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ZUR EINFÜHRUNG AUS «MEIN LEBENSGANG» VON RUDOLF STEINER

#G034-1960-SE011 - Luzifer-Gnosis 1903 - 1908

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ZUR EINFÜHRUNG AUS «MEIN LEBENSGANG» VON RUDOLF STEINER

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Sogleich bei der Begründung der deutschen Sektion der Theo­sophischen Gesellschaft erschien es mir als eine Notwendig­keit, eine eigene Zeitschrift zu haben. So begründeten denn Marie von Sivers und ich die Monatsschrift «Luzifer». Der Name wurde damals selbstverständlich in keinen Zusammenhang gebracht mit der geistigen Macht, die ich später als Lu­zifer, den Gegenpol von Ahriman, bezeichnete. So weit war damals der Inhalt der Anthroposophie noch nicht ausgebil­det, daß von diesen Mächten schon hätte die Rede sein kön­nen. - Es sollte der Name einfach «Lichtträger» bedeuten.

Obwohl es zunächst meine Absicht war, im Einklang mit der Leitung der Theosophischen Gesellschaft zu arbeiten, hatte ich doch vom Anfange an die Empfindung: in Anthropo­sophie muß etwas entstehen, das aus seinem eigenen Keim sich entwickele, ohne irgendwie sich, dem Inhalte nach, abhängig zu stellen von dem, was die Theosophische Gesellschaft leh­ren ließ. - Das konnte ich nur durch eine solche Zeitschrift. Und aus dem, was ich in dieser schrieb, ist ja in der Tat das herausgewachsen, was heute Anthroposophie ist.

So ist es gekommen, daß gewissermaßen unter dem Pro­tektorate und der Anwesenheit von Mrs. Besant die deutsche Sektion begründet wurde. Damals hat Besant auch einen Vor­trag über Ziele und Prinzipien der Theosophic in Berlin ge­halten. Wir haben Mrs. Besant dann etwas später aufgefor­dert, Vorträge in einer Reihe von deutschen Städten zu halten. Es kamen solche zustande in Hamburg, Berlin, Weimar, München, Stuttgart, Köln. - Trotz alldem ist nicht durch irgendwelche besondere Maßnahmen meinerseits, sondern durch eine innere Notwendigkeit der Sache das Theosophi­sche versiegt, und das Anthroposophische in einem von in­neren Bedingungen bestimmten Werdegang zur Entfaltung gekommen.

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Marie von Sivers hat das alles dadurch möglich gemacht, daß sie nicht nur nach ihren Kräften materielle Opfer ge­bracht, sondern auch ihre gesamte Arbeitskraft der Anthropo­sophie gewidmet hat. - Wir konnten wirklich anfangs nur aus den primitivsten Verhältnissen heraus arbeiten. Ich schrieb den größten Teil des « Luzifer». Marie von Sivers besorgte die Korrespondenz. Wenn eine Nummer fertig war, dann be­sorgten wir selbst das Fertigen der Kreuzbände, das Adres­sieren, das Bekleben mit Marken und trugen beide persönlich die Nummern in einem Waschkorbe zur Post.

Der «Luzifer» erfuhr bald insofern eine Vergrößerung, als ein Herr Rappaport in Wien, der eine Zeitschrift «Gnosis» herausgab, mir den Vorschlag machte, diese mit der meinigen zu einer zu gestalten. So erschien denn der «Luzifer» dann als «Lucifer-Gnosis». Rappaport trug auch eine Zeitlang einen Teil der Ausgaben.

«Lucifer-Gnosis» nahm den allerbesten Fortgang. Die Zeitschrift verbreitete sich in durchaus befriedigender Weise. Es mußten Nummern, die schon vergriffen waren, sogar zum zweiten Male gedruckt werden. Sie ist auch nicht «einge­gangen». Aber die Verbreitung der Anthroposophie nahm in verhältnismäßig kurzer Zeit die Gestalt an, daß ich per­sönlich zu Vorträgen in viele Städte gerufen wurde. Aus den Einzelvorträgen wurden in vielen Fällen Vortragszyklen. An­fangs suchte ich das Redigieren von «Lucifer-Gnosis» neben dieser Vortragstätigkeit noch aufrecht zu erhalten. Aber die Nummern konnten nicht mehr zur rechten Zeit erscheinen, manchmal um Monate zu spät. Und so stellte sich denn die merkwürdige Tatsache ein, daß eine Zeitschrift, die mit jeder Nummer an Abonnenten gewann, einfach durch Überlastung des Redakteurs nicht weiter erscheinen konnte.

In der Monatsschrift «Lucifer-Gnosis» konnte ich zur ersten Veröffentlichung bringen, was die Grundlage für an­throposophisches Wirken wurde. Da erschien denn zuerst, was ich über die Anstrengungen zu sagen hatte, die die menschliche Seele zu machen hat, um zu einem eigenen schauenden

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Erfassen der Geist-Erkenntnis zu gelangen. «Wie er­langt man Erkenntnisse der höheren Welten? » erschien in Fortsetzungen von Nummer zu Nummer. Ebenso ward der Grund gelegt zur antliroposophischen Kosmologie durch die fortlaufenden Aufsätze «Aus der Akasha-Chronik».

Aus dem hier Gegebenen, und nicht aus irgend etwas von der Theosophischen Gesellschaft Entlehntem erwächst die anthroposophische Bewegung. Dachte ich bei meinen Nieder­schriften der Geist-Erkenntnisse an die in der Gesellschaft üblichen Lehren, so war es nur, um dem oder jenem, das mir in diesen Lehren irrtümlich erschien, korrigierend gegenüber­zutreten.

Für mich war Mrs. Besant durch gewisse Eigenschaften eine interessante Persönlichkeit. Ich bemerkte an ihr, daß sie ein gewisses Recht habe, von der geistigen Welt aus ihren eigenen inneren Erlebnissen zu sprechen. Das innere Heran­kommen an die geistige Welt mit der Seele, das hatte sie. Es ist dies nur später überwuchert worden von äußerlichen Zie­len, die sie sich stellte.

Für mich mußte ein Mensch interessant sein, der aus dem Geiste heraus vom Geiste redete. - Aber ich war andrerseits streng in meiner Anschauung, daß in unserer Zeit die Ein­sicht in die geistige Welt innerhalb der Bewußtseinsseele leben müsse.

Ich schaute in eine alte Geist-Erkenntnis der Menschheit. Sie hatte einen traumhaften Charakter. Der Mensch schaute in Bildern, in denen die geistige Welt sich offenbarte. Aber diese Bilder wurden nicht durch den Erkenntniswillen in vol­ler Besonnenheit entwickelt. Sie traten in der Seele auf, ihr aus dem Kosmos gegeben wie Träume. Diese alte Geist-Er­kenntnis verlor sich im Mittelalter. Der Mensch kam in den Besitz der Bewußtseinsseele. Er hat nicht mehr Erkenntnis-Träume. Er ruft die Ideen in voller Besonnenheit durch den Erkenntniswilien in die Seele herein. - Diese Fähigkeit lebt sich zunächst aus in den Erkenntnissen über die Sinneswelt.

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Sie erreicht ihren Höhepunkt als Sinnes-Erkenntnis inner­halb der Naturwissenschaft.

Die Aufgabe einer Geist-Erkenntnis ist nun, in Besonnen­heit durch den Erkenntniswillen Ideen-Erleben an die gei­stige Welt heranzubringen. Der Erkennende hat dann einen Seelen-Inhalt, der so erlebt wird wie der mathematische. Man denkt wie ein Mathematiker. Aber man denkt nicht in Zahlen oder geometrischen Figuren. Man denkt in Bildern der Geist-Welt. Es ist, im Gegensatz zu dem wachträumenden alten Geist-Erkennen, das vollbewußte Drinnenstehen in der geistigen Welt.

Zu diesem neueren Geist-Erkennen konnte man innerhalb der Theosophischen Gesellschaft kein rechtes Verhältnis ge­winnen. Man war mißtrauisch, sobald das Vollbewußtsein an die geistige Welt heranwollte. Man kannte eben nur ein Vollbewußtsein für die Sinnenwelt. Man hatte keinen rechten Sinn dafür, dieses bis in das Geist-Erleben fortzuentwickeln. Man ging eigentlich doch darauf aus, mit Unterdrückung des Vollbewußtseins, zu dem alten Traumbewußtsein wieder zurück­zukehren. Und dieses Rückkehren war auch bei Mrs. Besant vorhanden. Sie hatte kaum eine Möglichkeit, die moderne Art der Geist-Erkenntnis zu begreifen. Aber, was sie von der Geist-Welt sagte, war doch aus dieser heraus. Und so war sie für mich eine interessante Persönlichkeit.

Weil auch innerhalb der andern Führerschaft der Theo­sophischen Gesellschaft diese Abneigung gegen vollbewußte Geist-Erkenntnis vorhanden war, konnte ich mich in bezug auf das Geistige in der Gesellschaft nie mit der Seele heimisch fühlen. Gesellschaftlich war ich gerne in diesen Kreisen; aber deren Seelenverfassungen gegenüber dem Geistigen blieben mir fremd.

Ich war deshalb auch abgeneigt, auf den Kongressen der Gesellschaft in meinen Vorträgen aus meinem eigenen Geist-Erleben heraus zu reden. Ich hielt Vorträge, die auch jemand hätte halten können, der keine eigene Geist-Anschauung hatte. Diese lebte sofort auf in den Vorträgen, die ich nicht

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innerhalb des Rahmens der Veranstaltungen der Theosophi­schen Gesellschaft hielt, sondern die herauswuchsen aus dem, was Marie von Sivers und ich von Berlin aus einrichteten.

Da entstand das Berliner, das Münchener, das Stuttgarter usw. Wirken. Andere Orte schlossen sich an. Da verschwand allmählich das Inhaltliche der Theosophischen Gesellschaft; es erstand, was seine Zustimmung fand durch die innere Kraft, die im Anthroposophischen lebte.

Meine erste Vortragstätigkeit innerhalb der Kreise, die aus der theosophischen Bewegung hervorgewachsen waren, mußte sich nach den Seelenverfassungen dieser Kreise rich­ten. Man hatte da theosophische Literatur gelesen und sich für gewisse Dinge eine gewisse Ausdrucksform angewöhnt. An diese mußte ich mich halten, wenn ich verstanden sein wollte.

Erst im Laufe der Zeit ergab sich mit der vorrückenden Arbeit, daß ich immer mehr auch in der Ausdrucksform die eigenen Wege gehen konnte.

AUFSÄTZE

#G034-1960-SE017 - Luzifer-Gnosis 1903 - 1908

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AUFSÄTZE

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LUZIFER

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Eine bedeutungsvolle Sage hat der ringende Menschengeist an den Beginn der Neuzeit gestellt. Wie ein Sinnbild für die Erschütterung, welche Kopernikus, Galilei, Kepler in dem Fühlen und Denken hervorgerufen haben, steht die Sagen­gestalt des Doktor Faust am Eingange des Zeitalters, dem auch die gegenwärtige Menschheit noch angehört. Von die­sem Doktor Faust sagte man: er «hat die heilige Schrift eine Weile hinter die Tür und unter die Bank gelegt ... er wollte sich hernach keinen Theologen mehr nennen lassen, ward ein Weltmensch, nannte sich einen Doktor der Medizin». Mußte die in der mittelalterlichen Vorstellungswelt aufgewachsene Menschheit nicht so bei den Namen des Kopernikus und Gali­lei empfinden? Schien es nicht, als ob «eine Weile die heilige Schrift hinter die Tür» legen müsse, wer an ihre neuen Lehren vom Weltgebäude glaubte? Klingen nicht wie ein Aufschrei des in seinem Glauben bedrohten Herzens die Worte, die Lu­ther der Anschauung des Kopernikus entgegenschleuderte: «Der Narr will die ganze Astronomie umkehren, aber die hei­lige Schrift sagt uns, daß Josua die Sonne stillstehen hieß und nicht die Erde»?

Mit einer gewaltigen Kraft durchdrangen zwiespältige Empfindungen damals die Menschenseele. Denn Ansichten traten im Gesichtskreise des Erkennens auf, die im Wider­spruche zu stehen schienen mit dem, was man jahrhundertelang über die Geheimnisse der Welt gedacht hatte. - Und sind diese zwiespältigen Empfindungen seither zur Ruhe gekom­men? Steht nicht heute mehr denn vorher der Mensch, dem es mit den höchsten Erkenntnisbedürfnissen ernst ist, vor ban­gen Fragen, wenn er auf den Gang des wissenschaftlichen Geistes blickt? Das Fernrohr hat uns die Räume des Himmels erschlossen, das Mikroskop erzählt uns von winzigen Wesen, die alles unserer natürlichen Sehkraft zugängliche Leben zu­sammensetzen. Wir versuchen zurückzublicken in längstver­flossene Erdenzeiten mit Lebewesen, die noch von der un­vollkommensten

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Art waren, und wir machen uns Gedanken über die Verhältnisse, in denen der Mensch, sich aus unter­geordneten Daseinsstufen entwickelnd, sein irdisches Leben begann. - Wenn es sich aber um das handelt, was die höchste Bestimmung des Menschen genannt werden soll, dann ge­langt das Denken der Gegenwart in eine schier verzweiflungs­volle Unsicherheit. Eine Mut- und Vertrauenslosigkeit hat sich seiner bemächtigt. Man möchte den Bedürfnissen des «Glaubens», den religiösen Sehnsuchten des Herzens ein ei­genes Feld anweisen, in dem das wissenschaftliche Erkennen keine Stimme hat. Es soll in der Natur des Menschen begrün­det sein, daß er mit seinem Wissen nie dahin dringen kann, wo die Seele ihre Heimat hat. Nur so glaubt man die «reli­giösen Wahrheiten» gesichert vor den Anmaßungen der wis­senschaftlichen Vernunft. Euer Wissen kann nie bis zu den Dingen dringen, von denen der «Glaube» spricht, so erklärt man den Naturforschern, die über des Menschen höchste Güter sich erdreisten zu sprechen. Der Theologe Adolf Har­nack, der mit seinem «Wesen des Christentums» auf viele unserer Zeitgenossen einen tiefen Eindruck gemacht hat, schärft diesen ein: «Die Wissenschaft vermag nicht alle Be­dürfnisse des Geistes und des Herzens zu umspannen und zu befriedigen» ... «Wie verzweifelt stünde es um die Mensch­heit, wenn der höhere Friede, nach dem sie verlangt, und die Klarheit, Sicherheit und Kraft, um die sie ringt, abhängig wären von dem Maße des Wissens und der Erkenntnis» ... «Die Wissenschaft vermag nicht, dem Leben einen Sinn zu geben, - auf die Fragen nach dem Woher, Wohin und Wozu gibt sie heute so wenig eine Antwort als vor zwei- oder drei­tausend Jahren. Wohl belehrt sie uns über Tatsächliches, deckt Widersprüche auf, verkettet Erscheinungen und berichtigt die Täuschungen unserer Sinne und Vorstellungen.» ... «Die Re­ligion, nämlich die Gottes- und Menschenliebe, ist es, die dem Leben einen Sinn gibt.» - Die auf solche Worte hören, wissen nicht, die Zeichen der Zeit zu deuten. Und noch weniger ver­mögen sie, die Ansprüche des ringenden Menschengeistes zu

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verstehen. Es kommt nicht darauf an, daß es heute noch Mil­lionen gibt, die bei solcher Rede sich befriedigt fühlen. Die da glauben, wenn so diejenigen sagen, die es wissen müssen, dann brauchen wir unser Glaubensbuch nicht «hinter die Tür »zu legen. Denn dann gehen den gläubigen Menschen die Vor-stellungen nichts an, die sich die Gelehrten über Sonne, Mond und Weltnebel, über kleinste Lebewesen und den Gang der Erdentwickelung machen. Aber diese Millionen sind es nicht, welche die Gedanken der zukünftigen Menschheit formen. Die den Geistesbau weiterführen, stellen ganz andere Fragen. Mögen ihrer gegenwärtig wenige sein. Es ist doch an ihnen, der Zukunft den Boden zu bereiten. Es sind diejenigen, welche in dem, was die Wissenschaft von heute sagt, den Sinn des Le­bens, das Woher, Wohin und Wozu suchen. Sie vollbringen damit dasselbe, was der ägyptische Priesterweise vor Jähr­tausenden vollbrachte, der in dem Gang der Sterne, in dem Bau des Menschen diesen Sinn des Lebens suchte. Sie wollen keinen Zwiespalt zwischen Wissen und Glauben.

Wenn sie es sich auch nicht klar machen, was sie zu solchem Wollen spornt; sie haben ein Gefühl für das Richtige. Sie ahnen wenigstens, daß aller sogenannte Glaube aus dem ent­sprungen ist, was irgendein Zeitalter als seinen Wissensschatz errungen hatte. Gehet zurück in frühere Zeiten. In dem «Tat­sächlichen», das der Mensch wahrnahm, sah er auch die gei­stigen Weltmächte walten, die das Schicksalsbuch seiner Be­stimmung führen. Seine Leiter der Erkenntnis führte ihn von dem kriechenden Wurm bis zu seinem Gotte. Sein «Glaube »war nur sein Wissen auf den höheren Stufen dieser Leiter. Und heute will man ihm sagen: Was du auch über dieses «Tatsäch­liche» Neues erfährst: es soll dich nicht ablenken von dem Glauben deiner Väter. Wie müßten sich diese selbst, in unsere Zeit versetzt, zu solchem Ansinnen stellen? Sagen müßten sie: Wir rangen mit aller Kraft nach einem Glauben, der in vollem Einklange war mit allem, was wir von der Welt wußten. Wir haben euch unseren Glauben und unser Wissen überlie­fert. Ihr seid über unser Wissen hinausgewachsen. Euch aber

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fehlt die Kraft, gleich uns, Harmonie zu bringen in euren Glauben und euer Wissen. Und weil euch diese Kraft fehlt, so erklärt ihr den Glauben, den ihr von uns übernommen, als unantastbar durch euer Wissen. - Aber unser Glaube gehörte zu unserem Wissen wie der Kopf eines Menschen zu seinem Leibe. Wir suchten den gleichen Lebensquell in den beiden. Und mit derselben Gesinnung haben wir euch unser Wissen überliefert wie unseren Glauben. Ihr könnt unmöglich so wis­sen, wie es euch eure Augen und Instrumente lehren, und so glauben, wie uns es unser sinnender Geist lehrte. Denn dann wäre eure Wissenschaft aus eurer Seele geboren, euer Glaube aber aus der unsrigen. - Was tut ihr, wenn ihr so verfährt? Im Grunde doch nichts anderes, als euer Wissen fähighalten, Dampfmaschinen und Elektromotoren zu erbauen; das unsere aber, die Bedürfnisse eures Herzens zu befriedigen.

Nein, nicht solcher Zwiespalt entspricht der Menschen-natur, sondern der unbesiegliche Drang, von dem Wissen aus die Wege zu suchen, die zur Heimat der Seele führen. Deshalb können diejenigen nicht der Zukunft vorarbeiten, die den Zwie­spalt für notwendig halten.

Das ist vielmehr die Aufgabe derer, die ein Wissen suchen, das den Sinn des Lebens enthüllt. Ein Wissen, das aus sich selbst den Menschen aufklärt über das Woher, Wohin und Wozu, das die Kraft der Religion in sich hat.

Unsere Ideale haben ja erst ihre volle Richt- und Spann-kraft, wenn sie zum religiösen Empfinden verklärt sind. Und unser Wissen, unsere Erkenntnis haben erst Sinn und Bedeu­tung, wenn sie die Keime entwickeln für unsere Ideale, die uns unseren Wert bestimmen im Weltendasein. Welch ein dump­fes Leben wäre das in einem Wissen, aus dem keine Ideale auf­leuchten! Herb urteilte der große Philosoph Johann Gottlieb Fichte über die, welche solch dumpfes Ilinleben führen. «Daß Ideale in der wirklichen Welt sich nicht darstellen lassen, wis­sen wir andern vielleicht so gut, als sie, vielleicht besser. Wir behaupten nur, daß nach ihnen die Wirklichkeit beurteilt, und von denen, die dazu Kraft in sich fühlen, modifiziert werden

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müsse. Gesetzt, sie könnten auch davon sich nicht überzeugen, so verlieren sie dabei, nachdem sie einmal sind, was sie sind, sehr wenig; und die Menschheit verliert nichts dabei. Es wird dadurch bloß das klar, daß nur auf sie nicht im Plane der Ver­edlung der Menschheit gerechnet ist. Diese wird ihren Weg ohne Zweifel fortsetzen; über jene wolle die gütige Natur walten, und ihnen zu rechter Zeit Regen und Sonnenschein, zuträgliche Nahrung und ungestörten Umiauf der Säfte, und dabei - kluge Gedanken verleihen! » Diesem Urteil völlig bei­zupflichten, liegt nicht in der Richtung dieser Zeitschrift. Sie wird, wenn ihr ein längeres Leben beschieden ist, vielmehr zeigen, daß auf jeden Menschen im Plane der Veredelung der Menschheit gerechnet ist, und daß jeder etwas verliert, der seine Seele nicht zur Wohnung von Idealen macht. Fichtes Worte sollten hier stehen, um zu zeigen, wie eine großden­kende Persönlichkeit über Menschen spricht, deren Geist nicht die Keimkraft des Idealen besitzt; und nicht minder deshalb, um darauf hinzudeuten, daß in einer solchen Persönlichkeit volle Klarheit darüber ist, wie Ideale und Leben sich verhalten. Das Leben muß nach den Idealen geformt werden, - also muß ein Einklang möglich sein zwischen Ideal und Leben.

Dasselbe Leben, das außer dem Menschen die Pflanzen und Tiere belebt, den Kristallen ihre Formen gibt, schafit in dem Menschen die Ideale, die seinem Dasein Sinn und Bedeutung geben. - Wer die Verwandtschaft dieser Ideale mit den Kräf­ten im stummen Gestein, in der sprossenden Pflanze nicht in heller Erkenntnis durchschaut, der wird bald erlahmen, wenn er an die bestimmende Macht dieser Ideale glauben soll. Sind für unser Wissen die Naturgesetze etwas von den Gesetzen unserer Seele Getrenntes, dann verliert sich nur allzuleicht die Sicherheit gegenüber den letzteren. Daß man zu den Natur­gesetzen Vertrauen hat, dazu zwingt der natürliche Beobach­tungssinn, der nicht zuläßt, daß man Augen und Ohren und den Verstand verleugnet. Nur wenn in lebensvollem Zusam­menklang mit diesen Vertrauen erweckenden Gesetzen die Gesetze des geistigen Daseins erscheinen, dann hat man auch

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ihnen gegenüber die gleiche Sicherheit. Dann weiß man, daß sie ebenso sicher im Weltall ruhen, wie die Gesetze des Lichtes, der Elektrizität und des Pflanzenwachstumes. Deshalb wies Goethe einst zurück, was ihm von befreundeter Seite als Glaube nahegebracht werden sollte. Er sagte, er halte sich lie­ber ans Schauen, wie das sein großer Lehrer Spinoza getan habe. Führt den Menschen sein Erkenntnisweg von der Be­trachtung der Natur hinauf bis zu dem, was er als den Rich­tung gebenden Gott in seiner Seele erschaut, dann wird es ihm zuletzt eine selbstverständliche Überzeugung, daß seine Ideale ebenso gelebt werden müssen, wie die Sonne in ihren Bahnen kreisen muß. Eine Sonne, die aus ihrem Geleise trete, störte das ganze Weltall. Das ist leicht einzusehen. Daß es auch ein Mensch tut, der nicht seine Ideale lebt, wird nur der voll zu­geben, der erkennt, wie derselbe Geist im Geleise der Sonne und in den Wegen der Seele tätig ist. Wer die Brücke nicht finden kann zwischen dem gestirnten Himmel über sich und dem moralischen Gesetz in sich, wer das Wissen vom Glauben trennt, dem wird das eine bald den andern stören. Abweisung des einen oder des andern, oder doch mindestens Gleich­gültigkeit gegenüber einem, scheint unausbleiblich.

Es leben genug der Gleichgültigen unter uns. Sie genießen das Licht und die Wärme der Sonne, sie befriedigen ihre, ihnen von den Naturkräften eingepflanzten Alltagsbedürfnisse. Und wenn sie das getan haben, dann ergötzen sie sich noch höch­stens an einer oberflächlichen Literatur und Kunst, die nichts sind, als ein Abglanz und Spiegelbild dieser Alltagsbedürf­nisse. Scheu vorbei gehen solche an den weltumspannenden Fragen, die Jahrtausende lang die Blütegeister der Menschheit bewegt haben. Es geht ihnen nicht sonderlich tief, wenn sie von den «ewigen» Bedürfnissen der Menschen hören, von dem, was Johann Gottlieb Fichte meinte, als er von des Men­schen Bestimmung in den Worten sprach: «Ich hebe mein Haupt kühn empor zu dem drohenden Felsengebirge, und zu dem tobenden Wassersturz, und zu den krachenden, in einem Feuermeer schwimmenden Wolken, und sage: Ich bin ewig

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und ich trotze eurer Macht! Brecht alle herab auf mich, und du Erde, und du Himmel, vermischt euch im wilden Tumulte, und ihr Elemente alle, - schäumet und tobet, und zerreibet im wilden Kampfe das letzte Sonnenstäubchen des Körpers, den ich mein nenne: - mein Wille allein mit seinem festen Plane soll kühn und kalt über den Trümmern des Weltalls schweben; denn ich habe meine Bestimmung ergriffen, und die ist dauernder als ihr; sie ist ewig, und ich bin ewig, wie sie.»

Und warum sind so viele gleichgültig gegenüber dieser Be­stimmung? Weil sie nicht dieselbe zwingende Kraft empfin­den bei den Gesetzen der Seele wie bei denen des körperlichen Daseins. Im Grunde hat heute das Gefühl nur eine andere Gestalt angenommen, das vom Volke des sechzehnten Jahr­hunderts wegen der Trennung von Glauben und Wissen an die Faustgestalt geknüpft worden ist. Faust wollte als Wissen­der den Geist erreichen. Das Volk aber wollte, daß man an den Geist nur glauben solle. Im Faustbuche heißt es deshalb, daß man an Fausts Schicksal «augenscheinlich spüren könne, wo­hin die Sicherheit, Vermessenheit und Fürwitz letztlich einen Menschen treibe und daß sie eine gewisse Ursache sei des Abfalls von Gott ... »

Daß man verdammt werde, wenn man sich dem Geiste er­gibt, glauben die Gleichgültigen nicht. Sie haben dafür die Meinung, daß man von dem Geiste nichts wissen könne; oder wenn sie sich das nicht klar zum Bewußtsein bringen, so küm­mern sie sich wenigstens nicht um ihn. - Die Naturerkenntnis schreitet deshalb vorwärts und mit ihr alles, was durch sie ge­tragen und entwickelt wird. Die Geist-Erkenntnis verküm­mert, und nährt sich höchstens von den ererbten Empfin­dungen der Väter, welche der eine gedankenlos nachempfin­det, der zweite gleichgültig in sich gewähren läßt, der dritte als überwunden belächelt oder verdammt.

Und es ist nicht einmal immer bloße Gleichgültigkeit oder denkende Kritik, die unsere Zeitgenossen veranlassen, sich so zu verhalten. Gar mancher brauchte in dem hastigen Getriebe

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des heutigen Tages nur wirklich einmal einen halben Tag mit sich zu Rate zu gehen, und er fände in seiner Seele verborgene Winkel, in denen Stimmen sprechen, die nur übertäubt sind von dem Gewirre der äußeren Welt. Ein solcher halber Tag Zurückgezogenheit und Stille könnte vernehmlich diese in­nere Stimrne hören lassen, die da spricht: Ist es wirklich des Menschen einziges Schicksal, in der Besorgung dessen aufzu-gehen, was das Leben bringt, um ebenso rasch von diesem Leben auch wieder verzehrt zu werden? - Aber nennt man nicht im Grunde diese Besorgung heute «Menschheitfort­schritt»? Ist es aber eIn Fortschritt im höheren Sinne, was man da im Auge hat? Der unzivilisierte Wilde befriedigt sein Nah­rungsbedürfnis, indem er sich einfache Werkzeuge macht, und auf die nächsten Tiere des Waldes jagt, indem er mit pri­mitiven Mitteln die Körner zermahlt, die ihm die Erde schenkt. Und ihm verschönt das Leben das, was er als «Liebe » emp­findet, und was er in einfacher, wenig über die tierische ragen­der Weise genießt. Der Zivilisierte von heute gestaltet mit feinstem «wissenschaftlichen » Geiste die kompliziertesten Fabriken und Werkzeuge, um dasselbe Nahrungsbedürfnis zu befriedigen. Er umkleidet den Trieb der «Liebe» mit allem möglichen Raffinement, vielleicht auch mit dem, was er Poesie nennt, aber, wer die verschiedenen Schleier hinwegzuheben vermag - der entdeckt hinter all dem dasselbe, was im Wilden als Trieb lebt, wie er hinter dem in Fabriken verkörperten «wissenschaftlichen Geist » das gemeine Nahrungsbedürfnis entdeckt.

Es erscheint fast hirnverbrannt, solches auszusprechen. Aber es erscheint nur denen so, die nicht ahnen, wie ihr ganzes Denken nichts ist, als eine von ihrem Zeitalter ihnen einge­impfte Gewohnheit, und die da doch glauben, ganz «selb­ständig und unabhängig » zu urteilen. - Wir haben es ja doch, nach allgemeiner Meinung, in der «Kultur » so herrlich weit gebracht. Niemand könnte doch die Wahrheit des Ausge­sprochenen leugnen, wenn er wirklich einmal erwägen wollte, wie sich eine rein materielle Zivilisation von der Wildheit und

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Barbarei unterscheidet, wenn er sich einmal wirklich die Stille eines halben Tages gönnen wollte. Ist es denn im höheren Sinne so viel anderes, ob man Getreidekörner mit Reibsteinen zermahlt und in den Wald geht, um Tiere zu jagen; oder ob man Teiegraphen und Telephone in Betrieb setzt, um Getreide von entfernten Orten zu beziehen? Bedeutet es nicht schließ­lich, von einem gewissen Gesichtspunkte aus, dasselbe, ob nun die eine Base der andern erzählt, sie habe in diesem Jahre so und so viel Linnen gewebt; oder ob täglich Hunderte von Zeitungen erzählen, der Abgeordnete X habe eine herrliche Rede gehalten, damit da oder dort eine Eisenbahn gebaut wer­den solle, und wenn diese Eisenbahn zuletzt auch zu nichts dienen soll, als die Gegend Y mit Getreide aus Z zu versorgen. Und endlich: steht es um so viel höher, wenn uns ein Roman­schriftsteller erzählt, in wie raffinierter Weise Eugenius seine Hermine gefreit hat, als wenn der Knecht Franz in naiver Weise erzählt, wie er zu seiner Katharine gekommen ist?

Leute, die es gern vermeiden, sich eine solche Sache klar zu machen, können nur ein Lächeln für diese Gedanken haben. Sie sehen diejenigen, die sie haben, für Träumer und welt­fremde Schwärmer an. Sie mögen vor einem gewissen Urteil «recht» haben. Man hat immer in dieser Art «recht», wenn man das Triviale verteidigt gegenüber dem, was «nur in Ge­danken » erreichbar ist.

Mit jemand zu streiten, ist nicht unsere Sache. Wir stellen nur hin, was wir als Wahrheit erkannt zu haben glauben; und warten ab, bis sich der Widerhall in den Herzen anderer findet. Denn wir tragen die Überzeugung in uns, daß, sobald der Mensch nur will, sich die Stimme in ihm regt, die ihm von seiner ewigen Bestimmung spricht. - Soweit die Zeiten zu­rückreichen, von denen uns die Überlieferungen der Völker berichten, hat diese Stimme immer gesprochen. Welcher Feuereifer ist darauf gewendet worden, die Wahrheit der Bibel auszulegen, die dann Faust eine Weile «hinter die Tür »legen wollte. In der stillen Klosterzelle hat der einsame Mönch sein Gehirn zermartert, um den Sinn des geschriebenen Wortes

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zu ergründen, vor dem Altare hat er in nächtelangen Übungen sich die Knie wand gemacht, um Erleuchtung zu finden über dieses Wort. Dann ist er hinaufgestiegen auf die Kanzel, um in inbrünstiger Rede den nach ihrer ewigen Bestimmung rin­genden Menschen zu künden, was ihm die Einsamkeit seines Herzens geschenkt. - Und andere, weniger schöne Bilder stellen sich vor uns hin, wenn wir auf den nach Wahrheit dürstenden Menschengeist blicken. Die Scheiterhaufen der Inquisition, die Verfolgungen der Ketzer treten vor unserer Seele auf, in denen sich der zum Fanatismus oder wohl auch zur Heuchelei und Machtgier gewordene Sinn für das «Wort »auslebte. - Wieder blicken wir auf die Gestalt des Faust. Das Volk des sechzehnten Jahrhunderts läßt ihn vom Teufel holen, weil er ein Wissender werden wollte, und nicht ein bloßer Gläubiger. Goethe spricht ihm die Erlösung zu, weil er nicht in dumpfer Gläubigkeit geblieben ist, sondern immer «stre­bend sich bemüht » hat. - Das bedeutsame Symbol der Weis­heit, die uns durch Forschung gegeben wird, ist Luzifer, zu deutsch der Träger des Lichtes. Kinder des Luzifer sind alle, die nach Erkenntnis, nach Weisheit streben. Die chaldäischen Sternkundigen, die ägyptischen Priesterweisen, die indischen Brahmanen: sie alle waren Kinder des Luzifer. Und schon der erste Mensch wurde ein Kind des Luzifer, da er sich von der Schlange belehren ließ, was «gut und böse » sei. Und alle diese Kinder des Luzifer konnten auch Gläubige werden. Ja, sie mußten es werden, wenn sie ihre Weisheit recht verstanden. Denn ihre Weisheit ward ihnen eine «frohe Botschaft». Sie kündete ihnen den göttlichen Urgrund von Welt und Mensch. Was sie durch ihre Erkenntniskraft erforscht hatten, das war das heilige Weltgeheimnis, vor dem sie in Andacht knieten, das war das Licht, das ihren Seelen die Wege zu ihrer Bestim­mung wies. Ihre Weisheit in andächtiger Verehrung geschaut, das ward Glaube, das ward Religion. Was ihnen Luzifer ge­bracht, das leuchtete vor den Augen ihrer Seele als Göttliches. Dem Luzifer verdankten sie, daß sie einen Gott hatten. Es heißt das Herz mit dem Kopfe entzweien, wenn man Gott zum

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Gegner des Luzifer macht. Und es heißt, den Enthusiasmus des Herzens lahmlegen, wenn man es macht, wie unsere Ge­bildeten, welche die Erkenntnis des Kopfes nicht erhebt zur religiösen Hingabe.

Wie betäubt stehen viele vor den Entdeckungen der Natur­wissenschaft. Das Fernrohr, das Mikroskop, der Darwinis­mus: sie scheinen anders zu sprechen über Welt und Leben als die heiligen Bücher der Väter. Und Kopernikus, Galilei, Dar­win sprechen mit überzeugender Kraft. Kinder des Luzifer sind sie unserer Zeit. Aber sie können für sich allein keine «frohe Botschaft » sein. Sie tragen ihr Licht noch nicht hinauf zu den Höhen, zu denen die Menschheit einst geblickt hat, wenn sie die Heimat der Seele suchte. Deshalb mögen sie wohl dem Frommen noch immer als die bösen Geister erscheinen, die den Menschen gleich Faust ins geistige Verderben stürzen. Ihnen mag Luzifer noch immer als Widersacher Gottes vor Augen stehen. - Die aber, die einzig erfüllt sind von dem, was ihnen auf den Wegen «moderner » Wissenschaft Luzifer ver­kündet, werden durch ihn zur Gleichgültigkeit gegen ihre göttliche Sendung wahrhaft verführt. Ihnen ist Luzifer in der Tat nur der «Fürst dieser Welt». Er kündigt ihnen, wie die Planeten um die Sonnen kreisen, wie die unvollkommenen Lebewesen zum Menschen wurden; aber er spricht nicht zu ihnen von dem, was in ihnen dem «drohenden Felsengipfel, den in einem Feuermeer schwimmenden Wolken » trotzt. -Kalte, nüchterne Anziehungskräfte hat die Astronomie dahin versetzt, wo einstmals Seraphime aus Liebe zu Gott die Wel­tenkörper kreisen machten. Wenn noch der große Naturforscher des achtzehnten Jahrhunderts, Carl von Linne, davon sprach, daß so viele Arten von Pflanzen und Tieren seien, als göttliche Kraft ursprünglich geschaffen, so überzeugt heute die Naturwissenschaft, daß diese Arten aus sich selbst vom Unvollkommenen zum Vollkommenen sich gewandelt haben. Bin ganz öder Geselle scheint Luzifer geworden zu sein. Seine Botschaft scheint ungeeignet, die Andacht des Herzens zu ent­zünden. Hat er denn die Menschen nicht zu Meinungen ge­führt,

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wie sie vor nicht langer Zeit ein bei vielen beliebter «Freigeist » schrieb: «Der Gedanke ist eine Form der Kraft. Wir gehen mit derselben Kraft, mit der wir denken. Der Mensch ist ein Organismus, der verschiedene Formen der Kraft in Gedankenkraft umwandelt, ein Organismus, den wir mit dem, was wir nennen, in Tätigkeit erhalten, und mit dem wir das, was wir Gedanken nennen, produzieren. Welch ein wundervoller chemischer Prozeß, der ein bloßes Quantum Nahrung in die göttliche Tragödie eines verwan-dein konnte! » -

So zu sprechen vermag nur derjenige, der die Reden des modernen Luzifer nicht zu Ende hört. Aber nur allzu viele sprechen ihm nach, ja sind vielleicht froh darüber, daß ihr Lehrer zu früh aus Luzifers Schule gelaufen ist.

Einer derjenigen, die unter dem Eindrucke der neuen Na­turwissenschaft den «alten Glauben » bekämpften, David Friedrich Strauß, meinte: «Daß von dem Glauben an Dinge, von denen zum Teil gewiß ist, daß sie nicht geschehen sind, zum Teil ungewiß, ob sie geschehen sind, und nur zum ge­ringsten Teil außer Zweifel, daß sie geschehen sind, daß von dem Glauben an dergleichen Dinge des Menschen Seligkeit abhängen sollte, ist so ungereimt, daß es heutzutage keiner Widerlegung mehr bedarf. » - Aber was allein mit solchen Worten gesagt sein kann, das hat bereits ein Bekenner des «alten Glaubens » im dreizehnten Jahrhundert viel herrlicher gesagt. Der große Mystiker Eckhart lehrt: «Ein Meister spricht: Gott ist Mensch geworden, davon ist erhöhet und gewürdigt das ganze menschliche Geschlecht. Dessen mögen wir uns freuen, daß Christus, unser Bruder, ist gefahren von eigener Kraft über alle Chöre der Engel und sitzet zur Rech­ten des Vaters. Dieser Meister hat wohl gesprochen; aber wahrlich, ich gebe nicht viel darum. Was hülfe es mir, hätt' ich einen Bruder, der da wäre ein reicher Mann und ich wäre da­bei ein armer Mann? Was hülfe es mir, hätt' ich einen Bruder, der ein weiser Mann wäre, und ich wäre ein Tor? ... » Hätte jedoch der Meister Eckhart Straußens Worte gehört, so hätte

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er wohl erwidern können: Dein Spruch ist wahr, und es soll dagegen kein anderer Einwand erhoben werden, als daß er banal ist. Aber ebenso selbstverständlich ist noch etwas anderes: Daß von den Wahrheiten, die uns das Fernrohr und das Mikroskop, daß von den Vorstellungen, die Darwin sich machte über den Werdegang der Lebewesen, etwas für das Schicksal der Menschenseele folgen sollte, ist «so ungereimt, daß es in kürzester Zeit keiner Widerlegung mehr bedürfen sollte». Denn der Meister Eckhart hat zu seiner Rede hinzugefügt: «Der himmlische Vater gebiert seinen eingebornen Sohn in sich und in mir. Warum in sich und in mir? Ich bin eins mit ihm, und er vermag mich nicht auszuschließen. In demselben Werk empfängt der heilige Geist sein Wesen und wird von mir, wie von Gott. Warum? Ich bin in Gott, und nimmt der heilige Geist sein Wesen nicht von mir, nimmt er es auch nicht von Gott. Ich bin auf keine Weise ausgeschlos­sen.» In solchem Sinne müßte man zu den modernen «Freigeistern » sagen: Der ewige Weltengeist gebiert sein Wesen wie in den Sternen, wie in den Pflanzen und Tieren, in mir. Warum in mir? Ich bin eins mit ihm, wie Sterne, Tiere und Pflanzen eins mit ihm sind; und er vermag mich in keiner Weise auszu­schließen. In demselben Sinne empfängt der Geist der Wahrheit sein Wesen, wenn ich meine Seele erforsche, wie er es empfängt, wenn ich die Außenwelt erforsche. Was hülfe es mir, wenn ich die Gesetze der Sternenbahnen erforschte und nicht erkennen könnte, wie die Kräfte, welche die Sterne bewegen, auf höherer Stufe in meiner Seele leben, und sie zu ihren Zielen führen?

Wer auf den Wegen der neuen Naturforschung wandeln und dabei die Gesetze der Seele erforschen will, der sollte in erneuter Form die Worte des Mystikers Angelus Silesins aus dem siebzehnten Jahrhundert zu sich sprechen lassen:

«Wird Christus tausendmal in Bethlehem geboren

Und nicht in dir: du bleibst doch ewiglich verloren.»

Heute kann man in demselben Sihne sagen: Geht dir die Herrlichkeit des Weltenbaues tausendmal auf, und du findest

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nicht, wie das Gesetz des gestirnten Himmels in deiner eigenen Seele lebt, «du bleibst doch ewiglich verloren».

Mit den Tatsachen des Geisteslebens wird sich diese Zeit­schrift beschäftigen. Davon will sie sprechen, was derjenige hört, der bei Luzifers Reden bis zu Ende bleibt. Der wahre Geist der neuen Naturwissenschaft soll in ihr keinen Gegner, sondern einen Verbündeten finden. Wie einst die Weisen der Vedantaphilosophie, wie die ägyptischen Priesterforscher in ihrer Art von ihrer Natur-Erkenntnis hinaufgestiegen sind zur Geist-Erkenntnis, so will sie von den Wahrheiten, die im Geiste unserer Zeit gehalten sind, hinaufsteigen zu den Höhen, wo die Erkenntnis «frohe Botschaft » wird, wo das Wissen von dem Herzen mit Andacht empfangen wird, wo die Ideale ge­formt werden, die uns weiter leiten, als die Sterne von ihren Kräften geleitet werden.

Und näher als jeglicher Gegenstand der Natur liegt dem Menschen, was hier zur Sprache kommt: Der Menschengeist. Wovon zu jedem hier gesprochen wird, ist ja nichts anderes als er selbst. Er selbst, der sich scheinbar so nahe steht, und den die wenigsten doch kennen, ja, den kennen zu lernen viele so wenig Bedürfnis haben. Für diejenigen, welche das Licht des Geistes suchen, soll Luzifer ein Bote sein. Er will nicht spre­chen von einem Glauben, welcher der Erkenntnis fremd ist. Er wird sich nicht in die Herzen schmeicheln, um den Tor­hüter der Wissenschaft zu umgehen. Er wird jegliche Achtung diesem Torhüter entgegenbringen. Er wird nicht Frömmig­keit, nicht Gottseligkeit predgeu, sondern er wird die Wege zeigen, die das Wissen gehen muß, wenn es sich aus sich selbst in religiöse Empfindung, in andächtiges Versenken in den Weltengeist wandeln will. Luzifer weiß, daß die leuchtende Sonne nur im Herzen eines jeden einzelnen aufgehen kann; aber er weiß auch, daß allein die Pfade der Erkenntnis es sind, die den Berg hinaufführen, wo die Sonne ihr göttliches Strahlen-kleid erscheinen laßt. Luzifer soll kein Teufel sein, der den strebenden Faust zur Hölle führt; er soll ein Erwecker derer sein, die an die Weisheit der Welt glauben und sie in das Gold

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der Gottesweisheit wandeln wollen. Luzifer will Kopernikus, Galilei, Darwin und Haeckel frei ins Auge schauen; aber auch den Blick nicht senken, wenn die Weisen von der Heimat der Seele sprechen.

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Meditation

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Frage: Du strebst nach Selbsterkenntnis? Wird dein soge­nanntes Selbst für das Ganze der Welt morgen mehr bedeuten als heute, wenn du es erkannt hast?

Erste Antwort: Nein, wenn du morgen nichts anderes bist als heute, und dein Erkennen von morgen nur dein Sein von heute wiederholt.

Zweite Antwort: Ja, wenn du morgen ein anderer bist als heute, und dein neues Sein von morgen die Wirkung deines Erkennens von heute ist.

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EINWEIHUNG UND MYSTERIEN

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Einen «Garten der Reife » nennen alte Weise den Ort, den der Mensch betritt, wenn die Geheimnisse der Welt ihm offenbar werden. Keine Blume sei in dem Garten, die nicht ihre Frucht, kein Ei, das nicht das in ihm keimende Leben gereift hätte. Aber als dunkel und gefahrvoll werden zugleich die Pfade ge­schildert, die zur «engen Türe » führen, durch die dieser Gar­ten abgeschlossen ist. Zugleich wird versichert, das Dunkel werde heller als die Sonne, die Gefahren machtlos gegen die in der Seele schwellenden Kräfte für den, welchem ein Myste, ein «Eingeweihter» mit sorgender Hand diese Pfade weist. Als kindliche Vorstellungen einer Zeit, in der man nichts ahnte von den Wissenschaften unserer Tage, wird solches bei­seite geschoben von dem «Aufgeklärten», der unterscheiden zu können vermeint zwischen den Wahngebilden «tastender Einbildungskraft » und den nüchternen Einsichten eines «wissenschaftlich geschulten » Verstandes. Und wer dennoch heute von solchen Vorstellungen spricht, der darf sicher sein, daß er bei vielen seiner Zeitgenossen, wenn nicht auf ein hoch­mütiges, so doch wenigstens auf ein mitleidiges Lächeln stößt.

Und trotz alledem gibt es solche, die heute ähnlich wie jene alten Weisen von der Welt der Seele und der Heimat des Gei­stes sprechen. Sie werden für Personen gehalten, die von einer Welt reden, die ihnen nur ihre zügellose Phantasie vorspiegelt. Man bedauert wohl gar, daß sie, mitten in einer Welt, die durch nüchterne Logik so unendlich viel erreicht hat, als Trunkene taumeln, die in jedem Augenblick die Sicherheit verlieren, weil sie sich nicht an das halten, was «tatsächlich» vorhanden ist.

Was sagen nun diese «Trunkenen » selbst zu solcher Widerrede? Wenn sie sich auf der Höhe fühlen, auf der ihnen ein Recht erteilt wird, über sich zu sprechen, dann hört man aus ihrem Munde das Folgende : Wir verstehen euch, die ihr unsere Widersacher sein müßt, ganz genau. Wir wissen, daß viele von euch ehrliche Leute sind, die sich rücklialtlos in den Dienst

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des Wahren und Guten stellen. Aber wir wissen auch, daß ihr uns nicht verstehen könnt, solange ihr so denkt, wie ihr eben denkt. Über die Dinge, von denen wir zu sprechen haben, können wir mit euch erst sprechen, wenn ihr euch bemüht ha­ben werdet, unsere Sprache zu erlernen. - Nach diesem unseren Ausspruch werden wohl viele von euch mit uns fertig sein, denn sie werden nun zu erkennen glauben, daß sich zu unserer phantastischen Schwärmerei auch noch unser unheilbarer Hochmut gesellt. Wir aber verstehen euch auch in solcher Be­hauptung, und wir wissen zugleich, daß wir nicht hochmütig, sondern bescheiden zu sein haben. Um euch zu dem Versuch zu bewegen, auf unsere Vorstellungen einzugehen, haben wir nur eines zu sagen. Ihr dürft uns glauben, daß wir niemandem ein echtes Recht zugestehen, über unsere Erkenntnisse mitzu­sprechen, der euch nicht nachfühlen kann, was euch zu euren Behauptungen drängt, und der nicht die Kraft, die überzeu­gende Gewalt und Tragweite eurer Wissenschaft gründlich kennt. Wer nicht das sichere Wissen in sich trägt, daß er so nüchtern, so «wissenschaftlich » denken kann, wie der nüch­ternste Astronom, Pflanzen- und Tierforscher, der sollte in Dingen des geistigen Lebens, in mystischen Erkenntnissen nur ein Lernender, kein Lehrender sein. Aber man mißverstehe uns nicht: wir sprechen nur von Lehrenden, nicht von Lernen­den. Ein Schüler der Mystik kann jeder Mensch werden, denn in jedes Menschen Seele liegen die Ahnungsvermögen, die sich der Wahrheit erschließen. Zu den Unwissendsten sollte der Mystiker verständlich sprechen. Und denen, welchen er nach dem Grade ihres Verständnisses nicht ein Hundertstel der Wahrheit sagen kann, er sage ihnen ein Tausendstel. Heute erkennen sie das Tausendstel, und morgen werden sie das Hundertstel erkennen. Alle sollen Lernende sein. Aber keiner sollte Lehrender sein wollen, der nicht des nüchternsten Ver­standes und der strengsten Wissenschaft Disziplin an sich wirken lassen kann. - Nur die sind wahre Lehrer der Mystik, die vorher strenge Wissenschafter gewesen sind, und die des­halb wissen, wie es sich in der Wissenschaft lebt. Auch der

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wahre Mystiker sieht jeden für einen Phantasten, für einen Trunkenen an, der nicht in jedem Augenblicke der Mystik ernstes Feiertagskieid ausziehen, und im Wochentagsanzug des Physikers, des Chemikers, des Pflanzen- und Tierforschers einhergehen könnte. - So spricht der echte Mystiker zu seinen Gegnern; in aller Bescheidenheit versichert er ihnen, daß er ihre Sprache versteht, und daß er sich kein Recht zugestände, Mystiker zu sein, wenn er sich unkundig in ihrer Sprache wüßte. - Dann aber darf er auch hinzufügen, daß er weiß, so weiß, wie man Tatsachen des äußeren Lebens weiß: im Falle seine Gegner seine Sprache erlernen, werden sie aufhören, seine Gegner zu sein. Er weiß das, wie jeder Mann, der Chemie studiert hat, weiß, daß unter gewissen Bedingungen aus Sauerstoff und Wasserstoff Wasser wird.

Daß Plato niemand in die höheren Stufen der Weisheit ein­führen wollte, welcher der Geometrie unkundig war, bedeutet nicht, daß er nur gelehrte Geometer zu seinen Schülern machte, sondern, daß diese sich an ernstes, strenges und genaues For­schen gewöhnt haben mußten, bevor ihnen die Geheimnisse des Geisteslebens erschlossen wurden. Eine solche Forderung erscheint in rechtem Lichte, wenn man bedenkt, daß in diesen höheren Gebieten die Kontrolle aufhört, die den gewöhn­lichen Forscher auf Schritt und Tritt korrigiert. Wenn der Pflanzenforscher sich falsche Vorstellungen macht, so werden ihn bald seine Sinne über seinen Irrtum aufklären. Er verhä]t sich dem Mystiker gegenüber wie derjenige, der auf ebenem Wege geht, zum Bergsteiger. Der eine kann zu Boden fallen; er wird sich nur in Ausnahmefällen töten; dem andern steht diese Gefahr immer bevor. Und gewiß kann niemand Berge besteigen, der nicht gehen gelernt hat. - Weil geistige Tat­sachen nicht in derselben Art die Vorstellungen korrigieren wie äußere Tatsachen, ist strengstes, zuverlässiges Denken eine ganz selbstverständliche Voraussetzung für den mysti­schen Forscher.

Gibt man sich solchen Gedanken hin, so erkennt man, was jene alten Weisen meinten, wenn sie von den Gefahren sprachen,

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die dem Menschen drohen, der zu den Geheimnissen der Welt vordringen will. Wer mit ungeschultem Denken zu ihnen kommt, in dessen Seele richten sie Verwirrung an. Sie werden gefährlich wie eine Dynamitbombe in den Händen eines Kin­des. Daher tritt an jeden mystischen Forscher die strenge For­derung heran, daß sich die Richtigkeit seines Denkens, ja sei­nes ganzen Seelenlebens an schwierigen, dornenvollen Auf­gaben erst erprobe, bevor er den eigentlichen höheren Auf­gaben sich nähert. - Das ist eine Hindeutung darauf, was der Mystiker im Sinne hat, wenn er von den ersten Stufen der «Einweihung» in die höheren Wahrheiten spricht.

Unzählige, die glauben auf der Bildungshöhe unserer Zeit zu stehen, halten gesundes Denken und Mystik für unversöhn­liche Gegensätze. Sie meinen, eine klare wissenschaftliche Er­ziehung müsse in dem Menschen alle mystischen Neigungen austilgen. Und besonders unbegreiflich finden sie es, wenn je­mand solche Neigungen hat, dem die wichtigsten Ergebnisse der neueren Naturwissenschaft bekannt sind. Wenn die recht hätten, die also denken, dann müßte man wohl zugeben, daß Mystik in der Gegenwart wenig Aussicht habe, den Zugang zu den Seelen unserer Zeitgenossen zu finden. Denn niemand, der Verständnis für die geistigen Bedürfnisse dieser Gegen­wart hat, kann zweifeln, daß die Siege vollberechtigt sind, wel­che die Naturwissenschaft errungen hat, und noch erringen wird. Es muß ohne Einschränkung zugegeben werden, daß heute sich niemand ungestraft an dem Geiste echter naturwis­senschaftlicher Denkungsart versündigen darf. - Und dennoch: wer Augen hat, zu sehen, muß ebenso zugeben, daß die Zahl derer immer größer wird, die sich unbefriedigt fühlen bei dem, was naturwissenschaftliche Denker über die unabweislichen Fragen der menschlichen Seele vorzubringen haben. Fast schüchtern versenken solch Unbefriedigte sich in die Werke der Mystiker. Da finden sie, wonach ihre Seelen dürsten. Da strömt ihnen entgegen, wessen ihr Herz bedarf: wirkliche gei­stige Lebensluft. Sie fühlen dabei das Wachstum ihrer Seele; sie

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finden, wonach der Mensch unaufhörlich doch suchen muß: den Hauch eines Göttlichen. - Aber unaufhörlich schärft man ihnen immer wieder und wieder cm: sie mußten durch die Na­turwissenschaft klares, ruhiges Denken lernen, und sich nicht durch Phantasten und Schwärmer bestricken lassen. - Kom­men sie dann etwa einer solchen Aufforderung nach, so erfahren sie nur, daß ihre Seele verödet.

Es bleibt aber eine tief in jedes Menschenherz eingegrabene Wahrheit, daß die Natur des Menschen große Lehrmeisterin ist. Wer könnte es Goethe nicht nachfühlen, wenn er davon spricht, daß er sich von den Verirrungen und Disharmonien der Menschen immer wieder gerne zu den ewigen Notwendig­keiten der Natur zurückziehe. - Und wer könnte, ohne rück­haltlose Zustimmung, die Worte lesen, mit denen der große Dichter die Empfindungen schildert, die ihn überkamen bei einer einsamen Betrachtung der ehernen Gesetze, nach denen die Natur Gebirge bildet: «Auf einem hohen nackten Gipfel sitzend und eine weite Gegend übers chauend, kann ich mir sa­gen: Hier ruhst du unmittelbar auf einem Grunde, der bis zu den tiefsten Orten der Erde hinreicht ... In diesem Augen­blicke, da die innern anziehenden und bewegenden Kräfte der Erde gleichsam unmittelbar auf mich wirken, da die Einflüsse des Himmels mich näher umschweben, werde ich zu höheren Betrachtungen der Natur gleichsam hinaufgestimmt ... So einsam, sage ich zu mir selber, indem ich diesen nackten Gipfel hinab sehe, ... so einsam wird es dem Menschen zu Mute, der nur den ältsten, ersten, tiefsten Gefühlen der Wahrheit seine Seele eröffnen will. Ja, er kann zu sich sagen: hier auf dem älte­sten ewigenAltare, derunmittelbaraufdie Tiefe der Schöpfung gebaut ist, bring ich dem Wesen aller Wesen ein Opfer.»

Nur selbstverständlich ist es, daß man solche Gesinnung, mit der man ehrfürchtig vor der großen Lehrmeisterin Natur steht, auch auf die Wissenschaft überträgt, die von ihr spricht.

Es darf kein Widerspruch bestehen zwischen den Gefühlen, welche die Seele durchströmen, wenn sie sich den «ältsten, ersten, tiefsten Wahrheiten » über das geistige Leben nähert,

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und denen, die in sie einziehen, wenn das Auge auf der ewigen Bautätigkeit der Natur ruht.

Hat der Mystiker für solche Harmonie der Natur mit den heiligsten Gefühlen der menschlichen Seele kein Verständnis?

Aber über dem Altare, an dem der wahre Mystiker seine Opfer darbringt, stand zu allen Zeiten, in die des Menschen Forschung reicht, mit Flammenschrift als höchstes Gesetz: «Die Natur ist der große Führer zum Göttlichen; und des Menschen bewußtes Suchen nach den Quellen der Wahrheit sofifolgen den Spuren ihres schlafenden Willens. »

Folgen die Mystiker diesem ihrem höchsten Gesetz, so sollte kein Gegensatz sein zwischen ihren Wegen und jenen, welche die Erforscher der Natur wandeln. Am wenigsten sollte ein sol­cher Gegensatz in einem Zeitalter zutage treten, das der Natur­wissenschaft Unsägliches verdankt.

Um in dieser Richtung klar zu sehen, muß gefragt werden: worinnen kann denn die Übereinstimmung zwischen Natur­wissenschaft und Mystik bestehen? Und worinnen würde ein Gegensatz liegen? - Die Übereinstimmung kann doch nur darin gesucht werden, daß die Vorstellungen, die man sich über das Wesen des Menschen macht, nicht fremd sind denen, die man von den andern Wesen der Natur hat. Daß man eine Art von Gesetzmäßigkeit in dem Wirken der Natur und in dem Leben des Menschen sieht. Ein Gegensatz würde dann beste­hen, wenn man in dem Menschen ein Wesen völlig anderer Art erblicken wollte als in den anderen Geschöpfen der Natur. Für diejenigen, die einen Gegensatz in dieser Weise wollen, wirkte es erschütternd, als vor mehr als vier Jahrzehnten der große Forscher Huxley, aus dem Geiste der neueren Natur­wissenschaft heraus, wegen der Ähnlichkeit der anatomischen Beschaffenheit die nahe Verwandtschaft des Menschen mit den höheren Tieren in die Worte zusammenfaßte: «Wir können ein System von Organen nehmen, welches wir wollen, die Ver­gleichung derselben in der Reihe der Affen führt uns zu einem und demselben Resultate: daß die anatomischen Verschieden­heiten, welche den Menschen vom Gorilla und Schimpansen

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scheiden, nicht so groß sind, als die, welche den Gorilla von den niedrigeren Affen trennen. » - Solch ein Satz kann nur dann erschütternd wirken, wenn man ihn in eine falsche Beziehung zum Wesen des Menschen bringt. Gewiß, es kann sich daran der Gedanke knüpfen: wie nahe steht doch der Mensch dem Tiere! Diese nahe Verwandtschaft hat für den Mystiker nichts Bedenkliches. Denn für ihn stellt sich sofort der andere Ge­danke ein: wie können doch die Organe, die beim Tiere vor­handen sind, höheren Zielen dienen, wenn sie zu menschlichen umgebildet sind. Er weiß, daß der schlafende Wille der Natur aus tierischer Wahrnehmung menschliche macht, indem er die tierischen Organe in anderer Form entwickelt. Er folgt den sicheren Spuren der Natur und setzt ihre Taten fort. Für ihn ist das Werk der Natur mit dem nicht abgeschlossen, was sie ihm geschenkt hat. Er wird dadurch ein treuer Schüler der Na­tur, daß er ihr Werk erhöht. Sie hat ihn bis zum menschlichen Denken und Empfinden gebracht. Er nimmt Denken und Empfinden nicht als Starres, Unbewegliches hin, sondern macht sie zu höhe?en Tätigkeiten fähig. Durch seinen Willen ge­schieht, was in der äußeren Natur ohne diesen vor sich geht. Seine Augen beweisen, daß Augen noch zu anderem fähig sind, als sie beim Affen verrichten. Augen können somit umgebil­det werden. - Des entwickelten Mystikers Seelenvermögen verhalten sich zu denen des unentwickelten Menschen, wie sich menschliche Augen zu Affenaugen verhalten. Es ist be­greiflich, daß, wer nicht Mystiker ist, so wenig die Seelenart des Mystikers versteht, wie das Tier das Denken des Menschen verstehen kann. - Und wie einem nichtdenkenden Geschöpfe eine neue Welt aufginge, wenn es in sich die Fähigkeit des Den­kens entwickeln könnte, so blickt der Mystiker, nachEntwicke­lung seiner höheren Fähigkeiten, in eine andere Welt. Er ist in diese Welt «eingeweiht». Wer nicht Mystiker wird, verleugnet die Natur. Er setzt nicht fort, was ihr schlummernder Wille ohne ihn vollbracht hat. Dadurch stellt er sich in Gegensatz zur Natur. Denn diese bildet ihre Formen fortwährend um. Sie schafft ewig Neues aus dem Alten. Wer im Sinne der neueren

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Naturwissenschaft an diese Umgestaltung, an diese Entwicke-lung glaubt, und dennoch sich nicht selbst wandeln will, der erkennt zwar die Natur; aber er stellt sich in seinem eigenen Leben in Widerspruch mit ihr. Man soll nicht bloß Entwicke­lung erkennen; man soll sie leben. Also begrenze man unsere Lebensfähigkeiten nicht dadurch, daß man ausschließlich auf unsere Verwandtschaft mit den übrigen Wesen hinweist. - Wer in mystischer Erziehung ein treuer Schüler der Natur wird, dem geht der Sinn auf für Höherentwickelung des Menschen.

Viele werden zu diesen Andeutungen über Mystik und «Einweihung » sagen: «Was nützt uns solches Reden von Fä­higkeiten, die uns unbekannt sind. Gebt uns diese Fähigkeiten, und wir werden euch glauben. » - Niemand kann einem ande­ren etwas geben, das dieser zurückweist. Und schroffe Zurück­weisung ist es zumeist, was unsere Mystiker erfahren. - Sie können gegenwärtig nicht viel anderes tun, als denen ihre mystischen Erkenntnisse erzählen, die zuhören wollen. Das scheint allerdings zunächst so, als wenn man dem von Amerika bloß erzählte, der von uns verlangt, daß wir ihm einen Besuch dort ermöglichen. Aber es scheint eben nur so. Mit geistigen Dingen ist es anders als mit physischen. Lange bevor der Mensch die Wahrheit in hellem Lichte zu schauen imstande ist, vermag er sie zu ahnen und in sein Gefühl aufzunehmen. Und dieses Gefühl ist selbst eine Kraft, die ihn weiterführen kann. Es ist eine Stufe, die notwendig ist. Wer mit Hingebung der Darstellung des Mystikers folgt, der schreitet bereits den Pfad vorwärts zu den höheren Wahrheiten. - Nur der Eingeweihte versteht ganz den Eingeweihten. Aber die Liebe zum Wahren macht auch den Uneingeweihten empfänglich für die Worte des Mystikers. Und durch solche Empfänglichkeit arbeitet er daran, seine mystischen Anlagen zu erschließen. Das erste ist, daß man für die Moglichkeit höherer Erkennmisse eine Empfin­dung habe. Dann geht man nicht mehr achtlos vorbei an den Personen, die von ihnen sprechen.

Es ist in diesem Aufsatze bereits gesagt worden, daß es auch gegenwärtig Persönlichkeiten gibt, die sich um die Erneue­rung

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mystischen Lebens bemühen. In einem weiteren Aufsatze soll von zwei Erscheinungen dieses Gebietes gesprochen wer­den. Von Annie Besants Buch «Esoterisches Christentum, oder die kleineren Mysterien». (Es ist soeben in deutscher Uber-setzung von Mathilde Scholl erschienen. Leipzig 1903, Grie­bens Verlag.> Und von dem Werk des genialischen französi­schen Denkers und Dichters Edouard Schuré: «Die großen Ein­geweihten » («Les grands Initiés»). Beide Bücher verbreiten Licht über das Wesen der sogenannten Einweihung oder Initiation. Annie Besant zeigt, wie das Christentum als Werk solcher Einweihung verstanden sein soll. Edouard Schuré entwirft Bil­der der größten Führer der Menschheit auf dem Grunde seiner Überzeugung, daß die großen Bekenntnisse und Weltanschau­ungen, die von ihnen der Menschheit geschenkt worden sind, ewige Wahrheiten bergen, die man nur in ihnen finden und aus ihnen herausholen müsse. - Beide Schriften erfahren ihre Berechtigung nur auf dem Boden der Mystik. Sie sind aus der­jenigen geistigen Strömung unserer Zeit hervorgegangen, die bestimmt ist, die Menschheit aus einer rein äußerlichen Kultur zur Höhe geistiger Anschauung zu erheben. Es wird eine Zeit kommen, in der «wissenschaftliches Denken » dieser Strömung nicht mehr wird feindlich gegenüberstehen können. Dann wird die Naturwissenschaft erkennen, daß sie selbst Mystik sein muß. Denn sie wird einsehen, daß man den Geist nicht be­greift, indem man ihn leugnet, und daß man gegen die Natur­gesetze sich nicht auflehnt, wenn man die geistigen sucht. Man wird die Mystiker nicht mehr als Finsterlinge bezeichnen, denn man wird wissen, daß nurfär ihre Gegner das Gebiet dunkel ist, von dem sie sprechen.

Und über die «Einweihung » wird man ebensowenig spot­ten, wie man gegenwärtig über die Forderung spottet, daß der­jenige erst das Mikroskopieren lernen muß, der über das Leben kleinster Organismen forschen will. Zur Forschung gehört die Erfüllung gewisser Vorbedingungen. Diese Bedingungen sind für den angehenden Mystiker allerdings nicht solche, die in äußerer Technik, sondern in der Pflege einer bestimmten Rich­tung

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des seelischen Lebens bestehen. Durch diese Pflege wird der Sinn erschlossen für Wahrheiten, die nicht von Vergäng­lichem reden, sondern von dem, wovon - in Goethes Worten -das Vergängliche «nur ein Gleichnis ist». - Im Schoße des menschlichen Daseins ruhen höhere Fähigkeiten, wie im Schoße der Blume die Frucht ruht. - Und deshalb sollte kein Wesen die Vermessenheit haben, zu sagen, daß in seiner Welt etwas Erschöpfendes, Fertiges liege. Hat ein Mensch solche Vermessenheit, so gleicht er dem Wurm, der die Welt seiner Sinne für den Umkreis des Daseins hält.

Einen «Garten der Reife » nennt man den Ort, wo die Ge­heimnisse der Welt offenbar werden. Um sich diesem Orte zu nähern, muß der Mensch selbst den Willen zu seiner Reifung haben. «Du mußt die Eierschalen deines alltäglichen Wesens abstreifen, und das in dir verborgene innere Leben erwecken, so du willst durch die in den eintreten. »

Gleich vielen großen Persönlichkeiten sprach Goethe man­ches aus dem tiefsten Schachte seiner Einsicht nicht in breiter, umständlicher Rede, sondern in kurzen, oft rätselhaften An­deutungen aus. Solch eine Andeutung ist in seinem Spruche enthalten: «In den Werken des Menschen, wie in denen der Natur, sind eigentlich die Absichten vorzüglich der Aufmerk­samkeit wert.» In seiner vollen Tiefe wird dieser Satz erkannt, wenn man ihn auf die bedeutungsvollsten Erscheinungen des menschlichen Geisteslebens anwendet. - Denn so wie wir Sinn und Verständnis für die Handlungen eines einzelnen Menschen erst gewinnen, wenn wir seine Absichten erkennen, so ergeht es uns auch mit der Geschichte des ganzen menschlichen Ge­schlechtes. Aber welche Kluft besteht zwischen dem Beobach­ten der Handlungen, die offen zu Tage liegen, und dem Er­kennen der Absichten, die im Verborgenen der Seele ruhen! Man kann ein Zwerg an Einsicht und Verstand gegenüber einem andern sein: seine Handlungen wird man beobachten können. Man muß von seiner Geistesart und Seelenhöhe etwas

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haben, wenn man seine Absichten durchschauen will. Hat man es nicht, so bleibt det Quell seines Handelns ein Geheimnis, ein Rätsel, zu dessen Lösung der Schlüssel fehlt. Nicht anders ist es mit den großen Taten der menschlichen Geistesge­schichte. Diese Taten selbst liegen vor dem Blicke des Ge­schichtsbetrachters offen zu Tage: die Absichten ruhen in ge­heimnisvollen Tiefen. Zu diesen Tiefen muß dringen, wer den Schlüssel zum Verständnisse haben will. - Nun wird aber die Absicht einer Handlung um so tiefer liegen, je bedeutungsvol­1er, je umfassender die Handiung ist. Die Absicht für eine Handlung des alltäglichen Lebens ist nicht schwer zu durch­schauen. - Nicht so kann es natürlich sein bei Handlungen, deren Horizont Jahrhunderte umfaßt.

Wer solches bedenkt, der erhält eine Ahnung von dem, was Mysterien sind. Denn in diesen Mysterien ruht nichts anderes, als die Absichten zu den großen, weltumspannenden Taten der Menschheitsentwickelung. Und diejenigen, welche diese Ab­sichten erkennen, und damit selbst ihren Handlungen das Schwergewicht zum Wirken in Jahrhunderte hinein geben können: das sind die Eingeweihten.

Wer in der Weltgeschichte nur eine Sammlung von Zufällen sieht, der kann das Dasein von Mysterien und Eingeweihten leugnen. Ihm ist solange nicht zu helfen, bis er mit liebevollem Blick auf die Tatsachen der Geschichte eingeht. Dann leuchtet ihm allmählich Sinn und Zusammenhang auf; und er sieht diese geschichtlichen Tatsachen ebensowenig für absichtlos an, wie er einen handelnden Menschen für einen Automaten ansieht. Er gelangt dann in seiner Forschung dahin, wo die Eingeweihten den Fortgang der Menschheit leiten nach den Erkenntnissen, die in das Dunkel der Mysterien gehüllt sind.

Von solchen Mysterien sprechen die Religionsurkunden aller Zeiten. Und auf sie werden diejenigen geführt, welche nicht bei dem äußeren Leben der Religionsstifter und bei den geschichtlichen Tatsachen der Verbreitung ihrer Lehren ste­hen bleiben; sondern sich zu erheben versuchen zu den Ab-sichten dieser Stifter. - Es sollte nicht Verwunderung erregen,

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daß diese Absichten in geheimnisvolles Dunkel gehüllt sind, daß sie nur Auserwählten mitgeteilt worden sind, innerhalb der Weisheits schulen, die eben die Mysterien sind. Denn es hat nur einen Sinn, dasjenige dem Menschen mitzuteilen, was er verstehen kann; oder, mit anderen Worten, es ihm erst dann mitzuteilen, wenn er sich die Bedingungen des Verständnisses angeeignet hat. Um bedeutungsvolle Taten zu vollbringen, muß man hohe Weisheit besitzen; und um hohe Weisheit sich anzueignen, muß man eine lange und schwierige Vorberei­tungszeit durchmachen. So ist es mit den Mysterien.

Durch die verschiedenen Religionen und Weltanschauun­gen schreitet die geistige Entwickelung der Menschheit vorwärts. Wer an dieser Entwickelung mitarbeitet, bringt die gei­stigen Kräfte der Menschen in Bewegung. Er muß die Gesetze kennen, von denen diese Bewegung abhängt, wie derjenige die Gesetze der Chemie kennen muß, der Stoffe zweckvoll ver­mengen soll. - In den Mysterien werden die hohen Gesetze des geistigen Lebens, wird die seelische Chemie gelehrt, - Man muß Blicke in das Wesen dieser Gesetze zu tun versuchen, wenn man die Beweggründe, auch nur ahnend, erkennen will, die den Taten der großen Menschheitslehrer zum Grunde lie­gen.

Im Einklang mit allen, die für solche Blicke ihr geistig es Auge zu öffnen suchten, spricht Annie Besaut, die Seele der theoso­phischen Bewegung, von einer «verborgenen Seite der Reli­gionen » in ihrem Buche «Esoterisches Christentum, oder die kleineren Mysterien». Lichtvoll leitet sie in die Auseinander­setzung über die mystischen Geheimnisse des Christentums -über dessen sogenannten esoterischen Gehalt - durch die Frage hinein: «Was ist der Zweck der Religionen? » Und sie sagt darüber: «Sie werden der Welt gegeben von Menschen, die weiser sind als die Massen des Volkes, dem sie zuteil werden, und sie haben den Zweck, die menschliche Entwickelung zu be­schleunigen. Um dies in wirksamer Weise zu tun, müssen sie die Individuen erreichen und sie beeinflussen. Nun stehen nicht alle Menschen aufderselben Entwickelung sstufe, sondern

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man könnte die Entwickelung darstellen als eine schräge Fläche, auf deren sämtlichen Punkten Menschen stehen. Die höchst Entwickelten stehen sowohl an Intelligenz wie an Charakter weit über den wenigst Entwickelten; die Fähigkeit zu verste­hen sowohl wie die, zu handeln, ändert sich auf jeder Stufe. Deshalb ist es nutzlos, allen dieselbe Lehre zu geben; das was dem intellektuellen Menschen hilft, würde dem weniger intel­ligenten ganz und gar unverständlich sein, während das, was den Heiligen in Verzückung versetzt, den Verbrecher ganz unberührt lassen würde.... Die Religion muß ebenso abge­stuft sein wie die Entwickelung, sonst verfehlt sie ihren Zweck. »

- Wie also der Lehrer der Religion zu den Menschen verschie­dener Entwickelungsstufen spricht, das macht er von den Gei­stes- und Herzensbedürfnissen derer abhängig, zu denen er sprechen soll. Um das zu können, muß er den Kern der Weis­heit, durch die er wirken soll, selbst in seiner Seele tragen; und die Art, wie er diesen Kern trägt, muß eine solche sein, daß sie ihn befähigt, zu jeglichem Menschen in dessen Auffassungs­weise zu sprechen. Wer die Reden der Religionslehrer nach ihrer Außenseite betrachtet, erkennt deshalb nur die eine, eben die äußere Seite ihrer Weisheit. Eindringlich weist auf diese Tatsache hin EdouardSchuréin seinem Buche über die «Großen Eingeweihten». Er gibt darin eine Darstellung der großen Weisheitslehrer: Rama, Krishna, Hermes, Moses, Orpheus, Pythagoras, Plato und Jesus in der Weise eines intuitiven For­schers, eines edlen Gedankenkünstlers und einer von tiefem religiösen Empfinden getragenen Persönlichkeit. Seinen Ge­sichtspunkt umschreibt er in der Einleitung: «Alle großen Religionen haben eine äußere und eine innere Geschichte; die eine offenbar, die andere verborgen. Durch die äußere Ge­schichte erschließen sich mir die Dogmen und Mythen, wie sie öffentlich in Tempeln und Schulen verkündet werden, wie sie in den Kulten und in dem volkstü mlichen Aberglauben zur Darstellung kommen. Durch die innere Geschichte erschließen sich mir die tiefe Wissenschaft, die geheimnisvolle Weisheit und die verborgenen Gesetze der Taten der großen Eingeweihten,

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Propheten und Reformatoren, welche diese Religio­nen geschaffen, gestützt und verbreitet haben. Die erste, die äußere Geschichte kann man überall kennen lernen; sie ist nicht wenig dunkel, widerspruchsvoll und verworren. Die zweite, die ich die esoterische Geschichte, oder die Weisheit der Mysterien nennen möchte, ist sehr schwer aus der ersten herauszuentwickeln. Denn sie ruht in den Tiefen der Tempel, in den geheimen Gesellschaften, und ihre erschütterndsten Dramen entrollen sich ausschließlich in den Seelen der großen Propheten, die weder Urkunden noch Schülern ihre erhaben­sten Erlebnisse und ihre sie zum Göttlichen hebenden Vorstel­lungen vertraut haben. Man muß ihre Rätsel lösen. Aber, was man dann findet, erscheint lichtvoll, organisch, in Harmonie mit sich selbst. Man könnte es auch die ewige und universelle Religion nennen. Es stellt sich als das Innere der Dinge dar, als die Innenseite des Menschheitsbewußtseins im Gegensatz zur bloß geschichtlichen Außenseite. Da ergreifen wir den schöp­ferischen Keimpunkt von Religion und Philosophie, die am anderen Ende der Ellipse in der ungeteilten Wissenschaft zu­sammentreffen. Es ist der Punkt, der den übersinnlichen Wahr­heiten entspricht. Da finden wir die Ursache, den Ursprung und das Ziel der wunderbaren Arbeit der Jahrhunderte, die Weltenlenkung in ihren irdischen Sendboten. »

Diese «irdischen Sendboten » arbeiten in der geistigen Apo­theke, im geistigen Laboratorium der Menschheit. Was sie zu solcher Arbeit befähigt, sind die unvergänglichen Gesetze der geistigen Chemie, und was sie als geistig-chemische Prozesse vollbringen: das sind die großen intellektuellen und morali­schen Taten der Weltgeschichte. Was aber aus ihrem Munde strömt, das sind nur Gleichnisse, nur Bilder der höheren in ihren Seelentiefen wohnenden Weisheit, angepaßt dem Ver­ständnisse derjenigen, die ihnen das Ohr leihen. Nur denen, welche die Bedingungen erfüllen, die das Verständnis und den rechten Gebrauch der höheren Weisheit verbürgen, kann diese eröffnet werden. Diese aber empfinden dann in der My­sterien-Einweihung die unmittelbare Berührung mit den geistigen

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Urgründen, mit den Vater- und Muttermächten des Daseins. Man höre, was einer sagt, der von solchen Empfin­dungen durchdrungen war. Klemens von Alexandrien, der christliche Schriftsteller des zweiten und dritten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung, der vor seiner Taufe Myste, das ist My­sterienschüler war, preist diese Mysterien mit den Worten: «O der wahrhaft heiligen Mysterien! o des lauteren Lichtes! Eine Fackel wird mir vorangetragen, wenn ich den Himmel und Gott anschaue; ich werde heilig, wenn ich die Weihe empfange. Die Geheimnisse aber erschließt mir der Urgeist und besiegelt den Eingeweihten durch die Erleuchtung; ein­geweiht in den Glauben, stellt er mich dem All-Einen vor, damit ich im Schoße der Ewigkeit aufbewahrt werde. Das sind die Weihezeremonien meiner Mysterien! Willst du, so laß auch du dich einweihen, und du wirst mit den Geisteskräften des Daseins den Reigen schließen um den ungeschaf­fenen, unvergänglichen, alleinen Weltengeist herum, und die Sprache, die dir vom Kosmos inspiriert ist, wird diesem All-Einen die Loblieder anstimmen. »

Man begreift Annie Besants Schilderung der Mysterien, wenn man bedenkt, daß die Eingeweihten so von ihnen spre­chen mußten, wie dies Klemens in obigen Worten tut. «Die Mysterien Ägyptens » - so führt A. Besant auf Seite 15 des «Esoterischen Christentums » aus - «waren der Ruhm jenes alten Landes, und die edelsten Söhne Griechenlands, wie zum Beispiel Plato, gingen nach Sais und Theben, um von den ägyptischen Weisheitslehrern in die Mysterien eingeweiht zu werden. Die mithräischen Mysterien der Perser, die orphi­schen und die bakchischen Mysterien und die späteren eleu­sinischen Halb-Mysterien der Griechen, die Mysterien von Samothrake, Skythien, Chaldäa, sind, wenigstens dem Na­men nach, allgemein bekannt. Sogar in der äußerst abge­schwächten Form der eleusinischen Mysterien wird ihr Wert von den vornehmsten Männern Griechenlands sehr gepriesen, so von Pindar, Sophokles, lsokrates, Plutarch und Plato.» -Nicht auf die Erweiterung des Wissens, auf die bloße Erklä­rung

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unbekannter Dinge kommt es bei der Mysterienweis­heit an: sondern um die Erhöhung des ganzen menschlichen Wesens, so daß es sich erfüllt mit der Weihestimmung, die zu er­greifen imstande ist die Quellen und Keime des Kosmos. Der Myste erkennt nicht nur höhere Dinge; sondern sein eigenes Wesen verschmilzt mit diesen höheren Dingen. Er muß vor­bereitet sein, damit er den Quellen alles Lebens, die in ihn ein­strömen, den rechten Empfang bereiten kann. - Gerade in unserer Zeit, in der man als Erkenntnis nur das Grob-Wissen­schaftliche anerkennen will, wird es schwer zu glauben, daß es in den höchsten Dingen auf eine Stimmung ankomme. Die Erkenntnis wird dadurch zu einer intimen Angelegenheit der menschlichen Seele gemacht. Für den Mysten ist sie eine sol­che. Man sage jemand die Lösung aller Welträtsel. Der Myste wird finden, daß sie als leerer Schall an dem Ohre vorbeitönt, wenn die Seele nicht durch Vorbedingungen auf eine höhere Stufe gehoben ist; daß sie das Gefühl unberührt läßt, wenn dieses nicht gestimmt ist, den Empfang der Weisheit als Weihe zu empfinden. Nur wer das durchschaut, kennt die geistige Atmosphäre, aus der Worte eines Mystikers, wie die Plotins, gesprochen sind: «Oftmals, wenn ich aus dem Schlummer der Körperlichkeit erwache, zu mir komme, von der Außenwelt abgewendet in mich einkehre, so schaue ich eine wundersame Schönheit; dann bin ich gewiß, meines besseren Teils inne geworden zu sein. Ich betätige das wahre Leben, bin mit dem Göttlichen geeint, und in ihm gegründet gewinne ich die Kraft, mich noch über die Überwelt hinaus zu versetzen. Wenn ich dann nach diesem Ruhen in dem Geistigen der Welt, aus dem Schauen des Höchsten wieder zur gewöhnlichen Ge­dankenbildung herabsteige, dann frage ich mich, wie es zu­ging, daß meine Seele sich mit dem Alltäglichen verstrickt habe, da doch dort ihre Heimat ist, wo ich eben verweilt habe.»

- Wer weiß, welcher Grad von Reinigung des Gefühls- und Verstandeslebens nötig ist, um so zu empfinden, der kennt auch die Gründe, warum das mystische, das Weihe-Wissen kein Gegenstand des Alltagslebens, auch keiner der gewöhnlichen

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Unterweisung und der Urkunden der äußeren Geschichte sein kann; warum es in der Seele der göttlichen Sendboten verschlossen ist und nur - wie Schuré sagt - der Gegenstand der Einweihung in intimen Brüderschaften sein muß. - Bleibt aber auch dies unmittelbare Ergreifen der Wahrheit eine Sache intimster Unterweisung: die Segnungen der Weisheit werden allen Menschen zuteil. Gleich wie die Früchte des elektri­schen Eisenbahnbetriebes der ganzen Bevölkerung zugute kommen, die Gesetze der Einrichtung dieses Betriebes aber nur den Elektrikern bekannt sind, so ist es auch mit der Wir­kung, den Früchten und mit der Weisheit der Mysterien. Und wie das Segenvolle der technischen Kenntnisse in äußeren Kultureinrichtungen, so stellt sich das der Mystenweisheit in den geistigen Lebensinhalten der Menschheit dar: in ihren Mythen, Glaubens- und Religionsvorstellungen, in ihrer Sa­gen- und Märchenwelt, aber auch in ihren Moral- und Rechts-vorstellungen, und zuletzt auch in ihrem künstlerischen Schaf­fen, in ihren Wissenschaften und Philosophien. - Der Myste weist auf die Wurzel dieser Lebensinhalte in dem tiefsten Wis­sen der Menschheit, und er ist sich klar darüber, daß sie alle dort erst ihre wahre Erklärung finden können. Klemens von Alexandrien spricht davon, daß «ein Mensch Glauben haben kann, ohne Gelehrsamkeit zu besitzen», aber zugleich betont er, daß «unmöglich ein Mensch ohue Wissen die Dinge ver­stehen könne, die in dem Glauben erklärt werden » (verglei­che Annie Besant: «Esoterisches Christentum», Seite 59). Jeder Mystiker kennt dieses wahre Verhältnis zwischen Glau­ben und Wissen und weiß, daß ein Widerspruch zwischen beiden unmöglich ist. Er kann aber auch Mystik nur auf der Grundlage wahrer Wissenschaft gelten lassen. Auch davon spricht Klemens: «Manche, die sich von der Natur begabt glauben, wollen weder mit der Philosophie noch mit der Lo­gik in Berührung kommen; ja sogar wollen sie nicht einmal Naturwissenschaft studieren. Sie verlangen bloß Glauben ... So nenne ich denn den wirklich gelehrt, der alles in Beziehung zu der Wahrheit bringt, so daß er selbst aus der Geometrie,

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der Musik, der Grammatik und der Philosophie alles heraus-liest, was nützlich darin ist ... Wie nötig ist es für den, der des Weltgeistes Macht teilhaftig werden will, intellektuelle Dinge auf philosophische Art zu behandeln ... Der Mystiker bedient sich der Zweige des Wissens zu vorbereitenden Hilfsstudien.» (Annie Besant: «Esoterisches Christentum», Seite 59£)- Wer in diesen tiefen Einklang des Glaubens mit dem Wissen einen Blick getan hat, der muß immer wieder auf eine charakteristi­sche Eigenschaft unserer neueren Kultur hinweisen, die eine Kluft zwischen beiden errichtet hat. Schuré deutet gleich in den ersten Sätzen seines Buches auf diese Kluft. «Das größte Übel unserer Zeit ist, daß in ihr Wissenschaft und Religion wie zwei feindliche und unvereinbare Mächte erscheinen. Es ist ein um so gefährlicheres Übel, als es von den Höhen der Bildung kommt und langsam, aber sicher in alle Geister ein­sickert, wie ein Gift, das man mit der Luft einatmet. Und jedes intellektuelle Ubel wird mit der Länge der Zeit ein Übel der Seele und weiterhin ein soziales. Solange das Christentum imstande war, in naiver Weise den christlichen Glauben, inmit­ten des noch halbbarbarischen, mittelalterlichen Europa aus­zubilden, war es die größte moralische Macht: es hat die mo­derne Seele gestaltet. - Solange die Experimentalwissenschaft, öffentlich wiederhergestellt im sechzehnten Jahrhundert, für sich die Rechte der Vernunft und der unbeschränkten Freiheit in Anspruch nahm, war sie die größte intellektuelle Macht; sie hat das Antlitz der Welt erneuert, den Menschen aus Jahr­hunderte alten Fesseln befreit und seinem Geiste die unzer­störbare Grundlage gegeben. - Aber seit die Kirche unfähig geworden ist, ihre ursprünglichen Dogmen gegenüber den Ansprüchen der Wissenschaft zu verteidigen, hat sie sich ein­geschlossen wie in ein Haus ohne Fenster, sie setzte der Ver­nunft ihren Glauben wie ein absolutes und nicht diskutier­bares Gesetz entgegen; und seit die Wissenschaft berauscht ist von ihren Erfolgen in der physischen Welt, wurde ihr die psychische und intellektuelle immer fremder; sie ver­schloß sich durch ihre Methoden dem Höheren und wur­de

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in ihren Grundsätzen materialistisch. Seitdem bewegt sich aber auch die Philosophie richtungslos zwischen bei­den hin und her: sie hat auf ihre ureigenen Rechte verzich­tet, um gegenüber den übersinnlichen Dingen in Zweifel sucht zu verfallen, und Klüfte haben sich geöffnet sowohl in der Seele der menschlichen Gesellschaft wie in der­jenigen des Individuums.» (Schuré, «Les Grands Initiés», Seite VII£)

Nicht minder stark weist Atune Besant auf diese Eigentüm­lichkeit der neueren Geistes-Kultur hin. «Jedem, der die letz­ten vierzig Jahre des vergangenen Jahrhunderts studiert hat, ist es klar, daß eine Menge denkender und moralischer Leute der Kirche den Rücken gekehrt haben, weil die Lehren, die sie erhielten, ihre Intelligenz beleidigten und ihr Gefühl em­pörten. Vergebens behauptet man, daß der weitverbreitete Agnostizismus dieser Zeit seinen Grund in dem Mangel an Moral, oder in bewußtem Mangel an Logik des Verstandes hätte. Jeder, der sorgfältig die erwähnten Erscheinungen prüft, wird zugeben, daß Menschen von scharfem Verstande aus dem Christentum hinausgetrieben worden sind.» («Esoterisches Christentum», Seite 27.) Die Frage, was in dieser Richtung zu geschehen hat, beantwortet Annie Besant von dem Gesichts­punkte aus, daß auch die Wurzel des Christentums in einer verborgenen Weisheit ruht, und daß der Glaube, um zu be­stehen, sich zu dieser Wurzel wieder durchringen muß. Wenn das Christentum «weiter leben soll, so muß es das Wissen, wel­ches es verloren hat, wieder erwerben ...; es muß wieder als ein mit Autorität ausgestatteter Lehrer der geistigen Wahr­heiten auftreten, mitjener Autorität, die allein etwas wert ist, mit der Autorität des Wissens ... Dann wird das verborgene Chri­stentum wieder in das Adytum hinabsteigen, hinter den Schleier, der das behütet, in welches nur der Eingeweihte eintreten darf.» («Esoterisches Christentum», Seite 29.)

Wie die «großen Eingeweihten » und wie insonderheit das Christentum durch die «enge Pforte » in den «Garten der

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Reife » führen, stellen Annie Besant und Edouard Schuré in den genannten Büchern dar.

Durch den Sinn des Auges vernimmt der Mensch die Natur in hundertfältigen Licht- und Farbenschattierungen. Es sind die Strahlen des Sonnenlichtes, die, von den Dingen zurück­geworfen, deren Lichtschattierungen bewirken. Ist auf diese Art die Wahrnehmung des Sonnenlichtes eine tägliche Ge­wohnheit des Auges, so vermag das Auge doch nicht unge­straft in den Quell des Lichtes, in die Sonne selbst zu schauen; es wird durch die unmittelbaren Sonnenstrahlen geblendet. Was in seinen Wirkungen dem alltäglichen Beruf des Auges ent­spricht: das wird der Anlaß eines Schmerzes, wenn es als Ur­sache selbst den Sinn des Sehens trifft. - Wer dieses Bild in der richtigen Art auf das Geistesleben des Menschen anzuwenden weiß, der versteht, warum diejenigen, die da «wissen», von Gefahren der Einweihung in die Mysterien sprechen. Diese Gefahren sind durchaus vorhanden; nur dürfrn die Worte dessen, der von ihnen spricht, nicht buchstäblich in dem Sinne verstanden werden, wie man im gewöhnlichen Leben von Gefahren spricht. - Des Menschen Verstand und Vernunft sind ebensowenig daran gewöhnt, die Quellen der Wahrheit in dem Weitganzen zu schauen, wie das Auge unmittelbar in die Sonne zu sehen vermag. So wie dieses die Wirkungen des Lichtes als das ihm Entsprechende empfindet, so Verstand und Vernunft die Wirkung der ewigen Weisheit in den Erschei­nungen der Natur und in dem Verlauf der Menschengeschich­te. Und wie das Auge ohnmächtig wird dem Lichtquell gegen­über, so wird menschliches Verständnis den Urquellen der Weisheit gegenüber. Dieses Verständnis versagt zunächst. Man muß nur dasjenige, was mit dem Menschen da geschieht, in der rechten Art mit der Tatsache vergleichen, daß das Auge von der Sonne geblendet wird. Weil der Mensch daran ge­wöhnt ist, in Natur und Geistesleben nur den Abglanz der Wahrheit, nicht diese selbst zu schauen, steht er dieser ohn­mächtig gegenüber, wenn sie ihm entgegentritt. Gewöhnt,

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nur die derbe Wirklichkeit zu fassen, die ihn alltäglich umgibt, empfindet er die Offenbarungen höherer Weisheit als Illusion, als Gebilde unwirklicher Phantastik. Sie können ihm nichts sagen. Sie sind ihm Luftgebilde, verschwimmend, wenn er sie ergreifen will. Denn er will sie so ergreifen, wie er gewohnt ist, die Dinge der gewöhnlichen Wirklichkeit zu ergreifen. Diese Wirklichkeit zieht ihn mit tausend Banden an sich. Was sie ihm versprechen kann, das kennt er, das hat er tausendfältig schätzen gelernt. - Wer hier im rechten Lichte sieht, der ver­steht, was religiöse Legenden meinen, wenn sie von dem Ver­sucher sprechen, der denen alle Herrlichkeiten dieser Welt ver­spricht, die den Pfad höherer Erleuchtung betreten wollen. Ist in ihnen nicht die Kraft erweckt, diesem Versucher zu widerstehen: dann verfallen sie ihm unbedingt. Und damit ist etwas angedeutet von dem, was mit den Gefahren der «Schwel­le » gemeint ist, die überschritten werden muß, wenn der «Pfad » der Weisheit betreten werden soll. - Keiner kann auf diesen Pfad gelangen, der sein geistiges Auge, seinen Ver­stand und seine Vernunft, nur so gebrauchen will, wie sie im Alltagsleben gebraucht werden. Als ein Verwandelter, als einer, dessen Geist-Auge stark gemacht ist, muß der Mensch die Schwelle betreten. - Und es ist in unserem gegenwärtigen Zeitalter schwer, das Auge also zu stärken. Denn dieses Auge ist gerade durch unsere Wissenschaft nur auf das Handgreif­liche eingestellt. Um ihre Eroberungen auf dem Gebiete der äußeren Naturkräfte zu machen, mußte diese Wissenschaft das Auge abstumpfen für die geistigen Gewalten des Daseins. Man naßverstehe dies nicht dadurch, daß man es als einen Vorwurf deutet. Wer den Mechanismus einer Uhr verstehen will, braucht gewiß nicht die Gedanken des Erfinders der Uhr zu erforschen: er kann sich an dasjenige halten, was er in der Physik gelernt hat. Er kann die Uhr aus ihrem Mechanismus selbst verstehen. Aber niemand kann verstehen, wie die Kräfte und Dinge, die in der Uhr zusammenwirken, ursprünglich gefügt sind, der nicht den Geist sucht, der sie gefügt hat, und die Gründe erforscht, warum sie gefügt sind. Der Naturfor­scher

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vermag die Natur nur richtig zu verstehen, wenn er zu­nächst die Kräfte ihres Wirkens in ihr selbst sucht. Behauptet er, daß sie sich selbst zusammengefügt haben, so gleicht er dem, der da meinen kann, die Uhr habe sich selbst verfertigt. Aberglaube ist nicht, hinter den Dingen den Geist zu suchen: sondern ihn blindlings in die Dinge selbst zu verlegen. Der Abergläubische gleicht nicht dem, der zur Uhr den Erfinder sucht, sondern dem, der in der Uhr selbst einen Geist ver­mutet, der die Zeiger vorwärts bewegt. - Nur wenn man die­jenigen so mißversteht, die nach dem Geist in dem Welten-dasein suchen, kann man sie zusammenwerfen mit denen, die man mit Recht des Aberglaubens beschuldigt, und die man heute mit ebensolchem Rechte als Störenfriede betrachtet, weil sie die Segnungen gefährden, die unsere wissenschaftliche Kultur geschaffen. - Wer unbefangen sieht, wird wissen, wer nach beiden Richtungen hin gemeint ist. -

Wer die «Schwelle» zur höheren Einsicht betritt, muß, wenn ihm der Fortschritt gelingen soll, mit der Kraft ausge­stattet sein, die zum Empfinden des Wirklichen da führt, wo der gewöhnliche Verstand und die alltägliche Vernunft Phan­tastik und Illusion wahrnehmen. - Denn es ist das Dauernde und Ewige dort, wo dem auf das Vergängliche und Zeitliche eingestellten Auge nur Illusion und Phantastik erscheinen. Nichts kann es daher dem Menschen helfen, wenn er mit sei­nem gewöhnlichen Verstande vor die Quellen der ewigen Weisheit geführt wird. Deshalb ist in den Mysterien die erste Stufe der Einweihung nicht die Vermittlung neuen Verstan­deswissens, sondern völlige Umwandlung der menschlichen Erkenntniskräfte. Mit feinsinniger Einsicht charakterisiert daher Edouard Schuré in seinem Buche «Die großen Einge­weihten » den Weg der durch die Mysterien zum «Wissen »Strebenden: «Die Einweihung war eine stufenweise Hinfüh­rung der menschlichen Wesenheit gegen die schwindelerregen­den Gipfel des Geistes hin, von denen das Leben beherrscht wird. » Und weiter wird uns gesagt: «Um die Meisterschaft zu erreichen, sagten die alten Weisen, hat der Mensch eine

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gänzliche Umgestaltung seiner physischen, moralischen und intellektuellen Wesenheit nötig. Diese Umgestaltung ist nur möglich durch gleichzeitige Übung des Willens, der Intuition und der Vernunft. Durch ihre vollständige Übereinstimmung kann der Mensch seine Fähigkeiten bis zu unberechenbaren Grenzen erweitern. Die Seele hat schlafende Sinne. Die Ein­weihung erweckt sie. Durch vertieftes Studium, durch kon­stanten Fleiß kann der Mensch in bewußte Beziehung zu den geheimen Kräften des Universums gelangen. Durch eine er­staunliche Anstrengung kann er bis zur unmittelbaren spiri­tuellen Vollkommenheit gelangen, kann sich die Wege dahin öffnen und sich fähig machen, sich selbst dahin zu richten. Dann allein kann er sagen, daß er das Geschick besiegt hat, und daß er von da aus seine göttliche Freiheit erobert hat. Nur der Eingeweihte kann Einweiher, Prophet und Theurg wer­den, das heißt sehend und Schöpfrr von Seelen. Denn nur wer sich selbst die Wege weist, kann sie andern weisen: der allein kann befreien, der frei ist. »(«Die großen Eingeweihten», Seite 124.)

So muß man die Aufgabe der Mysterien verstehen, inso­ferne deren erste Stufe in Betracht kommt. Nicht bloß um eine neue Wissenschaft handelte es sich, sondern um das Schaffen neuer Seelenkräfte. Ein anderer mußte der Mensch werden, ein Verwandelter, bevor er in die Geistes sonne, zu dem Quell der Weisheit geführt wurde.

Wessen Kräfte nicht gestählt sind, wenn er die «Schwelle» betritt, der empfindet nicht die Wirklichkeit der ewigen, gei­stigen Gewalten, die ihm da entgegentreten. Statt sich zu ver­binden mit einer höheren Welt, fällt er in die niedere zurück. Dieser Gefahr ist ausgesetzt, wer nach den Quellen der Weis­heit sucht. Erliegt hier der Mensch, dann hat er den Ewig­keitskeim in sich vorläufig ertötet. Dieser Keim schlummerte vorher in ihm. Aber auch als schlummernder war er dasjenige, was die vergängliche, niedere Natur adelte und verklärte. Naiv, unbewußt lebte der Mensch mit seiner Anlage zur höheren Geistigkeit. Durch den mißglückten Einweihungsversuch ist

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die schlummernde Anlage erstorben. Nichts ist dem Men­schen geblieben als der Trieb, in dem Vergänglichen zu leben, dem Reiche dieser Welt allein zu leben. Weil er das Göttlich-Geistige als Illusion empfunden hat, vergöttert er das Sinnlich-Stoffliche. So kann an der «Schwelle » dem Menschen sein Wertvollstes, sein unsterblicher Teil verloren gehen. Dies ist die Gefahr, die analog der Blendung des Auges in obigem Bilde ist.

Es leuchtet ein, daß diejenigen, denen in den Mysterien die Einweihung oblag, aus dem Bewußtsein ihrer Verantwortung heraus, an die Jünger die höchsten Anforderungen stellten. Denn diese Anforderungen mußten zur Stählung der geisti­gen Kräfte in dem geschilderten Sinne wirken. Schuré schildert die Stufenfolge der Einweihung, wie sie in der Schule des Pythagoras (582-507 v.Chr.) gepfiogen war. Von geniali­schem Künstlersinn und mystischer Tiefe ist diese Schilderung eingegeben. - Mit Anlehnung an diese Darstellung sei hier von diesen Stufen gesprochen. - Nur diejenigen wurden zur Einweihung zugelassen, die durch die Beschaffenheit ihres intellektuellen, moralischen und geistigen Wesens die Sicher­heit des Erfolges boten. Für diese begann dann die Zeit der Vorbereitung Sie wurden während mehrerer Jahre Horer In unserer Zeit, in der ein jeder sich zum kritischen prufenden Urteil berechtigt glaubt, wenn er einiges gelernt hat oder auch - vielleicht noch mehr wenn er nichts gelernt hat ist es gar nicht leicht, einen sympathischen Begriff von dieser lan gen Hörerschaft zu geben Diesem Horer war absolutes Schwer gen geboten. Das Schweigen war nicht äußerlich gemeint. Es war ein Schweigen des Urteils. Man mußte völlig nnbefangen aufnehmen, ohne sich diese Unbefangenheit durch vorzeitige Prüfung zu verlegen. Der Weise wußte, und die Hörer hatten Vertrauen. Prüfen durften sie vorläufig nicht. Denn das Wis­sen, das sie empfingen, sollte sie ja erst reif zur Prüfung ma­chen. Wie soll jemand wirklich lernen, der sogleich prüfen will, was er lernt. - Mit dieser Anschauung von schweigendem Lernen haben die Pythagoreer einem Grundsatz gehuldigt,

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der allein die Stufen der Erkenntnis hinaufführen kann. Wer den Erkenntnisweg gegangen ist, weiß das. Er hat nur Mit­leid für diejenigen, die sich durch vorzeitiges Urteilen und Kritisieren den Erkenntnisweg verbauen. Unsere Zeit ist ganz erfüllt von diesem unreifen kritischen Geist. Man braucht sich nur in dem umzuschauen, was von unseren Rednern geredet, was von unseren Schriftstellern geschrieben wird. Wäre nur ein wenig pythagoreischer Geist in unserer Zeit zu finden, so bliebe wohl viel mehr als neun Zehntel von dem ungesprochen, was gesprochenwird, und ebensovielvon demungedruckt, was gedruckt wird. Wer heute ein paar Beobachtungen gemacht, ein paar Begriffe sich gebildet hat, der glaubt sich über die wesentlichsten Dinge zu einem Urteil berechtigt. Aber solches Recht hat nur der, welcher verstanden hat, jahrelang sein Ur­teil zurückzuhalten, und unbefangen hinzuhören auf das, was die Weisen der Menschheit gesagt haben. Prüfet alles, und das beste behaltet, ist ein trüglicher Grundsatz in der Seele dessen, der nicht reif zur Prüfung ist. Unser Urteil ist so lange nichts, gar nichts vor der Wahrheit, so lange wir es nicht haben von der Wahrheit selbst prüfen lassen. Statt zu sagen: ich prüfe alles, und will das beste behalten, sollten viele sagen: ich will mich von der Wahrheit prüfen lassen; und wenn ich gut genug bin für sie, dann mag sie mich behalten. Wer nicht Jahre hin­durch sich geübt hat in der Anschmiegung, im Einleben, in der rückhaltlosen Hingabe an das Urteil der weisen Führer der Menschheit, dessen Urteil ist Schall und Rauch.

Dies ist gewiß ein unsympathischer Grundsatz in unserem Zeitalter der «Aufklärung», der öffentlichen Kritikasterei und des Journalistengeistes. Aber ihm gemäß lebten die py­thagoreischen Hörer.

Hatte der Hörer die notwendige Reife erlangt, so kam für ihn der «goldene Tag», mit dem die Offenbarungen über das Wesen der Natur und des Menschengeistes begannen. Es wurde ihm die Gesetzmäßigkeit des körperlichen und seeli­schen Daseins allmählich klar gemacht. Wer mit dem alltäg­lichen, ungeläuterten Verstande diese Gesetzmäßigkeit erfassen

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will, begreift nichts von ihr. - Goethe deutete einmal auf das, worauf es hier ankommt. Als er sich in Italien und Si­zilien eifrig dem Studium der Pflanzenwelt hingegeben und seine heute viel besprochenen, aber wenig verstandenen An­schauungen über die «Ürpflanze » sich gebildet hatte, schrieb er nach Deutschland, daß er eine Reise nach Indien machen wolle, nicht um Neues zu entdecken, sondern das Entdeckte nach seiner Art anzuschauen. Es kommt eben nicht darauf an, die Gesetze zu kennen, welche die Verstandes-Botanik zu Tage gefördert hat, sondern darauf, mit Hilfe dieser Gesetze in das innere Wesen des Pflanzenlebens einzudringen. Man kann ein gelehrter Professor der Botanik sein, und nichts von die­sem Leben begreifen. Unsere Gelehrten haben da allerdings besonders merkwürdige Auffassungen. Sie glauben entweder, in das Innere der Natur könne man überhaupt nicht dringen; oder sie behaupten, unsere Forschung sei eben noch nicht «so weit». Sie ahnen nicht, daß sie durch diese Forschung der Sinne und des Verstandes zwar in segensreicher Weise unsere Kennt­nisse immer vermehren können, daß aber zur Erforschung des «Inneren » eine ganz andere Denkweise nötig ist, als sie entwickeln. Sie wollen von dem Erfinder der Uhr nichts wis­sen, indem sie nach den Grundsätzen der Physik die Uhr stu­dieren. Weil sie in der Uhr kein kleines Geistchen finden kön­nen, das die Zeiger vorwärts treibt, leugnen sie entweder den Geist, der die Räder gefügt, oder sie behaupten: er sei dem menschlichen Erkennen entweder ganz, oder «bis heute » un­zugänglich. Wer von dem Geist in der Natur spricht, wird be­schuldigt, bloß mit Worten zu phantasieren. Nun, er kann eben nicht dafür, daß die Anschuldiger bloße Worte hören. Die Pythagoreer Schüler wurden auf der zweiten Stufe ihres Unterrichtes in den Geist der Natur eingeführt.

Hatten sie diese Stufe überschritten, dann erst konnten sie zur «großen » Einweihung geführt werden. Jetzt waren sie reif, die Geheimnisse des Daseins in sich aufzunehmen. Ihr geistiges Auge war jetzt genügend dazu gestärkt. Sie lernten nunmehr nicht bloß den Geist in der Natur, sondern auch die

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Absichten dieses Geistes kennen. - Von da ab kann über das Wesen der Mysterien nicht mehr im eigentlichen Sinne, son­dern nur noch bildlich gesprochen werden, weil unsere Spra­che ganz dem Verstande angepaßt ist und gar keine Worte für die höhere Erkenntnisart hat, die hier in Betracht kommt. So bitte ich denn auch das Folgende zu verstehen. - Vor allen Dingen lernte der Mensch über sein persönliches Leben hin ausschauen. Er erfuhr davon, daß dieses sein Leben die Wie­derholung früherer Leben auf neuer Daseinsstufe ist. Er konnte sich davon überzeugen, daß dasjenige, was man im rechten Sinne Seele zu nennen berechtigt ist, sich oftmals ver­körpert und wiederverkörpert, und daß er die Fähigkeiten, Erlebnisse und Handlungen dieses seines Lebens als Wirkun­gen von Ursachen aufzufassen hat, die in seinen früheren Leben liegen. Auch wurde ihm klar, daß die Taten und Er­lebnisse seines gegenwänigen Lebens in einem zukünftigen Dasein ihre Wirkungen nach sich ziehen werden. - Da die Absicht ist, über die großen Gesetze von «Wiederverkör­perung » und «Weltgesetzmäßigkeit», oder «Reinkarnation »und «Karma » in dieser Zeitschrift ausführlich zu sprechen, so sei hier bei diesen Andeutungen stehen geblieben. - Diese Wahrheiten konnten für den Mysterienschüler so zur Über­zeugung werden, wie für den gewöhnlichen Menschen die Wahrheit «zweimal zwei ist vier», weil er dazu reif war auf der dritten Stufe. Aber man kann auch auf dieser Stufe nur ein völlig sicheres Urteil über diese Erkenntnisse haben, weil man erst auf ihr ihren Sinn richtig zu verstehen in der Lage ist. -Es wird auch heute wie zu allen Zeiten an diesen Vorstellun­gen viel herumkritisiert. Was da aber kritisiert wird, sind nur die willkürlichen Gedanken der Kritiker selbst; und die sind ganz ohne Belang. - Im übrigen soll aber durchaus zugestan­den werden, daß viele Anhänger der Wiederverkörperungs­Idee auch keine besseren Vorstellungen von ihr haben, als deren Gegner. - Es soll hier natürlich nicht behauptet werden, daß heute jeder diese Lehren versteht, der sie verteidigt. Auch unter diesen Verteidigern gibt es viele, die durchaus zu be­quem

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oder zu - selbstbewußt sind, um schweigend zu lernen, bevor sie lehren.

Wenn nun vielleicht auch nicht bei den Pythagoreern, so gab es doch in andern Mysterien nach der «großen » Offen­barungs-Einweihung die Stufe der eigentlichen mystischen Ein­weihung. Es war diejenige, in der sich nicht allein Anschauung und Denken, sondern das ganze Leben über die unmittelbare menschliche Persönlichkeit hinaus erweiterte. Hier wurde der Jünger nicht nur ein Weiser, sondern ein Seher. Er nahm nun nicht nur das Wesen der Dinge wahr, sondern er erlebte es mit ihnen. Es ist sehr schwierig, eine Vorstellung von dem zu geben, um was es sich da handelt. Der Seher empfindet nicht bloß die Dinge, sondern er empfindet in den Dingen; er denkt nicht über die Natur, sondern er tritt aus sich heraus, und denkt in der Natur. - Der Theosoph kennt diesen Vorgang und spricht von ihm, indem er ihn das Öffnen der astralen Sinne nennt. - Der Verstandesmensch geht an den Sehern vor­bei; sie müssen ihm Schwärmer, wenn nicht etwas Schlimmeres sein. Wer Sinn für ihre Gaben hat, der hört auf sie mit from­mer Scheu, denn er empfindet, daß aus ihnen nicht mehr eine menschliche Persönlichkeit spricht, sondern die lebendige Weis­heit selbst. Sie haben ihre persönlichen Neigungen, Sym­pathien und Meinungen hingeopfert, damit sie ihren Mund leihen konnten dem ewigen Worte, durch das «alle Dinge gemacht sind». Denn wo noch menschliche Meinung spricht, wo Neigungen und Interessen in Betracht kornmen, da schweigt die ewige Weisheit. Und dringt sie an die Ohren derer, die keine Empfindung dafür haben, dann erscheint sie als persönliches Menschenwort, wenn göttliche Kraft auch immer in ihr liegen mag. - Von den Sehern selbst könnten aber die Menschen hören lernen, denn der Seher ist schweig­sam in seiner menschlichen Persönlichkeit, wenn der Wahr­heit Stimme zu ihm spricht. Sein Urteil - schweigt, seine Inter­essen und Neigungen liegen vor ihm, so bedeutungslos für ihn, wie der Tisch, der vor ihm steht, bedeutungslos ist, er ist ganz nur dem inneren Hören hingegeben.

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Nur der Seher soll zur folgenden Stufe emporsteigen, wel­che die Alten die des Theurgen nannten, und die in der deut­schen Sprache dadurch angedeutet werden kann, daß man sie als die bezeichnet, auf der eine «vollständige Umkehrung der menschlichen Fähigkeiten » stattfindet. Kräfte, die sonst nur in den Menschen einströmen, die strömen jetzt von ihm aus. Auf gewissen Gebieten, in denen der Mensch bloß Diener ist, wird derjenige Herrscher, dessen Fähigkeiten «gewen­det » sind. Und da nur der Seher die Tragweite und Wirkens-art solcher Kräfte zu beurteilen in der Lage ist, wird der Mensch diese Kräfte dann r:iißbrauchen, wenn er in ihren Besitz gelangt, ohne die Reinheit des Sehers erlangt zu haben. Und diese «Weisheit ohne Reinheit » ist durch eine gewisse Verkettung von Umständen, die hier nicht zu erörtern sind, möglich. - In ausgezeichneter Weise spricht Schuré von der höheren Einweihung mit Bezug auf die Pythagoreer: «... Auf dem Gipfel verschwand die Erde wie ein Schatten, gleich einem sterbenden Stern. Von da aus eröffneten sich die himm­lischen Aussichten - und es entrollte sich, wie ein wunder­bares Ganzes, der , die des Universums. Der Zweck der Unterweisung war nicht, den Menschen aufgehen zu lassen in Kontemplation oder Ekstase. Der Lehrer hatte die Jünger in die unberechen­baren Regionen des Kosmos geführt, er hatte sie getaucht in die Abgründe des Unsichtbaren. Von der furchtbaren Reise waren die wahren Eingeweihten auf die Erde besser zurück­gekommen, kräftiger und gestählter für die Prüfungen des Lebens ... Auf die Einweihung der Intelligenz war diejenige des Wollens gefolgt, die schwierigste von allen. Denn es han­delte sich darum, den Jünger aufzunehmen in die Wahrheit, in die Tiefen des Lebens ... Auf dieser Höhe wurde der Mensch Adept, und besaß eine genügende Energie, um in den Besitz neuer Kräfte und Fähigkeiten zu kommen. Die inneren Kräfte der Seele öffneten sich, und der Wille strahlte in die andern.»

- Zu allem, was der Mensch vor Erreichung dieser Stufe voll­bringt, liegen die Ursachen in Regionen, die ihm vollkommen

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unbekannt sind. Des Theurgen Blick sieht in diese Regionen; und bewußt läßt er von sich ausstrahien, was in dem Menschen gewöhnlich in den tiefsten Schachten der Seele unbewußt schlummert. Er steht Auge in Auge gegenüber dem Führer, der ihn vorher unsichtbar «von hinten » geleitet hat. Mit sol­chen Gedanken gerüstet, soll man Sätze lesen, wie den fol­genden aus dem alten Weisheitsbuch «Mundakopanishat » : «Wenn der Seher den goldfarbenen Schöpfer sieht, den Herrn, den Geist, dessen Schoß Brahman ist, dann, nachdem er Ver­dienst und Mangel an Verdienst weggeworfen hat, fleckenlos, erreicht der Weise die höchste Vereinigung. »

Auf die Gipfel, die also erreicht werden, richtet Schuré das Auge; und der mystische Glaube an die leuchtende Kraft die­ser Gipfel gibt ihm die Fähigkeit, einige der Nebeiwolken zu durchschauen, die das wahre Wesen der großen Führer der Menschheit verhüllen. Das befähigt ihn, sie zu schildern, die großen Eingeweihten: Rama, Krishna, Hermes, Moses, Or­pheus, Pythagoras, Platon und Jesus. Stufenweise sind durch diese Führer die Kräfte in die Menschheit eingestrahlt worden, je nach der Reife, die in den Zeiten das Menschengeschlecht erlangt hatte. Rama führte zu dem Tore der Weisheit, Krishna und Hermes gaben einigen den Schlüssel in die Hand, Moses, Orpheus und Pythagoras zeigten das Innere, und Jesus, der Christus, stellte das Heiligtum dar. - Es hieße den ganz eige­nen Zauber des Schuréschen Buches beeinträchtigen, wollte man die Ausführungen nacherzähien, in die, so wie sie sind, ein jeder selbst sich vertiefen sollte.

Schuré deutet daraufhin, wie durch den Stifter des Christen­tums in der Form, daß es die Ohren der Menschheit hören konnten, die Weisheitskräfte der Mysterien in die geistigen Adern der Menschheit gegossen worden sind. - Und auf den Wegen, die Schuré darstellt, ist auch auf diesem Gebiete die Wahrheit zu suchen. - Die Kraft, die von Jesu Persöniichkeit ausstrahlt, ist lebendige Kraft in den Herzen aller derer, die sie in sich strömen lassen. Verstehen kann das lebendige Wort, das in dieser Kraft wirkt, nur, wer sich durch das Verständnis der

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Mysterienweisheit den Schlüssel zu diesem Worte holt. Und dazu gibt, soweit möglich, Annle Besants «Esoterisches Chri­stentum » die Grundlage. Es ist ein Buch, durch das der ver­borgene Sinn der Bibelworte sich für den hingebungsvollen Leser enthüllt.

In unserer Zeit sind solche Schlüsselbücher notwendig. Die Menschheit war in einem anderen Zustand als dem gegen­wärtigen, als sie das Evangelium, die «frohe Botschaft » er­hielt. Heute hat der Verstand eine ganz andere Schulung als vor neunzehn Jahrhunderten. Heute kann der Mensch die lebendige Kraft des «offenbaren Wortes » nur erleben, wenn er mit seiner Urieilsfähgkeit diese Kraft erfassen kann. Aber was wahr ist, bleibt ewig wahr; auch wenn die Art, wie es der Mensch erfassen muß, sich im Laute der Zeiten ändert. Daß heute der Verstand, die Urteilsfähgkeit ihre Rechte geltend machen, ist eine Notwendigkeit; der Kenner der Mensch­heitentwickelung weiß, daß das so sein muß. Deshalb gibt er heute dem Verstande, was vor Jahrhunderten anderen Seelen-kräften gegeben worden ist. - Aus dieser, und aus keiner anderen Erkenntnis heraus sollte der wahrhafte Theosoph wirken. Annie Besants «Esoterisches Christentum » will so aufgefaßt werden.

Der Theosoph weiß, daß im Christentum die Wahrheit ist. Und er weiß auch, daß Jesus, in dem der Christus verkörpert war, kein Führer der Toten ist, sondern ein Führer der Leben­digen. Er versteht das große Meisterwort: Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende. An den lebendigen Führer, nicht an den der geschichtlichen Berichte wendet sich zuerst, wer so wie Annie Besant das Christentum erklären will. Was das «leben­dige Wort » noch heute dem Ohre verkündet, das lauschen will: das strahlt dann ein in die Evangelienberichte. Jawohl, er ist dageblieben bis heute, der Kündiger des Wortes, und er kann uns selbst sagen, wie wir den Buchstaben zu erfassen haben, der von seinen Taten und Reden berichtet. Esoterisch sollen die «frohen Botschaften » erfaßt werden, das heißt, erst muß in unserem Innern die lebendige Kraft erwacht sein, die ihnen

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den Stempel des « Heiligen » aufdrückt. Und weil der Ver­stand, die Urteilskraft die großen Mittel der gegenwärtigen Kultur sind, müssen sie befreit werden aus den Banden der bloß sinnlichen Erfassung, des rein handgreiflichen Ver­stehens der Wirklichkeit. Der Verstand der Gegenwarts-menschheit muß selbst eintauchen in das Meer, das ihn mit wahrer Frömmigkeit erfüllt. Denn es ist nicht richtig, daß der kluge Verstand nur die «Illusionen » zerstört, die der religiöse Sinn um die Dinge gewoben hat. Das vollbringt nur derjenige Verstand, der geblendet ist und festgebannt von den Erfolgen, die er in der Erkenntnis und Beherrschung der rein materiellen Naturkräfte erlangt hat. - Die Menschen der Gegenwart, und mit ihnen unsere Physiker, Biologen, Kulturgeschichtschreiber glauben sich frei in ihrer rein auf das Tatsächliche gerichteten Verstandeswelt. In Wahrheit leben sie unter einer allbeherr­schenden Suggestion. Frei bis zu einem gewissen Grade könntet ihr werden, ihr Physiker, Biologen und Kulturgeschichtfor­scher der Gegenwart, wenn ihr erkennen wolltet, daß eure Vorstellungen von Wirklichkeit, ja von Stoffen und Kräften der Welt, von Menschengeschichte und Kulturentwickelung nichts sind als Massen-Suggestionen. Einst wird die Binde von eueren Augen fallen, und dann werdet ihr erst erfahren, inwie­fern Wahrheit und nicht Irrtum ist, was ihr über Elektrizität und Licht, über die Entwickelung der Tiere und des Men­schen denkt. Denn, wohlgemerkt, auch die Theosophen sehen eure Behauptungen nicht als Irrtum, sondern als Wahrheit an. Denn auch eure Naturanschauung ist ihnen ein religiöses Be­kenntnis, und wenn sie sagen: sie wollen den Wahrheitskern in allen Bekenntnissen suchen, so tun sie das nicht allein in bezug auf Buddha, Moses und Christus, sondern auch in be­zug auf Lamarck, Darwin und Haeckel. - Und Schriften wie die genannten von Edouard Schuré und Annie Besant sind be­rufen, von eueren Augen die Binden zu nehmen; sie sollen euch euere Suggestionen durchschauen lehren. Insofern kommt es bei solchen Büchern gar nicht allein auf das an, was in ihnen wörtlich steht, sondern auf die verborgenen Kräfte,

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welche den Verfassern die Federn führten, und die sich in die Adern der Leser ergießen, sodaß diese von einer neuen Wahr­heits- Gesinnung durchrieselt werden. Leser, die von solchen Büchern die rechte Wirkung erfahren, werden verstandes-gemäß in gewisser Beziehung eingeweiht. - Wer hinter die­sem Satze nicht die Behauptung eines Wunders wittert, und wer imstande ist, etwas anderes als eine Phrase in ihm zu se­hen, der wird auch verstehen, wenn ihm diese Bücher nicht bloß mit dem Ansinnen zur gewöhnlichen Lektüre, sondern mit dem ganz anderen vorgelegt werden, daß sie durch Kräfte, mit denen sie geschrieben sind, in ihm schlummernde Kräfte erwecken sollen, wenn auch diese Kräfte zunächst nur die der Verstandes seele sein können. Aber für unsere Zeit gibt es keine echte Einweihung, die nicht durch den Verstand hindurchginge. - Wer heute mit Umgehung des Verstandes zu den «höheren Geheimnissen» führen will, weiß nichts von den «Zeichen der Zeit»; und er kann nur neue Suggestionen an die Stelle der alten setzen.

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Meditation

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Wer den Weltengeist leugnet, Weiß nicht, daß er sich selbst leugnet. Ein solcher aber begecht nicht bloß einen Irrtum, sondern er versäumt seine erste Pflicht: selbst aus dem Geist heraus zu wirken.

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#TI

REINKARNATION UND KARMA, VOM STANDPUNKTE

DER MODERNEN NATURWISSENSCHAFT

NOTWENDIGE VORSTELLUNGEN

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Als ein gefährlicher Ketzer galt der tonangebenden Weisheit des siebzehnten Jahrhunderts der italienische Naturforschet Francesco Redi' weil er behauptete, daß auch die niedersten Tiere durch Fortpflanzung entstehen. Nur rolt knapper Not entging er dem Märtyrerschicksal Giordano Brunos oder Galileis. Denn der rechtgläubige Gelehrte der damaligen Zeit meinte, daß Würmer, Insekten, ja selbst Fische aus leblosem Schlamm entstehen können. Nichts anderes hat Redi behaup­tet, als was heute allgemein anerkannt ist, daß alles Lebendige von einem Lebendigen abstammt. Er hat die Sünde begangen, eine Wahrheit zu kennen, zwei Jahrhunderte bevor die Wis­senschaft «unumstößliche Beweise» für sie fand. Seit Pasteur seine Untersuchungen angestellt hat, kann kein Zweifel mehr darüber walten, daß man es lediglich mit einer Täuschung zu tun hatte in solchen Fällen, in denen man früher geglaubt hat, aus leblo sen Substanzen entständen durch «Urzeugung» le­bendige Wesenheiten. Die in derlei leblose Substanzen ein-dringenden Lebenskeime entzogen sich der Beobachtung. Durch sichere Mittel hat Pasteur das Eindringen solcher Keime in Substanzen, in denen für gewöhnlich kleine Lebe­wesen entstehen, verhindert - und es bildete sich nicht eine Spur des Lebendigen. Das Lebendige entsteht also nur aus dem Lebenskeime. Redi hatte vollkommen recht.

In einer ähnlichen Lage wie der italienische Denker ist heute der Anthroposoph. Er muß auf Grund seines Wissens das von dem Seelischen sagen, was Redi von dem Lebendigen gesagt hat. Er muß behaupten: Seelisches kann nur aus Seeli­schem entstehen. Und wenn die Naturwissenschaft in der­selben Richtung sich weiterbewegt, die sie seit dem siebzehn-ten Jahrhundert genommen hat, dann wird auch die Zeit kommen, in der sie selbst - aus sich heraus - diese Anschauung vertreten wird. Denn - das muß immer von neuem betont

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werden - der anthroposophischen Anschauung von heute liegt genau die gleiche Denkgesinnung zugrunde wie der naturwissenschaftlichen Behauptung, daß Insekten, Würmer und Fische nicht aus Schlamm, sondern aus Lebenskeimen entstehen. Und sie behauptet den Satz: «jede Seele entsteht aus Seelischem » in demselben Sinne und in derselben Bedeu­tung wie der Naturforscher den seinigen: «Alles Lebendige entsteht aus Lebendigem.»

Die Sitten sind heute andere als im siebzehnten Jahrhundert. Die den Sitten zugrunde liegenden Gesinnungen haben sich nicht sonderlich geändert. Im siebzehnten Jahrhundert ver­folgte man ketzerische Anschauungen allerdings mit Mitteln, die heute nicht mehr human erscheinen. Man wird die Anthro­posophen heute nicht gerade mit dem Feuertode bedrohen: man begnügt sich damit, sie dadurch unschädlich zu machen, daß man sie für Schwärmer und unklare Köpfe erklärt. Die landläufige Wissenschaft stempelt sie zu Toren. An die Stelle der früheren Hinrichtung durch die Inquisition ist die neue Hinrichtungsart, die journalistische, getreten. Nun, die An­throposophen stehen aufrecht: sie trösten sich mit dem Be­wußtsein, daß die Zeit kommen werde, in der man von irgend-einem Virchow ungefähr hören wird: «Es gab eine Zeit - wir sind glücklich, daß die überwunden ist - in der man glaubte, daß die Seele von selbst entstehe, wenn gewisse komplizierte chemische und physikalische Vorgänge innerhalb einer Hirn-schale sich abspielen. Heute aber muß für jeden ernsten For­scher solch kindliche Vorstellung dem Satze weichen: Jedes Seelische entsteht aus Seelischem.» Und der Chorus «aufgeklär­ter» Journalisten verschiedener Parteirichtungen wird - falls dann nicht solcher Journalismus selbst unter die Kinde­reien gerechnet wird - er wird dann schreiben: «Der ge­niale Forscher X hat mannhaft die Fahne aufgeklärter See­lenwissenschaft entrollt und den Aberglauben einer mecha­nischen Naturanschauung zu Paaren getrieben, der noch auf der Naturforscherversammlung des Jahres 1903 durch

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1 Siehe Anmerkungen am Schluß des Aufsatzes

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den Breslauer Chemiker Ladenburg wahre Triumphe friern durfte.»

Nun soll man sich aber ja nicht dem Wahn hingeben, die Geisteswissenschaft wolle aus der Naturwissenschaft heraus ihre Wahrheiten beweisen. Was betont werden muß, ist viel­mehr, daß die Geisteswissenschaft die gleiche Gesinnung hat wie die wahre Naturwissenschaft. Der Anthroposoph vollbringt nur für die Gebiete des seelischen Lebens dasselbe, was der Naturforscher für das zu erreichen strebt, was er mit Augen sehen und mit Ohren hören kann. Zwischen echter Naturfor­schung und Geisteswissenschaft kann kein Widerspruch beste­hen. Der Anthroposoph legt dar, daß die Gesetze, die er für das Seelenleben aufstellt, in entsprechender Weise auch für die äußeren Naturerscheinungen gelten. Er tut es deshalb, weil er weiß, daß das menschliche Erkenntnisgefühl sich nur dann be­ftiedigt erklären kann, wenn es einsieht, daß Einklang und nicht Widerspruch ist zwischen den verschiedenen Erschei­nungsgebieten des Daseins. Heute sind ja die meisten Men­schen, die sich überhaupt um Erkenntnis und Wahrheit be­mühen, mit gewissen naturwissenschaftlichen Einsichten be­kannt. Solche Wahrheiten fliegen dem Menschen, sozusagen, auf der Straße an. Die Unterhaltungsbeilagen der Zeitungen enthüllen dem Gebildeten und auch dem Ungebildeten die Ge­setze, wie sich die vollkommenen Tiere aus den unvollkom­menen entwickeln, welch tiefgehende Verwandtschaft zwi­schen dem Menschen und dem höchststehenden Affen bestehe, und flinke Wochenblattschreiber werden nicht müde, ihren Lesern einzuschärfen, wie sie über den «Geist» zu denken ha­ben im Zeitalter des «großen Darwin». Sie fügen höchst selten hinzu, daß sich in Darwins Hauptwerk auch der Satz findet: «Ich halte dafür, daß alle organischen Wesen, die je auf dieser Erde gelebt haben, von einer Urform abstammen, welcher das Leben vom Schopfrr eingehaucht wurde.» - In einem solchen Zeit­alter ist es höchst notwendig, immer wieder und wieder zu zeigen, daß es sich die Anthroposophie mit dem «Einhauchen des Lebens» und auch der Seele nicht so leicht macht wie

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Darwin und manche Darwinianer, daß aber ihre Wahrheiten mit den Ergebnissen wahrer Naturforschung nicht in Wider­spruch stehen. Nicht auf der Krücke der Naturwissenschaft der Gegenwart will die Anthroposophie zu den Geheimnissen des Geisteslebens vordringen, sondern nur sagen will sie: «Er-kennet die Gesetze des geistigen Lebens, und ihr werdet diese hohen Gesetze auch in entsprechender Form bewahrheitet finden, wenn ihr auf das Gebiet heruntersteigt, wo ihr mit Augen sehen und mit Ohren hören könnt. Die Naturwissen­schaft der Gegenwart widerspricht nicht der Geisteswissen­schaft, sondern sie ist selbst elementare Geisteswissenschaft. Haeckel hat es im Gebiete des tierischen Lebens nur deshalb zu so schönen Ergebnissen gebracht, weil er die Gesetze, wel­che die Seelenforscher seit langem auf die Seele anwenden, nun auch auf die Entwickelung des tierischen Lebens anwandte. Wenn er selbst nicht diese Überzeugung hat, so tut das nichts; er kennt eben die Seelengesetze nicht und weiß auch nichts von den Forschungen, die man auf dem Felde der Seele anstellen kann. Die Bedeutung seiner Ergebnisse auf seinem Gebiete wird dadurch nicht geringer. Große Männer haben die Fehler ihrer Tugenden. Unsere Aufgabe ist, zu zeigen, daß Haeckel da, wo er zu Hause ist, nichts anderes ist als Anthroposoph. » -Und noch ein anderes Hilfsmittel bietet sich dem Geisteswissen­schafrer durch die Anknüpfung an die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse der Gegenwart. Die Dinge der äußeren Natur sind gewissermaßen mit den Händen zu greifen. Deshalb ist es leicht, ihre Gesetze klarzulegen. Sich zu vergegenwärtigen, daß Pflanzen sich verändern, wenn sie aus einer Gegend in eine andere versetzt werden, macht keine Schwierigkeiten. Daß ge­wisse Tierarten die Sehkraft ihrer Augen verlieren, wenn sie eine Zeitlang in finsteren Höhlen leben, ruft unschwer anschau­liche Vorstellungen hervor. Wenn man nun zeigt, welche Ge­setze in solchen Vorgängen wirken, so kann man von da aus leicht zu den minder anschaulichen, weniger faßbaren Gesetzen hinüberleiten, die uns auf dem Gebiete des seelischen Lebens entgegentreten. - Veranschaulichen und nichts anderes will

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der Anthroposoph, wenn er die Naturwissenschaft zu Hilfe ruft. Er hat zu zeigen, daß sich auf ihrem Gebiete die anthro­posophischen Wahrheiten in entsprechender Form wiederfin­den, daß die Naturwissenschaft nichts anderes sein kann als elementare Geisteswissenschaft; und er hat sich der naturwis­senschaftlichen Vorstellungen zu bedienen, um zu seinen höher gearteten hinüberzuleiten.

Nun könnte ja hier auch eingewendet werden, daß jegliche Hinneigung zu den gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Vorstellungen die Geisteswissenschaft schon deshalb in eine schiefe Lage bringen könne, weil diese Vorstellungen selbst auf einem ganz unsicheren Boden ruhen. Es ist richtig: da gibt es Naturforscher, die gewisse Grundlinien des Darwinismus für unumstößliche Wahrheiten halten, und andere, die bereits von einer «Krisis des Darwinismus» sprechen. Die einen fin­den in der «Allmacht der Naturzüchtung», im «Kampfums Dasein» umfassende Erklärungsgründe für die Entwickelung der Lebewesen; die andern verweisen diesen «Kampfums Dasein» zu den Kinderkrankheiten der neueren Naturlehre und reden von der «Ohnmacht der Naturzüchtung». - Wenn es auf diese besonderen strittigen Punkte ankäme, dann könnte man als Anthroposoph wahrlich nichts Besseres tun, als sich um sie vorläufig nicht bekümmern, und für den Einklang mit der Naturwissenschaft einen Zeitpunkt abwarten, der besser als der gegenwärtige ist. Aber eben darauf kommt es gar nicht an. Es handelt sich vielmehr um eine gewisse Gesinnung, um eine Denkungsart innerhalb des naturwissenschaftlichen Forschens in unserer Zeit, um bestimmte große Pichtungslinien, die überall eingehalten werden, wenn auch die Gedanken über besondere Fragen bei einzelnen Forschern und Denkern weit auseinandergehen. Wahr ist: Ernst Haeckels und Virchows Anschauungen über die «Abstammung des Menschen» gehen weit auseinander. Aber der anthroposophisch Gesinnte könnte froh sein, wenn die maßgebenden Persönlichkeiten über ge­wisse große Gesichtspunkte in bezug auf das Seelenleben so weit in klarer Weise dächten, wie diese Gegner über dasjenige,

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was ihnen bei allem Streit doch als absolut sicher gilt. Weder Haeckels noch Virchows Anhänger suchen heute den Ur­sprung der Würmer im leblosen Schiamm, weder die ersten, noch die letzteren zweifeln an dem Satze: «alles Lebendige stammt aus Lebendigem» in dem oben bezeichneter Sinne.

- In der Seelenkunde haben wir es so weit noch nicht gebracht. Da fehlt jede Klarheit über einen Gesichtspunkt, der sich mit solchen naturwissenschaftlichen Grundüberzeugungen ver­gleichen ließe. Wer die Gestalt und Lebensweise eines Wurmes erklären will, weiß, daß er zum Wurm- Ei und zu den Vorfah­ren des Wurmes hinaufsteigen muß; er weiß, in welcher Rich­tung er forschen muß, wenn auch über alles Weitere verschie­dene Ansichten herrschen, oder auch behauptet wird, die Zeit sei noch nicht reif, über dieser oder jenen Punkt bestimmte Gedanken zu erzeugen. - Wo wäre in der Seelenkunde eine ähnliche Klarheit? Daß die Seele2 geistige Eigenschaften habe, wie der Wurm physische, veranlaßt nicht, wie es doch sollte, an die eine Tatsache mit derselben Forschergesinnung heran­zutreten wie an die andere. Allerdings steht unsere Zeit unter dem Einfluß von Denkgewohnheiten, die bewirken, daß Unzäh­lige aus den Reihen derer, die sich mit diesen Dingen beschäfti­gen, gar nicht einmal auf eine solche Forderung in entspre­chender Art eingehen wollen. - Gewiß: es wird zur Not zuge­geben, daß auch die seelischen Eigenschaften eines Menschen geradeso irgendwoher stammen müssen wie die physischen. Es werden Erwägungen darüber angestellt, wie es denn komme, daß die Seelen einer Schar von Kindern so verschie­den sind, die alle unter gleichen Umständen aufgewachsen und erzogen sind, daß sogar Zwillinge in wesentlichen Eigenarten von einander abweichen, die stets an demselben Orte, unter der Obhut einer Amme gewesen sind. Man führt wohl auch gelegentlich an, daß es von «den siamesischen Zwillingen heißt, ihre letzten Lebensjahre wären infolge ihrer entgegen­gesetzten Sympathien im nordamerikanischer Bürgerkriege recht unbehaglich gewesen.» Übrigens soll gar nicht behauptet werden, daß nicht sorgfältiges Nachdenken und Beobachten

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auf solche Erscheinungen gewendet worden, und nicht beach­tenswerte Arbeiten darüber vorlägen. Aber es ist das Gewöhn­liche, daß sich solche Arbeiten zum Seelischen so verhalten, wie sich eben der Naturforscher zum Lebendigen verhalten würde, wenn er einfach seine Herkunft aus dem leblosen Schlamme behaupten wollte. Es ist zweifellos berechtigt, wenn man zur Erklärung der niederen seelischen Eigenschaften zu den physischen Vorfahren hinaufsteigt, und ebenso von Ver­erbung spricht, wie man es für die körperlichen Merkmale tut. Aber man will die Augen vor dem Wesentlichsten verschließen, wenn man dieselbe Richtung für die höherer Seeleneigen­schaften, für das eigentlich Geistige im Menschen nimmt. Man hat sich eben daran gewöhnt, diese höheren seelischen Eigen­schaften nur als eine Steigerung, als einen höheren Grad der niederen zu betrachten. Und man meint deshalb, man könne sich mit einer Erklärung zufriedengeben, die in demselben Sinne gehalten ist wie diejenige der seelischen Eigenschaften der Tiere.

Es soll nicht geleugnet werden, daß die Beobachtung ge­wisser seelischer Verrichtungen der höheren Tiere zu einer solchen Anschauung leicht verführt. Man braucht ja nur darauf hinzuweisen, daß Hunde merkwürdige Beweise eines treuen Gedächtnisses geben, daß Pferde, die den Mangel eines Hufeisens bei sich bemerken, selbst zur Schmiede gehen, in der sie gewöhnlich beschlagen werden; daß sogar Tiere, die in einem Zimmer eingeschlossen sind, sich selbst die Klinke öffnen, und was an dergleichen erstaunlichen Dingen mehr angeführt wer­den kann. Gewiß: auch der Anthroposoph wird nicht erman­geln, jede beliebige Steigerung der tierischen Fähigkeiten zu­zugeben. Aber soll man deshalb allen Unterschied zwischen den niederen Seelenmerkmalen, die der Mensch mit den Tieren gemein hat, und den höheren geistigen Eigenschaften, die nur ihm eignen, verwischen? Nur der kann das, der durch ein dogmatisches Vorurteil der «Wissenschaft» ganz: geblendet ist, welche am Grobsinnlichen haften bleiben will. Man nehme doch nur die durch einwandfreie Beobachtung festgestellte

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Tatsache, daß die Tiere, auch die höchststehenden, nicht zäh­len, und daher auch nicht rechnen lernen. Schon in alten Weis­heitsschulen galt es als ein vielsagender Satz, daß sich der Mensch dadurch vom Tiere unterscheide, daß er zählen kön-ne. - Das Zählen ist die einfachste, die trivialste der höheren Seelenfähigkeiten. Eben deshalb sei es hier angeführt als der Grenzpunkt, wo das Tierisch-Seelische in das Geistig-See­lische, in das höhere Menschliche übergeht. Es ist natürlich kinderleicht, auch hier Einwände zu machen. Erstens kann man sagen, daß ja noch nicht aller Tage Abend ist, und daß einmal gelingen könne, was bisher nicht gelungen ist: gewissen intelligenten Tieren das Zählen beizubringen. Und zweitens möchte man wohl darauf hinweisen, daß ja des Menschen Ge­hirn immerhin sich dem der Tiere gegenüber vervollkommnet habe; und daß es einfach daher komme, wenn es höhere Grade von Seelentätigkeiten hervorbringe. Man mag dem, der solche Einwände macht, nicht einmal, sondern hundertmal recht ge­ben. Aber in derselben Lage ist man bei solchen, die gegenüber der Tatsache, daß alles Leben aus Lebendigem hervorgeht, immer wieder behaupten: aber im Wurm herrschen dieselben chemischen und physikalischen Gesetze wie im Schlamme, nur in komplizierterer Weise. Wer mit Trivialitäten und Selbst­verständlichkeiten durchaus die Geheimnisse der Natur ent­hüllen will, dem wird eben schwer zu helfen sein. Es gibt Leute, die den Grad von Verstand, zu dem sie sich gerade em­porgerungen haben, für den denkbar höchsten halten, und die deshalb gar nicht darauf verfallen, daß ein anderer sich viel­leicht ihre trivialen Einwände selbst machen könnte, wenn er nicht deren Nichtigkeit einsähe. - Es ist gar nichts dagegen einzuwenden, daß alle höheren Verrichtungen in der Welt nur Steigerungen der niederen sind, daß die im Wurm herrschen­den Gesetze Steigerungen derjenigen sind, die im Schlamme anzutreffen sind. Aber so wie heute kein Einsichtiger die Her­kunft des Wurmes aus dem Schlamme behauptet, so kann kein klar Denkender das Geistig-Seelische in dieselbe Begriffs-schablone bringen wollen wie das Tierisch-Seelische. Wie man

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zunächst in der Reihe des Lebendigen bleibt, um dieses Le­bendige seiner Abstammung nach zu erklären, so muß man im Reich des Seelisch-Geistigen bleiben, um das Seelisch-Geistige seiner Herkunft nach zu verstehen.

Es gibt Tatsachen, die überall beobachtet werden können und an denen unzählige Menschen vorbeigehen, ohne sich besondere Gedanken dabei zu machen. Einmal kommt einer und macht an einer solch jedermann zugänglichen Tatsache die Entdeckung einer folgenschweren Wahrheit. An einer schwingenden Kirchenlampe soll Galilei das wichtige Gesetz der Pendelschwingung bemerkt haben. Vorher haben unzäh­lige Menschen Kirchenlampen schwingen sehen, ohne daran diese tiefgreifende Bemerkung zu machen. Es kommt darauf an, daß man mit den Dingen, die man sieht, die rechten Ge­danken verknüpft. Nun gibt es eine Tatsache, die ganz allge­mein zugänglich ist, und die, richtig angesehen, ein helles Licht wirft auf den Charakter des Seelisch-Geistigen. Das ist die ein­fache Wahrheit, daß jeder Mensch eine Biographie hat, das Tier aber keine. Zwar werden wieder manche sagen: Kann man denn nicht auch die Lebensgeschichte einer Katze oder eines Hundes schreiben? Ihnen ist zu antworten: zweifellos, aber es gibt auch Schulaufgaben, in denen man von den Kin­dern verlangt: sie sollen die Schicksale einer Schreibfeder er­zählen. Doch handelt es sich darum, daß für den einzelnen Menschen die Biographie dieselbe grundwesentliche Bedeu­tung hat, wie für das Tier die Beschreibung seiner Art. In dem­selben Sinne, in dem mich bei dem Löwen die Beschreibung der Löwenart interessiert, beschäfrigt mich beim einzelnen Menschen die Biographie. Schiller, Goethe und Heine sind nicht in demselben Sinne für mich erschöpft, wenn ich ihre Menschenart beschreibe, wie der einzelne Löwe für mich er­schöpft ist, wenn ich ihn als Exemplar seiner Gattung erkannt habe. Der einzelne Mensch ist mehr als ein Exemplar der Menschengattung. Er hat in demselben Sinne seine Gattungs­merkmale mit seinen physischen Vorfahren gemein wie das Tier. Aber wo das Gattungsmäßige aufhört, da beginnt für

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den Menschen das, was seine besondere Stellung, seine Auf­gaben in der Welt bedingt. Und wo dieses anfängt, da hört alle Möglichkeit einer Erklärung nach der Schablone der tierisch-physischen Vererbung au£ Ich kann Schillers Nase und Haare, vielleicht auch gewisse Temperamentseigenschaf ten auf Entsprechendes bei seinen Vorfahren zurückführen, aber nicht sein Genie. Und das gilt natürlich nicht nur von Schiller. Das gilt auch von der Frau Müller aus Krähwinkel. Auch bei ihr wird man, wenn man nur zusehen will, Seelisch-Geistiges finden, das durchaus nicht in der gleicher Art bei ihren Eltern und Großeltern gefunden werden könnte, wie ihre Nase und ihre blauen Augen. Zwar hat Goethe gesagt, vom Vater habe er die Statur und des Lebens ernstes Führen, vom Mütterchen die Frohnatur und Lust zu fabulierer, und deshalb wäre an dem ganzen Wicht nichts original zu nennen. Nun, trotzdem wird aber niemand versuchen, Goethes Bega­bung in demselben Sinne von Vater und Mutter herzuleiten, und sich damit befriedigt erklären, wie man die Form und Lebensart des Löwen aus seinen Vorfahren herleitet. - Hier liegt die Richtung, welche die Seelenkunde nehmen muß, wenn sie dem naturwissenschaftlichen Satz: «alles Lebendige stammt aus Lebendigem» den entsprechenden an die Seite stellen will: «alles Seelische ist aus Seelischem zu erklären.» Wir werden weiterhin diese Richtung verfolgen und zeigen, wie die Gesetze von Reinkarnatior und Karma vor diesem Ge­sichtspunkte aus eine naturwissenschaftliche Notwendigkeit sind.

Es erscheint höchst sonderbar, daß so viele an der Frage nach der Herkunft des Seelischen vorbeigehen, rein aus Furcht, daß sie dabei in ein unsicheres Wissensgebiet kommen könn­ten. Ihnen muß vorgehalten werden, was der große Natur-forscher Karl Gegenbaur vom Darwinismus gesagt hat. Mögen die unmittelbaren Behauptungen Darwins auch nicht ganz richtig sein, sie waren Führer zu Entdeckungen, die ohne sie nicht wären gemacht worden. Darwin hat in einleuchtender Weise auf die Entwickelung der Lebensformen aus einander hingewiesen, und das hat dazu angespornt, die Zusammenhänge

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solcher Formen zu suchen. Auch diejenigen, welche die Irrtümer des Darwinismus bekämpfen, müßten sich darüber klar sein, daß dieser selbe Darwmismus der Erforschung tie­rischer und pflanzlicher Entwickelung Klarheit und Skherheit gebracht hat, und daß er durch sie in dunkle Gebiete des Na­turwirkens hineingeleuchtet hat. Seine Irrtümer wird er durch sich selbst überwinden. Wäre er nicht gewesen, so hätten wir auch seine Folgen nicht. Und den anthroposophischen An­schauungen müßte für das geistige Leben ein gleiches auch der­jenige zugestehen, der diesen Lehren gegenüber Unsicherheit fürchtet. Auch wenn sie nicht ganz richtig wären, würden sie aus sich selbst zum Licht über die Rätselfragen der Seele füh­ren. Auch ihnen wird Klarheit und Sicherheit verdankt werden. Und da sie sich auf unser geistiges Schicksal, auf unsere menschliche Bestimmung, auf unsere höchsten Aufgaben be­ziehen, so müßte die Herbeiführung dieser Klarheit und Si­cherheit die wichtigste Angelegenheit unseres Lebens sein. Auf diesem Gebiete ist das Streben nach Erkenntnis zugleich eine moralische Notwendigkeit, eine unbedingte sittliche Ver­pflichtung.

Eine Art Bibel des «aufgeklärten» Menschen der neuen Zeit wollte David Friedrich Strauß in seinem 1872 erschienenen Buche «Der alte und der neue Glaube» liefern. Dem «neuen Glauben» sollen die Offenbarungen der Naturwissenschaft zugrunde liegen, und nicht die, nach der Meinung des genann­ten Apostels der Aufklärung überlebten, Offenbarungen des «alten Glaubens». Unter dem Eindruck der Darwinschen Vor­stellungen ist die neue Bibel geschrieben. Und sie rührt von einer Persönlichkeit her, die sich gesagt hat: wer gleich mir zu den aufgeklärten Menschen sich rechnet, der hat längst vor Darwin nicht an die «übernatürliche Offenbarung» und ihre Wunder geglaubt. Er hat sich klar gemacht: in der Natur wal­ten notwendige, unabänderlihe Gecsetze, und was uns die Bibel als Wunder erzählt, wären Störungen, Unterbrechungen dieser Gesetze; und solche kann es nicht geben. Wir wissen

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nach Naturgesetzen, daß kein Toter wieder lebendig werden kann: also kann auch Jesus den Lazarus nicht auferweckt haben. - Aber nun - so sagt sich unser Aufgeklärter weiter --hatte unsere Naturerklärung eine Lücke. Wir vermochten ein-zusehen, wie die leblosen Erscheinungen durch unabänder­liche Naturgesetze erklärt werden können; aber wie die man­nigfaltigen Arten der Pflanzen und Tiere und der Mensch selbst entstanden seien: davon konnten wir uns keine naturge-maße Vorstellung machen. Wir glaubten zwar, daß auch da nur notwendige Naturgesetze in Betracht kämen; aber welche es seien, und wie sie wirken, davon wußten wir nichts. Was wir uns auch Mühe gaben: etwas Vernünftiges konnten wir nicht einwenden gegen das, was Karl von Linné, der große Naturforscher des achtzehnten Jahrhunderts, ausgesprochen hat: es seien so viele «Spezies im Tier- und Pflanzenreich vor­handen, als ursprünglich im Prinzip geschaffen worden sind.» Hatten wir da nicht so viele Schöpfungswunder vor uns, als Arten von Pflanzen und Tieren? Was nützte uns unsere Über­zeugung, Gott könne nicht durch einen übernatürlichen Ein­griff in die Naturordnung, durch ein Wunder, den Lazarus er­weckt haben, wenn wir solcher übernatürlicher Taten doch unzählige annehmen mußten. Da kam Darwin und zeigte uns, daß durch unabänderliche Naturgesetze - Anpassung und Kampf ums Dasein - die pflanzlichen und tierischen Arten entstehen wie die leblosen Erscheinungen. Unsere Lücke in der Naturerklärung war ausgefüllt.

Aus der Stimmung heraus, die ihm aus solcher Überzeugung kam, schrieb David Friedrich Strauß diese Worte seines «Alten und neuen Glaubens» hin: «Wir Philosophen und kritischen Theologen haben gut reden gehabt, wenn wir das Wunder in Abgang dekretierten; unser Machtspruch verhallte ohne Wir­kung,weil wir es nicht entbehrlich zu machen, keine Naturkraft nachzuweisen wußten, die es an den Stellen, wo es bisher am meisten für unerläßlich galt, ersetzen konnte. Darwin hat diese Naturkraft, dieses Naturverfahren nachgewiesen, er hat die Tür geöffnet, durch welche eine glücklichere Nachwelt das

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Wunder auf Nimmerwiederkehr hinauswerfen wird. Jeder, der weiß, was am Wunder hängt, wird ihn dafür als einen der größten Wohltäter des menschlichen Geschlechts preisen.»

In diesen Worten liegt Siegerstimmung. Und alle, die wie Strauß empfinden, dürfen den folgenden Ausblick in einen «neuen Glauben» eröffnen: Einmal haben sich leblose Stoffteilchen durch die ihnen innewohnenden Kräfte so zusammen-geballt, daß sie /ebendgen Stoff gaben. Dieser entwickelte sich durch notwendige Gesetze zu den einfachsten, unvollkom­mensten Lebewesen. Dann veränderten sich diese nach ebenso notwendigen Gesetzen weiter zum Wurm, Fisch, zur Schlange, zum Beuteltier und zuletzt zum Affen. Und da Huxley, der große englische Naturforscher, nachgewiesen hat, daß die Menschen ihrem Baue nach den höchststehenden Affen viel ähnlicher sind, als diese den niederen Affen: was steht noch dem Glauben entgegen, daß der Mensch selbst sich nach den­selben Naturgesetzen aus höheren Affen entwickelt habe? Ferner, treffen wir nicht das, was wir höhere menschliche Geistestätigkeit, was wir Moral nennen, in einem unvollkom­menen Zustande schon bei den Tieren? Dürfen wir daran zweifeln, daß die Tiere, als ihr Bau vollkommener wurde, als er sich zur menschlichen Gestalt entwickelte, bloß auf Grund der physischen Gesetze, auch die Andeutungen von Verstan­destätigkeit und Moral, die sich schon bei ihnen finden, zur menschlichen Höhe aus gestalteten?

Alles scheint da aufs beste zu stimmen. Zwar wird jeder zugestehen müssen, daß unsere Naturkennmis noch lange nicht ausreichen wird, um sich vorzustellen, wie das oben Beschrie­bene alles im einzelnen vor sich geht; aber man wird immer mehr Tatsachen und Gesetze entdecken; und dann wird auch der «neue Glaube» immer festere Stützen gewinnen.

Nun haben die Forschungen und Überlegungen der letzten Zeit zwar gar keine so festen Stützen für diesen Glauben geliefert, vielmehr alles mögliche zu seiner Erschütterung beige­tragen: er lebt aber doch in immer weiteren Kreisen fort und ist ein schweres Hindernis für jede andere Überzeugung

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Es kann kein Zweifel darüber bestehen: haben David Fried­rich Strauß und seine Gesinnungsgenossen recht, so ist alles Reden von höheren geistigen Gesetzen des Daseins ein Un­ding: man müßte den «neuen Glauben» lediglich auf die Grundlagen aufbauen, von denen diese Persönlichkeiten be­haupten, daß sie Ergebnisse des Naturerkennens seien.

Nun stellt sich aber eine merkwürdige Tatsache dem vor Augen, der mit unbefangenen Augen die Ausführungen dieser Anhänger des «neuen Glaubens» verfolgt. Und diese Tat­sache drängt sich besonders dann unwiderstehlich auf, wenn man auf die Gedanken derer blickt, die sich noch ein wenig Unbefangenheit bewahrt haben gegenüber den mit solcher Sicherheit auftretenden Behauptungen der orthodoxen Auf­klärer.

Es gibt nämlich verborgene Ecken in den Bekenntnissen dieser Neu-Gläubigen. Und deckt man das auf, was in diesen Ecken vorhanden ist, dann erstrahlen die wahren Ergebnisse der neueren Naturwissenschaft zwar in einem hellen Glanze, aber die Meinungen der Neu-Gläubigen über den Menschen be­ginnen zu erblassen3.

Leuchten wir doch in ein paar solcher Ecken einmal hinein. Halten wir uns an die Persönlichkeit zunächst, welche die be­deutendste und verehrungswürdigste dieser Neu-Gläubigen ist. Auf Seite 804 der neunten Auflage von Haeckeis «Natür­licher Schöpfungsgeschichte» ist zu lesen: «Das Endresultat (einer Vergleichung der Tiere und des Menschen) ist, daß zwischen den höchstentwickelten Tierseelen und den tiefttstehenden Menschenseelen nur ein geringer quantitativer, aber kein qualitativer Unterschied existiert; dieser Unterschied ist viel geringer als der Unterschied zwischen den niedersten und höchsten Men­schenseelen oder als der Unterschied zwischen den höchsten und niedersten Tierseelen.» Nun, wie verhält sich der Neu-Gläubige zu einer solchen Tatsache? Er verkündet: wir mus­sen den Unterschied zwischen den niederen und den höheren Tierseelen aus notwendigen und unabänderlichen Gesetzen heraus erklären. Und wir studieren diese Gesetze. Wir fragen

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uns: wie ist es gekommen, daß aus Tieren mit niedriger Seele solche mit höherer sich entwickelt haben? Wir suchen in der Natur nach Bedingungen, durch die das Niedere zum Höheren werden kann. Wir finden da zum Beispiel, daß Tiere, die in die Höhlen von Kentucky aus anderen Orten herkommen, blind werden. Es wird uns klar, daß der Aufenthalt im Finstern die Augen außer Tätigkeit gesetzt hat. In diesen Augen wird da­durch nicht mehr die physikalische und chemische Tätigkeit verrichtet, die während des Sehens vor sich geht. Der Strom der Nahrung, der für diese Tätigkeit früher verwendet worden ist, fließt nunmehr andern Organen zu. Die Tiere verändern ihre Gestalt. Auf solche Weise können neue Tierarten aus alten entstehen, wenn die Verwandlungen nur hinreichend groß und mannigfaltig genug sind, welche die Natur an diesen Arten bewirkt. - Was geschieht da eigentlich? Die Natur nimmt mit gewissen Wesen Veränderungen vor; und diese Veränderungen treten dann auch bei den Nachkommen auf. Man sagt, sie vererben sich. So ist die Entstehung neuer Tier-und Pflanzenarten erklärt4.

Und nun geht bei den Neu-Gläubigen die Erklärung mun­ter weiter. Der Unterschied zwischen den tiefstehenden Men­schenseelen und den hochstehenden Tierseelen ist nicht gar so groß. Also haben gewisse Lebensverhältnisse, in welche hoch­stehende Tierseelen versetzt worden sind, Veränderungen in ihnen bewirkt, wodurch sie zu niederen Menschenseelen wur­den. Das Wunder der Menschenseelen-Entwickelung ist - um mit Strauß zu reden - auf Nimmerwiederkehr aus dem Tempel des neuen Glaubens hinausgeworfen, und der Mensch nach «ewigen, notwendigen» Gesetzen der Tierwelt eingereiht. Der Neu-Gläubige zieht sich damit befriedigt zum friedlichen Schlummer zurück; von jetzt an will er nicht mehr weiter.

Ehrliches Denken muß ihn stören in diesem Schlummer. Denn dieses ehrliche Denken muß an seinem Schlummerlager Geister am Leben erhalten, die er selbst gerufen hat. Sehen wir uns einmal obigen Haeckelschen Satz näher an, «der Unter­schied (zwischen höheren Tieren und Menschen) ist viel geringer als

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der Unterschied zwischen den niedersten und höchsten Menschenseelen». Wenn der Neu-Gläubige das zugibt: darf er sich dann in fried­lichen Schlummer einlullen, sobald er - nach seiner Ansicht -die Entwickelung der niederen Menschen aus der höchsten Tieren erklärt hat?

Nein, er darf es nicht; und tut er es doch, dann verleugnet er die ganze Grundlage, auf die er seine Überzeugung aufgebaut hat. Was würde ein Neu-Gläubiger dem andern entgegnen, wenn dieser käme und sagte: ich habe gezeigt, wie die Fischtiere aus niedrigeren Lebewesen entstanden sind. Damit bin ich fertig. Ich habe gezeigt, daß sich alles entwickelt - also werden sich schon die über den Fischen stehenden Arten so entwickelt haben wie die Fische. Ohne Zweifel würde unser Neu-Gläubiger sagen: mit deinem allgemeinen Ertwickelungsgedanken ist es nichts: du mußt auch begreiflich machen, wie die Säugetiere entstehen; denn zwischen den Säugetieren und den Fischen ist ein größe­rer Unterschied als zwischen den Fischen und den unmittelbar unter ihnen stehenden Tieren. - Und was müßte daraus folgen, wenn der Neu-Gläubige sich wirklich in seinem Bekenntnisse treu bliebe? Er müßte sagen: der Unterschied zwischen den höheren und niederen Menschenseelen ist größer, als der zwi­schen diesen niederen Seelen und den unmittelbar unter ihnen stehenden Tierseelen: also muß ich zugeben, daß es im Welt­all Ursachen gibt, welche an der niederen Menschenseele Ver­wandlungen bewirken, die sie ebenso umgestalten, wie die von mir aufgezeigten Ursachen die niedere Tierform in die höhere überführen. Tue ich das nicht, so bleiben die Arten der Men­schenseelen für mich ihrer Entstehung nach ebenso Wunder, wie es die verschiedenen Tierarten für den bleiben, der nicht an die Veränderung der Lebewesen durch Naturgesetze glaubt.

Und dies ist unbedingt richtig: die Neu-Gläubigen, die sich so aufgeklärt dünken, weil sie das Wunder auf dem Gebiete des Lebendigen «hinausgeworfen» zu haben glauben, sie sind Wundergläubge,ja Anbeter des Wunders auf dem Gebiete des seeli­schen Lebens. Und nur dadurch unterscheiden sie sich von den von ihnen so sehr verachteten Wundergläubigen, daß diese

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ihren Glauben ehrlich eingestehen; sie selbst aber gar keine Ahnung davon haben, daß sie von dem finstersten Aberglau­ben befallen sind.

Und nun soll unser Licht in eine andere Ecke des «neuen Glaubens» getragen werden. Schön hat Dr. Paul Topinard in seiner «Anthropologie» die Ergebnisse der modernen Men­schenursprungslehre zusammengestellt. Am Schluß des Bu­ches wiederholt er kurz, wie die höheren Tierformen nach Haeckel in den verschiedenen Zeiten der Erde sich entwickelt haben: «Jm Beginne der Erdperiode, die von den Geologen laurentische genannt wird, bildeten sich durch zufälliges Zu­sammentreffen unter Bedingungen, die sich wahrscheinlich nur in dieser Epoche darboten, aus einigen Elementen: Koh­lenstoff, Sauerstoff, Wasserstoff und Stickstoff die ersten Ei­weißklümpchen. Aus ihnen gingen durch Urzeugung Mone­ren - kleinste, unvollkommene Lebewesen - hervor. Darauf teilten und vervielfältigten sich diese, ordneten sich zu Orga­nen an und gaben schließlich, nach einer Reihe von Umbil­dungen, die Haeckel auf neun festsetzt, einigen Wirbeltieren nach Art des Amphioxus lanceolatus (Lanzettfischchen) das Leben.» Wir können übergehen, wie die weiteren Arten der Tiere in derselben Richtung verfolgt werden, und fügen so­gleich den Schluß der Topinardschen Sätze hinzu: «Im zwan­zigsten Grade (der Umbildungen) ist der Anthropoide (men­schenähnliche Affe) da, ungefähr während der ganzen Miozän-periode; im einundzwanzigsten der Affenmensch, der die Sprache und ein dementsprechendes Gehirn noch nicht besitzt. Im zweiundzwanzigsten erscheint endlich der Mensch, sd wie wir ihn kennen, wenigstens in seinen minder vollkommenen For­men.» Und nun, nachdem Topinard aufgeführt hat, was die «naturwissenschaftliche Grundlage des neuen Glaubens» sein soll, macht er in wenigen Worten ein wichtiges Geständnis. Er sagt: «Hier schneidet die Aufzählung ab. Haeckel verg'ßt den drei­undzwanzigsten Grad, in dem ein Lamarck und Newton glänzen.»

Eine Ecke im Bekenntnis des Neu-Gläubigen ist damit auf gezeigt, in der er so deutlich wie nur irgend möglich auf Tatsachen

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weist, denen gegenüber er dieses sein Bekenntnis ver­leugnet. Er will mit den Begriffen, mit denen er in der übrigen Natur sich zurechtzufinden sucht, nicht heraufsteigen in menschlich-seelisches Gebiet. - Täte er dies, beträte er mit sei­ner an der äußeren Natur gewonnenen Gesinnung das Feld, das Topinard den dreiundzwanzigster Grad nennt, dann müßte er sich sagen: wie ich die höhere Tierart aus der niede­ren durch Entwickelung herleite, so leite ich die höhere Seelen-art durch Entwickelung aus der niederen her. Ich kann New-tons Seele nicht verstehen, wenn ich sie nicht hervorgehend denke aus einem vorausgehenden seelischen Wesen. Und die­ses seelische Wesen kann nie und nimmer in den physischen Vorfahren gesucht werden. Denn wollte man es da suchen, so würde man allen Geist der Naturforschung auf den Kopf stel­len. Wo könnte es einem Naturforscher je beifallen, eine tie­rische Art aus einer anderen sich entwickeln zu lassen, wenn die letztere der ersteren in physischer Beziehung so unähnlich wäre wie in seelischer Beziehung Newton seinen Vorfahren? Man stellt sich doch vor, daß eine Tierart aus einer ähnlichen hervorgeht, die nur um einen Grad tiefer steht als sie. Also muß Newtons Seele aus einer solchen hervorgegangen sein, die ihr ähnlich, nur in seelischer Beziehung einen Grad tiefer ist als sie. Das Seelische in Newton umfaßt mir seine Biographie (vergleiche Seite 75). Ich erkenne Newton aus dieser seiner Biographie, wie ich einen Löwen aus der Beschreibung seiner Art erkenne. Und ich verstehe die Löwenart, wenn ich mir vorstelle, daß sie aus einer im Verhältnis zu ihr niedrigeren hervorgegangen ist. Also verstehe ich das, was ich in Newtons Biographie umfasse, wenn ich es mir entwickelt denke aus dem Biographischen einer Seele, die ihr ähnlich, als Seele mit ihr verwandt ist. Demnach war Newtons Seele in anderer Form bereits da, wie die Löwenart in anderer Form vorher da war.

Für ein klares Denken gibt es kein Entrinnen aus dieser An­schauung. Nur weil die Neu-Gläubigen nicht den Mut haben, ihre Gedanken wirklich zu Ende zu führen, kommen sie nicht zu dieser Schlußfolgerung. Durch sie ist aber das Wiederer­scheinen

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der Wesenheit, die man in der Biographie umfaßt, gesichert. - Man lasse entweder die ganze naturwissenschaftliche Entwickelungslehre fallen, oder man gebe zu, daß sie auf die seelische Entwickelung ausgedehnt werden müsse. Es gibt nur zweierlei: entweder es ist jede Seele durch ein Wunder ge­schaffen, wie die tierischer Arten durch Wunder geschaffen sein müßten, wenn sie sich nicht auseinander entwickelt haben; oder die Seele hat sich entwickelt und ist in anderer Form frü­her dagewesen, wie die tierische Art in anderer Form da war.

Einige der gegenwärtigen Denker, die sich noch ein wenig Klarheit und Mut zu folgerichtigem Vorstellen bewahrt haben, sind ein lebendiger Beweis für diese Tatsache. Sie können sich zwar ebensowenig in den unserer Zeit so ungewohnten Gedanken von der Seelenentwickelung hineinfinden wie die charakterisierten Neu- Gläubigen. Aber sie haben wenigstens den Mut, sich zu der dann einzig möglichen anderen Ansicht zu bekennen: zu dem Wunder der Seelenschöpfung. So kann man in dem Werk über Psychologie des Greifswalder Pro­fessors Johannes Rehmke, eines der besten Denker unserer Zeit, lesen: «Der Schöpfungsgedanke ... erscheint uns ... allein geeignet, dem Geheimnis der Seelenentstehung doch etwas Begreifliches abzugewinnen.» Rehmke kommt dazu, ein bewußtes Aliwesen anzuerkennen, von dem er sagt, es «würde dasselbe, ... als alleinige Bedingung der Seelenentste­hung, der Schöpfrr der Seele heißen müssen». So spricht ein Denker, der nicht sanft sich in geistigen Schlummer einlullen will, nachdem er die physischen Lebensvorgänge begriffen hat, und dem doch die Fähigkeit fehlt, sich zu der Vorstellung zu bekennen, daß eine Seele sich aus ihrer früheren Daseins-form entwickelt habe. Rehmke hat eben den Mut zum Wunder, da er den anderen nicht haben kann zur anthroposophischen Ansicht von dem Wiedererscheinen der Seele, oder der Re­inkarnation. Denker, in denen das naturwissenschaftliche Stre­ben anfängt, sich folgerichtig auszubilden, kommen notwendig zu dieser Ansicht. So lesen wir in der Schrift des Göttinger Phi­losophieprofessors Julius Baumann über «Neuchristentum und

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reale Religion» unter den neununddreißig Sätzen eines «Ent­wurfes eines kurzen Inbegriffs realwissenschaftlicher Reli­gion» auch den folgender (zweiundzwanzigster): «... Wie ... in der unorganischen Natur die physikalisch chemischen Elemente und Kräfte nicht vergehen, sondern nur ihre Kom­binationen ändern, so ist dies nach realwissenschaftlicher Me­thode auch anzunehmen vor den organischen und den orga­nisch-geistigen Kräften. Die Menschenseele als formale Einheit, als verknüpfindes Ich kehrt wieder in neuen Menschenleibern und kanu so alle Stuftn menschheitlicher Entwickelung durchleben.»

Solche Anschauung muß haben, wer den vollen Mut zum naturwissenschaftlichen Glaubensbekenntnis der Gegenwart besitzt. Das soll nicht dahin mißverstanden werden, als ob hier behauptet werde, die Hervorragenderen unter den Neu-Gläubigen seien, im gewöhnlichen Sinne des Wortes, mutlose Persönlichkeiten. Mut, unbeschreiblich großer Mut gehörte dazu, die naturwissenschaftliche Ansicht gegen die widerstre­benden Mächte des neunzehnten Jahrhunderts durchzukämp-fen. - Aber dieser Mut ist etwas anderes als der höhere dern folgerichtigen Denken gegenüber. Solches folgerchtiges Denken lassen aber gerade Naturforscher der Gegenwart ver­missen, die aus den Erkenntnissen ihres Gebietes eine Welt-ansicht aufbauen wollen. Ist es denn nicht trostlos, daß in einem Vortrage, der auf der letzten Naturforscherversamm­lung von dem Breslauer Chemiker Albert Ladenburg gehalten worden ist, der Satz vorkommt: «Kennen wir denn ein Sub­strat der Seele? Ich kenne keins.» Und daß dann, nach die­sem - Eingeständnis, von demselben Manne gesagt werden konnte: «Wie wollen Sie es mit der Unsterblichkeit halten? Ich glaube, daß bei dieser Frage mehr als bei jeder anderen der Wunsch der Vater des Gedankens ist, denn ich kenne keine einzige wissenschaftlich erhärtete Tatsache, auf die wir uns bei dem Unsterblichkeitsglauben berufen können.» Was würde der gelehrte Herr wohl sagen, wenn er einem Redner gegen­überstände, der sagte: «Ich kenne nichts von den chemischen Tatsachen. Deshalb leugne ich die chemischen Gesetze, denn

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ich kenne keine einzige wissenschaftlich erhärtete Tatsache, auf die wir uns bei diesen Gesetzen berufen können.» Da würde doch der Professor sagen: Was geht uns deine Unwis­senheit in der chemischen Wissenschaft an; befasse dich doch erst mit Chemie, dann rede. Der Professor Ladenburg kennt kein Substrat der Seele; also soll er die Welt nicht mit den Er­gebnissen seiner Unkenntnis behelligen.

Wie der Naturforscher zu den Tierformen geht, aus denen sich andere entwickelt haben, um diese anderen zu verstehen, so sollte der Seelenforscher, der sich auf den Boden dieser Naturforschung stellt, zu der Seelenform gehen, aus der sich eine andere entwickelt hat, um die letztere zu verstehen. Die Schädelform der höheren Tiere erklären doch die Naturfor­scher aus der Umbildung des niederen Tierschädels. Also sol­len sie alles, was in das Biographische einer Seele gehört, aus dem Biographischen der Seele erklären, aus welcher diejenige hervorgegangen ist, die man im Auge hat. Die späteren Zu­stände sind die Wirkungen früherer. Und zwar die späteren physischen die Wirkungen früherer physischer; aber auch die späteren seelischen die Wirkungen früherer seelischer. Dies ist der Inhalt des Karma-Gesetzes, das besagt: alles, was ich in meinem gegenwärtigen Leben kann und tue, steht nicht abge­sondert für sich da als Wunder, sondern hängt als Wirkung mit den früheren Daseinsformen meiner Seele zusammen, und als Ursache mit den späteren.

Diejenigen, welche mit offenem Geistesauge das mensch­liche Leben betrachten und dieses umfassende Gesetz nicht kennen, oder nicht anerkennen wollen, stehen fortwährend vor Lebensrätseln. - Es sei ein Beispiel für vieles angeführt. In Maurice Maeterlincks «Begrabenem Tempel» kann man es finden, einem Buche, das von solchen Rätseln spricht, wie sie den gegenwärtigen Denkern in verzerrter Gestalt erschei­nen, weil diese mit den großen Gesetzen von Ursache und Wirkung im geistigen Leben, mit Karma nicht vertraut sind. Diejenigen, welche den engumgrenzten Dogmen der Neu-Gläubigen verfallen sind, haben für solche Rätselfragen heute

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überhaupt keinen Sinn. Maeterlinck wirft eine derselben auf: «Wenn ich mich bei strenger Kälte ins Wasser werfe, um mei­nen Nächsten zu retten, oder wenn ich hineinfalle, während ich ihn hineinzuwerfen suche, so werden die Folgen der Er­kältung in beiden Fällen die gleichen sein, und keine Macht im Himmel und auf Erden, außer mir selbst und dem Men­schen (wenn er es vermag), wird meine Leiden mehren, weil ich ein Verbrechen begangen, oder mir einen Schmerz ab­nehmen, weil ich eine tugendhafte Tat vollbracht habe.» Ge­wiß: es erscheinen die hier in Rede stehenden Folgen für eine Beobachtung, die sich auf die bloß physischen Tatsachen be­schränkt, als die gleichen in beiden Fällen. Aber darf diese Be­obachtung, ohne weiteres, als eine vollständige angesehen wer­den? Wer das behauptet, der steht als Denker ungefähr auf dem gleichen Gesichtspunkte mit jenem, der beobachtet, daß zwei Knaben von zwei verschiedenen Lehrern unterrichtet werden, und der dabei nichts sieht, als daß in beiden Fällen die Lehrer sich täglich die gleiche Anzahl Stunden mit den beiden Knaben beschäftigen, und dabei ungefähr das gleiche voll-ziehen. Ginge der Beobachter tlefer auf die Tatsachen ein, so würde er vielleicht in beiden Fällen eine große Verschieden­heit wahrnehmen und es dann erklärlich finden, daß der eine Knabe ein untüchtiger, der andere ein vorzüglicher Mensch wird. - Und betrachtete der, welcher auf seelisch geistige Zu­sammenhänge eingehen will, die obigen Folgen für die Seelen der in Betracht kommenden Menschen, so müßte er sich sagen: was da geschieht, kann nicht für sich allein angesehen werden. Die Folgen der Erkältung sind Seelenerlebnisse, und ich muß sie, wenn sie nicht als Wunder gelten sollen, als Ursachen und Wirkungen im Seelenleben ansehen. Die Folgen beim Lebens-retter werden aus anderen Ursachen fließen als beim Verbre­cher; oder sie werden in dem einen oder anderen Falle andere Wirkungen haben. Und wenn ich in dem gegenwärtigen Le­ben der Menschen diese Ursachen und Wirkungen nicht finden kann, wenn für dieses gegenwärtige Leben alles gleich ist, so muß ich den Ausgleich im vergangenen und zukünftigen su­chen.

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Ich verfahre dann genau wie der Naturftrscher auf dem Felde der äußeren Tatsachen verfährt: auch dieser erklärt die Augenlosigkeit der Tiere in finsteren Höhlen ausfrüheren Er-lebnis sen; und er setzt voraus, daß die gegenwärtigen Erleb­nisse ihre Wirkungen in künftigen Rassen- und Artbildungen haben werden.

Nur der hat ein inneres Recht, im Gebiete der äußeren Natur von Entwickelung zu reden, der diese Entwickelung auch im Geistig-Seelischen anerkennt. Es ist nun klar, daß diese An­erkennung, diese Erweiterung des Naturerkennens über die Natur hinaus, mehr ist als bloßes Erkennen. Denn sie wandelt die Erkenntnis in Leben; sie bereichert nicht nur des Menschen Wissen, sondern sie gibt ihm die Kraft, seine Lebenswege zu wandeln. Sie zeigt ihm, woher er kommt und wohin er geht. Und sie wird ihm dieses Woher und Wohin über Geburt und Tod hinaus zeigen, wenn er standhaft die Richtung verfolgt, die ihm die Erkenntnis weist. Von allem, was er tut, weiß er, daß es sich eingliedert in einen Strom, der von Ewigkeit zu Ewig­keit fließt. Immer höher und höher wird der Gesichtspunkt, von dem aus er sein Leben regelt. Wie in einen dumpfen Nebel gehüllt ist der Mensch, bevor er zu dieser Gesinnung kommt, denn er ahnt nichts von seinem wahren Wesen, nichts von dessen Ursprung und seinen Zielen. Er folgt den Antrieben seiner Natur, ohne Einsicht in diese Antriebe zu haben. Er muß sich sagen, daß er vielleicht ganz anderen folgen würde, wenn er seine Wege mit dem Lichte der Erkenntnis beleuch­tete. Das Verantwortlichkeitsgefühl gegenüber dem Leben wächst immer mehr unter dem Einfluß solcher Gesinnung. Allein, bildet der Mensch dieses Verantwortlichkeitsgefühl nicht in sich aus, so verleugnet er im höheren Sinne sein Menschentum. Erkenntnis ohne das Ziel der Menschenver­edelung ist nur Befriedigung höherer Neugierde. Die Er­kenntnis hinauf zu heben zum Erfassen des Geistigen, damit sie die Kraft des ganzen Lebens werde, das ist - im höheren Sinne gefaßt - Pflicht. Und Pflicht ist es daher für jeden Menschen, Verständnis zu suchen für das Woher und Wohin der Seele.

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Wie diese Gesetze des Geisteslebens - Reinkarnation und Karma - wirken, das soll Gegenstand eines nächsten Aufsatzes werden.

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Anmerkungen

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1 Das Obige muß ausdrücklich gesagt werden, denn die flüchtigen Leser sind heute zahlreich, und sie sind jederzeit gern bereit, jeden möglichen Un­sinn in die Ausführungen eines Denkers hineinzulesen, auch wenn dieser be­müht ist, ganz genau sieh auszusprechen. Deshalb sei hier noch besonders hin­zugefügt, daß es mir gar nicht beifallen kann, diejenigen zu bekampfen, die, auf naturwissenschaftlichen Voraussetzungen fußend, dern Problem der «Urzeugung» nachgehen. Aber werm es auch Tatsache sein kann, daß irgendwie bloß «leblose» Substanzen sich zu lebendigem Eiweiß vereinigen, so folgt daraus nicht, daß, richtig verstanden, Redis Anschauung falsch sei.

2 Die Getreuen der Wundtschen Schule mögen sich entsetzlich berührt fühlen, daß ich in so altväterischer Weise von «Seele» spreche, während sie doch auf die Worte ihres Meisters schwören, der es eben wieder verkündet hat, daß man nicht von «Seele» sprechen soll, weil von dieser «überwirk­liehen» Seelensubstanz, nachdem «sich die Mythologisierung der Erschei­nungen ins Transzendente verflüchtigt» hat, nichts übriggeblieben ist, als ein «zusamrnedhängendes Geschehen». Nun ja: Wundtsche Weisheit kommt der Behauptung gleich, daß enan nicht von «Lilie» reden dürfe, weil man es ja nur mit Farbe, Form, Wachstu'nsprozessen usw. zu tun habe. (Wundt: Natur­wissenschaft und Psychologie, Leipzig 1903.)

3 Es mag heute viele geben, die sich gerne recht schnell über die Lehren der Geisteswissenschaft unterrichten möchten. Solche werden es recht unbequem finden, wenn tnan ihnen in umständlicher Weise die naturwissenschaftlichen Tatsachen erst einmal in einem solchen Lichte vorführt, daß sie als Grundlage eines anthroposophischen Asafbaues dienen müssen. Sie sagen: wir wollen etwas von Geisteswissenschaft hören, und ihr erzählt uns naturwissenschaft­liche Dinge, die jeder Gebildete kennt. Das ist ein Einwand, der so recht klar zeigt, wie unsere Zeitgenossen gar nicht ernstlich denken wollen. In Wahrheit wissen die, welche in der angedeuteten Weise reden, gar nichts von der Trag­weite ihrer Kenntnisse; der Astronom nichts von den Konsequenzen der Astronomie, der Chemiker nichts von denen der Chemie usw. Und es gibt für sie kein Heil, als bescheiden zu sein und still zuzuhören, wenn ihnen klargemacht wird, wie sie - wegen der Flüchtig keit ihres Denkens gar nichts wissen von dem, was sie in ihrem Dunkel ganz ausgeschöpft zu haben glauben. - Und auch Anthroposophen meinen oft, es sei unnötig, die Überzeugungen von Karma und Reinkarnation mit Ergebnissen der Naturwissenschaft zu belegen. Sie wissen nicht, daß dies dic Aufgabe der Unterrassen ist, denen die Bewohner Europas und Amerikas angehören; und daß ohne diese Grundlage die Mitglieder dieser Rassen nicht wahrhaft zur geisteswissenschaftliehen Einsicht kommen können. Wer nur

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nachreden will, was er von den großen Lehrern des Ostens hört, der kann inner­halb der europäisch-amerikanischen Gesittung nicht Anthroposoph werden.

4 Von manchem mag gegen die obigen Ausführungen eingewendet werden, daß ja die Naturwissenschaft in der gegenwärtigen Gestalt der anthroposophi-sehen Lehre widerspräche, und daß zum Beispiel in H.P.Blavatskys «Ge­heimlehre» eine andere Abstammungslehre sich finde, als die von Haeckel vertretene ist. Wie es sieh damit verhält, wird später einmal auseinandergesetzt werden. Hier soll ja gar nicht gezeigt werden, wie sich der «Neue Glaube» zur «Geheimlehre» verhält, sondern lediglich, wie er sich zu sich selbst verhalten müßte, wenn er seine eigenen Voraussetzungen verstande.

5 Dern Schreiber dieses Aufsatzes kann schon aus dern Grunde kein Ver­kennen der großen Verdienste unserer Neu-Gläubigen vorgeworfen werden, weil er doch selbst in seinem Buche «Welt- und Lebensanschauungen im neun­zehnten Jahrhundert» diese Verdienste im Zusammenhange der Geistesent­wiekelung ihrer Zeit in vollem Maße gewürdigt und mk Anerkennung ihres Wertes dargestellt hat. (Das Werk erschien - erweitert - später unter dem Titel: «Die Rätsel der Philosophie in ihrer Geschichte als Umriß dargestellt», Stuttgart 1955.)

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WIE KARMA WIRKT

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Der Schlaf ist oft der jüngere Bruder des Todes genannt wor-den. Mehr, als man bei oberflächlicher Betrachtung vielleicht anzunehmen geneigt ist, versinnlicht dieses Gleichnis dic Wege des Menschengeistes. Denn es gibt eine Idee davon, in welchem Sinne die mannigfaltigen Verkörperungen, welche dieser Menschengeist durchmacht, zusammenhängen. In dem Aufsatz «Reinkarnation und Karma, vom Standpunkte der modernen Naturwissenschaft notwendige Vorstellungen » ist dargelegt worden, daß die gegenwärtige naturwissenschaft­liche Vorstellungsart, wenn sie sich nur wirklich selbst ver­steht, zu der uralten Lehre von der Entwickelung des ewigen Menschengeistes durch viele Leben hindurch führt. Notwen­dig schließt sich an diese Erkenntnis die Frage: wie hängen diese mannigfaltigen Leben raiteinander zusammen? In wel­chem Sinne ist das Leben eines Menschen die Wirkung seiner früheren Verkörperungen, und wie wird es zur Ursache der späteren? Ein Bild des Zusammenhanges von Ursache und Wirkung auf diesem Felde gibt das Gleichnis vom Schlafe'. Ich stehe des Morgens auf. Meine fortlaufende Tätigkeit war des Nachts unterbrochen. Ich kann diese Tätigkeit des Mor­gens nicht in beliebiger Weise wieder aufnehmen, wenn Regel und Zusamnaenhang in meinem Leben sein soll. Mit dem, was ich gestern getan habe, sind die Vorbedingungen geschaffen für das, was ich heute zu tun habe. Ich muß an das Ergebnis meines Wirkens von gestern anknüpfen. In vollem Sinne des Wortes gilt es: meine Taten Von gestern sind mein Schicksal von heute. Ich habe mir selbst die Ursachen geformt, zu denen ich die Wirkungen hinzufügen muß. Und ich finde diese Ursachen vor, nachdem ich mich eine Weile von ihnen zu­rückgezogen habe. Sie gehören zu mir, auch wenn ich einige Zeit von ihnen getrennt war.

Noch in einem anderen Sinne gehören die Wirkungen mei­ner Erlebnisse von gestern zu mir. Ich bin selbst wohl durch sie verändert worden. Man nehme an, ich habe etwas unternommen,

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das mir nur halb gelungen ist. Ich habe nachge­dacht, warum dies teilweise Mißlingen mich getroffen hat. Wenn ich etwas Ähnliches wieder zu verrichten habe, so ver­meide ich die erkannten Fehler. Also ich habe mir eine neue Fähigkeit angeeignet. Dadurch sind meine Erlebnisse von gestern die Ursachen meiner Fähigkeiten von heute. Meine yergangenheit bleibt mit mir verbunden; sie lebt in meiner Gegenwart weiter; und sie wird mir in meine Zukunft hinein weiter folgen. Ich habe mir durch meine Vergangenheit die Lage geschaffen, in der ich gegenwärtig mich befinde. Und der 5inn des Lebens verlangt, daß ich mit dieser Lage verknüpft bleibe. Sinnlos wäre es doch, wenn ich unter regelmäßigen Verhältnissen ein Haus, das ich mir habe bauen lassen, nicht beziehen würde.

Nicht erwachen müßte ich heute morgen, sondern neu, aus dem Nichts heraus, geschaffen werden, wenn die Wirkungen meiner Taten von gestern nicht mein Schicksal von heute sein sollen. Und neu geschaffen, aus dem Nichts heraus entstanden, müßte der Menschengeist sein, wenn nicht die Ergebnisse sei­ner früheren Leben verknüpft blieben mit seinen späteren. Ja, der Mensch kann in gar keiner anderen Lage leben als in der­jenigen, die durch sein Vorleben geschaffen worden ist. Er kann es ebensowenig wie die Tiere, die nach ihrer Einwan­derung in die Höhlen von Kentucky das Sehvermögen ver­loren haben, anderswo als in diesen Höhlen leben können. Sie haben sich durch ihre Tat, durch die Einwanderung, die Bedingungen ihres späteren Lebens geschaffen. Eine Wesen­heit, die einmal tätig war, steht in der Folge eben nicht mehr isoliert da; sie hat ihr Selbst in ihre Taten gelegt. Und alles, was sie wird, ist fortan verknüpft mit dem, was aus den Ta­ten wird. Diese Verknüpfung einer Wesenheit mit den Er­gebnissen ihrer Taten ist das die ganze Welt beherrschende Gesetz vom Karma. Die Schicksal gewordene Tätigkeit ist Karma.

Und deswegen ist der Schlaf ein gutes Bild für den Tod, weil der Mensch während des Schlafes in der Tat dem Schauplatz

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entzogen ist, auf dem sein Schicksal ihn erwartet. Wäh­rend wir schlafen, laufen die Ereignisse auf diesem Schau­platz weiter. Wir haben cine Zeitlang auf diesen Lauf keinen Einfluß. Dennoch finden wir die Wirkungen unserer Taten wieder, und müssen an sie anknüpfen. Wirklich verkörpert sich unsere Persönlichkeit jeden Morgen aufs neue in unserer Tatenwelt. Was über die Nacht von uns getrennt war, ist tagsüber gleichsam um uns gelegt.

So ist es mit den Taten unserer früheren Verkörperungen. Ihre Ergebnisse sind der Welt, in der wir verkörpert waren, einverleibt. Sie gehören aber zu uns, wie das Leben in den Höhlen zu den Tieren gehört, die durch dieses Leben das Sehvermögen verloren haben. Wie diese Tiere nur leben kön­nen, wenn sie die Umgebung wiederfinden, an die sie sich angepaßt haben, so kann der Menschengeist nur leben in der Umgebung, die er durch seine Taten, als die ihm entspre­chende, sich geschaffen hat.

An jedem neuen Morgen wird der menschliche Körper gleichsam von neuem durchseelt. Die Naturforschung gibt zu, daß damit etwas vorgeht, was sie nicht begreifen kann, wenn sie sich bloß der Gesetze bedient, die sie in der physischen Welt gewonnen hat. Man halte sich vor, was der Naturforscher Du Bois-Reymond darüber in seiner Rede «Die Grenzen des Naturerkennens» gesagt hat: «Ein aus irgendeinem Grunde bewußtloses, zum Beispiel ohne Traum schlafendes Gehirn enthielte, naturwissenschaftlich (Du Bois-Reymond sagt «astronomisch») durchschaut, kein Geheimnis mehr, und bei naturwissenschaftlicher Kenntnis auch des übrigen Körpers wäre so die ganze menschliche Maschine, mit ihrem Atmen, ihrem Herzschlag, ihrem Stoffwechsel, ihrer Wärme, und so fort, bis auf das Wesen von Materie und Kraft, völlig ent­ziffert. Der traumlos Schlafende ist begreiflich, wie die Welt, ehe es Bewußtsein gab. Wie aber mit der ersten Regung von Bewußtsein die Welt doppelt unbegreiflich ward, so wird es auch der Schläfer wieder mit dem ersten ihm dämmernden

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Traumbild.» Das kann nicht anders sein. Denn, was der Na­turforscher hier als den traumios Schlafenden beschreibt, das ist dasjenige vom Menschen, was allein den physischen Ge­setzen unterworfen ist. Es folgt aber in dem Augenblicke, in dem es wieder durchseelt erscheint, den Gesetzen des seelischen Lebens. Schlafend folgt der menschliche Körper den physi­schen Gesetzen: der Mensch erwacht, und das Licht des ver­nünftigen Handelns schlägt wie ein Funke in das rein phy­sische Dasein ein. Man drückt sich ganz im Sinne des Natur-forschers Du Bois-Reymond aus, wenn man sagt: man kann den schlafenden Körper nach allen Seiten durchsuchen; das Seelische wird man nicht in ihm finden können. Aber dieses Seelische setzt den Lauf seiner vernünftigen Taten da fort, wo es ihn vor dem Einschlafen unterbrochen hat. - So gehört der Mensch - auch für diese Betrachtung - zwei Welten an. In der einen lebt er körperlich, und dieses körperliche Leben kann man am Faden physischer Gesetze verfolgen; in der anderen lebt er geistig-vernünftig, und über dieses Leben können wir durch physische Gesetze nichts erfahren. Wollen wir das eine Leben studieren, so müssen wir uns an die physi­schen Gesetze der Naturwissenschaft halten; wollen wir aber das andere Leben begreifen, so müssen wir die Gesetze des vernünftigen Handelns kennenlernen, zum Beispiel Logik, Rechtslehre, Wirtschaftslehre, Ästhetik usw.

Der schlafende Menschenkörper, der nur den physischen Gesetzen unterliegt, kann niemals etwas vollbringen, was im Sinne der Vernunftgesetze liegt. Aber der Menschengeist trägt diese Vernunftgesetze in die physische Welt. Und soviel er in sie hineingetragen hat, soviel wird er von ihnen wiederfinden, wenn er, nach einer Unterbrechung, den Faden seiner Tätig­keit wieder aufnimmt.

Bleiben wir noch eine Weile bei dem Bilde vom Schlaf. Die Persönlichkeit muß heute an ihre Taten von gestern an­knüpfrn, wenn das Leben nicht sinnlos sein soll. Sie könnte es nicht, wenn sie sich nicht mit diesen Taten verknüpft fühlte. Das Lrgebnis meiner Wirksamkeit von gestern könnte ich

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heute nicht aufnehmen, wenn nicht in mir selbst etwas von dieser Wirksamkeit geblieben wäre. Hätte ich heute alles ver­gessen, was ich gestern erfahren habe, so wäre ich ein neuer Mensch und könnte an nichts anknüpfen. Es ist mein Ge­dächtnis, das mir die Anknüpfung an meine gestrigen Taten ermöglicht. - Dieses Gedächtnis bindet mich an die Wirkun­gen meines Tuns. Dasjenige, was im eigentlichen Sinne mei­nem vernünftigen Leben angehört, zum Beispiel die Logik, ist heute dasselbe wie gestern. Dies ist anwendbar auch auf dasjenige, was gestern durchaus nicht, was überhaupt niemals noch in meinen Gesichtskreis getreten ist. Mein Gedächtnis verbindet mein logisches Handeln von heute mit meinem logischen Handeln von gestern. Wenn es bloß auf die Logik ankäme, dann könnten wir in der Tat jeden Morgen ein neues Leben beginnen. Aber im Gedächtnisse bleibt aufbewahrt, was uns an unser Schicksal bindet.

So finde ich mich wirklich am Morgen als eine dreifache Wesenheit. Ich finde meinen Körper wieder, der während meines Schlafes seinen bloß physischen Gesetzen gehorcht hat. Ich finde mich selbst, meinen Menschengeist, wieder, der heute derselbe ist wie gestern, und der heute die Gabe ver­nünftigen Handelns hat, wie gestern. Und ich finde alles das­jenige bewahrt im Gedächtnisse, was der gestrige Tag - was meine ganze Vergangenheit - aus mir gemacht hat.

Und damit haben wir zugleich ein Bild der dreifachen Wesenheit des Menschen. In jeder neuen Verkörperung findet sich der Mensch in einem physischen Organismus, der den Gesetzen der äußeren Natur unterworfen ist. Und in jeder Verkörperung ist er derselbe Menschengeist Als solcher ist er das Ewige in den mannigfaltigen Verkörperungen. Körper und Geist stehen einander gegenüber. Zwischen beiden muß etwas sein, wie das Gedächtnis zwischen meinen Taten von gestern und denen von heute ist. Und dies ist die Seele 2. Sie bewahrt die Wirkungen meiner Taten aus den früheren Leben. Sie bewirkt, daß der Geist in einer neuen Verkörperung als das­jenige erscheint, was vorhergehende Leben aus ihm gemacht

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haben. So hängen Leib, Seele und Geist zusammen. Ewig ist der Geist; Geburt und Tod walten nach den Gesetzen der physi­schen Welt in der Körperlichkeit; beide führt die Seele immer wieder zusammen, indem sie aus den Taten das Schicksal webt.

Auch für den Vergleich der Seele mit dem Gedächmis ist eine Berufung auf die gegenwärtige Naturwissenschaft mög­lich. Im Jahre 1870 hat der Naturforscher Ewald Hering eine Abhandlung veröffentlicht, die den Titel trägt: «Über das Gedächtnis als eine allgemeine Funktion der organisierten Materie». Und Ernst Haeckel stimmt mit den Ansichten Herings überein. Er sagt in seiner Arbeit «Über die Wellen-zeugung der Lebensteilchen» das Folgende: «In der Tat über­zeugt uns jedes tiefrre Nachdenken, daß ohne die Annahme eines unbewußten Gedächtnisses der lebenden Materie die wich­tigsten Lebensfunktionen überhaupt unerklärbar sind. Das Vermögen der Vorstellung und Begriffsbildung, des Denkens und Bewußtseins, der Übung und Gewöhnung, der Ernäh­rung und Fortpflanzung beruht auf der Funktion des unbe­wußten Gedächtnisses, dessen Tätigkeit unendlich viel bedeu­tungsvoller ist, als dasjenige des bewußten Gedächtnisses. Mit Recht sagt Hering, .» Und nun versucht Haeckel die Vorgänge der Vererbung innerhalb der Lebewesen auf dieses unbewußte Gedächtnis zurückzuführen. Daß das Tochterwesen dem Mutterwesen ähnlich ist, daß von dem letzteren die Eigenschaften auf das erstere vererbt werden, soll darnach auf dem unbewußten Gedächtnis des Lebendigen beruhen, das im Laufe der Fortpflanzung die Erinnerung an vorhergehende Formen bewahrt. - Es ist hier nicht zu unter­suchen, was an den Darstellungen Herings und Haeckels natur­wissenschaftlich haltbar ist; für die Ziele, die hier verfolgt werden, ist lediglich wichtig, daß der Naturforscher sich ge­zwungen sieht, da, wo er über Geburt und Tod hinausgeht, wo er etwas voraussetzen muß, was den Tod überdauert, daß er da eine Wesenheit annimmt, die er sich dem Gedächtnis

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ähnlich denkt. Er greift naturgemäß zu einer übersinnlichen Kraft, da, wo die Gesetze der physischen Natur nicht hin­reichen.

Man muß übrigens beachten, daß es sich hier zunächst nut um einen Vergleich, um ein Bild handelt, wenn von Gedächt­nis gesprochen wird. Man darf nicht glauben, daß wir unter Seele etwas verstehen, was ohne weiteres dem bewußten Ge­dächtnis gleichkommt. Auch im gewöhnlichen Leben ist ja nicht immer bewußtes Gedächtnis im Spiele, wenn man sich die Erlebnisse der Vergangenheit zunutze macht. Die Früchte dieser Erlebnisse tragen wir in uns, auch wenn wir uns nicht bewußt an das Erlebte immer erinnern. Wer erinnert sich an alle Einzelheiten, durch die er lesen und schreiben gelernt hat? Ja, wem sind diese Einzelheiten überhaupt alle zum Bewußt­sein gekommen? Die Gewohnheit zum Beispiel ist eine Art unbewußten Gedächtnisses. - Nur hingedeutet werden soll eben durch den Vergkich mit dem Gedächtnis auf das Seelische, das sich zwischen Körper und Geist einschiebt und den Ver­mittler bildet zwischen dem Ewigen und dem, was als Physi­sches in den Lauf von Geburt und Tod eingesponnen ist.

Der Geist, der sich wiederverkörpert, findet also innerhalb der physischen Welt die Ergebnisse seiner Taten als sein Schicksal vor; und die Seele, die an ihn gebunden ist, ver­mittelt seine Anknüpfung an dieses Schicksal. Man kann nun fragen: wie kann der Geist die Ergebnisse seiner Taten vor­finden, da er doch wohl bei seiner Wiederverkörperung in eine völlig andere Welt versetzt wird gegenüber derjenigen, in der er vorher war? Dieser Frage liegt eine sehr äußerliche Vorstellung von Schicksalsverkettung zugrunde. Wenn ich meinen Wohnplatz von Europa nach Amerika verlege, so befinde ich mich auch in einer völlig neuen Umgebung. Und dennoch hängt mein Leben in Amerika von meinem vorher­gehenden in Europa ganz ab. Bin ich in Europa Mechaniker geworden, so gestaltet sich mein Leben in Amerika ganz anders, als wenn ich Bankbeamter geworden bin. In dem

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einen Falle werde ich wahrscheinlich in Amerika von Ma-schinen, in dem andern von Bankpapieren umgeben sein. In jedem Falle bestimmt mein Vorleben meine Umgebung, es zieht gleichsam aus der ganzen Umwelt diejenigen Dinge an sich, die ihm verwandt sind. So ist es mit meiner Geist-Seele. Sie umgibt sich notwendig mit demjenigen, mit dem sie aus dem Vorleben verwandt ist. Für niemand kann das dem Gleichnis von Schlaf und Tod widersprechen, der sich be­wußt ist, daß er es eben nur mit einem Gleichnis - wenn auch mit einem der treffendsten - zu tun hat. Daß ich am Morgen die Lage vorfinde, die ich am vorhergehenden Tage selbst geschaffen, dafür sorgt der unmittelbare Gang der Ereignisse. Daß ich, wenn ich mich wieder verkörpere, eine Umwelt vorfinde, die dem Ergebnis meiner Taten in dem vorher­gehenden Leben entspricht: dafür sorgt die Verwandtschaft meiner wieder gebotenen Geistseele mit den Dingen dieser Umwelt.

Was führt mich in diese Umwelt hinein? Unmittelbar die Eigenschaften meiner Geistseele bei der neuen Verkörperung. Aber diese Eigenschaften habe ich doch nur, weil die Taten meiner früheren Leben sie der Geistseele eingeprägt haben. Diese Taten sind also die wirkliche Ursache, warum ich in bestimmte Verhältnisse hineingeboren werde. Und was ich heute tue, wird mit eine Ursache sein, warum ich in einem späteren Leben diese oder jene Verhältnisse antreffen werde.

- So schafft sich der Mensch in der Tat sein Schicksal. Dieses erscheint nur so lange unbegreiflich, als man das einzelne Leben für sich betrachtet und es nicht als ein Glied der auf­einander folgenden Leben ansieht.

So kann man sagen, daß den Menschen im Leben nichts treffen kann, wozu er nicht selbst die Bedingungen geschaffen hat. Durch die Einsicht in das Schicksalsgesetz - in Karma -wird erst begreiflich, warum «der Gute oft leiden muß, und der Böse glücklich sein kann». Diese scheinbare Disharmonie des einen Lebens verschwindet, wenn der Blick erweitert wird auf die vielen Leben. - So einfach wie einen gewöhnlichen

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Richter, oder wie die staatliche Justizpflege darf man sich allerdings das Karmagesetz nicht vorstellen. Das wäre so, wie wenn man sich Gott als alten Mann mit weißem Bart vor­stellte. Viele verfallen in diesen Fehler. Namentlich die Geg­ner der Karmaidee gehen von solch irrtümlichen Voraus­setzungen aus. Sie kämpfen gegen die Vorstellung, die sie den Bekennern von Katma unterschieben, nicht gegen diejenige, welche die wahren Kennet haben.

In welchem Verhältnisse befindet sich der Mensch zur physi­schen Umwelt, wenn er in eine neue Verkörperung eintritt? Dieses Verhältnis ergibt sich einerseits daraus, daß er in der Zwischenzeit zwischen den beiden Verkörperungen keinen Anteil gehabt hat an der physischen Welt; andererseits dar­aus, welches seine Entwickelung in dieser Zwischenzeit war. Klar ist von vornherein, daß in diese Entwickelung nichts aus der physischen Welt einfließen kann, denn die Geistseele be­findet sich ja eben außerhalb dieser physischen Welt. Sie kann daher alles, was in ihr vorgeht, nunmehr bloß aus sich selbst, beziehungsweise aus der überphysischen Welt schöpfen. War sie innerhalb der Verkörperung in die physische Tatsachenwelt verstrickt, so ist nach der Entkörperung der unmittelbare Einfluß dieser Tatsachenwelt von ihr genommen. Und ge­blieben ist ihr lediglich aus derselben das, was wir mit dem Gedächtnisse verglichen haben. - Aus zwei Teilen besteht dieser «Gedächtnisrest». Seine Teile ergeben sich, wenn man in Erwägung zieht, was zu seiner Bildung beigetragen hat. Der Geist hat in dem Körper gelebt und ist daher durch den Körper in Beziehung zur körperlichen Umwelt gekommen. Diese Beziehung hat ihren Ausdruck darin gefunden, daß sich vermittelst des Körpers Triebe, Begierden, Leidenschaften entwickelt haben, und daß sich, durch diese, äußere Hand­lungen vollzogen haben. Weil er körperlich ist, handelt der Mensch unter dem Einflusse der Triebe, Begierden und Lei­denschaften. Und diese haben nach zwei Seiten hin ihre Bedeutung. Sie drücken auf der einen Seite den äußeren Handlungen,

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die der Mensch begeht, den Stempel au£ Und sie formen auf der anderen Seite seinen persönlichen Charakter. Die Handlung, die ich begehe, ist die Folge meiner Begierde; und ich selbst bin als Persönlichkeit das, was diese Begierde zum Ausdruck bringt. Die Handlung geht in die Außenwelt über; die Begierde bleibt in meiner Seele wie die Vorstellung in meinem Gedächtnisse. Und wie zunächst das Vorstellungs­bild in meinem Gedächtnisse durch jeden neuen gleichartigen Eindruck verstärkt wird, so die Begierde durch jede neue Handlung, die ich unter ihrem Einflusse vollziehe. So lebt in meiner Seele wegen des körperlichen Daseins eine Summe von Trieben, Begierden und Leidenschaften. Man bezeichnet diese Summe als den «Körper des Verlangens» (Kama rupa).

Dieser «Körper des Verlangens» hängt innig mit dem physischen Dasein zusammen. Denn er entsteht ja unter dem Einfluß der physischen Körperlichkeit. Von dem Augen­blicke an, in dem der Geist nicht mehr verkörpert ist, kann er daher seine Bildung nicht mehr fortsetzen. Der Geist muß sich von ihm befreien, insofern er durch ihn mit dem einzelnen physischen Leben zusammengehangen hat. Auf das physische Leben folgt ein anderes, in dem diese Befreiung vor sich geht. Man kann fragen: Ist denn mit dem Tode nicht auch dieser «Körper des Verlangens» zerstört? Die Antwort darauf ist: Nein, in dem Maße, in dem in jedem Augenblicke des physi­schen Lebens das Verlangen die Befriedigung überwiegt, in dem Maße bleibt das Verlangen bestehen, wenn die Möglich­keit der Befriedigung aufgehört hat. Nur ein Mensch, der gar nichts wünscht von der sinnlichen Welt, hat keinen Überschuß des Verlangens über die Befriedigung. Nur der wunschlose Mensch stirbt, ohne in seinem Geiste eine Summe von Ver­langen zurückzubehalten. Und diese Summe muß nach dem Tode gleichsam abklingen. Der Zustand dieses Abklingens wird «Aufenthalt im Orte des Verlangens» (in Kamaloka) genannt. Man sieht leicht ein, daß dieser Zustand um so länger dauern muß, je mehr der Mensch sich mit dem sinnlichen Leben verbunden gefühlt hat.

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Der zweite Teil des «Gedächtnisrestes» wird auf andere Art gebildet Wie das Verlangen den Geist nach dem ver­gangenen Leben zieht, so weist ihn dieser andere Teil nach der Zukunft. Der Geist hat sich durch seine Tätigkeit im Körper mit der Welt bekannt gemacht, der dieser Körper angehört. Jede neue Anstrengung, jedes neue Erlebnis erhöht diese seine Bekanntschaft. In der Regel macht der Mensch zum zweitenmal ein jedes Ding besser als beim ersten Versuch. Die Erfahrung, das Erlebnis prägt sich dem Geiste als eine Erhöhung seiner Fähigkeiten ein. So wirkt unsere Erfahrung auf unsere Zukunft, und wenn wir nicht mehr Gelegenheit haben, Erfahrungen zu machen, dann bleibt das Ergebnis dieser Erfahrungen als «Gedächtnisrest». - Aber keine Er­fahrung könnte auf uns wirken, wenn wir nicht die Fähig­keiten hätten, den Nutzen aus ihr zu ziehen. Wie wir die Er­fahrung aufnehmen können, was wir aus ihr zu machen ver­mögen, davon hängt es ab, was sie für unsere Zukunft bedeutet. Für Goethe war ein Erlebnis etwas anderes als für seinen Kammerdiener; und es hatte durch den ersteren ganz andere Folgen als durch den letzteren. Welche Fähigkeiten wir uns durch ein Erlebnis erwerben, hängt somit von der geistigen Arbeit ab, die wir in Verbindung mit dem Erlebnisse vollbringen. - Ich habe in einem gewissen Augenblicke mei­nes Lebens immer eine Summe von Ergebnissen meiner Erfahrung in mir. Und diese Summe bildet die Anwartschaft auf Fähigkeiten, die in der Folge zutage treten können. - Eine solche Summe von Erfahrungen besitzt der Menschengeist bei seiner Entkörperung. Sie nimmt er ins übersinnliche Leben hinüber. Verknüpft ihn nun kein körperliches Band mehr mit dem physischen Dasein, und hat er auch die Wünsche abgestreift, die ihn an dieses physische Dasein ketten, dann ist ihm die Frucht seiner Erfahrung geblieben. Und diese Frucht ist ganz von der unmittelbaren Einwirkung des vergangenen Le­bens befreit. Der Geist kann nun lediglich darauf sehen, was sich für die Zukunft daraus formen läßt. So ist der Geist, nachdem er den «Ort des Verlangens» verlassen hat, in einem

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Zustande, in dem sich seine Erlebnisse der früheren Leben in Keime - Anlagen, Fähigkeiten usw. - für die Zukunft um­setzen. Man bezeichnet das Leben des Geistes in diesem Zu­stande als den Aufenthalt in dem «Orte der Wonne» (Deva­chan). («Wonne» kann ja einen Zustand bezeichnen, der alle Sorge um das Vergangene vergessen macht, und das Herz lediglich für die Zukunft schlagen läßt.) Es erhellt von selbst, daß dieser Zustand im allgemeinen um so länger dauern wird, eine je größere Anwartschaft beim Tode auf die Aneignung neuer Fähigkeiten vorhanden ist. - Hier kann es sich natür­lich nicht darum handeln, alle Erkenntnisse zu entwickeln, die sich auf den Menschengeist beziehen. Es soll nur gezeigt werden, wie das Karmagesetz im physischen Leben wirkt. Dazu ist zunächst hinreichend zu wissen, was der Geist aus diesem physischen Leben in übersinnliche Zustände mit hin-übernimmt, und was er davon zu einer neuen Verkörperung wieder mit zurückbringt. Er bringt die zu Eigenschaften seines Wesens gewordenen Ergebnisse der in früheren Leben ge­machten Erlebnisse mit. - Um die Tragweite davon einzu­sehen, braucht man sich den Vorgang nur an einem einzelnen Beispiele klar zu machen. Kant sagt: «Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer zunehmender Bewunderung: der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.» Jeder Denkende gibt nun zu, daß der gestirnte Himmel nicht aus dem Nichts heraus entsprungen ist, sondern sich allmählich gebildet hat. Und Kant selbst ist es, der ,75 5 in einer grund­legenden Schrift die allmähliche Bildung eines Kosmos zu erklären suchte. Aber ebensowenig darf man die Tatsache des moralischen Gesetzes ohne eine Erklärung hinnehmen. Auch dieses moralische Gesetz ist nicht aus dem Nichts heraus entsprungen. In den anfänglichen Verkörperungen, die der Mensch durchgemacht hat, sprach in ihm das moralische Gesetz nicht so, wie es in Kant gesprochen hat. Der primitive Mensch handelt ganz so, wie es seinen Begierden entspricht. Und er nimmt die Erlebnisse, die er mit solchem Handeln gemacht hat, hinüber in die übersinnlichen Zustände. Hier

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werden sie zu höherer Fähigkeit. Und in einer weiteren Ver­körperung wirkt in ihm nicht mehr die bloße Begierde, son­dern sie wird bereits mitgelenkt durch die Wirkungen der vorher gemachten Erfahrungen. Und viele Verkörperungen sind notwendig, bis der ursprünglich ganz den Begierden hin­gegebene Mensch seiner Umwelt das geläuterte moralische Gesetz gegenüberstellt, das Kant als etwas bezeichnet, zu dem man mit ebensolcher Bewunderung wie zu dem Sternen­himmel aufblickt.

Die Umwelt, in die der Mensch durch eine neue Verkörpe­rung hineingeboren wird, bringt ihm die Ergebnisse seiner Taten, als sein Schicksal, entgegen. Er selbst tritt in diese Umwelt mit den Fähigkeiten, die er in den übersinnlichen Zuständen sich aus seinen früheren Erlebnissen heraus ge­bildet hat. Deshalb werden auch seine Erlebnisse in der physi­schen Welt im allgemeinen auf einer um so höheren Stufe stehen, je öfter er sich verkörpert hat, oder je größer seine Anstrengungen innerhalb seiner früheren Verkörperungen gewesen sind. Dadurch wird die Pilgerfahrt durch die Ver­körperungen hindurch eine Anfwärtsentwickelung sein. Im­mer reicher wird der Schatz, den seine Erfahrungen in seinem Geiste ansammeln. Und damit tritt er immer reifer seiner Um­welt, seinem Schicksal entgegen. Das macht ihn immer mehr zum Herrn des Schicksals. Denn das ist es ja gerade, was er aus seinen Erlebnissen gewinnt, daß er die Gesetze der Welt durchschauen lernt, in welcher sich diese Erlebnisse abspielen. Erst findet sich der Geist in der Umwelt nicht zurecht. Er tappt im dunkeln. Aber mit jeder neuen Verkörperung wird es heller um ihn. Er erwirbt sich das Wissen, die Kenntnis der Gesetze seiner Umwelt; mit anderen Worten: er voll­bringt immer mehr mit Bewußtsein, was er vorher in Dumpf­heit vollbracht hat. Immer geringer wird der Zwang der Um­welt; immer mehr vermag der Geist sich selbst zu bestimmen. Der Geist aber, der sich aus sich selbst bestimmt, das ist der freie Geist. Ein Handeln im vollen hellen Lichte des Bewußtseins

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ist ein freies Handeln. (Das Wesen des freien Menschen­geistes habe ich in meiner «Philosophie der Freiheit», Berlin 1893, darzulegen versucht.) Die volle Freiheit des Menschen­geistes ist das Ideal seiner Entwickelung. Man kann nicht fragen: ist der Mensch frei oder unfrei? Die Philosophen, welche die Frage nach der Freiheit so stellen, können niemals zu einem klaren Gedanken darüber kommen. Denn der Mensch ist im gegenwärtigen Zustande weder frei noch un­frei; sondern er befindet sich auf dem Wege zur Freiheit. Er ist teilweise frei, teilweise unfrei. Er ist in dem Maße frei, als er sich Erkenntnis, Bewußtsein des Weltzusammenhanges, erworben hat. - Daß unser Schicksal, unser Karma in Form einer unbedingten Notwendigkeit an uns herantritt, ist kein Hindernis unserer Freiheit. Denn wenn wir handeln, treten wir ja mit dem Maße unserer Selbständigkeit, die wir uns erworben haben, an dieses Schicksal heran. Nicht das Schick­sal handelt, sondern wir handeln in Gemäßheit der Gesetze dieses Schicksals.

Wenn ich ein Streichholz anzünde, so entsteht das Feuer nach notwendigen Gesetzen; aber ich habe erst diese notwen­digen Gesetze in Wirksamkeit versetzt. Ebenso kann ich eine Handlung nur vollziehen im Sinne der notwendigen Gesetze meines Karma; aber ich bin es, der diese notwendigen Gesetze in Wirksamkeit versetzt. Und durch die von mir ausgehende Tat wird neues Karma geschaffen, wie das Feuer nach not­wendigen Naturgesetzen weiter wirkt, nachdem ich es ange­zündet habe.

Damit ist zugleich Licht geworfen auf einen andern Zweifel, der in bezug auf die Wirksamkeit des Karmagesetzes jemand befallen kann. Man könnte nämlich vielleicht sagen: wenn Karma ein unabänderliches Gesetz ist, dann sei es ein Unding, jemand zu helfen. Denn was ihn trifft, sei die Folge seines Karma, und es sei schlechterdings notwendig, daß ihn dies oder jenes treffe. Gewiß, die Wirkungen des Schicksals, das sich ein Menschengeist in früheren Verkörperungen geschaffen hat, kann ich nicht aufheben. Aber es handelt sich darum, wie er

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sich mit diesem Schicksal zurechtfindet, und welches neue Schicksal er sich unter dem Ekiflusse des alten schafft. Helfe ich ihm, so kann ich bewirken, daß er durch seine Taten sei­nem Schicksal eine günstige Wendung gibt; unterlasse ich die Hilfe, so tritt vielleicht das Gegenteil ein. Allerdings wird es darauf ankommen, ob meine Flilfe eine weise oder unweise ist.

Eine Höherentwickelung des Menschengeistes bedeutet sein Fortschreiten durch immer neue Verkörperungen. Diese Hö­herentwickelung kommt dadurch zum Ausdrucke, daß die Welt, in der des Geistes Verkörperungen stattfinden, von diesem immer mehr durchschaut wird. Zu dieser Welt ge­hören aber die Verkörperungen selbst. Auch in bezug auf sie tritt der Geist aus dem Zustande der Unbewußtheit in den der Bewußtheit. Auf dem Wege der Entwickelung liegt der Punkt, in dem der Mensch mit voller Bewußtheit auf seine Verkörperungen zurückzuschauen vermag. - Dies ist eine Vorstellung, über die man leicht spotten kann; und es ist natürlich kinderleicht, sie abfällig zu kritisieren. Wer das aber tut, hat von der Art solcher Wahrheiten keinen Begriff. Und Spott sowohl wie Kritik legen sich wie ein Drache vor das Tor des Heiligtums, innerhalb dessen man sie erkennen kann. Denn von Wahrheiten, deren Verwirklichung für den Men­schen erst in der Zukunft liegt, ist es wohl selbstverständlich, daß er sie in der Gegenwart nicht als Tatsache auffinden kann. Es gibt nur einen Weg, um sich von ihrer Wirklichkeit zu überzeugen; und der ist, sich anzustrengen, um diese Wirklich­keit zu erreichen.

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Anmerkungen

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1 Ich kann mir denken, daß es viele gibt, die auf dern Gipfel der Wissen­schsftlichkeit zu stehen glauben, und welche die folgenden Auseinander­setzungen «ganz unwissenschaftlich» finden. Ich kann diese verstehen, denn ich weiß, daß zu diesem Einwand notwendig derjenige gedrängt wird, der keine Erfahrung auf übersinnlichem Gebiete hat und der zugleich nicht die nötige Zurückhaltung und Selhstbescheidenheit hat, um zuzugeben, daß er noch etwas lernen könne. Nur wenigstens das eine sollten solche Menschen nicht sagen, daß die hier vorgebrachten Vorgänge dem «Verstande wider­sprechen», und daß man sie «mit dem Verstande nicht beweisen kann». Der Verstand kann gar nichts tun, als Tatsachen kombinieren und systematisieren. Tatsachen kann man erfahren, aber nicht «mit dern Verstande beweisen». Mit dern Verstande ksnn man auch einen Walfisch nicht beweisen. Den muß man entweder selbst sehen, oder sich von denen beschreiben lassen, die einen ge­sehen haben. So ist es auch mit übersinnlichen Tatsachen. Ist man noch nicht so weit, sie selbst zu sehen, so muß man sie sich beschreiben lassen. Ich kann jedersnn die Versicherung geben, daß die übersinnlichen Tatsachen, die ich im folgenden beschreibe, für den, dessen höhere Sinne geöffnet sind, ebenso «tatsächlich» sind wie der Walfisch.

2 Für diejenigen, welche an die gangbaren theosophischen Ausdrücke ge­wöhnt sind, bemerke ich folgendes. (Ich entlehne meine Ausdrücke aus ge­wissen Gründen einer okkulten Sprache, die in den Bezeichnungen von der in den verbreiteten theosophischen Schriften üblichen etwas abweicht, in der Sache aber natürlich mit ihnen völlig übereinstimmt. Daher eben will ich hier die eine Ausdrucksweise mit der anderen zusammenstellen.) Jede der oben an­gegebenen Wesenheiten: Leib, Seele, Geist besteht wieder aus drei Gliedern. Dadurch erscheint der Mensch aus neun Gliedern gebildet. Der Leib besteht aus: 1. dem eigentlichen Leib, 2. dern Lebenaleib, 3. dern Empfindungsleib. Die Seele besteht aus 4 der Empßndungsseele 5 der Verstandesseele und 6. der Bewußtseinsseele Der Geist besteht aus 7 Geistselhst >5 Lebensgeist 9. Geistesmenseh Im verkorperten Menschen verbinden sich (fließen inein-ander) 3 und 4 und 6 und 7 Dadurch erscheinen fur ihn die neun auf sieben Glieder zusammengezogen und man erhalt die uhl iche theosophischc Eintei lung des Menschen ] der eigentliche Leib (Sthula sharira) 2 der Lebensleih (Prana), 3. der von der Empfindungsseele durchsetzte Empfindungsleib (Astral körper, Kama rupa), 4. die Verstandesseele (Kama manas) 5 die vom Geist selbst durchsetzte Bcwußtseinsseele (Buddhi manas), 6. der Lebensgcist (Bud­dhi), 7. der Geistesmenseh (Atma).

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ZUR EINFÜHRUNG VON «LUCIFER-GNOSIS»

Januar 1904

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Zum ersten Male tritt der «Luzifer» im Verein mit der «Gnosis» an die Öffentlichkeit. Es lag in der Natur der Tatsachen, daß das Kleid etwas verändert wurde, um die Ver­einigung der beiden Zeitschriften auch in der äußeren Aus­stattung zutage treten zu lassen. Im Innern werden weder die Leser des «Luzifer» noch diejenigen der «Gnosis» eine Ver­änderung bemerken. Beide Zeitschriften waren doch bestrebt, einer Welt-und Lebensauffassung zu dienen, welche Wissen­schaft, Religion, Moral und Philosophie in höherer Einheit darstellt. Ein solches Ziel kann heute nicht auf Verwirkli­chung hoffen, wenn die Kräfte sich zersplittern, sondern nur, wenn sie in Eintracht zusammenwirken. Und wahre Erkennt­nis kann auch niemals zur Förderung von Sonderbestrebungen, sondern nur zur Einheit führen. Die Neigung zur Ab­sonderung in dem Streben nach den hohen Zielen des Seelen­lebens und der Geisteskultur beweist nur, daß selbstische Neigungen noch die selbstlose Hingabe an die Ideale echter Menschlichkeit überwuchern. - Die Wissenschaft der Gegen­wart zeigt immer mehr und mehr, daß sie selbst zu der Vor­stellungswelt hindrängt, welche in dieser Zeitschrift zum Aus­druck gelangt. Wer diese Wissenschaft nicht nach den Dog­men, die einzelne ihrer Vertreter aufstellen, sondern nach den Tatsachen beurteilt, die sie zutage fördert, der muß sich sagen, daß sowohl die Natur- wie die Geistesforschung der Gegen­wart eine materialistische Weltauffassung nicht mehr möglich erscheinen lassen. Irrtum auf Irrtum, engherzige Begriffe auf engherzige Begriffe müssen von denen gehäuft werden, welche die materialistische Deutung der Welterscheinungen noch aufrecht erhalten wollen. - Dazu kommt, daß für viele, denen aus einem natürlichen gesunden Gefühle heraus die materialistische Wissenschaft und Lebensauffassung keine Be­friedigung gewähren können, eine mehr oder weniger starke

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Verzweiflung an der Lösung der hohen Rätselfragen einge­treten ist. Andere sind völliger Gleichgültigkeit diesen Dingen gegenüber anheimgefallen. Gar mancher verliert den Mut zum Suchen, wenn er sich den verwirrenden Anschauungen gegenübersieht, die ihm heute von allen Seiten zuströmen, nicht zum mindesten von der wissenschaftlichen Forschung, die ja alimählich einen autoritativen Einfluß erstrebt, gegen den derjenige der Religionssysteme in früheren Zeiten ein sehr geringer zu nennen ist. - Und wer so den Mut verliert, ist nicht mehr weit von Gleichgültigkeit gegenüber der er­habensten Angelegenheit der Menschheit.

Wer die Zeichen der Zeit zu deuten weiß, der kann nicht zweifeln, daß die Ziele der nunmehr vereinigten Zeitschriften eine Notwendigkeit in unserer Gegenwart sind. Und diesen Zielen wird man immer näher kommen, je mehr die Erkennt­nis von ihrer Bedeutung sich ausbreitet. Mit den besten Hoff­nungen tritt daher der mit der «Gnosis» verbundene «Luzifer» vor die Öffentlichkeit. Sein Programm soll ein möglichst um­fassendes sein. Mit wahrer Wissenschaft wird er stets Hand in Hand gehen. Alle Forschungsgebiete, von der Religions­wissenschaft bis zur Mathematik, von der Astronomie und Geologie bis zur Biologie und zur Völker- und Kultur­geschichte sollen hier ihre Ergebnisse darlegen, insofern sie als Grundlage echter geistiger Weltansicht dienen oder zu ihr führen können. Mystik, Theosophie und die Beobachtung und experimentelle Erforschung der Seelenerscheinungen, die moralischen, philosophischen und höheren künstlerischen Fra­gen sollen hier vereint erscheinen. Und im Sinne der großen Geiste sbewegung, die als «theosophische » seit mehr als einem Vierteljahrhundert sich in allen gesitteten Ländern ausbreitet, wird der Zielspruch von «Lucifer-Gnosis» sein: Keine mensch­liche Einzelmeinung stehe über der Erforschung der Wahrheit.

Berlin W., Motzstraße 17 Dr. Rudolf Steiner

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VON DERAURA DES MENSCHEN

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Ein Ausspruch Goethes, der in feinsinniger Art das Verhält­nis des Menschen zur Welt erläutert, ist dieser: «Eigentli ch unternehmen wir umsonst, das Wesen eines Dinges auszu­drücken. Wirkungen werden wir gewahr, und eine vollstän­dige Geschichte dieser Wirkungen umfaßte wohl allenfalls das Wesen jenes Dinges. Vergebens bemühen wir uns, den Charakter eines Menschen zu schildern; man stelle dagegen seine Handlungen, seine Taten zusammen, und ein Bild des Charakters wird uns entgegentreten. Die Farben sind Taten des Lichts, Taten und Leiden... Farben und Licht stehen zwar untereinander in dem genauesten Verhältnis, aber wir müssen uns beide als der ganzen Natur angehörig denken: denn sie ist es ganz, die sich dadurch dem Sinne des Auges besonders offenbaren will. Ebenso entdeckt sich die ganze Natur einem anderen Sinne... So spricht die Natur hinab­wärts zu andern Sinnen, zu bekannten, verkannten, unbekannten Sinnen; so spricht sie mit sich selbst und zu uns durch tausend Erscheinungen. Dem Aufmerksamen ist sie nirgends tot noc!) stumm.»

Um die Bedeutung dieses Ausspruches ganz zu würdigen, braucht man sich nur einmal zu überlegen, wie ganz anders als für den Menschen sich die Welt für die niedersten Lebe­wesen offenbaren muß, die nur eine Art Tast oder Gefühlsinn über die ganze Oberfläche ihres Körpers ausgebreitet haben. Licht, Farbe und Ton können für sie jedenfalls nicht in dem Sinne da sein, in dem sie für Wesen vorhanden sind, die mit Augen und Ohren begabt sind. Die Luftschwingungen, die ein Flintenschuß verursacht, mögen auch auf sie eine Wirkung ausüben, wenn sie davon getroffen werden. Daß sich diese Luftschwingungen als Knall darstellen, dazu ist ein Ohr notwendig. Und daß sich gewisse Vorgänge, die sich in dern feinen Stoffe, den man Äther nennt, als Licht und Farbe offen­baren: dazu ist ein Auge notwendig. In diesem Sinne gilt jeden­falls der Satz des Philosophen Lotze: «Ohne ein Licht emp­findendes

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Auge und ohne ein Klang empfindendes Ohr wäre die ganze Welt finster und stumm. Es würde in ihr ebenso­wenig Licht oder Schall geben, als ein Zahnschmerz möglich wäre ohne einen den Schmerz empfindenden Nerv des Zahnes.»

Der Dichter Robert Hamerling sagt in seinem philosophi­schen Buche («Atomistik des Willens») über diese Einsicht: «Leuchtet dir, lieber Leser, das nicht ein und bäumt dein Verstand sich vor dieser Tatsache wie ein scheues Pferd, so lies keine Zeile weiter; laß dieses und alle andern Bücher, die von philosophischen Dingen handeln, ungelesen; denn es fehlt dir die hierzu nötige Fähigkeit, eine Tatsache unbefan­gen aufzufassen und in Gedanken festzuhalten.»

Mit Notwendigkeit knüpft sich aber an diese Tatsache eine Folgerung. Goethe drückt sie schön aus: «Das Auge hat sein Dasein dem Licht zu danken. Aus gleichgültigen tierischen Hülfs organen ruft sich das Licht ein Organ hervor, das seines­gleichen werde; und so bildet sich das Auge am Lichte fürs Licht, damit das innere Licht dem äußeren entgegentrete.» Das heißt doch nichts anderes als: die äußeren Vorgänge, die der Mensch durch das Auge als Licht empfindet, wären da auch ohne Auge; dieses aber erschafft aus ihnen die Licht-empfindung. Der Mensch darf also niemals sagen: nur das­jenige sei vorhanden, was er wahrnimmt; sondern er muß bekennen: von allem Vorhandenen kann er nur dasjenige wahrnehmen, wofür er Organe hat. Und mit jedem neuen Organe muß die Welt neue Seiten ihres Wesens offenbaren. Treffend spricht darüber der Naturforscher Tyndall: «Die Wir­kung des Lichtes scheint im Tierreiche nur eine Veränderung chemischer Beschaffenheit zu sein, so wie diejenige ist, die in den Blättern der Pflanzen vor sich geht. Allmählich findet sich diese Wirkung in einzelnen Pigmentzellen lokalisiert, die für das Licht empfindlicher sind als das umliegende Gewebe. Das Auge beginnt. Es ist anfangs fähig, die Unterschiede von Licht und Schatten zu offenbaren, welche sehr nahe Körper hervor-bringen. Weil der Unterbrechung des Lichts fast immer die

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Berührung durch den undurchsichtigen nahen Körper folgt, so muß man schließen, daß das Sehen eine Axt vorausgenom­menen Gefühis ist. Die Anpassung geht weiter (bei höheren Tieren). Es bildet sich oberhalb der Pigmentzellen eine ge-ringe Hautanschwellung; eine Linse beginnt sich zu bilden , und durch unendlich viele Anpassungen erreicht der Gesichts-sinn eine Schärfe, welche zuletzt die Vollkommenheit des Falken- oder Adlerauges erreicht. So ist es auch mit den an­dern Sinnen.»

Wieviel sich von dem, was wirklich ist, einem Wesen durch die Empfindung offenbart, das hängt also von den Organen ab, die sich an ihm entwickelt haben. Niemals darf also der Mensch sagen: nur das sei wirklich, was er wahrnehmen kann. Es könnte vieles wirklich sein, für dessen Wahrnehmung ihm die Organe fehlen. Und ein Mensch, der nur das in gewöhn­licher Art sinnlich Wahrnehmbare für wirklich erklärte, gliche dem niederen Tiere, das die Unwirklichkeit der Farben und Klänge erklärte, da es doch dieselben nicht wahrnehmen könne.

Nun weiß jeder Mensch von einer wirklichen Welt, die er mit den gewöhnlichen Sinnen nicht wahrnehmen kann. Das ist seine eigene Innenwelt. Seine Gefühle, Triebe, seine Lei­denschaften und Gedanken sind wirklich. Sie leben in ihm. Aber kein Ohr kann sie hören; kein Auge kann sie sehen. Sie sind für einen anderen «finster und stumm», wie nach obigem Ausspruch Lotzes «ohne ein Licht empfindendes Auge und ohne ein Klang empfindendes Ohr die ganze Welt finster und stumm wäre». - Und diese Welt hört auf «finster und stumm» zu sein, sobald empfindende Augen und Ohren da sind. - Nur ein solches Wesen kann wissen, daß aus dieser «stummen und finsteren» Welt diejenige der Farben und Töne ersteht, das vermöge des Auges und Ohres diese letztere Welt erlebt. Nur das unmittelbare Erlebnis kann da entscheiden. -

Darf nun derjenige, der die doch wirkliche Jnnenwe/t des Men­schen nicht als Empfindung wahrnehmen kann, behaupten, daß es unmöglich sei, sie wahrzunehmen? Wer die Tragweite

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der dargestellten Tatsachen erkennt, wird das nimmermehr tun. Er wird sich sagen müssen: darüber, ob dieses möglich ist, haben allein diejenigen zu entscheiden, die etwa eine solche Wahrnehmung haben; nicht aber diejenigen, die sie nicht haben. Denn das augenbegabte, nicht das augenlose Wesen K-ann über die Wirklichkeit der Farbenwelt Bescheid geben. Dieser Gedanke muß sich anschließen an den folgenden, in den Hamerling glänzend zusammenfaßt, was er in dieser Richtung zu sagen hat: «Unsere Sinnenwelt ist die Welt der Wirkungen. Das Wirkende in jedem Wesen wirkt in andern die Vorstellung, wie ein Griff in die Saiten den Ton bewirkt. Jedes Wesen ist Harfner auf fremden Saiten und - Harfe zugleich für fremde Finger.»

So wie nun die äußere Natur die «gleichgültigen tierischen Hiifsorgane» - im Sinne Goethes - zum Auge umbildet, so vermag der Mensch in sich selbst die Organe auszubilden, durch die Gefühle, Triebe, Instinkte, Leidenschaften, Ge­danken usw. zu einer Sinnenwelt, zu einer Welt der Wirkungen werden, wie Luftschwingungen durch das Ohr zur Klangempfindung, Ätherschwingungen durch das Auge zur Far­benempfindung werden. Von den Wegen, welche die Seele zu nehmen hat, um diese Sinne auszubilden, wird in einer folgenden Mitteilung dieser Zeitschrift gesprochen werden. Hier soll einiges über die Wahrnehmungen dieser «geistigen Sinne» selbst gesagt werden.

Es ist doch klar, daß nur ein Teil des Menschen für das äußere Auge sichtbar ist. Es ist der Teil, den man als physi­schen Leib bezeichnet. Dieser physische Leib besteht aus sol­chen Bestandteilen, aus denen auch die äußeren Naturdinge bestehen. Und es sind in ihm die physischen und chemischen Kräfte tätig, die auch in den Mineralien tätig sind. Nun wird jeder denkende Mensch zugeben, daß niemals aus diesen Stoffen und ihren Vorgängen das seelische Leben sich erklären lasse. Der Naturforscher Du Bois-Reymond spricht sich darüber so aus: «Es scheint zwar bei oberflächlicher Betrachtung, als könnten durch die Kenntnis der materiellen Vorgänge im

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Gehirne gewisse geistige Vorgänge und Anlagen uns ver­ständlich werden. Ich rechne dahin das Gedächtnis, den Fluß und die Assoziation der Vorstellungen, die Folgen der Übung, die spezifischen Talente und dergleichen mehr. Das geringste Nachdenken lehrt, daß dies eine Täuschung ist. Nur über ge­wisse innere Bedingungen des Geisteslebens, welche mit den äußeren durch die Sinneseindrücke gesetzten etwa gleichbedeu­tend sind, würden wir unterrichtet sein, nicht über das Zu­standekommen des Geisteslebens durch diese Bedingungen. -Welche denkbare Verbindung besteht zwischen bestimmten Bewegungen bestimmter Atome in meinem Gehirn einerseits, anderseits den für mich ursprünglichen, nicht weiter definier­baren, nicht wegzuleugnenden Tatsachen: Ich fühle Schmerz, fühle Lust, ich schmecke süß, rieche Rosenduft, höre Orgel-ton, sehe Rot, und der ebenso unmittelbaren daraus fließen­den Gewißheit: Also bin ich? Es ist eben durchaus und für immer unbegreiflich, daß es einer Anzahl von Kohlenstoff-, Wasserstoff-, Stickstoff-, Sauerstoff- usw. Atomen nicht solle gleichgültig sein, wie sie liegen und sich bewegen, wie sie lagen und sich bewegten, wie sie liegen und sich bewegen werden.» - Gewiß hat Du Bois-Reymond unrecht mit dem, was er daraus folgert, nicht aber mit der Tatsache selbst. (Ver­gleiche darüber mein Buch «Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert», Berlin, Siegfr. Cronbach, zweiter Band, Seite 78 ff.) - Es muß klargelegt werden, welcher Sach­verhalt einem solchen Ausspruch zugrunde liegt. Der Natur-forscher bedient sich zur Untersuchung der äußeren Sinne. Zwar verstärkt er deren Kraft durch Instrumente, zwar kom­biniert er mit dem Verstande die Tatsachen, die sie ihm lie­fern, und stellt durch Rechnung ihre Maßverhältnisse fest: aber die Grundlage für alles, was er feststellt, ist die äußere, sinnliche Beobachtung. Nun kann diese zwar Vorgänge in der Stoffwelt feststellen; oder wo diese zu klein sind, um unmittel­bar wahrgenommen zu werden, kann sie durch Hypothesen ergänzt werden: niemals aber kann sie Seelisches oder Gei­stiges wahrnehmen. Du Bois-Reymond sagt also nichts ande­res,

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als daß da, wo der stoffliche Vorgang übergeht in den seelischen, die äußere Sinnenbeobachtung aufhört. Wie Koh­lenstoff-, Sauerstoff- usw. Atome liegen und sich bewegen, kann in solcher Art vorgestellt werden, weil es ähnlich ver­läuft wie wahrnehmbare stoffliche Vorgänge. «Ich fühle Schmerz, ich fühle Lust usw.» kann nicht mehr mit den äußeren Sinnen erhascht werden. - Da muß eine höhere Wahr­nehmungfähzgkeit eintreten, ebenso wie die höhere Wahr­nehmungsfähigkeit des Auges hinzukommen muß, wenn die Welt der Tastempfindungen des niederen Tieres ergänzt wer­den soll durch die Farbenwelt. - Und für ein solches höheres Wahrnehmungsvermögen findet ebenso ein Übergang statt zwischen physischen Vorgängen und den «nicht wegzuleug­nenden Tatsachen: Ich fühle Schmerz, fühle Lust, rieche Rosenduft usw.» wie zwischen der Bewegung einer rollenden Elfrnbeinkugel und dem Zustande der anderen, die infolge des Stoßes der ersten aus der Ruhe in Bewegung übergeht. Für dieses höhere Wahrnehmungsvermögen ist der physische Menschenleib nur der mittlere Teil eines größeren Körpers, in dem der erstere wie in eine Wolke eingehüllt ist. Und so wie das physische Auge die Ätherschwingungen, die der physische Leib aussendet, als die Farben dieses Leibes emp­findet: so nimmt das geistige Auge durch entsprechende Ver­mittelung die Gefühle, Triebe, Leidenschaften und Vorstel­lungen wahr, die ja ebenso «unleugbare Tatsachen» sind wie die Bewegungen des Kohlenstoffs, Wasserstoffs usw. im Ge­hirn.

Durch einen besonderen, später zu beschreibenden Um-wandlungsprozeß stellt sich die innere Ursachenwelt des Menschen für das «geistige Auge» ebenso als eine Welt der Wirkungen in Farben dar, wie sich die physischen Prozesse am Leibe dem äußeren Auge als Farbenwirkungen darstellen. Die dem «geistigen Auge» wahrnehmbaren Farbenwirkun-gen, die um den physischen Menschen herum strahlen und ihn wie eine Wolke (etwa in Eiform) einhüllen, heißen die menschliche Aura. Sie muß zu der menschlichen Wesenheit

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ebenso gerechnet werden wie der physische Leib. Bei ver­schiedenen Menschen ist die Größe dieser Aura verschieden. Doch kann man sich - im Durchschnitt - etwa vorstellen, daß der ganze Mensch doppelt so lang und viermal so breit ist als der physische.

In dieser Aura fluten nun die verschiedensten Farbentöne. Und dieses Fluten ist ein getreues Bild des inneren mensch­lichen Lebens. So wechselnd wie dieses sind einzelne Farben-töne. Doch drücken sich gewisse bleibende Eigenschaften: Talente, Gewohnheiten, Charaktereigenschaften, in ruhenden Grundfarbentönen aus. Sehr verschieden ist die Aura nach den verschiedenen Tem­peramenten und den Gemütsanlagen der Menschen; verschie­den auch je nach den Graden der geistigen Entwickelung. Eine völlig andere Aura hat ein Mensch, der sich ganz seinen animalischen Trieben hingibt, als ein solcher, der viel in Ge­danken lebt. Wesentlich unterscheidet sich die Aura einer religiös gestimmten Natur von einer solchen, die in den tri­vialen Erlebnissen des Tages aufgeht. Dazu kommt, daß alle wechselnden Stimmungen, alle Neigungen, Freuden und Schmerzen in der Aura ihren Ausdruck finden.

Man muß die Auren der verschiedenen Menschentypen miteinander vergleichen, um die Bedeutung der Farbentöne verstehen zu lernen. Man nehme zunächst Menschen, die stark ausgeprägte Affekte haben. Sie lassen sich in zwei ver­schiedene Arten sondern. Solche, welche zu diesen Affekten vorzüglich durch die animalische Natur getrieben werden, und solche, bei denen dieselben eine raffiniertere Form anneh­men , wo sie , sozusagen, durch das Nachdenken stark beein­flußt werden. Bei der ersteren Art Menschen durchfluten vor­züglich braune und brauntote Farbenströmungen aller Nuan­cen an bestimmten Stellen die Aura. Bei denen mit raffinier­teren Affekten treten an denselben Stellen Töne von hellerem Rot und Grün au£ Man kann bemerken, daß mit wachsender Intelligenz die grünen Töne immer häufiger werden. Sehr kluge Menschen, die aber ganz in der Befriedigung ihrer ani­malischen

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Triebe aufgehen, haben viel Grün in ihrer Aura. Doch wird dieses Grün immer einen stärkeren oder schwäche­ren Anflug von Braun oder Braunrot haben. Unintelligente Menschen zeigen einen großen Teil der Aura durchflutet von braunroten oder sogar dunkel-blutroten Strömungen.

Wesentlich anders als bei solchen Affektnaturen ist die Aura der ruhigen, abwägenden, nachdenklichen Menschen. Die bräunlichen und rötlichen Töne treten zurück; und ver­schiedene Nuancen des Grün treten hervor. Bei Denker-naturen zeigt die Aura einen wohltuenden grünen Grundton. So sehen vorzüglich jene Naturen aus, von denen man sagen kann: sie wissen sich in jede Lage des Lebens zu finden.

Die blauen Farbentöne treten bei den hingebungsvollen Naturen auf. (Ich möchte ausdrücklich bemerken, daß ich mich gerne korrigieren lasse von anderen Forschern. Die Beobachtungen auf diesem Felde sind natürlich unsicher. Und diese Unsicherheit läßt sich gar nicht vergleichen mit der, die schon auf dem physischen Felde möglich ist, obwohl doch auch diese - Forscher wissen es - eine sehr große ist. Ich mache zur Vergleichung mit meinen Angaben auf die Schrift C. W. Leadbeaters: «Man visible and invisible» aufmerksam, die 1902 in London, Theosophical Publishing Society, er­schienen ist.) - Je mehr der Mensch sein Selbst in den Dienst einer Sache stellt, desto bedeutender werden die blauen Nuancen. Zwei ganz verschiedenen Arten von Menschen begegnet man auch in dieser Beziehung. Es gibt Naturen von geringer Denkkraft, passive Seelen, die gewissermaßen nichts in den Strom der Weltereignisse zu werfen haben als ihr «gutes Gemüt». Ihre Aura glimmt in schönem Blau. So zeigt sich auch diejenige vieler hingebungsvoller, religiöser Natu­ren. Mitleidsvolle Seelen und solche, die sich gerne in einem Dasein voll Wohltun ausleben, haben eine ähnliche Aura. Sind solche Menschen außerdem intelligent, so wechseln grüne und blaue Strömungen, oder das Blau nimmt wohl auch selbst eine grünliche Nuance an. Es ist das Eigentümliche der aktiven Seelen, im Gegensatz zu den passiven, daß sich ihr

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Blau von innen heraus mit hellen Farbentönen durchtränkt. Erfindungsreicbe Naturen, solche, die fruchtbringende Gedanken haben, strahlen gleichsam von einem inneren Punkte heraus helle Farbentöne. Überhaupt hat alles, was auf geistige Aktivität deutet, mehr die Gestalt von Strahlen, die sich von innen ausbreiten; während alles, was aus dem animalischen Leben stammt, die Form unregelmäßiger Wolken hat, welche die Aura durchfluten.

Je nachdem die Vorstellungen, welche einer aktiven Seele entspringen, sich in den Dienst der eigenen, animalischen Triebe oder in einen solchen idealer, sachlicher Interessen stellen, zeigen die entsprechenden Farbengebilde verschiedene Färbungen. Der erfinderische Kopf, der alle seine Gedanken zur Befriedigiang seiner sinnlichen Leidenschaften verwendet, zeigt dunkel-blaurote Nuancen; derjenige dagegen, welcher seine fruchtbaren Gedanken selbstlos in ein sachliches Inter­esse stellt, hell-rotblaue Farbentöne. Ein Leben im Geiste, gepaart mit edler Hingabe und Aufopfrrungsfähigkeit, läßt rosarote oder hell-violette Farben erkennen.

Allein nicht nur die Grundverfassung der Seele, sondern auch vorübergehende Affekte, Stimmungen und andere innere Erlebnisse zeigen ihre Farbenwellen in der Aura. Ein plötz-lich ausbrechender heftiger Ärger erzeugt rote Wellen; ge­kränktes Ehrgefühl, das sich in plötzlicher Aufwallung aus-lebt, kann man in dunkelgrünen Wolken erscheinen sehen.

- Aber nicht allein in unregelmäßigen Wolkengebilden treten die Farbenerscheinungen auf, sondern auch in bestimmt be­grenzten, regelmäßig gestalteten Figuren. Eine Anwandlung von Furcht zeigt zum Beispiel die Aura von oben bis unten von welligen Streifen in blauer Farbe, die einen rötlichen Schimmer haben, durchzogen. Bei einer Person, die mit Spannung auf ein gewisses Ereignis wartet, kann man fort­währende rotblaue Streifen radienartig von innen gegen außen hin die Aura durchziehen sehen.

Für ein genaues geistiges Wahrnehmungsvermögen ist jede Empfindung, die der Mensch von außen empfängt, zu

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bemerken. Personen, die durch jeden äußeren Eindruck stark erregt werden, zeigen ein fortwährendes Auffiackern kleiner rötlicher Punkte und Fleckchen in der Aura. Bei Menschen, die nicht lebhaft empfinden, haben diese Fleckchen eine orangegelbe oder auch eine schön gelbe Färbung. Sogenannte «zerstreute» Personen zeigen bläuliche Fleckchen von mehr oder weniger wechselnder Form.

Im folgenden soll gezeigt werden, inwiefern diese hier charakterisierte Aura eine sehr zusammengesetzte Erschei­nung ist. Auch soll dargetan werden, wie sie der Ausdruck der Gesamtwesenheit des Menschen ist. Die hier gegebenen Ausführungen sind durchaus als Einieitung zu betrachten.

In dem Vorhergehenden ist die aurische Wolke, innerhalb welcher sich der physische Leib des Menschen befindet, in einigen allgetneinen Zügen beschrieben worden. - Für ein höher ausgebildetes «geistiges Schauen» lassen sich innerhalb dieser den Menschen umflutenden und umstrahlenden «Aura» drei Gattungen von Farbenerscheinungen unterscheiden. Da sind zuerst solche Farben, die mehr oder weniger den Charakter der Undurchsichtigkeit und Stumpfheit tragen. Allerdings, wenn wir diese Farben mit denjenigen ver­gleichen, die unser physisches Auge sieht, dann erscheinen sie diesen gegenüber lebhaft und durchsichtig. Innerhalb der übersinnlichen Welt selbst aber machen sie den Raum, den sie erfüllen, vergleichsweise undurchsichtig; sie erfüllen ihn wie Nebelgebilde. - Eine zweite Gattung von Farben sind die­jenigen, welche gleichsam ganz Licht sind. Sie durchhellen den Raum, den sie ausfüllen. Dieser wird durch sie selbst zum Lichtraum. - Ganz verschieden von diesen beiden ist die dritte Art der farbigen Erscheinungen. Diese haben nämlich einen strahlenden, funkelnden, glitzernden Charakter. Sie durch-leuchten nicht bloß den Raum, den sie ausfüllen: sie durch glänzen und durchstrahien ihn. Es ist etwas Tätzg.es, in sich Bewegliches in diesen Farben. Die anderen haben etwas in sich Ruhendes, Unbewegliches. Diese dagegen erzeugen sich

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gleichsam fortwährend aus sich selbst. - Durch die beiden ersten Farbengattungen wird der Raum wie mit einer feinen Flüssigkeit ausgefüllt, die ruhig in ihm verharrt; durch die dritte wird er mit einem sich stets anfachenden Leben, mit nie ruhender Regsamkeit erfüllt.

Diese drei Farbengattungen sind nun in der menschlichen Aura nicht etwa durchaus nebeneinander gelagert; sie be­finden sich nicht etwa ausschließlich in voneinander getrenn­ten Raurnteilen; sondern sie durchdringen einander teilweise. Man kann an einem Orte der Aura alle drei Gattungen durch­einanderspielen sehen, wie man einen physischen Körper, zum Beispiel eine Glocke, zugleich sehen und hören kann. Dadurch wird die Aura zu einer außerordentlich komplizierten Er­scheinung. Denn man hat es, sozusagen, mit drei ineinander befindlichen, sich durchdringenden Auren zu tun. (Von noch höherwertigen Auren wird hier abgesehen.) Aber man kann ins klare kommen, wenn man seine Aufmerksamkeit ab­wechselnd auf eine dieser drei Auren richtet. Man tut dann in der übersinnlichen Welt etwas Ähnliches, wie wenn man in der sinniichen zum Beispiel - um sich ganz dern Eindruck eines Musikstückes hinzugeben - die Augen schließt. Der «Seher» hat gewissermaßen dreierlei Organe für die drei Farbengattungen. Und er kann, um die eine ungestört von den anderen zu beobachten, die eine oder andere Art von Organen den Eindrücken öffnen, und die anderen verschlie­ßen. - Es kann bei einem «Seher» zunächst überhaupt nur die eine Art von Organen, die für die erste Gattung von Farben, entwickelt sein. Ein solcher kann nur die eine Aura sehen; die beiden anderen bleiben ihm unsichtbar. Ebenso kann jemand für die beiden ersten Arten eindruckfähig sein, für die dritte nicht. - Die höhere Stufe der «Sehergabe» besteht dann darin, daß ein Mensch alle drei Auren beobachten und zum Zwecke des Studiums die Aufmerksamkeit abwechselnd auf die eine oder die andere lenken kann.

Die dreifache Aura ist der übersinnlich sichtbare Ausdruck für die Wesenheit des Menschen. Denn aus drei Gliedern setzt

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sich diese Wesenheit zusammen: aus Leib, Seeze und Geist. Der Leib ist das Vergängliche im Menschen; dasjenige, was ge­boren wird und stirbt. Der Geist ist das Unvergängliche. Er macht nach dern Tode des Leibes in Gebieten, welche für die äußeren Sinne nicht zugänglich sind, verschiedene Erlebnisse und Zustände durch, um - nach kürzerer oder längerer Zeit -in einem neuen Leibe wieder verkörpert zu werden. (Genauere Angaben über die Zustände zwischen dern Tode und einer neuen Verkörperung findet man im Aufsatz «Wie Karma wirkt».) Das Bindeglied zwischen dern vergänglichen Leibe und dern unvergänglichen Geist ist die Seele. Man hat sich vorzustellen, daß die Eindrücke der sinnlichen Außenwelt zuerst von der Seele aufgenommen und dann an den Geist weitergegeben werden. Das Ohr als leibliches Organ emp­fängt zum Beispiel einen Eindruck durch eine Lufterschütte­rung. Die Seele wandelt diese Lufterschütterung in die Emp­ftndung des Tones um. Dadurch erst erlebt der Mensch in sei­nem Innern - als Empfindung - dasjenige, was sonst ein stummer Vorgang in der äußeren Luft wäre. - Und im Innern des Menschen nimmt der Geist wieder die Empfindung wahr. Er erlangt so auf dern Umwege durch die Seele Kunde von der sinnlich-irdischen Außenwelt. Der Geist kann - im Men­schen - nicht unmittelbar mit der sinnlichen Außenwelt ver­kehren. Die Seele ist seine Botin. Durch die Seele tritt des Menschen unsterblicher Geist in Verkehr mit der irdischen Welt. (Wer über die Beziehungen von Geist, Seele und Leib genaueren Aufschluß sucht, findet ihn in meiner demnächst erscheinenden «Theosophie».) Die Seele ist somit der eigent­liche Träger dessen, was der Mensch zwischen Geburt und Tod in seinem Innern erlebt. Der Geist bewahrt diese Erleb­nisse und trägt sie von einer Verkörperung in die andere hinüber.

Von zwei Seiten her wird im Menschen auf die Seele ge­wirkt. Der Leib wirkt auf sie, um ihr die sinnlich-körper­lichen Eindrücke zu übermitteln. Der Geist beeinflußt sie von der anderen Seite her, um ihr die ewigen Gesetze einzuprägen,

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die seine eigenen sind. Die Seele hängt, nach der einen Seite hin , mit dern Leib, nach der anderen mit dern Geiste zusam­men. Man hat deshalb im lebenden Menschen ein dreifaches Innenleben zu unterscheiden. Das eine umfaßt alles das, was vorn Leibe fortwährend der Seele zuströmt; das zweite sind die Vorgänge in der Seele selbst. Das dritte sind die Einflüsse, welche die Seele vom Geiste erfährt. Durch ein einfaches Bei­spiel kann klar werden, wie sich diese drei Formen mensch­lichen Innenlebens unterscheiden. Man nehme an, der Mensch habe längere Zeit keine Nahrung zu sich genommen. Dadurch spielen sich im Leibe gewisse Vorgänge ab, die seinem physi­schen Leben nicht zuträglich sind. Das wirkt auf die Seele als Empfindung des Hungers.

Diese Empfindung ist ein Vorgang in der Seele; aber die Ursache dazu liegt im Leibe. - Man nehme ferner an: der Mensch gehe an einem Notleidenden vorbei. Er unterstütze diesen. Die Veranlassung dazu liegt in der Erkenntnis des Geistes, daß der Mensch andern helfen müsse. Die Seele führt die Handlung aus; der Geist gibt den Auftrag. Die Seele empfindet Mitgefühl. Dieses Mitgefühl ist wieder ein Vorgang in der Seele. Die Ursache dazu liegt im Geiste. Zwischen diesen beiden Arten von Seelenerlebnissen liegt nun noch eine dritte. Es ist diejenige, wo gewissermaßen weder Leib noch Geist unmittelbar beteiligt sind. Zunächst wird der Mensch durch den unmittelbaren Reiz des Hungers immer wieder zur Nahrungsaufnahme bewogen. Fängt er aber an, über den Zusammenhang des Hungers mit seiner Lebens­führung nachzudenken, so regelt er durch das Denken diese Lebensführung. Er bedient sich gewissermaßen des Denkens, um den Bedürfnissen seiner Sinnlichkeit Rechnung zu tragen. So macht er sein seelisches Leben unabhängig von den un­mittelbaren Reizen der sinnlichen Leiblichkeit. - Je unent­wickelter der Mensch ist, desto mehr wird er sich den sinn­lichen Reizen hingeben. Mit der höheren Entwickelung stellt er immer mehr sein Innenleben in den Dienst des Denkens. Dadurch wird er aber auch immer mehr und mehr den Einflüssen

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der Geistigkeit zugänglich. Ein unentwickelter Mensch, der jedem Reiz seines Leibes sich hingeben muß, wird unempfänglich sein für die ewigen Gesetze des Wahren und Guten, die aus dem Geiste stammen. Er wird ganz in dem aufgehen, was sein Leib von ihm verlangt. Je unabhängiger sich der Mensch von diesen Einflüssen macht, desto mehr wird in ihm aufleuchten, was unvergänglich ist, was ewig wahr und ewig gut ist. Und er wird zuletzt erkennen, daß er dazu da ist, seine Kräfte, seine Fähigkeiten, all sein Handeln in den Dienst des Ewigen zu stellen. - Wir erhalten dadurch ein dreifach abgestuftes Innenleben des Menschen. Das erste ist dasjenige, welches von den leiblichen Ursachen abhängig ist; das zweite ist der Teil des Seelenlebens, der sich bis zu einem gewissen Grade durch Nachdenken unabhängig ge­macht hat von jedem äußeren Reize, der aber doch noch im Befriedigen des äußeren Lebens aufgeht; der dritte Teil ist endlich derjenige, der das eigene Leben in den Dienst des Ewigen stellt. Beim unentwickelten Menschen ist der erste Teil vorherrschend; beim höher entwickelten kommt der dritte hervorragend zur Geltung. Der Durchschnittsrnensch hält die Mitte zwischen beiden.

Diese drei Teile des menschlichen Innenlebens kommen in der dreifachen Aura zum übersinnlich-sichtbaren Ausdruck. Inwiefern die Seele abhängig ist vom Leibe, sich von seinen Vorgängen beeinflussen läßt, das prägt sich in den stumpfen, undurchsichtigen Farbenerscheinungen aus. Ein Mensch, der ganz seiner leiblichen Natur lebt, hat diesen Teil der Aura besonders lebhaft ausgebildet. - Alles, was durch Erziehung, durch Nachdenken, kurz, durch äußere Kultur unabhängig geworden ist von den unmittelbaren Einflüssen des Leibes, das kommt in den Farben zum Ausdruck, die in durchsichti­ger Helle den Raum durchleuchten. Und alle wahre Geistig­keit des Menschen, die selbstlose Hingabe an das Wahre und Gute, mit anderen Worten die Schätze, die der Mensch für die Ewigkeit sammelt, kommen in den funkelnden, strahlen­den Farbenerscheinungen der Aura zum Vorschein.

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Die erste Aura ist ein Spiegelbild des Einflusses, den der Leib auf die Seele des Menschen übt; die zweite kennzeichnet das Eigenleben der Seele, das sich über das unmittelbar Sinn­lichreizende erhoben hat, aber noch nicht dem Dienst des Ewi­gen gewidmet ist; die dritte spiegelt die Herrschaft, die der ewige Geist über den vergänglichen Menschen gewonnen hat.

Für den «Seher» ist also der Entwickelungsgrad eines Men­schen aus der Beschaffenheit seiner Aura zu beurteilen. Tritt ihm ein unentwickelter Mensch entgegen, der ganz den je­weiligen sinnlichen Trieben, Begierden und den augenblick­lichen äußeren Reizen hingegeben ist, so sieht er die erste Aura in den schreiendsten Farbentönen; die zweite dagegen ist nur schwach ausgebildet. Man sieht in ihr nur spärliche Farbenbildungen; die dritte aber ist kaum angedeutet. Da und dort nur zeigt sich ein glitzerndes Farbenfünkchen, darauf hindeutend, daß auch in diesem Menschen schon das Ewige als Anlage lebt, daß es aber noch einer langen Entwickelungslauf bahn - durch viele Verkörperungen hindurch - brauchen wird, bis es einen hervorragenden Einfluß auf das äußere Leben dieses Trägers gewinnen wird. - Je mehr der Mensch seine Triebnatur von sich abstreift, desto unaufdringlicher wird der erste Teil der Aura. Der zweite Teil vergrößert sich immer mehr und mehr und erfüllt immer vollständiger mit seiner leuchtenden Kraft den Farbenkörper, innerhalb dessen der physische Mensch lebt. - Und die «Diener des Ewigen» zeigen die wundersame dritte Aura, jenen Teil, der Zeugnis liefert, inwiefern der Mensch ein Bürger der geistigen Welt geworden ist. Denn das Göttliche selbst strahlt durch diesen Teil der menschlichen Aura in die irdische Welt herein. Menschen, bei denen diese Aura ausgebildet ist, sind die Flammen, durch welche die Gottheit diese Welt erleuchtet. Sie haben gelernt, nicht sich, sondern dem ewig Wahren und Guten zu leben; sie haben es ihrem engen Selbst abgerungen, sich hinzuopfern auf dem Altare des großen Weltwirkens.

So kommt in der Aura zum Ausdrucke, was der Mensch im Laufe seiner Verkörperungen aus sich gemacht hat.

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In allen drei Teilen der Aura sind Farben der verschieden­sten Nuancen enthalten. Es ändert sich aber der Charakter dieser Nuancen mit dem Entwickelungsgrade des Menschen. -Man kann im ersten Teil der Aura des unentwickelten Trieb-menschen alle Nuancen sehen vom Rot bis zum Blau. Bei ihm haben diese Nuancen einen trüben, schmutzigen Charakter. Die aufdringlich roten Nuancen deuten auf die sinnlichen Begierden, auf die fleischlichen Lüste, auf die Sucht nach den Genüssen des Gaumens und des Magens. Grüne Nuancen scheinen sich vorzüglich bei denjenigen niederen Naturen hier zu finden, die zum Stumpfsinn, zur Gleichgültigkeit neigen, die gierig jedem Genusse sich hingeben; aber doch die Anstrengungen scheuen, die sie dazu bringen. Es ist kein erfreulicher Anblick, die trägen Straßenbummler in unseren Großstädten in ihren schmutziggrünen Wolken herumlungern zu sehen. Gewisse moderne Berufe züchten allerdings gerade­zu diese Art von Auren. - Ein persönliches Selbstgefühl, das ganz in niederen Neigungen wurzelt, also die unterste Stufe des Egoismus darstellt, zeigt sich in schmutziggelben bis braunen Tönen. Nun ist ja klar, daß das animalische Trieb-leben auch einen erfreulichen Charakter annehmen kann. Es gibt eine rein natürliche Aufopferungsfähigkeit, die sich schon im Tierreiche im hohen Grade findet. In der natürlichen Mut­terliebe ilndet diese Ausbildung eines animalischen Triebes ihre schönste Vollendung. Diese selbstlosen Naturtriebe kom­men in der ersten Aura in hellrötlichen bis rosaroten Farben-nuancen zum Ausdruck. Feige Furchtsamkeit, Schreckhaftig­keit vor sinnenfälligen Reizen zeigt sich durch braunblaue oder graublaue Farben in der Aura.

Die zweite Aura zeigt wieder die verschiedensten Farbenstufen. Braune und orange farbige Gebilde deuten auf stark entwickeltes Selbstgefühl, Stolz und Ehrgeiz. Helles Gelb spiegelt klares Denken und Intelligenz ab; grün ist der Aus­druck des Verständnisses für Leben und Welt. Kinder, die leicht auffassen, haben viel Grün in diesem Teil ihrer Aura. Grüngelb in der zweiten Aura scheint ein gutes Gedächtnis zu

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verraten. Rosenrot deutet auf wohlwollende, liebevolle We­senheit hin; blau ist hier das Zeichen von Frömmigkeit. Je mehr sich die Frömmigkeit der religiösen Inbrunst nähert, desto mehr geht das Blau in Violett über. Idealismus und Lebensernst in höherer Auffassung sieht man als Indigoblau.

Die Grundfarben der drirten Aura sind gelb, grün und blau. Gelb erscheint hier, wenn das Denken erfüllt ist von hohen, umfassenden Ideen, welche das Einzelne aus dem Ganzen der göttlichen Weltordnung heraus erfassen. Dieses Gelb hat dann, wenn das Denken intuitiv ist und ihm voll­kommene Reinheit von sinnlichem Vorstellen zukommt, ei­nen goldigen Glanz. Grün deutet auf die Liebe zu allen Wesen hin; Blau ist das Zeichen der selbstlosen Aufopferungs­fähigkeit für alle Wesen. Steigert sich diese Aufopferungs­fähigkeit bis zum starken Wollen, das werktätig in die Dienste der Welt sich stellt, so hellt sich das Blau zum Hell-Violett au£ Sind in einem höher entwickelten Menschen noch Stolz und Ehrsucht, als letzte Reste des persönlichen Egoismus, vorhanden, so treten neben den gelben Nuancen solche auf, welche nach dem Orange hin spielen. - Bemerkt muß aller­dings werden, daß in diesem Teil der Aura die Farben recht verschieden sind von den Nuancen, die der Mensch gewohnt ist, in der Sinnenwelt zu sehen. Eine Schönheit und Erhaben­heit tritt dem «Sehenden» hier entgegen, mit der sich nichts in der gewöhnlichen Welt vergleichen läßt.

im folgenden soll gezeigt werden, wie die verschiedenen Grundbestandteile in dem Wesen des Menschen durch die hier geschilderten Auren zum Ausdruck kommen.

Man kann die Aura des Menschen verstehen, wenn man seine Wesenheit betrachtet. Als physischer Körper ist der Mensch aus den Stoffen zusammengesetzt, die sich auch in der mineralischen Welt finden. Und es sind in ihm die Kräfte tätig, die auch in dieser Welt tätig sind. Der Sauerstoff, wel­chen der Mensch durch den Atmungsprozeß sich aneignet, ist derselbe, der sich in der Luft, der sich in den flüssigen und

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festen Bestandteilen der Erde findet. Und so ist es auch mit den Stoffen, die der Mensch in seinen Nahrungsmitteln aufnimmt. Man kann diese Stoffe und ihre Kräfte im Menschen studieren, wie man sie an anderen Naturkörpern studiert. Wenn man den Menschen so betrachtet, erkennt man ihn als ein Glied der mineralischen Welt. - Ferner kann man den Menschen betrachten, insofern er ein Lebewesen ist. Er zeigt da, wie sich die Stoffe und Kräfte der mineralischen Welt zu einem Organismus aufbauen, der sich in Gliedern gestaltet, der wächst und sich fortpflanzt, dessen Teile zu gemeinsamer Tätigkeit zusammenwirken. Diese Art des Daseins hat der Mensch mit all dem gemein, was lebt. Wer sich solcher Be­trachtung hingibt, an den tritt die Frage heran: wodurch lebt ein Wesen? Eine gewisse Richtung der neueren Naturwissen­schaft macht sich die Antwort leicht auf diese Frage. Sie sagt einfach: das Wirken der mineralischen Stoffe und Kräfte im lebendigen Organismus ist von genau derselben Art wie in der unorganischen Natur, nur viel komplizierter. Im Sinne dieser Richtung hat man einen Organismus begriffen, wenn man die komplizierten physischen und chemischen Vorgänge begriffen hat, die sich innerhalb desselben abspielen. Diese Anschauung bestreitet, daß es besondere Ursachen gebe, welche die mineralischen Stoffe und Kräfte im Organismus zu Lebensvorgängen umgestalten. Ein lebhafter Kampf hat sich im neunzehnten Jahrhundert gegen die Vertreter einer besonderen Lebenskraft herausgebildet. Klares Denken hätte diesen Kampf verhindern sollen. Denn ebensowenig jemand bestreiten sollte, daß man eine Uhr verstehe, wenn man den Mechanismus ihrer Teile begriffen hat, ebensowenig könnte ein klar denkender Vertreter der Lebenskraft etwas dagegen haben, wenn man behauptet, man versteht in diesem Sinne naturwissenschaftlich den Organismus, wenn man die Wirksam­keit seiner Stoffe und Kräfte kennt. Aber kann deshalb jemand bestreiten, daß die mechanisch ganz begreifliche Uhr ohne den Uhrmacher nicht zustande kommen könne? Wer wirklich unterscheiden kann zwischen der Begreiflichkeit eines Organismus

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als einer physischen Tatsache und den Bedingungen seiner Entstehung, der kann nicht darüber unklar sein, daß mit obiger Begreiflichkeit das Dasein von besonderen Ursachen des Lebens ebensowenig berührt wird, wie das Dasein des Uhrmachers durch die mechanische Begreiflichkeit der Uhr. Und so wenig uns der Mechaniker, der die Uhr verständlich machen will, den Uhrmacher zu beschreiben braucht, so wenig braucht der rein physische Forscher die besonderen Ursachen des Lebens zu berücksichtigen. Derjenige aber, der tiefer in das Wesen der Erscheinungen eindringt, dem wird es verständlich, daß zum Zustandekommen des physischen Organismus die Wesenheiten nicht ausreichen, die ihn phy-sich begreiflich erscheinen lassen. Deshalb sprechen die Ein­sichtigen von besonderen Ursachen des Lebens. Das Leben ist etwas, was im Organismus zu der physischen Wirkung hinzukommt und was sich den sinnlichen Augen und dern Verstande, der sich nur an die sinnlichen Tatsachen hält, entzieht. Das Leben ist der Gegenstand einer besonderen Wahrnehmung, wie der Uhrmacher Gegenstand einer beson­deren Wahrnehmung ist. Man muß mit den «Augen des Geistes» den Organismus betrachten, dann enthüllen sich die besonderen Ursachen des Lebens, die sich der Sinnenbeobach­tung entziehen. Als «Prana» (Kraft des Lebens) haben deshalb diejenigen, die mit den «Augen des Geistes» beobachten, den natürlichen Erbauer der Organismen bezeichnet. Für sie kann die «Lebenskraft» keinem Streite unterliegen, denn für sie ist sie eine Wahrnehmung. Und alles, was gegen diese Verteidiger einer Lebenskraft vorgebracht wird, ist nur ein Kampf gegen Windmühlen. Es wird auch nur so lange vorgebracht, als man mißversteht, was sie meinen. In ihrem Sinne soll hier dem Menschen, insofern er ein Organismus ist, Prana oder die Lebenskraft, als das zweite Glied seiner Wesenheit neben dem physisch-mineralischen Körper, zugeschrieben werden.

In der Empfindung hat man etwas gegeben, was über das bloße Leben hinausgeht. Durch das Leben baut sich ein Wesen seinen Organismus auf Durch die Empfindung erschließt

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sich ihm die Außenwelt. Es ist ein anderes, wenn ich sage: ich lebe, und ein anderes, wenn ich sage: ich empfinde die Farbenwelt um mich her. Um zum empfindenden Wesen zu werden, muß der Organismus seinen Organen Eigen­schaften geben, die über ihre Fähigkeit hinausgehen, ihm das Leben zu erhalten und durch ihn Leben fortzupflanzen. Was den lebenden zum empfindenden Organismus macht, nennt der Forscher, der mit «Geistesaugen » sieht, den Empfindungsleib, oder, wie es unter Theosophen üblich geworden ist, den Astralleib. Dieser Name «astral», der «sternenglänzend» be­deutet, rührt davon her, daß das übersinnlich sichtbare Abbild desselben in der Aura erscheint, deren Leuchtkraft mit der­jenigen der Sterne verglichen worden ist. Hier soll dieser Teil des Menschen der Empfindungsleib, als das dritte Glied der menschlichen Wesenheit, genannt werden. Innerhalb dieses Empfindungsleibes crscheint nun das Ezgenzeben eines Men­schen. Es drückt sich aus in Lust und Unlust, Freude und Schmerz, in Neigungen und Abneigungen usw. Mit einem gewissen Recht bezeichnet man alles, was dazu gehört, als Innenleben eines Wesens. Der gestirnte Himmel ist draußen im Raume, mein lebendiger Organismus gehört demselben Raume an. Dieser Organismus schließt sich in seinen emp­findenden Organen dem Sternenhimmel au£ Die Freude und das Gefühl der Bewunderung über den Sternenhimmel erlebe ich in mir selbst. Ich trage diese in mir, wenn meinem emp­findenden Auge längst der Sternenhimmel sich entzogen hat. Was ich da als mich selbst der Außenwelt gegenüberstelle, was ein Leben in sich führt, ist die Seele. Und insofern diese Seele die Empfindungen sich aneignet, insofern sie Vorgänge, die ihr von außen gegeben werden, sich aneignet und sie zum Eigenleben umgestaltet, sei sie Empfindungsseele genannt. Diese Empfindungsseele füllt gleichsam den Empfindungsleib aus; alles, was er von außen aufnimmt, verwandelt sie in ein inneres Erlebnis. So bildet sie mit dem Empfindungsleib ein Ganzes. Sie wird deshalb mit diesem zusammen, in theoso­phischen Schriften, als Astralleib bezeichnet. Eine gründliche

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Erkenntnis wird allerdings beide unterscheiden müssei In der Aura sind auch beide insofern zu unterscheiden, als jeder Farbenton des Astralkörpers unter zwei Einflüssen steht. Der eine wird davon abhängen, wie die Organe des Menschen gestaltet sind, der andere davon, wie seine Seele, nach ihrer inneren Natur, auf äußere Eindrücke antwortet. Ein Mensch kann ein gutes oder schlechtes Auge haben. Darnach richtet sich das Bild, das er von einem äußeren Gegenstande emp­fängt; er kann seelisch feiner oder gröber veranlagt sein, darnach bestimmt sich das Gefühl, das er durch dieses Bild in seinem Innern erlebt.

Bei den Eindrücken, die der Mensch von außen empfängt, und bei den Gefühlen, die er durch diese Eindrücke erlebt, bleibt er nicht stehen. Er verbindet diese Eindrücke. Dadurch bilden sich in seiner Seele Gesamtbilder dessen, was er wahr­nimmt. Der Mensch sieht einen Stein fallen; nachher sieht er, daß an der Stelle, wo der Stein aufgefallen ist, sich eine Höh­lung in der Erde gebildet hat. Beide Eindrücke verbindet er. Er sagt: der Stein hat die Erde ausgehöhlt. In dieser Ver­bindung äußert sich das Denken. Innerhalb der Empfindungs-seele lebt die denkende, die Verstandesseele auf. Nur durch sie entsteht aus dem, was die Seele durch Einflüsse von außen erlebt, ein durch sie selbst geregeltes Abbild dieser Außenwelt. Fortwährend vollzieht die Seele diese Regelung ihrer äußeren Eindrücke. Und das, was sie so erzeugt, ist eine durch ihre Natur bestimmte Beschreibung dessen, was sie wahrnimmt. Daß es durch ihre Natur bestimmt ist, ergibt sich, wenn man eine solche Beschreibung mit dem vergleicht, was beschrieben wird. Zwei Menschen können denselben Gegenstand vor sich haben; ihre Beschreibungen sind verschieden nach den inne­ren Beschaffenheiten ihrer Seelen. Sie kombinieren ihre Ein­drücke in verschiedener Weise.

Durch das beschreibende Denken wird aber der Mensch auch über das bloße Eigenieben hinausgeführt. Er erwirbt sich etwas, das über seine Seele hinausreicht. Es ist für ihn eine selbstverständliche Überzeugung, daß seine Beschrei­bungen

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der Dinge mit diesen selbst in einem Verhältnisse stehen. Er orientiert sich in der Welt dadurch, daß er über sie denkt. Er erlebt dadurch eine gewisse Übereinstimmung seines Eigenlebens mit der Ordnung der Welttatsachen. Die Verstandesseele schafft dadurch Einklang zwischen Seele und Welt. In seiner Seele sucht der Mensch nach Wahrheit; und durch diese Wahrheit spricht sich nicht allein die Seele aus, sondern die Dinge der Welt. Was durch das Denken als Wahrheit erkannt wird, hat eine selbständige Bedeutung, nicht bloß eine solche für die menschliche Seele. Mit meinem Entzücken über den Sternenhimmel lebe ich allein in mir; die Gedanken, die ich mir über die Bahnen der Himmels-körper bilde, haben für das Denken jedes anderen dieselbe Bedeutung wie für das meinige. Es wäre sinnlos, von meinem Entzücken zu sprechen, wenn ich nicht vorhanden wäre; aber es ist nicht in derselben Weise sinnlos, von meinen Gedanken auch ohne Beziehung auf mich zu sprechen. Denn die Wahr­heit, die ich heute denke, war auch gestern wahr, und wird auch morgen wahr sein, obwohl ich mich nur heute mit ihr beschäftige. Macht eine Erkenntnis mir Freude, so ist diese Freude nur so lange von Bedeutung, als ich sie erlebe; die Wahrheit dieser Erkenntnis hat ihre Bedeutung ganz un­abhängig von dieser Freude. In der Verbindung mit der Wahrheit ergreift die Seele etwas, das seinen Wert in sich trägt. Und dieser Wert verschwindet nicht mit dem eigenen Seelenerlebnis; ebensowenig ist er mit diesem entstanden. Es ist ein wesentlicher Unterschied zwischen den Beschrei­bungen, bei denen die Verstandesseele lediglich sich bei ihren Kombinationen überläßt, und den Gedanken, bei denen sie sich den Gesetzen der Wahrheit unterwirft. Ein Gedanke, der dadurch eine über das Innenleben hinausgehende Bedeutung erhält, daß er von diesen Gesetzen der Wahrheit durch­drungen ist, darf erst als Wissen angesehen werden. Indem die Wahrheit in die Verstandesseele hereinleuchtet, wird diese zur Bewußtseinsseele. Wie im Leibe drei Glieder zu unterscheiden sind: der physische Leib, das Leben und der Empfindungsleib,

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so in der Seele die Empflndungsseele, Verstandesseele und Bewußtseinsseele.

Aus diesen drei Gliedern der Seele ist nun die dreigliedrige Aura zu begreifen. Denn durch diese drei Glieder wird ver­ständlich, daß das Innenleben des Menschen von zwei Seiten her Einflüsse erleidet. Als Emptindungsseele ist dieses innere Leben abhängig von dem Empfindungsleibe. Das Zusammen­spiel der Emphndungsseele mit dem Empfindungsleibe kommt in der ersten der beschriebenen drei Auren zum Aus­drucke. Die kombinierende Verstandesseele, die in sich lebt, sich in ihren Erlebnissen ganz ihrer Natur unterwirft, prägt sich in der zweiten Aura aus; und die Bewußtseinsseele erhält ihren übersinnlich-sichtbaren Ausdruck in der dritten, am hellsten erstrahlenden Aura.

Um nun die Natur dieser Auren vollständig zu verstehen, ist notwendig, einer Tatsache zu gedenken, die, richtig ge­deutet, erst das Verständnis der menschlichen Wesenheit eröffnet. - Im Laufe der Kindheitsentwicklung tritt im Leben des Menschen ein Augenblick ein, in dem er sich zum ersten Male als ein selbständiges Wesen gegenüber der ganzen ande­ren Welt fühlt. Fein empfindenden Menschen ist das ein be­deutsames Ereignis. Der Dichter Jean Paul erzählt in seiner

Lebensbeschreibung: «Nie vergess' ich die noch keinem Menschen erzählte Erscheinung in mir, wo ich bei der Geburt meines Selbstbewußtseins stand, von der ich Ort und Zeit anzugeben weiß. An einem Vormittag stand ich als ein sehr junges Kind unter der Haustür und sah links nach der Holz-lege, als auf einmal daa innere Gesicht, ich bin ein Ich, wie ein Blitzstrahl vom Himmel auf mich fuhr und seitdem leuchtend stehen blieb: da hatte mein Ich zum erstenmal sich selber gesehen und auf ewig. Täuschungen des Erinnerns sind hier schwerlich denkbar, da kein fremdes Erzählen sich in eine bloß im verhangenen Allerheiligsten des Menschen vorgefallene Begebenheit, deren Neuheit allein so alltäglichen Nebenumständen das Bleiben gegeben, mit Zusätzen mengen konnte.» - In seinem Selbstbewußtsein hat der Mensch gegeben,

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was ihn zum selbständigen Wesen macht. Das Selbstbewußtsein muß deshalb Licht auf sein ganzes Wesen werfen. Von ihm ausgehend wird man daher die Bedeutung des Leibes und der Seele erst ganz verstehen können. Darüber in dem Schluß dieses Artikels.

Es ist ein verhangenes Allerheiligstes im Menschen, was mit seinem Selbstbewußtsein bezeichnet wird. Wer sich das klar macht, der sieht ein, daß mit diesem Worte eigentlich der Sinn des menschlichen Daseins ausgedrückt wird. Selbstbewußt­sein ist eine Fähigkeit, sich als ein «Ich» zu wissen. - Einfach scheint die folgende Tatsache, doch ein unendlich Bedeu­tungsvolles schließt sie ein: «Ich» ist das einzige Wort, das jeder nur zu sich selbst sagen kann. Niemand anderer kann es zu dem Menschen sagen; und er kann es zu niemand anderem sagen. Jedes andere Wort kann ein anderer in demselben Sinne gebrauchen wie ich selbst; Wodurch der Mensch selb­ständig, abgesondert von allem übrigen ist, das, womit er nur mit sich allein sein kann: das nennt er sein «Ich». - Dieser Tat-sache entspricht eine ganz bestimmte Erscheinung in der Aura: kein Hellseher kann an derjenigen Stelle der Aura etwas sehen, die dem «Ich» entspricht. Das Ich-Bewußtsein wird in derselben durch ein dunkles Oval, durch ein völlig Finsteres bezeichnet. Könnte man dieses Oval für sich allein anschauen, so erschiene es völlig schwarz. Das kann man aber nicht. Denn man sieht es durch das, was in den beiden vorhergehenden Aufsätzen als erste und zweite Aura be­zeichnet worden ist. Deswegen erscheint es blau. Als ein kleines blaues Oval erscheint das «Ich» des ganz unentwickel­ten Menschen. Mit der fortschreitenden Entwickelung des Menschen wird es immer größer; und beim Durchschnitts­menschen der Gegenwart hat es ungefähr die Größe der übrigen Aura. - Innerhalb dieses blauen Ovals entspringt nun eine besondere Strahlung. Alle anderen Teile der Aura spie­geln nur in einer gewissen Weise dasjenige, was von außen an den Menschen herandringt. Die genannte Strahlung aber

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ist der Ausdruck dessen, was der Mensch aus sich selbst macht. Die erste Aura drückt dasjenige aus , was aus dem Animalischen in dem Menschen wirkt; die zweite dasjenige, was er durch die Eindrücke der Sinnenwelt in sich selbst erlebt; die dritte ist ein Ausdruck des Wissens, das er sich von dieser Sinnenwelt erwirbt. Was aber innerhalb der dunklen Ich-Aura zu erstrahlen beginnt: das ist dasjenige, was sich der Mensch durch seine Arbeit an sich selbst erwirbt. Die Kraft dazu kann ihm keine Sinnenwelt geben. Diese muß ihm daher von anderswoher fließen. Sie fließt ihm vom Geiste zu. Soviel von dem Geiste dem menschlichen Ich zuströmt, soviel erstrahlt in der gekennzeichneten Aura. Und im Gegensatze zu den vergänglichen Erscheinungen der Sinnenwelt ist der Geist ewig, unvergänglich. Dasjenige, was in den anderen Auren sich auslebt, ist auch am Menschen vergänglich, das was in der Ich-Aura erstrahlt, ist der Ausdruck seines ewigen Geistes. Es ist das Bleibende in ihm, das in jeder folgenden Verkörperung (Inkarnation) wieder erscheint. - Die Be­wußtseinsseele haben wir als den dritten Teil der Seele er­kannt. Und innerhalb derBewußtseinsseele erwacht das «Ich». Im «Ich» erwacht wieder der ewige Geist des Menschen. Wie der Leib und die Seele, so ist auch der Geist dreigliedrig. Der höchste Teil ist der eigentliche Geistesmensch (in der theoso­phischen Literatur «Atma» genannt). Wie der physische Leib aus den Stoffen und Kräften der äußeren physischen Welt aufgebaut ist, so der Geistesmensch aus denen der allgemeinen Geisteswelt. Er ist ein Teil derselben, wie der physische Leib ein solcher der physischen Welt ist. Und wie der physische Leib durch die physische Lebenskraft zum leiblichen Lebe-wesen, so wird der Geistesmensch durch die geistige Lebens­kraft zum Lehengeist (in der theosophischen Literatur Bnddhi genannt). - Und wie ferner der physische Leib durch die sinnliche Empfindung Erkenntnis von der sinnlichen Welt er­langt, so der Geistesmensch durch die geistige Empfindung, die Intuition genannt wird, von der Geisteswelt. Dem sinn­lichen Emplindungsleib der körperlichen Welt entspricht

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daher ein besonderer Empfindungsgeist auf diesem höheren Gebiete. Ebenso wie das niedere Eigenleben mit der Emp­findung beginnt, so das höhere mit der Intuition. Dieses gei­stige Eigenleben sei daher Geistselbst genannt (in der theoso­phischen Literatur heißt es «höherer Manas»).

Der Mensch setzt sich demnach aus folgenden Teilen zu­sammen: 1. Die Leiblichkeit, bestehend aus dem physischen Leib, dem Lebensleib (der Lebenskraft) und dem Empfin­dungsleib; 2. Die Seele, bestehend aus der Empfindungsseele, der Verstandesseele, und der Bewußtseinsseele, in welch letz­terer das «Ich» erwacht; und 3. Der Geist, bestehend aus dem Geistselbst, dem Lebensgeist, und dem Geistesmenschen. -Die Enipfindungsseele füllt den Empfindungsleib aus und verschmilzt mit ihm zu einem Ganzen. Dies wird klar, wenn man sich folgendes vorstellt: Daß ein Eindruck der Außen­welt die Farbe «Rot» hervorruft, beruht auf einer Tätigkeit des Empfindungsleibes. Daß die Seele dieses «Rot» in sich erlebt, beruht darauf, daß mit dem Empündungsleib die Empfindungs seele unmittelbar verknüpft ist, und die von außen empfangene Wirkung sogleich zu der ihrigen macht. Ebenso verschmelzen die Bewußtseinsseele und das Geist­selbst durch die selbsteigene Tätigkeit des «Ich» zu einem Ganzen. (Wer sich über alles dieses genauer unterrichten will, der findet Aufschluß in meiner eben erscheinenden «Theoso­phie».) - Man teilt daher mit Recht des Menschen Wesenheit in die folgenden sieben Teile (wir setzen die in der theosophi­schen Literatur gebräuchlichen Ausdrücke in Klammern bei):, den physischen Leib (Sthula sharira), 2. den Lebensleib (Linga sharira), 3. den mit der Empfindungs seele verbunde­nen Empfindungsleib (Astralkörper, Kama rupa), 4. die Ver­standesseele (niederer Manas, Kama manas), 5. die geist-erfüllte und das «Ich» gebärende Bewußtseinsseele (höherer Manas), 6. den Lebensgeist (spiritueller Körper, Buddhi), 7. den Geistesmenschen (Atma).

Es geht wohl aus dem Geschilderten hervor, daß die strah­lende Geistesaura beim unentwickelten Menschen nur ganz

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schwach angedeutet ist und sich immer mehr entwickelt, j e vollkommener der Mensch wird. Wie die drei geschilderten Auren den Trägern des «Ich» entsprechen, so wird die Ich-Aura selbst der Träger des ewigen Geistes. Durch das «Ich »wird der Mensch ein selbständiges, abgesondertes Wesen. Dieses entwickelt in sich den Geistesinhalt; er erfüllt sich mit ihm. Das heißt aber, das «Ich» gibt sich an den ewigen Allgeist hin. Die Stufen, die das «Ich» in dieser Hingabe an den Allgeist erreicht, werden durch die Farbennuancen der hö­heren Geist-Aura zum Ausdruck gebracht. Diese Nuancen sind in ihrem strahlenden Glanz nicht mit physischen Farben zu vergleichen. Eine Schllderung von ihnen kann hier nicht gegeben werden.

Der Vollständigkeit halbet soll noch auf einen bisher nicht besprochenen Teil der Aura hingewiesen werden. Es ist derjenige, der dem Lebensleib entspricht. Er erfüllt ungefähr denselben Raum, den auch der physische Leib ausfüllt. Der Hellseher kann ihn nur beobachten, wenn er die Fähigkeit hat, sich den physischen Leib vollständig wegzudenken (ab­zusuggerieren). Dann erscheint der Lebensleib (Linga shatira) als ein vollständiges Doppelbild des physischen Leibes in einer Farbe, die an diejenige der Aprikosenblüten erinnert. In diesem Lebensleib ist ein fortwährendes Ein- und Aus-strömen zu beobachten. Die im Universum enthaltene Lebens­kraft strömt ein, wird verbraucht durch den Lebensprozeß und strömt wieder aus.

Damit sind die Andeutungen erschöpft, die hier vorläufig über die menschliche Aura gegeben werden können. Sollte jemand daran Anstoß nehmen, daß manches, was hier gesagt worden ist, nicht mit dem, was sonst in der theosophischen Literatur ausgesprochen ist, übereinzustimmen scheint, so bitte ich ihn, genauer zuzusehen. Hinter der scheinbaren Ver­schiedenheit wird er dann doch eine tiefere Harmonie finden. Es ist aber besser, wenn jeder genau das schildert, was gerade er zu sagen hat. Auf diesem Gebiete kann nur Heil kommen , wenn die Aussagen der einzelnen Beobachter aneinander abgewogen,

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und gegenseitig durcheinander ergänzt werden. Mit dem bloßen Nachbeten der tileosophischen Dogmen kom­tnen wir nicht weiter. Allerdings muß sich der einzelne seiner großen Verantwortlichkeit bezüglich seiner Angaben bewußt sein. Andererseits muß beachtet werden, daß auf diesen Hö­hen der Beobachtung Irrtümer im einzelnen durchaus möglich sind; ja sie sind hier gewiß viel wahrscheinlicher als bei wis­senschaftlichen Beobachtungen in der sinnlichen Welt. Der Schreiber dieser Ausführungen bittet daher alle diejenigen um die entsprechende Nachsicht, die selbst etwas auf diesem Felde zu sagen haben.

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DIE ÜBERSINNLICHE WELT

UND IHRE ERKENNTNIS

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Begreiflich ist, daß bei den meisten, &e heute von übersinn­lichen Wahrheiten hören, sogleich die Frage auftaucht: «Wie kann man selbst zu solchen Erkenntnissen gelangen?» Es wird ja oft als ein Charakterzeichen der Menschen unserer Gegenwart hingestellt, daß sie nichts auf Treu und Glauben, auf «eine bloße Autorität» hin annehmen, sondern nur auf ihr eigenes Urteil bauen wollen. Wenn daher Mystiker und Theosophen Erkenntnisse aussprechen über die übersinn­lichen Teile des Menschen, über das Schicksal von Menschen-seele und Menschengeist vor der Geburt und nach dem Tode, so wird ihnen, aus der genannten Grundforderung unserer Zeit heraus, entgegnet: derlei «Dogmen» haben für den Men­schen erst dann eine Bedeutung, wenn ihr ihm den Weg weist, auf dem er sich selbst von ihrer Wahrheit überzeugen kann.

Diese Forderung ist gewiß berechtigt; und es kann keinen wahren Mystiker oder Theosophen geben, der diese Berech­tigung nicht anerkennen wollte. Aber ebenso gewiß ist, daß bei vielen, die heute diese Forderung stellen, sich zugleich die Gefühle des Zweifels und der Ablehnung gegenüber den Behauptungen des Mystikers geltend machen. Diese Ableh­nung tritt besonders dann deutlich zutage, wenn der Mystiker damit anfängt, Andeutungen darüber zu machen, wie man zu den von ihm dargestellten Wahrheiten gelangt. Man sagt ihm dann gar oft: was wahr ist, muß sich beweisen lassen; beweise uns also, was du behauptest. Man deutet weiter an: die Wahr­heit muß eine einfache, klare Sache sein, die dem «schlichten» Verstande einleuchtet; sie kann doch nicht der Besitz einiger weniger Auserwählter sein, die sie einer besonderen «Er­leuchtung» verdanken. Und so sieht sich der Träger über­sinnlicher Wahrheiten gar oft vor Menschen gestellt, die ihn zurückweisen, weil er, nach ihrer Meinung, ihnen für seine Behauptungen nicht die Beweise erbringen könne, die ihnen doch der Naturforscher zum Beispiel in einer ihnen verständlichen

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Sprache erbringe. - Andere sind wieder, die vorsichtiger mit der Zurückweisung sind, die aber doch zurückzucken vor einer wahrhaften Beschäfrigung mit diesen Din­gen, weil sie «ihrem Verstande einmal nicht begreiflich erscheinen». Sie begnügen sich dann wohl mit der - meist halben - Beruhigung: was über Geburt und Tod hinausliegt, was man nicht mit den Sinnen wahrnehmen kann, davon «kann der Mensch eben nichts wissen».

Nur einige von den Empfindungen und Gedanken sind damit angeführt, auf die gegenwärtig der Träger einer spirituel­len Weltanschauung stößt. Aber sie sind mit all den andern gleichartig, die einen Grundton unseres Zeitalters bilden. Über diesen Grundton muß sich derjenige klar sein, der sich in den Dienst einer spirituellen Bewegung stellt.

Der Mystiker selbst weiß für sieh, daß seine Erkenntnisse ebenso auf - übersinnlichen - Tatsachen beruhen, wie zum Beispiel die Beschreibungen, die ein Afrikareisender von sei­nen Erlebnissen und Wahrnehmungen gibt. Für ihn gilt, was Annie Besant in ihrer Schrift «Der Tod und was dann ?» sagt: «Wenn ein wettergebräunter Afrikaforscher uns von seinen Erlebnissen erzählt, uns die Tiere beschreibt, deren Eigen­schaften und Lebensgewohnheiten er studiert hat, uns die Gegenden schildert, welche er durchwandert hat und uns deren Produkte und charakteristische Eigentümlichkeiten aufzählt, so wird er sich wenig um die Kritik bekümmern, welche Leute, die diese Orte nie gesehen haben, über seine Berichte fällen. Ja selbst wenn er von solchen unerfahrenen Kritikern Widerspruch erfährt oder lächerlich gemacht und zurechtgewiesen wird, so wird er sich darüber weder ärgern, noch gekränkt fühlen, sondern er wird sich einfach gar nicht darum bekümmern. Ein Unwissender kann durch noch so oftmalige Beteuerung seines Wissens den, der etwas wirklich weiß, nicht überzeugen. Die Ansicht von hundert Personen über eine Sache, von der sie absolut nichts wissen und ver­stehen, fällt ebensowenig ins Gewicht wie die Ansicht eines einzelnen von ihnen. Die übereinstimmenden Aussagen vieler

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Zeugen, welche alle für ihre Kenntnis einer Tatsache eintretcn, verstärken die Beweiskraft; aber wenn wir nichts auch mit tausend multiplizieren, so bleibt es doch immer nichts.» Damit ist dieLage charakterisiert, in welcher sich der Mystiker sich selbst gegenüber befindet. Er hört die Einreden, die ihm rings-herum gemacht werden. Er weiß, daß er sich mit ihnen gar nicht auseinanderzusetzen braucht, weil er sieht, daß andere, die nicht erleit, erfahren haben, was er erlebt und erfahren hat, über seine Erkenntnisse urteilen. Er ist in dem Falle eines Mathematikers, der eine Wahrheit eingesehen hat, und dem diese Wahrheit auch dann gelten muß, wenn tausend Stimmen gegen sie sich erheben.

Aber hier kommt sogleich der Einwand der Zweifler: «Die mathematische Wahrheit kann jedem bewiesen werden», sagen sie. «Du hasrsie zwar gefunden; aber wir nehmen sie erst an, wenn wir sie aus unserer eigenen Einsicht heraus erkannt haben.» Und dann glauben sie mit ihrer Einwendung im Rechte zu sein, da es doch sicher sei, daßjeder Mensch, der sich die nötigen IAber für den, welcher diesen Einwand recht überdenkt und die Sachlage prüft, fällt zugleich die Berechtigung jeg­lichen Zweifels dahin. Denn jeder wahre Mystiker wird ganz so sprechen, wie diese Zweifler selbst. Er wird immer be­tonen: der Weg zu den höheren Erkenntnissen steht jedem Menschen offen, wenn er sich die nötigen Fähigkeiten erwirbt, ihn zu gehen; wie die Einsicht in die mathematischen Wahr­heiten jedem offensteht, der sich die notwendigen Kenntnisse erwirbt. Der Mystiker behauptet also nichts, was seine Gegner nicht selbst besaupten müßten, wenn sie sich selbst auch nur richtig verstünden. - Sie aber stellen ihre Behauptung auf, um sogleich eine forderung zu erheben, welche dieser ihrer eige­nen Behauptung ins Gesicht schlägt. Sie wollen nämlich nicht dann erst die Aussagen des Mystikers prüfen, wenn sie sich

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die dazu erforderlichen Fähigkeiten angeeignet haben werden, sondern sie richten vorher über ihn, mit den Fähigkeiten, die sie schon haben, nicht mit denen, die er verlangen muß. Er sagt ihnen: ich will kein Auserlesener sein in dem Sinne, wie ihr meint. Ich habe nur an mir gearbeitet, um mir die Fähig­keiten anzueignen, die es mir möglich machen, jetzt von Ein­sichten in übersinnliche Gebiete zu sprechen. Das aber sind Fähigkeiten, die in jedem Menschen schlummern. Nur müssen sie eben ausgebildet werden. Seine Gegner aber sagen: du mußt uns deine «Wahrheiten» beweisen, so, wie wir jetzt sind. Sie gehen nicht ein auf sein Verlangen, erst die in ihnen selbst schlummernden Kräfte auszubilden, sondern sie verlangen den Beweis, ohne daß sie diese Ausbildung wollen. Und sehen nicht ein, daß das soviel heißt, wie wenn der Bauer am Pfluge von dem Mathematiker den Beweis eines höheren Lehrsatzes verlangte, ohne daß er sich zuerst der Mühe unterzöge, Ma­thematik zu lernen.

Das alles scheint so einfach, daß man fast sich scheuen möchte, es auszusprechen. Und dennoch bezeichnet es einen Irrtum, in dem gegenwärtig Millionen von Menschen leben. Macht man ihnen das Obige klar, so werden sie es in der Theorie immer zugeben, denn es ist so einfach, wie daß «zwei mal zwei vier»ist. In ihrem Verhalten zeigen sie aber fort­während das Gegenteil. Man kann sich immer davon über­zeugen. Der Irrtum ist vielen eben, wie man sagt, in «Fleisch und Blut» übergegangen; sie üben ihn, ohne weiter darüber nachzudenken, ohne den Willen, sich davon überzeugen zu lassen, wie sie gegen alles verstoßen, was sie selbst als Ver­standesregel der allereinfachsten Art jeden Augenblick wür­den gelten lassen, wenn nur sie zur Ruhe des Nachdenkens kämen. - Ob sich der Mystiker heute unter denkenden Arbeitern, ob er sich unter «Gebildeten» bewegt, überall be­gegnet er der geschilderten Befangenheit, dem gekennzeich­neten Widerspruch in sich selbst. Man findet ihn in populären Vorträgen, in allen Zeitungen und Zeitschriften, und auch in gelehrten Abhandlungen und Werken.

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Nun muß man sich aber auch darüber klar sein, daß man eine Zeiterscheinung vor sich hat, die man nicht einfach als «Unzulänglichkeit» hinzustellen oder mit einer vielleicht richtigen, aber deshalb noch nicht berechtigten Kritik abzutun hat. Man muß wissen, daß diese Erscheinung, diese Be­fangenheit gegenüber den höheren Wahrheiten tief im Wesen unseres Zeitalters begründet liegt. Man muß sich darüber aufklären, daß die großen Erfolge, die unermeßlichen Fort­schritte, welche dieses Zeitalter auszeichnen, notwendig zu dem genannten Fehler führten. Insbesondere das neunzehnte Jahr­hundert hatte in dieser Beziehung die großen Schattenseiten seiner außerordentlichen Vorzüge. Die Größe dieses Jahr­hunderts beruht auf seinen Entdeckungen in der Erkenntnis der äußeren Natur, auf seiner Eroberung der Naturkräfte für Technik und Industrie. Diese Erfolge konnten nur erzielt werden durch die Beobachtung der Sinne und durch die An­wendung des Verstandes auf diese Sinnenbeobachtung. Un­sere Gegenwartskultur ist das Ergebnis der Schulung unserer Sinne und unseres mit der Sinnenwelt beschäftigten Ver­standes. Jeder Schritt fast, den wir heute auf die Straße machen, zeigt unS, wieviel wir dieser Schulung verdanken. -Und unter dem Einfluß dieser Kultursegnungen haben sich die Denkgewohnheiten unserer Gegenwartsmenschen her­ausgebildet. Sie bauen auf Sinne und Verstand, weil sie ihnen so viel verdanken, weil sie durch diese groß geworden sind. Die Menschen mußten sich so gewöhnen, nur das gelten zu lassen, was Sinne und Verstand liefern. Und nichts neigt mehr dazu, die alleinige Geltung, die unbedingte Autorität für sich in Anspruch zu nehmen, als Sinn und Verstand. Hat sich der Mensch bis zu einer gewissen Schulung in ihnen durchge­rungen, dann gewöhnt er sich einfach daran, alles ihrem Richter­spruche, alles ihrer Kritik zu unterwerfen. - Und noch auf einem anderen Gebiete begegnet man einer ähnlichen Er­scheinung: auf dem des sozialen Lebens. Der Mensch des neunzehnten Jahrhunderts machte im vollsten Sinne des Wor­tes die absolute Freiheit der Persönlichkeit geltend, er verwarf

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die Autorität auf den Gebieten des sozialen Zusammenlebens. Er suchte die Gemeinwesen so zu gestalten, daß die volle Unabhängigkeit, die Selbstbestimmung der Persönlichkeit sich ganz ausleben kann. Dadurch wurde er gewöhnt, alles auf das zu bauen, was dem Durchschnittsmenschen entspricht. Die höheren Kräfte, die in den Seelen schlummern, kann der eine in dieser, der andere in jener Richtung entwickeln. Der eine kommt weiter, der andere weniger weit. Die Menschen unterscheiden sich, wenn sie solche Kräfte entwickeln oder ihnen eine Geltung zusprechen. Man muß, wenn man sie zugibt, auch dem einen, der weiter gekommen ist, mehr Recht zuerkennen, über eine Sache zu sprechen oder in einer Rich­tung zu handeln, als dem andern, der weniger weit ist. In bezug auf Sinne und Verstand kann ein gleicher, ein Durch­schnittsmaßstab angelegt werden. Es können, von diesem Gesichtspunkte aus, alle gleiches Recht, gleiche Freiheit haben. -Man sieht, auch die Gestaltung des sozialen Zusammenlebens hat in der Gegenwart zur Auflehnung gegen die höheren Kräfte in der Menschennatur geführt. Der Theosoph sagt: im neun­zehnten Jahrhundert hat sich die Kultur ganz auf dem physi­schen Plane bewegt; und die Menschen haben sich gewöhnt, sich ebenfalls nur auf diesem physischen Plane zu bewegen, sich da heimisch zu fühlen. Die höheren Fähigkeiten, die durch das Leben auf den anderen, nicht physischen Planen, ent­wickelt werden, und die Erkenntnisse, die sich auf diese andern Welten beziehen, wurden dadurch dem Menschen entfremdet.

Man braucht nur in Volksversammiungen zu gehen, um sich davon zu überzeugen, wie die Stimruführet ganz außer­stande sind, einen anderen Gedanken zu haben als einen solchen, der sich auf die Sinnenwelt - auf den physischen Plan - bezieht. Ein gleiches kann man erleben an den Wort-führern in unseren Zeitungen, Zeitschriften usw. Und überall auch die Erscheinung des hochmütigsten, absolutesten Ab­lehnens alles dessen, was sich nicht mit Augen sehen, mit Händen greifen läßt, was der Durchschnittsverstand nicht

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erfassen kann. Aber noch einmal sei es gesagt: nicht ange­klagt, nicht verurteilt soll diese Erscheinung werden. Sie ist eine notwendige Stufe der Menschheitsentwickelung. Ohne den Hochmut und die Befangenheit von Sinn und Verstand hätten wir die großen Errungenschaften unseres materiellen Lebens nimmermehr, hätten wir es nicht dazu gebracht, der Persön­lichkeit ein gewisses Maß freier Beweglichkeit zu geben - und könnten wir auch nimmermehr hoffen, daß uns noch manches Ideal verwirklicht werde, das gebaut werden muß auf des Menschen Freiheitsdrang und Persönlichkeitsgefühl.

Aber die gekennzeichneten Schattenseiten einer rein mate­riellen Kultur haben das ganze Wesen des modernen Men­schen auch tief ergriffen. Man braucht gar nicht auf die er­wähnten auffallenden Tatsachen sich, zum Beweise, zu be­ziehen; man kann gerade an Dingen, deren Bedeutung leicht besonders heute unterschätzt wird, zeigen, wie tief das Ver­wachsensein mit Sinn und Durchschnittsverstand in der Seele des Gegenwartsmenschen sitzt. Und gerade diese Dinge sind es, an denen man die Notwendigkeit einer Umkehr und einer Erneuerung des spirituellen Lebens ersehen kann.

Der starke Widerhall, welchen die von Pro£ Friedrich Delitzsch angeregte «Bibel-Babel-Frage» hervorgerufen hat, rechtfertigt es wohl, auf die Denkweise ihres Urhebers als auf ein Zeitsymptom hinzuweisen. Prof. Delitzsch hat auf die Verwandtschaft gewisser Überlieferungen des Alten Testa­mentes mit babylonischen Schöpfungsurkunden hingewiesen, von einer Stelle aus und in einer Form, so daß es von vielen bemerkt worden ist, die sonst wohl an diesen Fragen vorbei­gehen. Viele sind dadurch veranlaßt worden, über den soge­nannten «Offenbarungsbegriff» nachzudenken. Sie fragten sich: wie kann man annehmen, daß der Inhalt des Alten Testa­mentes von Gott geoffenbart sei, wenn man ähnliche Vor­stellungen auch bei entschieden heidnischen Völkern findet? Auf diese Frage kann hier nicht näher eingegangen werden. Delitzsch fand viele Gegner, die durch seine Ausführungen die Grundfesten der Religion erschüttert glaubten. Er hat sich

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nun gegen diese in einer Schrift: « Babel und Bibel. Ein Rück­blick und Ausblick» verteidigt. Es soll nun hier auf einen einzigen Satz der Schrift hingewiesen werden. Er ist wichtig, weil er die Anschauung eines bedeutenden Mannes der Wis­senschaft über des Menschen Stellung zur übersinnlichen Wahrheit kennzeichnet. Und so wie Delitzsch denken und empfinden heute Unzählige. Der Satz gibt so recht Gelegen­heit, die Herzensmeinung unserer Zeitgenossen da kennenzu­lernen, wo sie sich ganz ungezwungen, also in ihrer aller-wahrsten Gestalt ausspricht. Delitzsch wendet sich gegen diejenigen, die ihm ein etwas weitherziges Umspringen mit dem Begriff «Offenbarung » vorgeworfrn haben, die gerne diesen Begriff als eine «Art alter Priesterweisheit » ansehen wollen, der «den Laien nichts angeht». Dagegen sagt er: «Ich für meine Person bin der Ansicht, daß, wenn wir selbst und unsere Kinder in Schule, Konfirmandenunterricht und Kirche in der unterwiesen werden, es nicht nur unser Recht, sondern unsere Pfficht ist, über diese ernsten Fragen, die doch auch eine eminent praktische Seite haben, selbständig nachzudenken, schon um unsern Kindern nicht antworten zu müssen. Eben deshalb wird es vielen Wahrheit-suchenden nur willkommen sein, wenn durch die babylonisch­assyrische und alttestamentliche Forschung im Verein das Dogma einer Israel zuteil gewordenen besonderen in das Licht einer höheren und weitherzigeren Geschichtsbetrachtung gerückt werden wird. » Und ein paar Seiten vorher liest man, wozu solche Denkweise führen soll: «Im übrigen würde es mir als das einzig Konsequente er­scheinen, daß sich Kirche und Schule für die ganze Ur­geschichte der Welt und der Menschheit mit dem Glauben an Einen allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erde begnügten und jene alttestamentlichen Erzählungen etwa unter der Bezeichnung für sich gestellt würden. » - Es darf wohl als selbstverständlich vorausgesetzt werden, daß in dem Folgenden niemand einen Angriff auf den Forscher Delitzsch sehen soll. - Was wird hier aus naiver Un­befangenheit

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heraus gesagt? Nichts anderes, als der auf Tat­sachen der physischen Forschung gerichtete Verstand werfe sich zum Richter auf über die Erkenntnisse übersinnlicher Art. Es ist kein Bewußtsein davon vorhanden, daß dieser Verstand vielleicht auch ungeeignet sein könnte, über die Unterweisun­gen in der «Offenbarung» so ohne weiteres nachzudenken. Wenn das, was als «Offenbarung » auftritt, verstanden werden soll, dann müssen zu diesem Verständnis diejenigen Kräfte herangezogen werden, aus denen die «Offenbarung» selbst geflossen ist. Wer nun mystische Erkenntniskräfte in sich entwickelt, der sieht bald, daß sich ihm in gewissen von Delitzsch «althebräische Sagen » genannten Erzählungen des Alten Testamentes Wahrheiten höherer Art aussprechen, die nicht tnit dem auf das Sinnliche gerichteten Verstande erfaßt werden können. Das eigene mystische Erleben führt ihn dazu, einzusehen, daß die «Sagen » aus mystischer Erkenntnis der übersinnlichen Wahrheiten gefiossen sind. Und dann ändert sich der ganze Gesichtspunkt mit einem Schlage. So wenig man gegen die Wahrheit eines mathematischen Satzes etwas erfahren kann, wenn man nachweist, wer ihn zuerst gefunden hat, oder gar durch den historisch gewiß wertvollen Fund, daß ihn mehrere behauptet haben: so wenig kann irgend etwas gegen die Wahrheit einer biblischen Erzählung dadurch ausgemacht werden, daß man eine ihr ähnliche anderswo entdeckt. Statt zu fordern, daß jeder auf seinem Rechte, oder gar auf seiner Pfficht bestehen solle, über die sogenannten «Offenbarungen» nachzudenken, sollte vielmehr gesagt wer­den, daß nur der ein Recht habe, über diesen Begriff etwas zu entscheiden, der die in ihm schlummernden Kräfte ent­wickelt hat, die es ihm möglich machen, nachzuleben, was die­jenigen Mystiker erlebt haben;welche «übersinnliche Offen­barungen» verkündet haben. - Hier hat man es so recht mit einem Beispiel zu tun, wie der zu den schönsten Triumphen auf dem Gebiete sinnlicher Erfahrung befähigte Durchschnitts­verstand sich in naivem Hochmut zum Richter macht über Gebiete, die er gar nicht kennenlernen will. Denn auch die

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rein historische Forschung ist nichts anderes als sinnliche Erfahrung.

In ganz ähnlicher Weise hat sich die neutestamentliche For­schung selbst in eine Sackgasse geführt. Es sollte durchaus auf die Evangelien die Methode der «neueren Geschicht­forschung» angewendet werden. Man hat diese Urkunden verglichen, sie mit allem möglichen in Beziehung gesetzt, um herauszubekommen, was sich eigentlich vom Jahre 1 bis zum Jahre 33 in Palästina zugetragen hat, wie die «historische Per­sönlichkeit», von der sie uns erzählen, gelebt, und was sie wirklich gesagt haben kann. - Nun, ein Mann des siebzehnten Jahrhunderts, Angelus Silesins, hat schon die ganze Kritik über diese Forschung gesprochen:

«Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren,

Und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren.

Das Kreuz zu Golgatha kann dich nicht von dem Bösen,

Wo es nicht auch in dir wird aufgericht, erlösen.» -

Das hat kein Zweifler, sondern ein gut gläubiger Christ gesprochen. Und sein nicht minder gläubiger Vorgänger, der Meister Eckhart, hat im dreizehnten Jahrhundert gesagt: «Et­liche Leute wollen Gott mit den Augen ansehen, als sie eine Kuh ansehen, und wollen Gott lieb haben, als sie eine Kuh lieb haben... Einfältige Leute wähnen, sie sollen Gott an­sehen, als stände er dort und sie hier. So ist es nicht, Gott und ich sind eins im Erkennen.» Gewiß sollen solche Worte nicht gegen die Erforschung der «historischen Wahrheit » gelt end gemacht werden. Aber niemand kann die historische Wahrheit solcher Urkunden, wie es die Evangelien sind, richtig erkennen, der nicht zuerst den in ihnen liegenden mystischen Sinn in sich erlebt hat. Alle Analysen und Vergleiche in dieser Richtung sind wertlos, denn niemand kann finden, wer «zu Bethiehem geboren ist», der nicht in sich mystisch den Christus erlebt hat; und nie­mand kann entscheiden, wie «das Kreuz zu Golgatha »von dem Bösen erlöset, der es nicht in sich aufgerichtet gefühlt hat. «Rein historische » Forschung kann gegenüber der «mystischen

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Tatsache » nichts anderes entscheiden als etwa der zergliedernde Anatom über einen großen Dichtergenius er­kunden kann. (Vergleiche meine Schrift: «Das Christentum als mystische Tatsache».)

Wer in solchen Dingen klar sieht, der erkennt, wie tief ein-gewurzelt gegenwärtig der «Hochmut» des auf die sinnlichen Tatsachen gerichteten Verstandes ist. Er sagt: ich will nicht Entwickelung der Kräfte, damit ich zu höheren Wahrheiten gelange, sondern ich will mit meinen Kräften, so wie ich bin, über die höchsten Wahrheiten entscheiden. - In einer gut­gemeinten, aber ganz aus dem charakterisierten Geist der Gegen­wart geschriebenen Broschüre («Was wissen wir von Jesus ?» Von A. Kalthoff, Schmargendorf-Berlin, Verlag Renaissance 1904) ist zu lesen: «Dem Christus, der das Gemeindeleben verkörpert, kann der heutige Mensch innerlich frei gegen-übertreten, er kann ihn heute aus seiner Seele geradesogut schaffen, wie ihn der Schreiber eines Evangeliums geschaffen; er kann mit den Verfassern der Evangelien als Mensch sich gleichstellen, weil er ihren seelischen Prozeß in sich nach­empfinden, weil er selber Evangelium sagen, Evangelium schreiben kann.» Diese Worte können wahr, sie können aber auch grundfalsch sein. Wahr sind sie, wenn sie im Sinne des Angelus Silesius oder des Meisters Eckhart gefaßt werden, wenn sie der Ausgangspunkt sind für die Entwickelung der in jeder Menschenseele schlurnmernden Kräfte, die den Chri­stus der Evangelien in sich selbst zu erleben suchen. Grund­falsch sind sie, wenn aus dem Geiste der Gegenwart, der nur Sinnliches gelten lassen will, ein mehr oder minder seichtes Christus-Ideal geschaffen werden soll. - Das Leben im Geiste kann nur begriffen werden, wenn der Mensch es nicht nach dem äußerlichen Verstande kritisieren, sondern wenn er sich in seinem Innern dazu entwickeln will. Es kann niemand hoffen, über die höchsten dem Menschen zugänglichen Wahrheiten etwas zu erfahren, der verlangt, daß diese Wahrheiten bis zu dem «gemeinen Verständnisse» heruntergeführt werden sollen. - Nun könnte man ja einwenden: warum verkündet

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ihr Mystiker und Theosophen dennoch diese Wahrheiten vor Leuten, von denen ihr behauptet, daß sie dieselben noch nicht fassen können? Wozu gibt es eine theosophische Bewegung, die Lehren verkündet, da doch vielmehr erst die Kräfte ent­wickelt werden soliten, welche den Menschen zu der Erkennt­nis dieser Lehren führen? Es wird gerade die Aufgabe dieser Zeitschrift sein, diesen scheinbaren Widerspruch zu lösen. An dieser Stelle wird gezeigt werden, daß die spirituellen Strö­mungen der Gegenwart in anderer Art und auf anderer Grund­lage sprechen, als die auf den bloß sinnlichen Verstand bauende Wissenschaftlichkeit. Damit sind diese spirituellen Bewegungen nicht weniger wissenschaftlich als die auf « bloße Tatsachen » bauende Wissenschaft. Sie dehnen vielmehr das Gebiet wirklicher wissenschaftlicher Erkenntnis auf das Übersinnliche aus. Mit einer Frage, die gestellt werden kann, muß diesmal geschlossen werden: Wie gelangt man zu übersinn­lichen Wahrheiten, und was tragen die spirituellen Bewegun­gen zu dieser Erlangung bei? Von der Beantwortung dieser Frage hängt auch die Ansicht ab, die man sich über die rell­giös-geistige Entwickelung der Gegenwart bilden kann. Ihr sollen Ausführungen gewidmet sein, die nächstens in dieser Zeitschrift hier erscheinen werden.

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ARISTOTELES ÜBER DAS MYSTERIENDRAMA

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Wer in der Kunst nicht ein müßiges Spiel, eine nebensächliche Beigabe zum Leben sieht, der wird ihren Zusammenhang tnit den tiekren Quellen des Daseins suchen müssen. Er wird zu dem Glauben neigen, daß die Werke der Schönheit nicht als bloße Gebilde der Einbildungskraft anzusehen sind, sondern als Äußerungen derselben Kräfte und Gesetze des Daseins, welche dem Menschen auch auf anderen Gebieten sich offen­baren. Diejenigen Kunstbetrachter, welchen tiefere Blicke in die Weltgeheirunisse gegönnt waren, haben dieses stets be­tont. Der griechische Philosoph Aristoteles hat von dem Drama gesagt, daß es wahrer sei als die bloße geschichtliche Darstellung; denn während diese nur wiedergibt, was zufällig im Laufe der Zeit sich ereignet, schildert jenes die Handlun­gen der Menschen so, wie sie aus inneren Gründen sein sollen und müssen. Und Goethe nennt die Schöpfungen der Kunst Offenbarungen geheimer Naturgesetze, die ohne sie ewig verborgen geblieben wären. Bekannt ist ja auch Schillers Aus­spruch: «Nur durch das Morgentor des Schönen drangst du in der Erkenntnis Land.» - Schönheit und Wahrheit, künst­lerisches Schaffen und Erkennen scheinen so nur zwei Äußerungsformen einer und derselben Sache zu sein.

Nun ist ja zweifellos der moderne Mensch nicht sehr geneigt, dieses zuzugeben. Der Forscher der Gegenwart ist ängstlich darum besorgt, daß nichts von Phantasie in seine Tätigkeit hineinspiele. Und der Künstler vermeinte in Nüchternheit und Lehrhaftigkeit zu verfallen, wenn er in seinem Kunst-werke so etwas wie eine Idee, eine «Wahrheit» verkörpern wollte. Zwar ist heute viel von «Natürlichkeit» und «Wahr­heit»in der Kunst die Rede; aber wahrscheinlich werden auch diejenigen, die davon sprechen, eine strenge Grenzlinie zwi­schen der «wissenschaftlichen» und der «künstlerischen» Wahrheit ziehen.

Man wird diesen Fragen aber niemals beikommen, wenn man nicht auf die ursprünglichen Quellen zurückgeht, aus

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denen der Mensch für die höheren Betätigungen seines Lebens geschöpft hat. Ein bedeutsames Beispiel bietet in dieser Be­ziehung die Schrift des Aristoteles über die Dichtkunst. Dieser Philosoph (384-322 v. Chr.) versuchte die Gesetze darzustel­len, nach denen die großen griechischen Dichter ihre Werke gestaltet haben. Und er hat damit eine Grundlage geschaffen, von welcher bis heute unzählige Kunstbetrachter ausge­gangen sind. Einschneidend war die Erklärung, die er von der Tragödie gegeben hat. Lessing hat bekanntlich in seiner «Hamburgischen Dramaturgie» auf diese Erklärung sich ge­stützt, und von ihr ausgehend die Beleuchtung der tragischen Kunst versucht. Und dann ist eine ganze Literatur darüber entstanden, wie die Erklärung des Aristoteles eigentlich ge­meint ist. Und dafür gibt es in der Tat einen tieferen Grund. Es wird hier nämlich eine wesentliche Frage über die Bezie­hung der Kunst zur Wahrheit berührt.

Aristoteles bezeichnet die Tragödie als die Darstellung einer bedeutenden und abgeschlossenen Handlung, die nicht in Form der Erzählung gegeben wird, sondern in unmittelbarer Wirksamkeit der handelnden Personen; und er behauptet, daß in dieser Darstellung durch Mitleid und Furcht die Katharsis (Reinigung) derartiger Gemütsanwandlungen (Affektionen) vollbracht werde. Die mannigtaltigsten Auslegungen hat die­ser Satz gefunden. Lessing sagt: «Es beruht alles auf dem Begriffe, den sich Aristoteles von dem Mitleid gemacht hat. Er glaubte nämlich, daß das Übel, welches der Gegenstand unseres Mitleidens werden solle, notwendig von der Be­schaffenheit sein müsse, daß wir es auch für uns selbst oder für eines von den Unsrigen zu befürchten hätten. Wo diese Furcht nicht sei, könne auch kein Mitleiden stattfinden. Denn weder der, den das Unglück so tief herabgedrückt habe, daß er weiter nichts für sich zu fürchten sähe, noch der, welcher sich so vollkommen glücklich glaube, daß er gar nicht be­greife, woher ihm ein Unglück zustoßen könne, weder der Verzweifrlnde noch der Übermütige pflege mit andern Mitleid zu haben. Er erklärt daher auch das Fürchterliche und das

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Mitleidswürdige, eines durch das andere. Alles das, sagt er, ist uns fürchterllch, was, wenn es einem andern begegnet wäre oder begegnen sollte, unser Mitleid erwecken würde: und alles das finden wir tnitleidswürdig, was wir fürchten würden, wenn es uns selbst bevorstünde. Nicht genug also, daß der Unglückliche, mit dem wir Mitleid haben sollen, sein Unglück nicht verdiene, ob er es sich schon durch irgendeine Schwachheit zugezogen, seine gequälte Unschuld, oder viel-mehr seine zu hart heimgesuchte Schuld, sei für uns verloren, sei nicht vermögend, unser Mitleid zu erregen, wenn wir keine Möglichkeit sähen, daß uns sein Leiden auch treffen könne. Diese Möglichkeit aber finde sich alsdann, und könne zu einer großen Wahrscheinlichkeit erwachsen, wenn ihn der Dichter nicht schlimmer mache, als wir gemelniglich zu sein pflegen, wenn er ihn vollkommen so denken und handeln lasse, als wir in seinen Umständen würden gedacht und gehandelt haben, oder wenigstens glauben, daß wir hätten denken und handeln müssen: kurz, wenn er ihn mit uns von gleichem Schrot und Korn schildere. Aus dieser Gleichheit entstehe die Furcht, daß unser Schicksal gar leicht dem seinigen ebenso ähnlich werden könne, als wir ihm zu sein uns selbst fühlen, und diese Furcht sei es, welche das Mitleid gleichsam zur Reife bringe.» So vermeint also Lessing, daß nach Aristoteles die in der Tragödie vor unsern Augen dargestellte Handlung geeignet sei, durch die Ähnlichkeit des Helden mit uns selbst uns zu läutern, zu reinigen von den Gemütsanwandlungen der Furcht und des Mitleides.

Goethe hat nun bemerkt, daß es nicht darauf ankomme, daß in dem Zuschauer eine Läuterung sich vollziehe, sondern daß diese in der Tragödie selbst liegen müsse. Es würden in der dramatischen Handlung Furcht und Mitleid erregt, und dann müsse in dieser selbst ein Ausgleich eintreten. Die Wogen, welche durch diese Gemütsanwandlungen erregt werden, müssen im weiteren Verlaufe der Handlung sich beruhigen.

Man hat sich nun Mühe gegeben, die richtige Bedeutung des Ausdruckes Katharsis herauszubekommen. Jacob Bernays

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hat gezeigt, daß dies Wort eine medizinische Bedeutung ge­habt hat. Man verstand darunter die Linderung und Hebung einer Krankheit durch ärztliche Kunst. Das habe nun Aristo­teles auf die Seele angewendet, und gemeint, dadurch daß die Tragödie die versteckt in der Seele befindlichen Gemüts­anwandlungen hervortreibe, bewirke sie eine Erleichterung und Befreiung. Es sei also eine Art von Heilungsprozeß, der sich vollziehe. Die Seele kranke gleichsam an verborgenem Mitleid und verborgener Furcht, und der Anblick der tragi­schen Person bewirke durch das Hervorbrechen derselben die Gesundung.

Damit ist gesagt, daß Aristoteles der Tragödie das Ziel setzt, mitzuwirken in dem Entwickelungsprozeße der mensch­lichen Seele. Völlig klar kann man darüber werden, wenn man bedenkt, daß die Tragödie selbst nichts Ursprüngliches ist. Sie hat sich vielmehr aus dem religiösen Drama heraus ent­wickelt, wie es ursprünglich als Mysteriendrama gepflegt worden ist. In den Mysterien wurde das Schicksal des Gottes Dionysos dargestellt. Und in diesem Schicksal sah der an­dächtige Zuschauer nicht nur den Gott, der sich in den Welt­vorgängen darstellt, sondern er sah auch sein eigenes Schicksal vorbildlich veranschaulicht. Bevor die Griechen künstlerisch das Schicksal eines einzelnen Helden auf dem Theater darge­stellt haben, suchten ihre Priester zum Beispiel in den eleusi-nischen Mysterien das allgemeine Menschenschicksal vor Augen zu führen. Eine heilige Straße führte von Athen nach Eleusis. Geheirnnlsvolle Zeichen längs derselben waren dazu be­stimmt, die Seele in eine erhobene Stimmung zu versetzen. In den Tempeln zu Eleusis besorgten Priesterfamilien den Dienst. Die Feste, die hier gefeiert wurden, boten das große Weltdrama dar. Die Tempel sind zu Ehren der Göttin Demeter errichtet worden. Sie, die Tochter des Kronos, hatte dem Zeus, vor dessen Vermählung mit Hera, eine Tochter, Persephone, geboren. Diese war einstmals beim Spiel von dem Gotte der Unterwelt, Hades, geraubt worden. Demeter durcheilte deswegen in Wehklagen die Erde. Sie wollte ihre

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Tochter wieder finden. Die Töchter des Keleos fanden sie ein­mal in Eleusis, auf einem Steine sitzend. Sie hatte die Maske ei­ner alten Frau angenommen und trat als Pflegerin in den Dienst der Familie des Keleus. Sie wollte ihrem Pflegling die Un­sterblichkeit geben. Deshalb verbarg sie ihn jede Nacht im Feuer. Als die Mutter das eihmal sah, weinte und klagte sie. Deshalb konnte Demeter dem Kinde die Unsterblichkeit nicht geben, und verließ das Haus. Keleos erbaute einen Tempel. Die Trauer Demeters über die verlorene Tochter war un­ermeßlich. Sie verurteilte die Erde zur Unfruchtbarkeit. Sollte nicht das größte Unglück über die Menschen heraufbe­schworen werden, so mußte Demeter durch die Götter ge­tröstet werden. Hades wurde von Zeus veranlaßt, die Per­sephone wieder auf die Oberwelt kommen zu lassen. Aber sie mußte vorher einen Granatapfel essen. Dadurch wurde sie gezwungen, von Zeit zu Zeit immer wieder in die Unterwelt hinabzugehen. So verbrachte sie immer wieder einen Teil des Jahres bei ihrem Gemahl in der Unterwelt, den andern aber in der Oberwelt. Dadurch wurde Demeter mit den Göt­tern ausgesöhnt. In Eleusis aber stiftete man einen Tempel, in dem ihr Schicksal dargestellt werden sollte zur Erin­nerung.

Die ganze Sage hat eine tiefe Bedeutung. Die Persephone, welche von Zeit zu Zeit in die Finsternis der Unterwelt zu steigen hat, ist ein Sinnbild der menschlichen Seele. Diese Seele stammt aus himmlischen Regionen und ist zur Unsterblich­keit bestimmt. Sie ist eine Tochter der unsterblichen Erden-seele, welche durch Demeter sinnbildlich dargestellt wird. Aber die Menschenseele kann nicht ungeteilt ihre Unsterblich­keit genießen. Sie muß von Zeit zu Zeit in das Reich des Todes gehen.

Der Grieche liebte die Welt; und der Tod hatte für ihn etwas Furchtbares. Achilles, der von Odysseus in der Unter­welt getroffen worden ist, hat bekanntlich gesagt, daß er lieber ein Bettler sei auf der Oberwelt, als ein König im Reiche der Schatten. Aber zu dieser gewöhnlichen griechischen Weltauffassung

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sollten die Mysterien ein Gegenbild abgeben. Sie sollten den Wert des Ewigen, Dauernden darstellen gegen­über dem Irdisch-Vergänglichen. Und so bedeutet die Oberwelt in der Persephonesage eigentlich die himmlischen Regionen, in denen Persephone als unsterblich ist. Und die Unterwelt ist ein Sinnbild der Erde. Ursprünglich stammt die Seele aus himmlischen Regionen. Sie wird aber von Zeit zu Zeit auf der Erde verkörpert. Sie genießt hier, auf der Erde, von deren Früchten (Granatapfel) und muß deshalb immer wieder zurückkehren. Das heißt, die Seele hat die Begierde zum Irdischen, und wird dadurch zu immer neuen Verkörpe­rungen getrieben. Die Erdenseele (Demeter) möchte ihrer Tochter, der Menschenseele, die Unsterblichkeit geben. Des­halb sucht Demeter das ihr anvertraute Kind im Feuer zu läutern, zu heilen von der Sterblichkeit.

Nun wurde in Zusammenhang mit diesem Drama von der Menschenseele das Schicksal des Gottes Dionysos gebracht. Dionysos ist der Sohn des Zeus und einer sterblichen Mutter, der Semele. Zeus entreißt das noch unreife Kind der vom Blitze erschlagenen Mutter und bringt es zur Reife in der eigenen Hüfte. Hera, die Göttermutter, reizt die Titanen gegen das Kind auf. Sie zerstückeln es. Aber Athene rettet das Herz des Knaben und bringt es dem Zeus. Dieser erzeugt daraus zum zweiten Male den Dionysos. Der von Unsterb­lichem und Sterblichem abstammende Dionysos ist das Sinn­bild des Menschengeistes. Und in dem Menschengeist ist ein Teil des göttlichen Geistes selbst zu erkennen. Dieser Geist erscheint in dem Menschen nicht rein, sondern in dem Ge­wande der Leidenschaften. Die Titanen sind das Sinnbild dieser Leidenschaften. Sie lassen in dem einzelnen Menschen nicht den ganzen, reinen Gottesgeist wirken, sondern immer nur ein Stück desselben. Aber trotzdem gibt es in jedem Menschen den Quell des Göttlichen (das Herz). Dieser wird durch die Weisheit (Athene) gerettet. Die Läuterung, die Heilung des durch die titanischen Leidenschaften zerstörten Gottesgeistes wird in dem Dionysosdrama dargestellt.

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Nimmt man nun die beiden Dramen, das Persephone- und Dionysosdrama zusammen, so ergibt sich das menschliche Urdrama, wie es den Griechen dargestellt wurde, die zu den eleusinischen Mysterien zugelassen wurden. Aus Geist und Seele besteht der innere, der höhere Mensch. Die Seele ent­stammt der unsterblichen Erdseele, der Geist dem ewigen Gottesgeiste. Die Erdenlaufbaim stellt für die Seele eine Un­terbrechung, für den Geist eine Zerstückelung dar. Beide müssen geläutert, gereinigt von dem Irdischen werden. Die irdischen Leidenschaften müssen zu geistigen werden. Der Mensch, der die beiden Dramen sah, sollte angeregt werden, mit der eigenen Seele und dem eigenen Geiste diese Läute-rung vorzunehmen. In dem Schicksale der Persephone und des Dionysos sollte er das eigene sehen. Die große Selbst-erziehung, welche er mit sich vorzunehmen habe, wurde ihm in diesen Dramen vorgeführt. (Edouard Schuré, der Dichter der «Kinder des Lucifer », hat das eleusitüsche Urdrama mit hoher künstlerischer Anschauung und wahrer Intuition nachzubil­den versucht. Man findet es in dessen «Sanctuaires d'Orient », einem Werke, dessen Studium jedem geraten werden kann, der sich über die Mysterien unterrichten will.) Eine Art Ur-dramen haben wir also vor uns. Die spätere Dramatik ist nun eine Verweltlichung der ursprünglich religiösen Urdramatik. Die dramatische Kunst ist aus der Religion geboren. An die Stelle der göttlichen Helden wurden menschliche gesetzt; und an die Stelle der allgemeinsten menschlichen Leidenschaften und Gemütsanwandlungen traten besondere menschliche. Bei den älteren griechlschenTragödiendichtern sieht man noch den religiösen Grundcharakter des Urdramas durchleuchten. Aber das Trauerspiel wurde imtner mehr ein schwacher Abglanz dessen, was das religiöse Drama ursprünglich gewesen ist.

Nun bezeichnete man die Läuterung, die der Mensch in sich zu vollziehen hatte, um vom Irdischen zum Göttlichen sich zu entwickeln, als Reinigung, Läuterung, Katharsis. Durch den Anblick seiner göttlichen Vorbilder sollte dem Menschen die Notwendigkeit und das Wesen dieser Katharsis klarwerden.

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Wie das spätere Drama ein weltlicher Abglanz des gött­lichen Urdramas war, so war nun auch die Katharsis des Zuschauers beim weltlichen Drama nur ein schwacher Ab­glanz der religiösen Katharsis, welche in den Mysterien-tempeln durchgemacht worden ist. Die Benennung Katharsis ist aber geblieben für dasjenige, was das Drama eigentlich bezwecken soll.

Aristoteles hat diese Benennung als ein Ergebnis der Über­lieferung vorgefunden. Und deshalb kann man sagen, daß seine Erklärung der Tragödie auch ein schwacher Abglanz dessen ist, wie ein griechischer Mysterienpriester das Urdrama erklärt haben würde. Aber sie ist nur im Zusammenhang mit der ganzen Entwickelung des griechischen Dramas zu ver­stehen, mit dessen Hervorgehen aus dem religiösen Urdrama.

Geschichtliche Belege sind natürlich für das nicht zu er­bringen, was hier auseinandergesetzt ist. Und wer nur das gelten läßt, was durch solche geschichtliche Beweise zu stützen ist, der wird von diesen Ausführungen natürlich unbefriedigt sein. Aber wenn man die Schlußfolgerungen, die hier aus gegebenen Tatsachen gezogen sind, nicht als wissenschaft­lich gelten lassen will, dann müßte man auch die Grundlagen für viele Wissenschaften umstoßen. In der Naturwissenschaft zum Beispiel würden, ohne solche Schlußfolgerungen, alle Hypothesen über die älteren Erdperioden entfallen müssen. Als eine solche Hypothese möge daher derjenige das hier Ge­sagte gelten lassen, der nicht durch Intuition sich selbst von der vollen Wahrheit überzeugen kann. Aber ohne diese Hypothese werden wohl die Aufstellungen des Aristoteles über die Tragödie immer unverständlich bleiben.

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VORREDE ZU EDOUARD SCHURES DRAMA

«KINDER DES LUCIFER»

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Goethe sprach von der Kunst als von einer Offenbarung geheimer Naturgesetze, die ohne sie ewig verborgen bleiben müßten. Damit rückt er die Kunst in die Nähe der Erkenntnis. Er macht sie zur Auslegerin der Weltgeheimnisse. Er hat dadurch prophetisch auf etwas hingewiesen, was denjenigen Geistern der Gegenwart als Ideal vorschweben muß, welche die Zeichen der Zeit zu deuten wissen. Eine Kunst, welche den Zusammenhang wieder sucht mit den Wegen der suchenden Seele, die zu den Quellen des Daseins führen, schwebt den Geistern vor. Sie wollen zu dem schönheitsbedürftigen Gemüte sprechen; aber, was sie sprechen, soll zugleich der Ausdruck höchster Wahrheiten und Erkenntnisse sein. Reli­gion, Mystik, Forschung und Kunst sollen aus einem Urquell dringen. Dadurch sucht der Menschengeist heute etwas zu erneuern, was in der Morgendämmerung unserer Kulturen vorhanden war. Dem schauenden Geiste sind ja die ägypti­schen Pyramiden und Sphinxe die in kleinen Steinen ver­körperten großen Wahrheiten, welche die Weisen des Nil-landes zu verkünden hatten. In den uralten Dichtungen der Inder haben wir zugleich monumentale Urkunden der Weis­heit dieses Volkes. Und im griechischen Urdrama ahnt die intuitive Phantasie ein Kunstwerk, das zugleich der Ausdruck war für die religiösen Wahrheiten der Urzeit. Der in die Materie herabsteigende, leidende und im Menschenwerk seine Erlösung fadende Gott ist der Held dieses Dramas. - Sieht man die Weltentwickelung so an, so blickt man auf eine Menschheitskultur zurück, in welcher Religion, Kunst und Wissenschaft noch eine ungetrennte Einheit bildeten. Die Eine Wahrheit fand in Formen ihren Ausdruck, welche Schönheit, Weisheit und religiöse Erhebung zugleich dar­stellten. Erst eine spätere Zeit fand für das Gemüt einen besonderen religiösen, für die Sinne einen künstlerischen und für die Vernunft einen wissenschaftlichen Ausdruck. So

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mußte es kommen, denn nur, wenn der Mensch auf getrenn­ten Wegen eine jede seiner Fähigkeiten entfaltete bis zur höchsten Blüte, konnte ein Vollkommenes erreicht werden. Durch Jahrtausende gingen Wahrheit, Schönheit und Gött­lichkeit getrennte Wege. Die hohen Kunstwerke der Griechen und aller folgenden Zeiten sind möglich geworden durch ein Streben nach Schönheit, das seinen eigenen Gesetzen folgte und nur der Phantasie die Rolle der Meisterin zuerteilte. Die Tiefen der christlichen Religion stammen aus einer Seelen-vertiefung, welche sich den Formen der schönen Sinnlichkeit entzog. Und die Errungenschaften unserer Wissenschaft sind dem vernünftigen Denken und der strengen Erfahrung ent­sprungen, welche der Phantasie ebenso wie den religiösen Bedürfnissen der Seele keinen Zugang gewährten.

Was aus einer Quelle entsprungen ist, strebt heute, sich wieder zu vereinigen. Was wollte Richard Wagner anderes, als ein Kunstwerk, das zugleich die Seele zu den Quellen des Göttlichen erhebt? Und was wollte im Grunde schon Goethe, als er im zweiten Teil seines «Faust» den Helden bis zur Er­lösung in den Regionen der höchsten Wahrheit zu führen suchte? Sagt er doch selbst (am 29. Januar 1827 zu Ecker­mann): «Aber doch ist alles (im Faust) sinnlich und wird, auf dem Theater gedacht, jedem gut in die Augen fallen. Und mehr habe ich nicht gewollt. Wenn es nur so ist, daß die Menge der Zuschauer Freude an der Erscheinung hat; dem Eingeweihten wird zugleich der höhere Sinn nicht entgehen.» Und dieser «höhere Sinn » ist kein anderer, als der des Men­schendaseins überhaupt. Und ihn zeigen Religion, Kunst und Weisheit.

Wird sich die Kunst dieses ihres Zusammenhanges mit der Wahrheit bewußt, dann muß sie ihre Inspiration aus dem­selben Born schöpfrn, aus dem auch Religion und Wissen­schaft stammen.

Solches Bewußtwerden durchdringt ganz die Persönlich­keit, von der hiermit eine Schöpfung dem deutschen Publi­kum vorgelegt wird. Edouard Schuré, der geistvolle und tiefe

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französische Schriftsteller, sollte auf unsere Zeitgenossen eine bedeutende Wirkung ausüben. Denn ihm ist es gegeben, als Künstler ein Künder der Wahrheit und als Forscher ein Enthüller der mystischen Seelenwege zu sein. Mit intuitivem Geiste hat er sich vertieft in die Mysterien des Menschen-geistes. Seine «Großen Eingeweihten» (Les Grands Initiés) führen zu jenen Höhen der Menschheitsentwickelung, auf denen Krischna, Hermes, Moses, Pythagotas, Orpheus, Plato und Jesus gewandelt haben. Die Wege, auf denen diese Füh­rer ihren Völkern und Zeiten das Ziel der Menschheit zeigten, das sie aus der Quelle ihrer göttlichen Einsicht schöpften, werden in glänzenden Farben geschildert. Und schon vorher hatte ja Schuré in seinen Büchern über das «Musikalische Drama» und über «Richard Wagner» das Ziel unserer Zeit gezeigt, das in der Vereinigung des wahrheitsuchenden Gei­stes, der religiösstrebenden Seele und des schönheitsbedürf­tigen Sinnes liegt. In den «Heiligtümern des Orients» (Sanc­tulires d'Orient) hat er mit genialischem Sinn das heilige Drama von Eleusis wiederhergestellt, jenes Urdrama, das zugleich Kunstwerk und religiöse Kulthandlung war. Das spätere griechische Drama hat die Kunstform, die vorher die Ausgestalterin der göttlichen Weltenhandlung war, auf die Sphäre des menschlichen Handelns und Erlebens angewendet.

So ist Edouard Schuré - um einen Ausdruck Goethes zu gebrauchen - von dem Suchen nach Wahrheit zur künstle­rischen Auslegung der Wahrheit gekommen. In der Vorrede zu seinen «Heiligtümern des Orients» sagte er (1898), daß er «durch das künstlerische Wort und im durchscheinenden Mittel der Poesie» das aussprechen wolle, was in den tiefen Schächten der forschenden und strebenden Menschenseele vorgeht. «Theater der Seele» nennt er die «Kinder des Lucifer» und das damit vereinigte Drama «La Sceur Gar­dienne».

Schurés ganzes Schaffen zeigt, wie tief durchdrungen er ist von der Notwendigkeit, die Zeitkultur wieder zu vereinigen mit dem intimen mystischen Erleben der Seele. Die dramatische

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Handlung ist ihm Symbol für die tieferen Vorgänge im Innern des Menschen. Was das Auge schaut, ist ein Bild des­sen, was die Seele erfährt, wenn in ihr die Kräfte walten, die sie mit dem Ewigen verbinden. Man möchte über das Drama «Kinder des Lucifer» die Worte des Goetheschen Chorus mysticus schreiben: «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis - das Unzulängliche, hier wird's Ereignis - das Unbeschreib­liche, hier ist es getan.» Denn das, was sich hier abspielt im Rahmen des vierten Jahrhunderts, als Hellenismus und Christentum den großen Kampf kämpften: das ist ein Gleich­nis für zwei ewige Kräfte in der ringenden Seele. Ewig strebt der Mensch aus den Tiefen in die Höhe; und ewig muß er aus den Höhen die Erlösung erwarten. Freiheit und Gnade sind die Pole, die zu einander wollen, Sehnsucht und Wille streben nach Ergänzung. Diese «zwei Seelen» ringen in der Menschen-brust. Und alle äußeren Vorgänge sind die Bilder der ringen­den Seelen. Schaffen und Empfangen verkörpern sich in tausend Formen. Und was zwischen Mensch und Mensch sich abspielt, ist eine Wechselwirkung zwischen Schaffen und Empfangen, oder - um nochmals mit Goethe zu sprechen -zwischen Nehmen und Geben. Und immer wird durch das «Wunder der Liebe» die Ausgleichung bewirkt. Dieses «Wel­tenrätsel» kann man nicht mit dem Verstande erfassen, man muß es mit den tiefsten Kräften der Seele erleben. Wer schaffend liebt, dem strömt die lebendige Kraft entgegen und vereinigt sich mit seinem Leben zum schöpferischen Bunde. In der liebenden Hingabe des Eigenen wird der Same gelegt, der den Menschen ins ewige Weltenweben einfügt. Wie das Blut den Leib durchströmt, so diese Menschheitsgeheimnisse das Drama Schurés.

Die «Kinder des Lucifer» sind «Theater der Seele», weil hinter der Handlung die ewigen Hieroglyphen des ringenden Menschengeistes zu schauen sind. Von dem, was man in der Mystik die Eine Ursache der Menschheit nennt, sind sie in­spiriert. Phantasie und mystischer Sinn haben an diesem Kunstwerke den gleichen Anteil. Wenn der mystische Sinn

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nicht in das Dunkel des Gefühies sich verliert, sondern die Klarheit des Schauens sein eigen nennt, und wenn die Phan­tasie nicht der Willkür der subjektiven Einfälle sich überläßt, sondern der Intuition der Wahrheit folgt, dann kann allein ein solches Kunstwerk entstehen.

Könnten wir Kunstwerke dieser Art auf dem Theater sehen, dann wären diese Tempel des Wahren; und die Schönheit wäre nicht eine Dienerin des religiösen Sinnes, sondern dessen Kind. Und von solcher Vertiefung der Kunst wäre zu erhof­fen, daß sie auch wieder zurückwirkte auf ihre Schwestern:

die Religion und die Weisheit. Vernunft, Phantasie und reli­giöse Erbauung könnten wieder in Harmonie miteinander kommen.

In Schuré lebt diese Harmonie als Ziel. Weil er als Künstler Mystiker ist, und weil er die Kraft hat, die mystische Erkennt­nis in der Form der Kunst auszusprechen, deshalb sollte die Zeit ihn hören. In seinem Schaffen lebt etwas von dem, was die Zukunft bringen muß.

Mit Verstand und Sinnen haben die letzten Jahrhunderte unser Leben umgestaltet; das « Leben der Seele» aber werden diejenigen bringen, welche dem äußeren Leben wieder die großen Intuitionen des Wahren und Göttlichen einprägen. In dieser Gesinnung soll dieses Drama dem deutschen Leserkreise vorgelegt werden.

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Zum Beginn des neuen Jahrganges (Juni 1905)

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Mit Nr.25 heginnt der neue Jahrgang von «Lucifer-Gnosis». Zu dem bishe-rigen Inhalte wird insofern etwas Neues hinzukommen, als in jeder Nummer noch Artikel treten werden über die Beziehungen von Theosophie, Okkultis­mus, Mystik und so weiter zu den großen Lebensfragen der Gegenwart. Die nächste Nummer wird zum Beispiel enthalten: «Was hat die Theosophie im Leben des gegenwärtigen Menschen und der Gegenwart zu bedeuten?» Ferner sollen auf vielfachen Wunsch hin Mitteilungen über die theosphisobe Bewegung, über okkultistische Bestrebungen und alles, was im Geistesleben der Gegen­wart dazu gehört, gebracht werden. Namentileh den religiösen Strömungen soll die Aufmerksamkeit zugewendet werden. Die nächsten Nummern erschei­nen schon in den folgenden Tagen. Und es wird künftig für pünktlicheres Er-scheinen Sorge getragen werden. Den Kommissionaverlag wird von Nr.25 an die Verlagsbuchhandlung M.Altmann in Leipzig übernehmen.

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WAS BEDEUTET DIE THEOSOPHIE

FÜR DEN MENSCHEN DER GEGENWART?

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Was heute als Theosophe verkündet wird, ist durchaus keine neue Geistesrichtung. Neu ist nur, daß man öffentlich in ihrem Sinne spricht und wirkt, und daß man zu ihrer Pflege Gesellschaften begründet, zu denen jedermann Zutritt hat. Vorher wurde ihre Arbeit in Gesellschaften geleistet, die nicht an die Öffentlichkeit traten. Es wurden zu ihnen nur solche Personen zugelassen, welche durch ihre erprobten Fähig­keiten eine Bürgschaft gegeben hatten, daß sie gewissen ihnen zufallenden Aufgaben unbedingt gewachsen waren, und de­ren Charakter die Sicherheit bot, daß sie ihr Leben ganz in den Dienst der Geistesrichtung stellten, die sich ihnen er­öffnete.

Es war nicht Willkür, daß die Lehren und Arbeiten solcher Gesellschaften geheimgehalten wurden. Das geschah nur deshalb, weil die Öffentlichkeit nicht nur zwecklos, sondern auch schädlich gewesen wäre. Es hängen alle höheren Güter und Ziele des Lebens von diesen Lehren und dieser Arbeit ab. Die Besitzer solchen Wissens sind Förderer des Heiles der Menschheit, Pfleger wahrer Gesundheit und edelsten Mensch­heitsfortschrittes. Aber nur derjenige kann in solchem Sinne wirken, welcher die notwendigen Eigenschaften und Fähig­keiten dazu hat. Wer diese nicht hat, dem vertrauen die Be-wahrer des entsprechenden Wissens dies ebensowenig an, wie man einem Unfähigen oder Unerfahrenen die Arbeit einer Maschine überträgt, durch deren Handhabung er nur Unheil für sich und seine Umgebung anrichten rnüßte. Mit dem Wissen um Menschheitsheil und Menschheitsentwickélung ist der Besitz der Kraft verbunden, diese zu bewirken.

Heute lächeln viele über Behauptungen solcher Art. Aber diese haben eben keine Kenntnis von dem, was im höheren Geistesleben wirklich vorgeht. Sie wollen das Leben nur an seiner Oberfläche sehen, und verschließen sich vor dessen Geheimnissen. Diejenigen, welche ihre Aufgabe darin erkennen,

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daß sie heute einen Teil des höheren Wissens der Weit mitteilen, werden es zu ertragen wissen, daß man sie Phantasten und Schwärmer nennt. Man hat es von jeher mit denen, welche solche Aufgaben hatten, so gemacht. Sie han­deln nur deswegen in ihrer Art, weil sie müssen.

Nur ein Teil des « Geheimwissens», der elementare, wird als Theosophie zu einer öffentlichen Angelegenheit gemacht. Für die anderen Gebiete muß die alte Art der Arbeit auch weiter fortgesetzt werden. Die vor dreißig Jahren begründete «Theosophische Gesellschaft » ist eine von den Einrichtungen zur Veröffentlichung eines Teiles des höheren Wissens, aber keineswegs die einzige.

Diejenigen Personen, welche heute im Sinne der theoso­phischen Geistesrichtung arbeiten, sind der Überzeugung, daß viele ihrer Mitmenschen in berechtigter Art nach dem entsprechenden Wissen verlangen, weil sie ohne dasselbe in geistige Öde und Armut versinken müßten. An diejenigen wendet sich die Theosophie, welche mit tiefstem Ernste nach Wahrheit suchen über die höchsten und edelsten Güter der Menschheit, und welche dieses Ziel auf den bisher einge­schlagenen Wegen nicht erreichen können.

Nicht etwa behauptet soll werden, daß die Früchte des höheren Wissens in früheren Zeiten der Menschheit entzogen und nur das Sondergut der in Geheimgesellschaften vereinig­ten Personen waten. Die Behütet des Wissens suchten stets die Wege, um ihre Kraft der Welt nutzbar zu machen. Wer sich in die Theosophie einläßt und entgegennimmt, was diese zu bieten hat, der wird bald über viele Dinge des Lebens anders denken lernen, als er dies bisher getan hat. Zu diesen Dingen gehört vor allem das religiöse Streben. In diesem Streben haben die großen Menschenmassen die Aufschlüsse gesucht über die Schicksale der Seele, über die Ziele des Lebens; und sie haben gefunden, was ihnen nötig war. Jetzt ist das anders geworden; immer größer wird die Zahl derer, die sich von den Geistern des Zweifels an allen Ecken und Enden umlauert sehen.

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In älteren Zeiten waren die Pfleger der Wissenschaft auch die Führer des religiösen Lebens. In ihnen war die volle Ein­tracht von Glauben und Wissen, Religion und Erkenntnis verkörpert. Heute hat sich ein Teil der Wissenschaft von dem Glauben losgelöst. Und die beiden gehen getrennte Wege. Dadurch ist aber der Mißklang in die menschlichen Seelen gebracht worden. Und zwar vielfach gerade in diejenigen, welche es mit der Wahrheit am strengsten nehmen.

Gewiß gibt es auch heute eine nicht geringe Zahl von Men­schen, welche an den alten Überlieferungen durch die neueren Geister des Zweifels nicht irre gemachtwotden sind. Für solche wird der Theosoph vorläufig wohl noch eine unverständ­liche und ihnen unnütz erscheinende Sprache führen. Aber deren Zahl wird täglich kleiner. Unzählige nehmen den Miß-ton schon in den Kindesjahren in sich auf. Eine Erklärung der Welt müssen sie durch die Religionslehre aufnehmen; eine andere durch die Naturlehre. Beide stehen für sie in Wider­spruch; und sie nehmen den Bruch in ihrer Seele mit ins spätere Leben als Quell eines traurigen inneren Schicksals, oder - was wohl noch schlimmer ist - als Gleichgültigkeit gegenüber den geistigen Lebensgütern. Vielleicht ahnen sie dann gar nicht einmal, was ihnen in höherem Sinne verloren gegangen ist.

Und nicht zum wenigsten sind diejenigen ergriffen von Zweifel und Unsicherheit, welche durch ihre Fähigkeiten und ihre Schulung zu Führern berufen sind im geistigen Leben. Das ist nur natürlich; denn gerade sie können sich dem Siege szuge des wissenschaftlichen Zweifels am wenigsten ent­ziehen. Und so geht von ihnen keine Kraft und Wirkung auf das geistige Leben der anderen über. Wer heute noch abge­schlossen in seinem Dorfe, oder sonst im engsten Kreise lebt, ohne von einem Hauche des gegenwärtigen Denkens berührt zu werden, der kann morgen einem freigeistigen Redner ge­genüberstehen, oder ein Buch in die Hand bekommen, wo­durch ihm der Boden seiner Überzeugungen, der sein Heil ausmachte, unter den Füßen weggezogen wird.

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Die neuere Wissenschaft übt eine solch erschütternde Wir­kung aus, weil ihre Ergebnisse auf der gröbsten Zeugenschaft beruhen, auf derjenigen der äußeren Sinne. Sie kann, was sie behauptet, durch diese Zeugen beweisen. Den religiösen Wahrheiten über die geistige Welt gegenüber versagen die Sinne nicht nur, sondern sie scheinen in ihren Aussagen ihnen sogar zu widersprechen. Aber der Wissenschaft, welche sich auf die Tatsachen der Sinneswahrnehmung stützt, verdankt die Menschheit das äußere Wohl und die großen materiellen Güter des Lebens. Diese Wissenschaft hat das Auge bewaffnet, so daß es in fernste Sterngebiete zu schauen vermag; sie hat im kleinsten Tropfen unzählbare Lebewesen sichtbar gemacht; sie hat den Erdball mit seinen natürlichen Kräften und Schät­zen erobert. Begreiflich ist daher, daß sie eine ungeheure Macht auszuüben vermag, und vorauszusehen, daß in der Zukunft diese Macht wachsen muß. Was mit ihr im Wider­spruch zu stehen scheint, dem wurde das Vertrauen ent­zogen. Und dies geschah mit den religiösen Überzeugungen, die sich vor dem Richterstuhie dieser Wissenschaft nicht zu rechtfertigen vermochten.

Es entstand bei denen, die sich auf solche Wissenschaft stützten, die Meinung, daß in den alten Überlieferungen vom geistigen Leben nur «Erdichtungen» einer kindlichen, wis­senschaftlosen Phantasie enthalten seien. Ja, viele Träger die­ser alten Überlieferungen glaubten sich gezwungen, an die religiösen Lehren selbst den Maßstab dieser Wissenschaft an­zulegen; sie prüften die religiösen Urkunden: und Stück für Stück ging dabei von dem verloren, was dem Menschen den Ausblick eröffnet hatte in eine höhere Welt; und, was übrig bleibt, hat nicht die Kraft, der Seele wirklich die ihr not­wendige Sicherheit zu geben. Denn man wird sich überzeu­gen müssen, daß manche sogenannte freie Richtung in der Religion, die ihren Frieden mit der neueren Wissenschaft schlie­ßen will, sich als religiös völlig wirkungslos erweisen wird.

Aber auch alle anderen Wege, einen Ersatz für die alten Überliefrrungen und Befriedigung unvertilgbarer Sehnsucht

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nach der geistigen Welt zu schaffen, sind fehlgeschlagen. Noch vor kurzem konnte man glauben, aus der neueren Wissen­schaft heraus selbst einen solchen Ersatz zu finden. Es waren viele edle Menschen, die sich als «Freidenker» eine Art wis­senschaftlichen Glaubensbekenntnisses aufbauten. Sie nah­men die Lehren von der «natürlichen» Entwickelung im Sinne der materialistischen Wissenschaft an, weil sie meinten, diese seien «vernunftgemäß »,und die sogenannte «übernatürliche» Schöpfungsgeschichte widerspreche der Vernunft. Sie hielten die Seele für ein Erzeugnis des Gehirns, und gaben sich mit einer gewissen Begeisterung der Hoffnung hin, daß, wenn ihr Leib sich auflösen werde, sie so wenig leben werden, wie sie - nach ihrer Ansicht - vor ihrer Geburt gelebt haben. Mensch­heitsdienst im Sinne irdischen Wohles und Fortschrittes ersetzte ihnen die Hingebung an irgendwelche religiöse For­derungen. - Nun ist dieses « Freidenkertum» heute von der Wissenschaft selbst widerlegt. Die Vorstellungen, aus denen es erwachsen ist, waren Ergebnisse eines voreiligen «wissen­schaftlichen Glaubens». Und wer sich heute noch zu einem solchen bekennen will, der sündigt nicht allein gegen die religiösen Überlieferungen, sondern gegen die echte fort­geschrittene Wissenschaft selbst. Was diese in den letzten Jahren auf ihren eigenen Wegen zutage gefördert hat, ist mit dem gekennzeichneten Freidenkertum nicht mehr zu ver­einigen. Nur einige der alten Materialisten, welche durch die Macht der Vorurteile sich blind gemacht haben, beharren noch bei solchen Ansichten.

Ein neuer Weg ist für die wahrheitsuchenden Seelen heute notwendig. Und diesen hat die theosophische Geistesrichtung beschritten. Sie wird zeigen, daß die geistige Welt, die so lange Gegenstand des Glaubens war, auch dem Wissen er­reichbar ist. Und dazu eben wird sie durch Veröffentlichung eines Teiles des höheren Wissens gelangen. Es ist eine ihrer so wichtigen Erkenntnisse, daß die Überzeugungen des Glau­bens nicht Schöpfungen einer kindlichen, unwissenschaft­lichen Einbildung, sondern solche höchster menschlicher

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Weisheit sind. Nicht Unmündige haben die Religionen ge­schaffen, sondern weise Führer der Menschheit. Ihren Mitteilungen aber haben sie diejenige Form gegeben, welche den Zeiten und Völkern, an die sie gerichtet waren, entsprach. Wenn die Religionsurkunden die Weisheit nicht in unmittel­barer, ureigener Gestalt zum Ausdruck brachten, sondern in Bildern und Erzählungen eingekleidet, so war dies darum, weil sie so den Menschen auf einer gewissen Stufe des Verständnisses zugänglicher ist, als in Form von reinen Begriffen. Zum Gefühl, zur Phantasie mußte gesprochen werden, weil diese vor der Vernunft ihre Vollkommenheit erlangen. In den Geheimschulen aber, unter ihren intimen Jüngern teilten die großen Lehrer in unverhüllter Gestalt mit, was sie den Men­schen zu sagen hatten. Und in diesen Schulen pflanzte sich diese unverhüllte Form von Jahrhundert zu Jahrhundert fort. Die Eingeweihten gaben von Zeit zu Zeit an die Außenwelt, was sie für notwendig hielten, und in derjenigen Art, welche ihnen die richtige dünkte, und die am meisten vor Mißbrauch und Verwirrung schützte. So lernte die Welt als Glaube kennen, was die Führer als Wissen besaßen. Und es war so lange das richtige, es beim Glauben zu belassen, als dieser nicht durch das Wissen von der äußeren physischen Welt erschüttert werden konnte. Die letzten Jahrhunderte haben dies ein­treten lassen; und in der neuesten Zeit hat dieses Wissen solche Fortschritte gemacht, daß nunmehr von einem Teil des Geheinnisses der Schleier gezogen werden muß. Ein weiteres Schweigen würde der Menschheit alle Ausblicke in eine gei­stige Welt rauben. Auch diejenigen, welche in der physischen Wissenschaft zu den höchsten Gipfeln emporgestiegen sind, haben aus sich selbst heraus nicht finden können, wie sich hinter den Bildern der Glaubenslehren höchste Wahrheiten verbergen. Sie mußten sie für «bloßen Glauben» halten.

Nun tritt die Theosophie ein und enthüllt aus dem Schatze des Geheimwissens so viel, als nötig ist, um die Bedürfnisse der Menschenseele zu befriedigen. Sie zeigt die Religionen und alle Überlieferungen von einem geistigen Leben in einem

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völlig neuen Lichte. Sie vermag diesen eine Form zu geben, so daß man als Theosoph ein Bekenner der Wissenschaft und der religiösen Lehren zugleich im vollsten Sinne des Wortes sein kann. Denn durch die Theosophie eignet man sich die Vorstellungen über ein geistiges Leben in einer solchen Art an, daß man mit der strengsten Wissenschaft im Einklang ist. Es kann für diese Art nichts geben innerhalb des gegenwär­tigen Denkens, dem nicht Rede und Antwort werden könnte.

So kann die theosophische Geistesrichtung die denkbar notwendigste Mission im heutigen Geistesleben erfüllen, wenn sie richtig verstanden wird. Deshalb darf derjenige bei ihr Rat suchen, der vergebens auf anderen Wegen den Frieden der Seele angestrebt hat. Aber auch wer noch nicht von Zwei­feln geplagt ist, wird sich durch sie gefördert finden, denn sie wird ihm Klarheit bringen über die Gegenstände seines Glaubens, sie wird das Leben der Seele vertiefen.

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THEOSOPHIE ALS LEBENSPRAXIS

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Die theosophische Geistesrichtung der Gegenwart will nicht nur dem Wissensdrange Befriedigung gewähren, sondern auch in die Praxis des Lebens Sicherheit bringen. Dies ist diejenige Seite an ihr, welche von denen am meisten miß-verstanden wird, die nicht tiefer in sie eindringen wollen. Ein Theosoph gilt so leicht als ein weltfremder Mensch, der über seinen «Schwärmereien» in den Wolkenregionen des Geistigen die rauhe, harte Wirklichkeit vernachlässigt. - Nicht geleugnet soll werden, daß es Anhänger dieser Weltansicht gibt, welche solche Vorstellungen als gerechtfertigt erscheinen lassen. Allein solche Menschen fallen selbst einem schlimmen Mißverständnisse anheim. Sie sind unzufrieden mit der geist­losen Auffassung der Wirklichkeit, welche sie um sich herum sehen, und mit dem Leben, das aus einer solchen Auffassung stammt. Sie wollen sich dem Leben im Geiste zuwenden und sich von einem edleren Streben erfüllen, als das ist nach sinnlich - alltäglichem

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Wohlsein. Aber sie verwechseln eine ver­hängnisvolle Auffassung der Wirklichkeit mit dieser selbst. Und statt sich von jener Auffassung zu befreien, ergreifen sie die Flucht vor dem Leben.

Es kommt aber gerade darauf an, den Geist innerhalb der Wirklichkeit zu nnden' welche den Menschen umgibt. Nicht diese Wirklichkeit ist geistlos, sondern der Mensch, der den Geist nicht finden kann. So wenig man die Elektrizität, das Licht und andere Naturkräfte außerhalb der Welt sucht, eben­sowenig tut man dies bei wahrer theosophischer Gesinnung mit den geistigen Kräften. Richtig verstanden, ist Theosophie die Anerkennung solcher geistigen Kräfte und Gesetze inner-halb der Welt. Nicht bloß, was Augen sehen und Hände greifen können, ist eine Weltenkraft, sondern auch dasjenige, was nur den Augen der Seele zugänglich ist, und was kein Instrument, wohl aber die Macht des Geistes beherrschen und in Wirklichkeit versetzen kann, wenn dieser sich darauf versteht. Die Technik beruht darauf, daß der Mensch die sinnlich wahrnehmbaren Kräfte seiner Einsicht unterwirft; und die Theosophie kann zu einer geistigen Technik führen, welche die höheren Kräfte in den Dienst des Menschenheiles bringt. Von diesem Gesichtspunkte aus wird die theoso­phische Gesinnung nicht zur Welffremdheit, sondern zum tätigen Anteil am Leben, ja zur edelsten, verständnisvollsten Praxis führen. Denn ihr Schauplatz ist nicht eine Werkstätte, in welcher materielle Erzeugnisse geliefert werden, sondern das Leben selbst, wie es sich zwischen Mensch und Mensch abspielt.

Der im echten Sinne theosophisch Strebende gelangt zu der Überzeugung, daß sich zahllose geistige Fäden von Menschenseele zu Menschenseele ziehen. Er lernt erkennen, daß nicht nur seine äußerlich sichtbaren Handlungen, sondern seine innersten Seelenregungen und seine verborgensten Gedanken auf das Wohl und Wehe, auf die Freiheit oder Sklaverei seiner Mitmenschen wirken. Das heißt ja Anerkennung der geisti­gen Kräfte, daß der Mensch sich bewußt ist: was sich in seiner

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Seele abspielt, ist ebenso eine Tatsache, wie dasjenige, was das Auge sehen kann. Und was er denkt und fühlt, ist etwas, das seine Wirkungen nach außen sendet, wie der Magnet oder die elektrische Batterie nach außen wirkt. Das alles sieht der Theosoph nicht bloß in jener äußerlichen Art an, wie der Sinnenmensch' sondern so, daß er dem Geiste Wirklichkeit zuschreibt wie dem Tisch, den er mit der Hand betasten kann.

Wer sich in die Theosophle einlebt, dem wird allmählich solche Gesinnung zur Selbstverständlichkeit. Und aus der Gesinnung entspringt dann das rechte Verhälmis zum Leben seiner Seele; aus diesem endlich wieder das entsprechende Behandeln aller Lebensaufgaben.

Nur derjenige findet in der Praxis des Lebens die richtige Stellung, der in gehöriger Art die Kräfte in Bewegung zu setzen vermag, die in seiner Seele aufgespeichert sind, so wie nur ein solcher die äußeren Naturkräfte zum Wohl der Menschheit anzuwenden versteht, der ihre Gesetze kennt. Eine elektrische Batterie wendet nutzvoll an, wer die Eigen­art der elektrischen Wirkungen kennt. Der Mensch selbst aber ist eine seelisch geistige Batterie, und die Gesetze, die er im Leben mit seinen Mitmenschen handhaben soll, müssen auf ihn selbst gerichtet sein.

Es ist im vorigen Aufsatze gesagt worden, daß die Behüter des höheren Wissens einen Teil desselben innerhalb der theo­sophischen Geistesarbeit zur Veröffentlichung bringen, weil nur dadurch der ernstlich nach Wahrheit suchenden Seele ein Ausweg möglich wird aus dem Zweifrl und der Unsicherheit, zu denen die auf die Sinneswahrnehmung gerichtete neuere Wissenschaft führt.

Ähnlich verhält es sich mit der Praxis des Lebens. Diese ist gegenwärtig eine andere als in den Zeiten der Vergangenheit. Wie haben sich alle Verhältnisse geändert. Man vergleiche nur einmal ernstlich die Einfachheit des Lebens in früheren Zeiten mit den Anforderungen an den Menschen von heute. In neue Beziehungen tritt der Mensch zum Menschen. Aus Abhängig­keitsverhältnissen' die ihrem Dasein einen engen Umkreis

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gaben, ist die Persönlichkeit herausgetreten, eine unvergleich-lich größere Bewegungsfreiheit ist ihr zuteil geworden. Damit lastet aber auch eine größere Verantwortung auf ihr. Alte Fesseln haben sich gelockert; die Daseinsbedingungen und Daseinskämpfr sind dafür mannigfaltiger geworden. Für die neuen Anforderungen reichen die alten Kräfte nicht mehr aus, von denen sich die Vorväter der gegenwärtigen Menschheit leiten ließen.

Aus solchen Ursachen heraus sieht man Bestrebungen und Lebensanschauungen entstehen, von denen die Vorzeit keine Ahnung hatte. Wie viele Fragen beschäftigen den gegenwär­tigen Menschen. Aus allen Gebieten des Lebens entspringen solche «Fragen»: die soziale Frage, die Rechtsfragen, die Frauenfrage, die Erziehungs- und Schulfragen' die Gesund-heits- und Ernährungsfragen usw. usw. All dem liegt doch zugrunde, daß gewisse Verhältnisse im Leben neu geregelt werden müssen. Und ein Grundunterschled gegenüber frü­heren Zeiten liegt darin, daß solche Regelungen jetzt unter Anteilnahme des einzelnen Menschen zustande kommen müs­sen. Man sehe dagegen sich die Art an, wie das früher geschah. Wie da scheinbar unbestimmte Kräfte die Massen lenkten, ohne daß die einzelnen Persönlichkeiten zu unmittelbarem, tätigem Eingreifen veranlagt waren.

Eine an der Oberfläche haftende Betrachtung ist der Mei­nung, daß Volksinstinkte, oder die selbstherrliche Willkür einzelner beliebiger Personen die Einrichtungen in verflosse­nen Zeiten geschaffen haben. Wer aber tiefer in den Gang der Menschheitsentwickelung hineinsieht und ohne materialisti­schen Aberglauben die Fortschritte der Geschichte verfolgt, der wird gewahr, daß die Regelung des praktischen Lebens von Instinkten, oder von der Willkür ebenso wenig ausge­gangen ist, wie die Religionen ihren Ursprung aus der «kind­lichen Volksphantasie» genommen haben. Die Glaubens­vorstellungen stammen aus der Weisheit der großen Führer des Menschengeschlechtes, und nicht minder ist das bei den Einrichtungen der Lebenspraxis der Fall.

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In die Geheimschulen führen die Fäden, durch welche das Netzwerk der menschlichen Gesellschaftsordnung zusam­mengehalten worden ist und noch wird. Unbewußt wurden die Menschen zu den Zielen ihres Lebens geführt. Gerade diese Unbewußtheit gab dem Dasein die Sicherheit, die mit dem instinktartigen Charakter zusammenhängt. - Nun liegt aber im Fortschritte der Menschheit die Notwendigkeit, die Persönlichkeit zu befreien aus dieser instinktmäßigen Art des Daseins. Statt durch verborgene Kräfte muß fortan die Ord­nung des Ganzen durch das Wissen, das Urteil der einzelnen Persönlichkeit besorgt werden. Daraus geht hervor, daß dem Menschen gegenwärtig ein Wissen von den Kräften der Le­benspraxis nottut, das vorher lediglich den Eingeweihten der Geheimschulen zugänglich war. Von diesen Stätten aus wurden gesetzmäßig die geistigen Kräfte in Wirksamkeit gesetzt, welche von Menschenseele zu Menschenseele spielen und die Lebensharmonie verursachen.

Gegenwärtig braucht jeder einzelne Mensch einen gewissen Grad von Einsicht in die großen Weltziele, wenn er nicht auf die freie Beweglichkeit des Persönlichen verzichten soll. Jeder wird immer mehr und mehr Mitarbeiter am Gesellschaftsbau.

Die Richtung auf dieses Ziel nimmt die theosophische Gei­stesarbeit. Sie vermag allein den einzelnen, obenbezeichneten «Fragen» die richtige Bahn anzuweisen. Denn der Mensch­heitsbau ist ein Ganzes, und wer an ihm mitwirken will, muß bis zu einem gewissen Grade das Ganze überschauen. Alle die genannten Fragen hängen zusammen, und wer an einer der­selben arbeiten will ohne den Ausblick auf das große Ganze, der lebt in Planlosigkeit. Damit ist natürlich nicht gesagt, daß sich ein jeder gleichmäßig an allen diesen «Fragen» beteiligen soll. Gewiß, ein einzelner wird an Einer genug Arbeit finden. Aber die Richtung nach den umfassenden Menschheitszielen gibt der Einzelarbeit erst Sinn und Berechtigung. Wer die «Frauenfrage» oder die «Erziehungsfrage» usw. in völliger Absonderung lösen will, gleicht einem Arbeiter, der ohne Rücksicht auf einen sachgemäßen Gesamtplan an einer beliebigen

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Stelle eines Berges ein Loch zu bohren beginnt, und der Meinung wäre, es käme ein richtiger Tunnel zustande. Die theosophische Geistesart steht den praktischen Lebens­fragen nicht nur nicht fern, wenn sie im rechten Lichte auf­gefaßt wird, sondern sie strebt vielmehr nach der einzig mög­lichen Praxis. Nur wer über den engsten Kreis nicht hinaus­blicken will, kann einer solchen Lebenstichtung den prak­tischen Sinn absprechen.

Sicherlich nimmt sich heute noch manches unpraktisch aus, was in bezug auf die Lebensgestaltung von Theosophen ange­strebt wird; und die Engherzigen mögen sich oft recht prak­tisch vorkommen gegenüber solchen Schwärmern. Die letz­teren aber dürften, wenn sie es nötig hätten, auf gar manche praktische Einrichtung verweisen, die von den sich «prak­tisch » Dünkenden bei ihrer ersten Anregung für Phantasterei gehalten worden ist. Oder ist die Postmarke gegenüber den alten Einrichtungen eine Phantasterei gewesen? Und doch hat der maßgebliche praktische Oberbeamte den Gedanken an diese Einrichtung, der von einem «Nichtpraktiker» kam, als Schwärmerei angesehen, und unter anderem den Einwand gemacht, daß ja das «Postgebäude» Londons nicht groß genug wäre, wenn der Verkehr einen solchen Umfang an­nehme wie vorausgesagt würde. Und der Generalpostmeister von Berlin hat, als die erste Eisenbahn von der Hauptstadt nach Potsdam gebaut werden sollte, gesagt: wenn die Leute ihr Geld so verschwenden wollen, dann sollen sie es nur gleich zum Fenster hinauswerfen, denn er lasse täglich zwei Post-wagen nach Potsdam gehen, und es sitze niemand drinnen; wer solle dann in einer Eisenbahn fahren!

Die wahre Praxis liegt eben doch bei denen, welche die größeren Gesichtspunkte haben; und solche Praxis als Gesin­nung zu pflegen, sollte die Aufgabe der theosophlschen Lebensanschauung sein.

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THEOSOPHIE, SITTLICHKEIT UND GESUNDHEIT

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Die seit dreißig Jahren bestehende «Theosophische Gesell­schaft» hat zu ihrem ersten Grundsatze gemacht: «den Kern einer allgemeinen Verbrüderung der Menschheit zu bilden, ohne Unterschied der Rasse, des Glaubens, des Geschlechts und des Standes». In ihrer öffentlichen Tätigkeit macht sich nun aber die Gesellschaft die Verbreitung gewisser Lehren über Wiederverkörperung und Menschenschicksal (Karma), über höhere Lebensstufen, Weltbildung, Menschenentwicke­lung und ähnliches zur Aufgabe. - Viele mögen sagen: bedarf denn die Pflege der allgemeinen Menschenliebe, wie sie der obige Grundsatz zum Ausdrucke bringt, einer Gesellschaft, die solche Ansichten zur Geltung bringt? Ist solche unafas­sende Liebe denn nicht das Ideal eines jeden wahren Men­schenfreundes; und gibt es nicht viele Gesellschaften und Vereinigungen, welche ein gleiches Ziel anstreben, ohne von emern Bekenntnis zu den bezeichneten Lehren zu reden? Und mancher meint, man könne das Streben nach dem schönen Ziele dadurch nur schädigen, daß man es zusammenbringt mit der Ausbreitung gewisser Anschauungen. Zuweilen wird auch behauptet, jene Lehren könnten doch nur einer Minder­heit von Menschen verständlich sein, während das genannte Ziel in jeder Menschenseele Wurzel fassen müsse.

Diese Einwände gegen die Arbeit in der «Theosophischen Gesellschaft» haben viel Bestechendes für denjenigen, welcher die Sache nicht ganz genau betrachtet. Und es wäre in der Tat ein schwerer Fehler, den die Gesellschaft machen würde, wenn sie die Anerkennung gewisser Lehrsätze ihren Mit­gliedern zur Pflicht machen wollte. Aber es wird von den Arbeitern innerhalb der Gesellschaft ja auch immer wieder betont, daß nicht Ansichten und Meinungen, sondern allein jenes Ziel die Mitglieder vereinigen solle.

Man kann nun aber doch das öffentliche Eintreten für die angedeuteten Lehren sich deswegen zur Pflicht machen, weil man in ihnen die richtigen Mittel erkannt hat, das angestrebte

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Ziel zu erreichen. - Allgemeine Menschenliebe als solche zum Gegenstande einer Gesellschaft zu machen, ist zweifellos schön. Und wer sie fordert und predigt, wird in den weitesten Kreisen volle Zustimmung finden können. Denn diese Liebe ist eine Grundkraft der menschlichen Natur. Man könnte sie auch gar nicht dem menschlichen Herzen einpflanzen, wenn dieses nicht ursprünglich für sie veranlagt wäre.

Wenn dies aber der Fall ist: warum ist diese Liebe im Leben nicht allgemein verbreitet? Warum begegnet man so vielem Kampf, Streit, Haß? - Der Theosoph gibt darauf heute die Antwort, die er aus dem wahrhaften Kern der großen Mensch­heitslehren empfangen hat, derjenigen, die stets vom Streit zur Eintracht, vom Haß zur Liebe, vom Kampf zum Frieden geführt haben. Es ist das Wesentliche der theosophischen Vorstellungsart, daß man durch sie zu der unerschütterlichen Überzeugung gelangt, in Seele und Geist seien die wahrhaf­tigen Kräfte und Ursachen von allem, was in der Welt ge­schieht, und nicht in dem, was die äußeren Sinne beobachten und verlangen. Wer zu einer solchen Überzeugung gelangt ist, dem ist auch klar, daß wahre Vorstellungen und Gedanken die edelsten Kräfte in den Seelen wachrufen, und daß Streit, Haß und Kampf die Folge sind von Irrtum und Verblendung. So lange man es für gleichgültig hält, was der Mensch denkt, so lange mag man auch auf die Verbreitung gewisser Lehren keinen besonderen Wert legen. Ist man sich aber klar darüber geworden, daß die Welt nicht blinden Kräften, sondern gött­licher Weisheit ihren Ursprung und ihre Einrichtung ver­dankt; daß Weisheit überhaupt die Ursache aller Entwickelung und alles Fortschrittes in der Welt ist, dann wird man sich auch zu der Erkenntnis durchringen, daß die Güte des Her­zens aus dessen Zusammenstimmung mit dieser göttlichen Weisheit entspringen muß.

Könnte der Mensch nicht irren: er wäre nicht Mensch. Dies ist er dadurch, daß er nicht als Sklave einer irrtumlosen Natur-ordnung, sondern aus eigener freier Wahl seine Handlungen vollbringen kann. Gibt ihm die Befähigung zum Irrtume

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seine Menschenwürde, so macht sie ihn auch zum Urheber unzähliger Übel. Je tiefer man in die Theosophie eindringt, de­sto mehr enthüllt sich einem der Zusammenhang zwischen Irr­tum und Übel. So wahr es ist, daß alles Sinnliche und Materielle aus dem Geiste entspringt, so wahr ist es auch, daß alle Übel in der Sinnenwelt aus den Verirrungen des Geistes entspringen.

In unserer Zeit wird solches allerdings schwer verstanden. Was könnte dem gegenwärtigen Denken phantastischer er­scheinen, als wenn jemand behauptet, physische Krankheit habe etwas mit Irrtum, Gesundheit aber mit wahren und richtigen Vorstellungen zu tun? Die Zukunft wird zeigen, daß wirklicher Aberglaube nicht in dem Bekenntnis zu dieser Behauptung, sondern in dem Leugnen derselben besteht. Wer die Seele und den Geist wahrhaft erkennt, der macht sie nicht zu Anhängseln des Materiellen, sondern er sieht sie als Be-herrscher des letzteren an. Und das Wesen von Seele und Geist sind Wahrheit und Weisheit. Nicht bloß in äußerlicher Weise stiften Wahrheit und Weisheit das Gute und Vortreffliche, sondern sie schaffen als Kräfte der Seele und des Geistes das Vollkommene in der Außenwelt. - Nicht in einer kurzen Aus­einandersetzung, wie sie hier gegeben werden soll, kann es bewiesen werden, wohl aber wird es durch das Eindringeh in die Theosophie für jeden einleuchtend, daß Gesundheit des Körpers die Folge von Weisheit und Wahrheit der Seele, Krankheit aber die Wirkung des Irrtums und der Unweisheit ist. Wer in diese Behauptung einen oberflächlichen Sinn legt, der muß sie verkennen, und kann sie dann nur phantastisch finden. Den billigen Einwand, daß es doch sehr weise Men­schen mit schwacher Gesundheit, und robuste Menschen mit geringer Weisheit gibt, kann sich doch wohl auch derjenige selbst machen, welcher die obige Behauptung aufstellt. So einfach liegen aber die Dinge allerdings nicht, daß mit diesem Einwande etwas Erhebliches gesagt wäre. Ursache und Wir­kung, Irrtum und Übel liegen oft weit auseinander. Und schon um in den Sinn einer solchen Behauptung einzudringen, muß man sich tiefer mit der theosophischen Geistesart einlassen

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Moralische und physische Übel entspringen dem Irrtume: und wer sich zur Wahrheit und Weisheit hinaufarbeitet, der fördert das moralisch Gute und auch die physische Gesundheit der Welt. Darinnen liegt das Richtige der Behauptungen von geistiger Heilung. - Und es handelt sich darum, einzusehen, daß der Mensch das Gute und das Gesunde fördert, wenn er die göttliche Weisheit, aus welcher die Harmonie des Welt­alls entsprungen ist, auch in seine Seele einfließen läßt. -«Theo Sophia»ist «göttliche Weisheit». Was sie verkündet, sollen eben die großen, die göttlichen Gedanken sein, nach denen der Urgeist die Welt lenkt, nach denen sich das Leben bildet und der Mensch entwickelt. Es sind die Gesetze vom Leben der Seele in dem Leibe, von deren Schicksal in der Welt. Mit diesen großen Wahrheiten in Einklang leben bedingt Güte und Gesundheit; ihnen widerstreben hat das Böse und die Krankheit zur Folge. Je mehr man in sie eindringt, sich ganz von ihnen durchdringt, desto mehr werden sie zu wirk­samen Kräften in der Seele. - Versteht man die Theosophie recht, so meint man dieses, wenn man sagt, auf das bloße Wissen, auf die theoretische Erkennmis komme es nicht an, sondern auf das Leben. Wer aber behaupten wollte, daß er sich deshalb überhaupt um die Lehren der Weisheit nicht zu kümmern brauche, der würde gerade die Wirksamkeit der Vorstellung, des Gedankens leugnen, das heißt dessen, was das Leben des Geistes und der Seele ausmacht. Soll eine Kraft wirksam werden, so muß sie erst vorhanden sein. Sollen die göttlichen Gedanken, die in den Tiefen des Weltdaseins die schaffenden Kräfte sind, auch in der Menschenseele die sitt­lichenden und gesundenden Mächte werden, so müssen sie erst ihren Einzug halten in diese Seele. Nicht um eine bloße Wißbegierde zu befriedigen, verbreitet die theosophische Geistesrichtung gewisse Lehren, sondern weil sie damit den wahren sittlichen Menschheitsfortschritt' und nicht minder die wahre Gesundheit des Lebens herbeiführen will.

Die allgemeine Verbrüderung der Menschheit wird aus einem idealen Ziele zu einem umfassenden, schaffenden Gefühle,

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zu einer Fortschritt, Eintracht und Verständnis stif­tenden Ktaft werden, wenn die echte Theosophie ihr die Bahnen vorzeichnet. Gewiß kann jemand einwenden: aber wer bürgt denn dafür, daß in der Theosophle wirklich die heilende Wahrheit enthalten sei; haben denn nicht alle mög­lichen Geistesrichtungen die besten Wirkungen von sich ver­sprochen? Antwort darauf kann nur geben, wer sich mit dem theosophlschen Streben bekannt gemacht hat. Er wird dann finden, wie diese Geistesart gerade dadurch den Weg zur Wahrheit sucht, daß sie keiner einseitigen Meinung huldigt, oder eine solche jemandem aufdrängen will. Sie kann die wahre Toleranz jeder solchen Meinung gegenüber haben, ohne dadurch in Gleichgültigkeit zu verfallen. Denn echtes eigenes Wahrheitsstreben lehrt ein gleiches auch im anderen. unbedingt schätzen. Keine Meinung ist so falsch, daß bei wahrer Redlichkeit aus ihr heraus sich nicht die Wahrheit finden ließe. Und wer einer fremden Meinung gegenübertritt, der kann in dieser entweder das suchen, was sie von der seinigen unterscheidet, oder aber dasjenige, worinnen sie, wenn auch entfernt, doch der seinigen ähnlich ist. Wer das erstere sucht, wird zur inneren Trennung von Mensch und Mensch, wer aber nach dem letzteren bestrebt ist, der wird zur Einigung beitragen. Echte Theosophie sucht selbst im ärgsten Irrtume das sicher vorhandene Körnchen Wahrheit, ohne auf der unbedingten Richtigkeit der eigenen Meinung zu bestehen. Und so wird im Zusammenwirken der Meinun­gen die Wahrheit im allmählichen Fortschritte sicher zutage gefördert. Daraus aber entsteht eine innere Brüderlichkeit, eine solche der Gedanken, von der alle äußere das Abbild sein muß.

Aber, so wird eingewendet, ist denn alles das bei den Theo­sophen wirklich zu finden? Zweifellos nicht. Nicht aber darum kann es sich handeln: ob dieser oder jener, der sich Theosoph nennt, ein Ideal erfüllt, sondern einzig und allein darum, ob die Sache selbst geeignet ist, dieses Ideal zu fördern. Um aber darüber zu entscheiden, muß man sich mit dieser Sache selbst,

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und nicht bloß mit dem, was von ihr da oder dort zutage tritt, bekannt machen. Man fördert das Richtige viel mehr dadurch, daß man es selbst tut, als dadurch, daß man das Unrichtige beim anderen tadelt: Das wird man bald als eine der schönsten Früchte des eigenen theosophischen Strebens erkennen, daß dieses eine innere Überzeugungskraft hat, die nicht abhängig ist von den augenblicklichen äußeren Erfolgen. Bei solcher Gesinnung wird man bald klar darüber werden, daß, wo schlechte Früchte zutage treten, wohl auch nicht die rechte Theosophie zugrunde liegt.

Ein anderes, das gegen die «Theosophische Gesellschaft» vorgebracht wird, ist das Schwerverständliche ihrer Lehren, die nur für Menschen mit einer gewissen Vorbildung zu­gänglich sein sollen. Wer, so sagt man, kann sich, ohne beson­deres Studium, hineinfinden in die fremdländischen Aus­drücke, in all die verwickelten Theorien. Nicht geleugnet soll werden, daß nach dieser Richtung noch vieles zu leisten ist, um es der Theosophle möglich zu machen, das Herz und den Verstand eines jeden zu finden. Aber diese Arbeit muß eben geleistet werden. Was diese Geistesrichtung zu verkünden hat, das kann aber wirklich, wenn die rechten Ausdrucks­formen gefunden werden, einem jeden verständlich sein. Ja, nirgends ist es in so hohem Grade wie hier möglich, für einen jeden Grad von Schulung oder Lebenserfahrung die rechte Ausdrucksform zu finden. Der Gelehrteste und der Unge­lehrteste, beide können finden, was sie für das Heil und den Frieden ihrer Seele brauchen. Geistesrichtungen, die Großes wollen, können sich nicht im engen Kreise abschließen; und wo es bisher die Theosophie getan hat, da ist es geschehen, weil sie selbst erst im Anfange ihrer Laufbahn steht, und daher erst die rechten Wege auf den verschiedenen Gebieten des Lebens suchen muß. Je weiter aber die Kreise werden, über die sie sich verbreitet, um so geeigneter werden die Mittel sein, die sie anwendet. Daß sie dadurch an Tiefe und Ernst ver­lieren könnte, wenn sie größere Verbreitung gewinnt, ist kein Gedanke, dem sich jemand hingeben sollte. Denn die Verbreitung

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gewisser hier in Betracht kommender Lehren ist heute Pflicht; und man hat, wenn man das erkennt, für die Erhaltung des Echten in denselben zu sorgen, trotz der Ausbreitung, nicht aber durch die Furcht vor Entstellung sich von dieser Ausbreitung abhalten zu lassen.

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THEOSOPHIE UND WISSENSCHAFT

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Unter den mancherlei Vorwürfen, welche der Theosophie ge­macht werden, befindet sich auch der, daß sie unwissenschaft­lich sei. Und da die Wissenschaft oder vielmehr dasjenige, was man heute so nennt, eine unermeßlich große Autorität besitzt, so kann ein solcher Vorwurf der aufstrebenden theo­sophischen Bewegung sehr schaden. Die «gelehrte Welt» will sich überhaupt mit ihr nicht befassen, weil sie wegen ihrer Erziehung in den wissenschaftlichen Vorstellungen mit den von der Theosophie behaupteten Tatsachen nichts anzufangen weiß. Man kann das begreifen, wenn man sich vertraut gemacht hat mit den Ideen und Erfahrungen, die gegenwärtig dem Ju­risten, Mediziner, Lehrer, Chemiker, Ingenieur usw. während ihrer Lehrzeit beigebracht werden. Wie weit steht das alles ab von dem Inhalte der theosophischen Literatur. Welche andere Denkungsart herrscht in einem chemischen Vortrag als in den Lehren der tonangebenden Träger der Theosophie. Man geht gar nicht zu weit, wenn man sagt: es gibt augenblicklich kein größeres Hindernis gegenüber dem Verständnisse der theo­sophischen Behauptungen als den Besitz eines Doktortitels.

Das aber wirkt schlimm für die Verbreitung der Theoso­phie. Denn es ist nur zu begreiflich, daß derjenige, welcher die Dinge nicht ganz vollkommen durchschaut, durch eine solche Tatsache stutzig gemacht wird. Und so braucht es durchaus nicht immer der Böswilligkeit zu entspringen, wenn gesagt wird: euch Theosophen laufen doch nur die ungebil­deten Kreise zu; die Menschen aber, die auf der «Höhe der Wissenschaft» stehen, vermögt ihr nicht zu gewinnen.

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Daraus kann dann sehr leicht die Meinung entspringen, die Theosophle gehe einen falschen Weg; sie müsse sich mehr der Vorstellungsart der wissenschaftlichen Kreise anbequemen. Sehe man nur einmal, daß man die Lehren von Reinkarnation und Karma ebenso wissenschaftlich begründen könne wie die anderen Naturgesetze, dann erst werde es mit der Sache seine Richtigkeit haben; die gelehrte Welt werde so gewonnen werden und dadurch werde sich die Theosophie durchsetzen.

Das ist ein gutgemeinter Glaube; aber er entspringt doch nur einem verhängnisvollen Vorurteil. Dies besteht darinnen, daß man meint, die heute gebräuchliche wissenschaftliche Denkungsart könne aus sich selbst heraus jemals zur Theo-sophie kommen. Das ist aber keineswegs der Fall; und einer solchen Täuschung können sich nur diejenigen hingeben, welche unbewußt die anderswoher empfangenen theosophi­schen Ansichten in die gegenwärtige Wissenschaft hinein-tragen. Man kann nämlich sehr wohl alle theosophische Weis­heit so in die Wissenschaft hineintragen, und man wird nicht den mindesten Widerspruch finden zwischen dem, was an der Wissenschaft wahr ist, und den Behauptungen der Theoso­phen. Aber man kann nie und nimmer aus dem, was heute offiziell als Wissenschaft gelehrt wird, die Theo sophie heraus­holen. Man kann auf irgendeinem Gebiete im Sinne der Gegenwart der größte Gelehrte sein; zum Theosophen wird man durch diese Gelehrsamkeit nicht.

Wer sich die Dinge nur ein wenig gründlich überlegt, muß das einsehen. Was die Theosophen behaupten, sind ja durchaus nicht Schlußfolgerungen aus irgendwelchen Ideen oder Vorstellungen, sondern übersinnliche Tatsachen. Und Tatsachen können niemals durch bloße Logik und Schlußfolgerung gefunden werden, sondern lediglich durch die Erfahrung. Nun beschäftigt sich unsere offizielle Wissen­schaft allein mit den Tatsachen der sinnlichen Erfahrung. Alle ihre Ideen und Begriffe sind nur auf der Grundlage dieser Erfahrung aufgebaut. Sie kann daher, solange sie von dieser Voraussetzung ausgeht, niemals etwas über nichtsinnliche

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Tatsachen aussagen. Tatsachen beweist man niemals durch Logik, sondern allein dadurch, daß man sie in der Wirklich­keit aufzeigt. Man nehme einmal an, heute wäre der Walfisch noch ein unbekanntes Tier. Wird jemand sein Vorhandensein durch Schlußfolgerungen nachweisen können? Auch wenn er ein noch so guter Kenner aller anderen Tiere ist, wird er das nicht können. Doch wird der Ungelehrteste das Vorhan­densein des Walfisches beweisen, wenn er ihn in der Wirklich­keit entdeckt. Und wie lächerlich erschiene ein Gelehrter, der gegenüber einem solchen Ungelehrten aufträte und sagte: nach der Wissenschaft sind derlei Tiere wie Walfische nicht möglich, also gibt es keine; der Entdecker muß sich getäuscht haben.

Nein, mit der bloßen Gelehrsamkeit ist gegenüber der Theosophie gar nichts anzufangen. Über ihre Tatsachen kann nichts entscheiden als die übersinnliche Erfahrung. Zu dieser übersinnlichen Erfahrung muß man den Menschen verhelfen, nicht sie auf eine unfruchtbare Gelehrsamkeit verweisen.

Nun wird man ja natürlich sogleich mit einem Einwande bei der Hand sein. Er ist so billig wie möglich. Wenn nun aber die Menschen einmal keine übersinnliche Erfahrung haben: wie könnt ihr ihnen zumuten, daß sie glauben, was ein paar Leute sagen, die vorgeben, Hellseher zu sein und solche Er­fahrungen zu haben? Ihr müßtet es zum mindesten unterlas­sen, die theosophischen Erfahrungen vor einem nicht hellsehenden Publikum zu lehren, und sie nur jenen vortragen, die ihr zuerst heilsehend gemacht habt.

Das klingt leidlich, kann aber vor dem wahren Tatbestande nicht aufrecht erhalten werden. Denn erstens müßten die­jenigen, die so sprechen, auch alle volkstümlichen naturwis­senschaftlichen Vorträge und Schriften höchst anstößig fin­den. Oder haben die zahlreichen Leser von Haeckels «Natür­licher Schöpfungsgeschichte», oder Carus Sternes «Werden und Vergehen» alle die Moglichkeit, sich selbst von der Wirk lichkeit des da Behaupteten zu überzeugen? Nein, man wendet sich auch da zunächst an die Gläubigkeit des Publikums und

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setzt voraus, daß es Vertrauen habe zu denen, die selbst im Laboratorium oder auf der Sternwarte forschen. - Zweitens aber verhält es sich mit der Gläubigkeit, die man für über­sinnliche Tatsachen voraussetzt, doch noch ganz anders als bei sinnlichen. Wer erzählt, was er durch ein Mikroskop oder Fernrohr gesehen hat, macht ja gewiß die Voraussetzung, daß sein Zuhörer sich von der Wahrheit des Erzählten selbst über­zeugen kann, wenn er sich die Kunstgriffe aneignet, deren man sich bei solcher Forschung bedienen muß, und wenn er sich die betreffenden Werkzeuge verschafft. Aber die bloße Erzählung hilft zu solcher Bewahrheitung gar nichts. Anders ist es mit den übersinnlichen Tatsachen. Wer von ihnen spricht, erzählt nichts, was nicht in der menschlichen Seele selbst er­fahren werden kann. Und die Erzählung an sich kann der Anreger sein, die in der Seele verborgenen Kräfte des eigenen Anschauens hervorzulocken. Sprich zu jemandem noch so viele Worte über kleine Organismen, die durch ein Mikroskop gesehen werden können: deine Worte werden ihm niemals die Geheimnisse des Mikroskopes sichtbar machen. Er muß sich zur Bewahrheitung von außen die Mittel verschaffen. Sprich aber zu ihm von dem, was in der Seele selbst gefunden werden kann, und dein Wort kann als solches den Anfang damit machen, die schlummernden Sehkräfte seines Jnnern hervorzuzaubern. Das ist der große Unterschied zwischen der Mitteilung übersinnlicher und sinnlicher Tatsachen, daß bei den ersteren die Mittel zur Bestätigung in der Seele eines jeden Menschen selbst liegen, bei den letzteren nicht. Es soll hier keineswegs jener oberflächlichen Auffassung von Theosophie das Wort geredet werden, welche stets nur behauptet: zur Ergründung der göttlichen Wahrheit brauche ein jeder bloß in sein Inneres sich zu versenken, da finde er den «Gottmenschen», welcher der Quell aller Weisheit ist. Wenn der Mensch sich auf irgendeiner beliebigen Stufe seines Daseins in seine Seele vertieft und dann vermeint, daß das «höhere Selbst»in ihm spreche, so wird es in den meisten Fällen nur das gewöhnliche «Ich» sein, welches aus sich hervorholt, was

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es sich aus seiner Umgebung, durch Erziehung usw. ange­eignet hat. So wahr es ist, daß die göttliche Wahrheit in der Seele selbst eingeschlossen ist, so wahr ist es auch, daß sie aus derselben am besten dadurch herausgeholt werden kann, daß man sich die Wege zeigen läßt von einem vorgeschritteneren Menschen, der in sich schon gefunden hat, was man selbst sucht. Wovon dir der hellsehende Lehrer sagt, daß er es in sich gefunden hat das kannst du in dir selbst finden, wenn du dich unbefangen' seinen Angaben überläßt. Das «höhere Selbst»ist in allen Menschen das gleiche, und man findet es am sichersten, wenn man sich nicht in Eitelkeit abschließt, sondern dieses «höhere Selbst» auf sich wirken läßt von da aus, wo es bereits in einem Menschen spricht. Wie in allen andern Dingen, so sind die Lehrer für die suchende Seele eine Notwendigkeit.

Aber mit dieser Einschränkung gilt es, daß ein jeder die Wahrheit der übersinnlichen Tatsachen in sich selbst finden kann. Wer nur Unbefangenheit, Ausdauer, Geduld und guten Willen hat, der wird bei der Erzählung solcher Tatsachen in sich alsbald ein Gefühl aufsteigen sehen, das ahnende Zu­stimmung ist. Und folgt er diesem Gefühle, dann ist er auf dem rechten Wege Denn dieses Gefühl ist die erste von den­jenigen Mächten welche die schlummernden Seelenkräfte wecken. Wenn die Wahrheit so vor uns hintritt, wie sie von der hellsichtigen Seele geschaut worden ist, dann spricht sie zu uns durch ihre eigene Kraft. Gewiß ist damit nur ein aller-erster Anfang auf dem Wege zu höherer Erkenntnis gemacht und zum Weiterschreiten bedarf es sorgfältiger Schulung; aber dieser Anfang ist durch unbefangenes Hinhören auf das Wort der Wahrheit doch sicher gelegt.

Wie kommt es nun, daß in unserer Zeit doch in so vielen Menschen dieses Gefühl gegenüber der Mitteilung übersinn­licher Tatsachen nicht auflebt? Das rührt eben einfach daher, weil der Mensch der Gegenwart, und am meisten der wissen­schaftlich geschulte sich daran gewöhnt hat, nur den Zeug­nissen der Sinne Gla'uben zu schenken. Und ein solcher Glaube

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wirkt lähmend auf das unbefangene Gefühl. Man muß sich erst von ihm befreien, wenn man den hellsehenden Forscher verstehen will. Man muß in sich frei werden von den durch die «Wissenschaft» und ihre landläufigen Vorurteile geschaf­frnen Denkgewohnheiten. Das heißt; man kann nicht aus dieser Wissenschaft heraus die höheren Wahrheiten finden, sondern unabhängig von ihr auf den inneren Wegen der Seele. Hat man auf diese Art erst den Zugang zu den höheren Er-kenntnissen gefunden, dann wird man diese auch durchjede wahre Wissenschaft bestätigt finden. Und gerade unsere gegenwärtige Wissenschaft wird sich dann als der herr­lichste Beweis für die höhere Wahrheit ergeben. So wenig diese Wissenschaft geeignet ist, demjenigen das Übersinn­liche zu geben, der es noch nicht auf andere Weise gefun-den hat, so viel vermag sie dem zu bieten, bei dem das der Fall ist.

Deshalb kann es nur die Aufgabe der theosophischen Be­wegung sein, die Autorität und blinde Anhängetschaft in bezug auf «wissenschaftliche»Vorurteile zu brechen. - Damit ist nichts gegen die Errungenschaften der gegenwärtigen Wissenschaft gesagt, sondern lediglich die Notwendigkeit betont, nicht in blindem Glauben denjenigen zu folgen, welche diese Wissenschaft im Sinne einer Leugnung der übersinn­lichen Tatsachen sich zurechtlegen.

Ein in der gegenwärtigen Zeitströmung etzogener Ge­lehrter wird erst dann in seiner Wissenschaft den Ausdruck des Übersinnlichen finden können, wenn er durch theoso­phische Vertiefung sich dazu vorbereitet hat. Keine Chemie, keine Zoologie, Geologie und Physiologie, wie sie jetzt aus­gebaut sind, können aus sich heraus zur Theosophie führen; aber alle werden sie zum Beweise der übersinnlichen Erkennt­nisse dienen können, wenn diese durch die theosophlsche Ansicht erst gewonnen sind. Erst wenn der Mensch den theo­sophischen Sinn erhalten hat, wird er ihn auch in der Wissen­schaft betätigen. Die theosophische Weltbetrachtung braucht die gegenwärtige Wissenschaft nicht, um ihre Wahrheit zu

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bekräftigen; aber dieser Wissenschaft ist die theosophische Vertiefung notwendig.

Die Einwände, die sich gegen all das erheben können, sind natürlich zahlreich. Es kann zum Beispiel darauf hingewiesen werden, wie die gegenwärtige Seelenkunde durch die Erfor­schung der Tatsachen des Hypnotismus, der Suggestion usw. sich bemüht, dem Übersinnlichen nahe zu kommen. In Wahr­heit nähert man sich aber durch die Art, wie diese Dinge er­forscht werden, nicht den höheren Erkenntnissen, sondern man entfernt sich nur davon. Denn man sucht ja die irre­führenden Wege auch in bezug auf das Übersinnliche zu gehen. Man ist nämlich bestrebt, das Übersinnliche durch die äußeren Sinne zu finden. Doch kommt es nicht darauf an, das Übersinnliche zu den äußeren Sinnen herabzuziehen, sondern die inneren Wahrnehmungsfählgkeiten zu entwickeln. Wer durch äußere Mittel das Übersinnliche beweisen will, der gleicht einem Menschen, welcher mir durch allerlei Mittel im Zimmer beweisen will, daß draußen schönes Wetter ist, statt einfach das Fenster aufzumachen und mich das schöne Wetter sehen zu lassen. Man mag durch noch so schöne Experimente beweisen, daß der Mensch in seiner Seele mehr hat, als was das alltägliche Bewußtsein kennt: man wird doch nicht mehr finden können als einen äußeren Abglanz dessen, was sich in vollem Umfange und in seiner eigenen Wahrheit enthüllt, wenn man die inneren Wege der Seele verfolgt. - Photo­graphiert selbst Geister: für denjenigen, der in seinem Innern den Geist nicht findet, werdet ihr damit nichts beweisen. Denn er wird euch den Beweis zu erbringen versuchen, daß euere Photographie auf einem ganz materiellen Wege zu­standegekommen sei. Wer aber den Geist in sich gefunden hat, dem wird jede Blume, jeder Stein ein verkörpertes Geist-wesen sein, und mehr ist auch alles das nicht, was ihr mit den Mitteln der am Sinnlichen haftenden Wissenschaft zustande bringen könnt. - Es wäre eine Schwachheit, wenn man dem materialistischen Zeitbewußtsein so entgegenkommen würde, daß man ihm mit seinen Mitteln das Übersinnliche beweisen

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wollte. Man muß ihm vielmehr klarmachen, daß mit diesen Mitteln nichts Wahrhaftiges zu erreichen ist.

Die von den gegenwärtigen Gelehrten unternommenen Versuche im Übersinnlichen sind nicht ein Anfang zu etwas Neuem, sondern sie stellen nur die letzten Zuckungen des Materialismus dar, der sich nicht über das Sinnliche erheben kann und deshalb seine übersinnlichen Bedürfnisse aus dem Sinnlichen heraus befriedigen möchte.

Man soll die höheren Erkenntuiskräfte nicht dadurch ein­lullen, daß man den Glauben nährt, es sei auch ohne ihre Erweckung ein Beweis des Übersinnlichen möglich. Der Theosoph kann sich nicht auf den Boden der gegenwärtigen wissenschaftlichen Vorurteile stellen, er muß vielmehr die Wissenschaft erst durch seine höheren Erkenntnisse befruch­ten. Findet die Theosophle erst Eingang in die Seelen, dann folgt von selbst, daß ihr auch die Pforten der Wissenschaft sich erschließen. Die Theosophie braucht man nicht wissen­schaftlich zu machen, denn das ist sie in einem viel höheren Sinne als die gegenwärtige Wissenschaft; aber die Wissen­schaft muß theosophlsch gemacht werden.

Erst muß man auf die übersinnlichen Tatsachen geführt werden, dann kann man sie in das Gebäude der Wissenschaft einreihen; aber man kann aus einer Wissenschaft, welche diese Tatsachen nicht kennt, sie nicht durch logische oder ander­weitige Schlußfolgerungen herausholen. Bevor nicht der Sinn für das Überphysische erschlossen ist, kann keine Wissen­schaftlichkeit mit diesem etwas anfangen. Das sollten die­jenigen begreifen, welche immer wieder der Theosophie ihre Unwissenschaftlichkeit vorwerfen.

Wer in der wissenschaftlichen Denkungsart unserer Zeit aufgewachsen ist, dem mag es schwer werden, das Gesagte mit unbefangenem Sinne hinzunehmen. Denn die Suggestion, welche von dieser Wissenschaft ausgeht, ist groß. Ihre Er­rungenschaften mit ihrer Folge, der gegenwärtigen materiellen Kultur, wirken überwältigend. Aber man braucht kein Feind dieser Wissenschaft zu sein, um sich der Theosophie zuzu­wenden.

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Im Gegenteil, man wird dadurch erst ihr wahrer Freund. Das Gold dieser Wissenschaft kann erst durch die Theosophie gewonnen werden. In welch herrlichem Lichte erstrahlen dann Haeckels Entdeckungen, ja welchen Anblick gewähren die Ergebnisse unserer Physiologen, Anthropolo­gen, Kulturhistoriker usw., wenn man sie im theosophischen Lichte sieht, und nicht mit dem materialistisch befangenen Sinne ihrer gegenwärtigen Träger. Gegen niemand soll damit auch nur der geringste Vorwurf erhoben werden. Wie man sagt, daß große Persönlichkeiten oft die Fehler ihrer Tugen­den haben, so ist es auch bei den Zeitströmungen. Um die herrlichen Entdeckungen auf dem Felde der sinnlichen Tat­sachenwelt zu machen, mußten die Forscher eine Zeitlang das Wandeln auf den Wegen der Seele zurückstellen. Und was man eine Zeitlang nicht übt, dafür verliert man allmählich den Sinn. So wie gewisse augenbegabte Tiere die Sehkraft ver­lieren, wenn sie in finstere Höhlen einwandern und dort dauernd ihr Leben fortsetzen, wie die Muskeln der Hand schwach werden, wenn sie eine Zeitlang aller schweren Arbeit sich entwöhnen, so verloren die Pfadfinder im Sinnlichen die Sehkraft für das Übersinnliche. Man muß sie nach ihren posi­tiven Errungenschaften schätzen und hat gar nicht nötig, sie wegen dessen, was sie um dieser Errungenschaften willen geopfrrt haben, zu unterschätzen. Aber über das, was wirklich ist, entscheidet nicht derjenige, der es nicht gesehen hat, sondern derjenige, dem es sich erschlossen hat. Deshalb kann auch aller Protest der Naturforscher nicht in Betracht kom­men gegen diejenigen, welche sich die Fähigkeit zu über-sinnlichem Schauen angeeignet haben. Aber man kann auch bei den Naturforschern der Gegenwart selbst keine Auskunft über das Übersinnliche gewinnen. Das hieße doch bei dem Blinden über die Farbe sich erkundigen. Der Blinde hat für gewisse Feinheiten des Tastsinnes eine intime Empfindung; über sie mag man viel von ihm lernen. Um aber die Farben kennen zu lernen, muß man selbst das Auge auf sie richten. Die Naturwissenschaft ist wichtig für das Tasten im Sinnlichen;

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aber sie vermag nichts zu bieten für das Schauen im Übersinnlichen. Der Blinde muß sich von dem Sehenden über das Licht belehren lassen; so kommt es auch der Natur­wissenschaft zu, von dem Theosophen sich über den Geist unterrichten zu lassen. Und diejenigen sind auf verhängnis­vollen Irrwegen, welche von dem tastenden Naturforscher sich die Beweise holen wollen für das helle Licht der geistigen Welt.

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GEISTESWISSENSCHAFT

UND SOZIALE FRAGE

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Wer gegenwärtig mit offenen Augen die Welt um sich herum betrachtet, der sieht überall das sich mächtig erheben, was man die «soziale Frage» nennt. Diejenigen, welche es mit dem Leben ernst nehmen, müssen in irgendeiner Art sich Gedan­ken über das machen, was mit dieser Frage zusammenhängt. Und wie selbstverständlich muß es erscheinen, daß eine solche Vorstellungsart, welche zu ihren Aufgaben die höchsten Menschheitsideale gemacht hat, irgendwie ein Verhältnis ge­winnen muß zu den sozialen Anforderungen. Eine solche Vorstellungsart will aber die geisteswissenschaftliche für die Gegenwart sein. Deshalb ist es nur natürlich, wenn nach die­sem Verhältnis gefragt wird.

Nun kann es zunächst den Eindruck machen, als ob die Geisteswissenschaft nichts Besonderes nach dieser Richtung hin zu sagen hätte. Man wird als ihren hervorstechendsten Charakterzug zunächst die Verinnerlichung des Seeleniebens und die Erweckung des Blickes für eine geistige Welt er­kennen. Selbst solche, die sich nur flüchtig mit den Ideen bekannt machen, welche durch geisteswissenschaftlich orien-tierte Redner und Schriftsteller Verbreitung finden, werden bei unbefangener Betrachtung dieses Streben erkennen kön­nen. Schwieriger ist es aber einzusehen, daß dieses Streben gegenwärtig eine praktische Bedeutung habe. Und insbeson­dere kann nicht leicht dessen Zusammenhang mit der sozialen Frage einleuchtend werden. Was soll, so wird mancher fragen, eine Lehre den sozialen Übelständen helfen, die sich mit «Wiederverkörperung», mit «Karma», mit der «übersinn­lichen Welt», mit der «Entstehung des Menschen» und so weiter befaßt? Eine solche Gedankenrichtung scheint von aller Wirklichkeit hinweg in ferne Wolkenhöhen zu fliegen, während jetzt doch ein jeder dringend nötig hätte, sein ganzes Denken zusammenzunehmen, um den Aufgaben zu genügen, welche die irdische Wirklichkeit stellt.

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Von all den verschiedenen Meinungen, die gegenwärtig in bezug auf die Geisteswissenschaft notwendig hervortreten müssen, seien hier zwei verzeichnet. Die eine besteht darin, daß man sie als den Ausdruck einer zügellosen Phantastik ansieht. Es ist ganz natürlich, daß eine solche Ansicht besteht. Und sie sollte am wenigsten für den geisteswissenschaftlich Strebenden etwas Unbegreifliches haben. Jedes Gespräch in seiner Umgebung, alles, was um ihn herum vorgeht, was den Menschen Lust und Freude macht, alles das kann ihn darüber belehren, daß er zunächst eine für viele geradezu närrische Sprache führt. Zu diesem Verständnis seiner Umgebung muß er dann allerdings die unbedingte Sicherheit hinzubringen, daß er auf dem rechten Wege ist. Sonst könnte er kaum auf-recht stehen, wenn er sich den Widerstreit seiner Vorstellun­gen mit denen so vieler anderer klar macht, die zu den Unter-richteten und Denkenden gehören. Hat er die rechte Sicher­heit, kennt er die Wahrheit und Tragkraft seiner Ansicht, dann sagt er sich: ich weiß ganz gut, daß ich gegenwärtig als Phantast angesehen werden kann, und es ist mir einleuchtend, warum das so ist; aber die Wahrheit muß wirken, auch wenn sie verlacht und verhöhnt wird, und ihre Wirkung hängt nicht ab von den Meinungen, die man über sie hat, sondern von ihrer gediegenen Grundlage.

Die andere Meinung, von welcher die Geisteswissenschaft betroffen wird, ist die, daß ihre Gedanken zwar schön und befriedigend seien, daß sie aber nur für das innere Seelenleben, nicht für den praktischen Lebenskampf einen Wert haben können. Selbst solche, welche zur Stillung ihrer geistigen Be­dürfnisse nach der geisteswissenschaftlichen Nahrung ver­langen, können nur zu leicht versucht sein, sich zu sagen: ja, aber wie der sozialen Not, dem materiellen Elend beizukommen ist, darüber kann diese Gedankenwelt doch keine Aufklärung geben. - Nun beruht aber gerade diese Meinung auf einem vollständigen Verkennen derwirklichen Tatsachen des Lebens, und vor allen Dingen auf einem Mißverständnisse gegenüber den Früchten der geisteswissenschaftlichen Vorstellungsart.

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Man fragt nämlich fast ausschließlich: was lehrt die Geistes­wissenschaft? Wie kann man beweisen, was sie behauptet? Und man sucht dann die Frucht in dem Gefühl der Befriedi­gung, die man aus den Lehren schöpfen kann. Das ist natürlich so selbstverständlich wie möglich. Man muß ja zunächst eine Empfindung für die Wahrheit von Behauptungen erhalten, die emem gegenübertreten. Die wahre Frucht der Geisteswissen­schaft darf aber darinnen nicht gesucht werden. Diese Frucht zeigt sich nämlich erst dann, wenn der geisteswissenschaft­lich Gesinnte an die Aufgaben des praktischen Lebens heran­tritt. Es kommt darauf an, ob ihm die Geisteswissenschaft etwas hilft, diese Aufgaben einsichtsvoll zu ergreifen und mit Verständnis die Mittel und Wege zur Lösung zu suchen. Wer im Leben wirken will, muß das Leben erst verstehen. Hier liegt der Kernpunkt der Sache. Solange man dabei stehen bleibt, zu fragen: was lehrt die Geisteswissenschaft, kann man diese Lehren zu «hoch» für das praktische Leben finden. Wenn man aber darauf das Augenmerk richtet, welche Schu­lung das Denken und Fühlen durch diese Lehren erfährt, dann wird man aufhören, solchen Einwand zu machen. So absonderlich es für die oberflächliche Auffassung erscheinen mag, es ist doch richtig: die scheinbar im Wolkenkuckucksheim schwebenden geisteswissenschaftlichen Gedanken bilden den Blick aus für eine richtige Führung des alltäglichen Lebens. Und die Geisteswissenschaft schärft gerade dadurch das Verständnis für die sozialen Forderungen, daß sie den Geist erst in die lichten Höhen des Übersinnlichen führt. So widerspruchsvoll das erscheint, so wahr ist es.

Es soll einmal an einem Beispiele gezeigt werden, was damit gemeint ist. Ein ungemein interessantes Buch ist in der letzten Zeit erschienen: «Als Arbeiter in Amerika» (Berlin K. Siegis-mund). Es hat zum Verfasser den Regierungsrat Kolh, der es unternommen hat, monatelang als gewöhnlicher Arbeiter in Amerika zuzubringen. Dadurch hat er sich ein Urteil über Menschen und Leben angeeignet, wie es ihm offenbar ebenso­wenig der Bildungsweg hätte geben können, durch den er

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Regierungsrat geworden ist, noch auch die Erfahrungen, welche er auf diesem Posten und auf all den Stellen hat sam­meIn können, die man einnimmt, bevor man Regierungsrat wird. Er war somit jahrelang an einer verhältnismäßig ver­antwortungsvollen Stelle, und erst, als er aus dieser herausge­treten ist und - kurze Zeit - in fernem Lande gelebt hat, lernt er das Leben so kennen, daß er in seinem Buche den folgenden beherzigenswerten Satz schreibt: «Wie oft hatte ich früher, wenn ich einen gesunden Mann betteln sah, mit moralischer Entrüstung gefragt: Warum arbeitet der Lump nicht? Jetzt wußte ichs. In der Theorie sieht sichs eben anders an, als in der Praxis, und selbst mit den unerfreulichsten Kategorien der National-ökonomie hantiert sichs am 5tudiertisch ganz ertrag lich.» Nun soll hier nicht das geringste Mißverständnis hervorgerufen wer­den. Die vollkommenste Anerkennung muß dem Manne ent­gegengebracht werden, der es sich abgewonnen hat, aus be­haglicher Lebenslage herauszutreten, und in einer Brauerei und Fahrradfabrik schwer zu arbeiten. Die Hochschätzung dieser Tat soll vorerst möglichst stark betont werden, damit nicht der Glaube erweckt werde, es solle der Mann abfälliger Kritik unterworfen werden. - Aber für jeden, der sehen will, ist unbedingt klar, daß alle Schulung, alle Wissenschaft, die der Mann durchgemacht hat, ihm kein Urteil über das Leben gegeben haben. Man versuche es sich doch klar zu machen, was damit zugestanden ist: Man kann alles lernen, was emen gegenwärtig befähigt, verhältnismäßig leitende Stellen einzu­nehmen: und man kann dabei dem Leben, auf das man wirken soll, ganz ferne stehen. - Ist das nicht so, als wenn man in irgendeiner Schule für den Brückenbau ausgebildet würde, und dann, wenn man vor die Aufgabe tritt, eine Brücke zu bauen, man nichts davon verstehe? Doch nein: es ist nicht ganz so. Wer sich für den Brückenbau schlecht vorbereitet, dem wird sein Mangel bald klar werden, wenn er an die Praxis herantritt. Er wird sich als Pfuscher erweisen und über­all zurückgewiesen werden. Wer sich aber für das Wirken im sozialen Leben schlecht vorbereitet, dessen Mängel können

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sich nicht so schnell erweisen. Schlecht gebaute Brücken stürzen ein; und dem Befangensten ist dann klar, daß der Brückenbauer ein Pfuscher war. Was aber im sozialen Wirken verpfuscht wird, das zeigt sich nur darinnen, daß die Mit­menschen darunter leiden. Und für den Zusammenhang dieses Leidens mit dem Pfuschertum hat man nicht so leicht ein Auge wie für das Verhältnis zwischen Brückeneinsturz und unfähigem Baumeister. - «Ja, aber», wird man sagen, «was hat denn das alles mit der Geisteswissenschaft zu tun? Glaubt der geisteswissenschaftlich Gesinnte etwa gar, daß seine Lehren dem Regierungsrat Kolb ein besseres Verständnis des Lebens beigebracht hätten? Was hätte es ihm genützt, wenn er etwas von , und allen gewußt hätte? Niemand wird doch behaupten wollen, daß die Ideen über planetarische Systeme und höhere Welten den genannten Regierungsrat hätten davor bewahren können, eines Tages sich gestehen zu müssen, .» Der geistes­wissenschaftlich Gesinnte kann nun wirklich - wie Lessing in einem bestimmten Falle - antworten: «Ich bin dieser , ich behaupte es geradezu.» Nur muß man das nicht so verstehen, als ob jemand mit der Lehre von der «Wiederverkörperung», oder dem Wissen vom «Karma» sich sozial richtig betätigen könne. Das wäre natürlich naiv. Die Sache geht selbstver­ständlich nicht so, daß man diejenigen, welche zu Regierungs-räten bestimmt sind, statt sie zu Schmoller, Wagner oder Brentano auf die Universität zu schicken, auf die «Geheim-lehre» der Blavatsky verweist. - Worauf es ankommt, ist aber dieses: wird eine nationalökonomische Theorie, welche von einem geisteswissenschaftlich Gesinnten herrührt, eine solche sein, mit der sich am Studiertische gut hantieren läßt, die aber dem wirklichen Leben gegenüber versagt? Und das eben wird sie nicht sein. Wann hält eine Theorie dem Leben gegenüber nicht stand? Wenn sie durch ein Denken hervorgebracht ist, das nicht für das Leben geschult ist. Nun sind aber die Lehren

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der Geisteswissenschaft ebenso die wirklichen Gesetze des Lebens, wie die Lehren der Elektrizjtät diejenigen einer Fabrik für elektrische Apparate sind. Wer eine solche Fabrik em­richten will, muß zuerst wahre Elektrizitätslehre sich an­eignen. Und wer im Leben wirken will, der muß die Gesetze des Lebens kennenlernen. So fern aber scheinbar die Lehren der Geisteswissenschaft dem Leben stehen, so nahe sind sie ihm in Wahrheit. Dem oberflächlichen Blick erscheinen sie weltfremd; dem wahren Verständnis erschließen sie das Leben. Man zieht sich nicht aus bloßer Neugierde zurück in «geisteswissenschaftliche Zirkel», um da allerlei «interes­sante» Aufschlüsse über jenseitige Welten zu erhalten, son­dern man trainiert da sein Denken, Fühlen und Wollen an den «ewigen Gesetzen des Daseins», um herauszutreten in das Leben, und mit hellem, klarem Blick dieses Leben zu ver­stehen. Die geisteswissenschaftlichen Lehren sind ein Umweg zu einem lebensvollen Denken, Urteilen und Empfinden. - Die geisteswissenschaftliche Bewegung wird erst in ihrem rechten Geleise sein, wenn man das voll einsehen wird. Rechtes Han­deln entspringt aus rechtem Denken; und unrechtes Handeln entspringt aus verkehrtem Denken oder aus der Gedanken­losigkeit. Wer überhaupt daran glauben will, daß auf sozialem Gebiete etwas Gutes gewirkt werden kann, der muß zugeben, daß es von den menschlichen Fähigkeiten abhängt, solches Gute zu wirken. Durch die Ideen der Geisteswissenschaft hindurch sich arbeiten, bedeutet Steigerung der Fähigkeiten zu sozialem Wirken. Es handelt sich in dieser Beziehung nicht allein darum, welche Gedanken man durch die Geisteswissenschaft aufnimmt, sondern darum, was man aus seinem Denken durch sie macht.

Gewiß muß zugegeben werden, daß innerhalb der Kreise selbst, die sich der Geisteswissenschaft widmen, noch nicht allzuviel von einer Arbeit gerade in dieser Hinsicht zu merken ist. Und ebensowenig kann geleugnet werden, daß gerade deshalb die der Geisteswissenschaft Fernstehenden noch allen Grund haben, die obigen Behauptungen zu bezweifeln. Aber

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es darf auch nicht außer acht gelassen werden, daß die geistes­wissenschaftliche Bewegung in gegenwärtiger Auffassung erst im Anfange ihrer Wirksamkeit steht. Ihr weiterer Fortschritt wird darinnen bestehen, daß sie sich einführt in alle praktischen Gebiete des Lebens. Dann wird sich beispielsweise für die « soziale Frage» zeigen, daß an Stelle von Theorien, «mit denen sich am Studiertische ganz gut hantieren»läßt, solche treten werden, welche die Einsicht befähigen, unbefangen das Leben zu beurteilen, und dem Willen die Richtung zu solchem Handeln geben, daß Heil und Segen für die Mitmenschen entspringt. Gar mancher wird sagen, gerade am Falle Kolb zeige es sich, daß der Hinweis auf die Geisteswissenschaft überflüssig sei. Es wäre nur notwendig, daß die Leute, die sich für irgendeinen Beruf vorbereiten, ihre Theorien nicht bloß in der Studierstube lernten, sondern daß sie mit dem Leben zusammengebracht würden, daß sie neben der theo­retischen auch eine praktische Anleitung erhielten. Denn so­bald Kolb sich das Leben ansah, genügte doch auch das, was er gelernt hatte, um zu einer anderen Meinung zu korumen, als er früher hatte. - Nein, es genügt nicht, weil der Mangel tiefer liegt. Wenn einer sieht, daß er mit einer mangelhaften Vorbildung nur Brücken bauen kann, die einstürzen, so hat er sich damit noch lange nicht die Fähigkeit erworben, solche zu bauen, die nicht einstürzen. Er muß sich zu letzterem erst eine wirklich fruchtbare Vorbildung aneignen. Sicherlich braucht man nichts weiter, als sich die sozialen Verhältnisse nur anzusehen, auch wenn man eine noch so unzulängliche Theorie hat über die Grundgesetze des Lebens, und man wird nicht mehr jedem gegenüber, der nicht arbeitet, sagen: «war­um arbeitet der Lump nicht?». Man kann dann aus den Ver­hältnissen heraus verstehen, warum ein solcher nicht arbeitet. Aber hat man damit schon gelernt, wie die Verhältnisse zum Gedeihen der Menschen zu gestalten sind? Zweifellos haben alle die gutwilligen Menschen, welche ihre Pläne aufgetischt haben über Verbesserung des Menschenloses, nicht geurteilt wie der Regierungsrat Kolb vor seiner Amerikafahrt. Sie

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waren alle doch wohl auch vor solcher Expedition der Über­zeugung, daß nicht jeder, dem es schlecht geht, abzufertigen sei mit der Phrase «warum arbeitet der Lump nicht?». Sind deshalb alle ihre sozialen Reformvorschläge fruchtbar? Nein, das können sie schon deshalb nicht sein, weil sie so vielfach einander widersprechen. Und man wird deshalb ein Recht haben, zu sagen, daß wohl auch des Regierungsrates Kolb positive Reformpläne nach seiner Bekehrung nicht sonderlich viel Wirkung haben können. Das eben ist der Irrtum unserer Zeit in dieser Beziehung, daß sich ein jeder für befähigt hält, das Leben zu verstehen, auch wenn er sich nichts mit den Grundgesetzen des Lebens zu schaffen gemacht hat, wenn er sein Denken nicht erst geschult hat, um die wahren Kräfte des Lebens zu sehen. Und Geisteswissenschaft ist Schulung für eine gesunde Beurteilung des Lebens, weil sie dem Leben auf den Grund geht. Es hilft gar nichts, zu sehen, daß die Ver­hältnisse den Menschen in ungunstige Lebenslagen bringen, in denen er verkommt: man muß die Kräfte kennen lernen, durch welche günstige Verhältnisse geschaffen werden. Und das können unsere nationalökonomisch Gebildeten aus einem ähnlichen Grunde nicht, aus dem keiner rechnen kann, der nichts vom Einmaleins weiß. Stellet einen solchen vor noch so viele Zahlenreihen hln: das Anschauen wird ihm nichts nützen. Stellt den, dessen Denken nichts versteht von den Grundkräften des sozialen Lebens, vor die Wirklichkeit: er mag noch so eindringlich beschreiben, was er sieht; wie sich die sozialen Kräfte verschlingen zum Wohl oder zum Unheil der Menschen, darüber kann er doch nichts ausmachen.

In unserer Zeit ist eine Lebensauffassung notwendig, welche zu den wahren Quellen des Lebens hinführt. Und eine solche Lebensauffassung kann die Geisteswissenschaft sein. Wenn alle diejenigen, welche sich eine Meinung bilden wollen über das, was «sozial nottut», zuerst durch die Lebenslehre der Geisteswissenschaft gehen wollten, dann kämen wir weiter. -Der Einwand, daß diejenigen, die sich der Geisteswissen­schaft widmen, heute bloß «reden» und nicht «handeln»,

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kann ebensowenig gelten, wie derjenige, daß sich ja auch die geisteswissenschaftlichen Meinungen noch nicht erprobt ha­ben, sich also vielleicht ebenso als graue Theorie entpuppen könnten, wie die Nationalökonomie des Herrn Kolb. Der erste Einwand bedeutet aus dem Grunde nichts, weil man «handeln» selbstverständlich so lange nicht kann, als einem die Wege zum Handeln versperrt sind. Lasset einen Seelen-kenner noch so gut wissen, was ein Vater tun müsse in der Erziehung seiner Kinder; er kann nicht «handeln», wenn ihn der Vater nicht zum Erzieher bestellt. In dieser Beziehung muß in Geduld gewartet werden, bis das «Reden» der geistes-wissenschaftlich Arbeitenden denen, welche die Macht zum «Handeln» haben, die Einsicht gebracht hat. Und das wird geschehen. Der andere Einwand ist nicht minder belanglos. Und er kann überhaupt nur von solchen erhoben werden, die unbekannt sind mit dem Grundwesen der geisteswissenschaft­lichen Wahrheiten. Wer sie kennt, der weiß, daß sie gar nicht so zustande kommen, wie etwas, das man «ausprobiert». Die Gesetze des Menschenheiles sind nämlich ebenso sicher in die Urgrundlage der Menschenseele gelegt, wie das Einmaleins da hineingelegt ist. Man muß nur tief genug hinuntersteigen in diese Urgrundlage der menschlichen Seele. Gewiß, man kann anschaulich machen, was so eingezeichnet ist in die Seele, wie man anschaulich machen kann, daß zweimal zwei vier ist, wenn man vier Bohnen in zwei Gruppen nebeneinander legt. Aber wer wollte behaupten, daß sich die Wahrheit «Zweimal zwei ist vier» erst an den Bohnen «erproben»muß. Es verhält sich nämlich durchaus so: wer die geisteswissen­schaftliche Wahrheit bezweifelt, der hat sie noch nicht erkannt, wie nur ein solcher bezweifeln könnte, daß «zweimal zwei vier ist», der es noch nicht erkannt hat. So sehr sich auch beides unterscheidet, weil das letztere so einfach, das erstere so kompliziert ist: die Ähnlichkeit in anderer Beziehung ist doch vorhanden. - Allerdings kann das nicht eingesehen werden, solange man nicht in die Geisteswissenschaft selbst eindringt. Deshalb kann auch für den Nichtkenner der Geisteswissen­schaft

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kein «Beweis» für diese Tatsache erbracht werden. Man kann nur sagen: lernet die Geisteswissenschaft erst ken­nen, und ihr werdet auch über all das klar sein.

Der wichtige Beruf der Geisteswissenschaft in unserer Zeit wird sich zeigen, wenn sie ein Sauerteig in allem Leben ge­worden sein wird. Solange dieser Weg ins Leben noch nicht im vollen Sinne des Wortes betreten werden kann, sind die geisteswissenschaftlich Gesinnten erst im Anfang ihres Wir­kens. Und solange werden sie wohl auch den Vorwurf hören müssen, daß ihre Lehren lebensfeindlich seien. Ja, sie sind, wie die Eisenbahn frindlich war einem Leben, das nur die Postkutsche als das «Lebenswahre» anzusehen vermochte. Sie sind so feindlich, wie die Zukunft feindlich der Vergan­genheit ist.

Im folgenden soll auf einiges Besondere in dem Verhältnis von «Geisteswissenschaft und soziale Frage» eingegangen werden. - Zwei Ansichten stehen einander gegenüber in bezug auf die «soziale Frage». Die eine sieht die Ursachen des Guten und Schlimmen im sozialen Leben mehr in den Menschen, die andere hauptsächlich in den Verhältnissen, innerhalb welcher die Menschen leben. Die Vertreter der ersteren Meinung wer­den dadurch den Fortschritt fördern wollen, daß sie die geistige und physische Tüchtigkeit der Menschen und ihr moralisches Fühlen zu heben trachten; diejenigen, welche zur zweiten Anschauung neigen, werden dagegen vor allem darauf bedacht sein, die Lebenslage zu heben, denn sie sagen sich, wenn die Menschen auskömmlich leben können, dann wird ihre Tüchtigkeit und ihr sittliches Empfinden von selbst auf einen höheren Stand sich bringen. Man kann wohl kaum leugnen, daß die zweite Ansicht heute stetig an Boden gewinnt. In vielen Kreisen gilt es als der Ausdruck eines ganz rück­ständigen Denkens, wenn man die erstere Anschauung noch besonders betont. Es wird da gesagt: wer vom frühen Mor­gen bis zum späten Abend mit der bittersten Not zu kämpfen hat, der kann zu einer Entwickelung seiner geistigen und moralischen

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Kräfte nicht kommen. Gebet einem solchen erst Brot, bevor ihr ihm von geistigen Angelegenheiten redet.

Insbesondere einem solchen Streben wie dem geisteswis­senschaftlichen gegenüber spitzt sich die letztere Behauptung leicht zu einem Vorwurfe zu. Und es sind nicht die Schlech­testen in unserer Zeit, welche dergleichen Vorwürfe erheben. Solche sagen wohl: «Der waschechte Theosoph steigt sehr ungern von den devachanischen und kamischen Ebenen auf diese Erde herab. Man kennt lieber zehn Sanskritworte, ehe man sich darüber unterrichtet, was Grundrente ist.» So ist zu lesen in einem vor kurzem erschienenen interessanten Buche « Die kulturelle Lage Europas beim Wiedererwachen des modernen Okkultismus» von G. L. Dankmar (Leipzig, Os­wald Mutze, 1905).

Naheliegend ist es, den Vorwurf in der folgenden Form zu erheben. Man weist darauf hin, daß in unserer Zeit oftmals Familien von acht Köpfen in einer einzigen Stube zusammen­gepfercht sind, daß solchen Luft und Licht selbst fehlen, daß sie ihre Kinder zur Schule in einem Zustande schicken müs­sen, so daß Schwäche und Hunger sie zusammenbrechen lassen. Dann sagt man: müssen diejenigen, welche auf den Massenfortschritt bedacht sind, nicht vor allem ihr ganzes Streben darauf verwenden, in solchen Verhältnissen Abhilfe zu schaffen? Statt ihr Denken auf die Lehren der höheren Geisteswelten sollten sie es auf die Frage lenken: wie sind die sozialen Notstände zu heben? « Steige die Theosophie aus ihrer eisigen Einsamkeit hinab unter Menschen, unter das Volk; stelle sie im Ernste und in der Wahrheit die ethische Forderung der allgemeinen Brüderlichkeit an die Spitze ihres Programms, und handle sie, unbekümmert um alle Konse­quenzen, danach; mache sie das Wort Christi von der Näch­stenliebe zur sozialen Tat und sie wird köstlich unverlierbares Menschheitseigentum werden und bleiben.» So heißt es in obengenanntem Buche weiter.

Diejenigen, welche einen solchen Einwand gegen die Gei­steswissenschaft erheben, meinen es gut. Ja, es soll ihnen sogar

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zugestanden werden, daß sie gegenüber vielen recht haben, die sich mit den geisteswissenschaftlichen Lehren beschäfti­gen. Zweifellos sind unter den letzteren solche, die nur für ihre eigenen geistigen Bedürfnisse sorgen wollen, die nur etwas wissen wollen über das «höhere Leben», über das Schicksal der Seele nach dem Tode usw. - Und man hat gewiß auch nicht unrecht, wenn man sagt, in der gegenwärtigen Zeit erscheint es nötiger, in gemeinnützigem Wirken, in den Tugenden der Nächstenliebe und Menschenwohlfahrt sich zu entfalten, als in weltfremder Einsamkeit irgendwelche in der Seele schlummernden höheren Fähigkeiten zu pflegen. Die letzteres vor allem wollen, könnten als Menschen von einer verfeinerten Selbstsucht gelten, denen das eigene Seelen-wohl über den allgemeinen menschlichen Tugenden steht. -Nicht minder kann man hören, wie darauf hingewiesen wird, daß für ein geistiges Streben, wie es das geisteswissenschaft­liche ist, doch nur Menschen Interesse haben können, denen es «gut geht», und welche daher ihre «müßige Zeit» solchen Dingen widmen können. Wer aber vom Morgen bis zum Abend für elenden Lohn seine Hände rühren muß, den soll man nicht abspeisen wollen mit Redensarten von allgemeiner Men­scheneinheit, von «höherem Leben» und ähnlichen Dingen.

Gewiß ist, daß in der angedeuteten Richtung auch von geisteswissenschaftlich Strebenden mancherlei gesündigt wird. Aber nicht minder richtig ist, daß gut verstandenes geisteswissenschaftliches Leben den Menschen auch als Ein­zelnen zu den Tugenden der opferwilligen Arbeit und des gemeinnützigen Wirkens führen muß. Jedenfalls wird die Geisteswissenschaft niemand hindern können, ein ebenso guter Mensch zu sein wie andere es sind, die nichts von Geistes­wissenschaft wissen oder wissen wollen. - Aber das alles be­rührt ja in bezug auf die «soziale Frage» gar nicht die Haupt­sache. Um zu dieser Hauptsache vorzudringen, ist eben durch­aus mehr notwendig, als die Gegner des geisteswissenschaft­lichen Strebens zugeben wollen. Ohne weiteres soll diesen Gegnern ja zugestanden werden, daß mit den Mitteln, welche

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von mancher Seite zur Verbesserung der sozialen Menschen-lage vorgeschlagen werden, viel zu erreichen ist. Die eine Partei will das, die andere jenes. Mancherlei von solchen Par­teiforderungen erweist sich dem klar Denkenden bald als Hirngespinst; manches aber enthält gewiß auch den aller­besten Kern.

Owen, der 1771 bis 1858 lebte, gewiß einer der edelsten Sozialreformatoren, hat immer wieder und wieder betont, daß der Mensch durch die Umgebung bestimmt werde, in welcher er aufwächst, daß des Menschen Charakter nicht durch ihn selbst gebildet werde, sondern durch die Lebensverhältnisse, in denen er gedeiht. Durchaus soll nicht das blendend Rich­tige bestritten werden, das solche Sätze haben. Und noch weniger sollen sie mit geringschätzigem Achselzucken be­handelt werden, obgleich sie mehr oder weniger selbstver­ständlich sind. Vielmehr soll ohne weiteres zugestanden werden, daß vieles besser werden kann, wenn man im öffent­lichen Leben sich nach solchen Erkenntnissen richtet. Deshalb wird aber auch die Geisteswissenschaft niemand hindern, sich an denjenigen Werken des Menschenfortschrittes zu betei­ligen, die im Sinne solcher Erkenntnisse ein besseres Los der gedrückten und notleidenden Menschheitsklassen herbeiführen wollen.

Nur muß die Geisteswissenschaft tiefer gehen. Ein durch­greifender Fortschritt kann nämlich durch alle solche Mittel nimmermehr bewirkt werden. Wer das nicht zugibt, der hat sich niemals klar gemacht, woher die Lebensverhältnisse kommen, innerhalb welcher die Menschen sich befinden. So weit nämlich des Menschen Leben von diesen Verhältnissen abhängig ist, sind diese selbst von Menschen bewirkt. Oder wer hat denn die Einrichtungen getroffen, durch die der eine arm, der andere reich ist? Doch andere Menschen. Das ändert doch wahrlich nichts an dieser Sachlage, daß diese «anderen Menschen» zumeist vor denen gelebt haben, die unter den Ver­hältnissen gedeihen oder nicht gedeihen. Die Leiden, die dem Menschen die Natur selbst auferlegt, kommen für die soziale

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Lage doch nur mittelbar in Betracht. Diese Leiden müssen eben durch das menschliche Handeln gelindert, oder ganz beseitigt werden. Geschieht das nicht, was in dieser Richtung notwendig ist, so fehlt es also doch nur an den menschlichen Einrichtungen. - Ein gründliches Erkennen der Dinge lehrt, daß alle Übel, von denen mit Recht als von sozialen gesprochen werden kann, auch von den menschlichen Taten herrühren. Gewiß ist in dieser Beziehung nicht der einzelne Mensch, sicher aber die ganze Menschheit der «Schmied des eigenen Glückes».

So gewiß aber dieses ist, so wahr ist auch, daß in größerem Umfange kein beträchtlicher Teil der Menschheit, keine Kaste oder Klasse das Leid eines anderen Teiles in böswilliger Ab­sicht bewirkt. Alles, was in dieser Richtung behauptet wird, beruht auf bloßem Mangel an Einsicht. Trotzdem auch dies eigentlich eine selbstverständliche Wahrheit ist, muß sie doch ausgesprochen werden. Denn wenn auch solche Dinge mit dem Verstande leicht durchschaut werden, so verhält man sich doch im praktischen Leben nicht in ihrem Sinne. Jedem Aus­beuter seiner Mitmenschen wäre natürlich das liebste, wenn die Opfer seiner Ausbeutung nichtzu leiden hätten. Man käme weit, wenn man das nicht bloß selbstverständlich fände, sondern auch seine Empfindungen und Gefühle darnach einrichtete.

Ja, aber was soll man mit solchen Behauptungen anfangen? So wird zweifellos mancher «sozial Denkende» einwenden. Soll etwa gar der Ausgebeutete dem Ausbeuter mit wohlwol­lenden Gefühlen gegenüberstehen? Ist es nicht zu begreiflich, wenn der erstere den letzteren haßt und aus dem Hasse heraus zu seiner Parteistellung geführt wird? Es wäre doch wahrlich ein schlechtes Rezept - so wird man weiter einwenden-, wenn der Bedrückte dem Bedrücker gegenüber an die Menschenliebe gemahnt würde, etwa im Sinne des Satzes vom großen Buddha: «Haß wird nicht durch Haß, sondern allein durch Liebe überwunden.»

Dennoch führt die Erkenntnis, die an diesen Punkt an­knüpft, allein in der gegenwärtigen Zeit zu einem wirklichen

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«sozialen Denken». Und hier ist es eben, wo geisteswissen­schaftliche Gesinnung einsetzt. Diese kann nämlich nicht an der Oberfläche des Verständnisses haften, sondern muß in die Tiefe dringen. Deshalb kann sie nicht dabei stehen bleiben, zu zeigen, daß durch diese oder jene Verhältnisse Elend ge­schaffen wird, sondern sie muß zu der allein fruchtbaren Er­kenntnis vordringen, wodurch diese Verhältnisse geschaffen worden sind und noch fortwährend geschaffen werden. Und gegenüber diesen tieferen Fragen erweisen sich die meisten sozialen Theorien eben nur als «graue Theorien», wenn nicht gar als bloße Redensarten.

Solange man mit seinem Denken an der Oberfläche bleibt, solange schreibt man den Verhältnissen, überhaupt dem Äußerlichen eine ganz falsche Macht zu. Diese Verhältnisse sind nämlich nur der Ausdruck eines inneren Lebens. Und so wie nur derjenige den menschlichen Körper versteht, der weiß, daß dieser der Ausdruck der Seele ist, so kann auch nur der­jenige die äußeren Einrichtungen im Leben richtig beurteilen, der sich klar macht, daß diese nichts anderes sind als das Geschöpf der Menschenseelen, die ihre Empfindungen, Ge­sinnungen und Gedanken darin verkörpern. Die Verhältnisse, in denen man lebt, sind von den Mitmenschen geschaffen; und man wird niemals selbst bessere schaffen, wenn man nicht von anderen Gedanken, Gesinnungen und Empfindungen ausgeht, als jene Schöpfer hatten.

Man betrachte solche Dinge im einzelnen. Äußerlich wird leicht derjenige als Bedrücker erscheinen, der einen prunk­vollen Haushalt führen, in der Eisenbahn die erste Klasse benützen kann usw. Und als der Bedrückte wird erscheinen, wer einen schlechten Rock tragen und vierter Klasse fahren muß. Man braucht aber kein mitleidloses Individuum, auch kein Reaktionär oder dergleichen zu sein, um mit klarem Denken doch das folgende zu verstehen. Niemand wird da­durch bedrückt und ausgebeutet, daß ich diesen oder jenen Rock trage, sondern allein dadurch, daß ich den Arbeiter, der für mich den Rock anfertigt, zu wenig entlohne. Der arme

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Arbeiter, der sich seinen schlechten Rock für weniges Geld erwirbt, ist nun gegenüber seinem Mitmenschen in dieser Be­ziehung in genau der gleichen Lage wie der Reiche, der sich den besseren Rock machen läßt. Ob ich arm bin oder reich: ich beute aus, wenn ich Dinge erwerbe, die nicht genügend bezahlt werden. Eigentlich dürfte heute keiner irgendeinen andern einen Bedrücker nennen, denn er sehe sich nur einmal selbst an. Tut er das letztere genau, so wird er in sich bald auch den «Bedrücker» entdecken. Wird denn die Arbeit, die du an den Wohlhabenden liefern mußt, nur an diesen zu dem schlechten Lohn geliefert? Nein, derjenige, der neben dir sitzt, und mit dir über Bedrückung klagt, verschafft sich deiner Hände Arbeit zu genau den gleichen Bedingungen wie der Wohlhabende, gegen den ihr euch beide wendet. Man denke das einmal durch, und man wird andere Anhaltpunkte zu «sozialem Denken» finden, als die gebräuchlichen sind.

Man wird vor allem durch ein in dieser Richtung gehendes Nachdenken darüber klar werden, daß man die Begriffe «Reich» und «Ausbeuter» vollkommen trennen muß. Ob man heute reich oder arm ist, das hängt von der persönlichen Tüchtigkeit oder von derjenigen seiner Vorfahren ab, oder von ganz anderen Dingen. Daß man Ausbeuter der Arbeits­kraft anderer ist, das aber hat gar nichts mit diesen Dingen zu tun. Wenigstens nicht unmittelbar. Aber mit anderem hat es sehr viel zu tun. Nämlich damit, daß unsere Einrichtungen oder die uns umgebenden Verhältnisse auf den persönlichen Eigennutz aufgebaut sind. Man muß darüber ganz klar denken, sonst wird man zu der verkehrtesten Auffassung dessen kom­men, was gesagt wird. Wenn ich heute einen Rock erwerbe, so erscheint es, nach den bestehenden Verhältnissen, ganz natürlich, daß ich ihn so billig wie nur möglich erwerbe. Das heißt: ich habe dabei nur mich im Auge. Damit ist aber der Gesichtspunkt angedeutet, welcher unser ganzes Leben be­herrscht. Nun wird man leicht mit einem Einwande zur Stelle sein können. Man kann sagen: bestreben sich denn nicht eben die sozial denkenden Parteien und Persönlichkeiten, diesem

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Übel abzuhelfen? Bemüht man sich nicht, die «Arbeit» zu schützen? Fordern nicht die arbeitenden Klassen und ihre Vertreter Lohnverbesserungen und Arbeitszeiteinschrän­kungen? Schon oben ist gesagt worden, daß von dem Stand­punkte der Gegenwart auch nicht das geringste gegen solche Forderungen und Maßnahmen eingewendet werden soll. Na­türlich soll damit auch nicht irgendeiner der bestehenden Par­teiforderungen das Wort geredet werden. Im einzelnen kommt von dem Gesichtspunkte aus, um den es sich hier handelt, keine Parteinahme, weder «für» noch «gegen» in Betracht. Solches liegt zunächst ganz außerhalb der geisteswissenschaft­lichen Betrachtungsweise.

Man mag noch so viele Verbesserungen zum Schutze irgendeiner Arbeitsklasse einführen, und damit gewiß viel zur Hebung der Lebensiage dieser oder jener Menschengruppe beitragen: Das Wesen der Ausbeutung wird dadurch nicht gemildert. Denn dieses hängt davon ab, daß ein Mensch unter dem Gesichtspunkt des Figennutzes sich die Arbeitsprodukte des anderen erwirbt. Ob ich viel oder wenig habe: bediene ich mich dessen, was ich habe zur Befriedigung meines Eigen­nutzes, so muß dadurch der andere ausgebeutet werden. Selbst wenn ich bei Aufrechterhaltung dieses Gesichtspunktes seine Arbeit schütze, so ist damit nur scheinbar etwas getan. Bezahle ich die Arbeit des anderen teurer, so muß er dafür auch die meine teurer bezahlen, wenn nicht durch die Besserstellung des einen die Schlechterstellung des anderen bewirkt werden soll.

Ein anderes Beispiel soll zur Erläuterung hier angeführt werden. Wenn ich eine Fabrik kaufe, um durch dieselbe mög­lichst viel für mich zu erwerben, so werde ich sehen, die Arbeitskräfte so billig wie nur möglich zu erhalten usw. Alles, was geschieht, wird unter dem Gesichtspunkt des persön­lichen Eigennutzes stehen. - Kaufe ich dagegen die Fabrik mit dem Gesichtspunkte, zweihundert Menschen möglichst gut zu versorgen, so werden alle meine Maßnahmen eine andere Färbung annehmen. - Praktisch wird sich heute gewiß

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der zweite Fall von dem ersten nicht gerade viel unterscheiden können. Das hängt aber lediglich daran, daß der einzelne Selbst­lose nicht allzu viel vermag innerhalb einer Gemeinschaft, die im übrigen auf den Eigennutz aufgebaut ist. Ganz anders aber würde sich die Sache stellen, wenn die uneigennützige Arbeit eine allgemeine wäre.

Ein «praktisch» Denkender wird natürlich meinen, daß durch die bloße «gute Gesinnung» sich doch niemand die Möglichkeit verschaffen könne, seinen Arbeitern zu besseren Lohnverhältnissen zu verhelfen. Denn man steigere doch durch Wohlwollen nicht das Erträgnis für seine Waren, und ohne das könne man auch für den Arbeiter keine besseren Bedingungen schaffen. - Und gerade darauf kommt es an, einzusehen, daß dieser Einwand ein vollkommener Irrtum ist. Alle Interessen und damit alle Lebensverhältnisse ändern sich, wenn man bei der Erwerbung einer Sache nicht mehr sich, sondern die anderen im Auge hat. Auf was muß jemand sehen, der nur seinem Eigenwohle dienen kann? Doch darauf, daß er möglichst viel erwerbe. Wie die anderen arbeiten müssen, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, darauf kann er keine Rücksicht nehmen. Er muß also dadurch seine Kräfte im Kampfe ums Dasein entfalten. Begründe ich eine Unterneh­mung, die mir möglichst viel einbringen soll, so frage ich nicht, auf welche Art die Arbeitskräfte in Bewegung gesetzt werden, die für mich arbeiten. Komme ich aber gar nicht in Frage, sondern nur der Gesichtspunkt: wie dient meine Arbeit den anderen? so ändert sich alles. Nichts nötigt mich dann, irgend etwas zu unternehmen, was einem anderen abträglich sein kann. Ich stelle dann meine Kräfte nicht in meinen Dienst, sondern in den der anderen. Und das hat eine ganz andere Entfaltung der Kräfte und Fähigkeiten der Menschen zur Folge. Wie das die Lebensverhältnisse praktisch ändert, davon im Schluß des Aufsatzes. - Robert Owen darf in einem gewissen Sinne als ein Genie der praktischen sozialen Wirksamkeit bezeichnet werden. Zwei Eigenschaften waren bei ihm vorhanden, welche diese

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Bezeichnung wohl rechtfertigen mögen: ein umsichtiger Blick für sozialnützliche Einrichtungen und eine edle Menschen-liebe. Man braucht nur zu betrachten, was er durch diese bei­den Fähigkeiten zustande gebracht hat, um deren ganze Be­deutung richtig zu würdigen. Er schuf in New Lanark mustervolle industrielle Einrichtungen, und beschäftigte die Arbeiter dabei in einer Weise, daß sie nicht nur ein menschenwürdiges Dasein in materieller Beziehung hatten, sondern daß sie auch innerhalb moralisch befriedigender Verhältnisse lebten. Die Personen, welche da zusammengebracht wurden, waren zum Teil herabgekommen, dem Trunk ergeben. Er stellte bessere Elemente zwischen solche ein, die durch ihr Beispiel auf die andern wirkten. Und so wurden die denkbar günstigsten Er­gebnisse zustande gebracht. Was Owen da gelang, macht es unmöglich, ihn mit anderen mehr oder weniger phantastischen «Weltverbesserern» - sogenannten Utopisten - auf eine Stufe zu stellen. Er hielt sich eben im Rahmen praktisch ausführ­barer Einrichtungen, von denen auch jeder aller Träumerei abgeneigte Mensch voraussetzen kann, daß sie zunächst auf einem gewissen beschränkten Gebiete das menschliche Elend aus der Welt schaffen würden. Auch ist es nicht unpraktisch gedacht, wenn man den Glauben hegt, daß solch ein kleines Gebiet als Muster wirken und von ihm allmählich eine ge­sunde Entwickelung des Menschenloses in sozialer Richtung angeregt werden könnte.

Owen selbst dachte wohl so. Deshalb wagte er sich auf der betretenen Bahn noch einen weiteren Schritt vorwärts. Im Jahre 1824 ging er daran, im Gebiete Indiana in Nordamerika eine Art kleinen Musterstaates zu schaffen. Er erwarb ein Landgebiet, auf dem er eine auf Freiheit und Gleichheit ge­baute menschliche Gemeinschaft begründen wollte. Alle Ein­richtungen wurden so getroffen, daß Ausbeutung und Knech­tung Unmöglichkeit waren. Wer an eine solche Aufgabe herantritt, muß die schönsten sozialen Tugenden mitbringen:

die Sehnsucht, seine Mitmenschen glücklich zu machen, und den Glauben an die Güte der Menschennatur. Er muß der

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Ansicht sein, daß sich ganz von selbst innerhalb dieser Men­schennatur die Lust zu arbeiten entwickeln werde, wenn der Segen dieser Arbeit durch entsprechende Einrichtungen ge­sichert erscheint.

In Owen war dieser Glaube so stark vorhanden, daß es schon recht schlimme Erfahrungen sein mußten, die ihn in demselben wankend werden ließen.

Und - diese schlimmen Erfahrungen traten wirklich ein. Owen mußte nach langen edlen Bemühungen zu dem Bekennt­nis kommen, daß «man mit der Verwirklichung solcher Kolo­nien stets scheitern müsse, wenn man nicht vorher die allge­meine Sitte umgewandelt; und daß es mehr wert wäre, auf die Menschheit auf dem theoretischen Wege einzuwirken, als auf dem der Praxis». - Zu solcher Meinung ist dieser Sozialreformer durch die Tatsache gedrängt worden, daß sich Arbeitsunlustige genug fanden, welche die Arbeit auf ihre Mitmenschen abladen wollten, wodurch Streit, Kampf und zuletzt der Bankerott der Kolonie folgen mußten.

Owens Erfahrung kann lehrreich sein für alle, die wirklich lernen wollen. Sie kann hinüberleiten von allen künstlich geschaffenen und künstlich ausgedachten Einrichtungen zum Heile der Menschheit zu fruchtbarer, mit der wahren Wirk­lichkeit rechnenden sozialen Arbeit.

Gründlich geheilt konnte Owen sein durch seine Erfahrung von dem Glauben, daß alles Menschenelend nur bewirkt werde durch die «schlechten Einrichtungen», in denen die Menschen leben, und daß die Güte der Menschennatur schon von selbst zutage treten werde, wenn man diese Einrich­tungen verbessert. Er mußte sich davon überzeugen, daß gute Einrichtungen überhaupt nur aufrecht zu erhalten sind, wenn die daran beteiligten Menschen ihrer inneren Natur nach dazu geneigt sind, sie zu erhalten, wenn diese mit warmem Anteile an ihnen hängen.

Man könnte nun zunächst daran denken, es sei notwendig, die Menschen, denen man solche Einrichtungen verschaffen will, theoretisch darauf vorzubereiten. Etwa dadurch, daß

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man ihnen das Richtige und Zweckentsprechende der Maß­nahmen klar machte. Es liegt für einen Unbefangenen gar nicht so ferne, aus Owens Bekenntnis so etwas herauszulesen. Und dennoch kann man zu einem wirklich praktischen Er­gebnis nur dadurch gelangen, daß man tiefer in die Sache ein­dringt. Man muß von dem bloßen Glauben an die Güte der Menschennatur, der Owen getäuscht hat, zu wirklicher Menschenkenntnis vorschreiten. - Alle Klarheit, welche die Menschen jemals darüber sich aneignen könnten, daß irgend­welche Einrichtungen zweckmäßig sind und der Menschheit zum Segen gereichen können - alle solche Klarheit kann auf die Dauer nicht zum gewünschten Ziele führen. Denn durch solch eine klare Einsicht wird der Mensch nicht die inneren Antriebe zur Arbeit gewinnen können, wenn auf der anderen Seite sich bei ihm die im Egoismus begründeten Triebe geltend machen. Dieser Egoismus ist einmal zunächst ein Teil der Menschennatur. Und das führt dazu, daß er sich im Gefühl des Menschen regt, wenn dieser innerhalb der Gesellschaft mit anderen zusammen leben und arbeiten soll. Mit einer ge­wissen Notwendigkeit führt dies dazu, daß in der Praxis die meisten eine solche gesellschaftliche Einrichtung für die beste halten werden, durch welche der einzelne seine Bedürfnisse am besten befriedigen kann. So bildet sich unter dem Einfluß der egoistischen Gefühle ganz naturgemäß die soziale Frage in der Form heraus: welche gesellschaftlichen Einrichtungen müssen getroffen werden, damit ein jeder für sich das Erträgnis seiner Arbeit haben kann? Und besonders in unserer materia­listisch denkenden Zeit rechnen nur wenige mit einer anderen Voraussetzung. Wie oft kann man es wie eine selbstverständ­liche Wahrheit aussprechen hören, daß eine soziale Ordnung ein Unding sei, welche auf Wohlwollen und Menschenmitgefühl sich aufbauen will. Man rechnet vielmehr damit, daß das Ganze einer menschlichen Gemeinschaft am be­sten gedeihen könne, wenn der einzelne den «vollen» oder den größtmöglichen Ertrag seiner Arbeit auch einheimsen kann.

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Genau das Gegenteil davon lehrt nun der Okkultismus, der auf eine tiefere Erkenntnis des Menschen und der Welt be­gründet ist. Er zeigt gerade, daß alles menschliche Elend ledig­lich eine Folge des Egoismus ist, und daß in einer Menschengemeinschaft ganz notwendig zu irgendeiner Zeit Elend, Armut und Not sich einstellen müssen, wenn diese Gemein­schaft in irgendeiner Art auf dem Egoismus beruht. Um das einzusehen, dazu gehören allerdings tiefere Erkenntnisse, als es diejenigen sind, welche da und dort unter der Flagge der sozialen Wissenschaft segeln. Diese «soziale Wissen­schaft» rechnet eben nur mit der Außenseite des Menschen­lebens, nicht aber mit den tiefer liegenden Kräften desselben. Ja, es ist sogar sehr schwierig, bei der Mehrzahl der gegen­wärtigen Menschen in ihnen auch nur ein Gefühl davon zu erwecken, daß von solchen tiefer liegenden Kräften die Rede sein könne. Sie betrachten denjenigen als einen unpraktischen Phantasten, der ihnen mit solchen Dingen irgendwie kommt. Nun kann aber auch hier gar nicht einmal der Versuch ge­macht werden, eine auf tiefer liegende Kräfte gebaute soziale Theorie zu entwickeln. Denn dazu wäre ein ausführliches Werk nötig. Nur eines kann geleistet werden: auf die wahren Gesetze des menschlichen Zusammenarbeitens kann hinge­wiesen und gezeigt werden, welche vernünftigen sozialen Erwägungen sich für den Kenner dieser Gesetze ergeben. Das volle Verständnis der Sache kann nur derjenige gewin­nen, welcher sich eine auf den Okkultismus begründete Weltauffassung erwirbt. Und auf die Vermittelung einer solchen Weltauffassung arbeitet ja diese ganze Zeitschrift hin. Man kann sie nicht von einem einzelnen Aufsatz über die «soziale Frage» erwarten. Alles, was dieser sich zur Aufgabe machen kann, ist, vom okkulten Standpunkte aus ein Schlaglicht zu werfen auf diese Frage. Es wird ja immerhin Personen ge­ben, welche das gefühlsmäßig in seiner Richtigkeit erken­nen, was in aller Kürze vorgebracht werden soll, und wel­ches unmöglich in aller Ausführlichkeit dargelegt werden kann.

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Nun, das soziale Hauptgesetz, welches durch den Okkultis­mus aufgewiesen wird, ist das folgende: «Das Heil einer Ge­samtheit von zusammenarbeitenden Menschen ist um so größer, je weniger der einzelne die Erträgnisse seiner Leistungen für sich be­ansprucht, das heißt, je mehr er von diesen Erträgnissen an seine Mit­arbeiter abgibt, und je mehr seine eigenen Bedürfnisse nicht aus seinen Leistungen, sondern aus den Leistungen der anderen befriedigt werden.» Alle Einrichtungen innerhalb einer Gesamtheit von Men­schen, welche diesem Gesetz widersprechen, müssen bei längerer Dauer irgendwo Elend und Not erzeugen. - Dieses Hauptgesetz gilt für das soziale Leben mit einer solchen Aus­schließlichkeit und Notwendigkeit, wie nur irgendein Naturgesetz in bezug auf irgendein gewisses Gebiet von Naturwirkungen gilt. Man darf aber nicht denken, daß es genüge, wenn man dieses Gesetz als ein allgemeines moralisches gelten läßt oder es etwa in die Gesinnung umsetzen wollte, daß ein jeder im Dienste seiner Mitmenschen arbeite. Nein, in der Wirklichkeit lebt das Gesetz nur so, wie es leben soll, wenn es einer Gesamtheit von Menschen gelingt, solche Einrich­tungen zu schaffen, daß niemals jemand die Früchte seiner eigenen Arbeit für sich selber in Anspruch nehmen kann, sondern doch diese möglichst ohne Rest der Gesamtheit zugute kommen. Er selbst muß dafür wiederum durch die Arbeit seiner Mitmenschen erhalten werden. Worauf es also ankommt, das ist, daß für die Mitmenschen arbeiten und ein gewisses Einkommen erzielen zwei voneinander ganz ge­trennte Dinge seien.

Diejenigen, welche sich einbilden, «praktische Menschen» zu sein, werden - darüber gibt sich der Okkultist keiner Täuschung hin - über diesen «haarsträubenden Idealismus» nur ein Lächeln haben. Und dennoch ist das obige Gesetz praktischer als nur irgendein anderes, das jemals von «Prak­tikern» ausgedacht oder in die Wirklichkeit eingeführt wor­den ist. Wer nämlich das Leben wirklich untersucht, der kann finden, daß eine jede Menschengemeinschaft, die irgendwo existiert, oder die nur jemals existiert hat, zweierlei Einrich­tungen

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hat. Der eine dieser beiden Teile entspricht diesem Gesetze, der andere widerspricht ihm. So muß es nämlich überall kommen, ganz gleichgültig, ob die Menschen wollen oder nicht. Jede Gesamtheit zerfiele nämlich sofort, wenn nicht die Arbeit der einzelnen dem Ganzen zufließen würde. Aber der menschliche Egoismus hat auch von jeher dieses Gesetz durchkreuzt. Er hat für den einzelnen möglichst viel aus seiner Arbeit herauszuschlagen gesucht. Und nur das­jenige, was auf diese Art aus dem Egoismus hervorgegangen ist, hat von jeher Not, Armut und Elend zur Folge gehabt. Das heißt aber doch nichts anderes, als daß immer derjenige Teil der menschlichen Einrichtungen sich als unpraktisch erweisen muß, der von den «Praktikern» auf die Art zustande gebracht wird, daß dabei entweder mit dem eigenen oder dem fremden Egoismus gerechnet wird.

Nun kann es sich aber natürlich nicht bloß darum handeln, daß man ein solches Gesetz einsieht, sondern die wirkliche Praxis beginnt mit der Frage: wie kann man es in die Wirklich­keit umsetzen? Es ist klar, daß dieses Gesetz nichts Geringeres besagt als dieses: Die Menschenwohlfahrt ist um so größer, je geringer der Egoismus ist. Man ist also bei der Umsetzung in die Wirklichkeit darauf angewiesen, daß man es mit Men­schen zu tun habe, die den Weg aus dem Egoismus heraus­finden. Das ist aber praktisch ganz unmöglich, wenn das Maß von Wohl und Wehe des einzelnen sich nach seiner Arbeit bestimmt. Werfür sich arbeitet, muß allmählich dem Egoismus verfallen. Nur wer ganz für die anderen arbeitet, kann nach und nach ein unegoistischer Arbeiter werden.

Dazu ist aber eine Voraussetzung notwendig. Wenn ein Mensch für einen anderen arbeitet, dann muß er in diesem anderen den Grund zu seiner Arbeit finden; und wenn jemand für die Gesamtheit arbeiten soll, dann muß er den Wert, die Wesenheit und Bedeutung dieser Gesamtheit empfinden und fühlen. Das kann er nur dann, wenn die Gesamtheit noch etwas ganz anderes ist als eine mehr oder weniger unbestimmte Summe von einzelnen Menschen. Sie muß von einem wirk­lichen

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Geiste erfüllt sein, an dem ein jeder Anteil nimmt. Sie muß so sein, daß ein jeder sich sagt: sie ist richtig, und ich will,daß sie so ist. Die Gesamtheit muß eine geistige Mission haben; und jeder einzelne muß beitragen wollen, daß diese Mission erfüllt werde. All die unbestimmten, abstrakten Fort­schrittsideen, von denen man gewöhnlich redet, können eine solche Mission nicht darstellen. Wenn nur sie herrschen, so wird ein einzelner da, oder eine Gruppe dort arbeiten, ohne daß diese übersehen, wozu sonst ihre Arbeit etwas nütze ist, als daß sie und die Ihrigen, oder etwa noch die Interessen, an denen gerade sie hängen dabei ihre Rechnung finden. - Bis in den einzelsten herunter muß dieser Geist der Gesamtheit lebendig sein.

Gutes ist von jeher nur dort gediehen, wo in irgendeiner Art ein solches Leben des Gesamtgeistes erfüllt war. Der einzelne Bürger einer griechischen Stadt des Altertums, ja auch derje­nige einer freien Stadt im Mittelalter hatte so etwas wie wenig­stens ein dunkles Gefühl von einem solchen Gesamtgeist. Es ist kein Einwand dagegen, daß zum Beispiel die entsprechen­den Einrichtungen im alten Griechenland nur möglich waren, weil man ein Heer von Sklaven hatte, welche für die «freien Bürger» die Arbeit verrichteten und die dazu nicht von dem Gesamtgeist, sondern durch den Zwang ihrer Herren getrie­ben worden sind. - An diesem Beispiele kann man nur das eine lernen, daß das Menschenleben der Entwickelung unterliegt. Gegenwärtig ist die Menschheit eben auf einer Stufe angelangt, wo eine solche Lösung der Gesellschaftsfrage, wie sie im alten Griechenland herrschte, unmöglich ist. Selbst den edelsten Griechen galt die Sklaverei nicht als ein Unrecht, sondern als eine menschliche Notwendigkeit. Deshalb konnte zum Bei­spiel der große Plato ein Staatsideal aufstellen, in dem der Ge­samtgeist dadurch in Erfüllung geht, daß die Mehrzahl der Ar­beitsmenschen von den wenigen Einsichtsvollen zur Arbeit ge­zwungen werde. Die Aufgabe der Gegenwart aber ist, die Men­schen in eine solche Lage zu bringen, daß ein jeder aus seinem innersten Antriebe heraus die Arbeit für die Gesamtheit leistet.

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Deshalb soll niemand daran denken, eine für alle Zeiten gül­tige Lösung der sozialen Frage zu suchen, sondern lediglich daran, wie sich sein soziales Denken und Wirken mit Rücksicht auf die unmittelbaren Bedürfnisse der Gegenwart gestalten muß, in welcher er lebt. - Es kann überhaupt kein einzelner heute irgend etwas theoretisch ausdenken oder in die Wirklich­keit umsetzen, was als solches die soziale Frage lösen könnte. Dazu müßte er die Macht haben, eine Anzahl von Menschen in die von ihm geschaffenen Verhältnisse hineinzuzwingen. Es kann ja gar kein Zweifel darüber bestehen: hätte Owen die Macht oder den Willen gehabt, all die Menschen seiner Kolo­nie zu der ihnen zukommenden Arbeit zu zwingen, dann hätte die Sache gehen müssen. Aber um solchen Zwang kann es sich gerade in der Gegenwart nicht handeln. Es muß die Möglich­keit herbeigeführt werden, daß ein jeder freiwillig tut, wozu er berufen ist nach dem Maß seiner Fähigkeiten und Kräfre. Aber gerade deshalb kann es sich nie und nimmer darum handeln, daß im Sinne des oben angeführten Owenschen Bekenntnisses so auf die Menschen «im theoretischen Sinne» einzuwirken sei, daß ihnen eine bloße Ansicht darüber vermittelt werde, wie sich die ökonomischen Verhältnisse am besten einrichten las­sen. Eine nüchterne ökonomische Theorie kann niemals ein Antrieb gegen die egoistischen Mächte sein. Eine Zeitlang ver­mag eine solche ökonomische Theorie den Massen einen ge­wissen Schwung zu verleihen, der dem Scheine nach einem Idea­lismus ähnlich ist. Auf die Dauer aber kann eine solche Theorie niemandem nützen. Wer einer Menschenmasse eine solche Theorie einimpft, ohne ihr etwas anderes wirklich Geistiges zu geben, der vetsündigt sich an dem wahren Sinn der menschli­chen Entwickelung.

Das, was allein helfen kann, ist eine geistige Weltanschau­ung, welche durch sich selbst, durch das, was sie zu bieten ver­mag, sich in die Gedanken, in die Gefühle, in den Willen, kurz in die ganze Seele des Menschen einlebt. Der Glaube, den Owen gehabt hat an die Güte der Menschennatur, ist nur teil­weise richtig, zum anderen Teile ist er aber eine der ärgsten

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Illusionen. Er ist insofern richtig, als in jedem Menschen ein «höheres Selbst» schlummert, das erweckt werden kann. Aber es kann aus seinem Schlummer nur erlöst werden durch eine Weltauffassung, welche die oben genannten Eigenschaften hat. Bringt man Menschen in Einrichtungen, wie sie von Owen erdacht waren, dann wird die Gemeinschaft im schönsten Sinne gedeihen. Führt man aber Menschen zusammen, die eine sol­che Weltauffassung nicht haben, dann wird das Gute der Ein­richtungen sich ganz notwendig nach einer kürzeren oder län­geren Zeit zum Schlechten verkehren müssen. Bei Menschen ohne eine auf den Geist sich richtende Weltauffas sung müssen nämlich notwendig gerade diejenigen Einrichtungen, welche den materiellen Wohlstand befördern, auch eine Steigerung des Egoismus bewirken, und damit nach und nach Not, Elend und Armut erzeugen. - Es ist eben in des Wortes ureigenster Bedeutung richtig: nur dem einzelnen kann man helfen, wenn man ihm bloß Brot verschafft; einer Gesamtheit kann man nur dadurch Brot verschaffen, daß man ihr zu einer Weltauffassung verhilft. Es würde nämlich auch das gar nichts nützen, wenn man von einer Gesamtheit jedem einzelnen Brot verschaffen wollte. Nach einiger Zeit müßte sich dann doch die Sache so gestalten, daß viele wieder kein Brot haben.

Die Erkenntnis dieser Grundsätze nimmt allerdings gewis­sen Leuten, die sich zu Volksbeglückern aufwerfen möchten, manche Illusion. Denn sie macht das Arbeiten am sozialen Wohle zu einer recht schwierigen Sache. Und noch dazu zu einer solchen, in der sich die Erfolge unter gewissen Verhält­nissen nur aus ganz kleinen Teilerfolgen zusammensetzen las­sen. Das meiste von dem, was heute ganze Parteien als Heilmit­tel im sozialen Leben ausgeben, verliert seinen Wert, erweist sich als eitel Täuschung und Reden, ohne genügende Kenntnis des Menschenlebens. Kein Parlament, keine Demokratie, keine Massenagitation, nichts von alledem kann für den tiefer Blicken-den eine Bedeutung haben, wenn es das oben ausgesprochene Gesetz verletzt. Und alles Derartige kann dann günstig wirken, wenn es sich im Sinne dieses Gesetzes verhält. Es ist eine

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schlimme Illusion, zu glauben, daß irgendwelche Abgeordnete eines Volkes in irgendeinem Parlamente etwas beitragen kön­nen zum Heile der Menschheit, wenn ihr Wirken nicht im Sinne des sozialen Hauptgesetzes eingerichtet ist.

1Wo immer dieses Gesetz in die Erscheinung tritt, wo immer jemand in seinem Sinne wirkt, soweit es ihm möglich ist auf dem Platze, auf den er in der Menschengemeinschaft gestellt ist: da wird Gutes erzielt, und wenn es im einzelnen Falle auch in einem noch so geringen Maße der Fall ist. Und nur aus Ein­zelwirkungen, welche auf solche Art zustande kommen, setzt sich ein heilsamer sozialer Gesamtfortschritt zusammen. - Al­lerdings kommt es auch vor, daß in einzelnen Fällen größere Menschengemeinschaften eine besondere Anlage dazu besit­zen, mit ihrer Hilfe in der angedeuteten Richtung einen größe­ren Erfolg auf einmal zu erzielen. Es gibt auch jetzt schon be­stimmte Menschengemeinschaften, in deren Anlagen sich der­gleichen vorbereitet. Sie werden es möglich machen, daß mit ihrer Hilfe die Menschheit gleichsam einen Ruck, einen Sprung in sozialer Entwickelung vollbringt. Dem Okkultismus sind solche Menschengemeinschaften bekannt; es kann aber nicht seine Aufgabe sein, über derlei Dinge öffentlich zu sprechen. -Und es gibt ja auch Mittel, größere Menschenmassen zu einem solchen Sprung, der wohl gar in absehbarer Zeit gemacht wer­den kann, vorzubereiten. Was aber jeder tun kann, das ist, im Sinne obigen Gesetzes in seinem Bereiche zu wirken. Es gibt keine Stellung eines Menschen in der Welt, innerhalb welcher man das nicht kann: sie möge anscheinend noch so unbedeu­tend oder noch so einflußreich sein.

Das Wichtigste ist ja allerdings, daß ein jeglicher die Wege sucht zu einer Weltauffas sung, die sich auf wahre Erkenntnis des Geistes richtet. Die anthroposophische Geistesrichtung kann sich zu einer solchen Auffassung für alle Menschen herausbilden, wenn sie sich immer mehr in der Art ausgestal­tet, wie es ihrem Inhalte und den in ihr vorhandenen Anlagen entspricht. Durch sie kann der Mensch erfahren, daß er nicht zufällig an irgendeinem Orte und zu irgendeiner Zeit geboren

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ist, sondern daß er durch das geistige Ursachengesetz, das Kar­ma, mit Notwendigkeit an den Ort hingestellt ist, an dem er sich befindet. Er kann einsehen, daß ihn sein wohlbegründetes Schicksal in die Menschengemeinschaft hineingestellt hat, in­nerhalb welcher er ist. Auch von seinen Fähigkeiten kann er gewahr werden, daß sie ihm nicht durch ein blindes Ohngefähr zugefallen sind, sondern daß sie einen Sinn haben innerhalb des Ursachengesetzes.

Und er kann das alles so einsehen, daß diese Einsicht nicht eine bloße nüchterne Vernunftsache bleibt, sondern daß sie allmählich seine ganze Seele mit innerem Leben erfüllt.

Es wird ihm das Gefühl davon aufgehen, daß er einen höhe­ren Sinn erfüllt, wenn er im Sinne seines Platzes in der Welt und im Sinne seiner Fähigkeiten arbeitet. Kein schattenhafter Idealismus wird aus dieser Einsicht folgen, sondern ein mäch­tiger Impuls aller seiner Kräfte, und er wird dieses Handeln in solcher Richtung als etwas so Selbstverständliches ansehen, wie in einer anderen Beziehung Essen und Trinken. Und fer­ner wird er den Sinn erkennen, welcher mit der Menschenge­meinschaft verbunden ist, welcher er angehört. Er wird die Verhältnisse begreifen, in denen seine Menschengemeinschaft sich zu anderen stellt; und so werden sich die Einzelgeister die­ser Gemeinschaften zusammenfügen zu einem geistig-zielvol­len Bilde von der einheitlichen Mission des ganzen Menschen-geschlechtes. Und von dem Menschengeschlecht wird seine Erkenntnis hinüberschweifen können zu dem Sinne des gan­zen Erdendaseins. Nur wer sich nicht auf die in dieser Richtung angedeutete Weltauffassung einläßt, kann Zweifel daran he­gen, daß sie so wirken muß, wie hier angegeben wird. In heu­tiger Zeit ist freilich bei den meisten Menschen wenig Neigung vorhanden, sich auf so etwas einzulassen. Aber es kann nicht ausbleiben, daß die richtige geisteswissenschaftliche Vorstel­lungsart immer weitere Kreise zieht. Und in dem Maße, als sie das tut, werden die Menschen das Richtige treffen, um den so­zialen Fortschritt zu bewirken. Man kann nicht aus dem Grunde daran Zweifel hegen, weil angeblich bis jetzt keine

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Weltanschauung das Glück der Menschheit herbeigeführt hat. Nach den Gesetzen der Menschheitsentwickelung konnte in keinem früheren Zeitpunkte das eintreten, was von jetzt an all­mählich möglich wird: eine Weltauffassung mit der Aussicht auf den angedeuteten praktischen Erfolg allen Menschen zu übermitteln.

Die bisherigen Weltauffassungen waren nur einzelnen Grup­pen von Menschen zugänglich. Aber was bisher im Menschen­geschlecht an Gutem geschehen ist, rührt doch von den Weltauffassungen her. Zu einem allgemeinen Heil kann nur eine solche Weltauffassung führen, die alle Seelen ergreifen und das innere Leben in ihnen entzünden kann. Das aber wird die gei­steswissenschaftliche Vorstellungsart überall imstande sein, wo sie ihren Anlagen wirklich entspricht. - Natürlich darf nicht einfach der Blick auf die Gestalt gerichtet werden, welche diese Vorstellungsart bereits angenommen hat; um das Ge­sagte als richtig anzuerkennen, ist notwendig, einzusehen, daß sich die Geisteswissenschaft zu ihrer hohen Kulturmission erst hinaufentwickeln muß.

Bis heute kann sie das Antlitz, das sie einstmals zeigen wird, aus mehreren Gründen noch nicht aufweisen. Einer dieser Gründe ist der, daß sie erst irgendwo Fuß fassen muß. Sie muß sich deshalb an eine bestimmte Menschengruppe wenden. Das kann naturgemäß keine andere sein, als diejenige, welche durch die Eigenart ihrer Entwickelung nach einer neuen Lösung der Welträtsel Sehnsucht hat und welche durch die Vorbildung der in ihr vereinigten Personen einer solchen Lösung Verständnis und Anteil entgegenbringen kann. Selbstverständlich muß die Geisteswissenschaft ihre Verkündigungen vorläufig in eine solche Sprache kleiden, daß diese der gekennzeichneten Men­schengruppe angepaßt ist. In dem Maße, als sich weiterhin die Bedingungen ergeben, wird die Geisteswissenschaft auch die Ausdrucksformen finden, um noch zu anderen Kreisen zu spre­chen. Nur jemand, der durchaus fertige starre Dogmen haben will, kann glauben, daß die gegenwärtige Form der geisteswis­senschaftlichen Verkündigung eine bleibende, oder etwa gar

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die einzig mögliche sei. - Gerade weil es sich der Geisteswis­senschaft nicht darum handeln kann, bloß Theorie zu bleiben, oder bloß die Wißbegierde zu befriedigen, muß sie in dieser Art langsam arbeiten. Zu ihren Zielen gehört eben das charak­terisierte Praktische des Menschheitsfortschrittes. Sie kann aber diesen Menschheitsfortschritt nur bewirken, wenn sie die wirklichen Bedingungen dazu schafft. Und diese Bedingungen können nicht anders herbeigeführt werden, als wenn Mensch nach Mensch erobert wird. Nur wenn die Menschen wollen, schreitet die Welt vorwärts. Daß sie aber wollen, dazu ist bei jedem die innere Seelenarbeit notwendig. Und diese kann nur Schritt für Schritt geleistet werden. Wäre das nicht der Fall, so würde auch die Theosophie auf sozialem Gebiete Hirngespin­ste aufführen und keine praktische Arbeit tun. Auf noch wei­teres einzelne soll demnächst eingegangen werden.

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HAECKEL, DIE WELTRÄTSEL UND DIE THEOSOPHIE

EIN VORTRAG, GEHALTEN IN BERLIN AM 5. OKTOBER 1905

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Wenn ich heute über das Thema spreche: Haeckel, die Welträtsel und die Theosophie, so weiß ich, daß dieses Thema dem Erforscher des geistigen Lebens außerordentliche Schwierig­keiten bereitet und daß ich vielleicht mit meinen Ausführun­gen nach links und nach rechts schwer Anstoß erregen werde. Dennoch aber scheint es mir eine Notwendigkeit zu sein, ein­mal vom theosophischen Standpunkte aus darüber zu spre­chen, denn einerseits hat ja das Evangelium, das Haeckel aus seinen Forschungen gewonnen hat, durch sein Buch, «Die Weiträtsel», den Zugang zu Tausenden und aber Tausenden von Menschen gefunden. Zehntausend Exemplare der «Welt-rätsel» waren nach kurzer Zeit abgesetzt, und in viele Sprachen ist das Buch übersetzt worden. Selten hat ein so ernstes Buch eine so große Verbreitung gefunden.

Wenn die Theosophie klarmachen soll, welches ihre Ziele sind, dann muß sie sich mit einer so wichtigen Erscheinung, die sich auch mit den tiefsten Fragen des Daseins beschäftigt, auseinandersetzen und ihre Stellung dazu zum Ausdruck brin­gen. An sich ist ja die theosophische Lebensbetrachtung nichü da zum Kampfe, sondern zur Versöhnung, zum Ausgleich der Gegensätze. Dann bin ich auch selbst in einer besonderen Lage gegenüber der Weltanschauung Ernst Haeckels. Denn ich kenne die Empfindungen und Gefühle, die heute den Men­schen teilweise aus seinem wissenschaftlichen Gewissen, teil­weise aus der allgemeinen Weltlage und Weltanschauung her­aus, wie durch eine faszinierende Kraft hineinführen können in die einfachen, großen Gedankengänge, aus denen sich diese Weltanschauung Haeckels zusammensetzt. Ich würde wohl nicht wagen, heute so unbefangen zu sprechen, wenn ich in be­zug auf Haeckel das wäre, was man einen Gegner nennt; wenn ich nicht genau bekannt wäre mit dem, was man durchmachen kann, wenn man sich hineinlebt in dieses wunderbare Gebäude seiner Ideen.

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Vor allem aber wird derjenige, der mit offenem Sinn die Ent­wickelung des Geisteslebens betrachtet, in Haeckels Wirken die moralische Kraft anerkennen müssen. Mit ungeheuerem Mut hat dieser Mann seit Jahrzehnten seine Weltanschauung durchgekämpft, schwer durchgekämpft und sich sehr gegen mannigfache Widerwärtigkeiten, die ihm entgegentraten, zu wehren gehabt. Auf der anderen Seite dürfen wir nicht verken­nen, daß in Haeckel eine große Kraft der zusammenfassenden Darstellung und des zusammenfassenden Denkens lebt. Was in dieser Beziehung so vielen Naturforschern fehlt, das hat er in hohem Maße. Er hat es gewagt, trotzdem in den letzten Jahr­zehnten die eigentlich wissenschaftlichen Strömungen gegen ein solches Unternehmen gerichtet waren, die Resultate seiner Forschungen in einer Weltanschauung zusammenzufassen. Das muß als eine Tat besonderer Art anerkannt werden. Auch der theosophischen Weltanschauung gegenüber bin ich in einer eigentümlichen Lage, wenn ich über Haeckel spreche. Wer sich mit dem Entwickelungsgang der theosophischen Bewegung befaßt hat, der weiß, welche scharfrn Worte und Kämpfr von seiten der Theosophen und auch gerade von seiten der Be­gründerin der theosophischen Bewegung, von seiten der Frau H.P. Blavatsky, gegen die Konsequenzen geführt worden sind, die Ernst Haeckel aus seinen Forschungen gezogen hat. Gegen wenige Erscheinungen auf dem Gebiete der Weltanschauun­gen wird in der «Geheimlehre» mit solcher Leidenschaftlich­keit gekämpft, wie gerade gegen die Haeckelschen Auseinan­dersetzungen. Ich darf wohl behaupten, unbefangen zu spre­chen, weil ich glaube, zum Teil in meiner Schrift «Haeckel und seine Gegner», wie auch in meinem Buch über die «Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert», dem wirklichen Wahrheitsgehalt der Haeckelschen Weltanschau­ung in vollem Sinne gerecht geworden zu sein. Ich glaube das aus seinen Werken herausgesucht zu haben, was unvergäng­lich, was fruchtbar ist.

Sehen Sie die ganze Lage der Weltanschauung an, insofern sie sich auf wissenschaftliche Gründe stützt. Noch in der ersten

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Häffte des neunzehnten Jahrhunderts war die Geistesrichtung eine ganz: andere als in der zweiten. Und Haeckels Auftreten fiel in eine Zeit, in welcher es sehr nahe lag, dem jungen sogenannten Darwinismus eine materialistische Konsequenz zu ge­ben. Wenn man versteht, wie nahe es damals lag, als Haeckel in die Naturwissenschaft hineinkam als junger enthusiastischer Forscher, alle naturwissenschaftlichen Entdeckungen mate­rialistisch zu deuten, dann wird man die materialistische Ten­denz begreifen und den Weg der Friedensstiftung einschlagen und weniger den des Kampfes. Wenn Sie diejenigen betrach­ten, welche in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts den Blick frei nach den großen Menschheitsrätseln gerichtet haben, so werden Sie zweierlei finden. Auf der einen Seite eine völlige Resignation gegenüber den höchsten Fragen des Daseins, ein Eingeständnis, vom wissenschaftlichen Standpunkt aus nicht durchdringen zu können zu den Fragen nach der göttlichen Weltordnung, nach der Unsterblichkeit, der Freiheit des Wil­lens, dem Ursprung des Lebens, kurz zu den eigentlichen Welträtseln. Auf der anderen Seite werden Sie außer dieser resi­gnierenden Stimmung noch Überreste einer alten religiösen Tradition auch bei den Naturforschern finden. Kühnes Vor­dringen bei der Untersuchung dieser Fragen, vom wissen­schaftlichen Standpunkt aus, finden Sie in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts nur bei den deutschen Philosophen, zum Beispiel bei Schelling, Fichte oder auch bei Oken, einem Freiheitsmann sondergleichen auch auf anderen Gebieten des Lebens. Was heute bei den Naturforschern spukt, die Weltan­schauungen begründen wollen, können Sie schon in größeren Zügen bei Oken finden. Aber es weht noch ein eigentümlicher Windhauch darüberhin, es lebt noch darin die Empfindung des alten Spiritualismus, der sich klar ist, daß hinter allem, was man durch die Sinne wahrnehmen und durch Instrumente er­forschen kann, etwas Geistiges zu suchen ist.

Haeckel hat selbst immer wieder und wieder erzählt, wie durch das Gemüt seines großen Lehrers, des unvergeßlichen Naturforschers Johannes Müller, dieser eigentümliche Hauch

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wehte. Sie können es bei Haeckel nachlesen, wie ihm, als er auf der Berliner Universität bei Johannes Müller beschäftigt war und die Anatomie der Tiere und Menschen studierte, die große Ahnlichkeit, nicht nur in der äußeren Form, sondern in dem, was sich in der Form erst durchringt, in der Tendenz der Form, auffiel. Wie er dann dem Lehrer gegenüber äußerte, daß dies auf eine geheimnisvolle Verwandtschaft der Tiere und Men­schen hindeute, worauf Johannes Müller, der so tief in die Na­tur hineingesehen hatte, erwiderte: «Ja, wer einmal das Ge­heimnis der Arten ergründet, der wird das Höchste erreichen.» Man muß sich eben hineindenken in das Gemüt eines solchen Forschers, der sicher nicht Halt gemacht hätte, wenn für ihn eine Aussicht gewesen wäre, in das Geheimnis einzudringen. Ein anderes Mal, als Lehrer und Schüler auf einer Forschungs­reise waren, da äußerte Haeckel wieder, welche große Ver­wandtschaft unter den Tieren bestehe; da sagte abermals Jo­hannes Müller etwas ganz Ähnliches. Hiermit wollte ich nur eine Stimmung kennzeichnen. Lesen Sie bei irgendeinem be­deutenden Naturerforscher der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts nach, zum Beispiel bei Burdach, so werden Sie, trotz sorgfältiger Herausarbeitung aller naturwissenschaftli­chen Einzelheiten, da, wo vom Reiche des Lebens gesprochen wird, stets einen Hinweis darauf finden, daß da nicht bloß phy­sische und chemische Kräfte wirken, sondern daß etwas Hö­heres in Betracht komme.

Als dann aber die Ausbildung des Miktoskopes dem Men­schen ermöglichte, hineinzuschauen in die eigentümliche Zu­sammensetzung des lebendigen Wesens und man beobachten konnte, daß man es mit einem feinen Gewebe kleinster Lebe­wesen zu tun hat, aus welchen sich der physische Leib der We­sen zusammensetzt, da wurde es anders. Dieser physische Kör­per, welcher Pflanzen und Tieren als Kleid dient, löst sich für den Naturforscher in Zellen auf. Die Entdeckungen über das Leben der Zellen wurden von den Naturforschern am Ende der dreißiger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts gemacht. Und weil man so viel von dem Leben der kleinsten Lebewesen

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in sinnlicher Weise durch das Mikroskop erforschen konnte, war es naheliegend, daß man das, was als organisierendes Prin­zip in dem Lebewesen wirkt, vergaß und übersah, weil es durch keinen physischen Sinn, überhaupt durch nichts Äußeres er­kannt werden kann.

Damals gab es noch keinen Darwinismus, aber unter den Eindrücken dieser großen Erfolge, die auf dem Gebiete der Erfor­schung des Sinnenfälligen gemacht wurden, bildete sich in den vierziger, fünfziger Jahren eine materialistische Naturwissen­schaft heraus. Da dachte man, daß man aus dem, was man sin­nenfällig wahrnimmt und erklären kann, auch die ganze Welt begreifen könne. Was heute sehr vielen geradezu kindlich vor­kommt, das machte damals ungeheures Aufsehen und bildete sozusagen «ein Evangelium für die Menschheit». «Kraft und Stoff», Büchner, Moleschott, das waren die Schlagworte und die tonangebenden Größen. Als einAusdruck kindlicher Phan­tasie früherer Menschheitsepochen galt es, wenn man bei dem, was man ins kleinste mit den Augen untersuchen kann, noch etwas vermutet, das über das Augenfällige, das sinnlich Wahr­nehmbare hinausgeht.

Nun müssen Sie bedenken, daß neben aller Urteilskraft, ne­ben aller Forschung, in der Entwickelung des Geisteslebens die Gefühle und Empfindungen eine große Rolle spielen. Der­jenige, der da glaubt, daß Weltanschauungen nur nach den kühlen Erwägungen der Urteilskraft gebildet werden, der irrt sich sehr. Da spricht, wenn ich mich radikal aussprechen darf, immer auch das Herz mit. Da wirken auch geheime Erziehungs­gründe mit. Die Menschheit hat in ihrer letzten Entwickelungs­phase eine materialistische Erziehung durchgemacht. Diese reicht zwar in ihren Anfängen weit zurück, ist aber erst zu der Zeit, von der wir sprechen, an ihrem Höhepunkt angelangt. Wir nennen diese Epoche der materialistischen Erziehung das Zeitalter der Aufklärung. Der Mensch mußte sich - das war auch die letzte Konsequenz gerade der christlichen Weltan­schauung - hier auf diesem festen Boden der Wirklichkeit zu­rechtfinden lernen. Den Gott, den er so lange jenseits der Wolken

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gesucht hatte, sollte er nun in seinem eigenen Innern su­chen. Das wirkte tief auf die ganze Entwickelung des neun­zehnten Jahrhunderts ein; und der, welcher als Zeitpsychologe die Entwickelung der Menschheit im neunzehnten Jahrhun­dert studieren will, der wird alle Erscheinungen, die darin auf-treten, wie zum Beispiel die Freiheitsbewegung in den dreißi­ger und vierziger Jahren, nur als einzelne, gesetzmäßig verlau­fende Stürme des sich herausentwickelnden Gefühls von der Bedeutung physischer Wirklichkeit erfassen. Man hat es mit einer Erziehungsrichtung der Menschheit zu tun, die zunächst mit Gewalt allen Ausblick nach einem spirituellen, nach einem geistigen Leben aus dem menschlichen Herzen herausriß. Und nicht aus der Naturwissenschaft heraus ist die Konsequenz ge­zogen, daß die Welt aus sinnenfälligen Erscheinungen bestehe, sondern man zog, infolge der Menschheitserziehung jener Zeit, in die Erklärung naturwissenschaftlicher Tatsachen den Materialismus hinein. Wer wirklich die Dinge unbefangen stu­diert wie sie sind, der wird finden, daß es so ist, wie ich sagen werde, obgleich ich in einer kurzen Stunde mich nicht darüber ausführlich aussprechen kann.

Die ganz gewaltigen Fortschritte auf dem Gebiete der Na­turerkenntnis, der Astronomie, der Physik und Chemie, durch die Spektralanalyse, durch die erweiterte theoretische Kennt­nis der Wärme und durch die Lehre von der Entwickelung der Lebewesen, die man die Darwinsche Theorie nennt, fallen in diese Periode des Materialismus. Wenn diese Entdeckungen in eine Zeit gefallen wären, in der man noch so gedacht hätte, wie um die Wende des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts, als man noch eine mehr spirituelle Empfindung hatte, dann hätte man in denselben noch ebenso viele Beweise für das Wal­ten und Wirken des Geistes in der Natur gesehen. Gerade zum Beweise des Primats des Geistes würden die wunderbaren Ent­deckungen der Naturwissenschaft geführt haben. Man sieht hieraus, daß die naturwissenschaftlichen Entdeckungen an sich nicht notwendig und unter allen Umständen zum Materialis­mus hinführen mußten; sondern nur, weil viele Träger des

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Geisteslebens in dieser Zeit materialistisch gesinnt waren, wur­den diese Entdeckungen materialistisch gedeutet. Der Mate­rialismus wurde in die Naturwissenschaft hineingetragen, und un­bewußt haben Naturforscher, wie Ernst Haeckel, denselben angenommen. Darwins Entdeckung selbst hätte nicht zum Materialismus drängen müssen. In seinem ersten Werke finden Sie den Satz: «Ich halte dafür, daß alle Lebewesen, die je auf der Erde gewesen sind, von einer Urform abstammen, welcher das Leben vom Schöpfer eingehaucht wurde.» Diese Worte stehen in Darwins Buch von der Entstehung der Arten, jenem Werke, das der Materialismus zu seiner Stütze macht.

Es ist klar, wer als materialistischer Denker an diese Ent­deckungen herantrat, der mußte dem Darwinismus eine mate­rialistische Färbung geben. Durch Haeckels materialistisch kühne Art des Denkens erhielt der Darwinismus seine jetzige materialistische Tendenz. Es war von großer Wirkung, als im Jahre 1864 Haeckel den Zusammenhang der Menschen mit den Herrentieren (Affen) verkündete. In jener Zeit konnte dies nichts anderes heißen, als der Mensch stamme von den Herren-tieren ab. Bis heute hat aber das Denken einen eigentümlichen Entwickelungsgang durchgemacht. Haeckel ist dabei stehen geblieben, daß der Mensch von den Herrentieren abstamme, diese wieder von den niederen und diese niederen wieder von den allereinfachsten Lebewesen. So entwickelt er den ganzen Stammbaum des Menschen. Dadurch war für ihn aller Geist aus der Welt ausgeschaltet und nur als Erscheinungsform des Materiellen vorhanden. Haeckel sucht sich noch zu helfen, da er in seinem Innersten, neben seiner materialistischen Denker-seele, eine eigentümlich geartete, spiritualistische Gefühls seele hat. Diese beiden haben sich in ihm nie so recht ausgleichen, nie so recht eine brüderliche Einigung finden können. Er kommt deshalb dazu, daß er dem kleinsten Lebewesen auch eine Art Bewußtsein zuschreibt; dabei bleibt aber unerklärt, wie sich das komplizierte menschliche Bewußtsein aus dem Be­wußtsein der kleinsten Lebewesen entwickelt. Haeckel sagte einst bei Gelegenheit eines Gespräches: «Da stoßen sich die

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Leute an meinem Materialismus; aber ich leugne ja gar nicht den Geist, ich leugne ja gar nicht das Leben; ich möchte doch nur, daß die Leute bedenken, daß, wenn sie Stoffe in eine Re­torte hineinbringen, darinnen bald alles lebt und webt.» Das zeigt so recht deutlich, wie Haeckel neben der wissenschaftli­chen Denkerseele eine spiritualistische Gefühlsseele hat.

Einer derjenigen, die damals, als Darwin auftrat, die Ab­stammung der Menschen vom höheren Tier ebenfalls behaup­teten, war der englische Forscher Huxley. Er hat es ausgespro­chen, daß eine so große Ähnlichkeit im äußeren Bau zwischen dem Menschen und den höheren Tieren besteht, daß diese Ähnlichkeit größer sei, als die Ähnlichkeit zwischen den höhe­ren und niederen Affenarten. Man könne daraus nur schließen, daß eine Abstammung des Menschen von den höheren Tieren bestehe. In neuerer Zeit haben die Forscher neue Tatsachen ge­funden; auch jene Empfindungen, die in jahrhundertelanger Erziehung des Menschen Herz und Seele herangebildet haben, formten sich um; und so kam es, daß Huxley in den neunziger Jahren, kurz vor seinem Tode, die für ihn merkwürdige An­sicht ausgesprochen hat: So sehen wir denn, daß wir in der Na­tur draußen eine Stufrnfolge des Lebendigen finden, vom Ein­fachsten und Unvollkommensten bis zum Zusammengesetz­ten und Vollkommensten. Diese Reihenfolge können wir über­sehen. Warum aber sollte sich diese Reihenfolge nicht fortset­zen in ein Gebiet, das wir nicht übersehen können? - In diesen Worten ist der Weg angedeutet, auf dem der Mensch aus der Naturforschung heraus sich emporschwingen kann zur Idee eines göttlichen Wesens, das hoch über dem Menschen steht, eines Wesens, das höher über diesem steht, als er selbst über einem einfachen Zellenwesen. Huxley sagte einst: «Ich will lieber von solchen Vorfahren abstammen, die tierähnlich sind, als von solchen, welche die menschliche Vernunft leugnen.»

So haben sich die Begriffe und Empfindungen, das, was die Seele denkt und fühlt, verändert. Haeckel hat in seiner Art seine Forschungen fortgesetzt. Schon im Jahre 1868 hat er sein

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populäres Buch «Natürliche Schöpfungsgeschichte» veröffent­licht. Aus dieser kann man vieles lernen; man kann lernen,wie die Reiche des Lebendigen in der Natur gesetzmäßig zusam­menhängen. Man kann hineinschauen in die grauen Zeiten der Vergangenheit und das Lebende in Zusammenhang mit dem Ausgestorbenen bringen, von dem nur noch die letzten Über­reste auf der Erde vorhanden sind. Das hatte Haeckel genau eingesehen. Das Weithistorische, das sich im weiteren abspielt, kann ich nur durch einen Vergleich klarmachen. Derjenige, welcher den Willen hat, auf solche Dinge einzugehen, wird fin­den, daß dieser Vergleich nicht mehr hinkt, als alle Vergleiche hinken, die aber trotz alledem treffend sein können. Nehmen Sie an, es käme ein Kunsthistoriker und beschriebe das große Reich der Malerei von Leonardo da Vinci bis heute in einer schönen kunstgeschichtlichen Abhandlung. Alles was in die­ser Zeit nach solcher Richtung hin geschaffen worden ist, träte vor Ihre Seele hin und Sie würden glauben, hineinzuschauen in dieses frei sich entwickelnde Weben und Wirken des Men­schengeistes. Nehmen Sie ferner an, es käme jemand und sagte bezüglich dieser Beschreibung: «Aber alles, was der Kunsthi­storiker hier darstellt, ist ja nichts Wirkliches, das ist ja etwas, was gar nicht da ist, das ist ja nur eine Beschreibung von Phan­tasiegebilden, die es gar nicht gibt, und was gehen mich diese Phantasien an; man muß das Wirkliche untersuchen, um zu ei­ner richtigen kunstgeschichtlichen Darstellung zu kommen. Ich will daher einmal die Gebeine des Leonardo da Vinci einer Prüfung unterziehen und versuchen, den Körper desselben wieder zusammenzustellen, untersuchen, was er für ein Gehirn gehabt und wie dieses gearbeitet hat.» Dieselben Dinge wer­den also sowohl von dem Kunsthistoriker, als auch von dem anatomischen Naturhistoriker beschrieben. Kein Fehler braucht zu unterlaufen, alles könnte richtig sein. Dann meinte der anatomische Historiker, wir müssen auf Tod und Leben bekämpfen, was die idealistischen Kunsthistoriker uns erzäh­len, wir müssen es als eine Phantasie bekämpfen, denn das sei ja fast so, als wäre über die Menschen ein Aberglaube gekom­men,

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der uns glauben machen will, daß neben der Gestalt von Leonardo da Vinci noch so ein gasförmiger Wirbel als Seele bestanden habe.

Dieser Vergleich ist treffend, obgleich er albern erscheinen mag. In solcher Lage befindet sich derjenige, welcher auf die alleinige Richtigkeit der «Natürlichen Schöpfungsgeschichte» schwört. Auch er kann nicht so bekämpft werden, daß man ihm Fehler nachweist. Die mögen zwar vorhanden sein, aber darauf kommt es hier gar nicht an. Wichtig ist es, daß das Sin­nenfällige einmal seinem inneren Zusammenhange nach dar­gestellt wurde. Das ist im Grunde genommen durch Haeckel in einer großen und umfassenden Weise geschehen. Es ist so geschehen, daß derjenige, der sehen will, auch sehen kann, wie gerade das Geistige bei der Bildung der Formen wirksam ist, wo scheinbar nur die Materie waltet und webt. Daraus kann man viel lernen; man kann ersehen, wie man geistig den mate­riellen Zusammenhang in der Welt mit Ernst, Würde und Aus­dauer erfaßt. Derjenige, welcher die «Anthropogenie» Haeckels durchnimmt, der sieht, wie die Gestalt sich aufbaut von den einfachsten Lebewesen bis zu den kompliziertesten, von den einfachsten Organismen bis hinauf zum Menschen. Wer zu dem, was der Materialist sagt, noch den Geist hinzu­zufügen versteht, der studiert in diesem Haeckelismus die schönste elementare Theosophie.

Die Haeckelschen Forschungsresultate bilden sozusagen das erste Kapitel der Theosophie. Viel besser als durch irgend et­was anderes kann man sich in das Werden und Umgestalten der organischen Formen hineinfinden, wenn man seine Werke stu­diert. Allen Grund haben wir, zu zeigen, was durch den Fort­schritt dieser vertieften Naturerkenntnis Großes geleistet wurde.

In den Zeiten, da Haeckel diesen Wunderbau aufgeführt hat, stand man den tieferen Rätseln der Menschheit als unlösbaren Problemen gegenüber. In einer rhetorisch glänzenden Rede hat Du Bois-Reymond im Jahre 1872 über die Grenzen der Na­turforschung und des Naturerkennens gesprochen. Über we­niges

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ist in den letzten Jahrzehnten mehr gesprochen worden, als über diese Rede mit dem berühmten «Ignorabimus». Sie war eine wichtige Tat und stellt einen wichtigen Gegensatz zu Haeckels eigener Entwickelung und seiner Lehre von der Ab­stammung des Menschen dar. In einer anderen Rede hat Du Bois-Reymond als die großen Rätseifragen des Daseins, die der Naturforscher nur teilweise oder gar nicht beantworten kann, « Sieben Weiträtsel » aufgestellt, nämlich:

1.Den Ursprung von Kraft und Materie.

2.Wie ist in diese ruhende Materie die erste Bewegung hin­eingekommen?

3.Wie ist innerhalb der bewegten Materie Leben entstan­den?

4.Wie erklärt es sich, daß in der Natur so vieles ist, das den Stempel der Zweckmäßigkeit an sich trägt, wie sie nur bei den von der menschlichen Vernunft ausgeführten Taten vorhan­den zu sein pflegt?

5.Wie erklärt es sich, da, wenn wir unser Gehirn untersu­chen könnten, wir doch nur durcheinanderwirbelnde kleine Kügelchen finden würden, daß diese Kügelchen es zustande bringen, daß ich « rot» sehe, Orgelton höre, Schmerz empfinde usw.? - Denken Sie sich wirbelnde Atome und es wird Ihnen sofort klar sein, daß nie die Empfindung daraus entstehen kann, die sich ausdrückt in den Worten, «ich sehe rot, ich rie­che Rosenduft usw.»

6.Wie entwickelt sich innerhalb der Lebewesen Verstand, Vernunft, das Denken und die Sprache?

7. Wie kann ein freier Wille entstehen in einem Wesen, das so gebunden ist, daß jede Handlung hervorgerufen werden muß durch das Wirbeln der Atome?

In Anknüpfung an diese «Welträtsel» von Du Bois-Rey­mond hat Haeckel eben sein Buch «Die Weiträtsel» genannt. Er wollte die Antwort auf die Ausführungen Du Bois-Rey­monds geben. Eine besonders wichtige Stelle ist in jener Rede Du Bois-Reymonds, die er über die Grenzen des Naturerken­nens gehalten hat. Auf diese wichtige Stelle werden wir hingeführt

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und können durch sie zur Theosophie hinübergeleitet werden.

Als Du Bois-Reymond in Leipzig vor den Naturforschern und Ärzten sprach, da schaute der Geist der Naturforschung aus nach einer reineren, freieren und höheren Luft, nach der Luft, welche in die theosophische Weltanschauung führte. Du Bois-Reymond sagte damals folgendes: Wenn wir den Men­schen naturwissenschaftlich betrachten, so ist er für uns ein Zu­sammenwirken unbewußter Atome. Den Menschen naturwis­senschaftlich erklären, heißt diese Atombewegungen bis ins letzte hinein verstehen. Er meint, wenn man in der Lage ist, anzugeben, wie die Bewegung der Atome an irgendeiner Stelle des Gehirns ist, wenn man sagt, « ich denke», oder « gib mir einen Apfel», so hat man dieses Problem naturwissenschaft­lich gelöst. Du Bois-Reymond nennt dieses die «astronomi­sche» Erkenntnis des Menschen. Wie ein Sternenhimmel im kleinen würden sich die bewegten Gruppen von menschlichen Atomen ausnehmen. Was man da nicht begriffen hat, ist der Umstand, wie es kommt, daß in dem Bewußtsein des Men­schen, von dem ich, sagen wir, ganz genau weiß, so und so be­wegen sich seine Atome - Empfindung, Gefühl und Gedanke entstehen. Das kann keine Naturwissenschaft feststellen. Wie das Bewußtsein entsteht, kann keine Naturwissenschaft sagen. Du Bois-Reymond schloß nun wie folgt: Beim schlafenden Menschen, der sich der Empfindung nicht bewußt ist, die sich ausdrückt in den Worten: « ich sehe rot », haben wir die physi­sche Gruppe der bewegten Körperteile vor uns. Bezüglich die­ses schlafenden Körpers brauchen wir nicht zu sagen: «Wir werden nicht wissen», «Ignorabimus». Den schlafenden Men­schen können wir verstehen. Der wache Mensch ist dagegen für keinen Naturforscher verständlich. Im schlafenden Men­schen ist das nicht vorhanden, was beim wachenden vorhanden ist, nämlich das Bewußtsein, durch das er uns als Geisteswesen entgegentritt.

Damals war bei der Mutlosigkeit der Naturwissenschaft ein weiteres Vordringen nicht möglich; man konnte damals noch

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nicht an Theosophie denken, weil die Naturwissenschaft scharf die Grenze bezeichnet, den Punkt hingesetzt hatte, bis wohin sie in ihrer Weise gehen will. Wegen dieser Selbstbe­schränkung, die sich die Naturforschung hiermit auferlegt hat, hat die theosophische Weltanschauung in derselben Zeit ihren Anfang genommen. Niemand wird behaupten, daß der Mensch, wenn er abends einschläft und des Morgens wieder aufwacht, am Abende aufhöre zu sein und am nächsten Morgen von neuem entstehe. Dennoch sagt Du Bois-Reymond, daß in der Nacht beim Menschen dasjenige nicht da ist, was bei Tag in ihm vorhanden ist. Hier liegt für die theosophische Weltan­schauung die Möglichkeit einzusetzen. Das Sinnesbewußtsein spricht nicht bei dem schlafenden Menschen. Indem aber der Naturforscher sich darauf stützt, was dieses Sinnesbewußtsein vermittelt, so kann er nichts über das, was darüber hinausgeht, über das Geistige, sagen, weil ihm dadurch gerade dasjenige fehlt, was den Menschen zum geistigen Wesen macht. Mit den Mitteln der Naturforschung können wir also in das Geistige nicht hineindringen. Die Naturforschung stützt sich darauf, was sinnlich wahrnehmbar ist. Was nicht mehr wahrnehmbar ist, wenn der Mensch schläft, das kann nicht Objekt ihrer For­schung sein. In diesem, bei dem schlafenden Menschen nicht mehr wahrnehmbaren Etwas haben wir aber gerade die We­senheit zu suchen, die den Menschen zum Geisteswesen macht. Nicht früher kann man über dasjenige etwas aussagen, was über das rein Materielle, das Sinnliche hinausgeht, als bis - wo­von der Naturforscher als solcher, wenn er nur auf das Sinnen fällige ausgeht, nichts wissen kann - Organe, geistige Augen geschaffen sind, die auch das sehen, was über das Sinnliche hin­ausgeht. Deshalb darf man nicht sagen, hier sind die Grenzen der Erkenntnis, sondern nur, hier sind die Grenzen der sinn­lichen Erkenntnis. Der Naturforscher nimmt sinnlich wahr, ist aber nicht geistig er Seher. Seher muß er aber werden, um das schauen zu können, was der Mensch Geistiges in sich hat. Das ist es auch, was alle tiefere Weisheit in der Welt anstrebt, nicht eine bloße Erweiterung der sinnlichen Erkenntnis, dem Umkreise

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nach, sondern eine Erhöhung der menschlichen Fähig­keiten. Das ist auch der große Unterschied zwischen der heu­tigen Naturwissenschaft und dem, was die Theosophie lehrt. Der Naturforscher sagt sich: der Mensch hat Sinne, mit denen er wahrnimmt, und einen Verstand, mit dem er die Sinneswahr­nehmungen kombiniert. Was man damit nicht erreichen kann, das liegt außerhalb der naturwissenschaftlichen Erkenntnis. Die Theosophie hat eine andere Anschauung. Sie sagt: du hast recht, Naturforscher, wenn du von deinem Standpunkte aus urteilst, du hast damit genau so recht, wie der Blinde von sei­nem Standpunkte aus recht hat zu sagen, die Welt sei licht- und farbenlos.

Ich mache keine Einwendungen gegen den naturwissen­schaftlichen Standpunkt; ich möchte ihm nur die Anschauung der Theosophie gegenüberstellen, welche sagt: es ist möglich, nein, es ist sicher, daß der Mensch nicht stehenzubleiben braucht auf dem Standpunkte, auf welchem er heute steht. Es ist möglich, daß sich Organe, Geistesaugen entwickeln, in ähn­licher Weise, wie sich in diesem physischen Leibe Sinnesorgane, Augen und Ohren, entwickelt haben. Sind diese Organe ent­wickelt, dann treten höhere Fähigkeiten auf. Das muß man zu­nächst glauben - nein, man braucht es nicht einmal zu glauben, man nehme es nur unbefangen als eine Erzählung hin. So wahr aber, wie nicht alle Gläubigen der «Natürlichen Schöpfungs­geschichte» gesehen haben, was in ihr an Tatsachen angeführt ist - denn wie viele sind es, die diese Tatsachen wirklich gese­hen haben -, ebensowenig kann man die Tatsache der Erkennt­nis des Übersinnlichen hier jedermann vorweisen. Es gibt für den gewöhnlichen Sinnenmenschen keine Möglichkeit, in die­ses Gebiet hineinzukommen. Wir können nur mit Hilfe der okkulten Forschungsmethoden in die geistigen Gebiete hin­eingelangen. Wenn der Mensch sich zu einem Werkzeug um­wandelt für die höheren Kräfte, um hineinzuschauen in die dem Sinnenmenschen verborgenen Welten, dann treten in ihm - ich werde im neunten Vortrage über «Innere Entwickelung» noch ausführlich darüber sprechen - ganz besondere Erscheinungen

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auf. Der gewöhnliche Mensch ist nicht imstande, sich selbst zu schauen oder die Gegenstände in seiner Umgebung bewußt in sich aufzunehmen, wenn seine Sinne schlafen. Wenn aber der Mensch die okkulte Forschungsmethode anwendet, dann hört diese Unfähigkeit auf, und er fängt dann an, in einer bewußten Weise die Eindrücke in der astralen Welt wahrzu­nehmen.

Zunächst gibt es einen Übergang, den jeder kennt, zwischen dem äußerlichen Leben der Sinneswahrnehmung und jenem Leben, das selbst im tiefsten Schlafe nicht erstirbt. Dieser Übergang ist das Chaos der Träume. Jeder kennt es, meist nur als Nachkiang dessen, was er am Tage erlebt hat. Wie sollte er auch im Schlafe etwas Neues aufnehmen können? Der innere Mensch hat ja noch keine Wahrnehmungsorgane. Aber etwas ist doch vorhanden. Leben ist da. Was aus dem Körper beim Schlafe herausgetreten ist, das erinnert sich, und diese Erinne­rung steigt in mehr oder weniger verworrenen Bildern in dem Schlafenden au£ (Wenn Sie sich weiter über diese Dinge infor­mieren wollen, so nehmen Sie die Aufsätze «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» zur Hand.) An Stelle des Chaos beginnt dann nach und nach Ordnung und Harmonie in das Reich der Träume zu kommen. Dies ist ein Zeichen da­für, daß der Mensch anfängt, sich geistig zu entwickeln; und dann sieht er im Traume nicht bloß die Nachklänge der Wirk­lichkeit in chaotischer Weise, sondern auch Dinge, die es für das gewöhnliche Leben gar nicht gibt. Gewiß werden die Leute sagen, welche auf dem Gebiete des Tastbaren, auf dem Gebiete des Sinnlichen bleiben wollen: «Das sind ja nur Träume.» Wenn Sie aber dabei Einsicht in die höchsten Welt-geheimnisse erlangen, so kann es Ihnen eigentlich ganz gleich­gültig sein, ob Sie sie im Traume oder auf sinnliche Weise er­halten haben. Denken Sie, Graham Beil hätte das Telephon im Traume erfunden. Darauf käme es doch heute gar nicht an, wenn das Telephon auf jeden Fall zu einer bedeutsamen und nützlichen Einrichtung geworden wäre. Das klare und geord­nete Träumen ist also der Anfang.

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Wenn der Mensch in der Stille des Nachtlebens in die Träu­me sich einlebt, wenn er eine Weile sich gewöhnt hat, ganz an­dere Welten wahrzunehmen, dann kommt auch bald die Zeit, da er auch mit diesen neuen Wahrnehmungen in die Wirklich­keit hinauszutreten lernt. Dann bekommt diese ganze Welt ein neues Aussehen für ihn, und er ist sich dieses Neuen so bewußt, wie wir des Sinnlichen uns bewußt sind, wenn wir durch diese Stuhireihen, durch alles, was Sie hier sehen, hindurchschreiten. Dann ist er in einem neuen Bewußtseinszustand; es eröffnet sich etwas Neues, Wesenhaftes in ihm. Der Mensch kommt dann dadurch auch weiter in der Entwickelung, zuletzt zu dem Standpunkte, wo er nicht nur die eigentümlichen Erscheinun­gen der höheren Welten wie Lichterscheinungen mit geistigem Auge wahrnimmt, sondern auch Töne der höheren Welten er­klingen hört, so daß ihm die Dinge ihre geistigen Namen sagen und in neuer Bedeutung ihm entgegentreten. In der Sprache der Mysterien wird das ausgedrückt mit den Worten: Der Mensch sieht die Sonne um Mitternacht, das heißt für ihn sind keine räumlichen Hindernisse mehr da, um die Sonne auf der anderen Seite der Erde zu sehen. Dann wird ihm auch das, was die Sonne im Weltenraume tut, offenbar, dann wird er auch das, was die Pythagoräer als eine Wahrheit vertreten haben, die Sphärenharmonie, wahrnehmen. Dieses Klingen und Tönen, diese Sphärenharmonie wird für ihn etwas Wirkliches. Dich­ter, die zugleich Seher waren, wußten, daß es so etwas wie Sphärenharmonie gibt. Nur der, welcher Goethe von diesem Standpunkte aus faßt, kann ihn verstehen. Die Worte im «Pro­log im Himmel» zum Beispiel kann man entweder nut als Phrase hinnehmen oder als höhere Wahrheit. Da, wo Faust im zweiten Teile in die Geisterwelt eingeführt wird, spricht er wieder von diesem Tönen: «Tönend wird für Geistes-Ohren schon der neue Tag geboren.»

Da haben wir den Zusammenhang zwischen der Naturfor­schung und der Theosophie. Du Bois-Reymond hat daraufhin-gewiesen, daß nur der schlafende Mensch Gegenstand für die Naturforschung sein kann. Wenn nun aber der Mensch anfängt,

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seine inneren Sinne zu eröffnen, wenn er anfängt, zu hö­ren und zu schauen, daß es auch eine geistige Wirklichkeit gibt, dann beginnt das ganze Gebäude elementarer Theo sophie, das Haeckel so wunderbar aufgebaut hat, und das keiner mehr be­wundern kann als ich, einen ganz neuen Glanz, eine ganz neue Bedeutung zu bekommen. Nach diesem Wunderbau sehen wir als Urwesen ein einfaches Lebewesen, aber ebenso können wir unser Wesengeistg zurückverfolgen, bis zu einem früheren Zustand des Bewußtseins.

Ich werde nun die theosophisch gehaltene Abstammungs­lehre auseinandersetzen. Von «Beweisen» für dieselbe muß natürlich in einem einzelnen Vortrage ganz abgesehen werden. Es ist natürlich, daß für alle diejenigen, welche nur die heute üblichen Vorstellungen über die «Abstammung des Men­schen» kennen, alles unwahrscheinlich und phantastisch klin­gen wird, was ich werde sagen müssen. Aber alle diese Vor­stellungen sind ja den herrschenden materialistischen Gedan­kenkreisen entsprungen. Und viele, welche vielleicht gegen­wärtig den Vorwurf des Materialismus weit von sich weisen wollen, sind doch nur in einer - allerdings begreiflichen -Selbsttäuschung befangen. Die wahre theosophische Entwik­kelungslehre ist heute kaum bekannt. Und wenn Gegner von ihr sprechen, so sieht derjenige, der sie kennt, aus den Einwür­fen sofort, daß sie von einer Karikatur dieser Entwickelungs­lehre sprechen. Für alle diejenigen, welche eine Seele oder ei­nen Geist nur anerkennen, die innerhalb der menschlichen oder tierischen Organisation zum Ausdruck kommen, ist die theo­sophische Vorstellungsart ganz unverständlich. Mit solchen Personen ist jede Diskussion über diesen Gegenstand un­fruchtbar. Sie müßten sich erst frei machen von den materiali­stischen Suggestionen, in denen sie leben, und müßten sich mit der Grundlage theosophischer Denkrichtung bekannt machen.

Wie die sinnlich naturwissenschaftliche Forschungsme­thode die physisch körperliche Organisation zurück verfolgt bis in ferne unbestimmte Urzeiten, so tut es die theosophische Denkweise in bezug auf Seele und Geist. Die letztere kommt

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dabei mit den bekannten naturwissenschaftlichen Tatsachen nicht in den geringsten Widerspruch; nur mit der materialisti-schen Ausdeutung dieser Tatsachen kann sie nichts Zu tun haben. Die Naturwissenschaft verfolgt die physischen Lebewesen ihrer Abstammung nach rückwärts. Sie wird auf immer einfa­chere Organismen geführt. Nun sagt sie, die vollkommenen Lebewesen stammen von diesen einfachen, unvollkommenen ab. Das ist, soweit die physische Körperlichkeit in Betracht kommt, eine Wahrheit, obgleich die hypothetischen Formen der Urzeit, von denen die materialistischeWissenschaft spricht, nicht ganz mit jenen übereinstimmen, von denen die theoso­phische Forschung weiß. Doch das mag uns für unseren jetzi­gen Zweck nicht weiter berühren.

In sinnlich physischer Beziehung erkennt auch die Theoso­phie die Verwandtschaft des Menschen mit den höheren Säu­getieren, also mit den menschenähnlichen Affen, an. Von einer Abstammung aber des heutigen Menschen von einem an seeli­schem Wert dem heutigen Affen gleichen Wesen kann nicht die Rede sein. Die Sache verhält sich ganz anders. Alles was der Materialismus in dieser Beziehung vorbringt, beruht auf einem einfachen Denkfehler. Dieser Fehler möge durch einen trivia­len Vergleich klargemacht werden, der aber trotzdem nicht unzutreffend ist, obgleich er trivial ist. Man nehme zwei Per­sonen. Die eine sittlich minderwertig, intellektuell unbedeu­tend; die andere sittlich hochstehend, intellektuell bedeutend. Man könne, sagen wir, durch irgendeine Tatsache die Ver­wandtschaft der beiden feststellen. Wird man nun schließen dürfen, daß die höher stehende von einer solchen abstammt, die der niedrig stehenden gleichwertig ist? Nimmermehr. Man könnte durch die andere Tatsache überrascht werden, welche da besagt: die beiden Personen sind verwandt; sie sind Brüder. Aber der gemeinsame Vater war weder dem einen, noch dem andern Bruder ganz gleichwertig. Der eine der Brüder ist herabgekommen; der andere hat sich emporgearbeitet.

Den in diesem Vergleich angedeuteten Fehler macht die ma­terialistische Naturwissenschaft. Sie muß, nach den ihr be­kannten

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Tatsachen, eine Verwandtschaft annehmen zwischen Affe und Mensch. Aber sie dürfte nun nicht folgern: der Mensch stammt von einem affengleichen Tiere ab. Sie müßte vielmehr ein Urwesen - einen gemeinsamen physischen Stammvater - annehmen; aber der Affe ist der herabgekom­mene, der Mensch der höher hinaufgestiegene Bruder.

Was hat nun jenes Urwesen auf der einen Seite zum Men­schen emporgehoben, auf der andern ins Affentum hinabge­stoßen? Die Theosophie sagt: das hat die Menschenseele selbst getan. Diese Menschenseele war auch schon zu jener Zeit vor­handen, als da auf dem physisch sichtbaren Erdboden als höch­ste sinnliche Wesen nur jene gemeinsamen Urväter des Men­schen und des Affen herumwandelten. Aus der Schar dieser Urväter waren die besten imstande, sich dem Höherbildungs­prozeß der Seele zu unterwerfen; die minderwertigen waren es nicht. So hat die heutige Menschenseele einen Seelenvorfah-ren, wie der Körper einen körperlichen Vorfahren hat. Für die sinnliche Wahrnehmung wäre zur Zeit jener «Urväter» die Seele allerdings nicht im heutigen Sinne innerhalb des Körpers nachweisbar gewesen. Sie gehörte in einer gewissen Beziehung noch den «höheren Welten » an. Sie hatte auch andere Fähig­keiten und Kräfte als die gegenwärtige Menschenseele. Die heutige Verstandestätigkeit und Moralgesinnung fehlte ihr. Sie baute sich nicht aus den Dingen der Außenwelt Werkzeuge und errichtete nicht Staaten. Ihre Tätigkeit war noch in erheb­lichem Maße auf die Umarbeitung, die Umbildung der «Urvä­tet-Leiber» selbst gerichtet. Sie gestaltete das unvollkommene Gehirn um, so daß dieses später Träger der Gedankentätigkeit werden konnte. Wie die heute nach außen gerichtete Seele Ma­schinen baut, so baute die Vorfahrenseele noch an demmensch­lichen Vorfahrenkörper selbst. Man kann natürlich einwerfen: ja warum kann denn die Seele heute nicht mehr in dem Maße am eigenen Körper bauen? Das kommt eben daher, daß die Kraft, die früher aufgebracht worden ist zur Organ-Umbil­dung, später sich nach außen auf die Beherrschung und Re­gelung der Naturkräfte richtete.

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So kommt man in der Urzeit auf einen zweifachen Ursprung des Menschen. Dieser ist geistig-seelisch nicht erst durch die Vervollkommnung der sinnlichen Organe entstanden. Son­dern die «Seele» des Menschen war schon da, als die «Urvä­ter » noch auf Erden wandelten. Sie hat sich - dies natürlich nur vergleichsweise gesprochen - selbst einen Teil aus der «Urvä­ter-Schar» ausgewählt, dem sie einen äußerlich körperlichen Ausdruck verliehen hat, der ihn zum heutigen Menschen machte. Der andere Teil aus dieser Schar ist verkümmert, her-abgekommen, und bildet die heutigen menschenähnlichen Af­fen. Diese haben sich also - im wahren Sinne des Wortes - aus dem Menschenvorfahren als dessen Abzweigung gebildet. Jene «Urväter» sind die physischen Menschenvorfahren; aber sie konnten es nur dadurch sein, daß sie die Fähigkeit der Umbil­dung durch die Menschenseelen in sich trugen. So stammt der Mensch physisch von diesem «Urvater» ab; seelisch aber von seinem «Seelenvorfahren». Nun kann man wieder weiter in bezug auf den Stammbaum der Wesen zurückgehen. Da kommt man zu einem physisch noch unvollkommeneren «Ur­vater». Aber auch zu dessen Zeit war der «Seelenvorfahr» des Menschen schon vorhanden. Dieser hat selbst diesen «Urva­ter» zum Affendasein emporgehoben, wieder die nicht ent­wickelungsfähigen Brüder auf der betreffenden Stufe zurück-lassend. Aus diesen sind dann Wesen geworden, deren Nach­kommen heute noch unter den Affen in der Säugetierreihe ste­hen. Und so kann man hinaufgehen in jene urferne Vergangen­heit, in der auf der damals ganz anders als heute aussehenden Erde nur jene einfachsten Lebewesen vorhanden waren, aus denen Haeckel alle höheren entstehen läßt. Auch ihr Zeitge­nosse war schon der «Seelenvorfahr» des Menschen. Er hat die brauchbaren umgestaltet und die unbrauchbaren auf jeder besonderen Stufe zurückgelassen. Die ganze Summe der irdi­schen Lebewesen stammt also in Wahrheit vom Menschen ab. Was heute als «Seele» in ihm denkt und handelt, hat die Ent­wickelung der Lebewesen bewirkt. Als unsere Erde im Anfang war, war er selbst noch ein ganz seelisches Wesen. Er begann

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seine Laufbahn, indem er einen einfachsten Körper sich bil­dete. Und die ganze Reihe der Lebewesen bedeutet nichts an­deres als die zurückgebliebenen Stufen, durch die er seinen Körperbau heraufrntwickelt hat bis zur heutigen Vollkom­menheit. Die heutigen Lebewesen geben natürlich nicht mehr diejenige Gestalt wieder, welche ihre Vorfahren auf einer be­stimmten Stufe hatten, als sie sich vom Menschenstammbaum abzweigten. Sie sind nicht stehergeblieben, sondern nach ei­nem bestimmten Gesetze, das hier wegen der notwendigen Kürze der Darstellung nicht weitet berücksichtigt werden kann, verkümmert. Das Interessante ist nun, daß man äußerlich auch durch die Theosophie auf einen Stammbaum des Men­schen kommt, der dem von Haeckel konstruierten gar nicht so unähnlich ist. Doch macht Haeckel aus den physischen «Ur­vätern» des Menschen überall - hypothetische - Tiere. In Wahrheit sind aber an alle die Stellen, an die Haeckel Tierna­men setzt, die noch unvollkommenen Vorfahren des Men­schen zu setzen, und die Tiere - ja sogar alle Wesen - sind nur die verkümmerten, herabgekommenen Formen, welche jene Stufen beibehalten haben, durch die hindurch sich die Men­schenseele gebildet hat. Äußerlich besteht also eine Ähnlich­keit zwischen den Haeckelschen und den theosophischen Stammbäumen; innerlich - dem Sinne nach - sind sie himmel­weit verschieden.

Daher kommt es, daß man aus Haeckels Ausführungen so gut elementare Theosophie lernen kann. Man braucht nur die von ihm bearbeiteten Tatsachen theosophisch zu durchdringen, und seine eigene naive Philosophie zu einer höheren zu erhe­ben. Wenn Haeckel solche «höhere» Philosophie abkanzelt und kritisiert, so ist er eben selbst naiv; wie etwa, wenn jemand, der es nur bis zum « Einmal-Eins» gebracht hat, sagen wollte:

«Was ich weiß, ist wahr, und die ganze höhere Mathematik ist nur ein phantastisches Zeug.» Die Sache liegt doch gar nicht so, daß jemand, der Theosoph ist, das widerlegen will, was elementare Tatsache der Naturwissenschaft ist; sondern nur so, daß der von materialistischen Suggestionen eingenommene

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Forscher gar nicht weiß, wovon die Theosophie redet.

Es hängt von dem Menschen ab, was er für eine Philosophie hat. Das hat Fichte gesagt mit den Worten: Wer kein wahrneh­mendes Auge hat, kann die Farben nicht sehen, wer keine auf­nahmefähige Seele besitzt, der kann den Geist nicht sehen. Auch Goethe hat denselben Gedanken in dem bekannten Spru­che zum Ausdruck gebracht: «Wär' nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt' es nie erblicken; läg' nicht in uns des Got­tes eigne Kraft, wie könnt' uns Göttliches entzücken?» Und einen Ausspruch Feuerbachs ins rechte Licht setzend, kann man sagen: jeder sieht das Bild von Gott so, wie er selbst ist. Der Sinnliche macht sich einen sinnlichen Gott, derjenige, welcher das Seelische wahrnimmt, weiß auch das Seelische in seinem Gott zu finden. Wenn Löwen, Stiere und Ochsen sich Götter machen könnten, so würden sie Löwen, Stieren und Ochsen ähnlich sein, bemerkte schon ein Philosoph im alten Griechen­land. In dem Fetisch-Anbeter lebt auch etwas als höchstes, gei­stiges Prinzip, er hat es aber noch nicht in sich gefunden; er ist daher auch noch nicht dazu gekommen, in seinem Gott mehr zu sehen als den Holzklotz. Der Fetisch-Anbeter kann nicht mehr anbeten, als er in sich selbst fühlt. Er erachtet sich selbst noch gleich dem Holzklotz. Wer nicht mehr sieht als wirbelnde Atome, wer das Höchste nur in den kleinen bloß materiellen Pünktchen sieht, der hat eben in sich selber nichts von dem Höheren erkannt.

Haeckel hat sich zwar das, was er uns in seinen Schriften dar­bietet, ehrlich erworben, und ihm mußte es daher gestattet sein, auch die Fehler seiner Tugenden zu haben. Das Positive seiner Arbeit wird wirken, das Negative wird verschwinden. Von einem höheren Gesichtspunkte aus gesehen, kann man sagen: der Fetisch-Anbeter betet den Fetisch, ein lebloses Wesen, an, und der materialistische Atomist betet nicht nur ein kleines Götzchen an, sondern eine Menge kleiner Götzchen; die er Atome nennt. (Das Wort «anbeten» ist natürlich nicht «wört­lich» zu nehmen, denn der «materialistische» Denker hat sich

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zwar nicht den Fetischismus, wohl aber das «Beten» abge­wöhnt. -) So groß der Aberglaube des Fetisch-Anbeters ist, so groß ist der des Materialisten. Das materialistische Atom ist nichts anderes als ein Fetisch. In dem Holzklotz sind nämlich auch nur Atome. Haeckel sagt nun an einer Stelle: «Gott sehen wir im Stein, in der Pflanze, im Tier, im Menschen. Überall ist Gott.» Er sieht aber nur den Gott, den er begreift. Goethe läßt doch so bezeichnend den Erdgeist zu Faust sprechen: «Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir.» So sieht der Materialist die wirbelnden Atome im Stein, in der Pflanze, im Tier und in dem Menschen und vielleicht auch im Kunstwerk, und beruft sich darauf, daß er eine einheitliche Weltanschau­ung besitze und den alten Aberglauben überwunden habe. Eine einheitliche Weltanschauung haben aber auch die Theosophen, und wir können dieselben Worte gebrauchen wie Haeckel: Wir sehen Gott im Stein, in der Pflanze, und im Menschen, aber wir sehen nicht einen Wirbel von Atomen, sondern den lebendigen Gott, den geistigen Gott, den wir in der Natur draußen zu finden trachten, weil wir ihn in uns selbst auch su­chen.

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Anmerkung

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1 Das Obige ist die Wiedergabe eines nicht Vorher ausgearbeiteten Vortrages nach einer stenographischen Aufnahme. Da es manchem ausgesprochenen Wunsch entspricht, solche Vorträge auch lesen zu können, so habe ich mich zur Veröffentlichung entschlossen. Ich bitte dabei zu bedenken, daß ich einen großen Unterschied mache zwischen dem mindlich gesprochenen Worte und einer schriftstellerischen Arbeit. Was im ersten Falle frommt, ist nicht auch im Zweiten gut. Damit, hoffe ich, ist manches in der obigen Darstellung entschul­digt, was ich in einem Aufsatze anders gestalten würdeg Nachträglich aber ist das Stenogramm Von mir durchgesehen worden.

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EDUARD VON HARTMANN

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Der Schöpfer der «Philosophie des Unbewußten», Eduard von Hartmann, ist am 6. Juni 1906 gestorben. Die in diesem Werke zutage getretene Weltauffassung muß den warmen An­teil eines jeden erregen, der sich für die geistigen Strömungen unseres Zeitalters interessiert. Und die Schöpfung Eduard von Hartmanns gehört zu denjenigen, welche ganz aus dem Cha­rakter des Seelenlebens vom letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts heraus geboren sind. Und mehr als aus irgend einer anderen Leistung der unmittelbaren Vergangenheit wird man in aller Zukunft wichtige Richtungen dieses Seelenlebens gerade aus derjenigen Eduard von Hartmanns entnehmenkön­nen. Denn er hat auf die genannte «Philosophie des Unbewuß­ten», die schon im Jahre 1869 erschienen ist, zahlreiche andere Werke folgen lassen, in denen er seine Anschauungen über die mannigfaltigsten großen Menschheitsfragen und auch über vieles aus den Bestrebungen und geistigen Strömungen seiner Epoche zum Ausdruck gebracht hat. Keine dieser Schriften hat einen auch nur annähernd so großen Erfolg errungen, wie eben die «Philosophie des Unbewußten». In kurzer Zeit hat sie Eduard von Hartmann zum berühmten Manne gemacht. Und dies nicht nur innerhalb der deutschen Sprachgebiete, sondern weit über dieselben hinaus. In eine ganze Anzahl von Sprachen wurde das Werk übersetzt.

Die Bedeutung dieses Erfolges wiegt um so schwerer, wenn man sie in Zusammenhang mit dem Charakter der Zeit be­trachtet, in dem das Buch erschienen ist, und dabei in Erwä­gung zieht, wie sehr eigentlich die in ihm vertretene Weltauf­fassung allen Neigungen der Zeitgenossen Eduard von Hartmanns entgegen gerichtet war. Dieser vertrat darinnen einen Standpunkt, von dem aus Einblick gewonnen werden sollte in die geistigen Untergründe hinter der sinnlichen Wirklichkeit. In einer wirklich kühnen Weise suchte Hartmann dieses Geistige zu erforschen und zu enthüllen. Und seine Zeitgenossen in den weitesten Kreisen waren einer solchen Forschung müde und

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sogar überdrüssig. Es war dies bei den gelehrten und ungelehr­ten Leuten in gleichem Maße der Fall. Man hatte vielfach überhaupt alles Verständnis für philosophisches Denken verloren. Die Ungelehrten hatten wahrgenommen, wie nichts von den großen Hoffnungen sich erfüllt hatte, die nacheinander durch die glänzend aufgetretenen philosophischen Ansichten von der ersten Hälfte des Jahrhunderts erregt worden sind. Ob diese Wahrnehmung wirklich begründet war, oder ob sie nur auf einer Täuschung beruhte, weil man es nie so recht zu einem wahren Verständnisse des Geistes dieser Weltauffassungen ge­bracht hatte: das soll hier nicht weiter auseinandergesetzt wer­den. Zur Charakteristik von Eduard von Hartmanns Auftre­ten kann es genügen, wenn man in Betracht zieht, daß eben der Glaube allgemein geworden war: es sei eigentlich mit dieser ganzen Art des Philosophierens nichts; es führe das nur zu idealistischen Luftgebilden, welche auf keinen festen Boden stehen, und die daher dem Menschen nichts nützen können, wenn er nach einer Befriedigung für die großen Rätselfragen seines Daseins sucht. - Nur die Schopenhauerschen Schriften haben seit den fünfziger Jahren eine gewisse Wirkung gehabt durch ihre leichte Faßlichkeit, und weil sie mit Wärme über wichtige unmittelbare Fragen der Menschheit in einer Art sprachen, welche gerade damals zeitgemäß geworden war. Ge­rade das Zurücktreten der idealistischen Zuversicht und ver­geistigten Lebenshoffnung, die Fichtes, Schellings, Hegels Schöpfungen durchdringt, war die Veranlassung, daß Scho­penhauer, der «Philosoph des Pessimismus», zu einer späten Wirkung gelangte. Man verzweifelte vielfach daran, daß ir­gendein Aufschwung der Seele wahre Erhebung im Leben bringen könne. Deshalb gab man sich willig den Auseinander­setzungen eines Philosophen hin, der in einer sehr gefälligen Form die Bedeutungslosigkeit des Lebens sogar zu beweisen suchte. Aber in der Zeit, als die «Philosophie des Unbewuß­ten » erschien, war auch die Hinneigung zu Schopenhauer be­reits wieder in starkem Maße verflogen.

Von den offiziellen Arbeitsstätten auf dem Felde der Philosophie

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konnten aber auch keine besonderen Anregungen aus­gehen. Denn da hatte sich mit dem Verlust des Verständnisses für die vorangegangenen Philosophen eine gewisse Ratlosig­keit eingestellt. Es fehlte da alle Gedankenschärfe, ja aller Mut, um die großen Weltprobleme wirklich ins Auge zu tassen. Man quälte sich in endloser Weise damit ab, zu erforschen, wie weit eigentlich das menschliche Erkenntnisvermögen kommen könne, und kam so über der immer und immer wiederholten Frage, ob man denn überhaupt etwas erkennen könne, nicht dazu, ernstlich wirklich zu erkennen. Kants Ideengebäude wurde unaufhörlich durchstöbert, um «sich an ihm zu orien­tieren ». Wer in das ganze Treiben hineingeschaut hat, der kann verstehen, daß von diesem offiziellen Philosophieren keine Wirkung auf größere Kreise ausgehen konnte. Zwar hatte Hermann Lotze in seinem «Mikrokosmos» (1856-1864) ein großes umfassendes Ideengebäude zu umschreiben gesucht. Aber diesem konnte es doch nicht gelingen, das Feld zu er­obern gegenüber einer geistigen Macht, die damals überall die verlorenen Posten der Philosophie einzunehmen bemüht war. Dazu war Lotzes Art zu wenig schaff, zu sehr bloß feuilletoni­stisch. Auch von Gustav Theodor Fechner waren mannigfa­che Ansätze gemacht worden, zur Erkenntnis der geistigen Zusammenhänge der Welt zu kommen. Von ihm waren er­schienen 1851: «Zend-Avesta, oder über die Natur des Him­mels und des Jenseits», 1864:« Über die physikalische und phi­losophische Atomenlehre», und 1861: «Über die Seelenfrage, ein Gang durch die sichtbare Welt, um die unsichtbare zu fin­den». Damals blieben auch diese Schriften ohne tiefergehende Wirkung. Und auch das ist begreiflich, denn sie fielen eben in die Zeit, in welcher die Naturwissenschaften einen bedeutsamen Aufschwung genommen hatten. In ihnen glaubte man den ein­zig sicheren Boden der «Tatsachen» zu finden, zu dem man Vertrauen haben konnte. Und Fechners Art, die Dinge zu be­trachten, war auch gar nicht so, daß der mächtige Vorstoß von jener Seite durch sie zurückgeschlagen hätte werden können. Durch eine absonderliche Verkettung von Verhältnissen haben

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Fechners Leistungen erst in unserer Zeit einige Anhänger gefunden. Und gerade an dieser Tatsache zeigt sich der heute abnehmende Einfluß des naturwissenschaftlichen Materialis­mus. Dieser hat nämlich in der letzten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts sich wirkliche Verdienste um die Fortbewegung des Menschengeistes erworben. (Man vergleiche das darüber Gesagte in dem vorhergehenden Artikel: «Haeckel, Die Welträtsel und die Theosophie».) Und die Art des Philosophierens von Gustav Theodor Fechner bietet ja gewiß einzelne schöne Gesichtspunkte und einige recht fruchtbare Anregungen. In der Hauptsache aber baut sie doch ein phantastisches Ideengebäude auf Grund von ziemlich willkürlichen Analogie­schlüssen auf. Und wer heute glauben kann, daß durch Wiedererweckung Fechners der morsch gewordene Materialismus überwunden werden kann, der hat weder zu der Naturfor­schung noch zu der wahren Geistesforschung das richtige Ver­hältnis gewonnen, das gegenwärtig so dringend nötig ist.

Also Hartmanns Auftreten fiel in eine Zeit, die allem Philo­sophieren abhold war, und die ihr Interesse ganz der Natur­wissenschaft zugewandt hatte. Aus dieser heraus suchte man sich eine Weltauffassung zu zimmern, die nach Lage der Dinge damals ganz materialistisch werden mußte. Der Stoff und seine Kräfte sollten das einzig Wirkliche sein, und alle geistigen Er­scheinungen sollten nur einen Ausdruck der stofflichen Wir­kungen bedeuten. Wer anders dachte, von dem wurde in wei­ten Kreisen einfach angenommen, daß er sich von alten Vor­urteilen heraus noch nicht durchgerungen habe zu der «einzig vernünftigen » Wirklichkeitsphilosophie.

Und da hinein fiel eine Erscheinung wie die «Philosophie des Unbewußten ». Eduard von Hartmann nahm der Natur­wissenschaft gegenüber einen herausfordernden Standpunkt ein. Er ignorierte die naturwissenschaftlichen Tatsachen nicht. Er zeigte vielmehr überall seine volle Bekanntschaft mit ihnen. Ja, gerade durch eine besondere Verwertung von Tatsachen aus dem naturwissenschaftlichen Gebiete suchte er den Nach­weis zu führen, daß der Geist hinter allen sinnlichen Erschei­nungen

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waltet. Zwar sind die Ergebnisse, zu denen er durch sein rein spekulatives Denken kam, solche, die weit verschie­den sind von den geistigen Tatsachen, zu denen die im Okkul­tismus gegebene wirkliche Geistesforschung kommt. Aber es waren in einer ganz der materialistischen Gesinnung zuneigen-den Epoche immerhin in scharfsinniger Weise zahlreiche Dar­legungen zugunsten einer das Geistige ins Auge fassenden Weltauffas sung. Wie viele hatten doch geglaubt klar bewiesen zu haben, daß die Naturforschung für immer «den Geist hin-ausgetrieben habe ». Und nun wagte es einer, gerade auf Grund dessen, was vielfach die Naturwissenschaft selbst lehrt, den «Geist» als wirklich nachzuweisen.

Die Art, wie Hartmann das versucht hat, kann hier nur mit einigen Strichen angedeutet werden. Nur einiges aus dem um­fassenden Reiche der von Hartmann benutzten Tatsachen möge hier stehen. Man blicke zum Beispiel auf die sogenann­ten Reflexbewegungen der tierischen Lebewesen und des Men­schen. Das Auge schließt sich, wenn ihm ein Eindruck entge­gentritt, der es bedroht. Das vernünftige bewußte Denken hat nicht Zeit, dabei in Tätigkeit zu treten. Man hat es dabei nicht zu tun mit einem Vorgang, der vom Bewußtsein des Tieres oder des Menschen geleitet wird. Dennoch verläuft er so, daß Vernunft darinnen ist, und wenn einen ählichen Vorgang die bewußte Vernunft zu veranstalten hätte, dann könnte er nicht anders ausfallen. Also wird er von einer in ihm, oder hinter ihm waltenden unbewußten Vernunft geleitet. Aber die Vernunft kann aus sich nur die Gesetze einer solchen Tatsache hergeben; sie kann den Vorgang nicht selbst ausführen. Dazu gehört ein Wille. Aber wieder ist dieser Wille nicht eine Kraft der bewuß­ten Seele. Er ist also als unbewußter vorhanden. Außer der un­bewußten Vernunft waltet somit hinter den sinnlichen Tatsa­chen noch ein unbewußter Wille. Eine andere Tatsache wird durch die Instinkthandlungen gegeben. Man sehe sich nur die vernünftige Art an, wie Tiere ihre Wohnungen bauen, wie sie Handlungen ausführen, welche den Charakter der Zweckmä­ßigkeit tragen. Aus der Naturheilkraft, ja aus dem Schaffen des

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Künstlers und des Genies überhaupt, das aus dem Quellborn der Unbewußtheit strömt, folgert Eduard von Hartmann seine Auffassung. Es sei gestattet, zur Charakteristik dieser Auffas­sung die Sätze anzuführen, welche zu diesem Zwecke in mei­nem Buche «Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert » (II. Band, S. 164 f., Berlin, bei Siegfried Cronbach) stehen: «Der Mensch kann sich - im Sinne Eduard von Hartmanns -nicht mit der Beobachtung der Tatsachen begnügen. Er muß von den Tatsachen zu Ideen fortschreiten. Diese Ideen können nicht etwas sein, was durch das Denken zu den Tatsachen will­kürlich hinzugefügt wird. Es muß ihnen in den Dingen und Vorkommnissen etwas entsprechen. Dieses Entsprechende können nicht bewußte Ideen sein, denn solche kommen nur durch die materiellen Vorgänge des Gehirns zustande. Ohne Gehirn gibt es kein Bewußtsein. Man muß sich also vorstellen, daß den bewußten Ideen des menschlichen Geistes ein unbewuß­tes Ideelles in der Wirklichkeit entspricht. Wie Hegel betrachtet auch Hartmann die Idee als das Wirkliche in den Dingen, das in ihnen vorhanden ist über das bloß Wahrnehmbare, der sinnli­chen Beobachtung Zugängliche hinaus. - Der bloße Ideenge­halt der Dinge könnte aber niemals ein wirkliches Geschehen in ihnen hervorbringen. Die Idee einer Kugel kann nicht die Idee einer andern Kugel stoßen. Die Idee eines Tisches kann auch auf das menschliche Auge keinen Eindruck hervorrufen. Ein wirkliches Geschehen setzt eine wirkliche Kraft voraus. Um über eine solche eine Vorstellung zu gewinnen, lehnt sich Hartmann an Schopenhauer an. Der Mensch findet in der eige­nen Seele eine Kraft, durch die er seinen eigenen Gedanken, seinen Entschlüssen Wirklichkeit verleiht, den Willen. So wie der Wille in der menschlichen Seele sich äußert, hat er das Vor­handensein des menschlichen Organismus zur Voraussetzung. Durch den Organismus ist der Wille ein bewußter. Wollen wir uns in den Dingen eine Kraft denken, so können wir sie uns nur ähnlich dem Willen, der einzigen uns unmittelbar bekann­ten Kraft vorstellen. Nur muß man wieder vom Bewußtsein

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absehen. Außer uns herrscht also in den Dingen ein unbewußter Wille, welcher den Ideen die Möglichkeit gibt, sich zu verwirk­lichen. Der Ideen- und Willensgehalt der Welt machen in ihrer Vereinigung die unbewaßte Grundlage der Welt aus. - Wenn auch die Welt wegen ihres Ideengehalts eine durchaus logische Struktur aufweist, so verdankt sie ihr wirkliches Dasein doch dem unlogischen, vernunftlosen Willen. Ihr Inhalt ist vernünf­tig; daß dieser Inhalt eine Wirklichkeit ist, hat seinen Grund in der Unvernunft.»

Man sieht, Hartmann nimmt eine geistige Welt als Grund­lage derjenigen an, welche dem Menschen sich durch seine äußeren Sinne offenbart. Das also hat seine Weltauffassung mit der okkulten Erkenntnis gemeinsam. Nur die Art, wie beide zu dieser geistigen Welt kommen, unterscheidet sie. Die okkulte Erkenntnis zeigt, daß der Mensch in bezug auf sein Wahr­nehmungsvermögen bei den äußeren Sinnen nicht stehen zu bleiben braucht. Sie sagt: In dem Menschen sind schlummern­de Fähigkeiten; und wenn er diese so entwickelt, wie er bisher seine äußeren Sinne entwickelt hat, dann nimmt er unmittelbar die geistige Welt wahr, wie er mit Augen und Ohren die ge­wöhnliche sinnliche Welt wahrnimmt. Eine solche Entwicke­lung des Menschen zu einer höheren Wahrnehmungsfähigkeit kennt die Weltauffassung Eduard von Hartmanns nicht. Für sie gibt es keine andere Wahrnehmung als die der äußeren Sin­ne. Man kann nur die Wahrnehmungen dieser äußeren Sinne kombinieren, sie mit dem Verstande untersuchen, zergliedern, über ihre Ursachen nachdenken. Dann eben kommt man darauf, daß hinter dem, was man sieht, hört usw., noch etwas ande­res ist, was man nicht wahrnimmt. Dieses nicht wahrnehmbare geistig Wirkliche erkennt man somit durch logische Schlüsse. Es muß für den Menschen eine bloße Gedankenwelt bleiben. - Schreitet so die okkulte Erkenntnis auf Grund höherer mensch­licher Wahrnehmungsfähigkeit zu einer reichgegliederten gei­stigen Welt fort, so bleibt Hartmanns übersinnliche Gedanken­welt dürftig. Sie ist nur aus den beiden Elementen, dem unbewußten Willen und der unbewußten Idee zusammengesetzt.

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Macht man sich dies ganz kkr, so wird man unschwer einse­hen, was in der Weltauffassung Eduard von Hartmanns zu ei­ner wirklichen Erhebung in die geistige Welt fehlen muß. Man wird durch eine solche Klarheit ihr aber innerhalb ihrer Gren­zen gerecht werden können. Gerade dadurch, daß Hartmann nicht über die sinnliche Wahrnehmung hinausgeht, sieht er sich um so mehr genötigt, innerhalb dieser Sinnenwelt nach allen Seiten Umschau zu halten und genau nachzusehen, wo diese schon als solche ein gründliches Denken nötigt, von einer geistigen Grundlage zu sprechen. Das macht Hartmanns Stärke gegenüber dem naturwissenschaftlichen Materialismus aus. Er kann diesem zeigen, wie er nur durch eine oberflächliche Be­trachtung der Tatsachen zu seinen Schlüssen kommt. Er kann nachweisen, daß gerade die Ergebnisse der Naturforschung das Denken dazu drängen, in allen Erscheinungen geistige Ur­sachen zu suchen. Dadurch ist er zum Beispiel imstande, den materialistischen Naturforschern ein Bild ihrer eigenen Wis­senschaft zu geben, das sich allerdings ganz erheblich von ihrem eigenen unterscheidet. Das bewirkte, daß gerade die ma­terialistisch gesinnten Naturforscher heftigen Widerspruch er­hoben gegen die «Philosophie des Unbewußten ». Sie erklär­ten den Schöpfer derselben für einen Dilettanten aufnaturwis­senschaftlichem Gebiet. Mit einer solchen Art hat man einem größeren Publikum gegenüber gewöhnlich einen recht leich­ten Stand. Dieses prüft ja nicht genau. Wenn die «Fachmän­ner», die es doch nach dieses Publikums Meinung verstehen müssen, sagen: Mit dieser Philosophie ist es nichts, denn der Philosoph versteht nichts von den Tatsachen, von denen er spricht: So schwört eben das Publikum auf solchen Ausspruch. Und der Philosoph mag dann die besten Gründe für seine Auf­fassung vorbringen: das hilft ihm gar nichts.

Hartmann sah die Erfolglosigkeit eines solchen Weges ein. Deshalb wählte er einen viel klügeren, um die naturwissen­schaftlichen Materialisten ganz gründlich zu widerlegen. Ei­nen Weg, gegen den es absolut nichts gab zur Rettung der na­turwissenschaftlichen Oberflächlichkeit. Es sei mir gestattet,

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diesen Weg Eduard von Hartmanns auch wieder so darzustel­len, daß ich wiedergebe, was ich bereits früher darüber gesagt habe, nämlich in einem Vortrage, den ich am 20. Februar 1893 im Wiener wissenschaftlichen Klub gehalten habe, und der ab­gedruckt ist im Juliheft 1893 der «Monatsblätter des wissen­schaftlichen Klubs in Wien»: «Eduard von Hartmann ver­suchte in einem Kapitel des Buches (der «Philosophie des Un­bewußten»), sich mit dem Darwinismus philosophisch ausein­anderzusetzen. Er fand, daß die damals herrschende Auffas­sung desselben einem folgerechten Denken gegenüber nicht standhalten könne, und suchte sie zu vertiefen. Die Folge da­von war, daß er von seiten der Naturforscher des Dilettantis­mus beschuldigt und auf die denkbar schärfste Art verurteilt wurde. In zahlreichen Aufsätzen und Schriften wurde ihm Ein­sichtslosigkeit in naturwissenschaftlichen Dingen vorgewor­fen. Unter den gegnerischen Schriften befand sich auch eine von einem ungenannten Verfasser. Das darin Gesagte wurde von angesehenen Naturforschern als das Beste bezeichnet, was gegen Hartmanns Ansichten vorgebracht werden könne. Die Fachgelehrten hielten den Philosophen für vollständig wider­legt. Der berühmte Zoologe Dr. Oskar Schmidt sagte, die Schrift des unbekannten Verfassers habe . Und der auch von mir als der größte deutsche Naturforscher der Gegenwart verehrte Ernst Haeckel schrieb: - Als später eine zweite Auflage der Schrift erschien, stand auf dem Titelblatte der Name des Verfassers - Eduard von Hartmann. Der Philo­soph hatte zeigen wollen, daß es ihm durchaus nicht unmög­lich sei, sich in den naturwissenschaftlichen Gedankenkreis einzuleben und in der Sprache der Naturforscher zu reden, wenn er will. Hartmann hat damit den Beweis geliefert, daß es

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nicht den Philosophen an Verständnis für die Naturwissen­schaft, sondern umgekehrt den Vertretern der letzteren an Ein­sicht in die Philosophie fehlt.» - Das war allerdings eine derbe Lektion, welche Eduard von Hartmann den naturwissenschaft­lichen Materialisten erteilt hat. Wenn man nun auch nicht be­haupten kann, daß die letzteren durch sie zu einiger Gründlich­keit in bezug auf die geistige Forschung getrieben worden sind: Hartmanns Stellung zu ihnen und wohl auch diejenige der Geistesforschung überhaupt ist dadurch in ein weitge­schichtlich bedeutsames Licht gerückt worden.

Ist demgemäß die «Philosophie des Unbewußten» der mate­rialistischen Naturforschung turmhoch überlegen, so brachte sich Eduard von Hartmann von vornherein gegen die Geistesforschung in eine schiefe Lage durch seine bis zu gewissen Grenzen in Kantische Bahnen einlenkende Erkenntnistheorie. Er charakterisierte die gewöhnliche Ansicht des Menschen als naiven Realismus. Er sagte: Diese gewöhnliche Ansicht sieht in den Wahrnehmungen der Sinne wirkliche Dinge. Nun läßt sich aber leicht zeigen, daß diese Ansicht falsch ist. Denn daß der Mensch einen Gegenstand in einer bestimmten Farbe sieht, mit einem gewissen Geruch wahrnimmt usw., rührt doch nur davon her, daß seine Augen, sein Geruchsorgan usw. in einer bestimmten Art gebaut sind. Hätte er statt der Augen, statt des Geruchsorganes andere Organe, so würde er etwas ganz ande­res wahrnehmen. Somit sind die Wahrnehmungen keine wirk­lichen Dinge, sondern nur Erscheinungen, welche in ihrer Ei­genart von den Sinnesorganen bewirkt werden. Der gewöhn­liche Mensch, der sie für wirklich hält, lebt also in einer Täu­schung. Man müsse vielmehr annehmen, daß die wahre Wirk­lichkeit als Ursache hinter den Wahrnehmungen der Sinne liege. Und eben deshalb sucht Hartmann diesen naiven Realis­mus des gewöhnlichen Menschen zu überwinden. Er sucht durch Denken zu ergründen, was als wahre Wirklichkeit hinter der scheinbaren steckt. Damit gibt er in einem gewissen einge­schränkten Sinne zu, daß der Mensch sich zu einer höheren Er­kenntnis entwickeln könne. Er sieht seinen eigenen Standpunkt

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als einen solchen an, der in jedem Menschen schlum­mert, und zu dem sich der naive Realist nur nicht erhebt.

Wie nahe hätte es nun, nachdem Hartmann schon so weit ge­gangen war, doch gelegen, sich zu sagen: Könnte man sich denn nicht zu einem noch höheren Erkenntnisstandpunkt er­heben? Könnte es nicht eine höhere Erkenntnisfähigkeit ge­ben, der auch mein Standpunkt als eine Täuschung erscheint, wie mir derjenige des naiven Realismus? Diesen naheliegenden Schluß hat Hartmann nie ziehen wollen. Deshalb ist ihm die okkulte Erkenntnis immer ganz unverständlich geblieben. Das lag an den ihm gesteckten Grenzen seines Geistes. Er konnte über einen gewissen Punkt eben nicht hinauskommen. Er hat sich in einer gewissen Beziehung alle Mühe gegeben. Als in den achtziger Jahren die «Esoterische Lehre des Geheimbud­dhismus» von Sinnett erschien und damit der theosophischen Zeitströmung ein erster literarischer Ausdruck gegeben war, da schrieb Hartmann einen ausführlichen Aufsatz über dieses Buch. Nun kann man ja allerdings sagen, daß in jenem Sinnett­schen Buche die Theosophie in einer viel zu dogmatischen Art zutage trat, als daß einem gründlichen Denken damit hätte viel geholfen sein können, und daß der « Geheimbuddhismus» zu viel Schablonenhaftes, ja sogar direkt Fehlerhaftes enthielt, was den Zugang erschwerte; man muß aber dessen ungeachtet finden, daß Hartmann einer gewissen Art seines Geistes bei dieser Forschungsrichtung ebenso zum Opfer fiel, wie ihm dies auch gegenüber anderen Erscheinungen der Geistesforschung erging. Er hatte sich frühzeitig in die von ihm einmal festgeleg­ten Gedankengebilde eingekapselt und dadurch jede Möglich­keit verloren, anderes auch nur zu verstehen. Deshalb war für ihn nie ein anderes Verhältnis zu einer fremden Forschung mehr möglich, als rein dasjenige, welches jeden andern Gedan­ken einfach mit dem eigenen verglich und dann sagte: Was mit mir übereinstimmt, ist richtig; was dies nicht tut, ist falsch. In einer gewissen Beziehung war daher das kritische Verhalten Eduard von Hartmanns gegenüber fremden Leistungen so, daß man im einzelnen Falle gar nicht abzuwarten brauchte, was

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er sagen werde. Wer seine Philosophie gut kannte, und dann einen andern Standpunkt ins Auge faßte, der konnte immer schon wissen, was Hartmann über den letzteren sagen werde, auch bevor er selbst gesprochen hatte.

Auch mit untergeordneten Zeiterscheinungen der Geistesforschung, wie mit Hypnotismus, mit dem Spiritismus usw. hat sich Hartmann beschäftigt, ohne auch da zu irgend etwas anderem zu gelangen als zu einem ziemlich schablonenhaften Einregistrieren in seine Gedankenformen. Deshalb sind auch viele der späteren Bücher Eduard von Hartmanns weit weniger anregend als seine ersten. Gewiß, er hat in einzelnen Punkten seine ursprünglichen Ergebnisse modifiziert, und deshalb ist es unrecht, daß das Publikum ihn zumeist nur nach seiner ersten Schöpfung, der «Philosophie des Unbewußten», beurteilt. Er hat sich über diese einseitige Beurteilung seines Philosophie­rens oft bitter beklagt. Aber die Veranlassung dazu liegt doch auch darinnen, daß in bezug auf einschneidende Grundgedan­ken Hartmann in vielen späteren Schriften nichts geliefert hat, als was sich ein jeder Kenner seiner Prinzipien eigentlich selbst ausbauen kann. Es wird wenige Autoren geben, in bezug auf welche man mit soviel Recht wie bei Hartmann sagen kann: Um das zu gewinnen, was sie in ihren späteren Werken bieten, braucht man sie eigentlich selber gar nicht mehr. Ein einiger­maßen begabter Mensch kann sich zum Beispiel das Wesent­liche, was in der «Kategorienlehre», oder in der «Geschichte der Metaphysik» steht, selbst im Sinne Hartmanns konstruie­ren, wenn er dessen vorhergehende Schriften kennt und versteht.

Leicht kann man mißverstehen das, was Hartmanns Pessi­mismus ausmacht. Daß er ursprünglich von Schopenhauers Ge­dankenrichtung mit beeinflußt war, hat der «Philosophie des Unbewußten» eine Färbung nach dem Pessimismus hin gege­ben. Doch sollte man nicht übersehen, daß auf Hartmann eben­so stark zum mindesten wie Schopenhauer auch Hegel und Schelling gewirkt haben mit ihrer durchaus nicht pessimisti­schen Vorstellungsart. Es wurde hier viel zu weit führen, wenn

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das Verhältnis Hartmanns zu den genannten drei Philosophen oder noch andern Denkern auseinandergesetzt würde. Deshalb soll ohne eine solche Ausführung Hartmanns Verhältnis zum Pessimismus kurz charakterisiert werden.

Weil die «Philosophie des Unbewußten» den Geist der Welt aus den zwei Elementen zusammensetzt, den unbewußten Wil­len und die unbewußte Idee, so kann sie den Gang der Weltentwickelung nicht als einen durchaus vernünftigen und guten ansehen. Denn ist auch die Idee für sie vernünftig und logisch; der Wille ist es nicht. Nur durch den Willen aber kann die Welt entstanden sein. Es ist ja bereits oben gesagt worden, daß zum wirklichen Schaffen eine Kraft nötig ist. Die kraftlose Idee kann nichts schaffen. So kommt denn Hartmann dazu, sich zu sagen, daß die Welt überhaupt da ist, rühre von dem vernunft-losen Willen her, und die Idee kann nichts tun, als sich des Wil­lens bemächtigen, um die Schöpfung wieder aufzuheben. Der Weltprozeß bestehe also darinnen, daß die Idee sich hinterher unbefriedigt fühlt davon, daß sie durch den Willen ins Dasein gerufen worden ist; sie fühlt damit die Schöpfung als ihr Lei­den, und strebt danach, sich von diesem Leiden zu befreien. Es sei wieder gestattet, auch in bezug darauf einige Sätze aus mei­nem Buche «Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert» (S.165 £) anzuführen: «Das Walten des Unver­nünftigen drückt sich in dem Vorhandensein der Schmerzen aus, die alle Wesen quälen. Der Schmerz überwiegt in der Welt gegenüber der Lust. Diese Tatsache, die philosophisch aus dem unlogischen Willenselemente des Daseins zu erklären ist, sucht Eduard von Hartmann durch sorgfältige Betrachtungen über das Verhältnis von Lust und Unlust in der Welt zu erhärten. Wer sich gar keiner Illusion hingibt, sondern objektiv die Übel der Welt betrachtet, kann zu keinem andern Ergebnis gelan­gen, als daß die Unlust in weit größerem Maße vorhanden sei als die Lust. Daraus aber folge, daß das Nichtsein dem Dasein vorzuziehen sei. Das Nichtsein kann aber nur erreicht werden, wenn die logisch vernünftige Idee den Willen, das Dasein, vernichtet. Als eine allmähliche Vernichtung des unvernünfti­gen

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Willens durch die vernünftige Ideenwelt sieht daher Hart­mann den Weltprozeß an. Es müßte die höchste sittliche Aufgabe des Menschen die sein, an der Überwindung des Willens mitzuwirken.» Man sieht, die «Philosophie des Unbewußten» steht der okkulten Geistesforschung als etwas ganz Entgegen­gesetztes gegenüber. Denn diese muß, kurz ausgesprochen, die Welt und damit auch den Menschen in einer Entwickelungs­strömung sehen, die zuletzt alles zum Göttlichen, also zum gu­ten Ursein führt.

Nun aber verbindet sich bei Hartmann mit diesem umfassen­den Pessimismus ein merkwürdiger untergeordneter Optimis­mus. Denn sein Pessimismus soll nicht zu einer Abkehr vom Dasein, sondern im Gegenteil, zu einem hingebungsvollen Mitwirken an demselben führen. Er glaubt nämlich, daß zu einem sittlichen Handeln nur dieser Pessimismus führen könne.

So lange der Mensch den Glauben hat, daß Lust und Glück erreicht werden können, so lange wird er auch - nach Eduard von Hartmanns Annahme - das selbstsüchtige Jagen nach ihnen nicht aufgeben. Nur eines kann wirkliche Heilung von allem Egoismus bringen. Das ist die Einsicht, daß aller Glaube an die Lust und das Glück Illusion ist. Ist sich der Mensch dar­über klar, dann wird er alles derartige Streben aufgeben. Nun könnte man allerdings sagen: unter solchen Voraussetzungen ist ja alles Dasein zwecklos; und die «Philosophie des Unbe­wußten» müßte demnach eigentlich dem Menschen die Ver­nichtung seines Daseins anempfehlen. Hartmann erwidert darauf, daß absolut nichts erreicht wäre, wenn der einzelne sein Dasein austilgen wollte. Denn was im letzten Grunde leidet, ist nicht bloß der Einzelgeist, sondern der Allgeist. Soll das Lei­den aufhören, so muß das Dasein des Allgeistes selbst ausge­tilgt werden. Dies kann aber nicht dadurch erreicht werden, daß sich der einzelne vernichtet, sondern im Gegenteile da­durch, daß dieser einzelne seine Arbeit in den Dienst des Gan­zen stellt. Alle Arbeit der Menschheit muß zusammenwirken, um zuletzt den Allgeist von seinen Leiden zu befreien. Die ganze Kulturentwickelung ist nichts anderes, als ein Hinarbei­ten

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auf dieses Ziel. Die Weltentwickelung besteht in der Erlö­sung der Gottheit von dem Leiden des Daseins durch die Ar­beit der Menschheit. Der einzelne muß auf eine Glückseligkeit für sich verzichten und alle seine Leistungen in den Dienst der Erlösung der Gottheit stellen. - Es kann hier nun nicht die Auf­gabe sein, zu zeigen, wie Hartmann in einer recht phantasti­schen Art voraussetzt, daß die Menschheit dahin erzogen wer­den könnte, zuletzt durch einen gemeinsamen Entschluß, durch vereintes Streben, das Dasein radikal zu vernichten, und die Gottheit zu erlösen.

Wenn man auch gestehen muß, daß in solchen Endpunkten des philosophischen Nachdenkens die «Philosophie des Unbe­wußten» sich in grundlose Untiefen verliert, so kann dem Ein­sichtigen nicht entgehen, daß im Speziellen Hartmann manche schöne Darlegungen geleistet hat. Eine solche muß insbeson­dere in der Auseinandersetzung der verschiedenen Sittlich­keitsstandpunkte in seiner «Phänomenologie des sittlichen Be­wußtseins» gesehen werden. Da hat er alle möglichen sittli­chen Lebensansichten aufgeführt, vom krassen Egoismus bis zur religiös-selbstlosen Hingabe an die Arbeit im Gesamt­-Menschheitsdienste. Und wenn auch über all diesen Ausfüh­rungen der Hauch seines Pessimismus liegt mit dem paradoxen Ziel einer Erlösung des Weltgeistes von seinem Leiden: so kann doch ein jeder, der von diesem radikalen Endpunkte ab­zusehen vermag, aus dem einzelnen bei Hartmann viel gewin­nen. - Ein gleiches ist zu sagen von dem Buche: «Das religiöse Bewußtsein der Menschheit in der Stufenfolge seiner Entwic­kelung». Da will Hartmann zeigen, wie im geschichtlichen Verlaufe sich die Menschheit allmählich durchringt durch die verschiedenen religiösen Standpunkte zur Verehrung jenes Allgeistes, wie er ihm als «der Unbewußte» vorschwebt. Ihm erscheinen alle bisherigen Religionen als eine Vorstufe der «Religion des Geistes ». Daß in jedem einzelnen der «Geist» lebt, und daß das Leben in der Erlösung dieses leidenden Gei­stes bestehen muß: dies soll der Inhalt solcher Zukunftreligion sein. Auch das Christentum kann zu dieser «Religion des Geistes»

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nur eine Vorstufe sein. Es gibt sich - so meint Hartmann - der Illusion hin, daß in Einer Person, dem Gortessohne, der Allgeist gelitten hat: es muß aber an die Stelle dieser einen Per­son die Summe aller Personen treten. Alle müssen sich als lei­dende und zur Erlösung berufene Söhne des Einen Geistes füh­len. Hartmann ist überzeugt davon, daß die wissenschaftliche Theologie der neuen Zeit zu einer « Selbstzersetzung des Chri­stentums» führen müsse. Sie muß sich zuletzt durch den Wi­derspruch auflösen, der sich aus dem Nachdenken über die Un­möglichkeit ergibt, das Erlösungswerk könne durch einen Ein­zelnen herbeigeführt werden. Ist auch in dieser Ausführung Hartmanns wieder das völlige Mißverstehen des Christentums durchleuchtend: so hat der Schöpfer der «Philosophie des Un­bewußten» doch auch auf diesem Gebiete manche wichtige Einzelausführung gegeben, und er ist auch in dieser Bezie­hung den zeitgenössischen Theologen und Philosophen weit überlegen durch Scharfsinn und Unabhängigkeit des Den­kens.

Es wäre interessant, auch noch auszuführen, wie auch in der «Ästhetik» Hartmann trotz Unzulänglichkeit seiner Grund­prinzipien manch Treffliches im einzelnen geleistet hat. Doch muß hier - aus Raummangel - davon abgesehen werden.

Eduard von Hartmann bietet einem jeden, der sich mit ihm beschäftigt, viel des Anregenden. Und der Geistesforschung kann er nicht ohne Nutzen sein. Man hat in ihm eine Persön­lichkeit vor sich, welche auf der einen Seite ein energisches Losringen von den Vorurteilen des materialistischen Zeitgei­stes zeigt, die aber doch sich nicht erheben kann in das Gebiet wirklichen geistigen Schauens. Gerade bei ihm kann man ge­wahr werden, wie die Vorstellungsart der Gegenwart dem Gei­ste die Freiheit nimmt zu solchem wirklichen Schauen. - Und noch eines darf bei dieser Persönlichkeit nicht übersehen wer­den. Hartmann hat nicht nur die höchsten Lebensanschau­ungsfragen behandelt, sondern er ist in alle Zeitfragen einge­drungen: in die Kulturfragen, in die Politik, in die Sozialöko­nomie, in die Rechtsfragen usw. Und überall erweist er sich da

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als ein Denker, der fest auf dem Boden der Wirklichkeit stehen bleiben will, der sich nirgends in phantastische Utopien und abstrakte Zukunftsperspektiven verlieren will. Ja, sein Wirk­lichkeitssinn in dieser Hinsicht steht in einem sonderbaren Ge­gensatze zu seinen radikalen, und wirklich oft bodenlosen Träumereien in den höchsten Fragen und Zielen der Mensch­heit. Sein Konservativismus in Politik und Sozialismus hat manchmal etwas Philiströses, aber viel Gesundes. Deshalb wird er auch in bezug darauf für den Geistesforscher wertvoll sein. Dieser hat allen Grund, sich vor Phantastereien zu hüten, und fest auf dem Boden der Realität zu bleiben. Da kann Hart­mann ein vortreffliches Beispiel abgeben. Ob man dies oder jenes von ihm annehmen will, darauf kommt nicht viel an; aber darauf, daß man immer fruchtbare Anregungen von ihm emp­fangen kann.

#TI

LEBENSFRAGEN

DER THEOSOPHISCHEN BEWEGUNG

#TX

Bei Personen, welche der theosophischen Bewegung unserer Zeit ferne stehen, hat sich seit langer Zeit vielfach die Meinung festgesetzt, daß viele Anhänger dieser Lebensauffassung sich um ihr gesundes Urteil durch einen blinden Autoritätsglauben bringen lassen. Man stellt sich vor, daß es innerhalb dieser Be­wegung eine Anzahl von Menschen gebe, welche durch ihr Auftreten und durch gewisse Eigenschaften bei andern zu dem Ansehen von «Erleuchteten», von «höher Entwickelten», von «Wissenden» kommen, und daß deren Behauptungen von einer großen Zahl der Bekenner der Theosophie auf Treu und Glauben angenommen werden. Gerade wegen solcher Mei­nung lehnen es viele ab, sich mit dieser Bewegung einzulassen. Sie sagen: wir wollen nur dasjenige hören, was unserer Urteils­kraft «bewiesen» werden kann, blinden Dogmenglauben lehnt ein zu reifem Denken erwachter Mensch ab. Und da die Be­hauptungen der Theosophen dem «allgemeinen gesunden Menschenverstand» nicht einleuchten, so lassen wir uns wei­ter

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nicht darauf ein, wenn auch einzelne «Erleuchtete» be­haupten, daß sie dergleichen wissen können.

Nun gewinnt eine solche Meinung in der letzten Zeit sogar Boden bei vielen Persönlichkeiten, welche innerhalb der theo­sophischen Bewegung selbst stehen. Auch da kann man schon viel davon hören, daß der «gesunde Menschenverstand» sich keiner Autorität und keinem Dogma blind hingeben, sondern alles selbst prüfen solle. Zuweilen tritt deutlich so etwas wie die Besorgnis zutage, man könne zu weit gegangen sein in der Annahme gewisser «Offenbarungen» durch diese oder jene Personen, die man zu sehr als «Wissende», als «unfehlbare Au­toritäten» verehrt habe. Und viele möchten zur Besonnenheit und zur Prüfung mahnen, damit man sich nicht in bodenlose Phantastereien etwa verliere, und eines Tages sich gestehen müsse, daß diese oder jene Tatsache den Schein von Wissen zerstört, welches sich der oder jener «Erleuchtete» angemaßt hat.

Wer wollte leugnen, daß solche Ermahnungen vieles zu ihrer Rechtfertigung anzuführen vermögen. Haben sich nicht Tat­sachen genug ereignet, durch welche Personen, zu denen viele wie zu sicheren Autoritäten aufsahen, ihr Ansehen und ihre Geltung verlieren mußten? Und wurden nicht in der letzten Zeit gegen die wichtigsten Arbeiter auf dem theosophischen Felde Anklagen erhoben, die manchem zu denken geben müs­sen? Ist es da zu verwundern, wenn viele sich sagen: «ich will zunächst nicht mehr glauben, als was ich selbst einzusehen ver­mag»? Eben jetzt hat sich ja wieder ein bedenklicher Fall er­eignet. Einer derjenigen theosophischen Arbeiter, die vielen Führer sind auf dem Wege zur höheren Erkenntnis, C. M. Leadbeater, ist von einigen Mitgliedern der amerikanischen Sektion der Theosophischen Gesellschaft schwerer Verfeh­lungen angeklagt worden. Die Sache erschien so schlimm, daß der Präsident der Gesellschaft, H. S. Olcott, nach London ein Komitee berief, welches aus dem Geschäftsausschuß der briti­schen Sektion und aus Delegierten der amerikanischen und der französischen Sektion bestand, und welches die Sachlage prüfen

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sollte. Es wäre wohl zum Ausschluß Leadbeaters aus der Gesellschaft geschritten worden, wenn dieser nicht schon vor­her selbst seinen Austritt angemeldet hätte. So also ist eine Persönlichkeit aus der Gesellschaft entfernt worden, die seit vie­len Jahren für die Ausbreitung der Theosophie Unsägliches geleistet hat, deren Bücher vielen Führer für das geistige Leben waren, die sich eine große Zahl von Schülern erworben hat. Unmittelbar vor dem verhängnisvollen Ereignis hat Lead­beater eine erfolgreiche Vortragsreise durch Amerika gemacht und hat durch bedeutungsvolles Wirken an zahlreichen Orten tiefen Eindruck hinterlassen. - Muß ein solcher Fall nicht miß­trauisch gegen alle Autoritäten machen? (Da demnächst noch eine Auseinandersetzung über diesen Fall folgen soll, steht hier nur diese Andeutung.) Nun kann man gewiß jedem solchen Falle gegenüber mit vollem Recht sagen, die theosophische Sache stehe über allen Personen; und mögen noch so viele Ver­treter dieser Sache «fallen»: wer die Sache von den Personen zu trennen vermag, der kann durch dergleichen Tatsachen nicht irre gemacht werden. Auch wird betont, daß wahre gei­stige «Höherentwickelung» nicht notwendig verbunden sein müsse mit der Fähigkeit für ein gewisses «heliseherisches » Le­ben. Und Leadbeater wäre eben in erster Linie als ein solcher zu betrachten, der gewisse hellseherische Fähigkeiten in sich aus­gebildet habe. Die Theosophie müsse aber weniger darauf ge­ben, als vielmehr bedacht sein, ihren Bekennern die Mittel zu­gänglich zu machen, durch welche sie zur Läuterung und Rei­nigung ihrer «niederen Natur» kommen und ihren « höheren Menschen»in sich zum Erwachen bringen. Die Aneignung hellseherischer Kräfte sei sogar gefährlich, solange die Läute­rung und Reinigung sich nicht vollzogen habe. (Einiges zur Orientierung gerade über diese Frage enthält der Abschnitt dieses Heftes über «Die Stufen der höheren Erkenntnis».) -Und man kann wohl auch Stimmen hören, welche aus solchen Anlässen heraus die Pflege solcher Einsichten, die aufhellsehe­rischen Fähigkeiten beruhen, einzuschränken empfehlen und dafür anraten, sich auf das zu beschränken, was das geistige Le­ben

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ohne solchen Hinweis veredelt. Es komme nicht darauf an, so sagt man wohl, Aufschlüsse zu erhalten über höhere Welten, über «Geister», über Welten- und Lebenskreisläufe, sondern vielmehr darauf, sich eine veredelte, geläuterte Lebensauffas­sung anzueignen.

Es kann gar kein Zweifel bestehen darüber, daß diejenigen, welche solches vorbringen, in einer gewissen Beziehung ganz recht haben. Dennoch wird sich die theosophische Bewegung in verhängnisvolle Widersprüche gegen ihre Mission verwik­keln, wenn derlei Meinungen in den Kreisen ihrer Anhänger das Übergewicht gewinnen. - Nun ist gewiß hier sogleich ein Einwand möglich. Man kann sagen: wer ist denn berechtigt, seine Meinung von der Mission der theosophischen Bewe­gung für irgendwie maßgebend zu halten? Der eine kann glau­ben: die Verbreitung «höherer Einsichten» sei das richtige; der andere mag eben der Meinung sein, es komme auf die Aus­breitung der Ergebnisse heilseherischer Forschung nicht an, sondern auf die Pflege des «geistigen und moralischen Le­bens ».

An sich genommen, ist dieser Einwand ganz richtig. Und wenn sich eine Mehrheit in der Theosophischen Gesellschaft fände, welche die Verbreitung sogenannter geheimwissen­schaftlicher Lehren verpönte, so ließe sich von einem gewissen Gesichtspunkte aus dagegen gar nichts einwenden. Aber im Grunde kommt es, von einem höheren Standpunkte aus be­trachtet, gar nicht auf eine Diskussion darüber an, was die Theosophische Gesellschaft sein soll. Diese wird immer nur das sein können, was ihre Mitglieder wollen. Worum es sich handelt, das ist etwas ganz anderes. Es kommt darauf an, daß die Ausbreitung geheimwissenschaftlicher Lehren gegenwär­tig zum weiteren Fortschritt der Menschheit notwendig ist. Und diejenigen Personen, welche das einsehen und dazu fähig sind, müssen das ihrige zu dieser Verbreitung beitragen. Sie müssen das als eine ihnen von den Zeitverhältnissen gestellte Aufgabe betrachten. Und deshalb hat für sie die Frage: was die Theosophische Gesellschaft sein soll, keine in erster Linie stehende

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Bedeutung. Fände es sich, daß innerhalb dieser Gesell­schaft sich eine Mehrheit der Stimmen gegen die Pflege ge­heimwissenschaftlicher Erkenntnisse ergäbe, so müssen sie eben durch andere Mittel den Zugang zu ihren Zeitgenossen als durch diese Gesellschaft suchen.

Wohl aber erhebt sich eine ganz andere bedeutungsschwere Frage. Erschüttert denn die Theosophische Gesellschaft nicht ihre Grundlagen, wenn Urteile wie die eben gekennzeichneten das Übergewicht gewinnen? Über diese Frage wird man sich klar werden, wenn man den Blick darauf richtet, wodurch diese Gesellschaft bisher in der Welt sich Geltung verschafft hat. Nicht allgemeinen, dem «gesunden Menschenverstand» ohne weiteres zugänglichen Lehren verdankt sie diese Geltung, son­dern dem Umstand, daß die Begründer und Mitarbeiter dieser Gesellschaft den Menschen etwas zu sagen vermochten, was eben dem «gemeinen Menschenverstand» ohne weiteres nicht zugänglich ist. Die Einsichten in das Wesen des Menschen, in seine unvergängliche geistige Wesenheit, in höhere Welten: diese waren es seither, was die Menschen durch die Gesell­schaft suchten. Die Sehnsucht nach einer Kunde von der « gei­stigen Welt» wollten die Menschen durch die Theosophie be­friedigt haben. Nicht durch «allgemein beweisbare» Grund­sätze - die an sich gewiß unendlich wertvoll sind - haben die Führer der theosophischen Bewegung das Ohr ihrer Zeitge­nossen gefunden, sondern durch die Offenbarung von Wahr­heiten, die nur der heliseherischen Forschung zugänglich sind. - Und obgleich es niemanden in der Welt gibt, welcher nicht durch Entwickelung seiner eigenen in ihm schlummernden Fähigkeiten zu solchen Wahrheiten kommen kann: so liegt es doch in der Natur der ganzen menschlichen Entwickelung, daß gegenwärtig nur einzelne wenige die dazu gehörigen Fähig­keiten in sich entwickelt haben. Will man nicht anhören, was solche über die geistige Welt zu erzählen wissen, so müßte man auf eine Kunde von derselben überhaupt verzichten. Man kann ja allerdings zu diesen wenigen sagen: «Wir wollen nicht, daß ihr uns mitteilt, was ihr wisset; ihr könnt uns nur befriedigen,

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wenn ihr uns sagt, wie wir selbst zu solchen Erkenntnis­sen kommen. Sagt uns nicht, was durch eure Hellsichtigkeit euch geoffenbart wird, sondern sagt uns, wie wir selbst hell­sichtig werden.» Es ist nun gerade in dieser Zeitschrift so viel über die Frage: «Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Wel­ten? » mitgeteilt worden, als in der gegenwärtigen Zeit über­haupt öffentlich gesagt werden kann. Man wird aus den Mittei­lungen ersehen, inwiefern ein jedes berechtigte Streben nach dieser Richtung seine Befriedigung finden kann. Obgleich nun die Theosophie den Menschen den Zugang zu der wirklichen Geheimschulung eröffnen kann: bei dem, was als öffentliche Mission der geheimwissenschaftlichen Forschung oben be­zeichnet worden ist, handelt es sich noch um etwas viel ande­res. Der Mensch braucht die Antworten auf gewisse Fragen, die ihm das Leben aufgibt. Er braucht sie zu der ihm notwendi­gen Seelenruhe, zum inneren Frieden, zur Sicherheit im Leben und Wirken; nur durch eine solche Antwort kann er ein brauchbares Mitglied der menschlichen Gesellschaft sein, kann er seinen Platz in der Welt richtig ausfüllen. Gewiß, es gibt un­zählige Menschen, welche heute solche Fragen noch gar nicht aufwerfen, welche keine Sehnsucht nach ihrer Beantwortung fühlen. Aber diese Menschen tun das nur deshalb nicht, weil ihnen nicht die Gelegenheit gegeben wird, die Notwendigkeit davon zu empfinden. In dem Augenblicke, wo der Mensch in der rechten Art gewissen geistigen Angelegenheiten gegen­übergestellt wird, fühlt er auch sofort, was dem Leben fehlt, wenn er daran vorbeigeht, und dann hört eben jeder Zweifel an der Notwendigkeit au£ Aber es ist ein Mißverständnis, wenn man glaubt, die Antworten auf solche Fragen nach der höheren Welt haben nur Wert für den, der selbst hellseherisch hinein-blickt in diese Welt. Das ist durchaus nicht der Fall.

Wenn man mit rechtem Sinn die Antworten aufnimmt, sich in sie einlebt: dann wird man gar bald die Überzeugung von der Wahrheit erhalten, auch wenn man noch weithin hat bis zur Hellsichtigkeit. Daß heute so viele diese Überzeugung nicht erleben können, rührt allein davon her, daß der materialisti­sche

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Zeitgeist sich als schweres Hindernis den Seelen in den Weg legt. Man glaubt vorurteilslos zu sein und hat gerade das größte Vorurteil gegen die höhere Wahrheit. Die Theosophie sucht diese höhere Wahrheit so zu verkünden, wie sie gerade der gegenwärtige Mensch braucht, und wie sie zum wahren Fortschritt in der nächsten Zukunft notwendig ist. Aber woher will man sie empfangen, wenn nicht von jenen, welche sie durch ihre eigene Forschung ergründet haben? Wollte man diesen von vornherein den «allgemeinen Menschenverstand »entgegenstellen, dann würde man ja damit ihre ganze For­schung für unnötig erklären. Man sollte doch voraussetzen, daß auch diejenigen, welche sich bemüht haben, höhere Er­kenntnismöglichkeiten in sich zu entwickeln, diesen Men­schenverstand nicht verloren haben. Sicher ist, daß niemals dasjenige dem «gesunden Verstand » widersprechen kann, was die Wissenden offenbaren, aber ebenso sicher ist, daß man das erst einsehen kann, wenn man mit rechtem Sinn auf ihre Offen­barungen eingeht. Ohne Zweifel kann ein jeder urteilen, und es soll auch ein jeder nur seinem eigenen Urteil vertrauen; aber er muß doch das zuerst wissen, worüber er urteilen will. - Wer sich diese einfachen Dinge nur ein wenig vor die Seele führt, der wird alsbald einsehen, wie wenig zutreffend vieles ist, was gegen die Autoritäten in Dingen der höheren Welten geredet wird. Diese Autoritäten können ja gar nicht eine Gefahr für den gesunden Menschenverstand sein, da sie - wenn sie die rechten Autoritäten sind - diesem Menschenverstand gerade das geben wollen, worüber er urteilen soll. Will die Theosophi­sche Gesellschaft nicht allein das pflegen, was ihre Mitglieder schon wissen, sondern zu höherer Erkenntnis den Weg bieten, so wird sie nicht der Anregung gebenden Autoritäten entbeh­ren können. Es ist eben durchaus zweierlei: zu urteilen und sich zum Urteil den Weg zeigen lassen. Entweder wird dieTheo­sophische Gesellschaft etwas ganz anderes werden, als was sie ihren Grundlagen nach innerhalb der Gegenwart bis jetzt gewe­sen ist, oder sie wird ein Schauplatz sein müssen für diejenigen, welche aus ihr höhere Erfahrungen noch nicht gemacht haben.

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Wer die Sachiage so anblickt, der wird anders denken und handeln müssen, als der Meinung auch manches Mitgliedes der Gesellschaft heute entspricht. Auch auf dem Pariser Kongreß der «Föderation europäischer Sektionen »ist ja vielfach auf die Gefahr der Autoritäten im Namen des «gesunden Menschen-verstandes » in Reden und Diskussionen hingewiesen worden. Ja selbst der verdienstvolle Präsident-Gründer der Gesell­schaft, H. S. Olcott, hielt es im gegenwärtigen Augenblicke für notwendig, recht stark auf den «gesunden Menschenverstand» hinzuweisen und zu betonen, daß kein Mitglied der Theoso­phischen Gesellschaft sich auf etwas anderes als auf die eigene Urteilskraft stützen solle und sich hüten solle, Autoritäten zu verfallen. Und er führte, um diese Warnung vor der Autorität besonders einleuchtend zu machen - die Autorität des Buddha an, von dem die so wahren Worte herrühren: « Glaube nicht deswegen, weil es in einem Buche geschrieben steht, oder weil es von einem Weisen gelehrt wird, oder durch die Überliefe­rung gegeben ist, oder durch einen Gott inspiriert ist usw., son­dern glaube allein das, was dir durch deine eigene Vernunft und eigene Erfahrung einleuchtet.» Aber man kann eben diese Worte Buddhas in verschiedener Art sich zur Richtschnur neh­men. Der eine tut es so, daß er die Offenbarungen der Weisen für wertlos hält, weil sie seinem Verstande nicht einleuchten, der andere sucht seine Brkenntnisfähigkeiten dahin zu brin­gen, daß er sich ein selbständiges Urteil über solche Offenba­rungen bilden könne.

Die Lebensbedingungen der theosophischen Bewegung wird man besser einsehen, als dies gegenwärtig noch vielfach geschieht, wenn man bedenken wird, daß das Wesentliche an ihr in der Veröffentlichung einiger derjenigen Wahrheiten be­steht, die früher ausschließlich als sogenannte Geheimwissen­schaften betrachtet worden sind. Solche Wahrheiten sind die jetzt durch Schrift und Wort verkündeten über das Wesen des Menschen, das heißt seinen Aufbau aus den Gliedern der phy­sischen, seelischen und geistigen Welt, seine Entwickelung

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und allmähliche Vervollkommnung durch eine Reihe von Er­denleben hindurch; ferner über das Gesetz des Zusammenhan­ges von Ursache und Wirkung in der geistigen Welt, das man gewohnt ist als Karma zu bezeichnen; außerdem über gewisse Vorgänge der Erdentwickelung, die sich dem geöffneten Auge des Sehers erschließen, und die man kennen muß, wenn man des Menschen höhere Bestimmung verstehen will. Dazu kom­men gewisse Erkenntnisse über die höheren geistigen Welten, ohne die man keine Einsicht haben kann in die Entwickelung des Weltgebäudes, und ohne deren Kenntnis man vor allen Dingen nichts darüber wissen kann, was sich hinter dem Tode verbirgt, was als der unsichtbare und unsterbliche Teil der menschlichen Natur anzusehen ist.

Diese Erkenntnisse sind in der Form, wie sie durch die theo­sophische Bewegung in Büchern, Aufsätzen und Vorträgen verbreitet werden, seit langer Zeit vorhanden. Aber sie wur­den in dieser Form nicht öffentlich verkündet. Man teilte sie nur denen mit, die man erst auf ihre intellektuellen, seelischen und moralischen Fähigkeiten hin sorgfältig geprüft hatte. Die Prü­fung auf die intellektuellen Fähigkeiten hin hatte den Zweck, die Lehren nur an solche Menschen herankommen zu lassen, welche sie vermöge ihrer Verstandes- und Vernunftskraft wirklich einsehen können. Denn die hohen geistigen Wahrhei­ten sind eben derart, daß sie ein unvollkommener Verstand zu­nächst sogar unsinnig finden kann. Treten sie an einen solchen heran, so können sie nur mißverstanden werden. Und abgese­hen davon, daß durch ein solches Mitteilen etwas völlig Un­nützes gemacht würde, muß dasselbe im höchsten Grade be­unruhigend auf das Gemüt dessen wirken, dem die Mitteilung gemacht wird. Denn während, wenn sie richtig verstanden werden, diese Lehren das Glück und die Seligkeit des Men­schen bewirken, müssen sie, mißverstanden, Unheil in der Seele bewirken. Eine kleine Wahrheit wird, wenn sie durch eine zu geringe Urteilskraft verzerrt wird, kein besonderes Un­heil anrichten, denn sie bewirkt nur getinge Gemütserschütte­rungen der Seele. Eine große Wahrheit wird als etwas empfunden,

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was in das Heil und in die Kräfte der Seele eingreift. Wird sie verzerrt oder karikiert, so bewirkt sie das Gegenteil dessen, was sie bewirken sollte. Bei richtigem Begreifen hebt sie den Menschen zu einer erhöhten Lebensführung, bei einer ver­kehrten Erfassung macht sie ihn niedriger, als er ohne sie sein würde. Auch führt ein rulfiverständliches Erfassen der höheren Wahrheiten nicht nur zu einer unnützen, sondern zu einer schädlichen Diskussion derselben. Es wird durch eine solche Diskussion die Seele verworren gemacht, und weil die Wahr­heiten eben einschneidende sind, bleibt es nicht, wie bei der Diskussion über Unbedeutendes, bei einem bloßen Irrtume des Verstandes, sondern ein solcher Irrtum kann zur Zerrüt­tung des ganzen Seelengefüges, mit andern Worten, zur Er­krankung des ganzen Menschen führen. Und werden gar sol­che Erkenntnisse öffentlich mitgeteilt, dann ergreift der Scha­den nicht nur einzelne, sondern viele.

Daher verlangte man in den Geheimschulen, daß zuerst die richtigen Verstandeskräfte da seien, dann teilte man stufen­weise mit, was man für geraten fand, mitzuteilen... Die seeli­schen Kräfte mußten vorbereitet sein, damit der Zögling der höheren Geheimnisse diese in würdiger Stimmung und Ge­mütsverfassung empfing. Denn das Gefühl, mit dem man an eine Wahrheit herantritt, gibt dieser eine gewisse geistige Fär­bung. Und es ist bei den höheren Wahrheiten so, daß sie un­richtig wirken, wenn man sich ihnen nicht in der richtigen Empfindung nähert. Eine Wahrheit, die sich auf physische Dinge bezieht, wird nicht sonderlich entstellt, wenn man sie in einer unrichtigen Stimmung empfängt. Bei einer höheren Wahrheit ist genau das Gegenteil der Fall ... Die moralischen Kräfte des Kandidaten der höheren Schulung mußten geprüft sein, weil die entsprechenden Erkenntnisse unbedingt den Schleier hinwegreißen, der für den Menschen selbst über ge­wisse verborgene Seiten seiner Natur gebreitet ist. Diese ver­borgenen Seiten des menschlichen Wesens werden an die Oberfläche getrieben. Im gewöhnlichen Leben sind sie ver­hüllt durch die anerzogenen Gewohnheiten, durch das, was

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nach den Lebensverhältnissen der Umgebung als das richtige angesehen wird und durch vielerlei andere Dinge. Dies ist der Fall zum Heile des einzelnen Menschen und der ganzen Menschheit. Wie viele Neigungen, Triebe, Affekte, Leiden­schaften, die, wenn sie losgelassen, verheerend wirken wür­den, werden rein durch solche Dinge zurückgehalten.

Es gehört nun zu den ersten Wirkungen der höheren Wahr­heiten, daß sie den Menschen ganz befreien von allen solchen Dingen. Alles, was von außen seine Natur mildert, fällt weg. Es verliert über ihn die Herrschaft, und er kann fernerhin nur mehr sein eigener Herr sein. Der Mensch braucht gar nicht ein­mal gleich einzusehen, daß dies der Fall ist. Sobald die höheren Erkenntnisse an ihn herantreten, wird er sich selbst überant­wortet. Er muß nun stark genug dazu sein, die Führung seiner Moral, seiner Neigungen und Gewohnheiten usw. selbst in die Hand zu nehmen. Das kann er nur, wenn er durch eigene Kraft alles zurückdrängen kann, was früher die wohltuenden Ver­hältnisse der Außenwelt in das richtige Geleise gebracht ha­ben. Nur ein Beispiel sei aus diesem Gebiete angeführt. In be­sonderem Maße zeigt sich bei dem angehenden Zögling der höheren Geheimnisse der Hang zur Eitelkeit. Hat er nicht die Kraft, diese zurückzudrängen, dann wächst sie ins Maßlose und bringt ihn auf die verderblichsten Wege. Es ist möglich, daß diese Eitelkeit sich in alle möglichen Masken, sogar in die ihres Gegenteiles verhüllt. Und während dann der Mensch glaubt, ganz besonders bescheiden zu werden, ist diese Be­scheidenheit nichts als die Maske einer furchtbaren Eitelkeit ... Man sieht, warum die alten Geheimgeselischaften solch strenge Prüfung von ihren Zöglingen verlangt haben.

Gewiß muß sich nun solchen Tatsachen gegenüber sofort die Frage aufdrängen: wenn das so ist, warum werden diese Wahrheiten nicht weiter ebenso behandelt wie früher; ist es überhaupt recht, daß die theosophische Bewegung einiges von ihnen der Öffentlichkeit mitteilt? Es soll gleich gesagt werden, daß eine große Anzahl derjenigen Personen, die im Besitze sol­cher Wahrheiten sind, für diese auch gegenwärtig das Prinzip

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der Geheimhaltung befolgen, und manche derselben glauben, daß durch die theosophische Bewegung wirklich ein Unrecht geschehe.

Nun liegt aber die Sache so: Der höhere Teil der geistigen Erkenntnisse wird noch für lange Zeit in der angegebenen Weise geheim gehalten werden müssen. Was durch die theoso­phische Bewegung veröffentlicht wird, ist der elementare Teil. Dieser aber kann nicht länger geheim gehalten werden. Denn die Menschheit ist in vielen ihrer Teile auf einer Entwicke­lungs stufe angelangt, auf der sie ihn nicht entbehren kann. Er muß veröffentlicht werden, weil ohne ihn gewisse Seelenbe­dürfnisse der Menschheit nicht mehr befriedigt werden kön­nen. Ohne diese Veröffentlichung müßte das Seelenleben ver­öden.

Man darf nämlich nicht glauben, daß die bezeichneten Er­kenntnisse bisher injeder Form der Menschheit vorenthalten worden sind. Nur in der Form, wie sie in den Geheimschulen lebten, und wie sie nun durch die theosophische Bewegung mitgeteilt werden, sind sie geheim gehalten worden. Aber selbst die Menschen, die in den allereinfachsten Verhältnissen lebten, konnten sie in jener Form erhalten, in der es für sie an­gemessen war. Die Märchen und Mythen enthalten diese Wahrheiten in Form von Bildern, von Gleichnissen usw. Es kommt nur aus materialistischer Gesinnung heraus, daß man in den Märchen, Sagen, Mythen die in ihnen liegenden tiefen Weisheiten nicht erkennen oder nicht anerkennen will. Es kann hier zunächst nicht die Aufgabe sein, zu zeigen, was leicht gezeigt werden könnte, daß in Sagen und Mythen bildlich viel, viel größere Weisheiten über die Natur und die Menschheits­geheimnisse enthalten sind, als in den Darlegungen unserer heute so fortgeschrittenen Wissenschaften. Völkern aufgewis­sen Kulturstufen muß man eben im Bilde geben, was bei einer höheren Entwickelung des Intellektes in Ideen an den Men­schen herantreten muß. Allerdings gibt es viele Menschen noch heute, die da glauben, was nicht der Verstand begriffen hat, das sei überhaupt nicht verstanden. Dem gegenüber muß

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aber betont werden, daß nicht nur der Verstand ein Erkenntnisvermögen ist, sondern daß man wirklich auch durch das Ge­fühl, durch die Phantasie und durch andere Seelenkräfte die Dinge verstehen kann. Und es war ein wirkliches Verstehen für gewisse Stufen der Entwickelung, wenn die Menschen im Märchen, im Mythus die Weltgeheimnisse auf sich wirken lie­ßen. Ja es kann für solche Entwickelungsstufen eine andere Form nicht einmal in Betracht kommen. Diejenige Form der höheren Wahrheiten, wie man sie heute in der Theosophie fin­det, verbleibt für solche Zeiten den Geheimlehren und ihren Schülern. Auf andern Entwickelungs stufen sind es die Religio­nen, in deren Form die Geheimnisse der unsichtbaren Welten den Menschen verkündet werden. In allen Religionen sind die höheren Geheimnisse in einer für das Gemüt und den Glauben zugerichteten Form enthalten. Wer nicht mit materialistischem Vorurteil, sondern ganz unbefangen und voraussetzungslos die Religionen studiert, der ilndet in ihnen alle Geheimiehren, sodaß in einer jeden bestimmten Religion diese Lehren, ange­paßt dem Charakter, dem Temperament und der Kultur desje­nigen Volkes und derjenigen Zeit, für die sie bestimmt sind, enthalten sind.

Mythen, Sagen, Religionen sind die verschiedenen Wege, auf denen die höchsten Wahrheiten den Menschen in ihrer Mehrzahl übermittelt worden sind. Das mißite auch weiter ge­schehen, wenn es ausreichen würde. Aber es reicht nicht mehr aus. Die Menschheit ist gegenwärtig auf einer Entwickelungs-stufe angelangt, auf der ein großer Teil von ihr alle Religion verlieren würde, wenn die ihr zugrunde liegenden höheren Wahrheiten nicht auch in einer Form verkündigt würden, so daß auch das schärfste Nachdenken sie als gültig ansehen kann. Die Religionen sind wahr, aber die Zeit ist für viele Menschen vorüber, in der Begreifen durch den bloßen Glauben möglich war. Und die Zahl der Menschen, für die das gilt, wird in der nächsten Zukunft mit ungeannter Schnelligkeit zunehmen. Das wissen diejenigen, welche die Entwickelungsgesetze der Menschheit wirklich kennen. Wenn die den religiösen Vorstellungen

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zugrunde liegenden Weisheiten nicht in einer dem voll­kommenen Denken standhaltenden Form in der Gegenwart öffentlich verkündet würden, so müßte alsbald der völlige Zweifel und Unglaube gegenüber der unsichtbaren Welt her­einbrechen. Und eine Zeit, in der das der Fall wäre, wäre trotz aller materiellen Kultur eine Zeit, schlimmer als eine solche der Barbarei. Wer die wirklichen Bedingungen des Menschenle­bens kennt, der weiß, daß der Mensch ohne Verhältnis zum Unsichtbaren ebensowenig leben kann, wie eine Pflanze ohne nährende Säfte.

In dem eben erschienenen Aufsatze über die Erziehung des Kindes sieht man, wie nur die theosophischen Wahrheiten in der nächsten Zeit wirklich praktisch im Leben wirken können. Ein gleiches könnte für die verschiedensten Gebiete des Le­bens gezeigt werden.

Die Wahrheit ist eben die, daß man gegenwärtig die Er­kenntnisse über die unsichtbaren Welten in der theosophischen Form der Menschheit überliefern muß, wie man sie ihr ehemals in der Form der Gleichnisse und Bilder überliefert hat. Theo-sophie, richtig verstanden, ist keine neue Religion, auch keine religiöse Sekte, sondern das richtige Mittel der gegenwärtigen Zeit, die Weisheit der Religion so zu zeigen, wie das für den Menschen dieser Zeit notwendig ist. Theosophie gründet keine neue Religion, denn sie liefert gerade die Beweise für die Gültigkeit der alten, und wird so dieser zur festesten Stütze ... Theosophie ist aber auch keine Sache für ein paar Schwärmer, denn sie macht den Menschen bekannt mit der unsichtbaren Welt, aus der er die Kräfte nehmen muß für die sichtbare.

So entspringt Theosophie aus der Erkenntnis dessen, was der Menschheit gegenwärtig notwendig ist. Und notwendig ist ihr, daß sie einige der geheimwissenschaftlichen Wahrhei­ten kennenlernt. Weil die Tatsachen so liegen, deshalb haben diese Wahrheiten so mächtig auf viele Seelen gewirkt, als sie vor einigen Jahrzehnten zuerst veröffentlicht worden sind, und deshalb liegt die wahre Mission der theosophischen Bewe­gung in der taktvollen Veröffentlichung solcher Wahrheiten.

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Man versuche nur einmal, die theosophische Bewegung auf eine andere Grundlage zu stellen, und sie wird in der kürzesten Zeit aufgehört haben, denen etwas zu sein, die seit ihrem An­fang, aus einem wahren gegenwärtigen Menschheitsbedürf­nisse heraus, sich ihr zugewendet haben. Man sage nur ja nicht, daß diese Wahrheiten über die höheren Geheimnisse nur dem wertvoll seien, der sie hellseherisch erfassen kann. Nichts ist unrichtiger als dieses. Denn Hellsehen ist nur notwendig zum Auffinden dieser Wahrheiten. Sind sie aufgefunden, dann kann sie jeder Mensch verstehen, der seinen Verstand wirklich ge­nügend anstrengt. Es ist nur leere Phrase, wenn etwa gesagt wird, diese Dinge müßten erst bewiesen werden. Sie sind be­wiesen, sobald man sie nur wirklich begreifen will. Findet sie jemand unbewiesen, so rührt das nicht davon her, daß sie erst durch besondere Mittel bewiesen werden müßten, sondern le­diglich davon, daß der betreffende Mensch noch nicht genü­gend darüber nachgedacht hat.

Nun besteht seit mehr als dreißig Jahren eine Theo sophische Gesellschaft, die ein Mittel sein soll zur Pflege der theosophi­schen Bewegung. Diese Gesellschaft hat drei Grundsätze : Der erste ist: «Den Kern eines allgemeinen Bruderbundes der Menschheit zu bilden, ohne Unterschied des Glaubens, der Nation, des Standes, des Geschlechtes.» Der zweite Grundsatz ist: « Die Erkenntnis des Wahrheitskernes aller Religionen auf­zudecken.» Ihre dritte Regel ist: « Die tieferen geistigen Kräfte zu erforschen, welche in der Menschennatur und in der übrigen Welt schlummern.»

Hält man sich an das in diesem Aufsatz über die eigentliche Mission der theosophischen Bewegung Gesagte, so wird man unschwer erkennen, daß die Theosophische Gesellschaft nur wegen des dritten Zieles eine Daseinsberechtigung hat.

Man sehe doch einmal vorurteilslos zu. Zweifellos muß die Begründung des Bruderbundes das Ziel jedes guten Menschen sein. Und deshalb bestehen unzählige Vereine und Gesell­schaften, welche dieses Ziel als ihr Ideal erkennen. Man braucht ganz gewiß nicht Theosoph zu werden, um sich zu einem sol­chen

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Ideale zu bekennen. Die Theosophische Gesellschaft hat überhaupt nur einen Sinn, wenn man sich innerhalb ihrer über dieses Ideal so ausspricht: Jeder gute Mensch anerkennt das Ideal der allgemeinen Bruderschaft. Es wird durch verschie­dene menschliche Verbrüderungen zu verwirklichen gesucht. Es kommt nur darauf an, daß zur Verwirklichung die richtigen Mittel gewählt werden. Das untauglichste Mittel ist sicher das, fortwährend nur in sentimentaler Art davon zu reden, die Men­schen sollen sich brüderlich lieben, sollen eine Einheit und Harmonie bilden, und wie eben die schönen Redensarten alle heißen, mit denen leider oft gerade von Theosophen nur so herumgeworfen wird. Solches Reden ist nicht mehr wert, als wenn sich jemand vor einen Ofen hinstellt und fortwährend sagt: Lieber Ofrn, du bist mir dann ein braver Ofen, wenn du zur rechten Zeit das Zimmer heizest. Also sei nur immer recht hübsch warm, wenn es nötig ist. Will man, daß der Ofen wirk­lich warm mache, so rede man nicht von seiner Ofenaufgabe, sondern versorge ihn mit Heizmaterial. Die theosophische Be­wegung kann als das richtige « Heizmaterial» für die mensch­liche Verbrüderung nur die oben besprochenen geheimwissen­schaftlichen Erkenntnisse betrachten. Nimmt die Seele diese Erkenntnisse in sich auf, dann bewirken sie in ihr ebenso den Sinn für wahre Verbrüderung, wie in dem Ofen das Heizmate­rial in richtiger Behandlung die Wärme bewirkt. Es ist im Sinne der theo sophischen Einsicht, zu sagen: Gewiß verfolgen auch andere Leute als die Theosophen gegenwärtig dieses Ideal, aber sie können es nicht erreichen, weil sie nicht das rechte Mittel der geheimwissenschaftlichen Erkenntnis anwenden. Zweifellos ist es ja leichter, immer wieder zu sagen: Brüder­lichkeit, Brüderlichkeit, als sich zu durchdringen mit den ge­heimwissenschaftlichen Erkenntnissen; aber es ist ja für den Christen auch leichter, immer wieder zu sagen: Herr, Herr, als sich mit wirklichem christlichem Inhalt zu durchdringen. Zu­dem ist das Reden von Brüderlichkeit gar nicht ungefährlich, weil es eine Wolke von intellektueller Bequemlichkeit um den Redenden breitet, welche das ernste Streben zu wirklichen Erkenntnissen

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in einer Art seelischer Wollust ersticken kann. Viele sind sich nämlich gar nicht bewußt, daß es eine Art intel­lektuellen Behagens ist, das sie in die Selbstberauschung hin­eintreibt, die sie empfinden, wenn sie immer wieder sich die Lust bereiten, die in den Gedanken: Brüderlichkeit, Eintracht, Harmonie liegt. Das beste Mittel, eine leichte Beute gewisser dunkler Mächte zu werden, ist der intellektuelle Wollust-rausch, der von den Phrasen: Einheit, Brüderlichkeit, Harmo­nie ausgeht ... Gute Theosophen sollten es sich zum Gebot ma­chen, möglichst die Worte: Brüderlichkeit, Harmonie, Einheit zu vermeiden und dafür die wirklichen geheimwissenschaftli­chen Erkenntnisse zu pflegen, welche die rechten Mittel zur Erlangung dessen sind, für das man seine Schätzung am besten dadurch bekundet, daß man es nicht eitel ausspricht.

Ebensowenig aber kann die «wissenschaftliche» Erfor­schung der religiösen Urkunden als solcher ein selbständiges Ziel der theosophischen Bewegung sein. Dazu braucht man doch nur Gelehrter, nicht aber Theosoph zu sein. Gar die ver­gleichende Betrachtung der Urkunden: was hat sie anderes mit der theosophischen Bewegung zu tun, als daß sie zeigt, wie in diesen Urkunden die geheimwissenschaftlichen Wahrheiten enthalten sind? Aber das kann nur ein solcher zeigen, der die Geheimwissenschaft wirklich kennt. Ein wahres Muster einer echten geheimwissenschaftlichen Betrachtung der Religion hat Edouard Schure in seinen « Großen Eingeweihten» gegeben. Er hat den geheimwissenschaftlichen Kern bei den großen Re­ligionsstiftern bloßgelegt. Dabei mußte er natürlich über die bloße gelehrte Betrachtung hinausgehen. Es ist nur natürlich, wenn ihm bloße Gelehrte einwenden, er habe sich weniger an die Urkunden, als an seine Imagination gehalten. Es ist nur zu wünschen, daß ein Theosoph solch einen Einwand nicht ma­che, denn er machte sich dadurch zweier Irrtümer schuldig:

erstens ist ein solcher Einwand naiv, so naiv, wie es der Ein­wender selbst gar nicht ahnt, denn jene Gelehrsamkeit zu ver­teidigen, die damit verteidigt wird, wäre eine Persönlichkeit wie Schure natürlich ein leichtes, wenn sie sich zu ihrem Standpunkte

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herabschrauben wollte, und zweitens zeigt der Ein­wender, daß er gar nicht einmal ahnt, daß es wirklich noch an­dere Quellen der Erkenntnis gibt, als die ihm zugänglichen

So kann als das grundlegende Ziel der theosophischen Be-wegung nur der dritte Grundsatz der Theosophischen Gesell­schaft, die Pflege der geheimwissenschaftlichen Wahrheiten, die man auch die spintuellen nennt, anerkannt werden. Wird sie einmal diesem Ziel untreu werden, dann muß die hierinnen liegende Mission von einer anderen Bewegung übernommen werden, und die Theosophische Gesellschaft wird eine unter vielen anderen gutgemeinten menschlichen Vereinigungen sein, die Brüderlichkeit, Liebe, Pflege von allerlei Wissenschaft und anderes auf ihre Fahne schreiben.

Die Erkenntnis der übersinnlichen Welten zu pflegen ist in dem Vorangehenden als die wesentliche Aufgabe der theoso­phischen Bewegung bezeichnet worden. Wer diesen Gedan­ken vertritt, der darf sich nicht unklar darüber sein, welche Hindernisse und Schwierigkeiten einer damit gekennzeichne­ten Arbeit gerade in unserer Zeit entgegentreten. Darüber allerdings kann man sich bald Klarheit verschaffen, daß solche Erkenntnis einer unermeßlich großen Zahl von Menschen der Gegenwart stärkstes Bedürfnis ist. Viele bringen sich ihr da-hingehendes Verlangen mehr oder weniger zum Bewußtsein. Viele aber tun das auch nicht. Diese fühlen nur eine tiefe Unbe­friedigung im Leben; sie greifen dieses oder jenes auf, was ihnen zunächst einen geistigen Lebensinhalt zu geben ver­spricht, und lassen es wieder fallen, weil sich nach einiger Zeit doch die Unbefriedigtheit wieder einstellt. Solche fühlen nur ihren Mangel, gelangen aber zu keinem fruchtbaren Gedan­ken, was ihnen eigentlich fehlt. Wer das Leben kennt, der weiß eben, daß der Einblick in die höheren Welten von einer Menge von Menschen ersehnt wird, die weitaus größer ist, als von vie­len Seiten zugestanden wird. Es wird wirklich in weitesten Kreisen dasjenige gesucht, was gerade eine in rechten Bahnen wandelnde theosophische Bewegung geben kann. Wer Verständnis

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für diese «rechten Bahnen» hat, dem offenbart sich auch alsbald die Tatsache, daß die echte Pflege höherer Er­kenntnisse in ihren Wirkungen so weit sich erstreckt, wie da Menschenleben selbst. Man kann ein Mensch sein, den das Schicksal auf den bescheidensten Platz im Leben gestellt hat, der im engsten Kreise beschäftigt ist: durch wahre Theosophie wird man imstande sein, ein gesundes Denken und ein frohes, in sich befriedigtes Herz zu haben. Das Dasein selbst in der scheinbar alltäglichsten, sonst unbefriedigendsten Lage wird einen tiefen Sinn erhalten. Und man kann Wissenschafter, Künstler, Geschäftsmann, Beamter usw. sein: man wird durch die Theosophie auf jedem Gebiete Schaffenskraft, Arbeits­freude, Überblick, Sicherheit gewinnen.

Es ist ja durchaus nur die Folge einer mißverständlichen Auffassung der theosophischen Denkungsart, wenn diese dem Leben entfremdet. Wahre Theosophie kann nicht aus dem Le­ben heraus, sondern nur tiefer in dasselbe hineinführen. Ge­wiß ist es richtig, zu betonen, daß Theosophie nur dann etwas taugt für den Menschen, wenn dieser nicht bei einigen allge­meinen Gedanken oder Gefühlen stehenbleibt, sondern nicht davor zurückschreckt, wirklich kennenzulernen, was über das Wesen des Menschen, über die Vorgänge und Wesen der höhe­ren Welten, über Menschheits- und Weltenentwickelung ge­wußt werden kann. Aber wer das kennenlernt, der lernt da­durch auch das Leben im Kleinsten verstehen, und - was nicht scharf genug ausgesprochen werden kann - behandeln.

Wenn in einem Menschen Theosophie in solcher Art wirken soll, dann muß allerdings von ihm eine weitverbreitete Abnei­gung einmal gründlich bekämpft werden. Diese drückt sich in einer gewissen Geringschätzung dessen aus, was an wirklichen Vorstellungen über die ebengenannten Gebiete durch die Theosophie erlangt werden kann. Man sagt da leicht: «Was brauche ich alle diese Dinge zu kennen über die Grundteile des Menschen, über die Weltentwickelung und so weiter. Das alles sind doch nur Verstandessachen; das ist etwas Intellektuelles. Ich aber will Vertiefung des Gemütes. Die göttlichen Grundlagen

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des Daseins können doch nicht in solchen

FRAGEN UND ANTWORTEN ZUR EINFÜHRUNG

#G034-1960-SE350 - Luzifer-Gnosis 1903 - 1908

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FRAGEN UND ANTWORTEN ZUR EINFÜHRUNG

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Im folgenden beginnen wir theosophische Fragen zu beant-worten, die uns vom Publikum gestellt werden. Bedenken, Zweifel, Gewissensftagen usw. sollen hier zur Sprache kom­men. Wer in dieser Richtung ein Anliegen hat, den bitten wir, sich an den Herausgeber der Zeitschrift, Dr. Rudolf Steiner, Berlin W, Motzstraße 17, zu wenden.

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Von dem Verhältnis der physischen

zur übersinnlichen Wesenheit des Menschen

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Frage: «Widerspricht es nicht der Lehre von der Wiederver­körperung, daß die geistigen Fähigkeiten eines Menschen während seines Lebens abnehmen? Es kommt doch vor, daß geniale Menschen im Alter schwachsinnig werden. Welcher Geist verkörpert sich dann wieder: der hochentwickelte ihres reifen, oder der schwachsinnige ihres Greisenalters? »

Die Antwort auf diese Frage setzt voraus, daß man sich eine richtige Vorstellung bilde von dem Verhältnis der physischen (sinnlichen) und der übersinnlichen Wesenheit des Menschen. Die physische Wesenheit unterliegt den physischen Gesetzen. Während seiner Verkörperung kann der Menschengeist nur dasjenige vollbringen, was diese physischen Gesetze zulassen.

- Wenn durch die Gesetze des Körpers im Alter der Geist nicht mehr imstande ist, in derselben Weise zu wirken, wie er das in einer früheren Lebensepoche imstande war, so rührt das davon her, weil sein Körper ein weniger gutes Mittel für seinen Geist geworden ist. - Man nehme einmal an: man habe es mit einem genialen Pädagogen zu tun. Er unterrichte einmal einen sehr

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begabten Knaben. Er wird wahrscheinlich ein Ergebnis erzie­len, das die Welt in Erstaunen versetzen wird. Später werde ihm ein unbegabter Knabe übergeben. Dieselbe geniale Erzie­hungskunst wird nur eine Wirkung erzielen, die weit unter der ersten steht. Und es kann zu dieser Abnahme der Wirkung ja auch kommen, wenn der erste Knabe durch eine Erkrankung später nicht mehr fähig ist, das ihm von seinem Lehrer Gebo­tene in derselben Art aufzunehmen wie früher. - Ist deshalb die pädagogische Kunst des Lehrers geringer geworden? Wird dieser nicht, sobald er die Möglichkeit hat, wieder auf der vol­len Höhe seines Wirkens stehen? Nicht anders ist es mit dem Menschengeiste gegenüber seinem Körper. Was altert, ist die­ser Körper; und nur der gealterte Körper ist nicht mehr fähig, das ihm vom Geist Gebotene zum Ausdruck zu bringen. So­bald dieser Geist - in einer nächsten Verkörperung - wieder die Möglichkeit dazu hat, wird er auch wieder auf der Höhe seines Wirkens stehen. - Nun wohl, wird unser Fragesteller sagen: aber der schwachsinnig gewordene Greis müßte dann wenigstens in seinem Innern seine früheren Kräfte haben, wenn er sie auch nicht äußern kann. - Auch das braucht nicht der Fall zu sein. Denn auch das Bewußtsein unseres Selbst ist von den Gesetzen unseres Körpers abhängig. Wir sind uns niemals unseres Geistes in seinem vollen Umfange bewußt, sondern nur insoweit, als dies die Gesetze unserer gegenwär­tigen Verkörperung zulassen. Man muß klar unterscheiden, was man ist; und das, was man jeweilig von sich selbst erkennt. Was man ist, das ist man ewig; was man jeweilig von sich er­kennt, das hängt genau so von den (zeitlichen) Gesetzen der Verkörperung ab wie dasjenige, was man von der Außenwelt erkennt. Habe ich wegen eines Verfalls meines Körpers nicht mehr die Fähigkeit, die Außenwelt so zu beherrschen wie frü-her, dann hake ich auch nicht mehr die andere, mich selbst in der früheren Art zu beherrschen. Doch weil mir diese Fähig­keit nur durch Tatsachen genommen ist, die nicht in meinem Geiste, sondern außerhalb desselben liegen, so werde ich sie wieder haben, sobald ich in einer neuen Verkörperung nicht

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mehr in ungeeigneten, sondern in geeigneten äußeren Geset­zen lebe. - Der Widerspruch, der mit obiger Frage ausgedeutet werden soll, liegt nicht auf dem Felde der geistigen Tatsachen selbst, sondern nur in den Vorurteilen, welche der Materialis­mus der Theosophie entgegenbringt.

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Über Kants Erkenntnistheorie

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Immer wieder taucht innerhalb der geistigen Bewegung, wel­cher diese Zeitschrift dient, die Frage auf: Wie stellt sich die Theosophie zu den wissenschaftlichen Grundiegungen der Er­kenntnistheorie, die gegenwärtig herrschen? Ich möchte im folgenden eimges uber Kants Erkenntnistheorie vorbringen, in der wohl die meisten der modernen Erkenntnistheorien ihren Ausgangspunkt haben. «Zurück zu Kant » ist der Wahl-spruch unserer Philosophen seit den sechziger Jahren. Deshalb muß eine erkenntnistheoretische Betrachtung wohl an Kants Gedanken anknüpfen.

Die Erkenntnistheorie soll eine wissenschaftliche Untersu­chung desjenigen sein, was alle übrigen Wissenschaften unge­prüft voraussetzen: des Erkennens selbst. Damit ist ihr von vornherein der Charakter der philosophischen Fundamental-wissenschaft zugesprochen. Denn erst durch sie können wir er-fahren, welchen Wert und welche Bedeutung die durch die an­dern Wissenschaften gewonnenen Einsichten haben. Sie bildet in dieser Hinsicht die Grundlage für alles wissenschaftliche Streben. Es ist aber klar, daß sie dieser ihrer Aufgabe nur dann gerecht werden kann, wenn sie selbst, soweit das bei der Natur des menschlichen Erkenntnisvermögens möglich ist, voraus­setzungslos ist. Dies wird wohl allgemein zugestanden. Den­noch findet man bei eingehender Prüfung der bekannteren er­kenntnistheoretischen Systeme, daß schon in den Ausgangs-punkten der Untersuchung eine ganze Reihe von Vorausset­zungen gemacht werden, die dann die überzeugende Wirkung der weiteren Darlegungen wesentlich beeinträchtigen. Na­mentlich wird man bemerken, daß gewöhnlich schon bei Aufstellung

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der erkenntnistheoretischen Grundprobleme gewisse versteckte Annahmen gemacht werden. Wenn aber die Frage­stellungen einer Wissenschaft verfehlte sind, dann muß man wohl an einer richtigen Lösung von vornherein zweifeln. Die Geschichte der Wissenschaften lehrt uns doch, daß unzählige Irrtümer, an denen ganze Zeitalter krankten, einzig und allein darauf zurückzuführen sind, daß gewisse Probleme falsch ge­stellt worden sind. Um nur ein Beispiel anzuführen: welche Modifikationen erfuhren gewisse Fragestellungen in der Phy­sik durch die Entdeckung des mechanischen Wärmeäquiva­lentes und des Gesetzes von der Erhaltung der Kraft! Kurz, der Erfolg wissenschaftlicher Untersuchungen ist ganz wesent­lich davon abhängig, ob man die Probleme richtig zu stellen imstande ist. Wenn auch die Erkenntnistheorie als Vorausset­zung aller übrigen Wissenschaften eine ganz besondere Stel­lung einnimmt, so ist dennoch vorauszusehen, daß auch in ihr ein erfolgreiches Fortschreiten in der Untersuchung nur dann möglich sein wird, wenn die Grundfragen in richtiger Form aufgeworfen werden.

Gegen die Auffassung, Kant sei der Begründer der Erkennt­nistheorie im modernen Sinne des Wortes, könnte man wohl mit Recht einwenden, daß die Geschichte der Philosophie vor Kant zahlreiche Untersuchungen aufweist, die denn doch als mehr denn als bloße Keime zu einer solchen Wissenschaft an­zusehen sind. So bemerkt auch Volkelt in seinem grundlegen­denWerke über Erkenntnistheorie («Erfahrung und Denken». Kritische Grundlegung der Erkenntnistheorie von Johannes Volkelt. Hamburg und Leipzig 1886, Seite 20), daß schon mit Locke die kritische Behandlung dieser Wissenschaft ihren An­fang genommen habe. Aber auch bei noch früheren Philoso­phen, ja schon in der Philosophie der Griechen, findet man Er­örterungen, die gegenwärtig in der Erkenntnistheorie ange­stellt zu werden pflegen. Indessen sind durch Kant alle hier in Betracht kommenden Probleme in ihren Tiefen aufgewühlt worden, und an ihn anknüpfend haben zahlreiche Denker die­selben so allseitig durchgearbeitet, daß man die bereits früher

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vorkommenden Lösungsversuche entweder bei Kant selbst oder bei seinen Epigonen wiederfindet. Wenn es sich also um ein rein sachliches und nicht um ein historisches Studium der Er-kenntnistheorie handelt, so wird man kaum an einer wichtigen Erscheinung vorübergehen, wenn man bloß die Zeit seit Kants Auftreten mit der «Kritik der reinen Vernunft » in Rechnung bringt. Was vorher auf diesem Felde geleistet worden ist, wie­derholt sich in dieser Epoche wieder.

Kants erkenntnistheoretische Grundfrage ist: Wie sind syn­thetische Urteile a priori mög lich? Sehen wir diese Frage ein­mal auf ihre Voraussetzungslosigkeit hin an! Kant wirft die­selbe deswegen auf, weil er der Meinung ist, daß wir ein unbe­dingt gewisses Wissen nur dann erlangen können, wenn wir in der Lage sind, die Berechtigung synthetischer Urteile a priori nachzuweisen. Er sagt: «In der Auflösung obiger Aufgabe ist zugleich die Möglichkeit des reinen Vernunftgebrauches in Gründung und Ausführung aller Wissenschaften, die eine theoretische Erkenntnis a priori von Gegenständen enthalten, mit begriffen » («Kritik der reinen Vernunft», Seite 61 ff. nach der Ausgabe von Kirchmann, auf welche Ausgabe auch alle andern Seitenzahlen bei Zitaten aus der « Kritik der reinen Vernunft »und der «Prolegomena» zu beziehen sind), und « Auf die Auf­lösung dieser Aufgabe nun kommt das Stehen und Fallen der Metaphysik, und also ihre Existenz gänzlich an » («Prolego­mena» § 5).

Ist diese Frage nun, so wie Kant sie stellt, voraussetzungs-los? Keineswegs, denn sie macht die Möglichkeit eines unbe­dingt gewissen Systemes vom Wissen davon abhängig, daß es sich nur aus synthetischen und aus solchen Urteilen aufbaut, die unabhängig von aller Erfahrung gewonnen werden. Syn­thetische Urteile nennt Kant solche, bei welchen der Prädikat-begriff etwas zum Subjektbegriff hinzubringt, was ganz außer demselben liegt, «ob es zwar mit demselben in Verknüpfung steht » («Kritik der reinen Vernunft», Seite 53 £), wogegen bei den analytischen Urteilen das Prädikat nur etwas aussagt, was (versteckterweise) schon im Subjekt enthalten ist. Es kann hier

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wohl nicht der Ort seln, auf die scharfsinnigen Einwände Jo­hannes Rehmkes («Die Welt als Wahrnehmung und Begriff», Seite 161 ff.) gegen diese Gliederung der Urteile einzugehen. Für unseren gegenwärtigen Zweck genügt es, einzusehen, daß wir ein wahrhaftes Wissen nur durch solche Urteile erlangen können, die zu einem Begriffe einen zweiten hinzufügen, des­sen Inhalt wenigstensfür uns in jenem ersten noch nicht gelegen war. Wollen wir diese Klasse vonUrteilen mit Kant synthetische nennen, so können wir immerhin zugestehen, daß Erkennt­nisse in Urteil sform nur dann gewonnen werden können, wenn die Verbindung des Prädikats mit dem Subjekte eine solche synthetische ist. Anders aber steht die Sache mit dem zweiten Teil der Frage, der verlangt, daß diese Urteile a priori, das ist unabhängig von aller Erfahrung, gewonnen sein müssen. Es ist ja durchaus möglich (wir meinen hiermit natürlich die bloße Denkmöglichkeit), daß es solche Urteile überhaupt gar nicht gibt. Für den Anfang der Erkenntnistheorie muß es als gänz­lich unausgemacht gelten, ob wir anders als durch Erfahrung, oder nur durch diese zu Urteilen kommen können. Ja, einer un­befangenen Überlegung gegenüber scheint eine solche Unab­hängigkeit von vornherein unmöglich. Denn was auch immer Gegenstand unseres Wissens werden mag: es muß doch ein­mal als unmittelbares, individuelles Erlebnis an uns herantre­ten, das heißt zur Erfahrung werden. Auch die mathematischen Urteile gewinnen wir auf keinem anderen Wege, als indem wir sie in bestimmten einzelnen Fällen erfahren. Selbst wenn man, wie zum Beispiel Otto Liebmann (« Analyse der Wirklichkeit. Gedanken und Tatsachen»), dieselben in einer gewissen Orga­nisation unseres Bewußtseins begründet sein läßt, so stellt sich die Sache nicht anders dar. Man kann dann wohl sagen: dieser oder jener Satz sei notwendig gültig, denn würde seine Wahr­heit aufgehoben, so würde das Bewußtsein mit aufgehoben; aber den Inhalt desselben als Erkenntnis können wir doch nur gewinnen, wenn er einmal Erlebnis für uns wird, ganz in der­selben Weise wie ein Vorgang in der äußeren Natur. Mag im­mer der Inhalt eines solchen Satzes Elemente enthalten, die

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seine absolute Gültigkeit verbürgen, oder mag dieselbe aus an­dern Gründen gesichert sein: ich kann seiner nicht anders hab­haft werden, als wenn er mir einmal als Erfahrung gegenüber-tritt. Dies ist das eine.

Das zweite Bedenken besteht darinnen, daß man am Beginne der erkenntnistheoretischen Untersuchungen durchaus nicht behaupten darf, aus der Erfahrung können keine unbedingt gültigen Erkenntnisse stammen. Es ist zweifellos ganz gut denkbar, daß die Erfahrung selbst ein Kennzeichen aufwiese, durch welches die Gewißheit der aus ihr gewonnenen Einsich­ten verbürgt würde.

So liegen in der Kantschen Fragestellung zwei Vorausset­zungen: erstens, daß wir außer der Erfahrung noch einen Weg haben müssen, um zu Erkenntnissen zu gelangen, und zwei­tens, daß alles Erfahrungswissen nur bedingte Gültigkeit ha­ben könne. Daß diese Sätze einer Prüfung bedürftig sind, daß sie bezweifelt werden können, dies kommt Kant gar nicht zum Bewußtsein. Er nimmt sie einfach als Vorurteile aus der dog­matischen Philosophie herüber und legt sie seinen kritischen Untersuchungen zugrunde. Die dogmatische Philosophie setzt sie als gültig voraus und wendet sie einfach an, um zu einem ihnen entsprechenden Wissen zu gelangen; Kant setzt sie als gültig voraus und fragt sich nur: unter welchen Bedingungen können sie gültig sein? Wie: wenn sie aber überhaupt nicht gültig wären? Dann fehlt dem Kantschen Lehrgebäude jede Grundlage.

Alles, was Kant in den fünf Paragraphen, die der Formulie­rung seiner Grundfrage vorangehen, vorbringt, ist der Ver­such eines Beweises, daß die mathematischen Urteile synthe­tisch seien. (Ein Versuch, der übrigens durch die Einwendun­gen Robert Zimmermanns - «Über Kants mathematisches Vorurteil und dessen Folgen » - wenn auch nicht gänzlich wi­derlegt, so doch sehr in Frage gestellt ist.) Aber gerade die von uns angeführten zwei Voraussetzungen bleiben als wissen­schaftliche Vorurteile stehen. In Einleitung II der «Kritik der reinen Vernunft » heißt es: «Erfahrung lehrt uns zwar, daß et­was

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so oder so beschaffen sei, aber nicht, daß es nicht anders sein könne», und: «Erfahrung gibt niemals ihren Urteilen wahre oder strenge, sondern nur angenommene und kompara­tive Allgemeinheit (durch Induktion).» In «Prolegomena » S 1 finden wir: «Zuerst, was die Quellen einer metaphysischen Er­kenntnis betrifft, so liegt es schon in ihrem Begriffe, daß sie nicht empirische sein können. Die Prinzipien derselben (wozu nicht bloß ihre Grundsätze, sondern auch ihre Grundbegriffe gehören), müssen also niemals aus der Erfahrung gewonnen sein; denn sie soll nicht physische, sondern metaphysische, das ist jenseits der Erfahrung liegende Erkenntnis sein.» Endlich sagt Kant in der «Kritik der reinen Vernunft » (Seite 58): «Zu­vörderst muß bemerkt werden, daß eigentliche mathematische Sätze jederzeit Urteile a priori und nicht empirisch seien, weil sie Notwendigkeit bei sich führen, welche aus der Erfahrung nicht abgenommen werden kann. Will man aber dieses nicht einräumen, wohlan, so schränke ich meinen Satz auf die reine Mathematik ein, deren Begriff es schon mit sich bringt, daß sie nicht empirische, sondern bloß reine Erkenntnis a priori ent­halte.» Wir mögen die «Kritik der reinen Vernunft » aufschla­gen, wo wir wollen, so werden wir finden, daß alle Untersu­chungen innerhalb derselben unter Voraussetzung dieser dog­matischen Sätze geführt werden. Gohen («Kants Theorie der Erfahrung», Seite 9off.) und Stadler («Die Grundsätze der rei­nen Erkenntnistheorie in der Kantschen Philosophie», Seite 76 f.) versuchen zu beweisen, Kant habe die apriorische Natur der mathematischen und rein-naturwissenschaftlichen Sätze dargetan. Nun läßt sich aber alles, was in der Kritik versucht wird, im folgenden zusammenfassen: Weil Mathematik und reine Naturwissenschaft apriorische Wissenschaften sind, des­halb muß die Form aller Erfahrung im Subjekt begründet sein. Es bleibt also, nur das Material der Empfindungen, das empi­risch gegeben ist. Dieses wird durch die im Gemüte liegenden Formen zum Systeme der Erfahrung aufgebaut. Nur als ord­nende Prinzipien für das Empfindungsmaterial haben die for­malen Wahrheiten der apriorischen Theorien Sinn und Bedeutung;

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sie machen die Erfahrung möglich, reichen aber nicht über dieselbe hinaus. Diese formalen Wahrheiten sind aber die synthetischen Urteile a priori, welche somit als Bedingungen aller möglichen Erfahrung so weit reichen müssen, als diese selbst. Die «Kritik der reinen Vernunft » beweist also durchaus nicht die Apriorität der Mathematik und reinen Naturwissen­schaft, sondern bestimmt nur deren Geltungsgebiet unter der Voraussetzung, daß ihre Wahrheiten von der Erfahrung unab­hängig gewonnen werden sollen. Ja, Kant läßt sich so wenig auf einen Beweis für diese Aprioritat em, daß er einfach den­jenigen Teil der Mathematik ausschließt (siehe oben), bei dem dieselbe etwa, auch nach seiner Ansicht, bezweifelt werden könnte und sich nur auf den beschränkt, bei dem er sie aus dem bloßen Begriff folgern zu können glaubt. Auch Johannes Vol­kelt findet, daß «Kant von ausdrücklicher Voraussetzung »ausgehe, « daß es tatsächlich ein allgemeines und notwendiges Wissen gebe». Er sagt darüber noch weiter: «Diese von Kant nie ausdrücklich in Prüfung gezogene Voraussetzung steht mit dem Charakter der kritischen Erkenntnistheorie derart in Wi­derspruch, daß man sich ernstlich die Frage vorlegen muß, ob die als kritische Erkenntnistheo­rie gelten dürfe.» Volkelt findet zwar, daß man diese Frage aus guten Gründen bejahen dürfe, aber es ist «doch durch jene dogmatische Voraussetzung die kritische Haltung der Kant­schen Erkenntnistheorie in durchgreifender Weise gestört »(«Erfahrung und Denken», Seite 21). Genug, auch Volkelt findet, daß die «Kritik der reinen Vernunft » keine vorausset­zungslose Erkenntnistheorie ist.

Im wesentlichen mit der unseren übereinstimmen auch die Auffassungen Otto Liebmanns («Zur Analysis der Wirklich­keit», Seite 211 ff.), Hölders («Darstellung der Kantischen Er­kenntnistheorie», Seite 14 f.), Windelbands (Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie», Seite 239, Jahrgang 1877), Überwegs («System der Logik», 3. Auflage, Seite 380 f.), Edu­ard von Hartmanns («Kritische Grundlegung des transcen­dentalen Realismus», Seiten 142-172) und Kuno Fischers

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(«Geschichte der neueren Philosophie » V B., Seite 60. In be-Zug auf Kuno Fischer irrt Volkelt, wenn er - «Kants Erkennt­nistheorie », Seite 198 £ Anmerkung - sagt, es würde « aus der Darstellung K. Fischers nicht klar, ob seiner Ansicht nach Kant nur die psychologische Tatsächlichkeit der allgemeinen und notwendigen Urteile oder zugleich die objektive Gültigkeit und Rechtmäßigkeit derselben voraussetze » Denn an der an­geführten Stelle sagt Fischer, daß die Hauptschwierigkeit der « Kritik der reinen Vernunft » darin zu suchen sei, daß deren «Grundlegungen von gewissen Voraussetzungen abhängig »seien, «die man eingeräumt haben müsse, um das Folgende gel­ten zu lassen». Diese Voraussetzungen sind auch für Fischer der Umstand, daß «erst die Tatsache der Erkenntnis » festge­stellt wird und dann durch Analyse die Erkenntnisvermögen gefunden, « aus denen jene Tatsache selbst erklärt wird») in be­zug auf den Umstand, daß Kant die apriorische Gültigkeit der reinen Mathematik und Naturlehre als Voraussetzung an die Spitze seiner Erörterungen stellt.

Daß wir wirklich Erkenntnisse haben, die von aller Erfah­rung unabhängig sind, und daß die letztere nur Einsichten von komparativer Allgemeinheit liefert, könnten wir nur als Folge­sätze von anderen Urteilen gelten lassen. Es müßte diesen Be­hauptungen unbedingt eine Untersuchung über das Wesen der Erfahrung und eine solche über das Wesen unseres Erkennens vorangehen. Aus jener könnte der erste, aus dieser der zweite der obigen Sätze folgen.

Nun könnte man auf unsere der Vernunftkritik gegenüber geltend gemachten Einwände noch folgendes erwidern. Man könnte sagen, daß doch jede Erkenntnistheorie den Leser erst dahin führen müsse, wo der voraussetzungslose Ausgangs­punkt zu finden ist. Denn was wir zu irgendeinem Zeitpunkte unseres Lebens als Erkenntnisse besitzen, hat sich weit von die­sem Ausgangspunkte entfernt, und wir müssen erst wieder künstlich zu ihm zurückgeführt werden. In der Tat ist eine sol­che rein didaktische Verständigung über den Anfang seiner Wis­senschaft für jeden Erkennmistheoretiker eine Notwendigkeit.

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Dieselbe muß sich aber jedenfalls darauf beschränken, zu zei­gen, inwiefern der in Rede stehende Anfang des Erkennens wirklich ein solcher ist; sie mußte in rein selbstverständlichen analytischen Sätzen verlaufen und keinerlei wirkliche, inhalts­volle Behauptungen aufstellen, die den Inhalt der folgenden Erörterungen beeinflussen, wie das bei Kant der Fall ist. Auch obliegt es dem Erkenntnistheoretiker, zu zeigen, daß der von ihm angenommene Anfang wirklich voraussetzungslos ist. Aber alles das hat mit dem Wesen dieses Anfanges selbst nichts zu tun, steht ganz außerhalb desselben, sagt nichts über ihn aus. Auch am Beginne des Mathematik-Unterrichts muß ich mich ja bemühen, den Schüler von dem axiomatischen Charakter ge­wisser Wahrheiten zu überzeugen. Aber niemand wird behaup­ten wollen, daß der Inhalt der Axiome von diesen vorher ange­stellten Erwägungen abhängig gemacht wird. Genau in der­selben Weise müßte der Erkenntnistheoretiker in seinen ein­leitenden Bemerkungen den Weg zeigen, wie man zu einem voraussetzungslosen Anfang kommen kann; der eigentliche Inhalt desselben aber muß von diesen Erwägungen unabhän­gig sein. Von einer solchen Einleitung in die Erkenntnistheo­rie ist der aber jedenfalls weit entfernt, der wie Kant, am An­fange Behauptungen mit ganz bestimmtem, dogmatischem Charakter aufstellt.

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Bemerkung

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In dieser Abteilung - Fragen und Antworten - werden von jetzt ab Fragen, die uns zukommen, beantwortet werden. Wir bitten die Leser von «Luzifer-Gnosis», solche Fragen zu stel­len. Gerade dadurch kann mancher Zweifel aufgeklärt, man­chem Bedenken Rechnung getragen werden, was bei den Aufsätzen, die nicht solchen persönlichen Bedürfnissen ent­gegenkommen können, naturgemäß nicht in derselben Art der Fall sein kann.

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Gibt es einen Zufall?

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Frage: In einer Zuschrift aus dem Leserkreise ist folgende Frage enthalten: «Läßt denn die theosophische Lehre gar keinen gelten? Ich kann mir zum Beispiel nicht denken, daß es im Karma jedes einzelnen liegen kann, wenn bei einem Theaterbrande fünfhundert Menschen zusammen zugrunde gehen. »

Antwort: Die Gesetze des Karma sind so verwickelt, daß es niemanden wundern sollte, wenn irgendeine Tatsache zu­nächst dem menschlichen Verstande in Widerspruch mit der allgemeinen Gültigkeit dieses Gesetzes zu sein scheint. Man muß sich eben durchaus klar machen, daß dieser Verstand zunächst an unserer physischen Welt geschult ist, und daß er im allgemeinen nur gewöhnt ist, das zuzugeben, was er in dieser Welt gelernt hat. Nun gehören aber die karmischen Gesetze durchaus höheren Welten an - in Deutschland ist es üblich, «höheren Ebenen» zu sagen. - Will man daher irgend­ein Vorkomrunis, das den Menschen trifft, karmisch so be­wirkt denken, wie man sich etwa das Walten einer Gerechtig­keit rein im irdisch-physischen Leben denkt, so muß man notwendig auf Widerspruch über Widerspruch stoßen. Man muß sich klar machen, daß ein gemeinsames Erlebnis, das mehrere Menschen in der physischen Welt trifft, für jeden einzelnen von ihnen in den höheren Welten etwas durchaus Verschiedenes bedeuten kann. Natürlich ist auch das Umge­kehrte nicht ausgeschlossen, daß sich gemeinsame karmische Verkettungen in gemeinsamen irdischen Erlebnissen zur Wir­kung bringen. Nur wer in höheren Welten klar zu sehen ver­mag, kann im einzelnen sagen, was vorliegt. Wenn sich die karmischen Verkettungen von fünfhundert Menschen so ausleben, daß diese Menschen bei einem Theaterbrande zugrunde gehen, dann sind unter anderem folgende Fälle möglich:

Erstens: Es brauchen die karmischen Verkettungen keines einzigen der fünfhundert Menschen mit denen eines anderen der Verunglückten etwas zu tun zu haben. Das gemeinsame

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Unglück verhält sich dann zu den Karmen der einzelnen Per­sonen, wie sich etwa das Schattenbild von fünfzig Personen auf einer Wand zu den Gedanken- und Empfindungswelten dieser Personen verhält. Vor einer Stunde hatten vielleicht diese fünfzig Personen nichts Gemeinsames; in einer Stunde werden sie vielleicht wieder nichts Gemeinsames haben. Was sie bei ihrem Zusammentreffen im gemeinsamen Raume erlebt haben, wird für jeden seine besondere Wirkung haben. Ihr Zusammensein aber drückt sich in dem genannten gemein-samen Schattenbilde aus. Wer aber aus diesem Schattenbilde irgend etwas schließen wollte für eine Gemeinsamkeit der Personen, würde recht fehl gehen.

Zweitens: Es ist möglich, daß das gemeinsame Erlebnis der fünfhundert Personen gar nichts mit deren karmischer Ver­gangenheit zu tun hat, daß sich aber gerade durch dieses gemeinsame Erlebnis etwas vorbereitet, was sie in der Zu­kunft karmisch zusammenführt. Vielleicht werden diese fünf­hundert Personen in fernen Zeiten zusammen eine gemein­same Unternehmung ins Werk setzen, und durch das Unglück sind sie für höhere Welten zusammengeführt worden. Dem erfahrenen Mystiker ist es durchaus bekannt, daß zum Beispiel Vereine, die sich gegenwärtig bilden, ihren Ursprung dem Umstande verdanken, das die Menschen, die sich zusammen-tun, in einer fernen Vergangenheit ein gemeinsames Unglück erlebt haben.

Drittens: Es kann wirklich ein solcher Fall die Wirkung früherer gemeinsamer Verschuldungen der in Betracht kom­menden Personen sein. Dabei sind aber noch unzählige andere Möglichkeiten vorhanden. Es können zum Beispiel alle drei angeführten Möglichkeiten miteinander kombiniert sein usw.

In der physischen Welt von « Zufall » sprechen, ist gewiß nicht unberechtigt. Und so unbedingt der Satz gilt: «Es gibt keinen Zufall», wenn man alle Welten in Betracht zieht, so unberechtigt wäre es, das Wort « Zufall » auszumerzen, wenn bloß von der Verkettung der Dinge in der physischen Welt die Rede ist. Der Zufall in der physischen Welt wird nämlich

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dadurch herbeigeführt, daß sich in dieser Welt die Dinge im sinnlichen Raume abspielen. Sie müssen, insofern sie sich in diesem Raume abspielen, auch den Gesetzen dieses Raumes gehorchen. In diesem Raume aber können äußerlich Dinge zusammentreffen, die zunächst innerlich nichts miteinander zu tun haben. Sowenig mein Gesicht wirklich verzerrt ist, weil es sich in einem unebenen Spiegel verzerrt zeigt, so wenig brau­chen die Ursachen, die einen Ziegelstein vom Dache fallen lassen, der mich, als gerade Vorübergehenden, beschädigt, mit meinem Karma, das aus meiner Vergangenheit stammt, etwas zu tun zu haben. - Der Fehler, der da gemacht wird, besteht darinnen, daß viele sich die karmischen Zusammen-hänge zu einfach vorstellen. Sie setzen zum Beispiel voraus:

wenn diesen Menschen ein Ziegelstein beschädigt hat, so muß er sich diese Beschädigung karmisch verdient haben. Dies ist aber durchaus nicht notwendig. Im Leben eines jeden Menschen treten fortwährend Ereignisse auf, die mit seinem Verdienst oder seiner Schuld in der Vergangenheit durchaus nichts zu tun haben. Solche Ereignisse finden ihren karmi-schen Ausgleich eben in der Zukunft. Was mir heute unver-schuldet zustößt, dafür werde ich in der Zukunft entschädigt. Das eine ist richtig: nichts bleibt ohne karmischen Ausgleich. Ob aber ein Erlebnis des Menschen die Wirkung seiner karmi-schen Vergangenheit oder die Ursache einer karmischen Zu­kunft ist: das muß im einzelnen erst festgestellt werden. Und das kann nicht durch den an die physische Welt gewöhnten Verstand, sondern lediglich durch die okkulte Erfahrung und Beobachtung entschieden werden.

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Über Geisteskrankheiten

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Eine weitere Anfrage lautet: «Wie stellt sich die Theosophie zu den Geisteskrankheiten? Die gegenwärtige Wissenschaft leugnet, daß jemand durch eine irrtümliche, verkehrte Ge­dankenrichtung in Geisteskrankheit verfallen kann. Höch­stens könne Überanstrengung in bezug auf geistige Arbeit

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das Nervensystem und Gehirn krank machen, nicht aber det geistige Inhalt. Gibt das auch die Theosophie zu? »

Antwort: Die gegenwärtige medizinische Wissenschaft weiß zwar durchaus nicht Bescheid in bezug auf die gesetz-mäßigen Zusammenhänge in höheren Welten; was aber die angeführte Behauptung derselben betrifft, so liegt ihr durch­aus eine Wahrheit zugrunde. Was man Geisteskrankheit nennt und was als solche Erkrankung physischer Organe ist, kann auch nur seinen unmittelbaren Ursprung in physischen Tatsachen haben. Eine verkehrte Empfindung, ein verfehlter Gedanke haben ihre schädlichen Wirkungen zunächst in höheren Welten, und sie können nur mittelbar auf die physi­sche Welt zurückwirken. Wer also nur von den Gesetzen der physischen Welt spricht und andere nicht kennt, würde eben einen Fehler machen, wenn er einen in der angedeuteten Richtung gehenden Einfluß des Geistes auf das Gehirn zu­geben wollte. Die gegenwärtige Medizin hat also von ihrem Standpunkt aus ganz recht. In ihrem Sinne können irrsinnige Gedanken nur die Folge eines kranken Gehirnes sein, nicht, umgekehrt, kann ein krankes Gehirn die Folge irrender Ge­danken sein. Der Zusammenhang zwischen Gehirn und Gedanke liegt aber nicht in der physischen Welt. Er liegt in einer höheren Welt. Und obwohl das physische Gehirn, wel­ches unser Auge im physischen Raume sieht, nicht direkt beeinflußt werden kann von dem Inhalte des Gedankens, wie ihn der ebenfalls an die physische Welt gebundene Verstand kennt: so besteht doch ein - für physische Beobachtung ver­borgener - Zusammenhang zwischen den höheren (mentalen) Gesetzen, aus denen das Gehirn einerseits, die Gedanken die­ses Gehirnes andererseits stammen. Und wer diesen Zusam­menhang sehen kann, für den ist - unter gewissen Verhält­nissen - durchaus der Satz richtig: der Mensch macht sich selbst durch seine verkehrten Gedanken wahnsinnig, das heißt gehirnkrank. Einen solchen Satz muß man aber erst verstehen, bevor man ihn kritisiert. Und der gegenwärtigen Medizin - natürlich nicht allen Medizinern - fehlen die Mittel,

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ihn zu verstehen. Man sollte nun als Theosoph in solchen Fällen durchaus duldsam sein. Mit der bloßen Aburteilung über die ärztliche Kunst und ihren Materialismus ist gar nichts getan. Der Theosoph müßte einsehen, warum ihn der heutige Arzt nicht verstehen kann; während er doch durchaus diesen Arzt zu verstehen vermag.

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Über das Verhältnis der Tierseele zur Menschenseele

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Es wird folgende Frage gestellt: «Wie hat man sich vom Standpunkte der in Ihrer Zeitschrift vertretenen Ansicht das Verhältnis der Tierseele zur Menschenseele vorzustellen? Es ist doch unleugbar, daß vielen Tieren durch Ausbildung gei­stige Verrichtungen beigebracht werden können, die den menschlichen sehr nahe kommen, wie man das an dem jetzt so viel besprochenen Pferde des Herrn v. Osten sehen kann. Müßte man deshalb konsequenterweise nicht auch bei Tieren eine Wiederverkörperung annehmen? »

Gewiß soll nicht in Abrede gestellt werden, daß dieTiere Fähigkeiten zeigen, welche, den menschlichen Geistesäuße-rungen gegenübergestellt, die Beantwortung der Frage schwierig machen: wo liegt die Grenze zwischen Tier- und Menschenseele? Und der Materialismus hat daher immer seine Berechtigung abgeleitet, den Wesensunterschied zwischen Mensch und Tier ganz zu leugnen, und zu behaupten, die Menschenseele sei nur eine vollkommener ausgebildete Tier-seele und nur aus dieser entstanden. Wer geistig zu beobach­ten versteht, wird aber in diesem Punkte nicht irregeführt~ werden können. Und für den Theosophen haben solche Er­scheinungen wie das in der Frage angeführte Pferd (über die­sen einzelnen Fall ist deshalb nutzlos, besonders zu sprechen) weder etwas ,Überraschendes, noch irgendwie Rätselhaftes. Die Tierseele ist eine Gattungsseele. Und was sich im Tier­reich wiederverkörpert, ist die Gattung. Der Löwe, den man sieht, wird nicht in derselben Weise wiederkehren wie der Mensch, der zu uns spricht. Was sich von dem Löwen wiederverkörpert,

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ist die «Gattung Löwe», nicht dieses oder jenes «Individuum » Löwe. Das aber, was sich vom Menschen wiederverkörpert, ist eben dieses Individuum. Deshalb kann auch in Wirklichkeit nur beim Menschen von einer Biogra­phie, das heißt von einer Beschreibung des Individuellen gesprochen werden. Beim Tiere sind wir, im allgemeinen, befriedigt, wenn wir die «Gattung» begreifen und beschrei­ben. Wer wollte zum Beispiel in demselben Sinne wie beim Menschen von Vater, Sohn und Enkel beim Löwen drei Bio­graphien schreiben? Alle drei hat man erkannt, wenn man die eine « Gattung Löwe » erfaßt hat.

Nun kann gewiß eingewendet werden, daß auch über Tiere etwas Biographisches gesagt werden könne, und daß auch ein Hund sich von dem andern so unterscheide wie ein Mensch von dem andern. Man mag sagen: ein Hundebesitzer vermag gewiß die Biographie seines Hundes zu schreiben; und wenn man die individuellen Unterschiede der Tiere leugnet, so beruhe dies nur darauf, daß man sie nicht genau kennt. Das alles wird, ohne weiteres, zugegeben. Aber kann man denn nicht auch von diesem Gesichtspunkte aus die «Biographie» jedes beliebigen Dinges schreiben? Erinnert man sich denn nicht, daß Kindern in der Schule die Aufgabe gestellt wird:

«Lebensgeschichte einer Stecknadel»? In der Natur gibt es eben überall Übergänge. So kann es ein Tier so weit bis zu individuellen Eigenschaften bringen, daß diese sich wie eine auffällige Schattierung seines Gattungscharakters darstellen; und umgekehrt, kann ein Mensch so wenig Individuelles an sich haben, daß uns alles bei ihm gattungsmäßig erscheint. Daß man sich durch solche Dinge nicht in bezug auf das We­sentliche beirren läßt, worauf es ankommt, dafür muß eben die Schulung der geistigen Beobachtung Sorge tragen. Die ersten Bücher, die durch den Buchdruck hergestellt worden sind, sind denjenigen, die vor und auch noch nach Erfindung der Buch-druckerkunst durch kunstmäßiges Abschreiben hergestellt worden sind, ähnlich gewesen. Wollte daraus jemand auf die Wesensgleichheit von Abschreiben und Buchdruck schließen?

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Wenn ein Tier zur Verrichtung von Dingen abgerichtet wird, die denen des Menschen ähnlich sind, so darf daraus niemand schließen, daß im Innern dieses Tieres dasselbe wohne, wie im Innern des Menschen. Er müßte sonst auch schließen, daß in dem Uhrwerk, das die Zeit anzeigt, ein klei­ner Kobold sitze, der die Zeiger vorwärts bewegt, oder in dem Automaten, in den er zehn Pfennige wirft, und der ihm dafür eine Schokoladetafel «gibt». Es kommt darauf an, wo der Geist ist, der einer Sache zugrunde liegt. Der Geist der Uhr muß in dem Uhrmacher gesucht werden. Etwas weniger einfach ist die Sache, wenn von dem Geiste des Tieres gespro­chen wird. Das Tier ist weder eine vollkommene Maschine, noch ist es ein unvollkommener Mensch. Es liegt in seiner Wesenheit zwischen beiden. - Es ist eigentlich der Geist des Uhrmachers, oder vielmehr des Uhrenerfinders, der tnir durch die Uhrenvorrichtung die Zeit zeigt. Und ebenso ist es der Geist des Abrichters, der durch ein abgerichtetes Tier zu mir spricht. Nur liegt beim Tiere die Verführung näher, die geistigen Verrichtungen dem Wesen selbst zuzuschreiben, als bei der Uhr. Der Zusammenhang ist im ersteren Fall ver­borgener.

Nun soll, nach diesen verstandesmäßigen Erläuterungen, der Sachverhalt im Sinne der Theosophie hierher gesetzt werden. Im Tier offenbart sich Geist, Seele und Leib. Von diesen drei Prinzipien finden aber nur Seele und Leib ihren Ausdruck in der physischen Welt. Der Geist wirkt von einer höheren Welt herein in die Tierwelt. Beim Menschen drücken sich alle drei Prinzipien in der physischen Welt aus. Des­halb darf man bei den Verrichtungen des Tieres auch nicht sagen, daß sie nicht aus dem Geiste stammen. Wenn der Bi­ber seinen kunstvollen Bau verfertigt, so ist es der Geist, der das, von einer höheren Welt aus, bewirkt. Wenn der Mensch baut, so tut das der Geist in ihm. Dressiert nun der Mensch ein Tier, so wirkt sein Geist auf den nichtindividuellen Geist des Tieres; und dieser bedient sich der Organe des Tieres zur Ausführung des Bewirkten. Deshalb ist es so unrichtig,

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wenn man sagt: das Tier, das heißt ein betreffendes tierisches Individuum, rechne usw., wie wenn man sagte:

meine «Hand nimmt den Löffel», statt «ich nehme denLöffel »Wer allerdings nur materielle Tatsachen gelten läßt, für den hat alles das überhaupt keinen Sinn. Und ihm bleibt nichts anderes übrig, als zuerst über manche geistige Äußerung eines Tieres zu staunen, und dann den Geist des Tieres dem mensch­lichen so ähnlich wie möglich zu denken. Daß die heutige Wissenschaft über die «intelligenten» Leistungen mancher Tiere so verwundert ist, und zunächst auch vor Rätseln steht, beweist nur, daß diese Wissenschaft in ihrer ganzen Den­kungsart doch noch ganz materialistisch ist. Der charakteri­stische Unterschied des Tieres und des Menschen ergibt sich aber durch keine materialistische, sondern nur durch eine vom Geiste ausgehende Betrachtungsart.

Theosophen würden sich nicht wundern, wenn noch viel «klügere» Tiere vorgeführt würden, als geschieht. Deshalb aber werden sie immer doch wissen, wo der Wesensunterschied zwischen Tier und Mensch liegt.

#TI

Wie verhält sich Buddhas Lehre zur Theosophie?

Frage: «Wie verhält sich Buddhas Lehre zu dem Hinduismus, zu den Upanishaden und zur Theosophie Blavatskys?»

Teilweise ist die Antwort auf diese Frage wohl schon in dem gegeben, was in dem vorigen Heft in Anltnüpfung an Annie Besants Buch «Die vier Religionen » gesagt worden ist. - Die ursprüngliche Brahmanenlehre, deren Ausdruck man im Hinduismus, in den Upanishaden findet, bekam in Buddhas Lehre eine solche Gestalt, die dem Begriffsvermö-gen des Volkes angemessen war. Aus einer Lehre, die mehr auf Erkenntnis gerichtet war, sollte durch den Buddhismus eine solche werden, die der Erhöhung und Läuterung der sittlichen Kraft, dem untnittelbaren Leben dient. Damit soll nicht gesagt werden, daß der Buddhismus etwas wesentlich Neues, oder gar anderes lehrte als der alte Brahmanismus. Es

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lag vielmehr alles, was der Buddha lehrte, schon in jenem. Und wer den Brahmanismus richtig erfaßte, von dem kann gesagt werden, daß er Buddhist vor dem Buddha war. Es ist, wie wenn jemand eine Pflanze beschreibt, die vorher schon viele beschrieben haben; nur niit dem Unterschiede, daß er Eigenschaften besonders hervorhebt, zu deren beson­derer Besprechung seine Vorgänger keine Veranlassung fühl­ten. Dem Brahmanismus liegt eine Weltauffassung zugrunde. Der Buddha zeigte, wie man zu leben habe, damit es im Sinne dieser Weltauffassung geschehe. Es kann jemand im Sinne einer Weltauffassung leben, ohne daß er sie völlig erkennend durchschaut. Ja, er wird sie später um so besser erfassen, wenn er schon vorher in ihrem Sinne gelebt hat. Ein solches wollte der Buddha bei denen erreichen, die ihm folgten. Wenn er es ablehnte, über die übersinnlichen Dinge zu sprechen, so war es nicht deshalb, weil er diese für unerkennbar hielt, oder gar leugnete; sondern weil er die Menschen zuerst auf ein Leben hinweisen wollte, das sie dann befähigt, zum Übersinn­lichen zu dringen. Er leugnete nicht die Ewigkeit der Seele; aber er wollte nicht, daß sich seine Anhänger in Spekulatio­nen über diese Ewigkeit einlassen, bevor sie durch Beobach­tung seiner Lebensregeln dazu gelangt sind, daß sich ihr eigenes Leben entsprechend in die geistige Weltordnung ein-füge. Man könnte sagen: Buddhas Lehre ist Hinduismus auf das praktische Leben angewendet für Menschen, welche den Zusammenhang dieses Lebens mit den höchsten Geheimnis-sen noch nicht erfassen können. Der Mensch hat seine Be-stimmung im Ewigen; aber nur, wenn er das Zeitliche, das Vergängliche im rechten Lichte sieht, dann ist er auch fähig, sich zum Ewigen in das rechte Verhältnis zu setzen. Das etwa charakterisiert Buddhas Ziel. Deshalb sah er in seinen äußeren Lehren von höheren Wahrheiten ab, und lehrte die Lehre von den Ursachen des irdischen Lebenswandels und von seiner richtigen Läuterung durch den achtfachen Pfad.

So liegt aller indischen Weltanschauung, einschließlich des Buddhismus, die Lehre von einem Geistigen, von übergeordneten

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Welten zugrunde, denen der Mensch ebenso angehört wie der irdischen. Und diese Lehre ist keine andere, als die, welche allen großen Religionssystemen und Weltanschau­ungen zum Grunde liegt. Sie ist diejenige, welche auch in der Theosophie enthalten ist. Denn sie entspricht der einigen Menschennatur, die, je nach den Lebensverhältnissen, sich, der äußeren Form nach, da so, dort anders entwickelt, die aber im wesentlichen, in der Grundlage eine Einige ist. Wer dic tieferen Grundlagen des Christentums kennt, der weiß, daß diese Urweisheit auch in ihm enthalten und wirksam ist. Und wer durch das wahre, geistige Christentum (vergleiche Annie Besants «Esoterisches Christentum» und Rudolf Steiners «Das Christentum als mystische Tatsache») zu dieser Urweisheit dringen kann, der braucht nicht Hinduismus, und nicht Bud­dhismus. Ja, es ist auch in der Wissenschaft der Neuzeit die­selbe geistige Grundlehre wirksam, nur bleibt diese an den alleräußerlichsten Wahrheiten hängen, und entstellt dadurch das Geistige. Dies ist zum Beispiel bei der materialistischen Auffassung des Darwinismus der Fall. Will man durch diese moderne Wissenschaft zur geistigen Wahrheitsgrundlage dringen, so bedarf man einer weit größeren Kraft als auf dem Wege der Religionen. - Nun ist H.P. Blavatsky in einer Zeit, die ganz am äußerlich materiellen Erkennen hing, durch große Lehrer des Ostens in die Geheimnisse der Weisheitsforschung eingeweiht worden. Es war nur natürlich, daß sich diese Leh­rer in den Vorstellungen ihrer Rasse ausdrückten. Und in dieser Ausdrucksform hat Frau Blavatsky der Welt das Emp­fangene mitgeteilt. Man muß aber sich klar darüber sein, daß an dieser Ausdrucksform das wenigste liegt. Es handelt sich darum, in den Inhalt einzudringen. Ob man diesen dann in den Formen des Hinduismus, des Buddhismus, des Christentums mitteilt, oder aber in den Formeln, welche der modernen abendländischen Wissenschaft entlehnt sind, das hängt hedig-lich davon ab, wem dieser Inhalt mitgeteilt werden soll. Unsere großen Meister werden nicht müde, uns immer wieder und wieder zu ermahnen, daß wir in keine starre Dogmatik

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verfallen sollen, daß wir die Weisheitforschung nicht zu einer Wortweisheit machen sollen. Unter Umständen ist es sogar untheosophisch, im Abendlande die hinduistischen, oder buddhistischen Formeln zu lehren. Denn der Theosoph soll niemandem etwas Fremdes aufzwingen, sondern jeden auf seine Art zur Wahrheit führen. Warum sollte man zum Bei­spiel dem Christen buddhistische Denkformeln beibringen, da doch auch seinen eigenen Formeln der Wahrheitskern zugrunde liegt. Theosophie soll nicht buddhistische Propa­ganda sein, sondern eine Hilfe für jeden, daß er zum wahren Verständnis seiner eigenen Innenwelt gelange.

#TI

Über Vererbung von Anlagen und Fähigkeiten

#TX

Folgende Frage ist gestellt worden: «Nach dem Gesetze der Wiederverkörperung soll man sichvorstellen, daß diemensch­liche Individualität ihre Anlagen, Fähigkeiten usw. als eine Wirkung aus ihren früheren Leben besitzt. Steht damit nun nicht im Widerspruche, daß solche Anlagen und Fähigkeiten, zum Beispiel moralischer Mut, musikalische Begabung usw. sich unmittelbar von den Eltern auf die Kinder vererben? »

Bei einer richtigen Vorstellung über die Gesetze von Rein­karnation, Wiederverkörperung und Karma ist in dem oben Ausgedrückten kein Widerspruch zu finden. Unmittelbar ver­erben können sich allerdings nur diejenigen Eigenschaften des Menschen, die seinem physischen Körper und seinem Ätherkörper zukommen. Unter dem letzteren hat man den Träger aller Lebenserscheinungen (der Wachstums- und Fort­pfianzungskräfte) zu verstehen. Alles, was damit zusammen­hängt, ist unmittelbar zu vererben. In geringerem Maße schon ist vererbbar, was an den sogenannten Seelenleib gebunden ist Darunter ist zu verstehen eine gewisse Dispo­sition in den Empfindungen. Ob man einen lebhaften Ge­sichtssinn, ein gut entwickeltes Gehör usw. hat, das kann davon abhängen, ob sich die Vorfahren solche Eigenschaften erworben und auf uns vererbt haben. Dagegen kann niemand

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das auf seine Nachkommen übertragen, was tnit dem eigent­lich geistigen Wesen des Menschen zusammenhängt, also zum Beispiel die Schärfe und Genauigkeit seines Vorstel­lungslebens, die Zuverlässigkeit seines Gedächtnisses, den moralischen Sinn, die erworbenen Erkenntnis- und Kunst-fähigkeiten und so weiter. Dies sind Eigenschaften, die inner­halb seiner Individualität beschlossen bleiben, und in seinen nächsten Reinkarnationen als Fähigkeiten, Anlagen, Charak­ter und so weiter zum Vorschein kommen. - Nun ist aber die Umgebung, in welche der sich wiederverkörpernde Mensch eintritt, nicht zufällig, sondern sie steht in einem notwendigen Zusammenhange mit seinem Karma. Man nehme zum Beispiel an, ein Mensch habe sich in seinem frü­heren Leben die Anlage zu einem moralisch starken Charakter erworben. In seinem Karma liege es, daß diese Anlage bei einer Wiederverkörperung herauskomme. Sie könnte das un­möglich, wenn er nicht in einem Leibe verkörpert würde, der von ganz bestimmter Beschaffenheit ist. Diese leibliche Be­schaffenheit muß aber von den Vorfahren ererbt sein. Die sich verkörpernde Individualität strebt nun durch eine ihr innewohnende Anziehungskraft zu denjenigen Eltern hin, welche ihr den geeigneten Leib geben können. Das rührt davon her, daß sich diese Individualität bereits vor der Wieder-verkörperung mit den Kräften der Astralwelt verbindet, die zu bestimmten physischen Verhältnissen hinstreben. So wird der Mensch in diejenige Familie hineingeboren, die ihm die seinen karmischen Anlagen entsprechenden leiblichen Ver­hältnisse vererben kann. Es sieht dann in dem Beispiel vom moralischen Mut so aus, als ob dieser selbst von den Eltern vererbt wäre. In Wahrheit hat der Mensch durch seine indi-viduelle Wesenheit sich diejenige Familie aufgesucht, die ihm die Entfaltung des moralischen Mutes möglich macht. Dabei kann auch noch in Betracht kommen, daß die Individualitäten der Kinder und der Eltern in früheren Leben bereits verbun­den waren und sich gerade deshalb wieder gefunden haben. Die karmischen Gesetze sind so verwickelt, daß man niemals

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aus dem äußeren Anschein sich ein Urteil bilden kann. Nur de4enige kann das einigermaßen, vor dessen geistigen Sin-nesorganen die höheren Welten zum Teil offen liegen. Wer außer dem physischen Leib auch noch den Seelenorganismus (Astralleib) und den Geist (Mentalkörper) zu beobachten ver­mag, dem wird klar, was auf den Menschen von seinen Vor­fahren übergegangen und was sein eigenes, in früheren Leben erworbenes Besitztum ist. Für den gewöhnlichen Blick ver-mischen sich diese Dinge und es kann leicht so erscheinen, als ob etwas bloß angeerbt sei, was karmisch bedingt ist. - Es ist ein durchaus weises Wort, daß Kinder den Eltern «ge­schenkt» sind. Sie sind es in geistiger Beziehung ganz und gar. Aber es sind ihnen Kinder mit gewissen geistigen Eigen­schaften deshalb geschenkt, weil sie gerade die Möglichkeit haben, diese geistigen Eigenschaften der Kinder zur Entfal-tung zu bringen.

#TI

Wiederverkörperung - im hilflosen Kinde?

#TX

Es wird folgende Frage vorgelegt: «Kann man es nach der Lehre von Wiederverkörperung und Karma verstehen, daß eine hochentwickelte Menschenseele in einem hilflosen, un-entwickelten Kinde wiedergeboren wird? Für viele hat doch der Gedanke etwas Unerträgliches und Unlogisches, immer wieder und wieder bei der Kindheitsstufe anfangen zu müssen. »

Wie der Mensch sich in der physischen Welt betätigen kann, das hängt ganz von den physischen Werkzeugen ab, die er hat. Höhere Ideen zum Beispiel können in dieser Welt nur zum Ausdruck kommen, wenn ein volientwickeltes Ge­hirn vorhanden ist. So wie der Kiavierspieler warten muß, bis ihm der Klavierbauer das Klavier so weit fertiggestellt hat, daß er auf demselben seine musikalischen Ideen wiedergeben kann, so muß die Seele warten mit ihren im früheren Leben erworbenen Fähigkeiten, bis die Kräfte der physischen Welt die körperlichen Organe so weit ausgebaut haben, daß sie ein Ausdruck dieser Fähigkeiten werden können. Die Naturkräfte

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müssen ihren Weg, die Seele auch den ihrigen gehen. Nun ist aber allerdings vom Anfange des Menscheniebens an ein Zusammenarbeiten der Seelen- und der Körperkräfte vor­handen. Die Seele wirkt in dem noch schmieg- und bieg-samen Kindeskörper aber so, daß dieser später ein Träger der­jenigen Kräfte werden kann, die in früheren Lebensperioden erworben worden sind. Es ist ja durchaus notwendig, daß sich der wiedergeborene Mensch den neuen Lebensverhält-nissen erst anpasse. Würde er einfach mit allem früher Erwor­benen in einem neuen Leben auftreten, so würde er zu der umgebenden Welt nicht passen. Er hat ja seine Fähigkeiten und Kräfte unter ganz anderen Verhältnissen in einer ganz anderen Umwelt erworben. Er wäre, wenn er einfach in sei­nem früheren Zustande in die Welt eintreten wollte, ein Fremdling in derselben. Die Kindheitsperiode ist dazu da, den Einklang hervorzubringen zwischen den alten Verhält­nissen und den neuen. Wie würde sich ein noch so kluger Mensch der alten Römerzeit in unserer Welt ausnehmen, wenn er mit seinen erworbenen Kräften einfach in diese Welt hin-eingeboren würde? Eine Kraft kann erst dann angewendet werden, wenn sie sich mit der Umwelt in Harmonie gesetzt hat. Wenn zum Beispiel ein Genie geboren wird, so liegt schon die geniale Kraft im innersten Wesenskern des Men­schen, den man auch den Ursachenkörper nennt. Der niedere Geistkörper (Kama manas, die Verstandesseele) und der Gefühls- und Empfindungskörper (Astralleib) sind aber an­passungsfähig, in einem gewissen Grade unbestimmt. Diese beiden Teile der menschlichen Wesenheit werden nun aus­gearbeitet. Dabei wirkt von innen heraus der Ursachenkör­per, von außen die Umgebung. Wenn diese Arbeit geleistet ist, dann können diese beiden Teile Werkzeuge der erworbe­nen Kräfte sein. - Es ist demnach weder etwas Unlogisches, noch etwas Unerträgliches in dem Gedanken, als Kind gebo­ren zu werden. Unerträglich wäre es vielinehr, als fertiger Mensch in eine Welt hineingeboren zu werden, in der man ein Fremdling ist.

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#TX

Sind aufeinanderfolgende Inkarnationen einander ähnlich?

#TX

Eine zweite Frage ist die folgende: «Sind zwei aufeinander­folgende Inkarnationen eines Menschen einander ähnlich, so daß zum Beispiel ein Architekt wieder als Architekt, ein Musiker als Musiker geboren wird? »

Das kann der Fall sein, muß es aber durchaus nicht. Es kommt solche Ähnlichkeit allerdings vor; sie ist aber keines Wegs die Regel. Man kommt auf diesem Gebiete leicht zu fal­schen Vorstellungen, weil man über die Gesetze der Wieder­verkörperung sich Gedanken macht, die zu sehr an Äußer­lichkeiten hängen. Jemand liebt zum Beispiel südliche Gegen­den und glaubt deshalb: er müsse in einem früheren Leben ein Südländer gewesen sein. Solche Neigungen aber berühren den Ursachenkörper gar nicht. Sie haben überhaupt so unmittelbar nur für das eine Leben eine Bedeutung. Was von einer Verkörperung in die andere hinüberwirkt, muß tiefrr im Wesenskern des Menschen sitzen. Man nehme zum Bei­spiel an: jemand sei in einem Leben Musiker. In denUrsachen-körper hinein reichen die geistigen Harmonien und Rhyth­men, die sich in Tönen ausleben. Die Töne selbst gehören dem äußeren physischen Leben an. Sie sitzen in den Teilen des Menschen, die entstehen und vergehen. Der Kama manas-Leib (die Verstandes- oder Gemütsseele), der einmal für Töne der geeignete Apparat ist, kann es in einem nächsten Leben für die Anschauung von Zahlen- und Raumverhältnissen sein. Und aus dem Musiker kann ein Mathematiker werden. Gerade durch diese Tatsache macht sich der Mensch im Laufe seiner Verkörperungen zu einem allseitigen Wesen, indem er durch die mannigfaltigsten Lebensbetätigungen durchgeht. Aber es gibt, wie gesagt, Ausnahmen von dieser Regel. Und diese sind dann aus den großen Gesetzen der geistigen Welt erklärlich.

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#TI

Idiotie

#TX

Eine dritte Frage ist die folgende: «Wie hat man den Fall karmisch zu betrachten, wenn der Mensch durch Krankheit des Gehirns zur Idiotie verurteilt ist? »

Über alle solchen Dinge sollte eigentlich nicht durch Spe­kulation und Hypothesen, sondern aus der geheimwissen­schaftlichen Erfahruhg heraus gesprochen werden. Es soll daher die Frage hier durch ein Beispiel beantwortet werden, das wirklich vorgekommen ist. Ein Mensch war in einem vorhergehenden Leben verurteilt, durch ein unentwickeltes Gehirn ein Dasein der Stumpfheit zu führen. In der Zwi­schenzeit zwischen seinem Tode und einer neuen Geburt konnte er nun all die bedrückenden Erfahrungen eines sol­chen Lebens, das Herumgestoßenwerden, die Lieblosigkeit der Menschen in sich verarbeiten, und er wurde als ein wahres Genie der Wohltätigkeit wieder geboren. Ein solcher Fall zeigt klar, wie fehl man geht, wenn man im Leben alles kar­tnisch auf die Vergangenheit bezieht. Man kann eben durch­aus nicht immer sagen: dieses Schicksal rühre von dem, oder jenem Verschulden in der Vergangenheit her. Ebensooft wird man zu denken haben: irgendein Erlebnis habe gar keine Beziehung zur Vergangenheit: sondern werde vielmehr erst die Ursache für eine karniische Ausgleichung in der Zu­kunft sein. Ein Idiot braucht eben durchaus sein Schicksal nicht durch seine Taten in der Vergangenheit verdient zu haben. Aber die kartnische Folge seines Schicksals für die Zu­kunft wird durchaus nicht ausbleiben. So wie beim Kaufmann die jeweilige Bilanz durch die Zahlen seines Kassenbuches bestimmt ist, er aber immer neue Einnahmen und Ausgaben machen kann, so können in das Leben eines Menschen immer neue Taten, Schicksalsschläge usw. eintreten, trotzdem sein Lebenskonto in jedem Augenblick ein ganz bestimmtes ist. Deshalb darf Karma nicht als ein unbeeinflußbares Schicksal des Menschen, als ein Fatum aufgefaßt werden, sondern es ist mit der Freiheit, mit dem Willen des Menschen durchaus ver­einbar.

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Nicht Ergebung in ein unabänderliches Geschick for­dert Karma, sondern im Gegenteil: es bringt die Sicherheit, daß keine Tat, kein Erlebnis des Menschen ohne Wirkung bleibt, oder gesetzlos in der Welt abläuft, sondern sich in ein gerechtes, ausgleichendes Gesetz einfügt. Gerade, wenn es kein Karma gäbe, dann herrschte Willkür in der Welt. So aber kann ich wissen, daß jede meiner Handlungen, jedes meiner Erlebnisse sich einem gesetzmäßigen Zusammenhange einfügt. Meine Tat ist frei, ihre Wirkung absolut gesetz-mäßig. Es ist eine freie Tat des Kaufmannes, wenn er ein Ge­schäft macht; das Ergebnis davon aber fügt sich gesetzmäßig in seine Bilanz ein.

#TI

Wozu braucht der Theosoph Lehren und Theorien?

#TX

Es wird folgende Frage vorgelegt: «Ist es für den Theoso­phen von Wichtigkeit, daß er über die verschiedenen Teile des Menschen, über die Astral- und Mentalwelt, über die Ent­wickelung der Erde und Welt und so weiter sich unterrichte? Genügt es nicht, wenn er sich des in sich selbst, der Einheit mit allen Wesen, und der Göttlichkeit aller Dinge bewußt werde? Wozu braucht er Lehren und Theorien? »

Dazu muß gesagt werden, daß es eine schöne Redensart ist, sich seines göttlichen Selbst und der Einheit mit allen Wesen bewußt werden, daß dies aber auch so lange nur eine Redens­art bleibt, als bis man die Natur und die Taten des Göttlichen in der Welt wirklich erkennen will. Wer nur immer und im­mer wieder von seinem göttlichen Selbst spricht, der gleicht einem Menscben, der nichts wissen will von Tulpen, Veil­chen, Narzissen, Rosen usw., sondern alles nur in den unbe­stimmten Begriff von «Pflanze» zusammenwerfen will. Gott kann nut erkennen, wer die Welt versteht, und Selbsterkennt­nis kann nur haben, wer die Dinge um sich herum, sowohl sinnliche wie übersinnliche, erkennen will. Denn der Mensch ist für den Menschen die höchste Offenbarung aller Dinge,

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und deshalb ist Welterkenntnis zugleich Selbsterkenntnis. Wer also nicht mit allgemeinen Redensarten vorliebnehmen will, der muß zur Selbsterkenntnis die Erkenntnis der astra­len, der mentalen usw. Welt sich erwerben. Denn alle die Erscheinungen dieser Welten haben Anteil an der mensch­lichen Wesenheit. Deshalb ist vollendete Selbsterkenntnis und volles Gottesbewußtsein auch ein unerreichbares Ideal. Erst wenn man die ganze Welt erkennen würde, könnte man sich ganz selbst erkennen. Nicht darum kann es sich handeln, daß wir wissen, daß ein Göttliches in uns lebt, denn ein Gött­liches lebt in jedem Stein, in jeder Pflanze, in jedem Tier. Es kommt darauf an, daß wir immer mehr und mehr von den Offenbarungen Gottes im Weltall erkennen. Wiederholen wir daher weniger, daß Theosophie das Bewußtsein sei von der Einheit Gottes mit dem Menschen, und suchen wir mehr von den Geheimnissen der Welt, das heißt von dem göttlichen Wirken in den Dingen, wirklich zu verstehen. Dadurch wer­den wir auch bescheidener, als wenn wir immer unserBewußt­sein von dem Gottmenschen in uns betonen. Gewiß tragen wir diesen in uns; aber wir wissen in der Regel blutwenig von ihm. Es ist besser, einige wirkliche Kenntnisse davon zu besitzen, wie es in der astralen oder mentalen Welt aussieht, als mit einem Gottbewußtsein zu prunken, das ohne wahre, bestimmte Erkenntnisse doch nur ein leeres Wort bleibt. Ja, es ist sogar anmaßend, von dieser Einheit mit Gott zu spre­chen, ohne sich auf weitere Vertiefüng in die Taten Gottes im Weltall einlassen zu wollen. Was nützt es, wenn du immer sagst: Ich bin der Sohn dieses Vaters. Lerne von diesem Vater, eigne dir an, was er kann und vermag, dann bist du sein wurdiger Sohn. Theosophie wird nur dann wahre gött­liche Weisheit sein, wenn sie bestimmt und klar von den höheren Welten spricht und alle unbestimmten Redensarten vermeidet. Wieviel jemand von den Erkenntnissen der höhe­ren Welten sich aneignet, das ist eine andere Sache; es kommt aber auf den Willen zur Erkenntnis an. Alles Unselige in der Welt kommt vom Nichtwissen. Dieses überwindet man aber

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nicht durch das Bewußtsein von dem göttlichen Selbst in sich. Denn auch der Unwissende kann mit vollem Recht von sei­nem göttlichen Selbst reden. Er hat es; nur erkennen kann er es nicht. Die Theosophie soll nicht sein ein Prunken mit einem göttlichen Bewußtsein, sondern ein wirkliches Lernen der göttlichen Weltgeheimnisse, die den Schlüssel geben zur echten Selbsterkenntnis.

#TI

Wie verhält sich die Theosophie zu den Geheimwissenschaften?

#TX

Eine weitere Frage ist die folgende: «Wie verhält sich die Theosophie zu den sogenannten Geheimwissenschaften?»

Geheimwissenschaften hat es immer gegeben. Sie wurden in den sogenannten Geheimschulen gepflegt. Nur derjenige konnte von ihnen etwas erfahren, der sich gewissen Prüfun­gen unterzog. Es wurde ihm immer nur so viel mitgeteilt, als seinen intellektuellen, geistigen und moralischen Fähig­keiten entsprach. Das mußte so sein, weil die höheren Er­kenntnisse, richtig angewendet, der Schiüssel zu einer Macht sind, die in den Händen der Unvorbereiteten zum Mißbrauch führen muß. Durch die Theosophie sind nun einige, die ele­mentaren Lehren der Geheimwissenschaft popularisiert wor­den. Der Grund dazu liegt in den gegenwärtigen Zeitverhält-nissen. Die Menschheit ist heute in ihren vorgeschritteneren Mitgliedern in bezug auf die Ausbildung des Verstandes so weit, daß sie über kurz oder lang von selbst zu gewissen Vor­stellungen kommen würde, die vorher ein Glied des Geheim-wissens waren. Allein sie würde sich diese Vorstellungen in einer verkümmerten, karikierten und schädlichen Form an­eignen. Deshalb haben sich Geheimkundige entschlossen, einen Teil des Geheimwissens der Öffentlichkeit mitzuteilen. Dadurch wiixl die Möglichkeit geboten sein, die in der Kul-turentwickelung auftretenden menschlichen Fortschritte mit dem Maßstabe wahrer Weisheit zu messen. Unsere Natur­erkenntnis führt zum Beispiel zu Vorstellungen über die Gründe der Dinge. Aber ohne geheimwissenschaftliche Vertiefüng

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können diese Vorstellungen nur Zerthilder werden. Unsere Technik schreitet Enrwickelungsstadien zu, welche nur dann zum Heile der Menschheit ausschlagen können, wenn die Seelen der Menschen im Sinne der theosophischen Lebens­auffassung vertieft sein werden. Solange die Völker nichts hatten von moderner Naturerkenntnis und moderner Tech­nik, war die Form heilsam, in der die höchsten Lehren in reli­giösen Bildern, in einer zum bloßen Gefühle sprechenden Art mitgeteilt worden sind. Heute braucht die Menschheit diesel­ben Wahrheiten in einer verstandesmäßigen Form. Nicht der Willkür ist die theosophische Weltanschauung entsprungen, sondern der Einsicht in die angegebene historische Tatsache.

- Gewisse Teile der Geheimkunde können allerdings auch heute nur solchen mitgeteilt werden, die sich den Prüfungen der Einweihung unterwerfen. Und auch mit dem veröffent­lichten Teile werden nur diejenigen etwas anzufangen wissen, welche sich nicht auf ein äußerliches Kenntnisnehmen be­schränken, sondern die sich die Dinge wirklich innerlich aneignen, sie zum Inhalt und zur Richtschnur ihres Lebens machen. Es kommt nicht darauf an, die Lehren der Theoso­phie verstandesmäßig zu beherrschen, sondern Gefühl, Emp­findung, ja das ganze Leben mit ihnen zu durchdringen. Nur durch eine solche Durchdringung erfährt man auch etwas von ihrem Wahrheitswert. Sonst bleiben sie doch nur etwas, was «man glauben und auch nicht glauben kann». Richtig verstanden, werden die theosophischen Wahrheiten dem Menschen eine wahre Lebensgrundlage geben, ihn seinen Wert, seine Würde und Wesenheit erkennen lassen, den höch­sten Daseinsmut geben. Denn sie klären ihn über seinen Zu­sammenhang mit der Welt rings um ihn her auf; sie verweisen ihn auf seine höchsten Ziele, auf seine wahre Bestimmung. Und sie tun dies in einer Weise, wie es den Ansprüchen der Gegenwart gemäß ist, so daß er nicht in dem Zwiespalt zwi­schen Glauben und Wissen befangen zu bleiben braucht. Man kann moderner Forscher und Theosoph zugleich sein. Aller­dings muß man dann auch beides im echten Sinne sein.

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#TI

Gehen frühere Fähigkeiten der Menschenseele verloren?

#TX

Es liegt folgende Frage vor: «Wenn wir durch immer neue Verkörperungen in den aufeinanderfolgenden Rassen uns die­jenigen Fähigkeiten aneignen sollen, zu deren Entwickelung uns jene die Gelegenheit bieten, wenn ferner nichts von dem, was die Seele durch Erfahrung sich angeeignet hat, aus ihrem Vorrats schatz wieder verlorengehen soll - wie erklärt es sich, daß in der Menschheit von heute (wenigstens in unseren zivi­lisierten Ländern), die doch ehemals auch in den dritten und vierten Wurzelrassen auf Erden lebte, so gar nichts übrig­geblieben ist von den zu jenen Zeiten nach Angaben der Seher so hochentwickelten Fähigkeiten des Willens, der Vor­stellung, der Beherrschung von Naturkräften? Gibt es etwa ein Gesetz, das die schon gefundenen einfachen Wege zu einem gewissen Ziele verbietet und wieder verschließt, damit alle Kraft an die Auffindung neuer, höherer Bahnen verwandt werde?»

In der Tat geht nichts verloren von den Fähigkeiten, wel­che sich die Seele bei ihrem Durchgang durch eine Entwicke­lungsstufe erworben hat. Aber wenn eine neue Fähigkeit erworben wird, so nimmt die vorher erworbene eine andere Form an. Sie lebt sich dann nicht mehr für sich selbst aus, sondern als Grundlage für die neue Fähigkeit. Bei den Atlan­tiern war zum Beispiel die Fähigkeit des Gedächtnisses an­geeignet worden. Der gegenwärtige Mensch kann sich in der Tat nur sehr schwache Vorstellungen von dem machen, was das Gedächtnis eines Atlantiers zu leisten vermochte. Alles das nun, was in unserer fünften Wurzeirasse als gleichsam angeborene Vorstellungen auftritt, ist in Atlantis durch das Ge­dächtnis erst erworben worden. Die Raum-, Zeit-, Zahlen-vorstellungen und so weiter würden ganz andere Schwierig­keiten machen, wenn sich sie der gegenwärtige Mensch erst erwerben sollte. Denn die Fähigkeit, die sich dieser gegen­wärtige Mensch aneignen soll, ist der kombinierende Ver­stand. Eine Logik gab es bei den Atlantiern nicht. Nun muß

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aber jede früher erworbene Seelenkraft in ihrer eigenen Form zurücktreten, hinuntertauchen unter die Schwelle des Be­wußtseins, wenn eine neue erworben werden soll. Der Biber müßte seine Fähigkeit, intuitiv seine künstlichen Bauten auf­zuführen, in etwas anderes verwandeln, wenn er zum Bei­spiel plötzlich ein denkendes Wesen würde. - Die Atlantier hatten zum Beispiel auch die Fähigkeit, die Lebenskraft in einer gewissen Weise zu beherrschen. Ihre wunderbaren Ma­schinen konstruierten sie durch diese Kraft. Aber sie hatten dafür gar nichts von dem, was die Völker der fünften Wurzel-rasse als Gabe, zu erzählen, haben. Es gab bei ihnen noch nichts von Mythen und Märchen. In der Maske der Mytho­logie trat zunächst bei den Angehörigen unserer Rasse die lebensbeherrschende Kraft der Atlantier auf. Und in dieser Form konnte sie die Grundlage werden für die Verstandes-tätigkeit unserer Rasse. Die großen Erfinder unserer Rasse sind Inkarnationen von «Sehern» der atlantischen Rasse. In ihren genialen Einfällen lebt sich etwas aus, das ein anderes zur Grundlage hat, etwas, das während ihrer atlantischen Inkarnation als lebenschaffende Kraft in ihnen war. Unsere Logik, Naturkenntnis, Technik usw. wachsen aus einem Boden heraus, der in Atlantis gelegt worden ist. Könnte zum Beispiel ein Techniker seine kombinierende Kraft zu­rückverwandeln, so käme etwas heraus, was der Atlantier vermochte. Die gesamte römische Jurisprudenz war umge­wandelte Willenskraft einer früheren Zeit. Der Wille selbst blieb dabei im Hintergrunde, und statt selbst Formen anzu­nehmen, verwandelte er sich in die Gedankenformen, die sich in den Rechtsbegriffen ausleben. Der Schönheitssinn der Griechen ist auf der Grundlage unmittelbarer Kräfte er­baut, die sich bei den Atlantiern in einer großartigen Züch­tung von Pflanzen und Tierformen ausleben. In Phidias' Phantasie lebte etwas, was der Atlantier unmittelbar zur Umgestaltung von wirklichen Lebewesen verwandte.

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#TI

Wie verhalten sich Kräfte einer niedern Welt

zu Wesenheiten in einer höheren?

#TX

Es wird folgendes gefragt: «In einem Vortrage wurde vor kurzem gesagt, den Kräften in einer niedern Welt - auf nie­derem Plane - entsprechen Wesenheiten in einer höheren Welt - auf einem höheren Plane. Wie hat man sich das vorzustellen?»

Man muß, um diese Sache im richtigen Lichte zu sehen, von einer Analogie ausgehen. Man denke zum Beispiel an den Menschen. Er handelt aus seinen Absichten und Zwecken heraus als ein bewußtes Wesen. Nun sei vorausgesetzt, daß ein Tier nach seinen eigenen Fähigkeiten den Menschen beurteile. Es wird die Tätigkeiten des Menschen wahrnehmen, nicht aber die Absichten und Zweckbegriffe, aus denen sie hervorgehen. Das Tier nimmt somit eine Wirkung wahr, ohne die zugehörige Ursache durchschauen zu können. Man nehme nun weiter an, das Tier sehe gar nicht einmal den handelnden Menschen in einem gegebenen Falle, sondern stehe lediglich vor dem Resultat der Tätigkeit desselben, zum Beispiel vor einem Tisch. Es wird gar nicht weiter veran­laßt sein, die Ursachen zu bedenken, durch die der Tisch zu-stande gekommen ist, beziehungsweise das Wesen zu suchen, welches den Tisch gemacht hat.

In einem ganz ähnlichen Falle ist der mit seiner Beobach­tung bloß auf die Sinneswelt beschränkte Mensch gegenüber den Naturerscheinungen. Er nimmt Wirkungen wahr, ohne die Ursachen zu sehen. Denn diese liegen in höheren Welten. Der Mensch nimmt Licht, Wärme, Elektrizi.tätserscheinungen und magnetische Wirkungen und so weiter wahr. Diese treten vor ihm auf wie etwa der Tisch in obigem Beispiele vor den Augen des Tieres. Die Ursachen, welche die Phy­siker und Chemiker zu den Erscheinungen hinzudenken, sind aber nichts anderes als Gedankenbilder. Denn bewegte Atome, Molekularkräfte usw. sind Vorstellungen, welche aus der gewöhnlichen Sinnenwelt entlehnt und in eine nicht sinnlich

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wahinehinbare Welt hineingedichtet sind. Wenn der Physiker an solche Erdichtungen glaubt als an wahre Wirk-lichkeiten, so huldigt er einem Aberglauben, der in vieler Hinsicht tiefer steht als die Fetischanbetung niederer soge-nannter Naturvölker. Unsere gegenwärtige Naturwissen­schaft, sofern sie Theorien baut und sich nicht auf die bloße Beobachtung beschränkt, ist voll von Götzendienst und Aberglauben. Nichts weiter als Aberglaube ist die Atom-theorie, wenn sie als mehr genommen wird denn als eine vor-läufige, brauchbare Arbeitshypothese.

Der Geheimforscher aber vermag von den sogenannten Naturkräften zu den wirklichen Ursachen der sinnlichen Tat­sachen aufzusteigen. Er findet dann, daß elektrische Erschei­nungen nichts weiter sind als die Ergebnisse der Handlun­gen gewisser Wesen, welche in höheren Welten ihr Dasein haben. Wie das Tier einen Tisch sieht, ohne weiter über den Verfertiger des Tisches eine zutreffende Vorstellung sich machen zu können, so hat der auf die Sinnenwelt beschränkte Beobachter die elektrischen Tatsachen vor sich, ohne sich einen rechten Begriff von den höheren Wesenheiten bilden zu können, deren Taten diese Erscheinungen sind. Es ent­sprechen wirklich den Wärmeerscheinungen gewisse die Wärme erzeugende Wesenheiten. Ebenso gibt es Licht-wesen, von denen die Licht- und Farbenwelt und so weiter geregelt wird. Man kann zur Erkenntnis dieser Wesenheiten nicht durch Spekulation kommen, sondern nur durch Ent­wickelung eigener höherer Fähigkeiten, welche dann denjeni­gen der höheren Wesen ähnlich sind, so wie auch das Tier die Natur des Menschen nur begreifen könnte, wenn es sich eben selbst einen menschlichen Verstand aneignete.

Zugeben wird das der Mensch allerdings erst in dem Augen­blicke, in dem er sich die Einsicht angeeignet hat, daß eine Höherentwickelung des Menschen möglich ist. Vorher wird er naturgemäß das Sprechen von Licht-, Wärme- und Elek­trizitätsgeistern für ein «Zurückfallen in die abergläubischen Vorstellungen der Mythologie » ansehen. Wer aber sich wirkliche

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Erkenntnis erwirbt, der muß eben umgekehrt die Atomtheorie usw. gleichstellen mit der Ahbetung eines Holz- oder Steinklotzes. Die afrikanischen Neger haben den Götzendienst in der Religion, wir im Abendiande haben den Götzen-dienst in der materialistischen Wissenschaft. Der Mystiker spottet über den letzteren Götzendienst und Aberglauben so­wenig wie über den ersteren, sondern er begreift das eine so wie das andere. Wie gewisse Völker notwendig auf einer Entwickelungsstufe zum Fetischismus kommen mußten, so die europäischen wissenschaftlichen Materialisten zum Atomis­mus.

Alle diese Dinge findet man auch ganz wissenschaftlich auseinandergesetzt in meinen Einleitungen zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften in Kürschners «Deutscher Nationalliteratur», in meiner «Philosophie der Freiheit» und in meinem Buche über «Goethes Weltanschauung». Aber die in materialistischen oder sogenannten positivistischen Vor­stellungen befangenen Denker und Wissenschafter unserer Zeit können von diesen Auseinandersetzungen nichts ver­stehen. Sie müssen sie sogar für Dilettantismus halten. Ich selbst habe mich darüber nie gewundert. Denn ich weiß, daß die Menschen nicht nach Gründen, sondern nach Denk-gewohnheiten und öffentlichen Suggestionen urteilen. Und ebenso weiß ich, daß eine Zeit kommen wird, in der man über den Materialismus unserer Gegenwart, auch zum Beispiel in der Form der Wundtschen Philosophie, so urteilen wird, wie gegenwärtig die Menschen über die «kindlichen» Götzen afrikanischer Naturvölker urteilen. - Es war notwendig, zum Zwecke dieser Auseinandersetzungen oben von einer Ana­logie auszugehen. Es ist natürlich, daß jede Analogie nur annähernd die Dinge wiedergeben kann. Aber man muß eben so vorgehen, wenn man sich deutlich machen will.

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#TI

Über Personenkultus in der theosophischen Bewegung

#TX

Frage: «Von vielen Seiten wird der theosophischen Bewegung und den damit verwandten Zeitströmungen Personenkultus vorgeworfen. Und es muß in der Tat auf Menschen, die ihre Freiheit und Selbständigkeit lieben, beunruhigend wirken, wenn von einzelnen Personen Lehren verkündet werden, welche die Zuhörer und Leser vorläufig nicht prüfen können, und welche viele auf blinden Autoritätsglauben hin anneh­men. Liegt in solchen Tatsachen nicht eine Gefahr bei den Bewegungen, die sich auf Okkultismus und Theosophie gründen?»

Eine solche Gefahr könnte nur aus Mißverständnissen ent­springen. Diejenigen, welche aus eigenen Erfahrungen heraus höhere Wahrheiten verkündigen, oder welche auf die Glaub­würdigkeit anderer Zeugen hin solche Wahrheiten weiter­geben, werden nie das beanspruchen, was man Personenkul­tus oder blinden Autoritätsglauben gewöhnlich nennt. Sie werden das um so weniger tun, je bessere Okkultlsten sie sind. Und wenn man sagt, die Zuhörer oder Leser könnten die Dinge nicht unmittelbar prüfen, so sollte man doch beden­ken, daß es auch für denjenigen, welcher noch nicht bis zum eigenen Schauen gelangt ist, Mittel und Wege gibt, um sich immer mehr und mehr von der Wahrheit dessen zu überzeu­gen, was ihm mitgeteilt wird. Derjenige, welcher die Mit-teilungen macht, will - immer vorausgesetzt, daß er wirklich im Herzen Okkultist oder Theosoph ist - nicht anders wir­ken als ein Erzähler. Er sagt: ich habe dies oder jenes erfah­ren, oder mir ist von solchen, die es wissen können, dies oder jenes mitgeteilt worden. Ein gesunder, gerader Verstand, eine wahre Empfindung im Zuhörer wird zunächst zuhören, das heißt weder blind glauben noch blind kritisieren. Das Wahre wirkt einleuchtend und aufklärend, das Falsche stößt zurück und klärt nichts auf. Vom Wahren sagt sich der Zu­hörer oder Leser: Ja, durch das, was mir da mitgeteilt wird, kann ich die Tatsachen der Natur und des Lebens begreifen;

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wenn das aber nicht wahr wäre, was da gesagt wird, bleiben nir diese Tatsachen unverständlich. Dieses Verhalten zu einer Lehre kennt auch die anerkannteste Wissenschaft; man nennt da solche Lehren brauchbare Arbeitshypothesen. Nur daß der Okkultist nicht Hypothesen mitteilt, sondern Tatsachen, die er selbst gesehen hat. Aber das hindert ja niemand, solange er nicht selbst prüfen kann, die Dinge als brauchbare Lebens-hypothesen anzunehmen. Und ganz sicher ist, daß derjenige, welcher sich aufrichtig und ehrlich so verhält, über kurz oder lang zum eigenen Schauen kommt. Denn es gibt für die gegenwärtige Menschheit keinen ersprießlicheren Weg zum höheren Schauen als denjenigen, zunächst einmal die Lehren derer zu hören, die schon gesehen haben, und davon anzu­nehmen, was man selbst für vernünftig und annehmbar haI­ten kann. Gar viele würden sich bald für diese Vernünftig­keit und Annehmbarkeit der okkulten Lehren erklären, wenn sie die Fesseln des Vorurteils und des materialistischen Aber­glaubens abstreifen könnten. Aber viele sind ganz erfüllt gerade vom Autoritätsglauben und Personenkultus gegen­über ihren materialistischen Größen und können deshalb sich nicht unbefangen den Mitteilungen der Okkultisten hingeben. Wer sich frei von diesem Autoritätskultus macht, der wird bald sehen, wie einleuchtend für Verstand und Herz die Leh­ren der sogenannten Geheimwissenschaft sind. Denn der Mensch ist durch Vernunft, Gefühl und Empfindung für die Wahrheit, nicht für den Irrtum veranlagt, und nur die Befan­genheit und das Vorurteil können ihm dabei hindernd in den Weg treten.

Derjenige, welcher nicht an den Verstand seiner Zuhörer oder Leser sich wendet, sondern Personenkultus oder blinden Autoritätsglauben verlangt, hat nichts vom Wesen des Okkul­tismus begriffen. Durch nichts kann man sicherer erkennen, daß jemand kein Okkultist ist, als dadurch, daß er solchen blin­den Glauben oder persönliche Anerkennung verlangt. Er ist dann nicht Okkultist, sondern ein eitler Trop£ Geht man der Wahrheit übrigens auf den Grund, so wird man stets finden,

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daß - abgesehen von einigen, die sich eben erst hier zum Richtigen durcharbeiten müssen - diejenigen am meisten über Personenkultus klagen, die finden, daß ihrer eigenen Person zu wenig Kultus entgegengebracht wird. Diese sollten aber ein wenig in sich gehen, und niemandem eines der schönsten Gefühle rauben wollen, das in der Verehrung derjenigen besteht, die einem die Wahrheit zugänglich machen. Dieses Gefühl ist eines jeden persönliche Angelegenheit, und in diese sollten sich nicht die hämischen Stimmen eitler Kritiker mischen. Wer selbst ein dankbares Gemüt hat und seinen gei­stigen Helfern Achtung und Liebe entgegenbringt, der wird es nie über sein Herz bringen, diese Gefühle bei anderen zu tadeln. Fange nur vor allem jeder bei sich selbst zu kritisieren an, arbeite er an der Verbreitung der Wahrheit, so wird er am besten anderen dienen.

Im Anschlusse daran ist noch eine Frage gestellt: Inwiefern verträgt sich die berechtigte Kritik an schlimmen Zuständen unseres sozialen Lebens mit der Enthaltung vom Urteil, die so oft betont wird von Okkultisten und Theosophen? Daß auch diese echte Kritik durch die okkultistische Forderung nicht ausgeschlossen wird, soll demnächst ausführlich gezeigt werden. Diesmal ist leider nicht mehr Raum genug zur Be­antwortung dieser Frage übrig.

#TI

Soll man sich aller Kritik enthalten?

#TX

Es liegt folgende Frage vor: « Oft wird behauptet, daß sich derjenige aller Kritik enthalten solle, der eine Schulung im geheimwissenschaftlichen Sinne durchmacht. Ist damit auch jede gerechte Kritik wirklicher schlechter Taten von Men­schen gemeint? Ist es nicht vielmehr unsere Pflicht, Schäden in unserer Umgebung und wo wir sonst Einfluß gewinnen können, auszumerzen, damit das Bessere an die Stelle des Schlechteren trete? Und sinkt ein Mensch nicht zur völligen Tatenlosigkeit herab, der alles mit absoluter Gleichgültigkeit betrachtet? »

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Zunächst ist darauf zu sagen, daß die Verhaltungsmaß­regeln für den Geheimschüler Forderungen sind, die strengen Gesetzen entsprechen. Und sie besagen als solche nur etwas über den Zusammenhang zwischen der Erfüllung einer ent­sprechenden Forderung, und dem Aufwärtssteigen des Schü­lers in die höheren Welten. Du sollst dich der Kritikenthalten, heißt: soviel du im Leben in Fällen, in welchen dich die Ver­hältnisse zu einem Tadel, einer Verurteilung reizen, diesem Reiz nicht folgst sondern ohne alle Kritik an der Verbesse­rung des Schädlichen, Schlechten usw. arbeitest, in demselben Maße steigst du nach aufwärts. Es schließt die Enthaltung von der Kritik durchaus nicht ein, daß du gleichgültig an dem Schlechten, Bösen usw. vorbeigehest, und daß du alles läßt, wie es ist. Man soll nur suchen, das Schlechte in dem­selben Maße aus seinen Ursachen zu verstehen, wie man das Gute versteht. Durch das Begreifen der Ursachen wird man sich sogar am besten zur Arbeit für die Verbesserung rüsten. Nicht das Blindmachen gegen das Übel nützt, sondern die verständnisvolle Toleranz. Am klarsten drückt aus, was dar­über zu sagen ist der dritte von den vier ersten Sprüchen in « Licht auf den Weg »: « Ehe vor den Meistern kann die Stimme sprechen muß das Verwunden sie verlernen.» Das heißt, Wesen einer höheren Welt sprechen zu dem Menschen nur, wenn sich seine Worte das lieblose Verletzen, den Tadel, der zu schmerzen oder zu betrüben geeignet ist, ganz abge­wöhnt haben und nur noch im Dienste liebevollen Umfas­sens der ganzen Welt gesprochen werden. Und mit den«Worten» sind hier auch die ungesprochenen Worte, die bloßen Gedanken gemeint. In dem Bereiten von Schmerz liegt das, worauf es ankommt. Der Meister und höhere We­sen sprechen zu uns nicht von außen, sie benutzen als das Mittel, sich mit uns zu verständigen, unsere eigenen Worte und Gedanken. Der Ton ihrer Stimme dringt durch uns, und geht von da durch diese Worte und Gedanken nach außen in die Welt. Und nur wenn er diesen Weg offen und ohne Hem­mung findet, wird' er für uns hörbar. Worte und Gedanken,

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die Schmerz bereiten, sind wie spitzige Pfeile, die von uns ausgehen. Und an der Spitze findet der Ton des Meisters ein Hemmnis; er prallt zurück und bleibt unwahrnehmbar. Worte und Gedanken aber, die von Liebe gestaltet sind, öff­nen sich wie Blumenkronen nach außen, die sanft die anderen Wesen umschließen; und bei ihnen findet des Meisters Stimme den Weg offen, um in die Welt zu dringen. Nur dadurch wird sie für uns hörbar.

Zweitens: ist man aber genötigt, Schmerz zu bereiten, hat man etwa gar die Verpflichtung als Richter oder Kritiker, dann gilt das Gesetz nicht minder. Auch der Schmerz, zu dem man verpflichtet ist, hemmt die Entwickelung. Man muß die Sache dann als sein Karma ansehen. Denn wollte man sich der Verpflichtung entziehen, um die eigene Entwickelung zu fördern, so würde man aus Selbstsucht handeln, und dadurch hielte man die Entwickelung in den meisten Fällen mehr auf, als man sie durch das Entziehen von der Schmerzbereitung fördert. Unter Umständen bringt man sich am besten vor­wärts, wenn man in notwendigen Fällen auf die direkte Beobachtung einer Regel, deren Befolgung Förderung be-wirkt, verzichtet. Ist man Erzieher, und dadurch genötigt, vielleicht fortwährend durch Strafen Schmerz zu bereiten, so kann man während dieser Zeit in bezug auf obige Regel gar nichts tun. Hat man dann aber den Zögling gebessert, so kommt diese gute Wirkung unserem Karma und dadurch doch unserer Höherentwickelung mittelbar zustatten. Die Gesetze des geistigen Lebens sind unerbittlich, wenn man sie aus welchen Gründen immer nicht einhält. Und sie müssen in aller Strenge einfach als Geistesgesetze aufgestellt werden, ob eine Möglichkeit, sie einzuhalten, vorliegt oder nicht.

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#TX

Ist das Wort Theosophie nicht irreführend?

#TX

Es liegt folgende Frage vor: «Ist das Wort Theosophie nicht irreführend? Es würde wörtlich übersetzt doch heißen: Weisheit über Gott. Nun befaßt sich dasjenige, was man ge­wöhnlich Theosophie nennt, durchaus nicht mit einer eigent­lichen Gotteswissenschaft, sondern mit dem Wesen des Men­schen, Reinkarnation, Karma und so weiter.»

Das Wort ist nicht irreführend, wenn man es richtig auf­faßt. Es will gar nicht heißen« Gotteswissenschaft». Die Theosophie unterscheidet sich von der gewöhnlichen Wissen­schaft nicht durch den Gegenstand, den sie behandelt, son­dern durch die Art und Weise, wie sie zu ibren Vorstellungen kommt. Der Mensch ist ein Doppelwesen und seine Erkennt­nis ist auch eine zweifache. Er zerfällt in eine vergängliche und in eine unvergängliche Wesenheit. Die Sinnesorgane gehören zum vergänglichen Wesen des Menschen. Was er durch sie erkennt, gehört deshalb auch der vergänglichen Welt an. Und wenn sich der Verstand mit den Erfahrungen dieser Sinnesorgane befaßt, sie kombiniert, ihre Gesetze zu erforschen sucht usw., so befaßt er sich auch durchaus mit dem Vergänglichen. In diesem Sinne handelt die gewöhn­liche Wissenschaft bloß von dem Vergänglichen. Alle Bota­nik, Physiologie, Geschichte usw., die so zustande kommen, gehören dem Bereiche des Vergänglichen an. In ihnen erkennt eben der vergängliche Teil des Menschen. Nun lebt in diesem Menschen auch ein unsterblicher Teil. Dieser kann im Innern erweckt werden. Es geschieht dies, wenn der Mensch so an sich arbeitet, daß seine inneren Sinne erweckt werden. Er gelangt dann ebenso zu Einblicken in die über­sinnliche Welt, wie die äußerlichen Augen zu solchen in die sinnliche Welt gelangen. Es handelt sich also dann nicht mehr um ein Erkennen im Sinne der gewöhnlichen Wissenschaft, sondern um ein solches in einem ganz anderen Zustand, in den sich der Mensch durch innere Entwickelung versetzt. Er braucht dann gar nicht andere Gegenstände zu erkennen,

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sondern er betrachtet dieselben, von denen man in der ge­wöhnlichen Wissenschaft handelt, auf andere Art. Die Wis­senschaft handelt zum Beispiel von den Pflanzen, das heißt, es beschreibt durch sie der vergängliche Mensch dasjenige, was er als Pflanzenwelt um sich herum hat. Auch die Theosophie handelt von den Pflanzen, aber durch sie lenkt der unsterbliche Teil des Menschen die erweckten höheren Sinne auf die Pflanzenwelt. Die theosophischen Betrachtungen sind demnach von einem anderen Gesichtspunkte aus gemeint als diejenigen der gewöhnlichen Wissenschaft. Man nennt nun den Teil in der Menschennatur, welcher unvergänglich ist, das heißt, der Anteil hat an der übersinnlichen Welt, den gött­lichen Wesenskern im Menschen. In der Theosophie erkennt also nicht der vergängliche, sondern der «innere», der «gött­liche Mensch». Nicht was sie behandelt, sondern wie sie die Dinge behandelt, unterscheidet die Theosophie von der ge­wöhnlichen Wissenschaft. Sie ist die durch die göttliche Kraft in der Menschennatur zustande gekommene Weisheit.

So kann die Theosophie auch nie in einen Widerspruch geraten mit den Ergebnissen der äußeren Wissenschaft. Denn beide gehen zunächst nebeneinander her. Es ist aber natür­lich, daß die Theosophie auch alle Tatsachen in ihrer Art beleuchten muß, welche sonst Gegenstand der gewöhnlichen Wissenschaft sind, zum Beispiel die Tatsachen, welche durch das Mikroskop wahrgenommen werden, oder die Erschei­nungen des Sternenhimmels. Sie sagt dann über dieselben nicht etwas aus, was den Wahrnehmungen des Naturfor­schers widersprechen kann, sondern was sich über diese Wahrnehmungen ergibt, wenn der erweckte innere Sinn sie betrachtet. Was dann durch sie herauskommt, kann der Wis­senschaft ebensowenig widersprechen, wie die Aussagen eines Sehenden über einen Gegenstand den Angaben wider­sprechen können, die ein Blinder auf Grund des Tastsinnes über diesen Gegenstand macht. Wenn das die Wissenschafter verstehen wollten, würden sie gegen die theosophische Welt­anschauung nicht mehr kämpfen. Sie würden begreifen, daß

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sie deren Ergebrusse ebensowenig anicnncn Konnen, wie aer Blinde die Angaben des Sehenden über die Farbenwelt ableh­nen kann. Aber die Wissenschafter sind in dieser Beziehung intolerant. Sie wollen nicht auf ihrem Felde bleiben und auch den anderen gewähren lassen, sondern sie erklären einfach:

Das, was wir sehen, das ist die alleinige Wahrheit, und was nicht auf unseren Wegen erforscht wird, das ist Irrtum, Un­wissenschaft. Man kann deshalb sagen hören: Dies, was die Theosophie lehrt, sind phantastische Vorsteilungen, denn im Sinne unserer Wissenschaft gibt es solche Dinge einfach nicht. Dabei wird aber gar nicht bedacht, daß doch derjenige über die Ergebnisse der Theosophie gar nicht urteilen kann, der von den inneren Sinnen nichts weiß. Es sollte doch wenigstens die eine, ganz widerspruchlose Wahrheit zuge­geben werden, daß über eine Sache niemals derjenige etwas entscheiden kann, der sie nicht wahrnimmt, sondern allein derjenige, der sie wahrnimmt. Wenn tausend Naturforscher sagen: dies ist Aberglaube, denn wir sehen davon nichts, so wiegt das nichts gegenüber einem einzigen Menschen, der die entsprechende Sache gesehen hat.

Oder aber, es wird auch gesagt, die Theosophie rede von Dingen, welche das menschliche Erkenntnisvermögen über­steigen. Der Mensch kann von ihnen nichts wissen. Darauf hat der Theosoph die Antwort: Wie kann jemand von Gren­zen des Erkenntnisvermögens reden? Er kann doch nicht mehr wissen, als daß er bei sich ein höheres Erkenntnisvermö­gen nicht bemerkt. Darf er dann aber daraus schließen, daß ein solches auch andere nicht haben? Darf sich irgend jemand als den alleinigen absoluten Maßstab für alles menschliche Erkennen aufstellen? Wenn doch die Menschen bei dem bleiben möchten, was sie positiv erkennen, und nicht von sich aus auch auf andere schließen möchten! Wo das mensch­liche Erkennen aufhört, darf überhaupt niemand bestimmen wollen. Denn ein jeder kann bloß sagen, wie weit das seinige reicht. Es soll hier eine kleine Episode erzählt werden, welche so recht geeignet ist, Licht über das alles zu verbreiten. - Als

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die «Philosophie des Unbewußten» Eduard von Hartmanns (i868) erschienen war, da ging ein großer Feldzug gegen die­selbe von seiten der Naturforscher los. Insbesondere waren es die Anhänger einer gewissen Vorstellungsart, die sich an den Namen Darwins knüpfte, welche die Erklärungen Hart-manns über das Wesen der Tiere und des Menschen vom darwinistischen Standpunkte aus ganz und gar unwissen­schaftlich fanden. Hartmann galt ihnen als der absolute Nichtkenner aller «neueren wissenschaftlichen Errungen-schaften» und seine Lehre als das Erzeugnis krassester Un-wissenschaftlichkeit.

Nun erschien unter den zahlreichen gegnerischen Schriften gegen die «Philosophie des Unbewußten» auch eine von einem Manne, nder sich zunächst nicht nannte: «Das Unbe­wußte vom Standpunkte der Deszendenztheorie und des Darwinismus». Es war dies eine geradezu glänzend geschrie­bene Widerlegung der Hartmannschen Lehren. Die gegneri­schen Naturforscher waren hocherfreut über diesen ihren Mitstreiter. Es gab solche unter ihnen, die erklärten, daß sie nie hätten etwas Besseres selbst sagen können, denn der Un­bekannte hat kraftvoll alles das betont, was sie selbst gegen den Hartmannschen Dilettantismus auf dem Herzen haben. Andere sagten: der Unbekannte möge sich nennen, sie be­trachten ihn als einen der Ihrigen. Nach einiger Zeit erschien eine zweite Auflage der den Naturforschern so willkommenen Schrift. Jetzt nannte sich der Verfasser. Es war - Eduard von Hartmann. Man mag über die Hartmannsche Philosophie denken, wie man will, das eine war damit unwiderleglich festgestellt, daß Hartmann alles das selbst sagen konnte, was die Naturforscher gegen ihn vorzubringen hatten, daß er ihnen allen überlegen war. Aus einem solchen Beispiele sollten die Menschen lernen. Sie sollten begreifen, daß Einwendun­gen unter Umständen überhaupt gar keinen Wert haben. Solche können ja von dem immer selbst gemacht werden, der sich auf einen höheren Standpunkt gestellt hat und sich dann auf einen niedrigeren herunterschraubt.

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Kein Theosoph wird leugnen, daß seine Behauptungen vom Standpunkte der sinnlichen Wissenschaft Einwendun­gen erfahren können, wenn der betreffende Wissenschafter sich intolerant auf den Standpunkt stellt: alles, was mir nicht offenbar ist, das ist Unsinn. Jeder Theosoph, der wirklich auf der Höhe seines Standpunktes steht, kann sich alles das selbst sagen, was Gegner vom nicht theosophischen Stand­punkte vorbringen. Genau wie Hartmann vorbringen konnte, was Nicht-Philosophen gegen ihn einzuwenden hatten. - Will sich der Theosoph auf den Standpunkt des gewöhnlichen Wissenschafters stellen und absehen von den Erkenntnissen der höheren Sinne, dann werden seine Behauptungen nicht weniger wissenschaftlich sein als diejenigen der offiziellen Vertreter der Wissenschaft. - Die Forscher sollten weniger über das sprechen, was «der Mensch» nicht wissen kann, dafür aber sich der Grenzen des eigenen Erkennens bewußt bleiben. Es wird die Verständigung zwischen Theosophie und Naturforschung in dem Augenblicke leicht sein, wenn die Naturforscher aufhören werden, sich für unfehlbare Rich­ter in allen den Dingen zu halten, über welche sie nicht geforscht haben.

Es mag ja zugegeben werden, daß dies viele Naturforscher in der Theorie tun; aber in der Praxis ihres Verhaltens liegt etwas ganz anderes. Sie wissen zumeist gar nicht, daß dies so ist. Wegen ihrer ganzen Vorstellungsart sprechen sie über die Dinge ihres Faches so, als wenn die Aufstellungen ihrer sinnenfälligen Erkenntnis jede übersinnliche Forschung un-möglich machten. In vielen Fällen liegt nicht in dem nder Stein des Anstoßes, was sie sagen, sondern wie sie es sagen. Den shalb sollten gerade unsere Naturforscher sich mit den Ergebnissen der Theosophie bekannt machen. Ihre ganze Art würde dann eine andere werden. In dem Ton ihrer Betrach­tungen würde dann etwas liegen, was unmöglich machte, daß die Beobachtungen der rein äußerlichen Wirklichkeit immer wieder wie ein Widerspruch gegen die Theosophie empfun­den werden und in der Öffentlichkeit in diesem Sinne wirken.

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#TI

Wie verhält sich die Theosophie zur Astrologie?

#TX

Als eine weitete Frage ist gestellt worden: «Wie verhält sich die Theosophie zur Astrologie? »

Da muß zunächst gesagt werden, daß man gegenwärtig seht wenig kennt, was Astrologie wirklich ist. Denn was jetzt oft als solche in Handbüchern erscheint, ist eine rein äußer­liche Zusammenstellung von Regeln, deren tiefere Gründe kaum irgendwie angegeben werden. Rechnungsmethoden werden angegeben, durch die gewisse Sternkonstellationen im Augenblicke der Geburt eines Menschen bestimmt wer­den können, oder für den Zeitpunkt einer anderen wichtigen Tatsache. Dann wird gesagt, daß diese Konstellationen dies oder jenes bedeuten, ohne daß man aus den Andeutungen etwas entnehmen könnte, warum das alles so sei, ja nur wie es so sein könne. Es ist daher kein Wunder, daß Menschen unse­res Zeitalters dies alles für Unsinn, Schwindel und Aberglau­ben halten. Denn es erscheint ja alles als ganz willkürliche, rein aus den Fingern gesogene Behauptung. Höchstens wird im allgemeinen gesagt, daß in der Welt alles in einem Zusam­menhange stehen müsse, daß es daher sehr wohl von einer Wirkung für das Leben des Menschen sein könne, wie Sonne, Venus und Mond und so weiter bei der Geburt zueinander stehen, und was dergleichen Dinge mehr sind. - Die wirk­liche Astrologie ist aber eine ganz intuitive Wissenschaft und erfordert bei dem, der sie ausüben will, die Entwickelung höherer übersinnlicher Erkenntniskräfte, welche heute bei den allerwenigsten Menschen vorhanden sein können. Und schon, wenn man ihren Grundcharakter darlegen will, so ist dazu ein Eingehen auf die höchsten kosmologischen Pro­bleme im geisteswissenschaftlichen Sinne notwendig. Des­wegen können auch hier nur einige ganz allgemeine Gesichts­punkte angegeben werden.

Das Sternsystem, zu dem wir Menschen gehören, ist ein Ganzes. Und der Mensch hängt mit allen Kräften dieses Sternsystems zusammen. Nur grober Materialismus kann

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glauben, daß der Mensch allein mit der Erde im Zusammen­hang stehe. Man braucht sich nur anzusehen, was für ein Ver­hältnis zwischen Mensch, Sonne und Mond in den Ergebnissen der «Akasha-Chronik» festgestellt wird. Daraus wird man sehen, daß es eine urzeitliche Entwickelung des Men­schen gegeben hat, in denen sein Wohnplatz ein Weltkörper war, der aus Sonne, Mond und Erde noch gemeinschaftlich bestand. Daher hat auch heute noch der Mensch in seiner Wesenheit Kräfte, die verwandt mit denjenigen der genann­ten Weltkörper sind. Nach diesen Verwandtschaften regelt sich auch ein heute noch bestehender Zusammenhang zwi­schen Wirkungen der angeführten Weltkörper und dem, was im Menschen vorgeht. Allerdings sind diese Wirkungen sehr verschieden von denen rein materieller Art, von denen ja allein die heutige Wissenschaft spricht. Die Sonne wirkt zum Beispiel noch durch etwas ganz anderes auf die Menschen als durch das, was die Wissenschaft Anziehungskraft, Licht und Wärme nennt. Ebenso gibt es Beziehungen übersinnlicher Art zwischen Mars, Merkur und anderen Planeten und dem Menschen. Von da ausgehend kann, wer dazu Veraniagung hat, sich eine Vorstellung machen von einem Gewebe übersinnlicher Beziehungen zwischen den Weltkörpern und den Wesen, welche sie bewohnen. Aber diese Beziehungen zur klaren, wissenschaftlichen Erkenntnis zu erheben, dazu ist die Entwickelung der Kräfte eines ganz hohen übersinnlichen Schauens notwendig. Nur die höchsten, dem Menschen noch erreichbaren Grade der Intuition reichen da heran. Und zwar nicht jenes verschwommene Ahnen und halbvisionäre Träu­men, was man jetzt so häufig Intuition nennt, sondern die aus­gesprochenste, nur mit dem mathematischen Denken ver­gleichbare innere Sinnesfähigkeit.

Es hat nun.in den Geheimschulen Menschen gegeben und gibt noch solche, welche in diesem Sinne Astrologie treiben können. Und was in den zugänglichen Büchern darüber steht, ist auf irgendeine Art doch einrnal von solchen Geheimleh­rern ausgegangen. Nur ist alles, was über diese Dinge handelt,

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dem landläufigen Denken auch dann unzugänglich, wenn es in Büchern steht. Denn um diese zu verstehen, gehört selbst wieder eine tiefe Intuition. Und was nun gar den wirklichen Aufstellungen der Lehrer von solchen nachge­schrieben worden ist, die es selbst nicht verstanden haben, das ist natürlich auch nicht gerade geeignet, dem in der gegen­wärtigen Vorstellungsart befangenen Menschen eine vorteil­hafte Meinung von der Astrologie zu geben. Aber es muß gesagt werden, daß dennoch selbst solche Bücher über Astro­logie nicht ganz wertlos sind. Denn die Menschen schreiben um so besser ab, je weniger sie das verstehen, was sie ab schreiben. Sie verderben es dann nicht durch ihre eigene Weisheit. So kommt es, daß bei astrologischen Schriften, auch wenn sie noch so dunklen Ursprungs sind, für denjeni-gen, welcher der Intuition fähig ist, immer Perlen von Wahr­heit zu finden sind - allerdings nur für einen solchen. Im all­gemeinen sind also astrologische Schriften in ihrer Art heutc sogar besser als die vieler anderer Erkenntniszweige.

Dabei soll eine Bemerkung nicht unterdrückt werden. Ls herrscht in der Gegenwart die größte Verwirrung über dcn Begriff der Intuition. Man sollte sich klarmachen, daß die heutige Wissenschaft den Begriff des Intuitiven überhaupt nur auf dem Felde der Mathematik kennt. Allein, diese ist unter unseren Wissenschaften eine auf reiner innerer An­schauung beruhende Erkenntnis. Nun aber gibt es eine sol­che innere Anschauung nicht nur für Raumgrößen und Zah-len, sondern auch für alles andere. Goethe hat zum Beispiel auf dem Gebiete der Botanik eine solche intuitive Wissen­schaft zu begründen versucht. Seine «Urpflanze» in ihren verschiedenen Metamorphosen beruht auf innerer Anschau­ung. Grund genug ist das dafür, daß die gegenwärtige Wis­senschaft überhaupt keine Ahnung davon hat, worauf es bei Goethe in dieser Beziehung ankommt. Für viel höhere Gebiete bringt die Theosophie Erkenntnisse durch inneres Anschauen herbei. Auf solchem beruhen ihre Aussagen über Wiederverkörperung und Karma. Man darf sich nicht wun­dern,

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daß Menschen, die keine Ahnung haben von dem, wor­auf es bei Goethe ankommt, auch ganz außerstande sind, die Quellen der theosophischen Lehren zu verstehen. Gerade das Sichvertiefen in so wertvolle Schriften, wie zum Beispiel Goethes «Metamorphose der Pflanzen» eine ist, könnte als eine vortreffliche Vorbereitung für die Theosophie dienen. Dazu fehit freilich auch vielen Theosophen die Geduld. Wenn man sich aber an solch einem lebensvollen intuitiven Werk, wie das genannte ist, hinaufgerungen hat zu einer Erfassung dessen, worauf es ankommt, dann wird man den Weg schon weiter finden. - Die astrologischen Gesetze beruhen nun allerdings wieder auf solchen Intuitionen, gegenüber denen auch die Erkenntnis von Wiederverkörperung und Karma noch sehr elementar ist.

Diese Angaben sind gewiß sehr dürftig, aber sie können vielleicht doch einen schwachen Begriff von einer Sache geben, von welcher diejenigen zumeist gar nichts wissen, die sie bekämpfen, und über welche auch viele von denen recht schiefe Vorstellungen haben, die sie verteidigen. Man halte nur das Verständnis für solche Dinge nicht für wertlose, un­praktische Betätigung, ohne Beziehung zum wirklichen prak­tischen Leben. Der Mensch wächst durch das Einleben in die übersinnlichen Welten nicht nur in bezug auf seine Erkennt­nis, sondern vor allem moralisch und seelisch. Schon eine schwache Vorstellung davon, welche Stellung er einnimmt im Zusammenhange des Sternensystems, wirkt zurück auf seinen Charakter, auf seine Handlungsweise, auf die Rich­tung, die er seinem ganzen Sein gibt. Und viel mehr als sich heute mancher vorstellt, hängt eine Fortentwickelung unse­res sozialen Lebens von dem Fortschreiten der Menschheit auf dem Wege zu übersinnlicher Erkenntnis ab. Für den Ein­sichtigen ist unsere jetzige soziale Lage doch nur ein Ausdruck des Materialismus im Erkennen. Und wenn dieses Er­kennen von einem geistigen abgelöst werden wird, dann wer­den auch die äußeren Lebensverhältnisse besser werden.

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#TI

Kann die Theosophie populär dargestellt werden?

#TX

Es wird folgende Frage gestellt: «Wenn die Theosophie wirklich in das Leben unserer Zeit eingreifen soll, so müssen ihre Lehren allgemein verständlich sein. Nun scheint es aber, als ob gerade in dieser Beziehung die Schriften und Vorträge auf theosophischem Gebiete viel zu wünschen übrigließen. Sie setzen alle eine gewisse Schulung des Denkens voraus, und man kann nur schwer hoffen, daß sie sich den Weg in weitere Kreise bahnen werden. Zuweilen kommt es einem vor, als ob die Theosophie eine solch hohe Vorbildung vor­aussetzen würde, daß es überhaupt unmöglich ist, sie populär zu machen. Oder gibt es einen Ausweg aus dieser Gefahr?»

Es soll nicht in Abrede gestellt werden, daß Bedenken, wie sie hier geäußert werden, eine gewisse Begründung zu haben scheinen. Bei näherem Zusehen werden sie aber doch schwin­den. Vor allem muß man sich klarmachen, daß die theoso­phische Bewegung erst seit dreißig Jahren besteht. Sie konnte daher noch nicht auf allen Gebieten dasjenige tun, was zu leisten ist. Sie wird Mittel und Wege finden, um zu einem jeden Grade von Bildung zu sprechen. Denn sie kann unbe­dingt sowohi eine solche Form finden, die für den einfachen, naiven Menschen verständlich ist, wie sie auch imstande ist, die strengsten Anforderungen des wissenschaftlichen Den­kers zu befriedigen. Man darf aber eines nicht außer acht las­sen. Oftmals, wenn von der Schwerverständlichkeit der theo­sophischen Lehren gesprochen wird, so rührt das nicht davon her, daß diese an sich dem Begreifen Schwierigkeit machen, sondern davon, daß die gegenwärtige Vorstellungswelt sich befremdet fühlt von dem, was von den Theosophen vorge­bracht wird. Und dann sagen die Zuhörer oder Leser sich nicht, daß ihnen die Dinge ungewohnt seien, sondern sie be­haupten einfach: das verstehen wir nicht. Nicht Vorbildung, sondern Unbefangenheit ist dasjenige, was in dieser Bezie­hung oft mangelt. Denn die Theosophie sagt nichts, was nicht im Grunde tief in jeder Menschenseele eingeschrieben

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ist. Und um das hervorzuholen, ist nicht Gelehrsamkeit, son­dern vor allem guter Wille notwendig.

In unserer Zeit fehlt vielfach das Bewußtsein, daß man sich zur Erkenntnis hinaufarbeiten muß. Man möchte alles so dar­geboten haben, daß man es ohne alle Anstrengung in das ein-ordnen könne, was man ohnedies schon denkt und empfindet. Mit sich zu Rate gehen, eine innere geistige Arbeit leisten, sich im Denken anstrengen: das hat man in weitesten Kreisen verlernt. Diejenigen Redner und Schriftsteller sind die belieb­testen, bei denen man hört oder liest, was sich bei flüchtigem Hören und Lesen sogleich als etwas mehr oder weniger Ge­wohntes ausnimmt. Auf diese Zeiteigentümlichkeit einzu­gehen, ist aber denen, welche über geistige Dinge sprechen, durchaus nicht immer möglich. Sie wissen, daß es nichts hilft, wenn sich jemand nur so flüchtig bekannt macht mit dem, was sie zu sagen haben. Solange man im Gebiete der Sinnen-welt bleibt, ist es möglich, jeder Anforderung nach leichter Faßlichkeit zu genügen. Steigt man aber in das geistige Gebiet hinauf, so würde ein gleiches bedeuten, daß man überhaupt darauf verzichtet, die Dinge so zu sagen, wie sie der Wahrheit entsprechend gesagt werden müssen.

Man sollte nicht nur fordern, daß sich die geistigen Lehren dem Verständnisse, das man gerade hat, anpassen, sondern man sollte die Verpflichtung fühlen, sich selbst diesen Lehren anzupassen. Man sollte doch bedenken, daß die menschliche Seele entwickelungsfähig ist. Was sie heute nicht verstehen kann, das wird ihr gewiß morgen zugänglich sein. Es wäre gut, wenn man möglichst wenig gegen gewisse Darstellungen der Wahrheit den Einwand hörte: «Dies ist zu hoch. Das sollte populärer dargestellt werden. »Richtigerwäre es, einzu­sehen, daß es notwendig ist, das «Hohe» als solches populär zu machen. Der Mensch hat nicht sehr viel davon, wenn er einfach von diesem oder jenem Kenntnis nimmt; aber es nützt ihm ungemein, wenn er seine Vorstellungen verfeinert, wenn er sich Begriffe aneignet, die er vorher noch gar nicht gehabt hat. Es ist gewiß sehr erstrebenswert, daß zum Beispiel

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die Lehren von «Wiederverkörperung» und «Karma », von den «höheren Welten» und so weiter in den weitesten Kreisen bekannt werden. Aber diese Lehren können erst im rechten Lichte gesehen werden, wenn sie durch innere Ge­dankenarbeit beleuchtet werden. Es soll durchaus nicht ge­glaubt werden, daß es Menschen gebe, die durch ihren nie­deren Bildungsgrad zu solcher Gedankenarbeit ungeeignet wären. Alle gesund denkenden und empfindenden Menschen sind dazu fähig. Es gehörte nur eine geringe Mühe dazu; und man könnte selbst allen, die nicht einmal lesen und schreiben gelernt haben, die Grundlehren der Theosophie beibringen. Solche Menschen haben oftmals sogar viel mehr als die Ver­lernten das Gefühl, daß sie sich innerlich anstrengen müssen, um das zu verstehen, was in die geistigen Welten führt.

Will man aber diese Sache ganz richtig beurteilen, so darf man nicht außer acht lassen, daß die Anschauungen, welche nur dasjenige als wirklich gelten lassen wollen, was sich mit Augen sehen und mit Händen greifrn läßt, heute durch un­zählige Kanäle an die Menschen herandringen. Mit jedem Blick in die Zeitung atmet man geistig solche Anschauungen ein. In einer unermeßlich großen Flut von populären Büchern und auf andere Weise dringen diese Lehren in die weitesten Kreise. Und solche Dinge sind natürlich verständlich, denn nichts ist leichter zu erfassen als das Handgreifliche. Wer immer solche geistige Nahrung in sich saugt, bei dem ist es gar nicht zu verwundern, wenn er findet, daß die theoso­phischen Ideen «unverständlich» sind. In Wirklichkeit aber muten sie ihn nur fremdartig an. - Man hört auch so oft, ja, was ihr Theosophen da behauptet, das könnt ihr doch nicht «beweisen». Die Naturforscher «beweisen»; ihr aber stellt nur Behauptungen hin. Aber man sollte doch bedenken, daß sich die theosophische Wahrheit ganz von selbst beweist in dem Augenblicke, wo man sein Denken und Fühlen erst dazu vorbereitet hat. Um Entwickelung der in jedem Menschen schlummernden Geistesfähigkeiten handelt es sich. Wer den «Beweis» verlangt vor dieser Entwickelung, der verkennt

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ganz, worauf es ankommt. Es ist da ungefähr wie bei einem großen Kunstwerke. Kann es sich je darum handeln, zu be­weisen, daß dasselbe « groß» ist. Nein, sondern es handelt sich darum, daß in dem Beschauer die Empfindungsfähigkei­ten vorhanden seien, um zu erkennen, was darinnen ist. Nicht um «Beweise», sondern um «Weckung von Kräften» handelt es sich in der Theosophie. Und diese Kräfte können injedem Menschen geweckt werden. Allerdings denken dabei gleich die meisten an «okkulte», an «höhere» Kräfte. Gewiß kann man im Fortgange der geistigen Entwickelung auch zu die­sen kommen. Und in dieser Zeitschrift ist genug von den Mitteln und Wegen zu solchem Fortgange die Rede. Aber man rechne doch auch ein gesundes, entwickeltes Denken und Fühlen zu den Kräften, die auf jeder Stufe einer Ent­wickelung, also in gewissem Sinne einer «Weckung» fähig sind. Wer materialistisch denkt, der zeigt damit nur, daß er nicht fähig geworden ist, über das Handgreifliche hinauszu­denken. Wenn er nun verlangt, man solle ihm, ohne daß er erst die Unbefangenheit des Denkens gewinnen will, «be­weisen», daß es eine geistige Welt gebe, so fordert er eben Unmögliches. Man kann doch nicht das « Geistige » in das Gebiet des Handgreiflichen überführen. Es ist tatsächlich so, daß manche solches verlangen, wenn sie sich auch dessen nicht voll bewußt sind.

Jüngst sagte nach einem theosophischen Vortrag über das Christentum ein Geistlicher, der zugehört hatte: ja, das ist alles recht schön und gut; aber diese Lehren können immer nur für einige Auserwählte sein, während wir von den gei­stigen Welten so sprechen, daß uns «alle» verstehen können. Der theosophische Redner mußte darauf erwidern: «Wenn Sie wirklich recht hätten, dann brauchte ich überhaupt nicht zu sprechen, und dann wäre allerdings Theosophie gegen­wärtig die überflüssigste Sache von der Welt. Aber hätten Sie recht: dann könnte es doch nicht so viele geben, die sich abwenden von Ihrer Darstellung der geistigen Welt, weil sie sich unbefriedigt fühlen. Es ist doch ein klarer Beweis dafür,

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wie Sie Unrecht haben, daß ein solcher Abfall möglich ist. Und gerade diejenigen, welche durch Sie nicht mehr den Weg ins Geistige finden, diese können ihn durch die Theosophie finden.» Wenn man doch sich mehr nach den «tatsächlichen» Wahrheiten richten möchte, und weniger nach den Meinun­gen, die man sich bildet, ohne viel auf die Tatsachen zu sehen. Nicht darauf kommt es an, daß ich mir einbilde, ich habe die rechte Art, zu «allen» zu sprechen, sondern darum handelt es sich, daß ich die Tatsachen wirklich beobachte. Der oben angeführte Geistliche hat das letztere außer acht gelassen. Er ist von vornherein überzeugt, daß « seine» Art zu lehren, «allen» etwas sein könne. Ein Blick in die wirkliche Welt könnte ihm das Gegenteil zur Überzeugung machen. - Zu ähnlichen Antworten wird man überall kommen können, wo Bedenken wie das obige geäußert werden. Ein genaues Ein­gehen auf das Wesen und die Aufgabe der Theosophie wird abführen von den Zweifeln, daß dieselbe volkstümlich wer­den könne.

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Wie hat man sich Gesundheit und Krankheit

im Sinne des Karmagesetzes zu denken?

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Es wird folgende Frage vorgelegt: «Wie hat man sich Gesund­heit und Krankheit im Sinne des zu denken?»

Da demnächst über diese Frage eine ausführlichere Darle­gung erscheinen wird, so kann für diesmal die Beantwortung kurz gefaßt werden. Wie in allen Dingen, welche den Menschen betreffen, so darf auch in bezug auf Gesundheit und Krank­heit die Sache nicht so gefaßt werden, als ob sie ohne wei­teres « Strafe» und «Lohn» wären für das, was er, der Mensch, in einem früheren, oder vielleicht gar in «diesem» Leben be­gangen hat. Es kann zum Beispiel eine Person von einer Krankheit befallen werden, für welche gar keine Ursache nachgewiesen werden kann, weder im früheren, noch in dem gegenwärtigen Leben. Dann tritt die Krankheit gewisser­maßen als ein « erstes» Ereignis in den menschlichen Lebenslauf

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ein, sie ist selbst eine «erste» Ursache. Sie wird dann eben ihre Wirkung in irgendeiner Art in dem folgenden Lebenslauf nach sich ziehen. Das Karmagesetz wirkt unbedingt überall; aber man darf nicht glauben, daß man überall bloß Wirkun­gen hat, zu denen die Ursachen in der Vergangenheit liegen; ebenso kann man es mit Ursachen zu tun haben, deren Wir­kungen in der Zukunft liegen werden. Über die gesetzmäßi­gen Zusammenhänge kann nach den okkulten Erfahrungen mancherlei gesagt werden. Zum Beispiel zeigen sich Dinge, welche in einem Leben den Astralleib betreffen, in einem nächsten als eine Anlage des Ätherleibes. Lügt der Mensch häufig in seinem Leben, so ist das in eben diesem Leben nur einer Eigenschaft des Astralleibes zuzuschreiben. Die Wie­derholung des Lügens aber teilt sich nach und nach dem Ätherleib mit, und als Folge zeigt sich in einem nächsten Leben eine leichtfertige, phlegmatische Art der Persönlich­keit, welche auf gewissen Eigenschaften des Ätherleibes beruht. Fügt ein Mensch seinen Mitmenschen viel Schmerzen zu, so beruht auch dies zunächst auf Merkmalen des Astral­leibes; aber auch da wirkt die Wiederholung so, daß dem Atherleib etwas mitgeteilt wird, was sich im nächsten Leben als melancholische Aniage zeigt, die ja auch auf Eigenschaf­ten des Ätherleibes beruht. - Ein weiteres Beispiel kann angeführt werden. Wenn sich bei einer Person eine gewisse sinnwidrige Gewohnheit ausbildet, so beruht dies in dem entsprechenden Leben auf Merkmalen des Ätherleibes. Im nächsten Leben aber zeigt es sich, daß diese Gewohnheit auf die Zusammensetzung des physischen Leibes gewirkt hat. Und eben die hier vorhandene Wirkung zeigt sich als Krank­heitsanlage. Man kann geradezu die Ursache einer krankhaf­ten Veranlagung in einer Ausbildung schlechter Gewohn­heiten in einem früheren Leben erkennen. Aber alle diese Zusammenhänge sind sehr kompliziert, und man kann Be­stimmtes darüber nur auf Grund einzelner wirklicher okkul­ter Erfahrungen aussagen. Gesundheit ist im allgemeinen die Wirkung von guten, sinngemäßen Gewohnheiten in einem

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vorangegangenen Leben. Man kann nach vorliegenden ok­kulten Forschungen für einzelne Fälle zum Beispiel folgendes sagen: ein gedankenioses Leben führt in einem nächsten Dasein zu einer leichtlebigen Anlage, die sich insbesondere in Vergeßlichkeit, Gedächtnislosigkeit ausprägt, in einem wei­teren Leben erscheint die Vergeßlichkeit als eine krankhafte Anlage, die gegenwärtig vielfach als «Nervosität» bezeichnet wird. Man wird das Karmagesetz erst dann richtig verstehen, wenn es nicht im Sinne der gewöhnlichen menschlichen Justizpflege, sondern in einem viel höheren aufgefaßt wird.

DIE KULTUR DER GEGENWART IM SPIEGEL DER THEOSOPHIE ZU DEM BUCHE VON THÉODULE RIBOT, «DIE SCHÖPFERKRAFT DER PHANTASIE»

#G034-1960-SE407 - Luzifer-Gnosis 1903 - 1908

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DIE KULTUR DER GEGENWART IM SPIEGEL DER THEOSOPHIE ZU DEM BUCHE VON THÉODULE RIBOT, «DIE SCHÖPFERKRAFT DER PHANTASIE»

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Zu einer Überschau über das Kulturleben der Gegenwart soll sich das ausgestalten, was an dieser Stelle der Zeitschrift in jeder Nummer dargeboten wird. Wenn diesmal das Kapitel viel kürzer ist, als das künftig der Fall sein wird, so liegt das daran, daß im ersten Heft der Raum vor allen Dingen grund­legenden Darstellungen unserer Ziele und Wege gewidmet werden mußte. Aber es sollen hier nicht etwa weltfremde Theorien und Dogmen, sondern unmittelbares Leben ge­pflegt werden. Nach allen Seiten soll das geistige Auge blik­ken, um die Wege der Seele und des Weltengeistes zu erfor­schen. Wissenschaft, Kunst, sittliche und gesellschaftliche Kultur der Gegenwart sollen in die Perspektive gerückt wer­den, die diese Zeitschrift zu der ihrigen macht. Nur solche Auseinandersetzung kann wirklich im Sinne einer Erkennt­nis der geistigen Weltgesetze fruchtbar sein. - Wer etwas zu solcher Auseinandersetzung beizutragen hat, dem wird stets dieser Teil unserer Zeitschrift offenstehen. Jede kurze Notiz und jede längere Darlegung auf diesem Gebiete werden stets willkommen sein. Das eine nur wird berücksichtigt werden müssen: Gegner in dem Sinne wie eine trockene Verstandes-Einsicht und eine leidenschaftliche Dogmatik sie haben, kann unser Gesicjatspunkt nicht haben. Es gibt für ihn eine gerin­gere und eine weiter reichende Erkenntnis; aber nichts abso­lut « Wahres» und « Falsches». Der « Irrtum» tritt nur dann auf, wenn eine geringe Erkenntnis über Dinge aburteilen will, die außerhalb ihres Gesichtskreises liegen. Für denjenigen,

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der den wahren Tatbestand durchschaut, kann es sicli dann nicht um eine sogenannte logische Widerlegung handeln, sondern einzig und allein darum, einzusehen, wie irgend jemand, von seinem Gesichtspunkte aus, zu seinen Urteilen kommt; und zu zeigen, wie er sich von diesem seinem Gesichtspunkt zu einem höheren erheben sollte. Der Standpunkt, den die Vedantaweisheit einnimmt, wenn sie etwa dem materialistisch Gesinnten antwortet, soll derjenige sein, der in dieser Zeitschrift eingenommen wird: «Alles ist vortrefflich bei Ihnen, mein lieber Bruder, da Ihre Hypo­these Ihnen zusagt... Aber ... haben Sie Beweise, um Ihre Behauptung zu bekräftigen? Haben Sie sie bewahrheitet? Wenn Sie das nicht getan haben, warum ärgern Sie sich? Warum sind Sie uns böse? Sie haben nur eine Hypothese ohne Möglichkeit, sie zu bewahrheiten; wir aber geben Ihnen eine Methode an, durch welche Sie selbst unsere Behauptun­gen bewahrheiten können, wenn Sie sich die Mühe geben wollen. Seien Sie doch ein wenig duldsamer gegen uns.» (Siehe «Die Geheim-Philosophie der Inder». Von Brama­charin Bodhabhikshu.)

Hier soll gleich aufmerksam gemacht werden auf Anschau­ungen der Gegenwart, die sich aller eigentlichen Geistes-Erkenntnis schroff gegenüberstellen. Diese Anschauungen kommen klar und scharf in einem bemerkenswerten Buche zur Darstellung, das vor kurzem erschienen ist: «Die Schöp­ferkraft der Phantasie» (deutsch erschienen: Bonn, Verlag von Emil Strauß, 1902). Sein Verfasser ist der französische Philosoph Th. Ribot. Man kennt ihn aus seinen verdienst­lichen Forschungen über den «Willen» und über das «Ge­dächtnis». Was er zu sagen hat, ist charakteristisch für eine gewisse «wissenschaftliche» Denkungsweise der Gegenwart. Er wird und muß, von dem Gesichtspunkte dieser Den­kungsweise aus, verurteilen, was sich diese Zeitschrift zu pflegen vorgesetzt hat. Für ihn kann das alles nur sein: Gegenstand der «mystischen Phantasie». Er setzt sich mit dieser «mystischen Phantasie» auseinander (vergleiche Seite

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115 2 ff. des genannten Buches). Er faßt sein Urteil so zusam­men: «An freiem Schwange, an Mannigfaltigkeit und Reich­turn steht die mystische Phantasie keiner anderen Phantasie nach, nicht einmal der ästhetischen, obwohl diese, nach allgemeiner Meinung, der Typus der Phantasie par excellence ist. Nach den tollkühnsten Verfahren der Analogie hat sie Weltanschauungen fast nur aus Gefühlen und Bildern kon­struiert, und Symbole sind das Material ihrer ragenden Bau­... ... So entstehen belebte Abstraktionen, allegorische Wesen, Nachfolger der alten Götter und Geister» (Seite 161 f.). - Woher rührt es, daß Ribot in den Vorstellungen des Mystikers nur Geschöpfe einer ungezügelten Phantasie sieht? Und woher rührt es, daß er in den Vorstellungen des gegen­wärtigen Wissenschafters nicht solche sieht? Es rührt von dem Gesichtskreise Ribots her. Und da Ribot zu den Besten und Scharfsinnigsten unserer gegenwärtigen Wissenschafter ge­hört, so ist seine Anschauung im besonderen Maße beachtens­wert. Der Gesichtskreis dieser Wissenschaft kennt nur Erfah­rungen, die durch die Sinne vermittelt werden. Er will sich daher auch nur über diese sinnlichen Erfahrungen Begriffe bilden.

Wer das individuelle Seelenleben des Menschen und das in diesem zum Dasein kommende allgemeine Geistesleben erkennen will, muß auf beide ebenso unbefangen eingehen, wie der Naturforscher auf die Tatsachen eingeht, die ihm seine Sinne, seine Instrumente und seine Berechnungen zei­gen. Der Naturforscher wird - mit vollem Rechte - nieman­dem ein Urteil über die Gesetze der tierischen Entwickelung zugestehen, der sich nicht mit den Methoden und For­schungsweisen der Lehre von den Lebewesen bekannt ge­macht hat. Man kann unserem größten Naturdenker, Ernst Haeckel, nur restlos zustimmen, wenn er seinen Bekämpfern sagt: «Erweirbet euch durch fünfjähriges, fleißiges Studium der Naturwissenschaft und besonders der Anthropologie (speziell der Anatomie und Physiologie des Gehirns!) diejenigen un­entbehrlichen empirischen Vorkenntnisse der fundamentalen Tatsachen, die euch noch gänzlich fehlen.» - Den Bekämpfern

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der «ungezügelten mystischen Phantasie» müßte man nur in derselben Richtung sagen: Gebt euch unbefangen den Tatsachen des Seelenlebens hin, übertäubt nicht die Sprache dieser Tatsachen durch Vorurteile, die ihr euch gebildet habt, und durch den Glauben, daß ihr nur da Wirklichkeit finden könnt, wo eure Sinne euch von einer solchen überzeugen. Es ist nur natürlich, daß derjenige, der von vornherein nur den Tat­sachen der Sinne Wirklichkeit zugesteht, von den Darlegun­gen der Mystiker so sprechen muß wie Ribot. Dieser sieht nicht die Tatsachen, die den Vorstellungen der Mystiker zu­grunde liegen. Sie erscheinen ihm deshalb so, wie dem Zu­hörer die Darstellungen eines Entdeckungsreisenden von einem Lande erscheinen müssen, an das er nicht glaubt, son­dern von dem er annimmt, daß es nur von dem Reisenden vorgeschwindelt sei. - Unsere rein auf die Tatsachen der Sinnenwelt gerichtete Naturwissenschaft hat die Denker ein­fach der Beobachtung nicht sinnenfälliger Tatsachen entwöhnt. Diese Denker sollten sich nur eines sagen: Wie wenig ange­messen wäre es unserem ganzen wissenschaftlichen Glau­bensbekenntnis, wenn wir über die Tatsachen der Physiologie absprechen würden, ohne uns mit ihnen befaßt zu haben! Und sie müßten dann den Schluß ziehen: Tun wir denn nicht genau dasselbe auf dem Gebiete der nichtsinn/ichen Erfahrung! Wir reden über Mystik wie der Bauer über Anatomie: das wäre die Antwort, die sie sich - gemäß ihrem wissenschaft­lichen Gewissen - geben müßten. - Es ist in unserer Zeit ein Zug tiefster Unbefriedigung der Gemüter, der durch die geschilderte Entwöhnung von nichtsinnlichen Erfahrungen erzeugt worden ist. Und zugleich eine tiefe Sehnsucht nach den Erfahrungen, die auf den Wegen der Seele gemacht wer­den können. - Ernstere und gründlichere Persönlichkeiten fühlen das. Literarische Erscheinungen der letzten Zeit sind ein deutlich sprechender Beweis dafür. In dem nächsten Hefte sollen an dieser Stelle unserer Zeitschrift solche Er­scheinungen eingehend besprochen werden. Es werden vor allem hier in Betracht kommen Schriften wie Maurice Mae­terlincks

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«Begrabener Tempel», Bruno Willes «Offenbarun­gen des Wachholderbaums », Eug. Heinr. Schmitts «Gnosis», Wolfgang Kirchbachs « Was lehrte Jesus». Gerade aus ihnen ergeben sich für den Beobachter der Zeit die beiden oben gekennzeichneten charakteristischen Züge der Gegenwart in besonderem Maße. Ein helles Licht auf alle diese Strebungen zu werfen ist ein eben erschienenes Buch berufen: Annie Besant, «Esoterisches Christentum, oder die kleineren Myste­rien» (deutsch von Mathilde Scholl in Griebens Verlag, Leip­zig). Auch dieses Buch soll im nächsten Heft ausführlich besprochen werden. - Zunächst muß sich hier dann auch eine Betrachtung der Ergebnisse hypnotischer und ähnlicher For­schungen für die Erkenntnis des Geisteslebens anschließen.

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ZUM BUCHE VON EUGEN HEINRICH SCHMITT,

«DIE GNOSIS»

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Auch in denjenigen Gebieten des gegenwärtigen Geistes­lebens, in denen keine unmittelbaren mystischen und theoso­phischen Erkenntnisse erstrebt werden, sind Strömungen vorhanden, die für den Mystiker und den wahren Theoso­phen eine prophetische Sprache führen. Viele stehen nahe vor der Eingangstür zur Mystik, und können nur die letzten Schritte nicht machen. All ihr Herzensdrang, all ihre idealeren Gedanken weisen sie zu einer höheren Anschauung über Seele und Geist, aber sie machen im Vorraum halt, weil die Verstandeskultur der letzten Jahrhunderte zu drückend auf ihren geistigen Kräften lastet. Dann steht ihnen der Mystiker gegenüber und bewundert die Kraft, mit der sie nach der Wahrheit ringen, bewundert oft die unbefangene Kühnheit, mit der sie sich über alle Vorurteile ihrer Umgebung hinweg-kämpfen; er muß sich doch gestehen, daß sie auf halbem Wege stehenbleiben. Aber, wenn er genauer zusieht, wird ihm der Trost, daß sie einer Zukunft vorarbeiten, die auch in seiner Richtung liegt, daß sie Vorstellungen und Anschauungen

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vorbereiten, die, wenn auch vielleicht nicht in ih n e n selbst, so doch in andern echte Geisteserkenntuisse bringer werden. Sie wirken wahrlich nicht vergebens. Hier soll auf einen der Besten aus diesen Reihen zunächst hingewiesen Werden. Eugen Heinrich Schmitt, der einsame Denker in Budapest, hat vor kurzem den ersten Band seines bedeutsamen Werkes über die Gnostiker erscheinen lassen. In einer begeisternden Sprache, mit hohem Gedankenflug erhebt er sich zu den Erforschern des geistigen Lebens. Mit Einsicht wendet er sich gegen die materialistischen Zeitgedanken, die in den rein stofflichen Prozessen das Weltgeheimnis erkunden wol­len, die den Geistmenschen zum Tiermenschen wissenschaft­lich erniedrigen, weil sie nur das, was physisch und chemisch an dem Organismus ist, sehen können. Schmitt schildert ein-dringlich, wie das menschliche Gedankenleben seine selbst-eigene, seine Ewigkeitsbedeutung hat, die es erhebt über die vergänglichen, sich immer bildenden, und sich immer lösen­den stofflichen Vorgänge der Sinnenwelt. Er hat kräftige Farben, zu zeigen, wie der Mensch, der, diese Ewigkeitsbe­deutung erfassend, in Gedanken zu leben weiß, in sich den Strom des Urgeistes, des Allgesetzes verspürt, von dem der keine Ahnung hat, der seine Gedanken nur als Abbilder des­sen ansieht, was sich draußen vor seinen Augen und Ohren abspielt. «So wie die sinnliche Erscheinungswelt in allen ihren Bildern und Empfindungen und den Trieben und Re­gungen, die sich diesen verbinden, den Charakter der Leb­haftigkeit und Endlichkeit trägt», einen derben und groben «Grundton der Empfindung zeigt, auch dort, wo die Er­scheinung selbst in schwächerer Weise und kaum merklich über die Schwelle des Bewußtseins tritt, - so zeigt das Be­wußtsein eines rein mathematischen Gesetzes oder einer rein logischen Kategorie (Gedankenform) in ihrem Gegensatz zu den sinnlichen Gegenständen, auf die sie sich beziehen, stets einen eigentümlichen, hier noch schwer zu beschreibenden Charakter des Ätherischen, Feinen. Dieser Charakterzug ist derart prägnant, daß das gemeine Bewußtsein diese Erscheinungsformen

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als Nicht-Seiendes, als im Ge­gensatz zu den Formen des sinnlichen Bewußtseins kenn­zeichnet, welche letztere man stets geneigt ist als ein Existie­rendes, Reales aufzufassen, wenn auch etwa nur im Sinne einer schwächerer Affektion des Sinnesorganes, dem sie sich bieten. » (E. H. Schmitt: «Die Gnosis». Verlegt von Eugen Die derichs. Leipzig 1903. Seite 37.) - Von solchem Ge­sichtspunkte aus verfolgt Schmitt das Gedankenleben der großen Gnostiker, von den alten Ägyptern und Persern an bis in die nachchristlichen Jahrhunderte. Der Mystiker muß es mlt Befriedigung sehen, wie hier erkannt wird, daß der Mensch in dem Ewigen ruht, wenn er sich in seine Gedanken versenkt, wie Schmitt in den Gedanken einen Teil des All-geistes erkennt. Allein, er muß zugleich sehen, wie nicht zum wahren, echten Leben des Geistes fortgeschritten wird. Unsere Gedanken sind dem Mystiker eine Sprache, die Ewi­ges so gut auszusprechen vermag wie das Vergängliche der Sinnenwelt. Aber wir können nicht dabei stehenbleiben, bloß diese Eigentümlichkeit unseres Denkens fortwährend zu be­tonen, wie es Schmitt tut. Er ist deshalb ein Schätzer der Gnostiker, der ihre Gedanken vorführt; allein, diese Gedan­ken haben in seiner Darstellung etwas Blasses, Schemenhaf­tes. Er kann nicht nach/eben, was sich im Geiste dieser großen Mystiker abgespielt hat, und was sie geschaut haben. Der Mystiker öffnet sein Denken einer höheren Welt, wie der auf die Sinnenwelt beschränkte Mensch dieses Denken den sinn­lichen Eindrücken eröffnet. Und wie uns der Gedanke der Blume blaß und schattenhaft erscheint, wenn er uns von jemand geschildert wird, der die Blume selbst nicht lebend gesehen hat, so sind Schmltts Gedanken. Er ist Denker, aber nicht Mystiker. Er nimmt die geistige Welt nicht so wahr, wie der Sinnenmensch seine Welt wahrnimmt. Er kann den Gedanken schätzen, aber nicht beleben. Die Verstandeskultur unserer Zeit wirkt auch auf diesen kühnen und freien Denker noch lähmend. - Und solche Erfahrung wird uns auf vielen Seiten. Wir wollen, von da ausgehend, in dem nächsten

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Hefte zwei andere freie Denker der Gegenwart betrachten: Bruno Wille und Wolfgang Kirchhach - und dann zeigen wie unsere Verstandeskultut selbst solchen Etscheinungen machtlos gegenübersteht, die durch die Gewalt, mit der sie auftreten, auch unsere «Aufklärer» im höchsten Grade beunruhigen: der Hypnotismus und der Somnambulismus.

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ZUM BUCHE VON BRUNO WILLE,

«OFFENBARUNGEN DES WACHHOLDERBAUMS »

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Unter den literarischen Erscheinungen der Gegenwart, die nach einer Vertiefung unserer Geisteskultur die Wege weisen wollen, dürfte wohl Bruno Willes Buch «Offenbarungen des Wachholderbaums », Roman eines Allsehers (verlegt bei Eugen Diederichs in Leipzig 1901, 2 Bände) eine der bedeu­tungsvollsten sein. Das Buch hat etwas «Repräsentatives nn für unsere Zeit: das Wort «repräsentativ» so gebraucht, Wie der große Amerikaner Emerson von «repräsenitativen » Per­sönlichkeiten der Weltgeschichte spricht und diejenigen meint, die gleichsam zusammengedrängt in ihrer Person typi­sche Empfindungen und Gedanken bergen. Solche, die im übrigen auf viele verteilt sind, aber doch eine gewisse in sich zusammengehörige Seite menschlichen Strebens, gleichsam einen notwendigen Ton in der großen Symphonie menschli­chen Wirkens ausmachen. In diesem Sinne ist Willes «Roman eines Allsehers» repräsentativ für unsere Zeit. Er bringt zu­sammengedrängt die Empfindungen und Gedanken all der tieferen Naturen der Gegenwart zum Ausdrucke, die erfüllt sind von einem Streben nach Vergeistigung unserer in rein äußerlichem Leben aufgehenden Kultur. - Und er bringt diese Empfindungen und Gedanken in einer echt künsteri­schen Form. Diese ist besonders reizvoll dadurch, daß das Streben nach Erkenntnis und nach einer neuen Art religiöser Andacht in eine persönliche Lebensgeschichte verwoben wird, so daß uns in dem «Helden» des Weltromans ein

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Mensch nach allen Seiten seines Daseins entgegengebracht wird. Von den unmittelbaren Ereignissen des in den Alltag hineinspielenden Gefühls- und Leidenschaftslebens bis in die höchsten Sphären alldurchdringender Erkenntnis und freier, menschenwürdiger Andacht und Frömmigkeit wird uns so die ganze Skala des persönlichen Lebens eines nach Ganzheit und Harmonie durstenden Menschen dargestellt. Und nicht minder reizvoll ist die Einführung der Natur in den Roman. Die Wesen der Natur, vor allem der Wachholderbaum, ent­hüllen selbst die Tiefen ihrer Wesenheit, und offenbaren ihre Seele, die ihnen die auf das bloß Tatsächliche und Sinnliche gerichtete Naturwissenschaft der Gegenwart absprechen will. Da Wille wahrer Dichter ist, so vermag er die Zwiesprache und das ganze Zusammenwirken und Ineinanderfühlen von Mensch und Natur in einer Art darzustellen, die im schön­sten Sinne poetisch wirkt und die dem Roman Größe und künstlerische Vollendung gibt.

Man braucht nur einen Satz aus dem Buch anzuführen, um zu zeigen, wie die Grundnote in dem Fühlen tieferer Naturen der Gegenwart hier getroffen ist. «Was ist Wahrheit? Muß nicht die Wahrheit einig sein? Was aber tun all diese Weisen, von denen ein jeder sich rühmt, die Wahrheit zu besitzen? Der Forscher zuckt verächtlich die Achsel über den Priester. Der bäumt sich dagegen wie eine Schlange und zischt: Zum Gedichte neigt sich nun der Forschä lächelnd: Der Poet erwidert: - Was ist nun Wahrheit? Wo erblüht jenes einige Schauen, das zugleich Wissenschaft ist, Andacht und Schönheit?» (1.Band, Seite 6). Wille deutet auf eine Einheit in des Menschen Seele, die eine Wahrheit findet in erhaben-schönem Gewande, so daß sie zugleich des Dichters Kunst durchgeistigt, und die so hehr, so göttlich ist, daß sie das Herz zu frommer Andacht, zu reli­iöser Stimmung drängt. Wie dagegen die moderne Wissengschaft zur Poesie sich stellt, das kommt anschaulich zum

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Ausdrucke in dem Weltbilde, das ein Professor der Anatomie i entwirft. Der auf der «Höhe wissenschaftlicher Anschauung » stehende Natur-Gelehrte spricht also zu seinen Schülern: «So erhalten wir denn, meine Herren, als Ergebnis unserer Wis­senschaft ein Weltbild, dessen Grundzüge trostlos wären, hät­ten sie nicht den einen Trost, wahr zu sein. Als Gewinn und beherzigenswerten Mentor dürfen wir den Satz betrachten: Die Welt ist ein Theater I - ... wir Wissenden stehen hinter den Kulissen; durch Gucklöcher lugen wir nach dem Publi­kum und schwanken, ob wir lachen oder weinen sollen. i . Ja, eine Schaubühne ist die Welt, und hier, meine Herren, in dieser Leiche ... ja, hier erblicken wir eine Primadonna des Gaukelspiels Leben. ... Dieser Körper, der ganz Schönheit und Poesie däuchte, stellt sich der entlarvenden Wissen-schaft dar als ein bloßer Verband von Knochen und Bändern, Muskeln, Nerven, Blut und Haut.... Und wie dies Weib, so die ganze Welt. Begeben wir uns an der Hand der Wissen-schaft hinter die Kulissen des großen Gaukelspiels . Wir sehen die Sonne heiter und gütig strahlen. Doch hinter den Kulissen ist die liebevolle Mutter ein seelenloser Feuerball. Kinder-glück, Unschuld, Hoffnung bebt in den Frühlingsknospen; Ahnungen und Wunderträume dutchschauern den Wald. So sagen die Dichter; sie wähnen die Natur zu belauschen und im Erlauschen hohe Wahrheit erfaßt zu haben. Theater-mache das alles! Subjektive Stimmung, übertragen auf seelen-lose Gegenstände. Man lügt sich selber vot, dort sei vorhan­den, was doch nur hier im Hirne webt i . . Meine Herren ! Von dieser Leiche habe ich die Hirnschale gelöst und zeige Ihnen eine graue, an Windungen und verwickelten Fasern reiche Masse, die größtenteils aus Eiweiß besteht. Jene seeli­sche Welt ist nichts als ein Vorgang in diesem Stoffe. Geist und Gemüt sind Funktionen des Gehirns. Ohne Nerven-masse wird nicht empfunden, nicht vorgestellt und gedacht, nicht gefühlt und gewollt. ... Meine Herren! Öde mag man­chem von Ihnen dies Weltbild vorkommen. In der Tat zer­stört es den naiven Glauben an das Schöne, an die Wirklichkeit

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des Schönen. Doch vor aller Poesie hat es den Vorzug, wissenschaftlich zu sein. Die Wissenschaft ist rücksichtslos, sie muß es sein, sie hat den Beruf, auch die holdesten Illusio­nen zu zerstören, um auf den Trümmern der Phantasterei den nüchternen Bau der Wahrheit zu errichten. » . . . Im Roman wird zu dieser Rede hinzugefügt: «Der Professor verbeugte sich, die Studenten trampelten und scharrten Beifall . i i »(1. Band, Seite 44ff.). - Und so tun es viele unserer Zeitgenos­sen. Sie trampeln der «nüchternen Wissenschaft», der Zer­störerin der Illusionen, Beifall und errichten sich auf der Nüchternheit eine Ansicht von der Welt, die ihnen ihre ein­zige Wahrheit, ihre einzige Religion ist. Und die tieferen Na-tuten, die nicht glauben können, daß das Höchste so seelenlos, so nüchtern, so verstandesdürr ist gegenüber den an sei-ner Oberfläche auftretenden «Illusionen», die ihm die Schön­heit, die Erhabenheit, die Beseeitheit andichten: diese tieferen Naturen fühlen die Zweifel sich in ihre Seele senken und sagen sich, was der Held unseres Romans zu dem «Wissen­schafter», seinem Freunde, sagt: «Ach freilich, es gehört zum guten Ton, die Poesie zu dulden. Wer aber glaubt an sie? Wer glaubt dem Dichter, daß die Sonne lächelt - daß sie wirklich, nicht bloß gleichsam lächelt? Sie hat doch keine Lachmuskeln, wendet deine Wissenschaft ein. Und vor Böck­lins Meerweibern tüftelt sie heraus, ein Menschenleib mit einem Fischschwanze sei anatomisch widersinnig. . . . Eine Tyrannin ist diese Art Wissenschaft ! Trostlos öde sieht es unter ihrem Szepter aus. Ich möchte ihr den Rücken kehren -mein Herz ist bei dem Aschenbrödel Poesie - ich sehne mich nach meinem Kinderglauben, dem verlorenen Paradiese. »Und wie «Freund Oswald » wird es wohl jeder «wahre » Wis­senschafter heute machen, wenn er solchen tieferen Naturen gegenübersteht. «Ungeduldig zuckte Oswald die Achseln und ging umher, indem er sich wiederholt räusperte. Das war bei ihm ein Anzeichen von Nervosität. »

Aus solchen Zweifeln heraus kann sich in dem also Sin­nenden die Vorstellung bilden: umdüstert denn wirklich der

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poetische Sinn deine Auffassung der Witklichkeit? Könnte es denn nicht auch so sein, daß, im Gegenteil, dein Verstand dir die höhere Wirklichkeit, die in den Dingen liegt, auslöscht, dich zu einem Stümper im Wahrnehmen macht; und daß der poetische Sinn dir diese höheren Wirklichkeiten erst er-schließt? Könnten so nicht hinter den Wirklichkeiten, die dein Verstand zugibt, ganz andere liegen, die diese Welt nicht zur «wissenschaftlichen» Öde verdammen, sondern die deiner Seele fromme Andacht abringen, und ihr eine wahre Religion geben? Das sind die Vorstellungen, die, unter der Schwelle des Bewußtseins unseres Allsehers, sich abspielen, und die ihn endlich dazu bringen, das Weltgeheimnis nicht mehr ausschließlich in den dürren Worten des Anatomen zu suchen, sondern es sich von dem Rauschen der Bäume im Walde, von den Wesen der Natur selbst offenbarer zu lassen.

- Denn er kommt darauf, daß in den Bewegungen und dem Rauschen der Bäume wohl ebensogut Seele sein könnte, wie in dem Menschen, dessen Inneres ihm ja auch nicht unmittel­bar, sondern in Gebärden und Tönen klar wird. Er sagt sich: ich höre die tönenden Worte und sehe die Bewegungen mei­nes Mitmenschen, und sage mir: er läßt mir Töne zukom­men, wie ich sie selbst von mir gebe; er macht Gebärden, wie ich sie selbst mache: also wird er ein Innenleben haben, wie ich es selbst in mir erlebe. Und nur in mir kann ich solches Innenieben wahrnehmen. Alles andere Innenleben gibt sich mir nur durch äußere Zeichen kund, Wenn ich nun an anderen Menschen die äußeren Zeichen auf ein Innenleben deute, warum sollte ich nicht die kriechenden Bewegungen der Hop­ferpflanze, die knisternder Töne der Bäume auf ein Innen­leben beziehen dürfen? - Befruchtet durch solche Vorstellun­gen lernt unser Aliseher die Sprache des Wachholderbaumes verstehen; sie enthüllt ihm ein Innenleben, wie ihm die menschliche Sprache ein Innenieben enthüllt. Und so wird ihm die ganze Natur zum äußeren Ausdruck ihrer inneren Seelenhaftigkeit. Was dem Menschen als Wahrnehmung ge­geben ist, das ist für sich Erlebnis, Seele, wenn auch von

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anderer Art als die des Menschen. Und wie die Pflanzen und die scheinbar lebloser Wesen beseelt sind, so sind es auch ganze Weltenkörper. Des Menschen Organismus ist aus un-zählbaren Zellen zusammengesetzt. Und jede dieser Zellen hat ihre Seele. Der Zusammenklang all dieser Zellenseelen ist hineingebaut in die gemeinsame Seele, als die sich der Mensch selbst erlebt. Er aber ist ja nur wieder ein Glied eines umfas­senden Organismus. Bin ich denn, so denkt der Allseher, nicht Seelenglied des Erdorganismus, wie die Seelenzelle mei­nes Blutkörperchens Glied meines Organismus ist? Und muß nicht der Erdorganismus so wie der meinige in sich selbst Erlebnis, Seele sein? So wird Goethes Erdgeist vor der sin­nenden Seele zur Wirklichkeit. - Wie auf diese Art Dichtung überzeugende Wahrheit aus sich sprießen läßt, und wie die Empfindung dieser hohen Wahrheit im Herzen des Allsehers zur religiösen Andacht gegenüber der Weltenseele wird: das ist der Inhalt des Willeschen Romans, der in Einheit vereinen will: Kunst, Wissenschaft und Religion. Die Wissenschaft wird aus dem Reich des Verstandes in das der Phantasie gehoben, jener Phantasie, die nicht ein Organ der Illusion, sondern höherer Erkenntnis sein will. Und das unmittelbare Leben, das im Lichte der Verstandeswissenschaft wie zweck­loses Gaukelspiel erscheint, erhält auf dem Hintergrunde der Allbeseeltheit Sinn und Ordnung. Ein tragisches Erlebnis des Helden klärt sich auf, wenn er seine Ursachen und Folgen vom Gesichtspunkte seines so gebildeten Bekenntnisses aus ansieht. Er selbst fühlt sich sinnvoll eingegliedert in eine sinn­volle Welt. Und er fügt sich andächtig dem All-Walten des Weltgeistes ein, seinen Willen in diesem Walten als Glied erkennend. «Törichte Menschengeschwister ! Aus eurer ban­gen Enge bekehret euch doch bald zur schrankenlosen Weite ! Hört auf, einen Teil mit dem Ganzen zu verwechseln, euer kleinliches, launisches, feiges, krämerhaftes Ego für euer tief­stes, kosmisches Selbst zu halten ! Fühlt ihr euch nur als Bruchstücke der Natur . . . Erlöst, wer hindurchgedrungen durch die engen Ich-Schranken, wer seine Gemeinschaft fühlt

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mit dem Ganzen und hingebend eingeht zur großen Ord­nung ! Vollbracht hat er die höchste Menschenkunst, hat zur frommen Musik sein Leben gestaltet - ward eine selige Stimme in der Weltersymphonie» (2. Band, Seite 39').

Dieser «Roman des Allsehers » darf ein Buch der Sehnsuchi genannt werden. Auf den letzten Seiten findet sich der Satz: «Jedes Ideal bedeutet keimendes Höhenleben, den Vorfrüh-ling eines Weltpfingstens, prophetisches Hineinragen in die bessere Welt, weckerdes, begeisterndes Morgenrot, das vor­angeht der neuer Sonne, Abglanz des Himmelsreiches, das nicht ausbleiben kann. » In klarer Weise steigt der «Aliseher» zu diesem Ideal auf. Er blickt in die Vergangenheit des Men­schen. Aus niederen Zuständen hat er sich entwickelt. «Daß die Zukunft ins Jetzt hereinragt, ist die Natur aller Entwicke­lung - ebenso wie das Hereinragen der Vergangenheit ins Jetzt. Der einzelne Mensch macht die Entwickelungs stufen durch, die seine Art durchlaufen mußte, ehe sie zur Schwelle des Menschentums gelangte. Im Mutterleibe war ich Wurm -und Fisch - Molch und Eidechse - Schnabeltier, Beuteltier und Affe. Meine Keimesgeschichte ist eine kurze Wiederho­lung der Stammesgeschichte. - Nun gut ! Dies Grundgesetz läßt sich über die Gegenwart hinaus verlängern, so daß es auch für die bevorstehenden Entwickelung sstufen der Mensch­heit gilt. Wie der Mensch in einer Hinsicht noch ist, was er früher einmal war, so ist er in anderer Hinsicht schon, was er später einmal sein wird. Soll also ein Höheres aus ihm werden, so muß der Keim des Höheren sich bereits jetzt in der Menschheit vorfinden» (2.Band Seite 396£). - Hier steht Wille vor dem Tore des Tempels, in dem das Bekenntnis reift, dessen Pflege sich die theosophischen Geistesströmun-gen aller Zeiten zur Aufgabe gemacht haben. - Und er bleibt am Eingange stehen. - Denn, wer seine obigen Sätze in ihrer ganzen Tragweite empfindet, dem ergibt sich ein nächster Schritt als notwendig: er muß sie in lebendige Tat umsetzen. Liegt der «Keim des Höheren» in dem Menschen, dann muß dieser Keim entwickelt werden. Man kann sich nicht bloß mit der

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Tatsache begnügen, daß des Menschen Seele sein inneres Er­lebnis ist, sondern man sollte weiter gehen und sehen, was da j'n Innern zu erleben ist. Dann betritt man ganz neue Reiche einer höheren Wirklichkeit. Immer wieder weist unser «All­seher» darauf hin, daß die äußeren Tatsachen, die sich vor unseren Sinnen ausbreiten, auf innere Erlebnisse hinweisen, und immer wieder betont er, daß dieses Innere Seele ist. Seele

- Seele - und wieder Seele: so hören wir ihn auf seinen fes­selnden Erkenntnis- und Lebenswegen in unzähligen Wieder­holungen sagen. - Aber ist das nicht, als ob jemand durch die ganze Tietreihe uns führte, und uns immer wieder und wieder nur Tier, Tier und wieder Tier sagte, statt die besonderen

Formen: Wurm, Fisch, Molch, Schnabeltier und Affe uns auseinanderzusetzen ? - Nein, das Seelische ist ebenso geglie­dert, reich, mannigfaltig, hat ebenso seine Kräfte und Gesetze wie das Physische. Und in diese Reiche des Seelischen führen die höheren Erkenntnisse, die man die theosophischen An­schauungen nennt. Vor der Eingangspforte zu ihnen bleibt Wille stehen. Deshalb gibt er schöne Aus sichtspunkte: die Augen, um von diesen Punkten aus zu sehen, gibt erst die Theosophie. Im einzelnen zeigt sich das überall in dem Buche. Dies soll für die interessanten Abschnitte: der «Tatenleib» und «Der AlI-Phonograph» im nächsten Hefte gezeigt wer­den, wo in Anlehnung an Leadbeaters «Astral-Ebene» auf die Reiche verwiesen werden soll, auf die Wille hindeutet, ohne das Auge für sie zu eröffnen.

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BRUNO WILLE UND C.W.LEADBEATER

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Vor allem charakteristisch in Bruno Willes «Offenbarungen des Wachholderbaums » ist die Vorstellung vom «Taten-leib » (Band, 2 Seite 13 I ff.). Sie zeigt, wie stark in den Besten unserer Köpfe die Sehnsucht lebt, die wissenschaftlichen Ge­danken der Gegenwart in einer Art zu vertiefen, die einem gründlicheren Erkenntnisdrang des Menschen entsprechen;

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sie läßt aber andrerseits auch erkennen, wie ohnmächtig sich diese Sehnsucht erweist, wenn man vor den Toren dessen zurückschreckt, was sich als theosophische Strömung heute geltend macht. - Es ist die Frage nach dem Dauernden, dem Unvergänglichen im Menschen, an die Wille mit seinem «Tatenleib » herantritt. Zuerst sei klargemacht, was diese Vorstellung vom «Tatenleib » besagen will, wenn man sie aus der herrlichen poetischen Darstellung Brunno Willes herausschält. Der Mensch ist, wie übrigens jedes Wesen, der Mittelpunkt von Wirkungen, die als seine «Taten» zu be­trachten sind. Was ich tue, macht Eindruck auf die Umwelt, es setzt gleichsam mein Dasein über die Grenzen meiner Ge­stalt hinaus fort. Was ich auf diese Weise der Welt einfüge, kann nicht verlorengehen. Denn jede Wirkung wird zur Ur­sache einer neuen Wirkung. Und alle diese Wirkungen tragen den Stempel, das Siegel meiner Persönlichkeit. Sie sind nur da, weil ich da bin. Und sie werden in aller Ewigkeit da sein, weil ich einmal da gewesen bin. Und so wie in meiner leibli­chen Gestalt die Kraft der Aliseele lebt, die mich bildet, so bildet sie durch mich die Summe meiner unvergänglichen «Ta­ter», meinen «Tatenleib». Schön führt dieses Wille in der verschiedensten Weise aus. Er läßt seinen Helden zu dem ungläubigen Freunde sagen: «Beim Sprechen bewegst du gern Hand und Arm. Überhaupt, genau besehen, ist jede dei­ner Bewegungen charakteristisch. Jede Bewegung aber erschüttert die Luft. So prägt sich deine Individualität in allen möglichen Luftspuren aus.» Und als später der Freund ein-wendet: «Ohne Leib sollte ich fortleben? Um das glauben zu können, denke ich denn doch zu materialistisch. Ohne Leib kein Geist!», da erwidert der «Allseher » «Einverstanden ! Aber es fehlt ja gar nicht an Leib für dein Fortleben ! ... Die Welt bietet dir Material zu unermeßlich reicher Verkörpe­rung. . . i Nicht in dem Sinne, daß die alte Seele aus dem alten Leibe in einen neuer schlüpft. Das ist dualistisch ge­dacht. Leib und Seele sind mir eins - nur von verschiedenen Seiten betrachtet-, das eine Mal von außen, mit den Sinnen -

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das andere Mal von innen, unmittelbar. Nie also können Leib und Seele sich trennen.» ... «Rings um den alten Leib » ist der neue «aus ihm heraus entwickelt - wie solch ein Nachifalter aus der Raupe sich entwickelt ...» - «Mag deine Individualität auf ein bestimmtes Wirkungsgebiet, auf diese sinnliche Er-scheinung, verzichten, deswegen stellt sie doch nicht ihre Wirksamkeit überhaupt ein. Nein, geschäftig wirkt sie weiter -lebt also ! Oder willst du jemand etwa vernichtet nennen, der seine Eigenart nach wie vor rüstig - nur mit etwas verschobe­nem Gebiete - betätigt? » - Was hier Wille sagt, ist natürlich alles richtig. Aber es ist in gleichem Sinne richtig für den Stein, die Pflanze, das Tier und den Menschen. Der Taten-leib eines Wurmes unterscheidet sich in den Beziehungen, die Wille anführt, nicht wesentlich von dem des Menschen. In der Summe der Wurm-Taten ist in gleichem Sinne «Individuali­tät» wie in der Summe der Menschen-Taten, wenn man nicht weiter geht als Wille. Und das rührt davon her, daß er eben in gleicher Art allem Seele, Seele und wieder Seele zuschreibt, ohne auf seelischem Gebiete so zu unterscheiden, wie man auf sinnlichem Gebiete die Dinge und Wesen unterscheidet. -Die Frage nach dem Ewigen im Menschen ist nicht erschöpft, wenn ich bloß die Ewigkeit seiner Wirkungen aufzeige. Denn es kommt beim Menschen darauf an, daß er diese Wirkungen nicht bloß ausübt, sondern daß er sie mit seinem Selbst, mit seinem Seelenwesen in Verbindung weiß. Es muß also ge­fragt werden: Weiß ich die ewigen Wirkungen meiner Indivi­dualität als die meinigen? Werden die Glieder meines «Ta­tenleibes » durch mein Ich irgendwie zusammengehalten? Meinen physischen Kopf bezeichne ich, solange ich phy­sisch lebe, als den meinigen. Wenn seine Teile in der Erde verwesen werden, kann ich das nicht mehr tun. Werde ich das dann aber mit meinem «Tatenleibe » tun? Darauf gibt es keine Antwort, wenn man sich bei Willes Weg begnügt. Um eine solche zu erhalten, darf man nicht allein nach der Ewig­keit der Wirkungen, sondern muß nach der Ewigkeit der Ur­sache fragen. - Ein Vergleich soll verdeutlichen, was hier zu

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sagen ist. Ich habe mich gestern schlafen gelegt, und bin heute aufgestanden. Ich behaupte nicht deshalb, daß ich die Nacht überdauert habe, weil ich finde, daß meine Taten von gestern ihre Wirkungen noch heute äußern, sondern weil ich weiß, daß die Ursache dieser Wirkungen meine heutigen Taten an die gestrigen anreihen wird. Zu meinem Fortbestand kann ich nicht meine Taten von gestern sprechen lassen, sondern ich muß sie selbst wieder vorfinden, und mit ihnen meine heutiger verbinden. Diese meine Wirkungen von gestern müssen mein Schicksal von heute sein, wenn sie für mein dauerndes persönliches Wesen eine Bedeutung haben sol­len. - In diesem Sinne wird das Ewige im Menschen nur dann gefaßt, wenn man anerkennt, was der «Aliseher» deut­lich ablehnt mit den Worten: «Nkht Wiederverkörperung nehme ich an, sondern Immerverkörperung. » Diese Immerverkör­perung des «Tatenleibes » widerspricht der klaren Beobach­tung, wenn man sein Auge auf das bestimmte menschliche Wesen richtet, nicht auf eine unbestimmte Seele. Bezüglich der menschlichen Seele kann nur von Dauer gesprochen werden, wenn sie sich als die Ursache ihrer Taten fortweiß. Und sie weiß sich fort, wenn sie wie von gestern auf heute sich erhal­ten bleibt. Das haben nur diejenigen in der rechten Weise erfaßt, die sich gestattet haben, den Tod einen Bruder des Schlafis zu nennen. Wille schreckt vor der Wiederverkörperung zurück. Er sagt sich: «Leib und Seele sind mir eins ... Nie können sie sich trennen» (Seite 163). Aber er hat doch selbst vorher gesagt: «Worin besteht das Eigentümliche dieser Hand - oder meiner Gesichtszüge - überhaupt meiner Ge­stalt? Etwa in den Stoffen, die sie zusammensetzen? Diese Stoffatome werden in wenigen Jahren abgelegt und durch neue ersetzt sein. Mehrmals schon wurde ja mein Körper mit völlig neuen Bausteinen aufgebaut. Ich frage nun, kann sol­cher Stoffwechsel mein charakteristisches Wesen antasten? Kann dieses Wesen das bloße Produkt sich zusammentuender Stoffe sein? Nein ! Die stoffliche Zusammensetzung ist nur eine äußerliche Darstellung des tiefern Wesens » (Seite 151,

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Band 2). Gewiß: Leib und Seele sind eins; aber nur jeweilig, in einer bestimmten Zeit. Sowenig dieser ihrer Einheit das widerspricht, was doch Wille selbst hervorhebt, daß die Stoffatome nach wenigen Jahren abgelegt und durch neue ersetzt sind: sowenig widerspricht es ihr, wenn sich das <#SE034-426

sich wiederfindet, und daß die Taten der vorhergehenden Verkörperungen das Schicksal für die nachfolgenden sind: dann denken wir auf dem Gebiete des menschlicher Seelen-lebens so, wie wir heute als Bekenner der naturwissenschaft­lichen Weltanschauung schon in bezug auf die Tatsachen der stofflichen Verwandlungen denken. Die großen Gesetze von Reinkarnatior (Wiederverkörperung) und Karma (Schick­salsverkettung durch die Wiederverkörperungen hindurch) sind auf geistigem Gebiete Vorstellungen, die vollkommen sich allen unseren naturwissenschaftlichen Vorstellungen der Gegenwart anschließen. (Demrächst soll in dieser Zeitschrift eine genaue Auseinandersetzung über Reinkarnation und Karma gegeben werden.)

Also notwendig ist die Erweckung der im gewöhnlichen Leber schlummernder Seelenfähigkeiten, die es ermöglichen, das «tiefere Weser » zu verfolgen, das in der stofflichen Zu­sammensetzung seine «äußerliche Darstellung» findet. - Mit diesem «tieferen Wesen » beschäftigt sich ein vor kurzem durch Günther Wagner ins Deutsche übertragenes Schriftchen des englischen Theosopher G. W. Leadbeater: «Die Astral-Ebene, ihre Szenerie, ihre Bewohner und ihre Phänomene »(Leipzig, Th. Griebens Verlag, L. Fernau). Es handelt von Zuständen, die das «tiefere Wesen » des Menschen durch-macht, wenn es nicht in «stofflicher Zusammensetzung »äußerlich dargestellt ist, und von den Dingen und Wesen, die wir kennenlernen, wenn wir unsere schlummernder Er­kenntuiskräfte für solche Zustände erweckt haben. Ich sehe schon im Geiste das Hohnlächeln aller derer, die im Über­mute ihrer «nüchternen Denkungsart» spottend herabsehen auf solche, die von einer «Astralwelt» sprechen, und doch an «naturwissenschaftlicher Vorstellungsweise » streng festhal­ten wollen. Denn für sie ist es klar, daß so etwas in die tiefsten Abgründe des Aberglaubens und des Obskurantismus hin-einführt, die nach ihrer «aufgeklärten » Meinung in unserer Zeit wieder «frech sich an das Sonnenlicht» hervorwagen, trotzdem es das «nüchterne Denken» doch «so herrlich weit

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gebracht hat». Nun, solch unbequeme «Obskuranten» müs­sen sich heute trösten mit Voltaires schönem Worte : «Jeder neuen Wahrheit geht es, wie den Gesandten zivilisierter Staa­ten an den Höfen der Barbaren; sie finden erst nach vielen Hindernissen und Beschimpfungen die ihnen gebührende An-erkennung.» - Man darf sich indes keiner Täuschung darüber hingeben : solche Schriften wie Leadbeaters «Astral-Ebene» sind für die gegenwärtig herrschenden Vorstellungsarten überhaupt schwer verständlich. Sie werden nicht nur von de­nen mißverstanden, die sie mit Hohnlächeln in das Gebiet des finsterster Aberglaubens verweisen, sondern auch oft von denen, die sich als Gläubige dazu bekennen. Wer keine eige­nen Erfahrungen haben kann da, wo das Gebiet der sinnli­chen Tatsachen aufhört, der macht sich eben leicht eine ganz falsche Vorstellung von der Art von Wirklichkeit, die in sol­chen Gebieten herrscht, von denen Leadbeater spricht. Da, wo unsere sinnlichen Organe keine Eindrücke empfangen, hinter der Schwelle, wo das grob-stoffliche Leben aufhört, da sieht es eben ganz anders aus als in unserer sinnlichen Welt. Will sich aber ein Beobachter der übersinnlichen Gebiete ver­ständlich machen, dann muß er in Bildern sprechen, die von dem sinnlichen Leben hergenommen sind. Das wird leicht falsch gedeutet. Man glaubt, es sehe im Übersinnlichen wirk­lich so aus, wie es die aus der Sinnenwelt genommenen Bilder, deren sich der Darsteller bedienen muß, wörtlich ausdrücken. Alles, was wir von den Regionen zu sagen wissen, von denen hier die Rede ist, nimmt sich so aus wie die Schattenbilder eines wirklichen Vorganges auf einer Wand. Leadbeater spricht das (Seite 4) deutlich genug aus : «... es ist wohl zu verstehen, daß es einem unerfahrener Besucher dieser neuen Welt viel Schwierigkeit macht, zu verstehen, was er in Wirk­lichkeit sieht,.und noch viel größere, das Geschaute in der so sehr unzureichenden Sprache der gewöhnlichen Welt wieder­zugeben. » - Noch größere Hindernisse stellen sich natürlich dem richtigen Verständnisse hier entgegen, wenn man urteikn will über solche Dinge, ohne die Neigung zu haben, sich

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überhaupt auf das einzulassen, was eigentlich gemeint ist. Iin diesem Falle sind unsere «nüchternen» Denker, sind diejenigen, die sich mit soviel Stolz die «Aufgeklärten » nennen. -Um dauernd zu sein, muß das tiefere menschliche Wesen in der Zeit, ir der es sich nicht in «stofflicher Zusammenset-zung » darstellt, irgendwo sein. Nun, es durchwandert in die­ser Zeit zwei Weitregionen, die nicht, in gewöhnlicher Art, zu den sinnlichen gehören. Das sind die sogenannten Astral-und Devachanregionen. Vor der ersteren spricht Leadbeaters Schrift. Diese Regionen sind immer und überall da. Wir leben in ihnen auch, wenn unser tieferes Wesen in «stofflicher Zu­sammensetzung » dargestellt ist. Nur sind sie eben nicht sinn­lich wahrnehmbar. Dennoch gehen dort wichtige Dinge vor sich, die ihre Wirkungen in unsere Sinnenwelt herein erstrek­ken. Der bloße sinnliche Beobachter der Welt kann dann nur diese Wirkungen wahrnehmen, und weiß nichts von deren Ur­sachen. Derjenige, der schon in seiner «stofflichen» Darstel­lung die Erkenntniskräfte für die Vorgänge in diesen Regio­nen erweckt hat, der vernimmt dann diese Ursachen, und er allein kann daher eine Erklärung für die entsprechenden Wir-kungen in der Sinnenwelt finden. Gewisse höhere Einsichten sind daher nur möglich, wenn diese Erkenntniskräfte ge­weckt sind, das heißt, für denjenigen, der in diese Gebiete hineinblicken kann. Man findet da, zum Beispiel, in Lead­beaters Büchlein eine Ausführung über den Verkehr zwi­schen den in höhere Erkenntnisse Eingeweihten - den soge­nannten Adepten - und ihren Schülern. Die Ergebnisse, die Wirkungen solchen Verkehrs erstrecken sich naturgemäß in die sinnliche Welt herein. Derjenige, der niemals von den astralen Vorgängen gehört hat, weiß nichts von den Quellen solcher Ergebnisse. Es muß das, im besonderen, für diejeni­gen gesagt werden, welche von der Nutzlosigkeit übersinn­licher Forschungen sprechen. Der Mensch muß suchen, so­viel als nur möglich ist, von der Welt zu erforschen, wenn er in ihr wirken will. Sonst tappt er im dunkeln, in einer Welt von Wirkungen, deren Ursachen ihm unverständlich bleiben.

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Wer sich um das Übersinnliche nicht kümmert, der versteht auch das Sinnliche nicht; er kennt nur einen Teil der vollen Wirklichkeit. - Auch soll hier sogleich betont werden, daß durch Leadbeaters Schrift niemand verführt werden soll, auf «des Meisters Worte zu schwören». Gegen ein Hinnehmen des Gebotenen als unfehlbarer Dogmen verwahrt sich der Verfasser ganz entschieden. - Unbedingte Autorität darf am wenigsten in diesen Dingen beansprucht werden, insbesondere dann nicht, wenn es auf die Charakteristik der Beobachtungen im einzelnen ankommt. Denn - es sei ganz offen gesagt - in diese übersinnlichen Regionen bringt ein jeder seine Vorur­teile aus der sinnlichen Welt mit, und diese beeinträchtigen, färben seine Beobachtungen in einer Weise, gegen die unsere Täuschungen in der sinnlichen Welt ganz geringfügig zu nen­nen sind. Das geht so weit, daß man zum Beispiel im astralen Gebiet Dinge sieht, die gar nicht dort sind, und anderes nicht, was dort ist. Im besonderen über einzelnes Ausstellungen zu machen, hat niemand ein Recht, denn es kann sein, daß man selbst die Schuld trägt, wenn man etwas nicht auffinden kann, was der andere gesehen hat. Aber was da ist, und beobachtet worden ist, darüber kann gesprochen werden, wenn es ein anderer nicht gefunden hat. Leadbeaters Darstellung kann, wie er ja selbst zugesteht, auf Vollständigkeit keinen An­spruch machen. Sein Blick ist durchaus nicht unbefangen. Man findet in seiner Schrift die Zustände nach dem Tode bevor­zugt, während die Erscheinungen vor und während der Ge­burt des Menschen durchaus nicht eine ihnen gebührende Darstellung gefunden haben. Wenn nun auch die ersteren vielleicht dem Interesse der Menschen näher liegen, für die Erforschung und Aufklärung der übersinnlichen Etscheinun­gen sind die höchst interessanten astralen Vorgänge vor und bei der Menschwerdung ungleich wichtiger. Ebenso bleibt von Leadbeater ein Gebiet in der Astralregion ganz unbe­rührt, das auf unserem sinnlichen Felde dem entspricht, was wir «Geschichte» nennen. Denn auch die Astralregion hat ihre Geschichte. Zum Beispiel ergibt sich aus dieser «Ge­schichte»

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einer der Gründe, warum im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts die theosophische Bewegung in der Welt aufgetreten ist. Nur im Astralen findet man dafür die tieferen Gründe. - Manches Komplizierte wird von Lead­beater zu glatt und einfach dargestellt. Wichtige Aufschlüsse über Zusammenhänge unter den Lebewesen, die wir gewin­nen können, fehlen ganz. Und was über die Behandlung des sogenannten Humors, der «feurigen und wäßrigen Ge­mütsarten » durch die mittelalterlichen Forscher (Seite 65) ge­sagt wird, ist unrichtig. Jeder Beobachter dieser Dinge in der übersinnlichen Region weiß, daß sich hier wichtige Quellen für die Erkenntnis dessen eröffiien, was wir «Temperamente »nennen. Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß ich die Schrift allen aufs wärmste empfehle, die in dieses Gebiet eintreten wollen, trotzdem ich die Liste des Fehlenden noch sehr ver­mehren könnte. Es ist die übersichtlichste und in gewisser Beziehung beste Schrift über dieses Gebiet. (Für meine Ber­liner Zuhörer darf ich vielleicht anführen, daß ich im Herbst einen Zyklus von Vorträgen über die «astrale Welt » halten werde. Ort und Zeit werden später angegeben.) - Für uns Deutsche möchte ich nur noch sagen, daß wir den Ausdruck «Astral-Ebene» endlich durch einen anderen ersetzen sollten, da doch allgemein zugegeben wird, daß er so irreführend wie möglich ist.

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THEOSOPHIE UND SOZIALISMUS

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Mannigfaltig sind die Gründe, warum gegenwärtig die theo­sophische Gesinnung sich schwer den Zugang zu den Herzen der Menschen erobern kann. Auf der einen Seite stehen ihr die Vorurteile des klügelnden Verstandes gegenüber, der sich einmal gewöhnt hat, nur das Handgreifliche gelten zu lassen. Auf der andern Seite begegnet sie den zweifelnden Empfin­dungen derjenigen, die da sagen: die Pflege des höheren gei­stigen Lebens mag ja etwas Herrliches, etwas Edles sein; aber

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wir haben heute - Wichtigeres zu tun. Solche Einwände ent­springen oft echter Menschenfreundächkeit, wahtem Mitge­fühl rait den Nöten und Leiden der Menschheit. Es wird dar­auf hingewiesen, wie viele Menschen in dem bittersten Elend ihr Dasein verbringen, wie viele vom Hunger gequält, von Lebensverhältnissen, die wahrhaft unmenscl:lich sind, stumpf gemacht werden. Seht euch an, so ruft man den Theosophen zu, die Tausende in den Großstädten in ihren finsteren Lö­chern, die nicht menschliche Wohnungen genannt zu werden verdienen. Viele Personen sind da zusammengepfercht in einem Raum, der sie zu physischer und moralischer Verkom­menheit verurteilt. Seht euch an die Arbeiter, die vom frühen Morgen bis zum späten Abend um den kärglichsten Lohn ihre Kräfte opfern, und die zu einem menschenunwürdigen Da­sein verdammt sind! Ist es nicht vor allen Dingen nötig, der Menschheit in dieser Richtung zu helfen? Die so sprechen, sehen die theosophischen Bestrebungen als eine Arbeit müßi­ger Köpfe an, die nichts wissen von dem, was am meisten not tut. - Und man kann nur sagen, daß solche Einwände gegen die Theosophie viekn Schein des Rechtes für sich haben. Man müßte die Augen verschließen vor Dingen, die von allen Seiten an uns herandringen, wenn man das nicht zugeben wollte. Es ist ja zweifellos richtig, daß die bitterste Not un­zähligen Menschen es ganz unmöglich macht, an die höheren Ziele des Lebens auch nur einen Augenblick zu denken. Es kann leicht sogar als ein Frevel, als eine Versündigung an der Menschheit erscheinen, wenn der Theosoph einigen wenigen, die das Glück eines mehr oder weniger sorgenfreien Daseins haben, von der «Bestimmung des Menschen», von dem «hö­heren Leben der Seele» spricht, während die große Masse in materiellem Jammer verkommt. Die Theosophie ist nur für einige Schwärmer, die keinen Sinn haben für die wahren, für die nächsten Aufgaben des Lebens: das kann man nicht nur von böswilligen Gegnern, sondern auch von edlen Menschen-freunden hören, von Personen, die ein kluger Verstand und ein edles Herz vor allem dazu zwingen, ihre Kräfte der Verbesserung

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der materiellen Lebenslage ihrer Mitmenscben Zu widmen. Solchen ist die « soziale Frage» die wichtigste in der Gegenwart. Und sie fordern von den Theosophen, daß die Lehren von «allgemeiner Menschenliebe» und «Brüderlich­keit» vor allen Dingen da betätigt werden, wo das praktische Leben, wo Hunger und Jammer, wo physische und morali­sche Verkommenheit laut nach Abhilfe rufen.

Man sollte auf theosophischer Seite solchen edlen Men­schenfreunden nicht einfach damit entgegnen, daß man sagt: die Theosopläe wolle mit den Kämpfrn der Parteien, mit den Interessen des Tages nichts zu tun haben. Gewiß: es kann nicht Aufgabe der Theosophen sein, in den politischen Partei-streit unmittelbar einzugreifen. Auf anderen Wegen muß er der Menschheit zu dienen und zu helfen suchen, als es die Parteien und Gesetz:gebungen tun können. Aber er muß auch dessen eingedenk sein, daß er mit einem weltfremden, für Tau-sende und aber Tausende von Menschen wertlosen Streben sich schwer vergehen würden gegen das, was wirklich not tut. Der Theosoph spricht von der Notwendigkeit, die edlen gei stigen Kräfte in der Kindesseele nicht verkümmern zu lassen; er spricht davon, daß in jedem Menschen der Keim eines Göttlichen verborgen liegt, und daß Lehrer und Erzieher in Haus und Schule es sich zur Aufgabe machen müssen, diesen Keim des Göttlichen zu pflegen, daß sie die Seele des Kindes zu einem Bürger im Reich des Ewigen machen sollen. Und der sozial empfindende Menschenfreund erwidert ihm: du magst lange reden; sehe sie doch einmal an, diese Kinder, für welche die Eltern kein Frühstück haben, die schwach, hun­gernd und frierend, mit ganz stumpfen Seelenkräften zur Schule kommen. Ist ihnen gegenüber nicht vor allem etwas ganz anderes vonnöten, als an die Ewigkeit ihrer Seele Zu denken?

Solche und ähnliche Reden wird der Theosoph immer wie­der hören müssen. Und es ist nicht zu verwundern, wenn die-j enigen ihn einen müßigen Schwärmer nennen, die da glau­ben, das Rechte zu tun, um vor allem materieller Not und materiellem Jammer eine Linderung zu verschaffen. - Jammer

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und Elend ertöten in dem Menschen auch jeden geistigen Trieb, sie stumpfen ihn für alle höheren Bestrebungen ab. Und spricht man einer Menschenmenge, die darbt, vom gei­stigen Leben, so predigt man Ohren, die nicht fähig sind, die Worte zu fassen.

Damit ist auf Tatsachen hingewiesen, über welche sich der Theosoph klar sein muß. Der oberste Grundsatz der «Theo­sophischen Gesellschaft» ist: «den Kern einer brüderlichen Gemeinschaft zu bilden, die sich über die ganze Menschheit, ohne Unterschied der Rasse, der Religion, der Gesellschafts­klasse, der Nationalität und des Geschlechtes erstreckt». Dies ist sogar der einzige Grundsatz, der für die Mitglieder dieser Gesellschaft als verbindlich betrachtet wird. Alle übrigen Be­strebungen sollen ja nur Mittel zu dem großen Ziele sein, das in dieser wesentlichen Forderung ausgesprochen wird. - Viele sozial empfindende Menschen der Gegenwart werden nun einwenden: für eine solche Forderung brauchen wir keine Theosophie. Diese Forderung erheben doch auch viele huma­nitäre Vereinigungen unserer Zeit und in umfassender Weise erheben sie diejenigen Parteien, welche eine Verbesserung der sozialen Lage der wirtschaftlich und geistig unterdrückten Volksklassen anstreben. Aber - so wird gesagt - die soziali­stischen Parteien stellen sich auf den Boden des praktischen Lebens, der wirklichen Interessen, für welche die Massen Verständnis haben müssen; der Theos9ph aber begnüge sich mit mehr oder weniger allgemeinen Redensarten, mit Predi-gen und mit einem Betonen von Dingen, die dem Unter­drückten durchaus nicht helfrn können. Und radikale soziali­stische Zeitungsschreiber und Agitatoren sind schnell bereit zu sagen: das theosophische Gerede ist nur geeignet, Ver­wirrung in den Köpfen derer anzurichten, die für eine wahre Verbesserung ihrer Lebenslage gewonnen werden sollen. Sie behaupten: «Wir müssen die Unterdrückten herausfordern zum Kampf gegen die Unterdrücker; wir müssen denen, die heute wirtschaftlich schwach sind, die Macht in die Hände arbeiten, damit ihre Arbeit nicht immer eine Beute bleibe derjenigen

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Klassen, von denen sie beherrscht werden. Die Macht der arbeitenden Klassen muß mit allen Kampfmitteln erobert werden. Aus seinem wohlverstandenen Interesse heraus muß der Arbeiter kämpfen; und ihr, Theosophen, wollt ihm von vorschwärmen; ihr wollt ihm von reden. Damit wollt ihr ihn nur ablen­ken von dem, was inin wirklich helfen kann. Haben denn die heute herrschenden Klassen ihre Macht je auf die und gebaut? Es ist ein Hirngespinst, wenn ihr glaubt, daß jemals solche Ideale die Welt beherr­schen können. Was die herrschenden Klassen errungen ha­ben, das haben sie aus den egoistischen Interessen ihrer Klas­sen heraus erreicht; und ebenso können die heute Unter­drückten nur aus ihrem Klasseninteresse heraus handeln.» Und an solche Voraussetzungen wird dann die wie selbstver­ständlich klingende Schlußfolgerung geknüpft: «Die arbei­tende und darbende Bevölkerung könnte lange warten, wenn sie darauf bauen wollte, daß ihr, Theosophen, mit eurem Gerede von und irgend jemand dazu bringt, die Lösung einer sozialen Aufgabe zu erstreben, wenn diese Lösung seinem Klasseninteresse zuwider ist.» -So könnte es scheinen, als ob die Theosophie gegenüber den ernsten, sozialen Pflichten in unserer Zeit eine ziemlich über­flüssige Sache sei. Daß sie das ist, werden insbesondere dem­agogische Redner und Schriftsteller betonen; und sie werden angesichts der Zeitverhämisse gewiß den Beifall der Menge für sich haben.

Nun sollten aber die häßlichen Erscheinungen, die wir so­eben innerhalb der sozialistischen Parteibestrebungen in Deutschland erleben, die tiefer Denkenden doch zur Einkehr mahnen. Wir erleben es, daß diejenigen, die jahrelang in dem oben gekennzeichneten Sinne von «Klassenkampf» und «Volksbefreiung» gesprochen haben, sich verfolgen und in blinder Leidenschaft gegeneinander kämpfen. Eine Frage sollte da unbedingt auftauchen: Kann denn eine Bewegung zu einem gedeihlichen Ziele führen, deren Grundsätze in den leitenden

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persönlichkeiten derartige Gesinnungen aufkommen lassen, wie wir sie heute beobachten können? Man denke nur einmal nach darüber, was es heißt: die Führung der Menschheit Köpfen anzuvertrauen, die nicht im geringsten imstande sind, ihrer eigenen Leidenschaften Führer zu sein. Können solche Menschen wirklich zur Besserung der allgemeinen Men­schenlage etwas beitragen? Daß sich die Formen ändern wür­den, unter denen wir leben, wenn solche Persönlichkeiten ihre Ziele erreichten, soll nicht geleugnet werden. Daß das Wesen der menschlichen Gesellschaft ein anderes würde, das können nur geistig Unmündige behaupten. Es wird Gutgläubige ge­ben, die sich damit trösten, daß die schlimmen Dinge, die heute in der Führerschaft der Massen zutage treten, nur vor­übergehender Natur seien; und daß eine große Bewegung derlei Tatsachen notwendig zeitigen müsse. - Nun, die Gründe für manche betrübende Tatsache in der Gegenwart ist darin zu suchen, daß die Betrachtung über das soziale Leben, die unsere Zeitgenossen anstellen, und aus der heraus sie bessernd in die Verhältnisse eingreifen möchten, ganz und gar an den äußeren, materiellen Lebensverhältnissen haften bleibt. Dadurch können sie sich in ihrer sozialen Arbeit nur so anstellen, wie ein einfacher Dorfschlosser, der nie etwas von Elektrizität gelernt hat, sich verhalten müßte, wenn er einen Elektromotor machen wollte. Niemand kann die äußeren Handlungen der Menschen verstehen, der nicht die geistigen Gesetze kennenlernt, die ihnen zugrunde liegen. Die Persön­lichkeiten, die heute an den sozialen Wirkungen herumheilen wollen, müßten vor allen Dingen etwas über die Ursachen die­ser Wirkungen erlernen. Und diese Ursachen liegen in den Tiefen der Menschennatur. Das, was die Theosophie als die seelische (astrale) und als die geistige Welt enthüllt, das ent-hält die Gesetze für das menschliche Leben, wie die Elektrizi­tätslehre die Gesetze für den Elektromotor enthält. Es ist be­greiflich, daß man gerade in sozialistischen Kreisen von die­sen Gesetzen der höheren Welten nichts wissen will, weil man gar nicht einmal eine Ahnung von ihrem Dasein hat. Aber solange

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man nicht willig ist, einzugehen aufdiese höheren Welten wird alle soziale Arbeit zur Ohnmacht verurteilt sein. Diejenigen, welche in gleicher Weise etwas von sozialen Ver­hältnissen und Theosophie verstehen, wissen das. Annie Besant, die Seele der theosophischen Bewegung in der Gegenwart, stand jahrelang mitten im sozialen Schaffen, darinnen eine musterhafte und bedeutungsvolle Tätigkeit entwickelnd. Und als sie die Anschauungen der Theosophie zu den ihrigen ge­macht hatte, da wurde es ihr klar, daß all solches Wirken ohne die Inkraftsetzung der geistigen Gewalten, zu denen die Theosophie den Schlüssel liefert, ohnmächtig ist. Sie sprach in ihrer Rede über «Theosophie und soziale Fragen» auf dem Theosophen-Kongreß zu Chicago 1892 die inhaltschweren Worte: «Ich, die ich so viele Jahre meines Lebens mich mit diesen - den sozialen - Fragen im materiellen Gebiet beschäf­tigt, die ich so viel Zeit und Nachdenken dem Bestreben ge­widmet habe, ein Heilmittel zu finden für die sozialen Übel der Menschheit; ich erachte es für meine Pflicht... zu sagen, daß eine einzige Stunde geistiger Energie, dem Wohle der Menschen gewidmet, hundertmal mehr Früchte trägt, als Jahre der Arbeit in der materiellen Welt.» Im folgenden soll die Aufgabe der Theosophie nach der hier angedeuteten Rich­tung dargestellt werden.

Es wird sich zeigen, wie wenig die Worte bloße Redens­arten sind, die der große Buddha gesprochen hat: «Haß wird niemals besiegt durch Haß, sondern weicht nur der Liebe.»

Ein Volkswirtschaftslehrer, Professor Dr. Werner Sombart, kennzeichnet den Umschwung, der sich im Laufe des neun­zehnten Jahrhunderts in bezug auf das Denken in sozialen Fragen vollzogen hat, in den folgenden Sätzen: «Es ist über­aus reizvoll, zu beobachten, wie seit der Mitte unseres (des neunzehnten) Jahrhunderts... sich parallel mit der theoreti­schen Betrachtungsweise sozialer Dinge auch der Charakter der sozialen Bewegung in seinem Grundgedanken umgestal­tet. Denn offenbar ist es dieselbe Wandlung: jene in der theo­retischen Deutung und diese in der praktischen Nutzanwen­dung.

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Auch hier ist es nichts anderes, was wir wahrnehmen, als ein Ausfluß jener grundstürzenden Wandlung in der ge­samten Welt- und Lebensauffassung, jener allmählichen Ver­drängung dessen, was wir als idealistische oder besser ideolo­gische Weltanschauung bezeichnen können, durch den Realis­mus... Was ich hier unter einer idealistischen Auffassung von Menschen und Leben verstehe, wie sie nun mehr und mehr sich vom Markte in die Gelehrtenstuben zurückzuziehen begann, ist jener Glaube an den von Natur guten Menschen, der, solange er durch keinerlei Irrtum oder Bosheit einzelner Bösen irregeleitet ward, in holdestem Frieden mit seinem Mit-bruder lebte, der Glaube an jene in Vergangenheit oder Zukunft, das felsenfeste Vertrauen, daß es nur der Aufklärung, des Zuspruches bedürfr, um die Men­schen aus diesem Jammertale auf die lachenden Inseln der Seligen zurückzuführen, der Glaube an die Macht der ewigen Liebe, die durch ihre eigene Kraft das Böse überwinden, dem Guten zum Siege verhelfen werde... Diese Grundstimmung nun wurde in die schlechthin entgegengesetzte verkehrt: dem Glauben an den von Natur guten Menschen machte die Überzeugung Platz, daß der Mensch von seibstischen, keineswegs Motiven vornehmlich beherrscht wer­de, daß er das in seinem Innern tra­ge auch in aller Kultur und trotz allem . Und daraus die Konsequenz: daß man, um in der Welt etwas zu erreichen, vor allem das wachrufen müsse, die normalen, materiellen Triebe, daß aber auch - und das war die wichtigste Schlußfolgerung für das Schicksal der sozialen Bewegung -, weil nun einmal in der Welt das Interesse herrsche, wo es etwas zu erlangen galt, einen Zustand in einem bestimmten Sinne zu gestalten, eine Klasse zu wie das Proletariat, daß man da nicht dem Interesse der Kapitalistenklasse die ewige Liebe entgegenstellen dürfe, sondern daß man gegen die Macht eine Macht, eine reale Macht, eine durch das Interesse gefestigte Macht aufbieten müsse.» - Ohne Zweifel: was in diesen Sätzen ausgesprochen

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liegt, das ist immer mehr Gesinnung derer geworden, die eine führende Rolle in der sozialen Bewegung einnehmen wollen. Sie haben ihre Aufmerksamkeit völlig abgezogen von dem seelischen Leben des Menschen und sind der Meinung, daß man nur die materiellen Interessen, die wirtschaftlichen Ver­hälmisse im Auge zu haben brauche, wenn man eine günstige Lage der Menschheit herbeiführen wolle. Sie übersehen dabei ganz, daß zu den Ursachen, welche des Menschen Schicksal herbeiführen, doch vor allen Dingen die Triebe, die Instinkte seines seelischen Lebens gehören. Es ist ja durchaus richtig, daß die Herrschaft der Maschine, daß die Entwickelung der Industrie und des Weltverkehrs die Lage unseres Proletariats geschaffen haben. Aber sie haben diese Lage nur dadurch be­wirken können, daß sie sich unter dem Einflusse jener Triebe und Instinkte entwickelt haben, die eben in den letzten Jahr­hunderten in der Menschheit geherrscht haben. - Gerade darauf kommt es an, den Zusammenhang zwischen den menschlichen Empfindungen, Gefühlen, Trieben, und zwi­schen ihren Schicksalen kennenzulernen. Wer die wirtschaft­lichen Verhältnisse verändern will, ohne zu erkennen, wie sie mit der menschlichen Seelenentwickelung zusammenhän­gen, der gleicht dem, der da glaubt, man könne den Plan eines Rathauses lediglich dadurch in den einer Kirche ver­wandeln, daß man die Steine anders behaue und andere Zu­taten verwende. Wer dem Volke verschaffen will, was des Volkes ist, der muß vor allem sein Augenmerk auf die geisti­gen Zusammenhänge richten, von denen alles materielle Leben abhängt. Er muß sein Auge hinaufwenden zu den Seelenkräf­ten, von denen das Volksschicksal gewoben wird. - Und es ist ein Unglück, daß in der Zeit, in welcher die soziale Frage zu einer brennenden geworden ist, zugleich eine materialistische Denkungsart die Massen, und namentlich ihre Führer ergrif­fen hat. In dem Lichte einer idealistischen, einer geistigen Vorstellungsart allein können die sozialen Fragen gedeihen. Unter dem Einfluß des materialistischen Denkens haben sich die Charaktereigenschaften der leitenden Persönlichkeiten un­serer

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Zeit herausgebildet, so daß niemand mehr die höheren Gesetze der Menschennatur verstehen will, daß niemand mehr wirklich lernen will, was über die bloße sinnliche Wirklichkeit hinausgeht. Aber niemand kann einen wirklich günstigen Einfluß auf die Menschheitsgeschicke ausüben, der nicht weiß, welches die wahren Gesetze dieser Geschicke sind. Und die Theosophie ist der Weg, diese Gesetze kennenzulernen. Sie ist der Weg, die Seelen derer mit der rechten Gesinnung zu durchdringen, welche der materiellen Entwickelung die Rich­tung geben wollen. Wie dem Schmied sein Werkzeug nichts nützt, wenn er nicht die Gesetze seiner Handhabung kennt, so nützen dem «Weltbeglücker» alle ökonomischen Maßnah­men nichts, wenn er nicht von seiner Seele aus den Zugang gewinnt zu den Menschenseelen. Vom Geiste aus wird die Welt gelenkt, und wer etwas beitragen will zu ihrer Len­kung, der muß das Wesen des Geistigen erfassen. Die Theoso­phie muß deshalb die Seele der sozialen Dinge werden. Und nur, wenn sich auf der Grundlage, die sie schafft, die materiel­len Interessen erheben, dann kann das Heil der Menschheit daraus folgen. Es kann deshalb nichts unrichtiger sein, als die Behauptung, die Theosophie sei eine weltenfremde Geistes-strömung, von der man sich nichts versprechen könne für Völkerglück und Menschenbefreiung. Nein, in dem Theo­sophen lebt nur die Erkenntnis, daß man den Bau der mensch­lichen Gesellschaft nicht bewirkt, wenn man bloß Steine und Ziegel übereinander legt, sondern wenn man vor allen Din­gen in voller Hingabe sich über den Plan dieses Baues unter­richtet. Und davon wollen gegenwärtig diejenigen nichts wis­sen, die den Anspruch darauf machen, in sozialen Dingen mit­zuberaten und mitzutun. Sie ahnen nichts davon, und wollen in ihrer materialistischen Verblendung nichts davon ahnen, daß sie das wahre Wesen des Menschen erforschen müssen. Sie versprechen sich nichts von der «Liebe» in der Seele, weil sie gegenüber den Gesetzen dieser «Liebe» die Augen ver­schließen. - Es ist zuweilen das Schicksal der Wahrheit, daß sie gegenüber den Zeitverhältnissen paradox klingt. Das soll

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den Wahrheitliebenden nicht hindern, sie auszusprechen. Eine solche Wahrheit aber ist die: es können die Leiter der sozialen Fragen nicht im Sinne des Menschenheiles wirken, bevor sie sich nicht mit der Erkenntnis und der Gesinnun g der Theosophie durchdrungen haben. - Es mag Theosophen geben, die weltfremd bleiben wollen, und immer wiederho len: es ist das Schicksal (Karma) der gegenwärtigen Völker, daß sie durch ihre rein materielle Gesinnung einmal geprüft werden. Ihnen ist zu sagen: gewiß, es ist auch das Schicksal des Kranken, krank zu sein; aber der versäumt seine Pflicht, der heilen soll und nicht heilt, weil er in der Krankheit eine Prüfung sieht.

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DIE THEOSOPHIE UND DIE KULTURAUFGABEN

DER GEGENWART

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Hier soll die kurze Inhaltsübersicht eines Vortrages über «Die Theosophie und die Kulturaufgaben der Gegenwart» mitge­teilt werden, den Dr. Rudolf Steiner in Berlin, Weimar, Ham­burg und Köln gehalten hat.

Ein Umschwung von allergrößter Tragweite hat sich im Denken und Fühlen der Menschen in den letzten Jahrhunder­ten vollzogen.

Die großen Entdeckungen auf dem Gebiete der Naturwis­senschaft haben die Erkenntnis der äußeren Natur erweitert und dem Menschen eine, noch immer wachsende, Herrschaft über die Natur gegeben.

Dadurch ist es gekommen, daß der Mensch auch all sein Denken und Vorstellen in den Dienst dieser äußeren Natur­forschung und Naturbeherrschung gestellt hat.

Die Geistes kraft, die in der Neuzeit darauf verwendet wird, ist in früheren Zeiten auf das Leben der Seele, auf die spirituelle Entwickelung verwendet worden.

Heute ist der Mensch stolz auf seine Astronomie, auf seine Erkenntnis in der Physik, Chemie, in der Pflanzen- und Tierkunde.

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Seine ganze Geisteskraft widmet er diesen und der Naturbeherrschung, der äußeren, materiellen Kultur.

Weil diese Geisteskraft vorher auf das spirituelle Leben, auf die Vertiefung in die geistigen Kräfte der Welt verwendet wor­den ist, deshalb verdanken wir älteren Zeiten Geisteswerke, auf die wir mit um so größerer Ehrfurcht blicken, je mehr wir sie erkennen.

Wer die Zeichen der Zeit zu deuten weiß, der erkennt, daß die Menschheit immer mehr in eine äußerliche, rein mate­rielle Vorstellungsart und Kultur versinken muß, wenn sie nicht wieder zum spirituellen Leben gebracht würde. Nur durch dieses Leben kann der Mensch sein wahres Wesen erkennen, nur durch dieses Leben kann er seine Bestimmung erfüllen.

Heute sind es noch wenige, die dem Materialismus ganz verfallen sind; immer mehr würden es werden ohne Erneue­rung des spirituellen Lebens.

Nicht einer Willkür, sondern tiefer Erkenntnis, daß geistige Vertiefung der Menschheit notwendg ist, dankt die theosophi­sche Bewegung den Ursprung.

Wer einen Stoff, eine Naturkraft in richtiger Art verwenden will, muß deren Gesetze von der Chemie lernen. Eine geistige Chemie, die Erkenntnis seiner eigenen höheren Kräfte lehrt die Theosophie dem Menschen, damit er seine wahre Bestim­mung erfülle.

Die Maschinen, die Industrie haben den Menschen zum Herren der äußeren Naturkräfte gemacht; die den ganzen Erd­ball umspannende Weltwirtschaft hat in äußerer Weise alle Rassen und Nationen verbunden. Die theosophische Bewe­gung wird die Seelen verbinden. Sie wird zu dem materiellen das notwendige geistige Band liefern. Sie hat ihre Vertreter daher bereits in England, Skandinavien, Frankreich, Spa-nien, Italien, Indien, Australien und auch in Deutschland. Sie wird sich immer weiter ausdehnen, je mehr die Menschen erkennen werden, daß in ihr die geistige Zukunft der Kultur liege, daß sie die Erkenntnis der Seele, die Wahrheit des Gei­stes bringen muß.

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HERDER UND DIE THEOSOPHIE

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Am 18. Dezember 1903 wurde in der ganzen gebildeten Welt der TodestagJohann Gottfried Herders gefeiert. In Anknüpfung an diese Erinnerungsfeier hielt der Herausgeber dieser Zeit­schrift, Dr. Rudolf Steiner, arn 15. Januar in Weimar einen Vor­trag über « Herder und die Theosophie», der zeigen sollte, wie gerade die Vertiefung in Herders Schöpfungen eine Schule zur theosophischen Weltanschauung sein könne, wenn dieser Geist nicht mehr nach bloß einseitig literargeschichtli­chen Gesichtspunkten, sondern nach den hohen Ausblicken hin betrachtet wird, die bei ihm zu finden sind. Hier soll ein Bericht über den Vortrag (nach der in Weimar erscheinenden Zeitung «Deutschland») folgen: Wenn die Theosophie - sagte der Redner - Anspruch auf Wahrheit und Wert für die Menschen machen wolle, so könne sie nicht eine Geistesströmung sein, die in den letzten Jahren, wie aus den Wolken, zu uns gekommen ist; sondern sie muß einem umfassenden menschlichen Bedürfnisse entsprechen; und es muß sich nachweisen lassen, daß die Ideale der Gei­steshelden aller Zeiten mehr oder weniger mit ihr überein­stimmen. Zu den Persönlichkeiten der neueren Geistesge­schichte, deren ganze Gesinnung und Vorstellungsart theo­sophisch genannt werden muß, gehört Herder. Von frühester Jugend an lebt er in den Schriften des christlichen Bekennt­nisses nicht wie jemand, der Lehren und Dogmen sucht, son­dern wie ein solcher, der sich tatsächlich mit dem Weltgeiste verbinden will, der nicht verstandesmäßige Erkeunmis allein, sondern wirkliche Höherentwickelung der Seele anstrebt. Wer aber, wie er, nicht bloße Wissenschaft, sondern Weisheit sucht, der ist theosophisch gesinnt. In dem Zeitalter der Auf-klärung, in das Herders Jugend fällt, war in tonangebenden Kreisen von solcher Gesinnung wenig vorhanden. Nur in einzelnen lebte sie. In dem Magus des Nordens, in Hamann, dem er in Königsberg nahetrat, fand Herder einen Genossen seiner Anschauungsweise. Für den Bekenner der Aufklärung

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galt allein die Persönlichkeit des Menschen und das Verstandes-urteil, das aus der Kraft dieser Persönlichkeit kommt. Für Herder konnte dagegen diese Persönlichkeit nur etwas bedeu­ten, insofern sich der allgemeine Weltgeist in ihr als Genius offenbart. So versteht man, wie Herder zu seiner hohen Schätzung des Volksliedes kam. Der Aufklärer sagt: nur durch die höhere Bildung der Persönlichkeit kann wahre Poe­sie hervorgebracht werden, denn er hat keinen Glauben an den Genius, der über der Persönlichkeit liegt, weil er keine Vorstellung von dem lebendigen Geiste hat. Für Herder war det Mensch ein Organ, ein Werkzeug des wirklichen über­persönlichen Geistes; er suchte im Volke den lebendigen Volksgeist. Durch diesen seinen Glauben kam er auch zum wahren Verständnis Shakespeares. Und Herder wirkte durch diese seine Gesinnung auf Goethe, mit dem er in Straßburg zusammentraf. Denn Goethes große naturwissenschaftliche Ideen sind nicht ohne Anregung von Herders Seite entstan­den, und auch sie sind aus echter theosophischer Vorstel­lungsart heraus entsprungen. - Der Vortragende legte im einzelnen dar, wie in Hetders bedeutendsten Werken überall der Hinweis auf die theosophischen Grundanschauungen zu finden sei. Die Idee, daß nicht menschliche Willkür, sondern der wirkliche, überpersönliche Geist die Entwickelung der Menschheit führe, tritt bereits in der Schrift «Auch eine Phi­losophie der Geschichte der Menschheit» klar hervor. In dem Werke «Älteste Urkunde des Menschengeschlechts» wird von Herder das Alte Testament bereits von dem Gesichts­punkt verstanden, den auch die Theosophie zu dem ihrigen macht. Denn sein Begriff der «Uroffenbarung» durch den Geist ist ganz theosophisch. Auch von seiner Stellung zum Neuen Testament muß dasselbe gesagt werden. Weil er den Geist erkannt hat, ist ihm auch der Zugang eröffnet worden zu den geistigsten Schriften des Christentums, zum Johannes-Evangelium und der «Geheimen Offenbarung». - Und zu dem größten Werke Herders, seinen «Ideen zu einer Philoso­phie der Geschichte der Menschheit» muß man immer wieder

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zurückkehren, wenn man etwas lesen will, was in einer ideen­gemäßen Weise des Menschengeistes universelle Bestimmung klarlegt. Wer versteht, was Herder hier über &e ewige Ver­wandlung der Naturformen und die ewige Erhaltung der geistigen Kräfte sagt, der steht mit einer erhabenen Unsterb­lichkeitsauffassung unmittelbar vor den Einlaßtüren der theosophischen Weltanschauung. Denn in den «Ideen» hat Herder im wahrsten Sinne des Wortes eine umfassende wis­senschaftliche Erkenntnis in echtes Gold der Weisheit ver­wandelt, welche die Menschenseele dahin führt, wo ihre Hei-mat ist, wo sie erst versteht das tiefe Wort Goethes: «Di e Geisterwelt ist nicht verschlossen; dein Sinn ist zu, dein Her, ist tot. » In seiner Gesinnung, in seinem Glauben an den le­bendigen Geist liegt Herders Bedeutung für seine Zeit, auf di e er einen noch lange nicht genug gewürdigten Einfluß genom­men hat; und darin liegt auch der bleibende Wert seiner Gei­stestat für die Zukunft.

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THEOSOPHIE UND MODERNE

NATURWISSENSCHAFT

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Wiederholt ist in dieser Zeitschrift darauf hingewiesen wor­den, daß die theosophische Weltanschauung durchaus im Einklange steht mit den Errungenschaften der modernen Na­turwissenschaft, wenn diese unbefangen und ohne materiali­stisches Vorurteil angesehen werden. Ja, es ist hier betont worden, daß diese Wissenschaft bei einer richtigen Deutung gerade ihrer neuesten Entdeckungen selbst zu einer Art ele­mentarer Theosophie führen muß. Es ist nun gerade jetzt viel Veranlassung, ein Wort über die Beziehungen von naturwis­senschaftlicher Beobachtung und theosophischer Anschau­ung zu sprechen. Die Nachricht geht ja durch die ganze ge­bildete Welt, daß die Naturforscher Blondlot und Charpen­tier rein physikalische Methoden gefunden haben, um das Licht, das der lebende Mensch ausstrahlt, wahrnehmbar zu

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machen. Eine für die gewöhnliche Sinnesbeobachtung un­wahrnehmbare Lichtart ist in der Sonne, in dem bekannten l\uerlicht, und in anderen Lichtquellen vorhanden, die da­durch sichtbar gemacht werden kann, daß man zum Beispiel einen Schirm mit gewissen Stoffen bestreicht, zum Beispiel mit Bariumplatincyanür oder Schwefelkalzium, und dann in die Nähe solcher Lichtquellen bringt. Diese Stoffe fangen dann an zu leuchten (phosphoreszieren). Dasselbe findet statt, wenn man den Schirm in die Nähe des lebenden Menschen bringt. Und er leuchtet dann besonders auf, wenn er in die Nähe solcher Stellen des menschlichen Organismus kommt, welche die Sitze besonderer Nerventätigkeit sind, und in einer erhöhten Tätigkeit sich befinden. Man kann gewisser­maßen sehen, wie das Gehirn arbeitet, indem man die Strah­len, die es durch seine Tätigkeit aussendet, als phosphores-zierende Lichterscheinung sichtbar macht. - So sprechen die Berichte ernster naturwissenschaftlicher Forscher. Blondlot hat in Anlehnung an Röntgens X-Strahlen diese von ihm entdeckte Strahlenart N-Strahlen genannt, von der Stadt Nancy, wo er sie beobachtet hat. - Was die Theosophen als den Teil des Menschen beschreiben, der für die gewöhnlichen Sinne nicht wahrzunehmen ist, scheint da wenigstens auf seinen elementaren Stufen auf «einem Schirm fixiert» zu sein, und auch für den glaubhaft gemacht, der nichts gelten lassen will, als was sich mit Händen greifen und mit Augen sehen läßt.

Es wäre verfrüht, schon jetzt etwas über die Stellung der Theosophie zu diesen aus der wissenschaftlichen Beobach­tung stammenden Berichten zu sagen. Dazu wird der geeig­nete Zeitpunkt vielleicht in gar nicht ferner Zukunft kom­men. Nicht anders ist es mit den Untersuchungen über man­che andere Entdeckung der modernen Naturwissenschaft (zum Beispiel die sogenannten radioaktiven Strahlen).

Doch darf vielleicht hier in einer anderen Art ein theoso­phischer Gesichtspunkt besprochen werden. So wichtig näm­lich der harmonische Zusammenschluß des gegenwärtigen wissenschaftlichen Denkens mit der theosophischen Weltan­schauung

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auch ist: es muß stets betont werden, daß es für den Theosophen vor allem wesentlich ist, wie er zu seinen Wahrheiten gelangt. - Man nehme einmal an: die oben ange­deuteten Versuche hätten einen gewissen hohen Grad von Vollkommenheit erlangt. Es wäre gelungen, gewisse Aus­strahlungen des Menschen so zu fixieren, daß sie in der be­schriebenen Art für das physische Auge sichtbar werden. Was hätte man erreicht? Nichts anderes, als daß die sinnliche Erfahrung des Menschen um einiges bereichert worden wäre. Der Mensch braucht, um das Phosphoreszieren durch N­Strahien zu beobachten, auf keiner höheren Stufe der Voll-kommenheit zu stehen, als derjenige, der auch einen hölzer­nen Tisch vor sich sehen kann. Es handelt sich darum, durch diese N-Strahien solche Wirkungen zu erzielen, daß man diese ohne Höherentwickelung des menschlichen Wahrneh­mungsvermögens beobachten kann. Dem Theosophen han­delt es sich aber weniger darum, den Kreis des Sinnlich-Wahrnehmbaren zu erweitern, als darum, höhere Arten des Wahrnehmens in den Menschen zu zeigen. Es soll das hier gesagt werden im besonderen in bezug auf die Mitteilungen über die menschliche Aura in diesem und dem vorigen Hefte. Bei diesen Mitteilungen handelt es sich vor allem darum, daß sie sich dann dem Menschen darbieten, wenn er an sich arbeitet, wenn er sich entwickelt. Er gelangt zu ihnen durch Steige­rung seiner Fähigkeiten. Könnte der Physiker selbst die Aura fixieren, so bedeutete das nur, daß er etwas bisher Unwahr­nehmbares in den Bereich des Physischen hereingezogen hätte. Er wäre aber doch Physiker geblieben, und nicht theo­sophischer Forscher geworden. Dies oder, besser gesagt, «geistig Sehender» wird der Mensch durch Arbeit an sich. Dann treten ihm auch vorher nicht bekannte Erscheinungen entgegen; aber bei dieser seiner Methode ist er selbst ein an­derer geworden. Er hat nicht nur seine Erfahrung bereichert; er hat sich entwickelt.

Nur nebenbei soll darauf hingewiesen werden, daß der «Seher» seine Erscheinungen direkt wahrnimmt, der Physiker

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sie in ihren Wirlaungen, in ihrer Fixierung beobachtet. Das ergibt einen Unterschied, der sich vergleichen läßt mit dem zwischen einem wirklichen Menschen und einer von ihm ge­machten Photographie. Der Physiker gibt gleichsam eine Photographie, ein sinnliches Abbild dessen, was der « Seher» unmittelbar geistig wahrnimmt. - Die Hauptsache aber ist, daß die Art, durch die der «Seher» zu seinen Ergebnissen gelangt, seine Fähigkeiten steigert. Und daß diese Steigerung ihn nicht nur zu den angedeuteten Wahrnehmungen führt, sondern ihm zugleich einen Einblick in den geistigen Zusam­menhang der Dinge gibt. - Und darauf kommt es an. Die theosophische Bewegung erstrebt Erkenntnisse insoftrn, als diese den Menschen zum Geistigen erheben, insofern sie ihn zu einem Bürger in der geistigen Welt machen.

Es ist ja mit den genannten physischen Erscheinungen nicht anders, als zum Beispiel mit dem Menschen selbst. Be­trachte ich den Menschen, insofern er sich physisch beob­achten läßt, so gebe ich mich keiner theosophischen Betrach­tung hin; diese fängt erst an, wenn ich gewahr werde, daß der physische Mensch die Verkörperung einer geistigen Wesen­heit ist. Ebenso wird die physische Erscheinung, die oben beschrieben worden ist, in das theosophische Feld erst da-durch erhoben, daß man sie auf geistige Art ansieht. - Das führt dazu, die eminent ethische Seite der Theosophie im höheren Sinne zu zeigen. Der Theosoph hat immer die höhere Seite der Menschheitsethik im Auge. Sie weist den Menschen auf seine Bestimmung im Weltenzusammenhange, auf sein höchstes Ziel hin. Alle Erkenntnis geht dahin, den Menschen auf die Bahn seiner Entwickelung nach diesem Ziel zu füh­ren. Wie sollen wir an uns arbeiten, um die Bestimmung zu erreichen, die uns im Weltenplane vorgesetzt ist? Das ist die theosophische Grundfrage. Es muß in edlem Sinne gedeutet werden, aber es ist doch richtig: alles Wissen, alle Erkennt­nisse sind Mittel zur Menschenvervollkomnung, zur Men­schenveredelung. In einer höheren Ethik, einer edlen Sittenlehre gipfelt die Theosophie Nicht dies ist ihre Hauptfrage:

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Wie kann ich viel wissen? Sondern die: wie werde ich ein vollkommener Mensch, wie nähere ich mich meiner Bestim­mung? Die Erkenntnisse geben den Weg zu diesem Ziel. Das Wichtigste an der Theosophie ist die Veredelung der Seele, die Reinigung der niederen Natur. Das große Gesetz vorn Karma zum Beispiel soll nicht eine höhere Neugierde befrie­digen; es soll uns zeigen, wie wir das Leben aufzufassen ha­ben, um bessere Menschen zu werden. Wir erfahren durch das Karmagesetz, was wir zu tun haben. Und so ist es mit al­lem, was die Theosophie lehren will. Alles gipfelt in der theo­sophischen Ethik. Es ist durchaus richtig: Was könnte es mir helfen, wenn ich durch Wissen die ganze Welt gewänne, und nichts täte zur Veredelung meiner Seele? Die Ideale der Le­bensführung soll uns die Theosophie geben.

Wer dies im richtigen Lichte sieht, wird auch bald davon abkommen, zu meinen, daß die Theosophie eine lebenfeind­liche, wirklichkeitsfremde Anschauung sei. Nicht deshalb strebt der Theosoph nach dem Geistigen, weil er sich aus der Wirklichkeit flüchten will, weil er in dem Leben etwas Niede­res, Unwesentliches sieht. Nein, er erkennt, daß die Wurzeln des Lebens im Geistigen liegen, und daß derjenige das Leben erkennt, der die geistigen Wurzeln erkennt. Wer nur die sinn­liche Seite des Lebens gelten läßt, der verschließt sich vor den eigentlichen Triebkräften desselben. In dieser sinnlichen Wirklichkeit liegen die Wirkungen des Lebens; die Ursachen aber sind im Geistigen zu finden. Und sowenig jemand eine Maschine versteht, der nur die Eisenteile ansieht, sowenig kennt der das Leben, der nur seine sinnliche Außenseite be­trachtet. Nur der Maschinenkonstrukteur weiß, wie er die Teile zusammensetzen soll; nur der Kenner der geistigen Zu­sammenhänge weiß, wie er im echten Sinne im Leben wirken soll.

Unsere Gegenwartskultur hängt an der Außenseite. Durch die Theosophie wird sie die Ziele und Triebkräfte des Lebens kennenlernen. Es ist durchaus begreiflich, daß gegenwärtig der Theosophie die größten Mißverständnisse entgegenge­bracht

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werden. Und niemand begreift das besser, als der Theosoph selbst. Er findet es so natürlich, daß er augenblick­lich so wenig Verständnis findet. Was man ihm entgegenhält, hat ungefähr dieselbe Bedeutung, wie wenn der Arbeiter zum Techniker sagte: Wozu brauche ich dich: ich mache doch die Maschine? Der Theosoph hat seine Aufgabe nicht jenseits des Lebens, sondern in demselben. Er weiß, daß der Gang der Menschheitsentwickelung von der Erkenntnis der geistigen Kräfte abhängt. Er soll das Leben vergeistigen, nicht den Geist des Lebens berauben. Man ist um so mehr Theosoph, je mehr man es in dem alltäglichen Leben ist. Theosoph wird man erst dann im rechten Sinne sein, wenn man es als Rechts­anwalt, als Arzt, als Künstler, als Lehrer, als Baumeister, wenn man es als Familienvater, als Beamter, wenn man es als Arbeiter auf e lichem Felde ist; ja, wenn man es in allen sei­nen Lebensverhältnissen, als Freund, als Wohltäter, als Haus­herr und so weiter ist. Die Theosophie als Lehre ist nur ein An­fang; sie muß das ganze Leben durchdringen; sie muß ein­fließen in alle unsere Verrichtungen von der bedeutsamsten bis zur unbedeutendsten. Man lernt die Theosophie nur ken­nen, um der Theosophie zu leben. Ja, das Leben ist sogar die höchste, die wahrste Schule der Theosophie; und alle theo­sophische Theorie kann nur sein eine Anweisung, um die beste Theosophie vom Leben selbst zu lernen. An den Früchten vor allem muß man den Theosophen erkennen. Zweifellos: abgesehen von allem übrigen ist eine einzige Tat wahrer Menschenliebe mehr wert als die Kenntnis aller theosophi­schen Wissensschätze, wenn diese unfruchtbar bleiben. Aller­dings ist es auf der anderen Seite ebenso richtig, daß die Theosophie zum echten und höchsten Menschendienste führt. Wer sich in die theosophischen Wahrheiten wirklich vertieft, der säet Keitne in sein Herz, die als Edelsinn zur Reife gelan­gen. - Wenn man einmal in weiteren Kreisen besser diesen Gesichtspunkt der Theosophie einsehen wird, als das heute noch der Fall ist, dann werden die Vorurteile schwinden, die man ihr heute von so vielen Seiten entgegenbringt. Man wird

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dann einsehen, daß die Theosophie nicht untauglich zum Le­ben macht, sondern, im Gegenteil, daß sie durch ihre Vertie­fung des Lebens zu diesem im höheren Sinne fähiger macht, als die äußerliche Betrachtungsart dies kann, der man heute das Prädikat «praktisch>> gibt.

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THEOSOPHIE UND MODERNES LEBEN

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Im letzten Aufsatz ist an dieser Stelle auf die Bedeutung der Gesinnung vom Gesichtspunkte der Theosophie hingewiesen worden. Wer mit Verständnis dieses Gesichtspunktes das ge­genwärtige Kulturleben betrachtet, für den kann es nicht zweifelhaft sein, daß manches in demselben der Ausbildung einer solchen Gesinnung widerstrebt. Das Hasten und Trei­ben, zu denen der moderne Industrialismus die Menschen ge­führt hat, läßt sie nur schwer zur Selbstbesinnung kommen. Für viele unter uns ist jeder Augenblick des Tages ein stren­ger Gebietet, der seine Anforderungen stellt, wenn der Mensch im Leben zurechtkommen will. Und diese Aufgaben sind derart, daß jeder, der ihnen verfallen ist, auch die Zeiten der Ruhe wenig seinem inneren Leben widmen kann. Er wird in diesen Zeiten vor allem darauf bedacht sein, seiner leibli­chen Erholung zu leben. Bei vielen wird alles Interesse an rein geistigen Betrachtungen fehlen, weil alles, was sie fort-während umgibt, womit sie zu tun haben, von solchem Interesse weit abliegt. Und auch das gesellige Leben wird wenig Anlaß zur geistigen Erhebung bieten. Die Menschen tragen ihre rein materiellen Interessen in diese Geselligkeit hinein. Und wenn ihre geselligen Unterhaltungen auch zuwei­len mit höheren Dingen sich beschäftigen, so ist doch der Ton, der dabei zutage tritt, ein solcher, daß er des Menschen tiefstes Innere ebensowenig ergreift, wie die Dinge des Tages-lebens. Wie selten lindet man bei unseren modern Gebildeten den Ton des Ernstes und der Würde gegenüber den großen Fragen des Daseins. Eine gewisse Gleichgültigkeit herrscht

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da. Man spricht von der Seele und dem Geiste, wie man von einer neuen Maschine auf dem Gebiete der Technik spricht. Das Sensationelle, das in der modernen Zeitung den Ausschlag gibt, herrscht auch dann vor, wenn von den Erschei­nungen des höheren Geisteslebens gesprochen wird.

Es würde nun dem Theosophen schlecht entsprechen, ge­genüber solchen Erscheinungen den Ankläger zu machen. Zu verstehen, nicht zu richten hat er. Und er, welcher in dem Gang der Dinge eine ewige Notwendigkeit sieht, muß dies auch gegenüber den Erscheinungen des modernen Kultur-lebens tun. Aber hingewiesen muß darauf werden, daß gegen­über der Veräußerlichung, welche diese Kultur dem Men­schen auferlegt, er um so intensiver an seiner Verinnerlichung arbeiten muß. Und gerade der Theosoph sollte nach dieser Richtung Kulturförderer sein. Ohne im geringsten von den Aufgaben des modernen Lebens abzulenken, sollte er bei jeder Gelegenheit zur Pflege der Selbstbesinnung, zum Nach­denken über tiefere Fragen des Daseins anregen. Denn es gibt kein Leben, das nicht dazu Zeit böte. Dem aufmerksa­men Beobachter kann nicht entgehen, wieviel Zeit selbst von dem Überbeschäftigten verschwendet wird. Diese Zeirver­schwendung ist es ja gerade, die wie ein bedeutsames Kenn­zeichen in unserer Geselligkeit auffällt. Es wird innerhalb dieser Geselligkeit so viel zu hören sein, was, so zu sagen, zu einem Ohre hinein-, an dem anderen wieder herausgeht. ¾solchem zwecklosen Unterhalten wird nun ungeheure gei­stige Kraft verschwendet. Denn jeder Gedanke im Menschen ist eine Kraft. Das Gedankenleben ist der innerste Kern der menschlichen Wesenheit. Wie ein Mensch denkt, so ist er. Wer sich mit Beharrlichkeit edlen Gedanken hingibt, drückt seinem ganzen Wesen den Charakter des Edlen auf. Wer nur oberflächliche Gedanken durch seine Seele ziehen läßt, der gestaltet auch sein Leben oberflächlich. - Wenn wir eine Lo­komotive heizen und sie dann stehen lassen, so strömt die Wärme zwecklos nach allen Seiten aus. Es kommt darauf an, daß wir die Wärme nicht verschwenden, sondern in fortbewegende

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Kraft umsetzen. Wie in der Natur, so ist es im Men­schenleben. Wenn der Mensch denkt, so kann er seine Ge­dankenkraft in Inhaltvolles oder in Wesenloses umsetzen. Wer seine Gedanken an Oberflächliches, Nichtiges ver­schwendet, der lebt zwecklos, wer sie in Inhaltvolles um­setzt, der arbeitet an seiner Lebensentwickelung, Lebensver­edelung.

Erkennt der Mensch dieses, dann wird er sich von dieser Erkenntnis durchdringen und sie zur Gesinnung seines Le­bens machen. Er überzeugt sich bald, daß er sich seinen Auf­gaben keinen Augenblick zu entziehen braucht, um einer sol­j chen Gesinnung zu leben. Es handelt sich eben nicht darum, daß man sich Zeit schafft, um das höhere Leben zu pflegen, sondern daß man derjenigen, die man hat, den rechten Jnhalt gibt. Für das Auge, für die Außenseite braucht an einem zur theosophischen Gesinnung Übergehenden gar nichts zu be­merken sein; der Ton, die Richtung seines Denkens und da-mit seines ganzen Wesens werden sich ändern. Wenn man solches bedenkt, erkennt man, wie tief die Theosophie in das Alitagsleben eingreifen kann, ohne, wie leider so viele glau­ben, ein Störenfried des modernen Kulturlebens zu werden.

#TI

ÜBER DAS VERTRETEN DER PERSÖNLICHEN

ÜBERZEUGUNG

#TX

Mit Recht wird innerhalb unserer Kultur viel Wert darauf gelegt, was man mutiges, kühnes Vertreten der «persönlichen Überzeugung » nennt. Wer für seine eigenen Gedanken und Ansichten eintritt, gilt als charaktervoll; wer dies nicht tut, als charakterlos. Man kann einen Menschen nicht schätzen, der sich zum Sprachrohr eines anderen macht. Es wäre natür­lich ein Unding, gegen solche Grundsätze etwas einzuwen­den. Die großen Anforderungen, die unsere Zeit an die Per­sönlichkeit stellt, machen ein sicheres, festes Auftreten der­selben zur unbedingten Notwendigkeit. Aber eine wahrhaft

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geistige Lebensauffassung muß solche Dinge von einem hö­heren Gesichtspunkte aus ansehen. Sie muß gerade gegen­über den höchsten Tugenden Selbstbesinnung und Selbst­erkenntnis fordern. Sie muß sich darüber klar sein, daß wie der Nordpol nicht ohne Südpol, so die höchsten Vorzüge nicht ohne die entsprechenden Schattenseiten sein können. Und die Schattenseite der «persönlichen Überzeugung» ist der Eigensinn, ist das Pochen auf die «eigenen Gedanken». So schön es ist, seine Meinung rückhaldos zu vertreten, so notwendig ist es von einem anderen Gesichtspunkte, die Mei­nung des Mitmenschen als völlig gleichberechtigt gelten zu lassen. Und wie wenig liegt das gerade in dem Charakter der Überzeugungstreuesten. Gerade sie zeigen oft eine Intoleranz des Fühlens und Denkens, die es ihnen unmöglich macht, auch nur auf andere Meinungen wahrhaft einzugehen. Ge­wiß: sie werden Toleranz fast immer im Munde führen. Aber üben können sie sie kaum. Denn es kommt nicht darauf an, daß man einen Grundsatz anerkennt, sondern darauf, daß man ihn lebt. Man muß durch Übung sich in ihm einleiben. Innere Toleranz, Gedankentoleranz sollte man in strenger Selbstzucht sich einverleiben. Und wenn man es im kleinsten tut, so wird es zuletzt ein Grundzug unseres ganzen gegen­wärtigen Lebens werden.

Auf zwei Dinge sei hier hingewiesen. Auf etwas ganz All­tägliches zuerst. Man belausche ein Gespräch. Wie oft wird man, vorschnell ausgesprochen, das Wönchen «aber» hören. Man hat noch gar nicht auf sich wirken lassen, was der andere gesagt hat, man hat vielleicht sich gar nicht vollkommen zum Bewußtsein gebracht, was ihn leitet, und schon ist man bereit, die eigene Meinung mit dem «aber» entgegenzusetzen. Bewußt unterdrücken solite man solche Angewöhnungen. Man sollte sich üben im.stillen, ehrfürchtigen «Zuhören». Ob man es zu-nächst glaubt oder nicht: nur der kommt zu höherer geistiger Entwickelung, der solches «Zuhören» geübt, viel geübt hat.

Und ein zweites: in einer Versammlung macht jemand einen Vorschlag. Sogleich sind andere da mit Gegenvorschlägen.

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Sie glauben durchaus: sie müssen ihre egene Mei­nung zum Ausdrucke bringen. Man sollte sich vielmehr zum Grundsatz machen: niemals einem fremden Vorschlag etwas entgegenzusetzen, wenn man nicht vorher vollkommene Einsicht in die Motive des anderen Vorschlages gesucht hat. 1 Man sollte immer sich>vor Augen halten, daß man doch ego­istisch ist, wenn man eine Meinung deshalb liebt, weil man sie selbst hat. «Ich kann doch nur vertreten, was ich selbst glaube», das kann man allerwärts hören. Und doch ist es nicht minder n.ch>tig, daß man sich selbstlos in die Meinung des anderen versetzen soll, daß man - bevor man sich ins Feld führt, zuerst prüfen soll, ob man denn wirklich Besseres zu vertreten hat, als der andere. Diejenigen, welche eine höhere geistige Entwickelung erlangt haben, sie haben sie durch ein Opfrr in dieser Richtung erkauft. Sie haben sich auferlegt, ganz in den Meinungen ihrer Mitmenschen aufzugehen, bis in die innersten Fasern ihrer Seele sich selbst auszulöschen, um in den anderen unterzugehen. Ein wahrer Mystiker kann nur werden, wer gelernt hat, bis in die geheimsten Gedanken hinein selbstlos zu werden. Man muß Erfahrung in solchen Dingen haben, wenn man etwas behaupten will. Durch weniges entwickelt man sich auf den ersten Stufen der geisti­gen Leiter mehr, als dadurch, daß man sich eine Zeitlang Schweigen in seinem tiefsten Innern auferlegt. Viel gewinne ich dadurch, daß ich Monate, vielleicht Jahre hindurch mir einmal gesagt sein lasse: Jetzt will ich, ganz bescheiden, gar nichts selbst meinen, sondern selbstlos einmal fremde Mei­nungen in meinem Innern leben lassen. Ich will ganz unter-tauchen in fremden Empfindungen, Gefühlen, Gedanken. Dadurch erweitere ich selbstlos mein Selbst, während ich es selbstsüchtig verengere, wenn ich fort und fort nur meine eigenen Meinungen aus dem Wesen meiner Selbst als Wellen an die Oberfläche meines Lebens spielen lasse. - Solches sollte als «Kontrollgedanke» besonders bei denen Platz grei­fen, welche - mit Recht - im Sinne unserer Zeit, immer das Wort im Munde führen: «persönliche Überzeugung».

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ÜBER DEN IN DER WISSENSCHAFT SCHEINBAR

ÜBERWUNDENEN MATERIALISMUS

#TX

Es wird heute von seiten vieler, welche sich von den soge-nannten wissenschaftlich anerkannten Gesichtspunkten ab­wenden, als Grund davon angegeben, daß ihnen die materiali­stischen Anschauungen dieser Wissenschaftlichkeit keine Nah­rung geben können für Geist und Herz. Sie verlangen nach einer Erklärung des Wesens der Seele; die Wissenschaft aber, so behaupten sie, leugne völlig das Dasein der Seele und betrachte sie nur als eine Erscheinung der körperlichen Vor­gänge, wie sie zum Beispiel das Vorrücken der Uhrzeiger als Ergebnis des Uhrmechanismus betrachte. Nun wird von den Vertretern dieser «anerkannten» Wissenschaftlichkeit einer solchen Behauptung entgegnet, daß von einem Materialismus in der Wissenschaft heute gar nicht mehr die Rede sein könne, daß das Zeitalter der Büchner und Vogt längst vorüber sei. Diese «Wissenschafter» werden nicht müde, zu betonen, daß es niemandem, der gegenwärtig auf der Höhe seiner Zeit und der Forschung stehe, einfallen könne, den alten Satz zu un­terschreiben: «Das Gehirn sondere Gedanken ab, wie die Leber die Galle.» Als Lehmann, vor nicht langer Zeit, seine «Geschichte des Aberglaubens» schrieb, kam er auch auf diese Tatsache zu sprechen. Er sagte, daß viele behaupten, der Spi­ritismus habe nur deshalb eine so rasche Ausbreitung gefun­den, weil sich die tiefer Strebenden von der materialistischen Wissenschaft abgestoßen fühlten. Nun könne aber, so meint auch Lehmann, heute gar nicht mehr von einem solchen Ma­terialismus in der Wissenschaft gesprochen werden. Diese Anklage der Wissenschaft sei also völlig ungerechtfertigt.

Nun ist es zweifellos richtig, daß gegenwärtig jeder natur-wissenschaftlich Denkende, wenn er nicht gerade zu den Vete­ranen des Büchnerianismus gehört, die materialistischen Kraft-und Stoffgedanken als zum alten Eisen gehörig betrachtet, daß er sie für Übereilungen erklärt usw. Kommt es aber darauf an? Können sich diejenigen damit für befriedigt erklä­ren,

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die eine Erkenntnis des Geistigen und Seelischen verlan­gen? Gewiß: die naturwis8enschaftlichen Tatsachen, die sicb uns in den letzten Jahren enthüllt haben, machen eine Deu­tung der Welterscheinungen im materialistischen Sinne ganz unmöglich. Selbst die großen Anregungen des Darwinismu s erfahren durch neue Entdeckungen eine völlige Umgestal­tung. Und nur ganz rückständige Menschen, die ihr Wissen noch immer auf die botanischen und zoologischen Tatsacheti beschränken, die man vor fünfzehn Jahren gekannt hat, kön­nen noch einer spirituellen Deutung der Lebenserscheinungen entrinnen. Wer die gegenwärtige Keimesgeschichte, die Be­funde bezüglich des Tier- und Pflanzenlebens, die Tatsachen der Kulturgeschichte und so weiter, wie sie uns die letzten Jahre gebracht haben, verfolgt, der weiß, daß diese ganze «Wissenschaftlichkeit» mit schnellen Schritten der spirituell­tiaeosophischen Weltanschauung zusteuern muß, wenn sie sich nicht völlig ins Leere verlieren will. Sie wird entweder ihre völlige Unfähigkeit zugestehen müssen, irgend etwas beizutragen zur Lösung der großen Daseinsfragen, daß heißt beim völligen Nichtwissen anlangen, oder aber sie wird ganz von selbst einmünden in die Gnosis und Theosophie Die Vertreter dieser letztern Weltanschauung sind eben nur vor-geschobene Posten, die bereits einsehen, welcher der Gang der Entwickelung des Geisteslebens ist. Daß sie noch so wenig Verständnis finden, rührt einzig und allein davon her, daß unsere Zeitgenossen von den Denkgewohnheiten des eben abgelebten Zeitalters hypnotisiert sind, und deshalb die alten Gedanken noch nicht mit den neuen Tatsachen in Ein­klang bringen können.

Die Frage ist nur: wenn auch die Vertreter der «anerkann­ten Wissenschaftlichkeit» und ihre Nachbeter heute versi­chern, daß sie über den Materialismus «hinaus» seien: haben sie denen, die wirklich nach den höheren Erkenntnissen von Geist und Seele suchen, etwas zu bieten? Und diese Frage muß mit aller Entschiedenheit verneint werden. Man kann niemand dadurch befriedigen, daß man ihm etwas nimmt;

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man muß ihm etwas geben. Der Materialismus hat, trotz sei­ner Beschränktheit, seinen Bekennern etwas gegeben, was der denkende Mensch braucht: eine in sich gerundete Weltan­schauung. Er war sogar in der Zeit, in der er aufgetreten ist, eine geschichtliche Notwendigkeit. Denn es war nur natür­lich, daß die von den Errungenschaften in der rein materiel­len Welt hypnotisierten Menschen auch in den Gesetzen der Materie die Lösung der Welträtsel suchten. Aber wohin soll sich heute wenden, wer ein Gleiches sucht? Etwa zu unseren Philosophen und gelehrten «Seelenforschern»? Zu Wundt, zu Lipps, zu Höffding? Da findet er nichts als abstrakte Vor­stellungen, ziemlich leere Begriffe, die unter dem Eintlusse einer sich selbst überschätzenden und auch überschlagenden «Wissenschaft» gebildet sind. Nichts findet er für Geist und Herz. Diese Denker haben ihre Denkgewohnheiten an den rein materiellen Erscheinungen herangebildet, und betrachten nun das Spirituelle mit diesen Denkgewohnheiten. Es fehlt ihnen, was einzig und allein hier etwas geben kann: die unmit­telbare seelische und geistige Erfahrung. Diese zu geben sind nun die spirituellen Bewegungen in der Gegenwart berufen. Sie wollen nicht den «Materialismus» bloß widerlegen; sie wollen die Erkenntnisse des Geistigen aus den in geistiger Erfahrung Geschulten heraus ihrem Zeitalter vermitteln.

#TI

ÜBER MODERNE NATURWISSENSCHAFTLICHE

ANSCHAUUNGEN

#TX

Für denjenigen, welcher den Gang der wissenschaftlichen Entwickelung in den letzten Jahrzehnten verfolgt, kann kein Zweifel darüber bestehen, daß sich innerhalb desselben ein mächtiger Upischwung vorbereitet. Ganz anders als vor kur­zer Zeit klingt es heute, wenn ein Natufforscher sich über die sogenannten Rätsel des Daseins ausspricht. - Es war um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, als einige der kühn­sten Geister in dem wissenschaftlichen Materialismus das einzig

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mögliche Glaubensbekenntnis sahen, das jemand haben kann, der mit den neueren Brgebnissen der Forschung be­kannt ist Berühmt geworden ist ja der derbe Ausspruch, der damals gefallen ist, daß «die Gedanken etwa in demselben Verhältnisse zum Gehirne stehen, wie die Galle zu der Leber »Karl Vogt hat ihn getan, der in seinem «Köhlerglauben und Wissenschaft» und in anderen Schriften alles für überwunden erklärte, was nicht die geistige Tätigkeit, das seelische Leben aus dem Mechanismus des Nervensystems und des Gehirnes so hervorgehen ließ, wie der Physiker erklärt, daß aus dem Mechanismus der Uhr das Vorwärtsrücken der Zeiger her-vorgeht. Es war die Zeit, in welcher Ludwig Büchners «Kraft und Stoff» für weite Kreise von Gebildeten zu einer Art Evangelium geworden ist. Man darf wohl sagen, daß vortreffliche, unabhängig denkende Köpfe zu solchen Über­zeugungen durch den gewaltigen Eindruck gekommen sind, welchen die Erfolge der Naturwissenschaft in neuerer Zeit gemacht haben. Das Mikroskop hatte kurz vorher die Zu­sammensetzung der Lebewesen aus ihren kleinsten Teilen, den Zellen, gelehrt. Die Geologie, die Lehre von der Erd­bildung, war dahin gekommen, das Werden unseres Planeten nach denselben Gesetzen zu erklären, die heute noch täti ig sind. Der Darwinismus versprach auf eine rein natürliche Weise den Ursprung des Menschen zu erklären und trat seinen Siegeslauf durch die gebildete Welt so verheißungsvoll an, daß für viele durch ihn aller «alte Glaube» abgetan zu sein schien.

Das ist seit kurzem ganz anders geworden. Zwar finden sich noch immer Nachzügler dieser Ansichten, die wie Ladenburg auf der Naturforscherversammlung von 1903 das mate-rialistische Evangelium verkündigen; aber ihnen gegenüber stehen andere, welche durch ein reiferes Nachdenken über wissenschaftliche Fragen zu einer ganz anderen Sprache gekommen sind. Eben ist eine Schrift erschienen, welche den Titel trägt «Naturwissenschaft und Weltanschauung». Sie hat Max Verworn zum Verfasser, einen Physiologen, der aus Haeckels Schule hervorgegangen ist. In dieser Schrift ist zu

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lesen: «In der Tat selbst wenn wir die vollkommenste Kennt­nis besäßen von den physiologischen Ereignissen in den Zel­len und Fasern der Großhirnrinde, mit denen das psychische Geschehen verknüpft ist selbst wenn wir in die Mechanik des Hirngetriebes hineinschauen könnten wie in das Getriebe der Räder eines Uhrwerkes wir würden doch niemals etwas an­deres finden als bewegte Atome. Kein Mensch könnte sehen oder sonst irgendwie sinnlich wahrnehmen, wie dabei Emp­findungen und Vorstellungen entstehen. Die Resultate, wel­che die materialistische Auffassung bei ihrem Versuch der Zurückführung geistiger Vorgänge auf Atombewegungen gehabt hat, illustrieren denn auch sehr anschaulich ihre Lei­stungsfähigkeit: Solange die materialistische Anschauung be­steht, hat sie nicht die einfachste Empfindung durch Atom-bewegungen erklärt. So war es und so wird es sein in Zu­kunft. Wie wäre es auch denkbar, daß jemals Dinge, die nicht sinnlich wahrnehmbar sind, wie die psychischen Vorgänge, ihre Erklärung finden könnten durch eine bloße Zerlegung großer Körper in ihre kleinsten Teile! Es bleibt ja das Atom doch immer noch ein Körper, und keine Bewegung von Atomen ist jemals imstande die Kluft zu überbrücken zwi-schen Körperwelt und Psyche. Die materialistische Auffas-Sung, so fruchtbar sie als naturwissenschaftliche Arbeitshypo-these gewesen ist so fruchtbar sie in diesem Sinne auch zwet­fellos noch in Zukunft bleiben wird - ich verweise nur auf die Erfolge der Strukturchemie -, so unbrauchbar ist sie doch als Grundlage für eine Weltanschauung. Hier erweist sie sich als zu eng. Der philosophische Materialismus hat seine historische Rolle ausgespielt. Dieser Versuch einer naturwissenschaft­lichen Weltanschauung ist für immer mißlungen.» So spricht ein Naturforscher am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts über die Anschauung die um die Mitte des neunzehnten wie ein neues, durch die wissenschaftlichen Fortschritte gefor­dertes Evangelium verkündet worden ist.

Insbesondere sind es die fünfziger, sechziger und siebziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts, welche als diejenigen.

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der materialistischen Hochflut bezeichnet werden dürfen. En-nen wahrhaft faszinierenden Einfluß übte damals die Erklä­rung der geistigen und seelischen Erscheinungen aus rein mechanischen Vorgängen aus. Und die Materialisten durften sich damals sagen, daß sie einen Sieg über die Anhänger der geistigen Weltanschauung davongetragen haben. Auch sol­che, welche nicht von naturwissenschaftlichen Studien aus­gegangen waren, traten in ihr Gefolge. Hatten noch Büchner, Vogt, Moleschott und andere auf rein naturwissenschaftliche Voraussetzungen gebaut, so versuchte David Friedrich Strauß 1872 in seinem «Alten und neuen Glauben» aus seinen theo­logischen und philosophischen Erkenntnissen heraus die Stützpunkte für das neue Bekenntnis zu gewinnen. Er hatte schon vor Jahrzehnten in aufsehenerregender Weise in das Geistesleben durch sein «Leben Jesu » eingegriffen. Er schien ausgerüstet zu sein mit der vollen theologischen und philoso­phischen Bildung seiner Zeit. Er sprach es jetzt kühn aus, daß die im materialistischen Sinne gehaltene Erklärung der Welt -erscheinungen einschließlich des Menschen die Grundlage bilden müsse für ein neues Evangelium, für eine neue sittliche Erfassung und Gestaltung des Daseins. Die Abkunft des Menschen von rein tierischen Vorfahren schien ein neues Dogma werden zu wollen, und alles Festhalten an einem gei­stigseelischen Ursprung unseres Geschlechtes galt in den Au­gen der naturforschenden Philosophen als stehengebliebener Aberglaube aus dem Kindheitsalter der Menschheit, mit dem man sich nicht weiter zu beschäftigen habe.

Und denen, welche auf der neueren Naturwissenschaft bau­ten, kamen die Kulturhistoriker zu Hilfe. Die Sitten und An­schauungen wilder Volksstämme wurden zum Studium ge­macht. Die Überreste primitiver Kulturen, die man aus der Erde gräbt, wie die Knochen vorweltlicher Tiere und die Ab­drücke untergegangener Pflanzenwelten: sie sollten ein Zeug-nis abgeben für die Tatsache, daß der Mensch bei seinem ersten Auftreten auf dem Erdball sich nur dem Grade nach von den höheren Tieren unterschieden habe, daß er aber geistig-seelisch

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sich durchaus von der bloßen Tierheit zu seiner jetzigen Höhe heraufentwickelt habe. Es war ein Zeitpunkt erngetreten, wo alles in diesem materialistischen Baue zu stimmen schien. Und unter einem gewissen Zwange, den die Vorstellungen der Zeit auf sie ausübten, dachten die Men­schen so, wie ein gläubiger Materialist schreibt. «Das eifrige Studium der Wissenschaft hat mich dazu gebracht, alles ruhig aufzunehmen, das Unabänderliche geduldig zu tragen und übrigens dafür sorgen zu helfen, daß der Menschheit Jammer allmählich gemindert werde. Auf die phantastischen Tröstun­gen, die ein gläubiges Gemüt in wunderbaren Formeln sucht, kann ich um so leichter verzichten, als meine Phantasie durch Literatur und Kunst die schönste Anregung findet. Wenn ich dem Gang eines großen Dramas folge oder an der Hand von Gelehrten eine Reise zu anderen Sternen, eineWanderung durch vorweltliche Landschaften unternehme, wenn ich die Erha­benheit der Natur auf Bergesgipfeln bewundere oder die Kunst des Menschen in Tönen und Farben verehre, habe ich da nicht des Erhebenden genug? Brauche ich dann noch etwas, das meiner Vernunft widerspricht? - Die Furcht vor dem Tode, die so viele Fromme quält, ist mir vollständig fremd. Ich weiß, daß ich, wenn mein Leib zerfällt, so wenig fortlebe, wie ich vor meiner Geburt gelebt habe. Die Qualen des Fegefeuers und einer Hölle sind für mich nicht vorhan­den. Ich kehre in das grenzenlose Reich der Natur zurück, die alle Kinder liebend umfaßt. Mein Leben war nicht vergeb­lich. Ich habe die Kraft, die ich besaß, wohl angewendet. Ich scheide von der Erde in dem festen Glauben, daß sich alles besser und schöner gestalten wird! » («Vom Glauben zum Wissen. » Ein lehrreicher Entwickelungsgang getreu nach dem Leben geschildert von Kuno Freidank.) So denken heute viele, auf welche die Zwangsvorstellungen noch Gewalt ha­ben, die in der genannten Zeit auf die Vertreter der materiali­stischen Weltanschauung wirkten.

Diejenigen aber, die versuchten, sich auf der Höhe des wis­senschaftlichen Denkens zu halten, sind zu anderen Vorstellungen

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gekommen. Berühmt geworden ist ja die erste Ent­gegnung, die von Seite eines hervorragenden Naturforschers auf der Naturforscherversammlung in Leipzig (1876) auf den naturwissenschaftlichen Materialismus ausgegangen ist. Du Bois-Reymond hat damals seine «Ignorabimus-Rede» gehal­ten. Er versuchte zu zeigen, daß dieser naturwissenschaftliche Materialismus in der Tat nichts vermag als die Bewegungen kleinster Stoffteilchen festzustellen, und er forderte, daß er sich damit begnügen müsse, solches zu tun. Aber er betonte zugleich, daß damit auch nicht das geringste geleistet ist zur Erklärung der geistigen und seelischen Vorgänge. Man mag sich zu diesen Ausführungen Du Bois-Reymonds stellen, wie man wolle: so viel ist klar, sie bedeutete eine Absage an die materialistische Welterklärung. Sie zeigte, wie man als Natur-forscher an dieser irre werden könne.

Die materialistische Welterklärung war damit in das Sta­dium eingetreten, auf dem sie sich bescheiden erklärte gegen­über dem Leben der Seele. Sie stellte ihr «Nichtwissen» (Agnostizismus) fest. Zwar erklärte sie, daß sie «wissenschaft­lich» bleiben und nicht ihre Zuflucht zu anderen Wissens-quellen nehmen wolle; aber sie wollte auch nicht mit ihren Mitteln aufsteigen zu einer höheren Weltanschauung. (In um­fassender Art hat in neuerer Zeit Raoul Francé, ein Naturfor­scher, die Unzulänglichkeit der naturwissenschaftlichen Er­gebnisse für eine höhere Weltanschauung gezeigt. Dies ist ein Unternehmen, auf das wir noch ein anderes Mal zurückkom­men möchten.)

Und nun mehrten sich auch stetig die Tatsachen, welche das Unmögliche des Unterfangens zeigten, auf die Erfor­schung der materiellen Erscheinungen eine Seelenkunde auf­zubauen. Die Wissenschaft wurde gezwungen, gewisse «ab­norme» Erscheinungen des Seelenlebens, den Hypnotismus, die Suggestion, den Somnambulismus zu studieren. Es zeigte sich, daß diesen Erscheinungen gegenüber für den wirklich Denkenden eine materialistische Anschauung ganz unzuläng­lich ist. Es waren keine neuen Tatsachen, die man kennenlernte.

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Es waren vielmehr Erscheinungen, die man in alten Zeiten schon und bis in den Anfang des neunzehnten Jahr­hunderts herein studiert hatte, die aber in der Zeit der mate­riallstischen Hochflut als unbequem einfach beiseite gesetzt worden waren.

Dazu kam noch etwas anderes. Immer mehr zeigte sich, auf welch schwachem Untergrunde die Naturforscher selbst mit ihren Erklärungen von der Entstehung der Tierformen und folglich auch des Menschen gebaut hatten. Welche Anzie­hungskraft übten doch die Vorstellungen von der «Anpas­sung » und dem «Kampf ums Dasein » bei der Erklärung der Artentstehung eine Zeitlang aus! Man lernte einsehen, daß man mit ihnen Blendwerken nachgegangen war. Es bildete sich eine Schule - unter Weismanns Führung -, die nichts davon wissen wollte, daß sich Eigenschaften, welche ein Le­bewesen durch Anpassung an die Umgebung erworben hat, vererben könnten, und daß so durch sie eine Umbildung der Lebewesen eintrete. Man schrieb daher alles dem «Kampf ums Dasein» zu, und sprach von einer «Allmacht der Natur-züchtung». In schroffen Gegensatz dazu traten, gestützt auf unbezweifelbare Tatsachen, solche, die erklärten, man habe in Fällen von einem «Kampf ums Dasein » gesprochen, wo er gar nicht existiere. Sie wollten dartun, daß nichts durch ihn erklärt werden könne. Sie sprachen von einer «Ohnmacht der Naturzüchtung » Weiter konnte de Vries in den letzten Jahren durch Versuche zeigen, daß es ganz sprungweise Verän­derungen einer Lebensform in die andere gebe (Mutation). Damit ist auch erschüttert, was man von Seite der Darwinia-ner als einen festen Glaubensartikel angesehen hat, daß sich Tier- und Pflanzenformen nur allmählich umwandelten. Im­mer mehr schwand einfach der Boden unter den Füßen, auf dem man jahrzehntelang gebaut hatte. Denkende Forscher hatten ohnedies schon früher diesen Boden verlassen zu müs­sen geglaubt, wie der jung verstorbene W. H. Rolph, der in seinem Buche «Biologische Probleme, zugleich als Versuch zur Entwickelung einer rationellen Ethik» schon 1884 erklärte:

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«Erst durch die Einführung der Unersättlichkeit \vi rd das Darwinistische Prinzip im Lebenskampfe annehmbar. Denn nun erst haben wir eine Erklärung für die Tatsache, daß das Geschöpf, wo immer es kann, mehr erwirbt, als es zur Erhaltung des Status quo bedarf, daß es im Übermaß wäcbst, wo die Gelegenheit dazu gegeben ist. . . . Während es für den Darwinisten überall da keinen Daseinskampf gibt, wo die Existenz des Geschöpfes nicht bedroht ist, ist für mich der Kampf ein allgegenwärtiger. Er ist eben primär ein Lebens-kampf, ein Kampf um Lebensmehrung, aber kein Kampf ums Dasein. »

Nur natürlich ist es, daß sich bei solcher Lage der Tatsachen die Einsichtigen gestehen: Die materialistische Gedankenwelt taugt nicht zum Aufbau einer Weltanschauung. Wir dürfen, von ihr ausgehend, nichts über die seelischen und gei­stigen Erscheinungen aussagen. Und es gibt heute schon zahlreiche Naturforscher, welche auf ganz anderen Vorstellungen sich ein Weitgebäude zu errichten suchen. Es braucht nur an das Werk des Botanikers Reincke erinnert zu werden: «Die Welt als Tat». Dabei zeigt es sich allerdings, daß solche Naturforscher nicht ungestraft in den rein materialistischen Vorstellungen erzogen worden sind. Was sie von ihrem neuen idealistischen Standpunkte aus vorbringen, das ist ärm­lich, das kann sie einstweilen befriedigen, nicht aber diejeni­gen, welche tiefer in die Wehrätsel hineinblicken. Solche Na­turforscher können sich nicht entschließen, an diejenigen Methoden heranzutreten, die von der wirklichen Betrachtung des Geistes und der Seele ausgehen. Sie haben die größte Furcht vor der «Mystik», vor «Gnosis» oder «Theosophie». Das leuchtet zum Beispiel klar aus der angeführten Schrift Verworns heraus. Er sagt: «Es gärt in der Naturwissen­schaft. Dinge, die allen klar und durchsichtig erschienen, ha­ben sich heute getrübt. Langerprobte Symbole und Vorstel­lungen, mit denen noch vor kurzem ohne Bedenken jeder auf Schritt und Tritt umging und arbeitete, sind ins Wanken ge­raten und werden mit Mißtrauen betrachtet. Grundbegriffe,

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wie die der Materie, erscheinen erschüttert, und der festeste Boden beginnt unter den Schritten des Naturforschers zu schwanken. Felsenfest allein stehen gewisse Probleme, an denen bisher alle Versuche, alle Anstrengungen der Natur­wissenschaft zerschellt sind. Der Verzagte wirft sich bei dieser Erkenntnis resigniert der Mystik in die Arme, die von jeher die letzte Zuflucht war wo der gequälte Verstand keinen Aus­weg mehr sah Der Besonnene sieht sich nach neuen Symbo­len um und väsucht neue Grundlagen zu schaffen, auf denen er weiter bauen kann. » Man sieht, der naturforschende Den­ker von heute ist durch seine Vorstellungsgewohnheiten nicht in der Lage, sich einen andern Begriff von «Mystik» zu machen, als einen solchen, der Verworrenheit, Unklarheit des Verstandes einschließt.

Und zu welchen Vorstellungen von dem Seelenleben kommt ein solcher Denker? Wir lesen am Schluß der ange­führten Schrift . «Der prähistorische Mensch hatte die Idee einer Trennung von Leib und Seele gebildet beim Anblick des Todes. Die Seele trennte sich vom Leibe und führte ein selbständiges Dasein. Sie fand keine Ruhe und kam wieder als Geist, wenn sie nicht durch sepulkrale Zeremonlen ge­bannt wurde Furcht und Aberglauben ängstigten den Men­schen. Die Reste dieser Anschauungen haben sich bis in un­s ere Zeit gerettet . Die Furcht vor dem Tode, das heißt vor dem, was nachher kommen wird, ist noch heute weit verbrei­tet. - Wie anders gestaltet sich das alles vom Standpunkte des Psychomonismus! Da die psychischen Erlebnisse des Indi viduums nur zustande kommen, wenn bestimmte, gesetzma ßige Verknupfungen existieren, so fallen sie weg, sobald diese Verknüpfungen irgendwie gestort werden, wie das ja schon während des Tages unaufhorlich geschieht Mit den korper lichen Veränderungen beim Tode horen diese Verknupfün gen ganz au'f So kann also keine Empfindung und Vorstel lung, kein Gedanke und kein Gefuhl des Individuums mehr be stehen. Die individuelle Seele ist tot. Dennoch leben die Emp-findungen und Gedanken und Gefühle weiter. Sie leben wei­ter

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über das vergängliche Individuum hinaus in anderen In­dividuen, überall da, wo die gleichen Komplexe von Bedin­gungen existieren. Sie pflanzen sich fort von Individuum zu Individuurn, von Generation zu Generation, von Volk zu Volk. Sie wirken und weben an dem ewigen Webstuhl der Seele. Sie arbeiten an der Geschichte des menschlichen Gei-stes. - So leben wir alle nach dem Tode weiter als Glieder in der großen, zusammenhängenden Kette geistiger Entwicke-lung. » Aber ist denn das etwas anderes als das Fortleben der Wasserwelle in anderen, die sie aufgeworfen hat, während sie selbst vergeht? Lebt man wahrhaft weiter, wenn man nur in seinen Wirkungen weiter besteht? Hat man solches Weiter-leben nicht mit allen Erscheinungen auch der physischen Na­tur gemein? Man sieht, die materialistische Weltauffassung mußte ihre eigenen Grundlagen untergraben. Neue vermag sie noch nicht zu bauen. Erst das wahre Verständnis von My­stik, Theosophle, Gnosis wird ihr solches möglich machen. Der Chemiker Ostwald hat vor mehreren Jahren auf der Na­turforscherversailung zu Lübeck von der «Überwindung des Materialismus » gesprochen und für das damit angedeu­tete Ziel eine neue naturphilosophische Zeitschrift begründet. Die Naturwissenschaft ist reif, die Früchte einer höheren Weltanschauung in Empfang zu nehmen. Und alles Sträuben wird ihr nichts nützen; sie wird den Bedürfnissen der seh­nenden Menschenseele Rechnung tragen müssen.

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DER ENGLISCHE PREMIERMINISTER BALFOUR,

DIE NATURWISSENSCHAFT UND DIE THEOSOPHIE

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An dieser Stelle ist öfter schon betont worden, wie die Natur­wissenschaft der Gegenwart durch ihre eigenen Erfahrungen vor Fragen gestellt wird, welche an die Türe der Theosophie und Gnosis pochen, und nur von diesen werden wir ihre Ant­wort finden können. Dabei muß immer weniger an diejenigen Tatsachen gedacht werden, durch die Naturwissenschaft und Okkultismus eine unmittelbare Annäherung zu erfahren scheinen. Denn auf diesem Gebiete lauern alle möglichen Ge­legenheiten zu Vorurteilen, falschen Schlüssen und Über-schätzungen der äußeren sinnlichen Wahrnehmungen (N­Strahlen, organische Ausstrahlungen usw.). Viel wichtiger ist, wenn die auf naturwissenschaftlichen Tatsachen fußenden Denker - eigentlich ohne es zu wollen - durch Beobachtung des in gewissem Sinne normalen Naturverlaufs zu Schlüssen und Folgerungen geführt werden, die dem Theosophen wie uralte Erkenntnisse in neuer Form entgegentreten. - Es sollen hier zwei Sätze zusammengestellt werden, deren Überein­stimmung für jeden, der unbefangen urteilen kann, deutlich genug spricht: H.P. Blävatsky sagt in der «Geheimlehre» (Band 1, Seite 163): «Fohat (das ist die Grundkraft, durch welche das Welt­all gebaut ist) hat, wie bereits gezeigt, verschiedene Bedeu­tungen. Er heißt der ,Erbauer der Bauleute', da die Kraft, die er personifiziert, unsere siebenfache Kette geformt hat. Er ist Eins und Sieben, und ist auf dem kosmischen Plane hinter allen solchen Manifestationen wie Licht, Wärme, Ton, Ad­häsion usw. usw., und ist der ,Geist' der Elektrizität, die das Leben des Weltalls ist. »

Der feine Denker, der gegenwärtig englischer Premiermi­nister ist, A. J. Balfour, hat am 17. August 1904 in der British Association eine Rede über unsere «Weltanschauung» gehal­ten. Darin findet sich folgendes: «Wir stehen vor einer ganz außerordentlichen Umwälzung. Vor zweihundert Jahren

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schien Elektrizität nichts weiter als ein Gelehrtenspielzeug. Und heute wird sie schon von vielen für das Wesen der Dinge angesehen, deren sinnlich wahrnehmbarer Ausdruck die Ma­terie ist. Kaum ein Jahrhundert ist vergangen, seit auch der Äther von ernster Seite einen Platz im Weltall zugewiesen erhielt. Und gegenwärtig wird schon die Möglichkeit disku­tiert, daß er geradezu der Urstoff ist, aus welchem sich die ganze Welt zusammensetzt. Auch die weiteren, aus dieser Auffassung des Weltalis sich ergebenden Schlüsse lauten nicht minder frappierend. Man hielt beispielsweise Masse bis­her für eine Grundeigenschaft der Materie, die sich weder erklären ließ, noch der Erklärung bedurfte; die ihrem Wesen nach unveränderlich war, weder Zuwachs noch Einbuße er­fuhr, mochte welche Kraft immer auf sie einwirken; und die untrennbar jedem, auch dem kleinsten Teil der Materie, an-haftete, ohne Rücksicht auf dessen Gestalt, Volumen, chemi­sche oder physische Beschaffenheit.

Akzeptiert man aber die neue Theorie, dann müssen auch diese Doktrinen berichtigt werden. Masse wird dann nicht nur einer Erklärung fähig, sondern diese findet sich vielmehr ohne Verzug. Masse ist keine der Materie anhaftende Ur­eigenschaft. Sie entspringt vielmehr, wie bereits gesagt, den Wechselbeziehungen, die zwischen den elektrischen Monaden, aus denen sich die Materie zusammensetzt, und dem Ather bestehen, in den erstere wie in ein Bad getaucht sind. Sie ist keineswegs unveränderlich. Im Gegenteil ist sie, wenn sie überaus rasch fortbewegt wird, bei jedem Wechsel in ihrer Geschwindigkeit Veränderungen unterworfen. - Die elektri­sche Theorie, die wir besprochen haben, führt uns . . . auf ein völlig neues Gebiet. . . . Sie löst . . . die Materie, mag sie nun molare oder molekulare Gestalt besitzen, in etwas auf, was gar nicht mehr Materie ist. Das Atom ist jetzt nichts wei­ter als der relativ weite Raum, in dem winzige Monaden ihren geordneten Kreislauf vollziehen; die Monaden selbst gelten nicht mehr als Substanzeinheiten, sondern als elektrische Ein­heiten, so daß diese Theorie die Materie nicht nur erklärt, sondern sie

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sofort hinwegexpliziert. » (Balfour: «Unsere heutige Weltan­schauung», Leipzig, Verlag Johann Ambrosius Barth. Seite 15 f. und 27.)

So mündet - das muß gesagt werden - die naturwissen­schaftliche Denkungsart, durch den Zwang der Tatsachen, wenn sie philosophisch vertieft wird, in die theosophische Welt-anschauung unwillkürlich, und dadurch um so ungezwun­gener.

Bemerkenswert ist der Ausklang von Balfours Rede: «Un­sere Sinnesorgane kamen uns nicht zu Forschungszwecken zu, und unsere Fähigkeit, zu grübeln und Schlüsse zu ziehen, entwickelte sich sicherlich nicht aus den elementaren tieri­schen Instinkten, auf daß wir schließlich das unendliche Him­melsgewölbe ausmessen, oder das winzige Atom zerstückeln mögen. - Diesen Umständen ist es vermutlich auch zuzu­schreiben, daß dasjenige, was die Menschheit von ihrer phy­sischen Umgebung weiß, samt und sonders nicht nur voll­ständig irrig, sondern von Grund auf falsch ist. Es mag selt­sam erscheinen; aber bis vor etwa fünf Jahren lebte und starb unsere Art ausnahmslos in einer Welt des Scheines. Und die­ser Irrwahn' soweit er uns hier angeht, betraf keineswegs ent­fernte, oder metaphysische, abstrakte oder göttliche Dinge, sondern bezog sich auf das, was Menschen sehen und be­rühren, auf jene «einfachen Tatsachen», zwischen denen sich der gemeine Menschenverstand täglich völlig sicheren Schrit­tes und selbstzufrieden lächelnd bewegt. Die Ursache dieser Erscheinungen ist nicht völlig klar.Vielleicht, daß ein allzu realistisches Bild der Natur sich im Kampf ums Dasein nicht helfend, sondern eher hemmend erwiesen hätte; und daß Lüge nützlicher erschien als Wahrheit. Möglich ist aber auch, daß sich bessere Ergebnisse mit einem so unvollkommenen Material, wie es das organische Gewebe ist, nicht erzielen lassen. »

Würde Balfour Theosoph: bald fände er sich in diesem Punkte zurecht, denn in der Theosophie fände er ein voll­kommeneres Material, als es das «organische Gewebe» ist.

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Hier ergibt sich, was als Sehnsucht und als Zweifel in den fol­genden Schlußworten Balfours eine so eindringliche Sprache spricht: «Denn ein Rätsel muß immer zurückbleiben, das durch diese endlose Kette von Ursachen und Wirkungen nicht gelöst zu werden vermag: das ist das Erkenntnis-vermögen. Die Naturlehre wird die Erkenntnis immer als da s Erzeugnis unvernünftiger Bedingungen ansehen müssen, denn in letzter Linie kennt sie ja keine anderen. Sie muß aber die Erkenntnis selbst wieder immer als etwas mit Vernunft Begabtes ansehen, denn sonst hört jede Wissenschaft auf. Abgesehen von der Schwierigkeit, die sich ergibt, wenn wir der Erfahrung Wahrheiten entreißen wollen, die mit unserer Erfahrung in Widerspruch stehen, begegnet uns sonach noch die weitere Schwierigkeit, daß wir die trübe Quelle unserer Doktrinen und ihren klaren Anspruch auf Glaubwürdigkeit in Einklang bringen müssen. Je erfolgreicher wir in der Dar-stellung ihres letzten Ursprunges sind, um so mehr Zweifel werfen wir auf ihre Gültigkeit. Je imponierender das Ge­bäude unseres Wissens, um so schwieriger wird die Antwort auf die Frage, welches die Pfeiler sind, auf die sich unser Wis­sen stützt.»

Nur Fragen kann hier die Naturwissenschaft stellen. Die Antworten müssen von höheren Wissensgebieten kommen. Nicht das «organische Gewebe», das die Sinne zimmert und dem Verstande seine Unterlage liefert, kann diese Antworten geben. Etwas muß eintreten, welches unabhängig von die­sem «organischen Gewebe» arbeitet. Unsere Artikel «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten ? » weisen die Richtung, in welcher das geschehen muß. Der Naturwissen­schafter und der Theosoph könnten sich heute schon die Hände reichen. Sie werden es in kurzer Zeit tun. In schöner Art wird dann das stolze Gebäude der Naturwissenschaft in die Theosophie einlaufen. Die Naturwissenschaft wird sich als elementare Theosophie erkennen. Ein Bündnis wird ge­schlossen werden, das dem forschenden und hoffenden Men­schengeiste zum Heile gereichen wird. Man wird in der Zukunft

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immer mehr einsehen, was die Theosophen eigentlich wollen. Man wird ihnen zuerkennen, daß sie der Forschung nicht widerstreben, sondern in die Hände arbeiten. Sie aber werden, bis der entsprechende Zeitpunkt eingetreten sein wird, geduldig ihre Arbeit tun, denn sie wissen, daß auch der forschende Menschengeist seinen notwendigen Gesetzen un­terworfen ist, und daß er an die Pforte der Theosophie nicht eher klopfen wird, bis die Dinge reif sein werden. «Warten und Arbeiten» ist ihre Aufgabe. Und sie können es, weil sie wissen, daß sie mit den und nicht gegen die großen Gesetze des Weltenkreislaufes arbeiten. Der Kern der Natur muß doch im Innern der Menschenseele gefunden werden; dann wird er sich auch im Universum enthüllen. Der große Mystiker Angelus Silesins sagt:

«Halt an, wo laufst du hin? Der Himmel ist in dir;

Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für. »

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ZEITBILDE R

Zu Aufsätzen von Camillo Schneider

über Fragen der Seelenlehre

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Wer das geistige Leben der Gegenwart verfolgt, hat im m e r wieder Gelegenheit zu sehen, wie die offizielle Wissensch h a f t durch ihre eigenen Vorstellungen in die Richtung hineing etrieben wird, in welcher die gebeimwissenschaftlichen u t n d ernsten mystischen Bestrebungen sich bewegen. Sie will sich aus Vorurteil nicht einmal zu einer auch nur oberflächli­chen Prüfung dieser Bestrebungen herbeilassen und liefert unbewußt fortwährend mit ihren eigenen Mitteln die Bau­steine zu ihr.

Seit einiger Zeit erscheinen in verschiedenen Zeitschriften Aufsätze von Dr. Carl Camillo Schneider über einzelne Fragen der Seelenlehre. Es sollen hier nur Einzelheiten aus zwei Zeit­schriften angeführt werden. Für die Zwecke, die hier ver­folgt werden, ist es nicht notwendig, auf eine genaue Bespre­chung der Aufsätze einzugehen. Es genügt, wenn gesagt wird, daß Schneider durch seine wissenschaftlichen Erw ä-gungen sich gezwungen fühlt, zu der Annahme eines «vier­dimensionalen Raumes» zu greifen. Die Geheimwissenschaft aber betrachtet den dreidimensionalen Raum nur als etwas, was der Welt der äußeren physischen Sinne zukommt, wo-gegen sie von mehrdimensionalen Räumen spricht, wenn sie Gegenstände der seelischen (astralen) und geistigen (menta-len) Welt erörtert. Um zu zeigen, zu welchen Behauptungen Schneider kommt, seien einzelne Stellen seiner Aufsätze an-geführt. In einem Aufsatze über «Das Wesen der Zeit» (Nr. 12 von 1905 der «Wiener klinischen Rundschau») ist zu lesen:

«Ich unterschied... zwischen der sinnlichen Welt, die auch

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als momentane Raumwelt bezeichnet werden kann, und zwi­schen der geistigen Welt, die sich über die gesamte Zeit ausdehnt und sich aus unzähligen Raumwelten zusammensetzt. Uns ist diese geistige Welt nur sukzessiv und ferner ja auch nur in einem äußerst kleinen Ausschnitt, der unser Leben um-spannt, gegeben. Wäre jedoch die Sukzession aufgehoben und wären somit alle Zeitmomente uns gleichzeitig gegeben, so würde die Welt ihr Aussehen vollständig verändern. Die Zeittlucht würde zur Dimension erstarren, die sich den drei Dimensionen des Raumes als vierte zugesellen würde. Die geistige Welt, bei vollkommener Erfassung der Zeit, ist eine vierdimensionale.» - Nun, was hier aus Verstandesschiuß­folgerungen heraus behauptet wird, kennt der wahre Mysti­ker aus der geistigen Anschauung. Nur daß sich seinen stren­geren Anforderungen gegenüber die Ausführungen Schnei­ders etwas laienhaft ausnehmen, mehr wie ein phantastisch-ungenaues Bild, als wie eine Wirklichkeit. Die Mystik wird als Schwärmerei verschrieen. Man kennt ihre Strenge eben nicht.

In einer Arbeit über «Psychophysischen Parallelismus» (Nr.29 der «Wiener klinischen Rundschau», 1905) kommt Schneider zu der Vorstellung, daß der ganzen Welt ein Seeli­sches zugrunde liegt und daß nicht davon gesprochen wer­den könne, unser Körpergehirn bringe etwas Geistiges her­vor: «Unser Körper ist ein Abbild unserer psychischen Welt. Er muß das sein, weil wir im Reizgeschehen die Empfindun­gen verwerten, aus denen eben diese psychische Welt besteht. Die Pflanze ist auch nur ein Abbild ihrer psychischen Welt, ebenso ein Molekül, ein Atom, nur sind diese Welten mehr oder weniger unscheinbar gegen die unsere: sie sind kleinere, oder geradezu winzige Ausschnitte der allgemeinen Psyche, von der die jinsere schon ein relativ großer Ausschnitt ist. Außer ein Abbild sind wir nun auch ein wirkendes Glied in dieser Welt die sich in uns abbildet. Unsere Psyche ist, um wirken zu können, an einen ihrer Inhalte angekuppelt und betätigt sich durch seine Vermittelung in sich selbst.»

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Wie phantastisch ist dieser immerhin bemerkenswerte Ver­such, die Welt in ihrem seelischen Charakter zu begreifen ! Zu den Ausführungen des wahren Mystikers verhält sich die­ser Begriff einer verschwommenen allgemeinen Psyche, einer Ankuppelung usw., wie sich zu der wissenschaftlichen Cha­rakteristik einer Pflanze durch einen strengen Botaniker etwa die folgende Beschreibung verhielte: «Die Pflanze besteht aus festen Pflanzenteilen und Säften.» In einem Artikel über «Raumwahrnehmung»(«Zukunft» vom 5. August 1905) führt Schneider aus: «Dinge an sich gibt es nicht, sondern nur Psychisches. Jedes Ding ist psychisch; von einer eigentlichen Empfindung kann man daher nicht reden, da unsere Sinnes-organe eben nichts empfinden; die psychischen Dinge treten nur in einen Dingkomplex ein, den wir unser Bewußtsein nennen, den man aber besser unsere psychische Organisation nennen sollte. Innerhalb jeder individuellen psychischen Or­ganisation, die im Selbstbewußtsein (Gefühl) als Einheit er­scheint, stellen sich die Dinge etwas anders dar, als in einer anderen; die Differenzen können sogar sehr beträchtlich sein (psychische Defekte).» Welche Klarheit käme in alle diese Versuche, etwas zu begreifen, wenn die Vorstellungen echter Mystik über die verschiedenen Glieder der menschlichen We­senheit herangezogen würden ! Doch sind auch schon solche Versuche bedeutsam. Schneider ist Privatdozent an der Uni­versität Wien.

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Die Zeitschrift «Der Buddhist»

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Vor kurzem hat in Leipzig eine Zeitschrift angefangen zu erscheinen, die sich nennt: «Der Buddhist. Unabhängige deutsche Monatsschrift für das Gesamtgebiet des Buddhis­mus und die buddhistische Welt. Deutsche Monatsblätter zur Orientierung über die buddhistische Mission im Morgen- und Abendlande.» Herausgeber ist Karl B. Seidenstücker, der durch die Veröffentlichung von Schriften aus dem Gebiete der buddhistischen Weltanschauung bekannt ist. In der Zeitschrift

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wird angekündigt ein «Buddhistischer Missionsverein in Deutschland», welcher zum Zweck hat «die Bekannt­machung und Verbreitung des Buddhismus in den Ländern deutscher Zunge».

Die Zeitschrift zeigt sich als eine tüchtige Darstellerin der buddhistischen Weltansicht. In scharfer und sachgemäßer Art zum Beispiel charakterisiert ein Beitrag von Bhikkhu Ananda Maitriya die Vorstellung des «Nibbana», wobei die buddhistische Auffassung dieses Begriffes rein herausgearbei­tet wird. Es wird in der Zeitschrift überhaupt ein großer Wert darauf gelegt, daß der Standpunkt des Buddhismus klar zur Geltung komme, der nicht vom «höheren Selbst» (Atma) ausgeht, sondern dieses Selbst von dem Nicht-Selbst aus be­trachtet. Durch derlei genaue Charakterisierungen kann das Verständnis einer Weltanschauung allein gefördert werden. Von Seidenstücker selbst seien die Artikel erwähnt: «Gott und Götter, oder ist der Buddhismus atheistisch?» und «Ma­häbodhi ».

Insoweit die Zeitschrift der Aufklärung über die buddhi­stische Weltanschauung dient, muß sie als höchst verdienst­liche Gründung bezeichnet werden; insofern sie allerdings einen Missionszweck in deutschen Ländern verfolgt, soll dem gegenüber gesagt werden, daß eine propagandistische Ver­breitung der Weltanschauung eines Volkes innerhalb eines anderen den höheren Gesetzen des geistigen Lebens wider­spricht. Die Wahrheit ist zwar eine einzige; aber sie muß ver­schiedene Formen annehmen, je nach Zeit und Kulturgebie­ten. Der Buddhismus ist die Wahrheit in dem Kleide, das seinen Völkern angepaßt ist. Insbesondere würde sein Aus­gangspunkt vom Nicht-Selbst den Aufgaben des gegenwärti­gen Abendlandes widersprechen, das gerade durch die höhere Entwickelung des Selbst den Weg zur Wahrheit finden muß. Von allen ähnlichen Missionsversuchen einer bestimmten Weltanschauungsfrrm unterscheidet sich die Theosophie da­durch, daß sie ihren Blick auf das eine Leben der Wahrheit richtet, und in bezug auf die Formen, in denen sie dieses Leben

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zur Darstellung bringt, dem Charakter bestimmter Ku] -turen Rechnung trägt. Das Abendland steht in einer Entwickelung sphase, in welcher das Christentum durch Er­kennung seines wahren Kernes eine neue Epoche herbeifüh­ren muß. Diese in den Entwickelungsgesetzen liegende For­derung möchte die theosophische Geistesrichtung anerken­nen. - Doch hat ja der «buddhistische Missionsverein in Deutschland» in seinen Satzungen die Worte: «Der B. M V. steht auf dem Boden der Toleranz und hält sich von jedwe­dem Angriff auf irgendwelche religiösen oder kirchlichen Gemeinschaften fern. Er erklärt seine Sympathie mit allen Bestrebungen, die dem geistigen Fortschritt und wahrer Hu­manität dienen und den lebenden Wesen zum Wohl und Heil gereichen. » Wenn er wirklich in diesem Geiste arbeitet, dann kann sein praktisches Resultat dem der Theosophie nicht wi­dersprechen. Und die Zeitschrift wird durch ihren ernsten Charakter zweifellos zu dem Ziel beitragen: die buddhistische Religion den Europäern bekannt zu machen. Und das ist ja auch eine der Aufgaben der Theosophie.

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Zu « Beiträge zur Weiterentwickelung der christlichen Relgion»

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«Beiträge zur Weiterentwickelung der christlichen Religion» nennt sich ein (in München 1904, J. F Lehmanns Verlag) erschiene­nes Buch, für das sich «eine größere Anzahl Gelehrter aus ver­schiedenen Berufen und Wissenschaften zu einer gemeinsa­men Aufgabe» verbunden haben. Diese Aufgabe wird so ge­kennzeichnet: «den Stand der Religion im Leben der Gegen­wart darzulegen und zu fördern; jeder berichtet dabei über das ihm vertraute Gebiet, aber zusammen wenden sie sich nicht an den Kreis der Fachgenossen, sondern an alle, denen die höchsten Fragen am Herzen liegen, und die an Bewegung und Streben, an Zweifel und Unruhe teilnehmen.... Bei­träge zur Weiterentwickelung der christlichen Religion kann nur bringen, wer sich auf den Boden des Christentums stellt, wer überzeugt ist, daß im Christentum eine ewige Wahrheit

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durchgebrochen, eine Art des Lebens entfaltet ist, der blei­bend die geistige Herrschaft gebührt. Aber für eine Weiter-entwickelung arbeiten kann nur, wer zugleich überzeugt ist, daß der gegenwärtige Stand der christlichen Religion den Forderungen der weitgeschichtlichen Lage nicht entspricht, daß in jenem die ewige Wahrheit mit manchem verquickt ist, was heute viele, überaus viele als zeitlich und menschlich empfinden, dem sie daher unmöglich die Verehrung zollen können, die lediglich dem Ewigen und Göttlichen gebührt.»

Es werden in dem Buche die Lehren des Christentums, soweit die einzelnen Verfasser in dieselben eingedrungen sind, nun selbst an einer Wahrheitsform gemessen, die von einem höheren Standpunkte doch nicht minder als zeitlich und menschlich empfunden wird. Fast in allen Aufsätzen ist zu merken, daß die Bearbeiter ganz in der gegenwärtigen, zu materialistischen Vorstellungen neigenden kulturgeschicht­lichen Betrachtungsart wurzeln. Es wird, wie begreiflich ist, nicht überall gesagt, daß ein solcher Maßstab angelegt wird. Die Verfasser sind sich auch kaum des «Zeitlichen und Menschlichen» in ihrer Beurteilung bewußt. Und gegen die Bezeichnung «materialistisch» mögen sie viel einzuwenden haben. Aber es kommt durchaus nicht auf die Dogmen an, die jemand vertritt, sondern auf die Denkgewohnheiten, die ihm eigen sind. Wer nur gelten lassen kann, was die moderne Weltansicht als «natürlich» bezeichnet, der lebt in materiali­stischen Denkgewohnheiten, auch wenn er eine Lehre ver­teidigt, die im höchsten Sinne der geistigen Welt entstammt. - Bei der Betrachtung des Christentums ist es doch möglich, durch wahre Vertiefung in seinen Kern die neuere Weltan­schauung zu ihm hinaufzuziehen, statt dieses herunterzu­ziehen in den Bereich des modernen Denkens. Und eine wahrhaft weiterbildende Kraft kann doch nur das erstere haben. Deshalb strömt von dem Buche überall die nüchterne Kälte gegenwärtiger Vorstellungen aus, nicht die Wärme, die man vom Christentum ausgehen fühlt, wenn man in seine tiefen Geheimnisse eindringt.

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Bücher solcher Art zeigen gerade durch das, was sie nicht vermögen, die Notwendigkeit des theosophischen Gesichtskreises zu einer Wiederbelebung der christlichen Wahrheiten. Die Betrachtungsweise, aus welcher diese «Beiträge» ent­standen sind, wendet alle kritische Kraft darauf, das Klei d des Christentums zu zerzausen, weil dieses Kleid mit der mo­dernen Tracht nicht stimmt; das theosophische Verfahren da­gegen versucht in das Wesen einzudringen, welches dieses Kleid trägt, und das letztere zeigt sich dann zwar im Charak­ter einer anderen Zeit, aber es trägt selbst so noch zum Ver­ständnisse seines Trägers bei. Dabei wird die Theosophie der modernen wissenschaftlichen Vorstellungsart insofern ge­recht, als sie das Kleid einer vergangenen Zeit auf natürliche Art durch eines der Gegenwart ersetzt. Jener Darstellung der «Beiträge» bleibt nach dem Zerfetzen des Kleides nichts mehr vom Wesen übrig, an das sie gar nicht wirklich herangetreten ist, sondern vielmehr ein willkürliches Gebilde von dem, was der Betrachter als Christentum empfindet. Und das ist in den meisten Fällen ein Verstandesbekenntnis ohne psychische und spirituelle Kraft. Daß dann dieses Bekenntnis auf einen ganz «zeitlich und menschlich» gemachten Christus zurückge­führt wird, dazu liegt nicht die geringste Notwendigkeit vor, und daß weiterhin dieser Christus doch noch als derselbe hin-gestellt wird, von dem die Evangelien berichten, erscheint als der Gipfrl willkürlicher Begriffskonstruktionen. Einigerma­ßen bemerkenswert ist nur ein Beitrag R Euckens über «Wis­senschaft und Religion», in dem der Versuch gemacht wird, die Selbständigkeit des geistigen Lebens zu verstehen und in drei Stufen zu zerlegen, indem 1. der Geist, der die Natur zu verstehen sucht, als etwas Eigenartiges über die Natur selbst gestellt, 2. das geistige Leben in der Geschichte der bloßen Aufeinanderfolge menschlich-persönlicher Wirkungen ge­genüber als etwas Besonderes angesehen, und 3. die schöpfe­rische Kraft der Einzelpersönlichkeit als Ausfluß seiner gött­lichen Kraft gefaßt wird. Doch bleibt auch dieser Versuch in kahlen Abstraktionen stecken und dringt nicht bis zu einer

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wahren Vorstellung einer geistigen Welt vor. Die anderen ,3eiträge behandeln: Wesen und Ursprung der Religion, ihre Wurzeln und deren Entfaltung (Prof. Dr. L. v. Schroeder, Wien), ganz in der Richtung moderner rationalistischer Kul­turgeschichte gehalten; das Alte Testament im Licht der mo­dernen Forschung (Pro£ D H Gunkel, Berlin), nur eine Schutzschrift für die moderne Bibelkritik; Evangelium und Urchristentum (das Neue Testament im Lichte der histori­schen Forschung von Prof. D A Deißmann, Heidelberg), kein energisches Eintreten für klare Vorstellungen; Heils-glaube und Dogma (Prof. D Dr. A Dorner, Königsberg); Religion und Sittlichkeit (Prof. D Dr. W. Herrmann, Mar­burg); Christentum und Germanen (Sup. D F Meyer, Zwickau), ein ganz subjektiv gefärbtes Bild des christlichen Lebens der Jahrhunderte vor Luther in Deutschland; Reli­gion und Schule (Prof. Litt. D Dr. W. Rein, Jena); die ge­meinschaftsbildende Kraft der Religion (Lic. G. Traub, Dort­mund); Das Wesen des Christentums (Lic. Dr. G. Wobber­min, Berlin). Daß das Buch im Sinne der modernen Universi­tätstheologie nach den «neuesten Ergebnissen der Wissen­schaft» gearbeitet ist, soll noch besonders hervorgehoben werden.

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Otto Pfleiderer: «Die Entstehung des Christentums»

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Gegenwärtig macht ein Werk «Die Entstehung des Christen­tums» von dem Berliner Universitätsprofessor D Otto Pflei­derer in den verschiedensten Kreisen sehr viel Aufsehen (München, J. F Lehmanns Verlag, 1905). - Pfleiderer will die Entstehung des Christentums des Wunders entkleiden, daß « die zweite Person der Gottheit vom Himmel auf die Erde herabgestiege,n, im Leibe einer jüdischen Jungfrau Mensch geworden, nach dem Tod am Kreuze wieder leibhaftig auf­erstanden und zum Himmel gefahren» sei. Er glaubt dadurch das Christentum einer geschichtlichen Erklärung zugänglich zu machen. «Denn eine Erscheinung geschichtlich verstehen

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heißt: sie aus ihrem ursächlichen Zusammenhang tilit den Zuständen an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit des menschlichen Lebens begreifen. Der Hereintritt eines übermenschlichen Wesens in die Erdenwelt wäre ein absolu­ter Neuanfang, der in gar keinem ursächlichen Zusammen-hang mit dem Vorangehenden stände, also auch nach keiner Analogie der sonstigen menschlichen Erfahrung sich begrei­fen ließe, kurz aller geschichtlichen Erklärung sich entzöge.» - Dazu muß gesagt werden, daß wir niemals den Maßstab dessen, was wir zu einem bestimmten Zeitpunkte begreifen, an alles in der Welt legen und das als «übermenschlich» und «ursachlos » bezeichnen dürfen, was für diesen Maßstab nicht meßbar ist. Wir müssen vielmehr gewissen Erscheinungen gegenüber unseren Maßstab selbst erweitern. Es ist ja zu be­greifen, daß jemand sagt: Dies verstehe ich, deshalb halte ich es für wirklich, ein anderes verstehe ich nicht, deshalb ist es für mich unwirklich. Das ist aber doch kein anderes Vor­gehen, als wenn jemand, der nichts von Elektrizitätskraft versteht, das Telephon für unmöglich hält. Das, was Pfleide­rer, nach Abzug dessen, was ihm «übernatürlich» dünkt, noch vom Christentum zurückbehält, ist ein bloß rationalistisches Gebilde; innerhalb eines solchen kann man dann nicht mehr von einer «Göttlichkeit Christi» reden. Die Aufgabe ist aber gerade, zu verstehen, was Göttlichkeit ist, welche Geheim­nisse sich verbergen hinter der «jungfräulichen Geburt», «Auferstehung» und so weiter.

Hier setzt der theosophische Gesichtspunkt ein; und alie diejenigen, welche ihn nicht mitmachen wollen, verfallen in die Rationalisierung des Christentums, was einer Entchristli­chung desselben vollkommen gleichkommt. Für denjenigen, der in die tiefen Geheimnisse der christlichen Wahrheiten eindringt, ist das «Christentum Pfleiderers» kein Christen­tum mehr, sondern ein durch das moderne Denken geschaf­fenes, ganz willkürliches Gebilde. Und gerade unter diesem Gesichtspunkte wird die Erklärung der Entstehung dieser Religion aus den Mythen und Mysterien der vorhergehenden

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Zeit heraus ganz wertlos. Denn nur dann, wenn man in das wahre Leben der Adonisauferstehungsfeier, der Mythras­weihe und so weiter eindringt, und sie nicht in rationalisti­scher Art in bloße phantastische Kulthandlungen verflüch­tigt, dann dringt man in die prophetische Vorbedeutung die­ser alten Vorläufer des Christentums ein und erkennt, wie sie in dem großen Mysterium von dem gekreuzigten und aufer­standenen Gottessohn ihre Erfüllung gefunden haben. - Pflei­derer sagt: «Daher werden wir gut daran tun, uns mit dem Gedanken immer mehr vertraut zu machen, daß der eigent­liche Gegenstand unseres frommen Glaubens nicht das Ver­gangene, sondern das Ewige ist ! -Aber dieses «Ewige» faßt eben jeder nach seinem Verständnisse au£ Dagegen ist nichts zu sagen; und wenn jemand als Religionsinhalt be­gründen will, was «sich nie und nirgends hat begeben», so steht das jedem frei. Aber das Christentum kann sich nie und nimmer auf das gründen, was niemals gewesen ist, sondern auf den «lebendigen Christus», der vor 1900 Jahren in Pa­lästina gewirkt hat und durch die Evangelien verkündet wird. Wer es auf etwas anderes begründen will, der kann ebensogut Weiß Schwarz nennen.

Das alles sind natürlich nicht Ausfälle gegen die Persön­lichkeit Pfleiderers, der nach dem Rezept seiner Wissenschaft in vollkommen gelehrter Art getan hat, was er für das Rich­tige halten muß. Aber es soll darauf hingewiesen werden, wo­hin diese Wissenschaft führen muß. Und wie eine Erneue­rung der Geisteswissenschaft im theosophischen Sinne not­wendig ist. Ich weiß, daß es als eine Ungeheuerlichkeit er­scheinen muß, wenn gesagt wird, der offizielle Vertreter theo-logisch-christlicher Wissenschaft an einer Universität lehre etwas Unchristliches. Aber die Verwirrung ist heute groß, und derlei Dinge nicht beim rechten Wort nennen hieße gegen­wärtig Pflichtverletzung. Allerdings hält man in den Kreisen Pfleiderers einen theosophischen Versuch, die christlichen Wahrheiten zu ergründen, für vollkommensten Dilettantis­mus.

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Das kann gar nicht anders sein. Denn um einen solchen Versuch zu begreifrn, fehlen da alle Vorbedingungen. Der Theosoph versteht Pfleiderer; aber Pfleiderer wird den Theosophen nicht verstehen wollen.

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Raoul H. Francé: «Das Sinnesleben der Pflanzen»

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In der Sammlung populärer naturwissenschaftlicher Schrif­ten, welche herausgegeben wird vom «Kosmos, Gesell­schaft der Naturfreunde, Stuttgart», ist vor einigen Monaten ein Heft erschienen über «Das Sinnesleben der Pflanzen», (Franckhsche Verlagshandlung in Stuttgart). Es hat zum Verfasser den geistvollen Raoul H Trance; von dem auch das wichtige Lieferungswerk «Das Leben der Pflanzen» (Franckli­sche Buchliandlung, Stuttgart) herrührt, und der vor zwei Jahren in dem Büchelchen «Die Weiterentwickelung des Darwinismus» (Odenkirchen) ein vorzügliches Orientie­rungsmittel denjenigen geschenkt hat, welche den gegenwär­tigen Stand der Forschung in bezug auf die Entwickelung der Lebewesen kennenlernen wollen. Den Okkultisten muß eine Schrift wie «das Sinnesleben der Pflanzen» mit Befriedi­gung erfüllen. Denn er muß es gern sehen, daß möglichst viele Menschen Kenntnis nehmen von den Tatsachen, welche hier dargestellt werden. Für alle diejenigen, die überhaupt einen Sinn haben für die «geheimnisvollen» Quellen des Le­bens, kann eine solche Darstellung eine gute Vorbereitung sein, um die Gesichtspunkte des Okkultismus und der Theo-sophie zu verstehen. Und wenn der Erzähler dieser Tatsachen seine Aufgabe in so feinsinniger und zugleich so allgemein-verständlicher Art löst, so muß dies besonders willkommen geheißen werden. Ein edler Natursinn, eine zarte Weise, sich den Erscheinungen des Lebens zu nähern, waltet in dem Büchlein. Überall zeigt sich, wie der Verfasser nicht nur mit Verstandesklugheit, sondern mit dem Anteil der ganzen Seele an diese Erscheinungen herangeht. Er setzt die «wun­dervollen» Tatsachen im Leben der Pflanzen auseinander.

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«Wundervoll» sind sie allerdings nur für denjenigen, der geneigt ist, in der Pflanze etwas Lebloses, automatisch Wir­kendes zu sehen. Für einen solchen können die aufgezählten Tatsachen allerdings Staunen erregen. Wer von Okkultis­mus etwas weiß und die Ausdrucksformen nicht nur des Le­bens, sondern auch des «Geistes » in allen Naturreichen sieht, für den hört nicht die «Bewunderung» auf, die sich sogar zur «Erhebung» steigern kann, wohl aber das «Wunder», wenn er auch aus dem Munde des Naturforschers davon hört, wie die Pflanze Licht, Geruch, Wasser usw. «wahrnimmt». Aus der Erzählung R Francés fühlt sich etwas heraus wie ein scheues Bewundern der merkwürdigen Dinge, die er vorzu­tragen hat. «... die Pflanze bewegt ... ihren ganzen Körper so frei und leicht und graziös wie das geschickteste Tier - nur viel langsamer. Die Wurzeln wühlen suchend im Erdreich, die Knospen und Sprosse vollführen gemessene Kreise, die Blätter und Blüten nicken und schauern bei Veränderungen, die Ranken kreisen suchend und langen mit gespenstigem Arm nach der Umgebung - aber der oberflächliche Mensch geht vorbei und hält die Pflanze für starr und leblos, weil er sich nicht die Zeit nimmt, eine Stunde lang bei ihr zu weilen. Die Pflanze aber hat Zeit. Darum eilt sie nicht; denn die Rie­sen in Floras Reich leben durch die Jahrhunderte und sehen zu ihren Füßen ungezählte Generationen von Menschen auf­leben und vergehen.» Wer so beschreibt, bei dem kommt es nicht nur darauf an, Kenntnis zu nehmen davon, was er dar­stellt, sondern mitzufühlen, wie er darstellt. Deshalb sollen hier einige charakteristische Stellen aus dem Schriftchen wie­dergegeben werden. «Eines der lebendigsten Organe des Pflanzenkörpers ist die Wurzel, oder richtiger gesagt, sind jene feinen, wurmartigen Wurzelenden, deren Spitze Darwin nicht umsonst mit einem Gehirn verglichen hat. Es ist kaum zu glauben, was dieses weiße Fädchen alles leistet. Vor allem dreht es seine Spitze langsam, doch ständig im Kreise und schraubt sich so förmlich in den Erdboden ein. Jeder, der dies noch beobachtet hat, vergleicht es mit einem Suchen

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nach Nahrung. Die Wurzeln tasten dadurch jedes Erdkrüm­chen ihrer Umgebung ab. Und wie seltsam; von dort, wo das Erdreich trocken ist, wendet sich die Wurzel ab zu feuchteren Stellen. Stets wächst sie dorthin, wo mehr Feuchtigkeit ist. Die Physiologie nennt dies Hygrotropismus, Sinn für Was­sernähe. Aber die Wurzel wendet sich auch nach abwärts. Sie hat auch Schwerkraftsempfindung (Geotropismus). Wie mit winzigen Seilen wird dadurch jedes Gewächs tiefer in die Erde hinabgezogen. Man untersuche mehrjährigen Wiesen-klee oder eine Möhre, bei der man es besonders gut sieht, und man wird finden, daß sie jedes Jahr um etwa 5 cm tiefer hin­abgerät von dem Punkte, wo sie ursprünglich keimte. Sie vermag dieses Hinabsinken in die Tiefe nur durch stetes Wachstum des unterirdischen Stengels auszugleichen, aber gerade das sichert ihr den festen Stand. Die lebenden Wesen wissen alles zu ihrem Nutzen zu drehen.»

In schöner Art wird weiter erzählt von den Ranken gewis­ser Pflanzen, die «suchen und tasten» wie Polypenarme, um eine Stütze zu umfangen, und so das Emporklettern der Ge­wächse an Bäumen und Wänden bewirken. Die Erscheinung des «Pflanzenschlafes» wird dargestellt. «Die Blättchen drük­ken sich eng aneinander und stehen schräg nach aufwärts, sie haben nach Sonnenuntergang ihre Nachtwendung vollführt.» Es wird gezeigt, wie sonderbare Zusammenschließungen Blätter und andere Teile gewisser Pflanzen vollführen, wenn sie berührt werden. Weiter lernt der Leser, wie andere Pflan­zen Vorrichtungen haben, um mit ihrer Hilfe in geradezu heimtückischer Art kleine Tiere zu fangen, die sie dann als Nahrung sich einverleiben. «In den Mooren um Hamburg und Hannover wächst der Sonnentau ebenso wie in den Sümpfen des Oderbruches und des Spreewaldes, den Hoch­mooren der deutschen Mittelgebirge und den Moosen der bayrisch-schwäbischen Hochebene. Ein solches Sonnentau­pflänzchen trägt an der Oberseite all seiner kleinen schlüssel­förmigen Blätter rote Wimpern, an deren Spitze wirklich im Sonnenschein ein Tautropfen glitzert. Starr und unbeweg­lich

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breiten sie sich aus wie Fühlhömer. Es ist freilich nur Einbildung, aber man glaubt es dem Pflänzchen anzusehen, daß es lauert. Und wirklich, wehe der ahnungslosen Mücke, der begierigen Fliege, die an dem verlockend glitzernden Tautropfen naschen will. Ihr Köpfehen bleibt an dem zähen Schleim hängen; wo ihr Füßchen mit einer der trügerischen Leimspindeln in Berührung kommt, besudelt es sich immer mehr und bleibt um 50 fester haften. Der Fühlhörner jedoch bemächtigt sich inzwischen förmliche Aufregung. Schon nach wenigen Minuten greifen sie, eine Reihe nach der andern, langsam, aber mit unfehlbarer Sicherheit nach dem Opfer, binnen einer bis drei Stunden haben sich fast alle auf die un­glückliche Mücke gesenkt, deren Schicksal damit entschieden ist.» Die Beute wird nun regelrecht «verzehrt». «Nach außen hin verrät es sich freilich durch nichts, aber wenn nach eini­gen Tagen die Tentakeln loslassen, das Bratenschüsselchen sich glättet, so findet sich nur mehr ein dürres Skelett, das der Wind wegweht. Fleisch und Blut sind ausgesogen - die Tenta-kelnsindnicht nur Zungen, sondern auch Magen zugleich. ... Es sind Wesen, die ihren Magen auf Stielen in die Luft strecken.»

So bringt in durchaus sympathischer Weise Francé eine lange Reihe von Lebenserscheinungen des Pflanzenreiches vor. Er kommt dann zu folgender Erwägung: «Aus dieser unendlichen Fülle von Erfahrungen drängten sich aber mit Notwendigkeit neue Überzeugungen auf. Wesen, die so sicher, so mannigfaltig, so prompt auf die Außenwelt reagie­ren, sie müssen notgedrungen auch jene Verbindungswege zwischen ihrem Ich und der Außenwelt besitzen, die wir an uns Sinn und Sinnesorgan nennen.» Und aus dieser Überzeu­gung heraus haben denn auch Forscher die besonderen «Sin­nesorgane» der Pflanze gesucht. Auch darüber gibt Francé eine gute Übersicht, was neuere Naturforscher in dieser Rich tung zutage gefördert haben. Es gibt einfache Organe in den Pflanzen, die sich mit den Sinnesorganen der Tiere und des Menschen vergleichen lassen. So wirkt bei gewissen Blättern die oberste Zellenschicht wie eine Sammellinse, wodurch das

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Licht in der Mitte der Zellen gesammelt und zur entsprechen-den Einwirkung auf die Pflanzennatur vorbereitet wird. Das kann man mit dem Facettenauge gewisser Tiere vergleichen. Weiters sind an der sogenannten Wurzelhaube und an ande­ren Stellen der Pflanze Zellen, in denen sich frei bewegliche Stärkekörner ablagern. Durch das Herumbewegen derselben bei gewissen Drehungen kann die Richtung der Pflanze im Sinne der Schwerkraftlinle zustande kommen. Wieder kami man dieses Organ mit einem Sinnesorgan für die Schwerkraft vergleichen. Es ist nicht möglich hier auf all die «geistvollen »Einrichtungen, die sich von dieser Art im Pflanzenkörper fin­den, im einzelnen hinzuweisen. Es soll noch im besonderen das schöne Schriftchen von Haberlandt genannt werden «Die Sinnesorgane der Pflanzen» (Leipzig 1904). Haberlandt ge­hört mit Nìmec, Noll und anderen zu den verdienten For­schern der neueren Zeit in bezug auf dieses Gebiet. Sogar gewisse Organe, die sich den Nerven vergleichen lassen, sind für die Pflanze angegeben worden. Man kann es daher ver­stehen, wenn Francé zu dem Ausspruche kommt: «Welch großartigere Lehre soll uns denn die stumme Pflanze noch gewähren, als die sie uns schon verriet: daß ihr Sinnesleben eine primitive Form, der Anfang des Menschengeistes ist. » Oder: «Daß im Sinnesleben das Tier nichts als eine höher entwickelte Pflanze ist. »

Der Okkultist aber darf darauf hinweisen, daß seine «Wis­senschaft» zwar in anderer Form, aber dafür um so sicherer auf die Erkenntnisse dieses Gebietes führt. Wer Vorträge über «Okkultismus » gehört hat, welche dieses Gebiet berühren, wird wissen, wie da in absolut klarer Art gesprochen wird von der «Wurzel als dem Kopf der Pflanze», von den Bezie­hungen der Pflanze zu Licht und Schwerkraft und all den andern Dingen, die Francé berührt. Für denjenigen, welcher die Verhältnisse durchschaut, erscheinen die gegenwärtigen Versuche der Naturforscher wie unklar tastende Unterneh­mungen in ein Gebiet, das vom Okkultismus Klarheit und Sicherheit empfangen kann. Ja, in vielen Dingen erscheint der Naturforscher der Gegenwart dem Okkultisten als ein Phantast.

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Schon das Sprechen von «Sinn» und «Sinnesleben» der Pflanzen nimmt sich phantastisch aus gegenüber den klaren Ideen des Okkultismus, die Licht verbreiten auf die Bezie­hung zwischen den oben gekennzeichneten Lebenserschei­nungen und Organen der Pflanze und den damit zu verglei­chenden beim Tiere und Menschen. Und so möchte denn n amentlich ein Ausspruch Francés durch den Okkultismus eine Korrektur erfahren. Francé sagt: «Ich stehe nicht an, es nochmals herauszusagen: daß wir die Hauptaufgabe, die wir ungelöst, kaum in Angriff genommen, kaum in ihrem Wesen erfaßt haben, zur Lösung unseren Kindern überlassen müssen. » Diese Hauptaufgabe kann «in ihrem Wesen erfaßt» werden, wenn sich die Naturforschung nicht stolz ablehnend dem Okkultismus gegenüber verhält, sondern sich mit ihm verbündet, sich von ihm befruchten läßt. Man sollte nicht in die «Ferne schweifen» zu «unseren Kindern»; man sollte das «Gute» suchen, das « so nah liegt», nämlich in der okkulten Weisheit. Aber vorläufig will die Naturforschung eben doch nichts von dem Okkultismus erfahren. Mit vollem Bewußt­sein wird hier «erfahren» gesagt. Denn man verurteilt den Okkultismus nicht, weil man ihn kennt, sondern weil man ihn nicht kennt. Aus Aufsätzen, welche in der Zukunft in die­ser Zeitschrift erscheinen werden, soll auf die Forschungen, welche der Schrift Francés zugrunde liegen, vom Stand­punkte des Okkultismus aus Licht fallen. Der Okkultist aber kann es nur immer wiederholen: man vertiefe sich in solche Ausführungen, wie diejenigen des geistvollen Francé sind: man wird gerade darinnen die beste, die sicherste Vorberei­tung zu okkulter Schulung finden können. Unsere Altvor­dern brauchten diese Vorbereitung nicht; dem mehr auf das Materielle gerichteten Sinn der Gegenwart ist sie nützlich. Und die «Kinder » werden wohl die Versöhnung zwischen Okkultismus und Naturforschung finden. Bis dahin kann der Okkultist ruhig warten. Er steht mit seiner aufrichtigen Liebe zum Naturforscher auf dem Goetheschen Gesichtspunkte: ob man dich wieder liebt, was geht's dich an?

BEMERKUNGEN ZU AUFSÄTZEN AUS DEN NACHGELASSENEN PAPIEREN PAUL ASMUS'

#G034-1960-SE488 - Luzifer-Gnosis 1903 - 1908

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BEMERKUNGEN ZU AUFSÄTZEN AUS DEN NACHGELASSENEN PAPIEREN PAUL ASMUS'

Vorrede

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An dieser Stelle soll einer der besten deutschen Denker aus der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts zu Worte kommen. Er ist 1872, erst dreißigjährig, einem hoffnungsrei­chen Leben entrissen worden. Zwei Schriften liegen gedruckt von ihm vor: «Das Ich und das Ding an sich » und «Die indo-germanischen Religionen». Schätze des deutschen Gedanken-lebens sind es. Wer den Entwickelungsgang dieses Gedan­kenlebens seit 1870 im rechten Lichte erblicken kann, dem ist es nur zu verständlich, daß der so jung verstorbene Panl Asmus nur wenige Leser finden konnte. Diese Zeit war der Ausgestaltung der auf das Sinnlich-Tatsächliche gerichteten Erkenntnisse zugewendet. Man wollte die Ergebnisse des Experiments, des Mikroskopes und Fernrohres usw. als Grundiagen der Weltansicht verarbeiten. Und Paul Asmus hat zu denen gehört, die in der Ätherhöhe des reinen Den­kens die Geheimnisse des Daseins erforschen wollen. Ein echter und edler Schüler der großen philosophischen Ideali­sten aus der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ist er. Nur wenige sind heute geschult in dem Gebiete des reinen Gedankens, um in diese lichten Höhen hinaufzusteigen. Nur wenige kennen selbst die Bedeutung dieser Regionen und wissen, daß auf ihnen, und nicht da, wo bloß sinnlich beob­achtet und experimentiert wird, die Rätsel des Lebens sich enthüllen. - In dieser Zeitschrift, die einer Weltanschauung dient, die zum Geiste führen soll, ist wohl einiges aus dem Nachlasse des Frühverstorbenen am Platze. Die Schwester

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des Denkers, Martha Asmus, die selbst in den letzten Jahren rnjt drei Bändchen Erzählungen hervorgetreten ist, hat mir ihres Bruders nachgelassenes Manuskript «Die Willkür» zur Verfügung gestellt. Hier soll aus demselben dasjenige ver­öffentlicht werden, was eine Vorstellung geben kann über die Art, wie sich Paul Asmus zu einem der allerwichtigsten menschlichen Probleme stellte.

Im nächsten Hefte werde ich der Fortsetzung eine kurze Charakteristik der Ideenrichtung Paul Asmus' geben. Ich weiß, daß der Höhenflug des Gedankens, den dieser For­scher genommen, heute wenige geneigt findet zu folgen. Heute fordert das Denken Bequemlichkeit, und zum Ver­stehen von Paul Asmus' Ideen ist volle arbeitende Hingabe erfor­derlich. Doch der Theosoph weiß, daß nicht die Forschung sich nach dern Menschen, sondern der Mensch nach der For­schung zu richten habe; und daß nur volle Hingabe an ihre Forderungen zur Erkenntnis führen kann.

Weniges ist über Kant geschrieben worden, das an Wert dem gleich kommt, was Paul Asmus über ihn in seiner Schrift «Das Ich und das Ding an sich » ausgeführt hat. Er wird Kant vollkommen gerecht; aber er zeigt zugleich, wie unmöglich es ist, bei ihm stehenzubleiben, und wie der große Anstoß, den der Königsberger Philosoph dem deut­schen Denken gegeben hat, notwendig zu den Auffassungen Fichtes, Schellings, Hegels, Schopenhauers und anderer hat führen müssen. Kant hatte gezeigt, und diese Tat ist eine der geistesgeschichtlich bedeutsamsten im modernen Denken, daß die gewöhnlichen wissenschaftlichen Denkmethoden niemals zu einer Erkenntnis des «Dinges an sich » führen, sondern immer nur dazu, die Welt der dem Menschen gege­benen Erscheinungen erkennend zu beherrschen. Auf das «Ding an sich» aber hat Kant in einer ganz eigentümlichen Weise hingedeutet. Er nahm an, daß in dern kategorischen Imperativ, der in dem Pflichtgebot zu dern Menschen spricht, ein Ruf ertönt aus der Welt des «Dinges an sich». Aber dieser

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Ruf liefere keine Erkenntnis des Höchsten, sondern nu -einen Glauben an dasselbe, der dem Menschen die Richtung gibt nach dern moralischen Leben. Will der Mensch sich fü ein moralisches Wesen halten und sich in der Richtung de-Moralität immer weiter und weiter entwickeln, so muß er an die Wirklichkeit dessen glauben, was ihm den kategorischen Imperativ zusendet. Erkennen kann er aber nicht, was ihn so moralisch trägt.

Nun hat Fichte versucht, diesen im Innern des Menschen ertönenden Ruf zu untersuchen, und er kam so zu seiner «Ich-Philosophie». Im «Ich» geht, nach Fichte, dem Men­schen eine höhere Welt auf, die ebenso wirklich, ja viel wirk­licher ist, als die äußere Erscheinungswelt. Denn diese äußere Erscheinungswelt erhält erst Sinn und Bedeutung, wenn das menschliche Ich sein eigenes Licht auf dieselbe leuchten läßt. Diesen Hervorgang von Fichtes Denken aus dern Kant­schen stellt Paul Asmus in scharfsinniger Weise dar. Und ebenso, wie dann Hegel und Schelling aus dern «Ich» heraus, aus dern Menschengeiste die Antworten suchen auf die gro­ßen Rätselfragen des Daseins, die keine äußere Sinnesan­schauung lösen kann.

Und von hier aus fand dann Paul Asmus den Zugang zum Verständnis der Religionen, dieser mannigfaltigen Versuche der Menschheit, aus der Tiefe des Menscheninnern heraus die wirkenden Geistkräfte des Universums zu erfassen. Es wird vielen nicht leicht, Paul Asmus' bedeutsamen Ausein­andersetzungen über «die indogermanischen Religionen» zu folgen, da er sich in einer Gipfelhöhe des menschlichen Den­kens bewegt. Wer aber durch Selbstschulung seines Denkens das Buch zu lesen lernt, der wird eine Aufklärung der rein­sten Art über die Formen menschlichen Wahrheitsstrebens empfangen. Unser Philosoph sieht überall durch den Bilder-gehalt der Religionen auf die geistigen Gedankenkerne hin­durch und zeigt den Zusammenhang und die Verwandt­schaft dieser Kerne. Sein Buch ist daher eine Auslegung eines großen Urgedankens der indogermanischen Völker. Niemand

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wird es studieren, ohne davon den tiefsten Eindruck zu emp­fangen, und sich darüber klar werden, was Entwickelung des religiösen Lebens ist. Damit aber gehört Paul Asmus unter diejenigen, die im Sinne der Theosophie die Wesenheit der Religionen und Philosophien der Menschheit verfolgen.

Mit dern Folgenden schließen die einleitenden Auseinan­dersetzungen Paul Asmus' über die «Willkür». Es folgen dann in seinem Manuskript die weiteren Erörterungen über den Gegenstand. Wir werden in folgenden Heften das Wesent­liche auch davon bringen. Was wir bisher gedruckt haben, zeigt den Weg, den sich der kräftige, scharfsichtige Denken zu dern wichtigen Probleme von der menschlichen Freiheit zu bahnen gesucht hat. Wer sich nicht frei im Elemente des Gedankens bewegen kann, wird diese Erörterungen «ab-strakt» und schattenhaft nennen, und vielleicht sogar meinen, daß sie dern «wirklichen Leben» fern stehen, und daß sie zu einer Erkenntnis der Tatsachen nichts beitragen könn­ten. Ein solcher hat sich aber nur noch nicht durchgerungen zum Leben im reinen Elemente des Gedankens, er hat noch nicht gelernt, fern von aller Sinnlichkeit, von allem sinnli­chen Vorstellen, zu wohnen in der Ätherregion, wo das wahre Leben im Innern des Menschen pulsiert, das ein Funke ist aus dem Lichtmeer des ewigen Seins. Wer sich dazu aber durchgerungen hat, der fühlt sich in solchem Gedankenleben vereinigt mit dern göttlichen Weltgeist; er lebt, indem er in sich lebt, zugleich in Gott; Gott lebt in ihm. Die Kommunion vollzieht sich auf dem geistigen Felde mit ihm. Denker wie Asmus, die sich heraus entwickelt haben aus dern Strom, den der deutsche philosophische Idealismus von der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts aus geschenkt hat: solche Den­ker verstanden in Gedanken zu leben. Im deutschen Geistes­leben hat sich da geschichtlich das abgespielt, was der theosophi­sche Mjstiker als eine ganz bestimmte innere Lebenstatsache kennt. Das kamisch-manasische Vorstellen, in dern der Mensch des alltäglichen Lebens befangen ist, und in dern insbesondere

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der europäische Kulturmensch lebt: dieses Vor­stellen wirft die kamischen Hüllen von sich und wird zum rein manasischen Denken.

Wer auf dem Felde jener Erkenntnis über eine gewisse Stufe hinausgelangen will, muß in sich selbst dieses Erlebnis kennenlernen, zur Tatsache werden lassen. Wer dazu nicht gelangen kann, bleibt entweder in den Fesseln einer trüben Mystik hängen, die ihn nur befähigt, die Tatsachen des Astral-planes verständnislos zu schauen; oder aber er muß sich mit einem bloßen Glauben an die theosophischen Dogmen begnü-gen. Deshalb betrachte ich es als eine Aufgabe dieser Zeit­schrift, diese Proben eines ätherreinen Denkens vorzuführen. Solches Denken allein kann innere, selbstsichere Festigkeit und Forschergewißheit geben, die den Theosophen zwischen der Skylla einer nebelhaften Schwärmerei, und der Charybdis eines blinden Dogmenglaubens hindurchleiten in die hellen Lichthallen der Weisheit. Wer nicht bloß dnrchdenkt, was in reinen Gedanken gegeben ist, sondern es bis zum unmittel­baren Erleben bringt, der wird sich selbst von der Wahrheit des Gesagten überzeugen. Aber vorläufig können es nur wenige Menschen unserer Kultur zu dem bringen, was man «Leben in Gedanken» nennt. Und die meisten können sich bei solchem Worte: «Leben in Gedanken» gar nicht einmal das Richtige «denken». Die theosophische Bewegung, wel­che uns wieder das Leben im Spirituellen bringen soll, wird auch die Aufgabe haben, die aus dem Spirituellen geborenen Gedanken des deutschen Idealismus zu verstehen. Und Paul Asmus, dessen physische Hülle die Erde so früh sich angeeig­net hat, mag mit seinen herrlichen Gedankenkeimen wohl auch einen Einschlag geben zum Karma der theosophischenn Bewegung in Deutschland.

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Charakteristik von Paul Asmus' Weltanschauung

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Daß Paul Asmus in der Ätherhöhe des reinen Denkens die Geheimnisse des Daseins suchte, macht den Grundcharaktet seines Forschens aus. Was den Dingen als ihr Wesen zu­grunde liegt, das enthüllt sich in dem denkenden Menschen. Diese Grundanschauung des deutschen philosophischen Idea­lismus ist auch diejenige Paul Asmus'. Die Gedanken, die sich der Mensch über den Sternenhimmel macht: sie sind auch zugleich die Ordnung, die innere Gesetzmäßigkeit selbst, die diesem Sternenhimmel zugrunde liegt. Wenn ich denke, spreche nicht nur ich, sondern die Dinge sprechen in mir ihre Wesenheit, das, was sie eigentlich sind, aus. Die sinn­lichen Dinge sind gewissermaßen nur Gleichnisse ihres ide­ellen Wesens; und der menschliche Gedanke ergreift dieses ihr Wesen. In seiner Schrift «Das Ich und das Ding an sich» sagt Paul Asmus: «Stellen wir uns ein Stück Zucker vor; es ist rund, süß, undurchdringlich usw., dies sind lauter Eigen­schaften, die wir begreifen; nur eins dabei schwebt uns als ein schlechthin anderes vor, das wir nicht begreifen, das so verschieden von uns ist, daß wir rucht hineindringen konnen, ohne uns selbst zu verlieren; von dessen bloßer Oberfläche der Gedanke scheu zurückprallt. Dies eine ist der uns unbe­kannte Träger aller jener Eigenschaften; das Ansich, welches das innerste Selbst dieses Gegenstandes ausmacht. So sagt Hegel richtig, daß der ganze Inhalt unserer Vorstellung sich nur als Accidens zu jenem dunklen Subjekte verhalte, und wir, ohne in seine Tiefen zu dringen, nur Bestimmungen an dieses Ansich heften - die schließlich, weil wir es selbst nicht kennen, auch keinen wahrhaft objektiven Wert haben, sub-jektiv sind. Das begreifende Denken hingegen hat kein solch unerkennbares Subjekt, an dem seine Bestimmungen nur Ac­cidenzen wären, sondern das gegenständliche Subjekt fällt inner­halb des Begriffes. Begreife ich etwas, so ist es in seiner ganzen Fülle meinem Begriffe präsent; im innersten Heiligtum seines Wesens bin ich zu Hause, nicht deshalb, weil es kein eigenes

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Ansich hätte, sondern weil es mich durch die über uns beiden schwebende Notwendigkeit des Begriffes, der in mir sub­jektiv, in ihm objektiv erscheint, zwingt, seinen Begriff nach-zudenken. Durch dies Nachdenken offenbart sich uns, wie Hegel sagt - ebenso wie dies unsere subjektive Tätigkeit ist-, zugleich die wahre Natur des Gegenstandes.-»

Wer in solch einem Satze sein Bekenntnis ausspricht, der hat sich und sein Denken in ein wahres Verhälmis zur Welt und Wirklichkeit gesetzt. Durch Beobachten lernen wir den Umkreis der Welt kennen; durch das Denken dringen wir in ihren Mittelpunkt. Die Versenkung in das eigene Innere löst uns die Rätsel des Daseins. Der in mir aufleuchtende Ge­danke geht nicht nur mich an, sondern die Dinge, über die er mich auf klärt. Und meine Seele ist nur der Schauplatz, auf dem die Dinge sich über sich selbst aussprechen.

Um das zu begreifen, muß der Mensch allerdings es dahin bringen, in dem Denken ein Lebenselement zu haben, etwas, das für ihn ebenso Wirklichkeit, Tatsache ist, wie für den unentwickelten Menschen die Dinge eine Wirklichkeit sind, an denen er sich stößt, die er mit Händen greifen kann. Wer in seinen Vorstellungen nicht anderes erfassen kann, als sche­menhafte Nachbilder dessen, was ihm die Sinne sagen, der versteht nicht, was Denken ist. Denn, um zur Wesenheit der Dinge vorzudringen, muß sich das Denken mit einem InhMte erfüllen, den kein äußerer Sinn geben kann, der aus dem Geiste selbst fließt. Das Denken muß produktiv, intuitiv sein. Wenn es dann nicht willkürlich in phantastischen Gebilden lebt, sondern in der hellen Klarheit des inneren Anschauens, dann lebt und webt in ihm das Weltgesetz selbst. Man könnte von einem solchen Denken ganz gut sagen: die Welt denkt sich in den Gedanken des Menschen. Notwendig ist aber da­zu, daß der Mensch in sich die ewigen Gesetze erlebt, die sich das Denken selbst gibt. Was die Menschen gewöhnlich «Den­ken» nennen, ist ja nur ein wirres Vorstellen.

Daß Paul Asmus sich zu dem Gesichtspunkt des reinen in sich lebenden Denkens erhoben hat, das sich selbst seine Notwendigkeit

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gibt: das macht ihn zum echten Philosophen. Und daß er dieses sich selbst richtende Denken mit einer Klarheit, mit einer Selbstverständlichkeit handhabt, das macht ihn zu einem bedeutenden Philosophen. - Der Philosoph kennt die Selbstlosigkeit im Denken; er weiß, was es heißt: in sich den­ken lassen. Er weiß, daß er sich dadurch über die bloße Mei­nung erhebt, die in des Menschen Willkür ihren Ursprung hat, und daß er den Gipfel gedanklicher Notwendigkeit er-steigt, durch die er zum Interpreten des Weltdaseins wird. Die Theosophie verlangt von ihren Zöglingen strenge Kontrolle des Denkens, so daß sie alle Willkür, alles Irrlichtelierende vom Denken abstreifen, daß nicht mehr sie, daß vielmehr die Dinge durch sie sprechen. Die Schule Hegels war zugleich eine Schule der Gedankenkontrolle. Und weil so wenige Men­schen Gedankenkontrolle wirklich üben, ja, weil selbst die wenigsten, die sich Philosophen nennen, wissen, um was es sich dabei handelt: deswegen muß Hegel von so vielen miß-verstanden werden. Paul Asmus gehört zu den ganz wenigen, die Hegel verstanden haben. Was er über Hegel gesagt hat, sind Perlen philosophischer Einsicht. - Wer die kleine Schrift Paul Asmus' «Das Ich und das Ding an sich» liest und ver­steht, der wird mehr gewinnen, als er durch das Studium dick- leibiger philosophischer Werke von Autoren gewinnen könnte, die über die Grundfragen der Erkenntnis sprechen und nie die Grundbedingung für solches Mitsprechen erwor­ben haben: ein sich streng kontrollierendes, intuitives, pro­1duktives Denken.

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Zu einem Aufsatz von Lothar Brieger- Wasservogel über Swedenborgs Weltanschauung

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Der Herausgtber dieser Zeitschrift ist dem Autor dieser Aus­führungen dankbar für die Hergabe zum Abdruck. Sie wer­den die Einleitung zu einer dreibändigen Ausgabe von Wer­ken Swedenborgs bilden; und über ein solches Unternehmen dürfen sich die Bekenner der mystisch-gnostischen Weltan­schauung

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wom befriedigt erklären. Der Unterzeichnete wollte nicht engherzig sein, und dem Aufsatz aus dem Grunde kei­nen Platz in dieser Zeitschrift gewähren, weil er mit wesent­lichen Punkten in den Ausführungen des Herrn Brieger-Was­servogel nicht einverstanden sein kann. Man soll auch die Stimmen hören, die im Widerspruche mit der Richtung unse­rer Zeitschrift stehen. Mit ein paar Worten wird aber hier wohl auf diesen Widerspruch hingewiesen werden dürfen. Die Auffassungen, die in dem Aufsatze über Swedenborgs Visionen zutage treten, sind vor einem wirklichen Verständ­nis Swedenborgs ganz unhaltbar. Die Visionen dieses Man­nes sind hier im Sinne eines rationalistischen Pantheismus umgedeutet, der die geistige Welt in einen unklaren «All-geist», das heißt in einen nebulosen Gedankenbrei zusam­menrührt. Swedenborg aber war eine Persönlichkeit, deren Seele für das sogenannte «astrale» Schauen geweckt war; und nur, wer Verständnis für solche Welten hat, kann ein zu­treffendes Urteil über sie abgeben. Sagen, Swedenborg unter-hielt sich mit Plato, wenn er seine Gedanken mit denen Pla­tos verglich, heißt eben wie der Blinde von den Farben reden. Was in dem Aufsatze über «Theosophie» gesagt wird, zeigt eben nur, daß der Verfasser nie gewußt hat, was Theosophie ist. Es ist natürlich naiv, was über das Reklamieren Sweden­borgs durch die Theosophen gesagt wird. Aber es wissen doch so wenige, welche «schreiben», was Theosophie ist, und was die Theosophen wollen, daß mit unserem vielleicht her­ben Urteil doch nicht im geringsten etwas Schlimmes über den Aufsatz gesagt ist, der uns trotzdem freut. Wir Theoso­phen wollen die andern gern verstehen; und wir können war­ten, bis sie uns Gleiches mit Gleichem vergelten werden. Sollte ich mein mathematisch-nüchternes Denken, und meine Spinoza-Verehrung verleugnen müssen, weil ich Theosoph bin, wahrlich ich wäre es in einer Stunde nicht mehr. Da ich aber Theosoph geworden bin, weil ich einstmals zwischen den Vorlesungen über «Integration linearer Differentialglei­chungen», synthetischer Geometrie und deskriptiver Geome­trie

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wirklich habe mathematisch denken gelernt und damit auch den Zugang zum spirituellen Forschen im Sinne Platos er­langt habe, so wird mir wohl - nichts passieren.

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Zum «Adeptenbuch» von A. M. O.

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Diese Kapitel sind aus einem Buche, das ganz aus den inne­ren Erlebnissen eines Mannes heraus geschrieben ist. Dies Buch wird eine wertvolle Bereicherung unserer abendländi­schen mystischen Literatur sein. Die Auswahi, die wir hier für Luzifer-Gnosis treffen durften, ist bestimmt, die Leser hinzuweisen auf ein Werk, das von Welten spricht, die man nicht durch äußere Wissenschaft, sondern nur durch innere Erfahrung erreicht. Und auch zum Verständnis dieser Aus­führung gehört etwas, was sich nicht im Intellekt, im Ver­nunftgebrauche auslebt, sondern es gehört dazu ein Sichver­senken in die geistdurchströmten Sätze, das sich in Liebe zum Aufnehmen des Mitgeteilten verwandelt. Liest der Leser so, dann wird er dankbar nachzuleben suchen, was ein in sich gekehrter, stiller Mann hier als Blüte seiner Seele vorbringt. Es gewährt uns eine besondere Befriedigung, auf das feingei­stige Buch, dem wir das Obige entnehmen dürfen und das in Kürze erscheinen soll, vorzubereiten.

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Zur Würdigung Schelkngs

VORBEMERKUNG ZU EINEM AUFSATZ VON DR.R.SALINGER

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Trotzdem der Herausgeber in bezug auf die Würdigung Schellings auf einem ganz anderen Standpunkt stehen muß, als der verehrte Verfasser dieses Artikels, bringt er doch den­selben aus Anlaß des fünfzigsten Todestages des Philosophen gern. Nur n:it ein paar Worten sei auf diesen abweichenden Standpunkt hingewiesen. Schelling gehört zu den tiefsten Geistern des deutschen Volkes. Aus dem, worinnen seine Be­deutung liegt, kann jeder unsäglich viel lernen. Dergleichen kann durch keine spätere «Forschung» widerlegt werden.

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Daß er «nicht verstanden» wird, teilt er mät allen Geistern von seiner Höhe. Aber man muß ihn verstehen lernen. Die­jenigen haben es am wenigsten getan, die über seine Weltan­schauung zur «Tagesordnung» übergegangen sind. Der Theosoph wird viel, sehr viel namentlich aus den letzten - nachgelassenen - Schriften «Philosophie der Mythologie» und «Philosophie der Offenbarung» zu lernen haben. Darin­nen ist unendlich viel mehr wirkliche Weisheit zu finden, als bei denen, die über Schelling «hinaus» zu sein glauben. Erst dann wird man ihn begreifen, wenn man ihn nicht mehr kriti­sieren, sondern sich selbstlos in ihn vertiefen wird. Ein Schat­ten fällt nur auf ihn wegen seines «Hasses» auf den nicht minder heute mißverstandenen philosophischen Theosophen Hegel. Aber auch da ist Begreifin, nicht Kritisieren am Platze. -Es ist natürlich, daß eine Zeitschrift wie «Luzifer-Gnosis» nicht nur einseitig das bringen kann, was sich mit dem Stand-punkt des Herausgebers deckt. Alle sollen gehört werden.

Zu Plotins Weltanschauung

ZU DEN AUSFÜHRUNGEN DR.O.KIEFERS: «PLOTINS SEELENLENRE»

UND «PLOTINS IDEAL DES WEISEN»

Es ist notwendig, zu den Ausführungen Dr. O. Kiefers in den beiden vorhergehenden Nummern dieser Zeitschrift einiges hinzuzufügen. Doch sei ausdrücklich bemerkt, daß damit nichts gegen den Wert dieser Ausführungen gesagt werden soll. Wer von der Natur unseres Erkennens etwas weiß, der respektiert fremde Anschauungen, auch wenn er ihnen andere Gedanken entgegenzusetzen hat. Mit diesem vollen Respekt vor den Ansichten des geschätzten Verfassers ist daher das Folgende gesagt.

Es kann nicht auf alle Punkte eingegangen werden. Es wird gesagt, Eduard von Hartmann habe wieder mit Nachdruck betont: «Das Bewußtsein ist nur ein Reflex der an sich unbe­wußten Geistestätigkeit in uns, und eine Seelentätigkeit findet auch statt, wenn der Spiegel des Bewußtseins durch körperliche

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Störungen zerschlagen ist ! Im vollkornrnenen Wider-spruch dazu steht Plotins Lehre von der Seele Leben nach dem Tode: er nimmt hier eine komplizierte Seelenwande­rungslehre ähnlich der Platons und der Pythagoreer an, und doch muß nach seiner Ansicht über das Reich des Intelli­giblen dort natürlich jedes Selbstbewußtsein, ja überhaupt jede Individualität der Menschenseele erlöschen!» - Eine solche Behauptung kann man, nach unserer Auffassung, nur dann tun, wenn man die Vorstellungen von Bewußtsein, Selbstbewußtsein und Individualität nicht im Sinne Plotins auslegt. Für Plotin ist, wie für jeden, der mystische Erfahrung gleich ihm hat, das persönliche menschliche Bewußtsein aller­dings eine Art Reflex des wahren menschlichen Wesens in dem irdisch-materiellen Körper. Aber diese Form des Be­wußtseins darf nicht verwechselt werden mit dem Selbstbe­wußtsein und der mit diesem innerhalb gewisser Grenzen zu­sammenfallenden Individualität. Gerade das Selbst ist es, das unzerstörbar ist; und sein Eintritt in den irdischen Körper spiegelt es für sich selbst in der Art, die wir als die des per­sönlich-menschlichen Bewußtseins kennen. In einer anderen als der irdischen Daseinsart wird das Selbst zwar sich in einer anderen Form bewußt werden; aber es heißt das irdische Be­wußtsein für die einzig mögliche Bewußtseinsform halten, wenn man sagt: Selbstbewußtsein und Individualität müßten unter den Voraussetzungen des Plotin erlöschen mit dem Tode. Nein, sie ändern nur ihre Form. Sie werden nach dem Tode diejenige Form annehmen, welche dem Dasein ent­spricht, in dem sie sich dann befinden werden.

Ebenso ist es unrichtig, wenn gesagt wird, daß die «reine Seele» von dem nicht berührt werde, was die «niedrigere Seele» tut. Zwar löst sich die reine Seele von der niedrigen; aber die erstere nimmt mit sich die Erfahrungen, die sie mit dieser niedrigen gemacht hat. Und diese Erfahrungen hängen von den Organen, von der ganzen Beschaffenheit dieser nied­rigen Seele ab. Daher sind diese Erfahrungen für das wei­tere Schicksal der «reinen Seele» maßgebend. Ein Dualismus

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ist hier nur zu bemerken, wenn man ihn selbst hineinlegt, indem man gewisse selbstgemachte Vorstellungen über das Wesen der niederen und der höheren Seele in Plotins Gedan­ken hineinerklärt. Das tut auch Eduard von Hartmann, der nur eine, die persönlich-menschliche Bewußtseinsform kennt, und deshalb alle andere Geistestätigkeit für unbewußt hält. Man konstatiert noch lange keinen Dualismus, wenn man «niedere» und «höhere» Menschenseele als die zwei Ele­mente des Menschen betrachtet, wie man nicht Dualist da­durch ist, daß man zugibt, daß Wasser kein Monon ist, son­dern aus Wasserstoff und Sauerstoff besteht. Muß denn der Monismus durchaus verlangen, daß die Einheit ganz an der Oberfläche liege ?-Deshalb kann man auch durchaus begreifen, daß Plotin von dem Weisen verlangt, daß er in und mit der Welt wirke. «Konsequenterweise »,wie Dr. Kiefer sagt, «würden die Gedanken Plotins das Gegenteil verlangen. » 0 nein. Die Ruhe und Seligkeit des Weisen liegt höher als in der äußeren Askese. Er kann in derWelt eine mannigfaltige Tätigkeit entwickeln und dabeim höherenWelten die Einheit mit demGöttlichen erleben.

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Einige Bemerkungen zu dem Aufsatz: «Die Geheimlehre und die

Tiermenschen in der modernen Wissenschaft» von Helene von Schewitsch

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Es ist begreiflich, daß die Ausführungen dieses Aufsatzes die Bedenken vieler Leser der Zeitschrift «Luzifer-Gnosis» hervorrufen. Ja der Herausgeber hat sogar vielfach die Mei­nung hören müssen, daß solche Darlegungen gar nicht in diese Zeitschrift gehören. Nur eine Phantasie - so sagte man wohl -könne dergleichen Ansichten ausklügeln, die sich mit der Reinheit der Gesinnung nicht verträgt, welche zu der Erhebung zum geistigen Leben nötig ist. Ich kann alle diese Meinungen ganz gut begreifen, und dennoch schien es mir nicht nur zuläs­sig, sondern sogar notwendig, die Ausführungen der verehrten Verfasserin über die Schriften von Lanz-Liebenfels den Lesern vorzuführen. Der Verfasserin habe ich auch nicht verschwie­gen, daß ich meine Meinung über die Sache unverhohlen nach

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Abdruck aussprechen werde. Heute soll es nur weml der Raum mehr nicht gestattet - kurz geschehen; aber ich werde schon im nächsten Hefte, vom geheimwissenschaftlichen Gesichtspunk­te, diejenigen Fragen behandeln, zu denen der Aufsatz drängt.

Notwendig erschien mir der Abdruck, weil mn den Darle­gungen Lanz-Lmebenfels' so recht ein Beispiel gegeben ist, wozu es führt, wenn jemand mit einer materialistischen Ge­sinnung an Dinge dieser Art herantritt. Lanz-Liebenfels ist nämlich keineswegs der einzige, der in solchen Bahnen wan­delt; was er sagt, ist nur ein radikales Beispiel für eine Rich­tung, zu der die gegenwärtige Gesinnung nur allzuleicht hin-neigt. Überall begegnet man dem Bestreben, die menschlichen Verhältnisse möglichst nahe den tierischen Trieben zu brin­gen. Man gefällt sich darinnen, dieses Tierische in aller Men­schenbetrachtung in den Vordergrund zu rücken. Wer in diese Dinge tiefer hineinblickt, der wird unschwer erkennen, daß in einem Zeitalter, in dem die Naturwissenschaft so materiali­stisch gestaltet ist, wie in dem gegenwärtigen, die Gefahr nahe liegt, auf der beschrittenen Bahn so weit zu gehen, daß man gewisse Tatsachen der Menschengeschichte in ein Licht rückt, das von einem Zusammenflusse der Menschheit mit der Tierheit herrührt.

Von einer Auseinandersetzung mit den Forschungen Lanz­Liebenfels' muß hier abgesehen werden. Das einzige, worauf es ankommen kann, ist, sie vom Gesichtspunkt der Geistes-forschung zu charakterisieren. Mit vollem Recht sagt Lanz­Liebenfels in der in dem genannten Aufsatze zugrunde geleg­ten Schrift: «Die wissenschaftlichen Schriften der Alten sind in einer Geheimsprache geschrieben und enthalten durchaus keine Ungereimtheiten und Fabeleien.» Das ist buchstäblich wahr; aber eben deswegen muß man, um richtig über diese Schriften urteilen zu können, den Schlüssel zu dieser Ge­heimsprache besitzen. Und diesen Schlüssel kann man durch nichts anderes erlangen als durch eine wirkliche Kenntuis der Geheimwissenschaft. Und niemand, der diesen Schlüssel be­sitzt, ist noch imstande, zu glauben, daß die Alten wirklich

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von einem physischen Tiermenschen sprachen, wenn sie ge­wissen Menschen Tiernamen beilegten. Sie besaßen eben noch eine wirkliche Anschauung von den höheren Leibern des Menschen. Ihnen war der Astralleib des Menschen in der Erfahrung gegeben. Sie wußten, daß der physische Leib in einer astralen Wolke ruht, die ein Ausdruck der Triebe, In­stinkte, Leidenschaften usw. des Menschen ist. Und sie sahen, wie dieser bewegliche Astralleib sich fortwährend verändert, sich anpaßt ebensowohl an ein höheres wie an ein niederes Seelenleben. Ebenso wie der Mensch hat auch das Tier einen Astralleib. Nun läßt sich sagen, daß sich der menschliche Astralleib um so höher in Gestalt, Farbe, Bewegung usw. über den tierischen erhebt, je mehr der Mensch seine Triebe und Leidenschaften veredelt. Je weniger dies aber geschieht, desto ähnlicher erscheint der menschliche Astralleib irgend­einem tierischen. Den Alten kam es nun einfach darauf an, in ihren Bezeichnungen und Abbildungen nicht den physischen Menschenleib, sondern den Astralleib zugrunde zu legen. Sie wollten in gewissen Fällen gar nicht den physischen Leib ab­bilden, sondern ein Sinnbild für den astralen schaffen. Wenn sie von Völkern redeten, die ganz von niederen Trieben be­herrscht waren, so deuteten sie das dadurch an, daß sie den Menschen die tierische Bezeichnung gaben, welche nach der Beschaffenheit des Astralleibes sich ergab. Nannten sie einen Menschen eine «Meerkatze», so wollten sie nichts anderes sagen, als daß ihnen sein Ästralleib so erschien, daß er sie an den einer Meerkatze erinnerte. So konnte es auch kommen, daß auf «nüchternen geschichtlichen Tributlisten» angeführt wird: ein König habe aus dem Lande Musri «pagutu», «ba­ziati» und «udumi», also verschiedene Arten von Tiermen­schen, erhalten. Warum sollen diese nicht neben Elefanten, Pferden, Kamelen usw. angeführt werden, was auf Seite 5 59 (des Heftes 30 von Luzifer-Gnosis) als ganz unmöglich erklärt wird? Dem physischen Leibe nach haben diese Menschen nicht Tieren ähnlich gesehen; allein auf ihren Astralleib wurde solche Bezeichnung bezogen.

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Man wird die Mitteilungen der Alten wohl verstehen mit diesem geheimwissenschaftlichen Schlüssel. Man mache sich klar zum Beispiel, was in der Abhandiung «Die Stufen der höheren Erkenntnis» gerade in diesem Hefte gesagt ist. Wer zur Anschauung der astralen Welt gelangt, der sieht zunächst als Astraltraum seine eigenen Triebe, Begierden und Leiden­schaften; und sie erscheinen ihm wie Tiere oder Dämonen, die außer ihm sind. Wie klar wird dadurch eine Stelle, die zum Beispiel Liebenfels aus dem Talmud anführt: « Alle Tiere sind im Traume gutbedeutend, ausgenommen der Affe und die Meerkatze.» Daß solches gerade von diesen Tieren gesagt wird, hängt natürlich mit bestimmten Ansichten einer gewis­sen Zeit zusammen. - Nach dem Gesagten kann man sich klarmachen, wozu es führen muß, wenn man auf die physi­sche Welt bezieht, was in einer Darstellung der Alten sich auf die astrale Welt bezieht. Was wird unter einer solchen Voraus­setzung aus der Behauptung, die zum Beispiel nicht anders zu verstehen ist, als ein Mensch, der einem Volke mit schon ver­edelten Trieben angehört, habe sich geschlechtlich eingelas­sen mit einem Genossen eines noch niedrigen Volkes? Aus diesem letzteren Menschen wird ein physisches Tier gemacht. Hat man die Sache so weit geklärt, so braucht man sich auf das übrige wirklich nicht mehr einzulassen. Denn alle andern grotesken Auslegungen beruhen auf ähnlicher Unkenntnis des wahren Schlüssels zu der alten «Geheimsprache».

Es wird immer gefährlich sein, wenn die Darstellungen der höheren Welten Menschen in die Hände kommen, welche nur die physische Welt kennen wollen und die daher alle geistigen Wahrheiten in grob-sinnlicher Art deuten. Diese Gefahr liegt nun einmal bei den «Kindern unseres Zeitalters» vor. Und die Leser des hier in Rede stehenden Aufsatzes, die bedenk­lich geworden sind, können noch recht erbauliche Dinge zu hören und zu lesen bekommen. Denn wir sind noch lange nicht auf dem Höhepunkte des Materialismus angelangt. Als ein charakteristisches Beispiel, wozu dieser Materialismus führt, mußte einmal so etwas hier abgedruckt werden. Was

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die Geheimwissenschaft zu solchen Dingen sagt, davon ist in dieser Zeitschrift gesprochen worden, und wird noch oft gesprochen werden. Kein Leser dieser Zeitschrift kann daher durch Darlegungen wie die charakterisierten wirklich beirrt werden. Aber das sollte jeder, der sich für geheimwissen­schaftliche Dinge interessiert, wissen, daß die materialistische Deutung gewisser Tatsachen verhältnismäßig nur harmlos oberflächlich wird, wenn sie von Leuten ausgeht, die nur etwas von sinnlicher Wissenschaft wissen, daß sie sich aber geradezu ins Roh-Ungeheuerliche verlieren muß, wenn je­mand von höheren Dingen etwas gehört hat, und mit denen ins materialistische Fahrwasser gerät.

Die Gefahren, auf welche damit hingewiesen ist, können in der heutigen Zeit eben nicht hintangehalten werden, da nun einmal gewisse Teile der Geheimwissenschaft im Druck zu haben sind. - Ich werde in einem Artikel, welcher dem­nächst erscheint: «Geheimlehre und Freimaurerei, sowie ver­wandte Richtungen» auf gewisse Abwege hinweisen, zu de­nen eben notwendig die Öffentlichkeit unseres Lebens führen muß. Das rechte Verhältnis gewinnt man zu diesen Dingen aber allein durch das Wissen von denselben, keineswegs durch das Nichtwissen. Deshalb steht der Artikel in dieser Zeit­schrift. Was darin über die Mysterien Groteskes gesagt wird, will ich heute gar nicht besprechen, denn darüber wird in dem eben erwähnten Artikel gesprochen werden. Auch über zwei andere Irrtümer möge sich der Leser aus Darlegungen unterrichten, welche demnächst in «Luzifer-Gnosis» enthal­ten sein werden, nämlich über die unrichtige Angabe, daß im Laufe der Menschenverkörperungen sieben männliche und sieben weibliche abwechseln sollen. In Wahrheit folgt in der Regel - Ausnahmen sind allerdings vorhanden - auf eine männliche immer eine weibliche und so fort. Ebensowenig ist das über die heute so übergenug besprochene Doppelge­schlechtlichkeit in der gegenwärtigen Menschheitsepoche zu­treffend. Denn diese ist nichts anderes als ein bedauerlicher Rückfall in uralte Menschheitsentwickelungsstufen.

BESPRECHUNGEN THEOSOPHISCHER LITERATUR

#G034-1960-SE505 - Luzifer-Gnosis 1903 - 1908

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BESPRECHUNGEN THEOSOPHISCHER LITERATUR

«Die vier großen Religionen» von Annie Besant

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Ein breites Bild gegenwärtiger Kultur «im Spiegel der Theo-sophie» wird in den vier Vorträgen Annle Besants über die «vier großen Religionen» entrollt. Dieselben wurden vor der einundzwanzig sten Jahresversammlung der «Theosophi­schen Gesellschaft» zu Adyar bei Madras gehalten. Sie sind nun eben, durch den unermüdlichen Arbeiter und Helfer der theosophischen Sache bei uns, Günther Wagner, ins Deutsche übertragen (bei Altmann in Leipzig), erschienen.

Im Vorworte spricht sich Annle Besant über das Ziel aus, das sie mit diesen Vorträgen verfolgt hat. «Die folgenden vier Vorträge erheben keinen Anspruch, mehr als eine popu­läre Erklärung der vier großen Glaubenssysteme zu sein und sind nicht für ein eigentliches Studium derselben geschrie­ben.» Sie sind vor einer Zuhörerschaft gehalten worden, die fast ganz aus Hindus bestand, mit nur wenigen Zoroastriern und Christen darunter. «Ihre Absicht ist, den Anhängern jeder der vier Religionen es zu erleichtern, den Wert und die Schönheit der drei anderen Glaubensrichtungen anzuerken­nen und die ihnen allen gemeinsame Grundlage darzulegen.» Das muß beachtet werden. Hätte Annie Besant vor einem Publikum gesprochen, das in seiner Mehrzahl aus Christen bestanden hätte, so würde sie allerdings die Vorträge anders eingerichtet haben. Dessenungeachtet wird auch jeder Ange­hörige eines europäischen Volkes, der sich in diese Vorträge vertieft, reichliche Nahrung finden für Vernunft und Herz. Und daß sie ihre Betrachtungen von einem Gesichtspunkte anstellen, der nicht unmittelbar der seinige ist, wird nur zur

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Erweiterung seines eigenen Gesichtskreises beitragen. 1 Der Hinduismus, das Zoroastertum, der Buddhlsmus, das Christentum werden in ihren Grundwahrheiten dargelegt. e i n Geist spricht über diese vier großen Religionen, der ihren Wahrheitsgehalt in klaren Ideen vor der Seele hat, und der das Feuer, das aus ihnen strömt, im eigenen Herzen als sein Feuer empfindet. Und dieses Feuer strömt auch aus den Vor-trägen, und es läßt, durch die Art der Betrachtung, in der Seele des Lesers ruhige Klarheit zurück. Das Verhältnis An-nie Besants zu den großen Religionen gibt schön der Schluß des Vorwortes: «Möge dieses kleine Buch, das ich jetzt in Hochachtung für alle Religionen hinaussende, die das Leben des Menschen reinigen, seine Empfindungen erheben und ihn im Leide trösten, möge es ein Bote des Friedens sein und nicht ein Anstifter des Streites; denn ich habe mich bemüht, jede Religion in ihrer besten, ihrer reinsten, ihrer okkultesten Form zu skizzieren, und jede, als gehörte ich zu ihr und ver­kündete sie als die meinige. Dem Theosophen ist nichts Menschliches fremd, und er hat nur achtungsvolle Sympathie für jeden Ausdruck menschlichen Sehnens nach Gott. Er ver­sucht, alle zu verstehen, keinen zu bekehren, er sucht die Kennt­nisse, die ihm geworden sind, anderen mitzuteilen; und hofft dadurch, den Glauben eines jeden zu vertiefen, daß er dem Glauben das Verstehen beigesellt und die Grundlage auf-deckt, die allen Religionen gemeinsam ist.»

Das ist ein Satz, welcher die Grundstimmung jedes wahren theosophischen Vortrages und jedes theosophischen Buches charakterisieren könnte. Der Theosoph ist kein Sektenstifter; er will niemandem etwas Fremdes aufdrängen. Denn er weiß, daß der göttliche Urgeist alle seine Geschöpfe liebt und in ihnen wohnt. Deshalb predigt die Theosophie nicht einzelne Dogmen, sondern sie wird zum Führer in eines jeden eigenes Herz; sie hilft einem jeden, im eigenen Jnnern das zu finden, was göttlich ist. Und wahrlich, wir bedürfen solcher Führung. Denn so richtig es auch ist, daß wir in unserem eigenen Her­zen den tiefsten Wahrheitsquell haben: Selbsterkenntnis ist

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schwer; und die Irrwege, in die wir durch sie geraten, können verhängnisvoll werden. Stolz und Überhebung sollten nie über uns kommen, die uns sagen: du brauchst keinen äußeren Führer, du kannst alles durch dich selber finden. Wie hoch auch einer in der Erkenntnis stehen mag, er findet immer, wenn er in der rechten Weise sucht, noch einen höher Stehen­den, der ihm die Pfade öffnet, zu dem, was er zwar selbst be­sitzt, aber, ohne Hilfe, nicht selbst finden kann.

Die bloß auf verstandesmäßige Gelehrsamkeit Bauenden werden gegen dieses Buch Annie Besants manches einzuwen­den haben. Denn die Verfasserin stützt sich nicht bloß auf sol­Iche Gelehrsamkeit, sondern auf noch zwei andere, ungleich Iiwichtigere Grundlagen. Die eine besteht in den uralten Auf­zeichnungen der Geheimforscher und Geheimlehrer, welche, der weltlichen Forschung unzugänglich, wohl verwahrt sind, und welche dieser Forschung auch so lange unzugänglich bleiben werden, als diese an ihren materialistischen Vorurtei­len und an ihrer rein äußerlichen Religionsvergleichung fest­hält. Es gibt unter uns solche, denen diese Dokumente zu­gänglich sind. Aber sie haben sich das Anrecht dazu durch Reinigung ihrer Seele von allen materialistischen Vorurtei­len, durch Hingabe an die Forderungen des Geistes erwor­ben. Warum nur solchen der Zugang eröffnet wird, darüber gibt die Vorrede zu H.P. Blavatskys «Geheimlehre» (1 .Band) Aufschluß. - Neben dieser Quelle stützt sich Annie Besant auf die «Akasha-Chronik», auf jenes ewige, lebendige Buch, das der zu lesen vermag, der von dem physischen Plane hin­weg sich in die höheren Welten zu begeben vermag, um dort das Ewige in den Dingen zu lesen.

So muß denn in Annie Besants Darstellung rnanches anders sein, als in derjenigen der verstandesmäßigen Gelehrten. «Diese Gelehrtenwelt wird natürlich die okkulte Ansicht als ihrerseits vollständig falsch bezeichnen. Dagegen läßt sich nichts machen; der Okkultismus kann warten, bis er durch Entdeckungen gerechtfertigt wird, wie es mit so manchen viel belachten Behauptungen in bezug auf das hohe Alter

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schon geschehen ist. Die Erde ist ein treuer Wächter, und wenn der Archäologe die in ihrem Schoß begrabenen Städte wieder aufdeckt, wird er manches unerwartete Zeugnis fin-den, welches das in Anspruch genommene hohe Alter be­statigt.» (Vorrede Seite VII.)

Wer «Augen hat zu sehen», braucht ja nur zu beobachten, was Religionsforschung, Kulturgeschichte und auch Natur-wissenschaft heute zutage bringen. Er wird überall Bestäti­gungen für Behauptungen finden, welche die Okkultisten längst getan haben. Und daß solche Bestätigungen von so vielen heute nicht bemerkt werden, beruht nur darauf, daß sie in geistiger Beobachtung nicht geschult sind. Wichtig ist insbesondere, was Annie Besant über das hohe Alter und die wahre Gestalt von Hinduismus und Zoroastertum sagt. Die Weisheitsreligion des Hinduismus ergreift das Herz und das Gemüt des einfachsten Menschen, und sie führt den geistigen hinauf in die höchsten metaphysischen Gebiete. Sie gibt dern Menschen die Anleitung zum alltäglichen Verhalten, und sie führt ihn hinauf die schmalen, aber erhabenen Wege, die zur Teilnahme an dem Leben des Ewigen leiten. Sie ist Weisheit, die durch ihr Feuer den ganzen Menschen ergreift, und sie ist Religion, die durch Devotion zur Weisheit führt. «Wenn wir die dem alten indischen Volk gegebene Religion unter­suchen, so finden wir, daß sie eine Schulung der ganzen mensch­kchen Natur auf ihren verschiedenen Stufen der Entwickelung ent­hält, und daß sie ihn nicht nur in seinem spirituellen und intel­lektuellen Leben leitet, sondern in allen Beziehungen zum Mitmenschen im nationalen und Familienleben.» (Seite 4.)

Vom Zoroastertum wird die älteste Gestalt gezeigt. Die­jenige, bis zu welcher die gelehrte Welt noch nicht vordringen konnte, weil ihr Urteil durch materialistische Schatten ge­trübt ist. Annie Besant zeigt, wie die vorwärtsschreitende Wissenschaft im Laufe der Zeit gerade hier gezwungen wird, immer mehr von dem zuzugeben, was der Okkultist sagt. Und sie eröffnet durch diese Darlegungen den Ausblick darauf, wie es der abendländischen Wissenschaft weiterhin in dieser

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Beziehung ergehen wird. Diese wird stückweise durch ihre Fntdeckungen immer mehr sich den von der Geheimwissen­schaft vorgetragenen Lehren nähern. Aber es liegt in ihrer Natur, daß sie so lange alles leugnen wird, worauf sie nicht selbst gekommen ist, bis sie zur Annahme gezwungen wird. So ist es bisher geschehen, und so wird es weiter sein. Der Okkultist tut seine Pflicht, weist auf die Übereinstimmungen ider Wissenschaft mit seinen Lehren hin und läßt im übrigen das große Gesetz der Zeit walten, das alles bringt, was ge­bracht werden soll, und dem er dient. Die materialistische Gestalt, welche abendländische Forschung dem Zoroastris­I mus gegeben hat, kann ja schon heute nicht mehr im Lichte der Dokumente bestehen, welche diese Forschung selbst ge­bracht hat. Auch das zeigt Annle Besant auf das einleuch­tendste.

Mit besonderer Aufmerksamkeit sollte der Vortrag über den Buddhismus verfolgt werden. Hier wird gezeigt, wie wenig Berechtigung es hat, dieser Religionsform das Ge­präge des Atheismus zu geben und von ihr zu behaupten, sie leugne die Fortdauer der Menschenseele. Annle Besant setzt auseinander, wie diese beiden Grundwahrheiten gerade auch die tiefste Quelle sind, aus welcher der Buddha geschöpft hat. Sie legt dar, wie er aus ihnen die hohe sittliche Weltanschau­ung gewonnen hat, zu der sich so viele Millionen von Men­schen noch heute bekennen. Sie zeigt, wie kein Gegensatz besteht zwischen dem alten Brahmanentum und dem Bud­dhismus. In herzergreifender Weise schildert Arnie Besant den Erkenntnisweg des Buddha und die Art, wie er zu dem Volke gesprochen hat. Lebendig muß in der Seele eines jeden das Bild des großen Lehrers werden, wenn er es in dieser Be­leuchtung auf sich wirken läßt. «Im Vortrag über Buddhis­mus hatte ich besonders die falsche Auffassung im Sinn, durch welche der Buddha den Herzen seiner Landsleute enifremdet wird, und bemühte mich, sie durch Zitate aus den überliefer­ten Schriften zu beseitigen, die anerkannte Berichte seiner eigenen Aussprüche enthalten. Es gibt keinen größeren

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Dienst, den man einer Religion leisten kann, als eine Wieder-annäherung dieser getrennten Glaubenssysteme zu versu­chen, die die orientalische Welt in zwei Hälften teilen.» (Vor-rede Seite 1.)

Die theosophische Tiefe des Christentums in einem Vor-trage auszuschöpfen, ist natürlich schwer; doch für diesen Teil des Buches gibt es ja eine schöne Ergänzung in Annie Besants «Esoterischem Christentum» (deutsch bei Fernau in Leipzig). Aber auch schon das, was in diesem Vortrage ge­sagt ist, kann für den, der richtig versteht, zeigen, wie wenig die Vorurteile begründet sind, die von den Lehrern der ver­schiedenen christlichen Bekenntnisse der Theosophie ent­gegengebracht werden. Keine, aber auch gar keine dieser Konfessionen wird von der Theosophie irgendwie bekämpft. Den tiefen, okkulten Gehalt des Christentums sucht die Theosophie ans Tageslicht zu fördern. Sie tut es, indem sie das Verständnis der großen christlichen Mystiker aller Zei­ten belebt. Niemand, der hier den rechten Weg findet, kann der christlichen Religion entfremdet werden. Niemandem wird etwas genommen von dem, was er hat. Und wollten sich die bestellten Lehrer der christlichen Bekenntnisse nur einmal auf eine wirkliche Prüfung einlassen, sie würden bald sehen, daß sie an der Theosophie den besten Bundesgenossen haben. Es ist nur das falsche Bild der Theosophie, das von dieser Seite bekämpft wird. Niemand braucht seinen Glauben zu verleugnen, der Theosoph wird. Versuche, zu bekehren, oder abtrünnig zu machen, liegen ganz und gar außerhalb der theosophischen Aufgaben. Christliche Wärme und christ­liche Wahrheit strömt auch aus diesem Buche Annie Besants. Und sie strömen nicht nur aus dem Vortrage über das Chri­stentum, sondern auch aus den anderen.

Aus den hohen Lehren der ersten christlichen Schriftsteller werden diese Wärme und diese Wahrheit geholt. Verständnis im wahrhaftesten Sinne wird gesucht; und das geistige Auge ist allein auf die Wahrheit gerichtet. «Der Haß ist vom Übel, in welcher Religion er auch gefunden werden mag. Es mag

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jeder seinen eigenen Glauben denen predigen, die ihn in sich aufzunehmen wünschen; es mag jeder frei seine Ansichten von Gott allen mitteilen, die willens sind, auf ihn zu hören. Wir spiegeln nur als kleine Facetten das Ewige zurück, unser armer Verstand ist ein enger Kanal, durch welchen das Leben und die Liebe Gottes ausströmen. Lassen Sie uns unsere eigene Person zu einem Kanale machen, aber lassen Sie uns nicht bestreiten, daß andere so gut Kanäle sein können wie wir, und daß das göttliche Leben und die göttliche Liebe durch sie so gut fließt, wie durch uns. Dann wird der Frieden kommen, und eine Trennung gibt es dann nicht mehr; dann wird die Einigkeit kommen, die Harmonie, die etwas ande­res, etwas Höheres ist, als die Eintönigkeit. Wenn seine Kin­der in Liebe leben, dann können sie hoffen, etwas von der Liebe Gottes zu erfahren, denn in Wahrheit sprach ein christ­licher Lehrer: (1. Joh. IV, 20).» So schließt der Vortrag über das Christentum, und damit das ganze Buch. Die Darstellung, die Annie Besant vom Chri­stentum gibt: sie kann niemand diesem Christentum entfrem­den; aber sie kann diejenigen, welche ihre moderne Den­kungsweise, ihren wissenschaftlichen Geist glauben nicht ver­einigen zu können mit dieser Religionsform, wieder zum Christentum zurückführen. Und dies letzte ist wahrlich schon öfter geschehen, seit die theosophische Bewegung wirkt. Durch die Theosophle kann man wieder ein guter Christ werden. Möchte doch das verstanden werden, und möchten die falschen Ansichten schwinden, als ob es im Wesen der Theosophie läge, für fremde Religionssysteme Propaganda zu machen; etwa den Buddhismus in Europa verbreiten zu wollen. Der wahre Theosoph weiß nur zu gut, was er dem Europäer uchmen würde, wenn er ihn zum Buddhisten machen wollte. Und das Ziel der Theosphie ist nicht «Nehmen», Isondern «Geben». Gerade weil Annie Besants Vorträgenicht für Europäer gehalten sind, werden diese viel aus ihnen 1er-nen können.

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Vorbemerkung zu Edouard Schuré:

«Einführung in die Esoterische Lehre» und «Hermes»

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Dies ist die Einführung, welche Edouard Schuré seinem Buche «Les grands initiés» vorgesetzt hat. Das Buch ist in erster Auflage im Verlage von Perrin in Paris I 889 erschienen. Es erlebt eben seine 7. Auflage. In Frankreich, und auch in an­deren europäischen Ländern hat es vielen den Anstoß gege­ben zu einer tieferen Erfassung der Weltgeheimnisse und Le­bensrätsel. Es gehört sowohl durch die Kunst der Darstel­lung wie durch die Inspiration, aus der sein Inhalt stammt, zu den glanzvollsten Schriften in der theosophisch-mystischen Literatur der Gegenwart.

Dieser Beitrag («Hermes», Die Mysterien Ägyptens) ist dem Werke «Die großen Eingeweihten» von Edouard Schuré entnommen. Es soll hier zugleich darauf hingewiesen werden, daß dieses ganze bedeutsame Werk in Kürze voll-ständig in deutscher Übersetzung durch Marie von Sivers im Verlage von M. Altmann in Leipzig erscheinen wird. Wir durften mit Genehmigung der Übersetzerin und des Herrn Verlegers Teile hier abdrucken.

«Flita. Wahre Geschichte einer schwarzen Magierin.» Die Blüte und die Frucht. Von Mabel Collins. Aus dem Englischen übersetzt von Mitgliedern der Theosophical Society. Sueviaverlag. Ju­genheim an der Bergstraße.

Von vornherein soll gesagt werden, daß es nicht leicht ist, das in Worte zu kleiden, was man dieser «wahren Geschichte» gegenüber empfinden kann. Denn die erzählten Vorgänge sind solche, die fortwährend hinüberspielen in tiefe Geheim­nisse des Lebens. Diese sind dem Okkultisten wohl vertraut; aber bei der Mehrzahl unserer abendländischen Leser sind die geistigen Fähigkeiten noch durchaus schlummernd, die ein Verständnis ermöglichen. Gleich der Anfang berührt die Grenze eines Geheimnisses. Im Beginne ihrer Inkarnationen,

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auf der Stufe der Wildheit, hat Flita ihren Geliebten getötet. Und aus der Tötung ist ihr die Kraft zur schwarzen Magierin geworden. Dies ist im okkulten Sinne durchaus sachgemäß. Es besteht ein geheimnisvoller Zusammenhang zwischen dem Wissen, das zur Macht führt im schlimmen Sinne und den Kräften, die das Leben unterbinden. Der Tod hängt für un­sere menschheitliche Evolution durch tiefliegende Gesetze mit dem Egoismus zusammen. - Im Fortgang der Erzählung tritt uns denn auch Flita als schwarze Magierin innerhalb der gegenwärtigen Kulturstufe entgegen. Ihr Wissen über ver­borgene Dinge macht sie zur Magierin. Und daß in ihr die niederen Kräfte, die Leidenschaften der Menschennatur noch walten, bewirkt das Verderbliche in ihrem Wesen. Denn alles okkulte Wissen wird durch diese Kräfte auf die Seite des Bösen gedrängt. - Das Wissen braucht nämlich, wenn es sich entfalten will, Leben. Alles Wissen, das sich nicht mit Leben sättigt, ist leer, schattenhaft, wirkungslos. Nun gibt es zwei Quellen, aus denen der Mensch Leben schöpfen kann. Die eine fließt ihm zu, wenn er auf dem Gipfel steht, wo alles nie­dere Verlangen abgestreift ist. Alle Gefühle müssen da eine andere Form angenommen haben, als sie innerhalb der Trieb-natur der niederen menschlichen Wesenheit haben. - Die an­dere Quelle liegt in dem Leben unserer Mitgeschöpfe, gleich­gültig, ob diese schon wirklich um uns herum in der physi­schen Welt leben, oder ob sie sich erst zum Leben drängen. Kei­ner versteht dies Buch, der nicht weiß, daß Wissen, das der Neu­gierde oder dem Machtkltzel entspringt, seine Kraft schöpft aus Wesen, die sich zum Leben drängen, die noch ungebo­ren sind, und geboren werden wollen. Wer hinter die Kulissen der physischen Wirklichkeit schauen kann, der weiß, wie viele Wesen es mit dem Leben bezahlen müssen, daß die Menschen nach Erkenntnis streben, die nur ihrer Selbstsucht dient. Flitas Geliebter muß ihr ein astrales Wesen töten; und die schwar­ze Magierin schöpft vampyrartig Kraft aus dieser Tötung.

Solange das Erkennen eben nicht über allesniedrigMensch­liche hinaus ist, lebt es nicht von der Wahrheit, sondern von

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der Illusion. Und die Illusion will Nahrung. Diese saugt Sie aus dern Leben. Mit Iwan, dern Meister, wird Flita zusam­mengeführt. Aber sie steht nicht dern wahren Meister gegen-über. Das könnte sie nur, wenn alle niederen Leidenschaften in ihrer Natur schwiegen. Aber es ist noch etwas von niederer Liebe, wenn auch noch so verfeinert, in ihrer Neigung zum Meister. So kann sie nur ihrem eigenen Trugbild des Mei­sters gegenüberstehen. Ihre Leidenschaft hat ein verderbli­ches Band zurn Wissen, das ihr aus den höheren Regionen der Natur zufließt. Und sie wird aus dern Ternpel, in dern sie die Einweihung sucht, förmlich hinausgepeitscht. Der weißen Gestalten wurden irnrner mehr, bis es Tausende schienen, und mit ausgestreckten Händen trieben sie Flita die Stufen hinab - hinab, hinab, hinab, wie sehr sie sich auch sträuben mochte. Sie tat noch mehr; sie wehrte sich, sie kämpfte, sie schrie laut hinaus; zuerst um Gerechtigkeit, dann um Mitleid. Aber da war kein Nachgeben, kein Erweichen in diesen über-menschlichen Gesichtern. Flita floh zuletzt vor der Überzahl und ihrer unerbittlichen Härte, und dann ließ sich ein lautes Rufen vieler Stimmen hören, und tausendfach tönten die Worte: «Du liebst ihn ! Fort!»

Jeder, der mit den Gesetzen astralen Schauens betraut ist, kennt die tiefe Wahrheit dieser Schilderung. Allerdings schil­dern nur Wissende so, und werden nur - von Wissenden ver­standen. - Flita muß es sehen, wie ein von Selbstsucht entklei­detes Wissen, dasjenige Iwans, webt am sausenden Webstuhl der Zeit. Wie an den Fäden eines Gewebes arbeitet selbstlos der Meister an der Menschheit, unendlich erhaben über alles Einzeln-Menschliche. - Bedeutsam ist die Schlußszene. Bis zu jener Vereinsamung an eines Abgrunds Rand kommt die Magierin, wo nichts mehr von den gewohnten Wirklichkei­ten zur Seele des Menschen dringt, wo das Geheimnis des Lebens, und auch - des Todes sich enthüllt. Und sie - stirbt an der Schwelle. Sie stirbt, wie ein schwarzer Magier stirbt. Die Natur des Irrtums und des Bösen wird mit deutlichen Strichen hingemalt an das Ende der Geschichte; vor der

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Wahrheit aber erhebt sich ein Schleier; und auf diesem Schleier steht - Tod. - Nur ahnen läßt die Erzählung, was hin­ter diesem Tod liegt. Und es bleibt auch besser unausgespro­chen. Denn mit der Erkenntnis, daß gegen die großen Weltgesetze leben, den Tod bedeutet, ist noch lange nicht die andere errungen, wie das Leben erwacht mit dem Wirken im Sinne dieser großen Gesetze unseres planetarischen Daseins.

Wer das «Tritt ein» am Ende versteht, wird auch die «wahre Geschichte» nicht mehr für einen Roman halten. Vor dern «Vorwort» stehen die Worte: «Diese seltsame Ge­schichte kam aus einem fernen Lande und wurde auf geheim­nisvolle Weise gebracht.» Als Richtschnur für den Leser sind diese Worte bedeutsam. Leser ohne okkultes Wissen sollten sich eines jeden Urteiles enthalten und lediglich das auf sich wirken lassen, was aus dern Buche ausströmt. Es ist geeignet, manches Geheimnis, das im Menschenherzen schlummert, in Ahnung zu verwandeln. Und die Ahnung ist zuweilen die Weckerin des Wissens. Eine Inhaltsangabe des Buches wäre nutzlos; und über Dinge, die zwischen den Worten liegen, mehr zu sagen, besteht augenblicklich nicht die Möglichkeit, ohne etwas zu berühren, das zu berühren gegenwärtig der Feder versagt ist.

«Die Geschichte des Jahres». Ein Bericht über Feste und Feiern. Vorn Verfasser von «Licht auf den Weg». Aus dem Englischen übersetzt von Mitgliedern der Theosophical Society. Auto­risierte Übersetzung. Sueviaverlag. Jugenheim an der Berg­straße, 1904.

Dies ist ein wichtiges Büchlein für diejenigen, welche ok-kulte Wahrheiten in intimer Art kennenlernen wollen. Eine hohe Weisheit lebt darinnen. Diese selbst ist allerdings nicht ausgesprochen. Denn das Werkchen kann nicht so genom­men werden, als könnte man daraus wie aus einer Schrift unserer gewöhnlichen Literatur etwas lernen. Wer auf sich wirken läßt, was darinnen steht, es in Gedanke, Gefühl und

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Wille aufnimmt, der kann ein eigentümliches Lebenselixir durch seine Seele fließen lassen und dadurch zu einer Ahnu n g der großen Wahrheit sich erheben, daß der Menschengeist nach denselben Gesetzen lebt wie der Allgeist (wobei hier unter «Allgeist» nur verstanden ist der Geist, welcher die Himmelskörper beherrscht, die zu unserer Erde und ihrer Ent­wickelung in Beziehung stehen). Das innere Leben dieses All-geistes war einstens sowie dasjenige des Menschengeistes heute ist. Und der Menschengeist wird in Zukunft sein, was der All-geist heute ist. In der äußeren Welt aber stehen dern Menschen-geiste die Taten des Allgeistes gegenüber. Wie die Sonne auf-und untergeht, wie sie ihren Kreislauf während des Jahres und während der Jahrtausende vollendet, wie die Erde ihre Samen und Kinder zur Reife bringt, sie zum Tode führt und wieder erstehen läßt: alles das sind die Taten dieses Allgeistes. Der Mensch, der sich über die Sinnesanschauung erhebt, sieht die Pflanzen reifen, Samen tragen, die Samen in die Erde senken, den Todesschlaf in der Erde überdauern und dann wieder er­stehen: und er fühlt in alledem die Wirkungen des göttlichen Lebens. Und er erhebt sich zu der Anschauung, daß dieses gött­liche Leben erst eine lange Lehrzeit durchmachen mußte, bis es seinen Geist dazu gereifthatte, solche Tatenzu tun. Und dann leuchtet dem Menschen auch die Erkenntnis auf, daß diese Lehrzeit der Götter ähnlich war seiner eigenen gegenwärtigen. Und in den Taten der Götter sieht er sodann die Vorzeich­nungen seiner eigenen Zukunft. Wenn in den kurzen Winter-tagen der Schnee das schlafende Leben der Erde bedeckt, wenn die ersten Spros sen der Bäume dem wieder erstarkten Sonnen­strahl sich entgegendrängen, dann schaut er darinnen die göttlichen Meisterleistungen, und sich selbst sagt er: dein Geist ist von derselben Art, wie derjenige, der das alles kann. Und du mußt dich erheben und inbrünstig aufschauen zu die­sen Meisterleistungen an den Tagen, da sie sich dir offenba­ren. Dann werden dir diese Tage zu Festen und im Laufe des Jahres werden sich dir diese Feste zusammenschließen zur Anschauung des harmonischen Werkes der Götter, von dem

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du zu lernen hast. Weihnachten, Ostern und die anderen Jah­resfeste werden so in seiner Seele lebendig. Und was die Sonne im Laufe des Jahres bewirkt, wird die Hieroglyphe für die geheime Offenbarung der eigenen Zukunft.

Wenn der Mensch zu solcher Intuition sich erhebt, kann er allmählich erkennen, wie sein eigener Geist sich einstmals ab­gespalten hat vom Allgeist, um eingesenkt zu werden in den materiellen Erdengrund, da zu lernen, in Zukunft Dinge zu vollbringen, die denen ähnlich sind, welche heute um ihn sind. Er wird sich die Finsternis zur Anschauung bringen, in welcher er ist, wenn er lediglich auf seine eigene gegenwär­tige Entwickelungsstufe sieht; und er wird sich beleuchten lassen von dem Lichte, das ihm aus den Göttertaten zustrahlt. So wächst er zusammen mit seinem All, zuletzt sich als Glied in demselben fühlend, wie etwa sein kleiner Finger sich als Glied des eigenen Organismus fühlen muß. Und so wird er die Weihnachtszeit seiner Seele herankommen sehen und wissen, daß sie im Leben dieser Seele dasselbe bedeutet, was einstmals in der Götterseele vorgegangen ist, als diese lernte die Tat zu vollbringen, die im Jahreslaufe auf Weih­nachten fällt. Nicht bloß ein äußeres Zeichen und Sinnbild ist ihm dann das Weihnachtsfest, sondern ein Quell von Kraft, der wirklich in seine Seele einen Samen pflanzt für die Zu­kunft. Und so wird es auch für die anderen Jahresfeste.

Weil dieses Büchlein zu solchen Empfindungen führt, ist es ein wahrhaft okkultes Werkchen. Es spricht nicht nur so von den Festen, wie etwa ein Lehrbuch vom Magnetismus spricht, sondern es ist ein Führer, wie ein Mensch, der uns statt eines Lehrbuches einen wirklichen Magneten reicht, mit dern wir dann selbst arbeiten können. Die Schüler der Einweihung ha­ben gelernt, die Jahresfeste so zu feiern, wie es in dieser Schrift angedeutet wird. Und deshalb haben ihnen diese Feste selbst so die okkulten Erkenntnisse gegeben, wie der Magnet das Eisen anzieht.

Von dem Zeitpunkt an, wo in dern Menschen die Fähigkeit erwacht, in die karmischen Ketten der eigenen Seele zu

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schauen, bis dahin, wo das höhere Selbst, der Christus, er­wacht, der nun aus einem Kindlein ein Genosse göttlicher Wesenheiten geworden ist, beschreibt das Buch den Ent­wickelungsgang des Menschen. Denn es entspricht dern er­sten Augenblick das Weihnachtsfest und was ihm vorangeht, und dern zweiten das Osterfest. Wer miterleben kann, was sich in dieser Zeit «am Himmel» abspielt, der kennt wichtig­ste okkulte Geheimnisse. Und wer die Empfindungen zu den gehörigen Zeiten richtig in sich erweckt, wie es das Büchel­chen vorschreibt, der bereitet sich vor, solche Geheimnisse zu erleben. Man nehme dieses Schriftchen zu sich, lebe danach ein Jahr und ein zweites Jahr und so fort in dern Sinne, wie es die Anweisungen zur Erlangung höherer Erkenntnisse in den Geheimschulen angeben, so nimmt man schon astral und mental wahr, und es wird der Tag kommen, an dern man das auch mit vollem Bewußtsein tut.

Schön ist der Moment beschrieben, in dern die Seele be­ginnt, sich zum Schauen der karmischen Kette im Innern zu erheben, wie sie da einsam wird, verlassen von dem, was sie bisher als Wirklichkeit bezeichnet hat. Alle heiligen Schauer dieses das Menschenleben umwälzenden Augenblickes liegen in den Worten (Seite 11): «Der Schüler, der jetzt die Halle des Lernens - ein den Sehern bekannter Ort - betritt, wird sie finster und verödet antreffen mit weitaufgerissenen Toren und vom Winde durchfegt. An keiner Stelle ist Ruhe, nir­gends ein Fleckchen Helle. Schwarz sind die Wände, und auch der Fluß, der frei vor uns und ungezügelt dahinschießt, ist schwarz und braust und schäumt wie toll. Wahrlich eine Szene zum Davonstürzen, und kein Schüler wird sie ein zweites Mal herausfordern wollen. Nur der Unwissende geht vor und steht ihr plötzlich gegenüber. Die Weiseren wissen von der Wüstnis, bleiben stille und wahren ihre Zuversicht trotz dern Alp, der sie bedrohen möchte; denn ob sie ruhig bei den Ihrigen weilen, ob sie bei ihren lieb­sten Freunden sind, das plötzliche Bewußtsein absoluten Alleinseins wird sich ihnen trotz allem auch inmitten der Gefährten

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aufs Herz legen, daß es stillsteht vor Bedrückung und Qual.»

Wer wahrhaftig zur okkulten Welt vordringen will, muß solche Dinge lebendig verstehen. Denn sie bezeichnen den Au­genblick, in welchem der Mensch verzichten lernt auf alle Er­kenntnis, die nur von außen gegeben wird und erkennen lernt, daß höhere Erkenntnis niemals von anderswo als aus dern «Innern» strömen kann. Da lernt er sich erheben über sogenannte «objektive» Beweise und findet den Quell der Wahrheit durch Opferung aller Illusionen. Im «Alleinsein» lernt er erkennen, daß niemand und nichts als nur er selbst diese Wahrheit auf den Opferaltar der Menschheit und des Alls legen kann. Die Sammler scheinbar «objektiver Be­weise» für den Geist und auch die sogenannten Metapsychi­ker - die neueste Mode französischer Psychologie hat dies Wort gebildet, um damit vor dern Einsichtigen zu beweisen, daß sie noch ganz weit entfernt ist vom Verständnis des Ok­kultismus -: alle diese schließen vor sich die Türe zu den Ge­heimnissen fest zu, denn sie fordern für ihre Beweise gerade das, was derjenige überwinden muß, welcher in die höheren Geheimnisse eindringen will. Wer das Dasein der Geister so beweisen will, wie man die Gegenwart des Wasserstoffes be­weist, der versteht sich selbst nicht; und wer etwas Meta­psychisches so sucht, wie man das Vorhandensein einer Säure sucht, der ist nicht auf dern Wege zum Geist, ganz gleichgül­tig, ob er gelehrten Sport mit den an sich wertvollen Beob­achtungen Richets, oder eines beliebigen spiritistischen Dilet­tantenvereins betreibt.

Geradezu gewaltig und lebenswahr ist in dern Büchelchen das Zusammentreffen mit den anderen Eingeweihten und die Betrachtung der Welt von diesem Standorte aus geschildert:

«Der Schüler ist zur Individualität geworden und ist aner­kannt. Die Botschaft, die ihm dies verkündet, ist nur in sei­nem eigenen Herzen und in den Herzen derer vernehmbar, die, wie er, die Stimme der Stille zu hören vermögen. Zum äußeren Ohre dringt sie nicht. - Die Menge nichtsehender

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Seelen, die erst dunkel und halbbewußt den Wunsch hegen, ein Teil des göttlichen Körpers der Liebe zu werden, er­scheint bei dem gewaltigen Vorgang im Drama der Weltenseele als eine verhüllte Schar. Es sind die Unfreien mit noch unent­wickelten Fähigkeiten, die ihr Vertrauen blind auf einen ihnen angelehrten Gott setzen und auf ihre persönlichen Lehrer.»

Und nicht minder groß und lebenswirklich wird darge-stellt, was das Erwachen der höheren Seele bedeutet: «Seit dern Tage der Geburt, nachdem sich der göttliche Teil des Menschen von den Chören der Engel losgetrennt hat, um sich gleich zu erachten mit seinen eigenen vergänglichen Fuß-spuren im Sande der Zeit, ist dieser Teil in der Dunkelheit geblieben; jetzt geht es der Wiedererlangung ewigen Lebens entgegen. So war es bei der Geburt von Buddha und von Christus; und so ist es auch bei der Geburt des Göttlichen in jedem Menschen, in dem sich dieses Wunder vollzieht.» Wer das lebendig versteht, der weiß okkulte Wahrheiten von höch­stem Werte. Nicht in ganzen Bibliotheken, auch nicht in so­genannten theosophischen, sind oft Worte von solcher Tiefe zu finden.

Die Übersetzer des Büchelchens, dieselben, welche auch die in dern vorigen Aufsatz besprochene «Flita» ins Deutsche übertragen haben, werden vielen eine große Wohltat erwiesen haben, wenn diese beiden Bücher ein verständiges Publikum finden sollten. Man darf auch sagen, daß die Übersetzungen in schöne deutsche Sprache gegossen sind. Wir werden in Deutschland mit der theosophischen Bewegung weiter kom­men und erreichen, was wir erreichen sollen, wenn sich meh­rere finden, die Gesinnung und richtiges Erfassen dessen, worauf es ankommt, so verbinden, wie diese Übersetzer.

«Der Pfad der Jüngerschaft.» Vier Vorträge von Annie Besant, gehalten am zwanzigsten Stiftungsfest der Theosophischen Gesellschaft zuAdyar bei Madras, den 27., 28., 29., 30.Dezem-ber 1895, autorisierte Übersetzung von Gräfin H. Scheler, Leip­zig, Verlag von Max Altmann, 1905.

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Mit großer Befriedigung kann man die Übersetzung dieser Vorträge in die deutsche Sprache begrüßen. Annie Besant hat in ihnen vor beinahe zehn Jahren die Stufen beschrieben, welche der Jünger des höheren Lebens und Wissens zu über­schreiten hat. Allen denen, welche schon in dem Buche «Im Vorhof» von Annie Besant die großen Ausblicke in den Pfad des höheren Lebens zur Stärkung von Geist und Gemüt emp­fangen haben, muß auch diese Schrift eine willkommene Gabe sein. Sie behandelt diese Ausblicke in einer etwas ande­ren Art.

Vier große Bilder ziehen vor dern Geiste des Lesers vor­bei: 1. Die ersten Schritte, 2. Die zur Jüngerschaft notwendi­gen Eigenschaften, 3. Das Leben des Jüngers, 4. Der Fort­schritt des Menschen in der Zukunft.

In dern ersten dieser Bilder wird die Umwandlung geschil­dert, welche in der Denkungsart und Gesinnung desjenigen vorgehen muß, welcher den Jüngerpfad betreten will. Diese Umwandlung bezweckt, das Denken und Handeln des Men­schen so zu gestalten, daß sein Leben fortan nicht mehr bloß das Ziel der Selbstbefriedigung hat, sondern daß es sich ein-gliedert in das große Ziel, welches der göttliche Weltplan verfolgt, und in dern der einzelne ein Mitarbeiter wird. Der Mensch erhebt sich da dazu, es nicht bloß einzusehen, son­dern zu fühlen und zu erleben, daß alles, was er tut, nicht nur eine zeitliche, vergängliche, sondern eine ewige, unvergäng­liche Bedeutung hat. Gleich im Anfange des ersten Vortrags weist Annie Besant darauf hin, wie sie von dern Alltäglichen, in dern jeder Mensch auf die eine oder andere Art steht, die Blicke hinführen will zu diesem großen Ziele. «Ich möchte Ihnen zeigen, wie ein Mensch, der von Familien- und gesell­schaftlichen Pflichten, von den mannigfaltigen Anforderun­gen des Weltlebens umgeben ist, sich dennoch für die Ver­einigung vorbereiten und die ersten Schritte tun kann auf dern Wege, der zu dem «Einen» führt. Ich werde versuchen, Ihnen die Stufen dieses Pfades zu bezeichnen, damit Sie das Ziel, das zu erreichen ist, erkennen und den Weg, der began­gen

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werden muß. - Ich fange bei dern Leben, wie so ziemlich jeder Mensch es führt, an und gehe von dem Standpunkte aus, auf dem wohl die meisten unter Ihnen jetzt stehen. Ich möchte Ihnen den Weg zeigen, der wohl vorn Familienleben, vorn Leben in der Gemeinde und dern Staate ausgeht, der aber in dern endet, was über alles Denken erhaben ist und den Wanderer zuletzt in die Heimat leitet, die ihm ewig zu eigen bleibt.»

Bedeutsam werden die Vorträge mit diesen Worten begon­nen. Denn es muß betont werden, daß es keine Art des Le­bens und Berufes geben kann, von denen aus der Mensch den Jüngerschaftspfad nicht betreten könnte. Nicht zum lebens-feindlichen Einsiedler, nicht zum lebensmüden Schwärmer wird der Mensch, wenn er den Pfad im echten Sinne des Wor­tes betritt. Und gar mancher unter uns wandelt diesen Pfad, ohne daß die Uneingeweihten etwas an seiner äußeren Lebens­führung bemerken können, was ihn von seinen Mitmenschen unterschiede. Es wird ja oft gefragt, ob sich diese oder jene Lebensstellung, dieser oder jener Beruf mit einem höheren Leben vertrage. Darauf muß immer wieder und wieder geant­wortet werden, daß die geheirnwissenschaftlichen Mitteilun­gen zunächst die Fingerzeige geben, wie man den Pfad betritt und wandelt. Wie dann der einzelne sich einzurichten hat, um das für ihn Notwendige zu erreichen, das findet ganz gewiß ein jeder selbst im Laufe seiner Entwickelung heraus. Sollte es für ihn gerade nötig sein, in ei ne Lebenslage einzutreten, die von seiner bisherigen verschieden ist, so wird er auf Mittel und Wege dazu ganz wie von selbst im Laufe seines Pfades geführt werden.

Mit eindringlichen Worten spricht Annie Besant auch dar­über. «Jedem Menschen sind die Grenzen seiner Pflichten durch die besonderen Umstände seiner Geburt gesetzt, die unter dern guten Gesetz der karmischen Leitung jedem Men­schen seinen Wirkungskreis geben und den richtigen Boden, auf dern er lernen kann. Daher wird gesagt, daß jeder Mensch seine eigene Pflicht tun soli, seinen eigenen Dharma. Besser

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den eigenen Dharrna, wenn auch unvollkommen tun, als ver­suchen, den höheren Dharrna eines anderen zu erfüllen.» -Karrna und Dharrna sind ja zwei Begriffe, die sich gegenseitig ergänzen und bedingen. Das Karrna des Menschen bestimmt sein Schicksal nach demjenigen, was er in seinen früheren Da­seinsstufen getan hat. Der Dharma aber ist das Gesetz, nach dern er weiter, in die Zukunft hinein, nach seinen von ihm in der Vergangenheit erworbenen Eigenschaften und Fähig­keiten leben soll. Und eines jeden Dharma ist durch sein Karma bestimmt. Er wird am weitesten kommen, er wird das für ihn Beste erreichen, wenn er sich innerhalb der Grenzen seiner Fähigkeiten und derjenigen Pflichten hält, die ihm durch seine Lebenslage auferlegt sind. Es ist nicht richtig, sich ohne Rücksicht auf diese Lebenslage an Aufgaben zu hängen, die einem besonders reizvoll und wert erscheinen. Es sind das vielleicht Aufgaben, die nur derjenige lösen kann, der ein ganz anderes Karrna hat. Annie Besant fährt deshalb fort, nachdem sie den oben angeführten Satz gesprochen hat:

«Dasjenige, in welches Sie hineingeboren werden, ist das, was Ihnen nötig ist, ist das richtige Erziehungsmittel für Sie. Tun Sie ihre eigene Pflicht, ohne Rücksicht auf die Folgen, dann werden Sie die Aufgabe des Lebens erlernen und an­fangen, den Pfad des Yoga zu wandeln.»

Man muß bei den «ersten Schritten» zum Jüngerschafts­pfad eben immer bedenken, welche große Macht gewisse Ge­danken und Gefühle haben rein durch sich selbst. Die Gedanken, die sich auf die echte wahre Pffichterfüllung beziehen, die eine Richtung auf die ewige Bestimmung des Menschen, auf den göttlichen Weltplan haben: sie enthalten in sich die Kraft, den Menschen zu heben, zu verwandeln. Wie man einer Pflanze Wasser gibt, damit sie wachse, so solle man der Seele Ewigkeitsgedanken geben: und sie wird wachsen. Wie man die Pflanze nicht zum Wachsen bringt dadurch, daß man sie oben anpackt und zerrt, so kann man auch durch kein künst­liches Mittel die Seele zum Wachsen bringen. Man muß sie vielmehr in Geduld und Ausdauer mit den Ewigkeitsgedanken

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erfüllen: und das Wachsturn tritt gewiß ein. Nichts, was an großen Idealen, an göttlichen Wahrheiten durch die See! zieht, bleibt von dieser ungenutzt.

Eben das Unabhängigwerden des inneren Seelenlebens vom äußeren Berufs- und Weltleben, und doch wieder die Harmo­nie und Verträglichkeit beider schildert Annie Besant schön:

«Sie sind Menschen, leben in der Welt und sind durch welt­liche Bande gebunden, sind Menschen, die ein geselliges und politisches Leben führen. Doch im Innern Ihres Herzes seh­nen Sie sich nach wahrer Yoga, nach dern Wissen, das blei­bend ist und nicht nur diesem vergänglichen Leben angehört. Im Herzen eines jeden unter Ihnen, wenn Sie bis auf den Grund gehen, finden Sie die Sehnsucht, mehr zu wissen, das Verlangen edler zu leben als Sie es jetzt tun. Äußerlich mag es den Anschein haben, als ob Sie die Dinge der Welt liebten, und mit Ihrer niederen Natur tun Sie es auch. Aber im Her­zen eines jeden echten Hindu, der nicht ganz abtrünnig ist und seine Religion und Heimat verleugnet, ist noch eine in­nere Sehnsucht nach etwas mehr als den Dingen der Erde, noch ein schwaches Verlangen, wenn auch nur ein Uberrest vergangener Überlieferungen, daß Jndien edier sein möchte, als es heute ist, und sein Volk seiner Vergangenheit wür­diger.»

Der letzte Satz weist zugleich auf etwas hin, was hier bei Besprechung dieses Buches nicht unausgesprochen bleiben darf. Annie Besants Vorträge sind für das indische Volk ge­sprochen. Sie geben den Pfad der Jüngerschaft für dieses Volk an. Nun ist zwar die Wahrheit eine Einige, und der höchste Gipfel der Erkenntnis und des Lebens ist auch für alle Zeiten und alle Völker ein Einiger. Dennoch darf man nicht glau­ben, daß der Pfad der Jüngerschaft seiner Form nach ganz der­selbe sein kann für den Menschen des gegenwärtigen Europa wie für den Inder. Das Wesen bleibt dasselbe; die Formen ändern sich auch auf diesem Gebiete. Deshalb muß es nur naturgemäß gefunden werden, daß in den Artikeln dieser Zeitschrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Wel­ten?»

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manches anders gesagt ist, als man es in den für das indische Volk gehaltenen Vorträgen Annie Besants angegeben findet. Der Weg, der in dieser Zeitschrift geschildert wird, ist derjenige, welcher in Anpassung an das Leben im Abend-lande, an die Entwickelungsstufe des europäischen Men­schen, als der richtige sich herausgebildet hat in den Geheim-schulen Europas seit dern vierzehnten Jahrhunderte. Und der Europäer kann nur Erfolg haben, wenn er diesen ihm durch seine eigenen Geheimlehrer vorgezeichneten Weg wandelt. Er kann den Weg des Indiertums gar nicht kopieren. Denn die Indier sind die Nachkommen eines ganz anderen Volks-stammes als die europäischen Menschen. Ihre körperliche und seelische Eigentümlichkeit ist eine andere. In der Welt ist eben alles in der Entwickelung. Und es muß auch die Geheim-schulung diesen Weg der Entwickelung gehen. Nur das Zerr­bild eines Schülers könnte es geben, wenn eine europäische Seele dieselben Yogawege wandeln wollte, die einstmals das von den heiligen Rischis geleitete indische Volk wandelte. Dieses selbst aber muß sich auf seine eigenen Wege wieder be­sinnen, wenn es vorwärts kommen will. - Däs eben will ja gerade die theosophische Weltbewegung erreichen, daß ein jegliches Volk, ein jeglicher Teil der Menschheit die Wahrheit suche auf seinen Wegen. Wir wären recht schlechte Theoso­phen, wenn wir die indischen Lehren so ohne weiteres der ganz anders gearteten europäischen Menschheit aufpfropfen wollten. Das darf nicht in bezug auf die äußeren Lehren und auch nicht in bezug auf die Geheirnschulung zur Jünger-schaft geschehen.

Damit ist nicht gesagt, daß es unnütz für die Europäer wäre, dasjenige kennenzulernen, was für Indien das Ange­messene ist. Die Stufe, auf welcher der Europäer steht, ist gerade diejenige, die ihm notwendig macht, alles verstandes­mäßig kennenzulernen. Der Verstand muß, um vorwärts zu kommen, vergleichen und das Eigene an dern Fernerliegen-den messen. Er muß hinhorchen auf das, was den Menschen-brüdern im fernen Osten zu ihrem Heile gesagt wird. Deshalb,

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nicht weil in Europa dasselbe gemacht werden könnte, hat man solche Bücher wie das vorliegende mit Befriedigung zu begrüßen. - Aber es ist auch notwendig zu wissen, daß in Europa Wissende und Geheimforscher seit Jahrhunderten bemüht sind, denjenigen die rechten Wege zur heutigen Jün­gerschaft zu weisen, die hinhören können und vor allem hin-hören wollen auf sie. - Die Zeichen der Zeit sprechen es deut­lich aus, daß auch in Europa die Zahl derjenigen immer grö­ßer werden wird, welche sich «im Herzen sehnen nach wahrer Yoga». Denn auch für die europäischen Völker gilt, was An­nie Besant so treffend gegen den Schluß des ersten Vortrags ausspricht: «Es gibt keine große Nation ohne große Indivi­dualitäten, kein mächtiges Volk, wenn die einzelnen niedrig, arm und selbstsüchtig in ihrem Leben sind.»

Das Bild des zweiten Vortrages gibt die Gesetze der «Be­herrschung des Denkens», der Meditation und der Ausbil­dung des Charakters, welche der Jünger auf dern Pfade beob­achten muß. In Regeln läßt da Annie Besant den Menschen hineinblicken, die seit Jahrtausenden von den Jüngern des Pfades befolgt werden und erprobt sind. Man wird oft viel­leicht bei den Anforderungen, die da gestellt werden, zurück­schrecken und sagen: «Ja, wer kann das alles erfüllen !» Doch ist ein solches Zurückschrecken durchaus nicht berechtigt. Fs beruht doch darauf, daß man die in Betracht kommenden Dinge viel zu äußerlich nimmt, als sie genommen sein wollen. Nicht im Tumult, nicht im Sturme läßt sich die höhere Welt erobern, sondern in Geduld und Ausdauer. Viele werden zum Beispiel finden, daß der Regeln so viele sind, und daß die Zeit schier eine unermeßliche ist, die man dazu braucht, um alles durchzuführen. Da ist nur zu sagen: man beginne an einem Ende und man wird bald finden, daß die Sache zwar viele andere Schwierigkeiten hat, aber diejenigen gerade fast gar nicht, die man sich erst vorgestellt hat. Man wird sich nämlich nach und nach Übung im rechten Gebrauch der An­leitungen erwerben, man wird sich allmählich über den rech­ten Sinn dieser oder jener Mitteilung klarwerden, und dann

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von selbst zu einem ganz anderen Urteile kommen, als man es vorher gehabt hat. Gerade mit Bezug darauf findet sich in diesen Vorträgen Annie Besants eine sehr beherzigenswerte Stelle (Seite 100): «Es ist schon oft die Frage aufgeworfen worden, wie viele Leben zwischen dern ersten Schritt und der letzten Befreiung, dern Erlangen von Jivanmukti, vergehen. Ich erinnere mich, daß Svâmi T. Subba Row, als er mit eini­gen Freunden hier über die für gewöhnlich angenommene Idee sprach, daß sieben Leben auf dieser Stufe der Chelä­schaft vergehen müssen, die vollkommen und wahre und be­deutungsvolle Bemerkung machte: , das heißt, daß das Leben der Seele nicht nach irdischen Zeit-maß gerechnet wird. Es kommt auf ihre Energie, ihre Kraft, ihren Willen, das Ziel zu erreichen, an.

Immer und immer wieder darf man auf ein Wort Goethes hinweisen, wenn vorn Jüngerschaftspfade die Rede ist, «Zwar ist es leicht, doch ist das Leichte schwer». Hindernisse gibt es nur solche, die sich der Mensch selbst in den Weg legt. Zu­meist stammen diese Hindernisse aus seinen Vorurteilen, oder davon, daß es ihm doch nicht ganz ernst mit solchen Dingen wie zum Beispiel der Gedankenbeherrschung oder der Meditation ist. Man glaubt eben einfach gewöhnlich nicht, daß die still im Innersten der Seele geübte Gedankenbeherr­schung und Meditation den großen Erfolg hat, in die geistige Welt hineinzuführen. Man erwartet diesen Erfolg von viel «greifbareren», viel tumultuarischeren Dingen. Oder man for­dert, daß die Gegenstände und Wesen der höheren Welten die gewohnten Formen der Sinnenwelt haben und hält die Gestalten, in denen sie wirklich auftreten, für nicht viel mehr als ein Nichts, oder eine Einbildung. Aber man lernt durch die «zur Jüngerschaft notwendigen Eigenschaften» erst, wie die höheren Welten eigentlich aussehen. Man muß erst reif wer­den,

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etwas ganz anderes, und dieses auch ganz anders zu sehen, als man von der sinnlichen Alitäglichkeit her gewohnt ist.

Einen großen Gesichtskreis eröffnet das dritte Bild «Das Leben des Jüngers». Hier werden der Probepfad und die vier Initiationen beschrieben. Es wird gezeigt, wie der Mensch hinaufgeführt wird über die Stufe, auf der er sich befreit von der Anschauungsweise, der er bisher gehuldigt hat, auf wel­cher er vollständig die Fesseln des Zweifels, des Aberglau­bens und des engen Persönlichkeitsbewußtseins abstreift. Dann wird auf die zweite Stufe gedeutet, auf welcher das innere Licht, Kundalini, zu erstrahien beginnt, das als gei­stige Sonne die Dinge der höheren Welt so beleuchtet, wie die äußere Sonne die Gegenstände und Wesen der sinnlichen Welt. Weiter folgt die dritte Stufe, auf welcher das «wahre Ich», das die Welt umfassende Selbstbewußtsein erwacht, dern es möglich ist, die Schlüssel zum wahren Wissen zu er-halten. Und endlich geht vor dern Gedanken die Morgenröte des Arhat au£

Das letzte Bild zeigt den «Fortschritt des Menschen in der Zukunft». Alle höhere Entwickelung des einzelnen ist ja nur ein Vorauseilen auf dern Wege, den die ganze Menschheit später durchlaufen muß, allerdings unter den Bedingungen der irdischen Zukunft, die ganz andere sein werden als die-j enigen der Gegenwart. Aber nur dadurch kann die ganze Menschheit dieser Zukunft zueilen, daß einzelne den Weg voraus machen, aus sich selbst sich erheben, damit, als den Lehrern und Führern, ihnen die anderen folgen. Statt einer kurzen Beschreibung des bedeutungsvollen letzten Kapitels, welches für jeden wahrhaft Denkenden wirkliche praktische Bedeutung hat, sei hier zum Schlusse dieser Besprechung nur einiges herausgehoben. Es wird zum Beispiel von der menschlichen Zukunft gesagt: «In der ganzen Sphäre des Wissens werden die Methoden sich ändern. Der Arzt wird nicht mehr durch äußere Symptome Schlüsse über eine Krankheit ziehen müssen, sondern wird die Ursache dersel­ben sehen und darnach eine Diagnose stellen können ... Bisher

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wurde dern Arzt durch die Dichtigkeit des physischen Körpers der Einblick verwehrt, jetzt aber benutzt er schon den Heilsehenden, dessen Schauen den physischen Stoff durchdringt, der die Krankheit sieht und genau erkennen kann, was irgendeinem Organ des Körpers fehlt ... Stellen Sie sich vor, welchen Aufschwung die ganze medizinische Wissenschaft nehmen würde, wenn der Arzt hellsehend wäre, und wenn das, was jetzt nur wenige besitzen, sich allgemein verbreitete, so daß die Ärzte mit Bestimmtheit ihre Diagnose stellen und die Wirkung jedes Heilmittels mit der Sicherheit, welche durch das Sehen eintritt, verfolgen könnten...»

« Ebenso ist es mit der Chemie. Wieviel mehr könnte der Chemiker leisten, als es ihm jetzt möglich ist, wenn seine Au­gen offen wären und fähig, die verschiedenen Vorgänge bei den Verbindungen seiner Substanzen zu verfolgen, wenn er die Wirkungen seiner Zusammensetzungen sehen könnte, anstatt sie erraten und auf das Resultat seines Experimentes warten zu müssen, ehe er Gewißheit hat, was das Ergebnis ist. Wie viele Unfälle könnten da vermieden werden und in wie hohem Maße könnte dieses Erkennen den Fortschritt der Wissenschaft beschieunigen.»

«In der Seelenkunde ist es nicht anders. Sie werden sofort einsehen, was das für die Menschheit bedeutet, bloß vorn Standpunkte dieser niederen Welt aus betrachtet, wenn die Menschen miteinander durch Gedanken in Verbindung treten können, anstatt sich schwerfälliger Mechanismen wie der Schrift oder des Druckes bedienen zu müssen, wenn der Ge-danke von Hirn zu Hirn eilt und sich ohne die komplizierten Vorgänge, deren wir heute bedürfen, mitteilt.»

So schließen Annie Besants Vorträge mit einem gewaltigen Ausblick in die Zukunft der Menschheit.

Die Deutschen, welche für diese Dinge Sinn und Verständ­nis haben, werden der Gräfin H. Scheler für die Übersetzung dankbar sein müssen.

VON DER THEOSOPHISCHEN ARBEIT

#G034-1960-SE531 - Luzifer-Gnosis 1903 - 1908

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VON DER THEOSOPHISCHEN ARBEIT

Theosophische Gesellschaft (Theosophical Society)

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Durch die oben mitgeteilten Aufzeichnungen aus der glän­zenden Rede Mrs. Besants erfährt der Leser die Ziele und Wege der «Theosophischen Gesellschaft», die, seit 1875 in allen Kulturländer wirkend, sich die Pflege des Geistes- und Seelenlebens zur Aufgabe gesetzt hat. Vor kurzem ist nun auch eine Deutsche Sektion dieser Gesellschaft begründet worden. In deren Vorstand sind gewählt worden: Dr. Rudolf Steiner (zurzeit Schlachtensee-Berlin, Seestraße 40), als Gene­ralsekretär - frrner: Jul. Engel (Charlottenburg), Frl. v. Si-vers (Schlachtensee-Berlin), Dr. Hübbe-Schleiden (Hannover), L. Deinhard (München), G.Wagner (Lugano), B. Hubo (Ham­burg), Adolf Kolbe (Hamburg), B. Berg (Düsseldorf), Dr. Noll (Gassel), Oppel (Stuttgart), Richard Bresch, der Heraus­geber des «Vähan» (Leipzig). - Die Hauptprirlzipien der Theosophischen Gesellschaft sind: 1. Den Kern einer brüder­lichen Gemeinschaft zu bilden, die sich über die ganze Mensch­heit, ohne Unterschied der Rasse, der Religion, der Gesell­schaftsklasse, der Nationalität und des Geschlechts erstreckt. 2. Das vergleichende Studium der Religionen, Philosophien und Wissenschaften zu fördern. 3. Die von der gewöhnlichen Wissenschaft unberücksichtigten Naturgesetze und die im Menschen schlummernden Kräfte zu erforschen. - Anfragen sind zu richten an Dr. Rudolf Steiner (zurzeit Schiachtensee bei Berlin, Seestraße 40). Daher sind auch die Satzungen zu beziehen.

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Von der theosophischen Bewegung

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Die im Jahre 1875 begründete «Theosophische Gesellschaft» (Theosophical Society) (mit dem Hauptsitz in Adyar in Indien), deren Aufgabe die Pflege der Weltansicht ist, die auch in dieser Zeitschrift zum Ausdrucke kommt, hat in Europa eine britische, eine holländische, eine französische, eine italienische und eine deutsche Sektion. Diese fünf Sek­tionen bilden eine Föderation europäischer Sektionen. Die Besprechungen bezüglich des fruchtbaren Zusammenwirkens dieser Sektionen fanden in London, Freitag, den 3. Juli 1903, im Zusammenhang mit der Generalversammiung der britischen Sektion statt. Diese Besprechungen gewannen dadurch einen bedeutungsvollen Charakter, daß der Begründer der Theoso­phischen Gesellschaft, der auch noch gegenwartig ihr Präsi­dent ist, Col. H. S. Olcott (der seinen Wohnsitz in Adyar hat), persönlich den Vorsitz führte. Es wurde beschlossen, dem gemeinsamen Wirken der europäischen Sektionen in jährli­chen, an verschiedenen Orten Europas abzuhaltenden Gene­ralversamrnlungen einen Mittelpunkt zu schaffen. Als Ort der Generalversammlung im nächsten Jahre (1904) wurde, auf die liebenswürdige Einladung unserer holländischen Kol­legen hin, Amsterdam bestimmt. Es wird die Aufgabe dieser Versammlung sein, die gemeinsamen Angelegenheiten der großen theosophischen Weltbewegung (soweit sie Europa betreffen) zu verhandeln und über die Fortschritte und Unter-nehmungen der einzelnen Sektionen zu berichten. Der Fort­gang der Bewegung wird in jährlich herauszugebenden «Mit-teilungen» seinen publizistischen Ausdruck finden. Zum Re­dakteur dieser Mitteilungen wurde Mr. J. van Manen gewählt. Am 4. Juli 1903 fand eine zweite Versammlung statt, in der über die Lage der theosophischen Bewegung in den einzel­nen Gebieten in Europa gesprochen wurde. Es sprachen für die englische Sektion: Mr. Mead, für die holländische: Kapi­tän Terwiel, für die französische: Monsieur Bernard, für die italienische: Mrs. Cooper Oakley, und für die deutsche deren

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Generalsekretär Dr. Rudolf Steiner. Col. Olcott stellte' der Versammlung die Sprecher vor und führte den Vorsitz. Dr. Rudolf Steiner sprach über den «Zusammenhang des allge­meinen deutschen Geisteslebens mit der Theosophie und die Aussichten derselben in der Zukunft der deutschen Kultur». Der Wortlaut dieser Rede soll im nächsten Hefte mitgeteilt werden, ebenso soll dann ein Bericht über die interessante Generalversammlung der britischen Sektion, die vom 4. bis 6. Juli stattfand, gegeben werden, da in diesem Hefte der Raum dazu fehlt. (Auf die Theosophische Gesellschaft bezüg­liche Anfragen beantwortet der Generalsekretär der deut­scben Sektion, Dr. Rudolf Steiner.)

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THEOSOPHIE UND DEUTSCHE KULTUR

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Hier soll in einem kurzen Auszuge wiedergegeben werden, was Dr. Rudolf Steiner (als Generalsekretär der deutschen Sektion der Theosophlschen Gesellschaft) am 4. Juli 1903 in London anläßlich der ersten Versammlung der Föderation europä­ischer Sektionen der Theosophischen Gesellschaft ausgeführt hat (vergleiche den vorhergehenden Artikel): «Die europä­ischen Sektionen sind übereingekommen, alljährlich zur ge­meinsimen Pflege der theosophischen Bewegung sich zu ver­sammeln. Bei diesen Gelegenheiten wird ein Zusammenfluß der einzelnen Beiträge stattfinden, welche die verschiedenen Gegenden Europas zu unserer großen internationalen Auf­gabe zu leisten vermögen, und die Vertreter der einzelnen Sektionen werden die Anregung der Kongresse in ihr Hei­matgebiet mitnehmen, um sie dort weiter wirken zu lassen. Unsere deutsche Sektion ist noch nicht einmal ein Jahr alt. Es ist daher naturgemäß, daß sie nur auf geringe Erfolge in der Vergangenheit verweisen kann. Aber man darf sagen, daß wir die besten Hoffnungen für die Zukunft der Theosophie in Deutschland hegen dürfen. Denn das ganze Wesen des deut­schen Volksgeistes drängt zur Theosophie. Da, wo die deut­sche

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Geistes kultur ihre schönsten Blüten getrieben hat, da lag überall eine verborgene, aber deshalb nicht weniger wirk­same theosophische Gesinnung bei den Trägern dieser Kultur zugrunde. Denn nicht nur ist die tiefe Mystik eines Meisters Eckhart und Tauler, eines Valentin Weigel, Jakob Böhme, Angelus Silesius und der geheimen mystischen Gesellschaften aus dieser Gesinnung und Denkweise erflossen; sondern auch die Weltbetrachtungen unserer neueren deutschen Den­ker, Fichtes, Schellings, Hegeis ruhen auf diesem Grunde. Und was in diesen hervorragenden Persönlichkeiten zum Aus­druck kam, das hat seine Wurzel in den Tiefen der deutschen Volksseele. Deshalb war auch der größte neuere deutsche Dichter, Goethe, von solcher Gesinnung, von solcher Vor­stellungsart durchdrungen. Man kennt Goethe erst vollkom­men, wenn man die nicht an der Oberfläche, sondern in den Tiefen seiner Schöpfungen zu entdeckende theosophische Be­trachtungsart durchschaut. Diese Seite in Goethes Wirken ist fast ganz unverstanden geblieben. Wird sie einmal verstan­den, dann wird das, was Goethe geschaffen hat, ein bedeut­samer Förderer der theosophischen Bewegung in Deutsch­land werden. Goethes ganze Naturanschauung ruht auf theo­sophischem Grunde. Vieles von dem, was er, nach seinem eigenen Ausspruche, in seinen Faust «hineingeheimnißt» hat, sind theosophische Wahrheiten. Und außerdem hat er ja noch seine Weltauffassung zusammengefaßt in seinem tief-symbolischen Märchen von «der grünen Schlange und der schönen Lilie». Dieses Märchen ist geradezu die «geheime Offenbarung» Goethes. Man muß es lesen, wie man esoteri­sche Schriften liest, man muß seinen Sinn studieren, wie man den Sinn geheimer Darstellungen tiefverborgener Wahrheiten studiert. Solange man das nicht getan hat, kennt man den ganzen Goethe nicht. Unter dem Einflusse solchen Studiums wird auch auf manches andere in Goethes Leben und Schaf­fen ein neues Licht geworfen; und es wird vor allem bewie­sen, daß die Deutschen in ihm einen theosophischen Dichter haben. - Und man blicke auf Novalis, dessen «magischer Idea­lismus »

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ja auch theosophisch ist; man blicke endlich auf Schelüng, der in den vierziger Jahren an der Berliner Universi­tät auftrat mit seinen durch langes, tiefes Forschen gewon­nenen Ansichten in den Vorträgen über «Philosophie der Mythologie» und «Philosophie der Offenbarung». Nur eines fehlt in allen diesen theosophischen Bestrebungen der Deut­schen: ein tieferes Verständnis der großen Weltgesetze von Reinkarnation und Karma. Denn wenn auch Jean Paul aus seiner Intuition heraus die Lehre der Wiederverkörperung vertrat, mit den vorhin genannten Strömungen ist sie niemals organisch verbunden gewesen. Diese umfassenden Wahrhei­ten wird die theosophische Bewegung der deutschen Kultur einverleiben. Sie wird dadurch den Deutschen ihre großen Persönlichkeiten, ja ihre eigene Volksseele nahebringen; und die Theosophie selbst wird von dieser Seite die schönste Be­fruchtung erfahren. So wahr es ist, daß das deutsche Leben von der Theosophie viel zu erwarten hat, so wahr ist es auch, daß es selbst ein gutes Scherflein zu der theosophischen Welt-bewegung beizubringen hat.

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OKKULTE GESCHICHTSFORSCHUNG

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Über dieses Thema sprach Dr. Rudolf Steiner am 18. Oktober 1903 auf der Jahresversammlung der deutschen Sektion der «Theosophischen Gesellschaft». Es soll hier eine ganz kurze Inhaltsangabe der Ausführungen gegeben werden. - Durch die Begründerin der «Theosophischen Gesellschaft» ist uns die «Geheimlehre» geschenkt worden, in welcher nach zwei Sei­ten hin die Grundlage gelegt wird für eine Lösung der großen Rätselfragen des Daseins. In einer umfassenden Weltentste­hungslehre (Kosmogenesis) wird der Plan gezeigt, nach dem sich aus den geistigen Urmächten des Universums heraus der Schauplatz entwickelt hat, auf dem der Mensch seinem irdi­schen Wandel obliegt. Aus einem zweiten Bande (Anthropo­genesis) ersehen wir, welche Stufen der Mensch selbst durchgemacht

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hat, bis er zu einem Gliede der gegenwärtigen Rasse geworden ist. Es wird von der Entwickelung der theosophi­schen Bewegung abhängen, davon, wann sie einen gewissen e Zustand der Reife erlangt haben wird, in welcher Zeit uns dieselben geistigen Kräfte, die uns die großen Wahrheiten der beiden ersten Bände beschert haben, uns auch den dritten geben werden. Dieser wird die tieferen Gesetze für das ent­halten, was uns, der Außenseite nach, die sogenannte «Welt-geschichte» bietet. Er wird sich mit der« okkulten Geschichts-forschung» beschäftigen. Er wird zeigen, wie sich im wahren Sinne die Geschicke der Völker erfüllen, wie im großen Menschheitsleben sich Schuld und Sühne verketten, wie die führenden Persönlichkeiten der Geschichte zu ihrer Mission gelangen, und wie sie dieselbe erfüllen.

Nur derjenige, welcher weiß, wie die große Dreiheit: Kör­per, Seele und Geist eingreift in das Rad des Werdens, der kann die Entwickelung der Menschheit durchschauen. Da hat man, vor allem, einzusehen, wie das körperliche Dasein im weitesten Sinne bedingt wird von den großen kosmischen Naturkräften, die in Rassen- und Völkercharakteren, und in dem, was man den «Geist» eines Zeitalters nennt, eine be­stimmte Gestalt annehmen. Man wird einsehen, wie die materielle Grundlage zustande kommt, welche sich dadurch ausdrückt, daß die Menschen bestimmte Typen (Völker, Zeitalter) darstellen, in denen sie sich gleichen. Es werden hier die Gattungscharaktere ihre hellere Beleuchtung erfah­ren, die sie nicht erhalten können durch die auf das bloß Äußerliche gerichteten Kulturgeschichte. Man wird begrei­fen, wie die Einwirkung des Bodens, des Klimas, der wirt­schafthi-ichen Verhältnisse usw. in Wirklichkeit auf die Men­schen stattfindet.

Dann wird auseinandergesetzt werden, welche Rolle das im eigentlichen Sinne persönliche Element in der Geschichte spielt. Die Triebe, Instinkte, die Gefühle, die Leidenschaften kommen aus diesem persönlichen Element. Und sie kann man wieder nur verstehen, wenn man das Hereinwirken derjenigen

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Welt, die man astral oder psychisch (seelisch) nennt, in diejenige kennt, die sich vor unseren physischen Sinnen, und unserem Verstande abspielt. Ein Verständnis wird durch diesen Teil der okkulten Geschichte darüber aufgehen, was man gewöhnlich der Willkür der einzelnen Persönlichkeitenzu-schreibt. Und man wird das Zusammenwirken verstehen von Einzelpersönlichkeit, Volk und Zeitalter. In die Welt-geschichte wird von dem astralen Felde herein das aufklä­rende Licht geworfen werden.

Zum dritten wird man erfahren, wie der Gesamtgeist des Universums eingreift in die Menschengeschicke, wie in das höhere Selbst eines großen Menschheitsführers sich das Le­ben dieses Gesamtgeistes ergießt, und auf diese Weise durch Kanäle dieses höhere Leben sich der ganzen Menschheit mit­teilt. Denn das ist der Weg, den dieses höhere Leben nimmt: es fließt in die höheren Seibste der führenden Geister, und diese teilen es ihren Brüdern mit. Von Verkörperung zu Ver­körperung entwickeln sich die höheren Selbste der Menschen und da lernen sie immer mehr und mehr, ihr eigenes Selbst zum Missionar des göttlichen Weltplanes zu machen. Durch die okkulte Geschichtsforschung wird man erkennen, wie sich ein Menschneitsführer zu der Höhe entwickelt, auf der er eine göttliche Mission übernehmen kann. Man wird ein­sehen, wie Buddha, Zarathustra, Christus zu ihren Missionen gekommen sind. Diese illgemeinen Sätze erläuterte der Vor­tragende durch Andeutungen über einige Beispiele, wie man sich die Entwickelung großer Führer der Menschheit durch ihre Wiederverkörperung hindurch zu denken hat.

Die Jahresversammlung der deutschen Sektion der Theosophi­schen Gesellschaft wurde am 18. Oktober 1903 vormittags durch eine Vorstandssitzung eröffnet, an der die Vorstandsmitglieder Dr. Rudolf Steiner (Generalsekretär), Frl. v. Sivers (Berlin), Julius Engel (Charlottenburg), Richard Bresch (Leipzig), Bernhard Hubo (Hamburg), Frau v. Holten (Berlin), Günther Wagner (Lugano) und Kolbe (Hamburg) teilnahmen. Es wurden interne Sektionsangelegenheiten besprochen, ferner

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beschlossen, einen engeren Ideenaustausch und Verkehr der einzelnen Zweige dadurch herbeizuführen, daß ein kleines Or­gan zu diesem Zwecke nur für die Zweige und ihre Angelegen heiten geschaffen werde. Frl. v. Sivers wurde zum Sekretär der Sektion erwählt und die Anstellung Frl. v. Rosens als Assistent der Sektion, die uns durch liebevolles Entgegenkommen unse­rer englischen Brüder ermöglicht worden ist, bestätigt. - Am Sonntagabend fand der oben mitgeteilte Vortrag über« okkulte Geschichtsforschung » statt. An ihn schloß sich eine Bespre­chung wichtiger theosophischer Fragen (zum Beispiel die Stellung des sogenannten Monismus zur Theosophie, die Verwendung psychischer Kräfte im Leben usw.), an der sich beteiligten: Günther Wagner (Lugano), Richard Bresch (Leipzig), Bernhard Hubo (Hamburg), Julius Engel (Char­lottenburg), Arenson (Stuttgart) und Rüdiger (Charlotten­burg). - Zur Mitgliederversammlung am Montag, 19. Oktober, waren noch außer den oben genannten an Zweigver­tretern von auswärts erschienen: Frau Geheimrat Lübke (Weimar), Arenson (Stuttgart), Fischer (Hannover). Es wur­den die geschäftlichen Angelegenheiten der Sektion erledigt. Erwähnt davon soll werden: Für zwei ausgeschiedene Vor­standsmitglieder wurden neu gewählt: Frau Helene Lübke (Weimar), Fräulein Mathilde Scholl (Köln). Es wurde berich­tet, daß in Weimar sich ein neuer Zweig gebildet habe und die Gründung von anderen zu erwarten sei. Zu Kassenrevi­soren wurden Frl. Klara Motzkus (Berlin) und Herr Franz Seiler (Berlin) gewählt.

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Hinweis auf den Kongreß in Amsterdam

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Am 19., 20. und 21.Juni 1904 wird in Amsterdam ein Kon­greß der europäischen Föderation theosophischer Sektionen abgehalten werden. Das Hauptziel dieser Föderation besteht darin, die Beziehungen zwischen den Theosophen der euro­päischen Länder zu pflegen. Diese Beziehungen bilden einer­seits persönliche Bande gegenseitiger Freundschaft und Achtung

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und sind andererseits auf die intellektuellen Verhältnisse gegründet, die aus gemeinsamen Ideen entspringen. Leiter der Arbeiten für den Kongreß ist unser verehrtes Mitglied in Holland, Johan van Manen. Den Vorsitz wird Annie Besant führen. Sämtlichen Mitgliedern aller Sektionen der Theoso-phischen Gesellschaft steht die Teilnahme am Kongreß offen. An den als «öffentlich» bezeichneten Versammlungen kön­nen auch Nichtmitglieder teilnehmen.

Der Kongreß wird aus öffentlichen, aus Generalversamm­lungen zur Erledigung von Geschäften, und aus geselligen Zusammenkünften bestehen. Vorträge und Diskussionen werden zu den Kongreßgegenständen gehören.

Es sind schöne Ziele, die der theosophischen Bewegung mit diesem Kongreß gestellt sind; daher muß eine rege Betei­ligung erwünscht sein. Alle Anfragen erledigt für die «Deut­sche Sektion» Fräulein Marie von Sivers, Berlin W., Motz-straße 17, und, wenn es besonders erwünscht wird, der Ehren-sekretär des Kongresses, Johan van Manen, Hawkswood, Baildon, Yorks, England.

Der Generalsekretär der deutschen Sektion:

Dr. Rudolf Steiner

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Der theosophische Kongreß in Amsterdam

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Vom ,9. bis zum 2I. Juni 1904 hielt in Amsterdam die Födera­tion der europäischen Sektionen der Theosophischen Gesellschaft ihren Kongreß ab. Die Mitglieder der holländischen Sektion hatten die Aufgabe, alle Arbeiten zu übernehmen, die am Versammlungsorte zu leisten sind. Und sie haben sich dieser wahrhaft nicht leichten Aufgabe in einer Art unterzogen, die ihnen die volle Anerkennung und den wärmsten Dank der europäischen Sektionen, die diesmal ihre Gäste waren, sichern muß. Sie verstanden es, die dreitägigen Verhandlungen in würdigster und inhaltreichster Weise anzuordnen; und zwi­schen die eigentlichen theosophischen Zusammenkünfte

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künstlerische Darbietungen einzuschieben, welche musikali­sche und deklamatorische Leistungen brachten. Diese Dar­bietungen wurden nicht mit fremden Künstlern, sondern von den Mitgliedern der holländischen Sektion selbst veranstal­tet. Mit inniger Befriedigung nur kann man an das zurück­denken, was da geboten worden ist. Es hat Zeugnis abgelegt für die unermüdliche Arbeit, für die erfolgreiche Propaganda der großen spirituellen Bewegung in Holland. Diese zählt dort bereits fast achthundert Mitglieder.

Es soll nun der Verlauf des Kongresses mit einigen Stri­chen gezeichnet werden. - Den Vorsitz führte Annie Besant. Sie ist vor wenigen Wochen von einem achtzehn Monate dauernden Aufenthalte in Indien wieder nach Europa zurück­gekehrt. Schön war es, daß sie die Arbeiten der Versamm­lung führen konnte. Jeder, der den wahren Sinn der wichti­gen spirituellen Bewegung begreift, die in der theosophi­schen Bewegung verkörpert ist, weiß das. Nach dem Tode von H.P. Blavatsky ging die geistige Führung der Gesell­schaft auf Annie Besant über. Dies muß zum guten Karma der Gesellschaft gerechnet werden. In allem, was von dieser Frau ausgeht, lebt die Kraft, von der die Gesellschaft gelenkt sein muß, wenn sie ihre Mission erfüllen soll. Diese Mission be­steht ja darin, die gegenwärtige Zivilisation zum spirituellen Leben zu erheben. Diese Zivilisation hat ja Unsägliches ge­leistet an intellektueller und materieller Kulturarbeit. Sie hat den Gesichtskreis und die äußere Arbeit der Menschheit ungeheuer erweitert und wird ihn noch immer mehr erwei­tern. Die geistige Vertiefung mußte dabei notwendig zurück­bleiben. Das neunzehnte Jahrhundert entbehrte der Rich­tung auf das Geistige, es fehlte ihm das spirituelle Leben, das früheren großen Epochen der Menschheitsentwickelung die Impulse gab. Das war notwendiges Schicksal der Kulturent­wickelung. Denn, wenn sich des Menschen Kraft nach einer Seite besonders auslebt, muß sie ihre Tätigkeit nach der an­deren etwas entziehen. Gegenwärtig aber ist wieder der Punkt eingetreten, wo spirituelles Leben unserer Kultur zugeführt

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werden muß, soll sich diese nicht ganz veräußerlichen, und die Menschheit nicht den Zusammenhang mit den Erlebnis­sen des Geistes verlieren. Diese Mission der Theosophischen Gesellschaft drückt sich nun ganz und gar aus in allem, was Annie Besant tut und spricht. Die höchste Aufgabe unserer Zeit ist der innerste Impuls ihrer eigenen Seele. Wissen und Wollen, Erkenntnis und Ideal unserer Zeit vereinigt sich in Annie Besant, um befruchtet durch ihr eigenes, hochentwik­keltes spirituelles Leben als Kraft von ihr auszugehen und sich als solche ihren Mitmenschen mitzuteilen. Wo sie spricht, wird der Geist der Zuhörer zu den Höhen göttlicher Erkennt­nis erhoben und deren Herz erfüllt von Begeisterung für die geistigen Strömungen der Menschheit. Und so war es, als sie ihre herrliche Eröffnungsrede auf dem Amsterdamer Kon­gresse hielt. Die Zeichen stellte sie hin, unter denen die Ar­beit der Gesellschaft sich vollziehen muß. Die Frage nach dem «Warum» und «Wozu» der Versammlung wurde von ihr in großen Zügen beantwortet. Als einen Teil der großen geistigen Bewegung, welche heute die ganze Welt ergreift, bezeichnete sie die theosophische Bewegung. Die Spirituali­sierung der ganzen Zivilisation muß erreicht werden. Ein Blick auf diese Zivilisation lehrt das. Im Materiellen lebt sich diese Zivilisation aus. In einer Wissenschaft, die das Mate­rielle zu begreifen sucht, in einer Industrie und Technik, wel­che dem äußeren Leben dient, in einem Verkehr, welcher die materiellen Interessen der ganzen Erde immer mehr zu ge­meinsamen macht. Aber all dem fehlt das Spirituelle. Unser Wissen ist ein Verstandeswissen, unsere kommerzielle Blüte fördert das äußere Wohlergehen. Aber diese Wissenschaft einerseits und der materielle Wohlstand andererseits sind nur eine äußere Form der Kultur, nicht deren inneres Leben. Zu allem, was wir erobert haben, muß das Herz, das Leben hin­zukommen. Wir müssen wieder in unseren Willen das gött­liche Ideal aufnehmen; dann wird alles Äußere nicht mehr Selbstzweck, sondern nur das äußere Kleid, nur die Form der Zivilisation sein. Der Geist muß den Körper unserer Kultur

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erfüllen, wenn diese bestehen soll. Und um diesen Körper mit dem Geiste zu erfüllen, ist die theosophische Bewegung ins Leben gerufen worden. Sie geht aus von den ältesten Ge­danken der Menschheit, von jener Weisheit, welche in Urzei­ten unser Geschlecht heraufgehoben haben auf die jetzige Stufe seines Bewußtseins, und welche immer wirksam waren bei allen großen Fortschritten. Diese Gedanken, diese Weis­heit sind ihrem Wesen nach so alt wie die Menschheit. Nur ihre Formen müssen sich ändern nach den verschiedenen Be­dürfnissen der verschiedenen Zeiten.

Nicht einer äußeren zufälligen Entwickelung schreibt die Theosophie den Ursprung der Weisheit zu. Sie leitet sie viel­mehr ab von der Brüderschaft der großen Führer der Mensch­heit. Es sind das die Wesen, welche den hohen Grad von Vollkommenheit schon in der Vergangenheit erreicht haben, welchem der Durchschnittsmensch in der Zukunft zustrebt. Solche vorgeschrittene Brüder des Menschengeschlechts ver­wenden ihren Grad von Vollkommenheit, um dem übrigen Geschlecht zum Fortschritte zu helfen. Ihre Arbeit geschieht im Verborgenen. Sie muß im Verborgenen geschehen, denn sie liegt zu hoch, um von der großen Masse verstanden zu werden. Sie sind die Lenker der göttlichen Ideale. Von Zeit zu Zeit schicken sie ihre Sendboten in die Welt, um die­ser die großen Kulturimpulse zu geben. Solchen Impulsen verdanken die großen Weltreligionen ihren Ursprung; es verdanken ihnen alle Kulturerrungenschaften ihre Grund­lagen.

Ein solcher Impuls ist in die Welt gesandt worden in der letzten Zeit und hat zur Begründung der Theosophischen Gesellschaft durch H.P. Blavatsky und H. S. Olcott geführt. Sie will der Menschheit wieder zum Bewußtsein bringen, daß größer als der Ausdruck der Gedanke, größer als die äußere Form der Geist ist. Sie will zeigen, daß der Wissenschaft nicht bloß die Erkenntnis der sinnlichen, sondern auch diejenige der übersinnlichen Welten wieder erobert werden muß, daß das Herz sich nicht allein an die materiellen Güter hängen,

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sondern daß es sich dem göttlichen Ideale öffnen soli. Über allem Gewinn, den der einzelne aus unseren gegenwärtigen Kulturmitteln ziehen kann, steht der allgemeine geistige Auf­schwung der ganzen Menschheit. Alles, was die Menschheit an Wohlstand erstrebt, soll sie nur deshalb erstreben, um dem Geiste auf dieser Erde eine Wohnung zu bauen. Und diese Wohnung ist nur eine würdige, wenn sie von der Schönheit durchleuchtet wird. Schönheit ist aber nur möglich, wenn sie von dem Geiste ausströmt. Unsere materielle Kultur kann keine wahre Kunst haben, wenn sie nicht wieder einen wah­ren Glauben erobert. Aus der Kunst des Mittelalters leuchtet uns der Glaube der mittelalterlichen Menschheit entgegen. Seine Maler ließen sich begeistern von dem religiösen Emp­finden, das in ihrem Herzen lebte. Der Inhalt des Glaubens verlieh den Linien und Farben der Künstler Sinn und Bedeu­tung. Einen neuen Gedankengehalt, angemessen dem Vor­stellungsvermögen der gegenwärtigen Menschheit, will die Theosophie zur Geltung bringen. Und der neue Gedanken-gehalt wird der Schöpfer einer neuen Kunst sein. Das ist eine Aufgabe unserer Zeit. Alle edleren Geister fühlen das. Das Streben dahin ist überall bemerkbar. Die Theosophische Ge­sellschaft will Führer, Vortrab in dieser Bewegung sein. Sie will einzelne Männer und Frauen begeistern für dies Ziel, das gegenwärtig so deutlich empfunden wird.

Und damit vereinigt sie das Streben nach Toleranz, nach allgemeiner Menschenliebe. Diese waren immer die Kräfte, aus denen die großen Fortschritte der Menschheit hervorge­gangen sind. Was einzelne Kulturbewegungen anstreben, das will die theosophische Strömung zu einer großen Einheit bilden. Sie will die Engherzigkeit, die Unduldsamkeit über­winden. Denn nur im vereinten Streben kann die Mensch­heit heute erreichen, was ihr Ziel ist. Die Theosophische Ge­sellschaft besteht nicht zum egoistischen Streben ihrer Mit­glieder. Es ist ein Irrtum, wenn man sich ihr anschließt zum Zwecke der eigenen Förderung. Sie will für die Menschheit da sein, sie will in deren Dienst arbeiten. Man soll Mitglied

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der Gesellschaft werden nur, um ein Kanal zu sein, durch den ein Wissen strömt, das den Menschheitsfortschritt fördert. Die Gesellschaft wächst nicht, wenn sich ihre Mitgliederzahl täglich vermehrt, sondern wenn in diesen Mitgliedern mit jedem Tage das Vertrauen, die Einsicht in ihre erhabene Auf-gabe zunimmt. Die Rechtfertigung der Gesellschaft liegt in der Änderung, die in der rnenschhchen Denkweise sich in den letzten dreißig Jahren vollzogen hat. Nicht mehr sieht man heute mit Hohn auf diejenigen, welche ihren Blick nicht mehr bloß auf die materielle Seite der Kultur lenken. Das Herz be­ginnt sich zu erweitern, und man hat wieder etwas übrig für diejenigen, die dem Geiste zustreben. Unser Materialismus wurde so mächtig, weil unsere Devotion so gering geworden war. Der Mensch aber, der nicht anbetend zu den geistigen Höhen aufzusehen vermag, verschheßt sich. Die Devotion aber öffnet Herz und Sinn. Wir erheben uns zu dem, was wir in hingebender Liebe und Hochschätzung ansehen. Der Ruf nach solcher Vertiefung ist an die ergangen, die sich in der Theosophischen Gesellschaft vereinigt haben; sie sollen gute Steuerleute sein für den Weg, welcher der gegenwärtigen Zivilisation vorgezeichnet ist.

Die einzelnen Sektionen waren durch ihre Generalsekre­täre vertreten, die englische durch Bertram Keightley, die holländische durch W. B. Fricke, die französische durch Dr. Th. Pascal, die deutsche durch Dr. Rudolf Steiner. Leider konnte der Generalsekretär der italienischen Sektion, Decio Calvari, nicht anwesend sein. - Die Geschäfte des Kongresses führte Johan van Manen, der auch in der Sitzung am 19. Juni 1904 Vormittag seinen Bericht gab. Auf seine Tätigkeit muß besonders hingewiesen werden. Eine unermeßliche Arbeits­last war ihm aufgebürdet während der Vorbereitungen zur Versammiung sowohl, wie während dieser selbst. Man konnte die Opferwilligkeit, Umsicht und Energie dieses Mitgliedes der Theosophischen Gesellschaft nur bewundern.

Am 19. Juni abends wurde ein öffentlicher Vortrag veran­staltet. Annie Besant sprach über «die neue Psychologie». In

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großen Zügen legte sie den Umschwung dar, der sich in den letzten vierzig Jahren in den herrschenden Anschauungen über das Wesen des Geistes vollzogen hat. Vor vierzig Jahren konnte sich der Materialismus in Männern wie Büchner und Vogt zu der Behauptung versteigen, das Gehirn sondere Ge­danken ab wie die Leber Galle. Seit dieser Zeit ist man von dem Glauben abgekommen, daß man das Wesen des Geistes durch das Studium des Gehirnmechanismus erkennen könne. Man weiß heute, daß ein solcher Vorgang dem gleichen wür­de, wenn man durch das Studium der Hämmer und Tasten eines Klaviers in die Geheirnnisse einer Mozartschen oder Beethovenschen Tonschöpfung eindringen wollte. Man hat die Erscheinungen des Traumlebens studiert, hat sich vertieft in diejenigen Bewußtseinserscheinungen, die in abnormen Zuständen des physischen Körpers auftreten. Dadurch hat sich die Überzeugung ergeben, daß das Geistige eine selb­ständige Wesenheit im Menschen ist, und daß die Art, wie dieses sich im gewöhnlichen Zustande betätigt, nur eine sei­ner Formen ist. Nur diese Form, die Äußerungsart ist bedingt durch die physische Einrichtung der menschlichen Sinne und des menschlichen Gehirnes. Es muß dem Wesen des Geistes zukommen, sich durch andere Instrumente in anderer Weise zu betätigen. Die experimentierende Wissenschaft hat so die Grundwahrheit aller tieferen religiösen Weltauffassungen be­stätigt, daß der Geist im menschlichen Tagesbewußtsein nur eine seiner Offenbarungen hat. Sie hat gezeigt, daß durch ge­wisse Vorgänge (im Trance usw.) im Menschen Bewußtseins-formen auftreten, in denen er ein ganz anderer als in seinem sogenannten Normalbewußtsein ist. Damit ist es auch wis­senschaftlich gerechtfertigt, wenn die Wahrheit nicht einzig durch die Bewußtseinsform gesucht wird, die uns im Alltag zukommt, sondern wenn wir uns zu höheren Bewußtseins-formen erheben, um die höheren Welten kennenzulernen.

Die übrigen Arbeiten des Kongresses wurden in der Form erledigt, daß nach sachlichen Gesichtspunkten Departements gebildet wurden, in denen entsprechende Vorträge gehalten

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wurden. Es zeigte sich dabei, wie die Theosophie ihre Arbeir bereits über alle Zweige des modernen Geisteslebens, und auch über die sozialen Ideale ausgedehnt hat. Die Theoso­phen suchen eben in allen Zweigen der Kultur die Tauglich­keit ihrer Ziele zur Geltung zu bringen, und sie suchen an­dererseits überall die Quellen, um ihre Gedanken und Ideale den Bestrebungen der Gegenwart einzugliedern. Die einzel­nen Departements waren die folgenden: 1. Wissenschaft; 2. Vergleichende Religion; 3. Philologie; 4. Menschenver­brüderung; 5. Okkultismus; 6. Philosophie; 7. Theosophi­sche Arbeitsmethode; 8. Kunst.

In der Wissenschaftlichen Abteilung wurde zuerst eine Arbeit Dr. Pascals über das «Wesen des Bewußtseins» vorge­lesen. Der Verfasser hat in feinsinniger Art die theosophi­schen Grundgedanken mit dem modernen Vorstellen zu durchdringen verstanden. Es schloß sich daran eine Anre­gung Ludwig Deinhards (München). Er wies auf die experi­mentell festgestellten verschiedenen Bewußtseinszustände (multiplex personality) hin, erläuterte sie lichtvoll, und for­derte diejenigen, welche höhere Bewußtseinszustände in sich entwickelt haben, auf, auch ihre Erfahrungen in den Dienst der theosophischen Grundanschauungen (Reinkarnation und Karma) zu stellen. Darauf folgte eine anregende Auseinan­dersetzung über die «Entwickelung einer zweiten Persön­lichkeit» durch Alfred R. Orage (Leeds). Die beiden Ausfüh­rungen schlossen sich schön an das im Vortrage über «die neue Psychologie» durch Annie Besant Vorgebrachte. Aus den Verhandlungen dieser Abteilung kann nur noch ange­führt werden, daß Emilio Scalfaro (Bologna), Arturio Re­ghini (Italien) und Mrs. Sarah Corbett (Manchester) Abhand­lungen lieferten über wichtige Fragen des Raumes, der Ma­terie und anderes. Die reiche Fülle des Dargebotenen kann in einem kurzen Referate um so weniger erschöpft werden, als Vorträge gleichzeitig in verschiedenen Sälen stattfanden und es dem einzelnen nur möglich war, einen Teil anzuhören. Es werden ja auch die Arbeiten in einem ausführlichen Kongreßbericht

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(Jahrbuch des Kongresses) veröffentlicht und dadurch jedem zugänglich werden. Nur über einiges soll deshalb hier noch berichtet werden. In der Abteilung über vergleichende Religion lag vor: «Die Religion der Zukunft - ein Ausblick des Vaishnavismus» von Purnendu Narayana Sinha (Indien).

In der Abteilung für «Menschenverbrüderung» lag eine Abhandlung über das Gemeinschaftsleben bei sogenannten Urvölkern vor von Mme Emma Weise (Paris). Arbeiten in dieser Art sind für den Theosophen aus dem Grunde wich­tig, weil sie in Zustände zurückweisen, in denen das Prinzip der Verbrüderung als ein seelisches Naturgesetz in Men­schenstämmen wirkte. Der Fortschritt mußte notwendig zur Absonderung, zum Egoismus führen. Damit ist aber nur eine Durchgangsepoche gegeben. Die Absonderung muß durch selbstlose Hingabe, durch ethische Verbrüderung wie­der, auf höherer Stufe, das erbringen, was einmal auf niedri­gerer dem Menschen angeboren war. Mit dem sozialen Zu­sammenleben der Menschen beschäftigten sich die Ausfüh­rungen von D. A. Courmes (Paris) und S. Edgar Aldermann (Sacramento, Cal.).

In der Abteilung «Okkultismus» sprach Annie Besant über das «Wesen des Okkultismus». Sie wies auf den Ausspruch H.P.Blavatskys hin, daß Okkultismus das Studium des uni­versellen Weltengeistes in aller Natur sei. Der Okkultist er­kennt, daß allem, was man in der Welt wahrnehmen kann, ein universeller Geist zugrunde liegt; und daß die Welt der Erscheinungen nur die Formen, die Ausdrucksweisen dieses verborgenen (okkulten) Weltengeistes gibt. Diese Uberzeu­gung finden wir in allen großen Weltreligionen ausgespro­chen, und die Okkultisten finden die wirklichen Grundlagen der Religionen durch ihre eigene Erfahrung bestätigt. Die Verstandeswissenschaft kann nur die Außenseite der Welt erkennen. Sie spricht von Kräften und Gesetzen. Der Okkul­tist sieht hinter diese Kräfte und Gesetze. Und er nimmt dann wahr, daß diese nur die äußere Hülle darstellen für lebendige Wesenheiten, so wie des Menschen Körper seine Hülle für

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Seele und Geist darstellt. Von den niederen Bildnern, die sich hinter den Naturkriften verbergen, bis hinauf zu den erhabenen Weltengeistern, die er als Logoi anspricht, verfolgt der Okkultist, je nach seinem Vermögen, das geistige Reich. Aber damit er diese Welt ais eine Wirklichkeit erkennen kann, muß er durch einen sorgfältigen Lehrgang gehen. Er muß zweierlei erreichen. Erstens eine solche Erweiterung sei­nes Bewußtseins, daß dieses höhere Welten umfassen kann so, wie der gewöhnliche bewußte Verstand die physische Welt beherrscht. Zweitens muß er die höheren Sinne ent­wickeln, welche in diesen Welten wahrnehmen können, wie Augen und Ohren in der physischen Welt wahrnehmen. Das erste Ziel, die Erweiterung des Bewußtseins, hängt davon ab, daß der Mensch seine Gedanken beherrschen lernt. Im ge­wöhnlichen Leben wird der Mensch von seinen Gedanken beherrscht. Sie kommen und gehen und schleppen das Be­wußtsein dahin und dorthin. Der Okkultist muß Herr über den Verlauf seiner Gedanken sein. Er regelt ihren Verlauf. Er hat es in der Hand, welchen Gedanken er Einlaß gewäh­ren will, welche er abweisen will. Dieses Ziel kann nur durch die allersorgfältigste Seibsterziehung erreicht werden. Hat man sich auf diese Art vorbereitet, dann kann man daran gehen, die höheren Sinne auszubilden. Solange der Mensch noch unter dem Einfluß seiner Leidenschaften, Begierden und Triebe steht, kann ihm der Besitz höherer Sinne nur schädlich sein. Ein reines, selbstloses Leben ist beim Okkul­tisten selbstverständlich. Die persönlichen Wünsche, die er von sich aus hegt, gestalten sich zu Formen in den höheren Welten. Von diesen Formen ist der Mensch selbst der Urhe­ber. Beginnt er diese Formen zu sehen, so ist er der Gefahr ausgesetzt, daß er seine eigenen persönlichen Wunsch- und Begierdenschöpfungen für objektive Wirklichkeiten hält. Dem Durchschmttsmenschen sind diese Erzeugnisse seines Wunsch- und Begierdenkörpers verborgen. Sollen sie den entwickelten höheren Sinnen nicht zur Quelle schwerer Irr­tümer und Illusionen werden, so müssen sie aus dem Blickfeld

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weichen. Der Okkultist muß persönlich wunschlos sein. Eine weitete Gefahr besteht darinnen, daß der Mensch die Frag­mente höherer Welten, die sich seinen geöffneten Augen bie­ten, für erschöpfende Wirklichkeiten hält. Alles das muß der Okkultist erkennen lernen.

Was die Entwickelung der okkulten Fähigkeiten beson­ders stört, ist die Hast und Eile, mit der manche Schüler vor­wärts dringen wollen. Diese stammen aus der persönlichen Ungeduld und Unruhe. Der Okkultist aber muß eine voll­ständige innere Ruhe und Geduld entwickeln. Er muß warten können, bis der rechte Zeitpunkt der Inspiration gekommen ist. Er muß in Geduld harren, bis ihm gegeben wird, was er sich nicht in Begierde nehmen soll. Er muß alles tun, damit die Stimmen aus der geistigen Welt im rechten Augenblicke zu ihm sprechen können; er darf aber auch nicht den leise­sten Glauben haben, daß er diese Stimmen herbeizwingen könne. Wer sich im Stolze erhebt, weil er mehr zu wissen glaubt als andere, der kann nicht Okkultist werden. Deshalb sprechen die Okkultisten von der Häresie des Separatismus. Wenn der Mensch etwas für sich haben will, wenn er nicht alles in Gemeinschaft besitzen will, so ist er für den Okkultis­mus unreif. Jede Absonderung, alles Streben nach persönli­chem Eigennutz, auch wenn dieser auf das höchste Geistige geht, tötet die okkulten Sinne. Die Gefahren des okkulten Pfades sind groß. Geduld und Selbstlosigkeit; Opferwillig­keit und wahre Liebe nur können den Okkultisten machen.

Eine Zuschrift Leadbeaters, welche in dieser Abteilung vor­gesehen worden ist, hatte unter anderem interessante Aus­führungen über die Astralformen, welche durch die musikali­schen Kunstwerke hervorgerufen werden. Man kann eine Sonate Beethovens, ein Klavierstück Mozarts charakterisie­ren durch die Architektur, die der Hellseher im Astraltaum davon wahrnehmen kann.

In der Abteilung «Philosophie» trug Dr. Rudolf Steiner über «Mathematik und Okkultismus» vor. Er ging davon aus, daß Plato von seinen Schülern eine mathematische Vorbil­dung

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verlangte, daß die Gnostiker ihre höhere Weisheit als Mathesis bezeichnet und die Pythagoreer in Zahl und Form die Grundiage alles Seins gesehen haben. Er erläuterte, daß sie alle nicht die abstrakte Mathematik im Sinne gehabt haben, sondern daß sie das intuitive Schauen des Okkultisten meinten, der in den höheren Welten die Gesetze mit Hilfe einer spiri­tuellen Empfindung wahrnimmt, die im Geistigen das vor­stellt, was die Musik für unsere gewöhnliche Sinnenwelt ist. Wie die Luft durch Schwingungen, welche sich in Zahlen ausdrücken lassen, die musikalischen Empfindungen erregt, so kann der Okkultist, wenn er sich durch die Erkenntnis der Zahiengeheinmisse dazu vorbereitet, in den höheren Welten eine spirituelle Musik wahrnehmen, die sich bei besonders hoher Entwickelung des Menschen bis zur Empfindung der Sphärenmusik steigert. Diese Sphärenmusik ist kein Phanta­siegebilde; sie bildet für den Okkultisten wirkliches Erleb­nis. Durch die Einverleibung der Mathesis in sein eigenes Wesen, durch die Durchdringung seines Astral- und Mental-körpers mit dem intimen Sinne, der sich in den Zahlverhält­nissen ausspricht, bereitet sich der Mensch vor, verborgene Welterscheinungen auf sich wirken zu lassen.

In den neueren Zeiten hat sich der okkulte Sinn aus den Wissenschaften zurückgezogen. Seit Kopernikus und Galilei ist die Wissenschaft auf die Eroberung der physischen Welt bedacht. Aber es ist im ewigen Plane der Menschheitsent­wickelung gelegen, daß auch diese physische Wissenschaft den Zugang zur geistigen Welt finden kann. In dem Zeit­alter der physischen Forschung ist die Mathematik bereichert worden durch Newtons und Leibnizens Analyse des Unend­lichen, durch die Differential- und Integralrechnung. Wer nun nicht nur abstrakt zu verstehen, sondern innerlich zu erleben sucht, was ein Differential wirklich darstellt, der prägt sich ein sinnlichkeitsfreies Anschauen ein. Denn im Differential wird die sinnliche Raumanschauung selbst im Symbol überwun­den, das Erkennen des Menschen kann für Augenblicke rein mental werden. Dem Hellseher offenbart sich das dadurch,

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daß die Gedankenform des Differentials nach außen offen ist, im Gegensatz zu den Gedankenformen, die der Mensch durch sinnliches Anschauen erhält. Diese sind nach außen geschlossen. So wird durch die Analysis des Unendlichen einer der Wege eröffnet, durch die sich die höheren Sinne des Menschen nach außen öffnen. Dem Okkultisten ist bekannt, was für ein Vorgang mit demjenigen der Chakras (Lotosblu­men) sich vollzieht, das zwischen den Augenbrauen sitzt, wenn er den Geist des Differentials in sich entwickelt. Ist nun der Mathematiker ein selbstloser Mensch, so kann er das, was er auf diese Art erringt, auf dem allgemeinen Altare der Menschenverbrüderung niederlegen. Und aus der scheinbar trockensten Wissenschaft kann eine wichtige Quelle für den Okkultismus werden.

In derselben Abteilung sprach Gaston Polak (Bruxelles) über Symmetrie und Rhythmus im Menschen. Es war interes­sant, diese Auseinandersetzungen zu hören über die Art, wie die menschliche Wesenheit sich einfügen läßt in die allgemei­nen großen Weltgesetze. Verlesen wurde eine Abhandlung von Bhagavän Dâs (Benares) über die «Beziehung zwischen Selbst und Nicht-Selbst». Da diese Abhandlung bald in Buch­form vorliegen wird, kann hier von einer Inhaltsangabe abge­sehen werden, die auch durch die subtile Form der Gedan­kengänge recht schwierig sein wurde.

In der Abteilung über die «Methode des theosophischen Arbeitens» waren die Ausführungen von Mrs. Ivy Hooper (London) von großer Wichtigkeit. Sie betonte, daß das We­sentliche für den Theosophen nicht die dogmatischen For­men seien, in denen der Geist, das spirituelle Leben zum Aus­druck gebracht werden, sondern dieser Geist, dieses Leben selbst. Es ist verdienstlich, daß dies mit solcher Klarheit ein­mal gesagt worden ist. Wir können ebenso mit christlichen, wie mit origntalischen Symbolen den Geist zum Ausdrucke bringen, wenn wir nur diesen Geist bewahren. Wo die christ­liche Symbolik besser verstanden wird, mag sich der Theo­soph dieser bedienen. Denn man kann ein guter Theosoph sein,

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ohne von den Dogmen etwas zu wissen, in denen notwendig im Anfange die spirituelle Weisheit gelehrt worden ist. Die Theosophische Gesellschaft soll Trägerin dieser Weisheit sein; aber sie soll die Formen wandeln je nach der Notwendig­keit. Buddhistische Formeln und orientalische Dogmen dür­fen nicht mit theosophischer Gesinnung verwechselt werden. Die Theosophie hat keine Dogmatik. Sie will nur spirituelhi-es Leben sein.

Eine Abteilung über «Kunst» hat gezeigt, wie auch in die­sem Gebiete die theosophische Weltanschauung llchtbringend wirken kann. Jean Delville (Bruxelles) zum Beispiel entwik­kelte Geistvolles in seinem Vortrage über die «Mission der Kunst». Ludwig Deinhard (München) legte bei dieser Gele­genheit eine Abhandlung des deutschen Malers Fidus vor, in welcher sich dieser über seine theosophische Auffassung vom Kunstgeheimnisse ausspricht.

Am Dienstagnachmittag schloß mit einer kurzen An­sprache Annie Besants und mit den Ausdrücken des Dankes an unsere holländischen Theosophen von seiten der anwe­senden Generaisekretäre der Kongreß. Am Abend desselben Tages fand dann noch ein öffentlicher Vortrag Dr. Hallos statt über die menschliche Aura, der durch Lichtbilder erläu­tert wurde.

Eine Ausstellung von Kunstwerken, die für den Theoso­phen besonderes Interesse haben, war veranstaltet worden und konnte während der ganzen Dauer des Kongresses be­sichtigt werden.

Als Ort für den Kongreß im nächsten Jahre wurde London bestimmt.

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Mitteilung über Vorträge Annie Besants in Deutschland

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Es wird den Theosophen Deutschlands gewiß eine im höch­sten Grade befriedigende Mitteilung sein, daß die «Theoso­phische Gesellschaft» (Hauptquartier Adyar) im September des Jahres 1904 in verschiedenen Städten eine Reihe von Ver­sammlungen veranstalten kann, in denen die berühmte Lehre­rin Annie Besant Vorträge halten wird.

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Weitere Mitteilungen

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In dem kommenden Winter wird Dr. Rudolf Steiner an Don­nerstagen (8 Uhr abends) im Architektenhause in Berlin spre­chen. Der Anfang der Vorträge wird noch besonders ange­zeigt werden. Das Programm wird im nächsten Hefte von «Luzifer-Gnosis» bekanntgegeben. Außerdem wird an je­dem Montag, 8Uhr abends, im Quartier der «Theosophischen Gesellschaft»(Berlin W., Motzstraße 17) eine Versammlung stattfinden. Die erste dieser Art wird am 12. September abge­haiten werden.

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Notizen

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In der zweiten Hälfte des September hat Annie Besant eine Reihe von theosophischen Vorträgen in Deutschland gehal­ten. Es wurden von ihr die theosophischen Zweige der deutschen Sektion in Hamburg, Berlin, Weimar, München, Stuttgart, Köln besucht. Ein reicher Strom von Anregungen ist von der allverehrten Führerin auf die deutschen Mitglieder der theosophischen Bewegung ausgegangen. Annie Besant hat in den engeren Kreisen der theosophischen Zweige der genannten Orte und auch in allen genannten Städten in öffent­lichen Vorträgen gesprochen. Der durchaus gute Besuch der letzteren zeigt, daß in unserer Zeit das Interesse für die theo­sophische Bewegung in rascher Steigerung begriffen ist. In Hamburg sprach Annie Besant über das Thema «Die Bot­schaft der Theosophie an die Menschheit», in Berlin, Weimar

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und Köln über «Die neue Psychologie», in München und Stuttgart über «Theosophie und Christentum». Annie Be­sants Art, die theosophischen Wahrheiten in das Licht des gegenwärtigen Geisteslebens zu rücken, muß überall den tief­sten Eindruck machen. Sie ist vorbildlich für alles geistige Wirken in unserer Zeit. - In den engeren Kreisen der Zweige in Hamburg, München, Stuttgart sprach die Rednerin über die Art, wie ein theosophischer Zweig wirkt, wie er seine gei­stige Kraft dem Kulturleben der Gegenwart mitteilt. In Ber­lin und Köln hielt Annie Besant in diesen engeren Kreisen den eindringlichen Vortrag «Der Mensch als Herr seiner Be­stimmung». Es wird noch Gelegenheit sich finden, auf die mannigfaltigen Anregungen in dieser Zeitschrift zurückzu­kommen, die von Annie Besants Besuch ausgegangen sind. Er hat alle deutschen Mitglieder der Theosophischen Gesell­schaft mit tiefstem Dankesgefühle für die große Führerin der theosophischen Bewegung erfüllt. - Dr. Rudolf Steiner be­gleitete Annie Besant auf ihrer Reise durch Deutschland und gab in allen Städten kurze Resümees der Reden in deutscher Sprache.

Bei dem von einzelnen für die Theosophie interessierten Privatpersonen veranstalteten Kongreß in Dresden hielt Dr. Ru­dolf Steiner am 26. September 1904 einen Vortrag über«Theo­sophie und moderne Wissenschaft». Er hatte sich zur Auf­gabe gemacht, zu zeigen, wie die Naturwissenschaft der letz­ten Jahre überall eine Vertiefung der Fragen notwendig ma­che, die allmählich zur theosophischen Weltanschauung und Lebensauffassung hinführen müsse. Noch steht die Wissen­schaft ablehnend der Theosophie gegenüber. Sie wird es in Kürze nicht mehr können, weil sie durch ihre eigenen Fort­schritte zu ihr gedrängt wird.

Am 27. September hat im Beisein des Generalsekretärs der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft ein neu-begründeter Zweig der Gesellschaft in Dresden seine erste Sitzung gehalten. Vorsitzender ist Herr Ahner, Schriftführer Herr Böhme.

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Mitteilungen

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Die deutsche Sektion der « Theosophischen Gesellschaft» (Haupt-quartier Adyar) hat am 29. und 30.Oktober 1904 ihrejahres­versammlung abgchalten. Es waren die deutschen Zweige zum Teil durch persönliche Abgesandte (Berlin, Charlottenburg, Köln, Weimar, Leipzig, Hamburg, München, Stuttgart) ver­treten, zum Teil (Düsseldorf, Dresden, Hannover, Nürnberg) waren Stellvertreter ernannt worden. Neu gewählt in den Vor­stand wurden: Fräulein Stinde (München), Herr Arenson (Cannstatt) und Herr Seiler (Berlin). Die Mitgliederzahl ist seit 1. Oktober 1903 von 130 auf 251 gestiegen. Einen beson­deren Verhandlungsgegenstand bildete das Verhalten gegen­über den «theosophischen» Verbindungen Deutschlands, die noch nicht eingesehen haben, daß es unmöglich ist, daß Spal­tungen und Gegensätzlichkeiten in einer auf das Prinzip der Bruderschaft begründeten Gesellschaft herrschen. Da diese Gesellschaften sämtlich nach der in Adyar begründeten Haupt-gesellschaft entstanden sind, sind allein sie und nicht die Hauptgcsellschaft für die Spaltungen verantwortlich. Es wurde nun beschlossen, sachlich ganz dem Prinzip der Brüder­lichkeit entsprechend, diesen Gesellschaften gegenüber zu handeln, doch sich in keiner Weise an deren - wie immer gear­teten - Organisationen zu beteiligen. Der Antrag, der von der Gcneralvcrsammlung angenommen wurde, lautet: «Die Gcneralversammlung der deutschen Sektion der Theosophi­schen Gesellschaft vom 30.Oktober 1904 beschließt, sich an keiner Unternehmung, die von anderen sogenannten Theo­sophischen Gesellschaften ausgeht, zu beteiligen, und erach­tet es als Pflicht jedes einzelnen Zweiges, in gleicher Art zu handeln. Alle Teilnahme kann also nur eine private der ein­zelnen Mitglieder sein.»

Dem Vorstande der deutschen Sektion der Theosophi­schen Gesellschaft gehören gegenwärtig an: Dr. Rudolf Stei­ner (Generalsekretär), Marie von Sivcrs (Berlin W., Motz-straße ,7, Sekretär), Julius Engel (Charlottenburg), Richard

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Bresch (Leipzig), Bernhard Hubo (Hamburg), Helene Lübke (Weimar), Sophie Stinde (München), Ludwig Deinhard (München), AdolfArenson (Cannstatt bei Stuttgart), Mathilde Scholl (Köln), Franz Seiler (Berlin), Günther Wagner (Lu­gano), Adolf Kolbe (Hamburg).

In Karlsruhe ist ein neuer Zweig der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft (Vorsitzender Herr Linde­mann) begründet worden.

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Hinweis

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Der «Kongreß der Föderation europäischer Sektionen der Theosophischen Gesellschaft» zu London wird am 8., 9. und 10. Juli 1905 stattfinden. Als Präsident wird Mrs. Annie Be­sant funktionieren. Der Sekretär ist: Johan van Manen, 23 East Parade, Harrogate. Der Zweck dieses Kongresses ist: die Förderung der Zwecke der Theosophischen Gesellschaft und die Kräftigung des Bandes zwischen ihren Mitgliedern und Organisationen, besonders der föderierten Sektionen. Der diesjährige Kongreß wird in den Empress Rooms, High Street, Kensington, abgehalten. Das Progtamm wird sein: Sonnabend morgens, den 8. Juli: Eröffnung des Kongresses und der Abteilungen; am Nachmittag werden Zuschriften von befreundeten Gesellschaften verlesen werden und am Abend wird eine dramatische Aufführting im Court-Theater stattfinden. Am Sonntag, den 9. Juli, werden morgens und abends Sitzungen der Abteilungen, und am Nachmittag wird eine gesellige Zusammenkunft veranstaltet werden. Am Mon­tag, den 10. Juli, morgens, sind Sitzungen der Abteilungen, am Nachmittag ist ein Konzert, am Abend der Schluß des Kongresses mit einer geselligen Zusammenkunft in Aussicht genommen. In den einzelnen Abteilungen werden Abhand­lungen vorgelegt, die von Mitgliedern der Gesellschaft einge­liefert werden, beziehungsweise werden die anwesenden Au­toren über die Gegenstände ihrer Abhandlungen kurze Vor­träge halten. Die Abteilungen sind folgende: A. Brüderlichkeit

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(historisch, philosophisch, praktisch). B. Religion, My­stik, Vergleichende Volkskunde. C. Philosophie. D. Wissen­schaft (einschließlich Grenzwissenschaften). E Kunst. F. Verwaltung, Propaganda, Arbeitsmethoden usw. G. Okkul­tismus.

In einer Ausstellung für Kunst und Kunstgewerbe sollen Werke von Mitgliedern der Theosophischen Gesellschaft vorgeführt werden, und auch von solchen Künstlern, die, ob­gleich Nichtmitglieder, in ihrem Schaffen von der theosophi­schen Ideen angeregt sind. Bilder religiöser, symbolischer oder mystischer Richtung werden bevorzugt. Besondere Mühe wird darauf verwandt werden, eine gute Sammiung von Arbeiten des Kunstgewerbes zusammenzubringen; fast alle Arten Werke können Aufnahme finden. Besondere Rück­sicht wird auf Arbeiten für Beleuchtungswesen, Schriftwesen, Buchdruck und Buchbinderei genommen werden. Die Aus­stellung wird in den «Empress Rooms» stattfinden und wäh­rend aller Tage des Kongresses geöffnet sein. Sie wird nicht nur den Mitgliedern der Gesellschaft, sondern auch Nicht-mitgliedern zugänglich sein.

Die musikalischen Veranstaltungen werden denen des Am­sterdamer Kongresses ähnlich sein.

Auch eine dramatische Aufführung wird stattfinden. Das Court-Theater, Sloane Square, ist für den Abend des s. Juli dazu gemietet.

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Mitteilungen

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Soeben ist erschienen: Schiller und unser Zeitalter. Nach Vor-trägen, gehalten vom Januar bis März an der Berliner «Freien Hochschule» von Dr. Rudolf Steiner.

Diese Schrift kann neben einem allgemeinen wohl auch besonders das. Interesse derjenigen Kreise erregen, die sich mit Theosophie, Okkultismus, Mystik und so weiter beschäf­tigen. Denn sie stellt Schiller in das ganze moderne Geistes­leben lilnein und zeigt, daß man ihn erst dann ganz versteht, wenn man ihn vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus

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betrachtet. Der Verfasser hat in der letzten Zeit auch in den theosophischen Zweigen Berlin, Hannover, Nürnberg über die Beziehungen Schillers zur Theosophie gesprochen, und dabei hat sich das Interesse dieser Kreise gezeigt. Bezogen kann die kleine Schrift werden (gegen Einsendung des Preises von 50 Pfg. zuzüglich des Postportos - auch in Briefmarken¼ durch Frl. v. Sivers, Berlin W., Motzstr. 17.

Ferner ist vor kurzem erschienen: «Theosophie, Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung», von Dr. Rudolf Steiner (Leipzig, Max Altmanns Verlag); kann bezogen werden durch Frl. Marie von Sivers, Berlin W., Motzstraße 17.

Ferner: Die Kinder des Lucifer. Von Edouard Schuré. Auto­risierte Übersetzung von Marie von Sivers. Mit einem Vor­wort von Dr. Rudolf Steiner. Kann ebenfalls durch Frl. M.

v. Sivers (Berlin W., Motzstraße) bezogen werden, sowie auch durch die Verlagsbuchhandlung M. Altmann, Leipzig.

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Von der Arbeit der Zweige

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Unter diesem Titel sollen künftig hier Mitteilungen ge­bracht werden über die theosophischen Arbeiten inner- und außerhalb Deutschlands. Auch Mitteilungen vön theoso­phisch tätigen Persönlichkeiten, Auszüge oder ganze Ab­schriften von Vorträgen usw. werden gern entgegengenom­men und hier veröffentlicht, damit für diejenigen, die Inter­esse dafür haben, die Möglichkeit vorhanden ist, den Gang der theosophischen Betätigungen zu verfolgen.

Diesmal soll begonnen werden mit einer Schilderung des Wirkens einzelner deutscher Zweige. Die «Theosophische Gesellschaft» ist in eine Reihe von Sektionen geteilt. Solche Sektionen sind: die indische, die amerikanische, die süd­afrikanische, die australische, die englische, die skandinavi­sche, die holländische, die französische, die italienische und die deutsche. Jede Sektion umfaßt die Zweige der betreffen­den Länder. Ein solcher Zweig (Loge) ist das eigentliche

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geschlossene Arbeitsfeld. Es soll nun einiges von deutschen Zweigen zunächst mitgeteilt werden, wobei auf Vollstän­digkeit kein Anspruch gemacht wird und Ergänzungen in be­l i ebiger Weise später folgen können.

Der Hamburger Zweig (Theosophische Gesellschaft in Ham­burg), der etwa 20 Mitglieder umfaßt steht unter dem Vor­sitz und der Leitung Bernhard Hubos, eines der ältesten Mit- ( glieder der Theosophischen Gesellschaft innerhalb Deutsch­lands. Bernhard Hubo ist seit Jahren in der hingebungsvoll­sten Art bemüht, in Hamburg für die Ausbreitung der Theo­sophie zu sorgen. Jede Woche versammelt er die Mitglieder, mit ihnen theosophische Fragen und Angelegenheiten be­sprechend. In öflentlichen Vorträgen hat er mit großen Opfern für eine weitere Entwickelung der Arbeit in Ham­burg gesorgt. Sein Buch «Gibt es ein Leben nach dem Tode? Gibt es einen Gott?» ist eine leichtfaßliche, sorgfältige Be­handlung wichtiger theosophischer Fragen. (Es kann durch den Hamburger Zweig jederzeit erhalten werden. Adresse: Bernhard Hubo, Hamburg-Hohenfelde, Martinallee 31.) Einer seiner Vorträge über das theosophische «Glaubensbe­kenntnis» wird im nächsten Hefte dieser Zeitschrift erschei­nen.

In Köln wirkt Fräulein Mathilde Scholl als Vorsitzende eines etwa aus 20 Mitgliedern bestehenden Zweiges. Auch sie leistet die Arbeit in der opferfreudigsten Weise. Sie sieht die Mitglieder jede Woche bei sich und pflegt mit ihnen die theo­sophische Sache durch Aussprache, Lektüre usw. Fräulein Scholl ist Übersetzerin des «Esoterischen Christentums» vön Annie Besant in deutsche Sprache.

In Düsseldorf wirkt als Vorsitzender der ausgezeichnete Maler Otto Boyer. Obwohl noch nicht lange Mitglied der Theo­sophischen Gesellschaft, hat er sich rasch in die Leitung des Zweiges eingelebt. Durch seine künstlerische Natur vermag er dem Zweige viele Anregungen zu geben. In seinem Hause oder bei der den theosophischen Arbeiten treu ergebenen Frau Smits Mess'oud Bey versammeln sich die Mitglieder des

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Zweiges allwöchentlich. Eine besondere Gabe für diese s Zweig ist, daß Herr Lauweriks, der früher der holländischen Sektion angehörte, seit einem Jahre in Düsseldorf sein ½ -beitsfeld hat und daß er seit dieser Zeit seine wertvolle Ar­beitskraft auf theosophischem Gebiete den Mitgliedern in Form sehr instruktiver Kurse über die Geheimiehre H.P. Bla­vatskys schenkt.

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Die Arbeit in Stuttgart, Lugano, Weimar und Nürnberg

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Zunächst soll hier fortgefahren werden mit einer skizzenhaf­ten Schilderung der Arbeit in den Zweigen der deutschen Sektion der «Theosophischen Gesellschaft». Zu den An­gaben, die über die Wirksamkeit der Zweige Hamburg, Köln und Düsseldorf gemacht worden sind, sollen einige weitere hinzugefügt werden. In Stuttgart bestehen nunmehr drei Zweige unserer Sektion. Der erste wird von Dr. med. F. Pau­lus in Cannstadt bei Stuttgart geleitet, der zweite, welcher den Namen Kerning-Zweig führt, hat Prof. Boltz und der dritte Herrn Weißhaar (in Stuttgart) zum Vorsitzenden. Die drei Zweige halten getrennt ihre intimen, dem inneren Leben ge­widmeten Zusammenkünfte; aber sie kommen innerhalb ei­nes Monats alle zur gemeinsamen Aussprache zusammen. Das theosophische Leben an diesem Orte ist ein sehr reges. Aus demselben gingen in der letzten Zeit zwei wichtige Ar­beiten hervor. Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft in Stuttgart haben die beiden Werke Mabel Collins «Flita» und «Geschichte des Jahres» ins Deutsche übersetzt. Daß die beiden Werke für die deutsche theosophische Bewegung etwas Bedeutsames sind, wurde in vorigen Nummern dieser Zeitschrift, wo sie ausführlich besprochen worden sind, be­reits gesagt. Zu bemerken ist ferner, daß in Stuttgart das alte Mitglied der Theosophischen Gesellschaft, Herr Adolf Oppel, wirkt. Er hat einen treuergebenen Schülerkreis, dem er durch seine bedeutsamen und zum theosophischen Leben gewor­denen reichen Erkenntnisse außerordentlich viel ist. Dem

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Zweige III gehört Adolf Arenson an, der als Mitglied des Kunstkomitees des Kongresses europäischer theosophischer Sektionen für den musikalischen Teil seine Kraft in den ii)ienst der Sache gestellt hat, der er sich auch sonst hinge­bungsvoll widmet.

In Lugano in der Schweiz hat die deutsche Sektion einen Zweig, der Günther Wagner zum Vorsitzenden hat. Herr Wag­ner gehört zu den ältesten und verdienstvollsten Mitgliedern der deutschen theosophischen Bewegung. Lange bevor zur Bildung einer selbständigen Sektion geschritten werden konnte, verdankte seinem werktätigen Helfen die Bewegung ganz Außerordentliches. Und überall, wo Hilfe notwendig ist, findet man ihn zur Stelle. Er hat zahlreiche Werke über Theosophie aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt, viele Menschen durch seine mildeinsichtige Art für die Theoso­phie gewonnen.

In Weimar wirkte bisher Frau Geheimrat Helene Lübke in dem dortigen Zweige. Ihr zur Seite stand Horst van Henning, der nunmehr, da Frau Lübke ein neues Feld für die deutsche Sektion zu gewinnen sucht, den Zweig weiterführt. Frau Lübke lebte, bevor sie sich bei Gründung der deutschen Sek­tion vor drei Jahren dieser zur Verfügung stellte, innerhalb der theosophischen Arbeit in London. Ihre dort gewonnene reiche Erfahrung ist der jungen deutschen Sektion sehr wert­voll. Und diese Arbeit ist getragen von tiefer Hingabe an die Sache und von einem wahren Verständnis dessen, worauf es ankommt. Sie wird zeitweilig ihre Kraft einer anderen Stadt widmen, weil derlei Kräfte möglichst allseitig angewendet werden müssen. - In Nürnberg hat der theosophische Zweig (Albrecht-Dürer-Zweig) in Michael Bauer einen energischen, gründlich einsichtsvollen und im theosophischen Leben fest­gewurzelten Leiter. Er wirkt durch seine literarischen Arbei­ten und insbesondere durch seine weite Horizonte eröffnen­den Vorträge, die er in Nürnberg hält, in schöner Art für die Sache. Es mögen die Verdienste, die sich dieser Mann um die Theosophie in Deutschland erwirbt, am besten dadurch cha­rakterisiert

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werden, daß hier der Wunsch nach einer wesent­lichen Brweiterung dieser Wirksamkeit ausgesprochen wird. Leider gestatten es ihm seine Berufsverhältnisse nicht, aus­wärts Vonräge zu halten, was im besten Sinne zur Förderung der theosophischen Bewegung dienen könnte. Man möchte hoffen, daß eine solche Möglichkeit baldigst herbeigeführt werde. - Über weitere Arbeiten in den Zweigen soll in den folgenden Heften berichtet werden.

Im Anschlusse daran darf aber hier noch von der theosophi­schen Arbeit gesprochen werden an Orten, in denen noch keine Zweige bestehen. Dr. Rudolf Steiner, der Generalsekre­tär der deutschen Sektion, hat im Monat September 1905 außer den Städten, in denen Zweige sind, auch noch eine Reihe von anderen Städten besucht, in denen solche noch nicht gebildet sind. Von Städten, in denen Zweige sind, hat er besucht: Freiburg i Br., Stuttgart, Nürnberg und Weimar und daselbst entweder öffentliche Vorträge gehalten oder in Zweigversammlungen gesprochen. Von Städten, in denen noch keine Zweige sind, hat er besucht und in ihnen öffent­liche Vonräge gehalten: St. Gallen, Zürich, Basel, Heidel­berg, Frankfurt am Main, Kassel.

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Bildung neuer Zweige

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Neue Zweige sind in der letzten Zeit die folgenden entstan­den: In St Gallen: Zweig Ekkehardt. Vorsitzender: Herr Rietmann, Rorschacherstraße 11, St. Gallen. In Frankfurt am Main: Goethe-Zweig. Vorsitzender: Herr Franz Nah, Ho­henstaufenstraße 9, Frankfurt a. M. In München der zweite Zweig. Vorsitzender: Herr Josef Elkan, Dreimühienstrafle 22, München. In Bremen: Zweig Bremen. Vorsitzender: Herr v. Känel, Brandstraße 8, Bremen.

Der «Berliner Zweig» hat sich als solcher (D. T. G.) aufge­löst. Die Mitglieder sind teils dem Besant-Zweig beigetreten, teils sind sie Sektionsmitglieder geworden.

In Berlin besteht also jetzt nur der Besant-Zweig.

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In den letzten Monaten sind der deutschen Sektion der «Theosophischen Gesellschaft» 107 neue Mitglieder beige­treten. Durch den Tod oder durch Austritt sind 7 Mitglieder verloren worden, so daß in der letzten Zeit ein Zuwachs von I OO Mitgliedern zu verzeichnen ist.

Der Orientierung halber möge hier auch ein Verzeichnis der älteren Zweige der deutschen Sektion der «Theosophi­schen Gesellschaft» mit den Adressen derj enigenPersönlichkei­ten stehen, an die man sich um Auskünfte usw. zu wenden hat.

Berlin (Besant- Zweig): Dr. Rudolf Steiner (Berlin W., Motz-straße 17) oder Fräulein Marie von Sivers (Berlin W., Motz-straße 17).

Ghar/ottenburg: Gustav Rüdiger (Charlottenburg, Schiller­straße 95).

Köln: Fräulein Mathilde Scholl (Köln a. Rh., Belfort-straße 9).

Dresden: Herren Ahner (Vors.) und Richard Böhm (Sekre­tär) (Dresden, Holbeinstraße 105).

Düsseldorf: Herrn Lauweriks (Düsseldorf, Marschalstr. i 2).

Hamburg: Herrn Bernhard Hubo (Hamburg-Hohenfelde, Martinallee 31).

Hannover: HerrnWilhelmEggers (Hannover, Ulrichstraße 4).

Leipzig: Herrn Ingenieur Jahn (Leipzig, Hardenbergstr. 32).

München: Fräulein v. Hoffstätten (Vorsitzende), Auskünfte erteilt: Fräulein Sophie Stinde (München, Adalbertstraße 55).

Lugano: Herrn Günther Wagner (Lugano/Castagnola, Schweiz).

Stuttgart: Herrn Dr. Paulus (Cannstatt b. Sturtgart, Karl-straße).

Weimar: Herrn Horst von Henning (Weimar, Luisen­straße 19).

Nürnberg: Herrn Michael Bauer (Nürnberg, Wünzelburg­straße 3).

Karlsruhe: Fräulein Elisabeth Keller (Karlsruhe, Kreuz-straße 9):

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Die Arbeit in München

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An die Schilderung, welche in vorhergehenden Heften über die Arbeiten in den deutschen Zweigen der «Theosophischen Gesellschaft» gegeben worden ist, soll sich hier zunächst eine Fortsetzung über die besonders rege Tätigkeit in München schließen. Vorsitzende des seit längerer Zeit bestehenden Zweiges daselbst ist Fräulein von Hofstätten. Eine hingebungs­volle und vielseitige Arbeit leistet Fräulein Sophie Stinde im Verein mit Gräfin Pauline Kalckreuth. Fräulein Stindes Ar­beit ist auf eine echte Vertiefung des theosophischen Lebens gerichtet. Sie ruht auf Umsicht und richtiger Schätzung aller in Betracht kommenden Faktoren. Der Zweig, der 36 Mit­glieder zählt, hat in jeder Woche eine Zusammenkunft, und zwar am Freitagabend. Fräulein Stinde ist auch zu verdan­ken, daß in der Damenstiftstraße 6 ein kleiner Laden gemietet worden ist, in dem ein theosophisches Lesezimmer eingerich­tet wurde. Dadurch ist die Möglichkeit geboten, daß jeder, der da hingehen will, alle wünschenswerten Aufschlüsse und Belehrungen über Theosophie und theosophische Bewegung erhält. Jeden Montag und Donnerstag übernimmt ein Mit­glied der Münchener Loge die Vorlesung von theosophi-schen Lehren und beantwortet Fragen, die von den Besuchern gestellt werden. Bis jetzt ist der Abend in höchst erfreulicher Weise gut besucht, und zwar nicht etwa von Neugierigen, sondern von Personen, die ein tieferes Interesse an geistigen Fragen nehmen. Sonnabend können in diesem Orte ebenfalls Freunde erscheinen und in den dort aufliegenden Zeitschrif­ten und Büchern lesen. Sonntags wird ein Musik- und Lese-abend abgehalten. Zwei Logenmitglieder haben ein Harmo­nium dorthin gemietet, so daß man es da mit einem wirkli­chen theosophischen Kunstabend zu tun hat. - Außerdem hat sich seit kurzem unter dem Vorsitz des Herrn Elkan eine zweite Loge in München gebildet. Es sind außerdem im Vor­stand Frau Baronin Gumppenberg und Frau Kuhn. Baronin Gumppenberg hat in hingebungsvoller Art die Vorträge in diesem

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Zweige übernommen. Die Vortragsabende finden am Dienstag in der Damenstiftstraße 6 statt. Gäste können durch Mitglieder eingeführt werden. - Donnerstag nachmittags werden für die in München befindlichen Mitglieder der «Theosophischen Gesellschaft » in der Adalbertstraße 55 III Bücher aus der Theosophischen Bibliothek ausgeliehen. Im letzten Jahre sind 200 Bücher ausgeliehen worden.

Der Raum dieser Nummer gestattet nicht, in ausführlicher Art von der in vieler Beziehung und an mehreren Orten zutage tretenden schönen theosophischen Arbeit zu sprechen. Ich möchte dies in umfangreicherer Art in der nächsten Nummer tun. Nur von einem mustergültigen Ausschnitt aus derselben sei hier eine kurze Mitteilung gebracht. Es ist be­reits erwähnt worden, daß außer der bedeutungsvollen Ar­beit, welche die zwei Logen in München leisten - es ist seither noch eine dritte hinzugekommen-, es der Tätigkeit und Hin­gabe Fräulein Stindes im Verein mit der Gräfin Pauline Kalckreuth zu danken ist, daß ein theosophisches Lese- und Vortragszimmer, zu dem jedermann freien Zutritt hat, errich­tet werden konnte. (In diesem Lesezimmer, Damenstift­straße 6/0, finden Vorlesungen statt: Montag und Donners­tag abends 8 Uhr, und es werden sonntags von 6-7 Uhr für Kinder Märchen gelesen.) Zu dieser Schöpfung ist nun, wie­der durch die Initiative der beiden genannten Damen, noch eine andere mustergültige getreten. In der Herzogstraße 39/0 ist ein Saal gemietet und mit feinem Geschmack zu einem «Theosophischen Kunst- und Musiksaal» gestaltet worden. Für die Hingabe an die geisteswissenschaftliche Sache seitens unserer Münchener Mitglieder spricht das folgende Pro­gramm: Sonntag morgens 9-12 Uhr: Kunstauslage; Sonntag abends 8 Uhr: Lichtbilder oder Oper mit Textverlesung und Musikauszügen (nur für Erwachsene). Dienstag abends 8 Uhr: Konzert. Mittwoch 4-5: Märchen für Kinder; Mitt­woch abends 8 Uhr: Kunstauslage (nur für Erwachsene). Donnerstag 8 Uhr: Konzert. Freitag 8 Uhr: Vorlesung über

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Theosophie für Anfänger (nur für Erwachsene). Sonnabend 8 Uhr: Sagen, Heldengeschichten, Dramen usw. (nur für Er­wachsene). Auch für diese Veranstaltungen ist der Eintritt frei für jedermann. Am Sonntag, den 26. April, konnte ich an den Lichtbilderdemonstrationen, die Dr. Peipers veranstal­tete und die er mit einem schönen Vortrag begleitete, teilneh­men. In vorzüglicher Art kam durch diese Vorführung die Entwickelung der romanischen und gotischen Baukunst zur Geltung. Es ist in höchstem Maße bedeutungsvoll, wenn die theosophische Geistesrichtang in solcher Art nach den ver­schiedensten Richtungen hin fruchtbar gemacht wird.

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Der theosophische Kongreß in London

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Die Föderation europäischer Sektionen hlelt dies Jahr (190 5) anfangs Juli (6., 7., 8., 9., 10.) ihren Kongreß in London ab. Im allgemeinen war die Art und Einteilung der Veranstaltun­gen dieser zweiten Versammlung ihrer Art der im Vorjahre in Amsterdam abgehaltenen ähnlich. Das schöne Gefühl der Zusammengehörigkeit durchströmte auch diesmal wieder diejenigen, welche aus den verschiedensten Gebieten der theosophischen Arbeit sich einfinden konnten, um Gedanken auszutauschen über die Wirkungsmethoden, Zeugnis abzu­legen von dem Fortschritt der theosophischen Ideen in den einzelnen Ländern und Anregungen zu empfangen für die Leistungen in den Heimatländern. Wie im Vorjahre die hol­ländischen Freunde keine Mühen und Opfer gescheut haben, um den Verlauf des Kongresses zu einem würdigen und fruchtbaren zu machen, so geschah dies in diesem Jahre auch durch unsere Mitglieder in London. Wer zu ermessen ver­mag, welche Zeit und Hingabe die Vorarbeiten und die Lei­tung einer solchen Versammlung erfordern, der wird von warmem Danke erfüllt sein für unsere englischen Freunde.

Den Vorsitz des Kongresses hatte Mrs. Besant übernom­men. Schon am Tage vor dem eigentlichen Anfang der Ver­sammlung konnten sich die anwesenden Gäste zu einer Ver­sammlung

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der Blavatsky-Loge einfinden, um einen bedeut­samen Vortrag Annie Besants über die «Anforderungen der Schülerschaft» zu hören. Die Rednerin knüpfte an verschie­dene Bemerkungen an, welche in der letzten Zeit veröffent­licht worden sind über allerlei kleine Schwächen und Fehler der großen Begründerin der «Theosophischen Gesellschaft», H.P. Blavatsky. Aus tiefem Dankesgefühle sprach die Vor­tragende über die Persönlichkeit, die ihr die Lichtbringerin auf dem Wege zur Wahrheit und zum Frieden der Seele gewe­sen ist. Es komme nicht darauf an, die kleinen Flecken und Schwächen zu sehen, sondern die großen Impulse, die von solchen Persönlichkeiten ausgehen. An diese sollen wir uns halten, und durch sie den eigenen Weg finden. Wenn wir vie­les von dem Leben der «Eingeweihten» hören, von dem wir sagen, das hätten wir nicht erwartet, so beruhen aber vielleicht unsere Erwartungen nur auf Mißverständnissen. Wo Sonne ist, da mögen auch Sonnenfiecken sein; aber die wohltätige Kraft der Sonne wirkt trotz dieser Flecken.

An demselben Tage (Donnerstag, den 6. Juli) eröffnete Annie Besant die Ausstellung für «Kunst- und Kunstge­werbe», die dann für alle Kongreßtage geöffnet blieb. Es ist naturgemäß, daß eine solche Ausstellung, die den Zweck hat, die von theosophischen Ideen beeinflußten, oder von Theo­sophen herrührenden künstlerischen Leistungen den Mitglie­dern zur Kenntnis zu bringen, in bezug auf Zusammenstel­lung und Wert des einzelnen nicht etwas ganz Vollkommenes sein kann. Doch sie ist eine höchst wertvolle Beigabe des Kon­gresses; und wer nicht in der bloßen Verbreitung theosophi­scher Gedanken, sondern in der Ausgestaltung des theoso­phischen Lebens nach allen Seiten die Aufgabe der Gesell­schaft sucht, der wird die Berechtigung derselben gewiß nicht bestreiten. Auf die Einzelheiten dabei einzugehen, ist bei der reichen Fülle des Ausgestellten ganz unmöglich. Nur darauf sei hingewiesen, daß in den Bildern G. Russells der interes­sante Versuch bemerkbar war, in symbolischen Farbenzeich­nungen um die dargestellten Figuren der Bilder, und im Kolorit

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der Landschaft, in welche diese hineingestellt sind, etwas von der astralen Wirklichkeit zu geben. Wieviel davon ge­troffen ist, das ist eine andere Frage, und kommt heute wahr­haftig noch nicht in Betracht. Hervorgehoben seien die Ar­beiten unseres Mitgliedes Lauweriks, der früher der hollän­dischen Sektion zugehörte, jetzt der deutschen angehört, da er seit einiger Zeit als Lehrer der Kunstgewerbeschule in Düsseldorf wirkt. Seine kunstgewerblichen Arbeiten zeigen überall den feinsInnigen Kopf und vortrefflichen Künstler. Von deutschen Arbeiten waren ausgestellt ein interessantes Bild des Vorsitzenden unserer Düsseldorfer Loge, Otto Bqyer, der «Alchymist» und eine Portraitstudie desselben vortreff­lichen Künstlers, der sich auch der Mühe unterzogen hatte, die Arbeiten des Kunstkomitees als deutscher Vertreter mit­zumachen. Fräulein Sünde, unser Münchener tätiges Mit­glied, hat aus dem reichen Schatze ihrer Landschaften beige­steuert. Ferner war von unserem Mitglied Fräulein Schmidt aus Stuttgart ein Bild ausgestellt.

Am Freitagabend hielt Annie Besant vor Tausenden von Menschen in der großen « Queens Hall» einen Vortrag über die «Arbeit der Theosophie in der Welt». In großen prä­gnanten Zügen charakterisierte sie die Aufgabe, welche die Weisheitslehren der Theosophie heute innerhalb des moder­nen Lebens haben. Nicht nur als Bekenntnis, sondern durch alle Lebensgebiete hindurch, Wissenschaft, Kunst und so weiter solien sie zur Geltung kommen, wenn sie ihre Mission erfüllen sollen. Was die auch der theosophischen Bewegung fernstehenden künstlerischen und wissenschaftlichen Kreise an Bestätigungen für die theosophische Pionierarbeit gelei­stet haben, ward vortreiflich zur Darstellung gebracht.

Am Sonnabendvormittag wurden dann die eigentlichen Kongreßverhandiungen durch eindringliche Einleitungs­worte Annie Besants eröfftnet. Hier wies sie darauf hin, wie die Nationen zu dem großen Werke in eindringlicher Bruder-arbeit zusammenwirken müssen, sie charakterisierte, welche Ansätze zu einer Vertiefung des geistigen Lebens im theosophischen

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Sinne da und dort vorhanden seien. Sie wies zum Beispiel auf das Werk eines italienischen Bildhauers Ezechiel hin, einen « Christus», in dem der Theosoph sein Bild von Christus sehen könne. Für Deutsche wird es besonders inter­essant sein, zu hören, daß Annie Besant auf die Kunst IG­chard Wagners hinwies, in deren Tönen Einflüsse der astralen Welt zu spüren seien. - Was nun folgte, war ein schönes Sym­bol für den brüderlich4nternationalen Charakter der Gesell­schaft. Einem Beschlusse des Komitees zufolge sprachen die einzelnen Vertreter der verschiedenen Länder in ihren Lan­dessprachen in kurzen Begrüßungsreden. Und man konnte nun hintereinander solche Reden in folgenden Sprachen hö­ren: Holländisch, Schwedisch, Französisch, Deutsch, Englisch (für Amerika), Italienisch, Spanisch, Ungarisch, Finnisch, Rus­sisch und ein indisches Idiom. Für England sprach zuletzt Mr. Mead. Mit geschäftlichen Mitteilungen des Sekretärs des Kongresses J. van Manen schloß die Vormittagsversammlung.

Am Nachmittag begannen die einzelnen Vorträge und Verhandlungen der Departements. Da werden von den ein­zelnen Mitgliedern, die sich dazu melden, Arbeiten vorgetra­gen aus den verschiedensten Arbeitsgebieten: Philosophie, Wissenschaft, Völkerkunde, theosophische Arbeitsmetho­den, Kunst, Okkultismus und so weiter. Es ist ganz ausge­schlossen, auf die reiche Fülle des hier Dargebotenen auch nur hinzudeuten. In verschiedenen Lokalen werden über die mannigfiiltigsten Gegenstände Vorträge gehalten, an die sich Diskussionen anschließen. Nur einiges sei erwähnt: Mr. Mead sprach über ein interessantes gnostisches Thema, Pascal, der Generalsekretär der französischen Sektion, lieferte einen Bei­trag über den «Mechanismus des Hellsehens bei Menschen und Tieren». M. Percy Lund hatte eine Arbeit beigesteuert über die «physischen Zeugnisse für die Atlantis und Lemu­rien». In der Abteilung für Okkultismus sprach in lichtvoll­ster Weise Annie Besant über die Erfordernisse und Schwie­rigkeiten der okkulten Forschungsmethoden. Sie zeigte, wel­che Vorsichten und Vorbehalte trotz der größten Vorsichten

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der okkulte Forscher machen müsse, und wie seine Ergeb­nisse trotz seiner denkbar größten Gewissenhaftigkeit irenit ebensolcher Vorsicht aufzunehmen sind. - Dr. Rudolf Steiner sprach in der Abteilung «Wissenschaft» über die «okkulten Grundlagen der Goetheschen Lebensarbeit». M. P. Bernard konnte einen Beitrag liefern über «Instinkt, Bewußtsein, Hy­giene und Moral». Die «Begründung der theosophischen Moral» setzte M. H. Choisy auseinander. Höchst wertvolle Aufschlüsse über Die Vorträge sowie alle Versammlungsherichte des vor­jährigen Kongresses der Föderation europäischer Sektionen der Theosophischen Gesellschaft werden demnächst in einem stattlichen Band, dem «Jahrbuch des Kongresses», erschei­nen.

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Es kann begriffen werden, daß die Herausgabe dieses Buches im ersten Jahre den Sammiern und Leitern (J. van Manen, Kate Spink) große Aufgaben stellte, und daß es des­halb erst jetzt erscheinen kann. Die diesjährigen Vorträge und Verhandlungen werden in kürzerer Zeit fertiggestellt werden. Für Deutschland hat den Vertrieb des «Jahrbuches» die Ver­lagsfirma Max Altmann in Leipzig übernommen, und man möge sich behufs Bezuges dahin wenden.

Die Generalversammlung der «Britischen Sektion» der «Theosophischen Gesellschaft» hat am 8. Juli stattgefunden. Auf derselben trat Mr. Keightley von seinem Posten als Gene­ralsekretär zurück, und Miß Kate Spink wurde an seiner Stelle gewählt. Im Namen der deutschen Sektion begrüßte Dr. Rudolf Steiner die Versammlung.

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Hinweis

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Der dritte Kongreß der Föderation europäischer Sektionen der «Theosophischen Gesellscbaft» wird in Paris stattfinden, am 3., 4. und 5 Juni 1906, im Washington Palace, Rue Magellan, 14. Es wird den Mitgliedern der Föderation eine Freude sein, zu hören, daß Col. Olcott sich bereit erklärt hat, als Präsident zu fungieren; wir danken ihm dafür herzlich.

Das Programm des Kongresses richtet sich in seinen gro­ßen Zügen nach den Erfahrungen der vorigen Kongresse und nach den lokalen Bedingungen und Hilfsquellen. Es enthält zwei Sitzungen für Abhandlungen, eine musikalische Auf-führung, Vorträge und eine gesellschaftliche Zusammen­kunft; das Komitee hofft, diesem Programme eine auf neuer Grundlage organisierte Kunstausstellung hinzuzufügen.

Die Vorbereitungen zum Kongreß sind in der gewohnten Weise getroffen: das französische Komitee bestimmt, im Ein­verständnis mit dem Sekretär der Föderation, die großen Linien, übergibt den dazu berufrnen Mitgliedern die Auf­gabe, Sub-Komitees zum Studium und zur Organisation der einzelnen Teile des Programms zu bilden, prüft und bestimmt

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endgültig über die Projekte der Sub-Komitees. Die Namen und Adressen der Vorsitzenden der einzelnen Sub-Komitees werden in folgendem angegeben, und die Mitglieder, die Er­kundigungen einziehen oder ihre Mitwirkung anbieten wol­len, werden gebeten, ihnen direkt zu schreiben.

Gegenwartig wird nur das Datum des Kongresses und das Programm im allgemeinen festgestellt; die Einzelheiten werden erst später bestimmt.

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Der Kongreß der Föderation enropäischer Sektionen

der Theosophischen Gesellschaft in Paris

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In den ersten Junitagen 1906 (am 3., 4. und 5.) fand in Paris der dritte Kongreß der föderierten europäischen Sektionen der Theosophischen Gesellschaft statt. Es waren ungefähr 450 Mitglieder aus den verschiedensten Ländern Europas an­wesend. Die Begrüßungsreden, welche die Vertreter der ein­zelnen Nationen in ihren Sprachen gelegentlich der ersten oftiziellen Versammiung hielten, brachten daher ein gemein­sames menschliches Interesse in den mannigfaltigsten äußeren Formen zum Ausdruck. Man konnte dieses Interesse in eng­lischer, französischer, schwedischer, italienischer, niederlän­discher, deutscher, russischer, spanischer, tschechischer Spra­che vernehinen; man konnte es von einem Hindu und einem Parsen hören. Von deutschen Mitgliedern waren über zwan­zig anwesend.

Den Vorsitz führte der Präsident-Gründer der Theosophi­schen Gesellschaft: H. S. Olcott. Die vorbereitenden Arbei­ten waren von den Mitgliedern der französischen Sektion in hingebungsvoller und opferwilliger Art gemacht worden. Es ist natürlich unmöglich, alie diejenigen verehrten Mitglieder der Gesellschaft aufzuzählen, die sich bei dieser Gelegenheit Verdienste erworben haben. Wer einigermaßen weiß, wie groß die Arbeiten bei einer solchen Gelegenheit sind, der kann auch ermessen, was gerade diejenigen Mitglieder zu lei­sten haben, die in einer solchen Zeit am Orte der Versammlung

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sind. Insbesondere aber soll gedacht werden der Damen Aimé Blech und Zelma Blech, der Herren Gommandant Cournaes, Charles Blech, P. E. Bernard, M. Bailly, Jules Sieg­fried fils, A. Ostermann und vor allem des Generalsekretärs der französischen Sektion, Dr. Th. Pascal.

Durch die Bemühungen und die Opferwilligkeit der fran­zösischen Freunde besitzt die Gesellschaft in Paris (Avenue de la Bourdonnais 59) ein schon eingerichtetes, fur Vortrags und Besuchszwecke vortreffliches französisches Hauptquar­tier. In diesem beffndet sich nicht nur ein geräumiger freund­licher Vortragssaal, sondern es sind da auch gute Räumlich­keiten für die Arbeiten, für eine Bibliothek und ein Bücher­lager von theosophischen Werken in französischer Sprache. In diesem Hauptquartier wird rege gearbeitet. Der General­sekretär empfängt da am 1. und 3. Sonntag im Monat von 10 1/2 bis ,,,12 früh. Am 1. Sonntag im Monat (4 Uhr) und an jedem Donnerstag um 8 1/2 Uhr abends tinden öffentliche Vorträge statt. Für die Mitglieder tindet jeden dritten Sonntag im Monat um 4 Uhr eine Versammlung statt, außerdem wird ein Kursus am Dienstag um 4 Uhr in französischer und ein sol­cher am Montag um 4 Uhr in englischer Sprache gehalten.

In diesen Räumen war während des Kongresses auch die «Ausstellung für Kunst und Kunstgewerbe» untergebracht, die am Sonnabend, den 4. Juni (4 Uhr), durch den Präsiden­ten H. S. Olcott eröffnet wurde. Viele Mühe haben sich die französischen Freunde gegeben, um in geschmackvoller Art solche Kunstwerke und Kunstgegenstände zusammenzustel­len, welche von dem Bestreben zeugen, das theosophische Interesse auch im Bilde darzustellen.

Die eigentlichen Versammlungen des Kongresses fanden i n dem prächtigen Saale des Washington Palace (Rue Magel-1 an 14) statt. Die erste offizielle Sitzung wurde um 10 Uhr am Sonntag, den 3. Juni 1906, eröffnet. M. Ed. Bailly hatte zu die­sem Zwecke einen Eröffnungschor gedichtet und kompo­niert: « Ode an die Sonne». Das gab eine schöne, stimmungs-volle Einleitung. - Nun folgte ein herzlicher Willkommengruß

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durch den Generalsekretär der französischen Sektion, Dr. Th. Pascal. - Das nächste war eine längere Ansprache des Präsidenten-Gründers H. S. Olcott. Man konnte daraus ent­nehmen, wie die Gesellschaft in einem fortwährenden Wachs-tum begriffen ist (sie hat nun ihre Zweige über vierundvierzig verschiedene Ländergebiete der Erde verbreitet). Insbeson­dere wurde hervorgehoben, wie erfreulich die Bewegung in Frankreich zugenommen hat, wenn man ihren gegenwärti­gen Stand vergleicht mit den kleinen Anfängen, die 1884 zu bemerken waren, als er, der Präsident, und H. P. Blavatsky sich zuerst bemühten, von Paris aus das Interesse für die Theosophie anzuregen. Olcott führte die Art der theosophi­schen Arbeit in den wichtigsten Punkten vor die Seele der Versammelten. Er charakterisierte die Bedeutung des Haupt-quartiers in Adyar, die daselbst befindliche Bibliothek mit al­ten Manuskriptschätzen und einer reichen Büchersammlung, in denen man schätzenwertestes Material findet für das Stu­dium des Okkultismus, der verschiedenen Religionen usw. - In seiner Rede war es Olcott insbesondere darum zu tun, den allgemein-menschlichen Charakter der Gesellschaft zu be­tonen. Sie wolle sich fernhalten von allem, was irgendwie zu einer Disharmonie zwischen Mensch und Mensch Anlaß ge­ben könnte. In ihre Bestrebungen solle nichts aufgenom­men werden, was mit den einseitigen, speziellen Interessen des Geschlechtes, der Rasse, des Standes, des Bekenntnisses usw. etwas zu tun habe. Die Gesellschaft als Ganzes solle über den Leistungen, dem Ansehen usw. einzelner Führer und Lehrer derselben stehen. Man solle einzelne Personen nicht auf ein Piedestal stellen und von ihnen absolute Vollkommen­heit erwarten, und man solle nicht gleich enttäuscht sein, wenn man Fehler findet bei solchen, bei denen man sie nicht erwar­tet habe. Gegen besondere Fragen, Richtungen und Anschau­ungen solle man sich so verhalten, daß niemals die breite Grundlage der Gesellschaft aus dem Auge verloren gehen kann. Esoterische, freimaurerische usw. Strömungen gehen die Gesellschaft nichts an. Diese könne sich nur mit dem umfassenden

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Ziele, das zur menschlichen Bruderschaft führt, beschäftigen und dürfe sich nicht mit einer der genannten Richtungen identifizieren. (Es wird hier ausdrücklich be­merkt, daß im obigen ein objektiver Bericht gegeben werden soll, daß also die Ausführungen des Präsidenten sachlich wiedergegeben werden, und daß der Berichterstatter seine eigenen Anschauungen nicht in den Bericht einmischt.) - Der Präsident las seine Ansprache in englischer Sprache. Sie wurde in französischer Sprache durch Herrn Jules Siegfried fils wiederholt.

Nach dieser «Präsidialadresse» folgten die Begrüßungen der Repräsentanten der einzelnen Gegenden in den entspre­chenden Sprachen, wie das oben bereits geschildert worden ist.

Um die Geschäfte des Kongresses machte sich auch in die­sem Jahre der ständige Sekretär der Föderation Johan van Manen verdient. Es muß gesagt werderi, daß J. van Manen den besonderen Dank der Gesellschaft verdient für seine hin­gebungsvolle Arbeit. Er muß ja schon viele Monate vor der Versammlung jedes Jahr die umfangreichen Korresponden­zen mit allen Sektionsleitungen und vielen einzelnen Mitglie­dern führen. Er muß die schwierigen Arrangements besor­gen. Und J. van Manen hat sich nun bereits zum dritten Male in seiner gefälligen und sympathischen Art dieser Aufgabe unterzogen.

Am Nachmittage des 3. Juni, von 22/4 bis 5 Uhr, fand die erste der allgemeinen Debatten statt. Es wurde da über zwei Fragen debattiert:

1. «In welchem Maße ist die Theosophische Gesellschaft nur eine Gruppe von Menschen, welche nach der Wahrheit suchen, in welchem Maße vereinigt sie in sich Lernende oder solche, die eine bestimmte Richtung der Geisteswissenschaft propagieren oder ihr anhängen?»

2. «Wenn die Theosophische Gesellschaft keinerlei Dog­men hat, so werden in ihr - mit vollem Recht - doch Autori­täten anerkannt. Ist der relative Wert dieser Autoritäten lediglich

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eine Frage der individuellen Annahme? Auf welche Ei­genschaften oder Fähigkeiten hin sollten solche Autoritäten gelten?»

In der Debatte kamen die verschiedensten Ansichten zum Ausdruck, von der strikten Ablehnung jeglicher Autorität bis zur Betonung der Notwendigkeit einer solchen. Augen­blicklich scheint, das war in der Debatte zu bemerken, eine starke Strömung nach der Ansicht hin zu gehen, daß es ge­fährlich sei, zu sehr auf Autoritäten zu bauen. Doch auch die­jenigen meldeten sich zum Worte, welche anerkennen, daß jene notwendige Autorität nicht mißachtet werden dürfe, welche sich überall da ergibt, wo diejenigen, die schon in irgendeiner Erkenntnis vorgeschritten sind, auf solche wir­ken sollen, die erst noch in der einen oder andern Beziehung zu lernen haben. Die Beteiligung an der Debatte war eine sehr rege; die dritte in Aussicht genommene Frage konnte gar nicht mehr in Angriff genommen werden. Sie sollte nach dem Programm lauten: «Soll der moralische Charakter eines Men­schen von Einfluß sein bei seiner Zulassung zur Theosophi­schen Gesellschaft? Können Personen, deren Moralität mit den herrschenden gesellschaftlichen Anschauungen nicht übereinstimmt, innerhalb der Theosophischen Gesellschaft sein? Kann es in dieser Richtung irgendwelche allgemeinen Regeln geben?»

Bertram Keightley führte bei dieser Debatte in seiner sym­pathischen und umsichtigen Art den Vorsitz.

Am Abend desselben Tages fanden zwei Vorträge statt. Den ersten hielt Mr. G.R. S. Mead, der gelehrte Kenner der Gnosis. Er sprach über «die Religion des Geistes». Er ging von seinen viele Jahre seines arbeitreichen Lebens umfassen­den Studien über die theosophisch-gnostischen Lebensauf­fassungen zur Zeit der Entstehung des Christentums aus. Er erklärte das Wesen der Lehren des Hermes Trismegistus und seiner Bekenner. Durch diese Lehren sollte eine Weisheit ge­funden werden, die unter vollkommener Harmonie von Kopf und Herz die Seele des Menschen bis zu ihrer Vereinigung

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mit dem «höheren göttlichen Selbst» führt. Eine Religions-art, die, auf