri­gen Wis­sen­schaft der Geo­me­trie durch Eu­k­lid der Mensch­heit Mit­tei­lung ge­macht wor­den ist. Wir wis­sen, was in die­sen Ur­kun­den steht, wir

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er­ken­nen es, wenn wir zu­rück­ge­hen auf die Qu­el­le, auf das Schau­en der Ein­ge­weih­ten.

So war es inn­er­halb der Mensch­heit bis zu der Er­schei­nung der größ­ten We­sen­heit, die über den Erd­ball ge­schrit­ten ist, des Chris­tus Je­sus. Mit sei­ner Er­schei­nung tritt ein neu­es Ele­ment in die Ent­wi­cke­lung ein. Wenn wir uns klar­ma­chen wol­len, wo­rin das we­sent­lich Neue, das der Mensch­heit durch den Chris­tus Je­sus ge­schenkt wor­den ist, be­steht, dann müs­sen wir be­ach­ten, daß in al­len vor­christ­li­chen Ein­wei­hungs­stät­ten der Mensch so ein­ge­weiht wur­de, daß ein völ­li­ges Her­aus­ge­hen aus der üb­ri­gen mensch­heit­li­chen Ent­wi­cke­lung not­wen­dig war, ein Ar­bei­ten an sei­ner See­le in Stät­ten des tiefs­ten Ge­heim­nis­ses. Und wir müs­sen uns vor al­len Din­gen klar­ma­chen, daß noch im­mer et­was vor­han­den war im Be­wußt­sein des Men­schen von ei­nem Über­rest, wenn er sich wie­der­um her­auf­hob in die geis­ti­ge Welt, je­nes al­ten, bloß traum­haf­ten Bil­der­be­wußt­seins. Der Mensch muß­te hin­we­gei­len aus die­ser Welt der Sin­ne, um in die geis­ti­ge Welt ein­t­re­ten zu kön­nen. Daß das heu­te nicht mehr not­wen­dig ist, das wur­de her­bei­ge­führt durch die Er­schei­nung des Chris­tus Je­sus auf der Er­de. Da­durch, daß das Chris­tus-Prin­zip in die Mensch­heit ein­ge­t­re­ten ist, ist das Zen­tral­we­sen, das Mit­tel­punkts­we­sen der geis­ti­gen Welt ge­schicht­lich, his­to­risch in ei­nem Men­schen ein­mal auf die­ser Er­de da­ge­we­sen, das­sel­be We­sen, nach dem sich ge­sehnt ha­ben al­le die­je­ni­gen, die ein re­li­giö­ses Le­ben ent­wi­ckelt ha­ben, die ge­schaut ha­ben in den Ein­wei­hungs­stät­ten, die weg­ge­schrit­ten sind von der sinn­li­chen Welt, um in die geis­ti­ge Welt ein­zu­t­re­ten. Das We­sen, von dem ver­kün­det wor­den ist, daß ihm der Mensch als sei­nem Höchs­ten ge­gen­über­steht, das ist mit dem Chris­tus Je­sus in die Mensch­heits­ge­schich­te ein­ge­t­re­ten. Und der­je­ni­ge, der et­was ver­steht von ech­ter Geis­tes­wis­sen­schaft, weiß, daß al­le re­li­giö­se Ver­kün­di­gung vor dem Er­schei­nen des Chris­tus Je­sus ei­ne Vor­ver­kün­di­gung des Chris­tus Je­sus ist.

Wenn die al­ten Ein­ge­weih­ten von dem Höchs­ten ha­ben sp­re­chen wol­len, was ih­nen in der Geis­tes­welt zu­gäng­lich war, was sie ha­ben schau­en kön­nen als den Ur­grund al­ler Din­ge, dann ha­ben

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sie in den ver­schie­dens­ten Na­men von dem Chris­tus Je­sus ge­spro­chen. Wir brau­chen uns nur an ein Bei­spiel, an das Al­te Te­s­ta­ment zu er­in­nern, das auch ei­ne Vor­her­ver­kün­di­gung ist. Wir er­in­nern uns da­ran, wie Mo­ses, als er sein Volk füh­ren soll­te, den Auf­trag er­hielt: Sa­ge dei­nem Vol­ke, daß das, was du tun sollst, der Herr, der Gott, dir ge­sagt hat. Da sagt Mo­ses: Wie wer­den mir die Leu­te glau­ben, wie wer­de ich ih­nen ei­ne Über­zeu­gung bei­brin­gen kön­nen? Was muß ich sa­gen, wenn sie mich fra­gen: Wer hat dich ge­schickt? Und es wird ihm der Auf­trag: Sa­ge, der «Ich-bin», der hat dich ge­schickt. Le­sen Sie es nach und ver­g­lei­chen Sie es, so ge­nau Sie kön­nen, mit dem Ur­text. Sie wer­den se­hen, um was es sich da­bei han­delt. Der «Ich-bin», was soll das hei­ßen? Der «Ich-bin» ist der Na­me für die gött­li­che We­sen­heit, das Chris­tus-Prin­zip des Men­schen, für die We­sen­heit, die der Mensch ei­nem Trop­fen, ei­nem Fun­ken nach in sich spürt, wenn er «Ich bin» sa­gen kann. Der Stein kann nicht «Ich bin» sa­gen, die Pflan­ze kann nicht «Ich bin», das Tier kann nicht «Ich bin» sa­gen. Der Mensch ist die Kro­ne der Sc­höp­fung da­durch, daß er zu sich «Ich bin» sa­gen kann, daß er ei­nen Na­men sp­re­chen kann, der für kei­nen an­de­ren gül­tig ist als für den, der ihn aus­spricht. «Ich» kön­nen Sie sich nur selbst nen­nen. Kein an­de­rer kann Sie «Ich» nen­nen. Hier spricht die See­le mit sich selbst, in je­nem Wor­te, wo hin­ein nur ein We­sen Zu­gang hat, das durch kei­nen äu­ße­ren Sinn, auf kei­nem äu­ße­ren Weg zu der See­le kommt. Hier spricht der Gott. Da­her wur­de der Na­me «Ich-bin» der Gott­heit, wel­che die Welt er­füllt, ge­ge­ben. Sa­ge, der «Ich-bin» hat es dir ge­sagt! so soll­te Mo­ses sei­nem Vol­ke sa­gen.

Nur lang­sam ler­nen die Men­schen den tie­fen Sinn die­ses «Ich-bin» völ­lig ver­ste­hen. Nicht gleich ha­ben sich die Men­schen als Ein­zel­men­schen ge­fühlt. Sie kön­nen es fin­den noch im Al­ten Te­s­ta­ment: da fühl­ten sich die Men­schen noch nicht als Ein­zel­men­schen. Auch die An­ge­hö­ri­gen der deut­schen Stäm­me, selbst noch in den Zei­ten der christ­li­chen Kir­che, fühl­ten sich nicht als Ein­zel­men­schen. Den­ken Sie zu­rück an die Che­rus­ker, Teu­to­nen und so wei­ter, an die deut­schen Stäm­me, in de­ren Land nun das heu­ti­ge

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Deut­sch­land ist. Der ein­zel­ne Che­rus­ker fühl­te mehr das Stam­mes-Ich, dem ge­gen­über er sich als Glied er­schi­en. Der ein­zel­ne hät­te nicht in der schar­fen Wei­se, wie heu­te, «Ich bin» ge­sagt. Er fühl­te sich zu­sam­men­ge­fügt zum ei­ni­gen Or­ga­nis­mus der­je­ni­gen, die bluts­ver­wandt wa­ren.

Den wei­tes­ten Um­kreis nimmt die­se Bluts­ver­wandt­schaft bei den Be­ken­nern des Al­ten Te­s­ta­ments ein. Der ein­zel­ne fühlt sich ge­bor­gen im gan­zen Volk. Die­ses ist für ihn von ei­nem Ich be­herrscht. Er weiß es, was es heißt: «Ich und der Va­ter Abra­ham sind eins», denn er ver­folgt die Bluts­ver­wandt­schaft durch die Ge­ne­ra­tio­nen hin­auf bis Abra­ham. Er weiß sich ge­bor­gen, wenn er über sein Ein­zel-Ich hin­aus­ge­hen will, in dem Va­ter Abra­ham, von dem all das Blut, das der äu­ße­re Trä­ger für das ge­mein­sa­me Volks-Ich ist, hin­un­ter­f­ließt in die Ge­ne­ra­tio­nen.

Nun, wenn wir mit dem Aus­spruch, der je­dem Be­ken­ner des Al­ten Te­s­ta­men­tes ein Ho­hes be­deu­tet, ver­g­lei­chen, was der Chris­tus Je­sus hin­ge­s­tellt hat, dann ha­ben wir wie blitz­ar­tig be­leuch­tet den gan­zen Fort­schritt, der durch die christ­li­che Ent­wi­cke­lung her­vor­ge­ru­fen wur­de. «Ehe denn Abra­ham war, war das Ich-bin.» Was heißt das: Vor Abra­ham war das «Ich-bin»? So ist näm­lich die rich­ti­ge Über­set­zung und In­ter­pre­ta­ti­on der be­tref­fen­den Bi­bel­s­tel­le. Das heißt: Geht zu­rück durch al­le Ge­ne­ra­tio­nen, ihr fin­det et­was in euch selbst, in eu­rer Ein­ze­l­in­di­vi­dua­li­tät, das noch ewi­ger ist als das, was durch al­le bluts­ver­wand­ten Ge­ne­ra­tio­nen fließt. Ehe die Ahn­her­ren wa­ren, war das «Ich-bin», je­nes We­sen, das in je­den Men­schen hin­ein­zieht, von dem je­de Men­schen­see­le et­was un­mit­tel­bar füh­len kann in sich selbst. Nicht ich und der Va­ter Abra­ham, nicht ich und ein zeit­li­cher Va­ter, son­dern ich und der geis­ti­ge Va­ter, der an nichts Ver­gäng­li­ches ge­bun­den ist, wir sind eins. «Ich und der Va­ter sind eins.» In dem ein­zel­nen Men­schen fin­det sich der Va­ter. Das gött­li­che Prin­zip lebt in ihm, et­was, was da war, was da ist, was da sein wird.

Die Men­schen wer­den, nach­dem sie durch fast zwei Jahr­tau­sen­de ei­gent­lich erst an­ge­fan­gen ha­ben die Kraft die­ses Wel­ten­im­pul­ses zu füh­len, in künf­ti­gen Zei­ten voll er­ken­nen, was die­ser Sprung

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inn­er­halb der Er­den­mis­si­on und Er­den­ent­wi­cke­lung für den Men­schen be­deu­tet. Das­je­ni­ge, was man nur ein­se­hen konn­te, wenn man hin­weg­ging über das Ein­zel­da­sein, über den ein­zel­nen Men­schen, wenn man den Geist ei­nes gan­zen Stam­mes faß­te, das war es, was die al­ten Ein­ge­weih­ten er­rei­chen woll­ten.

Wenn in der ge­wöhn­li­chen Welt ir­gend­ein Mensch das hör­te, so sag­te er: Das Ich ist et­was Ver­gäng­li­ches, das an­fängt mit der Ge­burt und auf­hört mit dem To­de. Wur­de er aber ein­ge­weiht in das Ge­heim­nis der Mys­te­ri­en, dann sah er das­je­ni­ge, was der an­de­re spür­te und emp­fand, als das­sel­be, was durch das Blut der Ge­ne­ra­tio­nen rollt, was ein wir­k­li­ches We­sen ist, dann sah er sei­nen Stam­mes­geist. Was nur im geis­ti­gen Reich, aber nicht in der äu­ße­ren Wir­k­lich­keit er­reich­bar ist, das konn­te er schau­en. Ei­nen Gott, der durch das Blut der Ge­ne­ra­tio­nen rinnt, konn­te er schau­en. Geis­te­sau­ge ge­gen­über Geis­te­sau­ge vor die­sem Got­te ste­hen, das konn­te man nur in den Mys­te­ri­en.

Die­je­ni­gen, die mit dem vol­len Ver­ständ­nis als sei­ne inti­men Schü­ler um den Chris­tus Je­sus wa­ren, sie hat­ten das Be­wußt­sein, daß ein We­sen geis­tig-gött­li­cher Na­tur für die äu­ße­ren Sin­ne in ei­ner ge­sch­los­se­nen flei­sch­lich-men­sch­li­chen Per­sön­lich­keit vor ih­nen stand. Als den ers­ten emp­fan­den sie den Chris­tus Je­sus, als den ers­ten, der im ein­zel­nen Men­schen ei­nen sol­chen Geist in sich hat­te, wie ihn sonst nur zu­sam­men­ge­hö­ri­ge Men­schen­mas­sen in sich fühl­ten und wie er sonst nur in der geis­ti­gen Welt für die Ein­ge­weih­ten zu schau­en war. Der Erst­ling un­ter den Men­schen war er.

Je mehr der Mensch in­di­vi­du­ell wird, des­to mehr kann er Lie­be-trä­ger wer­den. Wo das Blut die Men­schen zu­sam­men­ket­tet, da lie­ben die Men­schen aus dem Grun­de, weil sie durch das Blut hin­ge­führt wer­den zu dem, was sie lie­ben sol­len. Wird dem Men­schen die In­di­vi­dua­li­tät zu­er­teilt, hegt und pf­legt er den Got­tes­fun­ken in sich, dann müs­sen die Im­pul­se der Lie­be, die Wel­len der Lie­be von Mensch zu Mensch ge­hen aus frei­em Her­zen her­aus. Und so hat der Mensch mit die­sem neu­en Im­puls das al­te Band der Lie­be, die an das Blut ge­bun­den ist, be­rei­chert. Die Lie­be geht nach und nach über in die geis­ti­ge Lie­be, die von See­le zu See­le fließt, die zu­letzt

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die gan­ze Mensch­heit um­fas­sen wird mit ei­nem ge­mein­schaft­li­chen Band all­ge­mei­ner Bru­der­lie­be. Der Chris­tus Je­sus aber ist die Kraft, die le­ben­di­ge Kraft, durch die, so wie sie in der Ge­schich­te war, wie sie sich äu­ße­ren Au­gen zeig­te, zum ers­ten­mal die Mensch­heit zur Ver­brü­de­rung ge­bracht wor­den ist. Und die Men­schen wer­den ler­nen, die­ses Band der Bru­der­lie­be als das vol­l­en­de­te, als das ver­geis­tig­te Chris­ten­tum auf­zu­fas­sen.

Man sagt heu­te leicht: Die Theo­so­phie soll den ein­heit­li­chen Wahr­heits­kern in al­len Re­li­gio­nen su­chen, denn al­le Re­li­gio­nen ent­hal­ten ja ganz das glei­che. Die Men­schen, die so sa­gen, die die Re­li­gio­nen nur ver­g­lei­chen, um das ab­strakt Glei­che zu su­chen, ver­ste­hen nichts vom Ent­wi­cke­lung­s­prin­zip. Nicht um­sonst ent­wi­ckelt sich die Welt. Wahr ist es, in je­der Re­li­gi­on ist die Wahr­heit ent­hal­ten, aber in­dem sie sich von Form zu Form ent­wi­ckelt, ent­wi­ckelt sie sich zu höhe­ren For­men. Der Wahr­heit nach kön­nen Sie al­ler­dings, wenn Sie tief ge­nug for­schen wol­len, das, was das Chris­ten­tum an Leh­ren ent­hält, in den an­de­ren Re­li­gio­nen auch fin­den. Neue Leh­ren hat das Chris­ten­tum nicht ge­bracht. Aber das We­sent­li­che im Chris­ten­tum liegt nicht in den Leh­ren. Neh­men Sie die vor­christ­li­chen Re­li­gi­ons­s­tif­ter. Bei ih­nen kommt es dar­auf an, was sie ge­lehrt ha­ben. Den­ken Sie sich, die­se Re­li­gi­ons­s­tif­ter wä­ren un­be­kannt ge­b­lie­ben; was sie ge­lehrt ha­ben, das wä­re ge­b­lie­ben. Da­mit hät­te die Mensch­heit ge­nug. Beim Chris­tus Je­sus aber kommt es nicht dar­auf an. Bei ihm kommt es dar­auf an, daß er da war, daß er im phy­si­schen Lei­be hier auf die­ser Er­de ge­lebt hat. Nicht der Glau­be an sei­ne Leh­re, son­dern an sei­ne Per­sön­lich­keit ist das Aus­schlag­ge­ben­de, daß man hin­ge­schaut hat dar­auf, daß er der Erst­ge­bo­re­ne un­ter de­nen war, die da ster­ben kön­nen, bei dem man fragt: Wür­dest auch du in der La­ge, in der ich mich be­fin­de, so füh­len wie ich? Wür­dest auch du so den­ken, wie ich nun den­ke, so wol­len, wie ich will? Das ist das Wich­ti­ge, daß er das größ­te Vor­bild als Per­sön­lich­keit ist, bei dem es nicht dar­auf an­kommt, hin­zu­hö­ren auf sei­ne Leh­ren, son­dern dar­auf, ihn selbst an­zu­schau­en, wie er es ge­tan hat. Da­her sa­gen die inti­men Schü­ler des Chris­tus Je­sus et­was ganz an­de­res als die Schü­ler und Jün­ger

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an­de­rer Re­li­gi­ons­s­tif­ter. Die­se sa­gen: Der Herr hat die­ses, hat je­nes ge­lehrt. Die Schü­ler des Chris­tus Je­sus aber sa­gen: Nicht aus­ge­klü­gel­te My­then et­wa und Leh­ren sa­gen wir euch, son­dern das sa­gen wir euch, was un­se­re Au­gen selbst ge­se­hen, un­se­re Oh­ren selbst ge­hört ha­ben. Wir ha­ben die Stim­me ge­hört, un­se­re Hän­de ha­ben be­rührt den Qu­ell des Le­bens, da­mit wir Ge­mein­schaft ha­ben mit euch. Und Chris­tus Je­sus sel­ber sprach: Zeu­gen sollt ihr mir sein in Je­ru­sa­lem, in Ju­däa, bis ans En­de der Welt. Da­mit ist et­was sehr Wich­ti­ges ge­sagt: Zeu­gen sollt ihr mir sein bis ans En­de der Welt. Das heißt: Es wer­den im­mer sol­che da sein je­der­zeit, die eben­so wie je­ne in Ju­däa und Ga­li­läa aus dem un­mit­tel­ba­ren Wis­sen her­aus sa­gen kön­nen, wer Chris­tus war im Sin­ne des Evan­ge­li­ums.

Im Sin­ne des Evan­ge­li­ums, was be­deu­tet das? Nichts an­de­res, als daß er von An­fang an das Prin­zip war, das in al­lem Schaf­fen leb­te. Er sagt es: Glaubt ihr nicht an mich, so glaubt we­nigs­tens an Mo­ses, denn wenn ihr an Mo­ses glaubt, so glaubt ihr an mich, denn Mo­ses hat von mir ge­spro­chen. Wir ha­ben es heu­te schon ge­se­hen, von ihm hat Mo­ses ge­spro­chen, als er hin­ge­wie­sen hat dar­auf: Der «Ich-bin» hat es mir ge­sagt der «Ich-bin», der aber nur geis­tig wahr­nehm­bar war bis da­hin. Daß der Chris­tus sicht­bar in die Er­schei­nung, sicht­bar in die Welt ge­t­re­ten ist als Mensch un­ter Men­schen, das ist es, was den Un­ter­schied des Chris­tus-Evan­ge­li­ums aus­macht ge­gen­über der gött­li­chen Ver­kün­di­gung von an­de­ren Re­li­gio­nen. Denn bei die­sen war al­le geis­ti­ge Weis­heit auf et­was ge­rich­tet, was au­ßer­halb der Welt war. Jetzt, mit Chris­tus Je­sus, kam et­was in die Welt, was als Sin­ne­s­er­schei­nung selbst be­grif­fen wer­den soll­te. Was emp­fan­den die ers­ten Jün­ger als das Ideal ih­rer Weis­heit? Nicht mehr bloß zu be­g­rei­fen, wie die Geis­ter im Geis­ter­lan­de le­ben, son­dern wie das höchs­te Prin­zip in die­ser ge­schicht­li­chen Per­sön­lich­keit des Chris­tus Je­sus hat auf Er­den vor­han­den sein kön­nen.

Es ist viel leich­ter, die­ser Per­sön­lich­keit die Gott­heit ab­zu­leug­nen, als so zu emp­fin­den. Da­rin be­steht der Un­ter­schied ei­ner ge­wis­sen Leh­re der ers­ten Zeit des Chris­ten­tums von dem, was man

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in­ne­res Chris­ten­tum nennt, der Un­ter­schied zwi­schen Gno­sis und eso­te­ri­schem Chris­ten­tum. Die Gno­sis er­kennt Chris­tus in sei­ner Gött­lich­keit zwar an, aber sie hat­te sich nie auf­schwin­gen kön­nen bis zu der An­schau­ung, daß das «Wort» Fleisch ge­wor­den ist und un­ter uns ge­wohnt hat, so wie es der Sch­rei­ber des Jo­han­nes-Evan­ge­li­ums be­tont. Er sagt: Nicht nur als et­was, was bloß im Un­sicht­ba­ren zu be­g­rei­fen ist, sollt ihr den Chris­tus Je­sus an­se­hen, son­dern als das Wort, das Fleisch ge­wor­den ist und un­ter uns ge­wohnt hat. Ihr sollt wis­sen, daß mit die­ser men­sch­li­chen Per­sön­lich­keit ei­ne Kraft er­schie­nen ist, die in ferns­te Zu­kunft hin­ein wir­ken wird, die die wir­k­li­che, geis­ti­ge Lie­be als ei­ne Kraft um den Erd­kreis her­um­spin­nen wird, die da wirkt und lebt in al­lem, das in die Zu­kunft hin­ein lebt. Und über­gibt sich der Mensch die­ser Kraft, dann wächst er in die geis­ti­ge Welt hin­ein, aus der er her­un­ter­ge­s­tie­gen ist. Wie­der hin­auf­s­tei­gen wird er bis da­hin, wo­hin­ein der Ein­ge­weih­te heu­te schon schau­en kann. Ab­st­rei­fen wird der Mensch das Sinn­li­che, wenn er in die geis­ti­ge Welt ein­dringt.

Wie der Schü­ler, der in al­ten Zei­ten ein­ge­weiht wur­de, ei­nen Rück­blick ha­ben konn­te auf die al­ten, auf die ver­gan­ge­nen Zei­ten des Geis­tes­le­bens, so er­hal­ten die­je­ni­gen, wel­che im christ­li­chen Sin­ne ein­ge­weiht wer­den, durch die Teil­nah­me an den Im­pul­sen des Chris­tus Je­sus die Fähig­keit zu se­hen, was aus die­ser un­se­rer Er­den­welt wird, wenn die Men­schen im Sin­ne des Chris­tus-Im­pul­ses wir­ken. Wie man zu­rück­bli­cken kann auf die frühe­ren Zu­stän­de, so kann man, von dem An­fangs­punk­te der Er­schei­nung des Chris­tus aus­ge­hend, hin­bli­cken in die ferns­te Zu­kunft. Man kann sa­gen: So wird das Be­wußt­sein sich wie­der ve­r­än­dern, so wird der Mensch ste­hen im Ver­hält­nis der geis­ti­gen zur Sin­nen­welt. Wäh­rend so die frühe­re Ein­wei­hung ei­ne Ein­wei­hung in die Ver­gan­gen­heit, in ural­te Weis­heit ist, geht die christ­li­che Ein­wei­hung da­hin, dem Ein­zu­wei­hen­den die Zu­kunft zu ent­hül­len. Das ist das Not­wen­di­ge, daß der Mensch nicht nur ein­ge­weiht wird für sei­ne Weis­heit, für sein Ge­müt, son­dern daß er ein­ge­weiht wird für sei­nen Wil­len. Denn da­durch weiß er, was er tun soll, daß er sich Zie­le set­zen kann für die Zu­kunft. Der sinn­li­che All­tags­mensch setzt sich Zie­le

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für den Nach­mit­tag, für den Abend, den Mor­gen. Der geis­ti­ge Mensch ver­mag aus den geis­ti­gen Prin­zi­pi­en her­aus fer­ne Zie­le sich zu set­zen, die sei­nen Wil­len durch­pul­sen, sei­ne Kräf­te le­ben­dig ma­chen. So der Mensch­heit Zie­le set­zen, das heißt im wah­ren höchs­ten Sinn, im Sinn des ur­sprüng­li­chen christ­li­chen Prin­zips, das Chris­ten­tum eso­te­risch er­fas­sen. So hat es der­je­ni­ge ver­stan­den, der das gro­ße Prin­zip der Ein­wei­hung des Wil­lens ge­schrie­ben hat, der die Apo­ka­lyp­se ge­schrie­ben hat. Man ver­steht die Apo­ka­lyp­se sch­lecht, wenn man sie nicht ver­steht als den Im­puls­ge­ber für die Zu­kunft, für das Han­deln, für die Tat.

Al­le die Din­ge, die wir heu­te an uns vor­über­zie­hen lie­ßen, sie sind aus der an­thro­po­so­phisch ori­en­tier­ten Geis­tes­wis­sen­schaft her­aus zu ver­ste­hen. Nur Skiz­zen­haf­tes konn­te ich heu­te ge­ben. Wenn man aus der Geis­tes­wis­sen­schaft her­aus be­g­reift, was hin­ter dem Sinn­li­chen steht, dann sieht man auch hin mit dem Ver­ständ­nis auf das, was ver­kün­det wor­den ist in den Evan­ge­li­en, was ver­kün­det wor­den ist im apo­ka­lyp­ti­schen Werk. Und je wei­ter man geht in dem Ein­drin­gen, in der Ver­tie­fung nach den über­sinn­li­chen Wel­ten hin, des­to Tie­fe­res wird man in den christ­li­chen Ur­kun­den fin­den. Mit höhe­rem Glanz, mit tie­fe­rem Wahr­heits­ge­halt und In­halt er­schei­nen ei­nem die christ­li­chen Ur­kun­den, wenn man, ge­schärft mit dem geis­ti­gen Blick, wie er ge­won­nen wer­den kann mit Hil­fe der An­thro­po­so­phie, hin­geht zu die­sen Ur­kun­den. Wahr ist es: Das ein­fachs­te Ge­müt kann ah­nen, wel­che Wahr­hei­ten im Chris­ten­tum ste­cken. Nicht im­mer aber wird sich das Be­wußt­sein mit ei­ner Ah­nung begnü­gen kön­nen, es wird sich höh­er ent­wi­ckeln und wis­sen, er­ken­nen wol­len. Doch auch dann, wenn es sich zu den höchs­ten Weis­hei­ten er­hebt, wird es im­mer noch tie­fe Ge­heim­nis­se ge­ben im Chris­ten­tum. Es ist für das ein­fachs­te Ge­müt, aber auch für die höchst­ent­wi­ckel­te In­tel­lek­tua­li­tät. Der Ein­ge­weih­te er­lebt es wie­der als Bil­der. Da­her mag das nai­ve Be­wußt­sein ah­nen, wel­che Wahr­hei­ten da­rin schlum­mern, aber der Mensch wird nach Er­kennt­nis ver­lan­gen und nicht nach Glau­ben, und auch dann wird er im Chris­ten­tum Be­frie­di­gung fin­den. Er wird im Chris­ten­tum den vol­len be­frie­di­gen­den In­halt fin­den kön­nen, wenn ihm durch

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die Geis­tes­wis­sen­schaft die Er­klär­un­gen der Evan­ge­li­en ge­ge­ben wer­den. Da­her wird die Geis­tes­wis­sen­schaft an die Stel­le selbst der höchs­ten al­ten Phi­lo­so­phi­en tre­ten. Sie wird Zeug­nis ab­le­gen von dem uns ein­gangs vor­ge­führ­ten sc­hö­nen He­gel­wort: Der tiefs­te Ge­dan­ke ist mit der Ge­stalt des Chris­tus Je­sus, mit der ge­schicht­li­chen und äu­ßer­li­chen, ver­knüpft, und je­de Art von Be­wußt­sein das ist das Gro­ße am Chris­ten­tum kann der Äu­ßer­lich­keit nach die­ses Chris­ten­tum be­g­rei­fen. Zu­g­leich aber wer­den die tiefst ein­drin­gen­den Weis­hei­ten durch das Chris­ten­tum her­aus­ge­for­dert. Für je­de Stu­fe der Bil­dung ist das Chris­ten­tum, aber es kann ge­recht wer­den den höchs­ten An­for­de­run­gen.

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ERSTER VORTRAG, Nürnberg, 18. Juni 1908

Es wird uns nun­mehr durch ei­ne Rei­he von Ta­gen ein sehr be­deut­sa­mes, sehr tie­fes an­thro­po­so­phi­sches The­ma be­schäf­ti­gen. Be­vor wir an un­se­re Be­trach­tun­gen her­an­ge­hen, las­sen Sie mich die tiefs­te Be­frie­di­gung dar­über aus­sp­re­chen, daß wir vor Freun­den aus so vie­ler­lei Ge­gen­den Deut­sch­lands, ja Eu­ro­pas über die­ses, tie­fe und be­deut­sa­me The­ma hier Be­trach­tun­gen an­s­tel­len dür­fen. Vor al­len Din­gen gilt es, die­se Be­frie­di­gung aus­zu­sp­re­chen un­se­ren lie­ben Nürn­ber­ger Freun­den, die ih­rer­seits ge­wiß nicht min­der froh sein wer­den als der­je­ni­ge, der zu ih­nen spricht, hier in die­ser Stadt durch ei­ne ver­hält­nis­mä­ß­ig län­ge­re Zeit an­thro­po­so­phi­sches Le­ben ge­mein­sam mit den aus­wär­ti­gen Freun­den zu pf­le­gen. Es ist ja ge­ra­de in die­ser Stadt ne­ben dem eif­rigs­ten St­re­ben nach Er­kennt­nis der gro­ßen geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Wahr­hei­ten im­mer auch so sehr gel­tend ge­we­sen und mit so tie­fem Ver­ständ­nis zur Dar­stel­lung ge­bracht wor­den, was an­thro­po­so­phi­sche Ge­sin­nung, was wahr­haft an­thro­po­so­phi­sches Le­ben ist, die­ses an­thro­po­so­phi­sche Le­ben, das wir nur dann ver­ste­hen, wenn die geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Leh­ren uns nicht bloß et­was sind, was uns theo­re­tisch be­schäf­tigt, son­dern wenn sie uns et­was wer­den, was un­ser ei­ge­nes Le­ben bis in die tiefs­ten Tie­fen der See­le hin­ein durch­geis­tigt, durch­feu­ert, hebt, was uns aber auch in en­ge­ren Ban­den zu­sam­men­sch­lingt mit un­se­ren Mit­men­schen, mit der gan­zen Welt. Es be­deu­tet viel für den Men­schen, zu füh­len, daß al­les, was uns äu­ßer­lich in der sinn­li­chen Welt, im sinn­lich-sicht­ba­ren Da­sein ent­ge­gen­tritt, so er­schei­nen kann wie die äu­ße­re Phy­siog­no­mie ei­nes zu­grun­de lie­gen­den un­sicht­ba­ren, über­sinn­li­chen Da­seins. Die Welt mit al­lem, was da­r­in­nen ist, wird ja sch­ließ­lich dem, der die An­thro­po­so­phie ins Le­ben ein­führt, im­mer mehr und mehr ein phy­siog­no­mi­scher Aus­druck des gött­lich-geis­tig We­sen­haf­ten, und wenn er die Welt des Sicht­ba­ren um sich her­um be­trach­tet, wird es

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ihm sein, wie wenn er von den Zü­gen ei­nes Men­schen­ant­lit­zes durch­dringt zu dem Her­zen, zu der See­le des Men­schen. Ge­gen­über al­le­dem, was äu­ßer­lich ihm ent­ge­gen­tritt in Ber­gen und Fel­sen, in dem Pflan­zen­k­leid der Er­de, in Tie­ren und Men­schen, was ihm ent­ge­gen­tritt in al­ler uns um­ge­ben­den Welt, in al­len Be­schäf­ti­gun­gen der Men­schen, wird es ihm sein, als ob es ein phy­siog­no­mi­scher Aus­druck, als ob es die Mie­ne wä­re ei­nes zu­grun­de lie­gen­den gött­lich-geis­ti­gen Da­seins. Und neu­es Le­ben er­sprießt ihm aus all die­ser Be­trach­tungs­wei­se und durch­dringt ihn, und ei­ne an­de­re, ed­le Art von Be­geis­te­rung be­feu­ert das, was er un­ter­neh­men will.

Nur ei­nes klei­nen symp­to­ma­ti­schen Bei­spiels mei­ner letz­ten Er­fah­run­gen auf ei­ner mei­ner Vor­trags­rei­sen las­sen Sie mich ge­den­ken. Das Bei­spiel, das ich Ih­nen an­füh­ren will, zeigt, wie die Welt­ge­schich­te, wenn man sie als Aus­druck des Gött­lich-Geis­ti­gen be­trach­tet, übe­rall be­deut­sam er­scheint, übe­rall ei­ne neue Spra­che zu uns re­det. Da konn­te ich vor ei­ni­gen Wo­chen in Skan­di­na­vi­en wahr­neh­men, wie in dem gan­zen Le­ben un­se­res eu­ro­päi­schen Nor­dens al­les noch ei­nen Nach­klang je­nes al­ten Da­seins der nor­di­schen Welt ver­rät, wo al­les Geis­ti­ge durch­setzt war von dem Be­wußt­sein der We­sen­hei­ten, die hin­ter den nor­di­schen Göt­ter­ge­stal­ten der My­the ste­hen. Man möch­te sa­gen, daß in je­nen Län­dern aus al­lem, was ei­nem ent­ge­gen­tritt, Nach­klän­ge zu ver­neh­men sind des­sen, was als das al­te nor­di­sche Geis­tes­le­ben die Ein­ge­weih­ten der Drui­den­mys­te­ri­en, der Drot­ten­mys­te­ri­en ih­ren Schü­l­ern mit­teil­ten. Da wird man ge­wahr, wie der Zau­ber­hauch je­nes Geis­tes­le­bens den Nor­den durch­setzt, und man sieht et­was wie den Aus­druck sc­hö­ner kar­mi­scher Zu­sam­men­hän­ge. Man sieht sich, wie mir das ge­stat­tet war in Upp­sa­la, so­zu­sa­gen mit­ten hin­ein­ge­s­tellt in al­les das, wenn man vor sich hat die ers­te der ger­ma­ni­schen Bi­bel­über­set­zun­gen, den Sil­ber­nen Ko­dex des Ul­fi­las. Er ist hin­ge­kom­men nach Upp­sa­la wie durch kar­mi­sche Ver­wi­cke­lun­gen ei­ge­ner Art. Er war ja vor­her in Prag. Im Schwe­di­schen Krieg wur­de er er­beu­tet und nach Upp­sa­la ge­bracht, und da liegt er nun, ein Wahr­zei­chen für das, was den durch­dringt, der ein bißchen tie­fer hin­ein­zu­bli­cken ver­mag in das al­te Mys­te­ri­en­we­sen. Es ist ja die­ses

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Mys­te­ri­en­we­sen, die­ses Ein­drin­gen in die geis­ti­ge Welt inn­er­halb der al­ten eu­ro­päi­schen Kul­tu­ren durch­setzt und durch­zo­gen von ei­nem ge­mein­sa­men merk­wür­di­gen Zug, den tie­fer spür­ten die­je­ni­gen, wel­che die Wei­he er­hal­ten ha­ben in je­nen al­ten Zei­ten. Wie ein tra­gi­scher Zug ging es durch ih­re Her­zen, wenn ih­nen klar­ge­macht wur­de, daß sie zwar hin­ein­bli­cken könn­ten in die Ge­heim­nis­se des Da­seins, daß aber in der Zu­kunft et­was kom­men wer­de, das wie ei­ne vol­l­en­de­te Rät­sel­lö­sung er­scheint. Im­mer und im­mer wie­der wur­den sie dar­auf hin­ge­wie­sen, daß he­r­ein­strah­len sol­le ein höhe­res Licht in je­nes Wis­sen, das man in den al­ten Mys­te­ri­en er­kun­den konn­te. Man darf sa­gen, daß pro­phe­tisch hin­ge­wie­sen wur­de in al­len die­sen al­ten Mys­te­ri­en auf das, was da kom­men soll­te in der Zu­kunft, auf die Er­schei­nung des Chris­tus Je­sus. Der Ton, die Ge­sin­nung der Er­war­tung, die Stim­mung der Pro­phe­tie lag in die­sem nor­di­schen Mys­te­ri­en­we­sen.

Wir müs­sen solch ei­nen Satz, wie ich ihn jetzt aus­sp­re­chen wer­de, nicht zwän­gen und nicht drän­gen, nicht pres­sen und nicht zu scharf in Kon­tu­ren den­ken. Er soll nur symp­to­ma­tisch aus­sp­re­chen, was als tie­fe­re Wahr­heit zu­grun­de liegt. Aber es ist in dem, was wie ein letz­tes Blatt ge­b­lie­ben ist aus den Tra­di­tio­nen der alt­ger­ma­ni­schen Mys­te­ri­en, es ist in der Sieg­fried­sa­ge et­was wie ein Hin­ein­ge­heim­nis­sen je­ner Ge­sin­nung vor­han­den. Wenn wir dar­auf hin­ge­wie­sen wer­den, daß Sieg­fried wir­k­lich der Re­prä­sen­tant ist der altnor­di­schen Ein­wei­hung, wenn wir hin­ge­wie­sen wer­den dar­auf, daß an der Stel­le, wo er ver­wund­bar ist, ein Blatt liegt, daß die­se Stel­le am Rü­cken sich be­fin­det, dann fühlt der, der so et­was symp­to­ma­tisch zu füh­len ver­mag: Das ist die Stel­le, wo et­was an­de­res lie­gen wird beim Men­schen, wenn je­ne Ver­wun­dung ihn nicht mehr tref­fen kann, die die Ein­ge­weih­ten der altnor­di­schen Mys­te­ri­en noch er­lei­den konn­ten. Die Stel­le soll zu­hül­len das Kreuz. Da soll es lie­gen, das Kreuz des Chris­tus Je­sus; da lag es noch nicht beim Ein­ge­weih­ten der altnor­di­schen Mys­te­ri­en. Dar­auf wird hin­ge­deu­tet in den al­ten Mys­te­ri­en der ger­ma­ni­schen Völ­ker in der Sieg­fried­sa­ge. Und so wird selbst da noch symp­to­ma­tisch an­ge­deu­tet, wie zu­sam­men­stim­mend ge­dacht wer­den sol­len die

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al­ten Ein­wei­hun­gen der Drui­den, der Drot­ten, mit den Mys­te­ri­en des Chris­ten­tums. Da­ran er­in­nert wie ein phy­siog­no­mi­scher Aus­druck die­ses Hin­ge­s­tellt­sein der ers­ten ger­ma­ni­schen Bi­bel­über­set­zung in die nor­di­sche Welt hin­ein. Und daß es wie ei­ne kar­mi­sche Ver­ket­tung ist, das mag Ih­nen noch der Um­stand wie­der­um sym­bo­li­sie­ren, daß einst­mals elf Blät­ter aus die­sem Sil­ber­nen Ko­dex ge­stoh­len wor­den sind, und daß der spä­te­re Be­sit­zer der­sel­ben sol­che Ge­wis­sens­bis­se emp­fun­den hat, daß er die­se elf Blät­ter nicht be­hal­ten woll­te, son­dern sie wie­der­um zu­rück­gab. Wie ge­sagt, man soll sol­che Din­ge nicht pres­sen und drän­gen, son­dern sie als bild­li­che Dar­stel­lun­gen auf­fas­sen je­ner kar­mi­schen Ver­wi­cke­lun­gen, die sich phy­siog­no­misch zum Aus­druck brin­gen in dem Hin­ein­ge­s­tellt­sein der ers­ten ger­ma­ni­schen Bi­bel­über­set­zung in die nor­di­sche Welt. Und wie hier die­ses Er­eig­nis der Ge­schich­te, so wird uns al­les, was uns im Le­ben ent­ge­gen­tritt, Gro­ßes und Klei­nes, ver­tieft und mit ei­nem neu­en Licht durch­strahlt durch die an­thro­po­so­phi­sche Ge­sin­nung, die sich da­rin be­kun­det, daß man in al­lem phy­sisch Wahr­nehm­ba­ren den phy­siog­no­mi­schen Aus­druck ei­nes Über­sinn­lich-Geis­ti­gen er­blickt.*)

Daß es sich so ver­hält, die­se Über­zeu­gung mö­ge uns durch­drin­gen ge­ra­de wäh­rend die­ses Kur­sus. Und aus solch ei­ner Über­zeu­gung her­aus mag der Geist, mö­gen die Ge­füh­le strö­men, die wäh­rend der zwölf apo­ka­lyp­ti­schen Vor­trä­ge in un­se­re See­le flie­ßen, die un­se­re Her­zen durch­drin­gen sol­len. Inn­er­halb die­ser Ge­sin­nung wol­len wir an die­sen Kur­sus her­an­t­re­ten, der das tiefs­te Do­ku­ment des Chris­ten­tums, die Apo­ka­lyp­se des Jo­han­nes, zum An­knüp­fungs­punk­te nimmt, weil an die­ses Do­ku­ment die tiefs­ten Wahr­hei­ten des Chris­ten­tums wir­k­lich zwang­los an­ge­sch­los­sen wer­den kön­nen. Denn es ist nichts Ge­rin­ge­res in die­sem Do­ku­ment ent­hal­ten als ein gro­ßer Teil der Mys­te­ri­en des Chris­ten­tums, es ist da­rin ent­hal­ten das Tiefs­te von dem, was wir als das eso­te­ri­sche Chris­ten­tum zu be­zeich­nen ha­ben. Kein Wun­der da­her, daß von al­len christ­li­chen Do­ku­men­ten auch ge­ra­de die­ses Do­ku­ment am al­ler­meis­ten mißv­er­stan­den wor­den ist. Es ist fast vom An­be­ginn der christ­li­chen Geis­tes­strö­mung an mißv­er­stan­den wor­den von al­len

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*) Re­dak­tio­nel­ler Hin­weis:

An die­ser Stel­le war ur­sprüng­lich der nach­ste­hend kur­siv ge­setz­te Ab­satz ein­ge­fügt. Er fand sich in ei­ner «deutsch-rus­si­schen On­li­ne-Aus­ga­be» und wur­de vom Ru­dolf-Stei­ner-Ver­lag Dor­nach of­fen­bar ab der 4. Aufla­ge 1954 er­satz- und kom­men­tar­los ge­s­tri­chen. Sie­he auch den re­dak­tio­nel­len Hin­weis un­ter »Kor­rek­tu­ren« auf S. 271

«Und es ist mißv­er­stan­den wor­den in den ver­schie­dens­ten Zei­ten im­mer in dem Sin­ne, in dem Sti­le, wie die­se ver­schie­de­nen Zei­ten ge­dacht und ge­son­nen ha­ben. Mißv­er­stan­den ist es wor­den von den Zei­ten, die, man darf sa­gen, spi­ri­tu­ell-ma­te­ria­lis­tisch ge­dacht ha­ben, von den Zei­ten, die gro­ße Re­li­gi­ons­strö­mun­gen hin­ein­ge­zwängt ha­ben in ein­sei­ti­ges fa­na­ti­sches Par­tei­ge­trie­be, und es ist mißv­er­stan­den wor­den in der neue­ren Zeit von den­je­ni­gen, wel­che im gro­ben, im sinn­lichs­ten Ma­te­ria­lis­mus glaub­ten die Rät­sel der Welt lö­sen zu kön­nen.»

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de­nen, die nicht zu den ei­gent­li­chen christ­li­chen Ein­ge­weih­ten ge­hör­ten. Und es ist mißv­er­stan­den wor­den in den ver­schie­dens­ten Zei­ten im­mer in dem Sin­ne, in dem Sti­le, wie die­se ver­schie­de­nen Zei­ten ge­dacht und ge­son­nen ha­ben. Mißv­er­stan­den ist es wor­den von den Zei­ten, die, man darf sa­gen, spi­ri­tu­ell-ma­te­ria­lis­tisch ge­dacht ha­ben, von den Zei­ten, die gro­ße Re­li­gi­ons­strö­mun­gen hin­ein­ge­zwängt ha­ben in ein­sei­ti­ges fa­na­ti­sches Par­tei­ge­trie­be, und es ist mißv­er­stan­den wor­den in der neue­ren Zeit von den­je­ni­gen, wel­che im gro­ben, im sinn­lichs­ten Ma­te­ria­lis­mus glaub­ten die Rät­sel der Welt lö­sen zu kön­nen.

Die ho­hen geis­ti­gen Wahr­hei­ten, die im Aus­gangs­punk­te des Chris­ten­tums ver­kün­det wor­den sind und zu de­ren An­schau­ung die­je­ni­gen ge­bracht wur­den, die sie ver­ste­hen konn­ten, sie lie­gen an­ge­deu­tet, so­weit das in ei­ner Schrift ge­sche­hen kann, in der Apo­ka­lyp­se des Jo­han­nes, in der so­ge­nann­ten ka­no­ni­schen Apo­ka­lyp­se. Aber schon in den ers­ten Zei­ten des Chris­ten­tums wa­ren die Exo­te­ri­ker we­nig ge­eig­net, das tief Spi­ri­tu­el­le, das ge­meint ist im eso­te­ri­schen Chris­ten­tum, zu ver­ste­hen. Und so trat denn in den al­le­r­ers­ten Zei­ten des Chris­ten­tums in der Exo­te­rik die An­schau­ung auf, daß sich Din­ge, die sich zu­nächst für die Welt­ent­wi­cke­lung ab­spie­len im Geis­tig-Spi­ri­tu­el­len, die er­kenn­bar und er­schau­bar sind für den, der hin­ein­schau­en kann in die geis­ti­gen Wel­ten, daß sich sol­che rein spi­ri­tu­el­len Vor­gän­ge äu­ßer­lich in dem ma­te­ri­el­len Kul­tur­le­ben ab­spie­len soll­ten. Und so kam es, daß, wäh­rend der Sch­rei­ber der Apo­ka­lyp­se die Er­geb­nis­se sei­ner Ein­wei­hung, sei­ner christ­li­chen In­i­tia­ti­on da­rin zum Aus­dru­cke brach­te, die an­de­ren sie nur exo­te­risch ver­stan­den und der Mei­nung wa­ren, daß sich das, was der gro­ße Se­her ge­schaut und wo­von der Ein­ge­weih­te weiß, daß es sich in Jahr­tau­sen­den spi­ri­tu­ell er­kenn­bar ab­spielt, in der al­ler­nächs­ten Zeit ab­spie­len müs­se im äu­ßer­lich sinn­lich-sicht­ba­ren Le­ben. So kam denn die An­schau­ung zu­stan­de, als ob für die sinn­lich nächs­te Zeit der Sch­rei­ber et­was ge­meint hät­te wie ein in den sinn­lich-phy­si­schen Wol­ken statt­fin­den­des Her­ab­kom­men, Wie­der­kom­men des Chris­tus Je­sus. Als das nicht ein­t­rat, da ver­län­ger­te man ein­fach die Frist und sag­te: Nun ja, es hat für die

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Er­de mit der Er­schei­nung des Chris­tus Je­sus ei­ne neue Zeit be­gon­nen ge­gen­über dem, was als al­te Re­li­gio­si­tät da war. Aber es wird und jetzt faß­te man das wie­der­um sinn­lich auf tau­send Jah­re dau­ern, da wer­den sich die nächs­ten Er­eig­nis­se phy­sisch-sinn­lich voll­zie­hen, die in der Apo­ka­lyp­se dar­ge­s­tellt sind. So kam es, daß tat­säch­lich, als he­r­ein­zog das Jahr 1000, vie­le Leu­te auf das Her­an­kom­men ir­gend­ei­ner dem Chris­ten­tum feind­li­chen Macht war­te­ten, auf ei­nen Antichrist, der in der sinn­li­chen Welt auf­t­re­ten soll­te. Und als das wie­der­um nicht ein­t­rat, da wur­de so­zu­sa­gen ei­ne neue Frist­ver­län­ge­rung an­ge­setzt, zu glei­cher Zeit aber die gan­ze Vor­her­sa­gung der Apo­ka­lyp­se in ei­ne ge­wis­se Sym­bo­lik hin­auf­ge­rückt, wäh­rend man sich bei den gro­ben Exo­te­ri­kern die­se Vor­her­sa­gung ziem­lich greif­bar vor­ge­s­tellt hat­te. Mit dem Her­aufrü­cken ei­ner ma­te­ria­lis­ti­schen Wel­t­an­schau­ung kam man für die­se Din­ge in ei­ne ge­wis­se Sym­bo­lik hin­ein. Man sah in den äu­ße­ren Er­eig­nis­sen sym­bo­li­sche An­deu­tun­gen.

So kam her­auf im zwölf­ten Jahr­hun­dert der Mann, der an­fangs des drei­zehn­ten Jahr­hun­derts starb, Joa­chim von Flo­ris, der ei­ne denk­wür­di­ge Er­klär­ung die­ser ge­heim­nis­vol­len Ur­kun­de des Chris­ten­tums gab. Er war näm­lich der An­sicht, daß im Chris­ten­tum ei­ne tie­fe spi­ri­tu­el­le Macht ru­he, daß die­se Macht im­mer mehr und mehr zur Aus­b­rei­tung kom­men müs­se, daß aber das äu­ße­re Chris­ten­tum im­mer die­ses eso­te­ri­sche Chris­ten­tum ve­r­äu­ßer­licht ha­be. Und so kam bei man­chem die An­schau­ung die­ses Man­nes zur Gel­tung, wo­nach in der Papst­kir­che, in die­ser Ve­r­äu­ßer­li­chung der Spi­ri­tua­li­tät des Chris­ten­tums, et­was Antichrist­li­ches, et­was Feind­li­ches zu su­chen sei. Und be­son­ders ge­nährt wur­de in den nächs­ten Jahr­hun­der­ten die­se An­schau­ung da­durch, daß auf den Spi­ri­tua­lis­mus des Chris­ten­tums, auf das ge­müt­lich-geis­ti­ge Ele­ment bei ge­wis­sen Or­den ein ho­her Wert ge­legt wor­den ist. So fand Joa­chim von Flo­ris An­hän­ger inn­er­halb der Krei­se der Fran­zis­ka­ner, die im Paps­te et­was wie die Sym­bo­li­sie­rung des Antichrist sa­hen. Dann ging in der Zeit des Pro­te­s­tan­tis­mus die­se An­schau­ung auf die­je­ni­gen über, die in der Rö­mi­schen Kir­che ei­ne Ab­trün­ni­ge des Chris­ten­tums sa­hen, die inn­er­halb des Pro­te­s­tan­tis­mus die

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Ret­tung des Chris­ten­tums er­blick­ten. Sie sa­hen erst recht im Papst das Sym­bo­lum des Antichrists, und der Papst zahl­te es da­durch heim, daß er wie­der­um in Lu­ther den Antichrist sah.

So ver­stand man die Apo­ka­lyp­se in ei­ner Wei­se, daß je­de Par­tei sie in den Di­enst ih­rer ei­ge­nen An­schau­ung, ih­rer ei­ge­nen Mei­nung rück­te. Die an­de­re Par­tei war im­mer der Antichrist, und die­je­ni­ge, der man selbst an­ge­hör­te, iden­ti­fi­zier­te man mit dem wah­ren Chris­ten­tum. Das ging her­auf bis in die neue­re Zeit, wo der mo­der­ne Ma­te­ria­lis­mus kam, mit dem sich an Grob­heit selbst je­ner Ma­te­ria­lis­mus nicht ver­g­lei­chen läßt, den ich Ih­nen für die ers­ten Jahr­hun­der­te des Chris­ten­tums ge­schil­dert ha­be. Denn da­mals be­stand noch ein spi­ri­tu­el­ler Glau­be, ei­ne ge­wis­se spi­ri­tu­el­le Auf­fas­sung. Die Men­schen konn­ten es nur nicht ver­ste­hen, weil sie kei­ne Ein­ge­weih­ten un­ter sich hat­ten. Es war ein ge­wis­ser spi­ri­tu­el­ler Sinn da, denn wenn man sich auch grob­sinn­lich vor­s­tell­te, daß sich ein We­sen in ei­ner Wol­ke her­ab­sen­ken wür­de, so ge­hör­te doch da­zu ein spi­ri­tu­el­ler Glau­be. Ein sol­ches spi­ri­tu­el­les Le­ben war bei dem gro­ben Ma­te­ria­lis­mus des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts nicht mehr mög­lich. Die Ge­dan­ken, die sich so ein rech­ter Ma­te­ria­list des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts von der Apo­ka­lyp­se macht, kann man et­wa so cha­rak­te­ri­sie­ren: In die Zu­kunft se­hen kann kein Mensch, denn ich selbst kann es nicht. Et­was an­de­res, als was ich se­he, kann ein an­de­rer auch nicht se­hen. Da­von zu re­den, daß es Ein­ge­weih­te gibt, das ist ein al­ter Aber­glau­be. So et­was gibt es nicht. Al­so gilt als Norm das, was ich weiß. Ich se­he kaum das, was in den nächs­ten zehn Jah­ren ge­schieht, al­so kann kein Mensch et­was dar­über aus­sa­gen, was über Jahr­tau­sen­de ge­sche­hen soll. Fol­g­lich muß der, der die Apo­ka­lyp­se ge­schrie­ben hat, wenn er über­haupt als ehr­li­cher Mensch ge­nom­men wer­den will, et­was ge­meint ha­ben, was er schon ge­se­hen hat, denn ich weiß auch nur von dem, was sich schon ab­ge­spielt hat und was durch Do­ku­men­te ver­mit­telt ist. Al­so konn­te auch der Sch­rei­ber der Apo­ka­lyp­se nichts an­de­res se­hen. Was kann er dem­nach er­zäh­len? Nur das, was bis zu ihm ge­sche­hen war. Fol­g­lich ist es selbst­ver­ständ­lich, daß man in den Er­eig­nis­sen der Apo­ka­lyp­se, in den Kon­f­lik­ten

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zwi­schen der gu­ten, der wei­sen, der sc­hö­nen Welt und der häß­li­chen, der törich­ten, der bö­sen Welt, daß man in je­nem dra­ma­ti­schen Ge­gen­über­s­tel­len nichts an­de­res zu se­hen hat als et­was, was der Mann selbst er­lebt hat, was schon ge­sche­hen war. So spricht der mo­der­ne Ma­te­ria­list. Er meint: Der Apo­ka­lyp­ti­ker schil­dert so, wie ich schil­de­re.

Was war denn un­ge­fähr das Sch­reck­lichs­te für ei­nen Chris­ten der ers­ten Jahr­hun­der­te? Die­ses Sch­reck­lichs­te muß­te für ihn sein das Tier, das sich auf­bäumt ge­gen die geis­ti­ge Macht des Chris­ten­tums, ge­gen das wah­re Chris­ten­tum. Un­glück­se­li­ger­wei­se ha­ben nun ei­ni­ge Men­schen die Glo­cken et­was läu­ten hö­ren, ha­ben aber nicht ver­spürt das rich­ti­ge Zu­sam­men­schla­gen.

Inn­er­halb ge­wis­ser eso­te­ri­scher Schu­len hat­te man ei­ne Art von Zah­len­schrift. Ge­wis­se Wor­te, die man nicht in ge­wöhn­li­cher Schrift mit­tei­len woll­te, brach­te man durch Zah­len zum Aus­dru­cke. Und es war ja, wie vie­les an­de­re, so auch et­was von den tie­fen Ge­heim­nis­sen der Apo­ka­lyp­se in Zah­len hin­ein­ge­heim­nißt, be­son­ders je­nes dra­ma­ti­sche Er­eig­nis in die Zahl 666. Man wuß­te, daß man Zah­len in be­son­de­rer Wei­se zu be­han­deln hat, na­ment­lich aber, wenn so gründ­lich dar­auf hin­ge­wie­sen wird wie mit den Wor­ten: «Hier ist 'Weis­heit.» «Die Zahl des Tie­res ist 666.» Bei sol­chen Hin­wei­sen wuß­te man, daß man für Zah­len ge­wis­se Buch­sta­ben ein­zu­set­zen hat, um zu wis­sen, was ge­meint ist. Die­je­ni­gen nun, die et­was ge­hört hat­ten und doch nichts wir­k­lich wuß­ten, ha­ben in ih­rer ma­te­ria­lis­ti­schen An­schau­ung her­aus­ge­kriegt, daß, wenn man statt der Zahl 666 Buch­sta­ben ein­setzt, das Wort «Ne­ro» oder «Cae­sar Ne­ro» her­aus­kommt. Und heu­te kön­nen Sie in ei­nem gro­ßen Teil der Li­te­ra­tur, die sich mit der Ent­hül­lung der Apo­ka­lyp­se be­faßt, le­sen: Da wa­ren früh­er die Leu­te so töricht, daß sie al­les mög­li­che in die­se Stel­le hin­ein­ge­heim­nißt ha­ben, aber jetzt ist das ein ge­lös­tes Pro­b­lem. Jetzt wis­sen wir, daß nichts an­de­res ge­meint ist als Ne­ro, «Cae­sar Ne­ro», und es ist klar, daß die Apo­ka­lyp­se zu ei­ner Zeit ge­schrie­ben wor­den ist, als Ne­ro schon ge­lebt hat­te, und daß der Sch­rei­ber mit all dem hat sa­gen wol­len, daß in Ne­ro der Antichrist auf­ge­t­re­ten sei; daß al­so das,

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was in die­sem dra­ma­ti­schen Ele­ment liegt, ei­ne Stei­ge­rung vor­her­ge­hen­der Ele­men­te ist. Nun darf man nur nach­for­schen, was un­mit­tel­bar vor­her ge­sche­hen ist. Dann kommt man dar­auf, was der Apo­ka­lyp­ti­ker hat schil­dern wol­len. Es wird be­rich­tet, daß in Klei­na­si­en Erd­be­ben statt­ge­fun­den ha­ben, als der Kampf zwi­schen Ne­ro und dem Chris­ten­tum wü­te­te. Al­so sind das die Erd­be­ben, die der Apo­ka­lyp­ti­ker er­wähnt bei der Er­öff­nung der Sie­gel und beim Er­tö­nen der Po­sau­nen. Er spricht auch von Heu­sch­re­cken­pla­gen. Rich­tig, es wird ja mit­ge­teilt, daß zur Zeit der Chris­ten­ver­fol­gung durch Ne­ro auch Heu­sch­re­cken­pla­gen auf­t­ra­ten. Al­so er­zählt er von die­sen. So hat es das neun­zehn­te Jahr­hun­dert da­hin ge­bracht, das tiefs­te Do­ku­ment des Chris­ten­tums zu ver­ma­te­ria­li­sie­ren, da­rin nichts zu se­hen als die Schil­de­rung des­sen, was man eben durch die ma­te­ria­lis­ti­sche Be­trach­tung der Welt fin­den kann. Das soll­te nur ge­sagt wer­den, um an­zu­deu­ten, wie gründ­lich ge­ra­de die­ses tiefs­te, be­deut­sams­te Do­ku­ment des eso­te­ri­schen Chris­ten­tums mißv­er­stan­den wor­den ist.

Und nun­mehr wol­len wir al­les, was über das His­to­ri­sche der Apo­ka­lyp­se zu sa­gen ist, uns für die Zeit auf­spa­ren, wo wir das, was in der Apo­ka­lyp­se liegt, be­grif­fen ha­ben, das heißt, wir wol­len es auf die letz­ten Vor­trä­ge ver­schie­ben. Für den, der sich schon ein we­nig in die An­thro­po­so­phie hin­ein­ge­fun­den hat, kann es kei­nen Zwei­fel dar­über ge­ben, daß schon mit den Ein­lei­tungs­wor­ten der Apo­ka­lyp­se dar­auf hin­ge­wie­sen wird, was sie sein soll. Wir brau­chen uns nur zu er­in­nern, daß es heißt: Der, von dem der In­halt der Apo­ka­lyp­se her­rührt, ist hin­ver­setzt wor­den in ei­ne In­sel-Ein­sam­keit, die von je­her mit ei­ner Art hei­li­ger At­mo­sphä­re durch­drun­gen war, an ei­ne Stät­te al­ter Mys­te­ri­en­kul­tur. Und wenn uns ge­sagt wird, daß der­sel­be, der den In­halt der Apo­ka­lyp­se gibt, im Geis­te war und daß er das, was er gibt, im Geis­te wahr­ge­nom­men hat, so mag uns das zu­nächst ein Hin­weis dar­auf sein, daß der In­halt der Apo­ka­lyp­se ei­nem höhe­ren Be­wußt­s­eins­zu­stand ent­stammt, den der Mensch durch die Ent­wi­cke­lung der in­ne­ren See­len­sc­höp­fungs­fähig­keit er­reicht, durch die Ein­wei­hung. Was man nicht inn­er­halb der Sin­nes­welt se­hen und hö­ren kann, nicht mit äu­ße­ren

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Sin­nen wahr­neh­men kann, ist in der Wei­se, wie es durch das Chris­ten­tum der Welt mit­ge­teilt wer­den konn­te, in der so­ge­nann­ten ge­hei­men Of­fen­ba­rung des Jo­han­nes ent­hal­ten. Al­so die Schil­de­rung ei­ner Ein­wei­hung, ei­ner christ­li­chen Ein­wei­hung ha­ben wir in der Apo­ka­lyp­se des Jo­han­nes vor uns. Wir brau­chen uns nur ein­mal, man möch­te sa­gen, flüch­tig vor die See­le zu ru­fen, was Ein­wei­hung ist. Wir wer­den ja im­mer tie­fer ein­drin­gen in die­ses The­ma, in die Fra­ge: Was geht inn­er­halb der Ein­wei­hung vor? und im­mer tie­fer wer­den wir die Fra­ge be­han­deln: Wie ver­hält sich Ein­wei­hung zu dem In­halt der Apo­ka­lyp­se? Aber wir wer­den zu­nächst et­was wie ei­ne Koh­len­zeich­nung in gro­ben Stri­chen hin­s­tel­len, und dann erst wer­den wir an die Aus­ma­lung der Ein­zel­hei­ten ge­hen.

Ein­wei­hung ist Ent­wi­cke­lung der in je­der See­le schlum­mern­den Kräf­te und Fähig­kei­ten. Will man sich ein Bild da­von ma­chen, wie sie im Rea­len vor sich geht, dann muß man vor al­len Din­gen sich klar vor Au­gen stel­len, wie das Be­wußt­sein des heu­ti­gen nor­ma­len Men­schen ist; dann wird man auch er­ken­nen, wie das Be­wußt­sein des Ein­ge­weih­ten sich un­ter­schei­det von dem des heu­ti­gen Men­schen. Wie ist denn das Be­wußt­sein des nor­ma­len heu­ti­gen Men­schen? Es ist ein wech­seln­des. Zwei ganz ver­schie­de­ne Be­wußt­s­eins­zu­stän­de wech­seln mit­ein­an­der ab, der im Tag­wa­chen und der im nächt­li­chen Schlaf. Das Be­wußt­sein, das wir im Tag­wa­chen ha­ben, be­steht da­rin, daß wir um uns her­um die sinn­li­chen Ge­gen­stän­de wahr­neh­men und sie ver­knüp­fen durch Be­grif­fe, die auch nur durch ein sinn­li­ches Werk­zeug ge­bil­det wer­den kön­nen, durch das men­sch­li­che Ge­hirn. Dann tritt je­de Nacht her­aus aus den nie­d­rigs­ten Glie­dern der men­sch­li­chen We­sen­heit, aus dem phy­si­schen und Äther­leib, der as­tra­li­sche Leib und das Ich, und da­mit ver­sin­ken für das Be­wußt­sein des heu­ti­gen Men­schen die sinn­li­chen Ge­gen­stän­de um ihn her­um in Dun­kel­heit, und nicht nur die­se, denn bis zum Wie­der­auf­wa­chen ist, was man völ­li­ge Be­wußt­lo­sig­keit nennt, vor­han­den. Fins­ter­nis brei­tet sich aus um den Men­schen. Denn der as­tra­li­sche Leib des Men­schen ist heu­te im nor­ma­len Zu­stan­de so or­ga­ni­siert, daß er für sich sel­ber nicht wahr­zu­neh­men ver­mag,

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was in sei­ner Um­ge­bung ist. Er muß In­stru­men­te ha­ben. Die­se In­stru­men­te sind die phy­si­schen Sin­ne. Da­her muß er mor­gens un­ter­tau­chen in den phy­si­schen Leib und sich der sinn­li­chen Werk­zeu­ge be­die­nen. Warum sieht der as­tra­li­sche Leib nichts, wenn er wäh­rend des Nacht­schla­fes in der Geist­welt ist? Warum nimmt er nicht wahr? Aus dem­sel­ben Grun­de, warum ein phy­si­scher Leib, in dem kein Au­ge und kein Ohr wä­re, nicht phy­si­sche Far­ben und phy­si­sche Tö­ne wahr­neh­men könn­te. Der as­tra­li­sche Leib hat kei­ne Or­ga­ne zum Wahr­neh­men in der as­tra­li­schen Welt. Der phy­si­sche Leib war in grau­er Vor­zeit in der­sel­ben La­ge. Er hat­te auch das noch nicht, was spä­ter plas­tisch in ihn hin­ein­ge­ar­bei­tet wor­den ist als Ohr und Au­ge. Die äu­ße­ren Ele­men­te und Kräf­te mei­ßel­ten ihn aus, bil­de­ten ihm die Au­gen und die Oh­ren, und da­mit wur­de die­se Welt für ihn of­fen­bar, die vor­her für ihn auch ge­heim war. Den­ken wir uns ein­mal, es könn­te der as­tra­li­sche Leib, der heu­te in der­sel­ben La­ge ist wie der phy­si­sche Leib früh­er, so be­han­delt wer­den, daß man ihm Or­ga­ne ein­g­lie­der­te in der Wei­se, wie das Son­nen­licht die phy­si­schen Au­gen, wie die ton­vol­le Welt die phy­si­schen Oh­ren plas­tisch hin­ein­ge­ar­bei­tet hat in die wei­che Mas­se des phy­si­schen Men­schen­lei­bes. Den­ken wir uns, in die plas­ti­sche Mas­se des As­tral­lei­bes könn­te man Or­ga­ne hin­ein­ar­bei­ten, dann wür­de der as­tra­li­sche Leib in die­sel­be La­ge kom­men wie der heu­ti­ge phy­si­sche Leib. Dar­um han­delt es sich, daß man in die­sen as­tra­li­schen Leib hin­ein­ar­bei­tet wie ein Plas­ti­ker, der den Ton formt, die Wahr­neh­mung­s­or­ga­ne für die über­sinn­li­che Welt. Das muß das ers­te sein. Wenn der Mensch se­hend wer­den will, muß sein as­tra­li­scher Leib so be­han­delt wer­den wie ei­ne Ton­mas­se von dem Bild­hau­er: Man muß Or­ga­ne hin­ein­ar­bei­ten. Das war in der Tat je­der­zeit das, was in den Ein­wei­hungs­schu­len und in den Mys­te­ri­en ge­tan wur­de. In den as­tra­li­schen Leib wur­den plas­tisch die Or­ga­ne hin­ein­ge­ar­bei­tet.

Wo­rin be­steht nun die Tä­tig­keit, durch wel­che in den as­tra­li­schen Leib plas­tisch hin­ein­ge­ar­bei­tet wer­den die Or­ga­ne? Es könn­te je­mand auf den Ge­dan­ken kom­men, man müs­se doch die­sen Leib erst vor sich ha­ben, be­vor man die Or­ga­ne in ihn hin­ein­ar­bei­ten

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kann. Man könn­te sa­gen: Wenn ich den as­tra­li­schen Leib her­aus­neh­men und vor mir ha­ben könn­te, dann könn­te ich die Or­ga­ne hin­ein­ar­bei­ten. Das wä­re nicht der rich­ti­ge Weg, und das ist vor al­len Din­gen nicht der Weg der mo­der­nen Ein­wei­hung. Ge­wiß, ein Ein­ge­weih­ter, der im­stan­de ist, in den geis­ti­gen Wel­ten zu le­ben, könn­te, wenn in der Nacht der as­tra­li­sche Leib drau­ßen ist, wie ein Bild­hau­er hin­ein­ar­bei­ten die Or­ga­ne. Aber das hie­ße mit dem Men­schen et­was vor­neh­men, wo­von er selbst nichts weiß, das hie­ße in sei­ne Frei­heits­sphä­re ein­g­rei­fen, mit Aus­sch­lie­ßung sei­nes Be­wußt­seins. Wir wer­den se­hen, warum das schon seit län­ge­rer Zeit und ins­be­son­de­re in der heu­ti­gen Zeit nie­mals ge­sche­hen darf. Des­halb muß­te auch schon in sol­chen eso­te­ri­schen Schu­len wie in der py­tha­go­räi­schen oder alt­ä­gyp­ti­schen Schu­le al­les ver­mie­den wer­den, wo­durch die Ein­ge­weih­ten et­wa von au­ßen ge­ar­bei­tet hät­ten an dem as­tra­li­schen Leib, der aus dein phy­si­schen und Äther­lei­be des Ein­zu­wei­hen­den her­aus­ge­nom­men war. Das muß­te schon beim ers­ten An­g­rei­fen der Sa­che weg­b­lei­ben. Es muß­te eben der ers­te Schritt zur Ein­wei­hung un­ter­nom­men wer­den am Men­schen in der ganz ge­wöhn­li­chen phy­si­schen Welt, in der­sel­ben Welt, wo der Mensch mit sei­nen phy­si­schen Sin­nen wahr­nimmt. Aber wie das ma­chen, da ja doch ge­ra­de das phy­si­sche Wahr­neh­men, als es in der Er­de­ne­vo­lu­ti­on ein­t­rat, ei­nen Sch­lei­er über die geis­ti­ge Welt ge­zo­gen hat, die der Mensch früh­er, wenn auch bei dump­fem Be­wußt­sein, hat wahr­neh­men kön­nen, wie al­so von der phy­si­schen Welt aus auf den as­tra­li­schen Leib wir­ken?

Da müs­sen wir uns vor die See­le füh­ren, wie es ist mit die­sem ge­wöhn­li­chen sinn­li­chen Wahr­neh­men des Ta­ges. Was ge­schieht denn, wäh­rend der Mensch tags­über wahr­nimmt? Den­ken Sie ein­mal an Ihr täg­li­ches Le­ben, ver­fol­gen Sie es von Schritt zu Schritt. Bei je­dem Schritt drin­gen Ein­drü­cke der Au­ßen­welt an Sie heran. Sie neh­men sie wahr, Sie se­hen, hö­ren, rie­chen und so wei­ter. Die Ein­drü­cke bei die­ser oder je­ner Ar­beit stür­men den gan­zen Tag an Sie heran, Sie ver­ar­bei­ten sie mit Ih­rem In­tel­lekt. Der Dich­ter, der nicht selbst ein In­spi­rier­ter ist, durch­dringt sie mit sei­ner Phan­ta­sie. Das ist al­les wahr. Aber al­les dies kann zu­nächst nicht da­zu

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füh­ren, daß das Über­sinn­lich-Geis­ti­ge, das hin­ter dem Sinn­li­chen und Ma­te­ri­el­len ist, dem Men­schen zum Be­wußt­sein kommt. Warum kommt es ihm nicht zum Be­wußt­sein? Weil die­se gan­ze Tä­tig­keit, die der Mensch ge­gen­über der Um­welt aus­übt, dem as­tra­li­schen Leib des Men­schen, so wie er heu­te sei­ner ei­gent­li­chen We­sen­heit nach ist, nicht ent­spricht. Da­mals, als in ur­fer­ner Ver­gan­gen­heit der as­tra­li­sche Leib, der dem Men­schen ei­gen war, die Bil­der der as­tra­li­schen Wahr­neh­mun­gen auf­s­tei­gen sah, je­ne Bil­der von Lust und Leid, von Sym­pa­thie und An­ti­pa­thie, da wa­ren die in­ne­ren Im­pul­se vor­han­den, die geis­ti­gen Im­pul­se, die im Men­schen auf­s­tei­gen lie­ßen, was Or­ga­ne form­te. Die­se sind er­tö­tet wor­den da­mals, als der Mensch fähig wur­de, al­le Ein­flüs­se von au­ßen auf sich zu­s­trö­men zu las­sen. Heu­te ist es nicht mög­lich, daß aus all den Ein­drü­cken, die der Mensch wäh­rend des Ta­ges er­hält, im as­tra­li­schen Leib et­was bleibt, was bild­sam, plas­tisch für ihn ist.

Der Vor­gang des Wahr­neh­mens ist so: Den gan­zen Tag über kom­men die. Ein­drü­cke der Au­ßen­welt an uns heran. Die­se wir­ken durch die phy­si­schen Sin­ne auf den Äther­leib und as­tra­li­schen Leib, bis sie dem Ich be­wußt wer­den. Im as­tra­li­schen Leib drü­cken sich die Wir­kun­gen des­sen aus, was auf den phy­si­schen Leib aus­ge­übt wird. Wenn Licht­ein­drü­cke statt­fin­den, so emp­fängt das Au­ge Ein­drü­cke. Der Licht­ein­druck gibt ei­nen Ein­druck auf den Äther- und As­tral­leib, und das Ich wird sich die­ses Ein­dru­ckes be­wußt. So ver­hält es sich auch mit den Ein­drü­cken auf das Ohr und die an­de­ren Sin­ne. Die­ses gan­ze Ta­ges­le­ben wirkt da­her den gan­zen Tag über auf den As­tral­kör­per ein. Der As­tral­kör­per ist im­mer tä­tig un­ter der Ein­wir­kung der Au­ßen­welt. Jetzt tritt er abends her­aus. Da hat er in sich kei­ne Kräf­te, um die Ein­drü­cke be­wußt wer­den zu las­sen, die jetzt in sei­ner Um­ge­bung sind. Die al­ten Kräf­te des Wahr­neh­mens in der ur­fer­nen Ver­gan­gen­heit sind er­tö­tet wor­den beim ers­ten Wahr­neh­men der ge­gen­wär­ti­gen Sin­nes­welt. In der Nacht hat er kei­ne Kräf­te, weil das gan­ze Ta­ges­le­ben un­ge­eig­net ist, et­was im as­tra­li­schen Leib zu­rück­zu­las­sen, was bil­dend auf den As­tral­leib wir­ken könn­te. Al­le Din­ge, wie Sie sie rings­her­um an­schau­en, üben Wir­kun­gen bis auf den As­tral­leib aus. Aber was da be­wirkt

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wird, ist nicht in der La­ge, Ge­stal­tun­gen zu schaf­fen, die zu as­tra­len Or­ga­nen wer­den könn­ten. Das muß der ers­te Schritt der Ein­wei­hung sein: den Men­schen wäh­rend des Ta­ges­le­bens et­was tun zu las­sen, in sei­ner See­le sich et­was ab­spie­len zu las­sen, was fort­wirkt, wenn der as­tra­li­sche Leib in der Nacht her­aus­ge­zo­gen wird aus dem phy­si­schen und Äther­leib. Al­so den­ken Sie sich, bild­lich ge­spro­chen, es wür­de, wäh­rend der Mensch bei vol­lem Be­wußt­sein ist, ihm et­was ge­ge­ben, was er zu tun hät­te, was er ab­spie­len las­sen soll­te und was so ge­wählt wä­re, so ge­g­lie­dert, daß es nicht auf­hör­te zu wir­ken, wenn der Tag vor­über ist. Den­ken Sie sich die­se Wir­kung als ei­nen Ton, der fort­k­lingt, wenn der As­tral­leib her­aus ist; die­ses Fort­k­lin­gen wä­ren dann die Kräf­te, die nun an dem as­tra­li­schen Leib so wirk­ten, so plas­tisch ar­bei­te­ten, wie einst­mals die äu­ße­ren Kräf­te am phy­si­schen Kör­per ge­ar­bei­tet ha­ben. Das war im­mer der ers­te Schritt der Ein­wei­hung: den Men­schen wäh­rend des Ta­ges­le­bens et­was tun zu las­sen, was nach­k­lingt im Nacht­le­ben. Al­les das, was man ge­nannt hat Me­di­ta­ti­on, Kon­zen­t­ra­ti­on und die sons­ti­gen Übun­gen, die der Mensch vor­ge­nom­men hat wäh­rend sei­nes Ta­ges­le­bens, sie sind nichts an­de­res als Ver­rich­tun­gen der See­le, die nicht in ih­ren Wir­kun­gen ers­ter­ben, wenn der As­tral­leib her­aus­geht, son­dern die nach­k­lin­gen und in der Nacht zu bil­den­den Kräf­ten wer­den im as­tra­li­schen Leib.

Das nennt man die Rei­ni­gung des As­tral­lei­bes, die Rei­ni­gung von dem, was dem As­tral­leib nicht an­ge­mes­sen ist. Das war der ers­te Schritt, der auch die Kathar­sis ge­nannt wur­de, die Rei­ni­gung. Sie war noch kei­ne Ar­beit in über­sinn­li­chen Wel­ten. Sie be­stand in Übun­gen der See­le, die der Mensch tags­über mach­te, wie ei­ne Trai­nie­rung der See­le. Sie be­stand in der An­eig­nung ge­wis­ser Le­bens­for­men, ge­wis­ser Le­bens­ge­sin­nun­gen, ei­ner ge­wis­sen Art, das Le­ben zu be­han­deln, so daß es nach­k­lin­gen konn­te, und das ar­bei­te­te am as­tra­li­schen Leib, bis er sich um­ge­wan­delt hat­te, bis sich Or­ga­ne in ihm ent­wi­ckelt hat­ten.

Wenn der Mensch so weit war, daß die­se Or­ga­ne aus dem as­tra­li­schen Leib her­aus­ge­g­lie­dert wa­ren, dann war das nächs­te, daß al­les das, was so in den as­tra­li­schen Leib hin­ein­ge­stal­tet wor­den

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war, sich im Äther­leib ab­druck­te. Wie sich die Schrift ei­nes Pet­schaft ab­druckt im Sie­gel­lack, so muß­te sich al­les, was in den As­tral­leib hin­ein­ge­ar­bei­tet war, im Äther­leib ab­dru­cken. Die­ses Ab­dru­cken ist der nächs­te Schritt der Ein­wei­hung: Er­leuch­tung nann­te man das. Denn da­mit war zu glei­cher Zeit ein be­deu­tungs­vol­ler Mo­ment in der Ein­wei­hung ge­kom­men. Da trat ei­ne geis­ti­ge Welt in der Um­welt des Men­schen auf, so wie vor­her die sinn­li­che Welt da war. Die­se Stu­fe ist zu glei­cher Zeit cha­rak­te­ri­siert da­durch, daß die Vor­gän­ge der äu­ße­ren geis­ti­gen Welt sich nicht so aus­drü­cken, wie es die phy­sisch-sinn­li­chen Din­ge tun, son­dern in Bil­dern. Die geis­ti­ge Welt drückt sich auf die­ser Stu­fe der Er­leuch­tung zu­erst in Bil­dern aus. Der Mensch sieht Bil­der. Den­ken Sie an den al­ten Ein­ge­weih­ten, von dem ich ges­tern an­ge­deu­tet ha­be, daß er die Volks­grup­pen­see­le ge­se­hen hat. Wenn er so weit war, dann sah er die­se Grup­pen­see­le, zu­nächst in Bil­dern. Den­ken wir zum Bei­spiel an ei­nen Ein­ge­weih­ten, wie Eze­chiel ei­ner war. Als die Er­leuch­tung für ihn be­gann, tra­ten ihm geis­ti­ge We­sen­hei­ten als Volks-, als Grup­pen­see­len ent­ge­gen. Er fühl­te sich in ih­rer Mit­te. Grup­pen­see­len in Form vier sym­bo­li­scher Tie­re tra­ten ihm ent­ge­gen.

So kam in be­deu­tungs­vol­len Bil­dern zu­nächst die geis­ti­ge Welt an den Men­schen heran. Das war die ers­te Stu­fe. Dann folg­te das Wei­ter­hin­ein­le­ben in den Äther­leib. Dem, was zu­nächst wie ein Sie­ge­l­ab­druck vor­han­den war, folg­te ein wei­te­res Hin­ein­le­ben in den Äther­leib. Da be­ginnt zu den Bil­dern hin­zu­zu­t­re­ten das, was man die Sphä­ren­mu­sik ge­nannt hat. Die höhe­re geis­ti­ge Welt wird als Ton wahr­ge­nom­men. Der höhe­re Ein­ge­weih­te be­ginnt, nach­dem er durch die Er­leuch­tung die geis­ti­ge Welt in Bil­dern wahr­ge­nom­men hat, geis­tig hin­zu­lau­schen auf je­ne Tö­ne, die für das geis­ti­ge Ohr wahr­nehm­bar sind. Dann kommt man an die spä­te­re Um­wand­lung des Äther­lei­bes, und da tritt uns in ei­ner noch höhe­ren Sphä­re noch et­was an­de­res ent­ge­gen. Tö­ne kön­nen Sie noch hö­ren, wenn Sie zum Bei­spiel hier ei­nen Wand­schirm ha­ben und hin­ter ihm ein Mensch spricht, den Sie nicht se­hen. So et­wa ist es mit der geis­ti­gen Welt. Zu­erst tritt sie in Bil­dern auf, dann tönt

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sie her­über, und es fällt die letz­te Hül­le weg so­zu­sa­gen wie wenn wir ei­nen Schirm weg­tä­ten, hin­ter dem der Mensch steht und spricht: Wir se­hen den Men­schen selbst : Wir se­hen die geis­ti­ge Welt selbst, die We­sen der geis­ti­gen Welt. Zu­erst neh­men wir wahr die Bil­der, dann die Tö­ne, dann die We­sen und end­lich das Le­ben die­ser We­sen. Man kann ja oh­ne­dies das, was als Bil­der in der so­ge­nann­ten ima­gi­na­ti­ven Welt ist, nur an­deu­ten, in­dem man Bil­der aus der sinn­li­chen Welt als Sym­bo­le ge­braucht. Man kann nur ei­ne Vor­stel­lung von der Sphä­ren­har­mo­nie ge­ben durch Ver­g­lei­che mit der sinn­li­chen Mu­sik. Was läßt sich nun ver­g­lei­chen mit dem we­sen­haf­ten Aus­druck auf der drit­ten Stu­fe? Da­mit läßt sich nur ver­g­lei­chen das, was heu­te das In­ners­te des Men­schen aus­macht, sein Wir­ken im Sin­ne des gött­li­chen Wel­ten­wol­lens. Wirkt der Mensch im Sin­ne des Wil­lens je­ner geis­ti­gen We­sen­hei­ten, die un­se­re Welt vor­wärts­brin­gen, dann wird das We­sen in ihm die­sen We­sen ähn­lich wer­den, dann wird er wahr­neh­men in die­ser Sphä­re. Das, was in ihm wi­der­st­rebt der Wel­te­ne­vo­lu­ti­on, was die Welt zu­rück­hält in ih­rem Fort­schritt, das nimmt er wahr als et­was, was aus­ge­schal­tet wer­den muß in die­ser Welt, was wie ei­ne letz­te Hül­le fal­len muß.

So nimmt der Mensch erst ei­ne Bil­der­welt wahr als den sym­bo­li­schen Aus­druck der geis­ti­gen Welt, dann ei­ne Welt der Sphä­ren­har­mo­nie als den sym­bo­li­schen Aus­druck ei­ner höhe­ren geis­ti­gen Sphä­re, dann ei­ne Welt von geis­ti­gen We­sen­hei­ten, von de­nen er heu­te nur da­durch sich ei­ne Vor­stel­lung ma­chen kann, daß er sie mit dem In­ners­ten sei­nes ei­ge­nen We­sens ver­g­leicht, mit dem, was in ihm wirkt im Sin­ne der gu­ten Kräf­te oder aber im Sin­ne der bö­sen geis­ti­gen Kräf­te.

Die­se Stu­fen macht der Ein­zu­wei­hen­de durch und die­se Stu­fen sind ge­treu­lich ab­ge­bil­det in der Apo­ka­lyp­se des Jo­han­nes. Aus­ge­gan­gen wird da von der phy­si­schen Welt. Ge­sagt wird das­je­ni­ge, was zu­nächst zu sa­gen ist mit den Mit­teln der phy­si­schen Welt, in den sie­ben Brie­fen. Was man inn­er­halb der phy­si­schen Kul­tur tun will, was man de­nen sa­gen will, die in der phy­si­schen Welt wir­ken, man sagt es ih­nen in Brie­fen. Denn das Wort, das im Brie­fe aus-

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ge­drückt wird, das kann inn­er­halb der sinn­li­chen Welt sei­ne Wir­kung tun. Die ers­te Stu­fe gibt Sym­bo­le, die be­zo­gen wer­den müs­sen auf das, was sie in der geis­ti­gen Welt aus­drü­cken: Nach den sie­ben Brie­fen kommt die Welt der sie­ben Sie­gel, die Welt der Bil­der, der ers­ten Stu­fe der Ein­wei­hung. Dann kommt die Welt der Sphä­ren­har­mo­nie, die Welt, wie sie der­je­ni­ge wahr­nimmt, der geis­tig hö­ren kann. Sie ist dar­ge­s­tellt in den sie­ben Po­sau­nen. Die nächs­te Welt, wo der Ein­ge­weih­te We­sen­hei­ten wahr­nimmt, ist dar­ge­s­tellt durch das, was als We­sen­hei­ten auf die­ser Stu­fe auf­tritt und was ab­st­reift die Scha­len der Kräf­te, die den gu­ten ge­gen­tei­lig sind. Das Ge­gen­teil der gött­li­chen Lie­be ist der gött­li­che Zorn. Die wah­re Ge­stalt der gött­li­chen Lie­be, die die Welt vor­wärts­bringt, wird in die­ser drit­ten Sphä­re wahr­ge­nom­men von de­nen, die für die phy­si­sche Welt ab­ge­st­reift ha­ben die sie­ben Zor­nes­scha­len.

So wird der Ein­zu­wei­hen­de stu­fen­wei­se hin­auf­ge­führt die Ein­wei­hungs­sphä­ren. In den sie­ben Brie­fen der Apo­ka­lyp­se des Jo­han­nes ha­ben wir das, was den sie­ben Ka­te­go­ri­en der phy­si­schen Welt ge­hört, in den sie­ben Sie­geln, was der as­tra­lisch-ima­gi­na­ti­ven Welt ge­hört, in den sie­ben Po­sau­nen das, was der de­vacha­ni­schen höhe­ren Welt ge­hört, und in den sie­ben Zor­nes­scha­len das, was ab­ge­wor­fen wer­den muß, wenn der Mensch sich er­he­ben will in das höchs­te Geis­ti­ge, das zu­nächst für un­se­re Welt zu er­rei­chen ist, weil die­ses höchs­te Geis­ti­ge noch mit un­se­rer Welt zu­sam­men­hängt.

Nur die äu­ße­re Struk­tur woll­ten wir heu­te hin­s­tel­len von dem, was die Apo­ka­lyp­se des Jo­han­nes ist. Flüch­ti­ge und we­ni­ge Stri­che sind es, die uns hin­deu­ten konn­ten dar­auf, daß die Apo­ka­lyp­se ein Ein­wei­hungs­buch ist. Mor­gen wer­den wir da­ran ge­hen, die ers­ten Schrit­te zur Aus­füh­rung die­ser flüch­ti­gen Zeich­nung zu ma­chen.

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ZWEITER VORTRAG, Nürnberg, 19. Juni 1908

In ei­ner Art Ein­lei­tung ha­ben wir ges­tern den Geist der Apo­ka­lyp­se des Jo­han­nes im all­ge­mei­nen cha­rak­te­ri­siert. Wir ver­such­ten ei­ni­ge gro­ße Richt­li­ni­en hin­zu­s­tel­len, durch die uns klar­wer­den kann, daß in die­ser Apo­ka­lyp­se das­je­ni­ge ge­schil­dert ist, was man nen­nen kann ei­ne christ­li­che Ein­wei­hung oder ei­ne christ­li­che In­i­tia­ti­on. Es wird heu­te mei­ne Auf­ga­be sein, Ih­nen das We­sen der Ein­wei­hung oder In­i­tia­ti­on im all­ge­mei­nen dar­zu­s­tel­len, Ih­nen zu schil­dern, was vor­geht im Men­schen, wenn er durch die Ein­wei­hung in die La­ge ver­setzt wer­den soll, sel­ber hin­ein­zu­schau­en in je­ne geis­ti­gen Wel­ten, die hin­ter den sinn­li­chen Wel­ten lie­gen, und es wird fer­ner mei­ne Auf­ga­be sein, in ei­ni­gen grö­ße­ren Zü­gen zu schil­dern, wel­cher Art die Er­leb­nis­se inn­er­halb der Ein­wei­hung sind. Denn nur da­durch, daß wir uns ein we­nig ge­nau­er ein­las­sen auf das We­sen der Ein­wei­hung, nur da­durch kön­nen wir die­se be­deu­ten­de re­li­giö­se Ur­kun­de der Apo­ka­lyp­se nach und nach zu un­se­rem Ver­ständ­nis brin­gen.

Zu­nächst müs­sen wir noch ein­mal die bei­den Be­wußt­s­eins­zu­stän­de des Men­schen ge­nau be­trach­ten, al­so je­nen Be­wußt­s­eins­zu­stand, der vom Mor­gen, wenn der Mensch auf­wacht, dau­ert bis zum Abend, wenn er ein­schläft, und den an­de­ren Be­wußt­s­eins­zu­stand, der mit dem Ein­schla­fen be­ginnt und mit dem Auf­wa­chen en­digt. Wir ha­ben uns oft vor die See­le ge­führt, daß der Mensch, so wie er uns in sei­ner heu­ti­gen Ge­stalt ent­ge­gen­tritt, zu­nächst ei­ne vier­fa­che We­sen­heit ist, daß er be­steht aus dem phy­si­schen Leib, dem Äther­leib, dem as­tra­li­schen Leib und dem Ich. In der äu­ße­ren Form er­schei­nen dem hell­se­hen­den Be­wußt­sein die­se vier Glie­der so, daß zu­nächst, wie ei­ne Art Kern, in der Mit­te der phy­si­sche Men­schen­leib ist. Las­sen Sie uns nur ganz sche­ma­tisch die Sa­che vor un­se­re Au­gen stel­len (es wird ge­zeich­net). Die­ser phy­si­sche Leib ist durch­drun­gen wäh­rend des Ta­ges von dem so­ge­nann­ten

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Äther­leib, der nur ganz we­nig, zu­nächst um den Kopf her­um, wie ein hel­ler Licht­schein her­vor­ragt, der aber den Kopf ganz durch­dringt. Wei­ter nach un­ten wird der Äther- oder Le­bens­leib im­mer ne­bel­haf­ter und un­deut­li­cher, und je mehr wir uns den un­te­ren Glie­dern des Men­schen näh­ern, des­to we­ni­ger zeigt er die Form des phy­si­schen Lei­bes in so st­ren­gem Sin­ne.

Die­se zwei Glie­der der men­sch­li­chen We­sen­heit sind nun wie­der­um bei Ta­ge ein­ge­hüllt von dem, was wir den as­tra­li­schen Leib nen­nen, der nach al­len Sei­ten wie ein El­lip­so­id, wie ei­ne Ei­form her­aus­ragt und in sei­ner Grund­form leuch­ten­de Strah­len hat, die ei­gent­lich so aus­se­hen, wie wenn sie von au­ßen nach in­nen lau­fen und von au­ßen nach in­nen den Men­schen durch­drin­gen wür­den. In die­sen As­tral­leib sind hin­ein­ge­zeich­net ei­ne Un­sum­me von ver­schie­de­n­er­lei Fi­gu­ren, al­le mög­li­chen Ar­ten von Li­ni­en und Strah­len, man­che blitz­ar­tig, man­che in son­der­ba­ren Win­dun­gen. Das al­les um­gibt in den man­nig­fal­tigs­ten Lich­t­er­schei­nun­gen den Men­schen. Der as­tra­li­sche Leib ist der Aus­druck sei­ner Lei­den­schaf­ten, sei­ner In­s­tink­te, Trie­be und Be­gier­den, aber auch al­ler sei­ner Ge­dan­ken und Vor­stel­lun­gen. In die­sem as­tra­li­schen Leib sieht das hell­se­he­ri­sche Be­wußt­sein al­les ab­ge­bil­det, was man see­li­sche Er­leb­nis­se nennt, von dem nie­ders­ten Trie­be an bis hin­auf zum höchs­ten sitt­li­chen Idea­le. Und dann ha­ben wir das vier­te Glied der men­sch­li­chen We­sen­heit, das man so zeich­nen möch­te, als ob et­was Strah­len he­r­ein­sen­det an den Punkt, der et­wa ei­nen Zenti­me­ter hin­ter der Stir­ne liegt. Das wür­de die sche­ma­ti­sche Dar­stel­lung des vier­g­lie­d­ri­gen Men­schen sein. Wir wer­den im Lau­fe die­ser Vor­trä­ge se­hen, wie sich die ein­zel­nen Tei­le im Gan­zen aus­neh­men.

Das al­so ist der Mensch wäh­rend des Ta­ges, vom Mor­gen, wenn er auf­wacht, bis zum Abend, wenn er ein­schläft. Abends nun, wenn er ein­schläft, blei­ben im Bet­te lie­gen der phy­si­sche und der Äther­leib, und es zeigt sich ei­ne Art Her­aus­strö­men des­sen, was wir als den as­tra­li­schen Leib be­zeich­net ha­ben. Das «Her­aus­strö­men» ist et­was un­ge­nau aus­ge­drückt. Ei­gent­lich ist es, wie wenn ei­ne Art Ne­bel sich bil­de­te, so daß wir al­so in der Nacht den aus dem

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phy­si­schen und äthe­ri­schen Leib her­aus­ge­gan­ge­nen as­tra­li­schen Leib wie ei­ne Art von spi­ra­li­gem Ne­bel um den Men­schen her­um se­hen, wäh­rend­dem das vier­te Glied der men­sch­li­chen We­sen­heit nach der ei­nen Sei­te hin fast ganz ver­schwin­det, das heißt ins Un­be­stimm­te ver­läuft. Der nach un­ten ver­lau­fen­de Teil des As­tral­lei­bes ist nur sehr schwach zu se­hen, der obe­re Teil wird als der her­aus­ge­t­re­te­ne as­tra­li­sche Leib an­ge­spro­chen.

Nun ha­ben wir schon ges­tern be­tont, was für den Men­schen zu ge­sche­hen hat, wenn er die Ein­wei­hung emp­fan­gen soll. Wenn der Mensch sich nur mit dem be­schäf­tigt, wo­mit sich die Men­schen in un­se­rem Zei­tal­ter ge­mei­nig­lich be­fas­sen, so kann er kei­ne Ein­wei­hung er­hal­ten. Der Mensch muß so vor­be­rei­tet wer­den, daß er wäh­rend des ge­wöhn­li­chen Ta­ges­le­bens je­ne Übun­gen macht, die ihm von den Ein­ge­weih­ten­schu­len vor­ge­schrie­ben wer­den, Me­di­ta­ti­on, Kon­zen­t­ra­ti­on und so wei­ter. Die­se Übun­gen sind im Grun­de ge­nom­men in be­zug auf ih­re Be­deu­tung für den Men­schen bei al­len Ein­wei­hungs­schu­len die­sel­ben. Sie sind nur in­so­fern ein we­nig von­ein­an­der ver­schie­den, als sie, je wei­ter wir zu­rück­ge­hen in die vor­christ­li­chen Ein­wei­hungs­schu­len, mehr dar­auf ge­rich­tet sind, das Den­ken, die Denk­kräf­te zu üben, zu trai­nie­ren. Je mehr wir uns den christ­li­chen Zei­ten näh­ern, des­to mehr sind sie dar­auf ge­rich­tet, die Ge­müts­kräf­te zu schu­len, und je näh­er wir den neue­ren Zei­ten kom­men, des­to mehr se­hen wir, wie in den so­ge­nann­ten Ro­sen­k­reu­zer­schu­lun­gen, durch die For­de­run­gen und Be­dürf­nis­se der Mensch­heit be­dingt, ei­ne be­son­de­re Art der Wil­lens­kul­tur, der Wil­lens­übun­gen ein­ge­führt wird. Wenn auch die Me­di­ta­tio­nen zu­nächst ähn­li­che sind wie in den an­de­ren vor­christ­li­chen Schu­len, so herrscht doch übe­rall auf dem Grun­de der Ro­sen­k­reu­zer­übun­gen ei­ne be­son­de­re Schu­lung des Wil­lens­e­le­men­tes. Wor­auf es aber an­kommt und was eben­so er­reicht wur­de durch die Übun­gen der ori­en­ta­li­schen Mys­te­ri­en­schu­lung, wie bei der ägyp­ti­schen und der py­tha­go­räi­schen Schu­le und so wei­ter, und was auch die Wir­kung je­ner Übun­gen aus­macht, die vor­zugs­wei­se von der Me­di­ta­ti­on des Jo­han­nes-Evan­ge­li­ums aus­ge­hen, das ist, daß auf den Men­schen wäh­rend des Ta­ges­le­bens, wenn auch nur

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durch kur­ze Zeit, mei­net­we­gen nur fünf oder fünf­zehn Mi­nu­ten, so ge­wirkt wird, daß die Wir­kung auch dann bleibt, wenn je­ner Zu­stand beim schla­fen­den Men­schen ein­tritt, wo der as­tra­li­sche Leib her­aus­geht. Bei ei­nem Men­schen, der sol­che, sa­gen wir, ok­kul­te Übun­gen macht, bei dem zeigt nach und nach der as­tra­li­sche Leib in der Nacht die man­nig­fal­tigs­ten Ve­r­än­de­run­gen. Er weist an­de­re Lich­t­er­schei­nun­gen auf, er zeigt je­ne plas­ti­sche Glie­de­rung der Or­ga­ne, von der wir schon ge­spro­chen ha­ben; und dann wird das im­mer deut­li­cher und deut­li­cher. Der as­tra­li­sche Leib be­kommt nach und nach ei­ne in­ne­re Or­ga­ni­sa­ti­on, wie sie der phy­si­sche Leib in sei­nen Au­gen, Oh­ren und so wei­ter hat.

Das wür­de aber noch im­mer nicht da­hin füh­ren, viel zu schau­en, ins­be­son­de­re nicht beim heu­ti­gen Men­schen. Al­ler­dings, ei­ni­ges nimmt der Mensch schon wahr, wenn sei­ne in­ne­ren Or­ga­ne ei­ne Wei­le aus­ge­bil­det sind. Dann be­ginnt er, wäh­rend des Schla­fes ein Be­wußt­sein zu ha­ben. Geis­ti­ge Um­wel­ten däm­mern her­aus aus der sons­ti­gen all­ge­mei­nen Fins­ter­nis. Was da der Mensch wahr­neh­men kann, was na­ment­lich in den äl­te­ren Zei­ten der Mensch wahr­ge­nom­men hat, denn heu­te ist es schon sel­te­ner, das sind wun­der­ba­re Bil­der pflanz­li­chen Le­bens. Das sind die pri­mi­tivs­ten Er­run­gen­schaf­ten des Hell­se­her­tums. Wo früh­er nur die Fins­ter­nis der Be­wußt­lo­sig­keit war, steigt et­was wie ein traum­haft Le­ben­di­ges, aber Wir­k­li­ches von ei­ner Art Pflan­zen­ge­bil­de auf. Und vie­les von dem, was Ih­nen ge­schil­dert ist in den My­tho­lo­gi­en der al­ten Völ­ker, ist auf die­se Art ge­se­hen wor­den. Wenn ge­schil­dert wird in Sa­gen, daß Wo­tan, Wi­le und We ei­nen Baum am Stran­de fan­den und daß sie dar­aus den Men­schen ge­bil­det ha­ben, so weist das dar­auf hin, daß es zu­erst in ei­nem sol­chen Bil­de ge­schaut wor­den ist. In al­len My­tho­lo­gi­en kön­nen Sie die­se pri­mi­ti­ve Art des Schau­ens, des pflanz­li­chen Schau­ens wahr­neh­men. Die Schil­de­rung ei­nes sol­chen Schau­ens ist auch das Pa­ra­dies, na­ment­lich mit sei­nen bei­den Bäu­men der Er­kennt­nis und des Le­bens; das ist das Er­geb­nis die­ses as­tra­li­schen Schau­ens. Und nicht um­sonst wird Ih­nen in der Ge­ne­sis sel­ber an­ge­deu­tet, daß das Pa­ra­dies und das, was über­haupt in dem Be­ginn der bib­li­schen Dar­stel­lung ge­schil­dert wird,

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ge­schaut wor­den ist. Man muß nur erst die Bi­bel le­sen ler­nen, dann wird man schon ver­ste­hen, wie tief und be­deut­sam sie die­sen ge­heim­nis­vol­len Zu­stand fest­hält in ih­ren Schil­de­run­gen. So wie man heu­te lehrt über das Pa­ra­dies, über den Be­ginn der Bi­bel, hat man früh­er nicht ge­lehrt. Da hat man hin­ge­wie­sen dar­auf: Adam ver­fiel in ei­nen Schlaf und das war je­ner Schlaf, so sag­te man den ers­ten Chris­ten, in wel­chem Adam rück­schau­end die Er­schei­nun­gen wahr­nahm, die im Be­gin­ne der Ge­ne­sis ge­schil­dert wer­den. Erst heu­te glaubt man, daß sol­che Wor­te wie «Adam ver­fiel in ei­nen Schlaf» zu­fäl­lig da­ste­hen. Sie ste­hen nicht zu­fäl­lig da. Je­des Wort in der Bi­bel ist von ei­ner tie­fen Be­deu­tung, und erst der­je­ni­ge kann die Bi­bel ver­ste­hen, der je­des ein­zel­ne Wort zu wür­di­gen weiß.

Das ist al­so das Ers­te. Dann aber muß­te in den vor­christ­li­chen Mys­te­ri­en noch et­was Be­son­de­res ein­t­re­ten. Wenn der Mensch al­so lan­ge Zeit hin­durch und das dau­er­te sehr lan­ge sei­ne Übun­gen ge­macht hat­te, wenn er das un­ge­fähr auf­ge­nom­men hat­te, was nö­t­ig war, um Ord­nung zu schaf­fen in sei­ner See­le, wenn er in sich auf­ge­nom­men hat­te das, was wir et­wa heu­te An­thro­po­so­phie nen­nen, dann wur­de er zu­letzt der ei­gent­li­chen al­ten In­i­tia­ti­on teil­haf­tig. Wo­rin be­stand die­se al­te Ein­wei­hung?

Es ge­nügt nicht, daß im as­tra­li­schen Leib die Or­ga­ne aus­ge­bil­det wer­den. Sie müs­sen sich ab­dru­cken im Äther­leib. Wie das Pet­schaft sei­ne Buch­sta­ben ab­druckt im Sie­gel­lack, so müs­sen die Or­ga­ne des as­tra­li­schen Lei­bes ab­ge­druckt wer­den im Äther­leib. Zu die­sem Zwe­cke wur­de in al­ten Ein­wei­hun­gen der ein­zu­wei­hen­de Schü­ler in ei­ne ganz be­son­de­re La­ge ge­bracht. Er wur­de näm­lich drei­ein­halb Ta­ge hin­durch in ei­nen tod­ähn­li­chen Zu­stand ge­bracht. Wir wer­den im­mer mehr er­ken­nen, daß je­ner Zu­stand heu­te nicht mehr durch­ge­führt wer­den kann und darf, son­dern daß man jetzt an­de­re Mit­tel der Ein­wei­hung hat. Ich schil­de­re jetzt die vor­christ­li­che Ein­wei­hung. In die­ser wur­de der Ein­zu­wei­hen­de durch drei­ein­halb Ta­ge von dem, der das ver­stand, in ei­nen tod­ähn­li­chen Zu­stand ge­bracht. Ent­we­der wur­de er in ei­ne Art klei­nen Ge­ma­ches ge­legt, in ei­ne Art Gr­ab. Da ruh­te er in ei­nem Zu­stand von To­des­schlaf. Oder aber er wur­de in ei­ner be­son­de­ren La­ge an ein Kreuz

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ge­bun­den mit aus­ge­st­reck­ten Hän­den, denn das för­dert das Ein­t­re­ten je­nes Zu­stan­des, den man er­zie­len woll­te.

Wir wis­sen aus den man­nig­fal­tigs­ten Vor­trä­gen, daß der Tod beim Men­schen da­durch ein­tritt, daß der Äther­leib mit dem as­tra­li­schen Leib und dem Ich her­aus­geht und nur der phy­si­sche Leib zu­rück­b­leibt. Da tritt et­was im To­de ein, was nie­mals sonst zwi­schen Ge­burt und Tod im re­gel­mä­ß­i­gen Ver­lauf des Le­bens ein­ge­t­re­ten ist. Der Äther­leib hat nie­mals, auch im tiefs­ten Schla­fe nicht, den phy­si­schen Leib ver­las­sen, son­dern war im­mer da­r­in­nen. Im To­de ver­läßt der Äther­leib den phy­si­schen Leib. Wäh­rend je­nes to­de­s­ähn­li­chen Zu­stan­des nun ver­ließ we­nigs­tens ein Teil des Äther­lei­bes auch den phy­si­schen Leib, so daß al­so ein Teil des Äther­lei­bes, der sonst da­r­in­nen war, in die­sem Zu­stand sich drau­ßen be­fand. Man schil­dert das, wie Sie wis­sen, in mehr exo­te­ri­schen Vor­trä­gen da­durch, daß man sagt, der Äther­leib wer­de her­aus­ge­zo­gen. Das ist nicht ei­gent­lich der Fall. Aber die­se fei­nen Un­ter­schei­dun­gen kön­nen wir erst jetzt ma­chen. So al­so ha­ben wir wäh­rend die­ser drei­ein­halb Ta­ge, wäh­rend wel­cher der Pries­ter-In­i­tia­tor den Ein­zu­wei­hen­den wohl über­wach­te, den Men­schen in ei­nem Zu­stan­de, daß nur sein un­te­rer Teil mit dem Äther­leib ve­r­ei­nigt war. Das ist der Mo­ment, wo sich der as­tra­li­sche Leib mit all dem, was er an Or­ga­nen in sich aus­ge­bil­det hat, ab­druckt im Äther­lei­be. In die­sem Mo­ment tritt die Er­leuch­tung ein. Wenn der Ein­zu­wei­hen­de nach drei­ein­halb Ta­gen er­weckt wur­de, dann war bei ihm das ein­ge­t­re­ten, was man die Er­leuch­tung nennt, das­je­ni­ge, was fol­gen muß­te auf die Rei­ni­gung, die bloß in der Aus­bil­dung der Or­ga­ne des as­tra­li­schen Lei­bes be­steht. Jetzt war der Schü­ler ein Wis­sen­der in der geis­ti­gen Welt. Was er früh­er ge­se­hen hat­te, war nur ei­ne Vor­stu­fe des Schau­ens. Die­se Welt, die aus ei­ner Art von Ge­bil­den be­stand, die vor­zugs­wei­se Pflan­zen nach­bil­de­te, sie er­gänz­te sich jetzt durch we­sent­lich neue Ge­bil­de.

Nun kom­men wir da­hin, ge­nau­er zu cha­rak­te­ri­sie­ren, was der Ein­ge­weih­te an­fing zu schau­en. Jetzt, wo er bis zur Er­leuch­tung ge­führt war, da war es ihm klar, wenn er er­weckt wur­de, daß er et­was ge­se­hen hat­te, was er vor­her nie­mals in sein Wis­sen hat­te

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auf­neh­men kön­nen. Was hat­te er denn ge­se­hen? Was konn­te er sich in ge­wis­ser Be­zie­hung als be­deut­sa­mes Er­in­ne­rungs­bild sei­nes Schau­ens vor die See­le ru­fen? Wenn wir uns klar­ma­chen wol­len, was der Be­tref­fen­de ge­se­hen hat­te, dann müs­sen wir ein we­nig hin­bli­cken auf die Ent­wi­cke­lung des Men­schen. Wir müs­sen uns er­in­nern, daß erst all­mäh­lich der Mensch je­nen Grad in­di­vi­du­el­len Be­wußt­seins be­kom­men hat­te, den er heu­te hat. Daß er in ei­ner sol­chen Wei­se zu sich Ich sa­gen kann, wie er es heu­te tut, das war nicht im­mer der Fall. Wir brau­chen nur zu­rück­zu­ge­hen in die Zeit, als die Che­rus­ker, He­ru­ler und so wei­ter in den Ge­gen­den wohn­ten, wo heu­te die Deut­schen le­ben. Da fühl­te sich der ein­zel­ne nicht als Ein­zel­men­schen-Ich, son­dern als Glied sei­nes Stam­mes. Wie die Fin­ger sich nicht füh­len als et­was für sich Be­ste­hen­des, so fühl­te der ein­zel­ne Che­rus­ker nicht in der Wei­se, daß er zu sich un­be­dingt Ich sag­te. Das Ich war das Ich des gan­zen Stam­mes. Der Stamm stell­te ei­nen Or­ga­nis­mus dar, und zu­sam­men­ge­hö­ri­ge Grup­pen von Men­schen, die in der Bluts­ver­wandt­schaft ver­bun­den wa­ren, hat­ten so­zu­sa­gen ei­ne ge­mein­schaft­li­che Ich-See­le. 'Wie heu­te Ih­re zwei Ar­me zu Ih­rem Ich ge­hö­ren, so wa­ren Sie selbst Glie­der ei­ner grö­ße­ren Ge­mein­schaft in je­nen Zei­ten.

Das ist ja noch deut­lich aus­ge­spro­chen bei dem Vol­ke, das sich be­kennt zum Al­ten Te­s­ta­men­te. Da fühl­te sich als ein Glied des Vol­kes je­der ein­zel­ne. Es ist so, daß der ein­zel­ne nicht im höchs­ten Sin­ne von sich sprach, wenn er das ge­wöhn­li­che Ich aus­sprach, son­dern daß er et­was Tie­fe­res fühl­te, wenn er sag­te: «Ich und der Va­ter Abra­ham sind eins.» Denn für ihn ging bis Abra­ham hin­auf ein ge­wis­ses Ich-Be­wußt­sein, das durch al­le Ge­ne­ra­tio­nen von Abra­ham bis zum ein­zel­nen her­un­ter­kam. Was bluts­ver­wandt war, das war in ei­nem Ich be­sch­los­sen. Es war wie ei­ne ge­mein­sa­me Ich-Grup­pen­see­le, die das gan­ze Volk um­faß­te, und die­je­ni­gen, die die Din­ge durch­schau­ten, sag­ten sich: Das, was wir­k­lich un­ser in­ners­tes, un­ver­gäng­li­ches We­sen aus­macht, das wohnt nicht im ein­zel­nen, das wohnt im gan­zen Vol­ke. Al­le ein­zel­nen Glie­der ge­hö­ren zu die­sem ge­mein­sa­men Ich. Da­her war sich auch je­der sol­cher Be­ken­ner klar: Stirbt er, dann ve­r­ei­nigt er sich mit ei­ner un­sicht-

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ba­ren We­sen­heit, die hin­auf­geht bis zum Va­ter Abra­ham. Wir­k­lich fühl­te der ein­zel­ne, daß er hin­auf­kam in den Schoß Abra­hams. Da fühl­te er sich wie im Un­ver­gäng­li­chen ge­bor­gen in der Grup­pen­see­le des Vol­kes. Die­se Grup­pen­see­le des gan­zen Vol­kes konn­te nicht her­un­ter­s­tei­gen auf den phy­si­schen Plan. Da sa­hen sie nur ein­zel­ne Men­schen­ge­stal­ten. Aber die wa­ren ih­nen nicht die Wir­k­lich­keit, son­dern die Wir­k­lich­keit war in der geis­ti­gen Welt. Sie ahn­ten, daß das, was durch das Blut fließt, das Gött­li­che sei. Und weil sie den Gott se­hen muß­ten in Je­ho­va, nann­ten sie die­ses Gött­li­che Jah­ve, oder auch sein Ant­litz: Mi­cha­el. Als geis­ti­ge Grup­pen­see­le des Vol­kes be­trach­te­ten sie Jah­ve.

Der ein­zel­ne Mensch hier konn­te die­se geis­ti­gen We­sen­hei­ten nicht se­hen. Der Ein­ge­weih­te, der den gro­ßen Mo­ment er­leb­te, wo der as­tra­li­sche Leib in den Äther­leib hin­ein­ge­druckt wur­de, der be­kam zu­erst die wich­tigs­ten Grup­pen­see­len zu schau­en. Wenn wir näm­lich zu­rück­schau­en in die al­ten Zei­ten der Mensch­heit, so fin­den wir übe­rall, daß das ge­gen­wär­ti­ge Ich sich her­aus­ent­wi­ckelt hat aus sol­chem Grup­pen­be­wußt­sein, Grup­pen-Ich, so daß für den Se­her, wenn er zu­rück­schaut, die ein­zel­nen Men­schen im­mer mehr zu­sam­men­strö­men in die Grup­pen­see­len. Nun gibt es haupt­säch­lich vier Ty­pen von Grup­pen­see­len, vier Ur­bil­der von Grup­pen­see­len. Wenn man al­le ver­schie­de­nen Grup­pen­see­len der ver­schie­de­nen See­len nimmt, so ha­ben sie ei­ne ge­wis­se Ähn­lich­keit, aber auch Ver­schie­den­hei­ten. Teilt man sie ein, so er­hält man vier Grup­pen, vier Ur­bil­der. Man be­kommt sie deut­lich zu se­hen, wenn man hell­se­he­risch zu­rück­schaut in je­ne Zeit, als der Mensch noch nicht im Flei­sche war, noch nicht her­ab­ge­s­tie­gen war auf die Er­de. Denn jetzt müs­sen wir uns ge­nau­er dar­s­tel­len den Mo­ment, wo der Mensch her­ab­ge­s­tie­gen ist ins Fleisch aus den geis­ti­gen Re­gio­nen. Wir kön­nen die­sen Mo­ment nur in gro­ßen Sym­bo­len schil­dern.

Ein­mal gab es ei­ne Zeit, wo un­se­re Er­de ei­ne viel wei­che­re Ma­te­rie hat­te als heu­te, wo noch nicht Fels und Stein so ver­fes­tigt wa­ren wie heu­te, wo die Pflan­zen­for­men noch an­ders aus­sa­hen, wo das Gan­ze wie ein Ur­meer in Wass­er­höh­len ein­ge­bet­tet war, wo Luft und Was­ser nicht ge­schie­den wa­ren, wo von all den We­sen,

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die heu­te auf der Er­de woh­nen, Tie­re und Pflan­zen im Was­ser aus­ge­bil­det wa­ren. Als die mi­ne­ra­li­schen We­sen an­fin­gen ih­re heu­ti­ge Form zu be­kom­men, da konn­te man sa­gen: Der Mensch trat aus der Un­sicht­bar­keit her­vor. So stell­te er sich dem Ein­zu­wei­hen­den dar. Au­ßen mit ei­ner Art von Scha­le um­ge­ben, stieg er aus den Re­gio­nen her­un­ter, die heu­te die Luft­re­gio­nen sind. Der Mensch war noch nicht dicht phy­sisch da, als das Tier schon im Fleisch vor­han­den war. Er war ei­ne fei­ne Luft­we­sen­heit, selbst in den le­mu­ri­schen Zei­ten noch. Und er hat sich so her­aus­ge­g­lie­dert, daß sich das hell­se­he­ri­sche Bild dar­s­tellt mit den vier Grup­pen­see­len: auf der ei­nen Sei­te wie ein Löw­en­bild, auf der an­de­ren wie das Bild ei­nes Stie­res, oben wie das ei­nes Ad­lers, und in der Mit­te un­ten et­was, was schon men­sche­n­ähn­lich ist. So zeigt sich das hell­se­he­ri­sche Bild. So kommt aus dem Dun­kel des Geis­ter­lan­des her­aus der Mensch. Und das, was ihn an Kraft aus­ge­bil­det hat, das er­scheint in ei­ner Art Re­gen­bo­gen­bil­dung. Die mehr phy­si­schen Kräf­te um­ge­ben die gan­ze Bil­dung die­ses Men­schen wie ein Re­gen­bo­gen. Man muß auf den ver­schie­dens­ten Ge­bie­ten und in der ver­schie­dens­ten Wei­se die­ses Men­sch­wer­den schil­dern. Jetzt wird es ge­schil­dert, wie es dem For­scher im Rück­blick er­scheint: wie die­se vier Grup­pen­see­len sich her­aus­ge­stal­tet ha­ben aus dem ge­mein­sa­men Gött­lich-Men­sch­li­chen, das her­un­ter­s­teigt. Man hat von je­her die­sen Mo­ment sym­bo­lisch in die Form ge­bracht, die Sie auf dem zwei­ten der so­ge­nann­ten sie­ben ok­kul­ten Sie­gel dar­ge­s­tellt fin­den. Das ist die sym­bo­li­sche Dar­stel­lung, sie ist aber mehr als ein blo­ßes Sym­bo­lum. Da ha­ben Sie her­aus­kom­mend aus dem un­be­stimm­ten Geis­ti­gen die­se vier Grup­pen­see­len, den Re­gen­bo­gen rings­her­um und ei­ne Zwölf­zahl. Wir müs­sen auch ver­ste­hen, was die­se Zwölf­zahl be­deu­tet.

Wenn Sie das her­aus­kom­men se­hen, was eben ge­schil­dert wor­den ist, so ha­ben Sie hell­se­he­risch das Ge­fühl: Das ist von et­was um­ge­ben, was ganz an­de­rer We­sen­heit und Art ist als das, was da her­au­s­tritt aus dem un­be­stimm­ten Geis­ti­gen. Und das, wo­von es um­ge­ben ist, das sym­bo­li­sier­te man in al­ten Zei­ten in dem Tier­kreis, in den zwölf Zei­chen des Tier­k­rei­ses. Der Mo­ment des Ein-

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tre­tens in das Hell­se­hen ist noch mit man­cher­lei an­de­ren Er­leb­nis­sen ver­knüpft. Das ers­te, was der, des­sen Äther­leib her­au­s­tritt, wahr­nimmt, ist: er kommt sich vor, wie wenn er grö­ß­er und grö­ß­er wür­de und sich aus­dehn­te über das, was er da wahr­nimmt. Es kommt der Mo­ment, wo der Ein­ge­weih­te sich sagt: Ich se­he nicht bloß die­se vier Ge­stal­ten, son­dern ich bin da drin­nen, ich ha­be mein We­sen dar­über aus­ge­dehnt. Er iden­ti­fi­ziert sich da­mit. Er nimmt das wahr, was durch die zwölf Stern­bil­der, durch die Zwölf­zahl sym­bo­li­siert wird. Was sich da aus­dehnt rings­her­um um das, was sich ent­hüllt, das wer­den wir am bes­ten ver­ste­hen, wenn wir uns wie­der da­ran er­in­nern, daß un­se­re Er­de frühe­re Ver­kör­pe­run­gen durch­ge­macht hat. Wir wis­sen ja: Be­vor die Er­de Er­de wur­de, ging sie durch den Zu­stand des Sa­turns, dann durch den der Son­ne, dann durch den des Mon­des, und dann erst wur­de sie Er­de im heu­ti­gen Sin­ne. Das war not­wen­dig. Denn nur da­durch war es mög­lich, daß auf der heu­ti­gen Er­de die We­sen­hei­ten her­aus­ka­men, die eben her­aus­ge­kom­men sind. Die muß­ten sich all­mäh­lich durch sol­che Ver­wand­lungs­for­men hin­durch­ar­bei­ten.

Wenn wir al­so in ur­fer­ne Ver­gan­gen­heit zu­rück­bli­cken, so schau­en wir auf den ers­ten Zu­stand un­se­rer Er­de, den des al­ten Sa­turns, der im An­fan­ge sei­nes Da­seins noch nicht ein­mal leuch­te­te. Er war ei­ne Art Wär­m­e­zu­stand. Sie hät­ten ihn nicht so se­hen kön­nen wie ei­ne glän­zen­de Ku­gel, son­dern wenn Sie sich dem Sa­turn ge­näh­ert hät­ten, wür­den Sie in ei­nen wär­me­ren Raum hin­ein­ge­kom­men sein, weil er eben bloß in ei­nem Wär­m­e­zu­stand war.

Nun könn­te man fra­gen: Hat denn mit dem Sa­turn das Welt­wer­den be­gon­nen? Ha­ben nicht an­de­re Zu­stän­de vi­el­leicht erst das her­bei­ge­führt, was Sa­turn ge­wor­den ist? Gin­gen dem Sa­turn nicht noch an­de­re Ver­kör­pe­run­gen voran? Es wür­de schwer sein, vor den Sa­turn zu­rück­zu­ge­hen, weil näm­lich erst beim Sa­turn et­was be­ginnt, oh­ne das wir gar nicht hin­ter den Sa­turn zu­rück­ge­hen kön­nen. Mit dem Sa­turn be­ginnt näm­lich erst das, was wir Zeit nen­nen. Vor­her gab es an­de­re For­men des Seins, das heißt, ei­gent­lich kön­nen wir gar nicht von vor­her sp­re­chen, weil noch kei­ne

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Zeit da war. Die Zeit hat auch ein­mal an­ge­fan­gen. Vor dem Sa­turn gab es kei­ne Zeit, da gab es nur Ewig­keit, Dau­er. Da war al­les gleich­zei­tig. Daß die Vor­gän­ge ein­an­der fol­gen, das trat erst mit dem Sa­turn ein. In der­je­ni­gen Wel­ten­la­ge, wo nur Ewig­keit, Dau­er ist, da gibt es auch kei­ne Be­we­gung. Denn zur Be­we­gung ge­hört Zeit. Da gibt es kei­nen Um­lauf, da ist Dau­er und Ru­he, wie man auch sagt im Ok­kul­tis­mus: Da ist se­li­ge Ru­he in der Dau­er. Das ist der Aus­druck da­für. Se­li­ge Ru­he in der Dau­er ging dem Sa­turn­zu­stand voran. Die Be­we­gung der Wel­ten­kör­per trat erst mit dem Sa­turn ein, und man faß­te die Bahn, die an­ge­deu­tet wird durch die zwölf Zei­chen des Tier­k­rei­ses, als An­zei­chen da­für auf. Und wäh­rend ein Pla­net in ei­nem sol­chen Stern­bil­de lief, sprach man von ei­ner Wel­ten­stun­de. Man be­trach­te­te das als ei­ne Wel­ten­stun­de. Zwölf Wel­ten­stun­den, Tag­stun­den zwölf und Nacht­stun­den zwölf! Ei­nem je­den Wel­ten­kör­per, dem Sa­turn, der Son­ne und dem Mon­de wird zu­ge­zählt ei­ne Au­f­ein­an­der­fol­ge von Wel­ten­stun­den, die sich zu Wel­ten­ta­gen grup­pie­ren, und zu­letzt so, daß von die­sen zwölf Zei­träu­men sie­ben äu­ßer­lich wahr­nehm­bar sind und fünf mehr oder we­ni­ger äu­ßer­lich un­wahr­nehm­bar ver­lau­fen. Man un­ter­schei­det da­her sie­ben Sa­turn­k­reis­läu­fe oder sie­ben gro­ße Sa­turn­ta­ge und fünf gro­ße Sa­turn­näch­te. Sie kön­nen auch sa­gen, fünf Ta­ge und sie­ben Näch­te, denn der ers­te und letz­te Tag sind Däm­me­rungs­ta­ge. Man ist ge­wohnt, sol­che sie­ben Kreis­läu­fe, sie­ben Wel­ten­ta­ge «Man­van­ta­ra» zu nen­nen und die fünf Wel­ten­näch­te «Prala­ya». Wenn man es ganz ent­sp­re­chend un­se­rer Zei­ten­zäh­lung ha­ben will, dann zählt man je zwei pla­ne­ta­ri­sche Zu­stän­de zu­sam­men, al­so Sa­turn und Son­ne, Mond und Er­de. Dann er­hält man je vier­und­zwan­zig Kreis­läu­fe. Die­se vier­und­zwan­zig Kreis­läu­fe bil­den wich­ti­ge Epo­chen in der Wel­ten­dar­stel­lung, und die­se vier­und­zwan­zig Epo­chen denkt man sich ge­re­gelt durch We­sen­hei­ten im Wel­te­nall, die Ih­nen in der Apo­ka­lyp­se als die vier­und­zwan­zig Äl­tes­ten an­ge­deu­tet wer­den, die vier­und­zwan­zig Reg­ler der Wel­te­n­um­läu­fe, der Wel­ten­zei­ten. Auf dem Sie­gel­bild sind sie an­ge­deu­tet als die Wel­ten­uhr. Die ein­zel­nen Zif­fern der Uhr sind hier nur un­ter­bro­chen durch die Dop­pel­kro­nen der Äl­tes­ten, um an­zu­deu­ten,

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daß das die Zei­ten­kö­n­i­ge sind, weil sie die Um­läu­fe der Wel­ten­kör­per re­geln. (Sie­he das zwei­te Sie­gel­bild.)

So sieht der Ein­ge­weih­te zu­nächst zu­rück in die­ses Bild der Vor­zeit. Nun aber müs­sen wir uns fra­gen: Warum sieht der Ein­ge­weih­te die­ses Bild? Weil in die­sem Bil­de sym­bo­lisch-as­tra­lisch dar­ge­s­tellt wer­den die Kräf­te, die in sei­ner heu­ti­gen Ge­stalt den men­sch­li­chen Äther­leib und da­nach den phy­si­schen ge­bil­det ha­ben. Wie das ist, kön­nen Sie sich leicht den­ken. Den­ken Sie sich, der Mensch liegt im Bet­te, ver­läßt mit sei­nem As­tral­leib und Ich den phy­si­schen Leib und Äther­leib. Nun ge­hö­ren aber zum phy­si­schen Leib und Äther­leib, wie sie heu­te sind, zum heu­ti­gen phy­si­schen Men­schen­leib und Äther­leib der as­tra­li­sche Leib und das Ich. Für sich kann die­ser phy­si­sche Leib und kann die­ser Äther­leib nicht be­ste­hen. Sie sind so ge­wor­den, weil ih­nen der as­tra­li­sche Leib und das Ich ein­ge­g­lie­dert sind. Nur ein phy­si­scher Leib, in dem kein Blut fließt und kein Ner­ven­sys­tem ist, kann oh­ne as­tra­li­schen Leib und Ich sein. Des­halb kann die Pflan­ze oh­ne as­tra­li­schen Leib und Ich sein, weil sie kein Blut und kein Ner­ven­sys­tem hat. Denn das Ner­ven­sys­tem hängt zu­sam­men mit dem as­tra­li­schen Leib und das Blut mit dem Ich. Kein We­sen hat im phy­si­schen Leib ein Ner­ven­sys­tem, das nicht durch­drun­gen ist von ei­nem as­tra­li­schen Lei­be, und kein We­sen hat im phy­si­schen Lei­be ein Blut­sys­tem, in das nicht das Ich ein­ge­zo­gen ist. Den­ken Sie, was Sie je­de Nacht tun. Sie ver­las­sen schnö­de Ih­ren phy­si­schen und Äther­leib und über­las­sen sie mit dem Blut- und Ner­ven­sys­tem sich sel­ber. Wenn es bloß auf Sie an­kä­me, wür­de in je­der Nacht da­durch, daß Sie Ihr Ner­ven- und Blut­sys­tem ver­las­sen, der phy­si­sche Leib zu­grun­de ge­hen müs­sen. Er wür­de in dem­sel­ben Au­gen­bli­cke ster­ben, wo der as­tra­li­sche Leib und das Ich den phy­si­schen und den Äther­leib ver­las­sen. Aber der hell­se­hen­de Blick sieht, wie dann an­de­re We­sen­hei­ten, höhe­re geis­ti­ge We­sen­hei­ten ihn aus­fül­len. Er sieht, wie sie in ihn hin­ein­ge­hen und das tun, was der Mensch in der Nacht eben nicht tut: das Blut- und Ner­ven­sys­tem ver­sor­gen. Das sind die­sel­ben We­sen­hei­ten aber, wel­che den Men­schen, so­weit er aus ei­nem phy­si­schen und Äther­leib be­steht, ge­schaf­fen ha­ben; nicht

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bloß heu­te, von In­kar­na­ti­on zu In­kar­na­ti­on. Es sind die glei­chen We­sen­hei­ten, die auf dem al­ten Sa­turn die ers­te An­la­ge des phy­si­schen Lei­bes ent­ste­hen lie­ßen und die auf der Son­ne den Äther­leib her­aus­ge­bil­det ha­ben. Die­se We­sen­hei­ten, die ge­wal­tet ha­ben vom Ur­be­ginn des Sa­turn- und Son­nen­da­seins an im phy­si­schen und Äther­leib, sie wal­ten in ihm je­de Nacht, wäh­rend der Mensch schläft und den phy­si­schen und den Äther­leib schnö­de ver­läßt, so­zu­sa­gen sie dem To­de preis­gibt; sie drin­gen hin­ein und ver­sor­gen sein Ner­ven- und Blut­sys­tem.

Da­her ist es auch be­g­reif­lich, daß in dem Mo­ment, wo der As­tral­leib den Äther­leib be­rührt, um sich in ihm ab­zu­dru­cken, daß, da der Mensch von die­sen Kräf­ten, die ihn ge­bil­det ha­ben, durch­drun­gen ist, daß er da das Bild die­ser Kräf­te sieht, die in dem zwei­ten Sie­gel sym­bo­li­siert sind. Was ihn er­hält und zu­sam­men­hän­gend macht mit dem gan­zen kos­mi­schen Wel­tall, das leuch­tet auf in die­sem Mo­ment der Ein­wei­hung. Er sieht das­je­ni­ge, was die bei­den Glie­der sei­ner We­sen­heit, den phy­si­schen und den Äther­leib, ge­bil­det hat, was sie je­de Nacht in ih­rem Le­ben auf­recht er­hält. Er selbst aber hat noch kei­nen An­teil da­ran, denn er kann noch nicht in die­se bei­den Glie­der sei­nes We­sens hin­ein­ar­bei­ten. Dem Men­schen nach wür­de der phy­si­sche und der Äther­leib, die in der Nacht im Bet­te lie­gen, zum Pflan­zen­da­sein ver­dammt sein, denn er über­läßt bei­de sich selbst. Da­her ist für den Men­schen der Schlaf­zu­stand ein un­be­wuß­ter, wie ihn die Pflan­ze im­mer hat.

Wie steht es nun mit dem, was wäh­rend des Schla­fes her­aus­ge­rückt ist beim ge­wöhn­li­chen Men­schen, wie steht es mit dem as­tra­li­schen Leib und dem Ich? Die­se sind ja auch nicht be­wußt in der Nacht. Beim ge­wöhn­li­chen Men­schen wird wäh­rend des Nacht­schla­fes nichts inn­er­halb des as­tra­li­schen Lei­bes er­fah­ren. Aber den­ken Sie jetzt ein­mal, Sie üb­ten die sie­ben Stu­fen der Jo­han­nes-Ein­wei­hung, die­se be­deu­tungs­vol­len Mo­men­te der christ­li­chen Ge­müts­ein­wei­hung. Dann wür­de für Sie nicht bloß das auf­t­re­ten, was bis­her ge­schil­dert wor­den ist. Ganz ab­ge­se­hen da­von, daß Sie bei der Be­rüh­rung des as­tra­li­schen Lei­bes mit dem Äther­lei­be hell­se­he­ri­sche Kraft ent­wi­ckeln kön­nen, wür­de noch et­was

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an­de­res auf­t­re­ten. Der Mensch wird sich be­wußt der see­li­schen Ei­gen­hei­ten, der see­lisch-men­sch­li­chen Ei­gen­schaf­ten der as­tra­li­schen Welt und der de­vacha­ni­schen Welt, aus der er ei­gent­lich her­aus­ge­bo­ren ist sei­ner See­le nach. Und es tritt zu die­sem Bil­de ein noch höhe­res Sym­bo­lum, das die gan­ze Welt zu er­fül­len scheint. Zu die­sem Sym­bo­lum der al­ten Ein­wei­hung tritt für den, der durch die Jo­han­nes-Ein­wei­hungs­stu­fen geht, et­was hin­zu, was am bes­ten durch das ers­te Sie­gel dar­ge­s­tellt wird. Als ei­ne hell­se­he­ri­sche Er­schei­nung sieht er den Pries­ter­kö­n­ig mit gol­de­nem Gür­tel, mit Fü­ß­en, die aus Me­tall­guß zu be­ste­hen schei­nen, das Haupt be­deckt mit Haa­ren wie von wei­ßer Wol­le, aus dem Mun­de ein feu­ri­ges Schwert flam­mend und in der Hand die sie­ben Wel­tens­ter­ne: Sa­turn, Son­ne, Mond, Mars, Mer­kur, Ju­pi­ter, Ve­nus.

Die Ge­stalt, die in der Mit­te auf dem zwei­ten Sie­gel­bild ist, war in der al­ten Ein­wei­hung nur als die fünf­te der Grup­pen­see­len an­ge­deu­tet. Sie ist das, was in der Mensch­heit der al­ten Zeit erst in der Keim­an­la­ge vor­han­den war und erst in der christ­li­chen Ein­wei­hung her­aus­ge­kom­men ist als das, was man auch als Men­schen­sohn be­zeich­net, der die sie­ben Ster­ne be­herrscht, wenn er völ­lig in sei­ner wah­ren Ge­stalt vor dem Men­schen auf­tritt.

So al­so soll uns durch die­se zu­nächst sym­bo­li­sche Art der Dar­stel­lung vor al­len Din­gen klar sein, daß man das­je­ni­ge, was beim heu­ti­gen Men­schen als Tren­nung der ver­schie­de­nen Glie­der auf­tritt phy­si­scher und Äther­leib auf der ei­nen Sei­te, as­tra­li­scher Leib und Ich auf der an­de­ren, so be­han­deln kann, daß bei­des so­zu­sa­gen zur Ein­wei­hung sein Stück bei­tra­gen kann, zu­nächst durch die Ein­wei­hungs­form bei der Be­rüh­rung des as­tra­li­schen Lei­bes mit dem Äther­leib, wo die vier Grup­pen­see­len auf­leuch­ten, dann bei der Be­hand­lung des As­tral­lei­bes, so daß die­ser im be­son­de­ren se­hend wird. Früh­er war ein ei­gent­li­ches Se­hen in der über­sinn­li­chen Welt höchs­tens bis zu ei­ner Art pflanz­li­cher Durch­le­bung der Welt ge­kom­men. Durch die christ­li­che Ein­wei­hung ist das ge­ge­ben, was ei­ne höhe­re Ein­wei­hungs­stu­fe im as­tra­li­schen Leib be­deu­tet und was sym­bo­lisch an­ge­deu­tet wird durch das zwei­te Bild.

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Da ha­ben Sie die bei­den Din­ge aus dem Ein­wei­hung­s­prin­zip her­aus sel­ber ge­schil­dert, die Sie an der Spit­ze der Apo­ka­lyp­se ge­schil­dert fin­den. Nur hat der Apo­ka­lyp­ti­ker sie in um­ge­kehr­ter Rei­hen­fol­ge ge­schil­dert, und dies mit Recht. Er hat ge­schil­dert zu­erst das Ge­sicht des Men­schen­soh­nes, das Ge­sicht des­sen, der da ist, der da war und der da sein wird, und dann das an­de­re. Bei­de sind Sym­bo­le für das, was der Ein­ge­weih­te wäh­rend der Ein­wei­hung er­lebt.

So ha­ben wir vor un­se­re See­le tre­ten las­sen, was in ge­wis­sen Fäl­len der Ein­wei­hung ge­schieht und zu­nächst er­lebt wird. Mor­gen wol­len wir zu den Ein­zel­hei­ten wei­ter­sch­rei­ten die­ser rea­len wir­k­li­chen Er­leb­nis­se, und wir wer­den sie sich spie­geln se­hen in der gran­dio­sen Dar­stel­lung der Apo­ka­lyp­se des Jo­han­nes.

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DRITTER VORTRAG, Nürnberg, 20. Juni 1908

Ges­tern konn­ten wir am En­de un­se­rer Be­trach­tung hin­wei­sen auf das, was spe­zi­fisch christ­li­che und was spä­te­re, al­so et­wa christ­lich-ro­sen­k­reu­ze­ri­sche Ein­wei­hung zu­nächst in ei­nem gro­ßen be­deut­sa­men Sym­bo­lum gibt. Wir ha­ben auf die Be­deu­tung die­ses Sym­bo­l­ums hin­ge­wie­sen, die­ses Ein­wei­hungs­zei­chens, das man auch als den Men­schen­sohn be­zeich­net, der die sie­ben Ster­ne in sei­ner rech­ten Hand hat, der das schar­fe zwei­schnei­di­ge Schwert hat in sei­nem Mun­de. Wir ha­ben ge­se­hen, daß die­se Ein­wei­hung den Men­schen in ei­nem ge­wis­sen höhe­ren Gra­de se­hend macht inn­er­halb sei­nes Ich und sei­nes as­tra­li­schen Lei­bes, au­ßer­halb des phy­si­schen und des Äther­lei­bes. Wir wer­den al­les dies noch ge­nau­er be­sp­re­chen.

Durch ei­ne je­g­li­che Ein­wei­hung aber ge­langt der Mensch da­zu, das, was man nur mit geis­ti­gem Bli­cke, mit geis­ti­gen Au­gen über­schau­en kann, was nur für das über­sinn­li­che Wahr­neh­men durch­sich­tig ist, das nun wir­k­lich zu über­schau­en, zu er­ken­nen. Nun ge­hört zu dem ers­ten und wich­tigs­ten, was der im christ­li­chen Sin­ne Ein­zu­wei­hen­de zu er­ken­nen hat, die Ent­wi­cke­lung der Mensch­heit in un­se­rem Zei­tal­ter, da­mit ein je­der im höhe­ren Ma­ße die Auf­ga­ben des Men­schen ein­se­hen kann. Denn al­les, was höhe­re Er­kennt­nis, was höhe­re Voll­kom­men­heit dem Men­schen ge­ben soll, hängt mit der Fra­ge zu­sam­men: Was bin ich und wo­zu bin ich be­stimmt in un­se­rem Zei­tal­ter? Die Be­ant­wor­tung die­ser Fra­ge ist es, die zu­nächst von gro­ßer Wich­tig­keit ist.

Je­de Ein­wei­hungs­stu­fe führt auf ei­nen er­höh­ten Stand­punkt der men­sch­li­chen Be­trach­tung. Schon in der ers­ten Stun­de konn­ten wir ja dar­auf hin­wei­sen, wie stu­fen­wei­se der Mensch hin­auf­geht, zu­erst in das, was wir die ima­gi­na­ti­ve Welt nen­nen, wo er im christ­li­chen Sin­ne die sie­ben Sie­gel er­ken­nen lernt, dann bis zu dem, was wir die in­spi­rier­te Er­kennt­nis nen­nen, wo er die «Po­sau­nen» hört, und end­lich zu ei­ner noch höhe­ren Stu­fe, wo er die wah­re Be­deu­tung

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und We­sen­heit der Geist­we­sen zu durch­schau­en ver­mag, die Stu­fe der so­ge­nann­ten Zor­nes­scha­len. Jetzt aber müs­sen wir so­zu­sa­gen ei­ne be­stimm­te Ein­wei­hungs­stu­fe ins Au­ge fas­sen. Wir den­ken uns den Men­schen ge­ra­de bis zu je­ner Stu­fe der Ein­wei­hung ge­langt, wo das mit ihm ge­sche­hen ist, was am Schluß des letz­ten Vor­tra­ges ge­schil­dert wur­de. Wir den­ken uns ihn ge­ra­de an der Gren­ze, wo ihm, zwi­schen den feins­ten We­sen­hei­ten un­se­rer phy­si­schen Welt und der nächst­höhe­ren, der as­tra­li­schen Welt, ge­stat­tet ist, wie auf ei­nem Gip­fel zu ste­hen und her­un­ter­zu­schau­en. Was kann der Mensch auf die­sem ers­ten Gip­fel der Ein­wei­hung er­schau­en?

Tafelzeichnung aus GA 104, S. 67
Tafelzeichnung aus GA 104, S. 67

Da sieht er im Geis­te al­les das, was ge­sche­hen ist, sei­ner in­ne­ren We­sen­heit nach, seit­dem die at­lan­ti­sche Flut die al­te At­lan­tis zer­stört hat und der nachat­lan­ti­sche Mensch ins Da­sein ge­t­re­ten ist. Da sieht er, wie sich die Kul­tur­k­reis­läu­fe ein­an­der fol­gen bis zu dem Zeit­punkt, wo auch un­ser Zei­tal­ter ei­nen Un­ter­gang neh­men wird, um ein neu­es her­auf­zu­füh­ren. Durch das Was­ser der at­lan­ti­schen Flut ist zu­grun­de ge­gan­gen die al­te At­lan­tis. Durch das, was wir nen­nen den Krieg al­ler ge­gen al­le, durch furcht­bar ver­hee­ren­de mo­ra­li­sche Ver­wi­cke­lun­gen wird un­ser Zei­tal­ter sei­nen Un­ter­gang fin­den. Und die­ses gro­ße Zei­tal­ter von der at­lan­ti­schen Flut an bis zum ge­wal­ti­gen Krieg al­ler ge­gen al­le, das tei­len wir wie­der ein in sie­ben au­f­ein­an­der­fol­gen­de Haupt-Kul­tu­re­po­chen, in

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sie­ben Kul­tur­zei­träu­me, wie aus dem vor­ste­hen­den Sche­ma er­sicht­lich ist. An dem ei­nen En­de den­ken wir uns die gro­ße at­lan­ti­sche Flut, am ent­ge­gen­ge­setz­ten En­de den gro­ßen Welt­krieg, und das tei­len wir in sie­ben Un­ter­zei­tal­ter, in sie­ben Kul­tu­re­po­chen. Die gan­ze Epo­che, die die­se sie­ben Un­ter­zei­tal­ter ent­hält, ist wie­der der sie­ben­te Teil ei­nes län­ge­ren Zei­tal­ters, so daß Sie sich vor­zu­s­tel­len ha­ben sie­ben sol­che Glie­der wie un­ser Zei­tal­ter zwi­schen Flut und Krieg, zwei nach vorn, nach dem gro­ßen Krieg, und vier nach rück­wärts vor der at­lan­ti­schen Flut. Un­ser Zei­tal­ter, das nachat­lan­ti­sche, ist al­so das fünf­te gro­ße Zei­tal­ter.

Man muß wie­der­um auf ei­nen noch höhe­ren Gip­fel der Ein­wei­hung hin­auf­s­tei­gen, dann über­sieht man die­se sie­ben­mal sie­ben Zei­tal­ter. Sie sind zu über­schau­en, wenn man an der Gren­ze der as­tra­li­schen und der geis­ti­gen, der de­vacha­ni­schen Welt an­ge­langt ist. Und so geht es stu­fen­wei­se hin­auf. Wir wer­den se­hen, wel­ches die noch höhe­ren Stu­fen sind.

Jetzt müs­sen wir fest­hal­ten, daß man zu­nächst ei­nen Gip­fel er­rei­chen kann, auf dem uns, wie von ei­nem Ber­ge aus die wei­te Ebe­ne, die sie­ben Kul­tur­zei­tal­ter der nachat­lan­ti­schen Zeit sicht­bar wer­den. Wir al­le ken­nen sie ja schon, die­se Kul­tur­zei­tal­ter. Wir wis­sen, daß, als die at­lan­ti­sche Flut die al­te At­lan­tis hin­weg­ge­schwemmt hat­te, als ers­tes die alt­in­di­sche Kul­tur auf­blüh­te und daß sie ab­ge­löst wur­de von der ur­per­si­schen Kul­tur. Wir wis­sen, daß die as­sy­risch-ba­by­lo­nisch-chal­däisch-ägyp­tisch-jü­di­sche Kul­tur dar­auf folg­te, auf die­se das vier­te Kul­tur­zei­tal­ter, das grie­chisch-latei­ni­sche, und dar­auf das fünf­te, das uns­ri­ge, in dem wir le­ben. In dem sechs­ten, das auf das uns­ri­ge fol­gen wird, wird in ei­ner ge­wis­sen Be­zie­hung in der Frucht auf­ge­hen müs­sen, was wir an geis­ti­ger Kul­tur zu bau­en ha­ben. Das sie­ben­te Kul­tur­zei­tal­ter spielt sich ab vor dem Krieg al­ler ge­gen al­le. Da se­hen wir die­se furcht­ba­re Ver­wüs­tung der Kul­tur her­an­kom­men und se­hen das klei­ne Häuf­lein von Men­schen, das ver­stan­den hat, das spi­ri­tu­el­le Prin­zip in sich auf­zu­neh­men und das sich hin­weg­ret­ten wird ge­gen­über der all­ge­mei­nen Zer­trüm­me­rung durch den Ego­is­mus.

Wir le­ben al­so in dem fünf­ten der Un­ter­zei­tal­ter, wie ge­sagt.

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Wie Städ­te und Dör­fer und Wäl­der vom Gip­fel ei­nes Ber­ges aus, so er­scheint von dem Gip­fel der Ein­wei­hung aus die Fol­ge die­ser Kul­tur­zei­tal­ter. Ih­re Be­deu­tung se­hen wir ein. Sie stel­len dar, was sich aus­dehnt auf un­se­rem phy­si­schen Plan als Mensch­heits­kul­tur. Des­halb sp­re­chen wir auch von Kul­tur­zei­tal­tern im Ge­gen­satz zu Ras­sen. Al­les das, was et­wa ver­knüpft ist mit dem Ras­sen­be­griff, ist noch Über­b­leib­sel des Zei­trau­mes, der dem un­se­ren vor­an­ge­gan­gen ist, des at­lan­ti­schen. Wir le­ben im Zei­traum der Kul­tu­re­po­chen. Die At­lan­tis war der Zei­traum, wo sich nach und nach sie­ben au­f­ein­an­der­fol­gen­de gro­ße Ras­sen bil­de­ten. Na­tür­lich, die Früch­te die­ser Ras­sen­bil­dung ra­gen he­r­ein auch in un­ser Zei­tal­ter, da­her spricht man auch heu­te noch von Ras­sen. Das sind aber schon Ver­wi­schun­gen je­ner schar­fen Tren­nun­gen in der at­lan­ti­schen Zeit. Heu­te hat schon der Kul­tur­be­griff den Ras­sen­be­griff ab­ge­löst. Da­her sp­re­chen wir von der al­ten in­di­schen Kul­tur, von wel­cher die Kul­tur, die uns in den Ve­den an­ge­kün­digt wird, nur ein Nach­klang ist. Die uralt-hei­li­ge in­di­sche Kul­tur ist die ers­te Mor­gen­rö­te der nachat­lan­ti­schen Kul­tur, sie folgt un­mit­tel­bar auf die at­lan­ti­sche Zeit.

Ver­ge­gen­wär­ti­gen wir uns noch ein­mal, wie der Mensch leb­te in je­ner Zeit, die jetzt mehr als acht- oder ne­un­tau­send Jah­re hin­ter uns liegt. Wenn wir von den rea­len Zei­träu­men sp­re­chen, so gel­ten die­se Zah­len. Die­se Kul­tur, von der wir hier sp­re­chen, stand un­mit­tel­bar un­ter dem Ein­fluß der at­lan­ti­schen Flut oder der gro­ßen Eis­zei­te­po­che, wie sie in der mo­der­nen Wis­sen­schaft ge­nannt wird. Die At­lan­tis war un­ter­ge­gan­gen nach und nach, ein Bro­cken nach dem an­dern war ver­sch­lun­gen wor­den von der Flut. Und nun leb­te ein Men­schen­ge­sch­lecht auf der Er­de, von dem sich ein Teil zu der höchs­ten Ent­wi­cke­lungs­stu­fe her­auf­ge­ar­bei­tet hat­te, die zu er­rei­chen war. Das war das uralt in­di­sche Volk, ein Men­schen­ge­sch­lecht, das da­mals dr­ü­b­en im fer­nen Asi­en wohn­te und mehr in der Er­in­ne­rung an al­te ver­gan­ge­ne Zei­ten leb­te als in der Ge­gen­wart. Das ist das Gro­ße und Ge­wal­ti­ge je­ner Kul­tur, von der die schrift­li­chen Auf­zeich­nun­gen wie die Ve­den und die Bha­ga­vad Gi­ta nur noch Nach­klän­ge sind, daß die Men­schen in der Er­in­ne­rung an das leb­ten,

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was sie in der at­lan­ti­schen Zeit sel­ber er­lebt hat­ten. Den­ken Sie an den ers­ten Vor­trag die­ses Zy­k­lus. Da wur­de ge­sagt, daß die Men­schen in je­ner Zeit zum gro­ßen Teil be­fähigt wa­ren, ein ge­wis­ses däm­mer­haf­tes Hell­se­hen zu ent­wi­ckeln. Die Men­schen wa­ren nicht be­schränkt auf die­se phy­sisch-sinn­li­che Welt. Sie leb­ten zwi­schen gött­lich-geis­ti­gen We­sen­hei­ten. Sie sa­hen die­se gött­lich-geis­ti­gen We­sen­hei­ten um sich. Da­rin be­stand der Über­gang von der at­lan­ti­schen Zeit zur nachat­lan­ti­schen, daß der Blick der Men­schen von der geis­ti­gen, as­tra­lisch-äthe­ri­schen Welt ab­ge­sch­los­sen und be­schränkt wur­de auf die­se phy­si­sche Welt. Die ers­te Kul­tu­re­po­che zeich­ne­te sich da­durch aus, daß die Men­schen Sehn­sucht hat­ten, tie­fe Sehn­sucht nach dem, was ih­re Vor­fah­ren in der al­ten At­lan­tis ge­schaut, wo­vor sich aber das Tor zu­ge­sch­los­sen hat­te. Ural­te Weis­heit ha­ben un­se­re Vor­fah­ren mit ih­ren geis­ti­gen Au­gen, wenn auch däm­mer­haft, ge­schaut. Sie wohn­ten un­ter Geis­tern, gin­gen mit Göt­tern und Geis­tern um. So fühl­ten sie, die­se Men­schen der uralt-hei­li­gen in­di­schen Kul­tur: sie sehn­ten sich mit al­len ih­ren Fa­sern dar­nach, zu­rück­zu­schau­en, zu se­hen das, was die Vor­fah­ren ge­se­hen hat­ten, wo­von ural­te Weis­heit kün­de­te. Und so er­schi­en das Land, das eben auf­ge­t­re­ten war vor den phy­si­schen Bli­cken der Men­schen die Fel­sen der Er­de, die jetzt erst sicht­bar ge­wor­den wa­ren, die früh­er noch geis­tig ge­schaut wur­den , all das Äu­ße­re er­schi­en ih­nen ge­rin­ger als das, woran sie sich er­in­nern konn­ten. Ma­ja, die gro­ße Il­lu­si­on, wur­de al­les das ge­nannt, was die phy­si­schen Au­gen se­hen konn­ten, die gro­ße Täu­schung, aus der man her­aus woll­te. Und die Bes­ten die­ses ers­ten Zei­tal­ters soll­ten durch je­ne Ein­wei­hungs­me­tho­de, von der es ei­ni­ge Über­b­leib­sel im Yo­ga gibt, hin­auf­ge­ho­ben wer­den zu der Stu­fe ih­rer Vor­fah­ren. Dar­aus ging ei­ne re­li­giö­se Grund­stim­mung her­vor, die mit den Wor­ten wie­der­ge­ge­ben wer­den kann: Wert­lo­se eit­le Täu­schung ist das, was uns hier um­gibt im äu­ße­ren Sin­nen­schein. Das Wah­re, Ech­te ist oben in der geis­ti­gen Welt, die wir ver­las­sen ha­ben. Die geis­ti­gen Füh­rer des Vol­kes wa­ren die­je­ni­gen, wel­che sich hin­auf­ver­set­zen konn­ten in die Re­gio­nen, in de­nen man früh­er leb­te.

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Das war die ers­te Epo­che der nachat­lan­ti­schen Zeit. Und al­le Epo­chen der nachat­lan­ti­schen Zeit sind da­durch cha­rak­te­ri­siert, daß der Mensch im­mer mehr ver­ste­hen lern­te die äu­ße­re sinn­li­che Wir­k­lich­keit, im­mer mehr er­ken­nen lern­te: Was uns hier ge­ge­ben ist für die äu­ße­ren Sin­ne, ist nicht als blo­ßer Schein zu be­han­deln, es ist ei­ne Ga­be der geis­ti­gen We­sen, und nicht um­sonst ha­ben uns die Göt­ter die Sin­ne ge­ge­ben. Das, was hier auf der Er­de ei­ne Kul­tur der ma­te­ri­el­len Welt be­grün­det, muß nach und nach ein­ge­se­hen wer­den.

Was der al­te In­der noch als Ma­ja an­ge­spro­chen hat, wo­vor er ge­f­lo­hen ist, wo­von er sich zu­rück­sehn­te, das spra­chen die­je­ni­gen, die der zwei­ten Epo­che an­ge­hör­ten, als ihr Ar­beits­feld an, als et­was, was sie zu be­ar­bei­ten hat­ten. Und so ha­ben wir jetzt die uralt-per­si­sche Epo­che, die et­wa fünf­tau­send Jah­re zu­rück­liegt, je­ne Kul­tu­re­po­che, in wel­cher den Men­schen das Land um sie her­um zwar zu­nächst wie feind­lich er­schi­en, aber nicht mehr wie früh­er als Il­lu­si­on, die man zu flie­hen ha­be, son­dern als ein Ar­beits­feld, dem man den ei­ge­nen Geist ein­zu­prä­gen hat. Vom Bö­sen, von ei­ner dem Gu­ten geg­ne­ri­schen Macht ist die­se Er­de be­herrscht in ih­rer ma­te­ri­el­len Be­schaf­fen­heit, von dem Got­te Ah­ri­man. Er be­herrscht sie, aber der gu­te Gott Or­muzd hilft den Men­schen in sei­nen Di­enst stel­len sich die Men­schen. Wenn sie sei­nen Wil­len aus­füh­ren, dann ver­wan­deln sie die­se Welt in ei­nen Acker der obe­ren geis­ti­gen Welt, dann prä­gen sie der sinn­lich-wir­k­li­chen Welt das ein, was sie selbst im Geist er­ken­nen. Ein Ar­beits­feld war für die zwei­te Epo­che die phy­sisch-rea­le, die sinn­lich-rea­le Welt. Für den In­der war die sinn­li­che Welt noch Täu­schung, Ma­ja. Für den Per­ser war sie zwar von bö­sen Dä­mo­nen be­herrscht, aber doch ei­ne sol­che Welt, aus der der Mensch aus­zu­t­rei­ben hat­te die bö­sen und der er ein­zu­g­lie­dern hat­te die gu­ten geis­ti­gen We­sen­hei­ten, die Die­ner des Licht­gotts Or­muzd.

Und in der drit­ten Epo­che kommt der Mensch noch näh­er der äu­ße­ren sinn­li­chen Wir­k­lich­keit. Da ist sie ihm nicht mehr ei­ne bloß feind­li­che Macht, die er zu über­win­den hat. Der In­der hat hin­auf­ge­schaut zu den Ster­nen und sich ge­sagt: Ach, al­les was da

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ist, was ich mit äu­ße­ren Au­gen se­hen kann, ist doch nur Ma­ja, Täu­schung. Die chal­däi­schen Pries­ter sa­hen den Lauf, die Stel­lun­gen der Ster­ne und sag­ten sich: In­dem ich die Stel­lun­gen der Ster­ne se­he und ih­ren Lauf ver­fol­ge, wird mir das zu ei­ner Schrift, aus der ich den Wil­len der gött­lich-geis­ti­gen We­sen er­ken­ne. Ich er­ken­ne das, was die Göt­ter wol­len, in dem, was sie ge­tan ha­ben. Nicht mehr Ma­ja war ih­nen die phy­sisch-sinn­li­che Welt, son­dern wie die Schrift des Men­schen der Aus­druck sei­nes Wil­lens ist, so war ih­nen das, was in den Ster­nen am Him­mel steht, was in den Kräf­ten der Na­tur lebt, ei­ne Göt­ter­schrift. Und mit Lie­be be­gan­nen sie zu ent­zif­fern die Schrift der Na­tur. So ent­steht je­ne wun­der­ba­re Ster­nen­kun­de, die die Men­schen heu­te kaum mehr ken­nen. Denn was man heu­te als As­tro­lo­gie kennt, ist durch ein Mißv­er­ste­hen der Tat­sa­chen ent­stan­den. Tie­fe Weis­heit in der Ster­nen­schrift ist es, was dem al­ten Chal­däer­pries­ter als As­tro­lo­gie ge­of­fen­bart wur­de, als die Ge­heim­nis­se des­sen, was er mit Au­gen sah. Das be­trach­te­te er als Of­fen­ba­rung ei­nes In­ne­ren, Durch­geis­tig­ten.

Und was wur­de die Er­de für den Ägyp­ter? Wir brau­chen nur auf die Er­fin­dung der Geo­me­trie hin­zu­deu­ten, wo der Mensch lern­te die Er­de ein­zu­tei­len nach den Ge­set­zen des Rau­mes, nach den Re­geln der Geo­me­trie. Da wur­den die Ge­set­ze in der Ma­ja er­forscht. In der uralt per­si­schen Kul­tur hat man die Er­de um­ge­a­ckert, jetzt lern­te man sie ein­tei­len nach den Ge­set­zen des Rau­mes. Die Ge­set­ze be­ginnt man zu er­for­schen und man tut noch mehr. Man sagt sich: Nicht um­sonst ha­ben die Göt­ter in den Ster­nen uns ei­ne Schrift hin­ter­las­sen, nicht um­sonst ha­ben die Göt­ter uns ih­ren Wil­len kund­ge­ge­ben in den Na­tur­ge­set­zen. Wenn der Mensch durch sein ei­ge­nes Ar­bei­ten das Heil be­wir­ken will, dann muß er in den Ein­rich­tun­gen, die er hier macht, ei­ne Nach­bil­dung schaf­fen des­sen, was er aus den Ster­nen er­for­schen kann. Oh, könn­ten Sie zu­rück­se­hen in die Ar­beits­kam­mern der ägyp­ti­schen Ein­ge­weih­ten! Das war ein an­de­res Ar­bei­ten als heu­te auf dem Ge­bie­te der Wis­sen­schaft. Da wa­ren die Ein­ge­weih­ten die Wis­sen­schaf­ter. Sie er­forsch­ten den Gang der Ster­ne und er­kann­ten die Re­gel­mä­ß­ig­keit in dem Stand und Lauf der Ster­ne und in der Ein­wir­kung ih­rer

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Stel­lun­gen auf das, was un­ten auf der Er­de sich voll­zog. Sie sag­ten sich: Wenn die­se oder je­ne Kon­s­tel­la­ti­on am Him­mel ist, so muß un­ten die­ses oder je­nes vor sich ge­hen im Staats­le­ben, und wenn ei­ne an­de­re Kon­s­tel­la­ti­on kommt, muß auch et­was an­de­res ge­sche­hen. Nach ei­nem Jahr­hun­dert wer­den ge­wis­se Kon­s­tel­la­tio­nen da sein, sag­ten sie, und dann muß ein dem Ent­sp­re­chen­des vor sich ge­hen. Und für Jahr­tau­sen­de hin­aus wur­de vor­aus­be­stimmt, was zu tun ist. So ent­stand das, was man als die Si­byl­li­ni­schen Bücher be­zeich­net. Was da­r­in­nen­steht, ist kein Wahn. Nach sorg­fäl­ti­gen Be­o­b­ach­tun­gen ha­ben die Ein­ge­weih­ten nie­der­ge­schrie­ben, was für Jahr­tau­sen­de hin­aus zu ge­sche­hen hat, und ih­re Nach­fol­ger wuß­ten: Das ist ein­zu­hal­ten. Und sie ta­ten nichts, was nicht in die­sen Büchern für die Jahr­tau­sen­de hin­aus nach dem Lauf der Ster­ne vor­ge­zeich­net war. Sa­gen wir, es ha­be sich dar­um ge­han­delt, ir­gend­ein Ge­setz zu ma­chen. Da hat man nicht ab­ge­stimmt wie bei uns, da hol­te man Rat bei den hei­li­gen Büchern, in de­nen auf­ge­schrie­ben war, was hier auf der Er­de ge­sche­hen muß, da­mit es ein Spie­gel des­sen sei, was in den Ster­nen ge­schrie­ben ist, und was in den Büchern stand, das führ­te man aus. Der ägyp­ti­sche Pries­ter wuß­te, als er die­se Bücher schrieb: Mei­ne Nach­fol­ger wer­den aus­füh­ren, was da­r­in­nen­steht. Von der Not­wen­dig­keit der Ge­setz­mä­ß­ig­keit wa­ren sie über­zeugt.

Die vier­te Kul­tu­re­po­che hat sich aus die­ser drit­ten her­aus­ent­wi­ckelt. Es ha­ben sich nur spär­li­che Res­te die­ser pro­phe­tisch wir­ken­den Kunst der Ägyp­ter be­wahrt. Ei­nen sol­chen Rest kön­nen Sie noch se­hen. Man hat näm­lich, wenn man die­se pro­phe­tisch wir­ken­de Kunst im al­ten Ägyp­ter­land hat üben wol­len, den nächs­ten Zei­traum in sie­ben Tei­le ein­ge­teilt und ge­sagt: Der ers­te muß dies ent­hal­ten, der zwei­te das, der drit­te je­nes und so wei­ter. Da­nach ver­folg­ten die Nach­kom­men, was zu ge­sche­hen hat. Aber das war eben das Haupt­cha­rak­te­ris­ti­kum der drit­ten Kul­tu­re­po­che. Die vier­te zeig­te nur noch schwa­che Nach­klän­ge da­von. Sie kön­nen nun die­se schwa­chen Nach­klän­ge noch er­ken­nen, wenn Ih­nen der Ur­sprung der al­ten rö­mi­schen Kul­tur er­zählt wird. Äneas, Sohn des An­chi­ses aus Tro­ja, ei­ner Stät­te der drit­ten Epo­che, wan­dert

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aus und kommt zu­letzt nach Al­ba Lon­ga. In die­sem Na­men ist an­ge­deu­tet ei­ne Stät­te ural­ter hei­li­ger Pries­ter­kul­tur: Al­ba Lon­ga oder die lan­ge Al­ba, die Stadt ei­ner Pries­ter­kul­tur, von der die Kul­tur Roms aus­ge­hen soll­te. Im Meßk­leid der ka­tho­li­schen Pries­ter ha­ben wir noch ei­nen Nach­klang da­von er­hal­ten. Da wur­de vor­aus­ge­zeich­net noch in al­ter Pries­ter­wei­se ei­ne sie­ben­g­lie­d­ri­ge Kul­tu­re­po­che. Oh, die­se sie­ben rö­mi­schen Kö­n­igs­zei­ten wa­ren vor­aus­ge­zeich­net! Und die Ge­schichts­sch­rei­ber des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts ha­ben wie­der ein­mal sich ei­nen bö­sen St­reich spie­len las­sen im Hin­blick auf die­se sie­ben Kö­n­igs­zei­ten. Sie sind dar­auf ge­kom­men, daß in dem pro­fa­nen ma­te­ri­el­len Sinn es mit die­sen rö­mi­schen Kö­n­i­gen nichts ist; aber was da­hin­ter­steckt, daß hier ei­ne nach der hei­li­gen Sie­ben­zahl pro­phe­tisch vor­aus­ge­g­lie­der­te Kul­tur der Si­byl­li­ni­schen Bücher nach­ge­zeich­net ist, dar­auf konn­ten sie nicht kom­men.

Hier ist nicht der Ort, uns ein­zu­las­sen auf die ein­zel­nen Kö­n­i­ge. Sie wür­den an den ein­zel­nen Kö­n­i­gen se­hen kön­nen, an Ro­mu­lus, Nu­ma Pom­pi­li­us, Tul­lus Ho­s­ti­li­us und so wei­ter, wie sie ge­nau dem ent­sp­re­chen, was die au­f­ein­an­der­fol­gen­den Kul­tu­re­po­chen nach den sie­ben Prin­zi­pi­en sind, die sich uns auf so ver­schie­de­nen Ge­bie­ten zei­gen.

So hat­te man all­mäh­lich in der drit­ten Epo­che die Ma­ja zu durch­drin­gen ver­mocht mit dem Men­schen­geist. Vol­l­en­det wur­de das in der vier­ten Kul­tu­re­po­che. Se­hen Sie sich die grie­chisch-latei­ni­sche Kul­tur an, wo in den wun­der­ba­ren Kunst­wer­ken der Mensch in der äu­ße­ren ma­te­ri­el­len Welt ein völ­li­ges Ab­bild sei­ner selbst schafft, wo er im Dra­ma sei­ne men­sch­li­chen Schick­sa­le ent­ste­hen läßt wie bei Ai­schy­los. Se­hen Sie sich da­ge­gen an, wie man in der ägyp­ti­schen Kul­tur noch den Göt­ter­wil­len er­forscht. Je­ne Er­obe­rung der Ma­te­rie, wie wir sie in der grie­chi­schen Zeit se­hen, be­deu­tet noch ei­ne Stu­fe mehr, auf der der Mensch das ma­te­ri­el­le Da­sein lieb­ge­winnt, und vol­l­ends ist der Mensch in der rö­mi­schen Zeit auf den phy­si­schen Plan her­aus­ge­t­re­ten. Wer das ver­steht, der weiß auch, daß wir da­rin das völ­li­ge Her­au­s­t­re­ten des Per­sön­lich­keit­s­prin­zips zu er­bli­cken ha­ben. Da­her trat in Rom zu­erst das auf, was

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wir den Rechts­be­griff nen­nen, wo wir den Men­schen zu­erst als Bür­ger vor uns ha­ben. Nur ei­ne ver­wor­re­ne Wis­sen­schaft kann die Ju­ri­s­pru­denz zu­rück­füh­ren auf al­ler­lei vor­her­ge­hen­de Zei­ten. Was man vor­her un­ter Recht ver­stand, war et­was an­de­res. Viel rich­ti­ger schil­dert das Al­te Te­s­ta­ment in den Zehn Ge­bo­ten das al­te Ge­setz. Was da der Gott be­fahl, das ge­hör­te zu dem, was die Rechts­be­grif­fe ent­hielt. Es ist ein Un­ding in un­se­rer Zeit, daß man die Rechts­be­grif­fe zu­rück­füh­ren will bis Ham­mu­ra­bi und so wei­ter. In Rom zu­erst wird das ei­gent­li­che Recht, wird der ei­gent­li­che Be­griff des Men­schen als Bür­ger zur Gel­tung ge­bracht. In Grie­chen­land noch war der Bür­ger Mit­g­lied des Stadt-Staa­tes. Der Athe­ner, der Sparta­ner war als Bür­ger viel mehr denn als Ein­zel­mensch. Er fühl­te sich als Glied des Stadt-Staa­tes. In Rom erst wur­de der ein­zel­ne Mensch der Bür­ger, da konn­te er es erst wer­den. Das lie­ße sich in al­len Ein­zel­hei­ten nach­wei­sen. Das, was wir heu­te ein Te­s­ta­ment nen­nen, gab es in die­ser Be­deu­tung nicht vor der al­ten Rö­mer­zeit. Das Te­s­ta­ment in sei­ner heu­ti­gen Be­deu­tung ent­stand da­mals erst, weil da erst der ein­zel­ne Mensch maß­ge­bend sein soll­te in sei­nem ego­is­ti­schen Wil­len, um die­sen Wil­len auf sei­ne Nach­kom­men über­ge­hen zu las­sen. Vor­her wa­ren an­de­re Im­pul­se als der per­sön­li­che Wil­le da, die das Gan­ze zu­sam­men­hiel­ten. So lie­ße sich an vie­len Bei­spie­len nach­wei­sen, wie der Mensch her­au­s­t­rat auf den phy­si­schen Plan.

Wir le­ben jetzt im fünf­ten, in je­nem Zei­traum, wo die Kul­tur noch tie­fer als bis zum Men­schen her­un­ter­ge­s­tie­gen ist. Wir le­ben in der Zeit, wo der Mensch der Skla­ve ist der äu­ße­ren Ver­hält­nis­se, des Mi­lieus. In Grie­chen­land wur­de der Geist da­zu ver­wen­det, um die Ma­te­rie zu ver­geis­ti­gen, und die ver­geis­tig­te Ma­te­rie tritt uns ent­ge­gen in ei­ner Apol­lo-Ge­stalt, ei­ner Zeus-Ge­stalt, in den Dra­men ei­nes So­pho­k­les und so wei­ter. Da ist der Mensch hin­aus­ge­s­tie­gen auf den phy­si­schen Plan, aber noch nicht hin­un­ter­ge­s­tie­gen un­ter den Men­schen. Auch in Rom noch ist das der Fall. Das tie­fe Her­un­ter­s­tei­gen un­ter die Sphä­re des Men­sch­li­chen ist jetzt erst ge­sche­hen. In un­se­rer Zeit ist der Geist der Skla­ve der Ma­te­rie ge­wor­den. Un­end­lich viel Geist ist ver­wen­det wor­den in un­se­rem

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Zei­traum, um den äu­ße­ren Plan in sei­nen Na­tur­kräf­ten zu durch­drin­gen, um die­sen äu­ße­ren phy­si­schen Plan so­zu­sa­gen zu ei­ner mög­lichst be­que­men Stät­te für den Men­schen zu ma­chen.

Ver­g­lei­chen wir ein­mal die al­ten Zei­ten mit un­se­rer Zeit. In die­sen al­ten Zei­ten sah der Mensch die gro­ße Ster­nen­schrift der Göt­ter, aber mit welch pri­mi­ti­ven Mit­teln wur­den die Kul­tu­r­er­run­gen­schaf­ten je­ner Zeit, die Py­ra­mi­den, die Sphin­xe her­ge­s­tellt! Wie nähr­te sich der Mensch! Und was hat er sich al­les an äu­ße­ren Kul­tur­mit­teln bis heu­te er­obert! Wel­che Kraft des Geis­tes ge­hör­te da­zu, um die Dampf­ma­schi­ne zu er­sin­nen und her­zu­s­tel­len, um die Ei­sen­bahn, den Te­le­gra­phen, das Te­le­phon und so wei­ter aus­zu­den­ken! Un­ge­heu­re Kräf­te des geis­ti­gen Le­bens muß­ten ver­wen­det wer­den, um die­se rein ma­te­ri­el­len Kul­tur­mit­tel zu er­fin­den und her­zu­s­tel­len. Und wo­zu wer­den sie ver­wen­det? Ist es für das spi­ri­tu­el­le Le­ben im we­sent­li­chen ein Un­ter­schied, ob in ei­ner Ur­kul­tur ein Mensch zwi­schen zwei Stei­nen das Ge­t­rei­de zer­rieb, wo­zu na­tür­lich sehr ge­rin­ge geis­ti­ge Kräf­te ver­braucht wur­den, oder ob wir im­stan­de sind, nach Ame­ri­ka zu te­le­gra­phie­ren, um von dort­her gro­ße Ge­t­rei­de­men­gen zu be­kom­men und sie durch wun­der­bar aus­ge­dach­te Müh­len zu Mehl zu zer­rei­ben? Ein­fach für den Ma­gen ist der gan­ze Ap­pa­rat in Be­we­gung ge­setzt. Ma­chen wir uns klar, wel­che Un­sum­men geis­ti­ger Le­bens­kräf­te hin­ein­ge­steckt wer­den in die bloß ma­te­ri­el­le Kul­tur. Von der spi­ri­tu­el­len Kul­tur wird noch sehr we­nig durch die äu­ße­ren Kul­tur­mit­tel be­för­dert. Der Te­le­graph wird in, sa­gen wir, an­thro­po­so­phi­schen An­ge­le­gen­hei­ten sehr sel­ten ver­wen­det. Wenn Sie ei­nen sta­tis­ti­schen Ver­g­leich auf­s­tel­len wür­den zwi­schen dem, was für die ma­te­ri­el­le Kul­tur ver­wen­det wird, und dem, was dem spi­ri­tu­el­len Le­ben zu­gu­te kommt, dann wür­den Sie be­g­rei­fen, daß der Geist un­ter das Men­sch­li­che hin­un­ter­ge­taucht ist, ein Skla­ve ge­wor­den ist des ma­te­ri­el­len Le­bens.

So ha­ben wir im ent­schie­dens­ten Sin­ne ei­nen ab­s­tei­gen­den Kul­tur­weg bis in un­se­re Zeit, in die fünf­te Kul­tu­re­po­che hin­ein, und im­mer tie­fer und tie­fer wür­de es hin­un­ter­ge­hen. Des­halb muß vor dem völ­li­gen Hin­un­ter­g­lei­ten in die Ma­te­rie die Mensch­heit durch ei­nen neu­en Im­puls be­wahrt wer­den. So tief ist vor­her noch nie­mals

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das We­sen des Men­schen hin­un­ter­ge­s­tie­gen in die Ma­te­rie. Ein star­ker, der stärks­te der Er­den­im­pul­se muß­te kom­men. Das war die Er­schei­nung des Chris­tus Je­sus, die den An­stoß gab zu neu­em spi­ri­tu­el­lem Le­ben. Was wir im geis­ti­gen Le­ben wäh­rend des Ab­s­tie­ges an auf­wärts­s­tei­gen­den Kräf­ten ha­ben, das ver­dan­ken wir je­nem ge­wal­ti­gen Im­pul­se, der durch Chris­tus Je­sus kam. Inn­er­halb die­ses Ab­s­tie­ges in die Ma­te­rie wa­ren im­mer spi­ri­tu­el­le Im­pul­se vor­han­den. Da ent­fal­te­te sich, zu­erst lang­sam, dann mehr und mehr das christ­li­che Le­ben, das heu­te erst im An­fang ist, das aber in der Zu­kunft zu ei­ner un­ge­heu­ren Glo­rie em­por­s­tei­gen wird, weil die Mensch­heit erst in der Zu­kunft die Evan­ge­li­en be­g­rei­fen wird. Wenn man sie aber voll­stän­dig ver­ste­hen wird, dann wird man se­hen, wel­che Un­sum­me spi­ri­tu­el­len Le­bens in die­sen Evan­ge­li­en vor­han­den ist. Je mehr sich das Evan­ge­li­um in sei­ner wah­ren Ge­stalt aus­b­rei­ten wird, um so mehr wird die Mensch­heit wie­der­um die Mög­lich­keit ha­ben, trotz al­ler ma­te­ri­el­len Kul­tur ein spi­ri­tu­el­les Le­ben zu ent­fal­ten, hin­auf­zu­s­tei­gen wie­der­um in die geis­ti­gen Wel­ten.

Was sich nun al­so von Zei­traum zu Zei­traum in der nachat­lan­ti­schen Kul­tur ent­wi­ckelt, das stellt sich der Apo­ka­lyp­ti­ker so vor, daß es sich aus­drückt in klei­ne­ren Ge­mein­schaf­ten, und so wer­den ihm die­se klei­ne­ren Ge­mein­schaf­ten, die auf der äu­ße­ren Er­de im Raum ver­teilt sind, zu Re­prä­sen­t­an­ten die­ser Kul­tu­re­po­chen. Wenn er spricht von der Ge­mein­de oder Kir­che zu Ephe­sus, so meint er: Ich neh­me an, daß zu Ephe­sus ei­ne sol­che Ge­mein­de leb­te, die in ge­wis­ser Be­zie­hung wohl das Chris­ten­tum an­ge­nom­men hat. Aber weil sich al­les nach und nach ent­wi­ckelt, so bleibt im­mer von je­der Kul­tu­re­po­che et­was zu­rück. In Ephe­sus ha­ben wir zwar ei­ne Ein­ge­weih­ten­schu­le, aber wir ha­ben die christ­li­che Leh­re da so ge­färbt, daß man noch übe­rall die alt­in­di­sche Kul­tur er­ken­nen kann. Er will uns zei­gen die ers­te Epo­che in der nachat­lan­ti­schen Zeit. Die­se ers­te Epo­che in der nachat­lan­ti­schen Zeit ist al­so re­prä­sen­tiert in der ephe­si­schen Ge­mein­de, und das, was zu ver­kün­den ist, soll in ei­nem Brie­fe an die Ge­mein­de von Ephe­sus ver­kün­det wer­den. Wir müs­sen uns das un­ge­fähr so vor­s­tel­len: Der Cha­rak­ter je­ner fer­nen

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in­di­schen Kul­tu­re­po­che blieb na­tür­lich, er setz­te sich fort in ver­schie­de­nen Kul­tur­strö­mun­gen. In der Ge­mein­de von Ephe­sus ha­ben wir noch et­was von die­sem Cha­rak­ter. Von die­ser Ge­mein­de wur­de das Chris­ten­tum so er­faßt, daß es noch von dem ty­pi­schen Cha­rak­ter der alt­in­di­schen Kul­tur be­stimmt wur­de.

So ha­ben wir in je­dem die­ser Brie­fe ei­nen Re­prä­sen­t­an­ten ei­ner der sie­ben nachat­lan­ti­schen Kul­tu­re­po­chen an­ge­spro­chen. In je­dem Brie­fe wird ge­sagt: Ihr seid so und so! Die­se und je­ne Sei­te eu­res We­sens ent­spricht dem, was im Sin­ne des Chris­ten­tums ist, das an­de­re muß an­ders wer­den. So sagt der Apo­ka­lyp­ti­ker zu ei­ner je­den Kul­tu­re­po­che, was bei­be­hal­ten wer­den kann und was nicht mehr stimmt und an­ders wer­den soll.

Ver­su­chen wir ein­mal, ob nun wir­k­lich in den sie­ben au­f­ein­an­der­fol­gen­den Brie­fen et­was ent­hal­ten ist von dem Cha­rak­ter der sie­ben au­f­ein­an­der­fol­gen­den Kul­tu­re­po­chen. Ver­su­chen wir ein­mal zu ver­ste­hen, wie die­se Brie­fe ge­hal­ten sein muß­ten, wenn sie dem ent­sp­re­chen soll­ten, was eben ge­sagt wor­den ist. Der Apo­ka­lyp­ti­ker denkt sich: In Ephe­sus ist ei­ne Ge­mein­de, ei­ne Kir­che. Sie hat das Chris­ten­tum an­ge­nom­men, aber sie zeigt das Chris­ten­tum in ei­ner Fär­bung, wie die ers­te Kul­tu­re­po­che noch war, fremd dem äu­ße­ren Le­ben, nicht von Lie­be er­füllt für das, was die ei­gent­li­che Auf­ga­be ist des nachat­lan­ti­schen Men­schen. Daß sie die An­be­tung der gro­ben Sinn­lich­keit ver­las­sen hat, daß sie sich ge­wandt hat zum geis­ti­gen Le­ben so sagt der, der die Brie­fe an die Ge­mein­de rich­tet , das ge­fal­le ihm an ihr. Wir er­ken­nen, was der Apo­ka­lyp­ti­ker da­mit sa­gen woll­te, in dem Um­stand, daß Ephe­sus die Stät­te war, wo der Mys­te­ri­en­di­enst der keu­schen Dia­na gepf­legt wur­de. Er deu­tet dar­auf hin, daß die Ab­kehr von der Ma­te­rie dort in be­son­de­rer Blü­te stand, die Ab­kehr vom sinn­li­chen Le­ben und die Hin­wen­dung zum Geis­ti­gen. «Aber ich ha­be wi­der dich, daß du die ers­te Lie­be ver­las­sen hast», die Lie­be, die die ers­te nachat­lan­ti­sche Kul­tur ha­ben muß, die da­rin sich äu­ßert, die Er­de als Acker an­zu­se­hen, in den hin­ein verpflanzt wer­den muß der gött­li­che Sa­me.

Wie cha­rak­te­ri­siert sich denn der­je­ni­ge, der die­sen Brief dik­tiert?

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Er cha­rak­te­ri­siert sich als Vor­läu­fer des Chris­tus Je­sus, gleich­sam als Füh­rer der ers­ten Kul­tu­re­po­che. Der Chris­tus Je­sus spricht gleich­sam durch die­sen Füh­rer oder Meis­ter der ers­ten Kul­tu­re­po­che, je­ner Epo­che, wo der Ein­ge­weih­te hin­auf­sah zu den jen­sei­ti­gen Wel­ten. Er sagt von sich, daß er die sie­ben Ster­ne in sei­ner Rech­ten hält und die sie­ben gol­de­nen Leuch­ter. Die sie­ben Ster­ne sind nichts an­de­res als Sym­bo­le für die sie­ben höhe­ren geis­ti­gen We­sen­hei­ten, wel­che die Füh­rer der gro­ßen Kul­tu­re­po­chen sind. Und von den sie­ben Leuch­tern ist es im be­son­de­ren aus­ge­drückt, daß es geis­ti­ge We­sen­hei­ten sind, die man nicht in der sinn­li­chen Welt se­hen kann. So ist auch in der Jo­ga-Ein­wei­hung in kla­ren Wor­ten auf sie hin­ge­deu­tet, hin­ge­deu­tet aber auch dar­auf, daß nie­mals der Mensch im Sin­ne der Ent­wi­cke­lung wirkt, wenn er die äu­ße­ren Wer­ke haßt, wenn er von der Lie­be zu den äu­ße­ren Wer­ken abläßt. Die Ge­mein­de zu Ephe­sus hat die Lie­be zu den äu­ße­ren Wer­ken ver­las­sen. So wird ganz rich­tig in der Apo­ka­lyp­se des Jo­han­nes an­ge­ge­ben: Du has­sest die Wer­ke der Ni­ko­lai­ten. «Ni­ko­lai­ten» ist nichts an­de­res als ei­ne Be­zeich­nung für die­je­ni­gen Men­schen, die das Le­ben bloß in der sinn­li­chen Ma­te­rie zum Aus­druck brin­gen. Es gab in der Zeit, auf die sich die­ser Brief be­zieht, ei­ne Sek­te der Ni­ko­lai­ten, die al­les, was dem Men­schen wert sein soll, nur in dem äu­ße­ren, flei­sch­li­chen, sinn­li­chen Le­ben sa­hen. Das sollst du nicht, sagt der­je­ni­ge, der den ers­ten Brief in­spi­riert. Aber nicht von der ers­ten Lie­be las­sen, sagt er auch, denn da­durch, daß du die Lie­be zur äu­ße­ren Welt hast, be­lebst du die­se äu­ße­re Welt, holst du sie hin­auf zum geis­ti­gen Le­ben. Der­je­ni­ge, der Oh­ren hat zu hö­ren, der hö­re: Wer über­win­det, dem wer­de ich zu es­sen ge­ben, nicht bloß vom ver­gäng­li­chen Baum, son­dern vom Baum des Le­bens , das heißt, der wird im­stan­de wer­den, zu ver­geis­ti­gen, was hier im Sinn­li­chen ist, um es hin­auf­zu­füh­ren zum Al­tar des geis­ti­gen Le­bens.

Der Re­prä­sen­tant der zwei­ten Kul­tu­re­po­che ist die Ge­mein­de oder Kir­che zu Smyr­na. Die­se re­det der Füh­rer der Mensch­heit an in sei­nem zwei­ten Vor­fah­ren, in dem In­spi­ra­tor und Meis­ter der uralt-per­si­schen Kul­tur. Die Ge­sin­nung der uralt-per­si­schen Kul­tur

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ist die­se: Einst­mals ist der Gott des Lich­tes ge­we­sen, der hat­te ei­nen Feind, die äu­ße­re Ma­te­rie, den fins­te­ren Ah­ri­man. Zu­erst war ich ver­bun­den mit dem Licht­geist, mit dem ers­ten, der da war. Da wur­de ich ein­ge­g­lie­dert in die Welt der Ma­te­rie, in wel­che sich ein­füg­te die zu­rück­ge­b­lie­be­ne feind­li­che Ge­walt: Ah­ri­man. Und nun wer­de ich ge­mein­sam mit dem Licht­geist be­ar­bei­ten die Ma­te­rie und ihr den Geist ein­g­lie­dern; dann wird nach Be­sie­gung der bö­sen Gott­heit die gu­te, die Licht-Gott­heit wie­der er­schei­nen. «Ich bin der­je­ni­ge, der der Ers­te ist und der Letz­te», der­je­ni­ge, der tot wird im ma­te­ri­el­len Le­ben und wie­der­um le­ben­dig in der geis­ti­gen Au­f­er­ste­hung. So le­sen wir im zwei­ten Brief: «Ich bin der Ers­te und der Letz­te, der da ist und der da war und der da kommt, der wie­der le­ben­dig ge­wor­den ist» (Of­fen­ba­rung Jo­han­nis 2, 8). Es wür­de zu weit füh­ren, je­den Satz in die­ser Wei­se durch­zu­ge­hen, aber den ei­nen müs­sen wir doch noch ge­nau­er an­füh­ren, den Satz, der uns da ge­nau cha­rak­te­ri­siert, wie man sich als Mit­g­lied der Ge­mein­de zu Smyr­na ver­hält, wenn man sie um­ge­stal­tet ins christ­li­che Prin­zip. Da heißt es, daß man dem To­de Le­ben gibt, daß man das To­te durch­geis­tigt. Man geht nicht un­ter in dem To­ten. Gin­ge man un­ter, dann wür­de der Tod ein Er­eig­nis für den Men­schen sein, das ihn zu ei­nem geis­ti­gen Le­ben führt, in dem sich nicht die Früch­te die­ses ir­di­schen Le­bens fin­den könn­ten. Neh­men wir ei­nen Men­schen, der sein Le­ben nicht so an­ge­wen­det hat, daß er die ech­ten Früch­te her­aus­zie­hen kann. Er nimmt kei­ne Früch­te mit ins geis­ti­ge Le­ben. Aber nur von die­sen Früch­ten kann er im geis­ti­gen Da­sein le­ben. Wenn er al­so kei­ne Früch­te mit­bräch­te, so wür­de er den «zwei­ten Tod» er­le­ben. Da­durch, daß er die­ses ir­di­sche Feld be­ar­bei­tet, da­durch wird er ge­ret­tet vor dem «zwei­ten Tod»: «Wer Oh­ren hat zu hö­ren, der hö­re, was der Geist den Ge­mein­den sagt. Wer über­win­det, dem soll kein Leid ge­sche­hen von dem zwei­ten Tod» (Of­fen­ba­rung Jo­han­nis 2, 11).

Nun ge­hen wir wei­ter, zur Ge­mein­de zu Per­ga­mus. Sie ist der Re­prä­sen­tant je­ner Epo­che der Mensch­heit, die mehr und mehr her­au­s­t­rat auf den phy­si­schen Plan, wo der Mensch in der Ster­nen­schrift sah, was sein Geist er­grün­den konn­te. Das ist dem Men­schen

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in der drit­ten Kul­tu­re­po­che ge­ge­ben. Der Mensch wirkt durch das, was in sei­nem In­nern ist. Da­durch, daß er ein In­ne­res hat, kann er das Äu­ße­re er­for­schen. Nur weil er mit ei­ner See­le be­gabt war, konn­te er die Ster­nen­bahn er­for­schen, die Geo­me­trie er­fin­den. Das nann­te man die Er­for­schung durch das Wort, das in der Apo­ka­lyp­se des Jo­han­nes aus­ge­drückt ist durch «das Schwert des Mun­des». Der­je­ni­ge, der die­sen Brief sch­rei­ben läßt, deu­tet da­her dar­auf hin, daß die Ge­walt die­ser Epo­che ein schar­fes Wort ist, ein schar­fes, zwei­schnei­di­ges Schwert. Das ist das Her­mes-Wort der al­ten Pries­ter, ist das Wort, durch das man die Na­tur­kräf­te und Ster­ne er­forsch­te im al­ten Sinn, das ist die­je­ni­ge Kul­tur, die vor­zugs­wei­se durch die in­ne­ren as­tra­lisch-see­li­schen Kräf­te des Men­schen ge­won­nen wird hier auf dem phy­si­schen Plan. Wenn sie noch in je­ner al­ten Form ge­won­nen wird, ist sie wir­k­lich ein sehr zwei­schnei­di­ges Schwert. Da steht die Weis­heit hart an der Kan­te zwi­schen dem, was wei­ße und schwar­ze Ma­gie ist, zwi­schen dem, was in die Se­lig­kei­ten führt, und dem, was ins Ver­der­ben mün­det. Des­halb sagt er, daß er wohl weiß, daß da, wo die Re­prä­sen­t­an­ten die­ser Epo­che woh­nen, auch des Sa­t­ans Stuhl ist. Das deu­tet auf al­les das hin, was hin­weg­füh­ren kann von den wir­k­li­chen gro­ßen Zie­len der Ent­wi­cke­lung. Und die «Leh­re Ba­laams» ist kei­ne an­de­re als die Leh­re der schwar­zen Zau­be­rer, denn das ist die Leh­re der Volks­ver­sch­lin­ger. Die Volks­ver­sch­lin­ger, die Volks­zer­stö­rer sind die schwar­zen Ma­gi­er, die nur im Di­ens­te ih­rer ei­ge­nen Per­sön­lich­keit ar­bei­ten und al­le Ge­mein­schaft zer­stö­ren, da­her al­les, was im Vol­ke lebt, ver­sch­lin­gen. Aber das Gu­te die­ser Kul­tur be­steht da­rin, daß der Mensch ge­ra­de da be­gin­nen kann, sei­nen As­tral­leib zu rei­ni­gen und zu ver­klä­ren. Das nennt man das «ver­bor­ge­ne Man­na». Das­je­ni­ge, was bloß für die Welt ist, um­ge­än­dert in Got­tes­spei­se, was nur für den ego­is­ti­schen Men­schen ist, um­ge­wan­delt in Gött­li­ches, das nennt man «ver­bor­ge­nes Man­na». Al­le die Sym­bo­le hier zei­gen an, daß der Mensch sei­ne See­le rei­nigt, um zum rei­nen Trä­ger von Ma­nas sich zu ma­chen.

Da­zu ist es al­ler­dings noch not­wen­dig, durch­zu­ge­hen durch die vier­te Kul­tu­re­po­che. Da er­scheint der Er­lö­ser, Chris­tus Je­sus, sel­ber.

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Es ist die Ge­mein­de zu Thya­ti­ra. Da kün­digt er sich an als der «Sohn Got­tes, der Au­gen hat wie Feu­er­flam­men und sei­ne Fü­ße gleich wie Mes­sing». Jetzt kün­digt er sich an als Sohn Got­tes, jetzt ist er der Füh­rer der vier­ten Kul­tu­re­po­che, wo der Mensch her­un­ter­ge­s­tie­gen ist auf den phy­si­schen Plan, wo er selbst in den äu­ße­ren Kul­tur­mit­teln sein Ab­bild ge­schaf­fen hat. Jetzt ist die Pe­rio­de ge­kom­men, wo die Gott­heit sel­ber Mensch, sel­ber Fleisch, sel­ber Per­son wird, das Zei­tal­ter, in dem der Mensch bis zu dem Gra­de der Per­sön­lich­keit her­un­ter­ge­s­tie­gen ist, wo in den Bild­hau­er­wer­ken der Grie­chen die in­di­vi­dua­li­sier­te Gott­heit als Per­sön­lich­keit er­scheint, wo im rö­mi­schen Bür­ger die Per­sön­lich­keit auf den Wel­ten­plan tritt. Die­ses Zei­tal­ter muß­te zu glei­cher Zeit ei­nen Im­puls da­durch er­hal­ten, daß das Gött­li­che in Men­schen­ge­stalt er­scheint. Der her­ab­ge­s­tie­ge­ne Mensch konn­te nur ge­ret­tet wer­den da­durch, daß der Gott sel­ber als Mensch er­scheint. Der «Ich-bin» oder das Ich im as­tra­li­schen Leib muß­te den Im­puls des Chris­tus Je­sus er­hal­ten. Was früh­er nur im Keim sich zeig­te, das Ich oder «Ich-bin», soll­te auf den äu­ße­ren Plan der Welt­ge­schich­te tre­ten. Der Sohn Got­tes darf da­her als Füh­rer der Zu­kunft sa­gen: «Und al­le Ge­mein­den sol­len er­ken­nen den Ich-bin, der die Her­zen und Nie­ren prü­fet» (Of­fen­ba­rung Jo­han­nis 2, 23). Auf das «Ich-bin», auf das vier­te Glied der men­sch­li­chen We­sen­heit, wird hier Ge­wicht ge­legt. «Wie ich von mei­nem Va­ter emp­fan­gen ha­be; und ich will ihm ge­ben den Mor­gens­tern» (Of­fen­ba­rung Jo­han­nis 2, 28).

Was be­deu­tet hier «Mor­gens­tern»? Wir wis­sen, die Er­de geht hin­durch durch den Sa­turn, die Son­ne, den Mond, die Er­de, den Ju­pi­ter, die Ve­nus und den Vul­kan. So spricht man es ge­wöhn­lich aus und so ist es auch rich­tig. Ich ha­be aber auch schon dar­auf hin­ge­wie­sen, daß die Er­den­ent­wi­cke­lung zer­fällt in die Mars­zeit und in die Mer­kur­zeit we­gen des ge­heim­nis­vol­len Zu­sam­men­hangs, der da in der ers­ten Hälf­te des Erd­zu­stan­des zwi­schen Er­de und Mars und in der zwei­ten Hälf­te zwi­schen Er­de und Mer­kur be­steht. Da­her setzt man an Stel­le der Er­de auch Mars und Mer­kur. Man sagt, die Er­de geht durch in ih­rer Ent­wi­cke­lung durch Sa­turn, Son­ne, Mond,

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Mars, Mer­kur, Ju­pi­ter, Ve­nus. So ha­ben wir al­so als das Ge­s­tirn, das als das ei­gent­lich Ton­an­ge­ben­de, als die Kraft im zwei­ten Zei­traum der Er­de sich dar­s­tellt, den Mer­kur. Der Mer­kur ist der Stern, der uns re­prä­sen­tiert die rich­tung­ge­ben­de Kraft, als Rich­tung nach auf­wärts, die der Mensch ein­schla­gen muß.

Hier kom­me ich an ei­ne Stel­le, wo wir so­zu­sa­gen ein klei­nes Ge­heim­nis lüf­ten müs­sen, das im Grun­de ge­nom­men nur an die­ser Stel­le ge­lüf­tet wer­den darf. Man hat näm­lich im Ok­kul­tis­mus für die­je­ni­gen, die die Geis­tes­wis­sen­schaft nur mißbrau­chen wür­den und na­ment­lich in äl­te­ren Zei­ten mißbraucht hät­ten, im­mer ge­habt das, was man nen­nen möch­te ei­ne Mas­ke. Man hat sich nicht di­rekt aus­ge­drückt, son­dern hat hin­ge­s­tellt et­was, was die wah­re Sachla­ge ver­hül­len soll­te. Nun hat sich die mit­telal­ter­li­che Eso­te­rik nicht an­ders zu hel­fen ge­wußt als durch gro­be Mit­tel. Sie hat den Mer­kur Ve­nus ge­nannt und die Ve­nus Mer­kur. In Wahr­heit müß­ten wir, wenn wir im Sin­ne der Eso­te­rik sp­re­chen wol­len, wie es der Apo­ka­lyp­ti­ker ge­tan hat, den Mer­kur als Mor­gens­tern an­sp­re­chen. Er meint mit Mor­gens­tern den Mer­kur: Ich ha­be dei­nem Ich ge­ge­ben die Rich­tung nach auf­wärts, durch den Mor­gens­tern, den Mer­kur. Sie kön­nen auch noch in ge­wis­sen, wir­k­lich die Sachla­ge tref­fen­den Büchern des Mit­telal­ters fin­den, daß die Ster­ne un­se­res Pla­ne­ten­sys­tems so auf­ge­zählt wer­den: Sa­turn, Ju­pi­ter, Mars, und auf die Er­de fol­gen nicht wie jetzt Ve­nus, Mer­kur, son­dern um­ge­kehrt Mer­kur, Ve­nus. Da­her heißt es hier: «Wie Ich von mei­nem Va­ter emp­fan­gen ha­be; und will ihm ge­ben den Mor­gens­tern.»

Und jetzt müß­ten wir kom­men in un­se­re Epo­che he­r­ein, der wir an­ge­hö­ren, und wir müß­ten uns fra­gen: Er­füllt sich denn die­se Of­fen­ba­rung des Apo­ka­lyp­ti­kers bis in un­se­re Zeit he­r­ein? Wenn sie sich er­fül­len wür­de, müß­te zu uns sp­re­chen der­je­ni­ge, der durch die vier vor­her­ge­hen­den Epo­chen ge­spro­chen hat, und wir müß­ten sei­ne Stim­me ver­ste­hen ler­nen, müß­ten uns hin­ein­fin­den kön­nen in das, was un­se­re Auf­ga­be ist für das spi­ri­tu­el­le Le­ben. Soll es ei­ne spi­ri­tu­el­le Geis­tes­strö­mung ge­ben und soll sie Welt­mys­tik ver­ste­hen, dann muß die­se Strö­mung, in­so­fern sie übe­r­ein­stim­men soll mit der Apo­ka­lyp­se des Jo­han­nes, das er­fül­len, was der Sp­re­cher,

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der gro­ße In­spi­ra­tor, for­dert von die­ser Epo­che. Was for­dert er, und wer ist er? Kön­nen wir ihn er­ken­nen? Ver­su­chen wir es.

«Und dem En­gel der Ge­mein­de zu Sar­des sch­rei­be» wir selbst müs­sen uns hier an­ge­spro­chen füh­len : «Das sagt, der die sie­ben Geis­ter Got­tes hat und die sie­ben Ster­ne» (Of­fen­ba­rung Jo­han­nis 3, 1). Was sind sie hier, die sie­ben Geis­ter und die sie­ben Ster­ne? Im Ton des Apo­ka­lyp­ti­kers ist der Mensch, wie er uns hier er­scheint, ein äu­ße­rer Aus­druck der sie­ben men­sch­li­chen Prin­zi­pi­en, die wir auf­ge­zählt ha­ben. Das Prin­zip des phy­si­schen Lei­bes, von dem der äu­ße­re phy­si­sche Leib der Aus­druck ist, das Prin­zip des Le­bens­lei­bes, des­sen Aus­druck der Äther­leib ist, das Prin­zip des as­tra­li­schen Lei­bes, der um­ge­wan­delt Ma­nas er­gibt, Buddhi oder der um­ge­wan­del­te Äther­leib, At­ma oder der um­ge­wan­del­te phy­si­sche Leib, und mit­ten drin­nen­ste­hend das Ich-Prin­zip: das sind die sie­ben geis­ti­gen In­g­re­di­en­zi­en, in wel­che die gött­li­che We­sen­heit des Men­schen wie in Glie­der ei­nes Fächers au­s­ein­an­der­ge­legt ist. Nach dem tech­ni­schen Aus­druck des Ok­kul­tis­mus nennt man die­se sie­ben Prin­zi­pi­en die sie­ben Geis­ter des Got­tes im Men­schen. Und die sie­ben Ster­ne, das sind die Ster­ne, nach de­nen wir ver­ste­hen, was der Mensch heu­te ist und was er in der Zu­kunft wer­den soll. Wenn wir sie auf­zäh­len, die au­f­ein­an­der­fol­gen­den Ster­ne der Er­den­ver­kör­pe­rung: Sa­turn, Son­ne, Mond, Er­de, Ju­pi­ter, Ve­nus und Vul­kan, dann sind das die sie­ben Ster­ne, die uns die Ent­wi­cke­lung des Men­schen ver­ständ­lich ma­chen. Der Sa­turn hat dem Men­schen die An­la­ge zu sei­nem phy­si­schen Lei­be, die Son­ne die zu sei­nem äthe­ri­schen, der Mond je­ne zum as­tra­li­schen Leib und die Er­de hat ihm das Ich ge­ge­ben. Die drei nächst­fol­gen­den, Ju­pi­ter, Ve­nus, Vul­kan, bil­den die geis­ti­gen We­sens­g­lie­der des Men­schen aus. Ver­ste­hen wir den Ruf des Geis­tes, der die­se sie­ben Ster­ne und die sie­ben Geis­ter Got­tes, die sie­ben­g­lie­d­ri­ge Na­tur in der Hand hat, dann trei­ben wir im Sin­ne des Apo­ka­lyp­ti­kers An­thro­po­so­phie. Nichts an­de­res heißt An­thro­po­so­phie trei­ben, als zu wis­sen, daß hier hin­ge­deu­tet wird auf die fünf­te men­sch­li­che Ent­wi­cke­lung­s­e­po­che der nachat­lan­ti­schen Zeit, zu wis­sen, daß wir in un­se­rer Zeit, wo man am tiefs­ten her­un­ter­ge­s­tie­gen ist in die Ma­te­rie, in das spi­ri­tu­el­le Le­ben

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wie­der hin­auf­sch­rei­ten sol­len im Ge­fol­ge der gro­ßen In­di­vi­dua­li­tät, wel­che die sie­ben Geis­ter Got­tes und die sie­ben Ster­ne uns zur Füh­r­er­schaft gibt, da­mit wir uns zu­recht­fin­den auf dem We­ge.

Und wenn wir die­sen Weg ge­hen, brin­gen wir in den sechs­ten Zei­traum hin­ein das rich­ti­ge spi­ri­tu­el­le Le­ben der Weis­heit und der Lie­be. Dann wird das, was wir uns er­ar­bei­ten als an­thro­po­so­phi­sche Weis­heit, zum Lie­be­s­im­puls des sechs­ten Zei­trau­mes, der re­prä­sen­tiert wird durch die Ge­mein­de, die schon in ih­rem Na­men sich als Re­prä­sen­tant des sechs­ten Zei­trau­mes aus­drückt: die Ge­mein­de der Bru­der­lie­be, Phi­la­del­phia. Al­le die­se Na­men sind nicht um­sonst ge­wählt. Der Mensch wird sein Ich ent­wi­ckeln zur rich­ti­gen Höhe, so daß er selb­stän­dig wird und in Frei­heit die Lie­be je­dem an­de­ren We­sen ent­ge­gen­bringt im sechs­ten Zei­traum, der re­prä­sen­tiert ist durch die Ge­mein­de Phi­la­del­phia. Das soll als spi­ri­tu­el­les Le­ben des sechs­ten Zei­trau­mes vor­be­rei­tet wer­den. Da wer­den wir das in­di­vi­du­el­le Ich in höhe­rem Gra­de in uns ge­fun­den ha­ben, so daß kei­ne äu­ße­re Kraft mehr in uns hin­ein­spie­len kann, wenn wir es nicht wol­len; so daß wir zu­sch­lie­ßen kön­nen und nie­mand oh­ne un­se­ren Wil­len auf­sch­ließt, und wenn wir auf­sch­lie­ßen, kei­ne ent­ge­gen­ge­setz­te Macht zu­sch­ließt. Das ist der «Schlüs­sel Da­vids». Des­halb spricht der­je­ni­ge, der den Brief in­spi­riert, daß er den Schlüs­sel Da­vids hat. «Und dem En­gel der Ge­mein­de zu Phi­la­del­phia sch­rei­be: Das sagt der Hei­li­ge, der Wahr­haf­ti­ge, der da hat den Schlüs­sel Da­vids, der auf­tut und nie­mand sch­ließt zu, der zu­sch­lie­ßet und nie­mand tut auf» «Sie­he, ich ha­be vor dir ge­ge­ben ei­ne of­fe­ne Tür, und nie­mand kann sie zu­sch­lie­ßen» das Ich, das in sich selbst sich ge­fun­den hat (Of­fen­ba­rung Jo­han­nis 3, 7).

Und der sie­ben­te Zei­traum wird die­je­ni­gen, die ge­fun­den ha­ben die­ses spi­ri­tu­el­le Le­ben, scha­ren um den gro­ßen Füh­rer; er wird sie ve­r­ei­ni­gen um die­sen gro­ßen Füh­rer. Sie wer­den be­reits so weit dem spi­ri­tu­el­len Le­ben an­ge­hö­ren, daß sie sich un­ter­schei­den wer­den von de­nen, die ab­ge­fal­len sind, von de­nen, die lau sind, «nicht kalt und nicht warm». Das Häuf­lein, wel­ches die Spi­ri­tua­li­tät ge­fun­den hat, wird ver­ste­hen den, der da sa­gen darf, in­dem er sich zu er­ken­nen gibt: Ich bin der­je­ni­ge, der in sich sch­ließt das wir­k­li­che

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End­we­sen, nach dem al­les zu­steu­ert. Denn die­ses End­we­sen, das be­zeich­net man mit dem Wor­te «Amen». Da­her Ka­pi­tel 3, 14: «Und dem En­gel der Ge­mein­de zu Lao­di­zea sch­rei­be: Das sa­get der Amen» der­je­ni­ge, der in sei­ner We­sen­heit die We­sen­heit des En­des dar­s­tellt.

So se­hen wir, wie in der Apo­ka­lyp­se des Jo­han­nes ge­ge­ben ist der In­halt ei­ner Ein­wei­hung. Und die ers­te Stu­fe schon die­ser Ein­wei­hung, wo wir den in­ne­ren Fort­gang der sie­ben nachat­lan­ti­schen Zei­ten se­hen, wo wir noch den Geist des phy­si­schen Pla­nes se­hen, zeigt uns, daß wir es zu tun ha­ben mit ei­ner Ein­wei­hung des Wil­lens. Denn bis in un­se­re Zeit he­r­ein kann die­ser In­halt be­feu­ernd wir­ken auf un­se­ren Wil­len, wenn wir er­ken­nen, daß wir hin­hor­chen sol­len auf die In­spi­ra­to­ren, die uns leh­ren, wenn wir ver­ste­hen ler­nen, was die sie­ben Ster­ne und die sie­ben Geis­ter Got­tes be­deu­ten, wenn wir ver­ste­hen ler­nen, daß wir die spi­ri­tu­el­le Er­kennt­nis in die Zu­kunft hin­ein­tra­gen sol­len.

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VIERTER VORTRAG, Nürnberg, 21. Juni 1908

Es hat sich uns ges­tern er­ge­ben, in­wie­fern die Apo­ka­lyp­se des Jo­han­nes pro­phe­tisch hin­weist auf den Zy­k­lus der Men­schen­ent­wi­cke­lung, der da liegt zwi­schen je­ner gro­ßen Um­wäl­zung auf un­se­rer Er­de, wel­che die ver­schie­de­nen Völ­ker als Sint­flut be­zeich­nen, wel­che die Geo­lo­gen cha­rak­te­ri­sie­ren als die Eis­zeit, und je­ner Epo­che, die wir als die des Krie­ges al­ler ge­gen al­le be­zeich­nen. In dem Zei­traum zwi­schen die­sen bei­den Epo­chen liegt al­les das, wor­auf das apo­ka­lyp­ti­sche Buch mit den sie­ben Send­sch­rei­ben pro­phe­tisch hin­weist, die­ses Buch, das uns die We­sen­hei­ten der ver­gan­ge­nen Zei­ten zeigt, um dar­aus her­zu­lei­ten, was un­se­ren Wil­len, un­se­re Im­pul­se be­feu­ern soll für die Zu­kunft. Und wir ha­ben ge­se­hen, wie wir selbst inn­er­halb der spi­ri­tu­el­len Be­we­gung, in der wir ste­hen, die Wor­te des so­ge­nann­ten fünf­ten Send­sch­rei­bens als ei­ne Auf­for­de­rung be­trach­ten sol­len, zu han­deln, zu wir­ken. Wir ha­ben ge­se­hen, wie dar­auf hin­ge­wie­sen wird, daß wir fol­gen sol­len je­ner We­sen­heit mit den sie­ben Geis­tern Got­tes und den sie­ben Ster­nen. Und wir ha­ben ge­se­hen, wie durch die­se spi­ri­tu­el­le geis­ti­ge Be­we­gung der nächst­fol­gen­de Zei­traum vor­be­rei­tet wird, der re­prä­sen­tiert ist durch die Ge­mein­de von Phi­la­del­phia, der Zei­traum, in dem herr­schen soll bei al­len de­nen, wel­che das Wort der Auf­for­de­rung ver­stan­den ha­ben, je­ne Bru­der­lie­be über die gan­ze Er­de hin, die vor­ge­zeich­net ist im Evan­ge­li­um des Jo­han­nes. Dar­auf wird noch ein an­de­rer, der sie­ben­te Un­ter­zei­traum fol­gen, der da­durch be­zeich­net wird, daß uns auf der ei­nen Sei­te hin­ge­s­tellt wird al­les das, was sch­limm ist in der Ge­mein­de, die den sie­ben­ten Zei­traum re­prä­sen­tiert, was lau ist, nicht heiß und nicht kalt, was sich nicht er­wär­m­en konn­te für das spi­ri­tu­el­le Le­ben und da­her ab­fal­len muß, und auf der an­de­ren Sei­te wer­den die­je­ni­gen ge­zeigt, die das Wort der Auf­for­de­rung ver­stan­den ha­ben, die die Ge­folg­schaft bil­den wer­den des­sen, der da sagt, Ich bin das Amen das

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heißt: Ich bin der, der das Ziel der men­sch­li­chen We­sen­heit in sich ve­r­ei­nigt, der das Chris­tus-Prin­zip in sich sel­ber ent­hält.

Wir wol­len nun al­les das, was noch zur wei­te­ren Er­klär­ung der ein­zel­nen Send­sch­rei­ben, was noch zur Recht­fer­ti­gung der ein­zel­nen Na­men der Städ­te hin­zu­zu­fü­gen wä­re, für ei­nen spä­te­ren Zeit­punkt auf­be­wah­ren. Heu­te wol­len wir wei­ter­sch­rei­ten in un­se­rer Be­trach­tungs­wei­se zu dem, was sich dem Men­schen bie­tet, wenn er die nächs­te Stu­fe der Ein­wei­hung be­sch­rei­tet. Die sie­ben Un­ter­zei­träu­me un­se­res Mensch­heits­zy­k­lus tra­ten uns ent­ge­gen, und wir ha­ben ge­sagt, daß die­ser gan­ze Zy­k­lus mit sei­nen sie­ben Un­ter­k­reis­läu­fen selbst wie­der­um ein klei­ner Zy­k­lus ist in ei­nem gro­ßen um­fas­sen­den Zei­ten­lauf, der gleich­falls sie­ben ein­zel­ne Epo­chen ent­hält. Un­se­rem Zy­k­lus von sie­ben Zeit­läu­fen ging der at­lan­ti­sche voran, in dem sich die Ras­sen, de­ren Nach­klän­ge jetzt noch vor­han­den sind, aus­ge­bil­det ha­ben. Un­se­rem jet­zi­gen Zy­k­lus, das heißt des­sen sie­ben­tem Un­ter­zy­k­lus, wird un­mit­tel­bar fol­gen ein an­de­rer, wie­der­um aus sie­ben Glie­dern be­ste­hen­der Zei­traum. Die­sen Zei­traum, den be­rei­tet der jet­zi­ge auch mit­tel­bar vor. So daß wir sa­gen kön­nen: Nach und nach wird sich un­se­re Kul­tur hin­ein­le­ben in ei­ne Kul­tur der Bru­der­lie­be, wo ein ver­hält­nis­mä­ß­ig klei­ner Teil der Men­schen ver­stan­den ha­ben wird das spi­ri­tu­el­le Le­ben, vor­be­rei­tet ha­ben wird den Geist und die Ge­sin­nung der Bru­der­lie­be. Die­se Kul­tur wird dann wie­der­um ei­nen klei­ne­ren Teil von Men­schen aus­son­dern, und der wird hin­über­le­ben über je­nes Er­eig­nis, das so zer­stö­rend auf un­se­ren Kreis­lauf wir­ken wird, über den Krieg al­ler ge­gen al­le. Bei die­sem all­ge­mein zer­stö­ren­den Ele­men­te wer­den übe­rall ein­zel­ne sein, die sich her­aus­he­ben aus der üb­ri­gen, sich ge­gen­sei­tig be­krie­gen­den Mensch­heit, ein­zel­ne, die das spi­ri­tu­el­le Le­ben ver­stan­den ha­ben und die den Grund­stock bil­den wer­den für ei­ne neue, an­de­re Epo­che, die Epo­che des sechs­ten Zei­trau­mes.

So ging es auch beim Her­über­le­ben vom vier­ten Zeit­lauf in un­se­re Zeit he­r­ein. Der­je­ni­ge, der mit hell­se­he­ri­schen Bli­cken den Zei­ten­lauf zu­rück­ver­fol­gen kann, der kommt, wenn er hin­durch­ge­gan­gen ist durch die Zei­träu­me, die wir be­trach­tet ha­ben den

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grie­chisch-rö­mi­schen, den ägyp­tisch-ba­by­lo­ni­schen, den alt­per­si­schen und den alt­in­di­schen , wenn er hin­durch­ge­gan­gen ist auch durch die Zeit der gro­ßen Flut, er kommt dann in die at­lan­ti­sche Zeit hin­ein. Wir brau­chen sie nicht aus­führ­lich zu be­trach­ten, aber wir müs­sen uns we­nigs­tens klar­ma­chen, wie sich die­se at­lan­ti­sche Kul­tur her­über­ent­wi­ckelt hat. Auch da war es so, daß der gro­ße Teil der at­lan­ti­schen Be­völ­ke­rung un­reif war, sich wei­ter­zu­ent­wi­ckeln, un­fähig war, her­über­zu­kom­men in un­se­re Zei­ten. Ein klei­ner Teil, der in ei­nem Ge­bie­te in der Nähe des heu­ti­gen Ir­land leb­te, ent­wi­ckel­te sich zur höchs­ten Kul­tur­blü­te des at­lan­ti­schen Lan­des und zog ge­gen Os­ten. Wir müs­sen uns klar sein, daß dies nur der Haupt­zug ist. Im­mer wan­der­ten Völ­ker von Wes­ten nach Os­ten, und al­le die spä­te­ren Völ­ker in eu­ro­päi­schen Ge­gen­den, im nörd­li­chen und im mitt­le­ren Eu­ro­pa, al­le die­se rühr­ten her von je­nem Zug, der da ging von Wes­ten nach Os­ten. Nur war un­ter der Lei­tung ei­nes gro­ßen Füh­rers der Mensch­heit der­je­ni­ge Teil der Be­völ­ke­rung, der es zur höchs­ten Blü­te ge­bracht hat­te, am wei­tes­ten vor­ge­schrit­ten. Der sie­del­te sich in Mit­te­la­si­en an als ein ganz klei­ner Volks­stamm von au­s­er­wähl­ten Men­schen, und von da aus ging die Ko­lo­nie nach je­nen Kul­tur­ge­bie­ten, die wir an­ge­führt ha­ben, von da aus ging die Kul­tur­strö­mung nach Alt-In­di­en, nach Per­si­en, Ägyp­ten, Grie­chen­land und so wei­ter.

Sie kön­nen nun leicht fra­gen: Ist das nicht ein un­ge­heu­er har­ter Ge­dan­ke, daß gan­ze Völ­ker­mas­sen un­reif wer­den und nicht die Fähig­kei­ten ent­wi­ckeln, sich zu ent­fal­ten, daß nur ei­ne klei­ne Grup­pe fähig wird, den Keim zur nächs­ten Kul­tur ab­zu­ge­ben? Aber die­ser Ge­dan­ke wird für Sie nicht mehr et­was Be­ängs­ti­gen­des ha­ben, wenn Sie un­ter­schei­den zwi­schen Ras­sen­ent­wi­cke­lung und See­len­ent­wi­cke­lung. Denn kei­ne See­le ist da­zu ver­dammt, inn­er­halb ir­gend­ei­ner Ras­se zu blei­ben. Die Ras­se kann zu­rück­b­lei­ben, ei­ne Völ­ker­ge­mein­schaft kann zu­rück­b­lei­ben, die See­len aber sch­rei­ten über die ein­zel­nen Ras­sen hin­aus. Wenn wir uns die Sa­che ganz ge­nau vor­s­tel­len wol­len, so müs­sen wir uns sa­gen: Al­le See­len, wel­che heu­te in den Kör­pern der zi­vi­li­sier­ten Län­der woh­nen, wa­ren einst in at­lan­ti­schen Kör­pern ver­kör­pert. Dort ent­wi­ckel­ten

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sich ei­ni­ge in ent­sp­re­chen­der Wei­se wei­ter. Sie blie­ben nicht bei den at­lan­ti­schen Kör­pern. Weil sie sich wei­ter­ent­wi­ckelt hat­ten, konn­ten sie die See­len der auch wei­ter fort­ge­schrit­te­nen Lei­ber wer­den. Nur die­je­ni­gen See­len, die als See­len zu­rück­ge­b­lie­ben wa­ren, muß­ten Kör­per be­zie­hen, die als Lei­ber auf ei­ner nie­d­ri­gen Stu­fe zu­rück­ge­b­lie­ben wa­ren. Wür­den al­le See­len ent­sp­re­chend vor­wärts­ge­schrit­ten sein, so wür­de die zu­rück­ge­b­lie­be­ne Ras­se ent­we­der in sehr ge­rin­ger Zahl vor­han­den ge­b­lie­ben sein, oder es wür­den von neu hin­zu­kom­men­den nie­d­ri­gen See­len ih­re Lei­ber noch be­wohnt wor­den sein. Denn es gibt im­mer See­len, die zu­rück­ge­b­lie­be­ne Lei­ber be­woh­nen kön­nen. Kei­ne See­le ist an ei­nen zu­rück­ge­b­lie­be­nen Leib ge­bun­den, wenn sie sich nicht sel­ber bin­det.

Wie sich See­len- und Ras­sen­ent­wi­cke­lung ver­hält, das ist uns auf­be­wahrt in ei­nem wun­der­ba­ren My­thus. Den­ken wir uns Ras­se auf Ras­se fol­gen, Kul­tur­ge­mein­schaft auf Kul­tur­ge­mein­schaft. Die See­le, die ih­re Er­den­mis­si­on in der rich­ti­gen Wei­se durch­läuft, ist ver­kör­pert in ei­ner Ras­se. Sie st­rebt inn­er­halb die­ser Ras­se, die Fähig­keit die­ser Ras­se eig­net sie sich an, um das nächs­te­mal in ei­ner höhe­ren Ras­se ver­kör­pert zu sein. Nur die­je­ni­gen See­len, wel­che un­ter­ge­hen in der Ras­se, die nicht her­aus­st­re­ben aus der phy­si­schen Ma­te­ria­li­tät, die wer­den so­zu­sa­gen durch ih­re ei­ge­ne Schwe­re in der Ras­se zu­rück­ge­hal­ten. Sie er­schei­nen ein zwei­tes Mal in der­sel­ben Ras­se, ein drit­tes Mal even­tu­ell im Lei­be gleich­ge­stal­te­ter Ras­sen. Sol­che See­len wir­ken auf­hal­tend auf die kör­per­li­che Ras­se. In ei­ner Sa­ge hat sich uns das sc­hön er­hal­ten.

Wir wis­sen ja, daß der Mensch da­durch wei­ter­sch­rei­tet in der Bahn der Er­den­mis­si­on, daß er den gro­ßen Füh­r­ern der Mensch­heit folgt, die ihr die Zie­le an­wei­sen. Stößt er sie von sich, folgt er ih­nen nicht, dann eben muß er bei sei­ner Ras­se zu­rück­b­lei­ben, dann kann er nicht hin­aus über sie. Den­ken wir uns ein­mal ei­ne Per­sön­lich­keit, die das Glück hat, ei­nem gro­ßen Füh­rer der Mensch­heit ge­gen­über­zu­ste­hen, den­ken wir uns ei­ne sol­che Per­sön­lich­keit zum Bei­spiel, die dem Chris­tus Je­sus sel­ber ge­gen­über­steht, die sieht, wie er al­le Zei­chen tut, um die Mensch­heit vor­wärts­zu­füh­ren, die aber nichts wis­sen will von die­sem Auf­s­tieg, die hin­weg­stößt

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den Mensch­heits­füh­rer. Ei­ne sol­che Per­sön­lich­keit, ei­ne sol­che See­le wür­de ver­ur­teilt sein, in der Ras­se zu blei­ben. Und wenn wir uns das ra­di­kal aus­ge­stal­tet den­ken, so müß­te ei­ne sol­che See­le im­mer wie­der und wie­der in der­sel­ben Ras­se er­schei­nen, und wir ha­ben die Sa­ge von Ahas­ver, der im­mer wie­der in der­sel­ben Ras­se er­schei­nen muß, weil er den Chris­tus Je­sus von sich stieß.

In sol­chen eher­nen Sa­gen­ta­feln wer­den uns die gro­ßen Wahr­hei­ten der Mensch­heits­ent­wi­cke­lung hin­ge­s­tellt. See­len­ent­wi­cke­lung und Ras­sen­ent­wi­cke­lung müs­sen wir tren­nen. Kei­ne See­le hat un­ver­di­ent in al­ten Kör­pern blei­ben müs­sen, kei­ne See­le wird un­ver­di­ent blei­ben in den Lei­bern un­se­res Zei­tal­ters. Die See­len, die hö­ren wer­den die Stim­me, die da ruft, um vor­wärts­zu­sch­rei­ten, sie wer­den über die gro­ße Zer­stör­ungs­pe­rio­de des Krie­ges al­ler ge­gen al­le hin­über­le­ben und in neu­en Lei­bern er­schei­nen, in Lei­bern ganz an­de­rer Art als die heu­ti­gen. Denn es ist sehr kurz­sich­tig, wenn man sich zum Bei­spiel die at­lan­ti­schen Lei­ber der Men­schen so denkt wie die heu­ti­gen Lei­ber. Im Lau­fe von Jahr­tau­sen­den än­dern sich die Men­schen auch der äu­ße­ren Phy­siog­no­mie nach, und der Mensch, der nach dem gro­ßen Krie­ge al­ler ge­gen al­le kom­men wird, wird ganz an­ders ge­stal­tet sein als der heu­ti­ge. Heu­te ist der Mensch so ge­stal­tet, daß er in ei­ner ge­wis­sen Be­zie­hung in sich ver­ber­gen kann sein Gu­tes und sein Bö­ses. Zwar ver­rät die Phy­siog­no­mie des Men­schen schon viel, und der­je­ni­ge, der sich dar­auf ver­steht, wird man­ches aus den Ge­sichts­zü­gen le­sen kön­nen. Aber es ist heu­te doch mög­lich, daß der Schur­ke hold­se­lig lächelt mit der un­schul­digs­ten Mie­ne und für ei­nen Eh­ren­mann ge­hal­ten wird. Und auch das Um­ge­kehr­te ist mög­lich, daß un­er­kannt bleibt, was in der See­le lebt an gu­ten Trie­ben. Es ist mög­lich, daß al­les das, was in der See­le an Ge­scheit­heit und Dumm­heit lebt, an Sc­hön­heit und Häß­lich­keit, daß es sich ver­birgt hin­ter der all­ge­mei­nen Phy­siog­no­mie, die die­ser oder je­ner Men­schen­schlag hat. Sol­ches wird in je­nem Zei­traum, der dem uns­ri­gen fol­gen wird nach dem gro­ßen Krieg al­ler ge­gen al­le, nicht mehr der Fall sein. Auf der Stir­ne und in der gan­zen Phy­siog­no­mie wird dem Men­schen ge­schrie­ben sein, ob er gut ist oder bö­se. Das In­ners­te der See­le wird der Mensch als

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Phy­siog­no­mie in sei­nem Ant­litz tra­gen, ja, der gan­ze Leib wird ein Ab­bild sein des­sen, was in sei­ner See­le lebt. Wie sich der Mensch in sich selbst ent­wi­ckelt hat, ob er die gu­ten oder bö­sen Trie­be ent­fal­tet hat, das wird an sei­ner Stir­ne ge­schrie­ben sein. Und zwei­er­lei Men­schen wer­den nach dem gro­ßen Krieg al­ler ge­gen al­le vor­han­den sein. Die­je­ni­gen, die sich vor­her be­müht hat­ten, dem Ruf zu fol­gen, der zum spi­ri­tu­el­len Le­ben aufrief, die der Spi­ri­tua­li­sie­rung, der Ve­r­ed­lung des see­lisch-geis­ti­gen Le­bens folg­ten, sie wer­den die­ses see­lisch-geis­ti­ge Le­ben auf ih­ren Ant­lit­zen tra­gen und in ih­ren Ges­ten, in ih­ren Hand­be­we­gun­gen zum Aus­dru­cke brin­gen. Und je­ne, die sich ab­ge­kehrt ha­ben von dem spi­ri­tu­el­len Le­ben, wie sie uns re­prä­sen­tiert sind durch die Ge­mein­de zu Lao­di­zea, die da lau wa­ren, nicht warm und nicht kalt, die wer­den hin­über­le­ben in das an­de­re nächs­te Zei­tal­ter als sol­che, die die Mensch­heit­se­vo­lu­ti­on ver­zö­gern, die die rück­stän­di­gen Kräf­te der Ent­wi­cke­lung be­wah­ren. Sie wer­den die bö­sen, die dem Geis­ti­gen feind­li­chen Lei­den­schaf­ten und Trie­be und In­s­tink­te auf dem häß­li­chen, un­in­tel­li­gen­ten, auf dem bö­se­bli­cken­den Ant­litz tra­gen. Sie wer­den in ih­ren Ges­ten und der Hand­ha­bung von al­lem, was sie tun, ein äu­ße­res Ab­bild bil­den des­sen, was an Häß­li­chem in ih­rer See­le lebt. Wie sich die Men­schen au­s­ein­an­der­ge­t­rennt ha­ben in Ras­sen, in Kul­tur­ge­mein­schaf­ten, so wer­den sie sich in zwei gro­ße Strö­mun­gen schei­den, in die gu­te und in die bö­se. Und man wird es ih­nen an­se­hen nicht mehr wer­den sie es ver­leug­nen kön­nen, die ein­zel­nen Men­schen , wo­zu sie ih­re See­le ge­bracht ha­ben.

Wenn wir zu­rück­schau­en, wie sich die Mensch­heit bis­her ent­wi­ckelt hat im Gang un­se­rer Er­de, so wer­den wir die­se eben cha­rak­te­ri­sier­te Zu­kunfts­ent­wi­cke­lung durch­aus da­mit im Ein­klan­ge fin­den. Schau­en wir zu­rück auf den Ur­sprung un­se­rer Er­den­ent­wi­cke­lung, nach­dem Sa­turn, Son­ne, Mond und ein län­ge­rer Zwi­schen­raum vor­über wa­ren. Da tauch­te die Er­de neu her­aus aus dem Wel­ten­dun­kel. Da­mals, in der ers­ten Zeit der Er­den­ent­wi­cke­lung, wa­ren noch kei­ne an­de­ren Ge­sc­höp­fe auf der Er­de als der Mensch. Er ist der Erst­ge­bo­re­ne. Er war ganz geis­tig. Denn die Ver­leib­li­chung be­steht in ei­ner Ver­dich­tung. Den­ken wir uns ein­mal ei­ne

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Was­ser­mas­se, die frei schwe­ben könn­te. Durch ir­gend­ei­nen Vor­gang in die­ser Was­ser­mas­se wer­den Tei­le kri­s­tal­li­siert. Wir den­ken uns zu­erst ei­nen klei­nen Teil des Was­sers kri­s­tal­li­siert zu Eis, und dann, daß der­sel­be Vor­gang sich im­mer wie­der­holt. Und nun den­ken wir uns, daß ein Teil der Was­ser­mas­sen die klei­nen Eis­stück­chen, die her­aus­kri­s­tal­li­siert sind, hat fal­len las­sen, so daß die­se klei­nen Eis­stück­chen nun ab­ge­t­rennt sind von der gan­zen Was­ser­mas­se. Weil nun je­des klei­ne Eis­stück­chen sich nur so lan­ge ver­grö­ß­ern kann, als es inn­er­halb der gan­zen Was­ser­mas­se ist, so bleibt es, wenn es her­aus­ge­fal­len ist aus die­ser Mas­se, auf der Stu­fe, auf der es steht. Den­ken wir uns ei­nen Teil der Was­ser­mas­sen als klei­ne Eis­stück­chen aus­ge­son­dert, den­ken wir uns wei­ter fort­sch­rei­tend das Ge­frie­ren der Was­ser­mas­sen und auf ei­ner nächs­ten Stu­fe wie­der­um sich an­sch­lie­ßend an die klei­nen Eis­klümp­chen neue Was­ser­mas­sen, die­se dann wie­der­um her­aus­fal­lend, und so fort, bis zum Schluß ein ganz gro­ßer Teil aus der Was­ser­mas­se sich her­aus­kri­s­tal­li­siert und Eis­ge­stalt an­nimmt. Die­ser letz­te­re hat am meis­ten her­aus­ge­nom­men aus der Was­ser-Mut­ter­sub­stanz, er hat am längs­ten war­ten kön­nen, be­vor er sich ge­t­rennt hat von die­ser Was­ser-Mut­ter­sub­stanz.

So ist es mit der Ent­wi­cke­lung. Die nie­ders­ten tie­ri­schen We­sen ha­ben nicht war­ten kön­nen, ha­ben zu früh ver­las­sen ih­re geis­ti­ge Mut­ter­sub­stanz und sind da­her auf ei­ner frühe­ren Evo­lu­ti­ons­stu­fe ste­hen­ge­b­lie­ben. Und so be­deu­ten die stu­fen­wei­se her­auf­s­tei­gen­den nie­de­ren We­sen in der Ent­wi­cke­lung ste­hen­ge­b­lie­be­ne Stu­fen. Der Mensch hat bis zu­letzt ge­war­tet, zu­letzt erst hat er sei­ne geis­tig-gött­li­che Mut­ter­sub­stanz ver­las­sen und ist her­ab­ge­s­tie­gen als dich­te Mas­se in flei­sch­li­che Ge­stalt. Die Tie­re sind früh­er her­ab­ge­s­tie­gen und da­her ste­hen­ge­b­lie­ben. Wes­halb das ge­sche­hen ist, wer­den wir spä­ter se­hen, jetzt in­ter­es­siert uns die Tat­sa­che, daß sie her­un­ter­ge­s­tie­gen sind und frühe­re Stu­fen der Ent­wi­cke­lung fest­ge­hal­ten ha­ben. Was ist al­so ei­ne Tier­ge­stalt? Ei­ne Ge­stalt, die, wenn sie mit dem Geist, aus dem sie her­vor­ge­gan­gen ist, ver­bun­den ge­b­lie­ben wä­re, sich bis zur heu­ti­gen Mensch­heit her­au­f­ent­wi­ckelt hät­te. So aber sind sie ste­hen­ge­b­lie­ben, so ha­ben sie den geis­ti­gen Keim ver-

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las­sen, sie ha­ben sich ab­ge­spal­ten und ste­hen heu­te im Nie­der­gang, stel­len dar ei­nen Zweig des gro­ßen Mensch­heits­bau­mes. Der Mensch hat gleich­sam die Tier­heit in sich ge­habt in al­ten Zei­ten, hat sie aber als Sei­ten­zwei­ge her­aus­ge­spal­ten. Al­le Tie­re in ih­ren ver­schie­de­nen For­men stel­len nichts an­de­res dar als zu früh ver­dich­te­te ein­zel­ne men­sch­li­che Lei­den­schaf­ten. Was der Mensch heu­te noch geis­tig hat in sei­nem As­tral­leib, das stel­len die Tier­ge­stal­ten ein­zeln phy­sisch dar. Er hat das im As­tral­leib be­wahrt bis zum spä­tes­ten Zei­traum im Er­den­da­sein. Da­her konn­te er am höchs­ten hin­auf­sch­rei­ten.

Auch jetzt hat der Mensch et­was in sich, was als ein ab­wärtsge­hen­der Zweig, wie die an­de­ren Tier­ge­stal­ten, her­aus muß aus der all­ge­mei­nen Ent­wi­cke­lung. Was der Mensch in sich hat als An­la­gen zum Gu­ten und Bö­sen, zum Ge­schei­ten und Dum­men, zum Sc­hö­nen und Häß­li­chen, das stellt die Mög­lich­keit ei­nes Auf­wärts­gan­ges und ei­nes Zu­rück­b­lei­bens dar. Wie die Tier­ge­stalt sich her­aus­ent­wi­ckelt hat, wird sich die Ras­se der Bö­sen mit den häß­li­chen An­ge­sich­tern her­aus­ent­wi­ckeln aus der fort­sch­rei­ten­den Mensch­heit, die der Spi­ri­tua­li­sie­rung ent­ge­gen­geht und das spä­te­re Mensch­heits­ziel er­reicht. So wird ei­ne Zu­kunft nicht nur die Tier­ge­stal­ten se­hen, die ver­kör­per­te Ab­bil­der der men­sch­li­chen Lei­den­schaf­ten sind, son­dern es wird in ei­ner Ras­se le­ben, was der Mensch jetzt in sei­nem In­nern als Teil des Bö­sen birgt, was er heu­te noch ver­ber­gen kann, was aber spä­ter er­schei­nen wird. Was de­r­einst haupt­säch­lich er­schei­nen wird, das wird uns durch ei­ne Be­trach­tung klar wer­den, die Ih­nen vi­el­leicht selt­sam dün­ken wird.

Es muß uns klar sein, daß die­se Ab­son­de­rung der Tier­ge­stal­ten tat­säch­lich für den Men­schen not­wen­dig war. Je­de Tier­ge­stalt, die sich in der ver­f­los­se­nen Zeit vom all­ge­mei­nen Strom ab­ge­son­dert hat, be­deu­tet, daß der Mensch um ein Stück wei­ter­ge­schrit­ten ist. Den­ken Sie sich, daß al­le Ei­gen­schaf­ten, die in der Tier­heit zer­st­reut sind, im Men­schen wa­ren. Er hat sich da­von ge­r­ei­nigt. Da­durch konn­te er sich höher­ent­wi­ckeln. Wenn wir ei­ne tr­ü­be Flüs­sig­keit vor uns ha­ben und das Gro­be der­sel­ben sich als Bo­den­satz set­zen las­sen, so bleibt das Fei­ne­re oben üb­rig. Eben­so hat sich in

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den Tier­ge­stal­ten das Gröbe­re, das der Mensch nicht zu sei­nem heu­ti­gen Ent­wi­cke­lungs­zu­stand hät­te brau­chen kön­nen, wie Bo­den­satz ab­ge­setzt. Da­durch, daß der Mensch die­se Tier­ge­stal­ten als sei­ne äl­te­ren Brü­der aus sei­ner Ent­wi­cke­lungs­rei­he hin­aus­ge­wor­fen hat, ist er zu sei­ner jet­zi­gen Höhe ge­kom­men. So steigt die Mensch­heit, in­dem sie die nie­de­ren Ge­stal­ten aus sich her­aus­son­dert, um sich zu rei­ni­gen. Und wei­ter wird die Mensch­heit stei­gen, in­dem sie wie­der­um ein Na­tur­reich, das Reich der bö­sen Ras­se, aus­son­dern wird. So steigt die Mensch­heit auf­wärts. Und je­de Ei­gen­schaft, die der Mensch heu­te hat, ver­dankt er dem Um­stan­de, daß er ei­ne be­stimm­te Tier­ge­stalt her­aus­ge­setzt hat. Wer mit dem Bli­cke des Hell­se­hers die ver­schie­de­nen Tie­re an­sieht, der weiß ge­nau, was wir dem ein­zel­nen Tie­re ver­dan­ken. Da se­hen wir auf die Löw­en­ge­stalt und sa­gen uns: Wä­re der Löwe nicht, dann hät­te der Mensch die­se oder je­ne Ei­gen­schaft nicht, denn da­durch, daß er ihn her­aus­ge­setzt hat, hat er sich die­se oder je­ne Ei­gen­schaft an­ge­eig­net. Und so ist es bei al­len üb­ri­gen Ge­stal­ten der Tier­welt.

Nun sind un­se­re gan­zen fünf Mensch­heits­ent­wi­cke­lung­s­e­po­chen, die ver­schie­de­nen Kul­ture­tap­pen von der alt­in­di­schen bis her­auf zu der uns­ri­gen, ei­gent­lich da­zu da, um die In­tel­li­genz, den Ver­stand und al­les, was mit zu die­sen zwei Fähig­kei­ten und Kräf­ten ge­hört, zu ent­wi­ckeln. Das al­les war in der at­lan­ti­schen Zeit nicht da. Ge­dächt­nis war vor­han­den und auch an­de­re Ei­gen­schaf­ten, aber die In­tel­li­genz zu ent­wi­ckeln mit dem, was da­zu ge­hört, mit dem Zu­ge­wandt­sein des Bli­ckes auf die äu­ße­re Welt, das ist die Auf­ga­be des fünf­ten Zei­trau­mes. Der­je­ni­ge, der den Hell­se­her­blick auf die Um­welt rich­tet, fragt: Wel­cher Tat­sa­che ver­dan­ken wir, daß wir Men­schen in­tel­li­gent ge­wor­den sind? Wel­che Tier­ge­stalt ha­ben wir her­aus­ge­setzt, um in­tel­li­gent zu wer­den? So son­der­bar, so gro­tesk es er­schei­nen mag, so wahr ist es: Wä­ren um uns nicht die Tie­re, die re­prä­sen­tiert sind durch die Pfer­de­na­tur, der Mensch hät­te sich nie­mals die In­tel­li­genz an­eig­nen kön­nen.

Das fühl­te noch der Mensch in frühe­rer Zeit. Al­le die inti­men Ver­hält­nis­se, die sich zwi­schen ge­wis­sen Men­schen­ras­sen und dem Pfer­de ab­spie­len, rüh­ren her von ei­nem Ge­fühl, das sich ver­g­lei-

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chen läßt mit dem ge­heim­nis­vol­len Ge­fühl der Lie­be zwi­schen den bei­den Ge­sch­lech­tern, von ei­nem ge­wis­sen Ge­fühl da­für, was der Mensch die­sem Tie­re ver­dankt. Des­halb, als her­auf­kam die neue Kul­tur in der alt­in­di­schen Zeit, war es ein Pferd, das ei­ne ge­heim­nis­vol­le Rol­le im Kul­tus, im Göt­ter­di­ens­te bil­de­te, und al­les, was sich an Ge­bräu­chen an das Pferd an­knüpft, führt auf die­se Tat­sa­che zu­rück. Wenn Sie bei Völ­kern, die noch na­he dem al­ten Hell­se­hen wa­ren, bei den al­ten Ger­ma­nen zum Bei­spiel, Um­schau hal­ten und se­hen, wie sie Pfer­de­schä­d­el vor ih­ren Häu­s­ern an­ge­bracht ha­ben, so führt Sie das zu­rück auf die­ses Be­wußt­sein: der Mensch ist hin­aus­ge­wach­sen über den un­in­tel­li­gen­ten Zu­stand da­durch, daß er die­se Form ab­ge­son­dert hat. Es ist ein tie­fes Be­wußt­sein vor­han­den da­für, daß die Er­lan­gung der Klug­heit da­mit zu­sam­men­hängt. Sie brau­chen sich nur an Odys­seus zu er­in­nern, an das höl­zer­ne Pferd von Tro­ja. Oh, in sol­chen Sa­gen liegt tie­fe Weis­heit, viel tie­fe­re Weis­heit als in un­se­rer Wis­sen­schaft. Nicht um­sonst ist ein sol­cher Ty­pus ver­wen­det in der Sa­ge wie der Pfer­de­ty­pus. Her­aus­ge­wach­sen ist der Mensch aus ei­ner Ge­stalt, die so­zu­sa­gen das, was im Pfer­de ver­kör­pert ist, noch in sich hat­te, und in der Ge­stalt des Ken­tau­ren hat die Kunst noch hin­ge­s­tellt ei­nen Men­schen, wie er ver­bun­den war mit die­sem Tier, um an die Ent­wi­cke­lungs­stu­fe des Men­schen zu er­in­nern, aus der er her­aus­ge­wach­sen ist, von der er sich los­ge­run­gen hat, um der heu­ti­ge Mensch zu wer­den.

Was so sich ab­ge­spielt hat in der Vor­zeit, um zu un­se­rer ge­gen­wär­ti­gen Mensch­heit zu füh­ren, das wie­der­holt sich auf höhe­rer Stu­fe in der Zu­kunft. Es ist aber nicht et­wa so, als ob sich nun in der Zu­kunft das­sel­be in der phy­si­schen Welt ab­spie­len müß­te. Für den­je­ni­gen Men­schen, der an der Gren­ze zwi­schen dem as­tra­li­schen und dem De­vach­an­plan hell­se­hend wird, zeigt es sich, wie der Mensch im­mer mehr und mehr ve­r­e­delt und aus­bil­det, was er der Ab­son­de­rung der Pfer­de­na­tur ver­dankt. Die Spi­ri­tua­li­sie­rung der In­tel­li­genz wird er be­wir­ken. Was heu­te blo­ßer Ver­stand, blo­ße Klug­heit ist, wird er zur Weis­heit, zur Spi­ri­tua­li­tät er­he­ben nach dem gro­ßen Krieg al­ler ge­gen al­le. Das wer­den die­je­ni­gen er­le­ben, die dann das Ziel er­reicht ha­ben wer­den. Was sich in­fol­ge der

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Ab­son­de­rung der Pfer­de­na­tur in der Mensch­heit ent­wi­ckeln konn­te, das wird sich in sei­ner Frucht zei­gen.

Und jetzt den­ken wir uns ei­nen Hell­se­her, der hin­ein­schaut in die Men­schen­zu­kunft. Was wird sich ihm zei­gen? Al­les, was der Mensch vor­be­rei­tet hat durch die sie­ben Kul­tur­zei­träu­me denn sei­ne See­le war ver­kör­pert in den ver­gan­ge­nen Kul­tu­ren und wird es auch in den zu­künf­ti­gen sein , al­les das wird in ei­nem fol­gen­den Zei­traum ver­kör­pert sein und hin­über­le­ben über den gro­ßen Krieg al­ler ge­gen al­le in das spi­ri­tu­el­le­re Zei­tal­ter hin­ein. In je­dem Zei­traum nahm er auf, was auf­zu­neh­men war. Den­ken Sie sich zu­rück mit Ih­rer See­le, wie Sie ge­lebt ha­ben in der alt­in­di­schen Kul­tur. Da ha­ben Sie auf­ge­nom­men die wun­der­ba­ren Leh­ren von den hei­li­gen Ris­his; wenn Sie sie auch ver­ges­sen ha­ben, spä­ter wer­den Sie sich ih­rer er­in­nern. Und wei­ter sind Sie ge­schrit­ten von ei­ner Ver­kör­pe­rung zur an­de­ren. Sie ha­ben ler­nen kön­nen, was die per­si­sche, die ägyp­ti­sche, die grie­chisch-rö­mi­sche Kul­tur er­mög­lich­ten. Das ist heu­te in der See­le da­r­in­nen. Heu­te zeigt es sich im Ant­litz noch nicht als äu­ße­rer Aus­druck. Sie wer­den wei­ter­le­ben in die Zeit hin­ein von Phi­la­del­phia, Sie wer­den wei­ter­le­ben in die Zeit, die be­herrscht wer­den wird von dem Amen, und im­mer mehr und mehr wird sich ei­ne Mensch­heits­ge­mein­schaft ent­wi­ckeln, wel­che in den Ant­lit­zen der Men­schen zei­gen wird, was sich in un­se­ren Zei­träu­men vor­be­rei­tet hat. Was jetzt in Ih­rer See­le schon ar­bei­tet, was Sie auf­ge­nom­men ha­ben durch den in­di­schen Zei­traum, wird sich in Ih­rer Phy­siog­no­mie zei­gen in dem ers­ten Un­ter­zei­traum der nächst­fol­gen­den Pe­rio­de, nach dem gro­ßen Krieg al­ler ge­gen al­le, und was sich der Mensch an­ge­eig­net hat im alt­per­si­schen Zei­trau­me, wird das Ant­litz ve­r­än­dern auf der zwei­ten Stu­fe, und so Stu­fe für Stu­fe. Al­les das, was Sie, wie Sie jetzt hier sit­zen, mit Ih­ren See­len auf­neh­men, die spi­ri­tu­el­len Leh­ren von heu­te, die sich mit Ih­ren See­len ver­bin­den, das wird sei­ne of­fen­ba­ren Früch­te tra­gen in der Zeit nach dem gro­ßen Krie­ge. Heu­te ve­r­ei­ni­gen Sie das, was die sie­ben Geis­ter Got­tes ge­ben und die sie­ben Ster­ne, mit dem Le­ben ih­rer See­le. Sie tra­gen es nach Hau­se. In Ih­ren Ant­lit­zen wird nie­mand es heu­te le­sen und auch noch nicht nach Jahr­hun-

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der­ten, aber nach je­nem gro­ßen Krieg al­ler ge­gen al­le wird es her­aus­kom­men. Da wird ein fünf­ter Zei­traum kom­men und da wer­den Sie in Ih­rem Ant­litz das Ab­bild da­von tra­gen. An Ih­rer Stir­ne wird es Ih­nen ge­schrie­ben sein, was Sie sich jetzt er­ar­bei­tet ha­ben, was jetzt Ih­re Ge­dan­ken und Ge­füh­le sind.

So wird stu­fen­wei­se nach dem gro­ßen Krie­ge al­ler ge­gen al­le her­aus­kom­men, sich ent­hül­len, was jetzt in die See­le hin­ein­ver­bor­gen wird. Den­ken wir uns den An­bruch des gro­ßen Krie­ges: Die See­le, die ge­hört hat den Ruf, den von Pe­rio­de zu Pe­rio­de das Chris­tus-Prin­zip hat er­tö­nen las­sen, sie wird hin­über­le­ben in al­les das­je­ni­ge, was in den Send­sch­rei­ben an­ge­deu­tet ist. Sie­ben Zei­träu­me hin­durch ist hin­ein­ge­legt wor­den, was die­se Zei­träu­me ge­ben kön­nen. Stel­len wir uns die See­le vor, wie sie war­tet, wie sie hin­über­war­tet. Sie­ben­mal ver­sie­gelt ist sie. Je­der Kul­tur­zei­traum hat ihr ein Sie­gel an­ge­legt. Ver­sie­gelt ist in Ih­nen das, was die In­der in die See­le ge­schrie­ben ha­ben, ver­sie­gelt ist in Ih­nen, was die Per­ser, Ägyp­ter, Grie­chen, Rö­mer in die See­le ge­schrie­ben ha­ben und was un­se­re Kul­tu­re­po­che hin­ein­sch­reibt. Ge­löst wer­den die Sie­gel, das heißt äu­ßer­lich of­fen­bar er­schei­nen die Din­ge, die hin­ein­ge­schrie­ben wer­den, nach dem gro­ßen Krie­ge al­ler ge­gen al­le. Und das Prin­zip, die Kraft, wel­che die Men­schen da­hin führt, daß die wah­ren Früch­te un­se­rer Kul­tur­zei­träu­me er­schei­nen auf den Ant­lit­zen, die­ses Prin­zip, die­se Kraft ha­ben wir zu se­hen im Chris­tus Je­sus. Sie­ben Sie­gel müs­sen ge­löst wer­den von ei­nem Buch. Wel­ches ist dies Buch? Wo ist es?

Wir wol­len uns klar­ma­chen, was im Sin­ne der Schrift ein Buch, ei­ne Bi­bel ist. Das Wort «Buch» kommt in der Bi­bel nur an ganz we­ni­gen Stel­len vor. Das darf man nicht über­se­hen. Es kommt vor, wenn Sie auf­schla­gen im Al­ten Te­s­ta­ment 1. Buch Mo­se 5, 1: «Dies ist das Buch von des Men­schen Ge­sch­lecht. Da Gott den Men­schen schuf, mach­te er ihn nach dem Gleich­nis Got­tes und schuf sie ei­nen Mann und ein Weib», und so wei­ter. Dann kön­nen Sie auf­schla­gen, wo Sie wol­len, Sie fin­den das Wort «Buch» erst wie­der­um im ers­ten Evan­ge­li­um, Ka­pi­tel 1: «Dies ist das Buch von der Ge­burt Je­su Chris­ti, der da ist ein Sohn Da­vids, des Soh­nes

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Abra­hams. Abra­ham zeug­te Isaak, Isaak zeug­te Ja­kob» und so wei­ter. Wie­der­um wer­den die Ge­sch­lech­ter auf­ge­zählt. Es wird auf­ge­zählt, was durch lan­ge Rei­hen hin­durch­f­ließt. Und wie­der­um er­scheint der Aus­druck «Buch» hier in der Apo­ka­lyp­se des Jo­han­nes. Er er­scheint da, wo ge­sagt wird, daß das Lamm al­lein wür­dig ist, das Buch mit den sie­ben Sie­geln zu öff­nen. Der Aus­druck «Buch» wird im­mer ein­heit­lich, nie an­ders ge­braucht. Nun muß man eben die Ur­kun­den wört­lich ver­ste­hen. Ein Buch in un­se­rem heu­ti­gen Sin­ne ist nicht da­mit ge­meint. Viel eher hat der Aus­druck «Grund­buch» die al­te Be­deu­tung des Wor­tes Buch be­wahrt. Das Wort Buch wird da an­ge­wen­det, wo au­f­ein­an­der­fol­gend et­was ein­ge­tra­gen wird, das eins von dem an­de­ren ab­hängt, wo al­so der Be­sitz ein­ge­tra­gen wird, da­mit er sich for­ter­ben kann. Wir ha­ben es mit ei­ner sol­chen Ur­kun­de zu tun, wo­durch ei­ne Grund­la­ge ge­schaf­fen wird für das­je­ni­ge, was sich fortpflanzt. Für das Al­te Te­s­ta­ment ha­ben wir es bei dem Wor­te Buch mit ei­ner Ur­kun­de zu tun, in der die Ge­sch­lech­ter, die durch das Blut sich ver­er­ben, auf­ge­zeich­net wer­den. In kei­nem an­de­ren Sin­ne wird es da ge­braucht, als daß die Ge­sch­lech­ter auf­ge­zeich­net wer­den. Eben­so ist es nach­her im ers­ten Evan­ge­li­um an­ge­wandt für die Auf­zeich­nung von Ge­sch­lech­ter­fol­gen. Was al­so sich in der Zeit folgt, das ist in ei­nem «Bu­che» auf­ge­schrie­ben. Nie ist mit Buch et­was an­de­res ge­meint als die Auf­zeich­nung des­sen, was in der Zeit folgt, al­so un­ge­fähr in dem Sin­ne von Chro­nik, Ge­schich­te.

Das Le­bens­buch, das jetzt an­ge­legt wird in der Mensch­heit, in der von Kul­tur­zei­traum zu Kul­tur­zei­traum in dem Ich des Men­schen ein­ge­schrie­ben wird, was je­der Zei­traum gibt, die­ses Buch, das in die See­len der Men­schen ge­schrie­ben ist und das ent­sie­gelt wird nach dem gro­ßen Krieg al­ler ge­gen al­le, dies Buch ist auch hier in der Apo­ka­lyp­se ge­meint. In die­sem Buch wer­den sie ste­hen, die Ein­tra­gun­gen der Kul­tur­zei­träu­me. So wie durch die Ge­ne­ra­tio­nen die Ein­tra­gun­gen ge­macht wor­den sind in die Ge­sch­lechts­re­gis­ter der al­ten Bücher, so ist es auch hier, nur daß jetzt das ein­ge­tra­gen wird, was sich der Mensch geis­tig er­wirbt. Und da er sich durch Klug­heit er­wirbt, was in un­se­rem Zei­traum zu er­wer­ben ist,

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so wird nach und nach das Fort­sch­rei­ten die­ser Ent­wi­cke­lung ima­gi­na­tiv dar­zu­s­tel­len sein durch das Sym­bo­lum, das der Klug­heit ent­spricht. Da­durch, daß der Mensch den in­di­schen Zei­traum durch­lebt hat in ei­ner Stim­mung, in der er ab­sah von der phy­si­schen Welt und den Blick hin­auf­rich­te­te nach dem Geis­ti­gen, da­durch wird er in dem ers­ten Zei­traum nach dem Krie­ge al­ler ge­gen al­le über das Phy­sisch-Sinn­li­che sie­gen. Sie­ger wird der Mensch sein da­durch, daß er sich an­eig­net, was sich im ers­ten Zei­traum in sei­ne See­le ge­schrie­ben hat. Und wei­ter: Was sich im zwei­ten Kul­tur­zei­traum her­aus­s­tell­te, die Über­win­dung der Ma­te­rie durch die Ur­per­ser, die­se Über­win­dung er­scheint uns im zwei­ten Zei­traum nach dem Krie­ge al­ler ge­gen al­le: das Schwert, das da be­deu­tet das In­stru­ment zum Be­sie­gen der äu­ße­ren Welt. Was sich der Mensch an­ge­eig­net hat in der ba­by­lo­nisch-ägyp­ti­schen Kul­tu­re­po­che, als er die Ma­ße lern­te, als er lern­te al­les ge­recht ab­zu­mes­sen, das tritt uns im nächs­ten Zei­traum nach dem gro­ßen Krie­ge al­ler ge­gen al­le ent­ge­gen als das­je­ni­ge, was an­ge­zeigt wird durch die Waa­ge. Und der vier­te Zei­traum zeigt uns an, was zum Wich­tigs­ten ge­hört, das, was der Mensch im vier­ten Zei­traum un­se­res Zy­k­lus durch den Chris­tus Je­sus und sein Er­schei­nen sich an­ge­eig­net hat: das geis­ti­ge Le­ben, die Uns­terb­lich­keit des Ich. Daß al­les, was nicht zur Uns­terb­lich­keit ge­eig­net ist, was dem To­de ge­weiht ist, ab­fällt, das muß sich für die­sen vier­ten Zei­traum zei­gen.

So kommt nach­ein­an­der al­les das her­aus, was sich in un­se­ren Zei­träu­men vor­be­rei­tet hat, und es kommt her­aus da­durch, daß es uns durch das Sym­bo­lum an­ge­deu­tet wird, das der In­tel­li­genz ent­spricht. Le­sen wir die Ent­sie­ge­lung der ers­ten vier Sie­gel im sechs­ten Ka­pi­tel der Apo­ka­lyp­se des Jo­han­nes, wir wer­den se­hen, das, was hier ent­hüllt wird, drückt uns Stu­fe für Stu­fe in ge­wal­ti­ger Sym­bo­lik aus, was einst of­fen­bar wer­den wird. «Und ich sah, und sie­he, ein weiß Pferd» das ist die An­deu­tung, daß die spi­ri­tua­li­sier­te In­tel­li­genz her­aus­kommt «und der dar­auf saß, hat­te ei­nen Bo­gen; und ihm ward ge­ge­ben ei­ne Kro­ne, und er zog aus zu über­win­den, und daß er sieg­te. Und da es das an­de­re Sie­gel auf­tat, hör­te ich das an­de­re Tier sa­gen: Komm! Und sie­he, es ging her­aus ein an­der

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Pferd, das war rot, und dem, der dar­auf saß, ward ge­ge­ben, den Frie­den zu neh­men von der Er­de, und daß sie sich un­te­r­ein­an­der er­wür­ge­ten» daß zu­grun­de ge­he, was nicht wert ist mit­zu­ge­hen im Auf­s­tieg der Mensch­heit «und ihm ward ge­ge­ben ein groß Schwert. Und da es das drit­te Sie­gel auf­tat, hö­re­te ich das drit­te Tier sa­gen: Komm! Und ich sa­he, und sie­he, ein schwarz Pferd, und der dar­auf saß, hat­te ei­ne Waa­ge in sei­ner Hand. Und ich hö­re­te ei­ne Stim­me un­ter den vier Tie­ren sa­gen: Ein Maß Wei­zen um ei­nen Gro­schen und drei Maß Gers­te um ei­nen Gro­schen» Maß und Gro­schen, um hin­zu­deu­ten auf das, was die Mensch­heit ge­lernt hat inn­er­halb des drit­ten Zei­traums: die Früch­te wer­den hin­über­ge­tra­gen und ent­sie­gelt. Und im vier­ten Zei­traum ist Chris­tus Je­sus er­schie­nen, um den Tod zu über­win­den, und es zeigt sich die Of­fen­ba­rung die­ser Er­run­gen­schaft: «Und da es das vier­te Sie­gel auf­tat, hö­re­te ich die Stim­me des vier­ten Tie­res sa­gen: Komm! Und ich sa­he, und sie­he, ein fahl Pferd, und der dar­auf saß, des Na­me hieß Tod, und die Höl­le fol­ge­te ihm nach.» «Sie­he, ein fahl Pferd»: all das fällt ab, ver­fällt in die Ras­se der Bö­sen; was aber den Ruf ge­hört hat, was den Tod über­wun­den hat, macht das spi­ri­tu­el­le Le­ben mit. Die das «Ich-bin» und sei­nen Ruf ver­stan­den ha­ben, das sind die­je­ni­gen, die den Tod über­wun­den ha­ben. Sie ha­ben die In­tel­li­genz spi­ri­tua­li­siert. Und jetzt kann das, was sie ge­wor­den sind, nicht mehr durch das Pferd sym­bo­li­siert wer­den. Ein neu­es Sym­bo­lum muß auf­t­re­ten für die­je­ni­gen, die ver­stan­den ha­ben zu fol­gen dem Ru­fe des­sen, der da hat die sie­ben Geis­ter Got­tes und die sie­ben Ster­ne. Sie er­schei­nen jetzt un­ter dem Sym­bo­lum de­rer, die da mit wei­ßen Klei­dern an­ge­tan sind, die da die Hül­le des uns­terb­li­chen, des ewi­gen geis­ti­gen Le­bens an­ge­nom­men ha­ben.

Und wei­ter wird uns nun er­zählt, wie her­aus­kommt al­les das, was hin­auf­geht ins Gu­te, was hin­un­ter­geht ins Bö­se. Das wird uns klar zum Aus­dru­cke ge­bracht. «Und da es das fünf­te Sie­gel auf­tat, sa­he ich un­ter dem Al­tar die See­len de­rer, die er­wür­get wa­ren um des Wor­tes Got­tes wil­len und um des Zeug­nis­ses wil­len, das sie hat­ten. Und sie schrie­en mit gro­ßer Stim­me und spra­chen: Herr, du Hei­li­ger und Wahr­haf­ti­ger, wie lan­ge rich­test du nicht und

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rächest nicht un­ser Blut an de­nen, die auf der Er­de woh­nen? Und ih­nen wur­de ge­ge­ben ei­nem je­g­li­chen ein weiß Kleid, und ward zu ih­nen ge­sagt, daß sie ru­he­ten noch ei­ne klei­ne Zeit, bis daß vol­l­ends da­zu­kä­m­en ih­re Mit­knech­te und Brü­der, die auch soll­ten noch er­tö­tet wer­den gleich wie sie» der äu­ße­ren Ge­stalt nach er­tö­tet wer­den und im Spi­ri­tu­el­len wie­der auf­le­ben. Wie kommt das zum Aus­druck?

Ver­ge­gen­wär­ti­gen wir uns, was aus der äu­ße­ren sinn­li­chen Welt wird im rech­ten an­thro­po­so­phi­schen Le­ben. Wie ha­ben wir sie ge­schil­dert, die sie­ben Ster­ne? Wir sind zu­rück­ge­gan­gen zum Sa­turn und ha­ben ge­zeigt, wie der phy­si­sche Men­schen­leib ent­stan­den ist, wie er aus Wär­me zu­sam­men­ge­fügt war. Wir ha­ben ge­se­hen, wie die Son­ne her­aus­kam. Im Geis­te ha­ben wir nach­ge­zeich­net die­se Welt. Die Son­ne ist für uns nicht bloß ei­ne phy­si­sche Son­ne, sie ist die Brin­ge­rin des Le­bens, das als geis­ti­ges Le­ben in sei­ner höchs­ten Form er­schei­nen wird in der Men­schen­zu­kunft. Der Mond ist für uns das Ele­ment, das den Sturm­schritt des Le­bens auf­hält und den Men­schen so weit ver­lang­s­amt, wie es nö­t­ig ist. So se­hen wir geis­ti­ge Mäch­te in Son­ne und Mond. Und das, was wir als an­thro­po­so­phi­sche Weis­heit uns an­eig­nen, auch das er­scheint im zu­künf­ti­gen Zei­traum rich­tig sym­bo­li­siert: Son­ne und Mond er­schei­nen vor un­se­rem geis­ti­gen Blick als das­je­ni­ge, was uns Men­schen au­f­er­baut hat. Sym­bo­lisch ver­schwin­det der äu­ße­re phy­si­sche Son­nen­ball, der äu­ße­re Mond, und wird wie ein men­sch­li­ches We­sen, aber in Ele­men­tar­form. «Und ich sa­he, daß es das sechs­te Sie­gel auf­tat, und sie­he, da ward ein gro­ßes Erd­be­ben, und die Son­ne ward schwarz wie ein hä­re­ner Sack, und der Mond ward wie Blut.» Das al­les ist die sym­bo­li­sche Er­fül­lung des­sen, was wir su­chen im spi­ri­tu­el­len Le­ben.

So se­hen wir, daß in be­deut­sa­men Bil­dern für den nächs­ten Zei­traum pro­phe­zeit wird, was sich in die­sem Zei­traum vor­be­rei­tet. Heu­te tra­gen wir un­sicht­bar in uns je­ne Ver­wand­lung, die wir mit Son­ne und Mond vor­neh­men, wenn sich das Phy­si­sche ver­wan­delt in die geis­ti­gen Ele­men­te. Wenn der hell­se­he­ri­sche Blick sich in die Zu­kunft wen­det, dann ver­schwin­det in der Tat das Phy-

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si­sche, und das Sym­bol der Spi­ri­tua­li­sie­rung der Mensch­heit tritt vor uns hin.

In et­was ge­wag­ten Zü­gen ha­ben wir heu­te an­ge­deu­tet, was die sie­ben Sie­gel und ih­re Ent­hül­lung in der Apo­ka­lyp­se uns sa­gen sol­len. Wir müs­sen al­ler­dings noch tie­fer dar­auf ein­ge­hen, dann wird uns man­ches von dem, was uns heu­te un­wahr­schein­lich er­schei­nen könn­te, voll­stän­dig deut­lich. Aber wir se­hen schon, wie in­ner­lich sich zu­sam­men­ord­nen die ge­wal­ti­gen Bil­der, die der Se­her ge­se­hen hat von Ge­gen­wart und Zu­kunft der Mensch­heits­ent­wi­cke­lung, wie das hin­ein­geht in ei­ne wei­te­re Zu­kunft und uns da­durch im­mer stär­ke­re Im­pul­se gibt, selbst hin­ein­zu­le­ben in die Zu­kunft, Hand an­zu­le­gen zur Spi­ri­tua­li­sie­rung des Men­schen­le­bens.

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FÜNFTER VORTRAG, Nürnberg, 22 Juni 1908

Ges­tern ha­ben wir ge­se­hen, wie das Men­schen­ge­sch­lecht sich ent­wi­ckeln wird, wenn un­ser ge­gen­wär­ti­ger Zei­ten­zy­k­lus einst ab­ge­lau­fen sein wird; wie es sich so­zu­sa­gen spal­ten wird in zwei Strö­mun­gen, in die gu­te und die bö­se Ras­se, und wie uns die Ge­heim­nis­se die­ser Zu­kunft ent­sie­gelt wer­den durch die sie­ben Sie­gel, die bild­lich ge­löst wer­den in der Apo­ka­lyp­se des Jo­han­nes. Nach die­ser all­ge­mei­nen Au­s­ein­an­der­set­zung über das Her­au­s­t­re­ten des­sen in der äu­ße­ren Phy­siog­no­mie, was sich in un­se­rem Zei­ten­zy­k­lus in den See­len der Men­schen vor­be­rei­tet, könn­te nun leicht je­mand fra­gen: Wie kommt es, daß der Apo­ka­lyp­ti­ker in so furcht­ba­ren Bil­dern ge­ra­de die ers­ten der Sie­gel be­spricht? Die­se Fra­ge wer­den wir uns am bes­ten da­durch be­ant­wor­ten, daß wir heu­te in un­se­re gan­ze apo­ka­lyp­ti­sche Au­s­ein­an­der­set­zung ei­ne Zwi­schen­be­trach­tung ein­schie­ben.

Bis jetzt ha­ben wir den Satz zu er­här­ten ver­sucht, daß die Apo­ka­lyp­se des Jo­han­nes dar­s­tellt ei­ne Ein­wei­hung, die christ­li­che Ein­wei­hung, und daß durch die­se christ­li­che Ein­wei­hung die Zu­kunft der Mensch­heit zur Ent­hül­lung kommt. Wir wer­den nun al­les Wei­te­re am bes­ten da­durch vor un­se­re See­le füh­ren, daß wir heu­te ein­mal zu­rück­bli­cken und uns noch ein­mal die Zei­ten ver­gan­ge­ner Mensch­heits­ent­wi­cke­lung vor die See­le rü­cken. Und ge­ra­de so weit wol­len wir das tun, als wir es zur Er­klär­ung der Apo­ka­lyp­se brau­chen. Die Grund­zü­ge, um die es sich da­bei han­delt, ken­nen Sie schon. Sie wis­sen, daß un­se­re Er­de, so wie sie heu­te den Wohn­platz der Men­schen bil­det, ein­mal in ur­fer­ner Ver­gan­gen­heit ih­ren An­fang ge­nom­men hat, daß sie aber als Er­de die Wie­der­ver­kör­pe­rung ei­ner an­de­ren pla­ne­ta­ri­schen We­sen­heit war, die man ge­wöhn­lich den al­ten Mond nennt, oder auch den Kos­mos oder den Pla­ne­ten der Weis­heit, im Ge­gen­satz zu un­se­rer heu­ti­gen Er­de, die wir be­zeich­nen als den Kos­mos oder den Pla­ne­ten der Lie­be. Aber auch

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die­ser Kos­mos der Weis­heit oder der al­te Mond ist nur die Wie­der­ver­kör­pe­rung ei­nes noch frühe­ren Zu­stan­des, den wir den Son­nen­pla­ne­ten nen­nen, al­so nicht den Fixs­tern Son­ne, son­dern den Son­nen­pla­ne­ten. Und die­ser Son­nen­pla­net ist die Wie­der­ver­kör­pe­rung des al­ten Sa­turn. So daß wir vier au­f­ein­an­der­fol­gen­de Zu­stän­de un­se­res pla­ne­ta­ri­schen Da­seins zu un­ter­schei­den ha­ben, die wir nen­nen Sa­turn, Son­ne, Mond und Er­de.

Nun­mehr wol­len wir, so­weit wir das brau­chen für die Er­klär­ung der Apo­ka­lyp­se des Jo­han­nes, die­se vier Zu­stän­de un­se­res pla­ne­ta­ri­schen Da­seins be­sch­rei­ben. Wenn Sie hell­se­he­risch zu­rück­ge­hen bis zum al­ten Sa­turn­da­sein, dann kom­men Sie an ei­nen merk­wür­di­gen Pla­ne­ten. Die­ser al­te Sa­turn ist ein Welt­kör­per, auf dem noch nichts zu fin­den ist von dem, was wir heu­te Mi­ne­ra­li­en, fes­te, er­di­ge Stof­fe nen­nen. Nichts ist vor­han­den von un­se­rer heu­ti­gen Tier­welt und Pflan­zen­welt, nichts von dem, was wir heu­te Was­ser oder flüs­si­ge Stof­fe nen­nen, nichts von dem, was wir als Luft­strom oder Ga­se ken­nen. Wenn Sie sich vor­s­tel­len wür­den, daß Sie mit den heu­ti­gen Au­gen die es ja da­mals noch nicht ge­ge­ben hat ir­gend­wo im Wel­ten­raum wä­ren und sich die­sem Sa­turn näh­er­ten, Sie wür­den in sei­nem An­fangs­zu­stand nichts se­hen kön­nen, denn er leuch­tet noch nicht. Al­so mit Ih­ren Au­gen könn­ten Sie von au­ßen die­sen Sa­turn in der ers­ten Hälf­te sei­nes Da­seins noch nicht se­hen. Wenn Sie sich ihm näh­ern wür­den und in den Raum ein­drän­gen, den er aus­füll­te, wür­den Sie et­was, wenn Sie die heu­ti­gen Sin­ne da schon ge­brau­chen könn­ten, wahr­neh­men, wie wenn Sie in ei­nen ge­heiz­ten Bac­k­o­fen hin­ein­krie­chen wür­den. Sie wür­den die­sen Raum nur da­durch vom an­de­ren un­ter­schei­den kön­nen, daß die­ser ku­gel­för­mi­ge Raum wär­m­er ist als sei­ne Um­ge­bung. Wär­me ist von un­se­ren jet­zi­gen Zu­stän­den der ein­zi­ge, den wir im al­ten Sa­turn an­tref­fen. Aber es ist ei­ne merk­wür­di­ge Art von Wär­me. Die­se Wär­me wür­de Ih­nen nicht so vor­kom­men, als ob sie an al­len Stel­len gleich­mä­ß­ig wä­re. Sie könn­ten fin­den, daß sie an ein­zel­nen Stel­len wär­m­er, an an­de­ren käl­ter ist, so daß, wenn Sie die glei­chen Wär­m­e­s­tel­len ver­bin­den wür­den durch Li­ni­en, dann Fi­gu­ren her­aus­kä­m­en, die nur durch die Ver­schie­den­heit der Wär­m­e­zu­stän­de

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wahr­nehm­bar sind. Al­les ist Wär­me, aber or­ga­ni­sier­te, dif­fe­ren­zier­te Wär­me. Sie wür­den, wenn Sie auf die­se Wei­se den gan­zen Sa­turn durch­f­lie­gen wür­den, sich sa­gen: Da ist schon et­was, aber et­was, was ich nur durch die ver­schie­de­nen Wär­m­e­zu­stän­de wahr­neh­men kann.

Die­se dif­fe­ren­zier­ten Wär­m­e­zu­stän­de sind das ein­zi­ge, was von den ge­gen­wär­ti­gen Merk­ma­len un­se­rer Er­de schon vor­han­den war, und in sol­cher Wär­me war da­zu­mal aus­ge­drückt die ers­te An­la­ge des phy­si­schen Men­schen­lei­bes. Das, was da vor­han­den war, das ha­ben Sie heu­te noch in sich, nur hat es sich aus dem äu­ße­ren rä­um­li­chen Da­sein in Ihr In­ne­res zu­rück­ge­zo­gen. Es ist Ih­re Blut­wär­me. Wenn Sie aus Ih­rer Blut­wär­me Fi­gu­ren bil­den wür­den, so hät­ten Sie die Nach­klän­ge des­sen, was von Ih­rem phy­si­schen Leib vor­han­den war auf dem al­ten Sa­turn. Die Wär­me, die Sie heu­te im Blu­te tra­gen, ist die ers­te An­la­ge des phy­si­schen Lei­bes, der äl­tes­te Teil des­sel­ben, so daß Sie auch sa­gen kön­nen: Der gan­ze Sa­turn be­stand aus Blut­wär­me. Aber Sie wür­den auch so et­was Ähn­li­ches fin­den kön­nen wie Fi­gu­ren, die sich heu­te zeich­nen lie­ßen, wenn Sie die ver­schie­de­nen Bah­nen Ih­res Blu­tes ver­folg­ten nach den ver­schie­de­nen Wär­m­e­zu­stän­den. Das ist das phy­si­sche Da­sein die­ses al­ten Sa­turn. Er hat von un­se­ren heu­ti­gen Stoff­ver­hält­nis­sen le­dig­lich die Wär­me. Von all den We­sen, die heu­te die Er­de be­völ­kern, war nur der Mensch und von ihm nur die­se An­la­ge des phy­si­schen Lei­bes vor­han­den. Der Sa­turn be­stand nur aus sol­chen An­la­gen phy­si­scher Men­schen­lei­ber, die aus Wär­me ge­bil­det wa­ren. Wie heu­te ei­ne Brom­bee­re zu­sam­men­ge­setzt ist aus ein­zel­nen Kü­gel­chen, so war der Sa­turn da­mals zu­sam­men­ge­setzt, aber aus sol­chen Men­schen, wie sie nun ge­schil­dert wor­den sind. Da­ge­gen war er zu­nächst um­ge­ben von geis­ti­gen We­sen­hei­ten. Wie heu­te die Er­de von Luft, so war der Sa­turn um­hüllt von geis­ti­ger At­mo­sphä­re. Da leb­ten We­sen­hei­ten, die ver­schie­de­ne Gra­de der Aus­bil­dung hat­ten, aber die al­le zu ih­rer da­ma­li­gen Da­s­eins­stu­fe die­sen Wohn­sitz des Sa­turns brauch­ten. Der war ih­nen not­wen­dig. Oh­ne die­sen Wohn­sitz wä­ren die­se We­sen­hei­ten nicht aus­ge­kom­men. Da wa­ren zum Bei­spiel sol­che, wel­che auch sie­ben Prin­zi­pi­en

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hat­ten, aber nicht so wie der heu­ti­ge Mensch. Die­ser hat sei­ne sie­ben Prin­zi­pi­en, die wir die sie­ben Geis­ter Got­tes nen­nen, so, daß man beim phy­si­schen Leib an­fängt. So wa­ren je­ne We­sen nicht. Es gab zum Bei­spiel We­sen­hei­ten, die zu ih­rem un­ters­ten Prin­zip ei­nen Äther­leib hat­ten. Den phy­si­schen Leib hat­ten sie da­durch, daß sie mit ih­rem Äther­leib hin­ein­an­ker­ten in die phy­si­schen Lei­ber des Sa­turns und so die­se be­nütz­ten. Al­so die­ser Sa­turn ist im Ver­hält­nis zur heu­ti­gen Er­de ein sub­stan­ti­ell sehr fei­ner Wel­ten­kör­per. Er hat­te von un­se­ren Stof­fen noch nicht ein­mal die fei­ne Luft, die Ga­se. Die wa­ren schon für ihn zu grob. Er hat­te nur Wär­me, und in der Um­ge­bung der Wär­me geis­ti­ge We­sen­hei­ten.

Nun mach­te die­ser Sa­turn da­durch, daß sich die We­sen in sei­ner Um­ge­bung wei­ter­ent­wi­ckel­ten, ver­schie­de­ne Wand­lun­gen durch. Ei­ne die­ser Ver­wand­lun­gen ist leicht da­durch an­zu­ge­ben, daß in der Mit­te sei­ner Ent­wi­cke­lung er tat­säch­lich an­fängt, au­ßen auf­zu­leuch­ten. So daß, wenn man ihn ver­folgt, er sich an­fangs als dunk­ler Wär­m­e­kör­per zeigt, dann aber an­fängt auf­zug­lim­men und ge­gen das En­de zu ei­nen schwa­chen Licht­glanz aus­sen­det in die Welt. Die­se geis­ti­ge At­mo­sphä­re um den Sa­turn her­um, die ver­schie­de­ne We­sen­hei­ten ent­hält, sie ent­hält un­ter an­de­ren auch ei­ne ganz be­stimm­te Art von We­sen, die für uns vor al­len Din­gen in Be­tracht kom­men. Die­se We­sen­hei­ten ma­chen un­ge­fähr um die Mit­te der Sa­turn­ent­wi­cke­lung die Stu­fe durch, die der Mensch jetzt auf der Er­de durch­macht. Das sind die Geis­ter der Per­sön­lich­keit. Sie sind auf die­sem al­ten Sa­turn in des­sen Mit­te un­ge­fähr so weit, daß sie da Mensch sind. Sie wer­den na­tür­lich nicht in den Feh­ler ver­fal­len, zu fra­gen: Ja, ha­ben sie denn sol­che Lei­ber ge­habt wie die heu­ti­gen Men­schen? Das wä­re ein ganz ge­wal­ti­ger Feh­ler, wenn Sie sich vor­s­tel­len wür­den, daß die­se Men­schen men­sch­lich-flei­sch­li­che Lei­ber ge­habt hät­ten. Man kann die Mensch­heits­stu­fe in den ver­schie­dens­ten For­men durch­ma­chen. Und die­se Geis­ter der Per­sön­lich­keit mach­ten auf dem Sa­turn ih­re Mensch­heits­stu­fe in der Wei­se durch, daß sie zu­erst als phy­si­schen Leib das­je­ni­ge be­nutz­ten, was da un­ten auf dem Sa­turn als Wär­me vor­han­den war, daß sie als Äther­leib denn auch den hat­ten sie noch nicht

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das­je­ni­ge be­nutz­ten, was in der At­mo­sphä­re war, und end­lich auch das be­nutz­ten, was als as­tra­le Sub­stanz vor­han­den war. Das hat­ten sie al­les noch nicht sel­ber. Sie hat­ten im we­sent­li­chen da­zu­mal ei­nen Ich-Trä­ger, ein Ich, und die­ses Ich, das auf der Mensch­heits­stu­fe stand, das ge­ra­de­so leb­te wie das heu­ti­ge Men­schen-Ich auf der Er­de, das mach­te da­zu­mal die­se ver­schie­de­nen Stu­fen der Mensch­heit auf dem Sa­turn durch in an­de­rer Form, in an­de­rer Art und Wei­se. Al­so wir ha­ben un­ge­fähr in der Mit­te der Sa­turn­ent­wi­cke­lung die Geis­ter der Per­sön­lich­keit, die Ur­kräf­te als Men­schen. Wenn man so zählt, so ist das, was ich eben auf­ge­zählt ha­be, die mitt­le­re Stu­fe der Sa­turn­ent­wi­cke­lung. Der ge­hen drei an­de­re vor­aus und drei an­de­re fol­gen ihr. Man nennt sie Sa­turn­k­reis­läu­fe oder Sa­turne­po­chen. Wenn Sie sich den gan­zen Sa­turn in sei­ner Ent­wi­cke­lung vor­s­tel­len, so kön­nen Sie sich ihn so den­ken:

Zeichnung aus GA 104, S. 108
Zeichnung aus GA 104, S. 108

In der Mit­te ( X ) ste­hen die Geis­ter der Per­sön­lich­keit. Auf je­der der drei vor­her­ge­hen­den und der drei nach­fol­gen­den Stu­fen ge­ra­de wie un­se­re Er­de nach der Sie­ben­zahl in Epo­chen ge­teilt wer­den kann, so auch die­se Sa­turn­ent­wi­cke­lung , in je­der die­ser Epo­chen wer­den ent­sp­re­chen­de We­sen­hei­ten Men­schen, auf je­der Stu­fe ir­gend­wel­che We­sen­hei­ten, und zwar im­mer dann, wenn ge­ra­de für sie der Zeit­punkt ge­kom­men ist, wo sie das, was sich fin­det auf dem Sa­turn, brau­chen kön­nen, um die Er­fah­run­gen des Men­schen durch­zu­ma­chen. So ha­ben wir sie­be­n­er­lei Ge­sc­höp­fe auf dem Sa­turn, die dort ih­re Men­schen­stu­fe durch­ge­macht ha­ben, die bis zur Men­schen­stu­fe auf­ge­rückt sind, die al­so in den fol­gen­den Stu­fen nicht mehr not­wen­dig ha­ben, bis zum Men­schen erst her­auf­zu­kom­men. Der heu­ti­ge Mensch ist noch nicht Mensch auf dem Sa­turn. Die­je­ni­gen We­sen­hei­ten, die hier auf dem Sa­turn Men­schen ge­wor­den sind, de­ren Re­prä­sen­t­an­ten die Geis­ter der Per­sön­lich­keit sind, die­se We­sen rü­cken wei­ter auf und sind heu­te er­ha­ben über

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den Men­schen, sie ha­ben so­zu­sa­gen den Men­schen in sich. Den tra­gen sie als ei­ne für sie ver­gan­ge­ne Ent­wi­cke­lungs­stu­fe in sich.

Nach­dem der Sa­turn nun sei­ne Ent­wi­cke­lung ei­ne Zeit­lang durch­ge­macht hat­te, ging die gan­ze Evo­lu­ti­on in ei­ne geis­ti­ge Sphä­re über, in ei­nen Zu­stand, der äu­ßer­lich nicht wahr­nehm­bar war für Sin­ne wie die heu­ti­gen men­sch­li­chen, und dann trat her­vor die zwei­te Ver­kör­pe­rung un­se­res Erd­pla­ne­ten, der Son­nen­pla­net. Er zeich­ne­te sich da­durch aus, daß er ver­hält­nis­mä­ß­ig früh in sei­ner Ent­wi­cke­lung schon so weit war, daß er Licht aus­strahl­te. Das kam da­von her, weil er nicht nur aus Wär­me be­stand, son­dern daß die Wär­me­ma­te­rie be­reits ver­dich­tet war zur gas-, zur luft­för­mi­gen Ma­te­rie. Er hat­te noch kein Was­ser, noch nichts Fes­tes, er be­stand aus luft- und gas­för­mi­ger Mas­se. Aber da­durch war er auch schon im­stan­de, ein leuch­ten­der Kör­per zu sein. Da­durch war er, für ein heu­ti­ges Au­ge ge­se­hen, be­reits ein in den Wel­ten­raum hin­aus­strah­len­der Pla­net. Jetzt, da die­ser Pla­net so weit sich ent­wi­ckelt hat­te, war es mög­lich, daß der ers­ten An­la­ge des men­sch­lich-phy­si­schen Lei­bes ein­ge­g­lie­dert wur­de der Äther­leib. Nun be­stand al­so der Mensch aus dem phy­si­schen und dem Äther­leib, wäh­rend er auf dem Sa­turn nur erst die ers­te An­la­ge des phy­si­schen Lei­bes hat­te. Der Mensch war aber noch nicht so weit, ei­nen ei­ge­nen As­tral­leib zu ha­ben. Die For­men der Men­schen sa­hen da­her ganz an­ders aus als heu­te. Der Mensch hat­te die Form des Pflan­zen­da­seins. Er be­saß phy­si­schen und Äther­leib wie die Pflan­ze, hat aber auf der Son­ne ganz an­ders aus­ge­se­hen als die Pflan­ze heu­te.

Die­ses Fort­sch­rei­ten der Ent­wi­cke­lung war da­mit ver­bun­den, daß ei­ne zwei­te Art von We­sen­hei­ten auf­t­rat auf der Son­ne. Auf dem Sa­turn gab es nur Men­schen, kei­ne an­de­ren We­sen­hei­ten. Er be­stand nur aus Men­schen, wie die Brom­bee­re aus klei­nen Bee­ren be­steht. Jetzt wa­ren aber von die­sen Men­schen­an­la­gen ei­ni­ge zu­rück­ge­b­lie­ben auf der Sa­turn­stu­fe; die hat­ten nicht al­les er­reicht, was zu er­rei­chen war. Die­se zu­rück­ge­b­lie­be­nen We­sen­hei­ten, die vom Sa­turn kom­men, kön­nen sich des­halb kei­nen Äther­leib an­eig­nen und müs­sen noch im­mer auf der Son­ne bloß mit phy­si­schem Leib be­gabt sein. Sie sind al­so erst so weit wie die Men­schen auf

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dem Sa­turn. Die­se We­sen­hei­ten nun, die bloß den phy­si­schen Leib auf der Son­ne ha­ben, sind die ers­ten An­la­gen zu un­se­ren heu­ti­gen Tie­ren. So daß wir auf der Son­ne Men­schen­an­la­gen mit phy­si­schem und Äther­leib ha­ben, und Tier­an­la­gen mit bloß phy­si­schem Lei­be.

Wie­der­um ist es so, daß in der Mit­te des Son­nen­da­seins ge­wis­se We­sen­hei­ten die Mensch­heits­stu­fe durch­ma­chen. Der heu­ti­ge Mensch konn­te das noch nicht. Die geis­ti­gen We­sen­hei­ten aus dem Um­kreis der Son­ne, die jetzt die Mensch­heits­stu­fe durch­ma­chen, nen­nen wir Feu­er­geis­ter, Erz­en­gel. Sie sind heu­te zwei Stu­fen über dem Men­schen. Den Men­schen tra­gen sie in sich. Sie ha­ben in an­de­rer Form das­sel­be er­fah­ren, was der Mensch heu­te in dem ir­di­schen Da­sein er­fährt. Aber auch die Son­ne macht sie­ben Epo­chen durch, und auf je­der Stu­fe gibt es We­sen­hei­ten, die den Grad er­reicht ha­ben zur Mensch­heits­stu­fe, so daß wir wie­der­um wäh­rend des Son­nen­da­seins sie­ben Ent­wi­cke­lungs­pha­sen ha­ben. Wenn sie in ih­rer ei­ge­nen Ver­gan­gen­heit zu­rück­ge­hen, se­hen sie gleich­sam auf ein kos­mi­sches Le­bensal­ter, von dem sie sa­gen kön­nen: Wenn auch un­ter mir kein fes­ter Erd­bo­den war und kei­ne flüs­si­ge Erd­ku­gel, ich ha­be da­mals doch er­fah­ren, was der Mensch heu­te er­fährt. Ich kann al­so mit­füh­len und mi­t­er­le­ben, was der Mensch er­lebt auf der Er­de. Das kön­nen die­se We­sen heu­te sa­gen. Sie ha­ben Ver­ständ­nis da­für, weil sie auch in sich er­fah­ren ha­ben, was der Mensch heu­te in sei­nem Er­den­da­sein er­fährt.

Nun kommt wie­der­um ei­ne Art von Zwi­schen­zu­stand, in dem der leuch­ten­de Pla­net nach und nach ab­g­limmt für die äu­ße­re Be­o­b­ach­tung wenn die­se schon da sein könn­te , auch für ge­wis­se hell­se­he­ri­sche Be­o­b­ach­tung ver­schwin­det und nur noch für die höchs­ten For­men des hell­se­he­ri­schen Be­o­b­ach­tens vor­han­den ist. Dann tritt er wie­der­um her­aus zu ei­ner neu­en Form des Da­seins, zu ei­nem drit­ten Zu­stand, den wir den Mon­den­zu­stand nen­nen. Das ist die drit­te Ver­kör­pe­rung un­se­res Pla­ne­ten, der al­te Mond. Der ist jetzt so weit in sei­ner Sub­stanz­ent­wi­cke­lung, daß er das, was früh­er auf der Son­ne bloß Gas war, ver­dich­tet hat zu Was­ser. Da­durch, daß das wäs­se­ri­ge Ele­ment sich ein­ge­la­gert hat, kann dem Men­schen, der all­mäh­lich sich wie­der her­aus­ent­wi­ckelt wie

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die Pflan­ze aus dem Sa­men, der as­tra­li­sche Leib ein­ge­g­lie­dert wer­den, so daß der Mensch jetzt aus drei Tei­len be­steht, aus dem phy­si­schen, dem Äther- und dem as­tra­li­schen Leib. Er ist noch nicht ei­gent­lich Mensch, denn er hat in die­sen drei Lei­bern noch kein Ich ein­ge­g­lie­dert.

Im­mer blei­ben auf al­len Stu­fen ge­wis­se We­sen­hei­ten zu­rück. Die We­sen­hei­ten, wel­che auf der Son­ne zu­rück­ge­b­lie­ben sind, die nicht die Mond­stu­fe er­rei­chen konn­ten und auf dem Mond erst ih­re Son­nen­stu­fe durch­ma­chen, die ha­ben da­her kei­ne Mög­lich­keit, sich jetzt den as­tra­li­schen Leib ein­zu­g­lie­dern, sie be­ste­hen auch auf dem Mon­de nur aus phy­si­schem und Äther­leib. Es sind das na­ment­lich sol­che, die schon auf der Son­ne zu­rück­ge­b­lie­ben wa­ren, die aber sich in­zwi­schen so weit ent­wi­ckelt hat­ten, daß sie sich ei­nen Äther­leib ein­g­lie­dern konn­ten. Das sind wie­der­um die Vor­fah­ren von heu­ti­gen Tie­ren. Die We­sen, die aber noch nicht so weit wa­ren auf dem Mon­de, daß sie sich ei­nen Äther­leib ein­g­lie­dern konn­ten, das sind die Vor­fah­ren von noch tie­fer­ste­hen­den We­sen­hei­ten: von der heu­ti­gen Pflan­zen­welt. Wir ha­ben al­so drei Rei­che auf dem Mon­de: das Men­schen­reich, be­ste­hend aus phy­si­schem Leib, Äther­leib und as­tra­li­schem Leib, das Tier­reich, be­ste­hend aus phy­si­schem und Äther­leib, und das Pflan­zen­reich, nur aus phy­si­schem Leib be­ste­hend.

Wie­der­um sind es ge­wis­se We­sen­hei­ten, wel­che un­ge­fähr in der Mit­te des Mon­den­da­seins ih­re Men­schen­stu­fe durch­ma­chen. Es sind die Geis­ter, die man ge­wöhn­lich in der geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Li­te­ra­tur die Geis­ter der Däm­me­rung nennt, die En­gel. Auch sie tra­gen als Er­in­ne­rung den Men­schen in sich. Und wie­der­um hat der Mond sie­ben sol­cher Stu­fen. Auf je­der Stu­fe sind We­sen­hei­ten, die ge­ra­de das Men­schen­da­sein durch­ma­chen kön­nen. Es ist im­mer so, daß ei­ni­ge We­sen­hei­ten vor­au­s­ei­len und an­de­re zu­rück­b­lei­ben. Wir ha­ben al­so auch auf dem Mon­de sie­ben We­sen­heits­stu­fen, die ih­re Mensch­heit durch­ge­macht hat­ten, als der Mond mit sei­ner Ent­wi­cke­lung zu En­de war.

Nun müs­sen wir al­ler­dings, um den Mond ganz zu ver­ste­hen, et­was Wich­ti­ges er­wäh­nen, was sich in der Ent­wi­cke­lung des al­ten

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Mon­des ab­spiel­te. Als die­ser al­te Mond sei­ne Ent­wi­cke­lung be­gann, war er, we­nigs­tens bald nach dem Be­ginn, ei­ne flüs­si­ge Ku­gel. Wür­de er sich so wei­ter­ent­wi­ckelt ha­ben durch sei­ne sie­ben Sta­di­en, dann wä­re er nicht da­zu ge­kom­men, dem Men­schen die rich­ti­ge Grund­la­ge für sei­ne Wei­te­r­ent­fal­tung zu ge­ben. Er wur­de nur da­durch ge­eig­net, ei­ne Vor­stu­fe der Er­den­mensch­heit zu sein, daß er sich zu­nächst in zwei Wel­ten­kör­per spal­te­te. Der ei­ne von die­sen war der Vor­läu­fer der heu­ti­gen Son­ne und der an­de­re, der sich ab­t­ren­nen­de, war der Vor­läu­fer der heu­ti­gen Er­de, aber so, daß Sie sich die­ser Er­de den heu­ti­gen Mond da­zu­ge­mischt den­ken, so daß Er­de und Mond von heu­te da­mals eins wa­ren. Sie den­ken sich al­so die­se zwei Kör­per, Er­de plus Mond ei­ner­seits und die Son­ne an­de­rer­seits, jetzt von­ein­an­der ge­t­rennt, den al­ten Mond als wäs­se­ri­gen Kör­per und die al­te Son­ne auf dem We­ge, ein Fixs­tern zu wer­den. Mit die­ser Spal­tung war et­was sehr We­sent­li­ches ver­knüpft. Vor al­len Din­gen war es die Son­ne, wel­che die Ab­spal­tung voll­zog und die feins­ten Tei­le, die äthe­rischs­te Ma­te­rie mit sich nahm, wäh­rend im Mon­de, das heißt in der heu­ti­gen Er­de plus dem heu­ti­gen Mon­de, die gröbs­te Ma­te­rie zu­rück­b­lieb. Da­her ist die Son­ne mit un­ge­heu­er fei­ner Ma­te­rie aus­ge­stat­tet, wäh­rend der Mond ein viel dich­te­rer Kör­per, ei­ne wäs­se­ri­ge Mas­se wird. Da­durch, daß die Son­ne die feins­ten und geis­tigs­ten Kräf­te mit sich nahm, konn­te sie nun auch der Schau­platz sein für viel höh­er ent­wi­ckel­te We­sen­hei­ten. In der Tat wä­ren vie­le von je­nen ho­hen We­sen­hei­ten, die noch das Sa­turn­da­sein er­tra­gen konn­ten, ge­hemmt ge­we­sen in ih­rer Ent­wi­cke­lung, wenn sie län­ger an den Mond ge­fes­selt ge­b­lie­ben wä­ren. Sie brauch­ten ei­nen Schau­platz mit feins­ten Stof­fen; nur da konn­ten sie sich ent­wi­ckeln. So hat­ten sie sich den ge­eig­ne­ten Schau­platz her­aus­ge­zo­gen und ent­wi­ckel­ten sich auf der Son­ne wei­ter. Da­ge­gen wa­ren ver­knüpft ge­b­lie­ben mit dem Mon­de, der durch das Her­aus­ge­hen der fei­ne­ren Ma­te­rie ei­ne Ver­di­ckung er­lit­ten hat­te, je­ne Men­schen­an­la­gen, die aus phy­si­schem Lei­be, Äther­leib und as­tra­li­schem Leib be­stan­den, und auch Tier- und Pflan­zen­an­la­gen.

Die­ser al­te Mond sieht nun ganz son­der­bar aus. Da wür­den Sie

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noch nicht so et­was fin­den wenn er auch sei­ne Son­ne schon um­k­reis­te wie Fel­sen, wie Acker­er­de. Mi­ne­ra­li­sches gab es da noch nicht. Die Haupt­mas­se die­ses Mon­des, auf der die­se We­sen­hei­ten her­um­hüpf­ten so­zu­sa­gen, war ei­ne Art Brei, ei­ne rich­ti­ge Art Brei, so et­wa wie Koch­sa­lat oder wie ge­koch­ter Spi­nat. Solch ein Brei war die Grund­mas­se die­ses Mon­des, so wie die Grund­mas­se un­se­rer Er­de Acker­er­de ist. Es wa­ren da­rin ein­ge­la­gert ähn­li­che Mas­sen wie, sa­gen wir, Holz und Bor­ke der Bäu­me. Wenn Sie heu­te auf ei­nen Berg stei­gen, ge­hen Sie auf Fel­sen. Da­mals wä­ren Sie auf ei­nem Grund ge­gan­gen, der, wenn er fest war, wie Holz­ma­te­rial, wie ein Holz­pla­teau war. Statt Granit hät­ten Sie Stump­fen ge­fun­den, die et­wa mit Holz ver­g­leich­bar wä­ren. Das ist na­tür­lich nur ver­g­leichs­wei­se ge­spro­chen. So war die Grund­mas­se, und aus ihr her­aus wuch­sen fort­wäh­rend Wu­che­run­gen. Das war al­so das un­ters­te Reich, das heu­ti­ge Mi­ne­ral­reich, das da­mals mit­ten drin­nen­stand zwi­schen dem heu­ti­gen Mi­ne­ral- und Pflan­zen­reich. Das leb­te in ei­ner ge­wis­sen Wei­se. Es war so, daß es da fort­wäh­rend Wu­che­run­gen gab. Es war nicht wie heu­te. Wenn Acker­er­de da­liegt, so muß man sie, wenn man sie weg­ha­ben will, auf äu­ßer­li­che Wei­se weg­tra­gen. Die­se Mas­se des al­ten Mon­des starb ab aber nicht wie ein­zel­ne Pflan­zen und bil­de­te sich wie­der neu. Fort­wäh­rend war sie in in­ne­rer le­ben­di­ger Re­gung und Be­we­gung. In ste­tem Abs­ter­ben und fort­wäh­ren­dem Wu­chern war die Grund­mas­se des al­ten Mon­des. Und aus die­sem Grund­bo­den wuchs ein an­de­res Reich her­aus. Durch das Her­au­s­t­re­ten des Mon­des aus der Son­ne hat­ten sich näm­lich die frühe­ren Rei­che ve­r­än­dert. Auf der Son­ne ent­spra­chen sie un­ge­fähr un­se­ren Rei­chen. Durch das Her­aus­rü­cken des Mon­des war das al­te Pflan­zen­reich her­un­ter­ge­drückt wor­den um ei­ne hal­be Stu­fe und eben­so die an­de­ren Rei­che, so daß al­so das nächs­te Reich ei­ne Art von Tier-Pflan­zen­reich war. Es wuchs al­ler­dings aus dem Bo­den her­aus, es wuch­sen her­aus sol­che Tier-Pflan­zen. Sie wa­ren pflan­zen­för­mig, aber wenn man sie an­griff, hat­ten sie Emp­fin­dun­gen, sie qu­ietsch­ten und der­g­lei­chen. Sie wa­ren ei­gent­lich halb Tier und halb Pflan­ze, Pflan­ze in­so­fern, als sie eben auf dem Bo­den wuch­sen, zum gro­ßen Teil in dem Bo­den

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fest­wur­zel­ten, und Tie­re in­so­fern, als sie et­was von Emp­fin­dungs­fähig­keit hat­ten. Und das Reich, das dem uns­ri­gen vor­an­ging, wa­ren Men­schen-Tie­re, We­sen­hei­ten, die zwi­schen dem heu­ti­gen Men­schen und dem heu­ti­gen Tie­re mit­ten drin­nen­ste­hen, höh­er als der heu­ti­ge Af­fe, aber noch nicht so hoch wie der heu­ti­ge Mensch. Das war un­ge­fähr die Ge­stalt der Men­schen­vor­fah­ren auf dem Mon­de.

Ge­ra­de Sa­gen und My­then ha­ben wun­der­bar die­se Din­ge er­hal­ten. Den­ken Sie nur ein­mal, wie ei­ne deut­sche Sa­ge die­ses Ge­heim­nis, das sich hin­ter all­dem ver­birgt, er­hal­ten hat. Im­mer blei­ben ge­wis­se We­sen­hei­ten zu­rück. Auch die­se We­sen­hei­ten, die zwi­schen den heu­ti­gen Pflan­zen und den heu­ti­gen Tie­ren mit­ten drin­nen­stan­den, die nur auf ei­nem pflanz­li­chen Bo­den wur­zeln konn­ten, wie der Mond­bo­den ei­ner war, die sind zu­rück­ge­b­lie­ben und in un­se­rer heu­ti­gen Er­den­bil­dung des­halb auch nicht fähig, auf mi­ne­ra­li­schem Bo­den zu gedei­hen. Da kön­nen un­se­re heu­ti­gen Pflan­zen wach­sen, aber je­ne, die zwi­schen Pflan­zen und Tie­ren mit­ten­d­rin­nen wa­ren, die ei­nen le­ben­di­gen Bo­den brauch­ten, die kön­nen nicht, wenn sie zu­rück­ge­b­lie­ben sind, im Mi­ne­ra­li­schen wach­sen. Die Mis­tel ist ei­ne sol­che Pflan­ze. Sie muß des­halb in der heu­ti­gen Pflan­zen­welt schma­rot­zen, weil sie ein zu­rück­ge­b­lie­be­nes We­sen ist. Sie hat kei­ne Emp­fin­dung mehr, ob­wohl der um­hül­len­de As­tral­leib der Mis­tel ganz an­ders ist wie der der üb­ri­gen Pflan­zen. Und das fühl­te die deut­sche Sa­ge, daß die Mis­tel ei­gent­lich nicht in un­ser Er­den­we­sen hin­ein­ge­hört, daß sie ihm fremd ist. Die Sa­ge fei­ert im Gott Bal­dur den Gott der Er­den­son­ne, der Er­den­kraft. Kein We­sen der Er­de wird ihm et­wa feind­lich na­hen kön­nen. Da­her kann auch der Gott, von dem die deut­sche Sa­ge das Be­wußt­sein hat­te, daß er so ein Nach­züg­ler sei, da­her kann Lo­ki den Bal­dur mit kei­nem Ge­sc­höpf der Er­de tö­ten. Er muß ihn mit dem Mi­s­telzweig tö­ten las­sen, weil der fremd ist un­ter den Er­den­ge­sc­höp­fen und des­halb dem Nach­züg­ler Lo­ki die­nen kann, der nicht ver­wandt ist mit den Er­den­göt­tern. Tie­fe Weis­heit ver­birgt sich hin­ter sol­chen Sa­gen. In die­ser Bal­dur-Lo­ki-Sa­ge spü­ren wir übe­rall die­se al­te Weis­heit, auch in den Ge­bräu­chen, die sich an die

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Mis­tel knüp­fen. Wenn Sie sie stu­dier­ten, so wür­den Sie fin­den, daß das­je­ni­ge, was man über sie sagt, aus ural­ter Weis­heit her­rührt.

Dann kam in der zwei­ten Hälf­te der Mon­den­ent­wi­cke­lung die Zeit, wo so­wohl die auf der Son­ne wie auch die auf dem Mon­de sich ent­wi­ckeln­den We­sen­hei­ten das er­reicht hat­ten, was sie wäh­rend der al­ten Mon­den­zeit hat­ten er­rei­chen sol­len. Und dann ve­r­ei­nig­ten sie sich wie­der­um. Son­ne und Mond gin­gen wie­der als ein Leib in ih­rer Ent­wi­cke­lung ei­ne St­re­cke zu­sam­men.

Dann ver­dun­kel­te sich der Ent­wi­cke­lungs­zu­stand, ging durch den rein geis­ti­gen Zu­stand hin­durch, den man­che ge­wohnt sind Prala­ya zu nen­nen, und nun däm­mer­te un­se­re Er­den­ent­wi­cke­lung auf. Im An­fang ent­hält der auf­däm­mern­de Wel­ten­kör­per nicht nur un­se­re heu­ti­ge Er­den­sub­stanz, son­dern das, was Sie be­kom­men wür­den, wenn Sie die Sub­stanz von der heu­ti­gen Son­ne, der heu­ti­gen Er­de und dem heu­ti­gen Mond zu­sam­men­neh­men und in ei­nem rie­si­gen Topf durch­ein­an­der­rüh­ren wür­den. So un­ge­fähr kön­nen Sie sich den Ent­wi­cke­lungs­zu­stand un­se­rer Er­de bei ih­rem Be­ginn vor­s­tel­len. Die­ser Ent­wi­cke­lungs­zu­stand ist zu­nächst ei­ne Art Wie­der­ho­lung des Sa­turn­zu­stan­des, dann des Son­nen- und des Mon­den­zu­stan­des. Was für uns nun vor al­len Din­gen wich­tig ist, das ist, daß der Mensch ei­gent­lich erst im heu­ti­gen Sin­ne Mensch wird in der Mit­te der Er­den­ent­wi­cke­lung. Auch in un­se­rer Er­den­ent­wi­cke­lung müs­sen wir sie­ben Zu­stän­de un­ter­schei­den. Wir ste­hen im vier­ten. Drei sind vor­an­ge­gan­gen, drei wer­den fol­gen. Der vier­te Haupt­k­reis­lauf war der­je­ni­ge, in wel­chem un­ser heu­ti­ges Men­schen­ge­sch­lecht Mensch wer­den soll­te. So wie nun in al­len die­sen Kreis­läu­fen auf dem Sa­turn, auf der Son­ne und auf dem Mond ge­wis­se We­sen­hei­ten die Mensch­heits­stu­fe er­reich­ten auf dem Sa­turn die Asu­ras oder Ur­kräf­te, auf der Son­ne die Erz­en­gel, auf dem Mon­de die En­gel , so wa­ren auch im­mer We­sen­hei­ten zu­rück­ge­b­lie­ben. Und so gab es auch We­sen­hei­ten, die nicht mehr auf dem Mond die Men­schen­stu­fe er­rei­chen konn­ten, zu­rück­ge­b­lie­be­ne En­gel et­wa, die erst jetzt auf dem Er­den­pla­ne­ten in den ers­ten drei Er­den­zei­träu­men ih­re Mensch­heits­stu­fe nach­ho­len konn­ten. Der Mensch kam in der vier­ten Stu­fe da­ran. Vor dem Men-

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schen ha­ben noch drei an­de­re We­sen­hei­ten auf der Er­de die Mensch­heits­stu­fe durch­ge­macht. Und die vier­te der We­sen­hei­ten, die auf der Er­de die Mensch­heits­stu­fe durch­ma­chen, ist der Mensch sel­ber. In dem Au­gen­blick der kos­mi­schen Ent­wi­cke­lung, als der Mensch sich eben an­schickt, Mensch zu wer­den, da ha­ben Sie al­so al­le die We­sen­hei­ten, die durch Sa­turn, Son­ne, Mond und Er­de bis zum Men­schen hin die Mensch­heits­stu­fe ha­ben durch­ma­chen kön­nen, als mehr oder we­ni­ger über den Men­schen hin­aus­ge­schrit­te­ne We­sen­hei­ten. Aber al­le sind so, daß sie zu­rück­bli­cken kön­nen, sich er­in­nern kön­nen an die Stu­fe, auf der sie selbst die Mensch­heits­stu­fe durch­ge­macht ha­ben. Sie konn­ten hin­un­ter­schau­en auf den wer­den­den Men­schen und sich sa­gen: Der wird jetzt et­was, was wir schon ge­we­sen sind, wo­für wir Ver­ständ­nis ha­ben, wenn wir es auch un­ter an­de­ren Um­stän­den ge­we­sen sind. Sie konn­ten des­halb sei­ne Ent­wi­cke­lung lei­ten und re­geln vom geis­ti­gen Wel­ten­raum aus.

Zäh­len wir zu­sam­men, wie vie­le sol­cher We­sen­hei­ten es sind, die auf die Men­schen­stu­fe zu­rück­bli­cken kön­nen, die Ver­ständ­nis ha­ben kön­nen für den wer­den­den Men­schen: sie­ben von der Sa­turn­ent­wi­cke­lung plus sie­ben von der Son­nen- plus sie­ben von der Mon­den­stu­fe plus drei von der Er­den­ent­wi­cke­lung, das sind vier­und­zwan­zig We­sen­hei­ten. Vier­und­zwan­zig «Men­schen» bli­cken her­un­ter auf den heu­ti­gen Men­schen. Es sind die We­sen­hei­ten, wel­che wir aus gu­ten Grün­den die Re­gu­la­to­ren der Ent­wi­cke­lung ge­nannt ha­ben, die Re­gu­la­to­ren der Zeit. Zeit hängt mit Ent­wi­cke­lung zu­sam­men. Es sind die vier­und­zwan­zig Äl­tes­ten, die uns in der Apo­ka­lyp­se des Jo­han­nes be­geg­nen. Das sind die­sel­ben We­sen­hei­ten, die uns be­schrie­ben wer­den da, wo wir her­an­t­re­ten an das Ge­heim­nis der sie­ben Sie­gel. Sie wer­den uns als die ei­gent­li­chen Len­ker der Ge­schi­cke be­schrie­ben, das ei­gent­li­che Al­pha und Ome­ga. So ha­ben wir die vier­und­zwan­zig Äl­tes­ten auch hier wie­der­um ge­fun­den, und Sie se­hen, wie der Apo­ka­lyp­ti­ker, der die­se wich­ti­ge Ur­kun­de ge­schrie­ben hat, in sei­ne Bil­der wun­der­bar hin­ein­ge­heim­nißt hat, was wir aus der Be­trach­tung der geis­ti­gen Wel­ten­ent­wi­cke­lung sel­ber fin­den kön­nen.

Nun wa­ren aber ge­wis­se We­sen­hei­ten zu­rück­ge­b­lie­ben auf je­der

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Stu­fe, so daß die auf der Son­ne zu­rück­ge­b­lie­be­nen Sa­turn­we­sen als die ers­ten An­la­gen des jet­zi­gen Tier­rei­ches her­aus­ka­men und die auf der Mond­stu­fe zu­rück­ge­b­lie­be­nen Son­nen­we­sen als ers­te An­la­gen des heu­ti­gen Pflan­zen­rei­ches. Auf der Er­de erst kam ei­ne Ent­wi­cke­lungs­stu­fe her­aus als das Mi­ne­ral­reich. Wir ha­ben her­vor­ge­ho­ben, daß es auf dem Mon­de noch kein Mi­ne­ral­reich ge­ge­ben hat. Auf Fel­sen hät­te man auf dem Mon­de noch nicht her­um­ge­hen kön­nen. In der­je­ni­gen Zeit, wo die heu­ti­gen Men­schen an­fin­gen, ih­re Mensch­heits­stu­fe durch­zu­ma­chen, dran­gen aus dem Wel­ten­kör­per, der jetzt zwi­schen der Sub­stanz des Mon­des und der heu­ti­gen Sub­stanz stand, die mi­ne­ra­li­schen Mas­sen, die ers­ten Kri­s­tal­le her­aus. Das war der Au­gen­blick, wo das Mi­ne­ral­reich her­vor­schoß. Und Sie fin­den die­ses Her­vor­schie­ßen in ganz ein­zi­ger Wei­se in der Apo­ka­lyp­se des Jo­han­nes ge­schil­dert, wo er sagt: Da war es kri­s­tal­li­siert um den Stuhl her­um wie ein glä­s­er­nes Meer. Die­ses «glä­s­er­ne Meer» soll uns an­deu­ten das Her­vor­schie­ßen, das Her­vor­kei­men des Mi­ne­ral­rei­ches in sei­ner ers­ten Ge­stalt. So se­hen wir auch die­ses Ge­heim­nis der kos­mi­schen Ent­wi­cke­lung in der Apo­ka­lyp­se des Jo­han­nes an­ge­deu­tet. Und wir ha­ben da­mit auch ein­se­hen ge­lernt, daß bis zu die­sem Gra­de der Apo­ka­lyp­ti­ker uns in sei­nen ge­wal­ti­gen Bil­dern nichts an­de­res dar­s­tel­len will als das, was wir aus dem geis­ti­gen Le­ben her­aus in der Ent­wi­cke­lung der Er­de selbst er­ken­nen kön­nen. Da­mit hat uns aber der Apo­ka­lyp­ti­ker gleich im An­fang sei­nes Bu­ches bis zu den Höhen hin­auf­ge­führt, wo der Mensch die Bil­der der zu­künf­ti­gen Ent­wi­cke­lungs­stu­fen schau­en kann.

Und nun ha­ben wir ei­ne gu­te Grund­la­ge, um wie­der an das an­zu­knüp­fen, was wir schon als die ers­ten Epo­chen zu­künf­ti­ger Mensch­heits­ent­wi­cke­lung ken­nen­ge­lernt ha­ben. Jetzt ha­ben wir als Zwi­schen­be­trach­tung ei­nen Blick ge­wor­fen in die Ver­gan­gen­heit bis da­hin, wo der Mensch be­reit ist, Mensch zu wer­den, wo das Mi­ne­ral­reich her­aus­schießt. Und nun wer­den wir se­hen, wie es bis zu un­se­rer Zeit wei­ter­geht, und von da bis in die Zu­kunft hin­ein. Wir wer­den den An­schluß fin­den zum Ge­heim­nis der sie­ben Sie­gel und ih­rer Ent­sie­ge­lung bis zur Aus­gie­ßung der Zor­nes­scha­len.

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SECHSTER VOTRAG, Nürnberg, 23. Juni 1908

Es ist in der ma­te­ria­lis­ti­schen Wis­sen­schaft all­ge­mein ge­bräuch­lich, mit Aus­nah­me ei­ni­ger Krei­se, die sich in der letz­ten Zeit zu ei­ner an­de­ren Er­klär­ung ent­sch­los­sen ha­ben, die Ent­ste­hung un­se­res ge­gen­wär­ti­gen Son­nen­sys­tems so dar­zu­s­tel­len, daß es sich her­aus­ge­bil­det hat aus ei­ner Art von Ur­ne­bel, der ei­nen Raum um­faßt hat bis über die Nep­tun­g­ren­ze hin­aus, al­so bis an die Bahn des äu­ßers­ten Pla­ne­ten un­se­res Son­nen­sys­tems. Und da, so nimmt man an, hat sich durch ei­nen Ver­dich­tung­s­pro­zeß nach und nach her­aus­ge­bil­det un­se­re Son­ne und die sich um sie her­um­be­we­gen­den Pla­ne­ten. Wie ge­sagt, ei­ni­ge we­ni­ge Er­klä­rer ha­ben heu­te ei­ne et­was an­ders lau­ten­de An­schau­ung, aber sie brin­gen auch noch nichts We­sent­li­ches für uns, die wir auf dem Bo­den ei­ner spi­ri­tu­el­len Wel­t­an­schau­ung ste­hen. Al­so es hät­te sich her­aus­ge­ballt un­se­re Son­ne mit den um sie krei­sen­den Pla­ne­ten. Da­bei wur­de ja im­mer und wird auch heu­te noch in den Schu­len ein nied­li­cher Ver­g­leich ge­bracht, der so recht an­schau­lich ma­chen soll, wie ein gan­zes Pla­ne­ten­sys­tem so durch Dre­hung ent­ste­hen kann. Da nimmt man ei­ne öli­ge Sub­stanz, die in Was­ser schwimmt, und macht sie ku­gel­för­mig. Dann schnei­det man ein klei­nes Blätt­chen, das man ganz in der Äqua­tor­li­nie so durch­drü­cken kann durch die­se öli­ge Ku­gel, daß sie in zwei Hälf­ten ge­teilt wird. Man steckt oben hin­ein ei­ne Steck­na­del, und dann gibt man das in Was­ser, so daß es schwimmt. Man sieht als­dann, wenn man nun die­se klei­ne Ku­gel dreht, wie sich zu­erst ein Trop­fen ab­spal­tet und gleich­sam als ein äu­ße­rer Kör­per die grö­ße­re Ku­gel um­k­reist, wie sich dann ein zwei­ter, drit­ter Trop­fen ab­spal­tet und end­lich in der Mit­te ein gro­ßer Trop­fen üb­rig­b­leibt, um den sich vie­le klei­ne­re dre­hen. Ein Pla­ne­ten­sys­tem im klei­nen! sagt man. Warum, so meint man, kön­ne nicht aus je­nem Ur­ne­bel einst­mals durch sol­che Ab­dre­hung un­ser Son­nen-

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sys­tem ent­stan­den sein, wenn man es doch jetzt nach­ma­chen kann bei ei­nem sol­chen Mi­nia­tur-Son­nen­sys­tem?

Es er­scheint ge­wöhn­lich die­ser Ver­g­leich den Men­schen un­ge­heu­er ein­leuch­tend, und jetzt be­g­rei­fen sie, wie einst­mals aus sol­chem Ur­ne­bel sich her­aus­ge­spal­tet ha­ben Sa­turn, Ju­pi­ter, Mars, Er­de, Ve­nus, Mer­kur. Aber die gan­ze Ge­schich­te, nicht nur der Ver­g­leich, son­dern über­haupt die gan­ze An­schau­ung geht her­vor aus der Kurz­at­mig­keit al­les Den­kens der Ge­gen­wart. Denn die be­tref­fen­den, zu­wei­len recht ge­lehr­ten Män­ner, die die­sen Ver­g­leich so ein­leuch­tend hin­s­tel­len, ver­ges­sen da­bei nur ei­nes: daß sie näm­lich selbst da­bei sind und oben die­se Na­del dre­hen! Nun ist ja Selbst­ver­ges­sen­heit in ge­wis­sen Ge­bie­ten des Le­bens sehr gut, aber in die­sem Fall ist ge­ra­de mit dem Ex­pe­ri­men­ta­tor das Al­ler­wich­tigs­te ver­ges­sen, oh­ne das der Öl­trop­fen sich über­haupt nicht dre­hen wür­de. Min­des­tens müß­te der Ge­lehr­te, der mit sol­chem Aber­glau­ben aus­ge­stat­tet ist Kant-La­place­sches Sys­tem ist die­ser Aber­glau­be be­nannt , we­nigs­tens ein klein bißchen Kon­se­qu­enz im Den­ken ha­ben. Er müß­te we­nigs­tens an­neh­men, daß sich da­mals ir­gend­ein We­sen ei­nen Rie­sen­stuhl in den Wel­ten­raum hin­aus­ge­s­tellt und ei­ne Rie­se­nach­se in Be­we­gung ge­setzt hät­te. Das müß­te man min­des­tens vor­aus­set­zen. Aber es hat sich all­mäh­lich das men­sch­li­che Den­ken so sehr da­ran ge­wöhnt, nur das Ma­te­ri­el­le ins Au­ge zu fas­sen, daß man den Wi­der­spruch ei­nes sol­chen Ver­g­lei­ches gar nicht mehr be­merkt.

In der Tat ist ja ei­ne ge­wis­se Wahr­heit in die­sem so­ge­nann­ten Kant-La­place­schen Wel­ten­sys­tem, wenn sich auch die­se Wahr­heit an­ders ver­hält, als die ma­te­ria­lis­ti­sche Er­klär­ung die Sa­che hin­s­tellt. Es ist ei­ne ge­wis­se Wahr­heit da­r­in­nen, weil dem hell­se­he­ri­schen Blick al­les, was un­ser heu­ti­ges Son­nen­sys­tem ent­hält, tat­säch­lich er­scheint als aus solch ur­sprüng­li­cher Ne­bel­mas­se her­vor­ge­gan­gen. Al­lein dem­je­ni­gen, der wir­k­lich ge­schicht­lich for­schen kann, dem wird klar, daß das Gu­te an der Kant-La­place­schen Hy­po­the­se von den ok­kul­ten Tra­di­tio­nen her­rührt. Das hat man ver­ges­sen, als das Wort «Ok­kul­tis­mus» et­was wur­de, wo­vor man sich fürch­te­te wie Kin­der vor dem schwar­zen Mann. Aber das, was

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bei der Bil­dung un­se­res Son­nen­sys­tems wir­k­lich ge­sche­hen ist, das ist nicht oh­ne den Ein­fluß von geis­ti­gen We­sen­hei­ten und Mäch­ten ge­sche­hen. Die Ma­te­rie tut nichts, oh­ne daß geis­ti­ge We­sen zu­grun­de lie­gen.

Es wür­de uns heu­te zu weit füh­ren, wenn wir, an­knüp­fend an das Ges­t­ri­ge, die gan­ze Er­klär­ung un­se­res Son­nen­sys­tems auf­neh­men woll­ten. Wir wol­len au­ßer Be­tracht las­sen die Pla­ne­ten wie Sa­turn, Ju­pi­ter und so wei­ter und nur ins Au­ge fas­sen, was vor al­len Din­gen für un­ser men­sch­li­ches Le­ben und die men­sch­li­che Ent­wi­cke­lung von Be­deu­tung ist.

In der Tat war ein­mal ein sol­cher Ur­ne­bel, und in die­sem wa­ren, wie auf­ge­löst, al­le Tei­le un­se­res Son­nen­sys­tems. Aber mit die­sem Ur­ne­bel ver­bun­den, so daß sie da­zu ge­hör­ten, wa­ren die We­sen­hei­ten, wel­che wir im Lau­fe der ges­t­ri­gen Be­trach­tung ken­nen­ge­lernt ha­ben. Zum Bei­spiel wa­ren mit je­nem Wel­ten­ne­bel, mit je­nem kos­mi­schen Ne­bel ver­bun­den al­le die We­sen, die in den 24 Stu­fen durch­ge­macht ha­ben die Men­schen­stu­fe. Auch noch an­de­re We­sen­hei­ten wa­ren mit ihm ver­bun­den. Sie al­le wohn­ten in je­nem Ur­ne­bel, der, wenn man ihn nicht im Zu­sam­men­hang mit die­sen We­sen­hei­ten denkt, ei­ne phan­tas­ti­sche Ab­strak­ti­on ist. Wie ihn sich der ma­te­ria­lis­ti­sche Che­mi­ker et­wa denkt, ist er un­mög­lich. So ist er nur in Ge­dan­ken, von der Wir­k­lich­keit ab­ge­son­dert. In Wir­k­lich­keit ist er so vor­han­den, daß er be­wohnt ist von ei­ner Rei­he von geis­ti­gen We­sen­hei­ten. Denn als je­ner Ur­ne­bel auf­s­tieg zu sei­ner neu­en Sicht­bar­keit, da wa­ren ver­bun­den mit ihm al­le die We­sen­hei­ten, die einst den al­ten Sa­turn be­wohn­ten, die dann die ver­schie­de­nen Ent­wi­cke­lungs­stu­fen durch Son­ne, Mond durch­ge­macht ha­ben bis her­auf zur Er­de, wo nach lan­ger Zwi­schen­pau­se der Er­den-Ur­ne­bel so­zu­sa­gen auf­s­tieg. Und auch die an­de­ren We­sen­hei­ten, die wir erst auf der Son­ne ken­nen­ge­lernt ha­ben, wa­ren ver­bun­den mit die­sem Ur­ne­bel. Und die­se We­sen­hei­ten, der gan­ze Cho­rus, der da­r­in­nen war, der die­sen Ur­ne­bel durch­setz­te, die­se sind es, wel­che die Be­we­gun­gen her­vor­rie­fen. Denn die We­sen­hei­ten sind es, die sich ih­ren Schau­platz schaf­fen.

Da wa­ren zum Bei­spiel We­sen­hei­ten, die ei­nen ganz an­de­ren

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Wohn­platz brauch­ten als die Men­schen, wenn sie die ih­nen ent­sp­re­chen­de Ent­wi­cke­lung durchlau­fen woll­ten. Die Men­schen, die auf dem al­ten Mon­de als die Vor­fah­ren der jet­zi­gen Men­schen ge­lebt ha­ben, hat­ten erst phy­si­schen Leib, Äther­leib und As­tral­leib. Mit die­sen drei Glie­dern ih­rer We­sen­heit ka­men sie im Be­gin­ne der Er­den­ent­wi­cke­lung aus dem so­ge­nann­ten Prala­ya wie­der­um her­aus wie ei­ne Pflan­ze aus dem Sa­men. So, wie nun die­ses gan­ze Sys­tem im An­fang war, war es un­ge­eig­net für die We­sen­hei­ten, die die An­la­gen mit­ge­bracht hat­ten zum heu­ti­gen Men­schen. Wä­re je­ne Sch­nel­lig­keit der Ent­wi­cke­lung bei­be­hal­ten wor­den, die un­ser Son­nen­sys­tem im An­fang hat­te, als es her­aus­kam aus der kos­mi­schen Däm­me­rung, so hät­te der Mensch sei­ne Ent­wi­cke­lung nicht fin­den kön­nen. Es wä­re ei­ne Ent­wi­cke­lung ge­we­sen, als ob Sie jetzt ge­bo­ren wür­den und dann in kür­zes­ter Zeit schon Grei­se wä­ren. Wür­de je­ne Sch­nel­lig­keit der Ent­wi­cke­lung bei­be­hal­ten wor­den sein, die der Son­ne ei­gen war, so wür­den Sie al­le rasch al­tern. Sie wür­den nicht je­nen lang­sa­men Gang durch die Jahr­zehn­te ma­chen kön­nen, wie Sie es wir­k­lich tun. Nach kur­zer Zeit wür­den Sie wei­ße Haa­re ha­ben. Kaum daß Sie Kind ge­we­sen sind, wür­den Sie schon Grei­se sein.

So hat es nicht sein dür­fen. Es wa­ren al­so We­sen­hei­ten vor­han­den, die ein sch­nel­le­res Tem­po brauch­ten. Die­se We­sen­hei­ten mach­ten nur ei­nen Teil der Ent­wi­cke­lung mit, nah­men sich dann je­nen Wel­ten­kör­per her­aus, der heu­te als Son­ne am Him­mel steht, und mach­ten die­se Son­ne zu ih­rem Wohn­platz. Sie zo­gen mit ih­rer We­sen­heit die Son­nen­ma­te­rie her­aus. Denn die­se Son­ne, die heu­te ihr Licht uns zu­schickt, ist eben­so von geis­ti­gen We­sen­hei­ten be­wohnt wie un­se­re Er­de. Mit je­dem Son­nen­strahl, der her­un­ter­dringt, ge­hen auf die Er­de her­un­ter die Ta­ten je­ner geis­ti­gen We­sen­hei­ten, die sich im Ver­lauf der Sa­turn-, Son­nen-, Mon­den­ent­wi­cke­lung da­hin ge­bracht ha­ben, daß sie ei­ne so ra­sche Ent­wi­cke­lung durch­ma­chen kön­nen, wie sie auf der heu­ti­gen Son­ne statt­fin­det. Ho­he, er­ha­be­ne We­sen­hei­ten sind ver­knüpft mit die­sem Son­nen­da­sein im Be­gin­ne un­se­rer Er­den­ent­wi­cke­lung, und sie spal­ten sich ab. Und was dann zu­rück­ge­b­lie­ben ist, müs­sen Sie sich so

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vor­s­tel­len, als wenn Sie den heu­ti­gen Mond und die heu­ti­ge Er­de in ei­nem gro­ßen Topf zu­sam­men­ge­rührt hät­ten und die­se zu­sam­men­ge­rühr­ten Er­de und Mond zu­nächst ei­ne Zeit­lang die Son­ne um­k­reis­ten.

So ha­ben wir, be­vor wir den Punkt er­rei­chen, den wir ges­tern als Men­sch­wer­dung be­zeich­net ha­ben, zu­nächst die Tren­nung der Son­ne von der Er­de, das heißt der heu­ti­gen Er­de plus dem heu­ti­gen Mon­de fest­zu­s­tel­len. Auf der Son­ne blie­ben woh­nen die We­sen­hei­ten, wel­che die geis­ti­gen Len­ker der ir­di­schen Er­eig­nis­se sind. Als sie vom Mon­de her­über­ka­men, da wa­ren es sie­ben sol­cher We­sen­hei­ten. Die Ge­ne­sis nennt sie Elo­him, Licht­geis­ter. Sie ha­ben ei­ne Wei­le ih­re Ent­wi­cke­lung mit der Er­de zu­sam­men durch­ge­macht und dann die Son­ne her­aus­ge­zo­gen, so daß sie nun von der Son­ne her­aus auf die Er­de wir­ken kön­nen. Die­se Elo­him, die­se Licht­geis­ter wa­ren al­so ih­rer sie­ben. Sechs von ih­nen wa­ren so, daß sie ihr Da­sein mit der ei­gent­li­chen kos­mi­schen Son­ne ver­ban­den. Ei­ner son­der­te sich aus von ih­nen, ei­ner, den das Al­te Te­s­ta­ment Jah­ve nennt. Der son­der­te sich aus und blieb zu­nächst mit der Er­de ver­bun­den. Der lei­te­te und lenk­te die Er­den­ent­wi­cke­lung von in­nen her­aus, wäh­rend die an­de­ren von au­ßen he­r­ein wirk­ten. So war es ei­ne Wei­le.

Aber schon nach dem, was ges­tern für den al­ten Mond an­ge­deu­tet wor­den ist, wer­den Sie es be­g­reif­lich fin­den, daß mit dem Her­aus­ge­hen der Son­ne ei­ne Ver­dich­tung al­les des­sen ver­bun­den war, was als Er­de plus Mond zu­rück­b­lieb. Es kam ei­ne Pe­rio­de über die Erd­ent­wi­cke­lung, wo al­le We­sen­hei­ten, und nicht nur die Sub­stanz, ei­ne Ver­gröbe­rung durch­mach­ten. Die We­sen­hei­ten zum Bei­spiel, die spä­ter die Men­schen wur­den, die da­mals noch sehr weich und fein wa­ren, mach­ten da­durch ei­ne Ver­gröbe­rung durch, daß sie scheuß­li­che In­s­tink­te an­nah­men. Ei­ne Ver­gröbe­rung des gan­zen Le­bens fand statt.

Aber so durf­te die Ent­wi­cke­lung nicht blei­ben, wenn der Mensch ent­ste­hen soll­te. Es wür­de ei­ne Ver­gröbe­rung ein­ge­t­re­ten sein, dich­ter und dich­ter wä­re al­les ge­wor­den, und die Men­schen wä­ren zu Mu­mi­en er­starrt. Mu­mi­fi­ziert wä­ren die Men­schen ge­wor­den, und

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Sie hät­ten sehr bald ei­nen Pla­ne­ten ge­habt, auf dem so et­was wie nicht ge­ra­de sc­hö­ne, aber men­sche­n­ähn­li­che Mu­mi­en, wie Sta­tu­en, sich an­ge­sam­melt hät­ten. Mu­mi­fi­ziert wä­re die Er­de ge­wor­den. Es muß­te ein an­de­res Er­eig­nis ein­t­re­ten. Ge­ra­de durch die Re­gie­rung des kos­mi­schen Geis­tes Jah­ve wur­de nun aus die­ser Ge­samt­mas­se Er­de plus Mond das­je­ni­ge ab­ge­son­dert, her­aus­ge­holt, was Sie jetzt als Mond, als die­se aus­ge­brann­te Mond­schla­cke am Him­mel se­hen. Da wur­den nicht nur die gröbs­ten sub­stan­ti­el­len Be­stand­tei­le, son­dern auch die gröbs­ten We­sen­hei­ten aus­ge­son­dert. So war durch das Weg­ge­hen der Son­ne zu­erst be­wirkt wor­den, daß der Mensch nicht ei­ne zu ra­sche Ent­wi­cke­lung nimmt, und durch das Weg­ge­hen des Mon­des wur­de nun be­wirkt, daß der Mensch nicht ei­ne Ent­wi­cke­lung nach dem Ver­dor­ren, nach dem Ver­dich­ten, nach dem Mu­mi­fi­zie­ren hin nimmt.

So war die Er­de her­aus­ge­son­dert aus der gan­zen Mas­se, und jetzt wird der Gang der men­sch­li­chen Ent­wi­cke­lung un­ter dem Ein­flus­se die­ser zwei Him­mels­kör­per über die Er­de ge­lei­tet, das heißt na­tür­lich nicht un­ter dem Ein­fluß der Him­mels­kör­per, son­dern ih­rer We­sen­hei­ten, der sechs Son­nen­geis­ter und des Mon­den­geis­tes, der sich zum Heil der Men­schen ab­ge­son­dert hat­te. Und sie wird so ge­lei­tet, daß im we­sent­li­chen die­se bei­den Kräf­te sich die Waa­ge hal­ten. Durch das Her­au­s­t­re­ten bei­der, der Son­nen­kräf­te und der Mond­kräf­te, wur­de ge­ra­de das rich­ti­ge Tem­po der Mensch­heits­ent­wi­cke­lung er­zielt.

Den­ken Sie ein­mal um Ih­nen das durch et­was an­de­res na­he­zu­füh­ren , daß nur die Son­ne wirk­sam wä­re für den Men­schen. Sie wis­sen, die Men­schen ma­chen ih­re Ent­wi­cke­lung auf der Er­de in vie­len, vie­len In­kar­na­tio­nen durch. Sie ha­ben ein­mal mit der ers­ten Ver­kör­pe­rung auf der Er­de an­ge­fan­gen und be­kom­men im­mer wie­der neue Lei­ber, bis sie die letz­te Ver­kör­pe­rung durch­ma­chen wer­den. Ei­ne Rei­he von In­kar­na­tio­nen macht der Mensch durch. Da­durch ent­wi­ckelt er sich lang­sam und geht von Ver­kör­pe­rung zu Ver­kör­pe­rung auf­wärts. Als wah­re geis­ti­ge Ba­bies be­t­ra­ten die Men­schen un­se­re Erd­ober­fläche. Seit der Tren­nung von Son­ne und Mond von un­se­rer Er­de stie­gen sie her­auf bis zur

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heu­ti­gen Stu­fe. Al­le die­se See­len wer­den wie­der­kom­men in an­de­ren Lei­bern bis zum En­de der Er­den­ent­wi­cke­lung. Nun den­ken Sie sich, daß nur die Son­ne wirk­sam wä­re für den Men­schen. Dann wür­den die Men­schen al­les das, was sie in so vie­len In­kar­na­tio­nen durch­ma­chen, in ei­ner ein­zi­gen durchlau­fen müs­sen. Daß das rich­ti­ge Tem­po in die vie­len In­kar­na­tio­nen hin­ein­kommt, das wird be­wirkt durch das Sich-die-Waa­ge-Hal­ten der Kräf­te zwi­schen Son­ne und Mond von au­ßen.

In der Zeit, in wel­cher al­so Son­ne und Mond hin­aus­ge­t­re­ten sind, be­ginnt all­mäh­lich der heu­ti­ge Mensch. Da wird die ers­te An­la­ge zum heu­ti­gen Men­schen ge­schaf­fen. Das war in ei­ner Zeit, wo der Mensch kei­nes­wegs et­wa schon wie heu­te auf die­ser Er­de her­um­wan­del­te. Sie dür­fen durch­aus nicht glau­ben, daß, als der Mond drau­ßen war, der Mensch so wie heu­te in Fleisch­ge­stalt auf die­ser Er­de her­um­ge­wan­delt ist. Es kom­men zu­erst all die For­men, die früh­er schon da­ge­we­sen wa­ren, wie in ei­ner Wie­der­ho­lung wie­der. Und als die Er­de be­f­reit war von der Son­ne und dem Mond, da sah sie un­ge­fähr so aus wie der al­te Mond, war so­gar noch wei­cher. Und wenn ein Au­ge, das so or­ga­ni­siert ist wie das heu­ti­ge, hin­ge­se­hen hät­te auf die Er­de, es hät­te den Men­schen noch nicht se­hen kön­nen. Da­ge­gen wa­ren ge­wis­se an­de­re We­sen­hei­ten da, wel­che nicht reif ge­nug wa­ren, ab­zu­war­ten die spä­te­re Zeit. Sie muß­ten, wäh­rend die Ent­wi­cke­lungs­stu­fe noch un­voll­kom­men war, sich her­aus­ent­wi­ckeln, muß­ten kör­per­li­che Ge­stalt an­neh­men, so daß ge­wis­se For­men der nie­de­ren Tie­re da­zu­mal, ei­ni­ge Zeit nach dem Weg­gan­ge des Mon­des von der Er­de, schon in phy­si­scher Ver­dich­tung zu se­hen wa­ren. Der Mensch war noch nicht her­ab­ge­s­tie­gen, noch nicht ein­mal die höhe­ren Säu­ge­tie­re. Der Mensch war noch ein Geist­we­sen, er um­schweb­te noch als geis­ti­ges We­sen die Er­de. Aus der Um­ge­bung der Er­de hat er die feins­te Ma­te­rie an­ge­nom­men. Nach und nach ver­dich­te­te sich der Mensch so weit, daß er her­un­ter­s­tei­gen konn­te, da, wo die Er­de schon fest ge­wor­den war und ein­zel­ne In­seln ge­bil­det hat­te.

So se­hen wir, daß die ers­ten Men­schen ver­hält­nis­mä­ß­ig spät auf­t­re­ten und daß sie da­mals ganz an­de­re Be­schaf­fen­heit hat­ten als

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der heu­ti­ge Mensch. Ich kann Ih­nen nicht die Ge­stal­ten je­ner Men­schen schil­dern, die so­zu­sa­gen sich zu­erst her­aus­kri­s­tal­li­sier­ten aus dem Geis­ti­gen. Wenn Sie auch schon viel von schwer zu Glau­ben­dem über sich ha­ben er­ge­hen las­sen müs­sen, Sie wür­den doch zu stark scho­ckiert wer­den, wenn ich Ih­nen schil­dern wür­de die gro­tesk aus­schau­en­den Ge­stal­ten der Lei­ber, in de­nen Ih­re See­len in­kar­niert wa­ren. Sie wür­den solch ei­ne Schil­de­rung nicht er­tra­gen kön­nen. In ei­ner spä­te­ren Zeit je­doch, wenn die­se Din­ge, die heu­te durch die an­thro­po­so­phi­sche Geis­tes­strö­mung erst be­gin­nen zum Be­wußt­sein der Men­schen zu kom­men, im­mer mehr und mehr die­ses Be­wußt­sein der Men­schen er­obern, dann wird ein­mal das be­kannt ge­ge­ben wer­den müs­sen, und es wird ei­nen un­ge­heu­ren Er­folg ha­ben, ei­ne un­ge­heu­re Be­deu­tung für das gan­ze Le­ben der Men­schen. Denn nur da­durch, daß der Mensch ken­nen­ler­nen wird, wie er sich auch leib­lich ent­wi­ckelt hat, wie die­je­ni­gen Or­ga­ne, die jetzt vor­han­den sind, all­mäh­lich aus ganz an­de­ren For­men sich her­aus­ge­bil­det ha­ben, wird er je­ne merk­wür­di­ge Ver­wandt­schaft zwi­schen Or­ga­nen im men­sch­li­chen Lei­be füh­len, die heu­te schein­bar weit au­s­ein­an­der­lie­gen. Da wird er die Kor­res­pon­denz ein­se­hen, die zwi­schen ge­wis­sen Or­ga­nen be­steht, zum Bei­spiel zwi­schen dem Blind­darm und der Luf­tröh­re, die in ih­rer frühe­ren Form bei je­nen merk­wür­di­gen Ge­stal­ten zu­sam­men­ge­wach­sen wa­ren. Das al­les, was heu­te der Mensch ist, das ist das au­s­ein­an­der-ge­roll­te Frühe­re, das in der man­nig­fal­tigs­ten Wei­se au­s­ein­an­der­ge­nom­men ist. Or­ga­ne, die heu­te au­s­ein­an­der­lie­gen, wa­ren früh­er zu­sam­men­ge­wach­sen, sie ha­ben aber ih­re Ver­wandt­schaft wohl be­wahrt. In Krank­hei­ten zeigt sich oft die­se Ver­wandt­schaft, da zeigt sich, wie die Er­kran­kung ei­nes Or­ga­nes not­wen­di­ger­wei­se die ei­nes an­de­ren nach sich zie­hen muß. Da wer­den die­je­ni­gen, die wir­k­lich Me­di­zin stu­die­ren wer­den, man­cher­lei Ent­de­ckun­gen zu ma­chen ha­ben, von de­nen sich die heu­ti­ge Me­di­zin, die nur ei­ne No­ti­zen­samm­lung ist, nichts träu­men läßt. Da wird die­se Me­di­zin erst wir­k­lich et­was ler­nen über die wah­re men­sch­li­che Na­tur. Das al­les nur, um hin­zu­wei­sen, wie ganz an­ders die frühe­re Men­schen­ge­stalt war.

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Erst nach und nach ha­ben sich ein­ge­g­lie­dert in die­se men­sch­li­che Ge­stalt die fes­ten Tei­le. Ur­sprüng­lich wa­ren im Men­schen­lei­be, auch als er sich schon her­un­ter­ge­senkt hat­te, noch kei­ne Kno­chen. Die Kno­chen ent­wi­ckel­ten sich aus wei­chen, knor­pel­ar­ti­gen Din­gen, die wie Strän­ge den men­sch­li­chen Leib durch­setz­ten, und die­se wie­der­um wa­ren aus ganz wei­chen Sub­stan­zen ent­stan­den, und die­se wei­chen Sub­stan­zen aus flüs­si­gen, die­se aus luft­för­mi­gen, die luft­för­mi­gen aus äthe­ri­schen und die äthe­ri­schen aus as­tra­li­schen, die sich aus geis­ti­ger Sub­stan­tia­li­tät ver­dich­tet hat­ten. Al­les Ma­te­ri­el­le ist zum Schluß aus dem Geis­ti­gen her­aus ent­spran­gen. Im Geis­te ist al­les vor­ge­bil­det. Erst in der Zeit, die wir schon an­ge­deu­tet ha­ben als den at­lan­ti­schen Zei­traum, ist der Mensch nach und nach da­zu ge­kom­men, sein Kno­chen­sys­tem, das schon früh­er ver­an­lagt war, her­aus­zu­bil­den.

Nun müs­sen wir uns die­sen le­mu­ri­schen Men­schen ge­nau­er an­schau­en, da­mit wir den Sch­rei­ber der Apo­ka­lyp­se bes­ser ver­ste­hen ler­nen. Nur hin­zu­deu­ten brau­che ich, daß in der ers­ten Zeit, wo der Mond weg war von der Er­de und der Mensch sich her­un­ter­senk­te, daß da der Mensch in be­zug auf sei­ne Wil­lens­kraft ganz an­de­rer Na­tur war als spä­ter. Die Wil­lens­kraft des Men­schen wirk­te da­zu­mal ma­gisch. Der Mensch konn­te durch sei­nen Wil­len auf das Wachs­tum der Blu­men wir­ken. Wenn der Mensch sei­nen Wil­len an­st­reng­te, konn­te er ei­ne Blu­me rasch in die Höhe schie­ßen las­sen, ei­ne Fähig­keit, die heu­te nur durch ei­ne abnor­me Ent­wi­cke­lung­s­pro­ze­dur zu er­rei­chen ist. Da­her war da­mals die gan­ze na­tür­li­che Um­ge­bung ab­hän­gig da­von, wie der Wil­le des Men­schen be­schaf­fen war. War er gut, so wirk­te er be­sänf­ti­gend auf das Wo­gen der Was­ser­mas­sen, auf den Sturm und auf die da­mals in wei­tem Um­kreis herr­schen­den feu­ri­gen Ge­bil­de, denn es war die Er­de da­mals zum gro­ßen Teil vul­ka­ni­scher Na­tur. Der Mensch wirk­te be­sänf­ti­gend auf das al­les durch ei­nen gu­ten, und zer­stö­rend durch ei­nen bö­sen Wil­len. Gan­ze In­seln konn­ten zer­schla­gen wer­den durch den bö­sen Wil­len. So war durch­aus des Men­schen Wil­le im Ein­klang mit sei­ner Um­ge­bung. Im we­sent­li­chen gin­gen die Län­der­mas­sen, in de­nen der Mensch da­mals ge­wohnt hat, durch

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den bö­sen Wil­len der Men­schen zu­grun­de, und nur ein klei­ner Teil der da­ma­li­gen Men­schen hier müs­sen wir wie­der zwi­schen Ras­sen- und See­len­ent­wi­cke­lung un­ter­schei­den ret­te­te sich hin­über in den Zei­traum, den wir rich­tig be­sch­rei­ben kön­nen, weil wir da aus un­se­rer Spra­che her­aus Wor­te fin­den, die die hell­se­he­ri­sche Wahr­neh­mung wie­der­ge­ben kön­nen.

Wir kom­men nach die­ser Ka­tastro­phe in die al­te at­lan­ti­sche Zeit, in je­ne Zeit, in wel­cher sich das Men­schen­ge­sch­lecht im we­sent­li­chen auf ei­nem Kon­ti­nent ent­wi­ckel­te, der heu­te den Bo­den des At­lan­ti­schen Oze­ans bil­det, zwi­schen dem heu­ti­gen Eu­ro­pa und Ame­ri­ka. Un­ter ganz an­de­ren phy­si­ka­li­schen, un­ter ganz an­de­ren Ver­hält­nis­sen über­haupt leb­te da­mals der Mensch. An­fangs war er durch­aus ein Ge­bil­de, das ganz an­ders wahr­nahm als der heu­ti­ge Mensch. Wir ha­ben schon dar­auf hin­ge­deu­tet im ers­ten Vor­trag und spä­ter wie­der­um. Heu­te wol­len wir noch­mals et­was ge­nau­er hin­wei­sen auf die­se ganz an­de­re Art der An­schau­ung des da­ma­li­gen Men­schen.

Der Mensch hat­te noch ei­ne Art al­ten Hell­se­hens aus dem Grun­de, weil das Ge­fü­ge sei­ner Lei­bes­g­lie­der an­ders war als heu­te. Es war noch nicht in so en­ger Wei­se der Äther- mit dem phy­si­schen Lei­be ver­bun­den. Der Äther­leib des Kop­fes war weit her­au­ßen aus dem phy­si­schen Lei­be. Erst ge­gen das letz­te Drit­tel der at­lan­ti­schen Zeit ging der her­aus­hän­gen­de Äther­leib zu­rück und be­kam die Form des heu­ti­gen phy­si­schen Men­schen­kop­fes. Da­durch, daß die­ser al­te At­lan­tier so ganz an­ders ge­stal­tet war als der heu­ti­ge Mensch und an­ders im Ge­fü­ge sei­ner Glie­der war, war auch das gan­ze Be­wußt­s­eins­le­ben, das gan­ze See­len­le­ben die­ses al­ten At­lan­tiers ein an­de­res. Und hier müs­sen wir noch, wenn wir rich­tig ver­ste­hen wol­len den Apo­ka­lyp­ti­ker, ein sehr wich­ti­ges, aber auch sehr ge­heim­nis­vol­les Ka­pi­tel be­rüh­ren.

Wenn Sie in die­se al­te At­lan­tis kom­men wür­den, wür­den Sie fin­den, daß sie nicht von solch rei­ner Luft um­ge­ben war wie die heu­ti­ge Er­de, son­dern von ei­ner Luft, die durch­schwän­gert war mit Ne­bel-, mit Was­ser­mas­sen. Die­se Luft wird durch­sich­ti­ger, kla­rer, je wei­ter sich die At­lan­tis ent­wi­ckelt. Aber die Ne­bel sind am

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stärks­ten dort, wo sich die er­wähn­te höher­ent­wi­ckel­te at­lan­ti­sche Kul­tur ent­fal­tet hat. Da wa­ren die ärgs­ten Ne­bel Vor­han­den, und aus die­sen Ne­beln her­aus ent­wi­ckel­te sich die Grund­la­ge für die spä­te­ren Kul­tu­ren. Die At­lan­tis war weit und breit mit sol­chen Ne­beln durch­zo­gen. Ei­ne sol­che Ver­tei­lung von Re­gen und Son­nen­schein wie heu­te hat es nicht ge­ge­ben. Da­her konn­te in der al­ten At­lan­tis das nicht ent­ste­hen, was Sie als den Re­gen­bo­gen ken­nen. Sie kön­nen die gan­ze At­lan­tis ab­su­chen, Sie fin­den ihn kaum. Erst als die Ver­dich­tung der Was­ser zur Über­flu­tung ge­führt hat­te, als die Sint­flut hin­ge­gan­gen war über die Er­de, da erst konn­te der Re­gen­bo­gen phy­si­ka­lisch ent­ste­hen. Und hier ha­ben Sie ei­nen Mo­ment, wo Ih­nen aus der Geis­tes­wis­sen­schaft her­aus die höchs­te Ehr­furcht kom­men wird vor den re­li­giö­sen Ur­kun­den. Denn wenn Ih­nen er­zählt wird, daß nach der Flut Noah, der Re­prä­sen­tant von de­nen, die das Men­schen­ge­sch­lecht hin­über­ge­ret­tet ha­ben, den Re­gen­bo­gen zu­erst auf­ge­rich­tet sieht, so ist das wir­k­lich ein his­to­ri­sches Er­eig­nis. Nach der Flut sieht die Mensch­heit den ers­ten Re­gen­bo­gen. Früh­er war er phy­si­ka­lisch nicht mög­lich.

Da se­hen Sie, wie tief, wie buch­stäb­lich wahr die re­li­giö­sen Ur­kun­den sind. Heu­te quält es man­chen, wenn man sagt, die re­li­giö­sen Ur­kun­den sei­en buch­stäb­lich wahr. Man­che zi­tie­ren ein Sprich­wort, das wahr ist, aber von den Be­qu­em­lin­gen nicht als wah­res Wort, son­dern aus Be­qu­em­lich­keit zi­tiert wird. Es ist das Wort: Der Buch­sta­be tö­tet, der Geist aber macht le­ben­dig. Dar­aus lei­ten sie die Be­rech­ti­gung ab, über­haupt gar nicht mehr auf das hin­zu­schau­en, was in den Ur­kun­den da­steht, gar nicht mehr den Wil­len ha­ben zu müs­sen, zu er­ken­nen, was da wir­k­lich steht, denn das ist der tö­t­en­de Buch­sta­be, sa­gen sie. Und so las­sen sie ih­ren Geist glän­zen, der al­les mög­li­che zu­sam­men­phan­ta­siert. Sie kön­nen ja sehr gei­st­reich sein, die­se Men­schen in ih­ren Er­klär­un­gen, aber dar­auf kommt es nicht an, son­dern dar­auf, daß wir wir­k­lich das se­hen in den Ur­kun­den, was in ih­nen drin­nen­steht. «Der Buch­sta­be tö­tet, der Geist aber macht le­ben­dig», die­ses Wort hat die­sel­be Be­deu­tung in der mys­ti­schen Spra­che wie das Goe­the­sche Wort:

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Und so lang du das nicht hast,
Die­ses: Stirb und wer­de!
Bist du nur ein tr­üb­er Gast
Auf der dun­k­len Er­de.

Die­ses Wort heißt nicht: Wenn du je­mand zur höhe­ren Er­kennt­nis füh­ren willst, mußt du ihn er­schla­gen, son­dern das heißt: Der Mensch muß ge­ra­de durch die Kul­tur der phy­si­schen Welt sich er­he­ben zu der Geis­tig­keit. So ist auch der Buch­sta­be der Leib des Geis­tes, und erst muß man ihn ha­ben und ver­ste­hen, dann mag man sa­gen, man kön­ne aus ihm her­aus den Geist fin­den. Der Buch­sta­be, der be­grif­fe­ne Buch­sta­be soll dann abs­ter­ben, auf daß der Geist aus ihm au­f­er­ste­he. Nicht ei­ne An­wei­sung ist je­nes Wort, be­lie­big zu phan­ta­sie­ren ge­gen­über dem, was in den re­li­giö­sen Ur­kun­den steht. Ge­ra­de wenn wir die wah­re Be­deu­tung die­ses Re­gen­bo­gens zum Bei­spiel, wie wir sie dar­ge­s­tellt ha­ben, er­ken­nen, dann zieht et­was ein in un­se­re See­le wie tie­fe Ehr­furcht vor den re­li­giö­sen Ur­kun­den, und wir be­kom­men ei­nen Be­griff, wie durch je­ne Ver­tie­fung der Auf­fas­sung durch die an­thro­po­so­phi­sche Wel­t­an­schau­ung der Mensch erst zur wah­ren, ech­ten Emp­fin­dung und zum wah­ren Wil­lens­ver­ständ­nis der re­li­giö­sen Ur­kun­den vor­sch­rei­tet.

Nun wol­len wir zu­rück­schau­en in die al­te At­lan­tis. Wir ha­ben schon ge­sagt, daß der Mensch da in ei­nem an­de­ren Be­wußt­s­eins­zu­stand leb­te, daß sein Ge­dächt­nis an­ders war als heu­te. Aber der Un­ter­schied ist noch viel be­trächt­li­cher. Wenn wir weit zu­rück­ge­hen, nicht bloß bis in die End­zeit der At­lan­tis, son­dern in die An­fangs­zeit, dann fin­den wir das men­sch­li­che Be­wußt­sein sehr ver­schie­den von dem, was wir heu­te ha­ben.

Füh­ren wir uns noch ein­mal vor die See­le, was heu­te da ist. Wäh­rend des Ta­ges be­di­ent sich der Mensch der Sin­ne. Abends schläft er ein. Im Bet­te lie­gen der phy­si­sche Leib und der äthe­ri­sche Leib, der as­tra­li­sche Leib und das Ich tre­ten her­aus. Die Be­wußt­s­eins­sphä­re ver­dun­kelt sich. Der Mensch von heu­te sieht .nichts, hört nichts. Mor­gens, wenn der as­tra­li­sche Leib mit dem Ich un­ter­taucht in den phy­si­schen und Äther­leib, dann tre­ten die phy­si­schen Din­ge

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wie­der­um her­vor. Wie war es in der ers­ten at­lan­ti­schen Zeit? Neh­men wir je­nen Zeit­punkt, wo mor­gens der Mensch hin­un­ter­tauch­te in den phy­si­schen und Äther­leib. Da hat­te er da­mals nicht ei­ne sol­che phy­si­sche Welt um sich wie heu­te. All die Ge­gen­stän­de von heu­te, die Sie mit kla­ren Gren­zen se­hen, die wür­den Sie wie mit ei­ner Au­ra, mit Far­ben­säu­men um­ge­ben, ganz ver­schwom­men ge­se­hen ha­ben, so, wie Sie auch bei ei­nem star­ken Ne­bel abends die Lich­ter auf den Stra­ßen nicht klar se­hen, da­für aber sol­che Far­ben­säu­me um die Lich­ter der La­ter­ne her­um. So war es in der al­ten At­lan­tis. Al­le Ge­gen­stän­de sah man nur ver­schwom­men, nichts mit den Gren­zen und Ober­flächen von heu­te, al­les wie in Ne­bel­far­ben ein­ge­hüllt. Erst nach und nach hat sich das her­aus­ge­bil­det, was fes­te Gren­ze ist. Wenn wir ei­ne Ro­se vor uns ge­habt hät­ten, so hät­ten wir in den ers­ten Zei­ten der al­ten At­lan­tis ge­se­hen, wie da ein Ne­bel­ge­bil­de auf­geht, wie in der Mit­te ein rosa­ro­ter Kreis ist, und nach und nach erst hät­ten sich die äu­ße­ren Far­ben gleich­sam hin­über­ge­legt über die Ober­fläche. Die Ge­gen­stän­de ha­ben erst spä­ter kla­re Um­ris­se be­kom­men.

Al­so Sie se­hen, ganz an­ders ist jetzt die phy­si­sche Um­welt als in der al­ten At­lan­tis. Da­für war es auch an­ders, wenn Sie des Abends her­aus­ge­s­tie­gen sind aus Ih­rem phy­si­schen Leib und, sa­gen wir, ein­ge­schla­fen sind. Ei­gent­lich war es ja kein Ein­schla­fen im heu­ti­gen Sin­ne. Al­ler­dings, die gan­ze Welt der ne­bel­haf­ten phy­si­schen Ge­bil­de blieb un­ter Ih­nen, aber auf ging ei­ne geis­ti­ge Welt. Oh­ne fes­te Gren­zen leb­ten Sie sich in ei­ne geis­ti­ge Welt hin­ein. Die geis­ti­gen We­sen­hei­ten wa­ren Ih­re Mit­be­woh­ner. So wech­sel­ten Tag und Nacht in der ers­ten at­lan­ti­schen Zeit mit­ein­an­der ab. Wenn der Mensch un­ter­tauch­te in sei­nen phy­si­schen Leib, hat­te er nur un­deut­li­che, ver­schwom­me­ne Bil­der des Phy­si­schen, aber wenn er des Nachts den phy­si­schen Leib ver­ließ, hat­te er die Mög­lich­keit, wenn auch et­was ver­schwom­men, geis­tig un­ter Geis­tern zu le­ben, un­ter Geis­tern zu wan­deln. Und vor al­len Din­gen war das gan­ze Emp­fin­dungs­le­ben des Men­schen auch ein an­de­res in der al­ten at­lan­ti­schen Zeit. Wenn Sie, sa­gen wir, her­aus­ge­gan­gen sind aus dem In­nern Ih­res phy­si­schen und Äther­lei­bes, da hät­ten Sie nicht

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Er­mü­dung ge­fühlt, kein Be­dürf­nis nach Ru­he ge­habt. Sie hät­ten auch die Ru­he nicht ge­fun­den; Sie muß­ten ein­t­re­ten in die geis­ti­ge Welt, da war die Sphä­re des Wir­kens. Wenn es da­ge­gen Mor­gen wur­de, fühl­ten Sie Ru­he­be­dürf­nis, und da such­ten Sie so­zu­sa­gen Ihr Bett auf, das Ihr ei­ge­ner Leib war. Da blie­ben Sie ru­hig lie­gen. Sie ver­kro­chen sich in Ih­ren ei­ge­nen Leib und ruh­ten ge­ra­de bei Ta­ge.

In der ers­ten Zeit der At­lan­tis war es al­so durch­aus an­ders als jetzt. Die at­lan­ti­sche Zeit ver­läuft so, daß der Mensch sich all­mäh­lich her­über­gebt aus den ganz ent­ge­gen­ge­setz­ten Zu­stän­den in die spä­te­ren. Er lebt sich in dem Ma­ße her­über, als sein Äther­leib mehr und mehr hin­ein­ge­trie­ben wird in den phy­si­schen Leib. Im letz­ten Drit­tel der at­lan­ti­schen Zeit wur­de der Äther­leib hin­ein­ge­trie­ben in den phy­si­schen Leib. Vor die­sem Er­eig­nis fühl­te sich der Mensch oben in der geis­ti­gen Welt als Wa­chen­der. Aber als sol­cher sag­te er nicht zu sich Ich, hat­te er nicht das Selbst­be­wußt­sein. Wenn er her­aus­ging aus dem phy­si­schen und Äther­leib, um in die Hel­lig­keit der Nacht sich hin­ein­zu­be­ge­ben, da fühl­te er sich so recht als Glied der Geis­tig­keit, die da oben war, fühl­te sich so­zu­sa­gen hin­einge­bor­gen in sei­ne al­te Grup­pen­see­le. Je­des­mal wur­de es um ihn hell in der Nacht, aber er fühl­te sich un­selb­stän­dig. Wie un­se­re Fin­ger zu un­se­rem Ich, so fühl­ten sich die Men­schen hin­zu­ge­hö­rig zu den Grup­pen­see­len, die hell­se­he­risch so ge­se­hen wer­den, wie sie in den vier Köp­fen des Löw­en, Och­sen, Ad­lers und Men­schen in der Apo­ka­lyp­se des Jo­han­nes ge­schil­dert sind. In ir­gend­ei­ne sol­che Grup­pen­see­le hin­ein­ver­setzt fühl­te sich der Mensch. Und erst wenn er in sei­nem Lei­bes­schne­cken­haus war, fühl­te er, daß er et­was Ei­ge­nes hat­te. Denn daß der Mensch ein selb­stän­di­ges We­sen wur­de, das kam da­von, daß er sich ein­sch­lie­ßen konn­te in sei­nen Leib. Er muß­te al­ler­dings die­ses Ein­sch­lie­ßen in sei­nen Leib da­mit be­zah­len, daß sich nach und nach die geis­ti­ge Welt für ihn ver­fins­ter­te, daß sie sich ganz und gar von ihm zu­rück­zog. Da­für aber wur­de im­mer hel­ler und kla­rer die Welt, die er un­ten sah, wenn er im phy­si­schen Lei­be war. Da­mit däm­mer­te im­mer mehr und mehr in ihm auf, daß er ein Ich sei, daß er in sich selbst ein Selbst­be­wußt­sein tra­ge. Er lern­te zu sich Ich sa­gen.

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Wenn wir cha­rak­te­ri­sie­ren wol­len, was da­mals ge­schah, so den­ken wir uns den Men­schen, wie er gleich­sam hin­aus­kriecht aus sei­nem Lei­bes­schne­cken­haus, in die geis­ti­ge Welt hin­ein. Er ist da un­ter geis­tig-gött­li­chen We­sen­hei­ten. Da tönt ihm sein Na­me, das was er ist, von au­ßen ent­ge­gen. Der ei­nen Grup­pe tönt ent­ge­gen das Wort, das in der Ur­spra­che das Wort war für die­se Grup­pe, der an­de­ren das Wort für die an­de­re Grup­pe. Der Mensch konn­te sich nicht von in­nen her­aus be­nen­nen, er muß­te von au­ßen sei­nen Na­men ent­ge­gen­ge­tönt er­hal­ten. Wenn er so her­aus­kroch aus sei­nem Lei­bes­schne­cken­haus, wuß­te er, was er war, weil es ihm in die See­le hin­ein­ge­ru­fen wur­de. Jetzt, da er lern­te, in sei­nem Lei­be wahr­zu­neh­men die phy­si­sche Um­ge­bung, da lern­te er sich als Ich emp­fin­den, da lern­te er die gött­li­che Kraft, die ihm früh­er von au­ßen ein­ge­tönt war, in sich selbst füh­len. Er lern­te den Gott in sich sel­ber füh­len. Der ihm der nächs­te war, die­ser Gott, der zu glei­cher Zeit sein Ich an­deu­te­te, den nann­te er Jah­ve, der war der Ich-Lei­ter. Die Kraft die­ses Got­tes fühl­te der Mensch zu­nächst in sei­nem Ich auf­ge­hen.

Da­mit wa­ren äu­ße­re Er­eig­nis­se ver­bun­den. Wenn der al­te At­lan­tier so un­ter­tauch­te in sei­nen phy­si­schen Leib, dann sah er wohl auch hin­aus in den Him­mels­raum, und da sah er, wie ge­sagt, ei­nen wir­k­li­chen Re­gen­bo­gen nicht, aber so et­was wie ein Kreis aus Far­be ge­bil­det war da, wo spä­ter die Son­ne auf­tauch­te. Die Son­ne drang noch nicht durch mit ih­rer Kraft, aber sie wirk­te durch den Ne­bel hin­durch. Ge­hin­dert, auf­ge­hal­ten durch den Ne­bel wirk­te sie mit ih­rer Kraft auf die Er­de. Im­mer mehr und mehr kam sie her­aus, so daß al­les, was ge­schil­dert wor­den ist, die­ser Auf­gang des äu­ße­ren Be­wußt­seins, ver­knüpft war mit dem Her­aus­kom­men der Son­ne aus dem Ne­bel. Was da oben war, wo ih­ren Wohn­sitz hat­ten die sechs an­de­ren Geis­ter, die mit Jah­ve zu­sam­men die Er­den­ent­wi­cke­lung zu len­ken hat­ten, das drang all­mäh­lich her­aus, das schi­en her­un­ter in sei­nen Ta­ten auf die Er­de.

Was war mit dem Men­schen vor­ge­gan­gen? Der Mensch war früh­er, sei­ner ei­gent­li­chen See­le, sei­nem Geis­te nach, wenn er aus dem Lei­be her­aus­ge­s­tie­gen war, wenn es so­zu­sa­gen Nacht war, in

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in­ne­re, as­tra­li­sche Hel­lig­keit ge­t­re­ten, zu der die äu­ße­re Son­ne nicht not­wen­dig ist. Die­se Hel­lig­keit war um ihn her­um. Es war das­sel­be Licht von mäch­ti­gen geis­ti­gen We­sen­hei­ten, das spä­ter phy­sisch her­un­ter­schi­en von der Son­ne. Als er im­mer mehr sich in sein phy­si­sches Be­wußt­sein ein­sch­loß, da wur­de das Tor des in­ne­ren Schau­ens zu­ge­sch­los­sen. Fins­ter­nis um­gab ihn, wenn er des Nachts sei­nen phy­si­schen und sei­nen Äther­leib ver­ließ und in die geis­ti­ge Welt ein­t­rat. In dem­sel­ben Ma­ße, in dem er sich ein­sch­loß, stieg das äu­ße­re Licht auf, das die Ta­ten der geis­ti­gen We­sen­hei­ten der Son­ne dar­s­tellt. Das Licht der geis­ti­gen We­sen­hei­ten schi­en äu­ßer­lich her­un­ter auf die Er­de. Der Mensch be­rei­te­te sich vor, das äu­ße­re Licht als et­was Ma­te­ri­el­les an­zu­se­hen. In sein jet­zi­ges ver­fins­ter­tes In­ne­re schi­en das Licht, das Licht aber wur­de von sei­nen Fins­ter­nis­sen zu­nächst nicht be­grif­fen.

Das ist ein welt­ge­schicht­li­cher, kos­mi­scher Vor­gang. Der Mensch hat sich in der da­ma­li­gen Zeit durch die geis­ti­ge Ver­fins­te­rung sein Selbst­be­wußt­sein er­kauft. So ist der Mensch her­aus­ge­wach­sen aus der Grup­pen­see­len-Hel­lig­keit. Aber es war nur das al­le­r­ers­te Auf­däm­mern der In­di­vi­dua­li­tät. Lan­ge, lan­ge dau­er­te es noch, bis wahr­haft die In­di­vi­dua­li­tät über den Men­schen kam. Es ver­ging die letz­te at­lan­ti­sche Zeit; die Flut brach he­r­ein. Die nachat­lan­ti­sche Zeit be­gann, die uralt in­di­sche Kul­tur ver­ging. Das Selbst­be­wußt­sein war da noch nicht ge­die­hen. Dann kam die per­si­sche, die ägyp­tisch-ba­by­lo­ni­sche Zeit. Im­mer mehr reif­te der Mensch da­zu heran, das Selbst­be­wußt­sein in sich zu ent­wi­ckeln. End­lich kam der vier­te Zei­traum. Da voll­zog sich et­was von un­ge­heu­rer Wich­tig­keit, zu dem das vor­her Ge­sche­he­ne die Vor­be­rei­tung war.

Den­ken Sie sich ein­mal hin­weg­ge­ho­ben von der Er­de an ei­nen fer­nen Stern und mit hell­se­he­ri­schem Au­ge be­gabt her­un­ter­schau­end auf die Er­de von je­nem fer­nen Ster­ne aus. Da wür­den Sie se­hen, daß die­se Er­de als phy­si­scher Leib eben nur phy­si­scher Leib ist und daß zu ihr ge­hö­ren Äther­leib und as­tra­li­scher Leib wie zum Men­schen. Das al­les hat auch die Er­de. Sie wür­den die Er­de von ih­rer Au­ra um­ge­ben se­hen, und Sie wür­den durch Jahr­tau­sen­de von je­nem Stern aus ver­fol­gen kön­nen die Ent­wi­cke­lung der ir­di­schen

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Au­ra. Sie wür­den die­se Er­de ein­ge­sch­los­sen se­hen von al­ler­lei Far­ben: in der Mit­te den phy­si­schen Kern, und dar­um her­um flu­tend die Au­ra in ver­schie­de­nen For­men und Far­ben, die ver­schie­dens­ten Ge­bil­de da­r­in­nen in die­ser geis­ti­gen At­mo­sphä­re der Er­de. Sie wür­den die­se Far­ben und For­men im Lau­fe der Jahr­tau­sen­de sich man­nig­fal­tig ve­r­än­dern se­hen, aber es wür­de ein Zeit­punkt ein­t­re­ten, ein Zeit­punkt von gro­ßer Wich­tig­keit: da nimmt die gan­ze Au­ra ei­ne an­de­re Form und Far­be an. Die Er­de er­scheint in ei­nem neu­en Lich­te, zu­nächst von au­ßen ge­se­hen. Und das ge­schieht mit un­ge­heu­rer Sch­nel­lig­keit, so daß man sich sa­gen muß: Von die­sem Au­gen­blick an ist ei­ne Grund­ver­wand­lung mit der Er­de vor sich ge­gan­gen, die Er­denau­ra hat sich völ­lig ver­wan­delt. Wel­cher Zeit­punkt ist das? Das ist der Zeit­punkt, wo auf Gol­ga­tha das Blut aus den Wun­den des Er­lö­sers floß. Die­ser Au­gen­blick ist ein höchst wich­ti­ger, der wich­tigs­te Au­gen­blick der gan­zen Er­den­ent­wi­cke­lung. Der Au­gen­blick, wo das Blut aus den Wun­den des Er­lö­sers fließt, ist der­sel­be, wo die Au­ra der Er­de sich neu­ge­stal­tet. Es tritt ei­ne ganz neue Kraft ein, je­ne Kraft, die der wich­tigs­te Im­puls für die Er­den­ent­wi­cke­lung ist, zu der al­les, was wir bis­her ge­se­hen ha­ben, nur Vor­be­rei­tung war.

Für den Che­mi­ker ist das Blut auf Gol­ga­tha das­sel­be wie an­de­res Blut auch. Aber die­ses Blut ist ein ganz an­de­res. Es be­deu­tet, daß die Ma­te­rie des Blu­tes hin­un­ter­f­ließt auf den Erd­bo­den und daß der Geist, der dem Blu­te ent­spricht, die Er­denau­ra er­füllt mit neu­en Im­pul­sen und neu­en Kräf­ten, die ih­re Be­deu­tung ha­ben für die zu­künf­ti­ge Mensch­heits­ent­wi­cke­lung. Von da strah­len die Kräf­te aus, wel­che die Er­de um­än­dern, von da strah­len sie durch den Men­schen. Nur ein klei­ner Teil des­sen, was ein­ge­f­los­sen ist in je­nem Mo­men­te, hat sich bis heu­te er­füllt. Im­mer mehr und mehr wer­den die Men­schen ler­nen, zu ver­ste­hen, was die Er­de durch je­nen Mo­ment von Gol­ga­tha ge­wor­den ist, was der Mensch wer­den kann in dem Be­wußt­sein, das er sich auf die ge­schil­der­te Art er­run­gen hat seit der At­lan­tis.

Was hat sich denn der Mensch er­run­gen seit der At­lan­tis? Zwei­er­lei: das Ich-Be­wußt­sein und die Fähig­keit, au­ßen in der

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äu­ße­ren Welt zu se­hen. Zu­ge­sch­los­sen hat sich vor ihm, was früh­er of­fen für ihn war, die geis­ti­ge Welt. Wahr­haf­tig, die­se frühe­ren Men­schen, sie ha­ben ge­se­hen, was die spä­te­ren My­then er­zäh­len: Wo­tan Mer­kur, Ju­pi­ter Zeus, all die Ge­stal­ten ha­ben sie des Nachts ge­se­hen. Sie wa­ren in der Nacht mit­ten un­ter ih­nen. Das Tor zu die­sen geis­ti­gen We­sen­hei­ten hat sich zu­ge­sch­los­sen. Da­für hat der Mensch sich er­obert die heu­ti­ge Welt um ihn her­um. Die Geis­ter sind vor ihm zu­rück­ge­t­re­ten. Al­les, was er da­mals hat se­hen kön­nen, ist zu­rück­ge­t­re­ten. Früh­er hat er das Gött­li­che ge­se­hen, wenn er hin­aus­ge­schlüpft ist aus dem Schne­cken­haus sei­nes phy­si­schen Lei­bes; jetzt muß­te er inn­er­halb des Lei­bes das Gött­li­che se­hen, wenn es vor ihm auf­t­re­ten soll­te. Das heißt nichts an­de­res, als daß wir das Gött­li­che in leib­lich-sicht­ba­rer Ge­stalt an­neh­men müs­sen, weil das Men­schen­be­wußt­sein so ge­wor­den war, daß es hin­ge­ord­net war auf das phy­si­sche Schau­en. Des­halb muß­te das Gött­li­che selbst leib­lich-phy­si­sche Ge­stalt an­neh­men. Dar­um er­schi­en das Gött­li­che ein­mal in der Zeit­ent­wi­cke­lung im flei­sch­li­chen Lei­be. Es muß­te so er­schei­nen, weil der Mensch bis zu die­ser Stu­fe des Wahr­neh­mens vor­ge­drun­gen war. Es muß­te so sei­ner Wahr­neh­mung ge­ge­ben wer­den, da­mit er es ver­ste­hen konn­te. Und es muß­ten all die Er­schei­nun­gen, die früh­er ein­ge­t­re­ten wa­ren für an­de­re Stu­fen der Ent­wi­cke­lung, sich zu­sam­men­sch­lie­ßen in je­nem größ­ten Er­eig­nis der Er­den­ent­wi­cke­lung, das uns Licht wer­fen wird auf al­le Zu­kunft, die wir nun­mehr aus der Apo­ka­lyp­se ent­hül­len wer­den: in je­nem Er­eig­nis, das sich phy­sisch so aus­nimmt, daß die Bluts­trop­fen nie­der­ström­ten zur Er­de; das, hell­se­he­risch wahr­ge­nom­men, aber als et­was auf­s­teigt, was die Au­ra der Er­de ve­r­än­dert. Die Kraft, die da ein­f­loß, wird zu­sam­men­wir­ken mit der Er­de in al­le Zu­kunft hin­ein. Da­mit war der Er­den­see­le, dem Geist der gan­zen Er­de, et­was Neu­es ein­ge­impft wor­den. Was das Chris­tus-Prin­zip ist, hat sich da­mals mit der Er­de ver­bun­den, und die Er­de ist der Leib die­ses Chris­tus-Prin­zips ge­wor­den, so daß wört­lich wahr ist: «Wer mein Brot is­set, der tritt mich mit Fü­ß­en.» Wenn der Mensch das Brot der Er­de ißt, so ißt er den Leib der Er­de, und das ist der Leib des Erd­geis­tes, der seit je­nem Er­eig­nis auf Gol­ga­tha als

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Chris­tus-Geist mit der Er­de ver­bun­den ist. Und der Mensch wan­delt auf die­sem Er­den­leib her­um, er tritt die­sen Leib mit Fü­ß­en. Al­les ist wört­lich zu ver­ste­hen, wenn wir uns erst die Mög­lich­keit ver­schaf­fen, den Wort­laut in der wir­k­li­chen Wei­se auf­zu­fas­sen.

Für ei­nen sol­chen Men­schen wie den Sch­rei­ber des Jo­han­nes-Evan­ge­li­ums wur­de al­les, was er wuß­te, was er im hell­se­he­ri­schen Schau­en er­fas­sen konn­te, zu ei­ner Auf­for­de­rung, das größ­te Er­eig­nis der Er­den­ent­wi­cke­lung zu ver­ste­hen. Was er ler­nen konn­te hell­se­he­risch, von dem sag­te er sich: Ich muß es ge­brau­chen, um die Ge­stalt des Chris­tus zu ver­ste­hen und ih­re Wir­kung. Al­le Ge­heim­wis­sen­schaft zur Er­klär­ung des Er­eig­nis­ses von Gol­ga­tha zu ver­wen­den, ist die Ten­denz des­sen ge­we­sen, der die Apo­ka­lyp­se ge­schrie­ben hat. Nichts an­de­res woll­te er in dem er­bli­cken, was er in der Ge­heim­wis­sen­schaft ler­nen konn­te, als ei­ne die­nen­de Weis­heit, um die­ses Er­eig­nis zu ver­ste­hen, das er in so großar­ti­ger Wei­se vor un­se­re See­le ge­s­tellt hat und von dem wir se­hen wer­den, was es für ihn ge­wor­den ist.

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SIEBENTER VORTRAG, Nürnberg, 24. Juni 1908

Es hat für den Men­schen der Ge­gen­wart im­mer et­was Be­denk­li­ches, wenn ei­ne pro­phe­ti­sche Vor­her­sa­gung zu­künf­ti­ger Er­eig­nis­se auf­tritt. Nun ha­ben wir ja ge­se­hen, daß wir schon bei den sie­ben Sie­geln hin­wei­sen muß­ten auf ge­wis­se Ent­wi­cke­lung­s­tat­sa­chen der Mensch­heit, die da ein­t­re­ten wer­den, daß wir al­so so­zu­sa­gen pro­phe­ti­sche Küns­te üben muß­ten. Wir wer­den, wenn wir die Apo­ka­lyp­se des Jo­han­nes selbst im­mer mehr und mehr ent­hül­len, sol­che pro­phe­ti­sche Küns­te in aus­gie­bigs­tem Ma­ße an­zu­wen­den ha­ben. Nun fragt es sich: Aus wel­chen Grün­den her­aus darf man über­haupt über die­se Din­ge sp­re­chen? Wir ha­ben zum Teil, was da zu­grun­de liegt, gleich im An­fan­ge un­se­rer Vor­trä­ge er­wähnt. Wir ha­ben näm­lich ge­sagt, daß sich auf ge­wis­ser Ein­wei­hungs­stu­fe dem Ein­ge­weih­ten in der geis­ti­gen Welt das zeigt, was dann her­un­ter­s­teigt und phy­si­sches Er­eig­nis wird. Aber wir ha­ben mit den zwei Be­trach­tun­gen, die wir an­ge­s­tellt ha­ben, mit der letz­ten und vor­letz­ten, noch ei­ne an­de­re Grund­la­ge ge­schaf­fen für sol­che pro­phe­ti­sche Küns­te. Wir ha­ben näm­lich dar­ge­s­tellt, wie der Mensch sich aus geis­ti­gen Sphä­ren her­aus­ent­wi­ckelt hat zu sei­nem heu­ti­gen Da­sein. Und nun ist al­le Zu­kunft in ei­ner ge­wis­sen Be­zie­hung auch ei­ne Wie­der­ho­lung der Ver­gan­gen­heit. Nicht so, daß sich die Din­ge der Ver­gan­gen­heit in glei­cher Wei­se noch ein­mal ab­spie­len, aber in ei­nem ve­r­än­der­ten Sinn wie­der­ho­len sich ver­gan­ge­ne Er­eig­nis­se in zu­künf­ti­gen Zei­ten.

Wenn wir in den letz­ten Be­trach­tun­gen dar­auf hin­ge­wie­sen ha­ben, daß der Mensch in der al­ten at­lan­ti­schen Zeit ei­ne Art Hell­se­hen hat­te, daß er na­ment­lich wäh­rend sei­nes Nacht­zu­stan­des be­wußt hin­auf­s­tieg in geis­ti­ge Wel­ten, so müs­sen wir uns klar dar­über sein, daß die­ser Zu­stand ei­nes ge­wis­sen Hell­se­hens sich für die Mensch­heit wie­der­ho­len wird. Wir ha­ben zwi­schen die­ser at­lan­ti­schen Zeit und der­je­ni­gen, die nach dem Krie­ge al­ler ge­gen al­le

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lie­gen wird, un­se­ren Zei­traum, den wir ja be­schrie­ben ha­ben. In ei­ner ge­wis­sen Wei­se wird sich nach un­se­rem Zei­traum das­je­ni­ge, was vor­her war, was in der at­lan­ti­schen Zeit war, wie­der­ho­len, nur mit ei­nem ge­wal­tig gro­ßen Un­ter­schied. Da­mals in der al­ten at­lan­ti­schen Zeit hat­te der Mensch ein traum­haf­tes, däm­mer­haf­tes hell­se­he­ri­sches Be­wußt­sein, und wenn er hin­auf­s­tieg in höhe­re Wel­ten, ver­sank sein hel­les Selbst­be­wußt­sein; dann fühl­te er sich wie in der Grup­pen­see­le da­r­in­nen. Nach dem gro­ßen Krie­ge al­ler ge­gen al­le wird der Mensch wie­der­um in ge­wis­ser Art hin­ein­se­hen in die höhe­re Welt. Das, was er da­zu­mal hat­te als däm­mer­haf­tes Hell­se­hen, wird er wie­der ha­ben nach dem gro­ßen Krie­ge, aber er wird zu die­sem Hell­se­hen hin­zu­ge­fügt ha­ben, was er sich jetzt in der äu­ße­ren phy­si­schen Welt nach und nach er­wor­ben hat.

Der Mensch hat zwi­schen der at­lan­ti­schen Flut und dem gro­ßen Krieg al­ler ge­gen al­le ei­ne Zeit­lang ver­zich­ten müs­sen auf das Hin­ein­schau­en in die geis­ti­gen Wel­ten. Er hat sich begnü­gen müs­sen da­mit, nur das­je­ni­ge zu se­hen, was im so­ge­nann­ten Tag-Wach­be­wußt­sein für ihn zu se­hen ist, was um ihn in der phy­si­schen Welt ist. Das ist jetzt der Nor­mal­zu­stand. Da­für aber ist dem Men­schen mög­lich ge­wor­den, in die­ser Zeit sein Selbst­be­wußt­sein, sein in­di­vi­du­el­les Ich voll zu ent­wi­ckeln, sich so­zu­sa­gen inn­er­halb sei­ner Haut als ei­ne ab­ge­sch­los­se­ne Ich-Per­sön­lich­keit zu füh­len. Das hat er sich er­obert. Nun be­hält er die­se In­di­vi­dua­li­tät, auch wenn er wie­der hin­auf­s­teigt in höhe­re geis­ti­ge Wel­ten, und die­ses Hin­auf­s­tei­gen wird ihm mög­lich sein nach dem gro­ßen Krie­ge al­ler ge­gen al­le. Aber es wür­de ihm die­ses Hin­auf­s­tei­gen nicht mög­lich sein, wenn er nicht in der Mit­te un­se­res in der phy­si­schen Welt ablau­fen­den Zei­trau­mes teil­haf­tig ge­wor­den wä­re je­nes gro­ßen kos­mi­schen Er­eig­nis­ses, das wir ges­tern vor un­se­re See­le hin­ge­s­tellt ha­ben. Der Mensch hät­te in ei­ne Art Ab­grund hin­un­ter­sin­ken müs­sen, wenn er nicht be­wahrt wor­den wä­re vor die­sem Hin­un­ter­sin­ken durch das He­r­ein­t­re­ten des Chris­tus in un­se­re Welt. Wir müs­sen uns so vor­s­tel­len, daß der Mensch in die­sem un­se­rem Zei­traum ganz her­un­ter­ge­s­tie­gen ist in die phy­si­sche Welt hin­ein.

Den­ken Sie sich ein­mal in ei­nem Strich den phy­si­schen Plan und

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dar­über das, was man die geis­ti­ge, die himm­li­sche Welt nennt. Dar­un­ter ist das­je­ni­ge, was man nennt den Ab­grund. Ei­gent­lich er­reicht der Mensch die Li­nie, wel­che die geis­ti­ge Welt vom Ab­grund trennt, ge­nau in dem vier­ten Zei­traum, den wir be­schrie­ben ha­ben.

Wir ha­ben be­schrie­ben die alt­in­di­sche Zeit; da war der Mensch ver­hält­nis­mä­ß­ig noch in ei­ner geis­ti­gen Sphä­re. Vor­her war er oben in der geis­ti­gen Welt. In der At­lan­tis hat­te er noch ein däm­mer­haf­tes Hell­se­hen. Jetzt kommt er her­un­ter und er­reicht die Li­nie, als von Rom aus das Wel­ten­reich sich aus­b­rei­tet und in die­sem Wel­ten­reich der Mensch sich voll be­wußt wird als äu­ße­res sinn­li­ches We­sen, als Per­sön­lich­keit. Das war da­zu­mal, als der rö­mi­sche Rechts­be­griff in die Welt kam, als je­der ei­ne Ein­zel­per­sön­lich­keit, ein Ein­zel­bür­ger sein woll­te. Da hat­te der Mensch die­se Li­nie er­reicht. In die­sem Punkt war es mög­lich, ent­we­der um­zu­keh­ren oder aber hin­un­ter­zu­sin­ken.

Jetzt sind wir in der Tat und al­les, was ich sa­ge, ent­spricht durch­aus der Dar­stel­lung der Apo­ka­lyp­se an ei­nem Punk­te der Mensch­heits­ent­wi­cke­lung an­ge­langt, wo die Mensch­heit vor ei­ner Ent­schei­dung steht in ge­wis­ser Be­zie­hung. Wir ha­ben ja schon ge­zeigt, wie in un­se­rem Zei­traum un­ge­heu­re Geis­tes­kräf­te da­zu ver­wen­det wer­den, um für die nie­ders­ten Be­dürf­nis­se zu sor­gen. Wir ha­ben ge­zeigt, wie Te­le­phon, Te­le­graph, Ei­sen­bahn, Dampf­schiff und an­de­re Din­ge, die noch kom­men wer­den, un­ge­heu­re Geis­tes­kräf­te ab­sor­biert ha­ben und ab­sor­bie­ren wer­den, die nur zur blo­ßen Be­frie­di­gung der nie­de­ren men­sch­li­chen Be­dürf­nis­se ver­wen­det wer­den. Der Mensch hat aber nur ei­ne ge­wis­se Sum­me von Geis­tes­kräf­ten. Be­trach­ten Sie ein­mal fol­gen­des: Der Mensch hat ei­ne un­ge­heu­re Sum­me von Geis­tes­kräf­ten da­zu ver­wen­det, um Te­le­gra­phen zu er­fin­den und zu kon­stru­ie­ren, Ei­sen­bah­nen, Dampf-

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schif­fe, Luft­bal­lons und so wei­ter zu bau­en, um die äu­ße­re Kul­tur zu för­dern. Das muß­te so sein. Es wür­de der Mensch­heit sch­lecht er­gan­gen sein, wenn es nicht so ge­kom­men wä­re. Der Mensch hat die­se Geis­tes­kräf­te aber noch zu vi­e­lem an­de­ren be­nützt. Den­ken Sie nur, wie der Mensch nach und nach da­zu ge­kom­men ist, auch al­le ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­men­hän­ge in ein un­ge­heu­er fei­nes Ver­stan­des­netz ein­zu­spin­nen. Was ha­ben für Geis­tes­kräf­te da­zu ge­hört, es so weit zu brin­gen, daß man ei­nen Scheck aus­s­tel­len kann in Ame­ri­ka und wie­der ein­lö­sen kann in Ja­pan. Un­ge­heu­re Kräf­te des Geis­tes sind hin­ein­ge­f­los­sen in die­se Tä­tig­keit. Die­se Kräf­te muß­ten ein­mal so­zu­sa­gen hin­un­ter­s­tei­gen un­ter die Li­nie des phy­si­schen Plans, die das geis­ti­ge Reich vom Ab­grund trennt. Denn tat­säch­lich ist der Mensch in ge­wis­ser Wei­se schon hin­ein­ge­s­tie­gen in den Ab­grund, und wer vom geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Stand­punkt aus die Zeit stu­diert, kann an den pro­fans­ten Er­schei­nun­gen se­hen, wie das von Jahr­zehnt zu Jahr­zehnt wei­ter­geht, wie im­mer ein ge­wis­ser Punkt er­reicht wird, wo ge­ra­de noch die Per­sön­lich­keit sich selbst fan­gen kann. Über­läßt sie sich an die­sem Punk­te dem Hin­ab­sin­ken, dann ver­liert sich die Per­sön­lich­keit, dann wird die Per­sön­lich­keit nicht ge­ret­tet, um hin­auf­zu­s­tei­gen in die geis­ti­gen Wel­ten.

Selbst in den welt­lichs­ten Din­gen kann man das nach­wei­sen. Zum Bei­spiel könn­te ich es Ih­nen an den Ein­zel­hei­ten der Ent­wi­cke­lung des Bank­we­sens in der zwei­ten Hälf­te des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts nach­wei­sen. Es ist näm­lich vi­el­leicht erst den zu­künf­ti­gen Ge­schichts­sch­rei­bern vor­be­hal­ten, zur Klar­heit zu brin­gen, daß da ei­ne gründ­li­che Ve­r­än­de­rung ein­ge­t­re­ten ist, die wir da­mit be­zeich­nen kön­nen: Im Bank­we­sen ist die Per­sön­lich­keit all­mäh­lich zer­s­p­lit­tert. Da wür­de ich Sie hin­wei­sen müs­sen auf je­nen Zeit­punkt, wo die vier Roth­schilds in die Welt aus­ge­zo­gen sind von Frank­furt aus, der ei­ne nach Wi­en, der an­de­re nach Nea­pel, der drit­te nach Lon­don, der vier­te nach Pa­ris, und wie da das gan­ze Bank­we­sen durch die eben dar­auf ge­rich­te­te per­sön­li­che Be­ga­bung in ei­ne per­sön­li­che Sphä­re hin­ein­ge­bracht wor­den ist. Da hat sich die Per­sön­lich­keit ein­ge­setzt für das Geld­we­sen. Heu­te se­hen Sie

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das gan­ze Bank­we­sen un­per­sön­lich wer­den. Das Ka­pi­tal geht an die Ak­ti­en­ge­sell­schaf­ten über, es wird nicht mehr von der Ein­zel­per­sön­lich­keit ver­wal­tet. Das Ka­pi­tal fängt an, sich selbst zu ver­wal­ten. Wir ha­ben rein ob­jek­ti­ve Kräf­te, die inn­er­halb des Ka­pi­tals wirt­schaf­ten, und so­gar schon Kräf­te inn­er­halb die­ses Ge­bie­tes, die al­len Wil­len der Per­sön­lich­keit an sich zie­hen, so daß die Per­sön­lich­keit ohn­mäch­tig ge­wor­den ist. So kann man mit se­hen­den Au­gen bis hin­ein in die­se welt­li­chen Din­ge die Sa­che ver­fol­gen und wird übe­rall se­hen kön­nen, wie die Mensch­heit in be­zug auf die Per­sön­lich­keit zu ei­nem tiefs­ten Punkt her­un­ter­s­tieg.

Nun kann sich die Per­sön­lich­keit ret­ten und wie­der hin­auf­s­tei­gen. Sie kann sich da­durch ret­ten, daß sie zum Bei­spiel durch Stär­kung der in­ne­ren see­li­schen Kräf­te wir­k­lich lernt, sich auf sich selbst zu stel­len, sich un­ab­hän­gig zu ma­chen von den ob­jek­ti­ven Ka­pi­tals­mäch­ten. Die Per­sön­lich­keit kann sich aber auch hin­ein­wer­fen in die­se Kräf­te, kann in ge­wis­ser Wei­se hin­ein­se­geln und hin­un­ter­drin­gen in den Ab­grund, sich um­gar­nen las­sen von den im Ka­pi­tal wirk­sa­men Kräf­ten.

Der wich­tigs­te Punkt, wo die men­sch­li­che Per­sön­lich­keit her­un­ter­s­teigt bis auf die Er­de und wo sie um­keh­ren müß­te, ist der Punkt der Er­schei­nung des Chris­tus Je­sus auf der Er­de. Der gab der Er­de die Kraft, die der Mensch­heit es mög­lich mach­te, wie­der hin­auf­zu­s­tei­gen. Und in dem­sel­ben Ma­ße steigt die Mensch­heit hin­auf, als sie Ge­mein­schaft hat mit Chris­tus Je­sus. In dem Ma­ße, wie für ei­nen grö­ße­ren Teil der Mensch­heit das Ver­ständ­nis auf­geht da­für, was die­ses Er­eig­nis war, wie für sol­che Men­schen der Chris­tus-Im­puls zum ei­ge­nen Im­puls in ih­rer in­ne­ren We­sen­heit wird, aus dem her­aus sie wir­ken und ihr Da­sein we­ben, in dem­sel­ben Ma­ße wird die Mensch­heit nach auf­wärts stei­gen. Im­mer mehr und mehr muß der Mensch ver­ste­hen ler­nen, was Pau­lus ge­sagt hat: Nicht ich bin es, der wirkt, son­dern Chris­tus wirkt in mir.

Wenn al­so der Im­puls, der da­mals in der vier­ten Pe­rio­de her­un­ter­ge­s­tie­gen ist auf un­se­ren phy­si­schen Plan, sich ein­lebt in die Her­zen der Men­schen, wenn er zum An­trieb ih­res Han­delns wird,

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dann ge­schieht der Auf­s­tieg nach oben. Und all die See­len, die die­sen An­schluß fin­den, die den Zu­sam­men­schluß mit dem Chris­tus-Prin­zip voll­zie­hen, sie fin­den den Weg nach oben. Al­le See­len aber, die die­sen Zu­sam­men­schluß nicht fin­den wür­den, müß­ten nach und nach in den Ab­grund hin­ab­tau­chen. Sie wür­den das Ich, den Ego­is­mus sich er­obert ha­ben, aber nicht im­stan­de sein, mit die­sem Ich wie­der­um hin­auf­zu­s­tei­gen in die geis­ti­ge Welt. Und die Fol­ge für ei­nen sol­chen Men­schen, der kei­nen An­schluß an das Chris­tus-Prin­zip fin­det, wür­de sein, daß er sich los­löst von dem geis­ti­gen Auf­s­tieg. Er wür­de, statt hin­auf­zu­s­tei­gen, hin­un­ter­s­tei­gen und sich im­mer mehr ver­här­ten in sei­nem Ich. Statt in der Ma­te­rie nur die Ge­le­gen­heit ge­fun­den zu ha­ben, um das Ich zu er­wer­ben, und dann wie­der­um hin­auf­zu­s­tei­gen, wür­de er nur im­mer tie­fer hin­ab­tau­chen in die Ma­te­rie.

Ja, al­les wie­der­holt sich. Der Mensch ist in die La­ge ge­kom­men, in un­se­re phy­si­sche Welt he­r­ein­zu­t­re­ten. Da­durch, daß er die at­lan­ti­sche Flut über­dau­ert hat, ist ihm die Mög­lich­keit ge­wor­den, sein heu­ti­ges Men­schen­ant­litz her­aus­zu­bil­den. Das ist wir­k­lich ein Ab­bild der im Men­schen woh­nen­den geis­ti­gen Ich-Gott­heit. Nur da­durch, daß ge­gen das En­de der at­lan­ti­schen Zeit der Äther­leib sich mit dem phy­si­schen zu­sam­men­ge­sch­los­sen hat und die Kräf­te des Äther­lei­bes in den phy­si­schen Kopf ein­ge­zo­gen sind, hat er sein heu­ti­ges Men­schen­ant­litz er­hal­ten, das schon den Got­tes­geist durch­spie­geln läßt. Neh­men wir an, er wür­de das ver­leug­nen, daß der Geist es ist, der ihm das Men­schen­ant­litz ge­ge­ben hat. Dann wür­de er den Leib nicht be­nüt­zen als ei­ne Ge­le­gen­heit, um zum Ich-Be­wußt­sein zu kom­men und sich wie­der zu ver­geis­ti­gen, son­dern er wür­de mit dem Lei­be ver­wach­sen, die­sen so lieb­ge­win­nen, daß er nur in ihm sich da­heim füh­len wür­de. Er wür­de ver­bun­den blei­ben mit dem Leib und hin­un­ter­ge­hen in den Ab­grund, und es wür­de, weil er nicht be­nützt hat die Kraft des Geis­ti­gen, auch die äu­ße­re Ge­stalt wie­der­um ähn­lich wer­den der frühe­ren Ge­stalt. Tier­ähn­lich wür­de der Mensch wer­den, der in den Ab­grund hin­un­ter­s­teigt. So wird die Mensch­heit das voll­zie­hen, was wir schon an­ge­deu­tet ha­ben: Hin­un­ter­s­tei­gen in den Ab­grund wer­den die-

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je­ni­gen, die das Woh­nen im Lei­be nicht bloß als Ge­le­gen­heit be­nüt­zen, um da­durch zum Ich-Be­wußt­sein zu kom­men, und sie wer­den die Ras­se bil­den. Sie ha­ben sich ab­ge­wen­det von dem Im­puls des Chris­tus Je­sus, und aus der Häß­lich­keit ih­rer See­le her­aus wer­den sie wie­der­um die Tier­ge­stalt her­aus­bil­den, die der Mensch in frühe­ren Zei­ten ge­habt hat, und un­ten im Ab­grund wird die Ras­se der Bö­sen mit den wil­den Trie­ben in Tier­ge­stalt sein. Und wenn oben die Ver­geis­tig­ten, die das Chris­tus-Prin­zip in sich auf­ge­nom­men ha­ben, ver­kün­den, was sie zu sa­gen ha­ben in be­zug auf ih­ren Zu­sam­men­schluß mit dem Na­men Chris­tus Je­sus, so wer­den hier un­ten er­tö­nen Na­men der Läs­te­rung, des Hin­weg­wol­lens von dem, was als geis­ti­ge Ver­wand­lung auf­tritt.

Ein Mensch, der nur halb den­ken wür­de, könn­te jetzt sa­gen: Ja, es ha­ben aber doch so vie­le ge­lebt, die nichts von dem Chris­tus-Im­puls er­fah­ren ha­ben, warum soll­ten die­se des Im­pul­ses des Chris­tus Je­sus nicht teil­haf­tig ge­wor­den sein? Das wird von ma­te­ria­lis­tisch den­ken­der Sei­te ein­ge­wen­det: Warum soll­te das Heil erst mit Chris­tus Je­sus ge­kom­men sein? Wenn das die Men­schen sa­gen, wel­che kei­ne An­thro­po­so­phen sind, so ist es be­g­reif­lich. Wenn aber die An­thro­po­so­phen das sa­gen, dann ist es un­be­g­reif­lich, denn die müß­ten wis­sen, daß der Mensch im­mer wie­der und wie­der­kehrt. Und die See­len, die vor­her ge­lebt ha­ben, sie wer­den in der Zeit nach der Er­schei­nung Chris­ti in neu­en Lei­bern wie­der­keh­ren, so daß es kei­ne Men­schen gibt, de­nen das Er­eig­nis des Chris­tus Je­sus ent­ge­hen könn­te. Nur wer nicht an Wie­der­ver­kör­pe­rung glaubt, kann sol­che Ein­wän­de er­he­ben, wie sie oben ge­kenn­zeich­net wor­den sind.

So se­hen wir, wie die Spal­tung sich voll­zieht und daß ei­ne Zeit kom­men wird, wo die­je­ni­gen, die nach Ver­geis­ti­gung ge­st­rebt ha­ben, fähig sein wer­den, in der geis­ti­gen Welt zu le­ben; ei­ne Zeit, wo her­au­s­t­re­ten wird, was sie sich früh­er an­ge­eig­net ha­ben, wo sie den Na­men Chris­tus an ih­rer Stirn tra­gen wer­den, weil sie ge­lernt ha­ben, zu ihm auf­zu­schau­en. Nun wird, nach­dem die Sie­gel ent­sie­gelt sein wer­den, der Mensch in der äu­ße­ren Fi­gur das ab­ge­bil­det ha­ben, was er in­ner­lich im Her­zen trägt. Der­je­ni­ge, der in­ner­lich

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in der See­le den Chris­tus trägt, wird nach der Ent­sie­ge­lung in sei­nem Ant­litz das Mal­zei­chen des Chris­tus Je­sus tra­gen, er wird äu­ßer­lich in der Ge­stalt dem Chris­tus Je­sus ähn­lich sein. Die­je­ni­gen aber, die blei­ben wer­den bei den Kul­tu­ren, wel­che vor der Er­schei­nung des Chris­tus Je­sus lie­gen, die wer­den an­de­res er­le­ben müs­sen. Die­se vier Kul­tu­ren, die alt­in­di­sche, die alt­per­si­sche, die as­sy­risch-ba­by­lo­nisch-chal­däisch-ägyp­tisch-jü­di­sche und die grie­chisch-latei­ni­sche Kul­tur, wa­ren vor­be­rei­ten­de Zei­ten. Die See­le hat durch die Lei­ber die­ser Kul­tu­ren hin­durch­ge­hen müs­sen, um sich vor­zu­be­rei­ten für das gro­ße Er­eig­nis der Er­schei­nung des Chris­tus Je­sus auf der Er­de. Da­mals, in der Zeit der Vor­be­rei­tung, wa­ren zwei Kräf­te gel­tend. Die Kräf­te, wel­che die Men­schen zu­sam­men­ge­führt ha­ben, das sind Kräf­te, die ih­re ma­te­ri­el­le Grund­la­ge in dem Blu­te ha­ben. Wenn die Men­schen ein­fach in ih­rer jet­zi­gen Ge­stalt her­ein­ge­s­tellt wor­den wä­ren ne­ben­ein­an­der, nie­mals wür­de sich das her­aus­ge­bil­det ha­ben, was sich in der Mensch­heit ent­wi­ckeln soll­te.

Vor der Er­de war der Mond der Trä­ger un­se­rer Ge­sc­höp­fe. Die­ser al­te Mond war der Kos­mos der Weis­heit, un­se­re Er­de ist der Kos­mos der Lie­be. Un­se­re Ent­wi­cke­lung geht dar­auf hin, die Men­schen in Lie­be zu­sam­men­zu­füh­ren. Wenn einst­mals die Er­de sich auflö­sen wird, nach­dem die sie­ben­te Po­sau­ne er­tönt ist, wenn sie ih­re phy­si­sche Sub­stan­tia­li­tät ver­lie­ren und sich in ei­nen as­tra­li­schen Him­mels­kör­per um­wan­deln wird, dann wird ein­ge­flößt sein dem gan­zen Men­schen­ge­sch­lecht die Lie­be, die Kraft der Lie­be, die sie ent­wi­ckelt hat an al­lem Ir­di­schen. Denn die­se Kraft der Lie­be ist es, was als die Er­den­mis­si­on der Mensch­heit ein­ge­flößt wer­den muß, ge­ra­de­so, wie Sie jetzt in ih­rer Um­ge­bung die Kraft der Weis­heit se­hen. Es wur­de schon oft dar­auf hin­ge­wie­sen: Wenn Sie nur ein Stück Ober­schen­kel­k­no­chen an­se­hen, welch ein wun­der­ba­res Ge­bil­de ist das! Es be­steht nicht aus ei­ner kom­pak­ten Mas­se, son­dern aus vie­len fei­nen Ge­rüst­fä­den, die so wun­der­bar zu­sam­men­ge­ord­net sind, daß un­ter Auf­wand der ge­rings­ten Stoff­mas­se die größ­te Trag­fähig­keit er­zielt ist, wie es kein In­ge­nieur heu­te im­stan­de wä­re her­zu­s­tel­len. Und wenn wir al­les durch­su­chen wür­den,

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wir wür­den fin­den, daß das­je­ni­ge, was sich der Mensch im Lau­fe sei­ner Er­den­ent­wi­cke­lung als sei­ne Weis­heit er­obert, vor­her schon der Er­de ein­ge­impft war.

Im­mer wie­der im Lau­fe des ge­schicht­li­chen Un­ter­richts wird uns ge­sagt, wie der Mensch Fort­schritt auf Fort­schritt ge­macht hat, im­mer wei­ser und wei­ser ge­wor­den ist. Sie er­in­nern sich, wie Ih­nen die ein­zel­nen Etap­pen des Wei­se­wer­dens vor­ge­führt wor­den sind, wie Ih­nen zum Bei­spiel ge­zeigt wor­den ist, daß im Be­ginn der neue­ren Zeit der Mensch da­hin ge­langt ist, das Schieß­p­ul­ver zu er­fin­den, das Lei­nen­pa­pier, das Holz­pa­pier und so wei­ter zu er­fin­den. Da hat sich Ih­re See­le ge­f­reut dar­über, wie die Men­schen auf­ge­s­tie­gen sind. Die Men­schen ha­ben aus ih­rem In­tel­lekt her­aus das Pa­pier be­rei­ten ge­lernt; sie ha­ben es völ­lig neu er­fun­den, so könn­te man mei­nen. Wer aber die Welt in ih­rem gro­ßen Zu­sam­men­han­ge über­schaut, dem er­scheint das in an­de­rem Lich­te. Die We­s­pen konn­ten das schon viel früh­er, denn das We­s­pen­nest ist ge­nau das­sel­be wie das Pa­pier. So war Jahr­tau­sen­de vor­her im We­s­pen­nes­te be­reits vor­han­den, was sich der Mensch hin­ter­her in sei­ner sub­jek­ti­ven Weis­heit er­obert hat. Nicht die ein­zel­ne We­s­pe kann Pa­pier er­zeu­gen, aber die Grup­pen­see­le, das Ich, das die gan­ze Grup­pe der We­s­pen um­faßt, das ist so wei­se, wie der Mensch erst ge­wor­den ist. Und übe­rall, wo­hin Sie se­hen, wenn Sie nicht blind, son­dern se­hend sind, wird Ih­nen die Weis­heit aus den Din­gen ent­ge­gen­t­re­ten.

Glau­ben Sie nicht, daß die­se Weis­heit nicht hat ent­ste­hen müs­sen. Oh, die Welt war nicht im­mer so durch­tränkt von Weis­heit. Wäh­rend der Mond­ent­wi­cke­lung ist nach und nach die­se Weis­heit ein­ge­f­los­sen in das, was uns heu­te um­gibt. Wäh­rend der Mond­ent­wi­cke­lung hat sich das, was chao­tisch durch­ein­an­der­wirk­te, so aus­ge­stal­tet, daß es wei­se wur­de. Könn­ten Sie den Blick hin­wen­den auf den al­ten Mond, so wür­den Sie da al­les noch so­zu­sa­gen dr­un­ter und dr­üb­er fin­den, gar noch nicht wei­se. Im Lau­fe der Mond­ent­wi­cke­lung wur­de die Weis­heit den We­sen und Ge­sc­höp­fen ein­ge­gos­sen, ein­ge­flößt, und sie war da, als die Er­de her­vor­ging aus dem Däm­mer­dun­kel. Jetzt er­schie­nen al­le Din­ge mit Weis­heit

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ge­tränkt. Und wie der Mensch heu­te auf sei­ne Um­ge­bung schaut und übe­rall die Weis­heit her­vor­sprie­ßen sieht, so wird er, wenn er auf dem Ju­pi­ter an­ge­langt sein wird, al­le We­sen, die um ihn her­um sind, in ei­ner merk­wür­di­gen Wei­se schau­en: sie wer­den et­was aus­gie­ßen wie den Duft be­se­li­gen­der Lie­be. Lie­be wird aus al­len Din­gen strö­men, und es ist die Mis­si­on der Er­den­ent­wi­cke­lung, die­se Lie­be zu ent­fal­ten. Lie­be wird dann durch al­le Din­ge flie­ßen, wie jetzt Weis­heit in al­len Din­gen wal­tet. Und die­se Lie­be wird ein­ge­gos­sen der Er­den­ent­wi­cke­lung da­durch, daß der Mensch nach und nach die Lie­be ent­wi­ckeln lern­te.

Aber der Mensch hat nicht gleich die geis­ti­ge Lie­be ha­ben kön­nen, ihm muß­te zu­erst die­se Lie­be auf dem un­ters­ten Ge­bie­te ein­gepflanzt wer­den. Ei­nen ma­te­ri­el­len Trä­ger muß­te die Lie­be ha­ben: das ist die Bluts­ver­wandt­schaft. Die Lie­be auf dem Ge­bie­te der Bluts­ver­wandt­schaft zu üben, das war die ers­te Schu­le. Da­durch wur­den die ge­t­renn­ten Men­schen zu­sam­men­ge­führt, daß das­je­ni­ge, was als ge­mein­sa­mes Blut in den Adern rann, sich lieb­te. Das war die Vor­schu­le der Lie­be, das war die gro­ße Schu­le der Lie­be. Und der gro­ße Im­puls, der die­se Lie­be ver­geis­tigt, der sie nicht nur da läßt, wo sie phy­sisch wirkt als des­sen Grund­la­ge, son­dern sie dem See­li­schen mit­teilt, das ist der Chris­tus-Im­puls in der Welt.

Nun wür­de es die gan­ze Vor­zeit hin­durch dem Men­schen son­der­bar ge­gan­gen sein, wenn nur die­ser ei­ne Im­puls der Lie­bes­ge­mein­schaft im Blu­te ge­wirkt hät­te. Die We­sen­hei­ten, wel­che die Len­ker der al­ten Zei­ten wa­ren, vor al­len Din­gen Jah­ve, führ­ten die Men­schen in Lie­be zu­sam­men, daß sie sich ve­r­ei­nig­ten in der Bluts­ver­wandt­schaft. Wenn aber der Mensch vor der Er­schei­nung des Chris­tus Je­sus nur ve­r­ei­nigt wor­den wä­re durch die Bluts­ver­wandt­schaft, so hät­te der ein­zel­ne nie zur Per­sön­lich­keit fort­sch­rei­ten kön­nen. Der ein­zel­ne wä­re im Volk un­ter­ge­gan­gen. Es ist ja auch der ein­zel­ne tat­säch­lich recht sehr un­ter­ge­gan­gen in dem Gan­zen. Wir­k­lich war das Be­wußt­sein, daß man Ein­zel­mensch ist, et­was, was sich erst nach und nach her­an­bil­de­te. In der at­lan­ti­schen Zeit konn­te noch kei­ne Re­de da­von sein, daß der Mensch als ein­zel­ner sich fühl­te, aber auch spä­ter klang das noch nach. Die Men­schen

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ver­ste­hen nur nicht die al­te Na­men­ge­bung, sonst wür­den sie dar­auf kom­men, wie die Men­schen sich fühl­ten. Den­ken Sie an die Be­ken­ner des Al­ten Te­s­ta­ments: sie fühl­ten in der vor­christ­li­chen Zeit ihr Ich, wenn sie es so recht füh­len woll­ten, gar nicht in ih­rer Ein­zel­per­sön­lich­keit. Je­der, der ganz fühl­te den Im­puls, der aus dem Al­ten Te­s­ta­men­te strömt, der sag­te sich: «Ich und der Va­ter Abra­ham sind eins.» Denn er fühl­te sich ge­bor­gen in die­ser Ge­mein­schaft, die hin­auf­reich­te bis Abra­ham, des­sen Blut bis her­un­ter zum jüngs­ten Glie­de durch al­le Adern floß. Und da sag­te er: Da füh­le ich, daß ich nicht ein ver­lo­re­nes Glied bin, wenn ich spü­re, daß mein Blut das­sel­be ist wie das des Va­ters Abra­ham.

Und noch wei­ter hin­auf ver­such­te man zu­rück­zu­ver­fol­gen die Ge­mein­schaft. In der Grup­pen­see­le fühl­te man sich ge­bor­gen. Man wies hin auf Noah, auf Adam. Die Men­schen wis­sen nicht mehr, was die­se Na­men be­deu­ten. Sie wis­sen nicht, daß in je­nen al­ten Zei­ten noch im­mer das Be­wußt­sein der Men­schen an­ders war als heu­te. Der Mensch kann sich heu­te zur Not an das er­in­nern, was in sei­ne Kind­heit zu­rück­reicht, und si­cher reißt al­le Er­in­ne­rung mit der Ge­burt ab. Da­zu­mal, in der Pa­tri­ar­chen­zeit, in der Zeit der al­ten Erz­vä­ter, war das nicht so. Da er­in­ner­te sich der Mensch nicht nur an das, was er selbst, son­dern was sein Va­ter, Großva­ter, Ur­großva­ter er­lebt hat­te. Das war ihm so in der Er­in­ne­rung wie Ih­nen die Er­in­ne­rung Ih­rer Kind­heit. Er wuß­te nicht, daß sein Le­ben be­son­ders an­fing mit sei­ner Ge­burt. Durch Jahr­hun­der­te ging das Ge­dächt­nis hin­auf. Man gab dem ab­ge­son­der­ten Be­wußt­sein kei­nen Na­men, man hät­te da­rin kei­nen Sinn ge­fun­den. Weil man sich er­in­ner­te an Va­ter, Großva­ter, Ur­großva­ter und so wei­ter, so um­faß­te ein Ge­samt­na­me die gan­ze Ket­te. «Adam», «Noah» be­deu­ten die Er­in­ne­rung durch die Ge­ne­ra­tio­nen. So­weit man sich er­in­ner­te an Noah, nann­te man die Ket­te Noah. Das war ein in­ne­rer Mensch, ein geis­ti­ges We­sen, das durch die Ge­ne­ra­tio­nen leb­te. Dem äu­ße­ren Men­schen ei­nen Na­men zu ge­ben, hät­te man sinn­los ge­fun­den. So um­faßt der Na­me Adam ein geis­ti­ges We­sen.

Es war al­so der Ein­zel­mensch sich noch nicht sei­nes Ichs be­wußt. Er wä­re auf­ge­gan­gen in der Ge­mein­schaft, wenn nicht Im­pul­se

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da­ge­we­sen wä­ren, die fort­wäh­rend An­grif­fe rich­te­ten ge­gen die­ses Ver­schwim­men in der Ge­mein­schaft, die dar­auf hin­ar­bei­te­ten, den Men­schen her­aus­zu­rei­ßen aus den Bluts­ban­den, die ihn zur Selb­stän­dig­keit brin­gen soll­ten. In sei­nen As­tral­leib ha­ben sich ein­ge­nis­tet sol­che geis­ti­ge We­sen­hei­ten, die ihm die Im­pul­se ga­ben, sein Be­wußt­sein nicht ver­schwim­men zu las­sen. Die­se We­sen­hei­ten sind die lu­zi­fe­ri­schen We­sen­hei­ten. Sie wa­ren es, die in der vor­christ­li­chen Zeit ent­ge­gen­ge­wirkt ha­ben der ei­gent­li­chen Ve­r­ein­heit­li­chung, de­nen der Mensch sei­ne Selb­stän­dig­keit, die wer­den­de Per­sön­lich­keit ver­dankt. Es ist durch­aus wich­tig, ein­zu­se­hen, daß das­je­ni­ge, was zu­sam­men­st­reb­te, dem Jah­ve zu ver­dan­ken ist, und das, was au­s­ein­an­der­st­reb­te, den lu­zi­fe­ri­schen Geis­tern.

In den ers­ten Zei­ten des Chris­ten­tums hat­te man ei­nen Spruch, der lau­te­te: «Chris­tus ve­r­us Lu­ci­fer», Chris­tus ist der wah­re Licht­trä­ger , denn Lu­ci­fer heißt Licht­trä­ger. Warum wird Chris­tus der wah­re Licht­trä­ger ge­nannt? Weil jetzt durch ihn be­rech­tigt wor­den ist, was früh­er un­be­rech­tigt war. Früh­er war es ein Au­s­ein­an­der­rei­ßen; die Men­schen wa­ren noch nicht reif zur Selb­stän­dig­keit. Jetzt wa­ren die Men­schen durch den Ich-Im­puls, den sie durch den Chris­tus Je­sus be­kom­men ha­ben, so weit, daß sie trotz des Ichs sich in Lie­be zu­ein­an­der ent­wi­ckeln konn­ten. So wur­de das, was Lu­zi­fer so­zu­sa­gen vor­aus­neh­mend der Mensch­heit ge­ben woll­te, als die­se noch un­reif war, durch den wah­ren Licht­trä­ger, durch den Chris­tus Je­sus, der Mensch­heit ge­bracht. Er brach­te den Im­puls zur Ver­selb­stän­di­gung, aber auch die geis­ti­ge Lie­be, die zu­sam­men­führt, was nicht bluts­ver­wandt ist. Durch ihn kam die Epo­che, wo die Mensch­heit her­an­reif­te zu dem, was Lu­zi­fer früh­er schon be­wir­ken woll­te. Die­ser Aus­spruch: «Chris­tus ve­r­us Lu­ci­fer» ist spä­ter nicht mehr ver­stan­den wor­den. Der­je­ni­ge al­lein, der ihn rich­tig ver­steht, lernt die ers­ten Leh­ren des Chris­ten­tums ken­nen.

So al­so ha­ben wir die­sen Im­puls auf­zu­fas­sen, so ha­ben wir ein­zu­se­hen, wie die Mensch­heit vor­be­rei­tet wur­de zu dem Stand­punkt, zu dem sie ge­lan­gen soll­te. So wa­ren die­se vier Zei­ten, die in­di­sche, per­si­sche, ägyp­ti­sche, grie­chisch-latei­ni­sche, Zei­ten der Vor­be­rei­tung, der Hin­wei­sung auf das gro­ße christ­li­che Er­eig­nis. Es ist

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aber mög­lich für den Men­schen, sich so­zu­sa­gen zu ver­s­tei­fen. Den­ken wir uns ei­nen Men­schen zur Zeit des Chris­tus Je­sus le­bend, und stel­len wir uns vor, er könn­te mit Be­wußt­sein ent­schei­den über das, was er will. Da könn­te er, wenn der Chris­tus Je­sus kä­me, so sp­re­chen: Oh, mir ist das ge­nü­gend, was vor­her war. Ich will nichts von ihm wis­sen, ich will kei­ne Ge­mein­schaft ha­ben mit dem Chris­tus Je­sus. Da wür­de er in sei­ner See­le ha­ben die­je­ni­gen Kräf­te, die­je­ni­gen Im­pul­se, die man in der Zeit vor dem Chris­tus Je­sus ge­win­nen konn­te. Er wür­de al­le Im­pul­se ha­ben, die man durch die in­di­sche, per­si­sche, ägyp­ti­sche, grie­chisch-latei­ni­sche Kul­tur er­lan­gen konn­te. Aber man darf im kos­mi­schen Wer­de­gang sol­che Im­pul­se nur so lan­ge ha­ben, bis ein neu­er Im­puls kommt. Bleibt man ste­hen, dann bleibt man eben auf die­ser Stu­fe zu­rück. Al­so darf man nicht Un­ver­ständ­nis für die ge­schicht­li­che Ent­wi­cke­lung an den Tag le­gen, man darf nicht sa­gen: Es ist in al­len Kul­tu­ren das­sel­be Prin­zip. Nicht um­sonst wird ei­ne Kul­tur auf der an­de­ren auf­ge­baut.

Neh­men wir an, es hät­te so je­mand ver­schla­fen wol­len die christ­li­che Ent­wi­cke­lung, dann wür­de er hin­über­le­ben in die zu­künf­ti­ge Zeit bis nach dem gro­ßen Krie­ge al­ler ge­gen al­le. Da aber wür­de er nichts ha­ben von dem gro­ßen Lie­be-Prin­zip des Chris­tus, das die Iche zu­sam­men­führt, das aus den Men­schen Ge­mein­schaf­ten macht. Er wür­de al­les das ha­ben, was die Iche ge­ra­de hin­un­ter­führt in den Ab­grund. Er wür­de die au­s­ein­an­der­t­rei­ben­den Kräf­te ha­ben, die au­s­ein­an­der­s­p­lit­tern­den Kräf­te. Und das zeigt uns der ei­ne Um­stand, der uns zu der Fra­ge füh­ren kann: Warum gibt uns die Ent­hül­lung der ers­ten vier Sie­gel ein so trost­lo­ses Bild? Weil da her­aus­kom­men die­je­ni­gen Men­schen, die ste­hen­b­lei­ben wol­len bei die­sen vier vor­be­rei­ten­den Kul­tu­ren, in de­nen die al­te Form des Lu­zi­fer drin­nen ist, die sie au­s­ein­an­der­t­reibt. Da­her wird uns ge­zeigt durch die Ent­hül­lung der Sie­gel, wie sie auch die Ge­stalt be­kom­men, die sie sich er­wor­ben ha­ben. Sie ha­ben ver­schla­fen das Er­eig­nis des Chris­tus Je­sus, sie wer­den wie­der­ge­bo­ren in den Ge­stal­ten, die ih­nen ge­ge­ben wer­den kön­nen oh­ne den Ein­fluß des Chris­tus-Prin­zi­pes. Da­her er­scheint wie­der das­je­ni­ge, was die blo­ße

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In­tel­li­genz, den blo­ßen Ver­stand an­zeigt: Vier­mal hin­te­r­ein­an­der er­scheint das Pferd! Es er­scheint die al­te Ge­stalt des Men­schen, die er da­durch be­kom­men hat, daß er die Pfer­de­na­tur an­ge­nom­men hat. Die­se Ge­stalt er­scheint bei der Ent­sie­ge­lung der ers­ten vier Sie­gel.

Und in dem Au­gen­blick, wo das fünf­te Sie­gel ent­sie­gelt wird, wor­auf wer­den wir da auf­merk­sam ge­macht? Auf die­je­ni­gen, die im vor­her­ge­hen­den Zei­traum er­fas­sen ge­lernt ha­ben das Er­eig­nis des Chris­tus Je­sus. Sie sind mit wei­ßen Klei­dern an­ge­tan, sie sind un­be­rück­sich­tigt ge­b­lie­ben, sie sind bild­lich er­würgt wor­den, sie sind die­je­ni­gen, die auf­be­wahrt wer­den für die Ver­geis­ti­gung der Welt. So ist es die Ver­bin­dung mit dem Chris­tus Je­sus-Prin­zip, wel­che die Men­schen da­hin bringt, die­se wei­ßen Klei­der an­zu­ha­ben und zu er­schei­nen, wenn das fünf­te Sie­gel ge­löst wird. Da se­hen wir, wie uns klar und deut­lich an­ge­deu­tet wird, daß in die­sem Zeit­punkt, wo der Chris­tus Je­sus er­scheint, ei­ne wich­ti­ge Epo­che der Mensch­heit ist, je­ne Epo­che, die da be­wirkt, daß nach dem Krie­ge al­ler ge­gen al­le die vier Zei­träu­me wie­der er­schei­nen, wo die­je­ni­gen, die zu­rück­ge­b­lie­ben sind, ge­plagt wer­den von der Ma­te­ria­li­tät, die mit der Ent­wi­cke­lung mit­ge­gan­gen ist und an die sie sich ge­fes­selt ha­ben, wo sie ge­plagt wer­den von all den Übeln und Qua­len der ver­här­te­ten, in sich ver­gröb­er­ten Ma­te­ria­li­tät. Und al­les, was uns nun wei­ter be­schrie­ben wird bei der Ent­hül­lung der Sie­gel, stellt nichts an­de­res dar als das Hin­ein­ge­hen in den Ab­grund. Wäh­rend wir im fünf­ten Zei­traum nur kurz hin­ge­wie­sen wer­den auf die­je­ni­gen, die au­s­er­wählt sind, wer­den uns im üb­ri­gen al­le je­ne ge­zeigt, die in der Ma­te­ria­li­tät blei­ben, die in den Ab­grund hin­ein­ge­hen, die je­ne Ge­stal­ten, die vor­her da wa­ren, an­neh­men, weil sie nicht mit­ge­kom­men sind, weil sie nicht die Kraft in sich auf­ge­nom­men ha­ben, die­se Ge­stal­ten um­zu­wan­deln.

Sie kön­nen sich ein Bild da­von ma­chen: Den­ken Sie sich heu­te al­le Ih­re Men­schen­ge­stal­ten aus Kaut­schuk und inn­er­halb die­ser Kaut­schuk-Men­schen­lei­ber Ih­re in­ne­re See­len­kraft, die die­sen Kaut­schu­k­le­i­bern Ih­re Men­schen­ge­stalt gibt. Den­ken Sie sich, wir neh­men die See­len­kraft her­aus: Da wür­den die Kaut­schu­k­le­i­ber

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zu­sam­men­schrump­fen, Tier­ge­stal­ten wür­den die Men­schen er­hal­ten. In dem Au­gen­bli­cke, wo Sie die See­le her­aus­zie­hen aus dem Men­schen-Kaut­schu­k­le­i­be, da wür­de der Mensch Ih­nen die Tier­ge­stalt zei­gen. Was der Mensch sich er­run­gen hat, ist wie et­was, was er durch sei­ne ei­ge­ne Kraft heu­te her­vor­bringt. Wenn Sie das, was er früh­er im as­tra­li­schen Leib er­zeugt hat, be­trach­ten könn­ten, dann wür­den Sie se­hen, wie die­se Tier­ähn­lich­keit vor­han­den ist. Es ist wir­k­lich et­was wie solch ei­ne in­ner­li­che Kraft, die dem Kaut­schuk­men­schen die heu­ti­ge Ge­stalt gibt. Den­ken Sie sich die­se Kraft ent­fernt, den­ken Sie sich den Men­schen nicht be­fruch­tet von der Chris­tus-Kraft und der Mensch zuckt zu­rück in die Tier­ge­stalt. So wird es sol­chen er­ge­hen, die zu­rück­fal­len. Die wer­den nach­her ei­ne Welt bil­den, die so­zu­sa­gen un­ter der heu­ti­gen Welt liegt, ei­ne Welt des Ab­grun­des, wo der Mensch wie­der­um Tier­ge­stalt an­ge­nom­men ha­ben wird.

So ler­nen wir be­g­rei­fen, wie in der Tat die Ent­wi­cke­lung sein wird. Stück um Stück wird das­je­ni­ge her­aus­kom­men, was jetzt vor­be­rei­tet wird, wie in un­se­rer Zeit auch Stück für Stück her­aus­ge­kom­men ist, was in der at­lan­ti­schen Zeit sich ver­an­lagt hat. Ich ha­be er­zählt, daß im letz­ten Drit­tel der at­lan­ti­schen Zeit sich ei­ne klei­ne Ko­lo­nie ge­bil­det hat, von der un­se­re Kul­tu­ren sich ab­ge­lei­tet ha­ben, von de­nen auch noch die spä­te­ren zwei Kul­tu­ren, die fol­gen wer­den, ab­stam­men. Für den nächs­ten Zei­traum, der al­le die­se Kul­tu­ren ablö­sen wird, wird das et­was an­ders sein. Da wird nicht ei­ne auf ei­nen Ort be­schränk­te Ko­lo­nie sein, son­dern es wer­den aus der ge­sam­ten Mas­se der Men­schen sich übe­rall die­je­ni­gen her­aus­re­kru­tie­ren, die reif sind, die gu­te, die ed­le, die sc­hö­ne Sei­te der nächs­ten Kul­tur nach dem Krie­ge al­ler ge­gen al­le zu bil­den. Das ist wie­der­um der Fort­schritt ge­gen­über der frühe­ren at­lan­ti­schen Zeit, daß da­mals an ei­nem klei­nen Or­te die Ko­lo­nie sich ent­wi­ckel­te, bei uns aber die Mög­lich­keit ge­ge­ben ist, daß über die gan­ze Er­de hin aus al­len Stäm­men sich die­je­ni­gen her­aus­re­kru­tie­ren, die wir­k­lich den Ruf der Er­den­mis­si­on ver­ste­hen, die es ver­ste­hen, den Chris­tus in sich le­ben­dig zu ma­chen, das Prin­zip der Bru­der­lie­be zu ent­fal­ten über die gan­ze Er­de hin, und zwar ent-

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fal­ten im rich­ti­gen Sinn, nicht im Sin­ne der christ­li­chen Kon­fes­sio­nen, son­dern im Sin­ne des wah­ren eso­te­ri­schen Chris­ten­tums, das aus al­len Kul­tu­ren her­vor­ge­hen kann. Die­je­ni­gen, die die­ses christ­li­che Prin­zip ver­ste­hen, die wer­den da sein in je­ner Zeit, die dem gro­ßen Krie­ge al­ler ge­gen al­le fol­gen wird. Auf un­se­re jet­zi­ge Kul­tur, auf un­se­re rei­ne Ver­stan­des­kul­tur, auf al­les das, was sich in der Ge­gen­wart im­mer mehr und mehr nach dem Ab­grund des Ver­stan­des hin ent­wi­ckelt und das kön­nen Sie auf al­len Ge­bie­ten des Le­bens er­fah­ren , wird ei­ne Zeit kom­men, in wel­cher der Mensch ein Skla­ve der In­tel­li­genz sein wird, in der er als Per­sön­lich­keit un­ter­ge­hen wird. Es gibt heu­te nur ein ein­zi­ges Mit­tel, die Per­sön­lich­keit zu be­wah­ren, das ist die Spi­ri­tua­li­sie­rung. Die­je­ni­gen, die es ver­ste­hen, das spi­ri­tu­el­le Le­ben zu ent­wi­ckeln, wer­den zu dem Häuf­lein der Wohl­ver­sie­gel­ten aus al­len Na­tio­nen und Stäm­men ge­hö­ren, wel­che er­schei­nen wer­den in den wei­ßen Klei­dern nach dem gro­ßen Krie­ge al­ler ge­gen al­le.

Jetzt fan­gen wir an, aus un­se­rer un­mit­tel­bar ge­gen­wär­ti­gen Kul­tur des Ver­stan­des her­aus die geis­ti­ge Welt zu be­g­rei­fen. Das ist das wah­re an­thro­po­so­phi­sche St­re­ben, aus der heu­ti­gen Ver­stan­des­kul­tur her­aus zu be­g­rei­fen die spi­ri­tu­el­le Welt, zu sam­meln die Men­schen, die den Ruf nach Spi­ri­tua­li­sie­rung der Welt ver­ste­hen kön­nen. Nicht ei­ne ab­ge­sch­los­se­ne Ko­lo­nie wer­den die­se bil­den, son­dern aus al­len Na­tio­nen her­aus wer­den sie sein, und nach und nach wer­den sie hin­über­le­ben in den sechs­ten Zei­traum, al­so noch nicht et­wa über den gro­ßen Krieg hin­über, son­dern zu­nächst in den sechs­ten Zei­traum hin­ein. Da sind vor­läu­fig noch im­mer Not­wen­dig­kei­ten vor­han­den, die mit al­ten Ras­sen­not­wen­dig­kei­ten zu­sam­men­hän­gen. In un­se­rem Zei­traum spie­len ja Ras­se- und Kul­tu­re­po­che noch durch­ein­an­der. Der ei­gent­li­che Ras­se­be­griff hat sei­ne Be­deu­tung ver­lo­ren, aber er spielt noch im­mer hin­ein. Es ist kei­nes­wegs mög­lich, daß ei­ne je­de Mis­si­on in gleich­wer­ti­ger Wei­se von ei­nem je­den Volk bei uns schon aus­ge­übt wird. Man­ches Volk ist be­son­ders da­zu prä­d­es­ti­niert.

Die Na­tio­nen, die heu­te die Kul­tur­trä­ger des Wes­tens sind, wa­ren au­s­er­se­hen, den fünf­ten Zei­traum auf die Höhe zu füh­ren.

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Das wa­ren die Na­tio­nen, die den Ver­stand aus­bil­den soll­ten. Da­her ha­ben wir da, wo die­se west­li­che Kul­tur sich aus­b­rei­tet, vor­zugs­wei­se die Ver­stan­des­kul­tur, und die ist noch nicht zu En­de. Die­se In­tel­li­genz wird sich noch aus­b­rei­ten. Noch mit viel mehr geis­ti­gen Kräf­ten wer­den die Men­schen das, was für des Lei­bes Not­durft ist, er­rin­gen, mit viel mehr geis­ti­gen Kräf­ten wer­den sie sich ge­gen­sei­tig er­wür­gen vor dem gro­ßen Krie­ge al­ler ge­gen al­le. Vie­le Ent­de­ckun­gen wer­den ge­macht wer­den, um die Krie­ge bes­ser füh­ren zu kön­nen, un­end­li­che In­tel­li­genz wird auf­ge­bo­ten wer­den, um den nie­d­ri­gen Trie­ben Ge­nü­ge zu leis­ten. Aber es be­rei­tet sich mit­ten­d­rin­nen doch das­je­ni­ge vor, wo­zu ge­wis­se Na­tio­nen des Os­tens, des nörd­li­chen Os­tens ver­an­lagt sind. Es be­rei­ten sich Na­tio­nen vor, aus ei­ner ge­wis­sen Stumpf­heit auf­zu­er­ste­hen und in gro­ßen ge­wal­ti­gen Im­pul­sen zu brin­gen, was ein spi­ri­tu­el­ler Im­puls sein wird, et­was wie der ent­ge­gen­ge­setz­te Pol zur In­tel­li­genz. Wir wer­den vor dem sechs­ten Kul­tur­zei­traum, der re­prä­sen­tiert ist durch die Ge­mein­de zu Phi­la­del­phia, et­was er­le­ben wie ei­ne ge­wal­ti­ge Völ­ker­e­he, ei­ne Ehe zwi­schen In­tel­li­genz und Ver­stand und Spi­ri­tua­li­tät. Heu­te er­le­ben wir erst die Mor­gen­rö­te die­ser Ehe, und nie­mand soll das, was eben ge­sagt wird, wie ein Lob­lied auf un­se­re Zeit auf­fas­sen, denn man singt nicht Lob­lie­der auf die Son­ne, wenn erst die ers­ten An­zei­chen der Mor­gen­rö­te da sind. Aber wir ha­ben doch merk­wür­di­ge Er­schei­nun­gen, wenn wir Os­ten und Wes­ten ver­g­lei­chen, wenn wir da in die Tie­fen und Un­tie­fen und Un­ter­grün­de der Na­tio­nen hin­ein­schau­en.

Fas­sen wir das nicht auf wie ein Par­tei-Er­g­rei­fen-Wol­len. So fern wie nur mög­lich sind die­se Vor­trä­ge, die ob­jek­tiv sein wol­len, von ir­gend­ei­nem Par­tei-Er­g­rei­fen. Aber ob­jek­tiv kön­nen Sie ver­g­lei­chen das, was im eu­ro­päi­schen Wes­ten als Wis­sen­schaft, als Phi­lo­so­phie er­reicht wird, mit dem­je­ni­gen, was im Os­ten auf­taucht, sa­gen wir bei Tol­stoi. Man braucht nicht An­hän­ger von Tol­stoi zu sein, aber das ei­ne ist wahr: In ei­nem sol­chen Buch wie Tol­stois Buch «Über das Le­ben» kön­nen Sie ei­ne Sei­te le­sen, wenn Sie zu le­sen ver­ste­hen, und das ver­g­lei­chen mit gan­zen Bi­b­lio­the­ken im west­li­chen Eu­ro­pa. Und Sie kön­nen sich dann fol­gen­des

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sa­gen: In We­st­eu­ro­pa macht man mit dem Ver­stan­de geis­ti­ge Kul­tur, man zi­se­liert aus Ein­zel­hei­ten zu­sam­men ir­gend­wel­che Din­ge, wel­che die Welt ver­ständ­lich ma­chen sol­len. Und in die­ser Be­zie­hung hat die we­st­eu­ro­päi­sche Kul­tur sol­ches ge­leis­tet, daß es kein Zei­tal­ter mehr über­bie­ten wird. Aber Sie kön­nen das, was durch drei­ßig Bän­de sol­cher we­st­eu­ro­päi­scher Bi­b­lio­the­ken ge­sagt wer­den kann, manch­mal in zehn Zei­len zu­sam­men­ge­drängt er­hal­ten, wenn Sie so ein Buch wie «Über das Le­ben» von Tol­stoi ver­ste­hen. Da wird mit pri­mi­ti­ver Kraft et­was ge­sagt, aber da ha­ben we­ni­ge Zei­len Stoßkraft, die gleich­kommt dem­je­ni­gen, was dort aus den Ein­zel­hei­ten zu­sam­men­zi­se­liert wird. Da muß man be­ur­tei­len kön­nen, was aus der Tie­fe des Geis­tes dringt, was spi­ri­tu­el­le Un­ter­grün­de hat und was nicht. Ge­ra­de­so wie über­rei­fe Kul­tu­ren et­was Ver­dor­ren­des ha­ben, so ha­ben sol­che auf­ge­hen­de Kul­tu­ren fri­sches Le­ben und neue Stoßkraft in sich. Tol­stoi ist ja ei­ne vor­zei­ti­ge Blü­te ei­ner sol­chen Kul­tur, viel früh­er ge­kom­men, als daß es mög­lich wä­re, jetzt schon aus­ge­bil­det wer­den zu kön­nen. Da­her ist er mit al­len Feh­lern ei­ner un­zei­ti­gen Ge­burt be­haf­tet. All das, was er auf­bringt an gro­tes­ker Dar­stel­lung man­cher we­st­eu­ro­päi­scher Din­ge, was un­be­grün­det ist, al­les das, was er auch auf­bringt an törich­ten Ur­tei­len, zeigt eben, daß gro­ße Er­schei­nun­gen die Feh­ler ih­rer Tu­gen­den ha­ben, daß gro­ße Ge­scheit­heit die Tor­heit ih­rer Weis­heit hat.

Das soll­te nur als Symp­tom hin­ge­s­tellt wer­den für die zu­künf­ti­ge Zeit, wo sich zu­sam­men­sch­lie­ßen wer­den das Spi­ri­tu­el­le des Os­tens und das In­tel­lek­tu­el­le des Wes­tens. Aus die­sem Zu­sam­men­fluß wird her­vor­ge­hen die Zeit von Phi­la­del­phia. Al­le die­je­ni­gen wer­den sich in die­se Ehe hin­ein­fin­den, die in sich auf­neh­men den Im­puls des Chris­tus Je­sus, und sie wer­den die gro­ße Bru­der­schaft bil­den, wel­che hin­über­le­ben wird über den gro­ßen Krieg, wel­che an­ge­fein­det sein wird, die man­nig­fal­tigs­ten Ver­fol­gun­gen er­le­ben wird, aber die Grund­la­ge ab­ge­ben wird zu der gu­ten Ras­se. Nach­dem die­ser gro­ße Krieg ge­bracht ha­ben wird den Auf­gang der Tier­heit inn­er­halb de­rer, die in den al­ten For­men ge­b­lie­ben sind, wird die­se gu­te Ras­se er­ste­hen. Sie wer­den hin­über­tra­gen in die

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künf­ti­ge Zeit das­je­ni­ge, was die geis­tig er­höh­te Kul­tur die­ser künf­ti­gen Zeit sein soll. So wer­den wir auch er­le­ben, daß in un­se­rer Zeit zwi­schen der gro­ßen at­lan­ti­schen Flut und dem gro­ßen Krie­ge al­ler ge­gen al­le, in dem Zei­traum, der durch die Ge­mein­de zu Phi­la­del­phia re­prä­sen­tiert wird, ei­ne Ko­lo­nie sich bil­det, die nicht aus­wan­dern wird, son­dern übe­rall sein wird, so daß übe­rall im Sinn der Ge­mein­de von Phi­la­del­phia, im Sinn des Zu­sam­men­schlus­ses der Mensch­heit, im Sin­ne des christ­li­chen Prin­zips ge­wirkt wer­den wird.

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ACHTER VOTRAG, Nürnberg, 25. Juni 1908

Wenn jetzt schon wie­der­holt da­von ge­spro­chen wor­den ist, daß un­se­re sie­ben Kul­tur­stu­fen ihr En­de fin­den wer­den durch den Krieg al­ler ge­gen al­le, so müs­sen wir uns ei­nen sol­chen Krieg al­ler ge­gen al­le ei­gent­lich ganz an­ders vor­s­tel­len, als man bis jetzt ge­wohnt ist, sich Krie­ge vor­zu­s­tel­len. Wir müs­sen nur ein­mal ins Au­ge fas­sen, was die Grund­la­ge, die ei­gent­li­che Ur­sa­che die­ses Krie­ges ist. Die­se Grund­la­ge oder Ur­sa­che ist das Über­hand­neh­men des Ego­is­mus, der Ich­sucht, der Selbst­heit der Men­schen. Und wir sind ja nun­mehr in un­se­ren Be­trach­tun­gen so weit fort­ge­schrit­ten, daß wir ge­se­hen ha­ben, welch zwei­schnei­di­ges, schar­fes Schwert die­ses Ich des Men­schen ist. Wer nicht be­g­reift, daß die­ses Ich ein zwei­schnei­di­ges Schwert ist, der wird kaum den gan­zen Sinn der Mensch­heits- und Wel­ten­ent­wi­cke­lung ver­ste­hen. Auf der ei­nen Sei­te ist die­ses Ich die Ur­sa­che des­sen, daß die Men­schen in sich selbst sich ver­här­ten, daß sie al­les, was ih­nen zur Ver­fü­gung ste­hen kann an äu­ße­ren Din­gen und in­ne­ren Gü­tern, in den Di­enst die­ses ih­res Ichs ein­be­zie­hen wol­len. Es ist die­ses Ich die Ur­sa­che, daß sich al­le Wün­sche des Men­schen dar­auf rich­ten, die­ses Ich als sol­ches zu be­frie­di­gen. Wie die­ses Ich da­nach st­rebt, ei­nen Teil des ge­mein­sa­men Er­den­be­sit­zes an sich her­an­zu­brin­gen als sein Ei­gen­tum, wie die­ses Ich da­nach st­rebt, aus sei­nem Ge­bie­te al­le an­de­ren Iche hin­weg­zu­t­rei­ben, sie zu be­krie­gen, zu be­kämp­fen: das ist die ei­ne Sei­te des Ichs. Aber auf der an­de­ren Sei­te dür­fen wir nicht ver­ges­sen, daß die­ses Ich zu­g­leich das­je­ni­ge ist, was dem Men­schen sei­ne Selb­stän­dig­keit, sei­ne in­ne­re Frei­heit gibt, was den Men­schen im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes er­höht. In die­sem Ich ist sei­ne Wür­de be­grün­det. Es ist die An­la­ge zum Gött­li­chen im Men­schen.

Die­ser Ich-Be­griff macht vie­len Men­schen Schwie­rig­keit. Es ist uns ja klar ge­wor­den, daß sich das Ich des Men­schen her­au­sent-

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wi­ckelt hat aus ei­ner Grup­pen­see­len­haf­tig­keit, aus ei­ner Art um­fas­sen­den All-Ichs, aus dem es sich her­aus­dif­fe­ren­ziert hat. Un­rich­tig wä­re es, wenn der Mensch wie­der das Ver­lan­gen ha­ben wür­de, mit sei­nem Ich un­ter­zu­ge­hen in ir­gend­ein All­be­wußt­sein, in ir­gend­ein Ge­samt­be­wußt­sein. Al­les, was den Men­schen st­re­ben läßt, sein Ich zu ver­lie­ren, mit ihm auf­zu­ge­hen in ein All­be­wußt­sein, ist ein Er­zeug­nis der Schwäche. Nur der al­lein ver­steht das Ich, der da weiß, daß, nach­dem er sich die­ses Ich er­run­gen hat im Lau­fe der kos­mi­schen Ent­wi­cke­lung, es nun­mehr un­ver­lier­bar ist, und der Mensch muß vor al­len Din­gen nach der star­ken Kraft st­re­ben, wenn er die Wel­ten­mis­si­on ver­steht, die­ses Ich im­mer in­ner­li­cher, im­mer gött­li­cher zu ma­chen. Die wah­ren An­thro­po­so­phen ha­ben nichts von je­ner Phra­se in sich, die da im­mer wie­der be­tont das Auf­ge­hen des Ichs in ei­nem All-Ich, das Zu­sam­men­sch­mel­zen in ir­gend­ei­nen Ur­b­rei. Die wah­re an­thro­po­so­phi­sche Wel­t­an­schau­ung kann nur als End­ziel die Ge­mein­schaft der selb­stän­dig und frei ge­wor­de­nen Iche, der in­di­vi­du­ell ge­wor­de­nen Iche hin­s­tel­len. Das ist ja ge­ra­de die Er­den­mis­si­on, die sich durch die Lie­be aus­drückt, daß das Ich dem Ich frei ge­gen­über­ste­hen lernt. Kei­ne Lie­be ist voll­kom­men, die her­vor­geht aus Zwang, aus dem Zu­sam­men­ge­ket­tet­sein. Ein­zig und al­lein dann, wenn je­des Ich so frei und selb­stän­dig ist, daß es auch nicht lie­ben kann, ist sei­ne Lie­be ei­ne völ­lig freie Ga­be. Das ist so­zu­sa­gen der gött­li­che Wel­ten­plan, die­ses Ich so selb­stän­dig zu ma­chen, daß es aus Frei­heit selbst dem Gott die Lie­be als ein in­di­vi­du­el­les We­sen ent­ge­gen­brin­gen kann. Es wür­de hei­ßen, die Men­schen an Fä­den der Ab­hän­gig­keit füh­ren, wenn sie ir­gend­wie zur Lie­be, wenn auch nur im ent­fern­tes­ten, ge­zwun­gen wer­den könn­ten.

So wird das Ich das Un­terp­fand sein des höchs­ten Zie­les des Men­schen. So ist es aber zu glei­cher Zeit, wenn es nicht die Lie­be fin­det, wenn es sich in sich ver­här­tet, der Ver­füh­rer, der ihn in den Ab­grund stürzt. Dann ist es das­je­ni­ge, was die Men­schen von­ein­an­der trennt, was sie auf­ruft zum gro­ßen Krieg al­ler ge­gen al­le, nicht nur zum Krieg der Völ­ker ge­gen die Völ­ker denn der Volks­be­griff wird dann gar nicht mehr die Be­deu­tung ha­ben, die

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er heu­te hat , son­dern zum Krie­ge des ein­zel­nen ge­gen den ein­zel­nen auf den man­nig­fal­tigs­ten Ge­bie­ten des Le­bens, zum Krie­ge der Stän­de ge­gen die Stän­de, der Kas­ten ge­gen die Kas­ten, der Ge­sch­lech­ter ge­gen die Ge­sch­lech­ter. Auf al­len Ge­bie­ten des Le­bens wird al­so das Ich zum Zank­ap­fel wer­den, und da­her dür­fen wir sa­gen, daß das Ich auf der ei­nen Sei­te zum Höchs­ten und auf der an­de­ren zum Tiefs­ten füh­ren kann. Des­halb ist es ein schar­fes, zwei­schnei­di­ges Schwert. Und der­je­ni­ge, der da den Men­schen ge­bracht hat das vol­le Ich-Be­wußt­sein, der Chris­tus Je­sus, er wird, wie wir ge­se­hen ha­ben, sym­bo­lisch in un­se­rer Apo­ka­lyp­se mit Recht dar­ge­s­tellt als der­je­ni­ge, der das schar­fe, zwei­schnei­di­ge Schwert im Mun­de hat.

Wir ha­ben es ja als ho­he Er­run­gen­schaft des Men­schen hin­ge­s­tellt, daß er zu die­sem frei­en Ich-Be­griff ge­ra­de durch das Chris­ten­tum hat auf­s­tei­gen kön­nen. Der Chris­tus Je­sus hat die­ses Ich in vol­lem Um­fan­ge ge­bracht. Da­her muß die­ses Ich ge­ra­de durch das schar­fe, zwei­schnei­di­ge Schwert aus­ge­drückt wer­den, das Sie aus dem ei­nen un­se­rer Sie­gel ken­nen. Und daß die­ses schar­fe, zwei­schnei­di­ge Schwert aus dem Mun­de des Men­schen­soh­nes geht, das ist wie­der be­g­reif­lich, denn als der Mensch mit vol­lem Be­wußt­sein aus­sp­re­chen ge­lernt hat das Ich, da war es ihm ge­ge­ben, auf das Höchs­te hin­auf­zu­s­tei­gen, in das Tiefs­te hin­un­ter­zu­sin­ken. Das schar­fe, zwei­schnei­di­ge Schwert ist ei­nes der wich­tigs­ten Sym­bo­le, die uns in der Apo­ka­lyp­se ent­ge­gen­t­re­ten. (Ers­tes Sie­gel.)

Wenn wir nun uns klar sind über das, was am Schlus­se der letz­ten Be­trach­tung an uns her­an­ge­t­re­ten ist, daß auf un­se­re jet­zi­ge Kul­tur die­je­ni­ge fol­gen wird, die in den Send­sch­rei­ben cha­rak­te­ri­siert ist durch die Stadt Phi­la­del­phia, so müs­sen wir uns vor al­len Din­gen mer­ken, daß aus die­ser sechs­ten Kul­tur­stu­fe die­je­ni­gen Men­schen­see­len ge­nom­men wer­den, die hin­über­zu­le­ben ha­ben in das fol­gen­de Zei­tal­ter. Da, nach dem Krie­ge al­ler ge­gen al­le wie wir oft schon be­tont ha­ben , wird sich ja aus­le­ben in den Ge­sich­tern, was sich in der See­le der Men­schen in un­se­rer Zeit vor­be­rei­tet. Von ganz ge­rin­ger Wich­tig­keit wird die so­ge­nann­te sie­ben­te Kul­tur­stu­fe sein. Wir le­ben al­so in der fünf­ten Kul­tur­stu­fe,

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dann folgt die sechs­te, aus der her­aus­ge­hen wird ei­ne An­zahl von Men­schen voll Ver­ständ­nis für die spi­ri­tu­el­le Welt, durch­drun­gen von je­ner Ge­sin­nung der Bru­der­lie­be, die ge­ra­de aus der spi­ri­tu­el­len Er­kennt­nis folgt. Die reifs­te Frucht un­se­rer ge­gen­wär­ti­gen Kul­tur wird in die­ser sechs­ten Epo­che er­schei­nen. Und was dar­auf folgt, wird sein, was lau ist, was nicht warm und nicht kalt ist. Was als sie­ben­te Stu­fe folgt, ist so­zu­sa­gen in der ge­sam­ten Kul­tur et­was wie ei­ne über­rei­fe Frucht, wie et­was, was hin­über­lebt über den gro­ßen Krieg al­ler ge­gen al­le, aber kein Prin­zip des Fort­schrit­tes in sich ent­hält.

So war es auch, als un­se­re Kul­tur ent­stan­den ist. Den­ken wir zu­rück an die Zeit vor der at­lan­ti­schen Flut. Wir ha­ben ge­sagt: Es war im letz­ten Drit­tel der at­lan­ti­schen Zeit, die die Men­schen ja auf dem Bo­den durch­leb­ten, der heu­te vom At­lan­ti­schen Oze­an be­deckt ist, als sich ein klei­nes Häuf­lein in der Nähe des heu­ti­gen Ir­land bil­de­te, das zur höchs­ten Kul­tur­stu­fe der At­lan­tis ge­kom­men war und das dann aus­zog nach dem Os­ten, von wo aus al­le spä­te­ren Kul­tu­ren aus­ge­gan­gen sind. Fas­sen wir das so recht ins Au­ge, den­ken wir uns die­sen Fleck Er­de, der heu­te je­nes Meer bil­det im Wes­ten von Ir­land, den­ken wir uns von da aus­ge­hend ei­nen Volks­strom, der nach Os­ten wan­dert und von dem aus ei­ne Men­ge Volks­stäm­me zie­hen, die dann Eu­ro­pa be­völ­kern. Al­les, was an eu­ro­päi­scher Be­völ­ke­rung da ist, das ist von da­her ge­kom­men. Der be­gab­tes­te Teil der At­lan­tier zog nach Zen­trala­si­en; von da gin­gen die ver­schie­de­nen Kul­tu­ren aus, die wir be­schrie­ben ha­ben, bis zu uns he­r­ein. So al­so se­hen Sie, daß von ei­nem klei­nen Häuf­lein at­lan­ti­scher Leu­te un­se­re ge­gen­wär­ti­ge Kul­tur ih­ren Ur­sprung ge­nom­men hat.

Aber auch die­se at­lan­ti­sche Kul­tur hat­te sie­ben au­f­ein­an­der­fol­gen­de Stu­fen, ge­ra­de­so wie un­se­re Kul­tur sie­ben Stu­fen hat, die wir ken­nen als die alt­in­di­sche, alt­per­si­sche, as­sy­risch-ba­by­lo­nisch-chal­däisch-ägyp­tisch-jü­di­sche, die grie­chisch-latei­ni­sche, die uns­ri­ge und zwei wei­te­re. Und es war in der fünf­ten at­lan­ti­schen Kul­tur­stu­fe, als die­se Wan­de­rung be­gann, so daß die au­s­er­le­sens­te Be­völ­ke­rung der al­ten At­lan­tis, die un­se­rer Kul­tur zu­grun­de liegt, aus

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der fünf­ten at­lan­ti­schen Ras­se in der At­lan­tis dür­fen wir von Ras­sen sp­re­chen ge­nom­men ist. Es folg­te noch ei­ne sechs­te und ei­ne sie­ben­te Ras­se. Das wa­ren so­zu­sa­gen die lau­en Ras­sen. Auch sie über­dau­er­ten die gro­ße Flut, aber in ih­nen war nicht le­ben­dig sprie­ßen­de Kraft. Sie ver­hiel­ten sich et­wa so zu der fünf­ten Kul­tur, wie sich die Rin­de, die ver­holzt, ver­här­tet ist, zum saf­ti­gen Sten­gel ver­hält. So wa­ren die zwei Ras­sen, die auf die ei­gent­li­che Stamm­ras­se folg­ten, nicht ent­wi­cke­lungs­fähig; über­reif so­zu­sa­gen wa­ren sie.

Sie se­hen heu­te noch Nach­züg­ler die­ser al­ten über­rei­fen Ras­sen, na­ment­lich im chi­ne­si­schen Volk. Das chi­ne­si­sche Volk ist da­durch cha­rak­te­ri­siert, daß es sich nicht an­ge­sch­los­sen hat dem, was in der fünf­ten Ras­se, der Stamm­ras­se, ge­of­fen­bart wor­den war. Da­mals, als der Äther­leib hin­ein­ging in den phy­si­schen Leib, war es, wo der Mensch die ers­te An­la­ge zum Ich-sa­gen emp­fing. Sie hat­ten die­sen Zei­traum verpaßt. Sie hat­ten al­ler­dings da­durch je­ne ho­he Kul­tur ent­wi­ckelt, die be­kannt ist, die aber nicht bil­dungs­fähig war. Die fünf­te at­lan­ti­sche Ras­se schick­te übe­rall­hin ih­re Kul­tur­trä­ger, die neue, im­mer mehr sich ver­voll­komm­nen­de, wach­sen­de Volks­kul­tu­ren schu­fen. Ja, das wächst al­les, von der alt­in­di­schen Kul­tur bis zur uns­ri­gen. Die sechs­te und sie­ben­te Ras­se der At­lan­tis hat­ten sich in die Ver­här­tung be­ge­ben und wa­ren da­her in ei­nen sta­tio­nä­ren Zu­stand ge­kom­men. Wie ge­sagt, die chi­ne­si­sche Kul­tur ist ein Über­b­leib­sel da­von. Sie kann nicht aus sich her­aus­kom­men. Sie hat­te in der al­ten chi­ne­si­schen Kul­tur ei­ne wun­der­ba­re al­tat­lan­ti­sche Erb­schaft an­ge­t­re­ten, aber sie konn­te über ih­ren Höh­e­punkt nicht hin­aus. Nichts bleibt un­be­ein­flußt vom an­dern. Sie dür­fen die alt­chi­ne­si­sche Li­te­ra­tur an­se­hen: von übe­rall­her ist sie be­ein­flußt wor­den, aber ih­re Grund­far­be zeigt durch­aus den at­lan­ti­schen Cha­rak­ter. Die­ses In­sich­ge­sch­los­sen­sein, die­ses Er­fin­dun­gen-ma­chen und Da­bei­b­lei­ben, nie­mals sie über ei­nen ge­wis­sen Grad hin­aus­brin­gen kön­nen, das rührt al­les noch von dem Cha­rak­ter der At­lan­tis her.

Wie es da­zu­mal mit der fünf­ten Ras­se ge­gan­gen ist, daß sie die Bil­dungs­fähi­gen ge­lie­fert hat, und mit der sechs­ten und sie­ben­ten, daß sie in den Nie­der­gang ka­men, so wird es auch in un­se­rer Zeit

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sein. Jetzt le­ben wir noch mit al­ler Sehn­sucht hin zur sechs­ten Kul­tur, zu dem, was so ge­schil­dert wer­den muß, daß es aus der spi­ri­tu­el­len Ehe zwi­schen dem Wes­ten und dem Os­ten sich bil­det. Da wird die sechs­te Kul­tur­stu­fe die Grund­la­ge sein für das, was nach dem gro­ßen Krie­ge al­ler ge­gen al­le als neue Kul­tu­ren auf­ge­hen wird, eben­so wie nach der at­lan­ti­schen Zeit un­se­re Kul­tu­ren auf­ge­gan­gen sind. Da­ge­gen wird die sie­ben­te Kul­tur­stu­fe durch die Lau­en re­prä­sen­tiert wer­den. Die­se sie­ben­te wird so hin­über­le­ben in die neue Zeit, wie die sechs­te und sie­ben­te Ras­se der at­lan­ti­schen Zeit als ver­här­te­te und sich ver­s­tei­fen­de Ras­sen in un­se­re Epo­che her­über­ge­lebt ha­ben. Nach dem Krie­ge al­ler ge­gen al­le wird es zwei Strö­mun­gen un­ter den Men­schen ge­ben: auf der ei­nen Sei­te die von Phi­la­del­phia mit dem Prin­zip des Fort­schrit­tes, der in­ne­ren Frei­heit, der Bru­der­lie­be, ein klei­nes Häuf­lein, aus al­len Stäm­men und Na­tio­nen sich zu­sam­men­set­zend, und auf der an­de­ren Sei­te die gro­ße Mas­se de­rer, die da lau sein wer­den, die Über­b­leib­sel de­rer, die jetzt lau sein wer­den, die Strö­mung von Lao­di­zea. Und es wird sich nach dem gro­ßen Krie­ge al­ler ge­gen al­le dar­um han­deln, daß nach und nach durch die gu­te Ras­se, durch die gu­te Strö­mung die bö­se Strö­mung hin­über­ge­führt wird zum Gu­ten. Das wird ei­ne der Haupt­auf­ga­ben sein nach dem gro­ßen Krie­ge al­ler ge­gen al­le: zu ret­ten, was zu ret­ten ist aus den­je­ni­gen, die nach dem gro­ßen Krie­ge nur das Be­st­re­ben ha­ben wer­den, ein­an­der zu be­kämp­fen, das Ich aus­le­ben zu las­sen im äu­ßers­ten Ego­is­mus. Inn­er­halb der Sphä­re des Ok­kul­tis­mus wird für al­le sol­che Din­ge im­mer vor­ge­sorgt in der Welt

Be­trach­ten Sie es nicht als ei­ne Här­te des Sc­höp­fungs­pla­nes, nicht als et­was, wes­we­gen man rech­ten kön­ne mit dem Sc­höp­fungs­plan, daß al­so die Mensch­heit ge­spal­ten wird in sol­che, die zur Rech­ten und die zur Lin­ken ste­hen wer­den, be­trach­ten Sie es viel­mehr als et­was, was im höchs­ten Gra­de wei­se im Sc­höp­fungs­pla­ne ist. Denn be­den­ken Sie ein­mal, daß ge­ra­de da­durch, daß so das Bö­se sich von dem Gu­ten trennt, das Gu­te sei­ne Haupt­stär­ke im Gu­ten er­hal­ten wird, denn es wird das Gu­te sich nach dem gro­ßen Krie­ge al­ler ge­gen al­le je­de nur mög­li­che An­st­ren­gung ge­ben

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müs­sen, um die Bö­sen in dem Zei­traum, in dem es noch mög­lich sein wird, wie­der her­über­zu­zie­hen. Das wird nicht ei­ne Er­zie­hungs­auf­ga­be sein, wie heu­te die Er­zie­hungs­auf­ga­ben sind, son­dern da wer­den ok­kul­te Kräf­te mit­wir­ken, denn die Men­schen wer­den in die­sem nächs­ten gro­ßen Zei­traum ok­kul­te Kräf­te in Be­we­gung zu set­zen ver­ste­hen. Die Gu­ten wer­den die Auf­ga­be ha­ben, auf ih­re Mit­brü­der der bö­sen Strö­mung zu wir­ken. Und in den ok­kul­ten Wel­ten­strö­mun­gen wird die­ses al­les vor­be­rei­tet. Nur ver­steht man die tiefs­te al­ler ok­kul­ten Wel­ten­strö­mun­gen am al­ler­we­nigs­ten. Die Wel­ten­strö­mung, die das vor­be­rei­tet, sagt fol­gen­des zu ih­ren Schü­l­ern: Da re­den die Men­schen von Gut und Bö­se, und sie wis­sen nicht, daß es im Wel­ten­plan not­wen­dig ist, daß das Bö­se auch zu sei­ner Spit­ze kommt, da­mit die­je­ni­gen, die die­ses Bö­se über­win­den müs­sen, ge­ra­de in der Über­win­dung des Bö­sen die Kraft so nüt­zen, daß ein um so grö­ße­res Gu­tes her­aus­kommt. Aber es müs­sen die au­s­er­le­sens­ten Men­schen dar­auf vor­be­rei­tet wer­den, daß sie hin­über­le­ben über das Zei­tal­ter des gro­ßen Krie­ges al­ler ge­gen al­le, wo Men­schen ih­nen ent­ge­gen­ste­hen wer­den, die in ih­rem Ant­litz ha­ben wer­den die Zei­chen des Bö­sen, sie müs­sen vor­be­rei­tet wer­den dar­auf, daß so­viel als mög­lich gu­te Kraft ein­f­lie­ßen muß in die Mensch­heit. Es wird noch mög­lich sein, daß die bis zu ei­nem ge­wis­sen Gra­de wei­chen Lei­ber nach dem gro­ßen Krie­ge al­ler ge­gen al­le um­ge­formt wer­den durch die be­kehr­ten See­len, durch die See­len, die noch in die­sem letz­ten Zei­traum zu dem Gu­ten hin­über­ge­führt wer­den. Da­mit wird viel er­reicht wer­den. Das Gu­te wür­de nicht ein so gro­ßes Gu­tes sein, wenn es nicht al­so wach­sen wür­de durch die Über­win­dung des Bö­sen. Die Lie­be wür­de kei­ne so in­ten­si­ve sein, wenn sie nicht ei­ne so gro­ße Lie­be wer­den müß­te, um selbst das Häß­li­che im Ant­lit­ze der bö­sen Men­schen zu über­win­den. Das wird schon vor­her vor­be­rei­tet, und den Schü­l­ern wird ge­sagt: Al­so dürft ihr nicht glau­ben, daß das Bö­se nicht im Sc­höp­fer­plan be­grün­det sei. Es ist da­r­in­nen, daß durch es ein­mal das gro­ße Gu­te sei.

Die­je­ni­gen, die vor­be­rei­tet wer­den in ih­ren See­len durch sol­che Leh­ren, da­mit sie einst­mals die­se gro­ße Er­zie­hungs­auf­ga­be lö­sen

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kön­nen, das sind die Schü­ler je­ner Geis­tes­rich­tung, die man nennt das Ma­nichäer­tum. Die Ma­nichäer­rich­tung wird ge­wöhn­lich falsch ver­stan­den. Wo Sie ir­gend et­was hö­ren oder le­sen dar­über, da ver­neh­men Sie ei­ne phra­sen­haf­te Re­de. Da heißt es, die Ma­nichäer glaub­ten, es ge­be von An­fang der Welt an zwei Prin­zi­pi­en, das Gu­te und das Bö­se. So ist es nicht, son­dern es ist die Leh­re, die Ih­nen eben au­s­ein­an­der­ge­setzt wor­den ist. Sol­che Leh­re und ih­re Um­set­zung für die Zu­kunft und die Schü­ler, die an­ge­lei­tet wer­den so, daß sie in künf­ti­gen Ver­kör­pe­run­gen solch ei­ne Auf­ga­be leis­ten kön­nen, das ist es, was man un­ter dem Na­men Ma­nichäer­tum ver­steht. Ma­nes ist je­ne ho­he In­di­vi­dua­li­tät, die im­mer und im­mer wie­der auf der Er­de ver­kör­pert ist, die der lei­ten­de Geist ist de­rer, die zur Be­keh­rung des Bö­sen da sind. Wenn wir von den gro­ßen Füh­r­ern der Men­schen sp­re­chen, so müs­sen wir auch die­ser In­di­vi­dua­li­tät ge­den­ken, wel­che sich die­se Auf­ga­be ge­setzt hat. Es wird, wenn auch in der Ge­gen­wart die­ses Prin­zip des Ma­nes sehr in den Hin­ter­grund hat tre­ten müs­sen, weil we­nig Ver­ständ­nis für den Spi­ri­tua­lis­mus da ist, es wird die­ses wun­der­bar herr­li­che Ma­nichäer-Prin­zip mehr und mehr Schü­ler ge­win­nen, je mehr wir dem Ver­ständ­nis des spi­ri­tu­el­len Le­bens ent­ge­gen­ge­hen.

So se­hen Sie, wie hin­über­lebt die ge­gen­wär­ti­ge Mensch­heit in die neue, spä­te­re Zeit über den Krieg al­ler ge­gen al­le hin­aus, eben­so wie je­ne Stamm­ras­se der At­lan­tier her­über­ge­lebt hat in un­se­re Zeit und un­se­re Kul­tur be­grün­det hat. In sie­ben au­f­ein­an­der­fol­gen­den Stu­fen wird sich nach dem gro­ßen Krie­ge al­ler ge­gen al­le die Mensch­heit ent­fal­ten. Und wir ha­ben schon ge­se­hen, wie das­je­ni­ge, was über die Ent­sie­ge­lung der sie­ben Sie­gel ge­sagt wird in der Apo­ka­lyp­se des Jo­han­nes, uns den Cha­rak­ter an­gibt der au­f­ein­an­der­fol­gen­den sie­ben Stamm­kul­tu­ren, der sie­ben Kul­tur­stu­fen nach dem gro­ßen Krie­ge. Dann, wenn die­se Kul­tur, die der heu­ti­ge Mensch nur als Ein­ge­weih­ter in der as­tra­li­schen Welt und in der Sym­bo­lik der­sel­ben zu schau­en ver­mag, ab­ge­lau­fen sein wird, dann wird ei­ne neue Pe­rio­de für un­se­re Er­den­ent­wi­cke­lung be­gin­nen, in der wie­der­um neue For­men auf­t­re­ten wer­den. Und die­se neue Pe­rio­de, die dann folgt auf die eben be­schrie­be­ne, die wird uns

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sym­bo­li­siert in der Apo­ka­lyp­se des Jo­han­nes durch die sie­ben Po­sau­n­en­klän­ge. Eben­so wie die Kul­tur nach dem gro­ßen Krie­ge al­ler ge­gen al­le durch die sie­ben Sie­gel cha­rak­te­ri­siert wird, weil sie der Se­her heu­te nur von der as­tra­li­schen Welt aus se­hen kann, so wird durch die Po­sau­n­en­klän­ge die Kul­tur­stu­fe, die auf je­ne folgt, aus dem Grun­de so cha­rak­te­ri­siert, weil der Mensch sie nur wahr­neh­men kann von der ei­gent­lich geis­ti­gen Welt aus, wo die Sphä­ren­klän­ge er­tö­nen. Wie der Mensch in Bil­dern, in Sym­bo­len die Welt wahr­nimmt auf dem as­tra­li­schen Plan, so nimmt er in der in­spi­rie­ren­den Sphä­ren­mu­sik die Welt im De­vachan wahr, und in die­sem De­vachan liegt auch so­zu­sa­gen der Gip­fel von dem, was sich auf den gro­ßen Krieg al­ler ge­gen al­le fol­gend ent­hül­len wird.

So ha­ben wir, wenn wir es noch ein­mal dar­s­tel­len, in dem ne­ben­ste­hen­den Sche­ma un­se­re sie­ben Kul­tur­stu­fen in der Li­nie ab, und zwar so, daß wir die al­te in­di­sche Kul­tur als ers­te ha­ben, die al­te per­si­sche als die zwei­te, die as­sy­risch-ba­by­lo­nisch-chal­däisch-ägyp­tisch-jü­di­sche als drit­te, die grie­chisch-latei­ni­sche als vier­te und die uns­ri­ge als fünf­te Kul­tur­stu­fe der nachat­lan­ti­schen Zeit. Die Li­nie IV wä­re die at­lan­ti­sche Zeit, a die gro­ße Flut, durch die die­se ihr En­de fin­det, und b der gro­ße Krieg al­ler ge­gen al­le. Dann folgt ei­ne Kul­tur von sie­ben Stu­fen (VI), die re­prä­sen­tiert wird durch die sie­ben Sie­gel, und dann folgt ei­ne Kul­tur von sie­ben Stu­fen, die re­prä­sen­tiert wird durch die sie­ben Po­sau­nen. Hier liegt dann über­haupt die Gren­ze un­se­rer phy­si­schen Er­den­ent­wi­cke­lung.

Nun gin­gen der at­lan­ti­schen Kul­tur, der­je­ni­gen Kul­tur, die der uns­ri­gen vor­an­ging, auch wie­der­um Kul­tur­stu­fen voran. Denn die uns­ri­ge, die auf die at­lan­ti­sche folgt, ist auf un­se­rer Er­de be­reits die fünf­te Kul­tur­stu­fe. Es ge­hen ihr vier Kul­tur­stu­fen voran. Die ers­te kön­nen wir aber kaum ei­ne Kul­tur­stu­fe nen­nen. Da ist al­les noch fein äthe­risch-geis­tig, al­les noch so, daß, wenn es sich so wei­ter fort­ent­wi­ckelt hät­te, es über­haupt nicht für Sin­ne­s­or­ga­ne un­se­rer Art sicht­bar ge­wor­den wä­re. Die ers­te Kul­tur­stu­fe ent­wi­ckel­te sich, als noch nicht ein­mal die Son­ne sich von der Er­de ent­fernt hat­te. Da gab es ganz an­de­re Ver­hält­nis­se, da kann man nicht sp­re­chen von et­was, was un­se­ren Din­gen ähn­lich sah. Dann

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folgt ei­ne Zeit, die da­durch cha­rak­te­ri­siert wird, daß die Son­ne sich weg­be­wegt, dann ei­ne, die da­durch cha­rak­te­ri­siert wird, daß der Mond aus der Er­de her­aus­geht. Das ist die drit­te Stu­fe, was wir die al­te le­mu­ri­sche Zeit nen­nen. Da tritt der jet­zi­ge Mensch in sei­nen al­le­r­ers­ten An­fän­gen auf un­se­rer Er­de auf, von de­nen ich Ih­nen an­ge­deu­tet ha­be, daß es solch gro­tes­ke Kör­per­for­men wa­ren, daß es Sie scho­ckie­ren wür­de, wenn Sie sie ge­schil­dert er­hiel­ten. Auf die­se, die le­mu­ri­sche Zeit, folg­te dann die at­lan­ti­sche und end­lich die uns­ri­ge.

So se­hen Sie, daß wir sie­ben Kul­tur­stu­fen ha­ben auf un­se­rer Er­de, sie­ben Ent­wi­cke­lungs­pe­rio­den der Er­de. Auf zwei se­hen wir zu­rück als ganz und gar un­ähn­lich un­se­rer Zeit, auf ei­ne drit­te so, daß sie sich zum Teil ab­ge­spielt hat auf ei­nem Platz zwi­schen dem heu­ti­gen Afri­ka und dem heu­ti­gen Asi­en und Aus­tra­li­en, auf dem al­ten Le­mu­ri­en. Da gab es wie­der­um un­ter den da­ma­li­gen Men­schen ei­ne klei­ne Grup­pe, wel­che die Vor­ge­rück­tes­ten in sich faß­te. Die­se Grup­pe war die al­ler­letz­te der Ras­sen. Al­so, die al­ler­letz­te der le­mu­ri­schen Ras­sen hat­te ein klei­nes Häuf­lein, das aus­wan­dern konn­te und das nach­her die sie­ben Ras­sen der At­lan­tier be­grün­de­te. Die letz­te der le­mu­ri­schen Ras­sen be­grün­de­te die at­lan­ti­schen Ras­sen. Die fünf­te der at­lan­ti­schen Ras­sen be­grün­de­te un­se­re Kul­tur. Die sechs­te der uns­ri­gen Kul­tu­ren be­grün­det die zu­künf­ti­ge Kul­tur nach dem gro­ßen Krie­ge al­ler ge­gen al­le, und die al­ler­letz­te die­ser Kul­tu­ren wird die­je­ni­ge zu be­grün­den ha­ben, die durch die sie­ben Po­sau­nen an­ge­deu­tet wird.

Und nach die­ser Kul­tur, was wird dann ge­sche­hen? Da ist un­se­re Er­de zu­nächst am Ziel ih­rer phy­si­schen Ent­wi­cke­lung an­ge­langt. Da wer­den sich al­le Din­ge und We­sen­hei­ten auf un­se­rer Er­de um­ge­än­dert ha­ben. Denn wenn wir schon sa­gen müs­sen, daß in dem sechs­ten Zei­traum die Men­schen auf ih­rem Ant­lit­ze ihr

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Gu­tes und ihr Bö­ses tra­gen wer­den, dann wer­den wir um so mehr von je­nem sie­ben­ten sa­gen müs­sen, daß der Mensch in sei­ner Ge­stalt und al­le We­sen in ih­rer Ge­stalt ein Aus­druck sein wer­den des Gu­ten und des Bö­sen in viel höhe­rem Ma­ße noch als in dem sechs­ten Zei­traum. Al­les, was Ma­te­rie ist, wird den Stem­pel des Geis­tes tra­gen. Nichts, nichts wird in die­sem sie­ben­ten Zei­traum so sein, daß es ir­gend­wie ver­hüllt wer­den könn­te. Es ist schon für die Be­woh­ner des sechs­ten Zei­trau­mes nicht mög­lich, daß sie dem­je­ni­gen, der den Blick da­für hat, et­was ver­hül­len. Der Bö­se wird aus­drü­cken das Bö­se, der Gu­te das Gu­te. Aber in dem sie­ben­ten Zei­traum wird es nicht ein­mal mög­lich sein, durch die Spra­che zu ver­hül­len, was in der See­le ist. Der Ge­dan­ke wird nicht mehr ein stum­mer Ge­dan­ke sein, der ver­bor­gen wer­den kann. Wenn die See­le denkt, wird sie auch den Ge­dan­ken nach au­ßen er­k­lin­gen las­sen. Er wird dann so sein, wie die­ser Ge­dan­ke schon heu­te ist für den Ein­ge­weih­ten. Für den Ein­ge­weih­ten er­k­lingt der Ge­dan­ke heu­te im De­vachan. Aber die­ses De­vachan wird her­un­ter­ge­s­tie­gen sein bis in die phy­si­sche Welt, so wie die as­tra­li­sche Welt her­un­ter­ge­s­tie­gen sein wird bis in die phy­si­sche im sechs­ten Zei­traum. Heu­te schon ist der sechs­te Zei­traum zu fin­den in der as­tra­li­schen Welt, der sie­ben­te in der himm­li­schen Welt. Der sechs­te Zei­traum ist die her­un­ter­ge­s­tie­ge­ne as­tra­li­sche Welt, das heißt die Ab­bil­der, die Aus­drü­cke, die Of­fen­ba­run­gen da­von. Der sie­ben­te wird sein die her­un­ter­ge­s­tie­ge­ne himm­li­sche Welt, der Aus­druck der­sel­ben. Und dann wird die Er­de am Zie­le ih­rer phy­si­schen Ent­wi­cke­lung an­ge­langt sein.

Dann ver­wan­delt sich die Er­de in ei­nen as­tra­li­schen Him­mels­kör­per. Al­les, was an der Er­de ist als We­sen, ver­wan­delt sich in ei­nen as­tra­li­schen Him­mels­kör­per. Die phy­si­sche Sub­stanz ver­schwin­det als phy­si­sche Sub­stanz, sie geht in dem Teil, der bis da­hin die Mög­lich­keit ge­fun­den hat sich zu ver­geis­ti­gen, über in den Geist, in die as­tra­li­sche Sub­stanz. Al­so den­ken Sie wohl: Al­le die­je­ni­gen We­sen­hei­ten der Er­de, wel­che bis da­hin die Mög­lich­keit ge­fun­den ha­ben, in ih­rer äu­ße­ren ma­te­ri­el­len Ge­stalt aus­zu­drü­cken das Gu­te, das Ed­le, das In­tel­lek­tu­el­le, das Sc­hö­ne, die in ih­rem

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Ant­litz ei­nen Ab­druck zei­gen wer­den des Chris­tus Je­sus, die in ih­ren Wor­ten ei­nen Aus­druck zei­gen wer­den des Chris­tus Je­sus, die da tö­nen wer­den als tö­nen­de Ge­dan­ken, al­le die wer­den die Macht ha­ben, das, was sie an phy­si­scher Ma­te­rie in sich ha­ben, auf­zu­lö­sen, wie lau­es Was­ser Salz auflöst. Al­les Phy­si­sche wird über­ge­hen in ei­ne as­tra­li­sche Wel­ten­ku­gel. Das­je­ni­ge aber, was bis da­hin es nicht so weit ge­bracht hat, in dem Ma­te­ri­el­len, in dem Kör­per­li­chen ein Aus­druck des Ed­len, Sc­hö­nen, In­tel­lek­tu­el­len, des Gu­ten zu sein, das wird nicht die Kraft ha­ben, die Ma­te­rie auf­zu­lö­sen. Für das wird die Ma­te­rie be­ste­hen blei­ben, das wird sich ver­här­ten in die Ma­te­rie, das wird be­hal­ten ma­te­ri­el­le Ge­stalt. Es wird an die­ser Stel­le der Er­den­ent­wi­cke­lung statt­fin­den ein Auf­s­tieg ins Geis­ti­ge mit lau­ter Ge­stal­ten, die in die­sem As­tra­li­schen le­ben wer­den und die aus­schei­den wer­den aus sich ei­ne an­de­re ma­te­ri­el­le Ku­gel, ei­ne Ku­gel, wel­che die We­sen ent­hal­ten wird, die un­brauch­bar sind für den Auf­s­tieg, weil sie nicht das Ma­te­ri­el­le auflö­sen kön­nen.

So wird un­se­re Er­de ih­rer Zu­kunft ent­ge­gen­le­ben. So wird sie in ih­rer Ma­te­rie sich im­mer mehr ver­fei­nern, in­dem die See­le von in­nen her­aus die­se Ma­te­rie all­mäh­lich ver­fei­nert, bis sie die Kraft er­hält, sie auf­zu­lö­sen. Dann wird die Zeit kom­men, wo das Nicht­auflös­ba­re her­aus­ge­trie­ben wird in ei­ner be­son­de­ren Wel­ten­ku­gel. Sie­ben Zei­träu­me wer­den ver­ge­hen, wäh­rend das her­aus­ge­trie­ben wird, was in der Ma­te­rie sich ver­här­tet hat, und die Kraft, die das her­aus­ge­trie­ben, wird die ge­gen­tei­li­ge Kraft sein von der, wel­che die gu­ten We­sen hin­auf­ge­trie­ben ha­ben wird. Was wird sie denn zum Auflö­sen der Ma­te­rie brin­gen? Das ist eben die Kraft der Lie­be, die durch das Chris­tus-Prin­zip ge­won­nen wird. Die We­sen wer­den fähig, die Ma­te­rie auf­zu­lö­sen da­durch, daß sie die Lie­be in ih­re See­le auf­neh­men. Je wär­m­er die See­le wird durch die Lie­be, des­to in­ten­si­ver wird sie wir­ken kön­nen auf das Ma­te­ri­el­le. Sie wird die gan­ze Er­de ver­geis­ti­gen, ve­ras­tra­li­sie­ren, in ei­ne As­tral­ku­gel ver­wan­deln. Aber eben­so wie die Lie­be die Ma­te­rie auflöst wie lau­es Was­ser das Salz, so wird das Ge­gen­teil von Lie­be hin­un­ter­drü­cken, wie­der­um durch sie­ben Stu­fen, al­les, was nicht fähig ge­wor­den ist, die­se Er­den­mis­si­on zu er­fül­len.

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Das Ge­gen­teil der gött­li­chen Lie­be nennt man den gött­li­chen Zorn. Das ist der tech­ni­sche Aus­druck. Wie die­se Lie­be im Lau­fe der vier­ten Kul­tur­stu­fe der Mensch­heit ein­ge­prägt wor­den ist, wie sie im­mer wär­m­er und wär­m­er wird durch die letz­ten Kul­tur­stu­fen un­se­rer Zeit, durch die sechs­te und sie­ben­te, so wächst an auf der an­de­ren Sei­te das­je­ni­ge, was die Ma­te­rie um sich ver­här­tet: der gött­li­che Zorn. Und die­ses Wir­ken des gött­li­chen Zor­nes, die­ses Hin­aus­sto­ßen der Ma­te­rie, wird uns an­ge­deu­tet in der Apo­ka­lyp­se des Jo­han­nes durch das Aus­gie­ßen der sie­ben gött­li­chen Zor­nes-scha­len. Stel­len Sie sich vor, wie das Gan­ze so­zu­sa­gen fi­gür­lich sein wird: Die Er­de wird im­mer fei­ner und fei­ner in der Ma­te­rie, der Mensch auch im­mer geis­ti­ger in sei­ner Ma­te­rie, und die gröbs­ten Tei­le wer­den nur sicht­bar sein in dem Fei­nen wie Scha­len, wie zum Bei­spiel die Rep­ti­li­en sie ab­wer­fen oder die Schne­cken. So wer­den die har­ten Tei­le im­mer mehr und mehr an­ge­g­lie­dert sein der sich ver­fei­nern­den Ma­te­rie. In dem letz­ten Zei­traum, dem Zei­traum der Po­sau­n­en­klän­ge, wür­den Sie schon se­hen mit hell­se­he­ri­schen Au­gen, wie die Men­schen aus fei­nen Lei­bern be­ste­hen, aus durch­geis­tig­ten Lei­bern, und wie die­je­ni­gen, die in sich ver­här­tet ha­ben das ma­te­ri­el­le Prin­zip, das in sich be­wahrt ha­ben, was heu­te die wich­tigs­ten Be­stand­tei­le der Ma­te­rie sind, und wie das wie Hül­sen her­un­ter­fal­len wird in die­se ma­te­ri­el­le Ku­gel, die als Über­b­leib­sel sein wird nach die­sem Zei­traum, der durch die Po­sau­n­en­klän­ge an­ge­deu­tet wird.

Das ist es, was uns die Apo­ka­lyp­se des Jo­han­nes als Pro­phe­tie gibt. Und es ist wich­tig, daß wir uns mit un­se­rer See­le in die­se Pro­phe­tie ein­füh­len, so daß sie be­feu­ernd auf un­se­ren Wil­len wirkt. Denn was hat als­dann der Mensch aus sich ge­macht, wenn die­ser sechs­te und sie­ben­te Zei­traum vor­über sein wer­den? Was hat der Mensch dann aus sei­nem Lei­be ge­macht? Wenn wir jetzt den men­sch­li­chen Leib an­se­hen, so ist er noch nicht der Aus­druck der in­ne­ren See­le. Aber im­mer mehr und mehr wird der Leib ein Aus­druck des­sen wer­den, was die See­le in ih­rem In­nern er­lebt. Da­durch wird das äu­ße­re Leib­li­che ein Aus­druck des Gu­ten, daß der Mensch auf­nimmt die höchs­te Bot­schaft, die höchs­te Leh­re, die es

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auf die­ser Er­de gibt, und die­se höchs­te der Leh­ren ist die Bot­schaft von dem Chris­tus Je­sus auf der Er­de. Das Höchs­te, das uns ge­ge­ben wer­den kann, ist die Bot­schaft von Chris­tus Je­sus. Wohl müs­sen wir sie auf­neh­men, und nicht bloß mit dem Ver­stand. Wir müs­sen sie in un­ser In­ners­tes auf­neh­men, wie man die Nah­rung im phy­si­schen Lei­be auf­nimmt. Und in­dem die Mensch­heit sich durch die­se Kul­tur­stu­fe hin­über­ent­wi­ckelt, wird sie im­mer mehr und mehr die fro­he Bot­schaft in ihr In­ne­res auf­neh­men, und ge­ra­de die Auf­nah­me der Bot­schaft der Lie­be wird sie als das Er­geb­nis der Er­den­mis­si­on zu be­trach­ten ha­ben. In den Evan­ge­li­en, in dem «Bu­che», ist die Kraft der Lie­be ent­hal­ten, al­le Kraft der Lie­be. Und der Se­her kann nichts an­de­res sa­gen als: Ich se­he im Geis­te ei­ne Zeit vor mir, wo das­je­ni­ge, was im Evan­ge­li­um ist, nicht mehr in ei­nem Bu­che drau­ßen sein wird, son­dern wo das ver­sch­lun­gen sein wird vom Men­schen sel­ber.

Un­se­re Er­den­ent­wi­cke­lung be­ruht auf zwei­er­lei. Un­se­rer Er­de ist vor­an­ge­gan­gen das­je­ni­ge, was wir nen­nen den Kos­mos der Weis­heit, und ihm ist vor­an­ge­gan­gen das­je­ni­ge, was wir nen­nen das Wort sagt frei­lich nicht viel, aber wir müs­sen es ge­brau­chen, weil es ge­bräuch­lich ge­wor­den ist den Kos­mos der Stär­ke, der Kraft. Weis­heit und Stär­ke ist es, was die Er­de als Erb­schaft von frühe­ren Ent­wi­cke­lungs­stu­fen, vom al­ten Mond und der al­ten Son­ne über­nom­men hat. Wir wer­den se­hen, wie inn­er­halb un­se­rer Er­den­ent­wi­cke­lung das auch zum Aus­druck kommt da­durch, daß wir die ers­te Hälf­te der Er­den­ent­wi­cke­lung nach dem Ver­t­re­ter der Son­nen­kraft, dem Mars, be­nen­nen. Denn jetzt brau­chen wir nur zu be­den­ken, daß wir inn­er­halb un­se­rer Er­den­ent­wi­cke­lung im Mars das­je­ni­ge ha­ben, was der Er­de ein­gepflanzt hat das Ei­sen. Wir se­hen im Mars den Brin­ger von Stär­ke. Und in dem, was die zwei­te Hälf­te der Er­den­ent­wi­cke­lung be­herrscht, ha­ben wir den Stell­ver­t­re­ter der al­ten Mon­den­ent­wi­cke­lung, den Mer­kur, wel­cher der Er­de die al­te Erb­schaft des Mon­des, die Weis­heit, ein­ver­leibt. So setzt sich uns die Er­den­ent­wi­cke­lung zu­sam­men aus Mars- und Mer­kur­ent­wi­cke­lung. Sie hat als Erb­schaft über­nom­men zwei star­ke, ge­wal­ti­ge Kräf­te. Das, was sie er­erbt hat vom Kos­mos der Stär­ke,

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drückt sich aus im Mars, und was sie er­erbt hat vom Kos­mos der Weis­heit, drückt sich im Mer­kur aus. Sie, die Er­de sel­ber, soll hin­zu­brin­gen die Lie­be durch ih­re Mis­si­on. Die­se Lie­be soll als das Er­geb­nis der Er­den­ent­wi­cke­lung sich herr­lich of­fen­ba­ren. Das ist ein sehr tie­fer Ge­dan­ke des Apo­ka­lyp­ti­kers. Das ist der tie­fe Ge­dan­ke, der au­ßer­dem an­knüpft an die gan­ze üb­ri­ge Er­den­ent­wi­cke­lung. (Sie­he das vier­te Sie­gel­bild.)

Noch ein­mal ver­set­zen Sie sich mit mir zu­rück in die äl­tes­te at­lan­ti­sche Zeit, in je­ne Zeit, von der wir ge­sagt ha­ben, daß die Luft noch durch­setzt war von Was­ser. Der Mensch war noch für das Was­ser ge­baut. In der Mit­te der At­lan­tis erst ist er so weit, daß er sich dem Was­ser en­t­reißt und den fes­ten Bo­den be­tritt. Bis zu der Zeit, wo die Er­de in der Mit­te ih­rer Ent­wi­cke­lung war, müs­sen wir das Was­ser eben­so als den Trä­ger der men­sch­li­chen Ent­wi­cke­lung auf­fas­sen wie spä­ter die fes­te Er­de. Die fes­te Er­de wur­de so­zu­sa­gen erst spät der Schau­platz der Men­schen. Es ist nur halb rich­tig, wenn man von der gan­zen At­lan­tis wie von ei­nem tro­cke­nen Lan­de spricht. Sie ist in vie­ler Be­zie­hung nicht et­wa vom Mee­re be­deckt, aber von ei­nem sol­chen Mit­tel­ding, wie Luft, die von Was­ser dicht er­füllt ist, und die­se Was­ser-Luft ge­hört zu dem Ele­men­te, in dem der Mensch leb­te. Erst spä­ter wur­de er fähig, in der frei­en Luft zu le­ben und auf dem fes­ten Bo­den zu ste­hen. Das ist ver­hält­nis­mä­ß­ig noch nicht lan­ge her. So daß wir sa­gen, wenn wir die Er­den­ent­wi­cke­lung über­bli­cken, sym­bo­lisch aus­ge­drückt: Wir ha­ben auf der ei­nen Sei­te Er­de und auf der an­de­ren Sei­te Was­ser. Das ist die frühe­re Zeit. Und aus dem Was­ser ragt her­vor die ei­ne der Kräf­te bis zur ers­ten Hälf­te der Ent­wi­cke­lung, und aus der Er­de ragt her­vor die an­de­re der Kräf­te. Bis zur Mit­te der vier­ten Pe­rio­de sp­re­chen wir von den Mars­kräf­ten, von den Kräf­ten, die so­zu­sa­gen das Was­ser gibt, und wir sp­re­chen von den Mer­kur­kräf­ten in der spä­te­ren Zeit, wo die fes­te Er­de die Stütz­kräf­te gibt. Das glie­dert sich so recht zu­sam­men in die Vor­stel­lung, daß der Mensch ge­stützt wird in sei­ner gan­zen Er­den­mis­si­on durch zwei Säu­len, je­ne zwei Säu­len, die Sie sym­bo­lisch ge­se­hen ha­ben beim Mün­che­ner Kon­g­reß im Saa­le. Die­se zwei Säu­len stel­len dar die

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zwei Tei­le der Er­den­mis­si­on, die zwei Erb­schaf­ten, die der Mensch ge­macht hat von frühe­ren Zei­ten. Und über ih­nen sym­bo­li­siert sich das­je­ni­ge, was durch die Er­de sel­ber er­reicht wer­den soll: die Lie­be, die sich dar­lebt, herr­lich sich of­fen­ba­rend, die ge­stützt wird durch die­se Erb­schaf­ten.

So schil­dert der Apo­ka­lyp­ti­ker es wir­k­lich so, wie es sich dar­s­tellt für den Men­schen, der auf­s­teigt in geis­ti­ge Re­gio­nen. Des­halb wird das­je­ni­ge, was uns ent­ge­gen­tritt, wenn wir an­schau­en, was über die Er­de hin­aus liegt, was uns ent­ge­gen­tritt in dem Mo­men­te, wo die Er­den­sub­stanz ih­re Ma­te­rie auflöst ins Geis­ti­ge, sym­bo­lisch an­ge­deu­tet durch das, was wir in dem vier­ten Sie­gel se­hen. Selbst­ver­ständ­lich muß es jetzt um­ge­kehrt er­schei­nen, weil es Zu­künf­ti­ges dar­s­tellt. Es er­schei­nen uns die zwei Kräf­te, wel­che die Er­de als Erb­schaft über­nom­men hat vom Kos­mos der Weis­heit und der Stär­ke, und es er­scheint uns al­les, was als Er­fül­lung der Er­den­mis­si­on sich zeigt als die Kraft der Lie­be, die der Mensch aus­bil­det, und das Gan­ze er­scheint uns wie die Per­so­ni­fi­ka­ti­on des zu­künf­ti­gen Men­schen, so daß der Mensch der Zu­kunft, ge­stützt von die­sen bei­den Kräf­ten, durch­drun­gen von die­ser Kraft der Lie­be, uns sym­bo­lisch hier ent­ge­gen­tritt. Die Bot­schaft der Lie­be, das Buch, das er vor sich hat, ist ein Buch, das nicht nur von au­ßen wirkt, son­dern das er ver­sch­lin­gen soll. Da se­hen wir vor uns hin­ge­s­tellt das ge­wal­ti­ge Bild, das hier uns er­scheint. «Und ich sah ei­nen an­de­ren Kraf­ten­gel» das heißt ein We­sen, das so dar­ge­s­tellt wird, weil es schon über dem heu­ti­gen Men­schen steht «von den geis­ti­gen Sphä­ren her­ab­kom­men», so sieht es der Se­her, «der war mit ei­ner Wol­ke be­k­lei­det und sein Ant­litz war wie die Son­ne und sei­ne Fü­ße wie Pfei­ler, feu­ri­ge Pfei­ler.» Das sind die zwei Kräf­te, von de­nen wir ge­spro­chen ha­ben, wel­che die Er­de als Erb­schaft emp­fan­gen hat. «Und er hat­te in sei­ner Hand ein Büch­lein auf­ge­tan; und er setz­te sei­nen rech­ten Fuß auf das Meer und den lin­ken auf die Er­de.» Und Jo­han­nes sprach zum En­gel: «Gib mir das Büch­lein.» «Und er sprach zu mir: Nimm hin und ver­sch­lin­ge es; und es wird dich im Bau­che grim­men, aber in dei­nem Mun­de wird es süß sein wie Ho­nig. Und ich nahm das Büch­lein

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von der Hand des En­gels und ver­schlang es; und es war süß in mei­nem Mun­de wie Ho­nig.»

Da ha­ben wir das, was uns ge­sagt wer­den muß als die Emp­fin­dung, die auf­tritt im Se­her, wenn er sei­nen Blick hin­rich­tet auf den Punkt, wo die Er­de aus dem Phy­sisch-Ma­te­ri­el­len ins As­tra­lisch-Geis­ti­ge über­geht, wo die Er­den­mis­si­on er­reicht ist. Und wenn der Se­her dies sieht, dann lernt er, was wir­k­lich mit die­ser Bot­schaft der Lie­be zu­sam­men­hängt, die als Im­puls auf der vier­ten Kul­tur­stu­fe her­ein­ge­zo­gen ist: er lernt schon im heu­ti­gen Le­ben, wie der Apo­ka­lyp­ti­ker es ge­lernt hat, was Se­lig­keit ist und was der Mensch­heit als Se­lig­keit vor­an­ge­s­tellt wer­den kann. Aber er lernt es eben im heu­ti­gen Lei­be; denn wenn auch ein noch so ho­hes We­sen mit Men­schen le­ben woll­te, müß­te es sich flei­sch­lich ver­kör­pern. Und in man­cher Be­zie­hung gibt der heu­ti­ge Leib ge­ra­de da­durch, daß er dem Geist die Mög­lich­keit bie­tet, hoch hin­auf­zu­s­tei­gen, auch die Mög­lich­keit zu lei­den. Wäh­rend al­so die See­le des Se­hers, die der Apo­ka­lyp­ti­ker ge­schil­dert hat, in geis­ti­ge Re­gio­nen hin­auf­s­tei­gen kann, um das Evan­ge­li­um der Lie­be zu emp­fan­gen, und im Geis­te die Se­lig­keit süß wie Ho­nig emp­fin­den kann, lebt der Se­her doch in ei­nem heu­ti­gen Lei­be, und dem­ent­sp­re­chend muß er aus­drü­cken, daß das Hin­auf­s­tei­gen im heu­ti­gen Lei­be in vie­ler Be­zie­hung das Ge­gen­stück je­ner Se­lig­keit her­vor­ruft. Das drückt er da­durch aus, daß er sagt, das Büch­lein ma­che ihm, ob es gleich süß sei wie Ho­nig, als er es ver­schluckt hat, grim­mi­ge Sch­mer­zen im Bau­che. Aber das ist nur ein klei­ner Ab­glanz von dem, «im Lei­be ge­k­reu­zigt» zu sein. Je höh­er der Geist steigt, des­to schwie­ri­ger wird ihm das Woh­nen im Lei­be. Und das ist zu­nächst der sym­bo­li­sche Aus­druck für die­se Sch­mer­zen: «Ge­k­reu­zigt sein im Lei­be.»

Da­mit ha­ben wir skiz­zen­haft an­ge­deu­tet, was ge­sche­hen wird inn­er­halb un­se­rer Er­den­ent­wi­cke­lung, was dem Men­schen in der Er­den­ent­wi­cke­lung be­vor­steht. Wir sind her­an­ge­kom­men bis zu dem Punkt, wo der Mensch ver­wan­delt wird, ver­wan­delt wird ins As­tra­li­sche, wo die Er­de in ih­ren bes­ten Tei­len als phy­si­sche Er­de ver­schwin­den und ins Geis­ti­ge über­ge­hen wird, wo nur et­was wie

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ein ab­ge­son­der­ter Teil durch den gött­li­chen Zorn ab­fal­len wird in den Ab­grund. Und wir wer­den se­hen, daß selbst da noch nicht die letz­te Stu­fe er­s­tie­gen ist, aus der nicht Ret­tung mög­lich wä­re, ob­zwar das­je­ni­ge, was sich gel­tend macht in dem Ab­grund, durch die furcht­bars­ten Sym­bo­le ge­kenn­zeich­net wird: durch das sie­ben­köp­fi­ge und zehn­hör­ni­ge und durch das zwei­hör­ni­ge Tier.

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NEUNTER VORTRAG, Nürnberg, 26. Juni 1908

Ges­tern sind wir in un­se­rer Schil­de­rung von der Ent­wi­cke­lung des Men­schen bis zu dem Punk­te ge­langt, wo nach je­ner Zeit, die durch die sie­ben Po­sau­n­en­stö­ße cha­rak­te­ri­siert wird, die Er­de mit all ih­ren We­sen­hei­ten über­geht in ei­nen an­de­ren Zu­stand, wo so­zu­sa­gen das Phy­si­sche sich auflöst und ver­wan­delt in Geis­ti­ges, zu­nächst in As­tra­li­sches. Es ent­steht ei­ne as­tra­li­sche Er­de, und in die­se as­tra­li­sche Er­de ge­hen al­le die­je­ni­gen We­sen­hei­ten ein, wel­che da­zu reif ge­wor­den sind, das heißt, wel­che fähig ge­wor­den sind, selbst ihr Ma­te­ri­el­les zu über­win­den, zu ver­wen­den im Di­ens­te des Geis­ti­gen. Da­ge­gen wird al­les das, was nicht im­stan­de ist, das Leib­li­che, das Ma­te­ri­el­le in Geis­ti­ges zu ver­wan­deln, was haf­tet am Ma­te­ri­el­len, aus­ge­wor­fen wer­den und ei­ne Art Ne­be­n­er­de bil­den, de­ren Be­trach­tung recht lehr­reich ist, um das Schick­sal der zu­künf­ti­gen Mensch­heit zu er­ken­nen. Da­zu ist es aber vor al­len Din­gen nütz­lich, daß wir uns ein­mal klar­ma­chen, was bei die­ser As­tra­li­sie­rung un­se­rer Er­de aus den­je­ni­gen Men­schen ge­wor­den ist, die den Rei­fe­grad er­langt ha­ben, die das Chris­tus-Prin­zip in sich auf­ge­nom­men und wirk­sam ha­ben wer­den las­sen. Was aus dem Men­schen wer­den kann, das soll uns nun ein­mal be­schäf­ti­gen.

Wir wer­den am bes­ten ver­ste­hen, was aus dem Men­schen wer­den kann, wenn wir die Ge­duld ha­ben, den Men­schen noch­mals zu be­trach­ten, wie er ge­wor­den ist und wel­che Ent­wi­cke­lungs­mög­lich­kei­ten für die Zu­kunft in ihm sind. Wenn wir den Men­schen heu­te be­trach­ten, so steht er vor uns als ein vier­g­lie­d­ri­ges We­sen. Das ers­te, was wir am Men­schen er­ken­nen, ist der so­ge­nann­te phy­si­sche Leib. Das ist das­je­ni­ge Glied, das der Mensch ge­mein­schaft­lich hat mit al­len heu­ti­gen Ge­sc­höp­fen des Mi­ne­ral­rei­ches, das man am Men­schen mit Au­gen se­hen, mit Hän­den grei­fen kann. Es ist das nie­ders­te Glied der men­sch­li­chen We­sen­heit, das­je­ni­ge, was al­lein zu­rück­b­leibt als Leich­nam im To­de. Aber die­ser phy­si­sche

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Leib wür­de je­den Au­gen­blick das Schick­sal ha­ben, das der Leich­nam im To­de hat, er wür­de zer­fal­len, wenn er nicht durch­drun­gen wä­re von dem, was wir nen­nen den Äther- oder Le­bens­leib. Die­sen Äther­leib hat der Mensch nicht mehr ge­mein­schaft­lich mit den Ge­sc­höp­fen des mi­ne­ra­li­schen Rei­ches, er hat ihn ge­mein­schaft­lich mit den We­sen des Pflan­zen­rei­ches auf der Er­de. Der Äther­leib ist in je­dem Men­schen ein Kämp­fer ge­gen den Tod, der zwi­schen Ge­burt und Tod die Tei­le des phy­si­schen Lei­bes, die sich fort­wäh­rend tren­nen wol­len, zu­sam­men­hält. Was ist in Wahr­heit des Men­schen phy­si­scher Leib? Das, was er nach ei­ni­ger Zeit wird, wenn der Tod die Ge­stalt zer­stört hat: Asche, ein Häuf­lein Asche, das nur so künst­lich in sei­nen Tei­len hin­ein­ge­ord­net ist in den Le­bens­leib, daß das Gan­ze des Men­schen den Ein­druck macht, den es heu­te auf den Be­schau­er aus­übt. Das zwei­te Glied al­so ist der Äther- oder Le­bens­leib. Das drit­te, das der Mensch mit al­len Tie­ren ge­mein hat, ist der so­ge­nann­te as­tra­li­sche Leib, der Trä­ger von al­len In­s­tink­ten, Lei­den­schaf­ten, Be­gier­den, von al­len Ge­dan­ken und Vor­stel­lun­gen und so wei­ter, das, was man ge­wöhn­lich das See­li­sche nennt im Men­schen. Dann ha­ben wir als vier­tes je­nes Glied der men­sch­li­chen We­sen­heit, das den Men­schen zur Kro­ne der Er­den­sc­höp­fung macht, wel­ches ver­ur­sacht, daß er hin­aus­ragt über al­le üb­ri­gen We­sen­hei­ten der Er­den­sc­höp­fung und das den Men­schen vor­zugs­wei­se da­zu be­fähigt, sich als Ich, als in­di­vi­du­el­les, selbst­be­wuß­tes We­sen des Er­den­da­seins zu ent­wi­ckeln.

In der Zu­kunft wird die Ent­wi­cke­lung des Men­schen so ver­lau­fen, daß der Mensch nach und nach von sei­nem Ich aus die nie­de­ren Tei­le, die un­ter dem Ich lie­gen, be­ar­bei­tet, durch­ar­bei­tet, daß er das Ich zum Herrn der an­de­ren Tei­le macht. Wenn das Ich durch­ge­ar­bei­tet, zu sei­nem Ei­gen­tum ge­macht hat den as­tra­li­schen Leib, so daß nichts mehr von un­be­wuß­ten und un­be­wach­ten Trie­ben, In­s­tink­ten und Lei­den­schaf­ten in die­sem As­tral­leib ist, dann hat es aus­ge­bil­det, was wir Geist­selbst oder Ma­nas nen­nen. Das ist nichts an­de­res, als was der as­tra­li­sche Leib auch ist, nur ist die­ser eben vor sei­ner Um­wand­lung durch das Ich das drit­te Glied. Wenn das Ich dann auch den Äther­leib um­wan­delt, so ent­steht Buddhi

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oder Le­bens­geist, und wenn das Ich einst­mals in ur­fer­ner Zu­kunft den phy­si­schen Leib um­wan­delt, so daß die­ser durch das Ich selbst ganz ver­geis­tigt ist und das ist die schwie­rigs­te Ar­beit, weil der phy­si­sche Kör­per der dich­tes­te ist , dann hat sich der phy­si­sche Leib zum höchs­ten Glied der men­sch­li­chen We­sen­heit ent­wi­ckelt, zu At­ma oder Geist­mensch.


So ha­ben wir, wenn wir uns die­sen Men­schen vor­s­tel­len in sei­ner Sie­ben­g­lie­d­rig­keit, den phy­si­schen Leib, den Äther- oder Le­bens­leib, den as­tra­li­schen Leib, das Ich, fer­ner das­je­ni­ge, was der Mensch in der Zu­kunft ent­wi­ckelt, Geist­selbst oder Ma­nas, Le­bens­geist oder Buddhi und Geist­mensch oder At­ma. Das ist der sie­ben­g­lie­d­ri­ge Mensch. Doch wird der Mensch die­se höhe­ren Glie­der erst in ur­fer­ner Zu­kunft ent­wi­ckeln. Auf un­se­rer Er­de ist es dem Men­schen noch nicht be­schie­den, so weit auf sich zu wir­ken, daß er al­le die­se höhe­ren geis­ti­gen Tei­le zur Aus­bil­dung bringt.

Wenn wir so die­sen sie­ben­g­lie­d­ri­gen Men­schen be­trach­ten, dann ha­ben wir aber den Men­schen, der heu­te vor uns steht, doch noch nicht ganz be­grif­fen. Zwar ist es rich­tig, daß, wenn wir im gro­ßen und gan­zen den Men­schen über­schau­en, wir von die­sen sie­ben Glie­dern re­den kön­nen. Aber wir müs­sen, wenn wir den heu­ti­gen Men­schen ver­ste­hen wol­len, noch ge­nau­er re­den.

Sie wer­den sich er­in­nern, daß der phy­si­sche Leib auf dem Sa­turn ent­wi­ckelt wor­den ist, der Äther­leib auf der Son­ne, der as­tra­li­sche Leib auf dem Mon­de, und daß das Ich auf der Er­de sich aus­bil­den

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soll und sich bis zu ei­nem be­stimm­ten ho­hen Grad schon aus­ge­bil­det hat. Nun aber müs­sen wir die­se Er­den­ent­wi­cke­lung des Men­schen noch et­was ge­nau­er ins Au­ge fas­sen. Das­je­ni­ge, was man Geist­selbst, um­ge­wan­del­ten As­tral­leib nennt, daß der Mensch ganz voll­kom­men be­wußt inn­er­halb die­ses Geist­selbs­tes, sei­nes as­tra­li­schen Lei­bes, wirkt und ar­bei­tet, das wird für die gro­ße Zahl der Men­schen erst am En­de der Er­den­ent­wi­cke­lung er­reicht sein. Da­ge­gen muß­te der Mensch wäh­rend un­se­rer Er­den­ent­wi­cke­lung ei­ne Art Vor­be­rei­tung durch­ma­chen, die es schon im Lau­fe der Er­den­ent­wi­cke­lung mög­lich mach­te, so­zu­sa­gen halb be­wußt und halb un­be­wußt an sei­nen drei nie­d­ri­gen Glie­dern zu ar­bei­ten.

Die­ses halb be­wuß­te und halb un­be­wuß­te Ar­bei­ten be­gann in der le­mu­ri­schen Zeit, auf die wir ja schon hin­ge­wie­sen ha­ben. Da­mals fing das Ich im ganz dump­fen Be­wußt­sein an zu ar­bei­ten, und zwar zu­nächst an dem as­tra­li­schen Leib. Wenn Sie al­so die Er­den­ent­wi­cke­lung ver­fol­gen von der le­mu­ri­schen Zeit aus in die ers­te at­lan­ti­sche he­r­ein, dann wer­den Sie fin­den, daß das Ich zu­erst halb un­be­wußt, nur däm­mer­haft be­wußt, an sei­nem as­tra­li­schen Leib ar­bei­te­te. Was da­mals zu­erst auf der Er­de als Um­wand­lung­s­pro­dukt des as­tra­li­schen Lei­bes er­schie­nen ist, nen­nen wir Emp­fin­dungs­see­le. Dann ar­bei­te­te wäh­rend der at­lan­ti­schen Zeit, wäh­rend­dem die Luft durch­zo­gen war von Ne­bel­was­ser­mas­sen, das Ich im dump­fen Be­wußt­sein am Äther­leib und ar­bei­te­te das­je­ni­ge aus, was man Ver­stan­des- oder Ge­müts­see­le nennt. Und von dem Zeit­punk­te an, wo von der Ge­gend in der Nähe des heu­ti­gen Ir­lands aus der gro­ße Im­puls ge­kom­men ist, der die Völ­ker vom Wes­ten nach dem Os­ten ge­trie­ben und her­über­ge­führt hat über die gro­ße at­lan­ti­sche Flut zu un­se­rer neu­en Kul­tur, von dem Be­ginn des letz­ten Drit­tels der at­lan­ti­schen Zeit an ar­bei­te­te das Ich un­be­wußt am phy­si­schen Leib, und es ar­bei­te­te das­je­ni­ge hin­ein, was man die Be­wußt­s­eins­see­le nennt, was dem Men­schen die An­la­ge gab, ein mehr oder we­ni­ger selbst­be­wuß­tes Ich aus der Grup­pen­see­len­haf­tig­keit her­aus­zu­ar­bei­ten, das erst mit der Er­schei­nung des Chris­tus Je­sus den gro­ßen Im­puls der völ­li­gen In­di­vi­dua­li­tät er­lang­te. Da wur­de der Mensch ei­gent­lich erst fähig zu dem, was man

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Ar­bei­ten im as­tra­li­schen Leib mit mehr oder we­ni­ger Be­wußt­sein nen­nen kann. Wir ha­ben ei­gent­lich erst seit der Ein­prä­gung des Chris­ten­tums auf der Er­de da­mit be­gon­nen, be­wußt an un­se­rem as­tra­li­schen Lei­be zu ar­bei­ten. So daß, wenn wir heu­te vom Men­schen sp­re­chen, wir sa­gen müs­sen: Der Mensch hat ent­wi­ckelt phy­si­schen Leib, Äther­leib, As­tral­leib, dann Emp­fin­dungs­see­le, den einst­mals im däm­mer­haf­ten Be­wußt­sein um­ge­wan­del­ten As­tral­leib, die Ver­stan­des­see­le, den in der at­lan­ti­schen Ur­zeit däm­mer­haft um­ge­wan­del­ten Äther­leib, und die Be­wußt­s­eins­see­le, den in der letz­ten at­lan­ti­schen Zeit däm­mer­haft um­ge­wan­del­ten phy­si­schen Leib, so daß er sich all­mäh­lich her­an­bil­de­te, um nach und nach Ma­nas so weit zu ent­wi­ckeln, wie es heu­te im Men­schen zu be­o­b­ach­ten ist.

Es ist heu­te im Men­schen übe­rall der An­fang von Ma­nas da. Der ei­ne hat es mehr, der an­de­re we­ni­ger. Man­che müs­sen noch durch vie­le Ver­kör­pe­run­gen hin­durch­ge­hen, um Ma­nas so weit aus­ge­bil­det zu ha­ben, daß sie sich be­wußt wer­den des­sen, woran sie inn­er­halb ih­rer men­sch­li­chen We­sen­heit ar­bei­ten. Aber wenn die Er­de an ih­rem Ziel an­ge­langt sein wird, wenn al­so die sie­ben­te Po­sau­ne zu klin­gen be­ginnt, dann wird fol­gen­des ein­t­re­ten: Das, was vom phy­si­schen Leib vor­han­den ist, wird auf­ge­löst wie Salz von war­mem Was­ser. Das men­sch­li­che Ma­nas, Geist­selbst, wird in ho­hem Gra­de ent­wi­ckelt sein, so daß der Mensch sich im­mer wie­der die Wor­te des Pau­lus sa­gen wird: Nicht ich, son­dern Chris­tus in mir tut al­les. So wird der Mensch le­ben. Da­durch wird er das Phy­si­sche an sei­nem We­sen auflö­sen und das äthe­risch Ve­r­e­del­te zu ei­nem We­sen ma­chen, wel­ches inn­er­halb der as­tra­li­sier­ten Er­de le­ben kann. So wird der Mensch als ein neu­es We­sen hin­über­le­ben in die­se geis­tig ge­wor­de­ne Er­de.

Wir dür­fen sa­gen, daß die­ser gro­ße Mo­ment des Hin­über­le­bens in die geis­tig ge­wor­de­ne Er­de uns in der Bi­bel in ei­ner wun­der­ba­ren Wei­se aus­ge­drückt wird, in­dem uns ge­sagt wird, daß al­les, was der Mensch jetzt wäh­rend der Er­den­zeit im phy­si­schen Leib sich er­ar­bei­tet, wie ei­ne Saat ist, die auf­ge­hen wird als Frucht, wenn die Er­de geis­tig ge­wor­den sein wird. 1. Korin­ther 15, 37: «Und das du säest, ist ja nicht der Leib, der wer­den soll, son­dern

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ein bloß Korn, näm­lich Wei­zen oder der an­de­ren eins. Gott aber gibt ihm ei­nen Leib, wie er will, und ei­nem je­g­li­chen von den Sa­men sei­nen ei­ge­nen Leib», das heißt den Leib, wel­cher der Aus­druck ist des See­li­schen, der In­di­vi­dua­li­tät. «Und es sind himm­li­sche Kör­per und ir­di­sche Kör­per. Aber ei­ne an­de­re Herr­lich­keit ha­ben die himm­li­schen und ei­ne an­de­re die ir­di­schen.» Die ir­di­schen Kör­per wer­den auf­ge­löst, die himm­li­schen er­schei­nen als der licht­vol­le Aus­druck des­sen, was die See­le ist. «Es wird ge­säet ver­wes­lich und wird au­f­er­ste­hen un­ver­wes­lich.» Der un­ver­wes­li­che Leib, der wird dann au­f­er­ste­hen. «Es wird ge­säet ein na­tür­li­cher Leib und wird au­f­er­ste­hen ein geis­ti­ger Leib.» «Geis­ti­ger Leib» nennt Pau­lus den Äther- oder Le­bens­leib, nach­dem das Phy­si­sche sich auf­ge­löst hat und der Äther­leib sich in die as­tra­li­sche Er­de hin­ein­be­wegt. Da sieht Pau­lus vor­aus den un­ver­wes­li­chen, geis­ti­gen Leib, wie er ihn nennt.

Und jetzt be­trach­ten wir das­je­ni­ge, was der Mensch hin­ein­legt als Aus­druck sei­ner ei­ge­nen Chris­tus-Fähig­keit. Es ist das­sel­be, was Pau­lus im Geis­te vor­schwebt und was er nennt den «letz­ten Adam», wäh­rend er den ers­ten Men­schen, der in ei­nem phy­sisch sicht­ba­ren Lei­be ins Da­sein ge­t­re­ten ist, den «ers­ten Adam» nennt. In der le­mu­ri­schen Zeit, an der Gren­ze des le­mu­ri­schen Zei­tal­ters, fin­den wir un­ten schon ver­schie­de­ne Tie­re, der Mensch aber ist noch nicht für äu­ße­re Au­gen sicht­bar, er ist noch äthe­risch. Er ver­dich­tet sich, nimmt mi­ne­ra­li­sche Be­stand­tei­le auf, er er­scheint in sei­ner ers­ten Ge­stalt. Wie wenn Was­ser sich ver­dich­tet zu Eis, so kommt der phy­si­sche Mensch her­aus. Dann geht die phy­si­sche Ent­wi­cke­lung so weit, daß sich auflö­sen kann, was ir­disch ist, und da ent­schwin­det das Ir­di­sche. Da­her er­scheint der Mensch, der den äthe­ri­schen Leib hat, als der «letz­te Adam». Der «ers­te Adam» hat die Fähig­keit, im phy­si­schen Leib durch die phy­si­schen Sin­ne auf die Er­de zu se­hen, der letz­te Adam, der ei­nen geis­ti­gen Leib an­nimmt, ist ei­ne Phy­siog­no­mie der in­ne­ren Chris­tus-Fähig­keit. Chris­tus wird da­her auch von Pau­lus der «letz­te Adam» ge­nannt. So sch­ließt sich das­je­ni­ge, was die Men­sch­wer­dung ent­hält, zu­sam­men. Wir se­hen im Geis­te auf­leuch­ten, was aus dem Men­schen

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einst wer­den wird, wäh­rend wir vor­her ge­se­hen ha­ben, wie der Mensch her­un­ter­s­tieg auf un­se­re Er­de.

Um nun das Fol­gen­de zu ver­ste­hen, müs­sen wir noch ein we­nig tie­fer in die Mys­te­ri­en der Men­sch­wer­dung hin­ein­schau­en. Wenn Sie den Men­schen ver­fol­gen könn­ten bis vor sei­ner phy­si­schen Leib­wer­dung, al­so bis in die Zeit, wo er noch nicht für phy­si­sche Au­gen sicht­bar ge­we­sen wä­re, wo er so­zu­sa­gen aus dem Äthe­ri­schen erst her­un­ter­s­tieg, in­dem er erst ein luft­för­mig-wäs­se­ri­ges Ge­bil­de wur­de, dann ein knor­pe­li­ges, wenn Sie ihn so ver­fol­gen könn­ten, dann wür­den Sie se­hen, wie auch un­se­re Er­de noch ganz an­ders war. In je­ner Zeit, be­vor der Mensch her­un­ter­ge­s­tie­gen ist, gab es ei­gent­lich noch kein Mi­ne­ral­reich. Die Er­de hat­te erst die Erb­schaft des Mon­des an­ge­t­re­ten. Das nie­ders­te Reich war das Pflan­zen­reich so­zu­sa­gen. Die Er­de war viel wei­cher. Al­le Ver­tei­lung der flüs­si­gen, der gas­för­mi­gen Stof­fe war ei­ne ganz an­de­re. Wenn Sie die Er­de al­so ge­schaut hät­ten in je­ner Zeit, be­vor der Mensch aus ih­rem at­mo­sphäri­schen Um­kreis zum fes­ten Grund her­un­ter­ge­s­tie­gen war, so wür­de sie Ih­nen nicht vor­ge­kom­men sein wie das, was in der heu­ti­gen Geo­lo­gie und so wei­ter ab­strakt be­schrie­ben wird, son­dern un­se­re Er­de als Gan­zes war da­zu­mal viel näh­er, man möch­te sa­gen, ei­nem Or­ga­nis­mus. Es war die­se Er­de durch­zo­gen von al­ler­lei re­gel­mä­ß­i­gen Strö­mun­gen. Die Er­de glich eher ei­nem le­ben­di­gen We­sen als dem, was sie heu­te ist. Und der Mensch, der mehr als geis­tig-äthe­ri­sches We­sen in je­ner al­ten Zeit vor­han­den war, wur­de da­mals nicht so ge­bo­ren wie heu­te, son­dern er wur­de so­zu­sa­gen her­aus­ge­bo­ren aus der Mut­ter Er­de sel­ber. Die Mut­ter Er­de sel­ber war es, die die­sen Men­schen, die­sen noch geis­tig-äthe­ri­schen Men­schen, wer­den ließ, und der Mensch war, be­vor er sich ab­son­der­te von der gan­zen Er­de, ein We­sen, das wir­k­lich mit der gan­zen Er­de ver­bun­den war. Den­ken Sie sich ein­mal, wie in ir­gend­ei­nem Kör­per, der weich ist, ver­här­te­te Stel­len ent­ste­hen, dann wür­den Sie ein Bild ha­ben, wie da­zu­mal aus der Mut­ter Er­de sel­ber die Men­schen her­aus­ge­bo­ren wur­den. Ja, die Men­schen wa­ren durch al­ler­lei Strö­mun­gen mit der Er­de ver­bun­den, blie­ben mit ihr ver­bun­den.

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Es war al­so ein ganz an­de­res Le­ben der Men­schen. Das­je­ni­ge, was Sie heu­te zum Bei­spiel als Blut­k­reis­lauf im Men­schen drin­nen ha­ben, ab­ge­sch­los­sen im In­nern von sei­ner Haut, das hat­te sei­ne Fort­set­zung es war in Form na­tür­li­cher Kräf­te vor­han­den übe­rall hin­aus in die um­lie­gen­de Er­de. Woll­ten wir uns ein Bild da­von ent­wer­fen, wie es da­mals war, so müß­ten wir sa­gen: Nicht für das phy­si­sche Au­ge, aber dem hell­se­he­ri­schen Blick fühl­bar, ent­stand inn­er­halb der Er­de ei­ne Stel­le, wel­che sich ab­hob und sich un­ter­schei­den ließ von der üb­ri­gen Um­ge­bung; aber das­je­ni­ge, was da als Kräf­te drin­nen wal­te­te, hing an zahl­rei­chen Fä­den zu­sam­men mit der gan­zen üb­ri­gen Er­de. Das war der An­fang ei­nes phy­si­schen Men­schen.

Es gab ei­ne Zeit, in der so die Men­schen mit Fä­den zu­sam­men­hin­gen mit der üb­ri­gen Er­de. Wir be­rüh­ren, wie ge­sagt, da ein be­deut­sa­mes und erns­tes Mys­te­ri­um, das Mys­te­ri­um, wel­ches sei­ne letz­ten Spu­ren hin­ter­las­sen hat da­durch, daß der Mensch, wenn er heu­te in die Welt tritt, den Zu­sam­men­hang mit dem müt­ter­li­chen Or­ga­nis­mus in der Na­bel­schnur ge­löst er­hält. Die­ser Zu­sam­men­hang mit dem müt­ter­li­chen Or­ga­nis­mus ist der letz­te Rest je­nes Zu­sam­men­han­ges, den der Mensch hat­te mit der Mut­ter Er­de. Und wie der Mensch heu­te ein Men­schen­sohn ist, vom Men­schen ge­bo­ren, so ist der Mensch einst­mals ein Er­den­sohn ge­we­sen, von der Er­de ge­bo­ren, da die Er­de noch ein le­ben­di­ges We­sen war. Und da­mit wur­de der Mensch selb­stän­dig, daß die Na­bel­schnur, an der er zu­sam­men­hing mit der gan­zen Er­de, so­zu­sa­gen für ihn ab­ge­schnit­ten wur­de. Da­durch wur­de er ein We­sen, das von sei­nes­g­lei­chen ge­bo­ren wur­de.

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Klar müs­sen wir uns sein dar­über, daß die Bluts­bah­nen, die heu­te im Men­schen sind, nichts an­de­res sind als die Fort­set­zun­gen von Strö­mun­gen, die in dem al­ten Er­den­zu­stand die gan­ze Er­de durch­dran­gen. Eben­so die Ner­ven­bah­nen: al­les, was Sie als Ner­ven ha­ben, er­hielt sei­ne Fort­set­zung hin­aus in die Mut­ter Er­de. Das ist gleich­sam jetzt her­aus­ge­schnit­ten von dem, was die gan­ze Er­de als Ner­ven durch­ström­te. Und eben­so die an­de­ren Glie­der der men­sch­li­chen We­sen­heit. Her­aus­ge­bo­ren aus der Mut­ter Er­de ist der Mensch. Was heu­te ab­ge­sch­los­sen ist im Men­schen durch sei­ne Haut, ist hin­ein­ge­zo­gen in ihn aus der gan­zen Er­de. Aus der Er­de ist des Men­schen We­sen­heit ge­nom­men und hin­ein­ge­zo­gen in ihn. Der Mensch war, be­vor er Men­schen­sohn wur­de, ein Er­den­sohn. Und «Er­den­sohn» heißt ei­gent­lich «Adam». Al­le die­se al­ten Na­men wei­sen auf be­deut­sa­me Ge­heim­nis­se hin. Wenn wir uns aber des­sen be­wußt sind, so wer­den wir be­g­rei­fen, daß die Er­de, be­vor auf ihr der sicht­ba­re Mensch ent­stand, schon al­le Kräf­te die­ses sicht­ba­ren Men­schen in sich ent­hielt. Be­vor der Mensch ein Mensch wur­de, war die Er­de die Trä­ge­rin al­ler men­sch­li­chen Kräf­te. Die Er­de ist al­so die Ge­bä­re­rin des Men­schen­ge­sch­lech­tes. Eben­so­we­nig wie Sie sich den­ken kön­nen, daß aus der heu­ti­gen stei­ner­nen Er­de je­mals der Mensch ent­springt, eben­so­sehr konn­te der Mensch ent­sprin­gen aus der Er­de, als sie noch ein Le­be­we­sen war. In der le­mu­ri­schen Zeit ist das vor sich ge­gan­gen, was wir mit we­ni­gen Wor­ten an­deu­ten konn­ten.

Wenn Sie sich nun fra­gen: Hat­te denn nun nicht die­se Er­de ei­ne un­ge­heu­re Wich­tig­keit für den Men­schen? so müs­sen wir sa­gen: Ja, denn sie ent­hielt in ih­rer Ur­an­la­ge al­les, was der Mensch spä­ter in sich auf­ge­nom­men hat. Ir­gend­wo war das Herz vor­ge­bil­det, ir­gend­wo das Ge­hirn, je­der Ner­ven­strang war vor­be­rei­tet in un­se­rer Er­de. Eben­so aber wie vor­be­rei­tet war un­se­re In­ner­lich­keit in der Er­de, eben­so tra­gen wir in dem, was wir als un­se­re neue Leib­lich­keit aus­ge­bil­det ha­ben wer­den, wenn die Er­de an ih­rem Zie­le ist, die Ge­stalt in uns, wel­che der künf­ti­ge Pla­net, die künf­ti­ge Ver­kör­pe­rung un­se­rer Er­de an­neh­men muß. Heu­te ar­bei­tet der Mensch an sei­ner See­le; da­durch macht er sich sei­nen Leib im­mer ähn­li­cher

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und ähn­li­cher der See­le. Er wird, wenn die Er­de am En­de ih­rer Bahn, ih­rer Mis­si­on an­ge­langt sein wird, sei­nen Leib so ge­stal­tet ha­ben, daß er ein äu­ße­res Ab­bild der See­le ist, die den Chris­tus in sich auf­ge­nom­men hat. Die­ser Mensch wird hin­über­le­ben und wird sei­ne so ge­bil­de­ten Kräf­te der nächs­ten Ver­kör­pe­rung un­se­rer Er­de einpflan­zen. Der Ju­pi­ter wird so aus­schau­en, wie der Mensch ihn ma­chen kann, in­dem er ihn aus sei­nen ei­ge­nen Lei­bern zu­sam­men­setzt. Die­ser Ju­pi­ter wird zu­nächst sei­ne Ge­stalt von dem er­hal­ten, was der Mensch aus sich selbst ge­macht hat. Den­ken Sie sich, daß all die Lei­ber, die sich so ge­bil­det ha­ben, sich zu­sam­men­fü­gen zu ei­ner ein­zi­gen Wel­ten­ku­gel: das wird der Ju­pi­ter sein. Sie ha­ben als An­la­ge in Ih­rer See­le das­je­ni­ge, was die Ge­stalt des Ju­pi­ters sein wird, was er an Kräf­ten in sich ent­hal­ten wird. Und aus dem Ju­pi­ter wer­den her­aus­ge­bo­ren wer­den die Ju­pi­ter-We­sen. So ar­bei­tet der Mensch heu­te vor für die Ge­burt der Ju­pi­ter-Kör­per.

Was muß der Mensch al­so tun, da­mit er der künf­ti­gen Ver­kör­pe­rung un­se­rer Er­de ei­ne wür­di­ge Ge­stalt gibt? Er muß da­für sor­gen, daß die Ar­beit, die er jetzt be­wußt leis­ten kann, in der Chris­tus-ge­mä­ß­en Wei­se vor sich geht, da­mit der äthe­ri­sche Leib, der ein Ab­bild die­ser Ar­beit sein wird, in wür­di­ger Wei­se sich hin­ein­lebt in die ver­geis­tig­te Er­de. Al­le Tei­le die­ses Lei­bes wer­den so sein, wie der Mensch sie ge­macht hat. Was der Mensch ge­macht ha­ben wird aus sei­nem phy­si­schen Lei­be, das wird er in die­se geis­ti­ge Er­de hin­ein­brin­gen, und das­je­ni­ge, was dar­aus sich ge­stal­ten wird, das wird die Grund­la­ge sein für sei­ne Wei­ter­ent­wi­cke­lung. Wie sich Ih­re heu­ti­ge See­le in Ih­rem heu­ti­gen Lei­be, den Sie vom Mon­de er­erbt ha­ben, ent­wi­ckelt, so wird sich die künf­ti­ge See­le in dem­je­ni­gen ent­wi­ckeln, was Sie sel­ber aus ih­rem Lei­be ma­chen. Da­her be­zeich­net man den Leib, das­je­ni­ge, was die See­le, das Ich um­k­lei­det, um­hüllt, was von die­sem Ich be­wohnt wird, als den Tem­pel der im In­nern be­find­li­chen Ich­heit, den Tem­pel der im Men­schen le­ben­di­gen Gött­lich­keit, den Tem­pel Got­tes. In­dem Sie al­so die­sen Leib ge­stal­ten, bau­en Sie ei­nen künf­ti­gen Tem­pel, das heißt die neue Ver­kör­pe­rung der Er­de, auf. Sie bau­en in den rich­ti­gen Ma­ßen den Ju­pi­ter auf, in­dem Sie den men­sch­li­chen Leib in

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der rich­ti­gen Wei­se aus­ge­stal­ten. Was muß da­her zum Vor­schein kom­men, wenn die Er­de am Ziel an­ge­kom­men sein wird? Ein in al­len Ma­ßen stim­men­der Tem­pel der See­le. Da­her wird dem Ein­ge­weih­ten der Auf­trag ge­ge­ben, die­sen Tem­pel, den der Mensch dann ge­baut ha­ben wird, zu un­ter­su­chen. Daß die See­le das Rich­ti­ge ge­macht hat, wird da­durch zum Vor­schein kom­men, daß er ge­mes­sen wird, die­ser Tem­pel Got­tes. «Und es ward mir ein Rohr ge­ge­ben, ei­nem Ste­cken gleich, und er sprach: Ste­he auf und miß den Tem­pel Got­tes und den Al­tar und die da­r­in­nen an­be­ten. Aber den Vor­hof au­ßer­halb des Tem­pels wirf hin­aus!» (Ka­pi­tel 11, 1.) Das heißt: Al­les das­je­ni­ge muß hin­aus­ge­wor­fen wer­den aus dem Tem­pel, was zur Vor­be­rei­tung da war. Der Mensch muß­te erst phy­si­schen Leib und Äther­leib ha­ben, be­vor er drin­nen ar­bei­ten konn­te. Die­ser phy­si­sche Leib und der Äther­leib, die sind der Vor­hof: die müs­sen ab­fal­len, die wirf hin­aus. Das­je­ni­ge, was der Mensch al­lein ge­macht hat, das be­hält er. Das ist der Tem­pel, in dem woh­nen sol­len neue We­sen zur Zeit des Ju­pi­ter-Da­seins.

Al­so wir le­ben da inn­er­halb ei­ner geis­tig ge­wor­de­nen Er­de. Wir se­hen, wie sich schon vor­be­rei­tet vor­bild­lich die­se Ju­pi­ter-Zeit. Wie die Men­schen mit­brin­gen die Früch­te des Er­den­da­seins, das al­les se­hen wir vor­ge­bil­det. Und jetzt müs­sen wir uns klar sein dar­über, daß inn­er­halb die­ses geis­ti­gen Zu­stan­des der Er­de auf ei­ner höhe­ren Ent­wi­cke­lungs­stu­fe al­les das wie­de­r­er­scheint, was früh­er da war. Vor al­len Din­gen er­schei­nen die Trä­ger der geis­ti­gen Strö­mun­gen wie­der, auf de­nen die Er­de fest­steht, aus de­nen sie her­vor­ge­gan­gen ist. Die Trä­ger die­ser Strö­mun­gen er­schei­nen le­ben­dig wie­der. Es wer­den in Eliasund Mo­ses, wenn wir der christ­li­chen Tra­di­ti­on fol­gen, die per­sön­li­chen Ver­t­re­ter des­sen ge­se­hen, was uns ges­tern in den zwei Säu­len er­schie­nen ist. Die, wel­che die Leh­ren der zwei Säu­len ge­ben, wer­den in der christ­li­chen Eso­te­rik an­ge­se­hen als Elias und Mo­ses. Elias war der­je­ni­ge, der dem Men­schen die Kund­schaft und Bot­schaft brach­te von der ei­nen Säu­le, der Säu­le der Stär­ke, Mo­ses der­je­ni­ge, der sie brach­te von der Säu­le der Weis­heit. «Mo­ses» heißt: Weis­heit oder Wahr­heit, und «Elias» heißt ja es ist schwer, das Wort im Deut­schen aus­zu­drü­cken die wei-

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sen­de Kraft, das, was die Rich­tung, den Im­puls gibt. So se­hen wir die­se bei­den in der geis­tig ge­wor­de­nen Welt auf­t­re­ten, und zwar auf der Ent­wi­cke­lungs­stu­fe, zu der sie es dann ge­bracht ha­ben wer­den. Denn wie bei der «Ver­klär­ung» nach der christ­li­chen Tra­di­ti­on der Chris­tus er­schie­nen ist zwi­schen Mo­ses und Elias, so er­scheint der gan­ze Vor­gang am En­de der Er­den­ent­wi­cke­lung so, daß die Son­ne, die geis­ti­ge Son­ne der Lie­be, die Of­fen­ba­rung der Er­den­mis­si­on der Lie­be er­scheint, ge­stützt durch Son­ne-Mars und Mond-Mer­kur, durch Elias und Mo­ses. Wie wir ges­tern ge­se­hen ha­ben die bei­den Säu­len, die zu­nächst vor dem Ein­ge­weih­ten er­schei­nen als die Sym­bo­le von Stär­ke und Weis­heit, und dar­über die Son­ne der Lie­be, so kön­nen wir uns jetzt ein Stück wei­ter die Er­den­ent­wi­cke­lung vor­s­tel­len, und in sei­ner Le­ben­dig­keit, in sei­nem Per­sön­li­chen wird uns das­je­ni­ge, was die ei­ne Säu­le ist, als Elias er­schei­nen, und die an­de­re als Mo­ses, und was dar­über ist, als das ei­gent­li­che Chris­tus-Prin­zip.

Wenn wir nun­mehr den Blick ein we­nig hin­weg­wen­den von der Er­de sel­ber, von dem, was auf ihr ist, und sie im Zu­sam­men­hang mit dem gan­zen Him­mels­raum be­trach­ten, so sind wir ge­ra­de in dem Zeit­punkt, den wir jetzt be­sp­re­chen, bei ei­ner sehr wich­ti­gen Sa­che an­ge­langt. Er­de und Son­ne wa­ren ein Kör­per. Die Er­de hat sich aus der Son­ne her­aus­ent­wi­ckelt und der Mond hat sich ab­ge­spal­ten. Wir ha­ben ge­sagt, daß das hat ge­sche­hen müs­sen we­gen des rich­ti­gen Ma­ßes der Ent­wi­cke­lung. Nun aber, wo der Mensch die­se Ent­wi­cke­lungs­stu­fen durch­ge­macht hat, nach­dem er sich ver­geis­tigt hat, ist er reif, sich wie­der­um mit den Kräf­te­ver­hält­nis­sen zu ve­r­ei­ni­gen, wel­che auf der Son­ne sind. Er kann das Tem­po der Son­ne mit­ma­chen. Es fin­det nun ein wich­ti­ger Wel­ten­vor­gang statt: die Er­de ve­r­ei­nigt sich wie­der­um mit der Son­ne. Wäh­rend das­je­ni­ge vor­geht, was wir be­spro­chen ha­ben, ve­r­ei­nigt sich die Er­de mit der Son­ne. Wir ha­ben ge­sagt, daß die Son­nen­geis­ter auf die Er­de her­ab­ge­s­tie­gen sind bei dem Er­eig­nis von Gol­ga­tha. Wir ha­ben ge­sagt, daß die­ses Chris­tus-Prin­zip es so weit brin­gen wird, wie wir es ha­ben be­sch­rei­ben kön­nen. Jetzt wird die Er­de reif, sich mit der Son­ne zu ve­r­ei­ni­gen. Und das, was not­wen­dig war, da­mit

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die Ent­wi­cke­lung nicht zu sch­nell vor sich geht, der Mond, der wird über­wun­den sein, den braucht der Mensch nicht mehr. Der Mond wird in sei­nen Kräf­ten über­wun­den wer­den. Der Mensch kann sich in die­ser Zeit mit der Son­ne ve­r­ei­ni­gen. Er wird in der ver­geis­tig­ten Er­de drin­nen le­ben und zu glei­cher Zeit ver­bun­den sein mit der Kraft der Son­ne, und er wird der Über­win­der des Mon­des sein. Das wird, in­dem es ge­schaut wird, dar­ge­s­tellt durch die­se sym­bo­li­sche Fi­gur des fünf­ten Sie­gels: das Weib, das die Son­ne in sich trägt und den Mond zu ih­ren Fü­ß­en hat. Wir sind an dem Zeit­punkt an­ge­kom­men, da der Mensch ver­geis­tigt ist, da der Mensch sich wie­der­um mit den Kräf­ten der Son­ne ver­bin­det, da Er­de und Son­ne ein Kör­per ist und die Mon­den­kräf­te über­wun­den sein wer­den. (Sie­he das fünf­te Sie­gel­bild.)

Und nun­mehr müs­sen wir uns er­in­nern, daß nur der fort­ge­schrit­te­ne­re Teil der We­sen­hei­ten, der vom Prin­zip des Chris­tus im­präg­nier­te Teil, die­se Ent­wi­cke­lung durch­ge­macht hat. Der ist so weit ge­kom­men; die­je­ni­gen aber, die in der Ma­te­rie ver­här­tet sind, sind her­aus­ge­fal­len, ha­ben so­zu­sa­gen ei­ne Art Ne­ben­pla­ne­ten von ver­här­te­ter, ver­f­lei­sch­lich­ter Ma­te­rie ge­bil­det. Nun er­in­nern wir uns ein­mal, wie, as­tra­lisch ge­se­hen, für den Hell­se­her der Mensch her­vor­t­rat, be­vor er auf die Er­de her­un­ter­s­tieg als phy­si­sches We­sen. Er­in­nern wir uns, daß wir ge­nau hin­ge­wie­sen ha­ben dar­auf, daß der Mensch in den vier Ty­pen sei­ner Grup­pen­see­le er­schi­en, in der Ge­stalt des Löw­en, des Ad­lers, des Och­sen und des Men­schen. Die­se vier Ty­pen der Grup­pen­see­le tre­ten uns so­zu­sa­gen ent­ge­gen, be­vor der Mensch her­un­ter­s­teigt ins Phy­si­sche, be­vor er in­di­vi­dua­li­siert wird. Die­se vier ty­pi­schen Ge­stal­ten, die der Mensch ge­habt hat, be­vor er in den phy­si­schen Leib her­ein­ge­t­re­ten ist, sind am heu­ti­gen phy­si­schen Men­schen nicht sicht­bar; die sind in der Ge­walt der See­le. Wie Kaut­schuk ist es her­ein­ge­p­reßt in die men­sch­li­che Form. In der Tat ist es so: Wenn der Mensch sich nicht in sei­ner Ge­walt hat, wenn sei­ne See­le schweigt, ent­we­der da­durch, daß er schläft oder sonst in ei­nem mehr oder we­ni­ger be­wußt­lo­sen Zu­stand ist, dann sieht man heu­te noch, wie der ent­sp­re­chen­de Tier­ty­pus her­aus­kommt. Aber der Mensch hat im

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Grun­de ge­nom­men da­durch, daß er her­un­ter­ge­s­tie­gen ist auf den phy­si­schen Plan, die­sen Tier­ty­pus über­wun­den. Wann ist dem Men­schen die Fähig­keit ge­ge­ben wor­den, im As­tra­li­schen den Tier­ty­pus zu über­win­den?

Er­in­nern wir uns, daß wir ge­spro­chen ha­ben von den sie­ben Zei­träu­men der at­lan­ti­schen Ent­wi­cke­lung. Die­se sie­ben Zei­träu­me um­fas­sen vier ers­te und drei letz­te. Die vier ers­ten wa­ren so, daß der Mensch noch durch­aus Grup­pen­see­le war. Dann, im fünf­ten Zei­traum, ist der ers­te Im­puls zur Ich-See­le ent­stan­den. Wir ha­ben al­so vier Ent­wi­cke­lungs­stu­fen in der At­lan­tis, in de­nen der Mensch erst als Grup­pen­see­le aufrückt, und je­der der vier ers­ten at­lan­ti­schen Ras­sen ent­spricht ei­ne der ty­pi­schen Tier­ge­stal­ten, Löwe, Ad­ler, Kalb oder Stier, und Mensch. Das geht in den Men­schen über im fünf­ten Zei­traum, da ver­lie­ren sich die­se ty­pi­schen Ge­stal­ten. Den­ken Sie sich nun ein­mal, daß der Mensch in sei­ner jet­zi­gen Zeit sich durch­dringt mit dem Chris­tus-Prin­zip und da­durch im­mer mehr und mehr über­win­det das Tie­ri­sche. Wenn er sich aber nicht durch­dringt mit dem Chris­tus-Prin­zip, dann über­win­det er das Tie­ri­sche nicht. Die vier ty­pi­schen Köp­fe, Löwe, Ad­ler, Stier und Mensch, die blei­ben so­zu­sa­gen als et­was, was sei­ne Ge­stalt wie­der­um an­nimmt, wenn es nun wie­der­um her­vor­t­re­ten kann, und da­zu kom­men noch drei an­de­re, die von den drei letz­ten Ras­sen der at­lan­ti­schen Ent­wi­cke­lung, wo der Mensch schon an­ge­fan­gen hat­te, Mensch zu sein. Die­se drei blei­ben auch, wenn der Mensch nicht durch sei­ne See­le da­ran ar­bei­tet, daß die­ses Tie­ri­sche ver­schwin­det. Wie wird al­so der Mensch, der wäh­rend un­se­rer Zeit das Chris­tus-Prin­zip nicht auf­ge­nom­men hat, auf der ver­geis­tig­ten Er­de er­schei­nen? Er wird in der Ma­te­ria­li­tät er­schei­nen; in den Ge­stal­ten, aus de­nen er ge­kom­men ist, wird er sich wie­der zei­gen. Er hat die­se Tier­ge­stal­ten ge­habt und hat noch drei da­zu durch­ge­macht. Das, was die Tier­heit hät­te über­win­den kön­nen, ist nun von ihm un­be­nützt ge­las­sen wor­den. Die Tier­heit springt wie­der her­vor, und zwar in sie­ben Ge­stal­ten. "Wie einst in At­lan­tis die vier Köp­fe auf­tauch­ten, der Tier-Mensch, so wer­den auf­tau­chen aus der ver­wan­del­ten Er­de, aus der as­tra­li­sier­ten Er­de sie­ben sol­che ty­pi­sche Köp­fe,

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und es wird sich das Schau­spiel wie­der­ho­len, wel­ches sich da­zu­mal ab­ge­spielt hat. Der geis­ti­ge Mensch war in sei­ner An­la­ge vor­han­den, aber er konn­te noch nicht ei­ne in­di­vi­du­el­le Ge­stalt aus­bil­den, er bil­de­te die vier Tier­köp­fe aus. Der geis­ti­ge Mensch in sei­ner An­la­ge wird dar­ge­s­tellt auch für die da­ma­li­ge Zeit durch das Weib, das den Men­schen ge­biert. Es wird auch der Mensch der Zu­kunft dar­ge­s­tellt durch das Weib, das den geis­ti­gen Men­schen ge­biert. Aber das­je­ni­ge, was im Fleisch ge­b­lie­ben ist, wird auf der Ne­be­n­er­de dar­ge­s­tellt durch das Tier mit den sie­ben Köp­fen. Wie da­mals vier Köp­fe da wa­ren, be­vor der Mensch die Mög­lich­keit hat­te, die Tier­heit zu über­win­den, so er­schei­nen die­je­ni­gen, die in der Tier­heft ge­b­lie­ben sind, als ei­ne Ge­samt­heit, als das Tier mit den sie­ben Köp­fen.

So al­so tritt tat­säch­lich in der Zu­kunft ein­mal, nach­dem sich die Er­de mit der Son­ne ve­r­ei­nigt hat, wäh­rend oben die ver­geis­tig­te Er­de ist, un­ten al­les das­je­ni­ge auf, was nicht in sich auf­ge­nom­men hat das geis­ti­ge Prin­zip, und es er­schei­nen wie­der­um die Tier­köp­fe, die einst­mals da wa­ren, nur daß sie jetzt au­ßer ih­rer Zeit sind. Jetzt sind sie die Wi­der­sa­cher; vor­her, in der Zeit der Vor­be­rei­tung, wa­ren sie in der rich­ti­gen Zeit. So se­hen wir, daß, wie da­mals aus dem phy­si­schen, jetzt aus dem as­tra­li­schen Meer auf­s­teigt die Son­ne ist auch as­tra­li­siert das Un­ge­heu­er mit den sie­ben Köp­fen, das sie­ben­köp­fi­ge Tier. Al­les das­je­ni­ge, was im Men­schen ver­an­lagt wird durch den äthe­ri­schen Leib bit­te das zu be­ach­ten , das nennt man in der Mys­te­ri­en­spra­che, der sich auch der Apo­ka­lyp­ti­ker be­di­ent, ei­nen «Kopf» oder ein Haupt, weil es ei­ne sol­che ty­pi­sche Haupt­ge­stalt wie den Löw­en­kopf her­vor­ruft, wenn man es hell­se­he­risch sieht. Da­ran müs­sen wir­ken die äthe­ri­schen Kräf­te. Wenn wir die at­lan­ti­sche Ent­wi­cke­lung ver­fol­gen, so war da der Äther­leib noch au­ßer­halb des Kop­fes. Das, was vom Äthe­ri­schen aus im Men­schen ver­an­lagt wird, nennt man in der Spra­che der apo­ka­lyp­ti­schen Mys­te­ri­en «Kopf». Da­mit meint man al­so das, was dem hell­se­he­ri­schen Blick vor­zugs­wei­se als Kopf er­scheint. Das­je­ni­ge aber, was phy­sisch im Men­schen be­wirkt wird durch ir­gend­ein Glied des Äther­lei­bes, das nennt man ein «Horn». Ein «Horn»

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ist in der Spra­che der Mys­te­ri­en al­so ei­ne sehr ge­heim­nis­vol­le Sa­che. Das­je­ni­ge, was zum Bei­spiel im Men­schen phy­sisch be­wirkt wor­den ist da­durch, daß er ein­mal durch­ge­gan­gen ist durch die­je­ni­ge Ras­se der at­lan­ti­schen Zeit, in wel­cher ty­pisch der Löwe als Grup­pen­see­le da war, das nennt man ein Horn. Al­so das Phy­si­sche, das von ir­gend­ei­nem Glied des Äther­lei­bes her­kommt, nennt man ein «Horn». Ein Horn ist zum Bei­spiel das Or­gan, wel­ches der äu­ße­re phy­si­sche Aus­druck für ir­gend et­was Äthe­ri­sches ist.

Nun will ich Ih­nen kon­k­ret sp­re­chen. Al­le phy­si­schen Or­ga­ne des Men­schen sind ei­gent­lich ver­dich­te­te Äther­or­ga­ne, sind aus dem ver­dich­te­ten Äther­leib her­vor­ge­gan­gen. Be­trach­ten wir das men­sch­li­che Herz. Es ist heu­te ein phy­si­sches Or­gan, aber es ist aus ei­nem Äther­or­gan her­aus ver­dich­tet. Die­ses heu­ti­ge men­sch­li­che Herz hat sei­ne An­la­ge er­hal­ten da­mals, als der Mensch durch die Grup­pen­see­len­haf­tig­keit hin­durch­ge­gan­gen ist, die mit dem Löw­en be­zeich­net wird. Al­so ist das Herz das «Horn» des Löw­en­kop­fes, denn als der Äther­leib so weit war, daß der Mensch er­schi­en mit der Grup­pen­see­le, die im Löw­en­kopf sym­bo­li­siert wird, da hat sich die An­la­ge ge­bil­det, die spä­ter das phy­si­sche Herz wur­de. Aus die­ser An­la­ge des Löw­en­men­schen ent­stand die heu­ti­ge men­sch­li­che phy­si­sche Her­z­an­la­ge. Wäh­rend wir al­so den Äther­leib zu­rück­füh­ren in sei­ner Ent­ste­hung auf die Ver­wand­lung ei­nes «Kop­fes» in den an­de­ren, auf das Hin­zu­fü­gen des ei­nen Kop­fes zum an­de­ren, fas­sen wir den men­sch­lich phy­si­schen Leib auf als das Hin­zu­fü­gen ei­nes «Hor­nes» zum an­dern. Tat­säch­lich be­steht der men­sch­li­che Äther­leib aus «Köp­fen», der men­sch­li­che phy­si­sche Leib aus «Hör­nern». Das ist die Spra­che der Mys­te­ri­en. Al­le Or­ga­ne des Men­schen sind aus dem Äther­leib her­aus­ge­bil­det, sind al­so lau­ter «Hör­ner».

Und nun ha­ben wir al­les das, was wir ge­hört ha­ben, ein­mal zu über­den­ken, denn das ist et­was, wo­zu selbst der Apo­ka­lyp­ti­ker sagt: Hier ist Weis­heit. Wir wer­den erst ver­ste­hen die­se Weis­heit, die der Apo­ka­lyp­ti­ker hin­ein­ge­legt hat in die Er­schei­nung des sie­ben­köp­fi­gen Tie­res, das aber zehn Hör­ner hat, wenn wir uns ge­nau über­le­gen, was ei­gent­lich «Horn» in be­zug auf «Kopf» in der

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Mys­te­ri­en­spra­che ist. Wir wer­den se­hen, daß die­je­ni­gen We­sen­hei­ten, wel­che sich die­se sie­ben Köp­fe be­wahrt ha­ben, weil sie ste­hen­ge­b­lie­ben sind in der Ent­wi­cke­lung, daß die in der Tat im Ab­grund ei­nen phy­si­schen Leib an­ge­nom­men ha­ben, der aus zehn ver­här­te­ten phy­si­schen Lei­bes­g­lie­dern be­steht.

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ZEHNTER VORTRAG, Nürnberg, 27. Juni 1908

Daß wir in der Apo­ka­lyp­se des Jo­han­nes ei­ne Be­sch­rei­bung der Ein­wei­hungs­vor­gän­ge ha­ben, oder vi­el­leicht bes­ser ge­sagt, der Ein­wei­hung­s­er­leb­nis­se des christ­lich Ein­zu­wei­hen­den, das ha­ben wir ge­se­hen. Nach­dem wir in den letz­ten Vor­trä­gen den gan­zen Stoff der Apo­ka­lyp­se an un­se­rer See­le ha­ben vor­über­zie­hen las­sen, wer­den wir noch auf die Fra­ge zu ant­wor­ten ha­ben: Was ist denn ei­gent­lich, ge­schicht­lich ge­nom­men, die­se Ur­kun­de? Warum exis­tiert sie als ei­ne sol­che Ur­kun­de? Jetzt aber, wo wir bei je­nem wich­ti­gen Punkt an­ge­langt sind, der sich uns das letz­te­mal ent­hüllt hat, bei dem Über­gang un­se­rer Er­de in ei­nen geis­ti­gen, zu­nächst in ei­nen as­tra­li­schen Zu­stand, bei dem Auf­t­re­ten ge­wis­ser merk­wür­di­ger We­sen­hei­ten in dem, was sich al­so in der Ma­te­rie ver­dich­tet und ab­ge­spal­ten hat von dem nor­ma­len Fort­gan­ge un­se­rer Er­den­ent­wi­cke­lung, jetzt wird es gut sein, be­vor wir vor­wärts­sch­rei­ten, uns so­zu­sa­gen ei­ne Art von Ge­ne­ral­über­blick zu ver­schaf­fen über ge­wis­se Din­ge, die im Grun­driß un­se­rer an­thro­po­so­phi­schen Welt­be­trach­tung lie­gen. Denn Sie ha­ben ge­se­hen, daß bei al­le­dem, was wir zu be­trach­ten hat­ten, ge­wis­se Zah­len­be­grif­fe ei­ne Rol­le spie­len. Und jetzt ste­hen wir da­bei, uns ei­nen Be­griff von dem zu ver­schaf­fen, was das sie­ben­köp­fi­ge und zehn­hör­ni­ge Tier ist und was das zwei­hör­ni­ge Tier ist.

Wir müs­sen uns ein­mal ori­en­tie­ren über den Grun­driß der Wel­ten­ent­wi­cke­lung. Die ver­läuft näm­lich durch­aus in Ge­mäß­h­eit ganz be­stimm­ter Zah­len­ver­hält­nis­se. Der Laie in sol­chen Din­gen wird sehr leicht sa­gen, wenn er hört, daß die Sie­ben­zahl und an­de­re Zah­len ei­ne so gro­ße Rol­le spie­len in un­se­ren Be­trach­tun­gen: Nun ja, die­se An­thro­po­so­phen wär­m­en wie­der je­nen al­ten Aber­glau­ben auf, der sich an die Sie­ben­zahl, an die Zwölf­zahl und der­g­lei­chen knüpft. Und schon wenn un­se­re lie­ben Zeit­ge­nos­sen von so et­was hö­ren, was in ei­ner re­gel­mä­ß­i­gen Wei­se nach der

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Sie­ben­zahl vor­wärts­sch­rei­tet, dann sp­re­chen sie von Aber­glau­ben, ob­wohl die­se un­se­re Zeit­ge­nos­sen ei­gent­lich in be­zug auf das, wo­von sie et­was ver­ste­hen, in ge­nau dem­sel­ben Aber­glau­ben le­ben, denn un­se­re Zeit­ge­nos­sen sp­re­chen zum Bei­spiel da­von, daß der Re­gen­bo­gen sie­ben Far­ben hat, die Tons­ka­la sie­ben Tö­ne, da der ach­te nur ei­ne Wie­der­ho­lung der Prim ist. Und noch auf manch an­de­rem Ge­bie­te spricht man von der Sie­ben­zahl, und mit Recht. In kei­nem an­de­ren Sin­ne als der Phy­si­ker es tut, wenn er von der Sie­ben­zahl der Far­ben spricht, und eben­so wie man in der Ton­leh­re spricht von den sie­ben Tö­nen, so sp­re­chen wir, wenn wir die gro­ßen Wel­ten­ver­hält­nis­se be­trach­ten in be­zug auf die Sie­ben­zahl. Die Sie­ben­zahl ist uns da­bei gar nichts an­de­res als ein Er­geb­nis der ok­kul­ten Er­fah­rung. So wie sich der Mensch hin­s­tellt und die sie­ben Far­ben zählt, so zählt der Ok­kul­tist sie­ben au­f­ein­an­der­fol­gen­de Zu­stän­de der Wel­ten­ent­wi­cke­lung. Und weil die Weis­heit der Welt im­mer von die­sen Din­gen wuß­te und sprach, des­halb ging das in das all­ge­mei­ne Be­wußt­sein über und man fand et­was be­son­ders Be­deu­tungs­vol­les in die­ser Sie­ben­zahl. Ge­ra­de weil die Sie­ben­zahl zum Bei­spiel in den Welt­ver­hält­nis­sen be­grün­det war, ging sie in den all­ge­mei­nen Glau­ben, na­tür­lich auch Aber­glau­ben, über.

Wenn wir uns da­ran er­in­nern, was wir ge­sagt ha­ben über das Ge­heim­nis der sie­ben Po­sau­nen, der sie­ben Sie­gel, der sie­ben Send­brie­fe, was wir über die sie­ben au­f­ein­an­der­fol­gen­den Pe­rio­den der at­lan­ti­schen Zeit ge­sagt ha­ben, so se­hen wir schon, daß wir ei­gent­lich in der Wel­ten­ent­wi­cke­lung fort­lau­fend Pe­rio­den ha­ben, die sich in Ge­mäß­h­eit der Sie­ben­zahl wie­der­ho­len, und wie ei­nen Grun­driß der Wel­ten­ent­wi­cke­lung wol­len wir uns vor Au­gen rü­cken, daß die Sie­ben­zahl al­le Tei­le der Wel­ten­ent­wi­cke­lung be­herrscht.

Wir ha­ben ge­hört, daß die Er­de, be­vor sie Er­de war, Mond war, be­vor sie Mond war, Son­nen­pla­net und be­vor sie Son­ne war, Sa­turn war. Die Er­de wird, nach­dem sie Er­de ge­we­sen sein wird, in den Ju­pi­ter­zu­stand, dann in den Ve­nus- und zu­letzt in den Vul­k­an­zu­stand über­ge­hen, so daß wir sie­ben au­f­ein­an­der­fol­gen­de pla­ne­ta­ri­sche Ver­kör­pe­run­gen un­se­rer Er­de ha­ben, Sa­turn, Son­ne, Mond,

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Er­de, Ju­pi­ter, Ve­nus und Vul­kan. Das sind nun die größ­ten Ab­tei­lun­gen inn­er­halb un­se­rer gan­zen Ent­wi­cke­lung, die wir bis zu ei­nem ge­wis­sen Gra­de hell­se­he­risch über­schau­en kön­nen. Wir ha­ben ja die drei der Er­de vor­an­ge­hen­den Zu­stän­de be­schrie­ben.

Jetzt wol­len wir uns klar sein dar­über, was denn der Sinn der gan­zen Ent­wi­cke­lung ist, warum die Er­de durch die­se sie­ben Zu­stän­de durch­geht. Die­se sie­ben Zu­stän­de fal­len näm­lich zu­sam­men mit der Ent­wi­cke­lung des men­sch­li­chen Be­wußt­seins. Je­der die­ser Zu­stän­de, Sa­turn, Son­ne, Mond, Er­de, Ju­pi­ter, Ve­nus und Vul­kan, cha­rak­te­ri­siert ei­nen be­stimm­ten men­sch­li­chen Be­wußt­s­eins­zu­stand. Rich­ten wir den Blick zu­rück in die ural­te Sa­turn­zeit. Wir wis­sen, was ge­gen­wär­tig vom Men­schen vor­han­den ist, war da­mals noch nicht vor­han­den, son­dern erst die al­le­r­ers­te An­la­ge sei­nes phy­si­schen Lei­bes. Die­se ers­te An­la­ge konn­te selbst­ver­ständ­lich beim Men­schen nicht ein sol­ches Be­wußt­sein ent­wi­ckeln, wie es heu­te der Mensch hat. An­de­re We­sen hat­ten ein men­sch­li­ches Be­wußt­sein; der Mensch hat­te da­mals ein Be­wußt­sein, wie es heu­te die mi­ne­ra­li­sche Welt hier auf dem phy­si­schen Plan hat. Wir nen­nen das ein tie­fes Tran­ce­be­wußt­sein. Das hat­te die ers­te Men­schen­an­la­ge auf dem Sa­turn. Die­se Sa­turn­ent­wi­cke­lung ist aus dem Grun­de durch­ge­macht wor­den, da­mit der Mensch nach und nach aufrü­cken kann zu sei­nen höhe­ren Be­wußt­s­eins­zu­stän­den. Da­mals hat er den ers­ten durch­ge­macht. Al­so ha­ben wir die Sa­turn­ent­wi­cke­lung zu­sam­men­fal­lend mit dem tie­fen Tran­ce­be­wußt­sein. Das ist die ers­te Be­wußt­s­eins­stu­fe.

Na­tür­lich müs­sen Sie sich nicht vor­s­tel­len, daß der Grad des Be­wußt­seins durch die gan­ze Sa­turn­ent­wi­cke­lung der­sel­be bleibt, aber im we­sent­li­chen ist es so, daß der Be­wußt­s­eins­grad des Men­schen auf dem Sa­turn mit tie­fem Tran­ce­be­wußt­sein cha­rak­te­ri­siert wer­den kann. Es ist dump­fer als selbst das, was heu­te der Mensch im tra­um­lo­sen Schla­fe hat, denn da hat heu­te der Mensch das Be­wußt­sein, das er durch­ge­macht hat auf der zwei­ten Stu­fe, wäh­rend der Son­nen­ent­wi­cke­lung. Al­so wäh­rend der zwei­ten Stu­fe, wäh­rend der Son­nen­ent­wi­cke­lung, hat der Mensch durch­ge­macht das tra­um­lo­se Schlaf­be­wußt­sein. Es ist das­sel­be Be­wußt­sein, das

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heu­te die Pflan­zen­welt um uns her­um auf dem phy­si­schen Plan hat.

Dann kam die Mon­den­stu­fe in der Ent­wi­cke­lung. Da hat der Mensch ein Be­wußt­sein durch­ge­macht, wel­ches schon leich­ter zum Ver­ständ­nis ge­bracht wer­den kann, weil der Mensch im Traum­be­wußt­sein we­nigs­tens ei­nen letz­ten Rest hat von die­sem Mon­den­be­wußt­sein. Das Traum­be­wußt­sein von heu­te ist ja ein Zwi­schen­zu­stand zwi­schen tra­um­lo­sem Schlaf und dem ge­wöhn­li­chen, vom Mor­gen bis zum Abend dau­ern­den hel­len, wa­chen Ta­ges­be­wußt­sein. Al­so der drit­te Zu­stand des Be­wußt­seins wur­de er­reicht auf dem Mond, und er läßt sich ver­g­lei­chen mit dem heu­ti­gen trau­mer­füll­ten Schlaf, aber mit ei­ner ganz an­de­ren Le­ben­dig­keit und Leb­haf­tig­keit. Der trau­mer­füll­te Schlaf gibt ein Be­wußt­sein, das sich aus ein­zel­nen Vor­stel­lungs­fet­zen und Bil­dern zu­sam­men­setzt und nur ei­nen ge­rin­gen Grad von Be­zie­hung hat zur rea­len Au­ßen­welt. Das Mon­den­be­wußt­sein, das ein Traum­bil­der­be­wußt­sein war, hat­te sehr be­deut­sa­me Be­zie­hun­gen zur Au­ßen­welt. Es ent­sprach ge­nau dem, was in der see­lisch-geis­ti­gen Um­welt vor­han­den war. Ei­ne Wie­der­ho­lung hat das wäh­rend der at­lan­ti­schen Zeit des Men­schen ge­fun­den. Wir nen­nen es das Traum­bil­der­be­wußt­sein, könn­ten es auch das som­nam­bu­le Be­wußt­sein nen­nen.

Das vier­te Be­wußt­sein wird er­reicht und durch­ge­macht auf un­se­rer Er­de, und es ist das­je­ni­ge Be­wußt­sein, wel­ches wir das hel­le Ta­ges­be­wußt­sein oder Ge­gen­stands­be­wußt­sein nen­nen.

Zu ei­nem er­höh­te­ren Be­wußt­s­eins­grad, von dem die meis­ten Men­schen von heu­te kei­ne Ah­nung ha­ben, wer­den die Men­schen auf­s­tei­gen wäh­rend der Ju­pi­ter­zeit, wenn das al­les ge­sche­hen ist, was wir schon be­schrie­ben ha­ben und was im An­schluß an die Apo­ka­lyp­se des Jo­han­nes noch zu be­sch­rei­ben ist. Dann, wenn der Mensch so­zu­sa­gen ge­ret­tet vom Ab­grund her­vor­ge­gan­gen und dem Ver­fall ent­gan­gen ist, wenn er hin­auf­ge­s­tie­gen ist in die as­tra­li­sier­te und ver­geis­tig­te Er­de, dann wird das die Grund­la­ge da­für sein, daß er auf dem Ju­pi­ter das­je­ni­ge Be­wußt­sein er­langt, das wir nen­nen kön­nen das be­wuß­te Bil­der­be­wußt­sein. Wenn man es schil­dern soll, so kann das nur aus den Er­fah­run­gen der Ein­ge­weih­ten her­aus ge­sche­hen. Denn die Ein­wei­hung ist ja nichts an­de­res als

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die An­eig­nung der Fähig­keit, in ei­ner frühe­ren Ent­wi­cke­lungs­stu­fe zu er­rei­chen, was die nor­ma­le Mensch­heit auf ei­ner spä­te­ren Stu­fe er­reicht. Im be­wuß­ten Bil­der­be­wußt­sein ist der Mensch ge­nau eben­so selbst­be­wußt wie heu­te vom Mor­gen bis zum Abend, aber er nimmt nicht nur wahr die äu­ße­ren Ge­gen­stän­de, son­dern im Blick­feld sei­ner See­le hat er Bil­der, und zwar Bil­der, die nicht et­wa mit ei­ner ge­wis­sen Dumpf­heit ver­knüpft sind, die viel­mehr ein­ge­bet­tet sind in das hel­le Ta­ges­be­wußt­sein. Al­so hel­les Ta­ges­be­wußt­sein und Mon­den­be­wußt­sein zu­sam­men, das gibt das Ju­pi­ter­be­wußt­sein. Der Mensch er­hält sich, was er jetzt hat und er­wirbt sich da­zu die Fähig­keit, das See­lisch-Geis­ti­ge wahr­zu­neh­men.

Heu­te ist es so, daß der Ein­ge­weih­te nicht nur den Men­schen sieht, wie er phy­sisch ist, son­dern daß er wahr­nimmt um den Men­schen her­um, ihn um­strah­lend, al­ler­lei geis­ti­ge Ge­bil­de, die der Aus­druck sind der Lei­den­schaf­ten, In­s­tink­te, Ge­dan­ken, mit ei­nem Wort: die Au­ra. Sie um­glänzt, um­glüht den Men­schen wie fei­ne Flam­men, zum Teil wie ein Licht­ne­bel. Al­les das, was so im men­sch­li­chen As­tral­leib ge­se­hen wer­den kann vom Ein­ge­weih­ten, eben­so wie von dem ge­wöhn­li­chen phy­si­schen Au­ge der phy­si­sche Leib mit sei­nen Gren­zen ge­se­hen wird, al­les das ist Bild des­sen, was in den See­len vor­geht. In ei­ner sol­chen Ein­ge­weih­ten­see­le ist ein Be­wußt­sein vor­han­den, das wir be­zeich­nen kön­nen als Mon­den­be­wußt­sein plus Er­den­be­wußt­sein.

Dann kommt auf der Ve­nus ein sechs­ter Be­wußt­s­eins­zu­stand, den wir be­zeich­nen kön­nen als das in­spi­rier­te Be­wußt­sein, das Be­wußt­sein der In­spi­ra­ti­on, Be­wußt­sein der In­spi­ra­ti­on aus dem Grun­de, weil auf die­ser Be­wußt­s­eins­stu­fe der Ein­ge­weih­te nicht bloß wahr­zu­neh­men ver­mag, was der See­le an Ge­füh­len, Trie­ben, Lei­den­schaf­ten und so wei­ter ei­gen ist, son­dern weil er da den gan­zen in­ne­ren Cha­rak­ter der See­le in ei­nem ein­heit­li­chen Ton wahr­nimmt. Er fängt an wahr­zu­neh­men das­je­ni­ge, was die Welt der, sa­gen wir, Far­ben- und For­men­ge­bil­de wie ei­ne Sphä­ren­mu­sik durch­dringt, so daß je­de ein­zel­ne We­sen­heit inn­er­halb des­sen, was früh­er als as­tra­li­sches Bild wahr­ge­nom­men wor­den ist, wie ein Ton­ge­bil­de er­scheint.

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Die sie­ben­te Be­wußt­s­eins­stu­fe, die auf dem Vul­kan vor­han­den sein wird, wir kön­nen sie nen­nen das in­tui­ti­ve Be­wußt­sein. In­tui­ti­on ist nicht je­nes Tri­via­le, was ge­wöhn­lich heu­te dar­un­ter ver­stan­den wird, wo je­mand durch dun­k­les Ge­fühl et­was glaubt er­ken­nen zu kön­nen; das ist ein Mißbrauch des Wor­tes. In den Ein­ge­weih­ten­schu­len wird In­tui­ti­on für je­ne denk­bar höchs­te Be­wußt­s­eins­stu­fe an­ge­wen­det, wo die See­le eins ist, iden­tisch ist mit den We­sen­hei­ten, wo sie da­r­in­nen ist im In­nern der We­sen­hei­ten und sich mit ih­nen iden­ti­fi­ziert. Trotz­dem die See­le voll­stän­dig in­di­vi­du­ell bleibt, steckt sie in all den Din­gen und We­sen­hei­ten ih­res Blick­fel­des drin­nen.

So stel­len uns die sie­ben Stu­fen die­ser gan­zen Er­den­ent­wi­cke­lung sie­ben au­f­ein­an­der­fol­gen­de Be­wußt­s­eins­zu­stän­de dar. Je­der Be­wußt­s­eins­zu­stand nun muß sei­ner­seits in sie­ben Stu­fen er­reicht wer­den. Die­se sie­ben Stu­fen, die je­des­mal durch­ge­macht wer­den müs­sen, nen­nen wir Le­bens­stu­fen, so daß wir un­ter­schei­den sie­ben Be­wußt­s­eins­stu­fen und in je­der Be­wußt­s­eins­stu­fe sie­ben Le­bens­stu­fen. Es ist schwer, aus un­se­rer Spra­che her­aus Wor­te zu fin­den für die­se sie­ben Le­bens­stu­fen. Wenn wir bloß auf un­se­re Er­de Rück­sicht neh­men, so kön­nen wir die Le­bens­stu­fen da­durch be­zeich­nen, daß wir re­den von den sie­ben Rei­chen, denn es fal­len die Le­bens­stu­fen auf der Er­de zu­sam­men mit den sie­ben Rei­chen. Da be­zeich­nen wir die ers­te Le­bens­stu­fe als das ers­te Ele­men­tar­reich, die zwei­te als das zwei­te, die drit­te als das drit­te Ele­men­tar­reich, die vier­te als das Mi­ne­ral­reich, die fünf­te als das Pflan­zen­reich, die sechs­te als das Tier­reich und die sie­ben­te als das Men­schen­reich. Nun könn­ten wir ja sa­gen: Auf je­der die­ser Be­wußt­s­eins­stu­fen wer­den sie­ben sol­che Le­bens­stu­fen durch­ge­macht oder sie­ben Rei­che ab­sol­viert. Aber wenn wir die sie­ben Le­bens­stu­fen des Sa­turn eben­so be­zeich­nen wür­den, als ers­tes, zwei­tes, drit­tes Ele­men­tar­reich, als Mi­ne­ral-, Pflan­zen-, Tier- und Men­schen­reich, so wür­de das nur fal­sche Vor­stel­lun­gen wach­ru­fen, denn die Aus­drü­cke für die­se Rei­che sind ge­prägt nach un­se­ren Er­den­er­fah­run­gen und es wa­ren eben die Rei­che ganz an­ders ge­stal­tet in die­ser ural­ten Zeit, als das heu­te bei den Erd­rei­chen der Fall ist. Wir kön­nen

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nur sa­gen: Ana­log die­sen Rei­chen gab es sie­ben Rei­che auf dem Sa­turn, sie­ben auf der Son­ne. Schon näh­er ka­men die sie­ben Rei­che des Mon­des, und was die sie­ben Le­bens­stu­fen der Er­de sind, das sind eben die sie­ben Rei­che auf der Er­de ge­wor­den. Und auf der Er­de kön­nen wir sie schon leich­ter be­sch­rei­ben, ob­wohl es heu­te au­ßer­or­dent­lich schwer ist, dem Men­schen ei­ne Vor­stel­lung von den drei Ele­men­tar­rei­chen zu ge­ben. Von Mi­ne­ral-, Pflan­zen-, Tier- und Men­schen­reich glaubt ja der Mensch ei­ne ge­sun­de Vor­stel­lung zu ha­ben, ob­wohl das auch nicht der Fall ist.

Vi­el­leicht wird es Ih­nen ge­lin­gen, sich ei­ne Art Vor­stel­lung von den drei Ele­men­tar­rei­chen zu bil­den, wenn Sie sich fol­gen­des sa­gen. Al­so Sie den­ken sich Stei­ne, Me­tal­le und so wei­ter, und die­se Glie­der des Mi­ne­ral­rei­ches im­mer fei­ner und fei­ner wer­dend, so daß Sie im­mer we­ni­ger und we­ni­ger se­hen, daß sie sich so­zu­sa­gen auflö­sen in im­mer fei­ne­re Sub­stan­tia­li­tät. Neh­men wir an, Sie las­sen sie al­le ver­duns­ten, so daß sie ei­gent­lich nur noch ganz fei­ne Sub­stan­tia­li­tät hät­ten, durch die Sie hin­durch­schau­en könn­ten, die Ih­nen nicht mehr sicht­bar wä­re. Aus sol­chen Ge­bil­den wür­de, wenn man sie zu noch im­mer grö­ße­rer Ver­fei­ne­rung bräch­te, et­was her­vor­ge­hen, was sch­ließ­lich nicht mehr ein mi­ne­ra­li­sches Reich ist, son­dern das drit­te Ele­men­tar­reich. Dann wür­den wir zum zwei­ten, zum ers­ten Ele­men­tar­reich auf­s­tei­gen. Es ist für die heu­ti­gen Emp­fin­dungs­qua­li­tä­ten schwer, sich Vor­stel­lun­gen zu ma­chen von die­sen Rei­chen, die hin­ein­ge­heim­nißt, ver­dich­tet sind in un­se­re Welt. So ist es näm­lich, wie wenn die­se Ele­men­tar­rei­che ver­dich­tet in un­se­re Welt hin­ein, sa­gen wir, ver­schwun­den wä­ren. Sie ge­hen un­se­rem Mi­ne­ral­reich voran. Wir ha­ben ja ge­se­hen, wann die­ses Mi­ne­ral­reich sel­ber sich ge­bil­det hat. In frühe­ren Pe­rio­den der Er­den­ent­wi­cke­lung war die­ses Mi­ne­ral­reich eben im Zu­stan­de der Ele­men­tar­rei­che vor­han­den.

Nun die an­de­ren vier Rei­che. Das mi­ne­ra­li­sche Reich se­hen Sie um sich her­um und eben­so das pflanz­li­che, das tie­ri­sche und das men­sch­li­che. Aber wir wer­den uns klar sein müs­sen, daß die­se Be­nen­nun­gen im ei­gent­li­chen ge­heim­wis­sen­schaft­li­chen Sinn doch nicht ganz rich­tig sind. Der Laie nennt die heu­ti­gen Mi­ne­ra­li­en als

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dem Mi­ne­ral­reich an­ge­hö­rig, die Pflan­zen als dem Pflan­zen­reich an­ge­hö­rig, die Tie­re als dem Tier­reich und die Men­schen als dem Men­schen­reich an­ge­hö­rig. Das ist zwar lai­en­haft ge­spro­chen rich­tig, das ist für al­le tri­via­len Din­ge des Le­bens durch­aus aus­rei­chend, aber im ok­kul­tis­ti­schen Sinn ist es un­rich­tig. Denn es ist heu­te der Mensch erst im Mi­ne­ral­reich vol­l­en­det. Er wird erst auf­s­tei­gen in künf­ti­gen Ent­wi­cke­lungs­pe­rio­den zum Pflan­zen-, Tier- und Men­schen­reich. Wir kön­nen den Men­schen heu­te, weil er ein Ich-Be­wußt­sein hat, durch­aus Mensch nen­nen, aber wir dür­fen noch nicht sa­gen, er sei im Sin­ne der Ge­heim­wis­sen­schaft im Men­schen­reich ver­kör­pert, denn da­zu ist et­was an­de­res not­wen­dig. Das müs­sen wir be­sp­re­chen.

Was kann der Mensch heu­te be­g­rei­fen? Dar­auf kommt es an. Er kann heu­te bloß das mi­ne­ra­li­sche Reich ver­ste­hen. So­wie er an das Pflan­zen­reich kommt, ver­steht er es nicht mehr. Das Mi­ne­ral­reich kann er ver­ste­hen, aus den Kräf­ten des Mi­ne­ral­reichs kann er Ma­schi­nen, Häu­ser und so wei­ter zu­sam­men­set­zen. Daß er eben­so durch­schau­en lernt, was in ei­ner Pflan­ze die Kräf­te sind, die die­se Pflan­ze groß wer­den las­sen, das erst wird ihn mit sei­nem Be­wußt­sein ins Pflan­zen­reich er­he­ben. Und daß er be­g­rei­fen lernt, wie ein Tier emp­fin­den kann jetzt kann er nur ei­ne äu­ßer­li­che An­schau­ung da­von be­kom­men , das macht ihn zum An­ge­hö­ri­gen des Tier­reichs. Und wenn er nicht nur sein ei­ge­nes Ich be­g­reift, son­dern ein an­de­res, wenn er ei­nen Men­schen in­ner­lich ganz be­g­reift, dann erst ge­hört er dem Men­schen­reich an.

Sie wer­den am bes­ten ver­ste­hen, daß der Mensch heu­te erst das mi­ne­ra­li­sche Reich be­g­rei­fen kann, wenn Sie fol­gen­de Be­trach­tung ma­chen. Den­ken Sie ein­mal, daß ei­ne gro­ße An­zahl von Ge­lehr­ten sagt: Ja, die Pflan­zen und die Tie­re sind nichts an­de­res als kom­p­li­zier­te Mi­ne­ra­li­en. Und die­se Ge­lehr­ten war­ten dar­auf, daß sie die Stof­fe so zu­sam­men­fü­gen kön­nen, daß sie Pflan­zen und Tie­re wer­den. Sie ge­ben sich der Il­lu­si­on hin, man kön­ne die Pflan­zen als mi­ne­ra­li­sche We­sen be­g­rei­fen, weil sie kei­ne Vor­stel­lung da­von ha­ben, daß es au­ßer dem Mi­ne­ral­reich noch et­was an­de­res gibt. Es sa­gen ja vie­le: Ihr An­thro­po­so­phen träumt da­von, daß es

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ei­nen Äther­leib gibt, et­was, was über das bloß Mi­ne­ra­li­sche hin­aus­geht, aber ihr sollt nicht mehr träu­men, wenn es uns ge­lin­gen wird, im La­bo­ra­to­ri­um so, wie man heu­te Schwe­fel­säu­re zu­sam­men­setzt, aus den ein­zel­nen Stof­fen, aus Koh­len­stoff, Stick­stoff, Sau­er­stoff, Was­ser­stoff und so wei­ter, ein le­ben­di­ges We­sen auf­zu­bau­en. Man glaubt, das Le­ben­di­ge läßt sich eben­so auf­bau­en, wie sich et­wa Schwe­fel­säu­re zu­sam­men­set­zen läßt; man glaubt, die rein ma­te­ria­lis­ti­sche Wis­sen­schaft wird das ein­mal kön­nen. Man glaubt, die An­thro­po­so­phen wä­ren so töricht, da­ran zu zwei­feln, daß einst­mals die Zeit kom­men wird, wo tat­säch­lich in der Re­tor­te die Pflan­zen er­zeugt wer­den.

Die­se Zeit wird kom­men. Das ha­ben aber die­je­ni­gen, die auf ok­kul­tem Bo­den ste­hen, schon im­mer ge­sagt. Sie wis­sen, daß die Zeit kom­men wird, wo der Mensch die Pflan­zen­heit so in die ei­ge­ne Na­tur auf­neh­men wird, wie er heu­te das Mi­ne­ral­reich auf­ge­nom­men hat. Und wie er aus Mi­ne­ra­li­en Häu­ser auf­baut, wie er die Kräf­te des Mi­ne­ral­rei­ches heu­te be­nutzt, so wird er einst­mals aus den ihm dann wohl­be­kann­ten Kräf­ten des Pflan­zen­rei­ches, oh­ne zum Sa­men zu grei­fen, oh­ne die Na­tur­kräf­te in ih­rer un-be­grif­fe­nen Wei­se zu Hil­fe ru­fen zu müs­sen, das Pflan­zen­ge­bil­de und Höhe­res noch im La­bo­ra­to­ri­um er­zeu­gen. Aber wür­de die­se Mög­lich­keit, im La­bo­ra­to­ri­um ein le­ben­di­ges We­sen zu er­zeu­gen, vor­zei­tig ein­t­re­ten, so wä­re sie für den auf dem wah­ren Bo­den der Ge­heim­wis­sen­schaft Ste­hen­den das, was man schwar­ze Ma­gie nennt. Die Men­schen müs­sen für je­den Schritt der Ent­wi­cke­lung erst reif wer­den.

Es gibt ei­nen ok­kul­ten Satz, der lau­tet: Erst dann wer­den die Men­schen auf dem Ex­pe­ri­men­tier­tisch le­ben­de We­sen er­zeu­gen, wie sie heu­te mi­ne­ra­li­sche Pro­duk­te her­s­tel­len, wenn der La­bo­ra­to­ri­ums­tisch zum Al­tar und die che­mi­sche Ver­rich­tung zu ei­ner sa­kra­men­ta­len Hand­lung ge­wor­den ist. Das ist ein ok­kul­ter Satz, der im­mer aus­ge­spro­chen wor­den ist. Wahr­lich, so­lan­ge man ins La­bo­ra­to­ri­um geht und glaubt, daß man mit un­hei­li­gen Ge­füh­len das­sel­be tun kann wie mit hei­li­gen, so lan­ge wird man mit dem Wil­len der­je­ni­gen, die in rech­ter Wei­se die Ent­wi­cke­lung lei­ten,

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nie­mals im La­bo­ra­to­ri­um ein le­ben­di­ges We­sen er­zeu­gen kön­nen. Erst dann wird das mög­lich sein, wenn man wis­sen wird, daß ein mi­ne­ra­li­sches Pro­dukt zwar er­zeugt wer­den kann, wenn auch am La­bo­ra­to­ri­ums­tisch ein Schur­ke steht, daß aber nie­mals ein le­ben­di­ges We­sen her­vor­ge­bracht wer­den kann, wenn dies der Fall ist. Denn in das le­ben­di­ge We­sen fließt, wenn es zu­sam­men­ge­baut wird, et­was, was in dem Men­schen selbst drin­nen ist. Wür­de der Mensch ein Schur­ke sein, so wür­de das Schur­ki­sche hin­über­f­lie­ßen und das ent­stan­de­ne We­sen wä­re ein Ab­druck der Schur­ke­rei. Erst wenn man be­g­rei­fen wird, was es heißt, daß der Mensch als gan­ze We­sen­heit mit sei­nem gan­zen In­nern wirkt in dem, was er er­zeugt, erst dann wird die Welt reif sein, das Le­ben­di­ge, das Pflanz­li­che, Tie­ri­sche und Men­sch­li­che, in frei­er Tä­tig­keit zu er­zeu­gen. Dann wird der Mensch auf­ge­s­tie­gen sein in das Pflan­zen­reich, wenn er das Pflanz­li­che eben­so­gut durch­schau­en wird, wie er heu­te das Mi­ne­ra­li­sche durch­schaut. Zum Tier­reich wird er auf­ge­s­tie­gen sein dann, wenn er die Emp­fin­dung so durch­schaut, daß er eben­so ein emp­fin­den­des We­sen ma­chen kann durch sei­ne ei­ge­ne Geis­tes­kraft, wie er heu­te ei­nen Ge­gen­stand her­s­tellt. Und zum Men­schen­reich wird er auf­ge­s­tie­gen sein, wenn er den Men­schen in frei­er Tä­tig­keit neu ge­stal­ten kann.

So ist der Mensch heu­te in dem mi­ne­ra­li­schen Reich vor­han­den, und die­ses We­sen als Mensch, das wir sind, ist im Grun­de ge­nom­men das ein­zi­ge We­sen, wel­ches schon ganz im mi­ne­ra­li­schen Reich sich aus­ge­bil­det hat, wäh­rend die an­de­ren Rei­che in vie­ler Be­zie­hung auf viel nie­d­ri­ge­rer Stu­fe ste­hen als die­je­ni­ge ist, die man im Ok­kul­tis­mus mit dem Mi­ne­ral­reich be­zeich­net. So zei­gen uns die Pflan­zen ei­ne Art Vor­stu­fe des­sen, was der Mensch er­le­ben wird, wenn er ein­mal selbst im Pflan­zen­reich sein wird. Aber die Pflan­zen sind nicht im Pflan­zen­reich, son­dern höchs­tens Vor­bil­der, nicht Ur­bil­der, son­dern Hin­wei­se auf ein künf­ti­ges Reich, in dem der Mensch sein wird, in dem er die Pflan­zen­na­tur in­ner­lich durch­le­ben wird wie heu­te die mi­ne­ra­li­sche Na­tur.

Die­ses Pflan­zen­reich, in dem der Mensch sein wird, das wird noch durch an­de­re Din­ge sich aus­zeich­nen. Es wird vor al­len Din­gen

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durch ei­nen heu­te zwar manch­mal mit dem Ver­stand ge­sag­ten, aber noch lan­ge nicht be­grif­fe­nen mo­ra­li­schen Satz aus­ge­zeich­net sein. Heu­te lebt der Mensch so, daß man sa­gen kann: Der ein­zel­ne, wenn er sich es auch nicht ge­steht, ist über­zeugt da­von, daß das Glück des ein­zel­nen mög­lich ist, wenn da­ne­ben auch das Un­glück ei­nes an­de­ren herrscht. Es ist durch­aus mög­lich, daß heu­te sich ei­ner glück­lich fühlt, trotz­dem an­de­re Men­schen un­glück­lich sind. Wenn es auch dem Ver­stan­de nach zu­ge­stan­den wird, daß die höchs­te Mo­ral die­je­ni­ge sei, die al­le Men­schen be­glückt, in der Pra­xis ist der Mensch über­zeugt, daß das Glück des ein­zel­nen ganz gut mög­lich ist, oh­ne daß der an­de­re eben­so glück­lich sei wie er. Der Mensch wird, wenn er im Pflan­zen­reich sein wird, ei­ne Ent­wi­cke­lungs­stu­fe in mo­ra­li­scher Be­zie­hung er­reicht ha­ben, wo es ihm un­mög­lich sein wird, sich als Ein­zel­ner glück­lich zu füh­len, wenn an­de­re sei­nes­g­lei­chen un­glück­lich sind. «Das Glück des ein­zel­nen ist un­t­renn­bar mit dem Glück al­ler ver­bun­den»: die­ser Satz wird herr­schen, wenn der Mensch in das Pflan­zen­reich auf­ge­nom­men sein wird. Es könn­te sich kein Mensch ir­gend glück­lich füh­len, wenn sein Glück her­aus­fal­len wür­de aus dem Glü­cke al­ler.

So se­hen Sie, daß für so fei­ne Be­grif­fe, wie wir sie im Ok­kul­tis­mus ha­ben müs­sen, wenn wir al­les ver­ste­hen wol­len, heu­te sehr we­nig Emp­fin­dungs­mög­lich­kei­ten be­ste­hen. Aber Sie se­hen auch, daß der Mensch lan­ge Ent­wi­cke­lungs­rei­hen noch vor sich hat. Das al­les muß er er­rei­chen, und es ist noch sehr we­nig da­von vor­han­den.

Wir sp­re­chen al­so von sie­ben Rei­chen, durch die der Mensch sel­ber hin­durch­geht. Auf dem Ju­pi­ter wird es wie­der sie­ben Rei­che ge­ben, die noch et­was ähn­lich sind den sie­ben Er­den­rei­chen, aber sich doch schon sehr von die­sen un­ter­schei­den. Auf der Ve­nus wer­den es wie­der sie­ben sein und auf dem Vul­kan wie­der. Hier kann man sie gar nicht mehr Rei­che nen­nen, der Be­griff Reich paßt hier nicht mehr. Wenn wir das al­les ins Au­ge fas­sen, müs­sen wir sa­gen: Wir ha­ben zu­nächst sie­ben Ent­wi­cke­lungs­stu­fen des Be­wußt­seins, die Sa­turn-, Son­nen-, Mond-, Er­den-, Ju­pi­ter-, Ve­nus- und Vulk­an­stu­fe, und auf je­der Be­wußt­s­eins­stu­fe sie­ben Le­bens­stu­fen, durch die sich hin­durch­ent­wi­ckeln muß je­g­li­ches We­sen,

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das durch die Be­wußt­s­eins­gra­de hin­durch­geht. Je­de Le­bens­stu­fe muß wie­der­um sie­ben For­men­stu­fen durchlau­fen, und zwar so, daß Sie die so­ge­nann­te phy­si­sche Form­stu­fe, die Sie jetzt um sich ha­ben, als die mit­tels­te zu be­trach­ten ha­ben. Be­vor et­was phy­sisch wird, ist es as­tra­lisch, be­vor es as­tra­lisch wird, ist es auf ei­ner ge­wis­sen geis­ti­gen Stu­fe, die man das nie­de­re De­vachan nennt,

Zeichnungaus GA 104, S. 202
Zeichnungaus GA 104, S. 202


und be­vor et­was zu die­ser Stu­fe hin­ab­s­teigt, ist es in ei­ner höhe­ren De­vach­an­stu­fe. Da ha­ben wir drei Form­stu­fen. Die ers­te kann man noch form­los nen­nen, dann ist die nächs­te ei­ne Form­stu­fe, die wir als die nie­de­re De­vach­an­stu­fe be­zeich­nen, dann kom­men wir zur as­tra­li­schen Stu­fe. Wenn sich das As­tra­li­sche ver­dich­tet, wird es phy­sisch. Dann löst sich das Phy­si­sche wie­der auf und geht zu­rück zu ei­nem voll­kom­me­ne­ren As­tra­li­schen, das geht zu ei­nem voll­kom­me­ne­ren nie­de­ren De­vacha­ni­schen und dies zum höhe­ren De­vacha­ni­schen. Der phy­si­sche Form­zu­stand ist der mitt­le­re.

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Sie­ben Form­zu­stän­de durch­läuft ein je­des Reich. Sie müs­sen un­ter­schei­den zwi­schen Phy­si­schem und Mi­ne­ra­li­schem; das ist nicht das­sel­be. Man kann, weil heu­te das Phy­si­sche mit dem Mi­ne­ra­li­schen im An­blick zu­sam­men­fällt, bei­de leicht mit­ein­an­der ver­wech­seln. Das mi­ne­ra­li­sche Reich geht durch al­le Form­stu­fen hin­durch. Es kann als mi­ne­ra­li­sches Reich oben in der höchs­ten De­vach­an­stu­fe ver­an­lagt sein. Es steigt dann her­un­ter in die nie­de­re geis­ti­ge Stu­fe und ist im­mer Mi­ne­ral­reich, dann ins As­tra­li­sche, da ist es as­tra­lisch vor­ge­bil­det, und dann ver­dich­tet es sich zum Phy­si­schen. So al­so ha­ben wir in je­dem Reich sie­ben Form­zu­stän­de (sie­he Sche­ma).

Je­der Be­wußt­s­eins­zu­stand kann nur so durchlau­fen wer­den, daß er in sie­ben Le­bens­zu­stän­den ver­läuft. Je­der Le­bens­zu­stand ver­läuft in sie­ben Form­zu­stän­den. Das gibt 7 mal 7 mal 7 Zu­stän­de. In der Tat geht ei­ne gan­ze Ent­wi­cke­lung, wie die Er­de ei­ne hat, durch 7 mal 7 mal 7 Zu­stän­de hin­durch. Un­se­re Er­de war einst­mals Sa­turn; der hat 7 Le­bens­zu­stän­de durch­ge­macht, je­der Le­bens­zu­stand 7 Le­bens­for­men oder Form­zu­stän­de. Da ha­ben Sie 49 Form­zu­stän­de auf dem Sa­turn, 49 auf der Son­ne, 49 auf dem Mon­de und so wei­ter, 7 mal 49 = 343 Form­zu­stän­de. Durch 343 Zu­stän­de läuft der Mensch durch. Als der Sa­turn ganz im An­fang sei­ner Ent­wi­cke­lung war, be­gann er zu­erst im höchs­ten Geis­ti­gen, das wir er­rei­chen kön­nen, als ein Ge­bil­de, das da war im obers­ten De­vachan. Das war der ers­te Form­zu­stand; der war ganz mi­ne­ra­lisch. Er stieg her­un­ter als sol­ches We­sen bis in das phy­si­sche Reich, stieg wie­der hin­auf bis zum obe­ren de­vacha­ni­schen. Und hier be­ginnt die gro­ße Schwie­rig­keit, denn Sie müß­ten jetzt sa­gen, wenn Sie die ge­nann­ten Aus­drü­cke ge­brau­chen wol­len: Der Mensch geht in das nächs­te Reich über. Aber es pas­sen auf den Sa­turn die­se Aus­drü­cke nicht. Es geht der Mensch auf dem Sa­turn auf die­se Wei­se durch 49 Zu­stän­de hin­durch. Das Son­der­ba­re ist nur, daß Sie jetzt fra­gen kön­nen: Da müß­te der Mensch doch auf dem Sa­turn durch Le­bens­zu­stän­de durch­ge­hen. Nun be­kommt er aber erst auf der Son­ne ei­nen Äther­leib. Wie kann man da sa­gen, daß er durch Le­bens­zu­stän­de geht? -- Sie sind nur noch nicht so

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wie spä­ter, wo er ei­nen Le­bens­leib hat, sie sind stell­ver­t­re­tend. Das wird da­durch be­wirkt, daß höhe­re We­sen he­r­ein­wir­ken. Der Mensch hat kein selb­stän­di­ges Le­ben auf dem Sa­turn, aber höhe­re We­sen durch­drin­gen ihn mit ih­rem Äther­leib, mit ih­rem As­tral­leib, Ich und so wei­ter.

Je­den­falls müs­sen Sie be­g­rei­fen, daß der Mensch auf dem Sa­turn 49, auf der Son­ne 49, auf dem Mon­de 49 Zu­stän­de durch­ge­macht hat. Auf der Er­de hat der Mensch von die­sen 49 Zu­stän­den erst die drei ers­ten Le­bens­zu­stän­de durch­ge­macht. Er steht heu­te in dem vier­ten Le­bens­zu­stand, eben im Mi­ne­ral­reich. Er war im ers­ten Le­bens­zu­stand im ers­ten Ele­men­tar­reich und hat da sie­ben Form­zu­stän­de durch­ge­macht, er war im zwei­ten Le­bens­zu­stand im zwei­ten Ele­men­tar­reich und hat da sie­ben Form­zu­stän­de durch­ge­macht, er war im drit­ten Ele­men­tar­reich und hat die sie­ben Form­zu­stän­de durch­ge­macht und ist jetzt im vier­ten Ele­men­tar­reich, wel­ches das­sel­be ist wie das Mi­ne­ral­reich, und ist in die­sem un­ge­fähr in der Mit­te da­r­in­nen. Er ist et­was über die Mit­te hin­aus in dem Mi­ne­ral­reich.

Je­den­falls ha­ben Sie aus al­le­dem, das wir da wie ei­nen Grun­driß be­trach­tet ha­ben, ge­se­hen, daß die gan­ze Er­de durch 343 Zu­stän­de hin­durch­geht. Dies bit­te ich Sie jetzt so sich vor­zu­s­tel­len: Der Sa­turn ent­steht und geht durch 49 Zu­stän­de hin­durch. Der Sa­turn ist zu­erst ei­ne feu­ri­ge, ei­ne Wär­me­mas­se und macht ver­schie­de­ne Zu­stän­de durch, aber es ist im­mer die­sel­be Ku­gel, die die­se 49 Zu­stän­de durch­macht. Eben­so ist die Son­ne im­mer wie­der ein und die­sel­be Ku­gel, wel­che die 49 Zu­stän­de durch­macht. Nur gibt es Zwi­schen­zu­stän­de. Es ist, wie wenn zwi­schen den ein­zel­nen Ver­kör­pe­run­gen ei­ne Art von geis­ti­gem Zwi­schen­raum wä­re. Es ist beim Pla­ne­ten wie beim Men­schen. So ma­chen auch die Pla­ne­ten ei­ne sol­che geis­ti­ge Zwi­schen­stu­fe durch; die liegt übe­rall zwi­schen die­sen Zu­stän­den drin­nen.

Wenn Sie sich al­so klar wer­den, daß wir im Ver­lauf un­se­rer Ent­wi­cke­lung sie­ben Be­wußt­s­eins­zu­stän­de ha­ben, so wer­den Sie auch durch­schau­en, wie das zu­sam­men­hängt mit dem, was Sie in ver­schie­de­nen Büchern der theo­so­phi­schen Li­te­ra­tur be­schrie­ben

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er­hal­ten. Das sind kos­mi­sche Sys­te­me. Es wird ge­sagt, daß un­se­re Er­de ein­mal ei­nen An­fang ge­nom­men hat und aus ei­nem al­ten pla­ne­ta­ri­schen Sys­tem sich ent­wi­ckelt hat, was als Mond be­zeich­net wird. Man müß­te wei­ter zu­rück­ge­hen von dem Mond zur Son­ne, von der Son­ne zum Sa­turn. Je­der die­ser Zu­stän­de zer­fällt in die sie­ben Le­bens­zu­stän­de, ge­wöhn­lich «Run­den» ge­nannt. «Run­den» ist das­sel­be wie Le­bens­zu­stän­de. Und das, was hier Form­zu­stän­de ge­nannt wird, wird ge­wöhn­lich «Glo­ben» ge­nannt. Das ist un­ge­heu­er ir­re­füh­r­end. Es ha­ben sich Men­schen die Vor­stel­lung ge­macht, als wenn die­se sie­ben Glo­ben ne­ben­ein­an­der­lie­gen­de Ku­geln wä­ren:

Zeichnung aus GA 104, S. 205
Zeichnung aus GA 104, S. 205

Die­se Zu­stän­de von der äu­ßers­ten, noch ans Form­lo­se gren­zen­den Form durch das Phy­si­sche bis wie­der­um hin­auf zum Form­lo­sen sind kei­ne sie­ben ne­ben­ein­an­der be­ste­hen­den Ku­geln, son­dern das sind sie­ben au­f­ein­an­der­fol­gen­de Zu­stän­de. Erst war das­je­ni­ge, was heu­te phy­sisch ist, als die­sel­be Ku­gel geis­tig, dann wur­de es dich­ter und dich­ter. Es ist die­sel­be Ku­gel, ein­fach ver­dich­tet. Dann wur­de ein Teil as­tra­lisch, dann ein Teil phy­sisch; das ist im­mer die­sel­be Ku­gel. Sie löst sich wie­der auf wie Salz im lau­en Was­ser, wird wie­der­um as­tra­lisch. Zu die­sem As­tra­li­schen sind wir auf­ge­s­tie­gen da, wo uns in der Apo­ka­lyp­se die «Zor­nes­scha­len» be­schrie­ben wer­den. Da wird die Er­de wie­der as­tra­lisch.

So se­hen Sie, wie die Sie­ben­zahl die gan­ze Ent­wi­cke­lung be­herrscht, und was wir in den ver­f­los­se­nen Ta­gen ge­schil­dert ha­ben durch man­cher­lei Bil­der manch­mal mit recht gro­tes­ken Bil­dern und je­den­falls mit sol­chen, die weit ab­wei­chen von dem, was heu­te der Mensch in der phy­si­schen Welt se­hen kann , das ha­ben wir jetzt dar­ge­s­tellt als ein Ge­rip­pe, als ein Ge­rüst. Wenn Sie das so dar­s­tel­len, ist es un­ge­fähr so, wie wenn Sie das Ge­rüst von ei­nem Haus auf­füh­ren, das al­le­r­äu­ßers­te, das für die Mau­rer be­stimm­te.

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Das hat noch nichts mit der Sa­che zu tun, das sind so­zu­sa­gen erst Ge­dan­ken über die Sa­che. Wir müs­sen auf­s­tei­gen von die­sem rei­nen Ge­dan­ken­sche­ma, das uns ja zum Ver­ständ­nis hilft, zu dem le­ben­di­gen Auf­bau, in­dem wir zum Bei­spiel für die ver­schie­de­nen Zu­stän­de die Bil­der ge­brau­chen, die zu se­hen sind im As­tra­li­schen; dann ha­ben wir erst das­je­ni­ge, was man über­haupt ok­kul­te Weis­heit nennt. So­lan­ge Sie solch ein Ge­rüst auf­bau­en, blei­ben Sie bei dem Den­ken, das Sie ge­wohnt sind, in der phy­si­schen Welt zu ha­ben. Das gan­ze Sche­ma, das wir hin­zeich­ne­ten, ist nur phy­si­sches Den­ken. Das ver­hält sich zur vol­len Wir­k­lich­keit nicht ein­mal wie das in­ne­re Ge­rüst ei­nes Hau­ses zum voll auf­ge­führ­ten Bau, son­dern nur wie das Ge­rüst au­ßen, auf dem die Mau­rer ste­hen. Das muß wie­der ab­ge­ris­sen wer­den, wenn der Bau fer­tig ist. Und so muß das Ge­dan­ken­ge­rüst wie­der ab­ge­ris­sen wer­den, wenn man die Wahr­heit, wie sie sich in Wir­k­lich­keit ver­hält, vor sich ha­ben will. Be­trach­tet man die­se Ab­strak­ti­on schon als das Wir­k­li­che, dann spricht man gar nicht vom wir­k­li­chen Ok­kul­tis­mus, son­dern nur von der Vor­stel­lung, die sich der Mensch in der ge­gen­wär­ti­gen Zeit von den ok­kul­ten Tat­sa­chen ma­chen kann. Wie sich der Mensch heu­te die ok­kul­ten Tat­sa­chen zu­recht­schnei­det, das ist in solch ei­nem Sche­ma ent­hal­ten. Das ist aber un­frucht­bar. Ich muß­te es hin­s­tel­len, weil wir ein sol­ches Sche­ma auch brau­chen. Aber im Grun­de ge­nom­men hilft es dem, der auf wir­k­lich ok­kul­ter Bahn vor­sch­rei­ten will, gar nichts. Wenn Sie die gan­ze Welt bis hin­auf in die höchs­ten ok­kul­ten Tat­sa­chen durch sol­che Sche­men be­sch­rei­ben, so hat das nur ei­ne Be­deu­tung für Ih­re ge­gen­wär­ti­ge In­kar­na­ti­on. In der nächs­ten müs­sen Sie solch ein Sche­ma wie­der ler­nen. Das kann man nur da­durch den­ken, daß man sich des Ge­hirns be­di­ent, das ist nur für das Ge­hirn zu­ge­schnit­ten. Da die­ses aber ab­ge­baut wird beim To­de, so wird die­se gan­ze Be­sch­rei­bung nach dem Sche­ma da ganz zer­st­reut. Wenn Sie da­ge­gen das­je­ni­ge, was wir­k­lich ge­schieht, was wir be­schrie­ben ha­ben als die Au­f­ein­an­der­fol­ge der Sie­gel­bil­der, was das hell­se­he­ri­sche Be­wußt­sein gibt, wenn Sie das er­fas­sen, im Phan­ta­sie­ge­bil­de zu­nächst, so ist das et­was, was nicht ge­bun­den ist an Ihr phy­si­sches Ge­hirn,

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was Ih­nen bleibt nach dem To­de, weil es nicht dem phy­si­schen Den­ken ent­springt, son­dern die Tat­sa­chen hell­se­he­risch gibt. Man muß sich al­so hü­ten, das­je­ni­ge, was heu­te an­ge­st­rebt wird nach dem Mus­ter phy­si­scher Be­g­reif­lich­keit, was auch die höhe­ren Wel­ten sche­ma­ti­sie­ren will, für wir­k­li­chen Ok­kul­tis­mus zu hal­ten. Das ist Be­sch­rei­bung mit den Mit­teln des ge­wöhn­li­chen phy­si­schen Ver­stan­des. Na­tür­lich muß der phy­si­sche Ver­stand ei­ne Rol­le spie­len. Es ist des­halb auch nütz­lich, ein sol­ches Sche­ma hin­zu­s­tel­len, und wir kön­nen noch wei­ter­ge­hen in un­se­rem Sche­ma.

Wir ha­ben ge­se­hen, daß wir durch 343 Zu­stän­de hin­durch­ge­hen. Aber nun wird die Sa­che erst kom­p­li­ziert, wenn wir uns klar­ma­chen, daß es da­mit noch nicht sein Be­wen­den hat, daß viel­mehr der Mensch inn­er­halb ei­nes Form­zu­stan­des auch noch durch ver­schie­de­ne Zu­stän­de hin­durch­ge­hen muß. Dem jet­zi­gen phy­si­schen Form­zu­stand sind drei an­de­re vor­an­ge­gan­gen und drei an­de­re fol­gen nach. Jetzt geht aber der phy­si­sche wie­der­um durch sie­ben Zu­stän­de durch, und das sind erst die sie­ben, von de­nen wir in den vor­her­ge­hen­den Ta­gen ge­spro­chen ha­ben: der ers­te, wo die Son­ne noch mit der Er­de ver­bun­den ist, der zwei­te, wo sie sich her­aus­löst, der drit­te, wo der Mond weg­geht, der vier­te der­je­ni­ge der at­lan­ti­schen Mensch­heit. Die at­lan­ti­sche Mensch­heit lebt in der vier­ten Ent­wi­cke­lungs­pe­rio­de des phy­si­schen Form­zu­stan­des. Und da­mit ha­ben Sie für je­den Form­zu­stand wie­der­um sie­ben so­ge­nann­te Ras­sen­zu­stän­de, ob­wohl der Aus­druck «Ras­se» nur von un­se­rem mitt­le­ren Zu­stand gilt. Und jetzt ha­ben wir selbst den fünf­ten Zu­stand, den, in dem wir le­ben: die nachat­lan­ti­sche Zeit zwi­schen der gro­ßen at­lan­ti­schen Flut und dem gro­ßen Krie­ge al­ler ge­gen al­le. In die­ser Pe­rio­de le­ben wir. Dann folgt ei­ne an­de­re, die sechs­te, dann die sie­ben­te. Die sechs­te Pe­rio­de wird uns an­ge­deu­tet in der Apo­ka­lyp­se des Jo­han­nes durch die sie­ben Sie­gel, die sie­ben­te durch die sie­ben Po­sau­nen. Dann geht es über in das As­tra­li­sche. Das ist ein neu­er Form­zu­stand, der wie­der­um sie­ben Zu­stän­de ha­ben wird. Un­ser Sche­ma ist noch nicht zu En­de. Wir müs­sen je­den sol­chen Zu­stand, wie er ver­f­ließt zwi­schen ei­nem sol­chen Er­eig­nis, wie die gro­ße Flut ei­nes war, und dem gro­ßen

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Krie­ge al­ler ge­gen al­le, wir müs­sen je­den sol­chen Zu­stand wie­der­um in sie­ben Zu­stän­de zer­tei­len. Für den fünf­ten Zu­stand hei­ßen die­se: in­di­sche Kul­tu­re­po­che, per­si­sche Kul­tu­re­po­che, chal­däisch-ba­by­lo­nisch-as­sy­risch-ägyp­tisch-jü­di­sche Epo­che, grie­chisch-latei­ni­sche Epo­che, un­se­re Epo­che, dann die sechs­te, an­ge­deu­tet in der Apo­ka­lyp­se durch die Ge­mein­de von Phi­la­del­phia, und die sie­ben­te Kul­tu­re­po­che, die die­se wie­der­um ablöst.

Al­so wenn wir uns den­ken die gan­ze Evo­lu­ti­on aus lau­ter sol­chen klei­nen Zu­stän­den die aber noch im­mer lang ge­nug sind be­ste­hend, so ha­ben wir 7 mal 7 mal 7 mal 7 mal 7 sol­che Ent­wi­cke­lungs­stu­fen wie die alt­in­di­sche oder die alt­per­si­sche. So vie­le ver­schie­de­ne sol­che Zu­stän­de macht der Mensch zwi­schen Sa­turn und Vul­kan durch.

Zeichnung aus GA 104, S. 208
Zeichnung aus GA 104, S. 208

So se­hen Sie, wie die Sie­ben­zahl in au­f­ein­an­der­fol­gen­den Pe­rio­den auf­bau­end die gan­ze Ent­wi­cke­lung be­herrscht. Wie die mu­si­ka­li­schen Tö­ne von Ok­ta­ve zu Ok­ta­ve wei­ter­sch­rei­ten, so ver­f­ließt das gan­ze Wer­den in Wer­de-Ok­ta­ven.

Nun wol­len wir uns ein­mal da­ran er­in­nern, daß wir sie­ben die­ser Zu­stän­de von den 16807 in un­se­rer Zeit zwi­schen der gro­ßen at­lan­ti­schen Flut und dem gro­ßen Krie­ge al­ler ge­gen al­le ha­ben, daß wir vor­her auch sie­ben hat­ten in der at­lan­ti­schen Zeit. Aber wir er­in­nern uns auch, daß der Mensch vier von die­sen sie­ben Zu­stän­den der at­lan­ti­schen Zeit un­ter ganz an­de­ren Ver­hält­nis­sen durch­ge­macht hat als die drei spä­te­ren. Al­so jetzt wis­sen wir, was das für Zu­stän­de sind, wie wir sie zu zäh­len ha­ben. Vier von die­sen Zu­stän­den der gro­ßen Zahl hat der Mensch wäh­rend der at­lan­ti­schen Zeit so durch­ge­macht, daß er sich fühl­te als ei­ne Grup­pen­see­le, wie wir sie an­ge­ge­ben ha­ben als Ad­ler, Löwe, Stier und Mensch. Die­se vier Grup­pen­see­len bil­de­te er nach und nach aus wäh­rend die­ser vier Grun­dras­sen der at­lan­ti­schen Zeit. Weil nun

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im­mer Ras­sen üb­rig­b­lei­ben, wie die in­di­sche zum Bei­spiel übrig­ge­b­lie­ben ist, ob­wohl sich spä­te­re ent­wi­ckelt ha­ben die Din­ge le­ben in­ein­an­der , dar­um blie­ben auch die vier Köp­fe, wel­che die Grup­pen­see­len an­ga­ben am Be­ginn der fünf­ten at­lan­ti­schen Kul­tu­re­po­che. Wir ha­ben die­ses vier­köp­fi­ge Tier.

Nun bil­de­te sich der Mensch zu glei­cher Zeit, als er be­gann sich vom Äthe­ri­schen ins Phy­si­sche zu ver­här­ten, ge­mäß sei­ner vi­er­grup­pi­gen See­le vier­er­lei ver­schie­de­ne Kör­per­g­lie­der aus. Und da­durch, daß sich das­je­ni­ge, was früh­er Grup­pen­see­len­be­wußt­sein war, ins In­di­vi­dual­be­wußt­sein ver­wan­delt hat, da­durch hat der Mensch bei Be­ginn des fünf­ten Zei­traums der At­lan­tis ei­nen Zu­sam­men­fluß der frühe­ren Vier­heit. Er trägt die vier Köp­fe in sich, die sich sum­mie­ren in sei­nem Kop­fe, der all­mäh­lich ent­steht. Der ist aus den vier Grup­pen­köp­fen zu­sam­men­ge­setzt, wie er im Ver­lau­fe der fünf­ten Pe­rio­de sich her­aus­ent­wi­ckelt. Die­sen vier Köp­fen ent­sp­re­chend hat der Mensch vier Tei­le sei­nes phy­si­schen Lei­bes. Das sind zu­nächst die vier «Hör­ner», so daß Sie sich den­ken kön­nen: Weil der Mensch ein äthe­ri­scher Mensch war, hat­te er vier Köp­fe, vier Tier­köp­fe nur der letz­te ist schon Men­schen­tier , denn das ist da­mit ge­meint. Er war vier­köp­fig, und je­des Kraft­sys­tem, das ei­nem die­ser Köp­fe ent­spricht, bil­de­te phy­si­sche Or­ga­ne. Wir ha­ben ges­tern ge­se­hen, daß es ein Kraft­sys­tem war, das un­ser Herz bil­de­te, näm­lich das­je­ni­ge, das mit dem Löw­en­kopf zu­sam­men­hängt. Es sind die ein­zel­nen Or­ga­ne des Men­schen wie Ver­dich­tun­gen der ent­sp­re­chen­den Glie­der des äthe­ri­schen Lei­bes.

So denkt der Apo­ka­lyp­ti­ker. Er sagt sich: Das­je­ni­ge, was phy­sisch ist, ist Ver­di­ckung des Äthe­ri­schen. So wie Sie sich den­ken wür­den: Die­se Haut ver­dickt sich und bil­det ei­ne Schwie­le, so denkt sich der Apo­ka­lyp­ti­ker: Der Mensch ist vor­han­den äthe­risch, und das ver­dickt sich, wird phy­sisch. Und weil der Mensch vier­fach vor­han­den ist als vier Grup­pen­see­len, bil­den sich vier sol­che Ver­di­ckun­gen. Die set­zen sei­nen phy­si­schen Leib zu­sam­men. Das ist der Grund, warum man das­je­ni­ge, was im phy­si­schen Leib dem Äther­leib ent­spricht, als «Horn» be­zeich­net. Horn ist ei­ne schwie­li­ge Ver­di­ckung. Man be­zeich­net den Men­schen, wie er ge­ra­de in

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der vier­ten Pe­rio­de der at­lan­ti­schen Zeit ge­wor­den ist, als ein Tier mit vier Köp­fen und vier Hör­nern.

Jetzt ent­wi­ckelt er sich zum in­di­vi­du­el­len Men­schen wei­ter. Das be­ginnt dann in der Nähe des heu­ti­gen Ir­land. Der Mensch geht durch drei letz­te Pe­rio­den durch, und zwar so, daß er die An­la­ge zum Ich-Men­schen hat. Da bil­det er zu­nächst, wenn Sie äu­ßer­lich sei­nen phy­si­schen Ent­wi­cke­lungs­gang ver­fol­gen, kei­nen Tier­kör­per mehr aus, son­dern ist zum Men­schen auf­ge­s­tie­gen. Er bil­det die Mensch­heit im­mer mehr aus, bis er das Chris­tus-Prin­zip auf­nimmt. Wenn wir den heu­ti­gen Men­schen an­se­hen, so wer­den wir sa­gen: Wie er heu­te vor uns steht, war er einst­mals nicht. Da­mit er das wer­den konn­te, muß­te er durch vier tie­ri­sche Grup­pen­see­len hin­durch­ge­hen, muß­te er ver­kör­pert wer­den in Kör­pern, die der heu­ti­gen Löw­en­ge­stalt, der Stier­ge­stalt, der Ad­ler- und der Men­schen­ge­stalt ent­sp­re­chen. Dann stieg er höh­er her­auf und wur­de im­mer men­sche­n­ähn­li­cher, und die Ge­stalt der frühe­ren Grup­pen­see­le ver­schwand. Die ist nicht mehr da, der Mensch ist men­sche­n­ähn­lich ge­wor­den.

Jetzt müs­sen Sie sich aber auch klar­wer­den über ein wich­ti­ges Er­eig­nis, das da­mals ein­t­rat, als der Mensch men­sche­n­ähn­lich wur­de, und oh­ne des­sen Ver­ständ­nis man nim­mer­mehr be­g­rei­fen kann die Apo­ka­lyp­se des Jo­han­nes, ein Er­eig­nis von größ­ter Wich­tig­keit. Bis zu die­sem Er­eig­nis, wo der Mensch über­ging in die Men­schen­see­len­haf­tig­keit, da war den Bli­cken der Men­schen to­tal ver­bor­gen, was spä­ter of­fen­bar ge­wor­den ist. Der Mensch hat­te ei­ne Art dump­fen, däm­mer­haf­ten Be­wußt­seins. Wenn er mor­gens auf­wach­te, sah er al­les so­zu­sa­gen wie von Ne­bel­ge­bil­den um­ge­ben, und wenn er ein­sch­lief, war er in der geis­ti­gen Welt. Die er­schi­en ihm in Bil­dern, denn das ist die Na­tur der geis­ti­gen Welt. Nun will ich Ih­nen et­was be­sch­rei­ben, was sich ab­spiel­te, be­vor der Mensch phy­sisch in den Men­schen­zu­stand über­ge­gan­gen ist, be­vor er ein­ge­t­re­ten ist aus der Grup­pen­see­len­haf­tig­keit zum vol­len Ich-Be­wußt­sein.

Was der Mensch hier auf der Er­de er­leb­te, das be­stand nur in ei­ner An­zahl von Er­fah­run­gen. Dann sch­lief er ein und war wäh­rend des Schla­fes in dump­fem Be­wußt­sein in ei­ner geis­ti­gen Welt,

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wo er zwi­schen Göt­tern und Geis­tern leb­te, wo­von ein Nach­klang in den My­then und Sa­gen vor­han­den ist. Da er­leb­te er ge­wal­ti­ge Bil­der, zum Bei­spiel das Bild, daß er zwei an­de­ren We­sen be­geg­ne­te, daß die bei­den Stei­ne hin­ter sich war­fen und daß aus den Stei­nen, die hin­ge­wor­fen wa­ren, an­de­re gleich­ge­ar­te­te We­sen aus der Er­de her­aus­wuch­sen, We­sen, wie sie sel­ber wa­ren. Das wa­ren Er­leb­nis­se, wie sie der Mensch noch die gan­ze vier­te Pe­rio­de der at­lan­ti­schen Zeit hin­durch hat­te. Wenn wir das deut­lich aus­sp­re­chen wol­len, so müs­sen wir sa­gen: Al­le Fortpfl­an­zung des Men­schen ge­schah nicht im Be­wußt­sein des Wa­chens, son­dern im Be­wußt­sein des Schla­fes. Wenn der Mensch au­ßer sei­nem phy­si­schen Leib und in der geis­ti­gen Welt war, da brach­te er so­zu­sa­gen in die­sem Be­wußt­s­eins­zu­stand, wo ihm al­les in Bil­dern er­schi­en, das­je­ni­ge, was an Tat­sa­chen für die Fortpfl­an­zung zu ge­sche­hen hat­te, in Be­we­gung, und der gan­ze Fortpfl­an­zungs­akt war in Geis­ti­ges ge­hüllt, er­schi­en ihm in dem Bil­de des Stein­wer­fens hin­ter sich. Der gan­ze Fortpfl­an­zungs­akt war ge­hüllt in geis­ti­ges Be­wußt­sein, lag hin­ter dem Ta­ges­be­wußt­sein. Der Mensch wuß­te nichts vom Ge­sch­lecht­li­chen. Im Ta­ges­be­wußt­sein sah er sich nicht so, als ob er in zwei Ge­sch­lech­tern vor­han­den wä­re, und sei­ne See­le war un­be­rührt von je­dem Ge­dan­ken an das Ge­sch­lecht­li­che. Nicht, als ob es nicht vor­han­den ge­we­sen wä­re. Es war vor­han­den, aber es ruh­te im Dun­kel ei­nes geis­ti­gen Be­wußt­seins. Es war für den Men­schen wäh­rend des Ta­ges­be­wußt­seins nicht vor­han­den.

Mit der Er­rin­gung der ers­ten An­la­ge zum Ich-Be­wußt­sein wird dem Men­schen die Ge­sch­lecht­lich­keit erst be­wußt. Das ist der Mo­ment, der uns in der Bi­bel dar­ge­s­tellt wird, wo Adam und Eva ge­wahr wer­den, daß es et­was wie ei­ne Ge­sch­lecht­lich­keit gibt. Die­sen be­deu­tungs­vol­len dra­ma­ti­schen Mo­ment, hier­her ha­ben wir ihn in der Er­den­ent­wi­cke­lung zu set­zen. Und wenn Sie hell­se­he­risch zu­rück­bli­cken auf die Zeit, die vor­an­ging, so se­hen Sie von dem Men­schen eben nur das­je­ni­ge, was die Werk­zeu­ge des Geis­tes sind. Das an­de­re war über­haupt nicht zu se­hen. Der Mensch war nur sei­ner obe­ren Ge­stalt nach zu se­hen. Und von dem ge­nann­ten Zeit­punkt an fing man an, den Men­schen ganz zu se­hen. Es ist uns jetzt

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be­g­reif­lich, warum die Men­schen sich nun ver­hüll­ten. Vor­her sa­hen sie nichts, was sie hät­ten ver­hül­len sol­len. So trat der Mensch all­mäh­lich ins Äu­ße­re her­aus.

Wenn wir die äu­ße­re Men­schen­ge­stalt als das Ver­dich­te­te des Äthe­ri­schen be­trach­ten, so ha­ben wir in der vier­ten at­lan­ti­schen Stu­fe zu den vier Grup­pen­see­len­köp­fen die vier Hör­ner. Jetzt aber be­ginnt sich für die drei letz­ten at­lan­ti­schen Epo­chen im Phy­si­schen ein Dop­pel­tes aus­zu­bil­den. Für je­de Stu­fe, wo sich wei­ter ein Grup­pen­see­len­kopf aus­bil­den soll­te, bil­de­te sich ein dop­pel­tes Phy­si­sches, männ­lich und weib­lich, aus. Sie ha­ben für die vier ers­ten Stu­fen den Men­schen ge­bil­det mit vier Köp­fen, das ver­dick­te Äthe­ri­sche mit vier Hör­nern. Jetzt ha­ben wir drei fol­gen­de Köp­fe, die nicht sicht­bar sind, weil die äu­ße­re Men­schen­ge­stalt sie auf­nimmt, weil sie nicht zur Dar­stel­lung kom­men. Die­se drei sind nur für den Hell­se­her wahr­zu­neh­men, drei äthe­ri­sche Köp­fe, die Haupt­men­schen­köp­fe, und da­zu je zwei Hör­ner, die wie Schat­ten ne­ben ihm sind, wie Dop­pel­schat­ten. So ha­ben wir, als die at­lan­ti­sche Flut he­r­ein­brach, sie­ben Gat­tungs- oder Grup­pen­see­len­köp­fe, wo­von die drei letz­ten im­mer so er­schei­nen, daß sie ihr Phy­si­sches in zwei­fa­cher Ge­stalt ha­ben, im­mer als Männ­li­ches und Weib­li­ches. Dar­aus se­hen Sie, daß die gan­ze Grup­pen­see­len­haf­tig­keit des Men­schen am En­de der at­lan­ti­schen Zeit, wenn auch das Spä­te­re un­sicht­bar bleibt, sie­ben Köp­fe und zehn Hör­ner hat. Die vier ers­ten Köp­fe be­kom­men kein Männ­li­ches und Weib­li­ches ge­t­rennt an Hör­nern, die drei letz­ten be­kom­men aber Männ­li­ches und Weib­li­ches ge­t­rennt.

Die sie­ben Köp­fe und zehn Hör­ner hat der Mensch in sich. Das muß er nun so be­ar­bei­ten durch die Auf­nah­me des Chris­tus-Prin­zi­pes, daß sie so­zu­sa­gen ver­nich­tet wer­den. Denn je­des­mal, wenn heu­te der Mensch stirbt, ist in sei­nem as­tra­li­schen Lei­be sehr wohl zu se­hen die Sie­ben­köp­fig­keit und Zehn­hör­nig­keit. Das wird nur zu­sam­men­ge­hal­ten wie Kaut­schuk, der ent­sp­re­chend ge­bil­det wird. Neh­men Sie an, der Mensch ver­här­te­te sich wäh­rend un­se­rer Zeit ge­gen das Chris­tus-Prin­zip und kä­me an in der Zeit des gro­ßen Krie­ges al­ler ge­gen al­le, oh­ne das Chris­tus-Er­leb­nis ge­habt zu

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ha­ben, kä­me an und hät­te den Chris­tus von sich ge­sto­ßen, dann wür­de, wenn die Er­de ins As­tra­li­sche über­geht, das­je­ni­ge, was da war, wo­zu er es ge­bracht hat, was er hät­te um­wan­deln sol­len, her­vor­sprin­gen, her­vor­sprin­gen in sei­ner al­ten Ge­stalt. Das Tier wür­de er­schei­nen mit den sie­ben Köp­fen und zehn Hör­nern, wäh­rend für die­je­ni­gen, die das Chris­tus-Prin­zip auf­ge­nom­men ha­ben, die Ge­sch­lecht­lich­keit wie­der­um über­wun­den sein wird. Die Ver­här­te­ten wer­den die sechs­hör­ni­ge Ge­sch­lecht­lich­keit wohl be­wah­ren und wer­den in ih­rer Ganz­heit er­schei­nen als das Tier mit den sie­ben Köp­fen und zehn Hör­nern, die ver­an­lagt wor­den sind in der at­lan­ti­schen Zeit. Sie kön­nen um­ge­wan­delt wer­den durch die Auf­nah­me des Chris­tus-Im­pul­ses. Wenn aber der Chris­tus zu­rück­ge­wie­sen wird, wer­den sie blei­ben und wie­der er­schei­nen in je­ner Zeit, die da­mit an­ge­deu­tet wird, daß die Zor­nes­scha­len aus­ge­gos­sen wer­den und die Er­de so­zu­sa­gen ge­spal­ten er­scheint in zwei Tei­le: in den Teil, wo die Chris­tus-Men­schen mit wei­ßen Klei­dern er­schei­nen als die Au­s­er­wähl­ten, schon zur Zeit der Sie­gel, und in den an­de­ren Teil, wo die Men­schen er­schei­nen in der Ge­stalt des Tie­res mit den sie­ben Köp­fen und zehn Hör­nern. Dann er­scheint auch ein an­de­res Tier mit zwei Hör­nern, sym­bo­li­siert durch die Zahl 666.

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ELFTER VORTRAG, Nürnberg, 29. Juni 1908

Die Ent­wi­cke­lung un­se­rer Er­de ha­ben wir so weit ver­folgt, daß wir ge­se­hen ha­ben, wie nach ver­schie­de­nen be­deut­sa­men Er­eig­nis­sen, die uns durch die Auf­sch­lie­ßung der sie­ben Sie­gel, durch das Er­tö­nen der sie­ben Po­sau­nen cha­rak­te­ri­siert sind, in der Zu­kunft die Er­de über­geht in ei­ne Art geis­ti­gen Zu­stand mit al­len ih­ren We­sen­hei­ten. Aus­ge­nom­men wer­den nur die­je­ni­gen sein, die sich wei­ger­ten, das Chris­tus-Prin­zip auf­zu­neh­men, wo­bei wir das «Wei­gern» durch­aus in dem Sinn ei­ner en­er­gi­schen, bös­wil­li­gen und un­in­tel­li­gen­ten geis­ti­gen Op­po­si­ti­on zu den­ken ha­ben. Na­tür­lich wer­den auch die­se We­sen­hei­ten dann, wenn die Er­de ih­re as­tra­li­sche, ih­re geis­ti­ge Form an­ge­nom­men ha­ben wird, nicht in ei­nem derb ma­te­ri­el­len, sa­gen wir, er­di­gen Stoff da sein kön­nen, son­dern auch sie wer­den für die Zeit, die dann folgt nach den Po­sau­n­en­klän­gen, für die Zeit, die wir cha­rak­te­ri­siert ha­ben durch das Aus­gie­ßen der Zor­nes­scha­len, in as­tra­li­sche For­men über­ge­hen, aber ih­re nie­de­rer ge­wor­de­ne Na­tur, das, was ih­nen ei­gen ist, weil sie nicht auf­ge­nom­men ha­ben das Chris­tus-Prin­zip, das wird sich im As­tra­li­schen da­durch au­s­prä­gen, daß sie im we­sent­li­chen je­ne Tier­ge­stalt tra­gen, die wir als das Tier mit den sie­ben Köp­fen und zehn Hör­nern cha­rak­te­ri­siert ha­ben.

Nun ha­ben Sie ja aus al­lem, was ge­sagt wor­den ist, ent­neh­men kön­nen, wie die Be­zie­hung ist zwi­schen dem, was wir da Köp­fe und was wir Hör­ner nen­nen. Aber es wird Ih­nen da­bei noch im­mer ei­ne Fra­ge so­zu­sa­gen auf der See­le sein, die Fra­ge: Warum nennt man denn just das­je­ni­ge, was im phy­si­schen Leib als die­ses oder je­nes Or­gan auf­tritt, ei­gent­lich Horn? Warum be­zeich­net man denn die phy­si­schen Or­ga­ne und ih­re Über­b­leib­sel im As­tra­li­schen, wenn die Er­de as­tra­lisch ge­wor­den sein wird, als Hör­ner? Das ist ja leicht ver­ständ­lich, daß die­je­ni­gen Men­schen, wel­che das Prin­zip des Chris­tus nicht in sich auf­ge­nom­men ha­ben, wie­der

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zu­rück­fal­len müs­sen in den Zu­stand, in dem der Mensch war, be­vor er des Chris­tus-Prin­zi­pes teil­haf­tig wer­den konn­te. Der Mensch war vor­her ein un­in­di­vi­du­el­les We­sen mit ei­ner Grup­pen­see­le, und wir ha­ben ge­se­hen, daß er durch die vier ers­ten Zei­träu­me der at­lan­ti­schen Zeit mit den Grup­pen­see­len aus­ge­stat­tet war, die in rich­ti­ger Wei­se sym­bo­lisch dar­ge­s­tellt wer­den durch den Stier­kopf, Löw­en­kopf, Ad­ler­kopf und den Men­schen­kopf, wo­bei wir uns die­sen letz­te­ren als Tier­men­schen­kopf vor­zu­s­tel­len ha­ben. Wir ha­ben uns al­so durch­aus zu den­ken, daß, wenn der Mensch wie­de­r­er­scheint in der ver­geis­tig­ten Er­de und un­be­nutzt ge­las­sen hat das Chris­tus-Prin­zip wäh­rend un­se­rer Epo­che, er dann, weil er eben nichts da­zu bei­ge­tra­gen hat, sei­ne frühe­re Ti­er­grup­pen­see­len­haf­tig­keit höh­er aus­zu­bil­den, wie­der­um in der al­ten Ge­stalt er­scheint, und nicht nur in die­ser Ge­stalt, son­dern mit wei­te­ren drei Köp­fen, die er durch die spä­te­ren Zei­träu­me sich noch zu­ge­zo­gen hat. Be­vor die gro­ße Flut von At­lan­tis her­ein­ge­bro­chen ist, wa­ren ja auf die ers­ten vier Zei­träu­me noch drei ge­folgt. In die­sen drei Zei­träu­men ha­ben ja die­je­ni­gen, wel­che spä­ter das Chris­tus-Prin­zip auf­ge­nom­men ha­ben, auch in ei­ner ge­wis­sen Wei­se die Mög­lich­keit in sich ge­habt, wei­te­re drei Grup­pen­see­len­köp­fe in sich auf­zu­neh­men, aber sie ha­ben sie um­ge­stal­tet, sie ha­ben das Tie­ri­sche im Men­schen auf ein Höhe­res hin­auf­ge­ho­ben. Sie er­schei­nen in ver­geis­tig­ter Ge­stalt, wenn die Er­de ver­geis­tigt sein wird. Die an­de­ren, die das Chris­tus-Prin­zip von sich ge­wie­sen ha­ben, er­schei­nen mit sie­ben Köp­fen, weil es sie­ben Zei­träu­me gab, inn­er­halb wel­cher vor der Flut das Tie­ri­sche aus­ge­bil­det wor­den ist. Und weil in den letz­ten drei at­lan­ti­schen Zei­ten die Zwei­ge­sch­lech­tig­keit ge­wal­tet hat im Ge­gen­satz zu den vier ers­ten, er­scheint so­zu­sa­gen je­der Kopf mit zwei Mög­lich­kei­ten nach dem Tie­ri­schen hin, mit männ­li­cher und weib­li­cher Mög­lich­keit, so daß je­der Kopf für die­se drei letz­ten Zei­ten mit zwei Hör­nern er­scheint, im gan­zen der Mensch al­so mit zehn Hör­nern.

Nun kann je­mand sa­gen: Ich ver­ste­he wohl, daß die­je­ni­gen Men­schen, die nichts an sich ar­bei­ten, um die Ge­stalt, die sie ha­ben, ab­zu­st­rei­fen, um sie ins Men­sch­li­che her­auf­zu­he­ben, wie­de­r­er­schei­nen

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in der tie­ri­schen Ge­stalt, aber nicht, warum man nun von Hör­nern spricht. Daß man von Köp­fen spricht, das ist leicht zu ver­ste­hen, warum aber von Hör­nern? Nun will ich er­klä­ren, warum man von Hör­nern nicht nur spricht, son­dern sp­re­chen muß. Nicht bloß sym­bo­lisch ist der Aus­druck zu ver­ste­hen, son­dern es ist Wir­k­lich­keit. Tat­säch­lich wer­den die Men­schen, die ver­feh­len, das Chris­tus-Prin­zip in sich auf­zu­neh­men, ja auch in as­tra­li­scher Ge­stalt er­schei­nen. 'Weil sie aber ih­re Trie­be so ge­stal­tet ha­ben, daß sie so­zu­sa­gen an der tie­ri­schen Grup­pen­see­le fest­ge­hal­ten ha­ben, er­schei­nen die ent­sp­re­chen­den Trie­be in dem as­tra­li­schen Lei­be, den die Men­schen dann ha­ben wer­den, in Form von hör­ner­ar­ti­gen Fort­set­zun­gen. Es ist ei­ne wir­k­li­che Ge­stalt.

Ich will es an ei­nem Or­gan er­klä­ren, wie es kommt, daß der Mensch, der das Chris­tus-Prin­zip nicht in sich auf­nimmt, tat­säch­lich mit Hör­nern er­scheint, wenn die Er­de sich ver­geis­tigt ha­ben wird. Neh­men Sie das Or­gan des men­sch­li­chen Kehl­kop­fes und die Luf­tröh­re. Sie at­men fort­wäh­rend in die­ser Luf­tröh­re Luft ein und aus. Das ist ei­ne Tä­tig­keit, die der Mensch aus­übt. Die­se Tä­tig­keit steht bei dem Men­schen, der sich ver­geis­tigt, im Di­ens­te des Geis­ti­gen, bei dem Men­schen aber, der nicht sei­ne Hin­nei­gung, sei­ne Hin­ord­nung zum Chris­tus-Prin­zip nimmt, steht sie in Be­zie­hung zu den al­ten, zu den sie­ben Köp­fen ge­hö­ri­gen Kräf­ten. Set­zen wir al­so den Fall, daß wir es sche­ma­tisch so auf­zeich­nen:

Zeichnung aus GA 104, S. 216
Zeichnung aus GA 104, S. 216

Fort­wäh­rend geht die Luft durch den Kehl­kopf hin­ein von au­ßen. Sie wis­sen aber, daß der as­tra­li­sche Leib des Men­schen ihn um­gibt. Der Strom der Luft, der hin­ein­geht, wird im­mer in Ver­bin­dung sein mit dem As­tra­li­schen. Wenn die Er­de nun sich ver­geis­tigt, zeigt es sich, ob die At­mung bei ei­nem Men­schen ein

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Die­ner des Chris­tus-Prin­zips oder ob sie ein Die­ner der nie­de­ren Kräf­te war, die schon vor dem Chris­tus-Prin­zip in der Welt wa­ren. War sie ein Die­ner des Chris­tus-Prin­zips, dann ver­liert sie je­ne Form, die sich dem heu­ti­gen Lei­be anpaßt. Der Mensch hat dann selbst die Ge­walt, al­les, was as­tra­lisch ist, in ei­ne höhe­re, ver­geis­tig­te Form um­zu­wan­deln. Nimmt er das Chris­tus-Prin­zip nicht auf, dann ist er au­ßer­stan­de, das­je­ni­ge, was der heu­ti­gen flei­sch­li­chen Form an­gepaßt ist, aus die­ser flei­sch­li­chen Form her­aus­zu­brin­gen. Und die Fol­ge da­von ist, daß, nach­dem das Flei­sch­li­che ab­ge­fal­len, ver­schwun­den ist, nach­dem der phy­si­sche Kehl­kopf fort­ge­gan­gen ist, die­se Form des as­tra­li­schen Lei­bes bleibt, die da sich im­mer­fort mit dem Atem hin­ein­steckt in den Kehl­kopf. Die­se Form bleibt in der Ge­stalt ei­nes Hor­nes vor­han­den. Übe­rall, wo am Men­schen die äu­ße­ren as­tra­li­schen Kräf­te ein- und aus­ge­hen, blei­ben sie an­gepaßt der vor­her­ge­hen­den tie­ri­schen Ge­stalt, wenn der Mensch in die as­tra­li­sche Form über­geht, das heißt es er­scheint der Mensch dann mit wah­ren as­tra­li­schen Hör­nern. Das sind wir­k­li­che as­tra­li­sche Ge­stal­ten, sie ent­sp­re­chen ge­nau dem Ein­drin­gen der as­tra­li­schen Sub­stan­tia­li­tät wäh­rend des Er­den­le­bens. Es ist so, daß uns in die­sen Bil­dern nicht be­lie­bi­ge Sym­bo­le hin­ge­s­tellt wer­den, son­dern daß sie die wah­re Ge­stalt des­sen ha­ben, was einst er­scheint. Das gilt es auf­zu­fas­sen.

Nun wol­len wir ein­mal an der Hand des­sen, was wir neu­lich be­trach­tet ha­ben, an der Hand je­nes et­was un­be­hag­li­chen Sche­mas mit den vie­len Zah­len, den Platz in der Welt­ent­wi­cke­lung be­stim­men, an dem wir ste­hen. Da sind wir uns klar dar­über, daß die 49 gro­ßen Ver­wand­lungs­for­men des Sa­turn vor­bei sind, die sie­ben Le­bens­for­men des Sa­turn, die in theo­so­phi­schen Büchern auch «Run­den» ge­nannt wer­den, mit je sie­ben Form­zu­stän­den, «Glo­ben», daß fer­ner vor­über sind die 49 ent­sp­re­chen­den Son­nen­zu­stän­de und die 49 Mond­zu­stän­de. Die hat der Mensch in sei­ner bis­he­ri­gen Ent­wi­cke­lung durch­ge­macht, im gan­zen al­so 147 Zu­stän­de. Da­zu kom­men nun die Zu­stän­de, die der Mensch schon wäh­rend un­se­rer Er­den­ent­wi­cke­lung durch­ge­macht hat. Da sind vor­über die drei ers­ten Le­bens­rei­che, die man auch die drei ers­ten Run­den nennt.

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Wir le­ben im vier­ten Le­bens­reich, in der vier­ten Run­de. Weil nun je­de sol­che Run­de wie­der­um sie­ben Zu­stän­de der Form um­faßt, so ha­ben wir 3 mal 7 Zu­stän­de wäh­rend der drei ers­ten Run­den ab­sol­viert. Zu den 147 kom­men al­so 21 hin­zu. Das vier­te Le­bens­reich ha­ben wir noch nicht ab­sol­viert, aber wir ha­ben ei­nen Teil von die­sem hin­ter uns. Wir ha­ben die drei ers­ten Form­zu­stän­de ab­sol­viert, den fast noch form­lo­sen geis­ti­gen Zu­stand oder Aru­pa-Zu­stand, den Ru­pa- und den as­tra­li­schen Zu­stand. Im phy­si­schen ste­hen wir. So kom­men zu den 147 plus 21 noch 3 hin­zu. Wir ha­ben al­so ab­sol­viert 171 Form­zu­stän­de von den 343 der sie­ben Pla­ne­ten.

Sie müs­sen vor al­len Din­gen ins Au­ge fas­sen, daß wir jetzt in dem 172. Form­zu­stand ste­hen, und das ist die phy­si­sche Er­de. 171 Zu­stän­de hat sie schon durch­ge­macht. Wäh­rend die­ses 172. Zu­stan­des hat sich al­les das zu­ge­tra­gen, was wir ge­schil­dert ha­ben. Als er be­gon­nen hat, die­ser Zu­stand, war die Er­de ver­bun­den mit Son­ne und Mond. Wäh­rend die­ses Zu­stan­des ist die Son­ne, ist der Mond her­aus­ge­gan­gen, und nach­dem Son­ne und Mond her­aus­ge­gan­gen wa­ren, er­schi­en der Mensch als heu­ti­ger Mensch auf der phy­si­schen Er­de. Und es be­gann dar­auf die at­lan­ti­sche Zeit, von der wir ge­spro­chen ha­ben, und wir ha­ben ge­sagt: Die­sen Zei­traum, der der 172. ist, den müs­sen wir wie­der ein­tei­len in sie­ben Zei­träu­me. Der ers­te liegt weit zu­rück, da war am An­fang noch die Son­ne bei der Er­de. Et­was sehr un­ei­gent­lich ist man ge­wohnt wor­den, die­sen Zei­traum die po­la­ri­sche Men­schen­ras­se zu nen­nen. Von die­ser kann man kaum ei­ne Vor­stel­lung ge­ben. Dann folgt, wäh­rend des Hin­aus­ge­hens der Son­ne, die Ras­se der Hy­per­bo­räer, dann, wäh­rend des Hin­aus­ge­hens des Mon­des, ei­ne drit­te, die so­ge­nann­te le­mu­ri­sche Men­schen­ras­se. Das sind drei Zu­stän­de, und der vier­te inn­er­halb die­ses 172. Zu­stan­des ist die at­lan­ti­sche Ras­se. Die fünf­te Ras­se ist die­je­ni­ge, in der wir selbst ste­hen. Nach der vier­ten war die gro­ße at­lan­ti­sche Flut. Nach der un­se­ri­gen folgt die­je­ni­ge, die in der Apo­ka­lyp­se des Jo­han­nes durch die sie­ben Sie­gel aus­ge­drückt ist, und dann die­je­ni­ge, die durch die sie­ben Po­sau­nen aus­ge­drückt ist.

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Nun wis­sen wir, daß je­der die­ser Zei­träu­me wie­der in sie­ben zer­fällt, denn wir ha­ben den un­se­ri­gen, den fünf­ten inn­er­halb des 172. Form­zu­stan­des, zer­teilt in die alt­in­di­sche, alt­per­si­sche, chal­däisch-ba­by­lo­nisch-as­sy­risch-ägyp­tisch-jü­di­sche, in die grie­chisch-latei­ni­sche, in un­se­re, in ei­ne sechs­te und ei­ne sie­ben­te Kul­tu­re­po­che. Dann folgt der gro­ße Krieg al­ler ge­gen al­le. Das, was nach dem gro­ßen Krie­ge kommt, zer­fällt wie­der in sie­ben Glie­der, aus­ge­drückt durch die sie­ben Sie­gel, und das­je­ni­ge, was durch die sie­ben Po­sau­nen aus­ge­drückt ist, ist wie­der­um in sie­ben Glie­der ge­teilt.

Wenn Sie nun in Be­tracht zie­hen, daß 171 noch zu­künf­ti­ge Form­zu­stän­de zu den be­reits ver­f­los­se­nen hin­zu­ge­zählt wer­den müs­sen, dann ha­ben Sie 342, ein wei­te­rer da­zu, der ge­gen­wär­ti­ge, gibt al­le 343, aber in die­sem le­ben wir drin­nen, er steht in der Mit­te. Nun kann je­mand sa­gen: Das ist ei­gent­lich ei­ne ganz wun­der­ba­re Sa­che, daß wir ge­ra­de das Glück ha­ben, in der Mit­te der Welt­ent­wi­cke­lung zu le­ben. Das muß in der Tat man­chem, der nicht wei­ter dar­über nach­denkt, als son­der­ba­re Tat­sa­che er­schei­nen, daß wir so mit­ten in der Ent­wi­cke­lung le­ben. Ja, für den­je­ni­gen, der die Sa­che ganz durch­schaut, ist es gar nicht so son­der­bar. Es ist nicht wun­der­ba­rer, als wenn je­mand, der auf frei­em Fel­de in ebe­ner Ge­gend steht, wo er nach hin­ten und vorn gleich weit sieht, sich in der Mit­te des Ge­sichts­fel­des be­fin­det. Wenn er ein Stück wei­ter­geht, blickt er wie­der gleich weit nach hin­ten und nach vor­ne. Ganz an­de­re Zu­stän­de in der Welt­ent­wi­cke­lung wür­den sich er­ge­ben, wenn wir uns an ei­nen an­de­ren Punkt stel­len wür­den. Wir sind im­mer in der Mit­te. Der Mensch kann nach hin­ten und vor­ne im­mer gleich viel se­hen, auch mit noch so hell­se­he­ri­schen Or­ga­nen. Et­was an­de­res könn­te vi­el­leicht noch auf­fäl­lig sein. Es könn­te je­mand sa­gen: Wie kommt es, daß du uns nicht sagst, auch im üb­ri­gen sei­en wir ganz ge­nau in der Mit­te. Denn jetzt stimmt es nicht mehr. Wir zäh­len da den 172. Form­zu­stand. Die ge­naue Mit­te wä­re im vier­ten Zei­traum des­sel­ben, wir ste­hen aber im fünf­ten, al­so et­was über der Mit­te drau­ßen. Das stimmt al­so nicht ge­nau da­mit, daß wir wir­k­lich in der Mit­te sind. Da liegt ei­ne ei­gen­tüm­li­che Tat­sa­che zu­grun­de. Durch ei­nen Ver­g­leich kön­nen Sie es sich klar­ma­chen. Wenn Sie ihn

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ge­nau er­fas­sen, so se­hen Sie, daß das ei­ne wich­ti­ge Tat­sa­che ist. Es ist wir­k­lich so: In be­zug auf die gro­ßen Haupt­zu­stän­de, Form­zu­stän­de ste­hen wir in der Mit­te, aber in be­zug auf die­je­ni­gen Zu­stän­de, die uns am al­ler­nächs­ten an­ge­hen, ste­hen wir et­was über die Mit­te hin­aus. Warum ist das so?

Den­ken Sie sich ein­mal, Sie wür­den in ei­ner ganz ebe­nen Ge­gend auf ei­ner Ei­sen­bahn­st­re­cke fah­ren und in der La­ge sein, nicht im Wag­gon sit­zen zu müs­sen, son­dern in ei­nem für Sie be­son­ders zu­ge­rich­te­ten Wa­gen, und zwar so, daß Sie nach al­len Sei­ten hin ei­nen frei­en Blick hät­ten. Neh­men wir an, Sie wä­ren im­stan­de, das lan­ge Zeit hin­durch zu ma­chen. Sie hät­ten wir­k­lich ei­nen frei­en Aus­blick, und wenn Sie in ir­gend­ei­nem Punk­te Ih­rer Fahrt sehr rasch ein Bild ent­wer­fen könn­ten von der ge­sam­ten Um­ge­bung, so wür­de die­ses Bild voll­stän­dig kreis­för­mig ab­ge­sch­los­sen sein. Nur in ei­nem Fal­le wür­de dies nicht der Fall sein. Den­ken Sie sich ein­mal, Sie sit­zen in dem da­hin­fah­ren­den Zug und fi­xie­ren das Bild, das Sie vor sich ha­ben. In die­sem Au­gen­blick, wo Sie es fi­xie­ren, schla­fen Sie ein und fah­ren ei­ne Zeit­lang schla­fend, und dann, wenn Sie schla­fen, wer­den Sie ei­ne St­re­cke hin­durch nicht ge­wahr, wie das Bild sich ve­r­än­dert. Sie wa­chen auf, und in dem Zeit­punkt, wo Sie auf­wa­chen, da den­ken Sie sich das Bild, das Sie vor­her fi­xiert ha­ben, rasch wie­der auf­le­ben. Jetzt stimmt es nicht, und der Grund da­von ist, daß Sie ei­ne ge­wis­se Zeit­st­re­cke ver­schla­fen ha­ben. Jetzt fällt nicht zu­sam­men Ihr Bild mit dem Blick, der nach al­len Sei­ten gleich ist, denn Sie ha­ben da­zu ein Stück, das Sie ver­schla­fen ha­ben.

Nun fra­gen wir: Ist das wir­k­lich so, daß der Mensch von der Mit­te sei­ner Ent­wi­cke­lung bis in un­se­re Zeit he­r­ein ge­schla­fen hat? Es wä­re uns vi­el­leicht er­klär­lich, daß das Bild bis da­hin voll­stän­dig stim­men muß­te, jetzt, wo wir über die Mit­te hin­aus­ge­kom­men sind, wür­de, wenn wir ge­schla­fen hät­ten, es mög­lich sein, daß das Bild sich ein Stück ver­scho­ben hat. Hat der Mensch ge­schla­fen? Im ok­kul­ten Sinn hat die Mensch­heit seit der Mit­te der at­lan­ti­schen Zeit ge­schla­fen, weil das die Zeit ist, wo dem gan­zen Men­schen­ge­sch­lecht als sol­chem ab­han­den ge­kom­men ist das

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al­te däm­mer­haf­te Hell­se­hen. Die Men­schen tau­chen un­ter für das Geis­ti­ge wie in ei­nen Schlaf­zu­stand. Sie fan­gen an, ih­ren Blick auf die sinn­li­che Welt zu rich­ten und ge­hen al­so für die geis­ti­ge Welt in ei­nen Schlaf­zu­stand über. Und erst wenn der Mensch wie­der­um das Hell­se­hen er­langt hat, dann wird er so­zu­sa­gen nach al­len Sei­ten ei­nen frei­en Aus­blick ha­ben. Es wird nicht mehr die­se Ver­schie­bung der Evo­lu­ti­on sein, es wird nach vor­ne und hin­ten die­sel­be St­re­cke er­schei­nen. Tat­säch­lich hat der Mensch seit der Mit­te der at­lan­ti­schen Zeit ge­schla­fen da­durch, daß er nicht teil­haf­tig war der An­schau­ung der geis­ti­gen Wel­ten als nor­ma­ler Mensch. Wenn wir von den Ein­ge­weih­ten oder auch von Som­nam­bu­len mei­net­we­gen ab­se­hen, so müs­sen wir sa­gen: Die Men­schen se­hen nicht, denn «se­hen» be­deu­tet, wir­k­lich in die Welt hin­ein­schau­en. Ge­gen­über der geis­ti­gen Welt schläft die Mensch­heit und sie wird noch ei­ne Zeit­lang schla­fen. Seit je­ner at­lan­ti­schen Zeit gilt der Aus­spruch des Jo­han­nes-Evan­ge­li­ums: «Und das Licht schi­en in die Fins­ter­nis, aber die Fins­ter­nis hat es nicht be­grif­fen.»

So al­so ver­birgt sich in die­ser Ein­tei­lung doch ei­ne wich­ti­ge Wahr­heit, die Wahr­heit, daß die Mensch­heit in ei­nem fins­te­ren Zei­tal­ter lebt, in dem Zei­tal­ter der Fins­ter­nis. Und in die­ses Zei­tal­ter wur­de das Chris­tus-Prin­zip he­r­e­in­ver­setzt, da­mit die Mensch­heit hin­aus­ge­führt wer­de in das Zei­tal­ter des Lichts. Des­halb muß­te ich Ih­nen mit Recht den ge­gen­wär­ti­gen Stand der Ent­wi­cke­lung nicht in die Mit­te, son­dern hin­ter die Mit­te le­gen, weil in At­lan­tis das fins­te­re Zei­tal­ter be­ginnt, das bis in das sechs­te Zei­tal­ter hin­ein­geht, bis da­hin, wo die au­s­er­le­se­ne Schar in wei­ßen Klei­dern er­scheint, wo die­se Schar er­scheint als die ers­ten, die wie­der im­stan­de sind, in den ge­wöhn­li­chen nor­ma­len Ver­hält­nis­sen die geis­ti­ge Welt um sich her­um zu ha­ben. Da ist der Zei­traum der Fins­ter­nis ab­ge­lau­fen, da er­scheint der Zei­traum, von dem es hei­ßen muß: «Das Licht scheint in die Fins­ter­nis und die Fins­ter­nis be­g­reift das Licht.» Das schwar­ze Zei­tal­ter wird des­halb auch die Zeit ge­nannt, in wel­cher der Mensch sei­nen Blick nur auf die phy­sisch-ma­te­ri­el­le Welt rich­tet und im nor­ma­len Zu­stand nicht die geis­ti­ge Welt da­hin­ter sieht.

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Nun­mehr wol­len wir aber an­knüp­fen an das, was wir wei­ter über die Ent­wi­cke­lung ge­sagt ha­ben. Wenn die Ent­wi­cke­lung bis nach dem sie­ben­ten Zei­traum vor­ge­schrit­ten sein wird, nach der Zeit, wel­che durch die Po­sau­n­en­klän­ge an­ge­deu­tet ist, dann ver­geis­tigt sich die Er­de, und die Er­de geht zu­nächst ins As­tra­li­sche, dann ins De­vacha­ni­sche und in den fei­ne­ren de­vacha­ni­schen Zu­stand über. Und sie geht dann wie­der­um zu­rück in die­sel­ben Zu­stän­de, in­dem sie sich von dem feins­ten Geis­ti­gen im­mer mehr ver­dich­tet und in den­je­ni­gen Zu­stand kommt, wel­chen man ge­wöhn­lich in theo­so­phi­schen Hand­büchern die fünf­te Run­de nennt, die wie­der­um sie­ben Form­zu­stän­de ha­ben wird, und in der Mit­te wie­der­um durch ei­ne sol­che Ent­wi­cke­lung von sie­ben au­f­ein­an­der­fol­gen­den, mei­net­we­gen Ras­se­zu­stän­den cha­rak­te­ri­siert wer­den müß­te.

Nun wol­len wir uns ein­mal, wenn es uns auch schwer wird, doch in die nächs­ten Zu­stän­de un­se­rer Er­den­ent­wi­cke­lung ein we­nig ver­tie­fen. Wir wol­len ei­nen ganz be­stimm­ten Punkt un­se­rer Ent­wi­cke­lung in der Zu­kunft ins Au­ge fas­sen, eben­so wie wir un­se­ren jet­zi­gen Punkt ins Au­ge ge­faßt ha­ben. Fas­sen wir noch ein­mal un­se­ren jet­zi­gen Ent­wi­cke­lungs­punkt ins Au­ge, und zwar so, daß wir bloß an­fan­gen mit un­se­rem jet­zi­gen 172. Zu­stand. Von die­sem 172. Zu­stan­de hat die Er­de drei Un­ter­zu­stän­de schon ab­sol­viert. Der 172. Zu­stand ist der phy­si­sche Form­zu­stand, die Er­de selbst. Drei [Form­zu­stän­de] hat sie vor­her schon ab­sol­viert. Sie ist jetzt im vier­ten die­ser Zu­stän­de. Wir fas­sen al­so zu­nächst nur ins Au­ge die Form­zu­stän­de [der Er­de]. Wir rech­nen, daß wir in dem vier­ten Le­bens­reich oder der vier­ten Run­de sind. Die be­trach­ten wir als ge­ge­ben und sa­gen: Von die­ser vier­ten Run­de, von die­sem vier­ten Le­bens­reich ha­ben wir durch­ge­macht drei Form­zu­stän­de, und wir sind im vier­ten die­ser Form­zu­stän­de. Fra­gen wir uns nun wei­ter: Wie­viel ha­ben wir von den Un­ter­zu­stän­den durch­ge­macht? Den ers­ten, zwei­ten, drit­ten, vier­ten. Der letz­te war die at­lan­ti­sche Zeit. Die­se letz­te, die at­lan­ti­sche Ent­wi­cke­lungs­zeit, ist al­so ab­ge­sch­los­sen. Wir sa­gen: Wir ha­ben vier Zu­stän­de durch­ge­macht und ste­hen jetzt im fünf­ten. Von die­sem fünf­ten ha­ben wir wie­der­um vier durch­ge­macht an Un­ter­zu­stän­den, näm­lich den alt-

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in­di­schen, alt­per­si­schen, ägyp­ti­schen, grie­chisch-latei­ni­schen. Im fünf­ten ste­hen wir. So daß wir sa­gen: Vor un­se­rer un­mit­tel­bar jet­zi­gen Ent­wi­cke­lungs­stu­fe ha­ben wir 3, 4, 4 Zu­stän­de ab­sol­viert. Die­se 3, 4, 4 Zu­stän­de, die wir da ab­sol­viert ha­ben, die be­zeich­net man in der Spra­che des Apo­ka­lyp­ti­kers als die Zahl der Ent­wi­cke­lung. Wenn man al­so fragt: Wel­ches ist die Zahl der Ent­wi­cke­lung, un­se­rer Ent­wi­cke­lung? dann heißt die Ant­wort: Die­se Zahl un­se­rer Ent­wi­cke­lung ist «344» (ge­le­sen drei, vier, vier). Es ist das nicht im Sin­ne des Zeh­ner­sys­tems, son­dern des Sie­be­n­er­sys­tems ge­le­sen. Drei Zu­stän­de von sie­ben sind durch­ge­macht, vier Zu­stän­de von den nächs­ten, klei­ne­ren sie­ben sind durch­ge­macht, und vier Zu­stän­de von aber­mals sie­ben klei­ne­ren sind durch­ge­macht. Das be­deu­tet ei­gent­lich die­se «344». Man darf sie nicht wie an­de­re Zah­len ein­fach ab­le­sen, son­dern sie ent­hält ne­ben­ein­an­der ge­schrie­ben die Zahl der Zu­stän­de, die man durch­ge­macht hat.

Nun den­ken wir uns fol­gen­des:*) Wenn die Er­de sich ver­geis­tigt und sich in ih­re nächs­ten Zu­stän­de hin­über­ent­wi­ckelt ha­ben wird, dann wer­den im­mer mehr und mehr Stu­fen durch­ge­macht sein. Und ein­mal muß ei­ne Zeit kom­men, wo durch­ge­macht sein wer­den: von der ers­ten Gat­tung 6, von der zwei­ten 6 und von der drit­ten 6 Zu­stän­de. Ge­nau wie wir jetzt als Zahl der Ent­wi­cke­lung 344 ha­ben, so muß ein­mal in der Zu­kunft, in dem Zeit­punkt, wo 6 Le­bens­rei­che oder Run­den, 6 Hauptras­sen und 6 Un­ter­ras­sen durch­ge­macht sind, die Zahl «666» (ge­le­sen sechs, sechs, sechs) gel­ten un­ei­gent­lich ge­le­sen, aber das ist die rich­ti­ge Art und Wei­se der Sch­rei­bung des Apo­ka­lyp­ti­kers. Al­so es wird ein­mal ei­ne Zeit kom­men, wo die Zahl «666» die Zahl der Ent­wi­cke­lung ist. Das wird erst in ei­ner sehr fer­nen Zu­kunft sein, aber die­se Zu­kunft wird schon vor­be­rei­tet in un­se­rer Zeit. Nach­dem drei gro­ße Haupt­zu­stän­de [Hauptras­sen] durch­ge­macht sind, le­ben wir in un­se­rer Zeit im vier­ten. Aber wenn die Zeit vor­über­ge­gan­gen sein wird, wel­che nach dem gro­ßen Krie­ge al­ler ge­gen al­le durch die sie­ben Sie­gel be­zeich­net ist, wenn wir an­ge­langt sein wer­den [beim

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*) Sie­he den Son­der­hin­weis auf Sei­te 263.

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Zei­tal­ter der sie­ben Po­sau­nen], dann wer­den wir von die­ser mitt­le­ren Gat­tung sechs durch­ge­macht ha­ben. Wenn die ers­te Po­sau­ne er­k­lin­gen wird, wer­den wir 6 sol­che Hauptras­sen durch­ge­macht ha­ben, und wenn wir dann hin­über­le­ben in die Zeit der Po­sau­n­en­klän­ge und die Zei­ten vor­über sein wer­den, die durch die ers­ten sechs Po­sau­nen ge­kenn­zeich­net sind, dann ha­ben wir «66» er­lebt. Bis da­hin hat die Mensch­heit Zeit ge­habt, sich vor­zu­be­rei­ten auf den furcht­ba­ren Zeit­punkt, der einst viel spä­ter folgt, da näm­lich, wo nicht nur 66, son­dern «666» er­reicht sein wird.

Al­les Zu­künf­ti­ge wird schon ge­gen­wär­tig vor­be­rei­tet. Die Zeit, die nach dem gro­ßen Krie­ge al­ler ge­gen al­le ein­ge­t­re­ten sein wird, die Zeit des sie­ben­ten Po­sau­n­en­klan­ges, wird Men­schen se­hen, die da­durch, daß sie sich vom Chris­tus-Prin­zip aus­ge­sch­los­sen ha­ben, ei­nen ho­hen Grad der Bos­heit, der An­la­ge, in den Ab­grund hin­un­ter­zu­sin­ken, er­langt ha­ben wer­den. Bis da­hin wer­den die­se Men­schen da­für ge­sorgt ha­ben, daß sie, wenn der Zeit­punkt 666 kommt, so recht tief in das Bö­se, in den Ab­grund hin­ein­s­tei­gen kön­nen. Die An­la­ge zu die­sem Hin­un­ter­s­tei­gen in den Ab­grund in ur­fer­ner Zu­kunft neh­men die Men­schen schon nach dem gro­ßen Krie­ge al­ler ge­gen al­le in dem Zei­tal­ter [der Po­sau­nen), wenn die sie­ben­te Po­sau­ne er­k­lingt, in sich auf. Zwar wird es noch lan­ge Zeit mög­lich sein, daß die Men­schen, die sol­che An­la­ge dann in sich auf­ge­nom­men ha­ben, um­keh­ren, sich be­keh­ren kön­nen, daß sie zu­rück­keh­ren in ih­rer Ent­wi­cke­lung, um dann noch das Chris­tus-Prin­zip auf­zu­neh­men. Aber die ers­te An­la­ge ist ge­schaf­fen, und die­je­ni­gen, die bei die­ser An­la­ge blei­ben, die wer­den dann, wenn je­ne ur­fer­ne Zu­kunft kom­men wird, die nicht durch 466, son­dern durch 666 an­ge­deu­tet wird, die­se An­la­ge nicht mehr um­wan­deln kön­nen in gu­te An­la­gen. Sie wer­den je­nem furcht­ba­ren Schick­sal er­lie­gen, von dem wir noch zu sp­re­chen ha­ben.

So se­hen wir, daß mit die­ser Sechs-Zahl, ob sie nun ein­fach oder dop­pelt oder drei­fach auf­tritt, et­was Sch­lim­mes für die Mensch­heits­ent­wi­cke­lung ver­knüpft ist. Wir le­ben im fünf­ten Haupt- und im fünf­ten Un­ter­zei­traum. Wir wer­den hin­über­le­ben nach dem gro­ßen Krieg in den sechs­ten Zei­traum hin­ein. Aber be­vor der

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gro­ße Krieg kommt, kommt un­mit­tel­bar hin­ter un­se­rem fünf­ten Un­ter­zei­trau­me der sechs­te Un­ter­zei­traum, cha­rak­te­ri­siert durch die Ge­mein­de Phi­la­del­phia. Nun wis­sen wir, daß heu­te die Zeit ist, in wel­cher der Ma­te­ria­lis­mus sich in der Mensch­heit aus­ge­b­rei­tet hat. Wir ha­ben ge­se­hen, wie durch die Jahr­hun­der­te her­auf die Men­schen im­mer ma­te­ria­lis­ti­scher ge­wor­den sind, aber die­ser Ma­te­ria­lis­mus ist ein sol­cher, daß Um­kehr je­der­zeit mög­lich ist. Der ma­te­ria­lis­ti­sche Mensch hat heu­te noch Zeit zur Um­kehr. Da­her muß aber auch in un­se­rer Ge­gen­wart ei­ne spi­ri­tu­el­le Wel­t­an­schau­ung Platz grei­fen, je­ne Wel­t­an­schau­ung, wel­che ein klei­nes Häuf­lein von Men­schen eben zu die­ser ok­kul­ten, spi­ri­tu­el­len Auf­fas­sung der Welt hin­führt. Die­je­ni­gen, die den gro­ßen Bru­der­bund in sei­ner ers­ten An­la­ge be­grün­den wer­den im sechs­ten Zei­traum, der da fol­gen wird auf un­se­re Zeit und der gar nicht so fern liegt, des­sen Be­ginn in ei­ner Zeit liegt, die nur nach Jahr­tau­sen­den zählt, die wer­den die al­le­r­ers­te Ab­spal­tung der Men­schen be­wir­ken. Die­je­ni­gen, die hart­nä­ckig ver­har­ren im Ma­te­ria­lis­mus, und auch die an­de­ren, die ge­neigt sein wer­den, ei­ne spi­ri­tu­el­le An­schau­ung in sich auf­zu­neh­men, die den Bru­der­bund im klei­nen Häuf­lein aus­bil­den, bei­de wer­den schon auf­t­re­ten in un­se­rem sechs­ten Zei­traum. Die­se ein­fa­che 6, sie kann schon für vie­le Men­schen ver­häng­nis­voll wer­den, aber nicht letzt­gül­tig, denn Um­kehr wird auch dann noch mög­lich sein. Aber es wer­den die Men­schen hin­über­le­ben über den gro­ßen Krieg al­ler ge­gen al­le. [Das Zei­tal­ter der sie­ben Sie­gel und] fünf Zei­träu­me [des Po­sau­n­en­zei­tal­ters] wer­den ver­ge­hen, die Sechs­zahl wird wie­der ein­t­re­ten. Nach­her wer­den neu­er­dings die Ver­lo­ckun­gen und Ver­füh­run­gen kom­men, um die ma­te­ria­lis­ti­sche An­la­ge wei­ter aus­zu­bil­den, sie hin­über­zu­tra­gen in die Zeit der Po­sau­n­en­klän­ge, und wenn 6 gro­ße und 6 wei­te­re klei­ne­re Zei­träu­me ver­lau­fen sind, nach 66, da wer­den schon sehr be­trächt­li­che An­la­gen in der Mensch­heit vor­han­den sein, die nicht so leicht gut­zu­ma­chen sind wie un­se­re.

So se­hen wir, daß tat­säch­lich im­mer mehr und mehr die Welt der sch­lech­ten An­la­gen inn­er­halb der Mensch­heit wirkt und daß sich im­mer deut­li­cher und kras­ser die gu­ten Men­schen von den

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bö­sen, im Sin­ne der Dar­stel­lung des Apo­ka­lyp­ti­kers, von­ein­an­der schei­den. Die letz­te gro­ße Schei­dung wird sein, wenn nicht nur für die kür­ze­ren, son­dern für die län­ge­ren Zei­träu­me die Sechs­zahl er­füllt sein wird. Das wird dann der Fall sein, wenn un­se­re Er­de ab­sol­viert hat ih­re sechs Le­bens­rei­che oder sechs Run­den und inn­er­halb der sie­ben­ten Run­de wie­der­um sechs Form­zu­stän­de. Wenn sie das ab­sol­viert hat, dann wer­den die An­la­gen der Mensch­heit ins Bö­se sich aus­ge­bil­det ha­ben in ei­ner furcht­ba­ren Ge­stalt. Mit furcht­bar ver­hee­ren­der Ge­walt wird dann das Bö­se nur bei de­nen auf­t­re­ten, die bö­se ge­b­lie­ben sind.

Wir fra­gen uns al­so: Wie oft hat inn­er­halb un­se­rer Er­de die Mensch­heit Ge­le­gen­heit, der Ver­füh­rung zum Bö­sen zu un­ter­lie­gen? Zu­nächst in dem­je­ni­gen Zei­traum, der auf den uns­ri­gen folgt, vor dem gro­ßen Krie­ge. Dann hat sie ein zwei­tes und ein drit­tes Mal Ge­le­gen­heit da­zu. Es bil­det sich al­so die­ser Her­ab­s­tieg zum Bö­sen nach und nach aus. Für den Zei­traum nun, wo die Er­de zu­erst über­ge­gan­gen ist in ei­nen geis­ti­gen Zu­stand, für die­sen Zei­traum ha­ben wir es zu­nächst mit zwei Mög­lich­kei­ten zu tun. Wenn die Er­de sich wie­der­um mit der Son­ne ver­bun­den ha­ben wird, da wer­den die­je­ni­gen, die das Chris­tus-Prin­zip in sich auf­ge­nom­men ha­ben, reif sein, auf­zu­ge­hen in die Kräf­te der Er­de, die sich mit der Son­ne ve­r­ei­ni­gen; aus­ge­sch­los­sen wer­den die­je­ni­gen sein, wel­che die Mög­lich­keit zum Bö­sen in sich auf­ge­nom­men ha­ben. Die­se sind gleich­sam so, daß sie die Son­ne von sich sto­ßen, daß sie das­je­ni­ge, was sie be­fähi­gen wür­de, sich mit den Kräf­ten der Son­ne zu ve­r­ei­ni­gen, von sich sto­ßen. Sie sind die Geg­ner der Ve­r­ei­ni­gung mit der Son­ne. Des­halb be­zeich­net der Apo­ka­lyp­ti­ker die­je­ni­ge Ge­walt, das­je­ni­ge We­sen, wel­ches die Men­schen da­hin führt, sich so zu ver­geis­ti­gen, daß sie sich mit der Son­ne ve­r­ei­ni­gen kön­nen, als den Chris­tus in ganz rich­ti­gem Sinn, und, wie wir hö­ren wer­den, als das Lamm. Man be­zeich­net die Chris­tus-We­sen­heit als den Ge­ni­us der Son­ne, der sich mit der Er­de ve­r­ei­nigt und auch der Ge­ni­us der Er­de wird. Er hat schon be­gon­nen, es zu wer­den seit dem Er­eig­nis von Gol­ga­tha.

Aber es gibt auch ein geg­ne­ri­sches Prin­zip die­ses Lam­mes: Es

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ist auch ein Son­nen­dä­mon da, das so­ge­nann­te Dä­mo­ni­um der Son­ne, das­je­ni­ge, was in den bö­sen Kräf­ten der Men­schen wirkt, zu­rück­sto­ßend die Kraft des Lam­mes. Und es wirkt so; daß ein ge­wis­ser Teil des men­sch­li­chen Ge­sch­lech­tes aus­ge­sto­ßen wird von der Ent­wi­cke­lung, die zur Son­ne führt. Das sind die geg­ne­ri­schen Kräf­te der Son­ne, die in Op­po­si­ti­on zur Son­ne ste­hen. Das sind zu glei­cher Zeit die­je­ni­gen Kräf­te, die die An­la­ge ha­ben, wenn die 666 Ent­wi­cke­lungs­zu­stän­de ver­f­los­sen sein wer­den, ganz hin­aus­ge­wor­fen zu wer­den aus un­se­rer Ent­wi­cke­lung; sie wer­den dann letzt­gül­tig aus­ge­sto­ßen sein in den Ab­grund. So daß wir sa­gen müs­sen: In je­ner Zeit, wo die Er­de mit der Son­ne ve­r­ei­nigt ist, wird nicht nur das­je­ni­ge aus­ge­sto­ßen sein, was durch das Tier mit den sie­ben Köp­fen und zehn Hör­nern sym­bo­li­siert wird, son­dern auch das, was mit Kräf­ten aus­ge­stat­tet ist, die der Son­ne ge­gen­tei­lig sind. Das al­les ist be­stimmt, in den Ab­grund hin­ein­zu­ver­schwin­den, wenn die 666 er­füllt sein wird.

Nun hat man die­se 666 im­mer in ei­ner sehr ge­heim­nis­vol­len Wei­se auf­ge­schrie­ben. Wir wer­den noch se­hen, daß al­ler Grund vor­han­den ist, die­se Tat­sa­chen, die wir jetzt be­sp­re­chen, ins Mys­te­ri­um der Ge­heim­nis­se zu hül­len; al­ler Grund ist da­zu vor­han­den. Und weil das der Fall ist, so hüll­te man sie in sol­ches Mys­te­ri­um und schrieb 666. In den Mys­te­ri­en, aus de­nen der Apo­ka­lyp­ti­ker sei­ne Ein­wei­hung er­hal­ten hat, schrieb man 400 200 6 60. Das ist durch­aus in ei­ner Wei­se ge­schrie­ben, daß es der Laie nicht er­ken­nen kann. Man hat ver­bor­gen die­se 666; als ein Ge­heim­nis soll­te es be­wahrt blei­ben, in­dem Sie hier 400 200 6 60 ha­ben. Und da­durch, daß al­les um­ge­s­tellt wird, ist ein Blend­werk ge­schaf­fen. Nun gibt es in der Schrift der Ein­ge­weih­ten ein ge­wis­ses Prin­zip, das da­rin be­steht, Buch­sta­ben durch ent­sp­re­chen­de Zah­len zum Aus­druck zu brin­gen. Auf die­ses Prin­zip sind ei­ni­ge der merk­wür­di­gen Leu­te ge­kom­men, wel­che im Lau­fe des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts das Ge­heim­nis der Zahl 666 ha­ben ent­hül­len wol­len, aber so, wie sie dar­auf ge­kom­men sind, kann man sa­gen: sie ha­ben zwar läu­ten, aber nicht zu­sam­men­schla­gen hö­ren. Denn sie ha­ben sich das, was ich Ih­nen jetzt hier au­s­ein­an­der­ge­setzt ha­be und was

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eso­te­risch im­mer ge­lehrt wor­den ist, in un­ge­nau­er Art an­ge­eig­net. Sie ha­ben ge­fun­den, daß, wenn man für die­se Zah­len Buch­sta­ben des He­bräi­schen setzt, man «Ne­ro» her­aus­kriegt; sie ha­ben al­so ge­sch­los­sen, das 666 be­deu­te Ne­ro.

Das ist nicht der Fall. 666 muß erst so auf­ge­schrie­ben wer­den: 400 200 6 60, dann be­kommt man her­aus, um was es sich han­delt. Dann muß man sch­rei­ben: 400 als ת, 200 als ר, 6 als ו und 60 als ס. Die­se vier Buch­sta­ben drü­cken die vier Zah­len 400 200 6 60 aus. Sie sind durch ei­ne wun­der­ba­re Art und Wei­se ge­ra­de in die­ses Ge­heim­nis hin­ein­ge­zo­gen wor­den, wun­der­bar durch den Scharf.. Sinn de­rer, die sie hin­ein­ge­zo­gen ha­ben, weil zu glei­cher Zeit die­se vier Buch­sta­ben als Lau­te wie­der­um ganz be­son­de­re ok­kul­te Be­deu­tung hat­ten. Den­ken Sie nur ein­mal, was muß denn ei­gent­lich die Zahl 666 be­deu­ten, wenn sie aus­drü­cken soll, was wir an­ge­führt ha­ben? Sie muß be­deu­ten das Prin­zip, das den Men­schen zur völ­li­gen Ver­här­tung führt im äu­ße­ren phy­si­schen Le­ben, so daß er ge­ra­de­zu von sich stößt, was ihn be­fähigt, die nie­de­ren Prin­zi­pi­en ab­zu­st­rei­fen und hin­auf­zu­s­tei­gen zu den höhe­ren. Was der Mensch be­kom­men hat an phy­si­schem Leib, Äther­leib, as­tra­li­schem Leib und nie­de­rem Ich, be­vor es sich zum höhe­ren hin­auf er­hebt, die­se vier Prin­zi­pi­en wer­den zu glei­cher Zeit durch die­se vier Buch­sta­ben aus­ge­drückt: durch das Sa­mech der phy­si­sche Leib, durch das Waw der Äther­leib, durch das Resch der as­tra­li­sche Leib und durch das Taw das nie­de­re Ich. So se­hen wir, daß das Ver­här­te­te in die­sen vier Prin­zi­pi­en, be­vor sie ih­re gött­li­che Ent­wi­cke­lung be­gin­nen, durch die vier Buch­sta­ben aus­ge­drückt wird. Der Apo­ka­lyp­ti­ker kann wahr­haft sa­gen: «Hier ist Weis­heit!», denn Weis­heit ist da­r­in­nen. «Wer Ver­stand hat, der über­le­ge die Zahl, die Zahl 666!»

Und jetzt wol­len wir ein­mal le­sen. Man liest das so, selbst­ver­ständ­lich um­ge­kehrt, von rechts nach links:

Zeichnung aus GA 104, S. 228
Zeichnung aus GA 104, S. 228


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Dann hat man noch zu er­gän­zen die Vo­ka­le, und es heißt «So­rat». So­rat ist der Na­me des Son­nen­dä­mons, des Geg­ners des Lam­mes. Und je­des sol­ches geis­ti­ge We­sen hat man be­zeich­net nicht nur mit sei­nem Na­men, son­dern auch mit ei­nem ganz be­stimm­ten Sinn­bild, mit ei­nem sym­bo­li­schen Zei­chen. Für So­rat, den Son­nen­dä­mon, gab es die­ses Zei­chen:

Zeichnung aus GA 104, S. 229
Zeichnung aus GA 104, S. 229

ei­nen di­cken Strich, der in sich selbst zu­rück­ge­bo­gen ist und vor­ne zwei ge­bo­ge­ne Spit­zen hat.

Und nun müs­sen wir aber den Apo­ka­lyp­ti­ker rich­tig ver­ste­hen. Er sagt ja gleich im An­fang ein merk­wür­di­ges Wort, das ge­wöhn­lich falsch über­setzt wird. Der Ein­gang der Apo­ka­lyp­se heißt doch: «Dies ist die Of­fen­ba­rung Je­su Chris­ti, die ihm Gott ge­ge­ben hat, sei­nen Knech­ten zu zei­gen, was in Kür­ze ge­sche­hen soll, und hat sie in Zei­chen ge­setzt und uns ge­ge­ben durch sei­nen En­gel dem Knecht, dem Die­ner Jo­han­nes.» «In Zei­chen ge­setzt»: al­so wir müs­sen uns dar­auf ge­faßt ma­chen, daß er den wich­ti­gen, den ei­gent­li­chen Mys­te­rien­in­halt in Zei­chen setzt. Er hat das­je­ni­ge, was 666 aus­drückt, in Zei­chen ge­setzt. Was er be­sch­reibt, ist das Zei­chen, und er be­sch­reibt es so (Ka­pi­tel 13, 11): «Und ich sah ein an­der Tier auf­s­tei­gen aus der Er­de, das hat­te zwei Hör­ner gleich­wie ein Lamm.» Das sind nichts an­de­res als die zwei Stri­che oben an der Zeich­nung, und um das zu ver­hül­len, nennt er ein­fach die zwei Stri­che hier «Hör­ner». Das war im­mer so im Ge­brauch der Mys­te­ri­en­spra­che, daß man ein Wort viel­deu­tig ge­braucht hat, um den Un­ein­ge­weih­ten nicht so oh­ne wei­te­res die Mög­lich­keit zu ge­ben, die Sa­che zu ver­ste­hen. Was er al­so hier be­sch­reibt «das hat­te zwei Hör­ner wie ein Lamm», das ist das Zei­chen des Son­nen­dä­mons, das in der Mys­te­ri­en­spra­che aus­ge­drückt wird durch das Wort «So­rat», und das, wenn wir für die ein­zel­nen Buch­sta­ben

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ih­re Zah­len ein­set­zen, aus­ge­drückt wird durch die vier Zah­len 400 200 6 und 60. Das gibt 666 in sehr ver­hüll­ter Aus­drucks­wei­se.

So se­hen wir, daß der Apo­ka­lyp­ti­ker auf den Geg­ner des Lam­mes hin­deu­tet. Un­ten er­schei­nen da, wo die Er­de ins Geis­ti­ge über­geht, die Ge­stal­ten der Men­schen so, daß sie ih­re al­te Tier­form er­hal­ten. Es er­scheint das Tier mit den sie­ben Köp­fen und zehn Hör­nern, aber es er­scheint auch ihr Ver­füh­rer, der die star­ke Kraft hat, sie nicht zu­rück­kom­men zu las­sen zur Son­ne, der Geg­ner des Chris­tus. Die Men­schen sel­ber kön­nen kei­ne Geg­ner des Chris­tus sein, kön­nen nur so­zu­sa­gen durch das, was in ih­nen an fal­scher Kraft ist, ver­säu­men, das Chris­tus-Prin­zip in sich auf­zu­neh­men. Aber es gibt ei­nen sol­chen Geg­ner: das Son­nen­dä­mo­ni­um. Das er­scheint, so­bald et­was da ist, das ihm zur Beu­te fal­len kann. Be­vor die Beu­te da ist, be­vor die Men­schen da sind mit den sie­ben Köp­fen und zehn Hör­nern, da ist nichts zu ver­füh­ren, da hat auch der Ver­füh­rer nichts zu su­chen. Dann aber, wenn der Mensch mit sol­chen An­la­gen er­scheint,, dann kommt der Ver­füh­rer. Und er er­scheint als das zwei­te der Tie­re und ver­führt.

In dem Au­gen­blick al­so, wo die Er­de in den as­tra­li­schen Zu­stand über­geht, er­scheint vom Men­schen das­je­ni­ge, was an ihm vor­han­den war, als die Er­de noch mit ei­ner Was­ser­hül­le um­k­lei­det war. Es steigt auf das Men­schen­tier. Aus dem Was­ser sieht man sich er­he­ben das Tier mit den sie­ben Köp­fen und den zehn Hör­nern. Daß die­ses Tier un­be­nützt ge­las­sen hat die Er­de, das macht, daß jetzt aus der Er­de auf­s­tei­gen kann So­rat, der Son­nen­geg­ner, der Ver­füh­rer, der da­durch sich dem Men­schen na­hen und ihn mit al­ler Kraft in den Ab­grund hin­un­ter­rei­ßen kann. So se­hen wir ein We­sen an die Men­schen sich sch­mie­gen von die­sem Zeit­punkt an, das ei­ne furcht­ba­re Ge­walt hat. Was tut denn die­ses We­sen, um die Men­schen in solch schau­der­haf­te Din­ge hin­ein­zu­füh­ren, wie wir sie ah­nen kön­nen? Da­mit die Men­schen ver­führt wer­den zur blo­ßen Un­mo­ral, zu dem, was sie schon als Nor­mal­men­schen ken­nen, da­zu brauch­te es die­ses Un­ge­heu­ers nicht, das als Son­nen­dä­mon er­scheint. Erst wenn das­je­ni­ge, was im gu­ten Sin­ne die We­sen aus­zeich­net, die dem Men­schen­ge­sch­lecht Ret­tung brin­gen, erst wenn

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die spi­ri­tu­el­le Er­he­bung in ihr Ge­gen­teil ver­wan­delt wird, wenn die spi­ri­tu­el­le Kraft in den Di­enst des nie­de­ren Ich-Prin­zips ge­s­tellt wird, dann kann sie die Mensch­heit so weit brin­gen, daß das Tier, das dar­ge­s­tellt wird mit zwei Hör­nern, über sie Ge­walt er­langt. Der Mißbrauch der spi­ri­tu­el­len Kräf­te hängt zu­sam­men mit je­ner ver­füh­re­ri­schen Kraft des Tie­res mit den zwei Hör­nern. Und wir nen­nen die­sen Mißbrauch der spi­ri­tu­el­len Kraft die schwar­ze Ma­gie im Ge­gen­satz zum. rich­ti­gen Ge­brauch, den wir die wei­ße Ma­gie nen­nen.

So wird das Men­schen­ge­sch­lecht da­durch, daß es sich spal­tet, sich dar­auf vor­be­rei­ten, auf der ei­nen Sei­te in im­mer geis­ti­ge­re Zu­stän­de zu ge­lan­gen und da­durch in den Ge­brauch der geis­ti­gen Kräf­te, in die wei­ße Ma­gie hin­ein­zu­kom­men, und auf der an­de­ren Sei­te wird das­je­ni­ge, was Mißbrauch treibt mit den spi­ri­tu­el­len Kräf­ten, sich vor­be­rei­ten für die wil­des­te Kraft des zwei­hör­ni­gen Tie­res, die schwar­ze Ma­gie. Es wird sich letz­ten En­des die Mensch­heit spal­ten in We­sen, wel­che die wei­ße, und in sol­che, wel­che die schwar­ze Ma­gie trei­ben. So ist in dem Ge­heim­nis von 666 oder So­rat das Ge­heim­nis der schwar­zen Ma­gie ver­bor­gen. Und der Ver­füh­rer zur schwar­zen Ma­gie, je­nes furcht­bars­ten Ver­b­re­chens in der Er­den­ent­wi­cke­lung, dem kein Ver­b­re­chen gleich­kom­men kann, er wird vom Apo­ka­lyp­ti­ker dar­ge­s­tellt durch das zwei­hör­ni­ge Tier. So tritt so­zu­sa­gen in un­se­ren Ho­ri­zont ein die Spal­tung der Mensch­heit in ur­fer­ner Zu­kunft: die Au­s­er­wähl­ten des Chris­tus, die zu­letzt sein wer­den die wei­ßen Ma­gi­er, und die Geg­ner, die wil­den Zau­be­rer, die schwar­zen Ma­gi­er, die nicht los kön­nen von der Ma­te­rie und die der Apo­ka­lyp­ti­ker dar­s­tellt als die­je­ni­gen, die mit der Ma­te­rie Un­zucht trei­ben. Da­her wird die­ses gan­ze Trei­ben von schwar­zer Ma­gie, al­les, was da an Ehe ent­steht zwi­schen dem Men­schen und der Ver­här­tung in der Ma­te­rie, ihm zur An­schau­ung ge­bracht vor sei­ner Se­her­see­le in der gro­ßen Ba­by­lon, in der Ge­mein­schaft, die al­le die­je­ni­gen ve­r­eint, die schwar­ze Ma­gie trei­ben, in der furcht­ba­ren Ehe oder viel­mehr wil­den Ehe zwi­schen dem Men­schen und den Kräf­ten der her­ab­ge­kom­me­nen Ma­te­rie.

Und so se­hen wir in ei­ner ur­fer­nen Zu­kunft zwei Kräf­te ein­an­der

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ge­gen­über­ste­hen: auf der ei­nen Sei­te die­je­ni­gen, die hin­ein­se­geln in die Be­woh­ner­schaft der gro­ßen Ba­by­lon, und auf der an­de­ren die­je­ni­gen, die sich er­he­ben über die Ma­te­rie, die sich als Men­schen ve­r­ei­ni­gen mit dem, was als Prin­zip des Lam­mes hin­ge­s­tellt wird. Wir se­hen, wie auf der ei­nen Sei­te das Schwär­zes­te sich ab­son­dert in der Ba­by­lon, ge­führt von all den der Son­ne ent­ge­gen­ge­setz­ten Kräf­ten, von So­rat, dem zwei­hör­ni­gen Tier, und wir se­hen die Mensch­heit, die sich ent­wi­ckelt hat aus den Au­s­er­wähl­ten, die sich ve­r­ei­ni­gen mit dem ih­nen er­schei­nen­den Chris­tus, dem Lamm: die Hoch­zeit des Lam­mes auf der ei­nen Sei­te, die der Ba­by­lon, der un­ter­ge­hen­den Ba­by­lon auf der an­dern Sei­te. Und wir se­hen hin­un­ter­sin­ken in den Ab­grund Ba­by­lon und auf­s­tei­gen zu der Hand­ha­bung der Kräf­te der wei­ßen Ma­gie die Au­s­er­wähl­ten, die Hoch­zeit ge­hal­ten ha­ben mit dem Lamm. Und weil sie die geis­ti­gen Kräf­te nicht nur er­ken­nen, son­dern auch die­se geis­ti­gen Kräf­te ma­gisch zu hand­ha­ben ver­ste­hen, kön­nen sie vor­be­rei­ten das, was sie an der Er­de ha­ben, zu der nächs­ten pla­ne­ta­ri­schen Ver­kör­pe­rung, zu dem Ju­pi­ter. Sie zeich­nen so­zu­sa­gen die gro­ßen Grun­d­ris­se, die der Ju­pi­ter ha­ben soll. Wir se­hen sich her­au­s­er­he­ben aus der Kraft der wei­ßen Ma­gi­er die vor­be­rei­ten­den Ge­stal­ten, die hin­über­le­ben sol­len als die Ge­stal­ten der nächs­ten Er­den­ver­kör­pe­rung, des Ju­pi­ters: das neue Je­ru­sa­lem se­hen wir aus der wei­ßen Ma­gie sich er­he­ben.

Vor­her aber muß aus­ge­sto­ßen wer­den, was cha­rak­te­ri­siert ist durch So­rat, 666. Aus­ge­sto­ßen wird, was ver­fal­len ist dem Prin­zip des zwei­hör­ni­gen Tie­res und sich da­her ver­här­tet hat zum Tier mit den sie­ben Köp­fen und zehn Hör­nern. Die Kraft, durch wel­che der Son­nen­ge­ni­us über­win­den läßt die­se Aus­ge­sto­ße­nen, die sie hin­un­ter­t­reibt in den Ab­grund, die­se Kraft wird ge­nannt das Ant­litz des Son­nen­ge­ni­us. Und das Ant­litz des Son­nen­ge­ni­us ist Mi­cha­el, der so­zu­sa­gen als Stell­ver­t­re­ter des Son­nen­ge­ni­us das Tier mit den zwei Hör­nern, den Ver­füh­rer, den man auch den gro­ßen Dra­chen nennt, über­win­det. Das wird dar­ge­s­tellt durch das dem Se­her er­schei­nen­de Bild von Mi­cha­el, der den Schlüs­sel zum Ab­grund und die Ket­te in sei­ner Hand hat, der bei Gott steht und die ent-

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ge­gen­ge­setz­ten Kräf­te ge­fes­selt hält. So wird in der christ­lich-ro­sen­k­reu­ze­ri­schen Eso­te­rik das Hin­weg­sto­ßen der­je­ni­gen, die zu 666 ge­hö­ren, und die Über­win­dung des Dra­chens, des Ver­füh­rers, cha­rak­te­ri­siert. So taucht heu­te vor un­se­rem Bli­cke auf, was der Apo­ka­lyp­ti­ker in Ge­heim­nis­se ge­hüllt hat, was man erst durch die Ent­hül­lung her­aus­ho­len muß, und wo­zu er sagt: «Hier ist Weis­heit! Wer Ver­stand hat, der über­le­ge die Zahl des Tie­res», das heißt des zwei­hör­ni­gen Tie­res, «denn die­se Zahl ist 666» (Of­fen­ba­rung Jo­han­nis 13, 18).

Die­je­ni­gen, die sie auf Ne­ro be­zo­gen ha­ben, ha­ben die­se Auf­for­de­rung des Apo­ka­lyp­ti­kers sch­lecht er­füllt. Denn Sie se­hen, aus wel­chen Tie­fen der Wel­te­n­er­klär­ung die Weis­heit, die zur Zahl 666 führt, ge­holt wer­den muß. Wenn Sie sich auch heu­te an­zu­s­t­ren­gen hat­ten, um zur Cha­rak­te­ri­sie­rung die­ses Mo­men­tes auf­zu­s­tei­gen, so dür­fen Sie nicht ver­ges­sen, daß An­st­ren­gung da­zu ge­hört, um die tiefs­ten Ge­heim­nis­se zu ver­ste­hen. Und die­se tiefs­ten Ge­heim­nis­se der Welt­ent­wi­cke­lung hat der Apo­ka­lyp­ti­ker hin­ein­ge­legt. Er hat sie ver­hüllt, weil es gut ist für die Men­schen, wenn die wich­tigs­ten Mys­te­ri­en in Zei­chen ge­setzt wer­den. Denn ab­ge­se­hen von al­lem üb­ri­gen: durch je­ne Kräf­te, wel­che an­ge­st­rengt wer­den, die Zei­chen zu ent­hül­len, wird viel von dem er­reicht, was uns zu glei­cher Zeit hin­auf­hebt zu den gu­ten Kräf­ten sel­ber. So las­sen wir es uns nicht ver­drie­ßen, daß wir uns durch ein Zah­len­sche­ma ha­ben hin­durch­win­den müs­sen. Hät­ten Sie in den al­ten Schu­len das auf­fas­sen sol­len, was da über­haupt an sol­chen Zah­len ge­heim ge­ge­ben wor­den ist, be­vor ir­gend et­was Wei­te­res ge­ge­ben wur­de, dann wür­den Sie noch viel an­de­res er­fah­ren ha­ben. Da ha­ben die Schü­ler lan­ge schwei­gen und ru­hig zu­hö­ren müs­sen, wie ih­nen lau­ter Zah­len, 777, 666 und so wei­ter im­mer und im­mer wie­der zu­nächst in ih­rer for­ma­len Be­deu­tung klar­ge­macht wur­den. Und wenn sie die­se Be­deu­tung er­faßt hat­ten, dann erst durf­ten sie das ei­gent­lich In­halt­vol­le er­ken­nen.

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ZWÖLFTER VORTRAG, Nürnberg, 30. Juni 1908

Es könn­te dem­je­ni­gen, der sich mit sei­nem Ge­füh­le die Aus­füh­run­gen über­legt, die uns am En­de der ges­t­ri­gen Be­trach­tung ent­ge­gen­ge­t­re­ten sind, ein ge­wis­ser An­flug von Ban­gig­keit kom­men über das Schick­sal der zu­künf­ti­gen Mensch­heit. Es muß­te ges­tern vor Ih­re See­le hin­ge­s­tellt wer­den ein Bild die­ser Men­schen­zu­kunft, wie es auf der ei­nen Sei­te al­ler­dings groß, ge­wal­tig und mit Se­lig­keit er­fül­lend ist, ein Bild, das dem Da­sein je­nes zu­künf­ti­gen Men­schen ent­spricht, wel­cher die Mis­si­on un­se­rer Ge­gen­wart auf der Er­de be­grif­fen hat, der den Chris­tus-Geist in sich auf­ge­nom­men hat und da­durch Schritt hat hal­ten kön­nen mit der not­wen­di­gen Ver­geis­ti­gung un­se­rer Er­de, ein herr­li­ches, be­se­li­gen­des Bild der­je­ni­gen Men­schen, die man ge­wöhn­lich im exo­te­ri­schen Chris­ten­tum die «Er­lös­ten» oder auch mit ei­nem nicht ganz zu­tref­fen­den Aus­druck die «Au­s­er­wähl­ten» nennt. Aber auch das Ge­gen­bild muß­te vor Ih­re See­le hin­ge­s­tellt wer­den, je­nes Bild des Ab­grunds, in dem sich ei­ne Mensch­heit fin­det, wel­che nicht in der La­ge war, auf­zu­neh­men die­sen Chris­tus-Geist, die in der Ma­te­rie ste­cken­ge­b­lie­ben ist, sich so­zu­sa­gen von dem in die Zu­kunft hin­ein­ge­hen­den Ver­geis­ti­gung­s­pro­zeß aus­ge­sch­los­sen hat, die her­aus­ge­fal­len ist aus der ver­geis­tig­ten Er­de und in ge­wis­ser Be­zie­hung ab­seits da­von ei­nem furcht­ba­ren Schick­sal ent­ge­gen­geht. Wenn uns aus dem Ab­grund her­auf an­starrt das Tier mit den sie­ben Köp­fen und den zehn Hör­nern, ver­führt durch das an­de­re furcht­ba­re We­sen, das zwei­hör­ni­ge Tier, so er­scheint uns al­ler­dings die­ses Bild Furcht und Sch­re­cken er­re­gend, und man­cher könn­te sich fra­gen: Ist es denn nicht von ei­ner Vor­se­hung hart und un­wei­se, ei­ne An­zahl von Men­schen ei­nem so furcht­ba­ren Schick­sal ent­ge­gen­zu­füh­ren, ei­ne An­zahl von Men­schen ge­wis­ser­ma­ßen zu ver­dam­men zum Ab­grund des Bö­sen?

Und es könn­te die Fra­ge auf­tau­chen: Hät­te es sich nicht für

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ei­ne wei­se Vor­se­hung bes­ser ge­ziemt, von vorn­he­r­ein die­ses furcht­ba­re Schick­sal ab­zu­wen­den?

Als Ant­wort kann man auf die­se Fra­gen zu­nächst et­was ab­strakt, et­was theo­re­tisch sa­gen, und wer die­ses Theo­re­ti­sche füh­len kann, für den be­deu­tet dies ei­gent­lich schon sehr viel: Es ist au­ßer­or­dent­lich wei­se, daß die Vor­se­hung da­für ge­sorgt hat, daß die­ses furcht­ba­re Schick­sal als ei­ne Mög­lich­keit vor ei­ner An­zahl von Men­schen ste­hen kann. Denn wä­re es un­mög­lich, daß der Mensch in die Ab­grün­de des Bö­sen hin­ein­se­gelt, dann wä­re auch das für den Men­schen nicht er­reich­bar, was wir auf der ei­nen Sei­te Lie­be und auf der an­de­ren Sei­te Frei­heit nen­nen, denn für den Ok­kul­tis­ten ist die Frei­heit un­t­renn­bar ver­knüpft mit dem Be­griff der Lie­be. Frei­heit wä­re für den Men­schen un­mög­lich, und Lie­be wä­re für den Men­schen un­mög­lich, wenn nicht die­ses Hin­ab­se­geln mög­lich wä­re. Ein Mensch, der nicht die Mög­lich­keit hät­te, aus ei­ge­nem frei­en Ent­schluß das Gu­te oder auch das Bö­se zu wäh­len, der wä­re ein We­sen, das nur am Gän­gel­band zu ei­nem not­wen­dig zu er­rei­chen­den Gu­ten ge­führt wür­de, in des­sen Wahl es nicht stän­de, das Gu­te aus vol­lem, in sich sel­ber ge­läu­ter­tem Wol­len aus ei­ner der Frei­heit ent­sprin­gen­den Lie­be zu wäh­len. Für ei­nen Men­schen, dem es nicht mög­lich wä­re, die Ge­folg­schaft des Un­ge­heu­ers mit den zwei Hör­nern ein­zu­schla­gen, für den wä­re es auch nicht mög­lich, aus ei­ner selb­s­t­ei­ge­nen Lie­be dem Got­te zu fol­gen. Es lag im Sin­ne der wei­sen Vor­se­hung, der sich durch un­ser Pla­ne­ten­sys­tem hin­durch ent­wi­ckeln­den Mensch­heit die Mög­lich­keit der Frei­heit zu ge­ben, und die­se Mög­lich­keit der Frei­heit war un­ter kei­ner an­de­ren Be­din­gung zu ge­ben als da­durch, daß der Mensch selbst die freie Wahl zu tref­fen hat zwi­schen dem Gu­ten und dem Bö­sen.

Das ist aber doch nur, man möch­te sa­gen, ei­ne lee­re The­o­rie, und die Men­schen schwin­gen sich ja nur lang­sam da­zu auf, so et­was nicht nur mit Wor­ten zu sa­gen und in theo­re­ti­schen Au­gen­bli­cken als ei­ne Art Er­klär­ung zu fin­den, son­dern auch im Ge­füh­le zu ha­ben. Sel­ten schwin­gen sich die Men­schen heu­te schon auf zu dem Ge­dan­ken: Ich dan­ke dir, o wei­se Vor­se­hung, daß du es mög­lich ge­macht hast, daß ich dir nicht ei­ne von dir selbst ab­ge­zwun­ge­ne,

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son­dern frei in mei­ner Brust ent­sprie­ßen­de Lie­be ent­ge­gen­brin­ge; daß du mich nicht zwingst, dich zu lie­ben, son­dern daß du mir es in Wahl ge­s­tellt hast, dir zu fol­gen. Al­ler­dings, zu die­ser Emp­fin­dung müß­te sich der Mensch auf­schwin­gen, wenn er die­se theo­re­ti­sche Er­klär­ung wir­k­lich füh­len könn­te.

Aber man kann auch aus der hell­se­he­ri­schen Be­trach­tung der Welt her­aus ei­nen an­de­ren Trost oder bes­ser ge­sagt ei­ne an­de­re Be­ru­hi­gung ge­ben. Denn ges­tern schon wur­de be­rührt, daß ei­ne fast un­ab­än­der­li­che An­la­ge für den Ab­grund nur der­je­ni­ge hat, der heu­te schon ir­gend­wie ver­s­trickt wird in die Fang­ar­me des zwei­hör­ni­gen Tie­res, des gro­ßen Ver­füh­rers zu den Küns­ten der schwar­zen Ma­gie. Und selbst für sol­che Men­schen, die heu­te auf die Küns­te der schwar­zen Ma­gie he­r­ein­fal­len, gibt es in der Zu­kunft noch ein­mal ei­ne Mög­lich­keit, um­zu­keh­ren. Die­je­ni­gen aber, und das sind ja vor­läu­fig die meis­ten Men­schen, wel­che über­haupt gar nicht in die La­ge kom­men, ir­gend­wel­chen Küns­ten der schwar­zen Ma­gie zu ver­fal­len, für die ist wohl in dem, was auf den gro­ßen Krieg al­ler ge­gen al­le folgt, ei­ne ge­wis­se An­la­ge zum end­gül­ti­gen Bö­sen vor­han­den, aber die Mög­lich­keit, in der Zu­kunft wie­der um­zu­keh­ren und sich dem Gu­ten zu­zu­wen­den, wird viel grö­ß­er sein als der Zwang, un­be­dingt dem Bö­sen zu fol­gen.

Aus den Vor­trä­gen geht ja her­vor, daß für die­je­ni­gen Men­schen, die sich heu­te ei­ner spi­ri­tu­el­len Wel­t­an­schau­ung zu­wen­den, um hin­über­zu­le­ben über den gro­ßen Krieg in die sechs­te Pe­rio­de hin­ein, die durch die Ent­sie­ge­lung der Sie­gel dar­ge­s­tellt wird, daß für je­ne Schar es mög­lich ist, das Chris­tus-Prin­zip auf­zu­neh­men. Sie wer­den auf­neh­men kön­nen die geis­ti­gen Ele­men­te, die in der durch die Ge­mein­de zu Phi­la­del­phia be­zeich­ne­ten Zeit ver­an­lagt wer­den, sie wer­den sich aus­le­ben kön­nen in der nächs­ten Zeit mit ei­ner star­ken Ver­an­la­gung zur Ver­geis­ti­gung. Es neh­men heu­te die­je­ni­gen, die sich ei­ner spi­ri­tu­el­len An­schau­ung zu­wen­den, ge­wal­ti­ge An­la­gen auf, um die auf­wärts­ge­hen­de Bahn ein­zu­schla­gen. Es darf durch­aus nicht ver­kannt wer­den, wie wich­tig es ist, daß heu­te schon ei­ne An­zahl von Men­schen nicht taub ist ge­gen die Ver­kün­di­gung der so­ge­nann­ten an­thro­po­so­phi­schen Wel­t­an­schau­ung,

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wel­che die ers­ten An­la­gen zum spi­ri­tu­el­len Le­ben in be­wuß­ter Wei­se in die Mensch­heit bringt, wäh­rend es früh­er un­be­wußt ge­schah. Das ist das Wich­ti­ge, daß die­ser Teil der Men­schen die ers­te be­wuß­te An­la­ge zur Auf­wärts­be­we­gung auf­nimmt.

Aber da­durch, daß heu­te ein Häuf­lein sich aus­son­dert, um ei­nen gro­ßen Bru­der­bund zu be­grün­den, der hin­über­le­ben wird in die Zeit der sie­ben Sie­gel, da­durch wird ge­ra­de für die an­de­ren Men­schen, die heu­te noch ein tau­bes Ohr ha­ben für die Ver­kün­di­gung der an­thro­po­so­phi­schen Wel­t­an­schau­ung, auch Rat ge­schaf­fen. Denn wir ha­ben ja bis zum gro­ßen Krie­ge al­ler ge­gen al­le noch vie­le Ver­kör­pe­run­gen der ge­gen­wär­ti­gen See­len durch­zu­ma­chen und wie­der­um bis zum ent­schei­den­den Punk­te nach dem gro­ßen Krie­ge. Und auch nach­her für die Zeit der Sie­gel ha­ben wir vie­le Ver­wand­lun­gen durch­zu­ma­chen, und die Men­schen wer­den oft und oft Ge­le­gen­heit ha­ben, ihr Herz auf­zu­sch­lie­ßen der spi­ri­tu­el­len Wel­t­an­schau­ung, die heu­te durch die an­thro­po­so­phi­sche Be­we­gung fließt. Oft und oft wird Ge­le­gen­heit sein, und Sie dür­fen nicht glau­ben, daß die Ge­le­gen­hei­ten in der Zu­kunft nur sol­che sein wer­den, wie sie heu­te da sind. Oh, die Art und Wei­se, wie wir heu­te in der La­ge sind, ge­gen­über den an­de­ren Men­schen die spi­ri­tu­el­le Wel­t­an­schau­ung zu ver­kün­den, ist et­was noch sehr Schwa­ches. Und wür­de heu­te ein Mensch selbst so re­den, daß sei­ne Stim­me un­mit­tel­bar wie Feu­er des Geis­tes er­tö­nen wür­de, so wä­re das noch et­was Schwa­ches ge­gen­über den Mög­lich­kei­ten, die in spä­te­ren, ent­wi­ckel­te­ren Lei­bern da sein wer­den, um die Mit­men­schen hin­zu­wei­sen auf die­se spi­ri­tu­el­le Be­we­gung. Wenn die Mensch­heit im gan­zen in den fol­gen­den Zei­ten im­mer höh­er und höh­er ent­wi­ckelt sein wird, dann wer­den sich noch ganz an­de­re Mit­tel er­ge­ben, durch wel­che die spi­ri­tu­el­le Wel­t­an­schau­ung in die Her­zen wird drin­gen kön­nen, und das flam­mends­te Wort von heu­te wird ge­ring und schwach sein ge­gen das, was in der Zu­kunft wir­ken wird, um all den See­len die Mög­lich­keit zur spi­ri­tu­el­len Wel­t­an­schau­ung zu ge­ben, die heu­te noch in Lei­bern le­ben, in de­nen kein Herz schlägt für die­se spi­ri­tu­el­le Wel­t­an­schau­ung.

Wir ste­hen im An­fang der spi­ri­tu­el­len Be­we­gung, und sie wird

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wach­sen, und es wird viel Ver­stockt­heit, viel Ver­här­tung da­zu ge­hö­ren, ge­gen­über den ge­wal­ti­gen Ein­drü­cken der Zu­kunft die Her­zen und See­len zu ver­sch­lie­ßen. Die­je­ni­gen See­len, die heu­te in Lei­bern le­ben, wel­che Her­zen ha­ben, um die an­thro­po­so­phi­sche Wel­t­an­schau­ung zu hö­ren und zu füh­len, die­se See­len be­rei­ten sich da­durch vor, künf­tig in Lei­bern zu le­ben, in de­nen ih­nen Kraft ge­ge­ben sein wird, um ih­ren Mit­men­schen zu die­nen, wel­che bis da­hin nicht die Mög­lich­keit hat­ten, die Her­zen so in sich sel­ber schla­gen zu füh­len. Erst die Vor­be­rei­ter der Vor­be­rei­ter sind wir, wei­ter noch nichts. Ein ganz klei­nes Flämm­chen erst ist heu­te die spi­ri­tu­el­le Be­we­gung, und sie wird sich zu ei­nem ge­wal­ti­gen geis­ti­gen Feu­er in der Zu­kunft ge­stal­ten.

Wenn wir die­ses an­de­re Bild vor un­se­re See­le hin­s­tel­len, wenn wir es so recht durch­emp­fin­den, dann wird ein ganz an­de­res Ge­fühl, ei­ne ganz an­de­re Er­kennt­nis­mög­lich­keit die­ser Tat­sa­che in uns auf­le­ben. Heu­te ist es das, was wir schwar­ze Ma­gie nen­nen, dem die Men­schen in ge­wis­ser Wei­se be­wußt oder un­be­wußt ver­fal­len kön­nen. Die­je­ni­gen, die heu­te so da­hin­le­ben in den Tag hin­ein, die heu­te gar nicht be­rührt wer­den von der spi­ri­tu­el­len Wel­t­an­schau­ung, die in ih­rem be­que­men All­tags­du­sel da­hin­le­ben und sa­gen: Was küm­mert mich, was die­se Träu­mer von An­thro­po­so­phen sp­re­chen , die ha­ben die ge­rings­te Mög­lich­keit, in die Krei­se der schwar­zen Ma­gie hin­ein­zu­kom­men. Für sie ist es so, daß sie heu­te nur die Ge­le­gen­heit ver­säu­men, um einst­mals ih­ren Mit­men­schen zu hel­fen in den Be­st­re­bun­gen zur Er­lan­gung des spi­ri­tu­el­len Le­bens. Für sie selbst kann noch nicht sehr viel ver­lo­ren sein. Die­je­ni­gen aber, die heu­te be­gin­nen, auf ei­ne un­recht­mä­ß­i­ge Wei­se sich an das spi­ri­tu­el­le Le­ben her­an­zu­ma­chen, die neh­men ei­gent­lich in den al­le­r­ers­ten An­fän­gen in sich die An­la­ge auf von et­was, was man schwar­ze Ma­gie nen­nen könn­te. Und nur ganz we­ni­ge In­di­vi­du­en gibt es, die heu­te schon der schwar­zen Ma­gie in je­nem furcht­ba­ren Sinn ver­fal­len sind, in dem ei­gent­lich von die­ser scheuß­li­chen Kunst der Mensch­heit ge­spro­chen wer­den muß.

Sie wer­den am bes­ten ver­ste­hen, daß es wir­k­lich so ist, wenn ich Ih­nen nur ganz lei­se An­deu­tun­gen ma­che dar­über, wie in sys­te-

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ma­ti­scher Wei­se schwar­ze Ma­gie gepf­lo­gen wird, und dann wer­den Sie schon se­hen, daß Sie Um­schau hal­ten kön­nen hin­auf und hin­ab un­ter all Ih­ren Be­kann­ten, und daß Sie nie­mand fin­den wer­den, dem Sie zu­trau­en könn­ten, daß er sol­chen Küns­ten heu­te schon zu­neigt. Al­les üb­ri­ge ist im Grun­de ge­nom­men nur purs­ter Di­let­tan­tis­mus, der in den fol­gen­den Pe­rio­den sehr leicht wird aus­ge­trie­ben wer­den kön­nen. Es ist ja sch­limm ge­nug, daß in un­se­rer Zeit manch­mal Din­ge an­ge­prie­sen wer­den, um die Men­schen zu über­vor­tei­len und so wei­ter, die in ge­wis­ser Be­zie­hung auch der An­fang sind schwar­zer ma­gi­scher Kunst. Sch­limm ist es auch, daß ge­wis­se An­schau­un­gen he­r­ein­spie­len, wel­che, wenn sie auch durch­aus nicht zur schwar­zen Kunst ge­hö­ren, doch ei­ne ge­wis­se Ver­füh­rung bil­den. Es sind das An­schau­un­gen, die heu­te die Welt be­herr­schen in ge­wis­sen Krei­sen und al­ler­dings un­ter den ma­te­ria­lis­ti­schen Ge­dan­ken wu­chern kön­nen, die aber, wenn sie auch durch­aus nicht un­ge­fähr­lich sind, doch nicht un­heil­bar sein wer­den für die nächs­ten Epo­chen. Erst wenn ein­mal be­gon­nen wird da­mit, daß der Mensch so­zu­sa­gen das Abc der schwar­zen Ma­gie ab­sol­viert, dann ist er auf dem ge­fähr­li­chen We­ge nach dem Ab­grund. Und die­ses Abc be­steht da­rin, daß ein Mensch, der der Schü­ler ei­nes schwar­zen Ma­gi­ers wird, da­zu an­ge­hal­ten wird, in ganz be­wuß­ter Wei­se das Le­ben zu er­tö­ten, dem Le­ben vor al­len Din­gen in der Er­tö­t­ung so­viel Sch­merz als mög­lich zu­zu­fü­gen, und in die­sem Zu­fü­gen des Sch­mer­zes ei­ne ge­wis­se Be­frie­di­gung zu füh­len. Wenn die Ab­sicht be­steht, in ein Le­be­we­sen zu ste­chen oder zu schnei­den mit der Ab­sicht, in dem Sch­mer­ze des­sel­ben Se­lig­keit zu füh­len, dann liegt da­rin das Abc der schwar­zen Küns­te. Was dar­über hin­aus­geht, kann nicht ge­st­reift wer­den. Aber Sie wer­den es schon scheuß­lich ge­nug fin­den, wenn Ih­nen ge­sagt wird, daß der schwarz­ma­gi­sche An­fän­ger zu schnei­den und zu ste­chen hat in le­ben­di­ges Fleisch, nicht so wie der Vi­vi­sek­tor schnei­det es ist dies auch schon et­was Sch­lim­mes, doch fin­det das We­sen der Vi­vi­sek­ti­on sei­ne Über­win­dung in den Vi­vi­sek­to­ren sel­ber, in­dem die­se in Ka­ma­lo­ka an sich selbst die Sch­mer­zen wer­den zu spü­ren ha­ben, die sie ih­ren Op­fern zu­ge­fügt ha­ben, und des­halb die Vi­vi­sek­ti­on in Zu­kunft las­sen wer­den,

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son­dern wer in sys­te­ma­ti­scher Wei­se ins Fleisch schnei­det und dar­aus Be­frie­di­gung emp­fin­det, der fängt an, auf die ab­schüs­si­ge Bahn der schwar­zen Ma­gie zu kom­men. Und da­durch ist die Mög­lich­keit ge­ge­ben für ihn, im­mer mehr und mehr sich je­nem We­sen zu näh­ern, dem zwei­hör­ni­gen Tier.

Die­ses We­sen selbst, das wir als das zwei­hör­ni­ge Tier cha­rak­te­ri­siert ha­ben, brau­chen wir uns durch­aus nur so vor­zu­s­tel­len, daß es als ver­füh­r­en­des We­sen von ganz an­de­rer Art als der Mensch ist. Es stammt aus an­de­ren Welt­pe­rio­den, hat an­de­rer Welt­pe­rio­den Nei­gun­gen an­ge­nom­men und wird sich tief be­frie­digt füh­len, wenn es auf We­sen stößt, wie die­se bö­sen We­sen sein wer­den, die sich ge­wei­gert ha­ben, in­ner­lich an­zu­neh­men, was als Gu­tes aus der Er­de flie­ßen kann. Die­ses We­sen hat nichts von der Er­de ha­ben kön­nen. Es hat kom­men se­hen die Er­den­ent­wi­cke­lung, aber es hat sich ge­sagt: Ich bin nicht mit der Er­de so fort­ge­schrit­ten, daß ich von dem ir­di­schen Da­sein ir­gend et­was ha­ben kann. Die­ses We­sen hät­te nur da­durch et­was ha­ben kön­nen von der Er­de, wenn es in ei­nem be­stimm­ten Au­gen­blick die Herr­schaft hät­te er­lan­gen kön­nen, näm­lich da, wo das Chris­tus-Prin­zip her­un­ter­ge­s­tie­gen ist auf die Er­de. Wenn die­ses Chris­tus-Prin­zip da­mals im Keim er­stickt wor­den wä­re, wenn der Chris­tus von dem Wi­der­sa­cher hät­te über­wun­den wer­den kön­nen, dann al­ler­dings wä­re es mög­lich ge­we­sen, daß die Er­de in ih­rer Ganz­heit die­sem So­rat-Prin­zip ver­fal­len wä­re. Das ist nicht der Fall ge­we­sen, und so muß sich die­ses We­sen begnü­gen mit den Ab­fäl­len, die sich nicht hin­ge­neigt ha­ben zum Chris­tus-Prin­zip, mit je­nen Men­schen, die in der Ma­te­rie ste­cken­ge­b­lie­ben sind. Die wer­den in der Zu­kunft sei­ne Heer­scha­ren sein.

Nun müs­sen wir, um die­se Heer­scha­ren noch ge­nau­er zu be­g­rei­fen, uns be­kannt­ma­chen mit zwei Be­grif­fen, die Ih­nen in ge­wis­ser Be­zie­hung ein Schlüs­sel sein kön­nen zu be­stimm­ten Ka­pi­teln der Apo­ka­lyp­se. Wir müs­sen uns be­kannt­ma­chen mit den Be­grif­fen «ers­ter Tod» und «zwei­ter Tod». Was ist der ers­te Tod, und was ist der zwei­te Tod des Men­schen oder der Mensch­heit? Wir müs­sen uns ein ge­nau­es Bild ma­chen von den Be­grif­fen, die der Apo­ka­lyp­ti­ker mit die­sen Wor­ten ver­bun­den hat. Da­zu müs­sen wir noch ein-

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mal vor un­se­re See­le die ele­men­ta­ren Wahr­hei­ten über das Men­schen­da­sein hin­s­tel­len.

Neh­men Sie den Men­schen von heu­te, wie Sie sel­ber ei­ner sind. Er lebt so, daß er vom Mor­gen, wenn er auf­wacht, bis zum Abend, wo er ein­schläft, aus vier Glie­dern be­steht, aus dem phy­si­schen Leib, dem Äther­leib, dem As­tral­leib und dem Ich. Wir wis­sen auch, daß der Mensch wäh­rend sei­nes Er­den­da­seins von sei­nem Ich aus die nie­de­ren Glie­der sei­ner We­sen­heit be­ar­bei­tet und daß es ihm ge­lin­gen muß, wäh­rend des Er­den­da­seins den as­tra­li­schen Leib un­ter die Herr­schaft des Ich zu brin­gen. Wir wis­sen, daß die Er­de ab­ge­löst wer­den wird von dem Ju­pi­ter, ih­rer nächs­ten Ver­kör­pe­rung. Wenn der Mensch auf dem Ju­pi­ter an­ge­langt sein wird, dann wird er als ein an­de­res We­sen vor uns ste­hen. Die­ser Ju­pi­ter­mensch wird von sei­nem Ich aus durch­ge­ar­bei­tet ha­ben sei­nen as­tra­li­schen Leib. Und wenn wir heu­te sa­gen, der Er­den­mensch, der im wa­chen Zu­stand vor uns steht, hat aus­ge­bil­det zu­nächst phy­si­schen Leib, Äther­leib, As­tral­leib und Ich, so müs­sen wir vom Ju­pi­ter­men­schen sa­gen, er wird aus­ge­bil­det ha­ben phy­si­schen Leib, Äther­leib, As­tral­leib und Ich, aber sei­nen as­tra­li­schen Leib wird er um­ge­stal­tet ha­ben zu Geist­selbst. Er wird auf ei­ner höhe­ren Stu­fe des Be­wußt­seins le­ben, auf ei­ner Stu­fe, die fol­gen­der­wei­se cha­rak­te­ri­siert wer­den kann. Je­nes al­te, dump­fe Bil­der­be­wußt­sein des Mon­des, das auch noch in den ers­ten Zei­ten des Er­den­be­wußt­seins da war, das wird in sei­nen Bil­dern als hell­se­he­ri­sches Be­wußt­sein wie­der da sein, aber es wird aus­ge­stat­tet sein mit dem men­sch­li­chen Ich, so daß der Mensch so lo­gisch über­le­gend sein wird mit die­sem Ju­pi­ter­be­wußt­sein, wie er es heu­te mit dem Ta­ges­be­wußt­sein der Er­de ist.

Der Ju­pi­ter­mensch wird al­so in ge­wis­ser Be­zie­hung ein nie­d­ri­ger Hell­se­her sein. Es wird ein Teil der see­li­schen Welt für ihn of­fen­lie­gen. Er wird Wohl und We­he sei­ner Um­ge­bung in Bil­dern emp­fin­den, die auf­s­tei­gen inn­er­halb sei­nes ima­gi­na­ti­ven Be­wußt­seins. Die­ser Ju­pi­ter­mensch wird da­her in ganz an­de­ren mo­ra­li­schen Ver­hält­nis­sen le­ben. Den­ken Sie sich, daß Sie als Ju­pi­ter­mensch ei­ne men­sch­li­che See­le vor sich ha­ben: Der Sch­merz, die Lust die­ser

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See­le wird auf­s­tei­gen in Bil­dern vor Ih­rer See­le, und die Bil­der des Sch­mer­zes der an­de­ren See­le wer­den Sie quä­len, und Sie wer­den, wenn Sie den Sch­merz der an­de­ren See­le nicht be­sei­ti­gen, un­mög­lich den Sch­merz der an­de­ren See­le mit Ih­rem ei­ge­nen Wohl­sein ve­r­ei­ni­gen kön­nen. Oh, die Bil­der des Lei­des wür­den ei­ne Qual sein für den Ju­pi­ter­men­schen mit dem er­höh­ten Be­wußt­sein, wenn er nichts tun wür­de, um die­ses Leid zu mil­dern und so sei­ne ei­ge­nen quä­len­den Bil­der, die nichts an­de­res sind als der Aus­druck des Lei­des um ihn her­um, gleich­falls weg­zu­schaf­fen. Nicht wird das Wohl und We­he des ein­zel­nen mög­lich sein oh­ne das des an­de­ren.

So se­hen wir, wie der Mensch zu sei­nem ge­gen­wär­ti­gen Be­wußt­sein, dem Ich-Be­wußt­sein, ei­nen ganz neu­en Be­wußt­s­eins­zu­stand hin­zu­er­obert. Wenn wir ver­ste­hen wol­len, was das für ei­ne Trag­wei­te hat in der Welt­ent­wi­cke­lung, so müs­sen wir den schla­fen­den Men­schen noch ein­mal vor un­se­re See­le füh­ren. Im Schla­fe liegt im Bet­te Ihr phy­si­scher und Äther­leib, und au­ßer­halb ist das Ich und der as­tra­li­sche Leib. In der Nacht ist es so, daß er wenn wir et­was, sa­gen wir, un­ge­nau re­den schnö­de sei­nen phy­si­schen und Äther­leib ver­läßt. Da­durch aber, daß der Mensch in der La­ge ist, in der Nacht­zeit frei zu wer­den von sei­nem phy­si­schen und Äther­leib, da­durch, daß der Mensch in der Nacht­zeit le­ben kann in ei­ner geis­ti­gen Welt, ist die Mög­lich­keit her­bei­ge­führt, daß er ge­ra­de hier in die­sem Er­den­da­sein von sei­nem Ich aus um­ge­stal­tend wir­ken kann auf sei­nen as­tra­li­schen Leib. Wie ge­schieht nun die­se Wir­kung?

Wenn wir es an­schau­lich be­sch­rei­ben wol­len, kön­nen wir sa­gen: Neh­men wir den Men­schen in sei­nem tag­wa­chen Zu­stand. Neh­men wir an, er fin­de ne­ben sei­nen Be­rufs­ar­bei­ten und Pf­lich­ten ei­ne wenn auch kur­ze Zeit, um sich höhe­ren Be­trach­tun­gen hin­zu­ge­ben, um sich die gro­ßen Im­pul­se zu ei­gen zu ma­chen, die et­wa aus dem Jo­han­nes-Evan­ge­li­um flie­ßen, aus den Wor­ten: «Im Ur­be­gin­ne war das Wort, und das Wort war bei Gott.» Neh­men wir an, er las­se so in sich er­ste­hen die gro­ßen Bil­der, die ihm durch das Jo­han­nes-Evan­ge­li­um vor­ge­führt wer­den, er sei im­mer von dem Ge­dan­ken er­füllt: Da­mals, im Be­gin­ne un­se­rer Zeit­rech­nung, leb­te

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in Pa­läs­t­i­na ei­ne We­sen­heit, der ich nach­fol­gen will. Ich will mein Le­ben so ein­rich­ten, daß al­les vor die­ser We­sen­heit be­ste­hen kann, daß ich mich be­trach­ten kann als ei­nen Men­schen, der die­se Per­sön­lich­keit sich zum Ideal ge­nom­men hat. Da­bei brau­chen wir aber nicht in In­to­le­ranz nur an das Jo­han­nes-Evan­ge­li­um zu den­ken. Auf manch an­de­re Wei­se ist es mög­lich, sich hin­ein­zu­ver­tie­fen in das­je­ni­ge, was die See­le mit sol­chen Bil­dern er­fül­len kann. Und wenn wir auch in ge­wis­ser Wei­se das Jo­han­nes-Evan­ge­li­um als das Größ­te be­zeich­nen müs­sen, was inn­er­halb der Mensch­heit ent­stan­den ist, was die ge­wal­tigs­te Wir­kung aus­ü­ben kann, so dür­fen wir doch sa­gen: Der an­de­re, der hin­ge­bungs­voll in der Leh­re der Ve­dan­ta-Weis­heit auf­geht oder sich in die Bha­ga­vad Gi­ta oder in das Dham­ma­pa­da ver­tieft, auch für den wird ge­nü­gend Ge­le­gen­heit vor­han­den sein, in fol­gen­den Ver­kör­pe­run­gen ge­ra­de durch das, was er so auf­ge­nom­men hat, zum Chris­tus-Prin­zip zu kom­men. Neh­men wir al­so an, ein Mensch durch­drin­ge tags­über sei­ne See­le mit sol­chen Bil­dern und Vor­stel­lun­gen, dann wird sein as­tra­li­scher Leib von die­sen Ge­dan­ken, Ge­füh­len und Bil­dern er­grif­fen, und sie bil­den Kräf­te in sei­nem as­tra­li­schen Leib, er­zeu­gen in ihm die ver­schie­den­ar­tigs­ten Wir­kun­gen. Wenn dann der Mensch aus sei­nem phy­si­schen und Äther­leib des Nachts her­aus­rückt, blei­ben die­se Wir­kun­gen im as­tra­li­schen Lei­be drin­nen, und der­je­ni­ge, der bei Tag sich hat ver­tie­fen kön­nen in die Bil­der und Ge­füh­le des Jo­han­nes-Evan­ge­li­ums, hat et­was ge­schaf­fen in sei­nem as­tra­li­schen Leib, das in der Nacht als ge­wal­ti­ge Wir­kung da­rin auf­tritt. So, müs­sen wir sa­gen, wirkt der Mensch heu­te wäh­rend des tag­wa­chen­den Be­wußt­seins auf sei­nen as­tra­li­schen Leib.

Sich be­wußt wer­den die­ser Wir­kun­gen kann heu­te nur der Ein­ge­weih­te; aber der Mensch ent­wi­ckelt sich ja all­mäh­lich hin zu die­sem Be­wußt­sein. Die­je­ni­gen Men­schen, die das Ziel der Er­den­ent­wi­cke­lung er­rei­chen wer­den, wer­den dann ei­nen ganz und gar vom Ich mit dem geis­ti­gen In­halt, den sie sich er­ar­bei­tet ha­ben, durch­drun­ge­nen as­tra­li­schen Leib ha­ben, sie wer­den die­ses Be­wußt­sein als ein Er­geb­nis, als ei­ne Frucht der Er­den­ent­wi­cke­lung ha­ben und hin­über­tra­gen in die Ju­pi­ter­ent­wi­cke­lung. Wir möch­ten sa­gen,

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daß der Mensch, wenn die Er­den­zeit so zu En­de ge­gan­gen, ist, Fähig­kei­ten er­langt hat, die sym­bo­lisch dar­ge­s­tellt wer­den durch die Er­bau­ung des neu­en Je­ru­sa­lem. Da wird der Mensch schon hin­ein­bli­cken in je­ne Bil­der­welt des Ju­pi­ter, das Geist­selbst ist dann aus­ge­bil­det in ihm. Das ist das Ziel der Er­den­ent­wi­cke­lung. Was al­so soll der Mensch im Ver­lau­fe der Er­den­ent­wi­cke­lung er­lan­gen? Was ist das ers­te Ziel? Die Um­wand­lung des as­tra­li­schen Lei­bes. Oh, die­ser as­tra­li­sche Leib, der heu­te des Nachts im­mer frei wird vom phy­si­schen und Äther­leib, der wird in Zu­kunft als ein um­ge­bil­de­ter Teil der men­sch­li­chen We­sen­heit er­schei­nen. Da hin­ein trägt der Mensch, was ihm auf der Er­de ge­ge­ben wird. Aber das wür­de noch nicht ge­nü­gen für die Er­den­ent­wi­cke­lung. Den­ken Sie sich, daß der Mensch je­de Nacht her­aus­kom­men wür­de aus dem phy­si­schen und Äther­leib und je­de Nacht sei­nen as­tra­li­schen Leib durch­drin­gen wür­de mit dem, was er auf­ge­nom­men hat tags­über, daß aber der phy­si­sche und der Äther­leib gar nicht da­von be­rührt wür­den, dann wür­de der Mensch das Er­den­ziel den­noch nicht er­rei­chen. Es muß noch et­was an­de­res ein­t­re­ten. Es muß mög­lich sein, daß der Mensch wäh­rend der Er­den­ent­wi­cke­lung im­mer und im­mer wie­der we­nigs­tens in den Äther­leib hin­ein­prägt das­je­ni­ge, was er al­so in sich auf­ge­nom­men hat. Es ist not­wen­dig, daß die­ser Äther­leib auch Wir­kun­gen emp­fan­gen kann von dem, was der Mensch im as­tra­li­schen Leib her­an­bil­det.

Der Mensch kann noch nicht durch sich selbst in die­sen Äther­leib hin­ein­wir­ken. Auf dem Ju­pi­ter, wenn der Mensch sei­nen as­tra­li­schen Leib um­ge­bil­det ha­ben wird, wird er fähig wer­den, auch in die­sen Äther­leib hin­ein­zu­wir­ken. Heu­te aber kann er das nicht, heu­te braucht er so­zu­sa­gen noch Hel­fer. Auf dem Ju­pi­ter wird der Mensch fähig wer­den, die ei­gent­li­che Ar­beit am Äther­lei­be zu be­gin­nen. Auf der Ve­nus wird er am phy­si­schen Lei­be ar­bei­ten; das ist der am schwers­ten zu über­win­den­de Teil. Heu­te aber muß der Mensch noch die bei­den, den phy­si­schen und den Äther­leib, nachts im Bett lie­gen las­sen und her­aus­kom­men. Daß aber den­noch zu­nächst der Äther­leib sei­ne Wir­kun­gen emp­fängt, so daß der Mensch all­mäh­lich lernt hin­ein­zu­ar­bei­ten in den Äther­leib, da­zu braucht er

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ei­nen Hel­fer. Und die­ser Hel­fer, der das er­mög­licht, ist kein an­de­rer wie­der­um als die Chris­tus-We­sen­heit, wäh­rend wir die­je­ni­ge We­sen­heit, die dem Men­schen hilft, in den phy­si­schen Leib hin­ein­zu­ar­bei­ten, als den «Va­ter» be­zeich­nen. Be­vor aber nicht der Hel­fer kommt, der es er­mög­licht, in den Äther­leib hin­ein­zu­ar­bei­ten, kann der Mensch nicht in sei­nen phy­si­schen Leib hin­ein­ar­bei­ten: «Nie­mand kommt zum Va­ter, denn durch mich.» Nie­mand er­langt die Fähig­keit, in den phy­si­schen Leib hin­ein­zu­ar­bei­ten, der nicht durch das Chris­tus-Prin­zip hin­durch­ge­gan­gen ist. So wird der Mensch dann, wenn er am Zie­le der Er­den­ent­wi­cke­lung an­ge­langt sein wird, durch die Fähig­keit, sei­nen as­tra­li­schen Leib aus ei­ge­nen Kräf­ten um­zu­bil­den, auch die Fähig­keit ha­ben, bis hin­un­ter auf den Äther­leib zu wir­ken. Das ver­dankt er dem le­ben­di­gen Da­sein des Chris­tus-Prin­zips auf der Er­de. Hät­te sich die­ses nicht als Le­ben­di­ges ve­r­ei­nigt mit der Er­de, wä­re es nicht hin­ein­ge­kom­men in die Au­ra der Er­de, dann wür­de das, was im as­tra­li­schen Leib aus­ge­bil­det ist, sich nicht hin­ein­bil­den in den Äther­leib. Wir se­hen al­so, daß der­je­ni­ge, der sich ver­sch­ließt, in­dem er sich ab­kehrt von dem Chris­tus-Prin­zip, sich der Mög­lich­keit ent­zieht, in sei­nen Äther­leib so hin­ein­zu­ar­bei­ten, wie es schon wäh­rend der Er­den­ent­wi­cke­lung not­wen­dig ist.

So al­so wer­den wir in ei­ner an­de­ren Wei­se cha­rak­te­ri­sie­ren kön­nen die zwei Ar­ten von Men­schen, die am Ziel der Er­den­ent­wi­cke­lung vor uns ste­hen: Wir ha­ben sol­che Men­schen, wel­che in sich das Chris­tus-Prin­zip auf­ge­nom­men ha­ben, wel­che da­durch ih­ren as­tra­li­schen Leib um­ge­bil­det und von Chris­tus die Hil­fe er­langt ha­ben, auch den Äther­leib um­zu­wan­deln, und an­de­re ha­ben wir, die nicht hin­ge­kom­men sind zum Chris­tus-Prin­zip, die auch nicht in der La­ge wa­ren, ir­gend et­was im Äther­leib zu ve­r­än­dern, denn sie konn­ten nicht den Hel­fer fin­den, den Chris­tus.

Nun schau­en wir ein­mal hin auf die­se Men­schen­zu­kunft. Die Er­de ver­geis­tigt sich, das heißt der Mensch muß et­was voll­stän­dig ver­lie­ren, was er jetzt in sei­nem phy­si­schen Da­sein als zu ihm ge­hö­rig be­trach­tet. Wir kön­nen uns ein Bild da­von ma­chen, was da mit dem Men­schen ge­schieht, wenn wir schon den ge­wöhn­li­chen

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Ver­lauf sei­nes Le­bens nach dem To­de be­trach­ten. Der Mensch ver­liert den phy­si­schen Leib nach dem To­de. Die­sem phy­si­schen Lei­be ist es zu­zu­sch­rei­ben, daß der Mensch Be­gier­den und Nei­gun­gen hat, die sich an das ge­wöhn­li­che Le­ben knüp­fen, und wir ha­ben es ge­schil­dert, was der Mensch nach dem To­de er­lebt. Neh­men wir ei­nen Men­schen an, der ir­gend­ei­ne le­cke­re Spei­se be­son­ders lieb­te. Im Le­ben kann er sich den Ge­nuß ver­schaf­fen, nach dem To­de nicht. Die Be­gier­de hört aber nicht auf, denn sie hat nicht im phy­si­schen, son­dern im As­tral­leib ih­ren Sitz. Weil nun aber das phy­si­sche Werk­zeug fehlt, so fehlt auch die Mög­lich­keit, die­se Be­gier­de zu be­frie­di­gen. Sol­che Men­schen schau­en im Ka­ma­lo­ka hin­un­ter in die phy­si­sche Welt, die sie ver­las­sen ha­ben, sie schau­en da, was ih­nen jetzt noch Ge­nuß ma­chen könn­te von al­le­dem, was un­ten auf der phy­si­schen Welt ist, aber sie kön­nen es nicht ge­nie­ßen, weil sie kein phy­si­sches In­stru­ment da­zu ha­ben, und da­durch kommt je­ner bren­nen­de Durst in sie. So ist es mit al­len Be­gier­den, die im Men­schen ge­b­lie­ben sind nach dem To­de und die hin­ge­ord­net sind nach der phy­si­schen Welt, weil sie nur durch phy­si­sche Werk­zeu­ge be­frie­digt wer­den kön­nen. So ist es je­des­mal nach dem To­de: Der Mensch sieht je­des­mal sei­nen phy­si­schen Leib ab­fal­len, und da­durch, daß ihm von die­sem phy­si­schen Leib et­was ge­b­lie­ben ist, da­durch drängt es ihn noch hin zur ge­wöhn­li­chen Welt un­se­res phy­si­schen Pla­nes und es wird, bis er sich das ab­ge­wöhnt hat in der geis­ti­gen Welt, für ihn die Zeit der Be­gier­denglut da sein.

Den­ken Sie sich nun die letz­te ir­di­sche Ver­kör­pe­rung vor der Ver­geis­ti­gung der Er­de, das Ab­le­gen des letz­ten phy­si­schen Lei­bes. Die Men­schen, die heu­te auf der Er­de le­ben, wer­den so weit sein durch das Chris­tus-Prin­zip, daß ih­nen in ge­wis­ser Wei­se die­ses Ab­le­gen des al­ler­letz­ten phy­si­schen Lei­bes kei­ne be­son­de­ren Schwie­rig­kei­ten macht. Aber sie wer­den doch et­was ver­las­sen müs­sen, denn von der ver­geis­tig­ten Er­de ist hin­ge­schwun­den ein für al­le­mal das­je­ni­ge, was Freu­de ge­ben kann aus den Ge­gen­stän­den die­ser Er­de. Den­ken Sie an den letz­ten Tod, der mög­lich ist in der Er­den­ent­wi­cke­lung, an das letz­te Ab­le­gen des phy­si­schen Lei­bes. Die­ser

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letz­te Tod der Ver­kör­pe­run­gen, das ist es, was in der Apo­ka­lyp­se der ers­te Tod ge­nannt wird. Und die­je­ni­gen, die das Chris­tus-Prin­zip auf­ge­nom­men ha­ben, se­hen die­sen phy­si­schen Leib so­zu­sa­gen wie ei­ne ab­fal­len­de Scha­le. Für sie hat jetzt der Äther­leib Be­deu­tung. Der ist mit Hil­fe des Chris­tus so or­ga­ni­siert, daß er dem as­tra­li­schen Leib vor­der­hand an­gepaßt ist, daß er nicht mehr Lust und Be­gier­de hat nach dem, was da un­ten in der phy­si­schen Welt ist. Nur mit all dem, was durch die Hil­fe des Chris­tus in den Äther­leib hin­ein­ge­bracht wor­den ist, le­ben die Men­schen jetzt wei­ter in der ver­geis­tig­ten Er­de. Sie ha­ben sich ei­ne Har­mo­nie ge­schaf­fen zwi­schen ih­rem as­tra­li­schen Leib und ih­rem Äther­leib. Das Chris­tus-Prin­zip hat eben die­sen Ein­klang ge­schaf­fen.

Da­ge­gen gibt es die an­de­ren, die das Chris­tus-Prin­zip nicht in sich auf­ge­nom­men ha­ben. Die­se an­de­ren ha­ben sol­chen Ein­klang nicht. Den phy­si­schen Leib müs­sen auch sie ver­lie­ren, denn ei­nen phy­si­schen Leib gibt es zu­nächst in der ver­geis­tig­ten Er­de nicht. Al­les Phy­si­sche muß zu­nächst auf­ge­löst wer­den. Es bleibt zu­rück als Be­gier­de nach dem Phy­si­schen, als das un­ge­läu­ter­te Geis­ti­ge, als das in der Ma­te­rie ver­här­te­te Geis­ti­ge. Ein Äther­leib bleibt zu­rück, dem nicht der Chris­tus ge­hol­fen hat, dem as­tra­li­schen Leib an­gepaßt zu sein, der hin­ge­ord­net ist nach dem phy­si­schen Leib. Das sind die­je­ni­gen Men­schen, die hei­ße Be­gier­denglut emp­fin­den wer­den nach der phy­si­schen Sinn­lich­keit. Un­ge­s­till­te, bren­nen­de Be­gier­denglut wer­den sie im Äther­leib emp­fin­den durch das, was sie im phy­si­schen Le­ben ge­habt ha­ben und was sie jetzt ent­beh­ren müs­sen. So ha­ben wir in die­ser nächs­ten Zeit, nach­dem das Phy­si­sche ab­ge­sch­mol­zen ist, Men­schen, die in ih­rem Äther­leib als in ei­nem We­sens­g­lie­de le­ben, das har­mo­nisch zu­sam­men­k­lingt mit dem as­tra­li­schen Lei­be, und wir ha­ben die an­de­ren Men­schen, de­ren Äther­leib in Mißklang lebt, weil sie Be­gier­de nach dem ha­ben, was ab­ge­fal­len ist im phy­si­schen Lei­be.

Und dann tritt in der wei­te­ren Ent­wi­cke­lung ein Zu­stand ein, wo die Ver­geis­ti­gung der Er­de so fort­sch­rei­tet, daß es auch kei­nen Äther­leib mehr ge­ben kann. Die­je­ni­gen, de­ren Äther­leib ganz im Ein­klang ist mit dem as­tra­li­schen Leib, die wer­fen oh­ne Sch­mer­zen

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die­sen Äther­leib ab, denn sie blei­ben in ih­rem as­tra­li­schen Lei­be, der er­füllt ist von der Chris­tus-We­sen­heit, und sie emp­fin­den es als Ent­wi­cke­lungs­not­wen­dig­keit, daß der Äther­leib ab­ge­st­reift wird. Denn sie füh­len in sich die Fähig­keit, ihn wie­der­um selbst auf­zu­bau­en, weil sie Chris­tus in sich auf­ge­nom­men ha­ben. Die­je­ni­gen aber, die in die­sem Äther­leib die Be­gier­de nach dem ha­ben, was ver­gan­gen ist, die kön­nen die­sen Äther­leib auch nicht be­hal­ten, wenn al­les as­tra­lisch wird. Er wird ih­nen ge­nom­men wer­den, wird aus ih­nen ge­ris­sen wer­den, und jetzt emp­fin­den sie das als ein zwei­tes Ster­ben, als den «zwei­ten Tod». Die­ser zwei­te Tod geht an den an­de­ren, die ih­ren Äther­leib mit dem as­tra­li­schen Leib durch Auf­nah­me des Chris­tus-Prin­zips har­mo­nisch ge­macht ha­ben, un­ver­merkt vor­über. Über sie hat der zwei­te Tod kei­ne Macht. Die an­de­ren emp­fin­den aber den zwei­ten Tod beim wei­te­ren Hin­über­le­ben in je­ne fol­gen­de as­tra­li­sche Ge­stalt. Dann ist die Mensch­heit in je­nem Zu­stand, wo die­je­ni­gen, die das Ziel der Ent­wi­cke­lung er­reicht ha­ben, ih­ren as­tra­li­schen Leib ganz durch­drun­gen ha­ben mit Chris­tus. Sie sind reif, hin­über­zu­le­ben nach dem Ju­pi­ter, sie ent­wer­fen auf un­se­rer Er­de den Plan zur Ju­pi­ter­ent­wi­cke­lung. Das ist der Plan, der ge­nannt wird das neue Je­ru­sa­lem. Sie le­ben in ei­nem «neu­en Him­mel» und ei­ner «neu­en Er­de»: das ist Ju­pi­ter.

Die­ser neue Ju­pi­ter wird be­g­lei­tet sein wie von ei­nem Tra­ban­ten von den­je­ni­gen, die aus­ge­sch­los­sen sind von dem Le­ben im Geis­ti­gen, die den zwei­ten Tod er­lebt ha­ben, die da­her kei­ne Mög­lich­keit ha­ben, das Ju­pi­ter­be­wußt­sein zu er­lan­gen. Wir ha­ben al­so sol­che Men­schen, die zum Ju­pi­ter­be­wußt­sein vor­ge­rückt sind, die Ma­nas er­langt ha­ben, und sol­che We­sen­hei­ten, wel­che von sich ge­sto­ßen ha­ben die Kräf­te, die ih­nen die­ses Be­wußt­sein ge­ge­ben hät­ten. Das sind die­je­ni­gen, wel­che auf dem Ju­pi­ter erst das Ich-Be­wußt­sein der Er­de er­langt ha­ben, die al­so so­zu­sa­gen da­ste­hen, wie heu­te der Mensch auf der Er­de da­steht mit sei­nen vier Glie­dern. Aber ein sol­cher Mensch kann sich nur inn­er­halb der Er­de ent­wi­ckeln, nur die Er­de hat die Um­ge­bung den Bo­den, die Luft, die Wol­ken, die Pflan­zen, die Mi­ne­ra­li­en , die not­wen­dig ist für den Men­schen, wenn er das er­rei­chen will, was inn­er­halb der vier Glie­der zu

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er­rei­chen ist. Der Ju­pi­ter wird ganz an­ders ge­stal­tet sein, ei­ne «neue Er­de» wird er sein. An­ders wer­den Bo­den, Luft, Was­ser, an­ders wird ein je­g­li­ches We­sen sein, und nicht wird die Mög­lich­keit vor­han­den sein, ein Nor­mal­le­ben zu füh­ren für We­sen, die erst das Er­den­be­wußt­sein er­langt ha­ben. Sie wer­den die zu­rück­ge­b­lie­be­nen We­sen­hei­ten sein.

Aber nun kommt et­was, was wie­der­um zu un­se­rer Be­ru­hi­gung ge­hört. Selbst auf die­sem Ju­pi­ter gibt es noch ei­ne letz­te Mög­lich­keit, durch die star­ke Kraft, wel­che die Vor­ge­rück­te­ren ha­ben, die­se al­so Hin­un­ter­ge­sun­ke­nen noch ein­mal zur Um­kehr zu be­we­gen und auch ei­ne An­zahl zur Um­kehr zu brin­gen. Erst bei der Ve­nus­ver­kör­pe­rung wird die al­ler­letz­te Ent­schei­dung fal­len, die un­ab­än­der­li­che Ent­schei­dung. Wenn wir das al­les über­den­ken, dann wird der Ge­dan­ke, den wir neu­lich be­spro­chen ha­ben, doch ei­ne an­de­re Fär­bung er­lan­gen. Da wird er un­mög­lich Ban­gig­keit und Be­un­ru­hi­gung her­vor­ru­fen, son­dern nur das ei­ne St­re­ben: Ich will al­les tun, was nö­t­ig ist, um die Er­den­mis­si­on zu er­fül­len.

Wenn wir uns das al­les in ent­sp­re­chen­der Wei­se vor die See­le rü­cken, dann er­öff­net sich ein gro­ßes, ge­wal­ti­ges Bild der Mensch­heits­zu­kunft, und wir ah­nen, was al­les in der er­leuch­te­ten See­le des Apo­ka­lyp­ti­kers war, der nie­der­ge­schrie­ben hat, was wir eben in die­sen Be­trach­tun­gen stam­melnd her­aus­fin­den konn­ten aus der Apo­ka­lyp­se. Je­des Wort des Apo­ka­lyp­ti­kers ist von Be­deu­tung, ja je­de Wen­dung. Wir müs­sen sie nur klar zu ver­ste­hen su­chen. So wird uns hin­ge­wie­sen, im Sin­ne der ges­t­ri­gen Be­trach­tung, in 666 auf das Tier mit den zwei Hör­nern, und dann wird ge­sagt ein merk­wür­dig Wort: «Hie ist Weis­heit! Wer Ver­stand hat, der über­le­ge die Zahl des Tie­res, denn es ist ei­nes Men­schen Zahl.» Ein schein­ba­rer Wi­der­spruch, aber ei­ner von den vie­len Wi­der­sprüchen, die durch­aus in je­der ok­kul­ten Schrift und Be­trach­tung zu fin­den sind. Sie kön­nen näm­lich des­sen ge­wiß sein, daß ei­ne Be­trach­tung, die so glatt ver­läuft, daß man mit dem ge­wöhn­li­chen Men­schen-All­tags­ver­stand kei­nen Wi­der­spruch fin­den kann, ge­wiß nicht auf ok­kul­tem Bo­den steht. Was in der Welt sich ent­wi­ckelt, ist nicht so flach und tri­vial wie das, was der men­sch­li­che Ver­stand, die

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ge­wöhn­li­che In­tel­li­genz als Wi­der­spruchs­lo­sig­keit emp­fin­det. Man muß eben tie­fer in die Un­ter­grün­de men­sch­li­cher Be­trach­tung hin­un­ter­tau­chen, dann ver­schwin­den schon die Wi­der­sprüche. Der­je­ni­ge, der ei­ne Pflan­ze be­trach­tet, wie sie wächst von der Wur­zel bis zur Frucht, wie das grü­ne Blatt sich ver­wan­delt in das Blu­men­blatt, das Blu­men­blatt in die Staub­ge­fä­ße und so wei­ter, der kann sa­gen: Hier ha­ben wir wi­der­sp­re­chen­de Ge­stal­ten, das Blu­men­blatt wi­der­spricht dem Sten­gel­blatt. Wer aber tie­fer sieht, wird die Ein­heit er­bli­cken, die tie­fe­re Ein­heit im Wi­der­spruch. So ist es mit dem, was der Ver­stand in der Welt se­hen kann. Er sieht ge­ra­de in den tiefs­ten Weis­hei­ten Wi­der­sprüche. Da­her darf es uns nicht be­rüh­ren, wenn uns hier in der Apo­ka­lyp­se ein schein­ba­rer Wi­der­spruch ent­ge­gen­tritt: «Wer Ver­stand hat, der über­le­ge die Zahl des Tie­res, denn es ist ei­nes Men­schen Zahl.»

Wir müs­sen da noch ein­mal be­trach­ten, wo­durch der Mensch hin­ein­kom­men kann in die Mög­lich­keit, von dem zwei­hör­ni­gen Tier ver­führt zu wer­den. Wir ha­ben dar­auf hin­ge­wie­sen, daß der Mensch seit der Mit­te der at­lan­ti­schen Zeit so­zu­sa­gen die höhe­re geis­ti­ge Ent­wi­cke­lung ver­schla­fen hat. Die­se Schla­fens­zeit ist die heu­ti­ge Zeit. Sie war aber not­wen­dig. Wenn sie nicht ein­ge­t­re­ten wä­re, wä­re nie­mals das ge­kom­men, was wir in un­se­rem heu­ti­gen Sinn Ver­stand nen­nen. Die Men­schen vor un­se­rer Zeit ha­ben das nicht ge­habt. Die ha­ben aus an­de­ren Im­pul­sen her­aus ge­han­delt. Ih­re Bil­der ha­ben sie hin­ge­trie­ben zu ih­ren Hand­lun­gen oh­ne Über­le­gung. Die­se al­te Hell­se­her­ga­be hat der Mensch ver­lo­ren, und da­für hat er den Ver­stand ein­ge­tauscht und ist her­un­ter­ge­s­tie­gen in die Ma­te­rie. Da­durch ist ihm der Sch­lei­er ge­wo­ben wor­den vor die geis­ti­ge Welt, da­durch aber hat er sich gleich­zei­tig den Ver­stand er­wor­ben. Die­ser kann ei­ne wich­ti­ge Hem­mung sein für die spi­ri­tu­el­le Ent­wi­cke­lung. Nichts an­de­res wird es zu­letzt sein, was den Men­schen da­von ab­hal­ten kann, gründ­lich da­von ab­hal­ten kann, zum Chris­tus-Prin­zip zu kom­men, als die­ser ver­führ­te Ver­stand, die­se ver­führ­te In­tel­li­genz. Und wenn die­je­ni­gen, die zu­letzt dem zwei­hör­ni­gen Tier ver­fal­len wer­den, zu­rück­bli­cken könn­ten auf das, was ih­nen ei­gent­lich den bö­ses­ten St­reich ge­spielt hat,

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dann wür­den sie sa­gen: Zwar ist die An­la­ge zum Ab­grund erst spä­ter ge­kom­men, aber was mir ver­fins­tert hat das Chris­tus-Prin­zip, das ist der Ver­stand. Oh, der­je­ni­ge, der die­sen Ver­stand hat, der über­le­ge die Zahl des Tie­res! Denn ge­ra­de da­durch, daß der Mensch Mensch ge­wor­den ist, das heißt mit die­sem Ich-Ver­stand be­gabt wor­den ist, da­durch kann er ver­fal­len dem Tie­re 666. Denn die Zahl des Tie­res ist zu­g­leich ei­nes Men­schen Zahl, und daß es ei­nes Men­schen Zahl ist, kann kein an­de­rer ein­se­hen als der­je­ni­ge, der Ver­stand hat: Des­je­ni­gen Men­schen Zahl ist es, der sich durch sei­nen Ver­stand hat ver­füh­ren las­sen. Sol­che tie­fen Wahr­hei­ten ste­cken da­rin in die­sen Din­gen.

So se­hen Sie, daß der Apo­ka­lyp­ti­ker Ih­nen vie­les gibt, wenn Sie die ein­zel­nen An­deu­tun­gen, die wir ge­macht ha­ben, in sich auf­neh­men. Vie­les gibt er, was wir heu­te an­thro­po­so­phi­sche Wahr­hei­ten nen­nen. Er gibt, was er ver­spricht. Er führt den Men­schen hin zur An­schau­ung des­sen, was kom­men wird: zur An­schau­ung der We­sen­hei­ten und Mäch­te, wel­che die Welt len­ken. Er führt uns zu dem Geis­te, der uns auf dem ers­ten Sie­gel, zu der Ge­stalt, die uns auf dem letz­ten Sie­gel ge­ge­ben wird. Da sieht man, wie ihm hell­se­he­risch die Re­gel­mä­ß­ig­keit des neu­en Je­ru­sa­lem sich aus­drückt. Das ist das Se­he­ri­sche da­ran. Die Re­gel­mä­ß­ig­keit des neu­en Je­ru­sa­lem drückt sich da­bei aus; Sie kön­nen im 21. Ka­pi­tel se­hen, wie so­zu­sa­gen die­ses neue Je­ru­sa­lem be­schrie­ben wird als Wür­fel (Vers 16). Zu be­sch­rei­ben, was auf die­sem letz­ten Bil­de ist, wür­de uns zu weit füh­ren. (Sie­he das sie­ben­te Sie­gel­bild.)

Jetzt ist es not­wen­dig, daß wir dar­auf hin­wei­sen, zu wel­chem Zwe­cke die Apo­ka­lyp­se ge­schrie­ben ist. Ich müß­te frei­lich viel sp­re­chen, wenn ich aus­führ­lich be­sch­rei­ben woll­te, wo­zu sie ge­schrie­ben ist. Aber ei­ne An­deu­tung we­nigs­tens sol­len Sie mit nach Hau­se neh­men, ei­ne An­deu­tung, die sich uns er­gibt aus ei­ner ganz be­stimm­ten Stel­le der Apo­ka­lyp­se. Der­je­ni­ge, der die Apo­ka­lyp­se ge­schrie­ben hat, sagt, daß ei­ne Zeit kom­men wird, wo wir­k­lich je­ner ho­he Be­wußt­s­eins­grad sich ent­wi­ckelt ha­ben wird, wo die Men­schen se­hen wer­den in er­höh­tem Be­wußt­sein die We­sen­hei­ten, wel­che die Welt lei­ten, die We­sen­hei­ten, die durch

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das Lamm, die durch das Er­schei­nen des Men­schen­soh­nes mit dem flam­men­den Schwert cha­rak­te­ri­siert wur­den. Wir wer­den hin­ge­wie­sen dar­auf in Tö­nen, die schon in sich sch­lie­ßen je­ne Be­ru­hi­gung, von der wir ge­spro­chen ha­ben. Der Apo­ka­lyp­ti­ker, der tie­fer Hell­se­her ist, weiß, daß in al­ten Zei­ten die Men­schen be­gabt wa­ren mit ei­nem däm­mer­haf­ten Hell­se­hen. Wir ha­ben es ja cha­rak­te­ri­siert und ge­se­hen, wie die Men­schen da­mals so­zu­sa­gen Ge­nos­sen wa­ren der gött­li­chen Geis­ter­welt, wie sie selbst ge­se­hen ha­ben die gött­lich-geis­ti­ge Welt. Aber wer hat sie ver­lo­ren, die­se Se­her­ga­be, wer? Das müs­sen wir jetzt als wich­ti­ge Fra­ge hin­s­tel­len. Wir ha­ben ge­se­hen, daß sie im Grun­de die­je­ni­gen Men­schen ver­lo­ren ha­ben, die her­aus­ge­führt sind auf den phy­si­schen Plan, zum phy­si­schen Le­ben, da­mals, als die zwei­te Hälf­te der at­lan­ti­schen Zeit be­gann. Die Men­schen sa­hen auf die fes­ten Ge­bil­de un­se­rer Er­de, auf die be­g­renz­ten Ge­gen­stän­de un­se­rer Er­de. Das al­te Hell­se­hen ver­schwand. Selbst­be­wußt wur­den die Men­schen, aber vor ih­nen ver­sch­loß sich die geis­ti­ge Welt. Die Ge­bil­de, wel­che in al­ten Zei­ten die Luft durch­drun­gen ha­ben wie ein Ne­bel­meer, ver­schwan­den, die Luft wur­de rein, der Bo­den frei. Die Men­schen tra­ten her­aus auf die freie Er­de. Das ist ver­hält­nis­mä­ß­ig spät ge­sche­hen; es fällt zu­sam­men mit dem Er­lan­gen des ge­gen­wär­ti­gen Ver­stan­des, des jet­zi­gen Selbst­be­wußt­seins des Men­schen.

Und jetzt er­in­nern wir uns, was wir ge­sagt ha­ben von die­ser Er­de. Wir er­in­nern uns da­ran, daß wir den gro­ßen Mo­ment von Gol­ga­tha hin­ge­s­tellt ha­ben vor un­se­re See­le. Wenn je­mand da­mals die Er­de von fer­ne be­trach­tet hät­te mit hell­se­he­ri­schem Blick, so hät­te er wahr­ge­nom­men in dem Au­gen­blick, wo das Blut aus den Wun­den des Er­lö­sers floß, daß die gan­ze as­tra­li­sche Au­ra der Er­de sich ve­r­än­der­te. Da ist die Er­de durch­drun­gen wor­den von der Chris­tus-Kraft. Durch die­ses Er­eig­nis kann sich die Er­de de­r­einst wie­der mit der Son­ne ve­r­ei­ni­gen. Die­se Kraft wird wach­sen. Das ist die Kraft, die un­se­ren Äther­leib vor dem zwei­ten To­de be­wahrt. Chris­tus wird im­mer mehr und mehr der Erd­geist, und der­je­ni­ge, der ein rech­ter Christ ist, ver­steht die Wor­te: «Wer mein Brot is­set, der tritt mich mit Fü­ß­en», der be­trach­tet den Leib der Er­de als

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den Leib des Chris­tus. Die Er­de als pla­ne­ta­ri­scher Kör­per ist der Leib des Chris­tus, frei­lich erst im An­fan­ge. Es wird erst der Chris­tus Erd­geist, er wird sich völ­lig mit der Er­de ve­r­ei­ni­gen. Und wenn sich die Er­de spä­ter mit der Son­ne ve­r­ei­ni­gen wird, wird der gro­ße Erd­geist Chris­tus Son­nen­geist sein.

Der Leib der Er­de wird der Leib des Chris­tus sein. Und die Men­schen müs­sen die­sen Leib be­ar­bei­ten. Sie ha­ben da­mit be­gon­nen, als sie her­au­s­t­ra­ten auf die Er­de; sie ha­ben die­se Er­de mit ih­ren Kräf­ten be­ar­bei­tet. In al­len Tra­di­tio­nen kann man et­was fin­den, was we­nig be­ach­tet wird, weil man es we­nig ver­steht. So zum Bei­spiel in der per­si­schen Tra­di­ti­on, daß die Men­schen seit je­ner Zeit, seit der sie her­aus­ge­t­re­ten sind aus dem hell­se­he­ri­schen Be­wußt­sein, We­sen ge­wor­den sind, wel­che die Er­de durch­sto­chen ha­ben. Wäh­rend die Men­schen in der Pha­se le­ben, daß sie die Er­de durch­s­te­chen, das heißt die Er­de be­ar­bei­ten, wäh­rend die­ser Zeit al­so, wo sie den Leib des Chris­tus durch­s­te­chen, se­hen sie nicht im hell­se­he­ri­schen Be­wußt­sein die lei­ten­den Kräf­te, vor al­len Din­gen nicht den Chris­tus, von An­ge­sicht zu An­ge­sicht. Aber der Apo­ka­lyp­ti­ker weist auf die Zeit hin, wo nicht nur die Hell­se­her von da­mals das Geis­ti­ge se­hen, son­dern wo die Mensch­heit wie­der an­ge­kom­men sein wird auf der Stu­fe, die es ihr er­mög­licht, das Chris­tus We­sen sel­ber zu se­hen. Se­hen wer­den ihn al­le We­sen, und die­je­ni­gen, die ihn durch­sto­chen ha­ben, wer­den ihn auch se­hen; die­je­ni­gen, die ei­nen Teil ih­rer Ent­wi­cke­lung durch­ma­chen muß­ten im Be­bau­en der Er­de, im Durch­s­te­chen der Er­de, sie wer­den den Chris­tus se­hen. Denn sol­che Wor­te sind so, daß sie den­je­ni­gen, der sie all­mäh­lich ent­hül­len lernt, tief hin­ein­füh­ren in die Vor­stel­lungs­welt der Mys­te­ri­en, der apo­ka­lyp­ti­schen Spra­che.

Was hat al­so der Apo­ka­lyp­ti­ker sch­rei­ben wol­len, was hat er dar­s­tel­len wol­len? Die­se Fra­ge be­ant­wor­tet sich uns da­mit, daß wir kurz hin­wei­sen auf den Ur­sprung der Apo­ka­lyp­se. Wo ist zu­erst ent­hal­ten das, was in der Apo­ka­lyp­se ge­schrie­ben ist? Könn­ten Sie zu­rück­ge­hen in die Mys­te­ri­en des al­ten Grie­chen­lands, in die Or­phi­schen, die Eleusi­ni­schen Mys­te­ri­en, zu­rück­ge­hen in die Mys­te­ri­en der al­ten Ägyp­ter, Chal­däer, Per­ser und In­der, all­übe­rall

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wür­den Sie die Apo­ka­lyp­se fin­den. Sie ist vor­han­den ge­we­sen, sie war da. Sie war nicht ge­schrie­ben, aber sie leb­te von Pries­ter­ge­ne­ra­ti­on zu Pries­ter­ge­ne­ra­ti­on, durch die Ge­ne­ra­tio­nen der In­i­tia­to­ren hin­durch, wo das Ge­dächt­nis so le­ben­dig war, daß man so rei­che Stof­fe be­wäl­ti­gen konn­te. Das Ge­dächt­nis war ja auch in viel spä­te­ren Zei­ten noch weit bes­ser als bei uns. Man er­in­ne­re sich nur an die Sän­ger der Ilia­de, wie sie her­um­ge­zo­gen sind und aus dem Ge­dächt­nis ih­re Ge­sän­ge sin­gen konn­ten. Es ist ver­hält­nis­mä­ß­ig noch nicht so lan­ge Zeit, daß das Ge­dächt­nis so sehr zu­rück­ge­gan­gen ist. In den Mys­te­ri­en wur­den die­se Wahr­hei­ten nicht auf­ge­schrie­ben, aber sie leb­ten von Ge­ne­ra­ti­on zu Ge­ne­ra­ti­on der In­i­tia­to­ren.

Was hat­te sie für ei­ne Auf­ga­be, die Apo­ka­lyp­se? Sie hat­te die Auf­ga­be, ei­ne In­struk­ti­on zu sein für den­je­ni­gen, der die Schü­ler zur Wei­he brach­te. Da­mals war es so, daß der Mensch, an dem die Ein­wei­hung voll­zo­gen wer­den soll­te, her­aus­ge­führt wur­de aus sei­nem phy­si­schen Lei­be und wie tot blieb. Aber wenn er her­aus­ge­führt war, dann ließ ihn der In­i­tia­tor in sei­nem äthe­ri­schen Lei­be se­hen, was nach­her durch den Chris­tus-Im­puls im phy­si­schen Leib hell­se­he­risch hat ge­se­hen wer­den kön­nen. So wa­ren die al­ten Ein­ge­weih­ten die Pro­phe­ten, die hin­wei­sen konn­ten auf Chris­tus. Und sie ha­ben es ge­tan, sie ha­ben es tun kön­nen, weil der Chris­tus in die­ser Apo­ka­lyp­se ge­zeigt wor­den ist als et­was, was in der Zu­kunft er­scheint. Noch nie hat­te sich das Er­eig­nis von Gol­ga­tha ab­ge­spielt, in wel­chem ein Mensch im phy­si­schen Lei­be das gan­ze In­i­tia­ti­ons­dra­ma vor der Ge­schich­te dar­ge­lebt hät­te.

Wo war al­so die Mög­lich­keit, die­ses Er­eig­nis von Gol­ga­tha zu be­g­rei­fen? Auf ge­wis­ser Stu­fe hat­ten es die Ein­ge­weih­ten au­ßer­halb ih­res Lei­bes be­grif­fen. In ei­nem an­de­ren Be­wußt­sein war vor­ge­gan­gen, was auf Gol­ga­tha sich ab­spiel­te. Tau­sen­de hät­te es ge­ben kön­nen, und das Er­eig­nis von Gol­ga­tha hät­te an ih­nen vor­bei­ge­hen kön­nen. Was wä­re es ih­nen ge­we­sen? Der Tod ei­nes ge­wöhn­li­chen Ver­ur­teil­ten! Die Mög­lich­keit, das zu be­g­rei­fen, was sich auf Gol­ga­tha voll­zog, war nur dort, wo man den In­halt der Mys­te­ri­en kann­te. Die In­i­tia­to­ren konn­ten sa­gen: Der­je­ni­ge, den

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wir euch ge­zeigt ha­ben wäh­rend der drei­ein­halb Ta­ge, den die Pro­phe­ten euch ver­kün­digt ha­ben, den könnt ihr be­g­rei­fen, wenn ihr die Mit­tel aus den Mys­te­ri­en nehmt.

Der Apo­ka­lyp­ti­ker hat die münd­li­che Über­lie­fe­rung der Mys­te­ri­en in sich auf­ge­nom­men, er sag­te sich: Wenn ich mich durch­drin­ge mit dem, was man in den Mys­te­ri­en hat er­fah­ren kön­nen, dann er­scheint mir der Chris­tus. So war die Apo­ka­lyp­se nichts Neu­es, aber die An­wen­dung auf das ein­zi­ge Er­eig­nis von Gol­ga­tha, das war et­was Neu­es. Das war das We­sent­li­che, daß für die­je­ni­gen, die Oh­ren hat­ten zu hö­ren, es ei­ne Mög­lich­keit gab, mit Hil­fe des­sen, was in der Apo­ka­lyp­se des Jo­han­nes steht, nach und nach zum wir­k­li­chen Ver­ständ­nis des Er­eig­nis­ses von Gol­ga­tha vor­zu­drin­gen. Das war die Ab­sicht des Apo­ka­lyp­ti­kers. Aus den al­ten Mys­te­ri­en hat­te er die Apo­ka­lyp­se; sie ist ein uralt-hei­li­ges Buch der Men­schen und ist nur äu­ßer­lich der Mensch­heit ge­schenkt wor­den durch den Jün­ger, den der Herr lieb hat­te und dem er te­s­ta­men­ta­risch ver­macht hat­te, sei­ne wah­re Ge­stalt zu ver­kün­den. Er soll blei­ben, bis Chris­tus kommt, so daß die­je­ni­gen, die mit er­leuch­te­tem Be­wußt­sein aus­ge­stat­tet sind, ihn er­fas­sen kön­nen. Er ist der gro­ße Leh­rer des wah­ren Er­eig­nis­ses von Gol­ga­tha. Er hat den Men­schen die Mit­tel über­ge­ben, das Er­eig­nis von Gol­ga­tha wir­k­lich zu ver­ste­hen.

Am Ein­gang der Apo­ka­lyp­se sagt der Apo­ka­lyp­ti­ker ich ha­be ver­sucht, die ers­ten Wor­te so zu über­set­zen, wie sie über­setzt wer­den müs­sen, wenn sie rich­tig sein sol­len : «Dies ist die Of­fen­ba­rung Je­su Chris­ti, die Gott dar­ge­bo­ten hat sei­nem Die­ner, zu ver­an­schau­li­chen in Kür­ze, wie sich das Not­wen­di­ge voll­zie­hen soll. Dies ist in Zei­chen ge­setzt und ge­sandt durch sei­nen En­gel sei­nem Die­ner Jo­han­nes, und die­ser hat es zum Aus­dru­cke ge­bracht.» Er will «in Kür­ze» schil­dern. Was ist da­mit ge­meint? Das heißt so­viel, wie wenn man aus­drü­cken woll­te: Wenn ich euch im ein­zel­nen schil­dern woll­te al­les, was sich von jetzt bis zum Ziel der Er­den­ent­wi­cke­lung ab­spielt, dann müß­te ich vie­les, vie­les sch­rei­ben. Ich will es euch in ei­nem kur­zen Abriß dar­s­tel­len. Das ha­ben dann die Über­set­zer, die nicht ein­drin­gen konn­ten in den

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Geist der Apo­ka­lyp­se, so über­setzt, daß sie sag­ten: «zu zei­gen, was in der Kür­ze ge­sche­hen soll». Sie wa­ren der Mei­nung, was sich da ab­spielt, was da ge­schil­dert ist, das soll in kur­zer Zeit ge­sche­hen. Es soll aber hei­ßen: in kur­zem Abriß soll ge­schil­dert wer­den, was sich da voll­zieht. Der ur­sprüng­li­che Text hat ei­ne Wen­dung, die durch­aus als rich­ti­ge Über­set­zung das zu­läßt, was ich in der Ein­lei­tung der «Bil­der ok­kul­ter Sie­gel und Säu­len» in rich­ti­ger Wei­se zu ge­ben ver­sucht ha­be.

Nun ha­ben wir in ei­ner Rei­he von Be­trach­tun­gen man­ches über die­se uralt-hei­li­ge Ur­kun­de des Men­schen­ge­sch­lech­tes ge­sagt, man­ches über das­je­ni­ge, was als sei­ne Ge­heim­nis­se der Herr mit­ge­teilt hat der Mensch­heit durch den Jün­ger, den er lieb hat­te. Sie ha­ben vi­el­leicht da­durch ah­nen ge­lernt, daß die­se Apo­ka­lyp­se ein tie­fes Buch ist, vol­ler Weis­heit, und ha­ben vi­el­leicht manch­mal wäh­rend die­ser Be­trach­tun­gen Ban­gig­keit ge­habt dar­über, daß man­ches in ihr so schwer ver­ständ­lich ist. Nun möch­te ich Ih­nen ei­nes sa­gen am En­de un­se­rer Be­trach­tun­gen: Al­les, was ich Ih­nen sa­gen konn­te, ent­spricht ganz ge­nau den In­ten­tio­nen des Apo­ka­lyp­ti­kers und wur­de im­mer so in den Schu­len, wel­che die Ab­sicht des Apo­ka­lyp­ti­kers be­wahrt ha­ben, ge­lehrt. Aber es ist nicht al­les, lan­ge nicht al­les, was zu sa­gen wä­re, und man kann noch viel tie­fer in die Wahr­hei­ten, in die Un­ter­grün­de der Apo­ka­lyp­se ge­hen. Und wenn wir in al­le Tie­fen ein­drin­gen wür­den, dann wür­de Ih­nen das, was ich Ih­nen ha­be sa­gen kön­nen, so er­schei­nen, daß man es nur als ei­ne ers­te ober­fläch­li­che Dar­stel­lung cha­rak­te­ri­sie­ren könn­te. Das geht nicht an­ders, man kann zu­erst nur ei­ne ober­fläch­li­che Dar­stel­lung ge­ben. Durch die­se muß man hin­durch­ge­hen. Man muß ein­mal mit dem Ele­men­ta­ren an­fan­gen, dann wird sich schon, wenn man ein klei­nes Stück ge­gan­gen ist, auch die Tie­fe er­ge­ben. Denn es liegt viel, viel un­ter der Ober­fläche, die ein klein we­nig zu lüf­ten, ein klein we­nig zu ent­hül­len wie­der­um mög­lich war. Und wenn Sie die Bahn wei­ter­sch­rei­ten, die Sie in ge­wis­ser Wei­se be­gon­nen ha­ben, in­dem Sie Ih­re Auf­merk­sam­keit der Er­läu­te­rung der Apo­ka­lyp­se des Jo­han­nes zu­ge­wen­det ha­ben, so wer­den Sie all­mäh­lich in die Tie­fen des geis­ti­gen Le­bens hin-

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ein­kom­men. Sie wer­den in Tie­fen hin­ein­kom­men, die heu­te gar nicht mög­lich sind aus­zu­sp­re­chen, weil sie nicht be­wußt wer­den könn­ten, weil eben noch nie­mand Oh­ren hät­te, sie zu hö­ren. Es müs­sen erst durch sol­che Er­klär­un­gen, wie sie nun ge­ge­ben wor­den sind, die Oh­ren vor­be­rei­tet wer­den, zu hö­ren. Dann wer­den sie all­mäh­lich da sein, die Oh­ren, Oh­ren, die hö­ren kön­nen das Wort, das so tief durch die Apo­ka­lyp­se fließt. Wenn Sie al­so ei­ni­ges auf­ge­nom­men ha­ben von dem, was ge­sagt wer­den konn­te, so sei­en Sie sich be­wußt, daß doch nur die ers­te Ober­fläche ge­ge­ben wer­den konn­te, und von die­ser nur ein­zel­ne Be­mer­kun­gen. Las­sen Sie es ei­nen Im­puls wer­den, im­mer tie­fer und tie­fer in das ein­zu­drin­gen, was durch die­se Vor­trä­ge nur ge­ahnt wer­den kann. Wenn ich selbst nur das­je­ni­ge sa­gen woll­te, was über die Ober­fläche ge­sagt wer­den kann, dann müß­te ich Ih­nen noch vie­le, vie­le Wo­chen lang Vor­trä­ge hal­ten. Nur ei­ne An­re­gung konn­ten die­se Vor­trä­ge sein, und der­je­ni­ge, der sie so emp­fin­det, daß er sich sagt: Ich muß tie­fer und tie­fer ein­drin­gen , der wird in rich­ti­gem Sin­ne die­se Vor­trä­ge auf­ge­nom­men ha­ben.

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Hinweise

Zur Text­ge­stal­tung: Die von Ru­dolf Stei­ner frei ge­hal­te­nen Vor­trä­ge wur­den von Wal­ter Ve­ge­lahn, Ber­lin, ste­no­gra­phisch mit­ge­schrie­ben. Für die zwei­te bis fünf­te Aufla­ge stand nur der ge­druck­te Text der ers­ten Aufla­ge zur Ver­fü­gung. Erst im Jah­re 1971 er­hielt die Ru­dolf Stei­ner-Nachlaßv­er­wal­tung aus dem Nachlaß von Wal­ter Ve­ge­lahn des­sen teil­wei­se noch vor­han­den ge­we­se­ne Ori­gi­nal­un­ter­la­gen für den Erst­druck. Aus dem Ver­g­leich der­sel­ben mit dem bis­her ge­druck­ten Text er­ga­ben sich die auf Sei­te 270 nach­ge­wie­se­nen Kor­rek­tu­ren ge­gen­über der fünf­ten Aufla­ge. Es bleibt trotz­dem zu be­rück­sich­ti­gen, was schon aus dem Ge­leit­wort von Ma­rie Stei­ner zur ers­ten Buch­aus­ga­be her­vor­geht, daß das Ste­no­gramm hie und da Lü­cken ent­hal­ten ha­ben muß, die je­doch in den+ Über­tra­gun­gen von dem Ste­no­gra­phen nicht näh­er ge­kenn­zeich­net wor­den sind. Dar­aus mag die ei­ne oder an­de­re schwer­ver­ständ­li­che Pas­sa­ge re­sul­tie­ren; zum Bei­spiel in be­zug auf die Zahl 666. Sie­he hier­zu den Son­der­hin­weis Sei­te 263.

Die Zeich­nun­gen zu den Vor­trä­gen wur­den auf­grund der in den Text­un­ter­la­gen wie­der­ge­ge­be­nen Ta­fel­zeich­nun­gen Ru­dolf Stei­ners aus­ge­führt von Leono­re Uh­lig.

Zu der Zeit, als Ru­dolf Stei­ner die­se Vor­trä­ge hielt, stand er mit sei­ner an­thro­po­so­phisch ori­en­tier­ten Geis­tes­wis­sen­schaft noch inn­er­halb der da­ma­li­gen Theo­so­phi­schen Ge­sell­schaft und ge­brauch­te die Be­zeich­nun­gen «Theo­so­phie» und «theo­so­phisch» im Sin­ne sei­ner selb­stän­di­gen Geis­tes­for­schung. Ei­ner spä­te­ren An­ga­be von ihm selbst zu­fol­ge sind die­se Be­zeich­nun­gen durch «An­thro­po­so­phie» oder «Geis­tes­wis­sen­schaft», «an­thro­po­so­phisch» oder «geis­tes­wis­sen­schaft­lich» er­setzt wor­den, es sei denn, daß aus­drück­lich auf die von H. P. Bla­vats­ky aus­ge­gan­ge­ne theo­so­phi­sche Strö­mung Be­zug ge­nom­men wird.


Wer­ke Ru­dolf Stei­ners inn­er­halb der Ge­sam­t­aus­ga­be (GA) wer­den in den Hin­wei­sen mit der Bi­b­lio­gra­phie-Num­mer an­ge­ge­ben. Sie­he auch die Über­sicht am Schluß des Ban­des.

Zu Sei­te:

11 He­gel sag­te: Wört­lich: «Der tiefs­te Ge­dan­ke ist mit der Ge­stalt Chris­ti, mit dem Ge­schicht­li­chen und Äu­ßer­li­chen ve­r­ei­nigt, und das ist eben das Gro­ße der christ­li­chen Re­li­gi­on, daß sie bei al­ler die­ser Tie­fe leicht vom Be­wußt­sein in äu­ßer­li­cher Hin­sicht auf­zu­fas­sen ist und zu­g­leich zum tie­fe­ren Ein­drin­gen auf­for­dert. Sie ist so für je­de Stu­fe der Bil­dung und be­frie­digt zu­g­leich die höchs­ten An­for­de­run­gen.» In «Vor­le­sun­gen über die Phi­lo­so­phie der Ge­schich­te».
19 Pro­fes­sor Dau­mer: Ge­org Fried­rich Dau­mer, Nürn­berg 18001875: «Ka­s­par Hau­ser. Sein We­sen, sei­ne Un­schuld, sei­ne Er­dul­dun­gen und sein Ur­sprung», Re­gens­burg 1873 u. a.
ein Schrift­s­tel­ler sagt: Ge­meint sein dürf­te Ja­kob Was­ser­mann (18731934) mit sei­nem Ro­man «Ca­s­par Hau­ser oder Die Träg­heit des Her­zens», 1907/1908. Zu der da­rin
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an­ge­führ­ten be­son­de­ren Kon­s­tel­la­ti­on beim Be­gräb­nis Ka­s­par Hau­sers ver­g­lei­che Karl He­y­er: « Ka­s­par Hau­ser und das Schick­sal Mit­te­l­eu­ro­pas im 19. Jahr­hun­dert». Bei­trä­ge zur Ge­schich­te des Abend­lan­des, IX. Band, 1958.
22 Goe­thes Wor­te: Wört­lich: «Das Au­ge hat sein Da­sein dem Licht zu dan­ken. Aus gleich­gül­ti­gen tie­ri­schen Hilf­s­or­ga­nen ruft sich das Licht ein Or­gan her­vor, das sei­nes­g­lei­chen wer­de, und so bil­det sich das Au­ge am Lich­te fürs Licht, da­mit das in­ne­re Licht dem äu­ße­ren ent­ge­gen­t­re­te.» Aus «Goe­thes Na­tur­wis­sen­schaft­li­chen Schrif­ten», her­ausg. und kom­men­tiert von Ru­dolf Stei­ner in Kür­sch­ners «Deut­sche Na­tio­nal-Lit­te­ra­tur», Band III, Bibl.-Nr.lc, Nach­druck Dor­nach 1975, «Ent­wurf ei­ner Far­ben­leh­re. Ein­lei­tung», S. 88.
24 Goe­the «Al­les Ver­gäng­li­che ist nur ein Gleich­nis»: Faust II, Schlußchor.
26 wie Mo­ses den Auf­trag er­hielt: 2. Mo­ses, Kap. 3, 14.
27 «Ehe denn Abra­ham war»: Jo­han­nes 8, Vers 58.
29 Man sagt heu­te leicht: Die Theo­so­phie soll den ein­heit­li­chen Wahr­heits­kern in al­len Re­li­gio­nen su­chen: Be­zieht sich auf den zwei­ten Grund­satz der Theo­so­phi­schen Ge­sell­schaft.
30 Die Schü­ler des Chris­tus Je­sus aber sa­gen: Ver­g­lei­che den I. Brief des Jo­han­nes, 1, 1-4: «Was von An­fang war, was wir ge­hört, was wir mit un­se­ren Au­gen ge­se­hen, was wir ge­schaut und un­se­re Hän­de be­tas­tet ha­ben von dem Wor­te des Le­bens, ja, das Le­ben hat sich of­fen­bart, und wir ha­ben ge­se­hen und be­zeu­gen und ver­kün­di­gen euch das ewi­ge Le­ben, wel­ches bei dem Va­ter war und uns er­schie­nen ist; was wir ge­se­hen und ge­hört ha­ben, ver­kün­di­gen wir euch, da­mit auch ihr Ge­mein­schaft mit uns ha­bet und un­se­re Ge­mein­schaft ei­ne Ge­mein­schaft sei mit dem Va­ter und mit sei­nem Soh­ne, Je­sus Chris­tus.»
Zeu­gen sollt ihr mir sein: Apo­s­tel­ge­schich­te I, 8.
Glaubt ihr nicht an mich: Jo­han­nes 5, Vers 46 «Wenn ihr Mo­ses glaub­tet, so glaub­tet ihr auch mir, denn er hat von mir ge­schrie­ben.»
35 auf ei­ner mei­ner Vor­trags­rei­sen vor ei­ni­gen Wo­chen in Skan­di­na­vi­en: Im März und April 1908 hielt Ru­dolf Stei­ner in Lund, Mal­mö, Stock­holm, Upp­sa­la, Kris­tia­nia (Os­lo), Gö­t­e­borg und Ko­pen­ha­gen ins­ge­s­amt zwan­zig Vor­trä­ge, von de­nen sich je­doch kei­ne Nach­schrif­ten er­hal­ten ha­ben.
Drui­den- und Drot­ten­mys­te­ri­en: Die alts­kan­di­na­vi­sche Pries­ter­schaft hieß die «Drot­ten».
Der Sil­ber­ne Ko­dex des Ul­fi­las: Der go­ti­sche Bi­schof Wul­fi­la (grie­chisch Ul­fi­las) über­trug im vier­ten Jahr­hun­dert n. Chr. die Bi­bel ins Go­ti­sche. Die ehr­wür­digs­te al­ler ger­ma­ni­schen Hand­schrif­ten ist mit sil­ber­nen und gol­de­nen Let­tern auf pur­pur­ge­färb­tes Per­ga­ment ge­schrie­ben. Sie ist nur noch teil­wei­se er­hal­ten, wur­de im sech­zehn­ten Jahr­hun­dert in der Ab­tei Wer­den an der Ruhr ent­deckt, kam nach Prag, dann nach Schwe­den, wur­de von da nach Hol­land ver­sch­leppt und dort mit ei­nem kost­ba­ren Sil­be­r­ein­band ver­se­hen (da­her der Na­me Co­dex ar­genteus). Heu­te in der Uni­ver­si­täts­bi­b­lio­thek Upp­sa­la.
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39 Joa­chim von Flo­ris: Abt von Flo­ris oder Fio­re, gest. 1202. Sei­ne Schrif­ten: Evan­ge­li­um ae­ter­num, wel­che die bib­li­schen Weis­sa­gun­gen deu­ten. Galt spä­ter als Pro­phet Ita­li­ens.
41 «Hier ist Weis­heit»: Apo­ka­lyp­se 13, Vers 18.
42 ei­ne In­sel-Ein­sam­keit: Pat­mos. Apo­ka­lyp­se 1, Vers 9. im Geis­te war: Apo­ka­lyp­se 1, Vers 10.
59 dem Zwei­ten der so­ge­nann­ten sie­ben ok­kul­ten Sie­gel: Sie­he Ta­fel II und Hin­weis zu den Ta­feln.
60 daß un­se­re Er­de frühe­re Ver­kör­pe­run­gen durch­ge­macht hat: Ver­g­lei­che auch Ru­dolf Stei­ner, «Aus der Aka­sha-Chro­nik», Bibl.-Nr. 11, GA 1973 so­wie «Die Ge­heim­wis­sen­schaft im Um­riß», Bibl.-Nr. 13, GA 1977.
64 das ers­te Sie­gel: Sie­he Ta­fel I. In den frühe­ren Aufla­gen be­fand sich hier ei­ne Fuß­no­te : «Die christ­li­che Ein­wei­hung hat dies als Sym­bo­lum für die al­te Ein­wei­hung ge­habt. Hier sind die Din­ge dar­ge­s­tellt vom Stand­punk­te des Chris­ten­tums aus. Das Chris­ten­tum muß­te die­se Din­ge auf­neh­men, hat sie aber dann mit an­de­ren ver­mischt.»
82 daß die Er­den­ent­wi­cke­lung zer­fällt in die Mars­zeit und in die Mer­kur­zeit: Sie­he Ru­dolf Stei­ner, «Bil­der ok­kul­ter Sie­gel und Säu­len. Der Münch­ner Kon­g­reß Pfings­ten 1907 und sei­ne Aus­wir­kun­gen», Bibl.-Nr. 284/85, GA 1977, Tex­theft Sei­te 70 im Vor­trag vom 21. Mai 1907.
91 die Sa­ge von Ahas­ver: oder der Ewi­ge Ju­de, nach der Le­gen­de der Schuh­ma­cher Ahas­ve­r­us von Je­ru­sa­lem, der Chris­tus auf dem We­ge nach Gol­ga­tha von sei­nem Hau­se, wo er aus­ru­hen woll­te, fort­stieß und zur Stra­fe da­für bis zum Jüngs­ten Ta­ge ru­he­los um­her­wan­dern muß. Das Volks­buch vom Ewi­gen Ju­den er­schi­en zu­erst 1602, doch stam­men die ers­ten be­kann­ten Be­le­ge der Le­gen­de aus dem 13. Jahr­hun­dert.
114 in die­ser Bal­dur-Lo­ki -Sa­ge: Sie­he hier­zu die bei­den Vor­trä­ge Dor­nach, 2. und 3. April 1915, in «We­ge der geis­ti­gen Er­kennt­nis und der Er­neue­rung künst­le­ri­scher Wel­t­an­schau­ung», GA Bibl.- Nr. 161.
115 die Asu­ras oder Ur­kräf­te: Wenn hier die Asu­ras mit den Ur­kräf­ten, den Ar­chai, gleich­ge­s­tellt wer­den, wäh­rend sie spä­ter von Ru­dolf Stei­ner als Geis­ter cha­rak­te­ri­siert wer­den, die den Men­schen zum Bö­sen ver­füh­ren (Vor­trag Ber­lin, 22. März 1909 in «Geis­tes­wis­sen­schaft­li­che Men­schen­kun­de», GA Bibl.-Nr. 107), so ist zu be­rück­sich­ti­gen, daß even­tu­ell die Nach­schrift hier ei­nen Man­gel auf­weist, oder Ru­dolf Stei­ner ver­kür­zend hier die Ur­kräf­te und Asu­ras zu­sam­men nennt, weil die Asu­ras ur­sprüng­lich eben­falls zur Hier­ar­chie der Ur­kräf­te oder Ar­chai ge­hör­ten. Erst da­durch, daß sie in der Ent­wick­lung zu­rück­ge­b­lie­ben sind, sind sie zu Kräf­ten ge­wor­den, die den Men­schen zum Bö­sen ver­füh­ren wol­len. Das er­klärt auch der Na­me, denn im In­di­schen lau­tet die Be­zeich­nung für Göt­ter «Su­ras» (von Asu = Atem); A = Vern­ei­nung. Die Su­ras wur­den al­so zu A-Su­ras, zu Un­göt­tern. In bis­her un­ge­druck­ten No­ti­zen ei­nes Vor­tra­ges von Ru­dolf Stei­ner (Ber­lin, 17. Ok­tober 1904) heißt es da­zu: «Die im An­fan­ge geis­ti­ge We­sen­hei­ten wa­ren, die er­schie­nen nun als die Em­pö­rer, die Aufrüh­rer, die sich jetzt ih­re Un­ab­hän­gig­keit er­obern woll­ten. Su­ras wur­den jetzt zu Asu­ras.»
262
118 ein nied­li­cher Ver­g­leich: Der Pla­teau­sche Ver­such. «Es wird ei­ne Mi­schung aus Was­ser und Al­ko­hol be­rei­tet, die ge­nau das spe­zi­fi­sche Ge­wicht des rei­nen Oli­ven­ö­les hat, und in die­se Mi­schung dann ein ziem­lich star­ker Trop­fen Öl ge­gos­sen. Die­ser schwimmt nicht auf der Flüs­sig­keit, son­dern sinkt bis in die Mit­te der­sel­ben, und zwar in Ge­stalt ei­ner Ku­gel. Um die­se nun in Be­we­gung zu set­zen, wird ein Scheib­chen aus Kar­ten­pa­pier im Zen­trum mit ei­ner lan­gen Na­del durch­sto­chen und vor­sich­tig in die Mit­te der Öl­ku­gel ge­senkt, so daß der äu­ßers­te Rand des Scheib­chens den Äqua­tor der Ku­gel bil­det. Die­ses Scheib­chen nun wird in Dre­hung ver­setzt, an­fangs lang­sam, dann im­mer sch­nel­ler und sch­nel­ler. Na­tür­lich teilt die Be­we­gung sich der Öl­ku­gel mit, und in Fol­ge der Flieh­kraft lö­sen von die­ser sich Tei­le ab, wel­che nach ih­rer Ab­son­de­rung noch ge­rau­me Zeit die Dre­hung mit­ma­chen, zu­erst Krei­se, dann Kü­gel­chen. Auf die­se Wei­se ent­steht ein un­se­rem Pla­ne­ten­sys­tem oft über­ra­schend ähn­li­ches Ge­bil­de: in der Mit­te näm­lich die größ­te, un­se­re Son­ne vor­s­tel­len­de Ku­gel, und um sie her­um sich be­we­gend klei­ne­re Ku­geln und Rin­ge, wel­che uns die Pla­ne­ten samt ih­ren Mon­den ver­sinn­li­chen kön­nen.» Zi­tiert nach Vin­cenz Knau­er «Die Haupt­pro­b­le­me der Phi­lo­so­phie», Wi­en und Leip­zig 1892, Sei­te 281. J. A.F. Pla­teau, Phy­si­ker, 1801-1883.
125 die­je­ni­gen, die wir­k­lich Me­di­zin stu­die­ren: Sie­he Ru­dolf Stei­ner, «Geis­tes­wis­sen­schaft und Me­di­zin», zwan­zig Vor­trä­ge für Ärz­te und Me­di­zin­stu­die­ren­de in Dor­nach vom 21. März bis 9. April 1920, Bibl.-Nr. 312, GA 1976.
129 Und so lang du das nicht hast: Goe­the, West-öst­li­cher Di­wan, «Se­li­ge Sehn­sucht», Schlußs­tro­phe.
140 die vier Roth­schilds: Der Va­ter, May­er Am­schel Roth­schild, 17431812, in Frank­furt a. M., Sa­lo­mon R. 1816, Chef des Wie­ner Hau­ses, Nat­han, der die Fir­ma 1813 von Man­ches­ter nach Lon­don ver­leg­te; Karl be­grün­de­te 1820 in Nea­pel die Fir­ma; Ja­kob wur­de 1812 Chef des Hau­ses Ge­brü­der Roth­schild in Pa­ris.
141 Was Pau­lus ge­sagt hat: Ga­la­ter 2, 20.
153 Tol­stoi, 18281910.
163 von den gro­ßen Füh­r­ern der Men­schen: Sie­he Ru­dolf Stei­ner, «Der Ori­ent im Lich­te des Ok­zi­dents. Die Kin­der des Lu­zi­fer und die Brü­der Chris­ti», neun Vor­trä­ge und ei­ne An­spra­che in Mün­chen vom 23.-31. Au­gust 1909, Bibl.-Nr. 113.
170 je­ne zwei Säu­len beim Münch­ner Kon­g­reß im Saa­le: Sie­he Hin­weis zu Sei­te 82, fer­ner «Welt­we­sen und Ich­heit», sie­ben Vor­trä­ge in Ber­lin zwi­schen dem 6. Ju­ni und 18. Ju­li 1916, Bibl.-Nr. 169, GA 1963.
197 schwer ist [es], dem Men­schen ei­ne Vor­stel­lung von den drei Ele­men­tar­rei­chen zu ge­ben: Sie­he hier­zu den Vor­trag Ru­dolf Stei­ners, Mün­chen, 4. Dez. 1907 in «Über das Zu­sam­men­wir­ken un­se­rer sicht­ba­ren Welt mit geis­ti­gen We­sen­hei­ten», Frei­burg i.Br. 1952, vor­ge­se­hen für Bibl.-Nr. 98.
227 Nun hat man die­se 666 im­mer in ei­ner sehr ge­heim­nis­vol­len Wei­se auf­ge­schrie­ben: Sie­he auch die be­kann­te Dar­stel­lung bei Agrip­pa von Net­tes­heim, Okk. Phil. II, 22.
228 Waw wird vo­ka­lisch als 0 ge­le­sen.
256 in der Ein­lei­tung der «Sie­gel und Säu­len»: Sie­he den fol­gen­den Hin­weis.
Zu den Ta­feln nach Sei­te 284:
Die sie­ben Sie­gel: Die ge­mal­ten Ta­feln di­en­ten der Aus­k­lei­dung des In­nen­rau­mes, in dem der Kon­g­reß der «Fö­d­e­ra­ti­on eu­ro­päi­scher Sek­tio­nen der Theo­so­phi­schen Ge­sell­schaft » Pfings­ten 1907 Zu Mün­chen statt­fand. Sie wa­ren nach Skiz­zen Ru­dolf Stei­ners durch Cla­ra Rettich, Stutt­gart, in Far­ben aus­ge­führt, Sie­he «Bil­der ok­kul­ter Sie­gel und Säu­len. Der Münch­ner Kon­g­reß 1907 und sei­ne Aus­wir­kun­gen», Bibl.-Nr. 284/85, GA 1977.
263

Sonderhinweis zur Ent­wick­lung der Zahl 666 im 1. Vor­trag

Der ge­druckt vor­lie­gen­de Text stimmt mit der Nach­schrift des Ste­no­gra­phen übe­r­ein. Er hat aber durch den Ste­no­gra­phen of­fen­sicht­lich doch Kür­zun­gen er­lit­ten. Da­durch ist ei­ne be­son­de­re Ver­ständ­nis­schwie­rig­keit ver­bun­den mit der Fra­ge, an wel­chen Punkt der Ge­samt­ent­wi­cke­lung die Zahl 666 ge­nau zu stel­len ist.

Wenn auf Sei­te 222/223 die Zahl der Ent­wi­cke­lung 344 be­rech­net wird aus Formzu­stän­den, Hauptras­sen und Un­ter­ras­sen, und es auf Sei­te 223 heißt: «Ge­nau wie wir jetzt als Zahl der Ent­wi­cke­lung 344 ha­ben, so muß ein­mal in der Zu­kunft die Zahl 666 gel­ten», dann wür­de lo­gi­scher­wei­se dar­aus fol­gen, daß die Zahl 666 ana­log der Zahl der Ent­wik­ke­lung 344 am En­de der Form­zu­stän­de des vier­ten Le­bens­zu­stan­des und nicht wie im Text am En­de der Le­bens­zu­stän­de auf­t­re­ten müß­te, Das ist aber dem Text zu­fol­ge nicht der Fall. Denn es heißt auf Sei­te 223, 24. Zei­le in be­zug auf die Zahl 666 nicht 6 Form­zu­stän­de, 6 Hauptras­sen und 6 Un­ter­ras­sen, son­dern es heißt: 6 Le­bens­rei­che, 6 Hauptras­sen und 6 Un­ter­ras­sen. Und so wird es auch auf Sei­te 226, 3. Zei­le noch ein­mal wie­der­holt. Das heißt al­so: für die Zahl 666 wer­den die Form­zu­stän­de über­gan­gen.

Die Fra­ge, ob der Text hier rich­tig oder falsch ist, muß of­fen­b­lei­ben, Ei­ne ge­wis­se Er­klär­ung gibt je­doch die nach­fol­gen­de schrift­li­che Auf­zeich­nung Ru­dolf Stei­ners vom Mai 1906. Nach die­ser tritt die Zahl 666 end­gül­tig auf im 6. Form­zu­stand des 6. Le­bens­zu­stan­des des 6. Pla­ne­ten (Ve­nus), aber auch sonst, nur eben in klei­ne­rem Maß­stab, wenn das Evo­lu­ti­ons­ver­hält­nis 666 ist, Als Bei­spiel da­für wird an­ge­führt: in der 6, Un­ter­ras­se der 6, Wur­zel­ras­se des 6. Pla­ne­ten (wo­bei mit 6. Pla­ne­ten nicht die Ve­nus, son­dern die Er­de in ei­ner be­stimm­ten Glie­de­rung ge­meint ist; ver­g­lei­che hier­zu den Text selbst). Ob­wohl auch bei die­sem Bei­spiel die Fra­ge of­fen­b­leibt, wann die drit­te Sechs ge­nau auf­tritt, so geht aus der Auf­zeich­nung doch klar her­vor, daß es sich um Aspek­te han­delt. Aus die­sem Grun­de braucht auch der Text im 11. Vor­trag nicht falsch zu sein.

H.W.

264

Zeichen und Entwicklung der drei Logoi in der Mensch­heit

Nie­der­schrift für Edu­ard Schu­ré im Mai 1907

Die Kon­sti­tu­ti­on der Welt geht auf die Drei­heit zu­rück. Im men­sch­li­chen Evo­lu­ti­ons­sys­tem sind von der ers­ten An­la­ge des Men­sch­wer­dens bis zur voll­kom­me­nen Ent­fal­tung die­ser An­la­ge zu un­ter­schei­den:

drei Be­wußt­s­eins­zu­stän­de als die ers­te Drei­heit.

Der ers­te die­ser Be­wußt­s­eins­zu­stän­de ist ein mehr oder we­ni­ger dump­fer (schla­far­ti­ger) Be­wußt­s­eins­zu­stand, weil das «Ich» noch nicht ge­bo­ren ist. Der Mensch ist auf die­ser Stu­fe noch ein Glied ei­nes über­ge­ord­ne­ten «Ich»; er ist hell­se­hend, aber er kann die In­hal­te sei­nes Hell­se­hens nicht als die sei­ni­gen an­se­hen.

Der zwei­te Be­wußt­s­eins­zu­stand wird her­bei­ge­führt durch die Ge­burt des «Ich». Die­ser höhe­re Zu­stand wird her­bei­ge­führt da­durch, daß das Hell­se­hen ver­lo­ren geht. Das Schau­en ei­ner Au­ßen­welt be­ginnt.

Der drit­te Be­wußt­s­eins­zu­stand wird da­durch her­bei­ge­führt, daß im «Ich» das Hell­se­hen wie­der auf­tritt, so daß der Mensch selbst­be­wuß­ter Hell­se­her wird.

In der ok­kul­ten Schrift­spra­che wird be­zeich­net der ers­te Be­wußt­s­eins­zu­stand durch  d. h. es strahlt von dem Ab­so­lu­ten = das Be­wußt­sein aus, die Welt durch­flu­tend  (Kreis).

Nun hat man in je­dem die­ser drei Be­wußt­s­eins­zu­stän­de wie­der drei Un­ter­stu­fen zu un­ter­schei­den; al­so:


Die ers­te Be­wußt­s­eins­stu­fe ist ganz sub­jek­tiv, d. h. der Mensch nimmt nichts von au­ßen wahr, son­dern nur das, was die Gott­heit in ihn einpflanzt. Die­se Be­wußt­s­eins­stu­fe ar­bei­tet sich durch die obi­gen 3 Un­ter­stu­fen der ers­ten Epo­che hin­durch, da­für das Zei­chen:

265

Die drit­te Be­wußt­s­eins­stu­fe ist ganz ob­jek­tiv, d. h. der Mensch wird die gan­ze Welt als gött­lich wahr­neh­men:

Die mitt­le­re Stu­fe hat da­her das Zei­chen

Nun geht aber die ers­te Be­wußt­s­eins­stu­fe kon­ti­nu­ier­lich in die zwei­te über; eben­so die zwei­te in die drit­te; da­durch grei­fen die ent­sp­re­chen­den Un­ter­stu­fen III und IV und VI und VII in ein­an­der über, so daß fol­gen­des Bild ent­steht:


So ent­steht aus der Neun­zahl die Sie­ben­zahl.

Es wer­den nun ab­sol­viert die­se 7 Be­wußt­s­eins­stu­fen:

1* auf dem Sa­turn

2* auf der Son­ne

3* auf dem Mond

4* auf der Er­de

5* auf dem Ju­pi­ter

6* auf der Ve­nus

7* auf dem Vul­kan.

Ge­gen­wär­tig ist der Mensch in 4*. Man sieht: dem ist vor­an­ge­gan­gen 3*, das aus zwei Un­ter­stu­fen zu­sam­men­ge­f­los­sen ist, und es wird fol­gen 5*, das wie­der aus zwei Un­ter­stu­fen zu­sam­men­f­lie­ßen wird. Be­zeich­net man das rei­ne Mon­den­be­wußt­sein mit III und das rei­ne Er­den­be­wußt­sein mit V, so liegt zwi­schen bei­den et­was, was man als Mars­be­wußt­sein zu be­zeich­nen hat. Es rührt dies da­von her, daß be­vor die Er­de sich von Mond und Son­ne los­ge­ris­sen hat, sie ei­ne Be­geg­nung mit dem Mars hat­te. Ei­ne eben­sol­che Be­geg­nung fin­det statt mit Mer­kur; VI ist das Mer­kur­be­wußt­sein.

266

Man neh­me nun die Sum­me der Be­wußt­s­eins­stu­fen, wel­che der Mensch bis jetzt durchlau­fen hat. Es sind V bis zum Er­den­be­wußt­sein. Da­her das Zei­chen:

Es ist ein ge­sch­los­se­nes, weil der Mensch oh­ne das Da­zu­kom­men des Mer­kur­be­wußt­seins sich in sich selbst ver­här­ten wür­de. Er kä­me, oh­ne sich dem gött­li­chen Füh­rer (Mer­kur) auf die­ser Stu­fe an­zu­ver­trau­en, in ei­ne Sack­gas­se sei­ner Ent­wi­cke­lung.

Nun hat ein je­der die­ser 7 Be­wußt­s­eins­zu­stän­de sie­ben Le­bens­zu­stän­de zu ab­sol­vie­ren. Das gibt für


Das sind 7 x 7 Le­bens­zu­stän­de durch die gan­ze men­sch­li­che Evo­lu­ti­on hin­durch:

7 x 7 = 49

Nun aber hat man sich die Sa­che so vor­zu­s­tel­len, daß wäh­rend der ers­ten Be­wußt­s­eins­zu­stän­de das, was Men­schen­keim ist, noch nicht sein ei­ge­nes Le­ben ent­fal­ten kann. Es ist da­bei noch das aus frühe­ren Evo­lu­tio­nen üb­rig ge­b­lie­be­ne Le­ben, das lang­sam ab­flu­tet und durch das rein men­sch­li­che Le­ben er­setzt wird. Dies ist im Sin­ne des fol­gen­den Bil­des:


wo das vor­men­sch­li­che Le­ben ganz über­wun­den und das rein men­sch­li­che Le­ben das der Men­schen-Evo­lu­ti­on wird.

267

Es gibt al­so in der men­sch­li­chen Evo­lu­ti­on ei­nen Punkt, wo inn­er­halb des gan­zen pla­ne­ta­ri­schen Sys­tems das ei­ge­ne Le­ben die­ses Sys­tems an die Stel­le al­les von ei­nem frühe­ren Sys­tem tritt. Die­ser Punkt ist in der Ge­schich­te die Er­schei­nung C h r i s t i .

Sie be­zeich­net in die­ser Be­zie­hung die Mit­te der Mensch­heit­se­vo­lu­ti­on.

Die Le­bens­zu­stän­de ver­lau­fen nun wie­der in Form­zu­stän­den; je­der der 49 Le­bens­zu­stän­de hat sie­ben Form­zu­stän­de durch­zu­ma­chen, das sind für die gan­ze Evo­lu­ti­on

49 x 7 = 343 Stu­fen = 7 x 7 x 7.

Aber auch die Form­zu­stän­de sind nicht vom An­fan­ge an die ei­gen-men­sch­li­chen. Es sind die von ei­nem frühe­ren Sys­tem her­über­ge­brach­ten. Al­les, was sich auf sol­che von ei­nem frühe­ren Sys­tem stam­men­den Form­zu­stän­de be­zieht, be­zeich­net man als Ma­kro­kos­mos.

Die Form­zu­stän­de, wel­che der Mensch selbst schafft, bil­den den Mi­kro­kos­mos. Von ei­nem Mi­kro­kos­mos kann man erst sp­re­chen, wenn der Men­schen­geist form­schaf­fend wird, wie vor­her der gött­li­che Geist (Welt­geist) form­schaf­fend war.

Der Über­gang ist die Welt­see­le der gött­li­che Geist, der lang­sam sich in­di­vi­dua­li­siert.

Es er­gibt sich nun fol­gen­de Über­sicht der Evo­lu­ti­on, wenn man noch be­denkt, daß

der 1. Lo­gos sich im Men­schen of­fen­bart als At­ma,

der 2. Lo­gos sich im Men­schen of­fen­bart als Budhi,

der 3. Lo­gos sich im Men­schen of­fen­bart als Ma­nas.

268

Wenn von die­sen 343 = 7 x 7 x 7 Stu­fen 666 = 6 x 6 x 6 = 216 ver­gan­gen sein wer­den, al­so nach 5 Pla­ne­ten (Sa­turn, Son­ne, Mond, Er­de, Ju­pi­ter) in der Ve­nus,

wenn in die­ser wie­der 5 Le­bens­zu­stän­de ver­f­los­sen sind, al­so im 6. Le­bens­zu­stand der Ve­nus

und im 6. Form­zu­stand die­ses 6. Le­bens­zu­stan­des, dann wird al­les aus­ge­son­dert sein von der Er­de­ne­vo­lu­ti­on, was nicht zur Voll­kom­men­heit kom­men kann; die Zahl 666 = 216 ist da­her die kri­ti­sche Zahl der Evo­lu­ti­on (Apo­ka­lyp­se).

269

Ein kri­ti­scher Zu­stand tritt aber (wenn auch ein klei­ne­rer als im be­zeich­ne­ten Zeit­punk­te) auch sonst ein, wenn das Evo­lu­ti­ons­ver­hält­nis 666 ist, z. B.

in der 6. Un­ter­ras­se der 6. Wur­zel­ras­se des 6. Pla­ne­ten, wo­bei Mars und Mer­kur mit­ge­rech­net wer­den, al­so fol­gen­der Zy­k­lus ent­steht:

1. Sa­turn

2. Son­ne

3. Mond

4. Mars

5. Er­de

6. Mer­kur die­ser Ein­fluß ist dann in der nächs­ten

6. Un­ter­ras­se schon ein gro­ßer.

Die Mensch­heit wird al­so dann schon an ei­nen kri­ti­schen Punkt ih­rer Ent­wi­cke­lung kom­men.

270

Korrekturen für die 6. Aufla­ge 1979 ge­gen­über der 5. Aufla­ge 1952

Aus dem auf Sei­te 259 be­schrie­be­nen Text­ver­g­leich mit den Ori­gi­nal-Un­ter­la­gen er­ga­ben sich die hier nach­ge­wie­se­nen Än­de­run­gen. In ecki­gen Klam­mern ste­hen­de Ein­fü­gun­gen im Buch­text stam­men vom Her­aus­ge­ber und wer­den im fol­gen­den nicht be­rück­sich­tigt.

Sei­te: Zei­le:
21 4 v.o. «eben­so­we­nig wie Sie ei­nes Be­wei­ses be­dür­fen» statt früh­er «kei­nes Be­wei­ses».
28 7 v.o. «Das Ich ist et­was Ver­gäng­li­ches», das Wort «Ich» fehl­te früh­er.

 Sinn­ge­mä­ße Er­gän­zung.

64 1 v.u. «zwei­te Bild» statt «ers­te Bild». Kor­rek­tur ge­mäß Nach­schrift.
102 1 v.o. «rächest nicht un­ser Blut», Ein­fü­gung von «nichts» ge­mäß Nach­schrift.
115 5 v.o. «sich ent­wi­ckeln­den» statt «zu­rück­ge­b­lie­be­nen». Sinn­ge­mä­ße Kor­rek­tur. In der Nach­schrift lü­cken­haft.
177 18 v.o. «nur däm­mer­haft be­wußt» statt «däm­mer­haft be­wußt, nur an ». Sinn­ge­mä­ße Um­stel­lung des Wört­chens «nur».
185 4 v.o. «bei der Ver­klär­ung nach der christ­li­chen Tra­di­ti­on». Sinn­ge­mä­ße Ein­fü­gung von «nach».
185 6 v.o. «Er­den­ent­wi­cke­lung so, daß die Son­ne», statt früh­er: «Er­den­ent­wi­cke­lung: die Son­ne». Kor­rek­tur ge­mäß Nach­schrift.
212 16/17 v.o. «Haupt­men­schen­köp­fe, und da­zu je zwei Hör­ner, die wie Schat­ten ne­ben ih­nen sind», statt früh­er: «Haupt­men­schen­köp­fe, und da­zwi­schen zwei, die wie Schat­ten ne­ben ihm sind». Sinn­ge­mä­ße Kor­rek­tur.
218 11 v.u. «Vor­stel­lung» statt früh­er «Dar­stel­lung». Kor­rek­tur ge­mäß Nach­schrift.
219 10-12 v.o. «daß 171 noch zu­künf­ti­ge Form­zu­stän­de zu den be­reits ver­f­los­se­nen hin­zu­ge­zählt wer­den müs­sen, dann ha­ben Sie 342, ein wei­te­rer da­zu, der ge­gen­wär­ti­ge, gibt al­le 343». Die her­vor­ge­ho­be­nen­Wor­te wur­den ge­mäß Nach­schrift ein­ge­fügt.
220 2 v.o. «die gro­ßen Haupt­zu­stän­de, Form­zu­stän­de», Ein­fü­gung von «Form­zu­stän­de» ge­mäß Nach­schrift.
222 16 v.u. «Von die­sem 172. Zu­stand» statt früh­er «Vor die­sem ». Sinn­ge­mä­ße Kor­rek­tur.
222 14 v.u. «Der 172. Zu­stand ist der phy­si­sche Form­zu­stand, die Er­de selbst». Ein­fü­gung von «der phy­si­sche Form­zu­stand» ge­mäß Nach­schrift.
222 12 v.u. «al­so zu­nächst» statt früh­er «aber zu­nächst». Sinn­ge­mä­ße Kor­rek­tur.
223 2. v.u. «wel­che nach dem gro­ßen Krie­ge al­ler ge­gen al­le durch die sie­ben Sie­gel be­zeich­net ist, wenn wir an­ge­langt sein wer­den » statt früh­er «wel­che durch die sie­ben Sie­gel be­zeich­net ist, wenn wir an­ge­langt sein wer­den beim gro­ßen Krie­ge al­ler ge­gen al­le». Sinn­ge­mä­ße Kor­rek­tur.
224 19/20 v.o. «neh­men die Men­schen schon nach dem gro­ßen Krie­ge al­ler ge­gen al­le, in
271
dem Zei­tal­ter [der Po­sau­nen]» statt früh­er: «neh­men die Men­schen schon in dem Zei­tal­ter nach dem gro­ßen Krie­ge al­ler ge­gen al­le, wenn die sie­ben­te Po­sau­ne er­k­lingt». Sinn­ge­mä­ße Um­stel­lung.
225 20 v.o. «in un­se­rem sechs­ten Zei­traum» statt früh­er «im sechs­ten Zei­traum». Kor­rek­tur ge­mäß Nach­schrift.
230 3 v.u «brauch­te» statt früh­er «braucht». Kor­rek­tur ge­mäß Nach­schrift.
H. W.
* *

 *

37 15 v.u. Re­dak­tio­nel­ler Hin­weis:

Der nach­ste­hend kur­siv ge­setz­te, ein­ge­scho­be­ne Text­ab­satz aus dem ERS­TEN VOR­TRAG vom 18. Ju­ni 1908 fand sich in ei­ner «deutsch-rus­si­schen On­li­ne-Aus­ga­be» und wur­de vom Ru­dolf-Stei­ner-Ver­lag Dor­nach of­fen­bar ab der 4. Aufla­ge 1954 er­satz- und kom­men­tar­los ge­s­tri­chen. Wir zi­tie­ren hier je­weils noch ei­nen Ab­satz da­vor und da­nach:

«Und wie hier die­ses Er­eig­nis der Ge­schich­te, so wird uns al­les, was uns im Le­ben ent­ge­gen­tritt, Gro­ßes und Klei­nes, ver­tieft und mit ei­nem neu­en Licht durch­strahlt durch die an­thro­po­so­phi­sche Ge­sin­nung, die sich da­rin be­kun­det, daß man in al­lem phy­sisch Wahr­nehm­ba­ren den phy­siog­no­mi­schen Aus­druck ei­nes Über­sinn­lich-Geis­ti­gen er­blickt.»
«Und es ist mißv­er­stan­den wor­den in den ver­schie­dens­ten Zei­ten im­mer in dem Sin­ne, in dem Sti­le, wie die­se ver­schie­de­nen Zei­ten ge­dacht und ge­son­nen ha­ben. Mißv­er­stan­den ist es wor­den von den Zei­ten, die, man darf sa­gen, spi­ri­tu­ell-ma­te­ria­lis­tisch ge­dacht ha­ben, von den Zei­ten, die gro­ße Re­li­gi­ons­strö­mun­gen hin­ein­ge­zwängt ha­ben in ein­sei­ti­ges fa­na­ti­sches Par­tei­ge­trie­be, und es ist mißv­er­stan­den wor­den in der neue­ren Zeit von den­je­ni­gen, wel­che im gro­ben, im sinn­lichs­ten Ma­te­ria­lis­mus glaub­ten die Rät­sel der Welt lö­sen zu kön­nen.»
Daß es sich so ver­hält, die­se Über­zeu­gung mö­ge uns durch­drin­gen ge­ra­de wäh­rend die­ses Kur­sus. Und aus solch ei­ner Über­zeu­gung her­aus mag der Geist, mö­gen die Ge­füh­le strö­men, die wäh­rend der zwölf apo­ka­lyp­ti­schen Vor­trä­ge in un­se­re See­le flie­ßen, die un­se­re Her­zen durch­drin­gen sol­len. Inn­er­halb die­ser Ge­sin­nung wol­len wir an die­sen Kur­sus her­an­t­re­ten, der das tiefs­tes Do­ku­ment des Chris­ten­tums, die Apo­ka­lyp­se des Jo­han­nes, zum An­knüp­fungs­punk­te nimmt, weil an die­ses Do­ku­ment die tiefs­ten Wahr­hei­ten des Chris­ten­tums wir­k­lich zwang­los an­ge­sch­los­sen wer­den kön­nen.
(https://www.anthroposophie.net/ru/ApokalypseRD.htm)
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Ausführliche Inhaltsangaben von Marie Steiner

zur ers­ten Buch­aus­ga­be der Vor­trä­ge

ÖF­F­ENT­LI­CHER VOR­TRAG, Nürn­berg, 17. Ju­ni 1908
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Geis­tes­wis­sen­schaft, Evan­ge­li­um und Mensch­heits­zu­kunft. Die vor­re­li­giö­se Zeit, die My­tho­lo­gi­en, der re­li­giö­se Zu­stand. Die ver­schie­de­nen Be­wußt­s­einse­tap­pen und das Ich-Bin.
ERS­TER VOR­TRAG, Nürn­berg, 18. Ju­ni 1908
34
Cha­rak­te­ri­sie­rung des Geis­tes der Apo­ka­lyp­se im All­ge­mei­nen. Was geht inn­er­halb der Ein­wei­hung vor und wie ver­hält sich Ein­wei­hung zu dem We­sen der Apo­ka­lyp­se?
ZWEI­TER VOR­TRAG, 19. Ju­ni 1908
51
Ei­ni­ges über das We­sen der Ein­wei­hung durch Schu­lung der Denk­kräf­te (vor­christ­li­che Zeit), der Ge­müts­kräf­te (christ­li­che Zeit) und der Wil­lens­kul­tur in den ro­sen­k­reu­ze­ri­schen Schu­lun­gen. Sym­bo­li­sche Dar­stel­lun­gen für die spe­zi­fisch-christ­li­che und christ­lich-ro­sen­k­reu­ze­ri­sche Ein­wei­hung.
DRIT­TER VOR­TRAG, 20. Ju­ni 1908
Was ist der­ Mensch? und wo­zu ist er be­stimmt in un­se­rem Zei­tal­ter? Stu­fenwei­ses Hin­auf­ge­hen in die ima­gi­na­ti­ve, in­spi­rier­te  und in­tui­ti­ve Er­kennt­nis. Der in­ne­re Fort­gang der sie­ben nachat­lan­ti­schen Kul­tu­ren drückt sich aus in den sie­ben Sie­geln, sie­ben Po­sau­nen, sie­ben Zor­nes scha­len. Die sie­ben Ge­mein­den sind die Re­prä­sen­t­an­ten der sie­ben nachat­lan­ti­schen Kul­tu­re­po­chen; an je­de rich­tet der Apo­ka­lyp­ti­ker ein Send­sch­rei­ben, in wel­chem er sagt, was bei­be­hal­ten wer­den kann vo­m Al­ten und was an­ders wer­den soll.
VIER­TER VOR­TRAG, 21. Ju­ni 1908
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Was die sie­ben Zei­träu­me der nachat­lan­ti­schen Kul­tur in die See­len her­ein­ge­legt und ver­sie­gelt ha­ben, wird hin­über­le­ben in die sie­ben Zei­träu­me der Zu­kunft. Sie­ben Mal wer­den die See­len ent­sie­gelt wer­den; sie­ben Sie­gel müs­sen ge­löst wer­den aus dem Buch. In die­sem Buch, das her­ein­ge­schrie­ben ist in die See­len der Men­schen, wer­den die Ein­tra­gun­gen der Kul­tur­zei­träu­me drin­nen ste­hen. Was nicht zur Uns­terb­lich­keit ge­eig­net ist und ab­fällt, was sich in un­se­ren Zei­ten neu vor­be­rei­tet hat, kommt her­aus, und wird durch das Sym­bo­lum an­ge­deu­tet, das der In­tel­li­genz ent­spricht: es ist das Pferd. Der Ruf des Ich-Bin über­win­det den Tod. Sym­bo­li­sches Er-
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­schei­nen de­rer, de­nen wei­ße Klei­der ge­ge­ben wer­den. Sym­bo­li­sche Er­fül­lung des­sen, was das äu­ße­re Le­ben gibt im Ver­schwin­den und der Um­wand­lung von Son­ne und Mond, Spi­ri­tua­li­sie­rung der Mensch­heit.
FÜNF­TER VOR­TRAG, 22. Ju­ni 1908
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Zwi­schen­be­trach­tung. Die vier Zu­stän­de un­se­res pla­ne­ta­ri­schen Da­seins. Die Apo­ka­lyp­se stellt dar, wie durch die christ­li­che Ein­wei­hung die Zu­kunft der Mensch­heit zur Ent­hül­lung kommt durch das­Her­au­s­t­re­ten des­sen, was sich in der Ver­gan­gen­heit in den See­len vor­be­rei­tet hat. In der Mit­te der Er­den­ent­wick­lung wird der Mensch erst Mensch. Al­le an­dern We­sen, die bis da­hin die Mensch­heits­stu­fen ha­ben durch­ma­chen kön­nen, sind über ihn hin­aus­ge­schrit­ten, kön­nen des­halb sei­ne Ent­wick­lung lei­ten; die sind die Re­gu­la­to­ren der Zeit, die 24 Äl­tes­ten. Von den zu­rück­ge­b­lie­be­nen We­sen­hei­ten stammt die An­la­ge zu dem Tier-, Pflan­zen- und Men­schen­reich. Das glä­s­er­ne Meer deu­tet an das Her­vor­schie­ßen des Mi­ne­ral­reichs in sei­ner ers­ten Ge­stalt. Von da an zeigt uns der Apo­ka­lyp­ti­ker die Bil­der zu­künf­ti­ger Ent­wick­lungs­stu­fen.
SECHS­TER VOR­TRAG, 23. Ju­ni 1908
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Fort­set­zung der Zwi­schen­be­trach­tung. Mit dem Wel­ten-Ur­ne­bel, von wel­chem der Ok­kul­tis­mus spricht, wa­ren die 24 Ka­te­go­ri­en von We­sen ver­bun­den, wel­che die Men­schen­stu­fe durch­ge­macht hat­ten, und auch an­de­re We­sen­hei­ten. Von je­nen ho­hen We­sen, die mit der Son­ne her­aus­gin­gen, den sie­ben Elo­him, son­der­te sich Jah­ve her­aus. Er blieb mit der Er­de ver­bun­den. In die erst geis­ti­ge men­sch­li­che Ge­stalt ha­ben sich erst nach und nach die fes­ten Tei­le ein­ge­g­lie­dert. Noch der al­te At­lan­tier war ganz an­ders ge­stal­tet und hat­te ein ganz an­de­res See­len­le­ben. Erst als die Ver­dich­tung der­ Was­ser zur Über­flu­tung ge­führt und der Re­gen­bo­gen her­aus­ge­t­re­ten war, lern­te der Mensch Ich zu sich sa­gen. Früh­er war er in der Geis­tig­keit der Grup­pen­see­le ge­bor­gen; jetzt lern­te er den Gott in sich selbst füh­len; Jah­ve war der Ich-Lei­ter. Das war das ers­te Auf­däm­mern der In­di­vi­dua­li­tät. Es hat sich der Mensch durch die geis­ti­ge Ver­fins­te­rung sein Selbst­be­wußt­sein er­kauft. Durch drei Kul­tur­zei­träu­me bis in den vier­ten hin­ein voll­zog sich die­se Ent­wick­lung. Dann wur­de die Er­de von ei­ner neu­en Kraft durch­strömt, ih­re gan­ze Au­ra än­der­te sich durch das Blut, das auf Gol­ga­tha floß. Das Chris­tus-Prin­zip hat­te sich mit der Er­de ver­bun­den.
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SIE­BEN­TER VOR­TRAG, 24. Ju­ni 1908
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In ei­nem ve­r­än­der­ten Zu­stand ist aber die Zu­kunft ei­ne Wie­der­ho­lung der Ver­gan­gen­heit: das frühe­re däm­mer­haf­te Hell­se­hen wird sich zu dem er­wor­be­nen hel­len Selbst­be­wußt­sein hin­zu­fü­gen. Durch das He­r­ein­t­re­ten des Chris­tus in die Welt ist der Mensch be­wahrt wor­den vor dem Hin­un­ter­sin­ken in ei­ne Art Ab­grund. Jetzt steht er vor ei­ner Ent­schei­dung. In ge­wis­ser Wei­se ist er schon in den Ab­grund hin­un­ter­ge­s­tie­gen; über­läßt er sich dem Hin­ab­sin­ken, dann wird die Per­sön­lich­keit nicht ge­ret­tet, um in die geis­ti­gen Wel­ten hin­auf­zu­s­tei­gen. In dem Ma­ße als sich im Men­schen das Ver­ständ­nis für den Chris­tus-Im­puls ent­wi­ckelt und zum ei­ge­nen Im­puls wird, wird die Mensch­heit auf­wärts stei­gen. Nach und nach tau­chen die­je­ni­gen in den Ab­grund hin­ein, die sich das Ich in Form des Ego­is­mus er­obert ha­ben, aber nicht im­stan­de sind, sich zum Geist zu er­he­ben, der ih­nen das Men­schen­ant­litz ge­ge­ben hat. Die­se wer­den Tierähn­lich, die bö­se Ras­se: nach der Ent­sie­ge­lung wird der Mensch das im Ant­litz ha­ben, was er im Her­zen trägt. Bei den Er­lös­ten wird sich das Mal­zei­chen, der Na­me des Chris­tus im Ant­litz aus­drücken. Wir bli­cken auf die Ver­gan­gen­heit als die gro­ße Schu­le der Lie­be und ih­rer zwei Kräf­te; sie führt den St­re­ben­den zu Chris­tus dem wah­ren Licht­trä­ger. Die Ket­te Noah und der geis­ti­ge Adam. Bei der Ent­hül­lung der vier Sie­gel er­scheint vier­mal nach­ein­an­der das Pferd, Sym­bol der blo­ßen In­tel­li­genz. Bei der fünf­ten Ent­sie­ge­lung er­schei­nen in wei­ßen Klei­dern die­je­ni­gen, die auf­be­wahrt wor­den sind für die Ver­geis­ti­gung, die den Ruf der Er­den­mis­si­on ver­ste­hen und da sein wer­den, wenn die Skla­ven der Per­sön­lich­keit in den Ab­grund ver­sin­ken. Der sechs­te Kul­tur­zei­traum wird den zur In­tel­li­genz ent­ge­gen­ge­setz­ten Pol brin­gen in dem Häuf­lein aus al­len Na­tio­nen, das die Bru­der­schaft dar­le­ben wird im Sin­ne der Ge­mein­de von Phi­la­del­phia.
ACH­TER VOR­TRAG, 25. Ju­ni 1908
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Die Ur­sa­che des sich vor­be­rei­ten­den Krie­ges al­ler ge­gen al­le ist das Über­hand­neh­men des Ego­is­mus, der Ich­sucht der Menschen. Die zwei Sei­ten des Ich. In ihm liegt die Ur­sa­che der Ver­här­tung, wenn es die Lie­be nicht fin­det, es ist der Ver­füh­rer, der in den Ab­grund stürzt. Es ist aber Un­terp­fand des höchs­ten Zie­les der Men­schen. Des­halb ist Sym­bol für das Ich­be­wußt­sein in der Apo­ka­lyp­se: das schar­fe zwei­schnei­di­ge Schwert im Mun­de des Mensch­heils­re­prä­sen­t­an­ten. Das Bö­se ist im Sc­höp­fungs­plan be­grün­det, da­mit durch es ein­mal das gro­ße Gu­te da sei. Es ist das Ma­nichäer-Prin­zip. Die
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Ent­sie­ge­lung der sie­ben Sie­gel gibt an den Cha­rak­ter der sie­ben Stam­mes­kul­tu­ren, die sich nach dem gro­ßen Krie­ge bil­den wer­den: der Ein­ge­weih­te schaut sie in der Sym­bo­lik der as­tra­li­schen­Welt. Wenn je­ne Kul­tur ab­ge­lau­fen sein wird, be­ginnt ei­ne neue Pe­rio­de, die sym­bo­li­siert wird durch die sie­ben Po­sau­n­en­klän­ge: sie nimmt der Mensch wahr von der ei­gent­li­chen geis­ti­gen Welt aus, wo die Sphä­ren klän­ge er­tö­nen. Im himm­li­schen Reich er­k­lingt der Ge­dan­ke. Die­ses himm­li­sche Reich wird im sie­ben­ten Zei­traum her­un­ter­ge­s­tie­gen sein bis in die phy­si­sche­ Welt, wie die as­tra­li­sche im sechs­ten Zei­traum. Die Er­de ver­wan­delt sich in ei­nen as­tra­li­schen Him­mels­kör­per; ei­ne ma­te­ri­el­le Ku­gel wird aus­ge­schie­den mit den We­sen, die für den Auf­s­tieg un­brauch­bar sind. Das Hin­aus­sto­ßen der Ma­te­rie wird in der Apo­ka­lyp­se an­ge­deu­tet durch das Aus­gie­ßen der sie­ben gött­li­chen Zor­nes scha­len. Die Auf­nah­me des Höchs­ten, was der Mensch auf­neh­men kann, die in den Evan­ge­li­en ent­hal­te­ne Bot­schaft der Lie­be, muß nicht nur den Ver­stand, muß das In­ners­te des Men­schen durch­drin­gen: die­ses Buch wird vom Men­schen ver­sch­lun­gen. Die Mars­kräf­te und Mer­kur­kräf­te, sym­bo­li­siert in den zwei Säu­len, sind die Erb­schaft der Ver­gan­gen­heit, nun durch­drun­gen von der Kraft der Lie­be, ent­hal­ten im Buch.
NE­UN­TER VOR­TRAG, 26. Ju­ni 1908
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Ent­ste­hung ei­ner as­tra­li­schen Er­de nach den sie­ben Po­sau­n­en­stö­ß­en mit den­ We­sen, die zu ihr ge­hö­ren. Zwi­schen­be­trach­tung über die Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten des Men­schen. Das zu­nächst un­be­wuß­te Ar­bei­ten des Ich am as­tra­li­schen, äthe­ri­schen und phy­si­schen Lei­be. Zu­letzt wird ein mehr oder we­ni­ger selbst­be­wuß­tes Ich aus der Grup­pen­see­len­haf­tig­keit her­aus­ge­ar­bei­tet, das mit der Er­schei­nung des Chris­tus den Im­puls der völ­li­gen In­di­vi­dua­li­tät er­langt. Heu­te ist der An­fang von Geist­selbst da. Wenn die sie­ben­te Po­sau­ne er­k­lingt, wird der Mensch das Phy­si­sche an sei­nem We­sen auflö­sen und als äthe­ri­sches We­sen hin­über­le­ben in die as­tra­lisch ge­wor­de­ne Er­de. - Rück­blick auf den ers­ten Adam und den ver­wes­li­chen Leib. Der un­ver­wes­li­che Leib des letz­ten Adam trägt die Chris­tus-Auf­nah­me­fähig­keit im Ant­litz: es ist das Mys­te­ri­um der Men­sch­wer­dung. - Blick auf die al­te Er­de als ein von re­gel­mä­ß­i­gen Strö­mun­gen durch­zo­ge­ner Or­ga­nis­mus, aus dem der an­fäng­li­che Mensch her­aus­ge­bo­ren wur­de wie ei­ne Stel­le, wel­che sich von der Er­de ab­hob, aber doch an zahl­rei­chen Fä­den mit ihr zu­sam­men­hing. Adam heißt Er­den­sohn. In der al­ten Er­de war al­les vor­ge­bil­det: Blut­bah­nen, Ner­ven­bah­nen, al­le Or­ga­ne. Heu­te ar­bei­tet der
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Mensch an sei­ner See­le und wird sei­nen Leib zum Ab­bild der See­le ma­chen, die den Chris­tus in sich auf­ge­nom­men hat; er wird sei­ne so ge­bil­de­ten Kräf­te der nächs­ten Ver­kör­pe­rung un­se­rer Er­de einpflan­zen, dem Ju­pi­ter, aus wel­chem die Ju­pi­ter­we­sen einst her­aus­ge­bo­ren wer­den. Der Leib ist in Wahr­heit der Tem­pel der im In­nern be­find­li­chen Ich­heit. Wird er rich­tig aus­ge­stal­tet, so wird der Ju­pi­ter nach den rich­ti­gen Ma­ßen ge­baut. Inn­er­halb die­ses geis­ti­gen Zu­stan­des der Er­de er­scheint wie­der, was früh­er da war. Elias und Mo­ses, die geis­ti­gen Ver­t­re­ter des­sen, was wir in den zwei Säu­len ge­se­hen ha­ben. Nach­dem der Mensch sich ver­geis­tigt hat, die Er­de die rich­ti­gen Ma­ße der Ent­wick­lung durch­ge­macht hat, ist er reif, sich mit den Kräf­te­ver­hält­nis­sen wie­der zu ve­r­ei­ni­gen, die auf der Son­ne sind. Als Über­win­der des Mon­des ve­r­ei­nigt er sich mit der Son­ne: der bild­li­che Aus­druck da­für ist das Weib, das die Son­ne in sich trägt und den Mond zu Fü­ß­en hat. Der nicht vom Chris­tu­s­prin­zip im­präg­nier­te her­aus­ge­fal­le­ne Teil der Mensch­heit hat ei­ne Art Ne­ben­pla­ne­ten ge­bil­det: Es er­schei­nen da die vier Ty­pen der Grup­pen­see­le in ih­ren Tier­ge­stal­ten und noch drei an­de­re. Was im Fleisch ge­b­lie­ben ist, wird auf der Ne­be­n­er­de dar­ge­s­tellt durch das Tier mit sie­ben Köp­fen. Jetzt sind sie die sie­ben Wi­der­sa­cher. Was vom Äthe­ri­schen aus im Men­schen ver­an­lagt ist, nennt man im Ok­kul­tis­mus Kopf; was phy­sisch be­wußt wird durch ein Glied des Äther­lei­bes, nennt man Horn.
ZEHN­TER VOR­TRAG, 27. Ju­ni 1908
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Der Grun­driß der­Welt­ent­wick­lung ver­läuft in Zah­len­ver­hält­nis­sen; die Sie­ben­zahl be­herrscht al­le Tei­le der Welt­ent­wick­lung. Sie­ben Zu­stän­de der pla­ne­ta­ri­schen Ver­kör­pe­run­gen fal­len zu­sam­men mit der Ent­wick­lung des men­sch­li­chen Be­wußt­seins. Um­wand­lung der vier durch­ge­mach­ten Be­wußt­s­eins­zu­stän­de in die drei künf­ti­gen: be­wuß­tes Bil­der-Be­wußt­sein = Ju­pi­ter; in­spi­rier­tes, wo je­de We­sen­heit wie ein Ton­ge­bil­de er­scheint des­sen, was früh­er as­tra­li­sches Bild war, das ver­k­lingt jetzt; in­tui­ti­ves Be­wußt­sein, wo die See­le in­di­vi­du­ell bleibt und doch in al­len Din­gen und We­sen­hei­ten drin­nen steckt. Je­de die­ser Stu­fen hat sieben Le­bens­stu­fen, die zu­sam­men­fal­len mit den sie­ben Rei­chen. Das den sie­ben Rei­chen der Er­de Ana­lo­ge sind auf den vor­an­ge­gan­ge­nen Pla­ne­ten die Ele­men­tar­rei­che, die in un­se­re Welt hin­ein ver­schwun­den sind. Ganz ge­hört der Mensch nur dem Mi­ne­ral­reich an, weil er nur die­ses be­g­rei­fen kann. Die an­dern Rei­che sind Vor­stu­fen des­sen, was der Mensch einst er­le­ben wird; sie sind Vor­bil­der, Hin­wei­se auf ein
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künf­ti­ges Reich, in wel­chem der Mensch einst sein wird. Auf dem Ju­pi­ter wird es et­was den sie­ben Erd­rei­chen noch Ähn­li­ches ge­ben, auf Ve­nus und Vul­kan paßt der Be­griff Reich nicht mehr. Die Le­bens­stu­fen müs­sen wie­der sie­ben Form­stu­fen durchlau­fen; der phy­si­sche ist der mitt­le­re. Er löst sich auf und geht dann wie­der zu­rück zu ei­nem voll­kom­me­nen As­tra­li­schen und nie­de­ren und höhe­ren De­vacha­ni­schen. Von die­sem Ge­dan­ken­sche­ma müs­sen wir auf­s­tei­gen zum le­ben­di­gen Auf­bau mit Hil­fe von Bil­dern, die im As­tra­li­schen zu se­hen sind. Die­se ent­sprin­gen nicht dem Ge­hirn­den­ken, son­dern die Tat­sa­chen ge­ben sie hell­se­he­risch. Auch die Form­zu­stän­de ge­hen durch sie­ben Stu­fen durch und er­ge­ben die Ras­sen- oder Kul­tur­zu­stän­de. Wir le­ben im fünf­ten; der sechs­te wird in der Apo­ka­lyp­se an­ge­deu­tet durch die sie­ben Sie­gel; der sie­ben­te durch die sie­ben Po­sau­nen. Dann geht das Phy­si­sche in das As­tra­li­sche über. Durch vier tie­ri­sche Grup­pen­see­len muß­te der Mensch hin­durch­ge­hen bis er das In­di­vi­dual­be­wußt­sein er­lang­te, und bil­de­te da­bei vier­er­lei Kör­per­g­lie­der aus: vier Köp­fe, ent­sp­re­chend den vier Kör­per­tei­len; die Hör­ner Ver­di­ckun­gen der äthe­ri­schen Kraft­sys­te­me. Seit­dem der Ich­mensch das Chris­tu­s­prin­zip auf­nimmt, wer­den kei­ne Tier­köp­fe mehr aus­ge­bil­det. Der Mensch ist men­sche­n­ähn­lich ge­wor­den und er­scheint in wei­ßen Klei­dern. Ver­nich­tet wer­den die sie­ben Köp­fe und zehn Hör­ner, die von der at­lan­ti­schen Zeit über­nom­men sind. Wer den Chris­tus von sich stößt, wür­de die al­te Ge­stalt zur Er­schei­nung brin­gen: das Tier mit den sie­ben Köp­fen und zehn Hör­nern, wie zur Zeit der Sie­gel, so jetzt in der Zeit, wo die Zor­nesscha­len aus­ge­gos­sen wer­den und die Er­de sich in zwei Tei­le spal­tet.
ELF­TER VOR­TRAG, 29. Ju­ni 1908
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Nach der Zeit, wel­che durch die Po­sau­n­en­klän­ge an­ge­deu­tet ist, ver­geis­tigt sich die Er­de. Rück­blick auf die Form­zu­stän­de und die Zahl der Ent­wick­lung. Jetzt ist die­se für uns 344. Ein­mal in der Zu­kunft wird die Zahl 666 gel­ten; die­se Zu­kunft ist vor­be­rei­tet in un­se­rer Zeit. Die Zeit der sie­ben Po­sau­n­en­klän­ge wird Men­schen se­hen, die tief in das Bö­se hin­ein­s­tei­gen. Und wenn je­ne ur­fer­ne Zu­kunft kom­men wird, die nicht durch 466, son­dern durch 666 an­ge­deu­tet wird, wer­den sie die­se An­la­ge nicht mehr um­wan­deln kön­nen. Das geg­ne­ri­sche Prin­zip der Chris­tus-Son­nen­we­sen­heit oder des Lam­mes ist der Son­nen­dä­mon: So­rat, das Prin­zip, das den Men­schen zur völ­li­gen Ver­här­tung führt. Im Blend­werk der Zahl liegt ein Zei­chen des Chris­tus­geg­ners. Der Mißbrauch der spi­ri­-
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tu­el­len Kräf­te, die schwar­ze Ma­gie ist das Ver­füh­rungs­mit­tel des zwei­hör­ni­gen Tie­res. Die Ver­här­tung der Ma­te­rie wird dem Apo­ka­lyp­ti­ker zur An­schau­ung ge­bracht in der gro­ßen Ba­by­lon. Auf der an­dern Sei­te ste­hen die­je­ni­gen, die sich ve­r­ei­ni­gen mit dem Prin­zip des Lam­mes und die gro­ßen Um­ris­se be­rei­ten zu dem, was der Ju­pi­ter wer­den soll: das neue Je­ru­sa­lem. Die Kraft, durch wel­che der Son­nen­ge­ni­us das zwei­hör­ni­ge Tier, den gro­ßen Dra­chen über­win­det, sie wird in der christ­lich-ro­sen­k­reu­ze­ri­schen Eso­te­rik ge­nannt: der An­blick des Son­nen­ge­ni­us, des Mi­cha­el, der die Schlüs­sel hat und den Dra­chen ge­fes­selt hält.
ZWÖLF­TER VOR­TRAG, 30. Ju­ni 1908
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Durch das Hin­ein­ge­s­tellt­sein in den Ab­grund des Bö­sen ist für den Men­schen erst er­reich­bar Frei­heit und Lie­be. Das So­rat­prin­zip stammt aus an­dern Wel­ten­pe­rio­den, muß sich mit den Ab­fäl­len begnü­gen, mit je­nen, die auf der Er­de in der Ma­te­rie ste­cken ge­b­lie­ben sind. Das wer­den des So­rats Heer­scha­ren sein. Was sind für den Apo­ka­lyp­ti­ker die Be­grif­fe «ers­ter» und «zwei­ter» Tod? Der hell­se­he­ri­sche Ju­pi­ter­mensch wird mit sei­nem Be­wußt­sein in an­de­ren mo­ra­li­schen Ver­hält­nis­sen le­ben. Der schon vom Ich aus um­ge­stal­te­te as­tra­li­sche Leib wird fähig sein, in den Äther­leib hin­ein­zu­wir­ken. Der Hel­fer, der das er­mög­licht, ist die Chris­tus-We­sen­heit. Erst nach­her kann der Mensch in den phy­si­schen Leib he­r­ein­ar­bei­ten mit der Hil­fe des Va­ters. Das Ab­le­gen des al­ler­letz­ten phy­si­schen Lei­bes ist das, was in der Apo­ka­lyp­se der ers­te Tod ge­nannt wird. Die Men­schen le­ben jetzt wei­ter in der ver­geis­tig­ten Er­de mit all dem, was durch die Hil­fe des Chris­tus in den Äther­leib hin­ein­ge­bracht wor­den ist. Sie le­ben im Ein­klang mit dem Chris­tu­s­prin­zip. Der Äther­leib de­rer, die es zu­rück­ge­wie­sen ha­ben, ist hin­ge­ord­net nach dem phy­si­schen Leib, lebt in Mißklang und Be­gier­denglut. In der wei­te­ren Ver­geis­ti­gung der Er­de wird es auch kei­nen Äther­leib mehr ge­ben. Die, wel­che den Chris­tus in sich auf­ge­nom­men ha­ben, wer­den ihn oh­ne Mühe ab­st­rei­fen; die an­dern wer­den ihn als ein zwei­tes Ster­ben emp­fin­den in je­der fol­gen­den as­tra­li­schen Ge­stalt. Das ist der zwei­te Tod. Die das Ziel er­reicht ha­ben, ent­werfen auf der Er­de den Plan zur Ju­pi­ter-Ent­wick­lung: das ist das neue Je­ru­sa­lem. Die­je­ni­gen, die von sich ge­sto­ßen ha­ben die Kräf­te, die ih­nen das Ju­pi­ter-Be­wußt­sein ge­ben kann, wer­den die Zu­rück­ge­b­lie­be­nen, Hin­un­ter­ge­sun­ke­nen sein. Aber es wird noch mög­lich sein, ei­ne An­zahl zur Um­kehr zu brin­gen. Erst bei der Ve­nus-Ver­kör­pe­rung fällt die un­ab­än­der­li­che Ent­schei­dung. -
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Die ver­führ­te In­tel­li­genz, das ist das­je­ni­ge, was dem Tie­re ver­fällt; des­halb ist die Zahl des Tie­res ei­nes Men­schen Zahl. Die Re­gel­mä­ß­ig­keit des neu­en Je­ru­sa­lem wird be­schrie­ben im Wür­fel des letz­ten Bil­des.


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Über die Vortragsnachschriften Rudolf Steiners

Aus Ru­dolf Stei­ners Au­to­bio­gra­phie »Mein Le­bens­gang« (35. Kap., 1925)

Es lie­gen nun aus mei­nem an­thro­po­so­phi­schen Wir­ken zwei Er­geb­nis­se vor; ers­tens mei­ne vor al­ler Welt ver­öf­f­ent­lich­ten Bücher, zwei­tens ei­ne gro­ße Rei­he von Kur­sen, die zu­nächst als Pri­vat­druck ge­dacht und ver­käuf­lich nur an Mit­g­lie­der der Theo­so­phi­schen (spä­ter An­thro­po­so­phi­schen) Ge­sell­schaft sein soll­ten. Es wa­ren dies Nach­schrif­ten, die bei den Vor­trä­gen mehr oder we­ni­ger gut ge­macht wor­den sind und die we­gen man­geln­der Zeit nicht von mir kor­ri­giert wer­den konn­ten. Mir wä­re es am liebs­ten ge­we­sen, wenn münd­lich ge­spro­che­nes Wort münd­lich ge­spro­che­nes Wort ge­b­lie­ben wä­re. Aber die Mit­g­lie­der woll­ten den Pri­vat­druck der Kur­se. Und so kam er zu­stan­de. Hät­te ich Zeit ge­habt, die Din­ge zu kor­ri­gie­ren, so hät­te vom An­fan­ge an die Ein­schrän­kung «Nur für Mit­g­lie­der» nicht zu be­ste­hen ge­braucht. Jetzt ist sie seit mehr als ei­nem Jah­re ja fal­len ge­las­sen.

Hier in mei­nem «Le­bens­gang» ist not­wen­dig, vor al­lem zu sa­gen, wie sich die bei­den: mei­ne ver­öf­f­ent­lich­ten Bücher und die­se Pri­vat­dru­cke in das ein­fü­gen, was ich als An­thro­po­so­phie aus­ar­bei­te­te.

Wer mein ei­ge­nes in­ne­res Rin­gen und Ar­bei­ten für das Hin­s­tel­len der An­thro­po­so­phie vor das Be­wußt­sein der ge­gen­wär­ti­gen Zeit ver­fol­gen will, der muß das an Hand der all­ge­mein ver­öf­f­ent­lich­ten Schrif­ten tun. In ih­nen setz­te ich mich auch mit al­le dem au­s­ein­an­der, was an Er­kennt­nis­st­re­ben in der Zeit vor­han­den ist. Da ist ge­ge­ben, was sich mir in «geis­ti­gem Schau­en» im­mer mehr ge­stal­te­te, was zum Ge­bäu­de der An­thro­po­so­phie al­ler­dings in vie­ler Hin­sicht in un­voll­kom­me­ner Art wur­de.

Ne­ben die­se For­de­rung, die «An­thro­po­so­phie» auf­zu­bau­en und da­bei nur dem zu die­nen, was sich er­gab, wenn man Mit­tei­lun­gen aus der Geist-Welt der all­ge­mei­nen Bil­dungs­welt von heu­te zu über­ge­ben hat, trat nun aber die an­de­re, auch dem voll ent­ge­gen­zu­kom­men, was aus der Mit­g­lied­schaft her­aus als See­len­be­dürf­nis, als Geis­tes­sehn­sucht sich of­fen­bar­te.

Da war vor al­lem ei­ne star­ke Nei­gung vor­han­den, die Evan­ge­li­en und den Schrift-In­halt der Bi­bel über­haupt in dem Lich­te dar­ge­s­tellt zu hö­ren, das sich als das an­thro­po­so­phi­sche er­ge­ben hat­te. Man woll­te in Kur­sen über die­se der Mensch­heit ge­ge­be­nen Of­fen­ba­run­gen hö­ren.

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In­dem in­ter­ne Vor­trags­kur­se im Sin­ne die­ser For­de­rung ge­hal­ten wur­den, kam da­zu noch ein an­de­res. Bei die­sen Vor­trä­gen wa­ren nur Mit­g­lie­der. Sie wa­ren mit den An­fangs-Mit­tei­lun­gen aus An­thro­po­so­phie be­kannt. Man konn­te zu ih­nen eben so sp­re­chen, wie zu Vor­ge­schrit­te­nen auf dem Ge­bie­te der An­thro­po­so­phie. Die Hal­tung die­ser in­ter­nen Vor­trä­ge war ei­ne sol­che, wie sie eben in Schrif­ten nicht sein konn­te, die ganz für die Öf­f­ent­lich­keit be­stimmt wa­ren.

Ich durf­te in in­ter­nen Krei­sen in ei­ner Art über Din­ge sp­re­chen, die ich für die öf­f­ent­li­che Dar­stel­lung, wenn sie für sie von An­fang an be­stimmt ge­we­sen wä­ren, hät­te an­ders ge­stal­ten müs­sen.

So liegt in der Zwei­heit, den öf­f­ent­li­chen und den pri­va­ten Schrif­ten, in der Tat et­was vor, das aus zwei ver­schie­de­nen Un­ter­grün­den stammt. Die ganz öf­f­ent­li­chen Schrif­ten sind das Er­geb­nis des­sen, was in mir rang und ar­bei­te­te; in den Pri­vat­dru­cken ringt und ar­bei­tet die Ge­sell­schaft mit. Ich hö­re auf die Schwin­gun­gen im See­len­le­ben der Mit­g­lied­schaft, und in mei­nem le­ben­di­gen Drin­nen­le­ben in dem, was ich da hö­re, ent­steht die Hal­tung der Vor­trä­ge.

Es ist nir­gends auch nur in ge­rings­tem Ma­ße et­was ge­sagt, was nicht reins­tes Er­geb­nis der sich auf­bau­en­den An­thro­po­so­phie wä­re. Von ir­gend ei­ner Kon­zes­si­on an Vor­ur­tei­le oder Vor­emp­fin­dun­gen der Mit­g­lied­schaft kann nicht die Re­de sein. Wer die­se Pri­vat­dru­cke liest, kann sie im volls­ten Sin­ne eben als das neh­men, was An­thro­po­so­phie zu sa­gen hat. Des­halb konn­te ja auch oh­ne Be­den­ken, als die An­kla­gen nach die­ser Rich­tung zu drän­gend wur­den, von der Ein­rich­tung ab­ge­gan­gen wer­den, die­se Dru­cke nur im Krei­se der Mit­g­lied­schaft zu ver­b­rei­ten. Es wird eben nur hin­ge­nom­men wer­den müs­sen, daß in den von mir nicht nach­ge­se­he­nen Vor­la­gen sich Feh­ler­haf­tes fin­det.

Ein Ur­teil über den In­halt ei­nes sol­chen Pri­vat­dru­ckes wird ja al­ler­dings nur dem­je­ni­gen zu­ge­stan­den wer­den kön­nen, der kennt, was als Ur­teils-Vor­aus­set­zung an­ge­nom­men wird. Und das ist für die al­ler­meis­ten die­ser Dru­cke min­des­tens die an­thro­po­so­phi­sche Er­kennt­nis des Men­schen, des Kos­mos, in­so­fern sein We­sen in der An­thro­po­so­phie dar­ge­s­tellt wird, und des­sen, was als «an­thro­po­so­phi­sche Ge­schich­te» in den Mit­tei­lun­gen aus der Geist-Welt sich fin­det.

Literatur

Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com.
Freie Werkausgaben gibt es auf steiner.wiki, bdn-steiner.ru, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
Die Rudolf Steiner Ausgaben basieren auf Klartextnachschriften, die dem gesprochenen Wort Rudolf Steiners so nah wie möglich kommen.
Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.