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AUFSÄTZE AUS «DEUTSCHE WOCHENSCHRIFT»

#G031-1966-SE017 - Gesammelte Aufsätze zur Kultur- und Zeitgeschichte 1887 - 1901

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AUFSÄTZE AUS «DEUTSCHE WOCHENSCHRIFT»

Die Woche, 30. Dezember 1887-5. Januar 1888

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Die amtlichen Neujahrsempfänge, wie sie in Berlin, Paris, Pest usw. üblich sind, haben einigermaßen zur Beruhigung der Gemüter über die allgemeine Lage beigetragen. Es wurden fast durchgebend Reden gehalten, welche der Hoff­nung auf Erhaltung des Friedens mehr oder weniger zuver­sichtlichen Ausdruck gaben, und wenn man die gegenwärtigen Zustände auch keineswegs als sehr erfreuliche bezeichnet, so legt man doch Nachdruck darauf, daß die Zeiten noch durchaus nicht so ernst geworden, daß die Lösung der obwaltenden Verwicklungen nur noch durch einen Krieg möglich sei. Freilich liegt in derartigen Bemerkungen nur ein schwacher Trost, und angesichts der in jeder Beziehung auffallenden und ungewöhnlichen militärischen Vorgänge in Rußland bleibt es unmöglich, sich aller Besorgnisse über die Zukunft zu ent­schlagen. Als die wichtigste der politischen Neujahrsreden gilt diejenige, mit welcher Ministerpräsident v. Tisza die Glückwünsche seiner Partei erwiderte. Wie jedes Jahr hatten sich die Mitglieder der liberalen Partei auch heuer bei Tisza eingefunden, um ihm zu gratulieren, und auf eine herzliche Ansprache des Grafen Bela Bánffy entgegnete der Ministerpräsident zunächst, indem er den Herren seinen Dank aus­sprach, er habe das Bewußtsein, daß die Fahne des Liberalis­mus in seinem Vaterlande immer werde hochgehalten werden. Der Fortschritt im Lande könne nicht geleugnet werden, und der ungarische Staat kräftige sich von Jahr zu Jahr. Auch die Regelung der Finanzen werde gelingen, falls die Weltlage nicht gestört werde. «Aber», fügte Herr v. Tisza

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hinzu, und damit kam er auf die äußere Politik zu sprechen, «die Bedingung ist eine solche, für welche niemand gutstehen kann. Ich meinerseits schließe mich nicht jenen an - und dies sage ich ganz aufrichtig -, welche die Gefahr eines Krieges als vor uns stehend betrachten. Ich hoffe auch heute noch, daß wir dieser Gefahr entgehen werden... Ich halte es nicht für gerechtfertigt, im Tone der Pessimisten zu sprechen, würde es aber, wenn ich auch das Bessere hoffe, wieder für einen Fehler halten, den Optimismus zu verbreiten, denn der Optimismus lähmt oft die Widerstandskraft, die wir, ich will hoffen, daß nicht - aber möglicherweise dennoch nötig haben werden». Man sieht, Tiszas Ausdrucksweise ist so vorsichtig wie möglich. An der Wiener Börse erregte seine Rede anfangs geradezu Schrecken, da das Telegraphen-Korrespondenz­bureau an der bedeutsamsten Stelle: «Ich meinerseits schließe mich nicht jenen an . . .», das Wörtchen «nicht» ausgelassen hatte, und die Kurse erfuhren heftige Rückgänge. Als die Richtigstellung erfolgt war, erholten sich die Papiere wieder.

Als ein friedliches Zeichen wird auch die wiederholte Bemerkung Kaiser Wilhelms beim Empfange der deutschen Generale gedeutet, daß die Hauptaufmerksamkeit derselben heuer die Kaisermanöver in Anspruch nehmen würden. Allein auch in dieser Äußerung liegt keine Versicherung, welche alle Gefahr zu beseitigen vermöchte. Und so geht Europa einer Zeit entgegen, die unsicher und dunkel ist, und Rußland wird andere Beweise seiner Friedensliebe geben müssen als bisher, ehe sich seine Nachbarn wieder etwas sorgloser ihren inneren Angelegenheiten hingeben können.

Der deutsche «Reichsanzeiger» veröffentlichte die gefälsch­ten Aktenstücke, welche dem Zaren übergeben wurden, um die deutsche Politik der Unehrlichkeit zu überführen. Es sind

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dies angebliche Briefe des Fürsten Ferdinand von Bulgarien an die Gräfin von Flandern, von denen sich herausgestellt, daß sie in Wahrheit niemals von dem Fürsten geschrieben wurden, und denen unter anderem ein gefälschtes Schreiben des deutschen Botschafters in Wien beilag, in welchem dem Fürsten die offiziöse Unterstützung des Deutschen Reiches zugesagt war.

Das fünfzigjährige Priesterjubiläum, das Papst Leo XIII. am 31. Dezember feierte, verlief in glänzender Weise, und von allen Teilen der Erde waren Abordnungen mit Geschen­ken nach Rom gezogen, um dem Oberhaupte der Christenheit zu huldigen. Die meisten europäischen Monarchen waren durch außerordentliche Gesandte vertreten. Einen Mißton brachte in das Fest nur das unerquickliche Verhältnis des Papstes zu Italien, und Leo XIII. glaubte es sich nicht ver­sagen zu sollen, das italienische Königreich in einer Rede anzugreifen. Der Bürgermeister von Rom, Herzog von Torlo­nia, wurde seines Amtes von der Regierung entsetzt, weil er ohne Auftrag dem Papste die Glückwünsche der Stadtgemein­de hatte übermitteln lassen.

In Serbien ist ein Ministerwechsel eingetreten. Nachdem Ristic infolge eines Konilikts mit der radikalen Partei seine Entlassung genommen, bildete der König ein neues Ministe­rium mit Sava Gruitsch als Ministerpräsidenten und Kriegs­minister und Oberst Franassovic als Minister des Äußern. Die neue Regierung hat ganz die österreichfreundiiche Politik Milans angenommen.

Wenige Tage nach Neujahr starb in Ungarn der Präsident des Oberhauses und Judex curiae Baron Paul Sennyey, seinerzeit als Führer der Konservativen der «schwarze Baron» genannt. Sennyey war lange ein erklärter Gegner Tiszas, als

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aktiver Politiker hat er indessen in dem letzten Jahre keine hervorragende Rolle mehr gespielt.

Noch möge des Jubiläums gedacht sein, welches die «Times» zu Neujahr feierte: am I. Januar waren es hundert Jahre, daß sie zum erstenmal unter ihrem gegenwärtigen Titel erschien, und mit nicht unberechtigtem Stolze konnte das Cityblatt, die größte und einflußreichste Zeitung Englands und der ganzen Welt, auf die hundert Jahre zurückblicken, während deren sie der öffentlichen Meinung gedient.

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Die Woche, 5.-11. Januar 1888

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Eine wesentliche Veränderung in den Beziehungen Öster­reichs zu Rußland scheint noch nicht eingetreten zu sein. Die Dinge stehen auf dem alten Flecke. Man hat versucht, aus der vorzeitigen Entlassung des ältesten Jahrgangs des russischen Gardekorps, die jetzt erfolgen soll, Kapital zu schlagen, allein die allgemeinen Rüstungen in Rußland, von denen ab und zu immer neue Meldungen in die Welt dringen, lassen die Hoffnungen auf Erhaltung des Friedens nicht recht aufkom­men. Österreich bleibt nach wie vor zurückhaltend. Auch auf den letzten Minister-Konferenzen, die in Wien stattfanden, und an denen die ungarischen Minister Tisza und Fejervary teilnahruen, wurden keine weitergehenden Beschlüsse gefaßt. Das einzige, was einer Vorbereitung zum Kriege ähnlich sieht, ist die Einberufung der Reservisten in Österreich und Ungarn zu einer außerordentlichen siebentägigen Waffenübung be­hufs Einübung mit dem Repetiergewehr. Der dazu nötige Gesetzentwurf ist schon dem ungarischen Abgeordnetenhause zugegangen und wird nächstens im Reichsrate vorgelegt werden.

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Indessen wäre eine solche Maßregel wahrscheinlich um dieselbe Zeit auch unter friedlicheren Verhältnissen getroffen worden.

Es sind fast nur politische Kleinigkeiten, die im übrigen die Stille der Woche unterbrochen haben. Die Feiertagsstimmung wirkt noch nach. Die Eröffnung einer schönen Jubiläums-Ausstellung im Vatikan, ein schnell unterdrückter Putsch in Burgas - darauf beschränkt sich so ziemlich die Auslese im Auslande. Wichtiger können die Verhandlungen werden, die eben wieder zwischen den deutschen und tschechischen Landtags-Abgeordneten in Böhmen geführt werden sollen. Eine Verständigung ist zwar kaum zu erwarten, die Gegen­sätze sind zu groß. Aber man dürfte wenigstens genauer erfahren, was die Tschechen gegenüber den deutschen Forde­rungen zu bieten haben. Inzwischen begingen die Deutschen in Prag aufs Festlichste die Feier der Eröffnung ihres neuen Theaters. Das Haus war an beiden Festabenden mit einer glänzenden Gesellschaft gefüllt, in welcher sich auch der Statthalter Baron Kraus und der Oberst-Landmarschall Fürst Lobkowitz befanden. Am ersten Abend wurden die «Meistersinger», am zweiten ein Gelegenheits-Lustspiel von Alfred Klaar und «Minna von Barnhelm» gegeben. Von der tsche­chischen Bevölkerung wurde die Feier in keinerlei Weise gestört. Nach der Vorstellung am zweiten Tage fand ein Festbankett statt, auf welchem Dr. Schmeykal in einer großen Rede die Bedeutung der Feier darlegte. Er schloß mit einem Hoch auf das deutsche Volk in Böhmen. Professor Knoll, Dr. Hermann aus Dresden und Dr. Klaar folgten dem Führer der Deutschböhmen mit erhebenden Trinksprüchen.

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Die Woche, 12.-18. Januar 1888

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Zar Alexander drückte in einem Schreiben an den Gouverneur von Moskau die zuverläßliche Hoffnung aus, daß auch in diesem und in den künftigen Jahren der Friede gestatten werde, in Rußland alle Kräfte dem innem Gedeihen zu widmen. Diese Worte bilden die verhältnismäßig erfreulichste Friedensbotschaft, welche das neue Jahr bislang gebracht, und wenn der Zar seinem Moskauer Statthalter nicht einfach eine Phrase sagen wollte, dergleichen man wohl zum Jahres­wechsel gebraucht, ohne tieferen Sinn in sie zu legen, so hätte Europa Grund, für einige Zeit ein wenig aufzuatmen. Der Zar gilt als ein Mann, der zu stolz ist, um nicht aufrichtig zu sein, und da niemand außerhalb Rußlands ernstlich glaubt, der Friede könne anderswoher eine Störung erleiden als von St. Petersburg aus, betrachtet man diese Kundgebung als ein angenehmes Zeichen, daß sich die Lage im allgemeinen gebes­sert habe. Ob dieser Schluß richtig ist, das kann freilich erst die Zukunft erweisen, denn so unzweideutig hat der Zar seinen Willen, mit seinen Nachbarn Frieden zu halten, nicht erklärt, daß man sich nun aller Besorgnisse zu entschiagen vermöchte. Eine feierliche Erklärung, wie man sie vom Zaren von verschiedenen Seiten zum griechischen Neujahr erwartet, ist nicht erfolgt. Mehrere russische Würdenträger, wie Graf Tolstoi, der Minister des Innern und der Generalprokurator der Synode, Pobjedonoszew, wurden mit hohen Orden aus­gezeichnet; im übrigen blieb es in Rußland still, nur die Truppenbewegungen und die Anhäufung von unterschied­lichem Kriegsmaterial an den Südgrenzen scheinen keine Unterbrechung erfahren zu haben.

Ziemlich hoffnungsvoll wie der Zar, aber ebensowenig

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bestimmt und entschieden, sprach sich auch Salisbury auf einem Bankette der Konservativen in Liverpool über die Entwicklung der Zustände auf dem Kontinente aus. Er meinte, die europäische Lage habe sich zum Bessern gewendet, und der Friede sei jedenfalls für die nächste Zukunft ge­sichert; die Souveräne und Minister setzten sich mit aller Energie für die Aufrechterhaltung des Friedens ein. Solche Äußerungen sind wieder typisch geworden unter Staatsmän­nern und Fürsten, und beständen die Tatsachen allseitiger Rüstungen nicht, so vermöchte man sich ihnen immerhin mit größerem Vertrauen hinzugeben. Bloß aus Sofia dringt ein kriegerischer Klang. Beim Neujahrsempfange hielt Fürst Ferdinand eine Ansprache an die Offiziere der Garnison der Hauptstadt, in welcher er sagte, er sei mit Denken und Fühlen Bulgare geworden, und er werde seine Sache niemals von derjenigen Bulgariens trennen. Wenn er im laufenden Jahre gezwungen sein sollte, das Schwert zu ziehen, so würde die bulgarische Armee unter seiner Führung der Welt zeigen, daß die Bulgaren zu sterben wüßten für ihre Fahne und für die Verteidigung des Vaterlandes.

Im ungarischen Abgeordnetenhause waren die Beziehun­gen Österreichs zu Rußland Gegenstand zweier Interpella­tionen von Helfy und Perczel. Die Reden, mit denen die beiden Abgeordneten ihre Anfragen begründeten, wendeten sich scharf gegen Rußland, und nicht weniger kategorisch lauteten die Worte der Interpellationen selbst. Helfy fragte die Regierung, ob sie von den russischen Kriegsrüstungen genaue Kenntnis besitze, ob das Auswärtige Amt in Wien Schritte getan, um von Rußland den Zweck dieser Rüstungen zu erfahren usw. Perczel verlangte geradenwegs, Rußland solle entschieden aufgefordert werden, seine Rüstungen

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einzustellen und seinen Truppenstand an den Grenzen zu reduzieren. Ministerpräsident v. Tisza dürfte die beiden Anfragen demnächst beantworten. Der Heeresausschuß des Ab­geordnetenhauses beschäftigte sich in den letzten Tagen mit dem Gesetzentwurf über die außerordentliche Einberufung der Reservisten zur Einübung mit dem Repetiergewehr. Der Entwurf wurde in der Hauptsache angenommen. Bei dieser Gelegenheit teilte Minister Fejervary mit, daß bisher 90 000 Repetiergewehre mit dem Kaliber von II Millimetern fertig seien, mit denen zwei Armeekorps versehen wurden. Jetzt ist das Abgeordnetenhaus in die Budgetdebatte eingetreten.

Nun ist auch der österreichische Reichsrat einberufen, und zwar für den 25. Januar, und allenthalben regt es sich wieder in der innern Politik. Es scheint, daß sich das österreichische Abgeordnetenhaus schon in einer seiner ersten Sitzungen mit einem Antrage zu befassen haben wird, welchen Fürst Alois Liechtenstein auf Einführung der konfessionellen Schule stel­len will. In einer Kaindorfer Wählerversammiong erklärte er wenigstens> seine Partei sei entschlossen, diesen Antrag schon zu Beginn der nächsten Reichstagssession einzubringen.

Die Landtage arbeiten zum Teil noch weiter. In der Prager Landstube kam es am 13. Januar zu stürmischen Szenen, welche dadurch hervorgerufen wurden, daß die Aristokraten bei der Abstimmung über den Antrag Vataschys auf Einführung der sprachlichen Gleichberechtigung sitzenblieben. Die Jungtschechen ballten darob die Fäuste gegen die Großgrundbesitzer und riefen ihnen zu: «Ist das der tschechische Adel? Die tschechische Nation wird sich's merken! Schmach unserem Adel! » Und so weiter. Es entstand ein Tumult im Hause, und der Vorsitzende mußte die Galerien räumen lassen. Einige Tage später wurde ein Antrag Mattuschs auf

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Dezentralisation des Volks- und Mittelschulwesens angenom­men. Auch der galizische Landtag ließ es sich angelegen sein, seine Stimme mehr als einmal zur Erweiterung der Landes-autonomie zu erheben.

Von zwei Ergänzungswahlen für den Reichsrat in Linz und in Kuttenberg fiel die erstere zugunsten des deutschliberalen Grafen Kuenburg aus, der gegen einen Klerikalen und einen Antisemiten kandidiert hatte. In der anderen Wahl siegte der Jungtscheche Dr. Herold gegen seinen alttschechischen Gegner.

Der Preußische Landtag wurde am 14. Januar mit einer Thronrede eröffnet. Einer der ersten Sätze galt dem Kron­prinzen, auf dessen Genesung die Hoffnungen bestehen-blieben. Indem die Rede zu den innern politischen Angelegen­heiten überging, bemerkte sie, daß die Finanzlage des Staates sich sehr günstig gestaltet habe, und daß die Erhaltung des Gleichgewichts der Einnahmen und Ausgaben gesichert er­scheine, «soferne nicht unberechenbare Ereignisse störend dazwischentreten». Die verfügbaren Mittel seien u. a. zur Verbesserung der Lage der Geistlichen und der Beamten, vor allem aber zu einer Erleichterung des Druckes der Kommunal-und Schullasten in Anspruch zu nehmen. Dann stellt die Rede noch mehrere Vorlagen., wie über die Herstellung neuer Schle­nenverbindungen, in Aussicht. Das Budget, welches dem Ab­geordnetenhause vorgelegt wurde, setzt die Ausgaben und Einnahmen mit i 410 700 000 Mark an.

Dem Deutschen Reichstage ist der schon vor längerer Zeit angekündigte Entwurf, betreffend die Verlängerung des Sozialistengesetzes, zugegangen. Darnach wird die Geltungs-dauer des Gesetzes bis zum 30. September 1893 verlängert und mehrere Verschärfungen vorgenommen. Neben der Freiheitsstrafe

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kann fortan auch auf Aufenthaltsbeschränkung in einem bestimmten Orte erkannt werden. Die Staatsangehörig­keit kann dem Schuldigen entzogen und derselbe aus dem Bundesgebiete ausgewiesen werden. Diesen Bestimmungen schließen sich noch einige andere an. In der Begründung zu dem Gesetze heißt es, daß diese Verschärfungen notwendig geworden, weil die Sozialdemokratie durch die bisherigen Maßregeln an Kraft und Ausdehnung nicht verloren habe.

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Die Woche, 18.-24. Januar 1888

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Obwohl sich die allgemeine Lage in keinem wesentlichen Umstand geändert und noch kein Staat von seinen Rüstungen etwas zurückgenommen hat, scheint sich die ruhigere und hoffnungsvollere Stimmung befestigen zu wollen, die seit einiger Zeit eingetreten ist. Mancherlei private und amtliche Äußerungen hochgestellter Persönlichkeiten tragen dazu bei, wenigstens die schlimmsten Befürchtungen zu beseitigen. Fürst Bismarck soll bei einem Diner zu einem Miteigentümer der «Norddeutschen Allgemeinen Zeitung», Herrn v. Ohlen­dorff, bemerkt haben, nach seiner innersten Überzeugung werde Deutschland in den nächsten drei Jahren keinen Krieg haben. Und Kaiser Wilhelm streifte beim Empfange der Präsidenten des Preußischen Landtages die äußere Politik mit den Worten, daß er hoffe, daß der Friede erhalten bleiben werde. Derartige Bemerkungen wirken für den Augenblick immer beruhigend; man kann das am deutlichsten an den Börsen beobachten. Leider gelten sie oft auch nur für kurze Zeit, und Tatsachen vermögen die gründlichsten Überzeu­gungen zunichte zu machen. Man muß es schon als einen Gewinn betrachten, wenn sich die Aussichten nicht geradezu

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verschlechtern, und dies ist, wenn man der Stille in der äußeren Politik trauen darf, allerdings nicht der Fall. Zwischen Rußland und Österreich ist das Verhältnis das alte geblieben, und es wird noch geraume Welle brauchen, ehe auf diesem Gebiete eine nachhaltigere Klärung eintritt. Die deutsch-französischen Beziehungen dagegen leiden dermalen nicht mehr so stark unter der Nervosität der öffentlichen Meinung, wie sie bei dem Zwischenfalle Schnaebele zutage trat. Es wird das durch die Gleichgültigkeit bewiesen, mit welcher ein neuer unangenehmer Vorfall an der deutsch­französischen Grenze von beiden Seiten behandelt wird. Ein Franzose jagte in dem Grenzgebiete und wurde nach franzö­sischer Darstellung von einem deutschen Zollwächter über­fallen, zu Boden geworfen und seines Gewehres beraubt. Daß Paris darüber nicht sofort in Entrüstung geriet, ist ein erfreuliches Zeichen, daß man auch dort zu Zeiten solche Ereignisse nicht mehr allein aus dem Gesichtswinkel natio­naler Leidenschaft betrachtet, sondern Besonnenheit genug besitzt, nicht für jede Handlung eines untergeordneten Be­amten die deutsche Reichsregierung verantwortlich zu machen.

In den meisten Staaten ist die Woche ziemlich ruhig vorübergegangen. Die Parlamente widmen ihre Tätigkeit der Erledigung der laufenden Angelegenheiten. Nun versammelt sich auch der Österreichische Reichsrat wieder, der sich viel­leicht bald mit der konfessionellen Schule zu befassen haben wird, und der auch noch den Staatsvoranschlag durchzube­raten hat. Es sind nicht die besten politischen und nationalen Auspizien, unter denen das österreichische Parlament seine Arbeiten wieder aufnimmt; die Ausgleichsverhandlungen zwischen Deutschen und Tschechen in Böhmen sind geschei­tert, und daß dergestalt die wichtige böhmische Frage weiter

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von ihrer Lösung entfernt ist denn je, drückt den Zuständen in Österreich überhaupt seinen Stempel auf. Am 22. Januar beriet das Exekutiv-Komitee der deutschböhmischen Land­tags-Abgeordneten in Prag über die letzten Vorschläge des Fürsten Lobkowitz und beschloß, auf die Wahl von Delegier­ten zu weiteren Verhandlungen nicht einzugehen. Dr. Schmey­kal erhielt den Auftrag, diesen Beschluß dem Oberst-Land-marschall mitzuteilen. Damit ist die «Versöhnung» in die Brüche gegangen. Über den Inhalt der Unterhandlungen, die vom Fürsten Lobkowitz mit den Deutschen geführt wurden, gibt ein Briefwechsel näheren Aufschluß, der zwischen Lobko­witz und Dr. Schmeykal stattgefunden. Die Briefe wurden soeben veröffentlicht, und es geht aus ihnen hervor, daß die tschechischen Parteien gar nicht daran dachten, die Forde­rungen der Deutschen zu erfüllen. Was die Tschechen an Zugeständnissen boten, enthielt nicht die Hälfte von dem, was die Deutschen verlangten, und namentlich lehnten sie es ab, auf die deutschen Landtagsanträge einzugehen, welche die Aufhebung der Sprachenverordnungen und die vollständige nationale Zweitellung des Landes zum Gegenstande hatten. So blieb den Deutschen nichts übrig als zurückzutreten. Das letzte Schreiben Dr. Schmeykals an den Fürsten Lobkowitz schließt mit folgenden Sätzen: « In der uns übergebenen Zuschrift vom 5. Januar d. J. wird uns mitgeteilt, daß die Vertreter der beiden anderen Landtagsklubs außerstande seien, die von uns gewünschte prinzipielle Zustimmung zu unseren Landtagsanträgen auszusprechen, und daß ihnen auch die in unserem Schreiben vom 19. Dezember 1887 ent­haltenen Gegenvorschläge nicht alle so geartet erscheinen, daß man die Annahme derselben nach unseren Wünschen bei der in Aussicht genommenen Konferenz erwarten könnte.

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So lebhaft unser Wunsch ist, zu einer Verständigung über die Bedingungen unseres Wiedereintritts in den Landtag zu gelangen, welche eine friedliche Gestaltung der Verhältnisse im Lande versprechen, so aufrichtig ist nun auch unser Be­dauern, gegenüber jener Stellungnahme der Vertreter der Landtagsmehrheit, im Zusammenhange mit unseren früher mitgeteilten Beschlüssen und den hier vorausgeschickten Aus­führungen, die offene Erklärung abgeben zu müssen, daß wir in die vom Herrn Oberst-Landmarschall vorgeschlagene Kon­ferenz nicht einzugehen und daher auch der an uns ergangenen Einladung zur Wahl unserer Vertreter für jene Konferenz nicht zu folgen vermögen. Es möge uns gestattet sein, an diese Erklärung die Versicherung zu reihen, daß wir bei der von der anderen Seite so oft betonten Bereitwilligkeit, den Weg der Verständigung mit uns zu betreten, nicht erwartet hätten, jedes grundsätzlichen Entgegenkommens der Landtagsmehr­heit entbehren zu müssen und ihr Zugeständnis auf eine formale Zulassung beschränkt zu sehen, welche wohl eine Beratung unserer Vorschläge gestattet, uns aber nicht die mindeste sachliche Befriedigung gewährt. Erwägen wir alle einer grundsätzlichen Annahme unserer Vorschläge entgegen­tretenden Schwierigkeiten, so können wir den Grund der­selben doch nur in staatsrechtlichen Auffassungen finden, welchen wir zu folgen allerdings außerstande sind. Indem wir die Erklärung unserer Bereitwilligkeit wiederholen, ,In­ter den von uns im Zuge des bisherigen einleitenden Verkehrs entwickelten Voraussetzungen auf Verhandlungen über die Bedingungen unseres Wiedereintritts in den Landtag einzu­gehen, schließen wir mit dem aufrichtigen Ausdrucke des Dankes für die bestgemeinten Absichten Sr. Durchlaucht des Herrn Oberst-Landmarschalls.»

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Die Woche, 25.-31. Januar 1888

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Herr von Tisza hat im Ungarischen Reichstage am 28. Januar die Anfragen beantwortet, welche die Abgeordneten Helfy und Perczel von der äußersten Linken über die allgemeine Lage an ihn gerichtet. Irgendeine Enthüllung, eine bemerkens­werte Neuigkeit brachte die Tiszasche Rede nicht, allein sie umschrieb nochmals mit ziemlicher Deutlichkeit den Stand­punkt Österreichs in der äußeren Politik und das Verhältnis des Reiches zu Deutschland und Rußland - so deutlich, wie sich eben der verantwortliche Leiter einer Regierung unter den kritischen Zuständen der Gegenwart auszusprechen ver­mag. Gleich am Anfange seiner Ausführungen erklärte der Ministerpräsident, daß er sich bedeutende Zurückhaltung auf­erlegen müsse, selbst eine Regierung wie die englische sei dermalen dazu gezwungen. Er warne jedermann sich von den einander oft ganz widersprechenden Zeitungsgerüchten beunruhigen zu lassen. Man dürfe sich durch dieselben nicht irreführen lassen; so sei kein wahres Wort daran, daß der Minister des Äußern bezüglich seiner politischen Entschei­dungen Einmischungen und Konflikten ausgesetzt sei, und ebenso sei kein Sterbenswörtchen wahr davon, daß der Kriegsminister bei seiner, Tiszas, letzten Anwesenheit in Wien um einen Kredit für militärische Vorbereitungen nach-gesucht habe, der ihm infolge von Tiszas Widerspruch ver­weigert worden. Und so sei es auch mit der Frage, ob Österreich-Ungarn auf seine Verbündeten rechnen dürfe. Es müsse offenbar im Interesse irgend jemandes liegen, den Frieden zu stören, da fortwährend Gerüchte ausgestreut würden, welche das Vertrauen der verbündeten Mächte zu­einander zu erschüttern geeignet wären. «Diesen Ausstreu­ungen»,

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versicherte Tisza, «steht die Tatsache gegenüber, daß nicht der geringste Grund vorhanden ist, daß irgend jemand an der gegenseitigen bona fides der zur Aufrecht­erhaltung des Friedens und zu ihrer eigenen Sicherheit ver­bundenen Mächte zweifeln könne. Daß Rußland», fuhr er alsdann fort, «eine einschneidende Dislokation und Ver­legung seiner Truppen gegen Westen vornimmt, ist sattsam bekannt, sowie auch daß die Durchführung dieses seit län­gerer Zeit bestehenden Planes in der Richtung der Grenzen dieser Monarchie in neuerer Zeit in größerem Maße erfolgte. Eben deshalb, jedoch ohne irgendeinen Zweifel in die fried­fertigen Erklärungen Sr. Majestät des Kaisers von Rußland und in dessen wohlwollende Absichten zu setzen, und indem wir selbst die von russischer Seite gegebenen Interpreta­tionen, welche in betreff jener Truppenbewegungen jede aggressive kriegerische Absicht bestreiten, so weit annehmen, als es die Vorsicht für die eigene Sicherheit gestattet, ist es unsere Pflicht, dafür zu sorgen, daß bei Vermeidung all dessen, was den Schein einer Provokation haben könnte, das für alle Fälle Nötige geschehe, was die Sicherung unserer Grenzen und die Wehrfähigkeit unserer Armee erfordert. Die Ziele und Prinzipien unserer auswärtigen Politik sind den Völkern der Monarchie und aller Welt bekannt. In dieser Hinsicht habe ich mich geäußert und hat sich auch der Mi­nister des Äußern ausgesprochen. Jeder weiß es, daß wir für uns gar nichts, weder eine vertragswidrige Ausdehnung unseres Einflusses, noch gar irgendeinen Territorialzuwachs anstreben, wie dies uns lügnerischerweise zugeschrieben wird. Auf der Basis der internationalen Verträge stehend, wün­schen wir vor allem die Erhaltung des Friedens und werden auch im Interesse desselben stets bereit sein, in versöhnlichstem

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Sinne im Vereine mit den übrigen europäischen Mächten behufs Erhaltung der vertragsmäßigen Zustände mitzuwirken. Ich kann nur wiederholen, was schon seitens der Regierungen wiederholt gesagt wurde, daß das Bündnis der mitteleuropäischen Mächte nie etwas anderes war als ein entschiedenes Friedensbündnis auf rein defensiver Basis und deshalb ebenso der gewaltsamen Durchführung bestimmter politischer Fragen wie jedem aggressiven Vorgehen fernsteht. Da auch von Rußlands maßgebendster Stelle die frieclichsten Absichten verkündet werden, können wir, indem wir zugleich die Lebensinteressen unserer Monarchie wahren, trotz man­cher zur Zwietracht und zum Kriege treibender Elemente, hierauf die Hoffnung gründen, daß es den friedliebenden Monarchen und Regierungen gelingen werde, den Frieden zu erhalten und Europa von dem schwer auf demselben lasten­den Gefühle der Unsicherheit zu befreien.»

Tiszas Antwort wurde vom Abgeordnetenhause mit leb­haftem Beifalle begrüßt und einstimmig zur Kenntnis genom­men. Auch die Herren Helfy und Perczel erklärten sich von ihr befriedigt. Helfy fügte seinen zustimmenden Bemerkun­gen hinzu, daß man im Auslande Ungarn verkenne, wenn man meine, die öffentliche Meinung dieses Landes lasse sich in ihrer Haltung gegen Rußland von Haß und Rachedurst leiten: «Der Tag, an welchem das ungarische Volk sich mit seinem Herrscher versöhnte, überantwortete die vergangenen Ereignisse der Geschichte. Wenn wir gegen die Ausdehnungs-politik Rußlands sprechen, so denken wir nicht an Vilagos, nicht an die Vergangenheit, sondern an die Zukunft nicht bloß Ungarns sondern der gesamten Monarchie und des Thrones. »

Es wäre ungemein wünschenswert, wenn sich die Äußerungen

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des ungarischen Ministerpräsidenten über die Frie­densliebe des Zaren bestätigten. Auch wenn die Kriegspartei in Rußland noch so einflußreich ist, ein russischer Monarch bleibt Herr seiner Entschließungen, die Umstände lägen denn schon verzweifelt, und eine friedfertige Gesinnung des Zaren vermöchte drum wohl auf lange hinaus Europa vor dem Un­heil eines großen Krieges zu behüten. Aber was in Rußland ununterbrochen militärisch vorgeht, ist nicht dazu angetan, im Auslande Beruhigung zu verbreiten. Man vermag sich des Eindrucks nicht zu erwehren, daß die russische Heeresver­waltung alle Vorkehrungen treffe, um im gegebenen Augen­blick sofort mobilisieren zu können, so zwar, daß es an Raschheit hinter seinen schlagfertigeren Nachbarn nicht zu­rückbleibe. Ein Tagesbefehl des russischen Kriegsministers verfügt die schon früher beschlossene Zuteilung von General­stabsoffizieren zu sämtlichen Brigadeverwaltungen; Aufgabe dieser Offiziere sei es, wie ausdrücklich betont wird, das Material zur Mobilisierung vorzubereiten, die Übungen der Reservebataillone zu leiten usw. Nach nicht amtlichen Mit-teilungen steht es außer Zweifel, daß die Rüstungen auch anderweit fortgesetzt werden. Zugleich wird soeben in Peters­burg eine alljährlich stattfindende Versammlung der General-gouverneure und Bezirkskommandanten unter dem Vorsitze des Großfürsten Nikolaus des Ältern, des Oberbefehlshabers im Kriege gegen die Türkei, zu besonderen Konferenzen «benutzt». Die bekanntesten Truppenführer befinden sich unter den Beratenden. Mag sein, daß durch dergleichen Tat­sachen nicht unmittelbar Gefahr droht, sie für friedensver­heißend zu halten, haben die europäischen Staaten jedenfalls nicht den geringsten Grund.

Inzwischen wurde der Österreichische Reichsrat wieder eröffnet,

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und noch in der ersten Sitzung des Abgeordnetenhauses am 25. Januar legte Prinz Alois Liechtenstein im Namen des Zentrumklubs den längst angekündigten Gesetzentwurf über die Wiedereinführung der konfessionellen Schule vor. Dieses «Reichsvolksschulgesetz» bestimmt die «Grundsätze», die für das Unterrichtswesen maßgebend sein sollen, und es heißt da u. a., die Volks-Schule habe die Aufgabe, die Kinder nach den Lehren ihrer Religion zu erziehen; sie bestehe aus zwei Abteilungen, der Elementarschule mit sechsjähriger Unter. richtsdauer und der Bürgerschule, Fachschule usw.; die Be­sorgung, Leitung und Beaufsichtigung des Religionsunter-richtes sei Aufgabe der Kirche, beziehungsweise der betreffen-den Religionsgenossenschaft; zugleich übe die Kirche oder die Religionsgenossenschaft die Mitaufsicht über die ganze Schule aus; das Glaubensbekenntnis der Lehrer müsse mit demjenigen der Kinder übereinstimmen; die Erlassung aller gesetzlichen Bestimmungen im einzelnen bleibe der Landes-gesetzgebung vorbehalten. Die Volksschule soll mit einem Wort von neuem unter den Einfluß der Kirche gestellt und im übrigen, d.h. vor allem in nationaler Beziehung, den ver­schiedenen Landtagsmehrheiten in den Provinzen ausgelie­fert werden, welche letztere Bestimmung berufen ist, die Slaven für das neue Gesetz zu interessieren und für seine Einführung willfährig zu machen. Es ist nicht anders als natürlich, daß sich von deutscher Seite allsogleich ein ent­schiedener Widerstand gegen die Liechtensteinsche Vorlage erhob. Die Vorstände des Deutsch-Österreichischen Klubs, des Deutschen Klubs und der Deutschnationalen Vereinigung traten zu einer Besprechung zusammen, in welcher ein ge­meinschaftliches Vorgehen der deutschen Parteien gegen den Gesetzentwurf festgestellt wurde, und in einem großen Teile

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der deutschen Städte, Vereine usw., mit dem Wiener Ge­meinderat an der Spitze, wurden bereits Kundgebungen

beschlossen, die sich in der scharfsten Weise gegen die kleri­kalen Forderungen aussprechen. Nächstens wird in Wien eine große Versammlung von Bürgern stattfinden, die ebenfalls Protest gegen dieselben einlegen soll. Wie sich die slavischen Parteien zu der Sache verhalten, ist noch völlig unklar. Un­zweideutig gegen Liechtenstein scheinen nur die Jung­tschechen zu sein, die sich vor kurzem zu einem «Klub der unabhängigen Abgeordneten» unter dem Vor­sitze Dr. Engels vereinigt. Alttschechen, Polen, Slovenen usw. verlegen sich aufs Warten, und es ist nicht unmöglich, daß sich der größere Teil von ihnen etwas gegen weiter­gehende Konzessionen oder gegen Versprechungen auf an­derem Gebiete für die Vorlage noch gewinnen lassen werde. Über die Haltung der Regierung ist noch gar nichts bekannt. Glücklicherweise stehen alles in allem die Aussichten für das Zustandekommen des Gesetzes bisheran schlecht genug.

Gleichzeitig mit dem Liechtensteinschen Schulantrag wurde dem Abgeordnetenhause von der Regierung eine Reihe von Gesetzentwürfen vorgelegt, worunter ein Grenzregelungs­vertrag mit Rumänien, ein Gesetz uber die Verschärfung der Rechte der akademischen Behörden gegenüber Studenten-vereinen und -versammlungen, die Vorlage über die Ein­berufung der Reservisten zur Einübung mit dem Repetier-gewehr und die Handelsübereinkommen mit Deutschland und Italien. Von seiten der Abgeordneten ergingen in der ersten Sitzung an die Regierung mehrere Anfragen, und Dr. Sturm brachte einen Antrag ein über einige Abände­rungen des summarischen Verfahrens im Zivilprozeß. Nach­dem noch einige Jnterpellationen aus früheren Zeiten von

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der Ministerbank beantwortet waren, ging das Haus zur Tagesordnung, und zwar zunächst zur Beratung des Antrages Bärnreither über Hilfskassen über. Auch in der zweiten Sitzung kamen die Minister auf veraltete Interpellationen zurück, deren Beantwortung seinerzeit erheblich größeren Wert besessen hätte; darauf gelangte die Zuckerbesteuerung zur Debatte, die mit einer großen, eingehenden Rede Pleners eingeleitet wurde. Aus den Vorgängen des dritten Verhand­lungstages ist eine Interpellation des Deutschen Klubs über die überhandnehmenden Zeitungs-Konfiskationen hervorzu­heben. Schon diesmal wurde aber auch der klerikale Schul­antrag gestreift. Dr. Sturm berührte denselben bei Beratung über das Gesetz betreffend die Einberufung der Reservisten, indem er darauf hinwies, daß sich ein Rückgang der Bildungs-höhe des Volkes nicht am wenigsten in der Tüchtigkeit der Soldaten fühlbar machen müsse, und der Landesverteidi­gungsminister stimmte dem Abgeordneten Sturm vollständig bei. Das Gesetz wurde unverändert angenommen und darauf die Erörterung über das Steuergesetz fortgeführt, zu welchem für die Regierung Dr. v. Dunajewski das Wort ergriff. Bis­lang sind also die Verhandlungen in ziemlich geschäfts-mäßiger Weise vorübergegangen.

Das Ungarische Abgeordnetenhaus ist in die Spezialdebatte über den Staatsvoranschlag eingegangen, und auch dort schreiten die Beratungen rüstig weiter. Das Gesetz über die Einberufung der Reservisten wurde schon am 25. Januar er­ledigt. Die Magnatentafel hat in dem Kronhüter Baron Vay einen neuen Präsidenten an Stelle des verstorbenen Sennyey erhalten.

Wichtiger als im Donaureiche sind im allgemeinen die parlamentarischen Vorgänge in Deutschland. Das Preußische

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Abgeordnetenhaus hatte wieder eine große Polendebatte, in welcher Minister v. Goßler die Stellung der preußischen Be­hörden zur Polenfrage in einer Weise darlegte, welche selt­sam von den österreichischen Verhältnissen sich abhebt. Goßler erklärte, daß es die preußische Verwaltung nur mit der Provinz und keinem Großherzogtum Posen zu tun habe. Die Polen müßten deutsch lernen, und die deutsche Sprache Gemeingut aller Mitglieder des Staates werden. Unter den engeren Freunden der Polen gab Windthorst seiner Ver­wunderung darüber Ausdruck, daß man in Posen Erregung schüre, wo an den Grenzen der Krieg drohe. Die ganze Debatte war durch eine Interpellation der Polen über die Verordnung vom 7. September 1887, betreffend die Ab­schaffung des polnischen Sprachunterrichtes in den Posener, westpreußischen und schlesischen Volksschulen veranlaßt. Im Deutschen Reichstage war es nach einer Verhandlung über die klerikal-konservativen Anträge auf Einführung des Be­fähigungsnachweises für das Handwerk das Sozialistengesetz, welches die Parteien am lebhaftesten beschäftigte. Der Sozial­demokrat Singer erhielt als der erste das Wort, um sich aufs schärfste gegen das Gesetz zu wenden, und er spielte als seinen höchsten Trumpf die von schweizerischen Amts-personen bestätigten Mitteilungen aus, daß die Berliner Polizei in der Schweiz Agenten unterhalte, welche nicht nur über die dortige sozialdemokratische Propaganda zu berich­ten, sondern auch die Leute aufzuhetzen und zu Verbrechen zu verleiten hätten. Der Minister des Innern, von Puttkamer, erwiderte darauf, daß kein Staat auf die Gehernapolizei verzichten könne, daß es aber eine unwurdige Verdachtigung sei, daß die Regierung zu Verbrechen anstiften lasse. Auch in der Schweiz besitze dieselbe Agenten zur Beobachtung des

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Anarchismus, und dadurch sei die preußische Polizei in die Lage versetzt worden, die Petersburger von dem bevorste­henden Anschlag im Winterpalaste benachrichtigen zu kön­nen. Die Fälle> welche Singer bezeichnet, seien dem Minister unbekannt. Es sei übrigens traurig, daß die Schweizer Be­hörden ausländischen Privatleuten so oft gestatten, in die Akten Einsicht zu nehmen. Dann sprach Puttkamer zugun­sten des neuen Gesetzes, um Deutschland vor einer gesell­schaftlichen Umwälzung zu bewahren. Für das Zentrum sprach Reichensperger, für die Freisinnigen Bamberger, für die Nationalliberalen Marquardsen, insgesamt gegen das Ge­setz. Bebel bestätigte und erweiterte die Enthüllungen Sin­gers über die deutschen Agenten im Auslande. Nach einer neuerlichen Entgegnung Puttkamers und den Reden von Kardorff und Windthorst wurde die Verhandlung geschlossen und das Gesetz einem Ausschusse überwiesen. Es scheint, nach der Stimmung im Reichstage zu urteilen, daß die deutsche Regierung lediglich eine Verlängerung des bestehen­den Sozialistengesetzes werde durchsetzen können, nicht die vorgeschlagene Verschärfung desselben. In der Kommission, welche das Wehrgesetz durchberät, gab der Kriegsminister bekannt, daß die einmaligen Ausgaben für dieses Gesetz ungefähr 280 Millionen Mark betragen würden, die dauern­den Auslagen dürften sich jährlich auf 150 000 Mark be­laufen. Eine Erklärung aber, daß dies die letzte militärische Forderung sein werde, könne er nicht abgeben. Das Gesetz wurde von der Kommission angenommen.

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Die Woche,1. - 7. Februar 1888

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Die Regierungen von Deutschland und Österreich haben sich zu einem Schritte entschlossen, der, selten in der Geschichte der Diplomatie, auch von ungewöhnlicher Tragweite für die Gestaltung der Beziehungen der europäischen Großmächte sein kann. Am 3. Februar abends veröffentlichten gleichzeitig der «Reichsanzeiger» in Berlin, die «Wiener Abendpost» und das «Pester Amtsblatt» den Wortlaut des Deutsch-Öster­reichischen Bündnisvertrages, der am 7. Oktober 1879 ab-geschlossen wurde. Die Veröffentlichung wurde verfügt, um, wie es in der Einleitung heißt, «den Zweifeln ein Ende zu machen, welche an den rein defensiven Intentionen des Bündnisses auf verschiedenen Seiten gehegt und zu verschie­denen Zwecken verwertet werden». Beide verbündete Re­gierungen seien von dem Bestreben geleitet, den Frieden zu erhalten und Störungen desselben nach Möglichkeit abzu­wehren; sie seien überzeugt, daß die Bekanntgabe des In­haltes ihres Bündnlsvertrages jeden Zweifel hierüber aus­schließen werde. Der Text des hochwichtigen Aktenstückes, das für alle Zeiten als ein hervorragendes Denkmal in der Geschichte Deutschlands und Österreichs angesehen werden wird, muß auch in der «Deutschen Wochenschrift» seinen Platz finden. Es lautet wörtlich:

«In Erwägung, daß Ihre Majestäten der Kaiser von Österreich, König von Ungarn, und der deutsehe Kaiser, König von Preußen, es als Ihre unabweisliche Monarehenpflicht erachten müssen, für die Sieher­heit Ihrer Reiche und die Ruhe Ihrer Völker unter allen Umständen Sorge zu tragen;

In Erwägung, daß beide Monarchen ähnlich wie in dem früher bestandenen Bundesverhältnissc durch festes Zusammenhalten beider Reiche imstande sein werden, diese Pflicht leichter und wirksamer zu erfüllen;

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in Erwägung schließlich, daß ein inniges Zusammengehen von Österreich-Ungarn und Deutschland niemanden bedrohen kann, wohl aber geeignet ist, den durch die Berliner Stipulationen geschaffenen europäischen Frieden zu konsolidieren, haben Ihre Majestäten det Kaiser von Österreich, König von Ungarn, und der Kaiser von Deutsch land, indem

Sie einander feierlich versprechen, daß Sie Ihrem rein defensiven Abkommen eine aggressive Tendenz nach keiner Richtung jemals bei­legen wollen, einen Bund des Friedens und der gegenseitigen Ver teidigung zu knüpfen beschlossen.

Zu diesem Zwecke haben Anerhöchstdieselben zu Ihren Bevoll mächtigten ernannt:

Seine Majestät der Kaiser von Österreich, König von Ungarn, Allerhöchst Ihren wiritlich Geheimen Rat, Minister des Kaiserlichen

Hauses und des Äußern, Feldmarschall-Lieutenant Julius Grafen Andrassy von Csik-Szent-Kiraly und Kraszna-Horka, etc. etc.

Seine Majestät der deutsehe Kaiser,

Allerhöchst Ihren außerordentlichen und bevollmächtigten Bot­schafter, General-Lieutenant Prinzen Heinrich VII. Reuß etc. etc., welche sich zu Wien am heutigen Tage vereinigt haben und nach Austausch ihrer gut und genügend befundenen Volimachten überein­gekommen sind, wie folgt:

Artikel I

Sollte wider Verhoffen und gegen den aufrichtigen Wunsch der beiden hohen Kontrahenten Eines der beiden Reiche von Seite Ruß­lands angegriffen werden, so sind die hohen Kontrahenten verpflichtet, Einander mit der gesamten Kriegsmacht Ihrer Reiche beizustehen und demgemäß den Frieden nur gemeinsam und übereinstimmend zu schließen.

Artikel II

Würde Einer der hohen kontrahierenden Teile von einer anderen Macht angegriffen werden, so verpflichtet sieh hiemit der andere hohe Kontrahent, dem Angreifer gegen seinen hohen Verbündeten nicht nur nicht beizustehen, sondern mindestens eine wohlwollende neutrale Haltung gegen den Mitkontrahenten zu beobachten.

Wenn jedoch in solchem Falle die angreifende Macht von Seite Rußlands, sei es in Form einer aktiven Kooperation, sei es durch militärische Maßnahmen, welche den Angegriffenen bedrohen, unterstützt

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werden sollte, so tritt die im Artikel I dieses Vertrages stipulierte Verpflichtung des gegenseitigen Beistandes mit voller Heeresmacht auch in diesem Falle sofort in Kraft, und die Kriegführung der beiden hohen Kontrahenten wird auch dann eine gemeinsame bis zum ge­meinsamen Friedensschlusse.

Artikel III

Dieser Vertrag soll in Gemäßheit seines friedlichen Charakters und um jede Mißdeutung auszuschließen, von beiden hohen Kontrahenten geheimgehalten und einer dritten Macht nur im Einverständnisse beider Teile und nach Maßgabe spezieller Einigung mitgeteilt werden.

Beide hohe Kontrahenten geben sich nach den hei der Begegnung in Alexandrowo ausgesprochenen Gesinnungen des Kaisers Alexander der Hoffnung hin, daß die Rüstungen Rußlands sich als bedrohlich für Sie in Wirklichkeit nicht erweisen werden, und haben aus diesem Grunde zu einer Mitteilung für jetzt keinen Anlaß; sollte sich aber diese Hoffnung wider Erwarten als eine irrtümliche erweisen, so würden die beiden hohen Kontrahenten es als eine Pflicht der Loyalität erkennen, den Kaiser Alexander mindestens vertraulich darüber zu verständigen, daß Sie einen Angriff auf Einen von Ihnen als gegen Beide gerichtet betrachten müßten.

Urkund dessen haben die Bevollmächtigten diesen Vertrag eigen. händig unterschrieben und ihre Wappen beigedrückt.

Geschehen zu Wien, am 7. Oktober 1879

LS. gez.: Andrassy LS. gez.: Heinrich VII. Reuß

Der erste Eindruck, den die Veröffentlichung dieser Ur­kunde hervorbrachte, war überall ein aufregender und ern­ster, denn man konnte sich nicht verhehlen, daß derartige Schriftstücke nur in gefährlichen Zeiten der Einsichtnahme der ganzen Welt preisgegeben zu werden pflegen.

Inzwischen ist der aufsehenerregenden Veröffentlichung eine Kundgebung gefolgt, die an dieselbe beinahe an Wichtig­keit hinanreicht. Es ist die Rede, die drei Tage später Fürst Bismarck im Deutschen Reichstage bei Gelegenheit der Be­ratung der Militäranleihe und der Wehrvorlage gehalten, und die wir an leitender Stelle besprechen.

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Es ist völlig unmöglich, in knappen Zügen ein erschöpfen-des Bild derselben zu geben, welche die volle Frische seines genialen Geistes atmete. Genug, daß sie ihre Schul&gkeit tat und sämtliche Parteien des Reichstages mit Inbegriff der Klerikalen und Freisinnigen bewog, die Wehrvorlage en bloc anzunehmen. Bismarck dankte für diese Einmütigkeit mit den Worten, daß der Reichstag damit eine wesentliche Friedensbürgschaft gegeben habe.

Die Veröffentlichung des Bündnisvertrages und die Bis­marcksche Rede drängen alles Interesse an anderen Dingen zurück. Auch Crispi bezeichnete nach der Publikation des Vertrages die Lage als ernst, aber man habe keine Drohung beabsichtigt, lediglich eine Warnung an die friedestörenden Elemente. Die Enthüllung kam auch in anderer Beziehung gelegen, denn gerade um diese Zeit suchte einer der an­gesehensten Staatsmänner Frankreichs, der Kammerpräsi­dent Floquet, der als der einzig mögliche Ministerpräsident der Zukunft bezeichnet wird, eine Annäherung mit der rus­sischen Diplomatie, indem er den Wunsch aussprach, mit dem russischen Botschafter in Paris, Baron Mohrenheim, in in­timere gesellschaftliche Beziehungen zu treten, der auf aus­drückliche Genehmigung der Regierung des Zaren auch ge­währt wurde. Floquet hatte sich nämlich seinerzeit durch den Ruf: «Es lebe Polen! » vor Zar Alexander II. die Gunst Ruß­lands verscherzt, und jeder russische Botschafter hatte den Auftrag, ihn in der Gesellschaft zu meiden.

Im Österreichischen Abgeordnetenhause wurde alsbald, wie wohl vorauszusehen war, ein Antrag eingebracht, die Regierung aufzufordern, im Einvernehmen mit Ungarn Unter­handlungen mit der deutschen Regierung einzuleiten, welche zu einer Genehmigung des Bündnisvertrages durch die Volksvertretungen

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der verbündeten Reiche und zu einer verfas­sungsmäßigen Inartikulierung dieses Vertrages in die Grund­gesetze des Staates führen sollen. Der Antrag wurde von Dr. Knotz und der Deutschnationalen Vereinigung gestellt.

Das politische Material, das sonst noch vorliegt, beschränkt sich so ziemlich auf die üblichen Verhandiungen in den Par­lamenten von Wien und Berlin. Im Deutschen Reichstag stand die Militärvorlage und die Verlängerung der Legis­laturperioden auf der Tagesordnung, im Österreichischen Ab­geordnetenhaus vor allem ein Zuckersteuergesetz. Die Be­ratungen werden hüben und drüben fleißig fortgesetzt. Eine kräftige Unterstützung ihrer Stellung erhalten die öster­reichischen Abgeordneten durch die zahlreichen Kundgebun­gen, die sich aus der Mitte der Bevölkerung heraus gegen den Antrag des Prinzen Liechtenstein richten. Und diese Be­wegung wird noch lange nicht zur Ruhe kommen.

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Die Woche, 8 .-15. Februar 1888

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Die Wirkung, welche die Enthüllung des deutsch-österreichi­schen Bündnisvertrages und die große Rede Bismarcks ge­habt, war allenthalben eine ungemein tiefgehende, und noch jetzt zittert in der europäischen Presse die Erregung nach, die sie hervorgerufen. Es ist begreiflich, daß die beiden Er­eignisse mannigfache Vermutungen zur Folge hatten, welche sich auf die Stellung der fremden Mächte zu dem Bündnis der beiden mitteleuropäischen Reiche bezogen, um so mehr, da der deutsche Kanzler ausdrücklich der Abmachungen ge­dacht, die mit «anderen» Staaten und insbesondere mit Italien getroffen wurden. Man konnte erwarten, daß das

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Bündnis mit Italien ähnliche Grundzüge besitzen werde wie das deutsch-österreichische, und der römische Korrespondent der «Neuen Freien Presse» glaubt für Mitteilungen die Bürg­schaft übernehmen zu können, welche diese Annahme be­stätigen. Seine Darlegungen erhalten dadurch Gewicht, daß sie von der «Norddeutschen Allgemeinen Zeitung» im Wort-laute abgedruckt wurden. Sie bezeichnen folgendes als den Inhalt der Verträge, die Italien mit Deutschland und Öster­reich geschlossen: Mit Deutschland, daß die beiden Staaten einander mit der gesamten Kriegsmacht bis zum gemein­samen Friedensschlusse beizustehen haben, wenn einer von ihnen von Frankreich angegriffen würde; der Vertrag gelte der Erhaltung der nationalen Selbständigkeit und Freiheit, und die Vertragsteile versichern, den Frieden nicht willkür-lich brechen zu wollen. Mit Österreich wird verabredet, daß auf beiden Seiten wohlwollende Neutralität zu beobachten sei, wenn Österreich mit Rußland oder Italien mit Frank­reich in einen Krieg verwickelt würde; Österreich verpflichtet sich außerdem, die italienischen Interessen im Mittelmeer zu unterstützen und auf der Balkan-Halbinsel nichts zu unter­nehmen, ohrie sich vorher mit Italien ins Einvernehmen gesetzt zu haben. Für den Fall, daß Frankreich und Rußland zugleich losschlagen sollten, muß die gesamte Heermacht aller drei verbündeten Reiche aufgeboten werden. Ergänzt sollen diese Verträge durch Vereinbarungen sein, die zwischen Italien, Österreich und England getroffen wurden zum Schutze der österreichischen und italienischen Küsten gegen alifällige feindliche Landungen. Diesen Mitteilungen fehlt bisher noch das amtliche Siegel; allein man hat ziemlich allgemein ihre innere Wahrscheinlichkeit anerkannt. Nur was England betrifft, erklärte Unterstaatssekretär Fergusson schon

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vorher im Unterhause, daß die Regierung keinerlei England zu einer materiellen Aktion verpflichtende Abmachung ein­gegangen sei, die dem Hause nicht bekannt wäre.

Wie sich nun die europäische Lage nach den Begebenheiten der letzten Wochen darstellt, ist nur schwer zu sagen. Es scheint, daß Fürst Bismarck und der deutsch-österreichische Vertrag wirklich den Schürern und Hetzern in Rußland und Frankreich einen starken Dämpfer aufgesetzt haben. Anderer­seits ist keine wesentliche Veränderung in der Haltung der einzelnen Mächte zueinander eingetreten, und namentlich hat Rußland nicht aufgehört, seine Rüstungen zu vervollständi­gen. Im Augenblick bestehen auch noch ziemlich schlechte Beziehungen zwischen Italien und Frankreich, die in dem Abbruche der Verhandlungen über die Erneuerung des Han­delsvertrages ihren Ausdruck gefunden. Der Zollkrieg steht bevor. Nach einer Rede, welche Lord Salisbury im Englischen Oberhause gehalten, wäre dermalen für den Frieden nichts zu fürchten; England besitze die bündigsten Versicherungen, daß Rußland kein ungesetzliches Vorgehen im Auge habe.

Auch die Thronrede, mit welcher das englische Parlament am 9. Februar eröffnet wurde, enthält keine beunruhigenden Bemerkungen, und bloß daß sie der europäischen Lage über­haupt nicht gedenkt, kann als ein Zeichen für den Ernst der Zeit angesehen werden. Aber nirgends fühlt man sich von den Sorgen befreit, die schon durch Monate auf den Gemütern lasten, und es ist kaum anzunehmen, daß sich das fatale Kriegsgewölk so bald verziehen werde.

Wie sehr übrigens die verbündeten Mächte bemüht sind, jeden Glauben zu zerstören, als planten sie Angriffe, dafür kann füglich auch ein Toast als Beweis gelten, den Prinz Wilhelm neulich bei einem Festmahle ausgebracht und in

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dem er u. a. sagte, er wisse, daß ihm speziell im Auslande leichtsinnige, nach Ruhm lüsterne Kriegsgedanken imputiert würden: «Gott bewahre mich», fügte jedoch der Prinz hinzu, «vor solchem verbrecherischen Leichtsinne - ich weise solche Anschuldigungen mit Entrüstung zurück!»

Recht unerfreuliche Nachrichten sind inzwischen von San Remo eingelangt. Um der Erstickungsgefahr vorzubeugen, die sich eingestellt, mußte am deutschen Kronprinzen durch Dr. Bramann der Luftröhrenschnitt vorgenommen werden, und obwohl die Operation keine allzu bedenkliche ist und auch in diesem Falle glücklich vorüberging, beweist sie doch, daß das Leiden nicht diejenigen frohen Anschauungen recht-fertigt, die man noch vor kurzem über eine baldige voll­ständige Genesung des hohen Kranken gehegt. Es wäre innig zu wünschen, daß diese Operation ohne üble Folgen bleibe, und daß die Kunst der Ärzte nicht wieder müßte zu solchem Eingriff in Anspruch genommen werden.

In den Parlamenten Deutschlands und Österreichs werden die Arbeiten mit kurzen Unterbrechungen weitergeführt. Der Reichstag nahm gegen die Stimmen des Zentrums, der Frei­sinnigen und der Polen und Dänen den Antrag der Kartell-parteien auf Einführung fünfjähriger Gesetzgehungsperioden an; für die gleiche Veränderung entschied sich das Preußische Abgeordnetenhaus. Darnach genehmigte der Reichstag ohne Debatte das Gesetz betreffend die Aufnahme einer Anleihe für Militärzwecke, und endlich wurde die Verlängerung des Sozialistengesetzes in seiner bisherigen Form ohne die von der Regierung beantragten Verschärfungen auf zwei Jahre, d.h. bis zum 30. September 1890, angenommen. Im Öster­reichischen Abgeordnetenhause wurde zunächst die Beratung über das neue Zuckersteuergesetz beendet, worauf die Han­delsübereinkommen

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mit Italien und Deutschland vorgenom­men wurden. Das erstere war bald erledigt. Dagegen ent­spann sich eine lebhafte Debatte über die Konvention mit Deutschland, in welcher die deutschnationalen Abgeordneten sich mit Wärme für die Erweiterung des Bündnisses mit dem Deutschen Reiche in politischer und wirtschaftlicher Be­ziehung einsetzten. Die Redner des Deutsch-Österreichischen Klubs verhielten sich diesem Gedanken gegenüber viel küh-1er, und die Slaven befaßten sich überhaupt nicht damit, es wäre denn gewesen, um ihrer Abneigung gegen das deutsche Bündnis schon in seiner gegenwärtigen Form Ausdruck zu verleihen, wie es der Jungtscheche Herold getan. Die Vorlage wurde natürlich angenommen. Dann kam die Angelegenheit der Kohlenlieferungen für die Südbahn in Verhandlung. Das Herrenhaus trat am i 1. Februar zusammen und beendete bisher die Erörterung über das Krankenversicherungsgesetz, das vom Abgeordnetenhause zurückgelangt war.

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Die Woche, 15. - 22. Februar 1888

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Die Stockung, welche in den diplomatischen Verhandlungen der Mächte über die obwaltenden Schwierigkeiten vor einigen Monaten eingetreten war, und die der Krise ein so bedenk­liches Wesen gegeben, soll nun durch russische Vorschläge in betreff Bulgariens behoben werden. Rußland will zum Ur­sprung der Verwicklungen zurückkehren und die Verhältnisse in Bulgarien zum Gegenstand einer europäischen Interven­tion machen, um eines der bedeutendsten Hindernisse zur Verständigung zu beseitigen. Die russische Diplomatie schlägt demgemäß, wie man meldet, den Mächten vor, durch einen

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gemeinschaftlichen Beschluß die Regierung Ferdinands von Koburg in Bulgarien als ungesetzlich zu erklären und den gegenwärtigen tatsächlichen Fürsten zu zwingen, das Land zu verlassen, um eine Neuordnung der Zustände zu ermög­lichen. Wie die russischen Vorschläge im einzelnen lauten, welche Mittel sie in Aussicht nehmen, um die Beschlüsse Europas durchzuführen, und zumal, welche Haltung die maß­gebenden Reiche zu den russischen Eröffnungen einnehmen, von alldem ist noch nichts Verläßliches bekannt. Allein schon jetzt verhehlt man sich nicht, daß eine platonische Resolution, und ginge sie auch von sämtlichen Staaten Europas aus, nicht notwendigerweise die Entfernung Ferdinands zur Folge haben muß, da sich dafür sein Anhang im Volke als zu stark erweisen möchte. Und was dann,wenn der Fürst nicht frei-willig geht? Der Frage zu geschweigen, was er für einen Nachfolger erhalten soll, und ob sich jemand findet, der ihn ersetzen soll und zugleich Rußland, den Signatarmächten von Berlin und den Bulgaren genehm ist. Besondere Aussichten auf eine glatte Erledigung der Sache bieten also Rußlands Anträge wohl nicht. Immerhin wird es jedoch als ungemein erfreulich betrachtet, daß wenigstens wieder die Diplomaten zu tun haben, und daß es nicht bei den militärischen Rü­stungen bleibt. Eine schwache Hoffnung, aber doch eine Hoffnung.

Es herrscht im übrigen große Stille in der allgemeinen europäischen Politik, und mehr als alle politischen Vorgänge muß leider wieder die Krankheit Friedrich Wilhelms die öffentliche Teilnahme erregen. Nicht als ob die Mitteilungen aus San Remo eine entschiedene Wendung zum Schlimmen ankündigten. Der Fortschritt in der Heilung vollzieht sich indessen nach der Operation so langsam, daß man sich von

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neuem Befürchtungen hingibt, denen die Ärzte nicht jede Grundlage zu entziehen vermögen.

Der Deutsche Reichstag hat mittlerweile nach längerer Er­örterung die Verlängerung des Sozialistengesetzes in seiner bisherigen Form auf zwei Jahre endgültig angenommen. Die Verschärfungen, welche die Regierung vorgeschlagen, wurden insgesamt abgelehnt, und sollten nicht unerwartete Ereignisse eintreten, so darf man sich der Erwartung hingeben, daß nach zwei Jahren auch die Sozialisten wieder unter das gemeine bürgerliche Gesetz gestellt werden. Im Österreichi­schen Abgeordnetenhause war es in den letzten Sitzungen das vom Unterrichtsminister vorgelegte Gesetz über aka­demische Vereine und Versammlungen, das im Mittelpunkte des Interesses stand. Unter ungewöhnlicher Beteiligung des Publikums und namentlich der Studentenschaft, welche die Galerien bis aufs letzte Plätzchen füllten, wurde die erste Lesung vorgenommen, die damit endete, daß die Vorlage einem Ausschusse zur Vorberatung überwiesen wurde. Dr. von Gautsch vertrat den Standpunkt der Unterrichtsverwal­tung, indem er als das Ziel des Gesetzes den «Rückschritt zur Ordnung» bezeichnete, da sich die akademische Jugend allzu arge Ausschreitungen zuschulden kommen lasse. Am meisten Aufsehen sowohl im Parlamente als in der Bevöl­kerung erregte die Rede des Abgeordneten Pernerstorfer, der zunächst einen Vergleich zog zwischen der Sittlichkeit unter den bürgerlichen jungen Leuten und derjenigen der Jugend der «sehr hohen» adeligen Kreise und dann das Vorgehen des Unterrichtsministers bei seinen Berufungen usw. scharf kritisierte. Pernerstorfer wurde mehrmals vom Präsidenten unterbrochen. Auch Dr. Kopp sprach in sehr wirksamer Weise gegen das Gesetz und gab zum Schlusse dem Wunsche

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Ausdruck, daß dasselbe im Schulausschusse auf Nimmer­wiedersehen eingesargt werde. Kurz vorher hatte das Herren-haus dem Handelsübereinkommen mit Deutschland seine Zu­stimmung erteilt, bei welcher Gelegenheit A. von Schmerling in warm empfundenen Worten des Bündnisses gedachte, welches Österreich mit Deutschland vereinigt.

In Wien fand am 18. Februar eine große Versammlung von Bürgern statt, die in entschiedener Weise gegen den Schulantrag des Prinzen Liechtenstein Stellung nahm, und tags darauf folgte ein bedeutender Teil der Wiener Arbeiter­schaft den Vertretern des Bürgertums. Beide Male wurden scharfe Resolutionen gegen den klerikalen Angriff auf die Schule einstimmig angenommen.

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Die Woche, 22.-29. Februar i888

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Es sind schwere und traurige Nachrichten aus San Remo, welche uns die letzten Tage gebracht haben, um so trauriger vielleicht gerade deshalb, weil sie in halbem Dunkel lassen, was man ahnt und fürchtet. Die amtlichen Kundgebungen beschränken sich meistens auf äußere oder allgemeine Dinge, während private Meldungen, die auf den Kreis der den Kron­prinzen behandelnden Ärzte zurückgeführt werden, leider die Hoffnung schwer erschüttern, welche man nach den günstigen Nachrichten aus den ersten Tagen dieses Monats und selbst nach der glücklichst vollzogenen Operation der Tracheotomie hegen zu dürfen sich berechtigt glaubte. Infolgedessen ist die Stimmung in der Bevölkerung des Deutschen Reichs eine außerordentlich gedrückte, und auch weit über die Grenzen desselben hinaus zeigt sich eine wehmutsvolle Teilnahme für

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den edlen Prinzen, welcher der Stolz seines Vaterlandes, seiner Nation ist. Es verlautet, daß Kaiser Wilhelm neuer­dings den entschiedenen Wunsch geäußert habe, daß sein Sohn nach Berlin zurüdikehre, doch fehlt eine sichere Bestäti­gung dieser schon an und für sich verhängnisvollen Meldung.

Die tiefe Erschütterung, welche das Leiden Friedrich Wil­helms in den Herzen aller Deutschen hervorgerufen, hat auch die Teilnahme für den Verlauf der großen Politik stark herabgedrückt. Nur pessimistischer ist man geworden, und das tiefe Mißtrauen gegen Rußland findet seinen Ausdruck jn einem Sinken des Rubelkurses, der nahezu einer finanziel­len Katastrophe für das Zarenreich gleichkommt. Für 100 Goldrubel zahlte man am 27. Februar an der Berliner Börse 198,7 Papierrubel, und noch ein weiterer Sturz wfrd vorher­gesagt. Vergebens sind alle Beruhigungsrufe, welche von amtlicher und halbamtlicher Seite von Petersburg her versucht werden. Rußland rüstet, und - so sagt die Börse - da es keine Anleihe zustande gebracht hat und doch Geld, viel Geld braucht und ausgibt, so arbeitet - die Rubelpresse. Da kom­men wir am Ende zur hundertjährigen Feier der Französischen Revolution in ein neues Zeitalter der Assignaten! Und wie Rußland finanziell einer schweren Krise entgegentreibt, so hat auch politisch die abgelaufene Woche laan eine Nieder­lage oder zum mindesten eine Enttäuschung gebracht. Es hat, um aus der Sackgasse, in welche es sich mit Bezug auf Bulgarien verrannt hat, herauszukommen, bei den Mächten angeregt, daß alle «kollektiv» den Sultan auffordern sollten, dem Fürsten Ferdinand zu erklären, daß er sich unrechtmäßig in Bulgarien befinde, und daß seine Thronbesteigung eine ver­tragswidrige sei. Deutschland und Frankreich haben den dies­bezüglichen Schritt des Herrn von Nelidow bei der Pforte

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unterstützt, England, Italien und Österreich-Ungarn dagegen nichts von sich hören lassen, worauf die Pforte sich ebenfalls zunächst in diplomatisches Schweigen zurückzog. So bewegt sich die bulgarische Frage weiter in dem Kreise, in welchem sie nun seit eineinhalb Jahren herumtreibt. Um zu einer ein­fachen Anerkennung des faktischen Besitzstandes zu gelangen, leidet Europa noch zu sehr an verhaltener Vertragsschwäche. Inzwischen wurde der Geburtstag des jungen Fürsten Ferdi­nand am 26. unter enthusiastischen Kundgebungen von den Bulgaren gefeiert. Sie wollen ihn behalten, und sie tun recht daran!

Im Preußischen Abgeordnetenhause demonstrierte Herr Dr. Windthorst mit einem kirchiichen Schulaufsichtsantrage eine wenig für seinen österreichischen Gesinnungsgenossen, den Prinzen Liechtenstein. An eine Wirkung glaubt der Antragsteller selbst kaum, und es wird ihm auch schwerlich gelingen, es dem Liechtenstein an Effekt gleichzutun. Die größeren Dummheiten erregen stets die größere Wirkung. Und ein Spottvogel meinte, es sei eigentlich dem Fürsten Alois nur darum zu tun gewesen, das politische Leben in Österreich einmal etwas aufzumischen. Nun, das ist ge­schehen, aber der Kopf dürfte dem jungen Aristokraten brummen. Die liberale Partei ist ihm zu besonderem Danke verpflichtet und legt denselben in zahllosen Petitionen gegen den neuen Schulantrag, die im Reichsrate von allen Seiten einlaufen, auf den Tisch des Hauses nieder.

Der Papst empfing am 27. Februar eine große deutsche Deputation, welche ihm eine Glückwunsch- und Huldigungs-adresse überreichte, und nahm die Gelegenheit wahr, die alten Forderungen des Heiligen Stuhls aufs neue entschieden zu betonen.

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Die Woche, 1.-7. März 1888

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Rußland hat Gelegenheit gehabt, seinen ersten diploma-tischen Sieg in der bulgarischen Frage zu feiern, und der deutsche Reichskanzler war in der Lage, das in seiner großen Rejchstagsrede gewissermaßen dem Zaren gegebene Ver­sprechen, er werde die russischen Wünsche bei der Hohen Pforte unterstützen, einzulösen. Die Türkei kam der ihr von Herrn von Nelidow ausgesprochenen Forderung, welche die Botschafter Deutschlands und Frankreichs gleichzeitig zur Annahme empfehlen, nach, und der Großwesir hat den bul­garischen Ministerpräsidenten, Herrn Stambulow, telegra­phisch daran erinnert, daß er bereits am 21. August des vorigen Jahres den Fürsten Ferdinand auf indirektem Wege davon in Kenntnis gesetzt habe, daß die Pforte die Anwesen­heit des Prinzen in Bulgarien als vertragswidrig und demnach als ungesetzlich betrachte. Da Herr Stambulow darüber jedoch nicht im Ungewissen war und andererseits diese akademische Anschauung der Türkei die wirklichen Verhältnisse in Bulga­rien nicht zu ändern geeignet ist, so dürfte um so mehr alles beim alten bleiben, da weder Österreich-Ungarn, noch Eng­land, noch Italien sich bewogen gefunden haben, den Schritt des Herrn Nelidow und seiner beiden Genossen Radowitz und Montebello mitzumachen. Es ist möglich, daß zunächst eine kürzere Ruhepause eintritt, doch darf es nicht als außer-halb des Bereiches der Möglichkeit bezeichnet werden, daß Rußland mit neuen konkreten Vorschlägen hervortritt, die dann leicht die Kriegsgefahr in unmittelbare Nähe rücken könnten. Graf Herbert Bismarck, welcher sich für einige Zeit nach England begeben hatte, soll nach den Auslassungen einiger Blätter den geheimen Auftrag gehabt haben, das

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Kabinett von St. James für die russischen Wünsche in der bulgarischen Frage günstig zu stimmen, doch es ist kaum verbürgt, daß der Reichskanzler, der sich in grimmer Selbst­Verspottung als den vierten russischen Bevollmächtigten auf dem Berliner Kongresse bezeichnet hat, nun auch seinen Sohn, den deutschen Staatssekretär, mit den Geschäften eines zwei­ten russischen Botschafters in London betraut habe. Hat es schon einigermaßen einen befremdenden Eindruck gemacht, daß das Deutsche Reich in seiner äußerlich zutage tretenden Orientpolitik sich von den Grundsätzen fernhält, welche die Leitung der äußeren Politik des engverbündeten Österreich-Ungarn zu bilden scheinen, so wächst das Erstaunen, daß am Goldenen Horn stets der französische Botschafter mit denen der beiden nordischen Reiche zusammengeht. Frankreich wenigstens scheint sich an dem Wettkriechen um die Gunst des Zaren recht lebhaft zu beteiligen, und einer der monar­chistischen Abgeordneten der französischen Deputiertenkam­mer, der orleanistische Marquis von Breteuil, hat zu Beginn des Monats diesem Streben in einer großen Rede, in welcher er den Zaren als den Schiedsrichter Europas pries, lauten Aus­druck gegeben. Die Kundgebung, welche mit ihren politischen Phantasmagorien wenig Bedeutung verdient hätte, ist nur deswegen bemerkenswert, weil die auf die Zerstörung der Machtstellung des Deutschen Reiches hinzielenden, von dem royalistischen Marquis entwickelten Ideen lebhaften Beifall auch bei den Republikanern fanden.

Nach langen, fast lediglich mit traurigsten Nachrichten ausgefüllten Tagen scheint nunmehr bei dem endlichen Ein­tritt des Frühjahres, das den lieblichen Fluren San Remos jenes sonnige Wetter gebracht, von dessen Heilkraft man sich so viel verspricht, eine Periode steigender Hoffnung für das

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deutsche Volk zu kommen, daß es nun doch gelingen werde, das teure Leben des Kronprinzen wenigstens noch für ge­raume Zeit zu erhalten. Freilich wäre es durchaus unange­bracht, wollte man sich schon jetzt einem leichten Sanguinis­mus hingeben. Prinz Wilhelm, welcher seinen Vater in den letzten Tagen besucht hat, um ihm angeblich den Wunsch des Kaisers, Friedrich Wilhelm möge nach Berlin zurück­kehren, mitzuteilen, hat die Heimreise wieder angetreten. Der Kronprinz verbleibt nach Anordnung der Ärzte bis auf weiteres in Italien. Kaiser Wilhelm ist von der Aufregung über die lange, schwere Krankheit seines geliebten Sohnes so angegriffen, daß er selbst aufs Krankenlager geworfen wurde. Wenn auch höchste Bedenklichkeit nach den veröffent­lichten Mitteilungen noch nicht vorhanden ist, so erheischt doch das hohe Alter des Kaisers die sorgfältigste Schonung und die Enthaltung von allen Geschäften. So ist denn auch die Möglichkeit eingetreten, daß Prinz Wilhelm gelegentlich die Stellvertretung für Großvater und Vater ausüben muß, zu welcher er durch eine Kabinettsorder vom Schiusse des Vor­jahres berufen wurde. Wohl aus diesem Grunde ist für den Prinzen eine Art Vortragskanzlei gebildet worden, in welcher der berühmte Staatsrechtslehrer und Abgeordnete Dr. Gneist und der Geheime Rat von Brandenstein die Zivilangelegen­heiten und Generalmajor von Wittich die Militärfragen zu behandeln haben werden. Professor Gneist wurde zu dieser überaus wichtigen Funktion auf Vorschlag des Reichskanzlers berufen.

In Serbien haben die Neuwahlen für die aufgelöste Skuptschina stattgefunden und mit einem großen Siege der Radikalen, bzw. des jetzigen Ministeriums Gruitsch geendet.

Der rumänische Ministerpräsident Bratianu hat für sich und

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sein Kabinett die Entlassung eingereicht, welche angenommen wurde. Der König betraute den Senatspräsidenten Fürsten Ghika mit der Bildung eines neuen Kabinetts. Welche poli­tischen Folgen dieser Ministerwechsel haben wird, läßt sich derzeit nicht absehen.

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Die Woche, 7.-14. März i888

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Die ganze Welt steht unter dem Eindrucke des Heimgangs Kaiser Wilhelms. Fast scheint es, als feiere die gesamte außer-deutsche Politik, bis der glorreiche Fürst zur Grabstätte geleitet. Selbst im Orient, in der bulgarischen Frage rührt sich nichts, von Sofia aus hat man klüglicherweise keine Antwort auf das Telegramm des Großwesirs erteilt und wartet, fest entschlossen den jetzigen Standpunkt aufrechtzu­erhalten, ein weiteres Vorgehen Rußlands bzw. der Türkei ab. Fürst Ferdinand fühlt sich anscheinend vollkommen sicher auf seinem Throne und darf auf die Hingebung seines Volkes rechnen. Die rumänische Ministerkrise hat, nachdem das Projekt Ghika gescheitert, durch die Wiederberufung Bratia­nus ihre einfachste und beste Lösung gefunden. Im italie­nischen Parlamente beantwortete Crispi eine von radikaler Seite ausgehende Interpellation wegen der Haltung des König-reiches in der bulgarischen Frage dahin, daß Italien, wenn es nicht seine eigene Geschichte verleugnen wolle, niemals zu-lassen könne, daß ein nach Freiheit und Selbständigkeit strebendes Volk wie die Bulgaren von fremder Willkür unter-drückt werde. In Frankreich ist der jüngste Boulanger-Rum­mel - einzelne Bezirke wollten den radikalen «Retter der Demokratie» zum Deputierten wählen - wie alle bisherigen

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Demonstrationen, die Boulanger zum Mittelpunkte hatten, in nichts verpufft. In Rußland schreitet die Entwertung der öffentlichen Werte und die Kriegsrüstung fort; bereits spricht man halblaut von dem bevorstehenden Ausbruche des Staats­bankerotts. Das Österreichische Abgeordnetenhaus verhan­delte das Katechetengesetz, doch ist das allgemeine Interesse in ganz Österreich wie in den übrigen Staaten nur auf die Ereignisse in Berlin gerichtet. Diese aber in den Rahmen einer kurzen Wochenübersicht zusammenzudrängen, ist einfach unmöglich und könnte der Gewalt und Weihe derselben nur Abbruch tun. Wir müssen demnach darauf verzichten. Nur das eine mag besonders erwähnt werden, daß der schwere Trauerfall, der Deutschland betroffen, erneute Veranlassung gegeben, die Solidarität zwischen den verbündeten mittel­europäischen Kaiserreichen zu betonen. Dies hat besonders Ausdruck gefunden in einem kurzen Depeschenaustausch zwischen dem Fürsten Bismarck und dem Grafen Kalnoky. Was vermögen wir sonst zu sagen? Kaiser Wilhelm ist ge­storben! Sein großer Sohn sein Nachfolger unter dem Namen Friedrich III.! Er hat eine Proklamation an sein Volk und zugleich ein Schreiben an den Reichskanzler erlassen, welches die Grundsätze enthält, die der neue Kaiser und König für seine Regierungspolitik aufstellt. Diese beiden gewaltigen Dokumente, welche ein ewig dauerndes Denkmal der Ge­schichte bilden, dürfen in keiner Zeitschrift fehlen, welche dem deutschen Volke dienen will. Und darum bringen wir dieselben im Worlaut, wenn sie auch zweifellos unseren Lesern schon bekannt sind. Solche Worte soll man wahren und hegen und immer wieder lesen in jedem deutschen Hause. Sie lauten:

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An Mein Volk!

Aus seinem glorreichen Leben schied der Kaiser. In dem vielge­liebten Vßter, den Ich beweine, und um den mit Mir Mein königliches Haus in tiefstem Schmerze trauert, verlor Preußens treues Volk seinen ruhmgekrönten König, die deutsche Nation den Gründer ihrer Eim­gung, dss wiedererstandene Reich den ersten deutschen Kaiser! Unzer­trennlich wird sein hehrer Name verbunden bleiben mit aller Größe des deutschen Vaterlandes, in dessen Neubegründung die andauernde Arbeit von Preußens Volk und Fürsten ihren schönsten Lohn gefun­den hat. Indem König Wilhelm mit nie ermüdender landesviterh.cher Fürsorge dss preußische Heer auf die Höhe seines ernsten Berufes erhob, legte er den sicheren Grund zu den unter seiner Führung etrungenen Siegen der deutschen Waffen, aus denen die nationale Einigung hervorging; er sicherte dadurch dem Reiche eine Macht­stellung, wie sie bis dahin jedes deutsehe Herz ersehnt, aber kaum zu erhoffen gewagt hatte.

Und was er in heißem, opfervollem Kampfe seinem Volke errungen, das war ihm beschieden, durch lange Friedensarbeit mühevoller Regierungsjahre zu befestigen und segensreich zu fördern. Sicher in seiner eigenen Kraft ruhend, steht Deutschland geachtet im Rate der Völker und begehrt nur, des Gewonnenen in friedlicher Entwicklung froh zu werden. Daß dem so ist, verdanken wir Kaiser Wilhelm, seiner nie wankenden Pflichttreue, seiner unablässigen, nur dem Wohle des Vaterlandes gewidmeten Tätigkeit, gestützt auf die von dem preußischen Volke unwandelbar bewiesene und von allen deutschen Stämmen geteilte opferfreudige Hingebung. Auf Mich sind nunmehr alle Rechte und Pflichten übergegangen, die mit der Krone Meines Hauses verbunden sind, und welche Ich in der Zeit, die nach Gottes Willen Meiner Regierung beschieden sein mag, getreulich wahrzu­nehmen entschlossen bin.

Durchdrungen von der Größe Meiner Aufgabe, wird es Mein ganzes Bestreben sein, das Werk in dem Sinne fortzuiühren, in dem es begtündet wurde, Deutschland zu einem Horte des Friedens zu machen und in Übereinstimmung mit den verbündeten Regierungen, sowie mit den verfassungsmäßigen Organen des Reiches wie Preußens die Wohlfahrt des deutschen Landes zu pflegen.

Meinem getreuen Volke, das durch eine jahrhundertelange Geschich­te in guten wie schweren Tagen zu Meinem Hause gestanden, bringe Ich Mein rückhaltloses Vertrauen entgegen, denn Ich bin überzeugt,

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daß auf dem Grunde der untrennbaren Verbindung von Fürst und Volk, welche, unabhängig von jeglicher Veränderung im Staatenleben, das unvergangliche Erbe des Hohenzollernstsmmes bildet, Meine Krone allezeit ebenso sicher niht, wie das Gedeihen des Landes, zu dessen Regierung Ich nunmehr berufen bin, und dem Ich gelobe, ein gerechter und in Freud wie Leid ein treuer König zu sein.

Gott wolle Mir seinen Segen und Kraft zu diesem Werke geben, dem fortan Mein Leben geweiht ist.

Berlin, den 12. März 1888 Friedrich III.

Mein lieber Fürst!

Bei dem Antritt Meiner Regierung ist es Mir ein Bedürfnis, Mich an Sie, den langjährigen, vielbewährten ersten Diener Meines in Gott ruhenden Herrn Vaters, zu wenden. Sie sind der treue und mutvolle Ratgeber gewesen, der den Zielen seiner Politik die Form gegeben und deren erfolgreiche Durchführung gesichert hat. Ihnen bin ich und bleibt Mein Haus zu warmem Dank verpflichtet. Sie haben daher ein Recht, vor allem zu wissen, welches die Gesichtspunkte sind, die für die Haltung Meiner Regierung maßgebend sein sollen.

Die Verfassungs- und Rechtsorduungen des Reiches und Preußens müssen vor allem in der Ehrfurcht und in den Sitten der Nation sich befestigen. Es sind daher die Erschütterungen möglichst zu vermeiden, welche häufiger Wechsel der Staatseinrichtungen und Gesetze veran­laßt. Die Förderung der Aufgaben der Reichsregierung muß die besten Grundlagen unberührt lassen, auf denen bisher der preußische Staat sicher geruht bat. Im Reiche sind die verfassungsmäßigen Rechte aller verbündeten Regierungen ebenso gewissenhaft zu achten, wie die des Reichstages; aber von beiden ist eine gleiche Achtung der Rechte des Kaisers zu erheischen. Dabei ist im Auge zu behalten, daß diese gegenseitigen Rechte nur zur Hebung der öffentlichen Wohlfahrt dienen sollen, welche das oberste Gesetz bleibt, und daß neu hervor­tretenden, unzweifelhaften nationalen Bedürfnissen stets in vollem Maße Genüge geleistet werden muß. Die notwendige und sicherste Bürgschaft für ungestörte Förderung dieser Aufgaben sehe Ich in der ungeschwächten Erhaltung der Wehrkraft des Landes, Meines er­ptobten Heeres und der aufblühenden Marine, der durch Gewinnung überseeischer Besitzungen ernste Pflichten erwachsen sind. Beide müssen jederzeit auf der Höhe der Ausbildung und der Vollendung der

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Organisation erhalten werden, welche deren Ruhm begründet hat, und welche deren fernere Leistungsfähigkeit sichert.

Ich bin entschlossen, im Reiche und in Preuflen die Regierung in gewisserihafter Beobachtung der Bestimmungen von Reichs- und Lan­desverfassung zu führen. Dieselben sind von Meinen Vorfahren auf den, Throne in weiser Erkenntnis der unabweisbaren Bedürfnisse und zu lösenden schwierigen Aufgaben des gesellschaftlichen und staatlichen Lebens gegründet worden und müssen allseitig geachtet werden, um ihre Kraft und segensreiche Wirksamkeit betätigen zu können.

Ich will, daß der seit Jahrhunderten in Meinem Hause heilig ge­haltene Grundsatz religiöser Duldung auch ferner allen Meinen Unter­tanen, welcher Religionsgemeinschaft und welchem Bekenntnisse sie auch angehören, zum Schutze gereiche. Ein jeglicher unter ihnen steht Meinem Herzen gleich nahe. Haben doch Alle gleichmäßig in den Tagen der Gefahr ihre volle Hingebung bewährt.

Einig mit den Anschauungen Meines kaiserlichen Herrn Vaters, werde Ich warm alle Bestrebungen unterstützen, welche geeignet sind, das wirtschaftliche Gedeihen der verschiedenen Gesellsehaftaklassen zu heben, widerstreitende Interessen derselhen zu versöhnen und unvermeidliche Mißstände nach Kräften zu mildern, ohne doch die Erwartung hervorzurufen, als ob es möglich sei, durch Eingreifen des Staates allen Übeln der Gesellschaft ein Ende zu machen.

Mit den sozialen Fragen enge verhunden erachte Ich die der Er­ziehung der heranwachsenden Jugend zugewandte Pflege. Muß einer­seits eine höhere Bildung immer weiteren Kreisen zugänglich gemacht werden, so ist doch zu vermeiden, daß durch Halhbildung ernste Gefahren geschaffen, daß Lebensansprüche geweckt werden, denen die wirtschaftlichen Kräfte der Nation nicht genügen können, oder durch einseitige Erstrebung vermehrten Wissens die erziehliche Auf­gabe unberücksichtigt bleibe. Nur ein auf der gesunden Grundlage von Gottesfurcht in einfacher Sitte aufwachsendes Geschlecht wird hinreichend Widerstandskraft besitzen, die Gefahren zu überwinden, welche in einer Zeit rascher wirtschaftlicher Bewegung durch die Beispiele hochgesteigerter Lebensführung einzelner für die Gesamtheit erwachsen.

Es ist Mein Wille, daß keine Gelegenheit versäumt werde, in dem öffentlichen Dienste dahin einzuwirken, daß der Versuchung zu unver­hältnismäßigem Aufwande entgegengetreten werde. Jedem Vorschlage finanzieller Reformen ist Meine vorurteilsfreie Erwägung im voraus gesichert, wenn nicht die in Preußen altbewährte Sparsamkeit die Auflegung

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neuer Lasten umgehen und eine Erleichterung bisheriger Anforderungen herbeiführen läßt.

Die größeren und kleineren Verbänden im Staate verliehene Selbst­verwaltung halte Ich für ersprießlich; dagegen stelle Ich es zur Prüfung, ob nicht das diesen Verbänden gewährte Recht von Steuer­auflagen, welches von ihnen ohne Rücksicht auf die gleichzeitig von Reich und Staat ausgehende Belastung geübt wird, den einzelnen unver­hältnismäßig beschweren kann. In gleicher Weise wird zu erwägen sein, ob nicht in der Gliederung der Behörden eine vereinfachende Änderung zulässig erscheint, in welcher die Verminderung der Zahl der Angestellten eine Erhöhung ihrer Bezüge ermöglichen würde.

Gelingt es, die Grundlagen des staatlichen und gesellschaftlichen Lebens kräftig zu erhalten, so wird es Mir zu besonderer Genug­tuung gereichen, die Blüte, welche deutsche Kunst und Wissenschaft in so reichem Maße zeigt, zu voller Entfaltung zu bringen. Zur Verwirk­lichung dieser Meiner Absichten rechne Ich auf Ihre so oft bewiesene Hingebung und auf die Unterstützung Ihrer bewährten Erfahrung.

Möge es Mir beschieden sein, dergestalt unter einmütigem Zusam menwirken der Reichsorgane, der hingebenden Tätigkeit der Volksver­tretung wie aller Behörden und durch vertrauensvolle Mitarbeit sämt­licher Klassen der Bevölkerung Deutschland und Preußen zu neuen Ehren in friedlicher Entwicklung zu führen.

Unbekümmert um den Glanz ruhmbringender Großtaten, werde Ich zufrieden sein, wenn dereinst von Meiner Regierung gesagt werden kann, sie sei Meinem Volke wohltätig, Meinem Lande nützlich und dem Reiche ein Segen gewesen.

Berlin, den 12. März 1888

Ihr wohlgeneigter

Friedrich III.

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Die Woche, 14. - 21. März 1888

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Das Leichenbegängris Kaiser Wilhelms ist vorüber; unter ungeheurem Zudrang der Bevölkerung und einer bisheran wohl nie dagewesenen Teilnahme fremder Fürstliehkeiten ist der greise Held, der Deutschland neugeeint und zu unge­ahnter Größe erhoben, im Mausoleum zu Charlottenburg neben seinen königlichen Eltern bestattet worden. Kaiser Friedrich, dessen schweres Leiden ihm noch immer nicht das Verlassen des Schlosses erlaubt, zumal die Temperatur in Berlin einen sehr niedrigen Stand behalten in den letzten Tagen, sah den Leichenzug vom Fenster seines Zimmers an sich vorüberziehen. Einige Tage darauf erließ er eine Bot-schaft an den Reichstag und das Preußische Abgeordneten­haus, in welchem er die Übernahme der kaiserlichen und königlichen Gewalt anzeigte und das schriftliche Gelöbnis ablegte, die Verfassung von Reich und Preußen treu zu halten. Zu gleicher Zeit erfolgte auch die Proklamation an Elsaß-Lothringen, welches wir als ein neues historisches Dokument von höchster Wichtigkeit hier folgen lassen.

Wir Friedrich, von Gottes Gnaden deutscher Kaiser, König von Preußen, tun kund und fügen hiemit zu wissen:

Nachdem unseres geliebten Herrn Vaters Majestät, weiland Kaiser Wilhelm, nach Gottes Ratschluß aus dieser Zeitlichkeit geschieden, ist die deutsche Kaiserwürde und damit in Gemäßheit der Reichs-gesetze die Regierung der Reichsiande auf uns übergegangen. Wir haben dieselben im Namen des Reiches übernümmen. Entschlossen, die Rechte des Reiches über diese deutschen, nach langer Zwischemteit wiederum mit dem Vaterlande vereinigten Gebiete zu wahren, sind wir uns der Aufgabe bewußt, in denselben deutschen Sinn und deutsche Sitte zu pflegen, Recht und Gerechtigkeit zu schirmen und die Wohlfahrt und das Gedeihen der Bewohner zu fördern. Bei unserem

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Bestreben, dieser Aufgabe gerecht zu werden, zählen wir auf das Vertrauen und die Ergebenheit der Bevölkerung, sowie auf die treue pflichterfüllung aller Behörden und Beamten. Wir fordem und erwar­ten die gewissenhafte Beobachtung der Gesetze, dagegen werden auch wir jedermanns Rechten unseren kaiserlichen Schutz gewähren. Durch unpartelische Rechtspflege und eine gesetzmäßige, wohlwollende und umsichtige, aber mit fester Hand geführte Verwaltung wird die unver­jährbare Verbindung Elsaß-Lothringers mit dem Deutschen Reiche wieder eine so innige werden, wie sie in den Zeiten unserer Vorfahren gewesen ist, bevor diese deutschen Lande aus der uralten und ruhm-vollen Verbindung mit ihren Stammesgenossen und Landsleuten los-gerissen wurden.

Wir befehlen, diesen Erlaß durch das Gesetzblatt zu verkünden.

Gegeben Charlottenburg, den 15. März 1888.

gez.: Friedrich Gegengez.: Fürst v. Hohenlohe

Abgeordnetenhaus und Reichstag beantworteten die Bot-schaft Friedrichs III. in einer die Empfindung des Volkes treu widerspiegelnden Ergebenheitsadresse; alsdann wurde der Reichstag geschlossen. Der Kaiser ernannte seinen früheren hochverdienten Generalstabschef, General Graf Blumenthal, zum Feldmarschall.

In Österreich vollzog sich inzwischen ein überaus wichtiger Wechsel im Kriegsministerium, von welchem nach langer, ausgezeichneter Tätigkeit Graf Bylandt-Rheidt zurücktrat, während der bisherige Landeskommandierende von Wien, Feldzeugmeister Freiherr v. Bauer, einer der hervorragend­sten österreichischen Offiziere, zum Reichs-Kriegsminister ernannt wurde. Der Kaiser systemisierte außerdem durch ein besonderes Befehlsschreiben die Stelle eines General-Inspek­tors der Infanterie und ernannte seinen Sohn, den Kron­prinzen Rudolf, zu demselben, so ihm einen großen und für die Zukunft der österreichischen Militärmacht maßgebenden selbständigen Posten übertragend. Das Abgeordnetenhaus

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verhandelte inzwischen über die vom Strafgerichte verlangte Auslieferung des Abgeordneten Ritter von Schönerer, wozu nahezu mit Einstininrigkeit die Bewilligung erteilt wurde. In Wien haben sich neue Gemeinderatswahlen vollzogen, die im allgemeinen mit einer Niederlage des deutsch-liberalen Wahikomitees endeten.

In Frankreich gab es nun doch wieder einen größeren Boulanger-Rummel. Der eitle und ehrgeizige General hat gegen den Befehl des Kriegsministers mehrmals seine Garni­son verlassen und sich nach Paris begehen. Infolge dieses Vergehens gegen die Disziplin wurde er auf Antrag des Kriegsministers vom Präsidenten der Republik zur Disposi­tion gestellt; es scheint jedoch, daß das Drängen seiner Freunde, die ihn durchaus in eine politische aktive Rolle drängen wollen, seine Absetzung bzw. Pensionierung nach sich ziehen wird. Nach Thibaudin jetzt Boulanger, das ist der Lauf der Republik. Lebhafte, namentlich von Paul de Cassagnac hervorgerufene, Boulanger betreffende Debatten in der französischen Kammer entbehren der politischen Be­deutung und erregen lediglich das Interesse von Pikanterien.

Im Orient ist eine Veränderung der Lage nicht eingetreten, doch erwartet man in Kürze neue russische Schritte in der bulgarischen Frage. Fürst Ferdinand richtet sich inzwischen etwas bequemer in Sofia ein.

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Die Woche, 22.-28. März 1888

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Die Stellvertretung, welche Kaiser Friedrich seinem Sohne, dem Kronprinzen Wilhelm, übertragen, ist keineswegs eine vollständige und dient, wie ausdrücklich hervorgehoben, nur

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zur Einführung des Thronerben in die Regierungsgeschäfte, während der Kaiser sich alle wichtigen Entscheidungen vor­behält. Tatsächlich wohnt Kaiser Friedrich, obgleich über seinen Gesundheitszustand noch immer widerspruchsvolle Nachrichten im Laufe sind, dem Ministerrat bei, empfängt häufig den Reichskanzler und arbeitet unausgesetzt mit dem Zivil- und Militärkabinett. In der deutschen Politik ist eine Anderung nicht eingetreten, und wenn russische Blätter sich in dem Wahn wiegen, daß das Deutsche Reich unter dem jetzigen Kaiser sich mehr von Österreich-Ungarn entfernen und wieder an Rußland anlehnen werde, so beweisen sie da­mit nur, daß ihnen die tatsächliche Wesenheit und Bedeutung des deutsch-österreichischen Bundes eigentlich gar nicht zu rechtem Bewußtsein gekommen ist. Inzwischen sind die Spezialgesandten des neuen deutschen Kaisers, welche den verschiedenen Staatsoberhäuptern dessen Thronbesteigung angezeigt haben, an ihren Bestimmungsorten eingetroffen und haben sich teilweise schon ihres Auftrages entledigt.

Das Österreichische Abgeordnetenhaus benutzte die letzten Sitzungen vor den Osterferien zu einer großen Debatte an­läßlich des Berichtes der Staatsschulden-Kommission, der erst eineinhalb Jahre nach seiner Fertigstellung dem Hause vor­gelegt wurde. Diese Kommission, in welcher es seinerzeit zu einem scharfen Zwiespalt zwischen den Mitgliedern der Rechten und Linken gekommen, hat es mit ihrer Würde vereinbar gefunden, einen doppelten, sich direkt widerspre­chenden Beschluß zu fassen. Der ursprünglich votierte Tadel gegen die Regierung wurde später wieder unterdrückt. Die ungarischen Minister Tisza und Fejervary trafen in Wien ein und haben während eines kurzen Aufenthaltes an einigen Beratungen des gemeinsamen Ministerrats unter dem Vorsitze

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des Kaisers teilgenommen, in denen die etwaigen Vorlagen für die Delegationen in Beratung gezogen sein sollen. Näheres und Bestimmteres verlautet jedoch nicht. Die Reichshaupt-stadt Wien wandte auch in der abgelaufenen Woche ihre Aufmerksamkeit vorzugsweise den Ergänzungswahlen für den Gemeinderat zu; im zweiten Wahikörper siegten bei sehr lebhafter Wahlbewegung in mehreren Bezirken die antisemi­tischen Kandidaten, während im ersten Wahikörper überall die Kandidaten des liberalen Wahlkomitees durchdrangen.

In Frankreich gehörte die Woche wieder dem General Bou­langer. Seine Anhänger haben ihn bei verschiedenen Neu­wahlen für die Kammer aufgestellt, und tatsächlich sind viele Tausende von Stimmen auf ihn entfallen. Aus einer Stichwahl in Laon dürfte er als Sieger hervorgehen, und die militärische Untersuchungs-Kommission, welche über seine zahlreichen Verstöße gegen die Disziplin abzuurteilen hatte, ermöglichte es ihm, mit großer Beschleunigung seinen etwaigen Sitz ein-zunehmen, indem sie ihn seiner Stellung enthob und straf-weise pensionierte. In Marseille wurde der alte Kommunist Felix Pyat gewählt.

Die orientalische Frage, als deren äußere Erscheinung heute noch immer die bulgarische im Vordergrunde steht, hat irgendeinen Schritt nach vorwärts nicht gemacht. Stambulow hat nunmehr endgültig von der Beantwortung der Note des Großwesirs Abstand genommen, und Bulgarien ist nach wie vor vollkommen ruhig. Freilich bleibt die Regierung sorgsam auf ihrer Hut, da das vollständige Schweigen Rußlands in unterrichteten Kreisen so gedeutet wird, als wolle es im geheimen einen plötzlichen Schlag vorbereiten. Die Herzogin Glementine, die Mutter des Fürsten Ferdinand, hat Bulgarien nach mehrmonatlichem Aufenthalte verlassen und sich über

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München und Paris nach Cannes begeben. Von dort will sie, wie es heißt, nach einigen Wochen zu ihrem Sohne nach Sofia zurückkehren.

Sehr unliebsame Dinge haben sich inzwischen in Bukarest ereignet. Die ultrakonservative Opposition gegen Bratianu, unter der Führung des Abgeordneten Gatargin, drang in das königliche Palais mit einem Volkshaufen ein und verlangte stürmisch eine Audienz beim König, welcher eben erst mit seiner Gemahlin von den Leichenfeierlichkeiten in Berlin und einem zweitägigen Besuche in Wien in seine Hauptstadt zurückgekehrt war. Die Polizei mußte in Anspruch genommen werden, um die Lärmmacher aus dem Schlosse zu entfernen. Am nächsten Tage drangen die Oppositionellen gegen die Kammer vor; es kam zu Blutvergießen, und die Regierung sah sich genötigt, Militär zu Hilfe zu rufen, welches die Tumul­tuanten verdrängte. Es läßt sich der Ausgang dieser wieder­holten Unruhen noch nicht absehen. Die besseren Elemente Rumäniens mit der Hauptstadt scheinen jedoch treu zu Bratia­nu zu halten.

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Die Woche, 29. März - 4. April 1888

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Die Staatsmänner an der Seine und ihre östlichen Stiefbrüder an der Dimbowitza haben uns politische Ostern gebracht. Hüben wie drüben stürmische Szenen in der Volksvertretung, Sturz der Regierung und die Neubildung von Ministerien. Das Ministerium Tirard, das erste, das der neue Präsident Carnot berufen, ist nach etwa drei- bis viermonatlicher Tätig­keit, welche keineswegs eine bedeutungslose genannt werden kann - fällt doch in dieselbe die militärische Maßregelung des disziplinlosen Generals Boulanger -, gestürzt worden, weil es,

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man darf sagen, ohne eigentlichen Grund sich darauf versteift hatte, die Frage einer etwaigen Verfassungsrevision nicht zur Diskussion zuzulassen. Die französische Verfassung, welche seinerzeit nur mit der winzigsten Mehrheit von einer Stimme zustande gekommen, ist tatsächlich in mehr als einer Bezie­hung revisionsbedürftig; eine solche mit staatsmännischer Mäßigung vorgenommen, bedroht auch keineswegs die Ruhe und Ordnung, welcher Ansicht sich die sogenannten Opportu­nisten unter Ferry und die ehrlichen Republikaner unter Brisson hingegeben zu haben scheinen. Die Rechte und die Radikalen verbanden sich gegen Tirard, welcher, froh der Bürde ledig zu sein, sofort seine Entlassung bei dem Präsiden­ten einreichte. Carnot berief den einzigen Mann der Lage, Floquet, den Präsidenten der Kammer, welcher zugleich als der Führer der gemäßigten Radikalen gilt, für die er ungefähr das ist, was Gambetta seinerzeit den Opportunisten war. Mit bemerkenswerter Raschheit hat Floquet ein rein radi­kales Kabinett gebildet; in demselben hat Herr von Freycinet das Portefeuille des Krieges inne, der gewandte Goblet, selbst einmal schon Ministerpräsident, das Auswärtige. Die Beset­zung des Kriegsministeriums durch einen Zivilisten ist ein kühn radikales Wagestück Floquets, der selbst das Innere übernimmt; die Zukunft muß lehren, ob es gelingt; man hat guten Grund, daran zu zweifeln. Floquet hat dann in der Kammer sein Programm, das man ein gemäßigt radikales nennen darf, unter dem Schweigen der Rechten und Opportu­nisten und unter stellenweise überlautem Beifall der Linken entwickelt. Es wird an der Zeit sein, dasselbe einer genaueren Erwägung zu unterziehen, falls dem Ministerpräsidenten Zeit bleibt, dasselbe praktisch durchzuführen. Die Tatsache, daß bei der ersten Neuwahl des Kammerpräsidenten die meisten

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Stimmen sich auf Clemenceau vereinigten, scheint anzudeu­ten, daß nach einem Ministerium Floquet nach einigen Wand-lungen immer noch ein Kabinett Clemenceau möglich sei; man ist nur einigermaßen darüber im Zweifel, ob man schon jetzt das grand ministére radical vor sich hat, oder ob uns dies erst der in einigen Beziehungen mit Wien stehende Doktor von Montmartre bringen wird.

In Bukarest ging es nicht minder stürmisch zu wie in Paris. Bratianu, anfangs in der Gunst der übergroßen Mehrheit des Volkes wie des Königs, und somit der bleibenden Ministerpräsidentschaft anscheinend vollkommen sicher, hat nun doch endgültig sich zurückgezogen und einem Ministe­rium der Jungkonservativen, die sich auch Junimisten nennen, Platz gemacht. Der König übertrug zwar die Kabinettsbildung und das Präsidium an Rosetti, jedoch gilt allgemein der frühere rumänische Gesandte in Wien, Carp, der das Ministe­rium des Äußern erhielt, als die Seele des Kabinetts. Wenn­gleich allgemein versichert wird, daß Rumänien unter König Carol sich niemals in seiner äußeren Politik von der der mitteleuropäischen Kaisermächte entfernen werde, so haben doch die letzten Unruhen in Bukarest, bei denen der böse russische Einfluß ziemlich durchsichtig ist, soviel Überraschen-des gebracht, daß es gefährlich ist, irgendeine feste Ansicht über die wahrscheinliche Entwicklung der Dinge in Rumänien auszusprechen. Sollte, wie von mancher Seite befürchtet wird, durch russischen Einfluß eine revolutionäre Bewegung gegen das Königtum der Hohenzollern ausbrechen, so wurde man diese wohl als den ersten und ernstesten Vorboten eines großen Krieges anzusehen haben.

Unsere wirtschaftlichen und finanziellen Kreise lassen sich inzwischen von diesen politischen Sorgen nicht bedrücken, sie

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bauen auf die Friedensära unter Kaiser Friedrich III. Die letzten Nachrichten über das Befinden des teuren Kranken lauten sehr widerspruchsvoll; während sein zweimaliger Be­such in Berlin meistens optimistisch gedeutet wird, kommen von gemeiniglich gut unterrichteter Seite leider wieder sehr ernste Meldungen. Zum Osterangebinde für das preußische Volk hat der König eine Amnestie erlassen, welche zwar eine erhebliche Ausdehnung hat, jedoch die vielfach gehoffte An­wendung auf alle infolge des Sozialistengesetzes Bestraften nicht enthält. Am 1. April feierte der deutsche Staatskanzler Fürst Bismarck seinen Geburtstag; bei dem Diner, welches er gab, brachte Kronprinz Wilhelm ihm seinen Trinkspruch als dem Bannerträger des Reiches. Rudolf von Bennigsen, der Führer der Nationalliberalen, erhielt durch die Verleihung des Roten Adlerordens erster Klasse eine hohe Auszeichnung, die wie den verdienten Empfänger so die von ihm geführte Partei besonders ehrt und als eine bemerkenswerte Kund­gebung des Kaisers angesehen werden muß.

Die eingeleiteten Verhandlungen über einen Ausgleich zwischen Rußland und der Kurie dauern fort. - In Dänemark hat sich das Parlament vertagt; in Serbien hat die neue radikale Skuptschina ihre Tätigkeit begonnen.

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Die Woche, 5.- 11. April 1888

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Die Bismarck-Krise, welche in unserem Leitartikel ihre Wür­digung findet, scheint nach den letzten aus Berlin eingetrof­fenen Depeschen in günstiger Weise beigelegt zu sein. Durch diesen glücklichen Ausgang der Krise würde Deutschland und seine Freunde aufatmen.

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Die Kaiserin Viktoria hat sich in die überschwemmten Gebiete von Posen begeben. Diese Reise wird als Akt hoher

Staatsklugheit und großer natürlicher Güte angesehen. Fürst Bismarck wird an einem der allernächsten Tage Berlin verlassen und sich nach Varzin begeben. Man vermutet, daß der Fürst längere Zeit in Varzin zu bleiben gedenke.

Das Österreichische Abgeordnetenhaus ist am 10. d. M. wieder zusammengetreten. Es findet ein reichhaltiges Arbeits­programm vor, fast zu groß für die Zeit, welche seiner Tätig­keit zugemessen ist. Donnerstag dürfte die Generaldebatte über das Budget beginnen. Da die Delegationen unmittelbar nach Pfingsten zusammentreten sollen, so muß die Session des Abgeordnetenhauses spätestens am Freitag vor den Pfingst­feiertagen, das ist am 18. Mai, geschlossen werden. Es stehen also im ganzen nur 30 Sitzungstage zur Verfügung. Und in diesem kurzen Zeitraume müssen insbesondere das Spiritus­steuergesetz, der Lloydvertrag, die erste Lesung der Schulan­träge, die Vorlagen über den Advokatentarif, das Marken­schutzgesetz, die Lagerhäuser usw. zur Erledigung gelangen. Es liegt der Gedanke nahe, daß sich die Notwendigkeit einer Nachsession oder die Vertagung einer oder der anderen Ange­legenheit als notwendig herausstellen wird. Die Polen, die noch immer in Opposition gegen die Spiritusfrage sind, sollen in letzter Zeit mit der Linken über diesen Gegenstand verhan­delt haben, allein ohne Resultat. Die Linke soll sich entschlos­sen haben, aus politischen Gründen gegen das Spiritussteuer­gesetz zu stimmen. In der Dienstagsitzung des Abgeordneten-hauses wurde demselben zunächst der Dank des Deutschen Reichstages für die aus Anlaß des Todes Kaiser Wilhelms kundgegebene Teilnahme vom Ministerpräsidenten Grafen Taaffe mitgeteilt, und es ist nicht unbemerkt geblieben, daß

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dieser Dank mit besonderer Wärme speziell der mit der Österreichisch-Ungarischen Monarchie bestehenden freund-schaf tlichen Beziehungen gedenkt. Der Wortlaut der betref­fenden Note ist folgender:

«Der unterzeichnete kaiserlich dentsche Botschafter hat die Ehre, im Auftrage seiner a. h. Regierung Se. Excellenz dem k. k. öster­reichischen Minister des kaiserlichen Hauses und des Äußern, Herrn Grafen Kalnoky de Köröspatak> ganz ergebenst zu bitten, den Herren Präsidenten des österreichischen Herrenhauses und des Abgeordneten-hauses, sowie des Ungarischen Ober- und Unterhauses zu eröffnen, daß der Deutsche Reichstag in der Sitzung vom 19. März d. J. den ein­stimmigen Beschiuß gefaßt hat, auszusprechen, daß die Zeichen der besonderen Verehrung für unseren aus dieser Zeitlichkeit abberufenen erhabenen Monarchen und der warmen Teilnahme an der Trauer des ganzen deutschen Volkes, welche diese Vertretungskörper in so beredter Weise zum Ausdruck gebracht haben, in ganz Deutschland die tiefste Rührung und wärmste Dankbarkeit hervorgerufen haben. Diese Hal­tung der österreichischen Parlamente bildet eine erhebende Kundgebung der freundschaftlichen Beziehungen, welche zwischen beiden Völkern bestehen.»

In Frankreich geht es auf der schiefen Ebene des Radikalis­mus rasch abwärts. Die boulangische Hochfiut macht rapide Fortschritte; Boulanger ist auf allen Linien Sieger. Im Depar­tement Dordogne, in welchem er die Kandidatur abgelehnt hat, wurde er mit 59 500 von 100 000 abgegebenen Stimmen als Deputierter gewählt. Der Opportunist Clerjonie blieb mit 35 700 Stimmen in der Minorität. Die Opportunisten sind untröstlich über ihre neue Niederlage. Das Ministerium Floquet hängt nunmehr in der Luft. Aus dem jetzigen Ministerium wird sich die radikale Republik entwickeln, was eine große Gefahr für den Bestand der Republik überhaupt bedeutet.

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In der bulgarischen Angelegenheit ist so ziemlich alles beim alten geblieben. Rußland ist noch immer unerschöpflich in seinen Friedensbeteuerungen. Es wolle sich verpflichten, keinen Zwang gegen Bulgarien anzuwenden, weder Offiziere zur Ausbildung der bulgarischen Armee zu entsenden, noch einen General zum Kriegsminister zu ernennen oder einen Kommissär zu schicken. Rußland würde die Entwicklung der Ereignisse ruhig abwarten. Inzwischen werden aber die rus­sischen Wühlereien in Bulgarien eifrigst fortgesetzt. Die Pforte sicherte dem bulgarischen Delegierten den Abschluß eines Zolivertrages bis 1. Mai zu. Die Verhandlung über die Affäre Popow-Bonew und Genossen beginnt unter dem Präsi­dium des Obersten Nikolajew am Mittwoch. Die Regierung erklärt, dem Militärgerichte vollständig freien Lauf zu lassen und sich von dieser Affäre fernhalten zu wollen, um keinen Anlaß zu Verdächtigungen und politischen Umtrieben zu bieten. Der famose türkische Milltär-Kordon wurde von der ostrumelischen Grenze zurückgezogen.

Daß es in Rumänien noch immer nicht zur Ruhe gekommen ist, daran ist auch das heilige Rußland schuld. Die russische Aktionspartei hat eine Bauernbewegung in Rumänien ange­zettelt. Die Bauern verschiedener Ortschaften revoltieren, bedrohen oder mißhandeln die Gutsherren und Pächter und verlangen die Aufhebung der agrikolen Verträge, wie die Zuweisung von Ackerland. Der Minister des Äußern Carp hat in der Kammer sein Programm entwickelt. Der König habe die Minister gewählt, weil sie neutral seien und zwischen den Parteien ständen. Sie werden auch stets unparteiisch bleiben. Die auswärtige Politik betreffend, sagte der Minister, es sei Legende, zu behaupten, daß die Minister deutsche Politik treiben. Was die innere Politik anbelangt, so erklärte

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der Minister, daß es unmöglich sei, während der augen­blicklichen Aufregungen zu den Urnen zu schreiten. Man müsse abwarten, bis sich die Gemüter beruhigen, und dann werde die Regierung die Kammern auflösen. - Man glaubt, daß das Parlament in der ersten Hälfte des September auf­gelöst werden wird.

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Die Woche, 11.-18. April 1888

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Im Österreichischen Abgeordnetenhause wurde am 16. d. die Generaldebatte über das Budget eröffnet. Der Ausgang der-selben kann wohl für niemanden mehr zweifelhaft sein. Das Budget wird bewilligt werden trotz der durch die Jungtsche­chen und den Abgeordneten Gregorez verstärkten Opposition der Linken. Übrigens hat die Budgetdebatte angesichts der Spiritus- und Wehrvorlage viel an Interesse eingebüßt. Die bisherigen Redner der Opposition scheinen auch unter diesem Eindrücke zu stehen. Man vermißt in ihren Reden die wuch­tigen Schwertstreiche, welche sonst von oppositioneller Seite gerade bei der Budgetberatung gegen die Regierung geführt zu werden pflegen, und es scheint, als ob die Opposition ihre ganze Kraft sich für die Debatte über die Spiritusvorlage auf­sparen wollte. Die Polen haben in derselben den oppositionel­len Standpunkt, mit dem sie noch bis in die letzte Zeit para­dierten, ungeachtet des Petitionensturmes aus ihrem Lande aufgegeben. Diese Nachgiebigkeit ist übrigens nicht ein Ver­dienst der Regierung, sondern dem Einflusse des höchsten konstitutionellen Faktors zuzuschreiben. Man kann nunmehr darauf gefaßt sein, daß die Polen aus ihrer Entsagung, eine oppositionelle Rolle zu spielen, mit der sie es allerdings

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niemals gar zu ernst genommen haben, Kapital schlagen werden. Auch der ungarische Landesverteidigungsminister hat im Reichstage eine mit der österreichischen identische Wehrvorlage eingebracht. Nur weist der Motivenbericht der ungarischen Wehrvorlage im wohltuenden Gegensatze zu der Dürftigkeit des österreichischen eine lobenswerte Ausführ­lichkeit auf. Die beunruhigenden Verhältnisse an unserer nordöstlichen Grenze rechtfertigen die in das soziale Leben der Monarchie tief einschneidende Maßregel. Der öster­reichische Justizminister hat am 16. d. einen Gesetzentwurf eingebracht, durch welchen die Wirksamkeit des noch bis 10. August d. J. geltenden Anarchistengesetzes bis 31. August

1891 verlängert werden soll.

Deutschland ist von seiner beängstigenden Kanzlerkrise wohl auf eine lange Zeit hinaus befreit, aber der unerquick­liche Eindruck, den dieselbe durch die gewissenlose Ausbeu­tung seitens gewisser Kreise hinterlassen hat, wird so bald nicht verwischt werden. Dagegen versetzt die plötzlich ein­getretene Verschlimmerung in dem Befinden des Kaisers Friedrich das deutsche Volk in Besorgnis und Trauer. Das Leiden ist kein örtliches mehr, es hat auch andere edle Körper­teile ergriffen. Alle Mitglieder des kaiserlichen Hauses sind fast den ganzen Tag im Charlottenburger Schlosse versammelt.

Zum dritten Male hat Boulanger gesiegt. Am 16. d. wurde er mit ungeheurer Mehrheit zum Abgeordneten des Nord-Departements gewählt. Seinen Sieg hat er auch diesmal den Bonapartisten zu danken. Der «wackere» General hat ein Manifest an die Wähler des Nord-Departements erlassen, in welchem er die Beseitigung der Kammer, des Präsidenten und des Ministeriums sowie die Einberufung einer Constitu­ante fordert. Quousque tandem, Catilina! Ein Gutes hat die

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Bonlanger-Torheit aber dennoch zutage gefördert: die republi­kanischen Parteien haben sich angesichts der Gefahr, welche der Republik droht, enger zusammengeschlossen. Nur durch ein solches Festhalten kann die Gefahr beseitigt werden.

Die Lage im Orient hat keine Veränderung erfahren. Die Revolten, die in einigen Orten Rumäniens ausbrachen, werden wohl durch die Energie der Regierung bald ganz niedergedrückt werden. - Von einer bevorstehenden Abreise des Fürsten Ferdinand von Bulgarien nach Bukarest ist in gut unterrichteten Kreisen nichts bekannt.

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Die Woche, 18.-25. April 1888

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Die erste Woche der österreichischen Budgetdebatte ist vorüber. Ihr Verlauf gestaltete sich bewegter und stürmischer, als der gelassene und vielleicht resignierte Ton der ersten Redner erwarten ließ. Schon die Rede des Abgeordneten Dr. Gregr rief wegen ihrer leidenschaftlichen, gegen die Politik der Regierung gerichteten Spitze anhaltende Bewegung her­vor. Aber dem Dr. Lueger, diesem Demokraten von Fall zu Fall, blieb es vorbehalten, durch seine häßlichen Verdäch­tigungen der Linken einen Skandal zu provozieren, wie man ihn selbst in diesem Abgeordnetenhause selten erlebt hat. Unter dem Eindrucke einer höchst unwürdigen Szene schritt das Haus zur Abstimmung über den Dispositionsfonds. Die noch zweifelhaften Stimmen des Coronini-Clubs vereinigten sich nunmehr mit denen der Opposition und der Jungtsche­chen, einige Polen taten das gleiche, und der Dispositions­fonds wurde zu Fall gebracht. Darum bleibt jedoch Graf Taaffe ruhig weiter Minister.

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Am 23. erfolgte die Begegnung zwischen dem Kaiser Franz Josef und der Königin Viktoria von England. Nicht nur die österreichischen, sondern auch die deutschen und englischen Blätter widmen derselben äußerst sympathische Betrachtun­gen. Ein Gleiches gilt von dem Besuche der Königin in Charlottenburg und Berlin.

Die Nachrichten über das Befinden des deutschen Kaisers Friedrich lauten wieder günstiger und erwecken die Hoffnung, daß er die jetzige Krise glücklich überstehen werde.

In Frankreich ist Boulanger noch immer der Held des Tages und der Gasse. Sein erstes Erscheinen in der Kammer, dem man mit Spannung und Besorgnis entgegensah, hat sich frei­lich nicht zu einem Siege des plebiszitären Generals gestaltet. Er kam gerade zurecht, als das Ministerium Floquet mit 379 gegen 177 Stimmen ein Vertrauensvotum erhielt, dessen Spitze gegen den zukünftigen Diktator gerichtet war. Es wurde der Regierung das Vertrauen ausgesprochen, daß sie es verstehen werde, den republikanischen Einrichtungen in entschiedener Weise Achtung zu verschaffen, sowie die vom Lande verlangte Politik des Fortschritts, der Reform und der Freiheit zur Geltung zu bringen. Indes dürfte dieser Sieg des Ministeriums nicht von langer Dauer sein und die Gefahr für die Republik noch nicht beseitigen, da die Opportunisten und der Senat wieder gegen Floquet Mißtrauen hegen, weil er die Frage der Verfassungsrevision ins Rollen gebracht hat.

Es ist jetzt klar, auf welchen Einfluß die Bauernunruhen in Rumänien, die übrigens schon im vollen Abnehmen be­griffen sind, zurückzuführen sind. Der offiziöse «Telegraphul» veröffentlicht einen scharfen Angriff gegen den russischen Gesandten Hitrowo. Man erwartet in Bukarest die Ab-berufung Hitrowos.

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Auch die Bauernunruhen in Bulgarien, die ebenfalls unter dem russischen Protektorate in Szene gesetzt wurden, wurden durch die Energie der Regierung im Keime erstickt. «Eine Besserung der politischen Lage ist wohl nicht zu verzeichnen», meinte Stambulow in einem politischen Gespräch, «aber es ist vielleicht besser, daß die Krise länger dauert, da der Fürst mit der Zeit um so leichter die gesetzliche Sanktion erlangen wird. »

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Die Woche, 26. April - 2. Mai 1888

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Es hat in der vergangenen Woche im Österreichischen Reichs-rate nicht an Versuchen gefehlt, den Liechtensteinschen Schul-antrag vor der Verhandlung des Unterrichtsbudgets auf die Tagesordnung zu bringen. Trotz allen Anstrengungen, die von der klerikalen Seite des Abgeordnetenhauses gemacht wurden, kam man schließlich doch überein, der Regierungsvorlage den Vortritt zu überlassen. Unterbrochen wurde die Budgetde­batte durch die Vorlage des Reservistengesetzes, welches gleich wie im Ungarischen auch im Österreichischen Abgeord­netenhause mit großer Mehrheit zur Annahme gelangte. Am 30. April hat die Debatte über das Budget des Unterrichts-ministeriums begonnen. Sowohl die Rechte wie die Linke ergingen sich in heftigen Angriffen gegen den Unterrichts-minister, und seine Erwiderung hat weder die Tschechen noch die Klerikalen zufriedengestellt. Herr von Gautsch erklärte, daß er von den absolvierten Studenten der tschechischen Universität die Kenntnis der deutschen Sprache unbedingt fordern müsse und niemals eine Herabdrückung des Bildungs-niveaus zugeben werde. Wenn er nur Wort hält!

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Die Besserung in dem Befinden des deutschen Kaisers hielt glücklicherweise an, nur die allerletzten Nachrichten lauten etwas weniger günstig. Täglich erhält der erlauchte Monarch rührende Beweise von der innigen Liebe und Verehrung seines Volkes. Die Veröffentlichung des letzten Willens des Kaisers Wilhelm soll demnächst erfolgen. Das Aprilheft der «Preußischen Jahrhücher» bestätigt, daß Kaiser Friedrich III. sowohl den Aufruf «An mein Volk», als auch den Erlaß an den Reichskanzler, zwei Schriftstücke, welche von den edlen Gesinnungen des Monarchen glänzendes Zeugnis geben, in San Remo selbst verfaßt und dem Fürsten Bismarck in Leipzig übergeben hat. Am nächsten Tage überreichte der Reichs­kanzler dem Kaiser diese Schriftstücke ohne Erinnerung.

Die Ernennung des durch seinen leidenschaftlichen Haß gegen Deutschland bekannten russischen Generals Bogdano­witsch zum Sektionschef im Ministerium des Innern hat in den politischen Kreisen Deutschlands berechtigtes Aufsehen erregt. Bogdanowitsch ist auch ein eifriger Verfechter der russisch-französischen Allianz, welcher Umstand die Berufung des Generals auf einen so einflußreichen Posten in einem eigentümlichen Lichte erscheinen läßt.

Die Reise des Präsidenten der französischen Republik nach dem Südwesten Frankreichs hatte ziemlichen Erfolg. In Bor­deaux selbst war der Empfang des Präsidenten ein sehr guter. Er hielt daselbst eine politisch bedeutsame Rede, in welcher er alle Republikaner zur Einigkeit auffordert. Und daran tut es angesichts der beulangistischen Umtriebe, die an Verwegen­heit täglich zunehmen, wahrlich not.

Der Fürst von Bulgarien bereist gegenwärtig sein Land. Überall, wo er sich zeigt, werden ihm ebenso herzliche als enthusiastische Ovationen vom Volke bereitet. Beweis ge­nug,

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daß es endlich an der Zeit wäre, die bisherige Haltung der Mächte zu ändern. Daß der junge Fürst sich auf seinem Throne behaupten wird, bezweifelt ohnedies kaum noch ein einsichtiger Politiker, am allerwenigsten aber dürfte man sich darüber in St. Petersburg einer Täuschung hingeben.

In Serbien hat sich ein Ministerwechsel vollzogen. Das radikale Ministerium Gruitschs hat seine Demission gegeben und ein zum größten Teile aus Beamten zusammengesetztes Ministerium, mit Kristics an der Spitze, die Geschäfte der Regierung übernommen.

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Die Woche, 3.- 10. Mai 1888

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Schwere Tage hatte das Ministerium Taaffe in der vorigen Woche durchzumachen. Die Regierungspartei tat so, als habe sie nicht übel Lust, dem Herrn von Gautsch das Unterrichts-budget zu verweigern. Es hätte auch leicht dazu kommen können, wenn die Opposition sich ihrer Pflicht nicht entzogen hätte. Der größte Teil des Deutsch-Österreichischen Klubs aber ging in das regierungsfreundliche Lager über und rettete so das Ministerium Taaffe oder doch den Herrn Minister für Kultus und Unterricht. Ob das Kabinett sich aber recht seines Sieges erfreuen wird, ist sehr fraglich. Der Liechtensteinsche Schulantrag und das Spiritusgesetz werden allem Anscheine nach der Regierung noch manche Unannehmlichkeiten berei­ten, und es wird sich zeigen, ob das Kabinett denselben auch in Zukunft gewachsen sein wird. Über die sonstigen Vor­kommnisse im österreichischen Parlamente bleibt nur wenig Erfreuliches zu sagen. Die Skandalsucht steigert sich von Tag zu Tag. Ein Mißbilligungs-Ausschuß folgt dem andern.

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Das ist die Tätigkeit des Österreichischen Abgeordneten-hauses, dem das Volk dafür wenig Dank wissen wird.

Die große Verstimmung, welche die Ernennung des Gene­rals Bogdanowitsch im Deutschen Reiche hervorgerufen hat, dauert fort. Während man in Deutschland jeden Anlaß meidet, durch den die Empfindlichkeit des Zaren irgendwie verletzt werden könnte, hat man in Rußland wenig Verständ­nis für ein gleiches Entgegenkommen. Daß durch diese zum mindesten unzeitgemäße Ernennung des Generals Bogdano­witsch die boulangistische Bewegung in Frankreich, welche in der letzten Zeit einigermaßen im Abnehmen begriffen zu sein schien, wieder eine neue Anspornung erhalten hat, ist begreif­lich. Die republikanischen Blätter eröffnen jetzt einen Feldzug gegen die Minister Lockroy und Freycinet, welche das Mani­fest der Deputierten und Senatoren der Seine gegen Boulanger nicht unterzeichnen wollten. Die Erklärung des Ministerrates, daß Lockroy und Freycinet das Manifest nicht zu unter­schreiben hätten, weil das Ministerium in allen Handlungen solidarisch sei und die im Parlamente über den Boulangismus abgegebenen Erklärungen Floquets genügten, hat allem An-scheine nach wenig Eindruck gemacht. Die erste Lieferung des Buches «L'invasion allemande» aus der Feder Boulangers, in welchem er die Ereignisse und die Männer des Jahres 1870 «analysiert und studiert hat», soll in den nächsten Tagen erscheinen. 2 ½ Millionen Exemplare desselben wurden gratis verteilt werden.

Nun rüstet auch England. Der Kriegsminister Stanhope hat eine Vorlage zur Verbesserung der nationalen Verteidi­gung eingebracht, welche vom Unterhause in erster Lesung angenommen wurde. Überall in Europa beugt man sich dem ehernen Gebote: si vis pacem, para bellum.

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Der italienische Ministerpräsident hat der «Irredenta» auf der apenninischen Halbinsel gründlich heimgeleuchtet. Er be­tonte in einer bedeutsamen Rede, daß Italien mit Deutschland und Österreich verbündet sei, aber einzig deswegen, weil dies am besten den Interessen Italiens entspreche. Crispi gab auch zu, daß neben dem Bunde Italiens mit Deutschland und Österreich auch ein solcher zwischen Italien und England bestehe.

Auf der Balkanhalbinsel ist alles ruhig. Fürst Ferdinand von Bulgarien ist in Tirnowa angelangt und mit begeistertem Jubel empfangen worden. Der Fürst hielt bei einem ihm zu Ehren veranstalteten Bankette eine Ansprache, in welcher er auf die moralische Stärke Bulgariens hinwies, die ihn hoffen lasse, daß es sich von allen schädlichen fremden Ein­flüssen bald unabhängig machen werde. «Diese Stärke flößt mir» - so schloß der Fürst seine Ansprache - «ein starkes Vertrauen auf eine glänzende Zukunft Bulgariens ein.»

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Die Woche, 11.- 16. Mai 1888

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Das Befinden Kaiser Friedrichs bessert sich in erfreulichster Weise wieder von Tag zu Tag; Fürst Bismarck ist nach Varzin abgereist.

Seit einigen Tagen ist im Österreichischen Abgeordneten-hause die Budgetdebatte in ein ruhigeres Fahrwasser getreten. Die Krisengerüchte, die in der letzten Zeit wiederholt auf­tauchten, sind nun auch verstummt. Ernst hat sie ohnedies kaum jemand genommen. Wie vorauszusehen war, haben sich die Polen dem Rate Grocholskis, des «klügsten Mannes», ganz gebeugt und in der Spiritusfrage einen mehr oder weniger

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geordneten Rückzug angetreten. Auch Prinz Liechtenstein hat dareinwilligen müssen, daß die erste Lesung seines Schul­antrages auf die nächste Session verschoben werde. Dagegen erfährt man, daß der von der Opposition so sehr verhätschelte Minister für Kultus und Unterricht sich mit der Vorbereitung eines neuen Volksschulgesetzes beschäftige. Wahrhaftig, die Volksschule darf sich nicht darüber beklagen, daß man sich ihrer zu wenig annehme. Die lex Liechtenstein, lex Lien­bacher, lex Herold und lex Gautsch, sie alle bezwecken mit ihrer eigentümlichen Fürsorge, die arme Volksschule zu er­drücken. Zur Bewältigung des massenhaften, noch unerledig­ten Arbeitsmateriales werden schon in den nächsten Tagen Abendsitzungen stattfinden. Man spricht auch von der Not­wendigkeit einer Fortdauer der Session bis in die Sommer­monate. Am 13. Mai wurde das Denkmal der Kaiserin Maria Theresia auf dem herrlichen Platze zwischen den beiden Hofmuseen in Wien im Beisein des Kaiserpaares feierlich enthüllt; am folgenden Tage eröffnete Franz Josef persönlich die Jubiläums-Ausstellung, welche der Niederösterreichische Gewerbeverein im Prater bzw. in der Rotunde zur Feier des vierzigsten Regierungsjubiläums veranstaltet hat.

Endlich ist auch England aus der Reserve eines stillen Beobachters herausgetreten. Am 14. ds. begab sich eine Deputation, deren Mitglieder den angesehensten Persönlich­keiten des Landes angehören, zum Kriegsminister Stanhope, um ihn zu bitten, die nötigen Vorsichtsmaßregeln zur Ver-teidigung des Landes zu treffen, und zur Zeit zirkuliert ein Aufruf unter den Kaufleuten, Banklers und sonstigen leiten­den Kreisen der City, in welchem dieselben ersucht werden, sich an einer großen Versammlung zu beteiligen, deren Zweck es sein soll, Englands gegenwärtigen Verteidigungszustand

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zu Land und zur See zu ermitteln, da ein Krieg mit einer ausländischen Macht in naher Zukunft nicht unmöglich sei, und die bisherige Politik hinsichtlich der Defensivmaßregeln nicht länger fortdauern könne.

England versieht sich aber der Kriegsgefahr nicht so sehr von Seite Rußlands als von Seite Frankreichs, das, wenn einmal Boulanger seine ehrgeizigen Pläne verwirklicht, eher das unvorbereitete Inselreich als das wohlgerüstete Deutsche Reich überfallen dürfte. Ja, Boulanger und kein Ende! Er feiert Triumphe überall, wo er sich zeigt. In Lilie hielt er bei einem Bankette eine Rede, in welcher er auf die Ohnmacht und Unfähigkeit der aus 500 souveränen Nichtstuern zusam­mengesetzten Kammer hinwies. Er nannte die Abgeordneten Urheber der Kolonialkriege, Schwindler, schimpfte auf die Verfassung, beschuldigte die Volksvertreter, daß sie das Volk prellten, und schmeichelte in plumper Weise den Wählern. In Douai beklagte er sich darüber, daß die Verfassung kein Mittel angebe, den Präsidenten zu beseitigen. Das ist doch deutlich genug gesprochen.

Fürst Ferdinand von Bulgarien ist am 16. ds. von seiner Reise, die eine fortgesetzte Kette von herzlichen und begei­sterten Ovationen für ihn bildete, wieder nach Sofia zurück­gekehrt.

König Milan von Serbien traf am 14. ds. in Wien ein, woseibst seine Gemahlin mit dem Kronprinzen schon seit einigen Tagen weilt.

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Die Woche, 17. - 23. Mai 1888

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In der Hauptstadt Mährens hat in den Pfingstfeiertagen die Hauptversammlung des Deutschen Schulvereins stattgefun­den. Trotz der seit Wochen fortgesetzten Bemühungen tschechischer Agitatoren, namentlich der Sokolisten, die Ver­sammlung zu stören, verlief dieselbe in glänzender und er­hebender Weise, und nicht der geringste Mißton hat dieses schöne Fest, welches geeignet ist, die Einigkeit und Wider­standsfähigkeit der Deutschen zu erhöhen, gestört. Die Haupt­versammlung fand im städtischen Redoutensaale statt und war von mehr als 8oo Delegierten aus allen österreichischen Ländern und mehreren hundert Gästen, von denen auch einige aus Deutschland kamen, besucht. Aus dem Berichte über die Geschäfts- und Geldgebarung des Vereins entneh­men wir folgende interessante Daten: Das Ortsgruppennetz umfaßt 1035 vollständig im Gange befindliche Ortsgruppen, darunter 93 Frauen- und Mädchen-Ortsgruppen (fünf mehr gegen das Vorjahr), und sind mehr als 6ooo Mitglieder an der Gruppenverwaltung tätig, darunter mindestens 6oo Frauen. Die Zahl sämtlicher Vereinsmitglieder kann wieder mit etwa 120 000 angenommen werden, wovon beiläufig 30000 auf Frauen und Mädchen entfallen. Die reinen Ein­nahmen im Gewinn- und Verlustkonto weisen eine Gesamt-summe von Gulden 291 814.38 aus. Die Gesamteinnahmen des Vereins beliefen sich seit seiner Gründung (Juni 1880) bis 1. Mai 1888 auf fl. 1 761 537.91 gegen fl. 1 462 218.35 am gleichen Tage des Vorjahres. Die für Schulzwecke ver­ausgabte und gewidmete Gesamtsumme betrug fl. 296684.51. Abends fand eine Festvorstellung im Theater und nach dem Theater die Begrüßung in der Turnhalle statt. Es wurden

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kernige deutsche Reden unter dem stürmischen Beifalle der Teilnehmer gehalten. Nur die Rede des ersten Vizebürger­meisters von Wien, Dt. Prir, brachte eine polemisierende Geschmacklosigkeit, zumal im Hinblick auf jüngst verflossene Gerichtsverhandlungen. «Daß unser Kaiser Franz Josef heiße», ist doch im Munde eines Österreichers etwas Selbst-verständliches. Die servile Liebedienerei und Aufdringlich­keit, die eher geeignet ist, an höchster Stelle zu verletzen denn zu gefallen, beginnt platt zu werden. Auch für Reibe­reien zwischen Herrn Dr. Prix und Herrn Dr. Lueger, über dessen Deutschtum man nachgerade die Akten geschlossen hat, sind die Hauptversammlungen des Schulvereins nicht der Ort, welche durch einen Rückblick auf die Vergangenheit zu neuer werktätiger Arbeit für die Zukunft anspornen sollen. Höchst verdienstlich war der Antrag des Herrn von Dum­reicher betreffs der Gründung eines Schulbaufonds. Dum­reicher hat im Laufe dieses Jahres bereits mehrfach Gelegen­heit gehabt, unter den deutschen Abgeordneten in bemer­kenswerter Weise hervorzutreten, alle seine Ausführungen sind von hohem sittlichen Ernst getragen, sein Blick dabei immer auf das Wahre und Schaffende gerichtet, sein Wort eine Erquickung in der Dürre der Phrase, seine Reden ein Quell politischer Bildung und Erziehung für die deutsche Jugend Österreichs. Es kann sich mancher an dem Abgeord­neten der Klagenfurter Handelskammer ein Beispiel nehmen.

In der nächsten Zeit stehen Veränderungen in der Dislo­kation der Truppenkörper bevor. Es werden die galizischen Regimenter, die bisher ihre Standquartiere noch außerhalb Galiziens hatten, nach Maßgabe der Verhältnisse in ihre Ergän­zungsbezirke verlegt werden. Diese Maßregel erscheint, wie das diesbezügliche offiziöse Communiqué bemerkt, dadurch dringend

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geboten, weil durch die mannigfachen militärischen Ob­jekte und Fortifikationen, die in den letzten Jahren in ganz Galizien errichtet worden sind, der militärische Dienst an Ausdehnung und Anstrengung beträchtlich gewachsen ist und Ansprüche stellt, für welche die in diesem Landesteile bisher nicht vermehrte Truppenanzahi ferner nicht als ausreichend betrachtet werden kann. Es wäre überhaupt eine Anomalie -fährt das Communiqué fort -, wenn gerade in jenem Grenz­lande, welches seiner geographischen Lage und Beschaffenheit nach am exponiertesten ist, die für die schnelle Entwicklung der Wehrkraft so vorteilhafte Verlegung der heimatlichen Regimenter in ihre Ergänzungshezirke nicht durchgeführt würde.

Kaiser Friedrich III. befindet sich andauernd besser. Nach­dem die Gehversuche so gut geglückt sind, hat der Kaiser auch schon Spazierfahrten im offenen und geschlossenen Wagen unternommen, bei denen ihm immer vom Publikum begeisterte Huldigungen dargebracht wurden. Das Commu­niqué, welches die «Norddeutsche Allgemeine Zeitung» an­läßlich der Grenzvexationen, denen deutsche Untertanen in der letzten Zeit ausgesetzt sind, veröffentlicht hat, wird seine Wirkung in Frankreich nicht verfehlen. Deutschland hat sich schon oft über französische Übergriffe solcher Art hinweg­gesetzt, aber die Provokationen häuften sich allzu sehr, um nicht die französischen Heißsporne energisch in die gebühren-den Schranken zu verweisen, wie es jetzt geschehen ist. Die angedrohten Repressalien werden also wohl die Gemüter in Frankreich bald zur Vernunft bringen.

Ob der Boulangismus im Zu- oder Abnehmen begriffen ist, läßt sich heute nicht mit Sicherheit feststellen. Wohl be­haupten die anständigen französischen Journale, daß die Herrlichkeit

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des braven Generals den Zenit überschritten habe. Das mag bei den oberen Zehntausend der Fall sein, von den breiten Volksmassen weiß man dies aber noch keineswegs sicher.

Prinz Ferdinand von Balgarien richtete an den Minister-präsidenten Stambalow ein Reskript, in welchem er ihn bittet, der Bevölkerung für den ihm bereiteten Empfang den Dank auszudrücken. Er sei von seiner Reise entzückt und werde sich demnächst nach Kazanlik begeben, um einige Tage im Rosentale zuzubringen.

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Die Woche, 23.-30. Mai i888

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Das Befinden des Kaisers Friedrich ist fortdauernd ein sehr günstiges. Am 24. fand die Vermählung des Prinzen Heinrich mit der Prinzessin Irene von Hessen, der Enkelin der Königin Viktoria von England, in Charlottenburg statt. Am 27. ist Fürst Bismarck aus Varzin wieder nach Berlin zurückgekehrt. Am 26. hielt das Preußische Abgeordnetenhaus seine letzte Sitzung, in welcher das Volksschullastengesetz gemäß den Beschlüssen des Herrenhauses angenommen wurde. Richter hielt gelegentlich der Verhandlung über die Wahiprüfung eine scharfe Rede gegen das Verhalten der konservativen und nationalliberalen Presse in der Kanzlerkrise und der Kaiserin gegenüber, so daß sich die Konservativen und Nationalliberalen gezwungen sahen, in energischster Weise Protest gegen diese Anschuldigungen einzulegen. Die «Nord­deutsche Allgemeine Zeitung» und andere dem Fürsten Bis­marck nahestehende Organe bringen in Erwiderung auf einen Aufsatz der «Moskauer Zeitung» heftige Artikel gegen das

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feindselige Verhalten Rußlands in politischen und wirtschaft­lichen Dingen Deutschland gegenüber; zugleich wird die Not-wendigkeit von Gegenmaßregeln betont. Man sprach sogar von Zollrepressalien gegen das Zarenreich. Doch soll es vor­läufig nur bei der Drohung bleiben.

Im Österreichischen Abgeordnetenhaus wurde die Budget­debatte am 25. geschlossen, nachdem Abgeordneter Der­schatta den Justizminister wegen der geheimen Grundbuch-ordnung für das Grazer Oberlandesgericht in heftiger Rede angegriffen und Abgeordneter Pernerstorfer auf die schreien­den Mißstände in der galizischen Gerichtspraxis hingewiesen hat. Die Vorlage betreffend die Subvention des Österreich-Ungarischen Lloyd wurde angenommen. Gegenwärtig ist das Branntweinsteuergesetz Verhandlungsgegenstand. Am 26. Mai beantwortete Tisza die Interpellation Helfy betreffs die Beschickung der Pariser Weltausstellung von Seite der un­garischen Industriellen dahin, daß der Staat den Ausstellern keinerlei Unterstützung gewähren könne, und daß er über­haupt von jeder Teilnahme abrate. In Paris hat diese Rede begreiflicherweise großes Aufsehen hervorgerufen, und man sucht nach politischen Beweggründen Tiszas.

In Frankreich wurde von Clemenceau, Ranc und Jofirin eine Versammlung einberufen, die die Bildung einer «Gesell­schaft der Menschenrechte» beschließt. Die Republik soll durch sie «gegen Diktaturgelüste geschützt werden». Auch sonst scheinen sich die Stimmen gegen Boulanger zu mehren. Die deutsche Reichsregierung hat verfügt, daß alle von Frank­reich nach dem Elsaß kommenden Ausländer mit einem von der deutschen Botschaft in Paris hescheinigten Paß versehen sein müssen. Diese Maßregel wird mit dem Treiben der französischen Revanchepartei gerechtfertigt. Eine Reihe wei­terer

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Bestimmungen sucht den Aufenthalt von Franzosen im Elsaß zu regeln.

Prinz Ferdinand von Bulgarien ist am 27. in Sofia einge­troffen; der Empfang war ein überaus glänzender. Prinzessin Clementine traf am 29. zum Namenstage des Fürsten (der auf den 30. fällt) ein. Es sind große Festlichkeiten für diesen Tag in Aussicht genommen.

In England wurde eine britisch-ostafrikanische Gesellschaft, welche die weitere Erforschung und Zivilisierung Afrikas bezweckt, gegründet und von der Regierung mit dem Rechte versehen, Zölle und Steuern zu erheben und eine bewaffnete Macht zu organisieren.

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Die Woche, 31. Mai - 6. Juni 1888

Die Krisis in Preußen

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Aus den Bedenken, die Kaiser Friedrich gegen die Unter-zeichnung des Gesetzes über die Verlängerung der Legislatur­perioden in Preußen hat, entwickelte sich eine Puttkamer­Krise, die voraussichtlich auch eine solche bleiben und nicht, wie man von mancher Seite behauptet, zu einer Krisis des Gesamtministeriums führen wird. Die Publikation des Ge­setzes hängt von der Stellung ab, die Herr v. Puttkamer dem an ihn gerichteten Schreiben des Kaisers gegenüber einnimmt, worm er aufgefordert wird, sich über die im Abgeordneten-hause vorgebrachten Wahibeeinfiussungen zu äußern.

In diesem Schreiben scheint der Kaiser dadurch, daß er gegen die Wahlbeeinflussung Stellung nimmt, dem Gesetze ein Gegengewicht entgegensetzen zu wollen. Dieses Schreiben soll gleichzeitig mit dem Legislaturperioden-Gesetz veröffent­licht

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werden. Welchen Ausgang die Krisis nehmen wird, ist augenblicklich nicht abzusehen, da man über die Stellung des Kanzlers der Frage gegenüber nur Vermutungen haben kann.

Der Boulanger-Rummel

Vorgestern (4. Juni) stellte Boulanger in der französischen Kammer seinen schon seit längerer Zeit angekündigten An­trag auf Verfassungsrevision und begehrte die Dringlichkeit desselben. Die Worte, mit denen er seinen Vorschlag unter­stützte, erhoben sich nicht über die gewöhnlichsten demo­kratischen Phrasen. Die Republik soll nicht das Eigentum von Koterien, sondern das Gemeingut aller sein. Nicht die Kammermitglieder, die nur das Interesse gewisser Kreise vertreten, sondern er sei der rechte Interpret des Volks-willens. Er sei für die Abschaffung der Präsidentschaft. Die Minister sollen nur dem Staatschef verantwortlich sein. Die Kammer solle nur Gesetze geben, aber nicht regieren. Er würde ohne Bedauern den Senat verschwinden sehen, der nichts bedeute. Nach einer Rede Floquets, der die hochmütige Sprache des Generals, der wie Bonaparte von seinen Siegen heimkehrend sprach, zurückwies, wurde die Dringlichkeit des Antrages mit 335 gegen 170 Stimmen verworfen.

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Kaiser Friedrich reiste am 1. Juni nach Potsdam ab. Über sein Befinden ist auch diesmal Gutes zu sagen.

Im Österreichischen Abgeordnetenhaus begann am 29. Mai die Debatte über das Branntweinsteuergesetz. Dasselbe wurde am 5. Juni mit einer Majorität von 30 Stimmen an-genommen, und damit ist ein Gesetz geschaffen, das den

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unteren Schichten der Bevölkerung eine drückende Last sein wird und das zugleich dem Lande Galizien (als Entschädigung der dortigen Propinationsberechtigten) ein Geschenk von jährlich einer Million bringen wird. Samstag, den 9. Juni, ver­sammeln sich in Pest die Delegationen. Das Abgeordneten­haus beschloß am 5. seine Sitzungen.

Die Tisza-Affäre hat vorläufig damit einen Abschluß ge­funden, daß Goblet der Kammer die Erklärungen Kalnokys und Tiszas mitgeteilt hat, die beide versichern, daß von einer Verletzung Frankreichs nicht die Rede sein könne. Goblet hielt dabei eine beifällig aufgenommene Rede, die den fried­lichen Charakter der französischen Politik darlegte, aber auch von der Entschlossenheit sprach, mit der die Franzosen ihre nationale Würde gegen jeden verteidigen werden.

Anläßlich des Namenstages des Prinzen Ferdinand von Bulgarien fand eine große Revue statt, und es brachte die Bevölkerung dem Fürsten und der Prinzessin Clementine Ovationen dar.

In diesen Tagen ist die sogenannte transkaspische Eisen-bahn dem Verkehr übergeben worden, die die Möglichkeit bietet, die Strecke vom Schwarzen Meer bis Samarkand in vier Tagen zurückzulegen. Daß diese Bahn dem Handel Ruß-lands neue Wege eröffnet, ist zweifellos, oh aber bei dem Baue jeder politische Hintergedanke ausgeschlossen war, ist fraglich.

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Die Woche, 6. - 13. Juni 1888

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Im Vordergrunde der Ereignisse steht der am 8. erfolgte Rücktritt Puttkamers. Wir bringen eine Beleuchtung dieses Ereignisses an leitender Stelle. Die bis jetzt verbreiteten Mit-teilungen über den eventuellen Nachfolger beruhen lediglich auf Kombinationen. Die Ernennung desselben verzögert sich wohl wegen des Befindens des Kaisers, in dem leider in den letzten Tagen eine bedauerliche Verschlimmerung einge­treten ist.

Am 9. ist die Delegations-Session in Pest eröffnet worden. Den Delegierten sind folgende Vorlagen unterbreitet worden: der gemeinsame Voranschlag für 1889, der außerordent-liche Kredit für die Truppen in Bosnien, die Nachtragskredite des Ministeriums des Äußern und der Kriegsmarine, der Spezialkredit für militärische Vorsichtsmaßregeln, eine Vor-lage betreffend die Erstreckung von Krediten für die Kriegs-marine, die Schlußrechnung für i886, der Gebarungsausweis für 1887 und das bosnische Budget. Das Nettoerfordernis, das sich aus diesen Vorlagen ergibt, ist 192 Millionen. Bringt man hiervon den Betrag von 17,6 Millionen in Abschlag, der der gemeinsamen Regierung für den Fall dringenden Be­darfes - sie bat bei eventueller Verwendung das Einver-ständnis der österreichischen und ungarischen Regierung ein­zuholen - zur Verfügung gestellt wird, so verbleibt noch immer die nambafte Summe von 175 Millionen. Davon ent­fallen ungefäbr 962/3 Prozent auf die militärischen Auslagen und davon 29,7 Millionen auf den außerordentlichen Rü­stungskredit (davon sind ,6 Millionen infolge Beschlusses des Kronrates zu Weihnachten schon in Verwendung ge­langt). Das ordentliche Erfordernis des Heeres beträgt 115,9

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Millionen, das außerordentliche 23,1 Millionen, der bosrische Okkupationskredit 4,5 Millionen. Diese Ziffern werfen ein nur allzu helles Licht auf die politische Situation Europas, die in der Ansprache des Kaisers an die Delegationen mit folgenden Worten berübrt erscheint: «Die Beziehungen der Monarchie zu den auswärtigen Mächten tragen einen durch­aus freundschaftlichen Charakter; wenn aber trotzdem meine Regierung gezwungen ist, in ihrer pflichtgemäßen Sorge für die Sicherung unserer Grenzen und Förderung unserer Wehr­kraft bedeutende Kredite in Anspruch zu nehmen, so liegt der Grund hiervon hauptsächlich in der fortwährenden Un­sicherheit der politischen Lage Europas.» Mit Worten spre­chen unsere Regierungen eben die Hoffnungen, mit Zahlen die Befürchtungen aus.

Das Kronprinzenpaar hat sich nach Bosnien begeben und ist heute in Serajewo eingetroffen.

Zwischen Italien und dem Sultan von Zansibar ist ein Konflikt ausgebrochen; der Sultan hat sich geweigert, den von seinem Vorgänger mit Italien abgeschlossenen Vertrag, der die Abtretung der Küste zwischen Kap Delgado und dem Äquator an Italien verfügte, auszuführen.

Die Universität Bologna feierte am 12. ds. das Fest ihres achthundertjährigen Bestandes.

Ein überraschendes Ereignis ist der Sturz des ägyptischen Premierministers Nubar Pascha, der selbst für England, wo man gewohnt war, in ihm den Förderer englischer Interessen zu sehen, überraschend gekommen zu sein scheint. Als un­mittelbare Ursache werden die Reformen angegeben, die Nubar bezüglich der Landsteuer und des Agrarwesens ver­langte, bei denen Nubar von dem englischen Vertreter Baring, der seit langem sein Gegner war, keine Unterstützung erhalten

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konnte. Der tiefer liegende Grund dürfte aber die Gegnerschaft Frankreichs gegen Nubar sein, das letztere durch seine vor einigen Jahren beabsichtigte Unterdrückung des französischen Journals in Ägypten «Bosphore», sowie durch eine Äußerung, die er über Frankreich getan haben soll, das «seit 1870 eine Leiche ist, die man mit Füßen treten kann», gereizt hat. Frankreich scheint bei seinem Sturze mit­gewirkt zu haben.

Am 12. haben in Belgien die Wahlen zur Erneuerung der Hälfte der Kammer- und Senatsmitglieder stattgefunden. Die Liberalen haben eine vollständige Niederlage erlitten. Sie haben nicht nur keinen einzigen Sitz erobert, sondern sogar zwei verloren. In Brüssel ist eine Stichwahl zwischen dem Kandidaten der gemäßigten Liberalen und der Independen­ten notwendig.

Fürst Ferdinand von Bulgarien steht vor der Entscheidung über den Prozeß Popow. Er hat das kriegsgerichtliche Urteil nicht sofort bestätigt, sondern die Prozeßakten dem Kriegs­minister mit der Erklärung zurückgestellt, er müsse sich die Sache noch überlegen. Die Meldungen, daß sich das Mini­sterium in zwei Parteien gespalten habe, von dem die eine oder die andere, je nachdem die Entschließung des Fürsten ausfalle, demissionieren wolle, erklärt die «Agence Havas» für erfanden. Der Fürst und Prinzessin Clementine beabsich­tigen, einige Zeit in Ostrumelien zuzubringen.

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Die Woche, 14.-20. Juni 1888

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Als am Freitag, den 15., der Welt kund wurde, daß Kaiser Friedrich ausgerungen, da ging ein Zug tiefster Bewegung durch alle Welt. Mlüberall empfand man es, was Friedrich dem deutschen Volke hätte sein können, wenn ihn nicht die tückische Krankheit daran gehindert hätte. Niemand kann sich verhehlen, daß dieser Kaiser auf dem Throne eine ethische Größe bedeutet hätte, die das Größte hätte hoffen lassen. Aus allen Teilen der Welt laufen Stimmen ein, die die tiefste Teilnahme für den edlen Herrscher bekunden. Die Bestattung fand Montag vormittag 1/2 II Uhr statt. Wilhelm II. hat nach seiner Thronbesteigung das erste Wort an die Armee gerichtet. Wir wollen nur die markantesten Stellen hervorheben: «In der Armee ist die feste, unverbrüchiiche Zusammengehörigkeit zum Kriegsherrn das Erbe, welches vom Vater auf den Sohn, von Generation zu Generation geht; und ebenso verweise ich auf meinen Großvater, das Bild des glorreichen und ehrwürdigen Kriegsherrn, wie es schöner und zum Herzen sprechender nicht gedacht werden kann; auf meinen teueren Vater, der sich schon als Kronprinz eine Ehrenstelle in der Armee erwarb . . . ich gelobe dessen eingedenk zu sein, daß die Augen meiner Vorfahren auf mich herniedersehen. »

Die Proklamation des neuen Königs von Preußen wollen wir als die wichtigste Kundgebung desselben dem Wortlaute nach hierhersetzen:

An mein Volk! Gottes Ratschluß hat über uns aufs neue die schmerz­lichste Trauer verhängt. Nachdem die Gruft über der sterblichen Hülle meines unvergeßlichen Herrn Großvaters sich kaum geschlossen hat, ist auch meines heißgeliebten Herrn Vaters Majestät aus dieser Zeitlichkeit

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zum ewigen Frieden abgerufen worden. Die heldenmütige, aus christlicher Ergebung erwachsende Tarkraft, mit der er seinen könig­lichen Pifichten ungeachtet seines Leidens gerecht zu werden wußte, schien der Hoffnung Raum zu geben, daß er dem Vaterlande noch länger erhalten bleiben werde. Gott hat es anders beschlossen. Dem königlichen Dulder, dessen Herz für alles Große und Schöne schlug, sind nur wenige Monate beschieden gewesen, um auch auf dem Throne die edlen Eigenschaften des Geistes und Herzens zu betätigen, welche ihm die Liebe seines Volkes gewonnen haben. Der Tugenden, die ihn schmückten, der Siege, die er auf den Schlachtfeldern einst errungen bat, wird dankbar gedacht werden, so lange deutsche Herzen schlagen, und unvergänglicher Ruhm wird seine ritterliche Gestalt in der Ge­schichte des Vaterlandes verklären.

Auf den Thron meiner Väter berufen, habe ich die Regierung im Aufblidre zu dem Könige aller Könige übernommen und Gott gelobt, nach dem Beispiel meiner Väter meinem Volke ein gerechter und milder Fürst zu sein, Frömmigkeit und Gottesfurcht zu pflegen, den Frieden zu schirmen, die Wohlfahrt des Landes zu fördern, den Armen und Bedrängten ein Helfer, dem Rechte ein treuer Wächter zu sein.

Wenn ich Gott um Kraft bitte, diese königlichen Pflichten zu er-füllen, die sein Wille mir auferlegt, so bin ich dabei von dem Ver­trauen zum preußischen Volke getragen, welches der Rückblick auf unsere Geschichte mir gewährt. In guten und in bösen Tagen hat Preußens Volk stets treu zu seinem König gestanden. Auf diese Treue, deren Band sich meinen Vätern gegenüber in jeder schweren Zeit und Gefahr als unzerreißbar bewährt hat, zäHe auch ich in dem Bewußt­sein, daß ich sie aus vollem Herzen erwidere als treuer Fürst eines treuen Volkes, beide gleich stark in der Hingebung für das gemeinsame Vaterland.

Diesem Bewußtsein der Gegenseitigkeit der Liebe, welche nich mit meinem Volke verbindet, entnehme ich die Zuversicht, daß Gott mir Kraft und Weisheit verleihen werde, meines königlichen Amtes zum Heile des Vaterlandes zu walten.

Potsdam, 18. Juni 1888. Wilhelm.

Durch kaiserliche Verordnung wird der Reichstag auf Mon­tag, den 25. Juni, einberufen. Der Kaiser wird denselben selbst mit einer Thronrede eröffnen.

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In Österreich sind es gegenwärtig die Delegationen, auf die das politische Interesse gerichtet ist. Da ist vor allem der freundlichen und von tiefem politischen Takte getragenen Art zu erwähnen, mit der von den ungarischen Staatsmännern das Bündnis mit Deutschland hehandelt wird, so daß Graf Kalnoky mit Recht sagen konnte, es sei wohl kaum früher geschehen, daß ein als geheim abgeschlossener Staatsakt auf diese Weise in die Öffentlichkeit gebracht, mit so allseitiger Billigung begrüßt wurde. Auch auf die Wichtigkeit des Bünd­nisses mit Italien wurde hingewiesen, und es muß gewiß auch mit Befriedigung erfüllen, daß Kalnoky sagen konnte, der Abschluß des letzten Handelsvertrages mit diesem Reiche, das die handelspolitischen Beziehungen auf eine sichere Grundlage stellte, habe gezeigt, wie der leitende Staatsmann Italiens, Crispi, mit Energie und erleuchtetem Verständnisse die Politik im Sinne des engsten Zusammengehens seines Landes mit Deutschland und Österreich-Ungarn lenkt. In hezug auf die politische Situation Europas haben wir wohl nichts Neues erfahren. Auch Graf Kalnoky betonte, daß von den Ursachen, die im letzten Winter und früher den Frieden als gefährdet erscheinen ließen, keine geschwunden ist. Die Besorgnisse entspringen nicht allein aus den Zuständen auf der Balkanhalbinsel, als vielmehr aus der allgemeinen euro­päischen Lage, aus den Machtverhältnissen der einzelnen Staaten und den tiefgehenden Differenzen der Auffassung nicht so sehr der Kabinette als der Bevölkerungen. In bezug auf Bulgarien trat deutlich genug die Sympathie Österreich-Ungarns für den Fürsten Ferdinand hervor, dessen offizieller Anerkennung von Seite der Monarchie nur der Umstand ent­gegensteht, daß die Türkei, der die Initiative zusteht. diese noch nicht ergriffen hat. - Bei der Besprechung des Kriegsbudgets

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hob Reichs-Kriegsminister Bauer hervor, daß in Zu­lnlnft in den Ausbildungsschulen mehr Sorgfalt auf die Pflege der ungarischen Sprache bei Offizieren gelegt werden soll, wodurch aber der gemeinsamen Armeesprache kein Eintrag geschehen soll. Das Ordinarium wurde einstimmig bewilligt.

Der Empfang, der dem österreichischen Kronprinzenpaare überall in Bosnien wurde, ist ein außerordentlich erfreulicher.

Fürst Ferdinand von Bulgarien dürfte nach den neuesten Nachrichten die Affäre Popow in einer dem letzteren gün­stigen Weise erledigen. Die Minister scheinen sich dem Willen des Fürsten anzuschließen, und es kann wohl nicht mehr von einer Kabinettskrisis gesprochen werden. Der Fürst reist mit Prinzessin Glementine nach Philippopel ab, wo ihn Ministerpräsident Stambulow erwartet.

Die Stichwablen in Belgien brachten den Katholiken sämt­liche acht Sitze im Senat und einen in der Kammer.

In Madrid hat infolge der Differenzen, die zwischen dem einflußreichen Marschall Martinez Campos und dem Kriegs­minister bestanden, dessen Militärreform sich der letztere widersetzte, eine Ministerkrise stattgefunden. Das neuge­bildete Kabinett Sagasta hat in der Kammer erklärt, nur eine Fortsetzung des vorausgegangenen sein zu wollen.

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Die Woche, 21.-27. Juni 1888

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Montag hat Wilhelm II. im Reichstag und Mittwoch im Preußischen Abgeordnetenhause zu dem deutschen Volke ge­sprochen. Es waren Worte, die nach jeder Richtung hin Klar-heit zu schaffen geeignet sind. Der neue Herrscher hat ver­kündet, daß er entschlossen sei, «als Kaiser und König die­selben Wege zu wandeln, auf denen sein hochseliger Herr

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Großvater das Vertrauen seiner Bundesgenossen, die Liebe des deutschen Volkes und die wohlwollende Anerkennung des Auslandes gefunden hat». Für uns Deutsche in Österreich sind die Worte des Kaisers über das Deutsch-Österreichische Bündnis von ganz besonderer Bedeutung: «Unser Bündnis mit Österreich-Ungarn ist allgemein bekannt. Ich halte an demselben mit deutscher Treue fest, nicht bloß, weil es geschlossen ist, sondern weil ich in diesem defensiven Bunde eine Grundlage des europäischen Gleichgewichtes erblicke, sowie ein Vermächtnis der deutschen Geschichte, dessen In-halt heute von der öffentlichen Meinung des gesamten deut­schen Volkes getragen wird und dem herkömmlichen euro­päischen Völkerrechte entspricht, wie es bis 1866 in unbe­strittener Geltung war.» Diese Worte gehen aus einer tiefen, dem Geiste des Deutschtums und seiner geschichtlichen Ent-wicklung so entsprechenden Auffassung der Verhältnisse her­vor, daß sie wohl in jedem Deutschen einen starken Ein-druck machen und tiefe Befriedigung hervorrufen müssen. Die Erklärungen des Kaisers über die äußere Politik sind durchaus beruhigend. Überall in Europa wurden die Worte des neuen Herrschers der Deutschen in der sympathlschsten Weise begrüßt.

Die österreichisch-ungarischen Delegationen sind mit ihren Arbeiten fast zu Ende. Die österreichische hat schon sämt-liche Vorlagen in zweiter Lesung erledigt, der für außer­ordentliche Heeresauslagen beanspruchte 47 Millionen-Kredit ist einstimmig angenommen worden. Der Schluß der Session wird daher wahrscheinlich schon Donnerstag möglich sein. Gegen den 47 Millionen-Kredit wurde von Seite der Dele­gierten geltend gemacht, daß man in Hinkunft doch jene Aus-lagen, die als ständige zu betrachten sind, in das ordentliche

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Heereserfordernis aufnehmen soll, und daß die für die Volks­vertretung unkontrollierbaren Pauschalkredite nicht zu hoch werden sollen. Bemerkenswert sind die Worte Apponyis in der ungarischen Delegation betreffs der Umwandlung der passiven Politik Österreichs in der Balkanfrage in eine aktive. Österreich-Ungarn dürfe nicht ruhig zusehen, wie Rußland auf der Balkan-Halbinsel Politik mache, sondern müsse seinen ganzen Einfluß einsetzen, um die tatsächlich derzeit bestehen-den Verhältnisse zur rechtlichen Anerkennung zu bringen. Kalnokys Rede in der Budgetdebatte der Delegationen, welche entschieden in Abrede stellte, daß Österreich an irgendwelche Eroberungen auf der Balkan-Halbinsel denke, hat in Griechenland einen Umschwung der Gesinnungen gegen Österreich hervorgerufen, wo man bisher nicht ver­stand, daß Rußland und nicht Österreich der Feind der freien Entwicklung der Balkanvölker ist.

Fürst Ferdinand von Bulgarien steht noch immer der Ver­urteilung Popows als einer ungelösten Frage gegenüber. Die letzten Nachrichten scheinen doch darauf hinzudeuten, daß die Sache ohne Ministerkrisis abgehen wird.

Die Boulangisten sind untereinander uneinig, Michelin und Genossen werden fortan nur dann dem General folgen, wenn er das von ihnen ausgearbeitete radikale Programm annimmt. Der französische Ministerrat hat die vom Institut de France angesuchte Aufhebung der Verbannung des Duc d'Aumale abgelehnt.

In Spanien verwarf die Kammer ein Amendement betref­fend die offizielle Beteiligung Spaniens an der Pariser Welt­ausstellung.

Das englische Oberhaus hat am 18. Juni die Salisbury-Bill zur Reform des Oberhauses angenommen. Die Bill ermäch­tigt

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die Königin, jährlich nicht mehr als fünf Peers auf Lebenszeit zu ernennen, von denen drei eine höhere Staats-stellung innegehabt, die übrigen zwei sonst eine öffentliche Bedeutung haben müssen. Die Gesamtzahl der Peers darf niemals fünfzig überschreiten.

In Belgrad brachte König Milan am 24. Juni bei dem zu Ehren des Kabinetts veranstalteten Festdiner einen Trink­spruch aus, der bemerkenswerte politische Äußerungen ent­hält. Der König sagte, daß nur die in den letzten siebzig Jahren begangenen Irrtümer in der Politik Serbiens es in letzter Zeit zur Entlassung eines auf das Vertrauen des Volkes gestützten Ministeriums gebracht haben.

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Die Woche, 28. Juni - 4. Juli 1888

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Die beiden Thronreden Kaiser Wilhelms II. wurden in ganz Europa in der denkbar günstigsten Weise aufgenommen, auch in Rußland und sogar in - Frankreich. Sieht man von einigen russischen Zeitungsstimmen ab, die durch die scharfe Betonung der Zusammengehörigkeit Deutschlands und Öster­reich-Ungarns verstimmt sind, so ist deutlich wahrzunehmen, daß im Zarenreiche der neue Herrscher in der sympathischsten Weise begrüßt wird. Die Zusammenkunft Kaiser Wilhelms mit dem Zar, die in der Mitte des Juli stattfindet, wird gewiß zur Befestigung jener Beziehungen beitragen, die der Kaiser in seiner Thronrede als ein besonderes Herzensbedürfnis bezeichnete.

Puttkamer hat am 2. Juli in dem Unterstaatssekretär von Herrfurth einen Nachfolger bekommen. Der neue Minister des Innern steht keiner der parlamentarischen Parteien nahe,

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sondern ist ein im Verwaltungsdienste erfahrener Beamter. Diese Ernennung zeigt, über welche Summe von politischer Einsicht der neue Kaiser verfügt. In Deutschland scheint sich die Erkenntnis davon immer mehr Bahn zu brechen. Die deutschen Bundesfürsten sollen die außerordentlichen Ein­drücke, die sie von dem männlichen Ernste und dem großen politischen Takt Wilhelms II. empfangen, besonders betont haben, und Fürst Bismarck konnte nach den übereinstim­menden Mitteilungen der deutschen Zeitungen einigen preu­ßischen Pairs gegenüber die Hingebung des Herrschers, dessen Willensfestigkeit und Ruhe nicht genug betonen.

Die Nationalliberalen haben beschlossen, das Kartell mit den Konservativen nicht mehr zu erneuern.

Die österreichisch-ungarischen Delegationen haben ihre Sitzungen am 28. Juni geschlossen. Die Delegierten haben in richtiger Erkenntnis der zweifelhaften europäischen Lage sämtliche Forderungen der Heeresverwaltung bewilligt, frei­lich nicht, ohne dabei zu betonen, daß dieselben nunmehr jene Höhe erreicht hätten, über die hinaus nicht mehr ge­gangen werden könne; man habe an die Leistungsfähigkeit der Steuerträger die äußersten Anforderungen gestellt. Ein Blick auf die Delegationsverhandlungen ergibt, insoweit die Orientpolitik Österreichs in Frage kommt, ein erfreuliches Bild. Die Zustimmung unseres Auswärtigen Amtes zu der Lage der Dinge in Bulgarien, das Betonen der Ansprüche Griechenlands auf seine freie Entwicklung sind ein Zeugnis dafür, daß Österreich weiß, was den Balkanvölkern frommt.

Am 1. Juli hielt Graf Apponyi vor seinen Wählern eine Rede, in der er auseinandersetzte, welche Beweggründe die Delegationen geleitet haben, als sie den hohen Erfordernissen der gemeinsamen Regierung ihre Zustimmung erteilten:

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«Wir wollen den Frieden und sind der festen Überzeugung, daß die Entschlossenheit den Frieden sichern, Schwanken aber zum Krieg führen wird.»

Im Deutschen Verein in Prag hielt Prof. Knoll eine Rede über die politische Lage. Er tadelte das Verhalten der Deut­schen im letzten Sessionsabschnitte in mehrfacher Weise; besonders wandte er sich gegen die Wiener Pseudo-Demo­kraten und die Antisemiten.

Der Botschafter in London, Graf Karolyi, trat mit 20. Juni in den bleibenden Ruhestand.

Papst Leo XIII. hat am 28. v. M. eine Enzyklika erlassen, in der er die von den Modernen vertretene Freiheitsidee ent­schieden verdammt und einen im Sinne der Kirche gehaltenen «wahren Freiheitsbegriff» konstruiert, der seiner scholasti­schen Sophistik alle Ehre macht, dem modernen Bewußtsein aber einmal entschleden fremd ist.

Prinz Ferdinand von Bulgarien hat das Urteil an Popow bestätigt und denselben nachher begnadigt. Auf diese Weise hat er den beiden gegnerischen Parteien im Ministerium Genüge getan und eine schwierige Frage in einer Weise gelöst, wie sie sich dem Lande am günstigsten erweist. Einige Freunde Popows wurden wegen Demonstrationen verhaftet.

Das Ministerium Salisbury hat den Ansturm der Opposi­tion glücklich bestanden. Morleys Tadelsvotum wurde vom Hause mit 366 gegen 273 Stimmen zurückgewiesen.

In Frankreich ist das Ministerium Floquet in einer Klemme. Es kann den Opportunisten gegenüber in der Kammer nicht aufkommen. Das Abgeordnetenhaus akzeptierte gegen das Ministerium den Antrag, daß die Budget-Kommission nur bei Anwesenheit von 17 Mitgliedern beschlußfähig sei. Die zweite Schlappe bildete die Wahl der Budget-Kommission

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selbst, in der die Opportunisten mit 20, die Anhänger der Regierung mit i 3 Mitgliedern vertreten sind. Außerdem ist Rouvier, der Finanzminister Gambettas, einer der hervor­ragendsten Führer der Opportunisten, zum Präsidenten der Kommission ernannt worden. Flourens interpellierte am 3. wegen der Affäre in Carcassonne, wo der Maire sich den An­ordnungen der Justiz widersetzte und die Regierung kom­promittiert sein soll; das Kabinett erhielt aber ein Ver­trauensvotum .

In den Vereinigten Staaten sind nun Gleveland von den Demokraten und Harrison von den Replubikanern endgültig als Kandidaten für die Präsidentschaft aufgestellt.

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Die Woche, 5. - 11. Juli 1888

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Die Abreise Kaiser Wilhelms wird am 15. Juli und die An­kunft am 20. Juli in Peterhof erfolgen. Graf Herbert Bis­marck begleitet den Kaiser.

Freitag fand unter dem Vorsitze des Kaisers ein Kronrat statt, in dem der letztere die Räte der Krone aufforderte, ihm in gleicher Weise wie seinem Vater und Großvater er­geben zu sein, und indem er sagte, daß er genau im Sinne dieser seiner Vorfahren regieren wolle, daß die Botschaft von 1881 die Grundlage der sozialen Gesetzgebung und die Ver­träge mit Österreich und Italien jene der äußeren Politik sein sollen.

Immer bestimmter tritt die Meldung auf, daß der Unter­richtsminister Gautsch plane, den tschechischen Juristen die Ablegung ihrer Staatsprüfungen in böhmischer Sprache zu gestatten, wenn sie auf Staatsanstellungen verzichteten. Die

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deutscheationalen Abgeordneten Steinwender (in Villach) , Bendel (in Reichenberg) und Richter (in Korneuburg) baben Wählerversammlungen abgehalten, um ihren Wählern Re­chenschaft über ihre Tätigkeit im Reichsrate zu erstatten. Da­bei wurde von Seite der letzteren die Forderung gestellt, den Reichsrat zu verlassen, wenn in ähnlicher Weise, wie dies mit dem Branntweinsteuergesetz geschehen, die Interessen des Volkes geschädigt werden.

Am 5. Juli traf die Nachricht ein, daß König Milan bei der serbischen Synode um die Scbeidung von der Königin Natalie eingeschritten sei. Er hat sich aber zuletzt mit einer bloßen Trennung einverstanden erklärt. Damit ist die For­derung verbunden, daß der Kronprinz von der Seite seiner Mutter genommen und im Lande erzogen werden soll. Die Königin weilt gegenwärtig in Wiesbaden, wo sie bis zur Austragung des Prozesses verbleiben soll. Der Bischof De­metrius von Nisch und der Kriegsminister Protic haben sich zur Königin begeben, um den Kronprinzen zurückzufordern und die Scheidung einzuleiten. Der Bischof ist bereits nach Hause gereist, um der Synode von seiner erfolglos geblie­benen Mission zu berichten, während Protic in Wiesbaden verblieben ist, um nach Entscheidung der Angelegenheit den Kronprinzen nach Serbien zu bringen.

In Frankreich bat der Senat den Artikel 37 des Rekruten-gesetzes in zweiter Lesung angenommen, der die aktive Dienstleistung in der Armee auf drei Jahre, den Reserve-dienst auf sechseinhalb Jahre feststellt. Der Graf von Paris versandte an die Gemeinden ein Manifest, in dem er die Monarchle als den Hort der Gemeindefreiheit hinstellt. Es wurde konfisziert. General Boulanger hat Sonntag in Rennes bei einem Bankette eine Rede gehalten, in der er wieder die

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Auflösung der Kammer und der Verfassungsrevision als Notwendigkeit aussprach. Am 10. fand in Saint-Sevant Bou­langer zu Ehren ein Bankett statt.

Im Englischen Unterhaus stellte Fenwick den Antrag auf Wiedereinführung der Diäten für die Deputierten, den Glad­stone unterstützte. Der Antrag wurde mit 192 gegen 35 Stimmen abgelehnt. Parnell hat einen Antrag wegen Ein­setzung eines Ausschusses gestellt mit der Aufgabe, die gegen den irischen Führer erhobenen Anklagen zu prüfen. Die große Zahl noch nicht erledigter Vorlagen wird eine Herhstsession des Parlaments notwendig machen.

In den Niederlanden muß wegen des hohen Alters und der geschwächten Gesundheit des Königs eine Vormundschaft für die junge Prinzessin Wilhelmine, die nach dem Erbfolge-gesetze den Thron besteigen soll, eingesetzt werden, in die sich die Königin und einige angesehene Niederländer teilen sollen. Die Kammer tritt deshalb am 16. d. M. zusammen.

In Italien genehmigte der Senat die Regierungsvorlagen betreffend die Eisenbahnen und die Finanzmaßnahmen. Dem Ministerpräsidenten Crispi, dann den Ministern Magliani und Grimaldi wird das Großkreuz des österreichlschen Leopold-Ordens verliehen.

Aus Sofia wird gemeldet, daß der Finanzminister von der Regierung die Ermächtigung zur Einstellung der Zahlungen für den ostrumelischen Tribut verlangte, weil die Pforte sich weigert, den ostrumelischen Postdienst und den Betrieb der Linie Bellova-Vakarel durch die bulgarische Gesellschaft an­zuerkennen. - Prinz Ferdinand begibt sich mit der Herzogin Clementine und der Suite von Kalofer nach Burgas und Varna. Die wegen der Popow-Demonstration verhafteten Offiziere wurden in Freiheit gesetzt.

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Die Woche, 11.-18. Juli 1888

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Kaiser Wilhelm trat am ,3. Juli mit großem Gefolge seine Reise nach Rußland an, Samstag vormittag traf er in Kiel ein, um von da aus mit der kaiserlichen Yacht «Hohenzollern» die Reise zur See fortzusetzen. Die Begegnung des Kaisers mit dem Zaren soll Donnerstag am 19. auf der See statt-finden. An demselben Tage wird der deutsche Monarch in Kronstadt eintreffen, wo er während seines Aufenthaltes in Rußland wohnen wird.

Eine interessante Beleuchtung erfährt das Charakterbild Kaiser Wilhelms durch eine eben erschienene Schrift seines ehemaligen Erziehers Hinzpeter.

Die am 10. Juli veröffentlichte, nach amtlichen Quellen verfaßte Denkschrift der deutschen Ärzte Prof. Gerhardt, Schrötter, von Bergmann, Bardeleben macht ungeheures Auf­sehen. Sie bildet eine schwere Anklage gegen Mackenzie, der geradezu als Kurpfuscher hingestellt erscheint. Es ist merk­würdig, daß diese Frage, die doch lediglich vom medizinischen Standpunkte aus beleuchtet werden sollte, zu einer politi­schen Parteifrage gemacht wird. Die Freisinnigen treten in ihren Organen für Mackenzie gegen die deutschen Ärzte ein, während die nationalen und konservativen Zeitungen das Vorgehen des englischen Arztes entschieden verwerflich fin­den. Wir bringen oben einen ausführlichen Artikel, der die Frage behandelt, wie das nach dem, was jetzt vorliegt, möglich ist.

Der deutsch-politische Verein von Saaz hielt am 15. eine Wanderversamrulung in Kolleschowitz ab, in welcher Ab­geordneter Krepek seinen Rechenschaftsbericht erstattete. Er tadelte in entschiedener Weise die finanziellen Maßnahmen

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der Regierung und bedauert, daß zur Abhilfe der traurigen Lage der Bauern nichts geschehe. Abgeordneter Steinwender legte am 9. Juli vor seinen Wählern in Bleiberg-Kreuth seinen Rechenschaftsbericht ab, wobei er das Vorgehen der Re­gierung in der Brauntweinsteuerfrage auf das schärfste an-griff. In Brünn fand am 16. Juli unter dem Vorsitze des Reichsrat-Abgeordneten Promber die Jahresversammlung des Deutschen Vereins statt. Hierbei wurde das Bestreben des Vereins als unter der Devise stehend bezeichnet: «National, staatstreu und einig»; der Liechtensteinsche Schulantrag wurde in der entschledensten Weise zurückgewiesen.

Der serbische Kronprinz ist in seine Heimat zurückgekehrt. Königin Natalie mußte den Sohn auf das entschledene Be­gehren der deutschen Behörden ausliefern. Königin Natalie verweilte von Sonntag abends bis Dienstag in Wien und hat sich von hier aus nach Paris begeben.

Aus Sofia wird mitgeteilt, daß demnächst Zankoff aus Konstantinopel nach Bulgarien zurückkehren und zu einer Verständigung zwischen sich und Stambulow die Hand bieten wolle.

Am 12. stellte Boulanger in der Französischen Kammer neuerdings den Antrag auf Verfassungsrevision und Auf­lösung der Kammer. Die Art, mit der er es tat, und die unerhörten Insulten, die er den Gegnern ins Gesicht schleu­derte, führten zu argen Auftritten. Schliesslich überreichte der General sein fertig mitgebrachtes Schreiben mit dem In-halte, daß er sein Mandat niederlege. Die Folge von Bou­langers Auftreten war ein Duell auf Degen zwischen Floquet und Boulanger, wobei der letztere am Halse schwer ver­wundet wurde.

Am 1 3. fand die Enthüllung des Gambetta-Denkmals auf

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dem Karusseliplatze statt. Floquet hlelt eine die Bedeutung Gambettas beleuchtende Rede. Freycinet pries besonders die Standhaftigkeit, die Gambetta in allen Stadien des Krieges bewahrte, und die Hingabe, mit der er sich der Armee widmete.

Am 14. Juli fand das Fest des 99. Jahrestages der Er­stürmung der Bastille in Paris statt. Präsident Carnot hielt eine Rede an die versammelten Maires, in der er erklärte, daß die Geschicke des modernen Frankreichs von der Re­publik nicht zu trennen seien.

Im Englischen Oberhause beantragte Argyll ein Vertrau­ensvotum für die Regierung wegen ihrer in bezug auf Irland verfolgten Politik. Dasselbe wird einstimmig angenommen.

In den letzten zehn Tagen des Juli findet in Kiew das Fest des neunhundertjährigen Bestandes des Christentums in Ruß­land statt. Vor einigen Tagen wurde ein Ukas des Zaren veröffentlicht, der das bestehende Wehrgesetz wesentlich ab-ändert. Die Gesamtdienstzeit wird nun 18 Jahre dauern, und zwar fünf Jahre in der aktiven Armee, 13 in der Reserve. Die russische Armee erfährt dadurch eine Erhöhung von 500000 auf 600000 Mann.

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DIE DEUTSCHNATIONALE SACHE IN ÖSTERREICH

Die parlamentarische Vertretung der Deutschen

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Immer weniger ist bei uns die Budgetdebatte das, was sie nach einer alten Gewohnheit in Österreich sein will und sein soll: ein getreues Abbild der im Staate herrschenden Anschau­ungen, der mannigfaltigen politischen, nationalen und wirt­schaftlichen Kräfte. Heuer mehr denn je mußten wir den Mangel großer politischer Ideen bei unseren Parteien und das Verbergen dieses Mangels durch die ausschließliche Aus­gabe politischen Kleingeldes beklagen. Am schlimmsten sind dabei wir Deutsche daran. Während unsere Gegner im Besitze der Macht sind und so ihren Ansprüchen Geltung zu verschaf­fen wissen, auch ohne daß sie dieselben auf gediegene poli­tische Prinzipien stützen, sind wir darauf angewiesen, durch die Art, wie wir unsere Sache vertreten, uns den uns ge­bührenden Einfluß zu verschaffen.

Die Deutschen in Österreich haben eben in der letzten Zeit ein eigentümliches Schicksal erfahren. Die Zeit ist noch nicht so weit hinter uns, in der es eine nationaldeutsche Partei so gut wie nicht gab. Die Deutschen sannen, so lange die Leitung des Staates in ihren Händen war, ein abstraktes Staatsideal aus, dem einfach die liberale Schablone zugrunde lag. Über die tatsächlichen Verhältnisse sah man dabei hinweg. Man glaubte, man könne den Volksgeist nach der Idee richten, und vergaß, daß die leitende Staatsraison vielmehr umgekehrt dem Volksgeiste entspringen müsse. Von einer Bevorzugung des deutschen Elements konnte dabei schon deshalb nicht die Rede sein, weil man an eine Volksindividualität überhaupt nicht dachte. Sprach ja ein Abgeordneter damals sogar davon, für den österreichischen Staat sei die deutsche und überhaupt

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jede bestehende Nationalität obne Bedeutung, derselbe müsse sich eine rein österreichische Nationalität( !) heranziehen. Als aber die Regierung in andere Hände überging, da mußte denn das deutsche Volk bald finden, daß der Liberalismus nicht die geeignete Waffe sein könne, um dem Ansturm von allen Seiten wirksam zu begegnen. Es mußte der nationale Gedan­ke zu Hilfe gerufen werden, von dem eben sehr wenig in die Grundsätze der liberalen Partei eingefiossen war. Man mißverstehe uns nicht. Wir wollen nicht in den Fehler vieler unserer jüngeren Politiker verfallen, die am liebsten die Be­deutung dieser Partei ganz hinwegleugneten. Wir verkennen nicht, welche Summe von Geist in dieser Partei ruht, wir wissen ganz gut, daß die sachliche Arbeit des Parlaments zumeist von ihr besorgt wird; aber es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß sie die Kulturmission, die dem deut­schen Volke in Österreich obliegt, nie begriffen hat. Um nur eines anzuführen: wie kläglich ist es, wenn für die deutsche Staatssprache immer und immer wieder nichts anderes als reine Nützlichkeitsgründe (für den amtlichen Verkehr usw.) vorgebracht werden. Für den Umstand, daß die nicht-deut­schen Völker Österreichs, um zu jener Bildungshöhe zu kommen, die eine notwendige Forderung der Neuzeit ist, das in sich aufnehmen müssen, was deutscher Geist und deut­sche Arbeit geschaffen haben, und daß die Bildungshöhe eines Volkes in keiner andern als in der Sprache des betreffen­den Volkes erreicht werden kann, dafür fehlt dieser Partei das Verständnis. Was keine Vergangenheit hat, hat auch keine Zukunft. Wenn die Völker Österreichs wetteifern wol­len mit den Deutschen, dann müssen sie vor allem den Ent­wicklungsprozeß nachholen, den jene durchgemacht haben, sie müssen sich die deutsche Kultur in deutscher Sprache

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ebenso aneignen, wie es die Römer mit der griechischen Bildung in griechischer, die Deutschen mit der lateinischen in lateinischer Sprache getan haben. Der aus der Geschichte mit Notwendigkeit sich ergebende Entwicklungsprozeß der Völ­ker sollte die Gesichtspunkte abgeben, von denen aus zum Beispiel der Kampf um die Errichtung slavischer Bildungs-stätten geführt wird. Wie kleinlich sind diese Kämpfe aber oft von der liberalen Partei geführt worden! Die Liberalen betrachteten eben die nationale Sache nur als das Mittel zur Beförderung des Liberalismus. Das zwang das deutsche Volk dazu, eine Partei zu bilden, bei der der nationale Gedanke obenan stand, die ihre ganze Kraft in der Wurzel des Volks­tums suchte. Groß waren die Hoffnungen, die wir alle auf die Männer setzten, die als Verkörperung dieses Gedankens in das Abgeordnetenhaus einzogen und den Deutschen Klub bildeten. Jetzt muß, so dachten wir, es sich einmal zeigen, was der Deutsche vermag, wenn er sich ganz auf sein Deutsch­tum, aber auch nur auf dieses stützt. Und wer konnte zweifeln, daß dies Vermögen ein großes sein werde, wenn es nur in der rechten Weise zum Ausdruck kommt? Wenn wir uns aber jetzt, nachdem die Vertreter dieses Gedankens eine Reihe von Jahren Gelegenheit gehabt hätten, ihre Kraft zu zeigen, fragen: entspricht der Erfolg auch nur einigermaßen unseren Erwartungen?, so müssen wir antworten: nein, ent­schieden nicht. Der Grund dieser Erscheinung ist darin zu suchen, daß mit den Männern nicht zugleich die deutsche Idee in das Parlament eingezogen ist. Wäre sie das, dann hätten sich ihre Vertreter, nachdem sie sich einmal zu einem engeren Verbande geeinigt, nicht so leichten Herzens wieder trennen dürfen. Die deutsche Idee in ihrer wahren Gestalt muß sich stark genug erweisen, um alle persönlichen Sonderinteressen,

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ja auch um alle untergeordneten politischen Inter­essen, endlich um die oft kleinlichen Interessen bestimmter Wahlkreise in den Hintergrund zu drängen. Daß sie es beim Deutschen Klub nicht vermochte, zeigt einfach, daß die dort vertretene Gestalt derselben nicht die rechte war. Und wo ist sie denn im Hause auch je ausgesprochen worden, wo eine bedeutendere Staatsaktion in ihren Gesichtswinkel gerückt worden? Wir haben zum Beispiel auf den Abgeordneten Steinwender die größten Hoffnungen gesetzt. Wann hat er sie erfüllt? Man verweist uns auf den Fall Pino. Was da Steinwender getan, mag recht verdienstlich sein: eine natio­nale Tat war es nicht; für die nationale Sache war es sogar ganz gleichgültig. Ja, uns scheint, als wenn gar vieles, was dieser Abgeordnete vorbringt, überalihin, nur nicht ins Parla­ment gehörte. Ein gleiches gilt von der bekanntesten Aktion des Abgeordneten Pernerstorfer, von dessen Krankenhaus-geschichte. Wir haben das männliche Auftreten dieses Abge­ordneten auch sonst oft bewundert; die höchsten nationalen Interessen der Deutschen hat aber auch er kaum je gestreift. Knotz behandelt die nationale Frage, als wenn die böhmische Statthalterei der einzige Punkt wäre, der hierbei in Frage kommt. Das ist nach unserer Ansicht denn doch nicht natio­nale Politik, das ist einfach Kirchturmpolitik, und daß damit das herrschende System nicht wankend gemacht werden kann, darüber braucht man sich gar nicht zu wundern. Wir fanden es am Deutschen Klub vom Anfang an nicht glücklich, daß er sich, statt auf die positive nationale Idee fast auf lauter Negationen stützte. Man verlegte sich viel zu sehr auf die Bekämpfung der vorher gemachten Fehler, statt die Sache selbst besser zu machen. Die Bekämpfung des Andersdenken­den wurde nach und nach zur Hauptsache, und das Verfechten

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eigener Gedanken trat in den Hintergrund. Statt in dem, was man gemeinsam hat, sich zu vereinigen und sich mit den Sonderinteressen innerhalb des durch eine große Sache not­wendig gemachten Rahmens zu bewegen, ließ man sich durch Gegensätze, die mit der Hauptsache gar nichts zu tun hatten, möglichst weit auseinandertreiben.

Wir haben heute Herbstianer, Plenerianer, Sturmianer, Steinwendianer, Schönerianer usw., die alle wohl wissen, was sie trennt, die aber gar nicht beachten, was sie eint. Das kommt daher, weil man es durchaus nicht versteht, die persön­lichen den sachlichen Interessen unterzuordnen. Man weiß nicht, daß man ein Staatsmann nicht wird durch die Auf­stellung von rein subjektiven, willkürlichen Ansichten, son­dern dadurch, daß man sich in den Dienst einer großen Idee stellt, die wohl geeignet ist, die Zeit zu beherrschen. Der Mann hat der Idee, nicht die Idee dem Manne zu dienen. Sonst wird man einfach von der geschichtlichen Entwicklung als eine Null hinweggefegt, denn zuletzt erweisen sich die Ideen doch immer stärker als die Menschen. Der deutschen Partei fehlt jener große Zug, der allein auf den Gegner die rechte Wirkung ausüben könnte. Leider fehlt es uns dazu auch noch an einer publizistischen Vertretung der nationalen Sache in dem angedeuteten Sinne. Außer den schwachen Mitteln, mit denen wir uns der Sache widmen, ist heute kein Organ, das in dieser Richtung wirkte. Gerade aber ein Journal, das allen parlamentarischen Parteien gegenüber unabhängig dasteht, könnte der Sache am meisten nützen. Ein solches, ja nur ein solches könnte sich eine ungebundene Kritik aller Parteien erlauben.

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DIE DEUTSCHNATIONALE SACHE IN ÖSTERREICH

Die deutschen Klerikalen und ihre Freunde

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Von deutschnationaler Seite ist in letzterer Zeit vielfach die Ansicht ausgesprochen worden, man solle sich mit den kleri­kalen Deutschen verständigen, um mit ihnen da, wo nationale Fragen in Betracht kommen, gegen die slavischen Gegner gemeinsam vorzugehen. Man hielt sich dabei die Partei-bildung eben dieser Gegner vor Augen, bei denen ja auch starke politische und religiöse Gegensätze durch das Band gemeinsamer Nationalität zusammengehalten werden. Sollte die Ansicht weitere Verbreitung gewinnen, daß wir uns im Kampfe um unsere nationale Sache der Kampfesweise unserer nationalen Gegner bedienen sollen, so erschiene uns das denn doch sehr bedenklich. Denn es würde zeigen, wie wenig noch der tiefe Gegensatz erfaßt wird, der zwischen der nationalen Idee der deutschen und jener der nichtdeutschen Nationali­täten in Gisleithanien besteht.

Die Deutschen kämpfen für eine Kulturaufgabe, die ihnen durch ihre nationale Entwicklung aufgegeben wurde, und was ihnen in diesem Kampfe gegenübersteht, ist nationaler Chau­vinismus. Nicht unser liebes nationales Ich, nicht den Namen, der uns durch den Zufall der Geburt zuteil geworden ist, haben wir zu verteidigen, sondern den Inhalt, der mit diesem Ich verknüpft, der mit diesem Namen ausgedrückt ist. Nicht als was wir geboren sind, wollen wir uns unseren Gegnern gegenüberstellen, sondern als das, was wir im Verlauf einer vielhundertjährigen Entwicklung geworden sind. Was haben uns unsere Gegner gegenüberzusetzen? Nichts, als daß sie auch eine Nation sind. Das leere nationale «Ich», das mög­lichst anspruchsvoll auftritt und dabei nichts für sich vorbringt,

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als daß es da ist. Das ist so ganz das Kennzeichen des Chauvinismus, wie ihn das deutsche Volk nie gekannt hat. Was verschlägt es diesem bornierten nationalen Ich, das nur seine eigene Leerheit möglichst geltend machen und dabei von der ganzen Welt nichts wissen will, wenn es sich mit Parteien verbündet, die die Errungenschaften unserer euro­päischen Kultur der letzten Jahrhunderte am liebsten ver­nichten möchten? Es kommt ja bei den nur nationalen Par­teien nicht darauf an, wie das nationale Selbst existiert, ob es auf der Bildungshöhe der Zeit steht oder nicht, es kommt nur darauf an, daß es für seine Nichtigkeit möglichst viel Raum, für seine geistige Unfruchtbarkeit die möglichste Geltung hat. Wer wird sich den Deutschen anschließen, sagen die Siovenen, wenn sie zur Bedingung machen, daß wir uns der durch sie erreichten Bildungshöhe nicht verschließen und in ihrer Bildung eine Schranke für unsere nationale Eigenart aufstellen sollen? Da sind uns die Klerikalen bequemer, die nichts verlangen denn Unterwerfung unter die Kirche, unse­ren nationalen Prätensionen dabei aber völlig freien Spiel­raum lassen.

Die Feindseligkeit der slavischen Nationen gegenüber der deutschen Bildung fällt zusammen mit der Feindseligkeit, mit der die römische Kirche der hauptsächlich von den Deut­schen getragenen modernen Kultur sich entgegenstemmt. Nut wer den Boden geschichtlicher Betrachtung nie betreten, kann sich einer Täuschung darüber hingeben, daß es eine Ver­söhnung zwischen deutschem Wesen, deutscher K'iltur und römischer Kirche gibt. Mögen die Verhältnisse immerhin notwendig machen, daß in gewissen Zeiten Waffenstillstände eintreten, stets werden die Gegensätze die Waffen wieder schärfen. Der tiefe Zug des deutschen Wesens wird es nie

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unterlassen, mit seiner K'iltur zugleich die religiöse Mission aus seinem eigenen Innern hervorzubringen. Ja, man möchte sagen, alles, was der Deutsche tut, hat das tief religiöse Ge­präge, das in seinem Charakter liegt, und das sich mächtig aufbäumt, wenn von außen her seinem Gewissen, seinem Herzen die Richtung vorgezeichnet werden soll. Der Deut-sche tritt stets als Totalität auf, und wie seine übrige Bildung es ist, so will er auch, daß seine religiöse Überzeugung aus seinem eigenen Innern entspringt. Der Deutsche kann keine internationale Religion brauchen, er versteht nur seine Natio­nalreligion. Das ist der Grund, warum der Deutsche immer und immer wieder gegen die Fesseln Roms protestiert. Man glaube nur nicht, daß dieser Geist des Protestes nur bei den Protestanten, Deutschkatholiken und Altkatholiken lebt, er besteht bei allen aufgeklärten Deutschen, wenn er auch äußer­lich nicht zur Schau getragen wird. Denn es ist der Protest des deutschen Herzens gegen fremdes Wesen. Nur wem das Deutschtum gleichgültig geworden, zum leeren Namen herab­gesunken ist, der kann sich ganz in den Dienst dieses fremden Wesens stellen. Da nützt es nichts, wenn bäuerliche Abge­ordnete sich von Zeit zu Zeit ihrer deutschen Abstammung erinnern, wenn sie dabei keine Ahnung haben von den geistigen Banden, die jeden echten Deutschen mit seinem Volke verbinden. Mit einer solchen Partei ist ein Zusammen-geben nicht möglich, solange wir uns selbst nicht verlieren wollen, solange wir das nicht aufgeben wollen, wodurch wir ganz allein verdienen, den deutschen Namen zu tragen. Wir wollen, was wir erreichen, nicht durch faule Kompromisse, wir wollen es ganz allein im Zeichen der deutschen Idee erreichen. Wir wollen unsere hundertjährigen Traditionen nicht aufgehen, wir wollen nicht unserer ganzen nationalen

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Entwicklung ins Gesicht schlagen, um im Verein mit einer aus geborenen Deutschen bestehenden undeutschen Partei ein paar fragwürdige Konzessionen von einer Regierung zu erringen, die nach ihrem eigenen Ausspruche auch ohne die Deutschen regieren kann. So sehr aber die Idee eines solchen Zusammenlebens einer gesunden Entwicklung des deutschen Parteilebens und unserer nationalen Organisation widerspricht, sie scheint doch in fortwährender Verbreitung begriffen zu sein. Der Weg, der für unsere nationalen Gegner recht fruchtbringend sein mag, der Weg, durch gegenseitige Zugeständnisse für jeden einzelnen möglichst viel herauszu­schlagen, kann uns Deutschen nimmer frommen. Denn es kann ja keinem, der die Verhältnisse bei uns objektiv erwägt, zweifelhaft sein, daß die politische Basis, auf der die Regie-rung des Grafen Taaffe ruht, für die Aufgaben des deutschen Volkes nie ein Verständnis haben kann. Glaubt man denn, daß ein wirkliches Regierungsprogramm ohne die Deutschen in Österreich gemacht werden kann? Es gibt eben ein zwei-faches Regieren. Ein solches mit einem politischen Programm, das den Verhältnissen die Richtung vorzeichnet, und ein solches von Fall zu Fall, das sich durch diplomatische Benüt­zung der sich gerade darbietenden politischen Konstellationen um jeden Preis an der Oberfläche erhalten will. Was man im gewöhnlichen Leben einen Politiker nennt, der ist entschieden auch für das Regieren im letzteren Sinne. Und Graf Taaffe ist in diesem Sinne ein nicht unbedeutender Politiker. Und weil er es ist, und weil seiner äußeren Regierungskunst die Deutschen nur ungenügenden Widerstand entgegenzusetzen vermögen, daher ihre erbärmliche Lage. Es fällt uns nicht ein, den Deutschen zuzumuten, daß sie die Regungen ihres Her­zens für die Kunst des Diplomatisierens hingeben, aber ein

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wenig mehr politischer Sinn täte wohl not. Wir müssen vor allem wissen, welche Parteien mit uns gemeinsame Sache machen können, und uns nicht wesenlosen politischen Chimären hingeben. In der Abwendung der nlchtdeutschen Nationalitäten Österreichs von der deutschen Bildung liegt so viel, was den Klerikalen gelegen kommt, daß an ein Ab­schwenken der letzteren nicht zu denken ist.

Das « Sich-ober-Wasser-halten» durch Diplomatenkünste ohne leitenden Staatsgedanken kann ja doch nicht ohne Ende sein; was nicht getragen ist von innerer Notwendigkeit, son­dern nur von dem Ehrgeize, das muß sich selbst auflösen. Es tauchen immer wieder Gerüchte von der Ausarbeitung eines Reichs-Volksschulgesetzes durch das Unterrichtsministe-rium auf, das so sein soll, daß Fürst Liechtenstein auf seinen Antrag mit gutem Gewissen verzichten kann. Dazu muß sich Herr v. Gautsch verstehen, der noch vor kurzem in der selbst­bewußtesten Sprache jeden Einfluß von links und rechts zurückwies. Bestimmtes Wollen wird ja in diesem Regime bald gebrochen, und Männer aus demselben, die noch im vorigen Jahre durch ihre Energie imponiert haben, sInd beute bereits ziemlich farblos geworden. Den Deutschen obliegt es, in der Zwischenzeit an ihrer nationalen Organisation zu ar­beiten, falschen Freuden die Tür zu weisen und gegen faule Kompromisse, wenn solche innerhalb ihrer eigenen Partei ver­treten werden, Protest zu erheben.

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DAS DEUTSCHE UNTERRICHTSWESEN

(IN ÖSTERREICH) UND HERR VON GAUTSCH

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An den durch den klerikalen Ansturm gegen die Volksschule, sowie durch einige Regierungsmaßregeln wieder in Fluß ge­kommenen öffentlichen Diskussionen über unser Unterrichts­wesen kann man so recht die vollständige Einsichtslosigkeit und Oberflächlichkeit ersehen, die in der Beurteilung von Fragen der Volkserziehung zutage tritt. Nirgends fast ist ein Bewußtsein davon vorhanden, worauf es hiebei ankommt. Was die Publizistik betrifft, so ist Gründlichkeit ja in keiner Sache eine sie auszeichnende Eigenschaft, aber so dilettanten-haft wie dem Unterrichtswesen stehen die Vertreter unserer öffentlichen Meinung wohl kaum einer Angelegenheit gegen­über. Aber auch im Parlamente bekommen wir kaum ein den Nagel auf den Kopf treffendes Wort zu hören, wenn von Schule und Schulgesetzgebung die Rede ist. Und diesem Mangel an tieferem Verständnis der Sache ist es zuzuschrei­ben, wenn unser Schulwesen, auf das seit zwei Dezennien so viel guter Wille von Seite der gesetzgebenden Faktoren angewandt worden ist, sich heute keineswegs in Bahnen bewegt, die vom pädagogisch-didaktischen Standpunkte aus betrachtet befriedigen können. Am entschiedensten aber mußte man die Irrtümer, in denen sich die öffentliche Meinung in dieser Richtung befindet, an der Aufnahme ersehen, die das Wirken des gegenwärtigen Unterrichtsministers gefunden hat. Bald nach den ersten Kundgebungen des Herrn von Gautsch konnte man von allen Seiten laute Stimmen der Befriedigung darüber vernehmen, daß nun ein tatkräftiger Mann das Unterrichtswesen lenke, der unbeirrt von links und rechts rein nach Maßgabe sachlicher Erwägungen die

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Regierung führen werde. Man bewunderte die Energie, mit der er zu Werke ging. Eine Verordnung löste die andere ab. Dieser Erscheinung lag ein Doppeltes zu Grund: erstens das allgemeine Gefühl, daß es in unserem Unterrichtswesen sehr viel zu bessern gibt, und daß uns ein «Mann der Tat» nottut, zweitens aber der Wunsch, in dem sich heute fast alle die verschiedenen Parteigruppen der Deutschen vereinigen: die gegenwärtige Regierung durch ein Beamtenministerjum er­setzt zu sehen. In Herrn von Gautsch sah man ungefähr einen Mann jener Tendenzen, mit denen man am liebsten auch alle anderen Ministerstühle besetzt haben möchte. Es hat die Ansicht allgemein um sich gegriffen, daß es unter den heu­tigen Verhältnissen unmöglich sei, aus irgendeiner Partei ein Ministerium zu bilden. Die in nationaler Beziehung farblose Bürokratie hält man einzig für geeignet, in der nächsten Zeit die Regierung zu führen, ja man hält sie für die einzige Rettung. Nun ist ja nicht zu leugnen, daß ein solches reines Verwaltungsministerium, das jede Initiative in politischen und nationalen Dingen dem Parlamente überläßt, wenig schaden kann, weil es in der Regel eigentlich nicht regiert, sondern von Verhältnissen und andern Machtfaktoren regiert wird. Ja, man muß es als ein besonderes Glück betrachten, wenn eine solche Regierung möglichst wenig positive Maß­nahmen trifft, denn es kann nichts den Fortschritt eines Volkes mehr hemmen, als wenn bürokratischer Geist das lebendige Leben des Staates der Verknöcherung zuführt. Am schlimmsten ist es aber, wenn dieser Geist der Verknöche­rung da sich geltend macht, wo eine lebensvolle Auffassung der Sache am meisten nottut: im Unterrichtswesen. Und leider hat sich gerade bei uns in Österreich in den letzten zwanzig Jahren zu dem guten Willen, von dem wir sprachen, jener

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bürokratische Geist selbst unter jenen Regierungen gesellt, denen er auf anderen Gebieten ganz fremd war. Vor allem sprach sich dieser Geist darinnen aus, daß er auf die Reform des Lehrerstandes zu wenig, auf jene des Unterrichtsstoffes zu viel Sorgfalt verwendete. Ein bis in die geringsten Einzel­beiten abgezirkelter Lehrplan, ein Verordnungswesen, das dem Lehrer jede einzelne seiner Handlungen bis ins kleinste vorschreibt, ertötet den Unterricht. Man verordnet heute nicht nur, was man von jedem Unterrichtsstoffe zu nehmen hat, sondern auch wie man vorzugehen hat. Und, um möglichst vollständig in dieser Richtung des Irrtums zu sein, ist man immer mehr bestrebt, unsere Lehrerbildungsanstalten zu einer Art methodischer Drill-Institute für angehende Volksbildner zu machen. Da soll dem Kandidaten in einer Reihe metho-discher Kunstbegriffe beigebracht werden, wie er der ihm anvertrauten Jugend beikommen muß. Ein solches Vorgehen macht jede Entwicklung der Individualität unmöglich, und doch hängt das Gedeihen des Unterrichtswesens einzig und allein von der Pflege der Individualitäten der künftigen Lehrer ab. Diesen muß man Spielraum lassen, sich möglichst frei zu entfalten, dann werden sie am günstigsten wirken.

Und wenn nun noch gar der Lehrer, dessen Denken durch die sogenannte «Methodik» genugsam eingeschnürt worden ist, bei jedem Schritte, den er in der Schule macht, auf eine Verordnung trifft, dann muß es ihm eine Last sein, in einem Berufskreise zu wirken, der seinem eigenen Denken keinen Raum übrigläßt. Wir haben in Österreich eine Periode ge­habt, wo man in der Heranziehung guter Lehrer-Individuali-täten die Hauptaufgabe der Unterrichtsverwaltung sah. Da­mals erstreckte sich die Fürsorge freilich mehr auf das höhere Schulwesen, das aber einen Aufschwung nahm, der in

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der Geschichte des österreichlschen Unterrichtswesens nicht seinesgleichen hat. Und merkwürdigerweise fällt diese Periode in die Regierungszeit des - klerikalen Ministers Thun. Es ist noch in aller Erinnerung, welcher Geist damals in unser Gymnasialwesen drang, und wie Thun, selbst mit Außer­achtlassung seiner persönlichen Meinungen und seines kleri­kalen Standpunktes, es sich angelegen sein ließ, das höhere Unterrichtswesen dadurch zu heben, daß er die Individuali­tät, wo er sie finden konnte, heranzog. Wir glauben uns um so freimütiger über diesen Punkt aussprechen zu können, als wir durch unsere Haltung gewiß keiner Voreingenommen­heit für die politischen Tendenzen des Grafen Thun beschul­digt werden können. Aber es ist eine unumstößliche Wahr­heit, daß Thun das Individuum, die liberale Schulgesetzge­bung der letzten Dezernien aber den Paragraph in den Vordergrund stellte. Statt die Zeit auf diese Paragraphen-sammlung zu verschwenden, die dem unfähigen Lehrer nichts hilft, weil ihm durch sie ja nicht die Kunst des Erziehens und Unterrichtens eingepfropft werden kann, wenn sie ihm einmal abgeht, die aber den fähigen, begabten nur einengt und ihm jede Lust an seinem Berufe nimmt, hätte man an eine ein­greifende Reform des Lehrerbildungswesens gehen sollen. Und dies nicht in der Richtung methodischer Abrichterei, sondern durch Aufnahme solcher Wissenschaften in den Lehr­plan der Lehrerbildungsanstalten, die dem Lehrer eine höhere Auffassung seiner Aufgabe ermöglichen. Der künftige Lehrer soll die Ziele der Kulturentwicklung seines Volkes, die Richtung, in der sie sich bewegt, kennen. Historische und ästhetische Bildung soll den Mittelpunkt hiebei bilden. Er soll eingeführt werden in die Geistesentwicklung der Mensch­heit, an der er ja mitarbeiten soll. Blind nach eingelernten

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Kunstgriffen und ministeriellen Verordnungen zu wirken, ge­ziemt diesem Stande am allerwenigsten. Nur wenn er selbst in Zusammenhang gebracht wird mit der Wissenschaft, wenn er eingeführt wird in die Geheimnisse der Kunst, kurz, wenn man ihm einen Einblick verschafft in die verschiedenen Rich­tungen des menschlichen Geistes, wird er auf eine Höhe gebracht werden können, die eine lebensvolle Erfassung seines Berufes möglich macht. Wir können an unseren Schulen das Unglaublichste erleben, wozu es die schablonenhafte Behandlung unseres Unterrichtswesens gebracht bat. Die geistlose, nur aufs Fertigwerden bedachte Durcharbeitung des Lebrstoffes, die wir oft an unseren Volks- und Mitteischulen treffen, ist allein auf die von uns angedeuteten Mängel un­seres Unterrichtswesens zurückzuführen. Wir müssen es er­fahren, daß es Lehrer gibt, die den Unterricht zu einer wahren Qual der Jugend machen, indem sie bei schier unbezwing­lichen Forderungen den Geist der Jugend eher ertöten als fördern. Ein Lehrer, der in lebendigen Zusammenhang mit seiner Wissenschaft gebracht worden ist, der mit einem ge­wissen Idealismus an seinem Berufe hängt, wird je nach seiner größeren oder geringeren Erzieheranlage mehr oder weniger bei seinen Schülern erreichen, nie aber wird dieses Maß des Erreichbaren durch einen eingelernten methodischen Kunstgriff oder durch eine Verordnung um das geringste ge­hoben werden können. Daß dieses aber von denen, die an unserer neueren Schulgesetzgebung teilgenommen haben, von jeher geglaubt wurde, ist ein Irrtum, der mitunter schwere Folgen nach sich gezogen hat. Was hat man nicht alles in Paragraphen zwängen wollen? Man hat ja doch eine eigene österreichische Schulorthographie durch ministerielle Verfü­gungen festzustellen im Sinne gehabt, ja man hat es zum Teil

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getan. Was hat man damit erreicht? Nichts anderes, als daß, wenn der die Schule Verlassende in eine Bemfsstellung ein-tritt, er so schnell wie möglich seine Schulorthographie ver-lernen und sich der allgemein üblichen Scbreibung anbeque­men muß.

So lange die hier angedeuteten Irrtümer in maßgebenden Kreisen nicht eingesehen werden, so lange werden unsere Neuschule und ihre Vertreter nicht stark genug sein, um den freiheitfeindlichen Parteien wirksam zu begegnen. Wenn wir uns nun fragen, in welcher Weise hat Herr von Gautsch in diese Entwicklung unseres Schulwesens eingegriffen, so kön­nen wir nur sagen, seine Maßregeln sind in dem, was büro­kratischer Geist zu bieten vermag, am weitesten gegangen. Obwohl alle seine Verordnungen mit den Worten beginnen:

Aus pädagogisch-didaktischen Gründen erscheint es nötig an­zuordnen, usw. . . . , so tragen sie doch alle die eine Tendenz in sich: den Lehrer in der Freiheit seines Wirkens einzuengen. Der Lehrer soll immer mehr zum gefügigen Beamten werden, der nur die Anordnungen seiner Oberbehörden auszuführen hat. Daß in den Taten des Unterrichtswesens Energie und der beste Wille liegt, wer kann es leugnen? Aber es kommt bei irgendeiner Kraftentfaltung immer darauf an , was sie vollbringt. Wenn sich die Energie auf eine falsche Richtung wirft und dann alles daran setzt, was sie vermag, um diese Richtung beizubehalten, dann wird diese Energie viel weniger günstig wirken als die Tatenlosigkeit, die alles beim alten läßt. Das reine Beamtentum mag durch eine Richtung, wie sie Herr von Gautsch einschlägt, für die Zwecke einer ge­ordneten Staatsverwaltung im guten Sinne umgestaltet wer­den, der Lehrerstand und das Unterrichtswesen wird durch solche Potenzierung der Fehler, die bei uns seit langem ge­macht

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werden, gewiß nicht verbessert. Die Kulturentwick­lung kann ja doch nicht auf Gesetze und Verordnungen, sie muß auf die Menschen gestützt werden. In dieser Richtung hätte ein österreichischer Unterrichtsminister sehr viel zu tun. Und gerade er könnte es, denn hier eröffnet sich ihm ein Gebiet seiner Tätigkeit, auf dem er von den übrigen Ten­denzen der Regierung, der er angehört, am allerwenigsten beeinflußt zu werden braucht. Das wäre das Ziel, das er un­verwandt im Auge behalten sollte, und von dem ihn weder die Rufe von rechts noch links ablenken sollten.

An dem Verhalten unserer liberalen Parteien dem Unter­richtsminister gegenüber hat sich eben einmal wieder so recht gezeigt, wie wenig wahrhaft freiheitlicher Geist die Anschau­ungen dieser Partei durchdringt, und wie oft gerade der Scheinliberalismus der Hemmschuh einer wirklichen Ent­wicklung im Sinne der Freiheit und des Fortschrittes ist.

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MONSIGNORE GREUTER

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Am 22. Juni starb in Innsbruck Monsignore Greuter, un­streitig der bedeutendste Vertreter des Klerikalismus im Österreichischen Abgeordnetenhause. Seit dem Jahre 1864, also fast seit dem Bestande unseres Parlamentes, gehörte er demselben an, und nur in den letzten Jahren trat er - wohl auch infolge seiner angegriffenen Gesundheit - in den Hinter-grund; in den liberalen Regierungsperioden dagegen, nament­lich zur Zeit des ersten Bürgerministeriums, war er einer der vordersten Streiter in den damals die Geister so sehr auf­wühlenden parlamentarischen Kämpfen. Greuter bildete eine Macht, mit der die Volksvertretung, mit der die öffentliche

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Meinung in Österreich rechnen mußte. Er verfügte über eine große Summe von Geist, den er in angemessener Weise ins Feld zu führen wußte, wenn er im Namen des jesuitischen Prinzips gegen die Ideen und Richtungen der Zeit sprach. Allem, was moderne Kultur und moderne Wissenschaft beißt, stand er in der denkbar feindlichsten Weise gegenüber. Das einzige Heil der Menschheit fand er in der Erhaltung der christlichen Weltordnung und in der Wiederherstellung dessen, was die letzten Jahre von ihr abgebrochen haben. Dabei hatte er einen feinen Blick für die Schwächen und Aus­wüchse der gegenwärtigen Geistesrichtung; sie waren es, wo­von seine immer geistreichen Angriffe ausgingen. Und man muß sagen, daß er gegen jeden ungeschickten Wortführer des Liberalismus stets die Oberhand behielt. Nur mit der vollen inneren Kraft der Ideen der Gegenwart kann man gegen solche Streiter etwas ausrichten; es stehen ihnen ja doch die Erzeugnisse tausendjähriger Geistesbestrebungen, wie sie innerhalb der Kirche gepflegt wurden, zu Gebote, und sie benützen sie sehr geschickt, um das moderne Denken als den Feind einer ungestörten Entwicklung der Menschheit hinzu­stellen. Wir stehen da eben vor einer geistigen Macht, mit der wir zwar theoretisch längst fertig sind, über die die Ge­bildeten vollständig hinausgewachsen sind, mit der wir aber im politischen Leben entschieden rechnen müssen, weil sie zum Teile volkstümlich ist, während - man braucht sich da ja keiner Täuschung hinzugeben - die Gedankenrichtung der Gegenwart in den Massen des Volkes sogar unpopulär ist. Das ist ein Umstand, den Greuter zu benützen wußte. Es ist in dieser Hinsicht jedenfalls eine typische Erscheinung, daß es Greuters Wühlarbeit gelang, die Weiber seines Be­zirkes dazu zu vermögen, die weltlichen Schulinspektoren am

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Eintritt in die Schule zu verhindern. Leute seiner Art finden eben immer den rechten Ton, in dem man das Volk zu fana­tisieren vermag, weil sie ihre geistigen Mittel in jener klugen Weise zu verwerten wissen, die dem Unaufgeklärten schmei­chelt und ihm für sein Leben vorteilbringend erscheint. Sie wissen die Sache so zu drehen, daß es scheint, als wenn von dem, was sie christliche Weltordnung nennen, das geistige und leibliche Wohl des Volkes abhinge, sie wissen in ge­schickter Weise das in ihre Rechnung einzusetzen, was den unteren Volksschichten als das Notwendigste erscheint: die unmittelbaren Lebensbedürfnisse. Daher das Bündnis des Klerikalismus mit dem Sozialismus, das in neuester Zeit wieder an die Oberfläche der katholischen Bestrebungen tritt.

Greuter konnte sich in den letzten Jahren mit gutem Ge­wissen zurückziehen, denn er sah ja, wie ein Stern am poli­tischen Himmel aufging, der in vollem Maße als sein geistiger Erbe angesehen werden kann. Vielleicht hätte sich die Natur Greuters doch schwerer in die gegenwärtigen Verhältnisse unseres parlamentarischen Lebens eingefügt als die seines Nachfolgers, des Prinzen Liechtenstein. Die jetzige Lage fordert von einem Klerikalen, wenn auch nicht einen anderen Geist, so doch eine andere Kampfesmethode. Nur einmal trat Greuter in den letzten Jahren noch auf den Plan; er griff den Minister Conrad wegen der Zustände an der Wiener Universität an. Damals sahen wir ein Zweifaches: erstens, wie leicht sich seine Worte in Taten umsetzten: Conrad trat bald darnach zurück, und dann, wie scharf die Waffen sind, welche der Jesuitismus noch immer gegen die moderne Wis­senschaft zu führen vermag. Im Volke mag wohl Greuters Angriff auf die gegenwärtige Kultur ungleich mehr Eindruck gemacht haben als Sueß' treffliche Verteidigung derselben.

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DES KAISERS WORTE

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Konnte man gegen die Proklamation Kaiser Wilhelms II. an das preußische Volk einwenden, daß sie zu allgemein ge­halten war, daß ihr jenes individuelle Gepräge fehle, das mit vollständiger Bestimmtheit die Regierungsprinzipien des neuen Herrschers dem Volke vor Augen geführt hätte, so muß von den inhaltschweren Worten, die montags vom Throne herab an das deutsche Volk gerichtet wurden, gerade das Gegenteil gesagt werden. Sie lassen uns über keine wich­tigere Frage im unklaren, sie zeigen auf das allerbestimmteste, welche Wege der Lenker Deutschlands wandeln will. Der Kaiser sprach nicht ein Zukunftsprogramm aus, sondern er wies auf schon Vorhandenes hin, um zu sagen, daß er an dem mit so großem Glüeke und mit solchem Segen von seinen uninittelbaren Vorfahren begonnenen Baue weiterzuarbeiten bestrebt sein wird. Und in diesem Sinne ist die im Deutschen Reichstage gehaltene Thronrede eine wahrhaft großartige Botschaft an das deutsche Volk zu nennen. Ein anerkennens­werter, befriedigender historischer Zug geht durch sie, der für den tiefen Einbliek des neuen Herrschers in die unum­stößliche Wahrheit zeugt, daß nur jene Regierung wahrhaft segensreich sein kann, die sich in den Dienst der geschicht­lichen Notwendigkeit stellt. Der Faden der Geschichte darf nirgends abgerissen werden, und es ist ein schwerer Fehler, wenn von oben herab Reformen ins Blaue hinein mit Um­gehung der sachgemäßen Entwieklung in Szene gesetzt wer­den. Da muß denn doch die individuelle Neigung in den Hintergrund treten gegenüber der höheren Pflicht, die dem Herrscher von der Geschichte gestellt wird. Der neue Herr­scher besitzt jene Selbstlosigkeit, die nötig ist, um im angegebenen

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Sinne zu regieren. Er will ganz in der Weise weiter wirken, die seinen Großvater zu solchen Erfolgen geführt hat und die auch sein erhabener Vater als die richtige be­zeichnet hat. Die Vorgänge der letzten Jahre sind eine Ge­währ dafür, daß das deutsche Volk diesen Anschauungen seines Kaisers volles Verständnis entgegenbringen wird. Die Deutschen besitzen jenen wahrhaft konservativen Sinn, der, hohlem Radikalismus abgeneigt, auf die gesunde, im Bereiche der Möglichkeit liegende Weiterentwieklung des Bestehen­den geht. Sie wissen, daß mit Übereilungen im Bereiche der Politik am wenigsten etwas anzufangen ist. Nicht doktrinäre Maßnahmen, die schablonenhaft der Reichsgesetzgebung auf­gepfropft werden, können dem Reiche in Zukunft etwas nützen, sondern nur die Konsolidierung der staatlichen Ver­hältnisse im Sinne des deutschen Volksgeistes. Das ist die von Kaiser Wilhelm 1. in weiser Erkenntnis des gewaltigen staatsmännischen Genies Bismareks angenommene Staats­raison, und sein von den besten Absichten geleiteter Enkel ist wohl groß genug angelegt, um die Notwendigkeit des Staatsgedankens seines großen Kanzlers für das Reich ein­zusehen. - Und darinnen müssen ihm die Angehörigen aller Parteien zustimmen, ganz in dem Sinne, der den Worten des Kaisers zukommt: «Es wird mein Bestreben sein, das Werk der Reichsgesetzgebung in dem gleichen Sinne fortzuführen, wie mein hochseliger Herr Großvater es begonnen hat.»

Von noch größerer Bedeutung scheinen uns aber die Worte des Kaisers über das Deutsch-Österreichische Bündnis zu sein: «Unser Bündnis rnit Österreich-Ungarn ist öffentlich bekannt. Ich halte an demselben in deutscher Treue fest, nicht bloß, weil es geschlossen ist, sondern weil ich in diesem defensiven Bunde eine Grundlage des europäischen Gleichgewichtes erblicke

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sowie ein Vermächtnis der deutschen Geschichte, dessen Inhalt heute von der öffentlichen Meinung des ge­samten deutschen Volkes getragen wird und dem herkömm­lichen europäischen Völkerrechte entspricht, wie es bis 1866 in unbestrittener Geltung war.» Das sind Sätze, die jeden Deutschen mit innigster Freude erfüllen müssen. Daß das einheitliche Fühlen aller Deutschen vom Throne herab mit solcher Bestimmtheit ausgesprochen wird, hätten wir nicht zu hoffen gewagt. Die Deutschen in Österreich mußten laut aufjauchzen, als sie auf diese Stelle stießen. Mehr können sie nimmer wollen, als daß das Bewußtsein der Zusammen­gehörigkeit der beiden mitteleuropäischen Reiche in solchem Maße bis an die Throne hinaufreicht. Dank dem neuen Herr­scher, daß er es verstanden, solche wahrhaft balsamischen Worte zu seinem Volke zu sprechen!

Aus jedem Satze dieser Rede klingt etwas, das wie der Weltgeschichte abgelauscht erscheint. «Gleiche geschichtliche Beziehungen und gleiche nationale Bedürfnisse der Gegen­wart verbinden uns mit Italien. Beide Länder (Österreich-Ungarn und Italien) wollen die Segnungen des Friedens fest-halten, um in Ruhe der Befestigung ihrer neu gewonnenen Einheit, der Ausbildung ihrer nationalen Institutionen und der Förderung ihrer Wohlfahrt zu leben. » So sprach der Kaiser über das Bündnis der drei Monarchien, auch hier wieder die in der Entwieklung der Verhältnisse liegende Not­wendigkeit betonend und den Strebungen des Volksgeistes und nationalen Sinnes im vollsten Maße Rechnung tragend.

Und wenn es wahr ist, was von so vielen Seiten behauptet wird, daß der neue Herrscher vorzüglich dem militärischen Berufe zugeneigt ist, dann zeigte er erst recht, wie er seine persönlichen Neigungen seiner Pflicht unterzuordnen weiß.

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«Unser Heer soll uns den Frieden sichern und, wenn er uns dennoch gebrochen wird, imstande sein, ihn mit Ehren zu erkäpfen. Das wird es mit Gottes Hilfe vermögen nach der Stärke, die es durch das von Ihnen einmütig beschlossene jüngste Wehrgesetz erhalten hat. Diese Stärke zu Angriffs-kriegen zu benützen, liegt meinem Herzen ferne. Deutsch­land bedarf weder neuen Kriegsruhmes, noch irgendwelcher Eroberungen, nachdem es sich die Berechtigung, als einige und unabhängige Nation zu bestehen, endgültig erkämpft hat.»

Wem an der gedeihlichen Entwieklung des deutschen Volkes liegt, den mußte das unwürdige Parteigezänke der letzten Wochen mit tiefem Abscheu erfüllen. Friedrich hie -Wilhelm hie, so glaubte man den Kaiser und den damaligen Thronfolger in die selbstsüchtigen Bestrebungen der Parteien herabzerren zu können. Man vergaß bei dem ersteren nur, daß er eine viel zu vornehme Natur war, als daß die Schmei­cheleien von der einen, die Lästerungen von der anderen Seite ihn hätten berühren können. Wäre er gesund auf den deutschen Thron gekommen, er hätte eine ethische Macht bedeutet, die bald den hadernden Parteien den Standpunkt klargemacht hätte. Leider war es ihm nicht vergönnt, dem Mißbrauch zu steuern, der mit seinem Namen getrieben wurde. Und Kaiser Wilhelm II.? Nun, er hat am letzten Montag vor aller Welt verkündet, daß seine Bestrebungen nichts gemein haben mit den Anschauungen der Partei, die ihn so gerne als einen der ihren darstellen möchte. Er hat gezeigt, daß er sich in den Dienst ganz anderer Ideen stellt, als es die engherzigen Ziele des Muckertums sind. Hoffentlich wird jetzt dem Volke klar werden, wie sehr der Partei-Egois­mus die Wahrheit fälscht, und wie von allen Seiten das als

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wahr in die Welt hinausposaunt wird, von dem man gerne hätte, daß es wahr sei.

Ein deutscher Herrscher, der sich in den Dienst einer Partei stellte, würde bald gewahren müssen, wie er gegen die Not­wendigkeit der Entwicklung nichts vermag. Die Verhältnisse würden ihn herauszwingen aus dem Parteirahmen, der, mag er welcher immer sein, für die Reichsregierung zu enge ist. Es sind Bismarcks große Gesichtspunkte, in die sich der neue Herrscher von Jugend auf eingelebt hat, die er von dem Bestande des Deutschen Reiches nicht trennen kann. In des deutschen Kaisers Geist muß der Volkswille zum Regierungs­grundsatze werden, nicht der Parteigeist. Das tiefe Verständ­nis, das der Kaiser dafür bekundet hat, sichert die Erfüllung seines Wunsches, wie er sich aus den Schlußworten der Thronrede ergibt: «Im Vertrauen auf Gott und auf die Wehr­haftigkeit unseres Volkes hege ich die Zuversicht, daß es uns für absehbare Zeit vergönnt sein werde, in friedlicher Arbeit zu wahren und zu festigen, was unter der Leitung meiner beiden in Gott ruhenden Vorgänger auf dem Throne kämp­fend erstritten wurde! »

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PAPSTTUM UND LIBERALISMUS

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Nichts hätte der römisch-katholischen Kirche tiefere Wunden schlagen können als die Starrheit, mit der sich der Papst Pius IX. jeder Verständigung mit den Strömungen unserer Zeit entgegenstemmte. Das Licht, das nun einmal über die Völker gekommen ist, sollte mit allen Mitteln ausgelöscht werden; das Oberhaupt der Kirche hielt es für möglich, der modernen Menschheit die Glauhensformen des finstersten

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Mjttelalters aufzuzwingen. Nicht widerlegt sollten die Lehren der Neuzeit werden, sondern der Fluch allein war das Mittel, das Pius IX. gegen sie in Anwendung brachte. Leo XIII. erkannte, daß dies, auch vom Standpunkte des Papstes aus betrachtet, ein schwerer Irrtum sei. Darum ist die Weise, wie er sich den Errungenschaften der Zeit gegenüber verhält, eine wesentlich andere. Nach seiner Ansicht soll der Geist den Geist schlagen. Nicht engherzig ablehnen sollen die Lehrer des Evangeliums, was moderne Wissenschaft und mo­dernes Leben ihnen entgegenhalten, sondern in sich aufneh­men, einesteils um es, soweit das tunlich ist, im Sinne des Katholizismus zu verwerten, andererseits, um es vom Stand-punkte der Kirche aus wirksam widerlegen zu können. Des­halb empfahl der Papst seiner Priesterschaft das Studium der christlichen Philosophie, um aus ihr eine Waffe gegen die moderne Wissenschaft zu machen. Er sieht es nicht un-gerne, wenn an den theologischen Fakultäten Darwinsche und ähnliche Theorien vorgetragen und vom Standpunkte der katholischen Wissenschaft aus beleuchtet werden, ein Ding, das sein Vorgänger in der schärfsten Weise verdammt hätte.

Aus dieser Gesinnung des Papstes entspringt auch der ruhige Ton sachlicher Auseinandersetzung, der die Enzykli­ken Leos XIII. kennzeichnet. Er verdammt nicht nur die modernen Überzeugungen, er prüft sie und sucht sie in ob­jektiver Weise zu widerlegen. Für den Katholizismus ist diese veränderte Kampfesmethode ein großer Vorteil, für die moderne Kultur aber ein ebenso erheblicher Nachteil. Die freiwillige Ablehnung aller modernen Kulturerrungenschaf­ten, das Abschließen gegenüber den Strömungen der Zeit hätten den letzteren einen rascheren Fortschritt möglich ge­macht.

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Wenn in der Kirche so gar nichts von den Ideen der Gegenwart und nur engherziger Dogmatismus zu spüren gewesen wäre, dann hätte von selbst alles, was Geist heißt, aus ihr vertrieben werden müssen.

Das sind die Gesichtspunkte, von denen die Regierung Leos XIII. ausgeht. Seine neueste Enzyklika ist wieder ein Beweis dafür. Er sucht in sachlicher Weise dem Liberalismus entgegenzutreten und in dem Liberalismus der ganzen Rich­tung der Zeit. Wer noch in den Banden des Glaubens sich befindet, auf den werden die mit sophistischem Scharfsinne vorgebrachten Sätze des Rundschreibens nicht ohne tiefer-gehenden Eindruck bleiben. Das soll offen zugestanden wer­den. Es soll auch nicht geleugnet werden, daß mit dem libe­ralen Prinzip der Kernpunkt der modernen Kultur überhaupt richtig getroffen ist. Das Barometer des Fortschrittes in der Entwicklung der Menschheit ist nämlich in der Tat die Auf­fassung, die man von der Freiheit hat, und die praktische Realisierung dieser Auffassung. Unserer Überzeugung nach hat die neueste Zeit in dieser Auffassung einen Fortschritt zu verzeichnen, der ebenso bedeutsam ist, wie jener war, den die Lehren Christi bewirkten: «es sei nicht Jude, noch Grieche, noch Barbar, noch Skythe, sondern alle seien Brüder in Christo». Wie damals die Gleichwertigkeit aller Menschen vor Gott und ihresgleichen anerkannt wurde, so bemächtigte sich in dem letzten Jahrhundert immer mehr die Überzeugung der Menschen, daß nicht in der Unterwerfung unter die Gebote einer äußeren Autorität unsere Aufgabe bestehen könne, daß alles, was wir glauben, daß die Richtschnur unseres Handelns lediglich aus dem Lichte der Vernunft in unserem eigenen Innern entstammen solle. Nur das für wahr halten, wozu uns unser eigenes Denken zwingt, nur in solchen

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gesellschaftlichen und staatlichen Formen sich bewegen, die wir uns selbst geben, das ist der große Grundsatz der Zeit.

Wie jeder an sich richtige Grundsatz, so kann natürlich auch dieser in fehlerhafter Form aufgefaßt werden und da­mit unsägliches Unheil anrichten. Ja, man kann überhaupt von der Einführung der wahren Gestalt dieses Grundsatzes in das praktische Leben noch nicht viel bemerken. Es liegt nämlich der Irrtum nahe, daß mit der Aufstellung der Maxime, nur dem eigenen Innern zu folgen, jedwede Geltend­machung subjektiver Willkür, rein individuellen Strebens gerechtfertigt sei. Das aber führt notwendig dazu, daß Will­kür gegen Willkür, subjektive Interessen gegen subjektive Interessen stehen und endiich ein Kampf aller gegen alle herauskommt, ein «Kampf ums Dasein», in dem nicht allein der Stärkere gegen den Schwächeren, sondern der Unrediiche gegen den Redlichen, der Unlautere gegen den Freund der Wahrheit siegt. Zu dieser Ausartung ist das Freiheitsprinzip in den letzten Dezennien wirklich gekommen, und was man landiäuflg heute als Liberalismus bezeichnet, das ist dieses Zerrbild des modernen Geistes. Es ist traurig, aber leider nur zu wahr, daß hier eine ursprünglich richtige Anschauung zu dem scheußlichen System der Ausbeutung des Individuums durch das Individuum geführt hat. Es ist nur schade, daß dieser Börsenliheralismus so lange sein Unwesen getrieben hat, denn nur weil er die Köpfe gegen alles, was wahrhaft den Namen der Freiheit führt, blind machte, haben sich viele sonst nicht unbedeutende Männer von der freiheitlichen Be­wegung abgewendet und der Reaktion in die Arme geworfen. Jetzt scheint glücklicherweise die Todesstunde jenes Pseudo­Liberalismus nicht mehr ferne.

Der Mensch ist eben nicht bloß ein individuelles Wesen,

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sondern er gehört einem größeren Ganzen, einer Nation an. Was man sonst Gattung nennt, das ist für den Menschen die Nation. Und wie, was gleichwertig ist, auch in seinen Äußerungen sich als gleichartig erweist, so wird auch die Stimme der Vernunft, wenn der Mensch wirklich objektiv auf sie hört, nicht in diesem Individuum so, in jenem anders sprechen. Und wenn auch die Vernunft in vielen Menschen numerisch verschieden, so ist sie doch inhaltlich gleich; gibt sich das Individuum wahrhaft in den Bann derselben und nicht in den der subjektiven Willkür und des Egoismus, so kann das Wollen des einen das des andern nicht ausschließen, sondern wird sich mit ihm begegnen, es ergänzen und unter-stützen. So werden die Strebungen einer Anzahl von Indi­viduen, die staatlich zusammengehören, ein vernünftig ge­ordnetes System bilden, innerhalb welchem sich der einzelne wirklich frei bewegen kann. In diesem System wird jeder seine Aufgabe erfüllen, ohne von dem andern eingeschränkt, bekämpft oder ausgebeutet zu werden; er wird weder durch eine Autorität, wie in der katholischen Weltanschauung, noch durch den Egoismus des andern, wie beim modernen pseudo­liberalen Staate, in seiner Freiheit heengt sein. Das ist eine Staatsordnung, wie sie dem wahren Liberalismus entspricht und wie sie zugleich als wahrhaft staats sozialistisch bezeichnet werden kann.

Immer klarer zeigen die Ereignisse, daß sich diese An­schauung von unserer Lebensgestaltung in die Wirklichkeit heraufarbeitet. Sie bedeutet den wahren Fortschritt gegen­über der alten kirchlichen Ordnung. Sie ist es, die eine neue Zeitepoche begründen wird; gegen sie werden päpstliche Rundschreiben nichts vermögen. Sie ist eine historische Not­wendigkeit, wie es einst das Christentum war. Der Pseudo­-Liberalismus

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ist keine, und deshalb die scheinbare Wahrheit, die die Sätze der Enzyklika haben. Sie kämpft gegen ein tot­geborenes Kind.

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DIE DEUTSCHEN IN ÖSTERREICH

UND IHRE NÄCHSTEN AUFGABEN

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Der tiefe Zwiespalt, der zwischen der äußern und innern Politik unserer Monarchie besteht, tritt bei jeder Gelegen­heit im politischen Leben hervor, und er ist für den, der zu beobachten versteht, oft aus scheinbar geringfügigen Vor­kommnissen bemerkbar. Es heißt aber nach unserer Ansicht entschieden die Sache zu kleinlich anfassen, wenn man den Widerspruch bloß als den der slavenfreundiichen inneren und den der entschieden deutschfreundiichen äußeren Politik charakterisiert. Der Gegensatz ist eigentlich ein anderer, und er kommt am besten zum Ausdruck, wenn man den, nach unserer Ansicht, bedeutsamen Ausspruch Kalnokys mit den mehrfach ausgesprochenen Regierungsprinzipien, wie wir sie aus dem Munde des Sprechers unserer Regierung> des Herrn von Dunajewski, gehört haben, vergleicht. Der Leiter unserer auswärtigen Politik sagte: «Die Besorgnisse (für den Frieden) entspringen nicht allein aus den Zuständen auf der Balkan-Halbinsel, als vielmehr aus der allgemeinen europäischen Lage, aus ... den tiefgehenden Differenzen der Auffassung nicht so sehr der Kabinette als der Bevölkerungen.» Bedeut­sam nennen wir den Ausspruch, weil er zeigt, daß nun die Zeit entschieden aufgehört hat, wo für die Richtung der äußeren Politik der Staaten einzig und allein der Wille der obersten Machtfaktoren ausschlaggebend war und die Stimme

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des Volkes als nicht vorhanden betrachtet wurde. Es ist in diesen Worten deutlich vernehmbar, daß Verhandiungen von Diplomaten, ohne mit den Volksinteressen zu rechnen, un-möglich geworden sind. Und auf unseren Fall angewendet heißt das: Kein Staat, der es mit der europäischen Zivilisation und den Kulturinteressen der west- und mitteleuropäischen Völker ernst meint, kann eine andere als eine mit der Spitze gegen den kulturfeindlichen russischen Koloß und gegen die von ihm ausgehenden großslavischen Tendenzen gekehrte Politik verfolgen. Der Gang unserer äußeren Politik ist ein­fach der Ausdruck einer europäischen Notwendigkeit. Er wird nicht nur von den deutschen, er wird von der ganzen westeuropäischen Bevölkerung verlangt. In scharfem Gegen­satz hierzu steht es, wenn der Minister Dunajewski glaubt, man könne Österreich ohne die Deutschen regieren.

Wenn die Deutschen aufhören sollen, diesem Staate, den sie gegründet, dem sie seine Lebensaufgaben gegeben haben, das Gepräge zu geben, dann hört auch dieser Staat auf, die­jenige Rolle zu spielen, die ihm von der geschichtlichen Entwicklung im westeuropäischen Kulturleben zugedacht ist. Und eine Politik, die den Staat in diesem Sinne seiner historischen Grundlage entfremdet, kann als eine bildungs-freundliche denn doch nicht bezeichnet werden, als eine solche aber, die den Ausdruck des Volkswillens bildet, am aller­wenigsten. Ein solches Regieren mag augenblicklich opportun sein, mag geeignet sein, über Schwierigkeiten der unmittel­baren Gegenwart hinwegzuhelfen; zeitgemäß im tieferen Sinne des Wortes ist es nicht. Man sollte es nur einmal ver­suchen, einen Tropfen von diesen Grundsätzen in die äußere Politik einfließen zu lassen, sofort müßte sich zeigen, wie sie dem Gange der europäischen Entwicklung entschieden zuwiderlaufen.

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Im Innern geht es eben eine Zeitlang, weil in den Faktoren und Verhältnissen, auf denen der Staat ruht, noch jener Geist fortlebt, den die Deutschen in sie verpflanzt haben, und der Zwang zur Umkehr wird erst dann eintreten, wenn dieser Geist völlig vernichtet sein wird. Denn darüber täusche man sich nicht: die leitenden Staatsmänner können nur mit den von den Deutschen erlernten und erborgten Prinzipien regieren, und der schlimme Erfolg kommt auf Rechnung des Umstandes, daß der aus dem Volke entsprin­gende Geist mißverstanden, ja geflissentlich im undeutschen Sinne angewendet wird. So bekämpft man die Deutschen mit den von ihnen erhaltenen Waffen. Schon daraus wird man erkennen, daß die dermalige innere Strömung nicht eine historisch notwendige, sondern eine durch diplomatische Künste herbeigeführte ist. Während die äußere Politik sich von diplomatischen Künsten ab- und dem Volkswillen zu-wendet, nimmt die innere den entgegengesetzten Gang. Und das ist der Gegensatz. Man ließe die Slaven Slaven sein, wenn nicht gewisse reaktionäre Gelüste mit ihnen eher zu befriedigen wären als mit den Deutschen.

Weit genug freilich ist es auf diesem Wege gekommen. Unerhört sind die Zumutungen, die an uns Deutsche von slavischer Seite gemacht werden. Man vernimmt Stimmen, die da meinen, die Deutschböhmen sollten doch an die Ma­jorität des Böhmischen Landtages herantreten behufs Ein­leitung neuer Ausgleichsverhandlungen. Will man denn wirk­lich von dem deutschen Volke in Böhmen verlangen, daß es sein gutes Recht, im Sinne der Kulturstufe, zu der es die Deutschen gebracht, zu leben, sich von den Tschechen erbettelt?

Die Slaven müssen noch lange leben, bis sie die Aufgaben,

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die dem deutschen Volke obliegen, verstehen, und es ist eine unerhörte Kulturfeindlichkeit, dem Volksstamm bei jeder Gelegenheit Prügel vor die Füße zu werfen, von dem man das geistige Licht empfängt, ohne welches einem die euro­päische Bildung ein Buch mit sieben Siegeln bleiben muß.

Noch unerhörter ist es aber, wenn die Tschechen durch ihre Organe verkünden, der böhmische Ausgleich solle jetzt zustande kommen, um mit ihm das Regierungsjubiläum un­seres Kaisers würdig zu feiern. Man verlangt also von uns Deutschen das Unmögliche, damit man uns angesichts der Gelegenheit, zu der es gefordert wird, wieder einmal als das staats- und dynastiefeindliche Volk in Österreich hinstellen kann. Das grenzt denn doch an das Äußerste: weil wir mit unseren Traditionen, mit unserer Geschichte, ja mit unserem eigenen «Ich» nicht brechen wollen, darum sollen wir vor der Krone, der wir stets so treu wie die Siaven waren, ver­dächtigt werden.

Und so wird denn Schlag auf Schlag von unseren Gegnern geführt, um uns Deutsche aus unseren berechtigten Stel­lungen zu vertreiben. Darum dürfen wir um so weniger erlahmen, alles daranzusetzen, was uns unseren Einfluß wieder gewinnen hilft. Scharf zu tadeln ist daher, daß in der letzten Zeit die erfreuliche politische Rührigkeit, die hei den Deutschen doch wenigstens in einzelnen Gegenden be­reits zu bemerken war, Einbuße erlitten hat. Die Volksstimme muß sich nur deutlich vernehmen lassen, und sie kann für die Dauer nicht überhört werden. Deswegen halten wir die Idee eines deutschen Parteitages, die eben auftaucht, für eine durchaus gute. Die Seite freilich, von der sie kommt, scheint uns nicht die rechte zu sein. Heute dürften den Ton bei einem solchen Einigungsfeste nicht die Deutschliberalen

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angeben, die einmal die lebendige Fühlung mit dem Volke verloren haben, heute müßten es die ausschließlich nationalen Elemente des deutschen Volkes in Österreich sein. Aber frei­lich, fernhalten dürften sich die ersteren nicht. Diese ver­folgen überhaupt eine ganz eigentümliche Taktik: Wenn sich irgendwo eine kerndeutsche Gesinnung vernehmen läßt und auf die Betonung der deutschen Idee dringt, dann klagen diese «Fortschrittsmänner» und ihr besonders sauberes Or­gan, die «Neue Freie Presse», über die Unmöglichkeit, eine Einigung mit den Deutschen zu erzielen. Als wenn diese Herren ein Patent darauf hätten, daß die Einigung nur im Zeichen ihrer Bestrebungen erzielt werden dürfte. Mögen sie einmal jene Selbstlosigkeit an den Tag legen, die dazu nötig ist, persönliche Interessen in den Hintergrund treten zu lassen und sich in den Dienst der gemeinsamen Sache zu stellen Warum verlangt man von den Deutschnationalen gerade, daß sie ihre Gesinnung ganz ablegen, bevor sie in den Tempel dieser «freisinnigen» Richtung eintreten dürfen? Das Natür­lichste wäre doch, daß beide Teile einander entgegenkämen. Das wird freilich solange nicht der Fall sein, als der rechte Flügel unserer Opposition in jeder Regung unseres National­gefühls etwas Unerlaubtes und in jeder Kundgebung der Sympathie mit den Nationalen eine Einbuße in seiner «Re­gierungsfähigkeit» sieht. Fort mit dieser Chimäre von Re­gierungsfähigkeit. Wenn wir schon undeutsch regiert sein sollen, so mögen dies Geschäft doch wenigstens nicht Stam­mesgenossen besorgen. Unsere Hände sollten rein bleiben.

Ein deutscher Parteitag, einberufen von wahrhaft natio­nalen Männern, sollte die nächsten Aufgaben der Deutschen als deren entschiedenen Willen vor aller Welt verkünden. Jetzt taucht eben wieder der Gedanke der Absentierung der

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Deutschen vom parlamentarischen Leben auf. Er scheint so-gar im Volke an Anhängern zu gewinnen. Wohian! Man halte sich daran! Man erkläre den ausschlaggebenden Fak­toren, daß man nicht weiter in dem Volkshause sitzen, in der Volksvertretung tätig sein will, in der man faktisch als ein unliebsamer Störenfried betrachtet und endiich doch über­gangen wird. Es ist ja mit aller Bestimmtheit vorauszusehen, daß man ohne die Deutschen nur solange regieren wird, als diese ruhig ihre Plätze einnehmen. Und wenn schließlich wirklich die parlamentarische Maschine eine Zeitlang ohne die Mitarbeiterschaft der Deutschen fortginge, sie würde sich endlich selbst als eine unmögliche erweisen. Verlieren können die Deutschen kaum, wenn sie ihre unfruchtbare parlamen­tarische Tätigkeit einstellten und sich desto mehr darauf werfen würden, das Volk im nationalen Sinne zu organi­sieren. Außer dem Deutschen Schulverein ist aber zu einer nationalen Organisation auch nicht der leiseste Versuch ge­macht worden. Die nationalen Vereine tragen alle einen lo­kalen Charakter, und ihr Blick reicht nicht über das Weich­bild der Stadt, in der sie sind, hinaus. Diese Vereine müssen eine einheitliche Organisation gewinnen, sie müssen Fühlung miteinander haben. Dann werden ihre Kundgebungen über-all, wo es notwendig ist, den rechten Eindruck machen.

Unsere nationalen Gegner können uns zweifellos großen Schaden zufügen. Er wird aber immer unbedeutend sein gegenüber den Wunden, die wir uns selbst schlagen, wenn wir unser nationales Einigungswerk verzögern. Denn das Kartengebäude, das unsere Gegner aufführen, hat keine er­haltende Kraft in sich, es fehlt ihm der rechte Lebensgeist. Es wird dereinst in sich zusammenbrechen, und dann werden die Deutschen berufen werden müssen, die Arbeit da wieder

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aufzunehmen, wo sie gezwungen wurden, sie einzustellen. Weh uns nun, wenn wir dann nicht gerüstet sind, wenn wir gespalten in Fraktionen und uneinig. an unsere Aufgabe treten. Nur eine Opposition, die nie daran denkt, das Heft in die Hände zu bekommen, kann sich den Luxus der Partei­zerklüftung gestatten, eine solche, die notwendig daran den­ken muß, begeht damit ein schweres, durch nichts zu sühnen­des Unrecht.

GENERALVERSAMMLUNG DER GOETHE-GESELLSCHAFT

#G031-1966-SE149 - Gesammelte Aufsätze zur Kultur- und Zeitgeschichte 1887 - 1901

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II

GENERALVERSAMMLUNG DER GOETHE-GESELLSCHAFT

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Die diesjährige Generalversammlung der Goethe-Gesellschaft 8. Mai J 891 gestaltete sich zu einer besonders feierlichen, da sie mitten in der Festwoche stattfand, die dem Andenken jenes für die deutsche Kunst bedeutungsvollen Augenblicks geweiht war, da vor hundert Jahren unter Goethes Leitung das Weimarer Hoftheater eröffnet wurde. Die Zusammen­gehörigkeit beider Feste fand auch noch darinnen einen be­sonderen Ausdmck, daß Prof. Suphan, der Direktor des Goethe-Archivs, in der Lage war, über einen wichtigen Aktenfund Bericht zu erstatten, der sich auf Goethes Theaterleitung bezieht. Die Versammlung war ungemein zahlreich besucht. Ihre königlichen Hoheiten, der Großherzog, die Großherzogin, der Erbgroßherzog und die Erbgroßherzogin sowie die Prinzessinnen Auguste und Olga von Sachsen-Weimar beehrten die Versammlung mit ihrem Besuche. Von auswärtigen Gästen waren anwesend: Minister von Goßler, Geheimrat von Loeper, Wildenbruch, Bodenstedt, Spiel-hagen, Julius Wolff, W. Freiherr von Biedermann, Geheim­rat Freiherr von Bezecny, Lud. Aug. von Frankl, Erich Schmidt, Jul. Rodenberg und viele andere. Den Vorsitz führte Geheimrat von Loeper, der die Gesellschaft begrüßte und sein Bedauern darüher aussprach, daß der Präsident von Simson aus Gesundheitsrücksichten am Erscheinen verhin­dert war. Hierauf erstattete Geheimrat Hofrat Dr. Ruland den Jahresbericht, dem zu entnehmen war, daß die Mit­gliederzahl am 31. Dezember 1890 sich auf 2988 belief; das Vermögen der Gesellschaft betrug an diesem Tag 37 289 Mark, wovon 21 396 Mark als Reservefonds dienen. Als

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Weihnachtsgabe wurde für die Mitglieder der Goethe­Gesellschaft eine Publikation über Goethes Verhältnis zum Weimarer Theater auf Grund des oben erwähnten Akten­fundes von Dr. C. A. H. Burkhardt und Dr. Julius Wahle in Aussicht gestellt. Den Festvortrag hielt Prof. Dr. Valentin aus Frankfurt a. M. «Über die klassische Walpurgisnacht». Der Vortragende war bestrebt, jene Ansichten zu widerlegen, die in Goethes «Faust» überall Widersprüche und Mängel in der einheitlichen Komposition desselben sehen wollen. «Faust» sei trotz mancher Lücken und Unebenheiten im Fort­gang der Handlung eine in sich widerspruchslose, einheitliche Dichtung. Er sei das Gegenstück zu Wilhelm Meister. Wäh­rend aber der Dichter in dem letzteren Werke seinen Helden in der realen Welt das Ziel seines Strehens finden läßt, legt er in Fausts Seele einen so gewaltigen Drang nach mensch­licher Vollendung, daß es unmöglich wird, demselben in dieser endlichen Welt Befriedigung zu gewähren. Fausts Streben geht nach einem Unendlichen, Ewigen. Aber nach einem solchen, das nicht nur die Summe alles Endlichen darstellt, sondern in die Tiefe aller Wesenheit geht. Me­phistopheles kann das letztere nicht verstehen. Er kennt nur jene erstere Unendlichkeit. Daher führt er Faust von Genuß zu Genuß. Aber was Faust sucht, kann er ihm nicht ge­währen. Deshalb verändert sich im Verlaufe des Stückes die Rolle des Mephistopheles. Er wird aus dem Führer Fausts, der er im ersten Teile war, im zweiten Teile der Handlanger, der die äußeren Mittel zu Fausts höheren Zwecken herbei­schafft, welch letztere er gar nicht mehr ahnt. Er gibt Faust den Schlüssel zu den Wohnungen der Mütter, bleibt aber über dessen Schicksal in diesem Geisterreiche völlig im Un­gewissen. Faust findet in Mephistopheles' «Nichts» das Sinnbild

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aller Schönheit, Helena, und bringt sie an die Oberwelt, aber zunächst nur als Traumbild, als Schatten. Sie bedarf der Verkörperung, des leiblichen Daseins. Dies kann nur erreicht werden, wenn aus den Kräften der Natur ein Menschheits­keim hergestellt wird, der geeignet ist, den Schatten der Schönheit mit wirklichem Lehen zu umkleiden. Dieses ist der Homunkulus. Er wird der Führer Fausts in das klassi­sche Altertum, löst sich dort auf, um als jene Kraft weiter­zuwirken, welche aus den Elementen der Natur um den Geist der Helena deren Körper formt. So ist Faust im Besitz dieser einzigen der Frauen; allein befriedigt kann er noch immer nicht sein, denn kein Endliches, ob es in der Ver­gangenheit oder der Gegenwart gelegen ist, kann ihn be­friedigen. Erst als er alle Magie von seinem Lebenswege ver­bannen will, als er auf jeden endlichen, selbstischen Genuß verzichtet und nur im Vorgefühl eines Glückes lebt, das er wohl geschaffen hat, aber nicht mehr genießt, da hat er jenen höchsten Augenblick erreicht, zu dem er sagen möchte: «Verweile doch, du bist so schön». Fausts Seele ist für Mephistopheles verloren, der glaubte, sie im endlichen Ge­nusse festhalten zu können.

Auf diesen Festvortrag folgten Prof. Suphans Mitteilungen über die aufgefundenen Akten. Dieselben stellen einen großen Teil des alten Theater-Archivs dar. Sie wurden in einem kaum zugänglichen Winkel des in Weimar unter dem Namen der «Bastille» bekannten Teiles des Schlosses vor­gefunden und durch S. königl. Hoheit den Großherzog am 24. Dezember 1890 dem Goethe- und Schiller-Archiv zum Geschenke gemacht. Es sind achtundsiebzig Bände und Fas­zikel. Der eine Teil besteht aus den sogenannten Direktions­Akten, das ist jenen Schriftstücken, die aus der Geschäftsführung

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der seit ,797 eingesetzten Hoftheaterkommission vorhanden sind. Diese Kommission bestand aus Goethe, von Luck und Kirms, später Goethe, Kirms und Rat Kruse. Der zweite Teil sind die Akten der Filialbühnen, an denen zur Sommerszeit von den Mitgliedern des Weimarer Theaters gespielt wurde. 35 hieher gehörige Bände beziehen sich auf das Lauchstädter Theater und sind aus den Jahren 1791 his 1814. In dieser Reihe sind die auf das berühmte Leipziger Gastspiel von 1807 bezüglichen Schriftstücke enthalten. Drei Bände betreffen das Theater in Halle seit 1811, sieben Erfurt (1791-95 und 1815), zehn Rudolstadt (1794-1805), einer Jena, drei Naumburg. Ein großer Teil dieser Aktenstücke ist von Goethe diktiert und durchgesehen. Eine Handschrift des Vorspiels «Was wir bringen» (von der Hand des Schreibers Geist) ist inmitten der Akten, ferner 44 Briefe Goethes an Kirms, 34 an andere Personen. Die ersteren behandeln neben dem rein Geschäftlichen auch Gegenstände von literarischem und künstlerischem Interesse. Auch Briefe Schillers gehören der Sammlung an, so einer, in dem er seine Zustimmung zur Wallensteinaufführung in Lauchstädt ausspricht. Das Ver­hältnis Karl Augusts zum Theater ist aus vielen Schrift­stücken ersichtlich. Von besonderer Bedeutung sind jene Blätter, die zeigen, mit welcher Sorgfalt Goethe das Theater leitete und wie ihm nichts zu gering war, um sich damit zu beschäftigen*.

Nach diesen Mitteilungen erstattete Prof. Suphan den speziellen Bericht über das Goethe-Archiv und die Goethe- Bibliothek.

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* Die erwähnte Puhlikation der Goethe-Gesellschaft, die den Mit­gliedern als diesjährige Weihnachtsgabe zugehen wird, soll den Titel führen: «Urkunden zur Geschichte von Goethes Theaterleitung 1791 bis 1817», von C. A. H. Burkhardt und J. Wahle.

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In bezug auf das erstere wurde hervorgehoben, daß in der letzten Zeit auch der naturwissenschaftliche Nach-laß Goethes gesichtet und für die Ausgabe verarbeitet wurde. Die Arbeiten Prof. Bardelebens aus Jena und des Schreibers dieser Zeilen sind soweit fortgeschritten, daß wohl noch im Laufe dieses Jahres die Leser der Weimarer Goethe-Ausgabe einen größeren Teil des aufgefundenen Nachlasses zu sehen bekommen werden. Er wird wesentlich dazu beitragen, die bahnbrechende Tätigkeit Goethes auf wissenschaftlichem Gebiete endlich einmal auch den größten Zweiflern klar vor Augen zu führen. Die Morphologie nahm Goethe in einer Weise in Angriff, daß er bis heute von der Fachwissenschaft noch nicht eingeholt worden ist; auf osteologischem Gebiete liegen Arbeiten über den Schädel der Säugetiere und die Gestalt der Tiere vor, mit denen eine Methode in die Ana­tomie eingeführt wird, die erst Dezennien später von Merkel und anderen als die richtige erkannt worden ist.

Die Bibliothek wurde durch Ankäufe wertvoller Stücke besonders der älteren Literatur und durch zahlreiche Schen­kungen vermehrt. Seitens des Großherzogs sind dem Archive 106 Briefe Wielands geschenkt worden. Eine bedeutsame Bereicherung hat dasselbe durch die Erwerbung des hand-schriftlichen Nachlasses Otto Ludwigs erfahren, der von Erich Schmidt herausgegeben wird.

Geheimrat Hofrat Ruland erstattete nunmehr den Bericht über das Goethe-National-Museum. In demselben wird mit Ordnung der Sammlungen, namentlich der Goetheschen Bi­bliothek fortgefahren.

An die Generalversammlung schloß sich ein gemeinschaft­liches Mittagessen, bei welchem Minister Groß auf den Kaiser, Geheimrat von Loeper auf den Großherzog und die

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Großherzogin, Erich Schmidt auf das Weimarer Theater und Minister von Goßler auf die Goethe-Gesellschaft Trink­sprüche ausbrachten. Ludw. Aug. von Frankl überbrachte einen Festgruß aus Wien. Das Fest schloß mit einer Vor­stellung von Paul Heyses neuem Stück «Die schlimmen Brüder» im Hoftheater.

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MOLTKE ALS PHILOSOPH

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Es ist immer von ganz besonderem Interesse, bedeutende Menschen, deren Lebens- und Wirkenssphäre weit abliegt von dem Gebiete theoretischer Weltbetrachtung, sprechen zu hören über die großen Rätselfragen unseres Daseins und über die letzten Gründe der Weltentwicklung. Und gar einen Mann wie Moltke, der mehrmals in der Lage war, des Schicksals Lauf für ganze Staaten durch seine Persönlichkeit bestimmt zu sehen. Die Bedeutung eines solchen Verhält­nisses erkennt nur, wer es versteht, was große, tief eingrei­fende Erlebnisse für unser ganzes Sein zu bedeuten haben, wie sie plötzlich über eine große Reihe unserer Vorstellun­gen einen andern Farbenton ausbreiten. Wie viele Menschen werden durch eine Erfahrung von überwältigender Wirkung plötzlich in ihrem ganzen Charakter verändert! Und wertlos sind die doktrinären Gedankenkreise derjenigen Menschen, in deren Lebenslauf niemals Schicksalsschläge, hohe Freuden und tiefe Enttäuschungen eingegriffen haben.

Was mag wohi in der Seele des Generalstabschefs Moltke vorgegangen sein in Stunden vor den wichtigen Entschei­dungsschlachten mit Österreich und später mit Frankreich!

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In solchen Augenblicken wird dem Menschen von dem Weltengeiste offenbar etwas ganz Besonderes ins Ohr ge­sprochen; Worte, die nur schwer verständlich sind für Men­schen mit Werkeltagserfahrungen.

Es liegt nun gedruckt der deutschen Leserwelt vor, wie Moltke über Weltzusammenhang und Menschenbestimmung dachte.

Suchen wir uns die Grundzüge seiner Weltanschauung klarzumachen. Moltke ist überzeugt von der durchgängigen Gesetzmäßigkeit des ganzen Weltalls. Er glaubt auch be­haupten zu dürfen, daß die Gesetze, welche hier auf unserer Erde das kleinste und größte Geschehen bewirken, in jedem Teile des Universums Geltung haben. Was auf dem Sirius geschieht, soll nicht minder wesentlich denselben Gründen unterliegen wie die Phänomene, die sich vor unseren Augen täglich abspielen. Und alles menschliche Tun und Lassen denkt sich Moltke innerhalb des Kreises dieser Gesetzmäßig­keit eingeschlossen. Unsere Vernunft muß diese Weltgesetz­lichkeit aber auch in sich haben; denn nur unter dieser Vor­aussetzung kann sie die Vernünftigkeit in der Welt draußen überall finden. Zusammenstimmen von Vernunft und Wirk­lichkeit ist für Moltke ein Postulat seiner Anschauungen.

Letzten Endes sieht unser philosophierender Feldherr die ganze Weltharmonie als einen Ausfluß des göttlichen Geistes an, der es auch eingerichtet hat, daß Welt und Menschen-vernunft zusammenstimmen.

Obwohl nun diese Ansichten genau übereinstimmen mit der in den Kreisen gegenwärtiger Naturgelehrten herrschen­den mathematisch-mechanischen Weltanschauung - Du Bois­Reymond muß entzückt sein über diese Bundesgenossen-schaft -, so erscheint der Gedanke doch richtig, daß bei

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Moltke in seinem Berufe als Heerführer der Grund zum Entstehen derselben gesucht werden muß.

Die Entschließungen des Feldherrn sind im strengsten Sinne des Wortes Resultate von Erwägungen, denen mathe­matische und dynamische Voraussetzungen zugrunde liegen. So wie es für den Mathematiker und Mechaniker nur ein Rechnungsresultat aus gegebenen Rechnungsansätzen gibt, so kann auch für den Heerführer nur eine ganz bestimmte Handlung als die notwendige Folge gegebener Tatsachen erscheinen. Diese führt er aus mit einer Notwendigkeit, gleich jener, mit der ein Stein zu Boden fällt. Die Tätigkeit des Menschengeistes erscheint hier vollständig eingegliedert in das mathematisch-mechanische Weltgeschehen, als eine bloße Fortsetzung desselben. Und der Mensch ergibt sich als der Vollstrecker ewiger, eherner Weltgesetze.

Was aber notwendig unter einer solchen Auffassung leiden muß, ist das Gefühl für die Individualität und für die per­sönliche Freiheit des Menschen. In der Heeresführung muß ohne Frage das Individuelle in den Hintergrund treten, erstens gegenüber den Gesetzen militärischen Wissens und zweitens gegenüber der Organisation eines vielgliedrigen Körpers. Wer von einem solchen Gebiete aus einen Schluß zieht auf die allgemeine Wesenheit alles Seins, dessen Über-zeugungen müssen einseitig ausfallen. Der Psychologe aber weiß, daß jeder Mensch, der einen bestimmten Beruf hat, diesen letzteren zum Zentrum seiner Weltbeurteilung macht. Jedermann hat ja das Bedürfnis, zu den seinen Geist aus-füllenden allgemeinen Ansichten fortwährend konkrete Bei­spiele aus seiner Erfahrung heranzuziehen. Dieselben sollen ihm das Allgemeine nicht bloß bestätigen, sondern vor allen andern Dingen erst recht augenscheinlich machen. Es ist nun

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natürlich, daß der Feldherr diejenigen Gesetze als die all­gemeinen betrachtet, für die er innerhalb seiner Erfahrungs­welt Beispiele findet. Das sind aber eben die mathematisch­mechanischen.

Was aber bei solcher Schlußfolgerung entschieden zu kurz kommt, ist die Welt der Freiheit. Innerhalb der Moltkeschen Ansichten ist für diese letztere ebensowenig Raum wie inner­halb der mechanischen Weltanschauung der gegenwärtigen Naturlehre. Was bei dem ersteren das Einleben in militäri­sches Leben und Treiben, das bewirkt bei der letzteren die einseitige Blickrichtung auf das äußere Geschehen und die mathematische Seite des Naturdaseins. Moltke betrachtet das Weltall wie einen großartigen Truppenkörper, die Natur-lehrer der Gegenwart wie eine vielgliedrige Maschine. Jener verallgemeinert die Gesetze der Kriegskunst, diese die Regeln der Mechanik. Auf beide Arten kommt eine Einseitigkeit im vollsten Wortsinne heraus, die psychologisch begreiflich, aber doch vor dem Forum einer allseitigen Welt- und Lebens­anschauung nicht bestehen kann. Wie notwendig es ist, jeg­liches Ding mit seinem eigenen Maßstabe zu messen und nirgends die Erfahrungen aus einem anderen Gebiete hinein-zutragen, das gehört zu den höchsten Erkenntnissen des menschlichen Geistes. Theoretisch einsehen, begreiflich fin­den, werden es ja viele Menschen, aber von da aus bis zum Übergehen in das innerste Wesen unseres psychischen Or­ganismus ist noch ein weiter Weg. Ehe man dazu gelangt, muß man auch viele Erlebnisse haben. Erlebnisse, die sich allerdings nicht auf dem Schauplatz des großen Weltge­schehens abspielen, sondern in den Tiefen unseres Innern. Ein Philosoph ist nicht derjenige, der die Summe der be­stehenden philosophischen Lehren kennt und sie vielleicht

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um einige neue vermehrt hat, sondern allein der, der die schweren Seelenkämpfe durchgemacht hat, durch die man Wahrheiten nicht erlernt, auch nicht erdenkt, sondern erlebt. Was nun am wenigsten erlernt und erdacht werden kann, sondern was erlebt sein muß, das ist der Grundsatz, daß ein jedes Ding nach der ihm eingeborenen Individualität zu betrachten ist. Diese letztere Betrachtung ist die notwendige Gegenseite zu der Moltkeschen Auffassung, daß eine Gesetz­mäßigkeit durch alle Weitwesen gehe. Innerhalb dieser einen Gesetzmäßigkeit sind aber unzählige Gesetzesarten möglich, die sorgfältig im besonderen angeschaut sein wollen.

So interessant also auch die Anschauungen des großen Feld-herrn für den Psychologen sind: sie zeigen doch, wie strenges Einleben in eine Sphäre die Grundeigentümlichkeiten dieser letzteren als Leitmotive eines ganzen Menschenlebens wieder erkennen lassen, und daß zu einer allseitig befriedigenden Lebenserfassung keine andere Betätigung führen kann als ein für Einzelheiten nicht besonders engagiertes, für alles gleich warmes und gleich kühles, betrachtendes Leben des Denkers.

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MAXIMILIAN HARDEN «APOSTATA»

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Durch Jahrzehnte hindurch waren unsere Gebildeten in eine spröde Schöne verliebt. Sie hatte ernste Züge, etwas blasse Gesichtsfarbe, dunkles Haar, war ohne Fülle; und nur selten war so etwas wie Leidenschaft in ihrem Antlitz zu sehen. Niemand konnte so recht warm in ihrer Gegenwart werden. Man war auch nicht immer gern mit ihr beisammen. Nur auf

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den großen Märkten, wo die öffentliche Meinung feilgeboten wird, da trat man stolz an ihrer Seite auf. Wenn man dann einmal eine gemütliche Stunde verbringen wollte, wenn man nur für sich und seine nächste Umgebung lebte und seinen Worten nicht jenen Ton beizugeben brauchte, wodurch sie auf die Menge suggerierend wirken, dann entledigte man sich der Gefährtin. Man tat aber auch groß und rühmte sich ge­bührend des keuschen Verhältnisses.

Das Weib heißt die «Prinzipientreue».

Wir haben eine Zeit hinter uns, welche die Anbetung des «Prinzips» bis zum Ekel getrieben hat. Ursprüngliches Emp­finden, individuelles Urteil galt nichts; mit ein paar Grund­sätzen, die man immer wieder vorbrachte, und nach denen man alles abschätzte, wollte man das I,eben machen. Der Mensch galt wenig, die Prinzipien, auf die er schwor, alles. Man kümmerte sich nicht um das Individuum, wohl aber darum, ob es liberal oder konservativ, national oder kosmo­politisch, materialistisch oder idealistisch denke.

Es sind Anzeichen vorhanden, daß es besser wird. Nach­zügler sind zwar noch in Fülle zu sehen, Spätlinge, die das alte Lied noch singen. Aber man sieht doch, wie das Ver­ständnis für das Individuelle im Zunehmen begriffen ist. Nichts kann das deutlicher beweisen, als der Erfolg der beiden «Apostata»-Bände von Maximilian Harden. Darinnen enthalten sind die Aufsätze, die von Harden in den letzten Jahren in verschiedenen deutschen Journalen über Zeit-ereignisse und Zeitgenossen erschienen sind. Man suchte stets nach diesen Artikeln an den Orten, wo man sie zu finden hoffen durfte. Man war neugierig, was Harden zu einem Vor­kommnis sagte, denn man schätzte die eigenartige Persön­lichkeit dieses Schriftstellers. Und man fühlte sich nie ent­täuscht,

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denn Harden wußte etwas zu sagen, was keinem andern eingefallen wäre. Und noch etwas: Harden ist nicht damit zufrieden, seine Meinung nur so einfach zu sagen. Er weiß, daß man von Speisen ohne Gewürze-Zusatz zwar ent­sprechend genährt wird, daß sie aber besser mit demselben schmecken. Harden ist vornehm genug, um seine Meinungen nur in einem solchen Gewande auftreten zu lassen, daß nicht nur der Inhalt, sondern auch die Hülle interessiert. Es gefällt uns besser, wenn uns jemand anregen, als wenn er uns über-zeugen will. Ich mag sie nicht, die da dünne und dicke Bücher schreiben, um ihren Nebenmenschen eine Überzeugung bei­zubringen. Ich finde so etwas einfach taktlos. Es setzt immer dumme Leser voraus, die belehrt sein sollen. Die meisten unserer schriftstellernden Mitmenschen wollen sich nicht mit uns über ihren Gegenstand unterhalten, sondern sie ver­langen, daß wir uns von ihnen belehren lassen. Nur weil diese Gesinnung leider eine so verbreitete ist, deshalb wird so vieles geschrieben, worauf die Grazien auch nicht einmal mit einem verächtlichen Seitenblick schielen möchten. Harden lesen wir so gern, weil er auch nicht eine Spur von solcher Gesinnung hat. Man fühlt sich beim Lesen seiner Schriften so als Mensch behandelt. Und daran ist man hei Autoren nicht gewöhnt. Er drängt niemandem seine Überzeugung auf, aber er sagt seine Meinung; und die wird den andern inter­essieren, auch wenn er sie nicht teilt. Ja, sie wird ihm viel nützlicher sein als diejenige, die er sogleich vollinhaltlich unterzeichnen kann. Das wird ja zumeist nur bei den banal­sten Dingen der Fall sein können. Die unbewußte Achtung, die Harden vor seinem Leser hat, kennzeichnet ihn so recht als Typus eines vornehmen Schriftstellers. Als solchem ist ihm aber noch eines eigentümlich. Das ist die Kühnheit des

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Urteils und die selbstbewußte Art, in der er sich zur Welt stellt. Hardens Urteil haftet nie etwas von jener bleiernen Zaghaftigkeit an, die sich nur «bescheiden» oder «mit Vor­behalt» oder «unmaßgeblich» auszusprechen wagt, sondern es ist bestimmt, scharf, rückhaltlos. Das Gemüt eines rechten Menschen reagiert nämlich nicht unbestimmt, verschwom­men, unklar auf irgendein Ding, das an ihn herantritt, son­dern heftig, scharf. Wer nun diese Heftigkeit und Schärfe nicht auch in den Ausdruck seiner Anschauungen legt, der verdient nicht, daß sich seine Mitmenschen für ihn inter­essieren. Er bleibt uns uninteressant. Denn er entbehrt jenes hohen Wahrheitssinnes, der das Charakteristikum eines vor­nehmen Menschen ist. Wer wahr ist, der spricht immer mehr oder weniger paradox. Man kann auch nicht von einem un­serer Aussprüche verlangen, daß er absolut wahr sei, denn die ganze Wahrheit wird vermutlich nur dadurch an den Tag treten, daß man unendlich viele Einseitigkeiten in ihrem Zusammenhange betrachtet. Wer sich fürchtet, etwas para­dox zu sagen, und deswegen die Spitzen seiner Aussagen so viel als möglich abschwächt, der wird nichts zustande bringen als mehr oder weniger fades, banales Gerede. Hardens Be­hauptungen sind nun so spitz als möglich. Er gebraucht jeden-falls keine Feile, um die Schärfen abzustumpfen, sondern wahrscheinlich ein ganz scharfes Instrument, um das zuzu­schärfen, worüber man noch mit dem Finger streifen kann, ohne sich zu schneiden. Wir haben es mit einem Schriftsteller zu tun, dem wir oft begeistert zustimmen, oft auch uns maß-los über ihn ärgern. Die Autoren sind aber auch die elen­desten Kreaturen, über die man sich nie zu ärgern hat. Aus­genommen natürlich ist nur der Fall, wenn man sich bloß über die Dummheit ärgert.

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Wie fein Hardens Auffassung ist, das zeigt der Artikel, der die Zweite Sammlung des «Apostata» eröffnet. Er handelt über einen Besuch Hardens bei dem Fürsten Bismarck, der vor wenigen Wochen stattgefunden hat. Wir bekommen ein Bild von der überwältigenden Individualität dieser monu­mentalen Persönlichkeit, wie wir es nicht besser wünschen können. Das ist die echte Kunst der Charakteristik: in einem Bilde gerade diejenigen Linien anzubringen, welche die dar­gestellte Individualität am besten wiedergeben. Und das ver­steht Harden meisterhaft. Wie er übrigens den großen Kanz-1er zu würdigen weiß, das zeigen auch andere Stellen seiner «Apostata»-Bände Harden weiß eben, daß der Mensch nach individuellen Grundsätzen und der Philister nach Prinzipien handelt. Und sein Haß auf alle Philisterei ist nicht gering. Eugen Richter kommt schlecht weg. Am schlechtesten in dem Schlußartikel des zweiten Bandes: «Ententeich». Wie könnte auch Harden, der Vergötterer des Individuellen, anders, als denjenigen hassen, der an die Stelle von menschlicher Ty­rannis eine solche von abstrakten Grundsätzen aufrichten will. Daß Richter nie verstehen konnte, daß alles Brauchbare aus dem Willen der Persönlichkeit kommen muß, und man mit allgemeinen Grundsätzen der Wirklichkeit nie beikom­men kann, das machte ihn zum Feinde des größten Staats­mannes, dem als politischen Mitstreiter gegenüberzustehen er sonst hätte als das größte Glück betrachten müssen. Bis­marck hinwieder konnte mit Recht einen Mann nur mit Groll anblicken, der für das Tatsächliche keine Empfindung hat, sondern immer und immer wieder mit den «freisinnigen Grundsätzen» herausrückte.

Das Verständnis für das Individuelle macht Harden auch zum feinsinnigen Psychologen. Alle jene, die sich aufbäumen

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und behaupten, alles psychologisch betrachten zu wollen, könnten viel lernen von Harden. Sie sollen nur seinen Artikel über Guy de Maupassant einmal lesen. Psychologische Essays wollen ja auch unsere Jüngstdeutschen schreiben; aber es geht nicht recht, denn sie stecken voll von Dogmen und will­kürlichen Voraussetzungen. Und das Wirkliche läßt sich nicht diktieren, sondern nur beobachten. Niemand kann einen Künstler beurteilen, wenn er mit Kunstforderungen an letz­teren herantritt. Nur wer unter dem Eindruck der vollen Wirklichkeit steht, vorurteilslos, der vermag auch rein zu sehen. Den wenigsten Menschen fällt aber etwas ein, wenn sie so vorurteilslos ein individuelles Stück Wirklichkeit be­trachten. Sie haben ein Rezept in der Tasche, und ihr Urteil besteht darinnen, daß sie sagen, ob die Wirklichkeit mit ihrem Rezepte übereinstimmt oder nicht. Das ist aber nicht Hardens Art. Seine Betrachtungsart ist rezeptlos, ganz und gar subjektiv, so recht von Fall zu Fall. Die Rezeptleute haben es freilich bequemer. Sie brauchen sich nicht immer von neuem zu bemühen, um zu einem Urteile zu kommen.

Selten wird ein so subjektives Urteil wie das Hardensche mit der staatlichen oder gesellschaftlichen Norm überein­stimmen. Was alle sagen, das sollte eigentlich gar nicht niedergeschrieben werden. Nicht immer ist es aber ganz un­gefährlich, sich der «Norm» zu widersetzen, und die An-klagen aller Art, die auf Hardens unschuldiges Haupt im Verlaufe des letzten Jahres nur so niedersausten, bezeugten amtlich, daß da sich etwas regte, was in der Allgemeinheit denn doch zu starke Aufregung hervorrufen könnte.

Wo jedermann über die Schändlichkeit einer Frau klagte, da suchte Harden nach tieferliegenden sozialen Kräften; und was er zum Prozesse Prager-Schweitzer beigebracht hat, das

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sollte behufs Beurteilung ähnlicher Vorkommnisse der Be­achtung weiterer Kreise empfohlen werden.

Ich frage bei einem Schriftsteller nicht, ob er «richtige» oder «falsche» Grundsätze hat. Denn ich weiß, wie wenig es auf sich hat mit solcher «Richtigkeit» oder «Falschheit»; aber ich frage, ob er ein ganzer Mann ist, ein rechter Mensch, der auch, wenn er irrt, noch beachtet werden muß. Was mir viele sagen können, darauf höre ich nicht, denn das kann ich mir zumeist auch selbst sagen; was mir aber nur wenige sagen können, darnach verlange ich. Viele freuen sich, wenn sie nur das hören oder lesen, was ihnen selbst ganz klar ist. Andere sagen solchen Dingen gegenüber: verlorene Zeit. Die letzteren werden nach Hardens «Apostata»-Bänden greifen.

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EINE «GESELLSCHAFT FÜR ETHJSCHE KULTUR»

IN DEUTSCHLAND

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Es geht so nicht mehr weiter, wie wir es bis jetzt getrieben haben. Der tief in den Staub getretenen Sittlichkeit muß wieder aufgeholfen werden! So dachte eine Anzahl wohl­meinender Menschen, und sie begründeten einen «Verein für ethische Kultur». Soeben ging von Berlin aus die Nachricht durch die Zeitungen, daß diese neue Anstalt zum Heile der Menschheit ins Leben getreten ist, und die Aufforderung sich anzuschließen. Und wir finden unter den Begründern man­chen Namen, der einer von uns verehrten Persönlichkeit an­gehört. Der Zweck des Vereins soll sein, gegenüber allen religiösen und sittlichen Besonderheiten der einzelnen Reli­gionen und Kulturen das Allgemein-Menschliche hervorzu-kehren und dies zum Träger seiner Weltanschauung und

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Lebensführung zu machen. Dies soll durch eine literarische (in Vorträgen, Diskussionen und Schriftenherausgabe be­stehende) und eine praktische (Wohltätigkeitsakte und Drin­gen auf Verbesserung der Lage der notleidenden Bevölke-rang) Vereinstätigkeit angestrebt werden. In Anbetracht des ersten Teiles des Programms gehört eine Besprechung dieses Vereins wohl an diese Stelle eines literarischen Blattes.

Der Grundirrtum, der hier zugrunde liegt, ist der Glaube an eine allgemein-menschliche Sittlichkeit. So wenig der «Mensch im allgemeinen» möglich, sondern nur eine begriff­liche Fiktion ist, so wenig kann von einer Ethik im allge­meinen gesprochen werden. Jedes Volk, jedes Zeitalter, ja im Grunde jedes Individuum hat seine eigene Sittlichkeit. Der Denker kann dann das Gemeinsame aller dieser sitt­lichen Anschauungen aufsuchen, er kann nach den treibenden Kräften forschen, die in allen gleich wirksam sind. Aber das dadurch erlangte Ergebnis hat nur einen theoretischen Wert. Es ist für die Erkenntnis der ethischen Natur des Menschen, seiner sittlichen Wesenheit, unendlich wichtig; zum Träger der Lebensführung kann es nie und nimmer gemacht werden. Und es kann nichts Befriedigenderes gehen, als daß dies nicht möglich ist. An die Stelle des individuellen Auslebens der Volks- und Menschennaturen, der Zeitalter und Individuen träte sonst schablonenhaftes Handeln sittlicher Puppen, die an den Fäden der allgemein-menschlichen Sittenlehre immer aufgezogen würden.

Nirgends mehr als im sittlichen Leben kann der Grundsatz gelten: leben und leben lassen! Die jeweilige Sittlichkeit eines Menschen oder eines Zeitalters ist das unbewußte Ergebnis seiner Welt- und Lebensanschauung. Gemäß einer gewissen Art des Denkens und Fühlens gewinnt das Handeln ein individuelles

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Gepräge; und nie kann an eine abgesonderte Pflege des letzteren gedacht werden. Eine Elite der Gebil­deten arbeitet heute an einer Neugestaltung unserer Lebens-anschauung, sowohl in bezug auf Wissenschaft wie auf Reli­gion und Kunst. Jeder tut das Seine dazu. Was dabei heraus­kommt, das wird bestimmend für unser Handeln werden. Die Pflege des Wissens, der Wahrheit, der künstlerischen Anschauungen kann der Inhalt gemeinsamer Bestrebungen sein. Sie wird dann von selbst eine in vielen Dingen gemein­same Ethik zur Folge haben. Lege jeder offen dar, was er weiß, bringe er auf den öffentlichen Plan das, was er geleistet hat; kurz, lebe er sich nach jeder Richtung hin aus: dann wird er der Gesamtheit mehr sein, als wenn er mit der Prä­tention vor sie hintritt, ihr sagen zu können, wie sie sich verhalten soll. Viele unserer Zeitgenossen haben das Gerede über das, was wir tun und lassen sollen, endlich satt. Sie verlangen nach Einsicht in das Weltgetriebe. Wenn sie die haben, dann wissen sie auch, wie sie sich in der von ihnen erkannten Welt zu verhalten haben. Und wer diese Einsicht nicht hat und dennoch mit seinen guten Lehren für unser Handeln an sie herantritt, der gilt ihnen als Moralsophist. Unsere Aufgabe innerhalb der Menschheit ergibt sich einfach aus unserer Erkenntnis des Wesens desjenigen Teiles der­selben, zu dem wir gehören. Für denjenigen, der die Wahr­heit dieser Sätze erkennt, für den gelten Bestrebungen, wie sie dem «Verein für ethische Kultur» zugrunde liegen, als unmodern und rückständig.

Wir haben ganz andere Dinge zu tun, als darüber nach­zudenken, wie wir uns verhalten sollen. Unser ganzes Lehen ist aus dem Grunde in einer Übergangsperiode, weil unsere alten Anschauungen dem modernen Bewußtsein nicht mehr

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genügen, und weil der Materialismus, den uns die Natur-wissenschaften an seine Stelle setzen wollen, nur eine Ansicht für Flachköpfe ist. Wir sind vielleicht bald auf dem Punkte, wo irgend jemand das erlösende Wort spricht, welches das Welträtsel von der Seite aus löst, von der es die Menschheit der Gegenwart aufgeworfen hat. Wir kranken wieder an den großen Erkenntnisfragen und an den höchsten Kunstpro­blemen. Das Alte ist morsch geworden. Und wenn sie ge­funden sein wird die große Lösung, an die viele Menschen für einige Zeit werden glauben können, wenn es da sein wird das neue Evangelium, dann wird, wie immer in diesem Falle, auch die neue Sitte als notwendige Konsequenz von selbst entstehen. Neue Weltanschauungen zeitigen ganz von selbst neue Sittenlehren. Der Messias der Wahrheit ist immer auch der Messias der Moral. Volkspädagogen, die viel für unser Herz, nichts aber für unseren Kopf haben, können wir nicht brauchen. Das Herz folgt dem Kopfe, wenn der letztere nur eine bestimmte Richtung hat.

Wenn in Amerika Bestrebungen, wie sie der «Verein für ethische Kultur» hat, längst an der Tagesordnung sind, so haben wir Deutschen keinen Grund, solches nachzumachen. Unter den Völkern mit vorwiegend praktischen, materiellen Tendenzen ist eine gewisse Schlaffheit in bezug auf Erkennt­nisfragen eingerissen. Das lebhafte Interesse für Fragen des Erkennens und der Wahrheit, das bei uns in Deutschland noch heimisch ist, haben sie dort nicht. Es ist ihnen daher bequem, auf dem Ruhebett einer allgemein-menschlichen Sittenlehre es sich bequem machen zu können. Woran sie denken, daran hemmt sie die schablonenhafte Moral nicht. Sie kennen nicht die Qualen des Denkers, nicht die des Künst­lers. Wenigstens jene nicht, welche zu den Gesellschaften

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für ethische Kultur gehören. Wer aber, wie der Deutsche, ideelles Leben in sich hat, wer im Geistigen vorwärts will, für den muß die Bahn frei und offen liegen, nicht verlegt sein durch sittliche Vorschriften und volkserzieherische Maß­nahmen. Es muß, um ein oft gebrauchtes Wort zu wieder­holen, jeder nach seiner Fasson selig werden können.

Deshalb kann kein modern Denkender sich dem in Rede stehenden Verein anschließen oder dessen Tendenzen bil­ligen. Ich zweifle nicht, daß das Wort «Toleranz», das die Gesellschaft auf ihre Fahne geschrieben hat, seine talmi­goldartige Wirkung auf breite Gesellschaftsschichten aus­üben wird. Man wird damit gewiß ebenso viel ausrichten, wie mit den nicht minder mißbrauchten andern: Liberalis­mus und Humanität. Goethe sagte, er wolle von liberalen Ideen nichts wissen, nur Gesinnungen und Empfindungen könnten liberal sein. Ein eingeschworener Liberaler war, als ich ihm einmal die Anschauung des großen Dichters zitierte, bald mit seinem Urteile fertig: sie sei eben eine der man­cherlei Schwachheiten, die Goethe an sich gehabt habe. Mir kommt sie aber vor wie eine der vielen Ansichten, die Goethe mit allen auf geistigem Gebiete energisch sich be­tätigenden Menschen gemein hat: das rücksichtslose Eintreten für das als wahr Erkannte und Durchschaute, das sich zu­gleich verbindet mit der höchsten Achtung der fremden In­dividualität. Nur wer selbst etwas ist, kann auch den andern erkennen, der gleichfalls etwas bedeutet. Der Durchschnitts-mensch, der alles und deshalb nichts sein will, verlangt eben­solche Nichtse neben seinem eigenen. Wer selbst nach der Schablone lebt, möchte auch die andern danach gestalten. Deshalb haben alle Menschen, die etwas zu sagen haben, auch Interesse für die andern. Die aber, die eigentlich gar

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nichts zu sagen haben, die sprechen von Toleranz und Libe­ralismus. Sie meinen damit aber nichts weiter, als daß ein allgemeines Heim für alles Unbedeutende und Flache ge­schaffen werden soll. Sie sollen dabei nur nicht auf die rechnen, die Aufgaben in der Welt haben. Für diese ist es verletzend, wenn man ihnen zumutet, sich unter das Joch irgendeiner Allgemeinheit zu beugen; sei es das einer allge­meinen Kunstnorm oder das einer allgemeinen Sittlichkeit. Sie wollen frei sein, freie Bewegung ihrer Individualität haben. In der Ablehnung jeglicher Norm besteht geradezu der Hauptgrundzug des modernen Bewußtseins. Kants Grund­satz: Lebe so, daß die Maxime deines Handelns allgemein-geltend werden kann, ist abgetan. An seine Stelle muß der treten: Lebe so, wie es deinem innern Wesen am besten entspricht; lebe dich ganz, restlos aus. Gerade dann, wenn ein jeder der Gesamtheit das gibt, was ihr kein anderer, sondern nur er geben kann, dann leistet er das meiste für sie. Kants Grundsatz aber fordert die Leistung dessen, was alle gleichmäßig können. Wer ein rechter Mensch ist, den inter­essiert das jedoch nicht. Die «Gesellschaft für ethische Kul­tur» versteht unsere Zeit schlecht. Das beweist ihr Programm.

#TI

EINE «GESELLSCHAFT FÜR ETHISCHE KULTUR»

#TX

Warum hat sich Friedrich Nietzsche wahnsinnig gedacht über die großen Fragen der menschlichen Moral? Viel ein­facher wäre es doch gewesen, den Philosophie-Professor aus Amerika Felix Adler zu hören über die «allen guten Men­schen gemeinsame Sittlichkeit», und das von ihm Vernom­mene dem deutschen Volke als Heilslehre zu verkünden. So

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hat es eine Elite der deutschen Gebildeten gemacht und eine «Gesellschaft für ethische Kultur» begründet, deren Zweck ist, jenes «Gemeinsame» zum Hauptträger der Lebens­führung gebildeter Menschen zu machen. Ich bemerke gleich von vornherein, daß unter den Gründern der Gesellschaft sich Männer befinden, die ich hochschätze. Die Gründung selbst aber entspringt einer rückständigen Lebensauffassung. Offizielle Philosophen, die heute noch immer den alten Kant -Begriffskrüppel nennt ihn Nietzsche - wiederkäuen, stehen fest auf dem Standpunkt zu glauben, daß es so etwas, wie eine «allen guten Menschen gemeinsame» Moral gehe; mo­dernes Denken, das seine Zeit erfaßt und ein wenig auch in die Zukunft sieht, ist darüber hinaus. «Handle so, daß die Grundsätze deines Handelns für alle Menschen gelten kön­nen»; das ist det Kernsatz der Sittenlehre Kants. Und in allen Tonarten klingt dies Sprüchlein uns an die Ohren aus den Bekenntnissen derer, die sich Freisinnige, Liberale, Humanitätsapostel usw. nennen. Aber es gibt heute auch schon einen Kreis von Menschen, die wissen, daß dieser Satz der Tod alles individuellen Lebens ist, und daß auf dem Ausleben der Individualität aller Kulturfortschritt beruht. Was in jedem Menschen Besonderes steckt, das muß aus ihm beraustreten und ein Bestandteil des Entwicklungsprozesses werden. Sieht man von diesem Besonderen ab, das jeder für sich hat, dann bleibt nur ein ganz banales «Allgemeines» zurück, das die Menschheit auch nicht um eine Spanne weiter­bringen kann. Ein paar Zweckmäßigkeitsregeln für den gegen­seitigen Verkehr, das ist afles, was da als «allen guten Menschen Gemeinsames» herauskommen kann. Das im eigent­lichen Sinne ethische Leben des Menschen fängt aber da erst an, wo diese auf Nützlichkeit begründeten Gesetze aufhören.

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Und dieses Leben kann nur aus dem Mittelpunkte der Persönlichkeit stammen und wird nie das Ergebnis ein-gepflanzter Lehrsätze sein. Eine allgemein-menschliche Ethik gibt es nicht. Auf den Kantischen Satz muß modernes Emp­finden das gerade Gegenteil erwidern: Handle so, wie, nach deiner besonderen Individualität, nur gerade du handeln kannst; dann trägst du am meisten zum Ganzen bei; denn du vollbringst dann, was ein anderer nicht vermag. So haben es auch alle Menschen gehalten, von denen die Geschichte zu berichten weiß. Deshalb gibt es so viele verschiedene sitt­liche Auffassungen, als es Völker, Zeitalter, ja im Grunde so viele, als es Individuen gegeben hat und gibt. Und wenn an die Stelle cheses Naturgesetzes dasjenige träte, welches von den im Kantischen Sinne denkenden Moraiphilosophen für richtig gehalten wird: eine fade Einförmigkeit alles menschlichen Handelns wäre die notwendige Folge. Solche «allgemeine» Moralprinzipien sind oft aufgestellt worden; nie hat aber ein Mensch sein Leben danach eingerichtet. Und die Erkenntnis, daß es sich hier um ein Geschäft für müßige Köpfe handelt, sollte allem modernen Denken das Gepräge geben.

Ich kann mir wohi denken, welche Einwände gegen diese Sätze erhoben werden. «Das begründet ja die reine An­archie!» «Wenn jeder nur sich auslebt, dann ist an ein gemeinsames Wirken nicht zu denken!» Hätte ich solche Einwände nicht wirklich gehört, ich fände es überflüssig, sie auch nur mit einigen Worten zu streifen. Es ist hier vom ethischen Leben des Menschen, wie schon gesagt, die Rede. Was unter seinem Niveau liegt, das ist nicht moralischen Maßstäben unterworfen; das unterliegt allein der Beurteilung nach seiner Zweckmäßigkeit und Unzweckmäßigkeit. Hier

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das Richtige zu treffen, ist Aufgabe der sozialen Körper. schaften; die Ethik hat damit nichts zu tun. Der Staat mag über die Nützlichkeit oder Schädlichkeit menschlicher Hand­lungen wachen und für das Zweckmäßigste sorgen; der ethische Wert meiner Taten ist etwas, was ich als Indi­viduum mit mir selbst abzumachen habe. Vorschriften der Zweckmäßigkeit des Handelns kann es geben, und deren Ein­haltung mag auch mit Gewalt erzwungen werden; Vor­schriften des sittlichen Handelns gibt es nicht. Der Anarchis­mus ist nicht deswegen zu verwerfen, weil er unsittlich, sondern weil er unzweckmäßig ist. In dem Gebiet der eigent­lichen Sittlichkeit kann allein der Grundsatz gelten: lehen und leben lassen. Daß man in Amerika, wo in einem eminent materiellen Kulturleben alles über die Sorge für die gemeinen Lebensbedürfnisse hinausführende Denken untergeht, der Gedanke der «ethischen Gesellschaften» Anklang gefunden hat, ist nicht zu verwundern. In Deutschland, wo noch Sinn für die höheren Aufgaben der Menschheit ist, sollte der­gleichen aber nicht nachgeahmt werden. Wo man nur daran denkt, das physische Leben so bequem wie möglich zu machen, da mag man nach dem behaglichen Auskunftsmittel sittlicher Grundsätze suchen, weil es doch an sittlichen Im-pulsen fehlt. In einem Kulturgebiet aber, wo ein wahres Geistesleben herrscht, kann die jeweilige sittliche Lebens-führung nur das Ergebnis der herrschenden Weltanschauung sein. Wie ich mich, nach meiner Auffassung von Natur und Menschenwelt, zu beiden stelle, davon wird meine Haltung im Leben abhängen. Die Sitte ist immer eine notwendige Folge der Erkenntnis eines Zeitalters, Volkes oder Menschen. Darum werden große Individualitäten, die ihren Zeitaltern neue Wahrheiten verkünden, immer auch der Lebensführung

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ein neues Gepräge geben. Ein Messias einer neuen Wahrheit ist immer auch der Verkünder einer neuen Moral. Ein Mo­ralist, der nur Verhaltungsmaßregeln zu geben hat, ohne etwas Besonderes über Natur oder Menschen zu wissen, wird nie gehört. Daher kann es nichts Verkehrteres geben als die von der konstituierenden Versammlung der «ethischen Ge­sellschaft» beschlossene Maßregel, durch Verbreitung morali­scher Schriften auf die Verbesserung des ethischen Lebens einwirken zu wollen. Daß man dabei von deutschen Schriften ganz abgesehen hat und zunächst nur an Übersetzungen amerikanischer Bücher denkt, ist mir ganz erklärlich. In Deutschland fände man nicht viel für diesen Zweck Brauch­bares. Bücher über Ethik machen eben hier nur die in der unmodernen Kantischen Doktrin befangenen Schulphiloso­phen. Die aber schreiben eine für solche Kreise, auf welche die «ethische Gesellschaft» rechnet, ganz unverständliche Schulsprache. Außerhalb der Schule stehende Philosophen aber stellen keine Moralprinzipien auf. Hier hat sich die sittlich-individualistische Denkweise bereits tief eingelebt. Die amerikanischen Bücher dieser Art enthalten zumeist Tri­vialitäten, die zu lesen nur gefühlsduseligen alten Mädchen oder unreifen Schuljungen zuzumuten ist. Der richtige deut­sche, gelehrte oder ungelehrte, Philister wird manche kaufen, auch viel Rühmliches von ihnen zu erzählen wissen; lesen wird er sie nicht. Männer von einigen Kenntnissen, die nicht durch unsere traurige Schulphilosophie im Denken ganz her­untergekommen sind, wissen, daß in der Mehrzahl dieser Bücher nur Weisheiten stehen, über die bei uns Fortgeschrit­tene vor hundert Jahren nur mehr ein - Gähnen hatten.

Bejammernswert zu hören ist es aber, daß der Jugend-erziehung diese öden Sittlichkeitsmaximen eingeimpft werden

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sollen. Herr von Gizycki hat die schärfsten Worte über den pädagogisch verwerflichen Einfluß der rein konfessionellen Erziehung gesprochen. Darüber wird kaum ein modern Den­kender mit ihm streiten. Aber was die Konfessionen mit ihren Moralprinzipien machen, das will die «ethische Gesell­schaft» mit den allgemein-menschlichen nachahmen. Dort und hier wird aber nichts erreicht als die Ertötung des In­dividuums und die Unterjochung des Lebens durch unleben­dige, starre Gesetze. An die Stelle der Pfaffen der Religionen sollen die Pfaffen der allgemein-menschlichen Moral treten. Mit diesen aber ist es sogar noch übler bestellt als mit jenen. Die konfessionellen Sittenlehren sind die Ergebnisse be­stimmter Weltanschauungen, die doch einmal den berech­tigten Kulturinhalt der Menschheit ausmachen; die allgemein-menschliche Sittenlehre ist eine Summe von Gemeinplätzen; es sind aus allen möglichen sittlichen Anschauungen zusam­mengeholte Petzen, die nicht von dem Hintergrunde einer großen Zeitanschauung sich abheben. Wer dergleichen für lebensfähig oder gar für geeignet hält, den ethischen Gehalt unserer Kultur zu reformieren, der stellt damit seiner psycho­logischen Einsicht ein schlechtes Zeugnis aus.

Wir stehen vor einer Neugestaltung unserer ganzen Welt­anschauung. Alle Schmerzen, die ein mit den höchsten Fragen ringendes Geschlecht durchzumachen hat, lasten auf uns. Wir empfinden die Qualen des Fragens; das Glück der Lösung des großen Rätsels soll uns ein Messias bringen, den wir täg­lich erwarten. Unsere Leidenszeit wird vielleicht lang sein, denn wir sind anspruchsvoll geworden; und wir werden uns nicht so bald abspeisen lassen. So viel aber ist gewiß: was er uns auch verkünden wird, der Reformator: mit der neuen Erkenntnis wird auch die neue Moral kommen. Dann werden

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wir auch wissen, wie wir uns das neue Leben einzurichten haben. Den Gebildeten jetzt alte Kulturüberbleibsel als ewiges sittliches Gut der Menschheit hinzustellen, heißt sie abstumpfen für die Empfindung der Gärungserscheinungen der Zeit, und sie ungeeignet machen für die Mitarbeit an den Aufgaben der nächsten Zukunft.

Unter den Satzungen der «Gesellschaft für ethische Kul­tur» sind ja auch einige, die eine günstige Wirkung haben werden. Die Anbahnung einer lebhafteren Diskussion reli­giöser Fragen, das Streben nach Hebung der Lebenslage der ärmeren Volksschichten sind Dinge, die alle Anerkennung verdienen. Alles das hat aber nichts zu tun mit den Grund­tendenzen der Gesellschaft, die alle Auffassung des ethischen Lebens auf eine von dem modernen Bewußtsein überwun­dene Stufe zurückdrängen möchten. Eine Verbreitung dieser Grundgedanken könnte nur hemmend für die Entwicklung wahrhaft moderner Anschauungen werden.

In der Sonntags-Beilage der «National-Zeitung» vom 15. Mai 1892 erschien eine Art von offiziellem Programm der Gesellschaft, ohne Zweifel aus der Feder eines ihrer hervor­ragenderen Gründer. Da heißt es: «Die Behauptung, daß es keine allgemein-menschliche Moral gebe, ist eine Beleidigung, welche die Menschheit nicht hinnehmen darf, ohne eine Ein­buße an gesundem Selbstgefühl und an dem Glauben an ihre Bestimmung zu erleiden.» Und einige Zeilen weiter wird als Grundsatz der «ethischen Kultur» hingestellt: «die sittliche Bildung ... allein aus den Existenzbedingungen und Grund-gesetzen der menschlichen Natur .. . zu entwickeln». Das heißt denn doch, die Sache etwas gar zu oberflächlich be­trachten. Jede Bildungsperiode hat ihre eigene Anschauung von den Existenzbedingungen und Grundgesetzen der Natur;

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nach dieser Anschauung richtet sich ihre Ethik. Diese ist so wandelbar wie jene. Man sollte wahrhaftig nicht an mora­lische Kurversuche hetantreten, ohne die kräftigen Worte aus Nietzsches «Genealogie der Moral» zu kennen, die Uns die Entwicklung der ethischen Wahrheiten laut und vernehm­lich künden, auch wenn wir für abstraktes Denken keinen Sinn haben. Ein Massenrezept aus dem Dunstkreis der großen moralischen Apotheke aber muß gerade von den Bereitern einer besseren Zukunft energisch zurückgewiesen werden.

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J. M. BÖSCH «DAS MENSCHLICHE MITGEFÜHL»

Ein Beitrag zur Grundlegung der wissenschaftlichen Ethik

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Die Behauptung rationalistischer Ethiker, daß nur eine solche Handlung als wahrhaft moralisch gelten kann, deren Trieb-kräfte nicht von dem Egoismus des Individuums bedingt sind, hat durch die Ausführungen neuerer Psychologen, die alle menschlichen Betätigungen letzten Endes auf egoistische Motive zurückführen, einen schwerwiegenden Widerspruch erfahren. Auch die scheinbar selbstlosen Handlungen sollen nach dieser letzteren Ansicht ihren Grund in selbstischen Gefühlen haben. Die psychologische Konstitution des Indi­viduums soll bei dem Träger sogenannter selbstloser Taten eine solche sein, daß sich sein Selbstgefühl gehoben findet, wenn es seiner Mitwelt Opfer bringt. Dieser Strömung gegenüber sucht der Verfasser dieser Schrift die Existenz und das Wesen des menschlichen Mitgefühls festzustellen und den Nachweis zu erbringen, daß in dem letzteren der Grund unegoistischer Handlungen liegt. Ausgehend von den Untersuchungen Herbert Spencers zeigt er, wie das fremde

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Gefühl in unserem eigenen Ich auflebt, wenn wir einen be­stimmten Gefühlsausdruck (Schrei - Zittern usw.) am Neben­menschen wahrnehmen, weil wir wissen, daß dieser entspre­chende Ausdruck auch bei uns mit dem in anderen lebenden Gefühle auftritt. Ferner - und darinnen über Spencer hinaus-gehend - findet der Verfasser, daß auch direkt die Wahr­nehmung eines fremden Gefühlsausdruckes das entsprechende Gefühl in uns miterwecken kann, ohne daß erst die Vor­stellung des von uns selber vollzogenen Gefühlsausdruckes vermittelnd dazwischentritt. Von diesen Tatsachen ausgehend, gelangt der Verfasser zu ethischen Grundbegriffen, die den Forderungen des ethischen Altruismus ebenso gerecht wer­den, wie den Feststellungen der Psychologie. Denn «obwohl die Handlungen des Wohlwollenden so gut wie diejenigen des rücksichtslosesten Egoisten stets durch sein eigenes Wohl und Wehe bestimmt» sind, so ist doch die Handlungsweise des Wohlwollenden nicht so durchaus wie diejenige des Ego­isten auf das höchstmögliche eigene zukünftige Glück be­rechnet. Wir haben es, um kurz zu sein, mit einer sehr lesens­werten, ernsten Ansprüchen in jeder Hinsicht entsprechenden Schrift zu tun.

#TI

ADOLF GERECKE

«DIE AUSSICHTSLOSIGKEIT DES MORALISMUS»

#TX

Der Verfasser sucht die Bedeutungslosigkeit, ja Schädlichkeit von moralischen Geboten oder Normen für das menschliche Handeln nachzuweisen. Die Aufstellung solcher Normen sieht er als Konsequenz der von den Philosophen und Religions­stiftern mehr oder weniger bewußt vertretenen dualistischen

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Weltanschauung an. Nach der letzteren sollen die Gesetze der Sittlichkeit der Seele eingepflanzt sein, wodurch sie die Sinnlichkeit beherrscht und das bloß physische Dasein zu einem moralischen veredelt. Gerecke versucht nun zu zeigen, daß es eine besondere geistige neben der physischen Wesen­heit des Menschen nicht gibt. Ihm sind die menschlichen Empfindungen nur das Ergebnis eines äußeren Anstoßes auf unseren Organismus; Erkenntnis läßt er durch das mecha­nische Spiel der neuen Anstöße mit den im Organismus fort-dauernden Wirkungen älterer entstehen; Affekte und Be­gierden sind ihm die Reaktion des organischen Kräftezusam­menhanges auf solche Eindrücke. Ist eine Einwirkung auf einen Organismus eine solche, daß der Stoffwechsel desselben gefördert wird, so entsteht Lust, wenn er gehemmt wird, Unlust. Einer Person bringen wir Sympathie entgegen, wenn die Wirkungen ihrer Gegenwart auf unsern Organismus solche sind, daß der letztere sich in seiner Tätigkeit gefördert findet, im andern Falle löst die Anwesenheit der Person Antipathie aus. Da es der Mensch durchaus nicht in seiner Gewalt hat, die Außenwelt so einzurichten, daß sie in einer von ihm gewünschten Weise auf ihn einwirkt, so ist er auch außerstande, sein von derselben abhängiges Handeln nach Normen einzurichten, die dieser Außenwelt ganz fremd sind, und die allein aus seinem Innern stammen. Unsere Affekte und Begierden, unsere Leidenschaften und Sympathien sind im Sinne Gereckes das Resultat des mechanischen Welt-prozesses; Einwirkungen moralischer Gesetzgebung auf die­selben sind aber sinnlos. Sie können den notwendigen Gang unseres physischen Lebens nicht ändern, sie können nur auf dieselbe Weise wirken, wie die materiellen Agentien, d.h. auf dem Umwege, daß sie Begierden und Affekte erzeugen.

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Nach Gereckes Überzeugung geschieht dies zumeist in schäd­licher Weise. Jeden Sittenlehrer oder Staatsmann, «der im Interesse seines Gesellschaftssystems die Beherrschung der antipathischen und sympathischen Affekte erstrebt, der, rich­tiger gesagt, den törichten und verbrecherischen Versuch macht, die Menschen zu zwingen - durch die Gewalt des Gesetzes und der Überzeugungskünste - die Wirkungen in­folge dieser Affekte zu unterdrücken, nenne ich einen Er­zieher von Verbrechern» (S. 183). Gerecke glaubt nämlich, daß durch den Prozeß, der die Begierden unterdrücken soll, andere ungewöhnlichere, raffiniertere entstehen. «Das Be­streben nach Beherrschung oder gar Ausrottung der Begier­den ist gleichbedeutend mit der Erziehung derselben zum Extrem» (S. 190).

Ich muß gestehen, daß mir selten ein Buch gleich bittere Empfindungen verursacht hat wie dieses. Der Verfasser hat, nach meiner Überzeugung, gute Anlagen dazu, der Wissen­schaft in dem Sinne zu dienen, wie es gegenwärtig geschehen muß, wenn wir die vielfach unbefriedigten Anschauungen der Vergangenheit überwinden wollen. Der Weg, der zu einer gedeihlichen Zukunft führt, liegt tatsächlich in der Überwindung des Dualismus und in der Begründung des Monismus, der die Annahme zweier Welten ablehnt. Die Zukunft wird das ethische Leben des Menschen aus derselben Quelle hervorgehen sehen, aus der das natürliche Geschehen entspringt. Sittengesetze werden nur als Spezialfälle von Naturgesetzen gelten können. Deshalb werden sie auch nicht mehr in abstrakten Normen, sondern im konkreten Indivi­dualleben gesucht werden. Der Verfasser dieses Buches ahnt das, vielmehr: eine Art unbewußter Überzeugung davon spukt in ihm. Aber sein Vorstellungsleben ist verpestet von

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den banalen Anschauungen des Materialismus. Diese Welt­anschauung kennt einmal keinen Unterschied zwischen dem Menschen und einer Maschine. Wenigstens keinen qualita­tiven. Was in ihrem Sinne der Mensch anders hat als zum Beispiel die Uhr, das ist nur die Kompliziertheit der ihn zusammensetzenden Stoffe und Kräfte. Es kann auf geistigem Gebiete nichts Schädlicheres gehen als diese Weltanschau­ung. Sie richtet deswegen ungeheure Verheerungen in den menschlichen Köpfen an, weil sie seicht und oberflächlich ist und die seichten und flachen Anschauungen für die großen Massen immer das beste Futter sind. Daß wir es in Gerecke mit einem Schriftsteller zu tun haben, der an seiner Aus­bildung noch manches zu tun gehabt hätte, bevor er zur Feder gegriffen, das beweist sein ganz unglaublich ungeschickter Stil. Schade, daß der Mann nicht noch ein wenig an sich gearbeitet hat, mit einem besseren Stil wären vermutlich auch gründlichere Gedanken gekommen. Das uns vorliegende Buch ist allerdings für keinen Menschen zu gebrauchen.

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ALTE UND NEUE MORALBEGRIFFE

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Das Wort «modern» ist heute in aller Munde. Jeden Augen­blick wird auf diesem oder jenem Gebiete des menschlichen Schaffens ein «Allerneuestes» entdeckt oder doch wenigstens ein vielversprechender Anlauf dazu bemerkt. Die meisten dieser Entdeckungen führen den Einsichtigen, der der Sache nachgeht, allerdings nicht auf etwas wirklich Neues, sondern einfach auf - die mangelhafte historische Bildung der Ent­decker. Wären bei denen, die gegenwärtig durch Rede und Schrift die öffentliche Meinung beeinflussen, Kenntnisse und

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Urteilsschärfe in demselben Grade vorhanden wie Selbst­jjberschätzung und Keckheit im Behaupten, so würden sie in achtundneunzig von hundert Fällen da, wo jetzt die Worte «neu» und «modern» aushelfen müssen, Begriffe setzen, die mit der Sache selbst etwas zu tun haben.

In das wüste Geschrei der urteillosen und unreifen Ban­nerträger der «Moderne» will ich nicht einstimmen, wenn ich hier von einer «neuen» Moral im Gegensatze zur alten spreche. Aber ich habe die Überzeugung, daß unsere Zeit gebieterisch von uns eine Beschleunigung des Umschwunges in den Anschauungen und Lebensformen erheischt, der sich seit langer Zeit ganz langsam vollzieht. Manche Zweige der Kultur sind bereits mit dem Geiste, der sich in dieser For­derung ausspricht, durchtränkt; ein klares Bewußtsein von den Hauptkennzeichen des Umschwunges ist nicht häufig anzutreffen.

Einen einfachen Ausdruck für den Grundzug eines wahr­haft zukunftwürdigen Strebens finde ich in dem fdlgenden Satze: Wir suchen heute alle jenseitigen und außerweltlichen Triebfedern durch solche zu ersetzen, die innerbalb der Welt liegen. Früher suchte man nach transzendenten Mächten, um die Daseinserscheinungen zu erklären. Offenbarung, mysti­sches Schauen, oder metaphysische Spekulation sollten zur Erkenntnis höherer Wesenheiten führen. Gegenwärtig be­streben wir uns, die Mittel zur Erklärung der Welt in dieser selbst zu finden.

Man braucht diese Sätze immer nur in der rechten Weise zu deuten, und man wird finden, daß sie den charakteri­stischen Grundzug einer geistigen Revolution andeuten, die im vollen Gange ist. Die Wissenschalt wendet sich immer mehr und mehr von der metaphysischen Betrachtungsweise

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ab und sucht ihre Etklärungsprinzipien innerhalb des Be­reiches der Wirklichkeit. Die Kunst strebt danach, in ihren Schöpfungen nur das zu bieten, was der Natur abgelauscht ist und verzichtet auf das Verkörpern übernatürlicher Ideen. Mit diesem Bestreben ist allerdings in der Wissenschaft wie in der Kunst die Gefahr eines Abweges verknüpft. Manche unserer Zeitgenossen sind dieser Gefahr nicht entgangen. Statt die Spuren des Geistes, die man ehedem irrtümlich außerhalb der Wirklichkeit gesucht hat, nunmehr innerhalb zu verfolgen, haben sie alles Ideelle aus den Augen verloren; und wir müssen sehen, wie sich die Wissenschaft mit einem geistlosen Beobachten und Registrieren von Tatsachen, die Kunst oft mit bloßer Nachahmung der Natur begnügt.

Doch das sind Auswüchse, die von dem Gesunden, das in der ganzen Richtung liegt, überwunden werden müssen. Das Bedeutungsvolle der Bewegung liegt in der Abkehr von jener Weltanschauung, die Geist und Natur als zwei vollständig voneinander getrennte Wesenheiten ansah, und in der An­erkennung des Satzes, daß beides nur zwei Seiten, zwei Erscheinungsarten einer Wesenheit sind. Ersatz der Zwei­weltentheorie durch die einheitliche Weltanschauung, das ist die Signatur der neuen Zeit.

Das Gebiet, wo diese Auffassung den schwersten Vor­urteilen zu begegnen scheint, ist das des menschlichen Han­delns. Während manche Naturforscher sich bereits rückhalt-los zu ihr bekennen, manche Ästhetiker und Kunstkritiker von ihr mehr oder weniger durchdrungen sind, wollen die Ethiker nichts davon wissen. Hier herrscht noch immer der Glaube an Normen, die wie eine außerweltliche Macht das Leben beherrschen sollen, an Gesetze, die nicht innerhalb der menschlichen Natur erzeugt sind, sondern die als fertige

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Richtschnur unserem Handeln gegeben sind. Wenn man weit geht, so gibt man zu, daß wir diese Gesetze nicht der Offen­barung einer überirdischen Macht verdanken, sondern daß sie unserer Seele eingehoren sind. Man nennt sie dann nicht göttliche Gebote, sondern kategorischen Imperativ. Jeden­falls aber denkt man sich die menschliche Persönlichkeit aus zwei selbständigen Wesenheiten bestehend: aus der sinn­lichen Natur mit einer Summe von Trieben und Leiden­schaften und aus dem geistigen Prinzip, das zur Erkenntnis der moralischen Ideen vordringt, durch die dann das sinn­liche Element beherrscht, gezügelt werden soll. Den schroff­sten Ausdruck hat diese ethische Grundanschauung in der Kantischen Philosophie gefunden. Man denke nur an die be­kannte Apostrophe an die Pflicht! «Pflicht! du erhabener großer Name, der du nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich führt, in dir fassest, sondern Unterwerfung ver­langst», der du «bloß ein Gesetz aufstellst, welches von selbst im Gemüte Eingang findet und doch sich selbst wider Willen Verehrung erwirbt, vor dem alle Neigungen verstummen, wenn sie gleich im Geheimen ihm entgegenwirken». In diesen Worten liegt eine Verselbständigung der sittlichen Gebote zu einer besonderen Macht, der sich alles Indivi­duelle im Menschen einfach zu unterwerfen hat. Wenn diese Macht sich auch innerhalb der menschlichen Persönlichkeit ankündigt, so hat sie ihren Ursprung doch außerhalb. Die Gebote dieser Macht sind die sittlichen Ideale, die als ein System von Pflichten kodifiziert werden können. Von den Anhängern dieser Richtung wird der als ein guter Mensch angesehen, der jene Ideale als Motive seinen Handlungen zugrunde legt. Man kann diese Lehre die Ethik der Motive nennen. Sie hat unter den deutschen Philosophen zahlreiche

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Anhänger. In sehr verwässerter Form tritt sie uns bei den Amerikanern Coit und Salter entgegen. Coit sagt («Die ethische Bewegung in der Religion», übersetzt von G. von Gizycki, S. 7): «Jede Pflicht ist mit der Inhrunst der Be­geisterung, mit dem Gefühl ihres absoluten und höchsten Wertes zu tun»; und Salter («Die Religion der Moral», über­setzt von G. von Gizycki, S. 79): «Eine moralische Handlung muß aus Grundsatz geschehen sein». Neben dieser Ethik gibt es noch eine andere, die nicht so sehr die Motive als vielmehr die Ergebnisse unserer Handlungen berücksichtigt. Ihre An­hänger fragen nach dem größeren oder geringeren Nutzen, den eine Handlung bringt, und bezeichnen sie demgemäß als eine bessere oder schlechtere. Dabei sehen sie entweder auf den Nutzen für das Individuum oder für das soziale Ganze. Demgemäß unterscheidet man zwischen individualistischen oder sozialistischen Utilitariern. Wenn die zuerst genannten von der Aufstellung allgemeiner Grundsätze absehen, deren Befolgung den Einzelnen glücklich machen soll, so stellen sie sich als einseitige Vertreter der individualistischen Ethik dar. Einseitig müssen sie genannt werden, weil der eigene Nutzen durchaus nicht das einzige Ziel der sich betätigenden mensch­lichen Individualität ist. In deren Natur kann es auch liegen, durchaus selbstlos zu handeln. Wenn aber diese individua­listischen oder sozialistischen Utilitarier aus dem Wesen des Einzelnen oder einer Gesamtheit Normen ableiten, die zu befolgen sind, dann begehen sie denselben Fehler wie die Bekenner des Pflichtbegriffes: sie übersehen, daß sich alle allgemeinen Regeln und Gesetze sogleich als ein wertloses Phantom erweisen, wenn sich der Mensch innerhalb der lebendigen Wirklichkeit befindet. Gesetze sind Abstraktio­nen, Handlungen vollziehen sich aber immer unter ganz be­stimmten

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konkreten Voraussetzungen. Die verschiedenen Möglichkeiten abzuwägen und die im gegebenen Falle prak­tischste auszuwählen, das geziemt uns, wenn es ans Handeln geht. Eine individuelle Persönlichkeit steht immer einer ganz bestimmten Situation gegenüber und wird nach Maßgabe der Sache eine Entscheidung treffen. Da wird in diesem Falle eine egoistische, in jenem eine selbstlose Handlung sich als das Richtige ergeben; bald wird das Interesse des Einzelnen, bald das einer Gesamtheit zu berücksichtigen sein. Diejeni­gen, welche einseitig dem Egoismus huldigen, haben eben­so unrecht wie die Lobredner des Mitgefühles. Denn was höher steht als die Wahrnehmung des eigenen oder des fremden Wohles, das ist die Erwägung, ob das eine oder das andere unter gegebenen Voraussetzungen das Wichtigere ist. Es kommt überhaupt beim Handeln in erster Linie gar nicht auf Gefühle, nicht auf selbstische, nicht auf selbstlose an, sondern auf das richtige Urteil über das, was zu tun ist. Es kann vorkommen, daß jemand eine Handlung als richtig ansieht und sie ausführt und dabei die stärksten Regungen seines Mitgefühls unterdrückt. Da es nun aber ein absolut richtiges Urteil nicht gibt, sondern alle Wahrheit nur be­dingte Gültigkeit hat, die abhängig ist von dem Standpunkte dessen, der sie ausspricht, so ist auch das Urteil einer Per­sönlichkeit über das, was sie in einem bestimmten Falle zu tun hat, entsprechend ihrem besonderen Verhältnisse zur Welt. In genau derselben Situation werden zwei Menschen verschieden handeln, weil sie sich, je nach Charakter, Er­fahrung und Bildung, verschiedene Begriffe davon machen, was im gegebenen Falle ihre Aufgabe ist.

Wer einsieht, daß das Urteil über einen konkreten Fall das Maßgebende einer Handlung ist, der kann nur einer individualistischen

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Auffassung in der Ethik das Wort reden. Zur Bildung eines solchen Urteils verhilft allein der richtige Blick in einer gegebenen Lage und keine festbestimmte Norm. Allgemeine Gesetze können erst von den Tatsachen abgeleitet werden, durch das Handeln des Menschen werden aber erst Tatsachen geschaffen. Diese sind die Voraussetzungen abstrak­ter Regeln.

Wenn wir aus dem gemeinsamen und gesetzmäßigen des menschlichen Tuns gewisse allgemeine Merkmale bei Indivi­duen, Völkern und Zeitaltern ableiten, so erhalten wir eine Ethik, aber nicht als Wissenschaft von den sittlichen Normen, sondern als Naturlehre der Sittlichkeit. Die hierdurch gewon­nenen Gesetze verhalten sich zum individuellen menschlichen Handeln genau so wie die Naturgesetze zu einer besonderen Erscheinung in der Natur.

Die Ethik als Normwissenschaft hinstellen, zeugt von einem vollständigen Verkennen des Charakters einer Wissen­schaft. Die Naturwissenschaft sieht ihren Fortschritt darin, daß sie die Ansicht überwunden hat, wonach in den Einzel­erscheinungen sich allgemeine Normen, Typen, gemäß dem Prinzip der Zweckmäßigkeit realisieren. Sie forscht nach den realen Grundlagen der Erscheinungen. Erst wenn die Ethik ebenso weit ist, daß sie nicht nach allgemein sittlichen Idealen, sondern nach den wirklichen Tatbeständen des Handelns fragt, die in der konkreten Individualität des Menschen liegen, erst dann darf sie als eine der Naturlehre ebenbürtige Wissenschaft angesehen werden.

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GROSSHERZOGIN SOPHIE VON SACHSEN

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In der Geschichte der deutschen Literaturforschung gebührt der am 23. März 1897 verstorbenen Großherzogin Sophie Von Sachsen ein Ehrenplatz. Der letzte Enkel Goethes setzte sie zur Erbin des gesamten handschriftlichen Nachlasses seines Großvaters ein. Er hätte die wertvollen Schätze keiner bes­seren Obhut anvertrauen können als der ihrigen. Im April 1885 gingen die Papiere Goethes in ihren Besitz über. Von diesem Zeitpunkt an betrachtete sie die Verwaltung des Vermächtnisses als eine heilige und liebe Pflicht. Sie wollte es für die Wissenschaft so fruchtbar wie möglich machen. Sorg­sam besprach sie mit Männern, die ihr als gute Goethekenner galten, mit Herman Grimm, Wilhelm Scherer, Gustav von Loeper und Erich Schmidt, wie das ihr anvertraute Gut der literarhistorischen Forschung zugeführt werden soll. Sie be­gründete das «Goethe-Archiv» und stellte Erich Schmidt als Direktor desselben an. Durch Herausgabe einer allen wissen­schaftlichen Anforderungen der Zeit entsprechenden Goethe-Ausgabe glaubte sie der Erkenntnis Goethes und seiner Zeit am besten dienen zu können. Eine große Zahl von Gelehrten lud sie zur Mitarbeit an dieser Ausgabe ein. Es war ihr Herzenswunsch, die Vollendung des monumentalen Werkes zu erleben. Er ist ihr leider nicht in Erfüllung gegangen. Nur die Hälfte der in Aussicht genommenen Zahl der Bände liegt bis heute vor. An den Arbeiten ihres Archivs nahm die Großherzogin den regsten Anteil. Der gegenwärtige Direk­tor dieser Anstalt, Bernhard Suphan, konnte stets nur in Ausdrücken der höchsten Begeisterung sprechen, wenn er von dieser Anteilnahme erzählte. Auf alle Einzelheiten der Arbei­ten ging sie ein.

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Der Goethesche Nachlaß wirkte wie ein Magnet auf die hinterlassenen Papiere anderer deutscher Dichter und Schrift­steller. Die Nachkommen Schillers machten im Mai 1889 die Handschriften ihres Ahnen der Großherzogin zum Geschenke. Das «Goethe-Archiv» erweiterte sich dadurch zum «Goethe-und Schiller-Archiv».

Der Plan entstand, dieses allmählich zum deutschen Litera­turarchiv auszugestalten. Viel ist bereits zur Verwirklichung dieses Planes geschehen. Die Nachlässe Otto Ludwigs, Friedrich Hebbels, Eduard Mörikes u. a. liegen schon jetzt im Goethe- und Schiller-Archiv. Um ihre Schöpfung voll­kommen zu machen, faßte die Großherzogin den Entschluß, ein eigenes Haus zur Unterbringung der Schätze zu bauen. Am 28. Juni 1896 schon konnte das prächtige Gebäude an der Ilm, in der Nähe des Residenzschlosses, seiner Bestim­mung übergeben werden. Wer bei der feierlichen Eröffnung dieses Literaturarchivs zugegen war, konnte beobachten, mit welchem Ernste und mit welcher Liebe die Großherzogin von ihrer Schöpfung sprach. Man sah, wie glücklich sie sich fühlte, der Wissenschaft Dienste leisten zu können.

Ein klarer Blick, ein sicheres Gefühl für das Große und Bedeutende waren der Großherzogin Sophie eigen. Sie besaß eine scharfe Urteilskraft, die sie in den schwierigsten Fragen das Richtige treffen ließ. Eine unbeugsame Tatkraft und eine seltene Umsicht befähigten sie, ihre Sorgfalt auch den geringsten Kleinigkeiten zuzuwenden, die mit ihrem Wirken zusammenhingen. Was sie für die Kunstpflege, für die Er­ziehung der Jugend in Weimar, für die materielle Wohlfahrt ihres Landes getan hat, ist heute noch gar nicht zu übersehen. Schöne Aufgaben sich zu stellen und sie mit starkem Willen durchzuführen, lag in ihrer Natur. Groß ist die Verehrung,

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die sie in Weimar genießt. Hoch wird sie geschätzt von den Mitgliedern der Goethe-Gesellschaft, der Shakespeare-Gesell-schaft, der Schillerstiftung, die bei ihren Versammlungen in Weimar sehen konnten, wie groß das Interesse war, das diese Frau geistigen Bestrebungen entgegenbrachte, und wie groß das Verständnis, das sie für Kulturaufgaben hatte. Ihr Wunsch war, daß jeder in Weimar schöne Tage verleben solle, wenn er diesen Ort aufsucht, um das Andenken an große Zeiten der Vergangenheit neu zu beleben. Es ist in der letzten Zeit oft gesagt worden, daß man in Weimar vom Vergangenen lebt. Das ist richtig. Aber man versteht dieses Leben in großen Erinnerungen aufs beste. Und daß es einen solchen Ort gibt, an dem von Zeit zu Zeit Menschen sich versammeln, die sonst nur in der Gegenwart leben, ist kaum zu bedauern. Es ist schön, ab und zu die Vergangenheit wie im Traume vor sich lebendig zu sehen. Daß Weimar heute ein solcher Ort ist, den zahlreiche Menschen immer und immer wieder gern auf­suchen, um großen Toten Feste zu bereiten, und daß sie gute Eindrücke von ihren Besuchen mit nach Hause nehmen, dazu hat die eben verstorbene Großherzogin viel, sehr viel beigetragen.

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KATHOLIZISMUS UND FORTSCHRITT

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Der Würzburger Professor der Theologie Dr. Herman Schell hat eine Schrift erscheinen lassen: «Der Katholizismus als Prinzip des Fortschritts» (Würzburg 1897). Dieser Titel wirkte auf mich wie ein Protest gegen Vorstellungen, an die ich mich seit vielen Jahren gewöhnt habe. Ich erinnere mich,

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daß in meinen Jünglingsjahren einen nachhaltigen Eindruck auf mich ein Satz gemacht hat, den der berühmte Kardinal Rauscher im österreichischen Herrenhaus ausgesprochen hat Er sagte: «Die Kirche kennt keinen Fortschritt». Mir schien dieser Satz immer von einem wahrhaft religiösen Geiste ein -gegeben zu sein. Und das scheint er mir noch heute. Wene ich gläubiger Katholik wäre, würde ich wahrscheinlich jede Gelegenheit ergreifen, um diesen Satz zu beweisen und zu verteidigen. Ich würde dann sagen wie der Kirchenvater Tertullian, daß dem Menschen Wißbegierde nicht mehr nötig ist, nachdem ihm durch Jesus Christus die göttliche Wahrheit offenbart worden ist. Ich würde auf die Worte des heiligen Thomas von Aquino schwören, daß in der Heiligen Schrift die Heilslehre enthalten ist, und daß die Vernunft nichts tun kann, als ihre Kräfte dazu verwenden, für diese ewigen Wahrheiten der Schrift auch menschliche Beweise zu finden. Die Freiheit des Denkens hielte ich für eine paradoxe Idee, denn ich könnte kaum einen Sinn mit der Idee eines Ireien Denkens verbinden, wenn ich annehmen müßte, daß die Ver­nunft doch zuletzt in der Offenbarung landen müsse. Ich muß gestehen, daß mir ein gläubiger Katholik, der es anders macht, zunächst als Problem, als ein großes Fragezeichen erscheint. Ein solches Fragezeichen war mir zuerst auch der Professor Herman Schell. Während ich sein Buch las, nahm das Problem eine bestimmtere Gestalt an. Es wurde zu einer psychologischen Aufgabe. Ich fand, daß im Kopfe des Herrn Professors Ideen in einer vollkommenen Harmonie stehen, von denen ich bisher angenommen hatte, daß sie einen voll­kommenen Widerspruch darstellen. So sagt unser Autor: «Freiheit des Denkens ist wirklich ein Ideal, insofern es die Freiheit von allen Vorurteilen bedeutet, und bleibt ein Ideal,

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solange die größte Gefahr für das Urteil und für den Fort­schritt die Befangenheit durch Vorurteile ist. Freiheit des Denkens bedeutet nichts anderes als das Bestreben, alle jene Einflüsse auf das Denken zu brechen und fernzuhalten, welche kein Wahrheitsrecht haben, weil sie nicht Tatsachen oder nicht tatsächlich begründet sind, weil sie nur Einbildungen, Denkgewöhnungen, falsche und oberflächliche Deutungen der Sinneseindrücke oder anderer Mitteilungen, wie zum Beispiel geschichtlicher Urkunden oder religiöser Quellenschriften sind.» Der Herr Professor weiß ganz gut, was aus diesem seinem Satz für Folgerungen gezogen werden müssen, wenn es sich um verschiedene moderne Weltanschauungen handelt. Er weist dem Materialismus, dem Monismus nach, daß sie auf Urteilen beruhen, die das Denken nicht prüft, weil es sich an sie gewöhnt hat, weil es durch das Einlehen in sie befangen geworden ist. «Der Materialismus hat keinen Sinn für die Tatsachenwelt der innern Erfahrung und des Geistes; nur das Grei/bare gilt ihm als Tatsache. Der Monismus will keine Ursache der Welt anerkennen, die von der Welt unter­schieden und überweltliche Persönlichkeit ist: Das ist sein Dogma.»

Ich möchte aber nun den katholischen Professor fragen, was er sagte, wenn es sich vor dem Forum eines freien Denkens herausstellte, daß irgendeines der christlichen Grund-dogmen fallen gelassen werden muß? Es erscheint mir, wenn ich mir den Inhalt des Buches noch einmal ins Gedächtnis rufe, als ob der Verfasser gar keinen Sinn für eine solche Möglichkeit hätte. Es ist, als ob er der Meinung wäre, das Denken könne gar nicht anders als zuletzt bei den christlichen Heilswahrheiten ankommen. Er will die Förderung der Er-kenntnis, aber er ist der Überzeugung, daß diese Förderung

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nicht in der Preisgabe der wesentlichen Glaubenslehren der Kirche bestehen kann, «angefangen von der Persönlichkeit des Schöpfers und der persönlichen Unsterblichkeit der Seele bis zur geschichtlichen Offenbarung Gottes». Soll das Den­ken wirklich frei tätig sein, so muß ihm auch die Möglich­keit offenstehen, zu einer Weltanschauung vorzudringen, welche die Ordnung der Dinge von andern Mächten ableitet als von einem persönlichen Gott, und die von einer persön­lichen Unsterblichkeit und einer geschichtlichen Offenbarung nichts weiß. Wer diese Glaubensiehren von vornherein als Ziele hinstellt, zu denen das Denken kommen muß, der spricht zwar als Katholik; er kann sich aber unmöglich zum Ver­teidiger des Ireien Denkens machen. Dieses kann sich nur selbst Richtschnur sein und selbst das Ziel setzen. Denn wenn es auch durch die Anerkennung der Tatsachen an einem willkürlichen Fluge ins Phantastische gehemmt wird, so hängt doch die Auslegung, die Erklärung der Tatsachen von ihm ab. Das Denken ist das zuletzt Maßgebende. Der christ­lichen Theologie muß es aber darauf ankommen, die Er­scheinungen der Welt so zu deuten, daß die Deutung mit dem Inhalt der Offenbarung übereinstimmt. Sagt doch auch unser Autor: «Das Ideal, das die theologische Forschung leitet, ist die Überzeugung, daß die Gleichung zwischen richtig erfaßter Offenbarung und richtig gedeuteter Wirklichkeit her­zustellen sei.» Das Ireie Denken segelt ins Ungewisse hinaus, wenn es sich auf die Suche nach der Wahrheit macht. Wohin der Kahn treibt, weiß es nicht. Es fühlt nur in sich die Kraft und den Mut, aus eigenem Vermögen zu einer befriedigenden Anschauung zu kommen. Die katholische Theologie weiß ganz genau, wie die Erkenntnis aussieht, zu welcher das Denken gelangen muß. Das weiß Schell, denn er sagt: «Die Zurückführung

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des Glaubens auf nachweisbare Tatsachen und auf uberzeugende Grundsätze und Beweisgründe ist das Ideal der theologischen Wissenschaft. »

Für mich entsteht nun die Frage: Wie ist es möglich, daß ein logisch geschulter Mensch wie Herman Schell die beiden Behauptungen vereinigen kann: das Denken muß frei sein, und: dieses freie Denken muß den Beweis liefern, daß dem katholischen Offenbarungsglauben unbedingte Wahrheit zu-komme? Diese Frage scheint mir eine psychologische zu sein. Ich möchte sie in folgender Weise lösen. Der moderne Theo-loge wird in dem Glauben an die göttliche Offenbarung er­zogen. Durch seine Erziehung wird es für ihn eine Unmöglich­keit, an der Wahrheit der Offenbarung zu zweifeln. Aber neben der göttlichen Heilswahrheit lernt er auch die moderne Wissenschaft mit ihren fruchtbaren Forschungsmethoden ken­nen. Er bekommt Respekt vor dieser Fruchtbarkeit. Zugleich regt sich in ihm ein Gefühl der Schwäche gegenüber den Errungenschaften des modernen Geistes. Nur starke Geister werden sich vermessen, gegen dieses Gefühl anzukämpfen; und ihnen wird es auch gelingen, es zu unterdrücken. Sie werden dem wahren Glauben, der echten Gesinnung ihrer Väter, nämlich der Kirchenväter, treu bleiben und mutig aussprechen: Die Kirche kennt keinen Fortschritt. Die andern werden Schwarz und Weiß vereinigen und wie Schell sagen: «Der Katholizismus bedeutet den Friedensbund von Ver­nunft und Glauben, von Forschung und Offenbarung ohne Herabwürdigung und Demütigung des Logos: Denn das Christentum ist die Religion des Geistes und des Logos! Der wahre Geist der Religion und der Heiligkeit ist nur jener Geist, der vom Wort der Wahrheit ausgeht.» So spricht, wer ein - vielleicht im Unbewußten schlummerndes - Gefühl der

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Beschämung empfindet, wenn man ihn für einen Gegner des Fortschrittes ansieht.

Suggestiv wirkt das Wort «Fortschritt» auf die heutigen Gebildeten, seien sie nun Theologen, Gelehrte, Politiker usw. Wie selten sind die Menschen, die stolz darauf sind, «antifort­schrittlich» zu denken. Friedrich Nietzsche gehörte zu den Gegnern des Fortschritts: «Der ist bloß eine moderne Idee, das heißt eine falsche Idee. Der Europäer von heute bleibt in seinem Werte tief unter dem Europäer der Renaissance; Fortentwicklung ist schlechterdings nicht mit irgend welcher Notwendigkeit Erhöhung, Steigerung, Ver­stärkung.» Diese Sätze stehen in einem der antichristlichsten Bücher, die geschrieben worden sind. Aber sie stehen in dem Buche, das ein wirklich unabhängiger Geist geschrieben hat. Die Schrift «Der Katholizismus als Prinzip des Fortschritts» hat aber ein Kopf ausgedacht, der von zwei Seiten her abhän­gig ist: von dem Geiste des wahren Katholizismus und von einer falschen Scham, die hindert, die Ansprüche der anti-katholischen Wissenschaft zu verleugnen. Als katholisch im echten Sinne des Wortes muß bezeichnet werden, wenn der Verfasser sagt: «Katholisch ist ein Name, der nicht bloß aus altehrwürdiger Überlieferung die zentrale Kirche und das konservative Christentum in seinem festorganisierten Welt-bestand bezeichnet, sondern ein Name, der ein hohes Prinzip, eine gottgestellte Aufgabe ausspricht: Das Reich Gottes im Geist und in der Wahrheit bei allen Völkern, und zwar durch alle Völker und Nationalcharaktere zu verwirklichen und so das Christentum in der Kirche wirklich ganz und voll, echt und wahr durchzuführen.» Unkatholisch aber und nur aus Ehrfurcht vor der antikatholischen Wissenschaft ist es gesagt: «Der Gottesgeist der Willkürmacht, die ihre höchste Herrschermacht

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gerade in einer möglichst häufigen Durchbrechung der Naturgesetze und dem tollen Chaos unkontrollierbarer Kräfte bekundet, hat in der Vernunft keine Grundlage und läßt sich nicht wissenschaftlich erweisen. Nur Gott als die allmächtige Verwirklichung des vollkommenen Geisteslebens, als die ewige Allmacht der unendlichen Weisheit und Heilig­keit selber, ist dem Unglauben gegenüber als unentbehrliche Wahrheit erweisbar und macht von Grund aus allen Aber­glauben unannehmbar.» Dieser Satz wirkt auf mich, wie wenn ihn ein Haeckelianer gesprochen hätte, nicht ein Profes­sor der katholischen Theologie in Würzburg. Ein Gott als Verwirklichung des vollkommenen Geisteslebens, als Inbe­griff der Weisheit und Heiligkeit, ist etwas ganz anderes als der persönliche Gott des Katholiken, der allerdings die Natur­gesetze durchbrechen kann. Dies lehren die Evangelien. Und vollkommen antikatholischer Geist spricht aus den Worten: «Bedarf es denn eines eigenen Prinzips, daß alles bei dem vernünftigen Menschen durch seine persönliche Vernunft und Freiheit, durch seine ernstliche Gewissensprüfung vermittelt sein muß, was Glauben und Lebensziel betrifft? Das ist doch selbstverständlich! » Jawohl, es ist selbstverständlich. Aber für ein unchristliches Denken. Wer Ernst mit diesen Worten macht, der muß es ablehnen, das Denken durch die von vorn­herein feststehenden Glaubenslehren zu fesseln. Er hört damit aber auf, katholisch zu denken.

Für den modernen Denker haben Geister wie Professor Schell nur ein psychologisches Interesse. An ihnen kann man lernen, wie die widerspruchvollsten Ideen in einem Kopfe nebeneinander wohnen können. Das angeführte Beispiel ist deshalb besonders lehrreich, weil es typisch für eine große Anzahl moderner Theologen ist, und weil es zeigt, wie wenig

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die logische Schulung gegen die Macht der menschlichen Empfindungen anzukämpfen vermag. Logisch geschult wird der Geist des katholischen Theologen gewiß. Aber was hilft alle Logik, wenn von zwei Seiten widersprechende Empfin­dungen und Gefühle ihre Macht entwickeln. Das logische Denken wird dann zur Sophistik, die dem Denker vorgaukelt, Dinge, die sich ewig feindlich gegenüberstehen werden, könn­ten in tiefstem Frieden nebeneinander leben.

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DIE SEHNSUCHT DER JUDEN NACH PALÄSTINA

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Nicht wenige kluge Leute werden jedes Wort überflüssig finden, das über die sonderbare Zusammenkunft gesprochen wird, die vor wenigen Tagen unter dem Namen «Zionisten-Kongreß» in Basel stattgefunden hat. Daß sich eine Anzahl europamüder Juden zusammenfindet, um die Idee zu propa­gieren, ein neues palästinisches Reich aufzurichten und die Auswanderung der Juden nach diesem neuen «gelobten Lan­de» zu bewirken, erscheint diesen Klugen als wahnsinnige Vorstellung einer krankhaft erregten Phantasie. Bei diesem Urteile beruhigen sie sich. Sie sprechen nicht weiter über die Sache. Ich aber glaube, daß diese Klugen mit ihrem Urteile um zehn Jahre hinter ihrer Zeit zurückgeblieben sind. Und zehn Jahre sind in unserer Zeit, in der die Ereignisse so rasch fließen, eine kleine Ewigkeit. Vor zehn Jahren konnte man mit einem gewissen Recht einen Juden für halb wahn­sinnig halten, der auf die Idee verfallen wäre, seine Volksge­nossen nach Palästina zu versetzen. Heute darf man ihn nur für überempfindlich und eitel halten; in weiteren zehn Jahren

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können die Dinge noch ganz anders liegen. Bei den Herren Herzl und Nordau, den gegenwärtigen Führern der Zio­nistenbewegung, glaube ich allerdings mehr Eitelkeit als gesteigerte Empfindlichkeit gegenüber der antisemitischen Strömung wahrzunehmen. Die banalen Phrasen, die Herzl in seiner Broschüre «Judenstaat» (M. Breitensteins Buchhand­lung, Leipzig und Wien 1896) vorgebracht hat, und das Wortgeflunker, mit dem der sensationslüsterne Nordau in Basel seine Zuhörer beglückt hat, sind gewiß nicht aus den tiefsten Tiefen aufgewühlter Seelen entsprungen. Dafür aber stammen sie aus verständigen Köpfen, die wissen, was auf diejenigen Juden am stärksten wirkt, die ein empfindsames Herz und einen hochentwickelten Sinn für Selbstachtung haben. Diese letzteren Glieder des jüdischen Volkes werden, nach meiner Vermutung, die Gefolgschaft der Herren Herzl und Nordau bilden. Und die Zahl dieser Glieder ist wahr]ich keine geringe.

Was nützt es, wenn noch so oft betont wird, daß sich die Juden, die so empfinden, in einem schweren Irrtum befinden? Sie wenden ihr Auge ab von den großen Fortschritten, welche die Emanzipation der Juden in den letzten Jahrzehnten ge­macht hat, und sehen nur, daß sie noch von so und so vielen Stellen ausgeschlossen, in so und so vielen Rechten verkürzt sind; und außerdem hören sie, daß sie von den Antisemiten in der wüstesten Weise beschimpft werden. Sie tun so, weil ihr gekränktes Gemüt ihnen den Verstand umnebelt. Sie sind nicht imstande, die Ohnmacht des Antisemitismus ein­zusehen; sie erblicken nur seine Gefahren und seine empören-den Ausschreitungen. Wer ihnen sagt: sehet hin, wie aus­sichtlos die Machinationen der Judenhasser sind, wie alle ihre Unternehmungen in Blamage auslaufen, den blicken sie zweifelnd

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an. Ihr Ohr hat nur, wer ihnen wie Theodor Herzl sag : «In den Bevölkerungen wächst der Antisemitismus täglich, stündlich und muß weiter wachsen, weil die Ursachen fortbe-stehen und nicht behoben werden können. ... Unser Wohl-ergehen scheint etwas Aufreizendes zu enthalten, weil die Welt seit vielen Jahrhunderten gewohnt war, in uns die Ver­ächtlichsten unter den Armen zu sehen. Dabei bemerkt man aus Unwissenheit oder Engherzigkeit nicht, daß unser Wohl-ergehen uns als Juden schwächt und unsere Besonderheiteu auslöscht. Nur der Druck preßt uns wieder an den alten Stamm, nur der Haß unserer Umgebung macht uns wieder zu Fremden. So sind und bleiben wir denn, ob wir es wollen oder nicht, eine historische Gruppe von erkennbarer Zusam­mengehörigkeit. Wir sind ein Volk - der Feind macht uns ohne unseren Willen dazu, wie das immer in der Geschichte so war». Und diejenigen, bei denen heute solche Sätze den mächtigsten Widerhall finden, waren noch vor ganz kurzer Zeit mit Leidenschaft bereit, das eigene Volkstum in das der abendländischen Stämme aufgehen zu lassen. Nicht der wirk­liche Antisemitismus ist die Ursache dieser jüdischen Über-empfindlichkeit, sondern das falsche Bild, das eine überreizte Phantasie sich von der judenfeindlichen Bewegung bildet. Wer mit Juden zu tun hat, der weiß, wie tief bei den Besten dieses Volkes die Neigung sitzt, sich ein solch falsches Bild zu machen. Das Mißtrauen gegen die Nichtjuden hat sich gründlich ihrer Seele bemächtigt. Sie vermuten auch bei Men­schen, hei denen sie keine Spur von bewufitem Antisemitis­mus wahrnehmen können, auf dem Grunde der Seele einen unbewußten, instinktiven, geheimen Judenhaß. Ich rechne es zu den schönsten Früchten, welche menschliche Neigung treiben kann, wenn sie zwischen einem Juden und einem

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Nichtjuden jede Spur von Argwohn in der oben angedeuteten Richtung auslöscht. Einen Sieg über die menschliche Natur möchte ich fast eine solche Neigung nennen.

Es ist nicht ausgeschlossen, daß in kurzer Zeit solche Nei­gungen überhaupt unmöglich sein werden. Es kann eine Zeit kommen, in der bei jüdischen Persönlichkeiten die Emp­findungssphäre so gereizt ist, daß jedes Verstehen mit Nicht-juden zur Unmöglichkeit wird. Und auf das Ziehen intimer Fäden von Jude zu Nichtjude, auf das Entstehen gefühls-mäßiger Neigungen, auf tausend unaussprechliche Dinge, nur nicht auf vernünftige Auseinandersetzungen und Programme kommt es bei der sogenannten Judenfrage an. Es wäre das Beste, wenn in dieser Sache so wenig wie möglich geredet würde. Nur auf die gegenseitigen Wirkungen der Individuen sollte der Wert gelegt werden. Es ist doch einerlei, ob jemand Jude oder Germane ist: finde ich ihn nett, so mag ich ihn; ist er ekelhaft, so meide ich ihn. Das ist so einfach, daß man fast dumm ist, wenn man es sagt. Wie dumm muß man aber erst sein, wenn man das Gegenteil sagt!

Ich halte die Antisemiten für ungefährliche Leute. Die Besten unter ihnen sind wie die Kinder. Sie wollen etwas haben, dem sie die Schuld zuschreiben können an einem Übel, an dem sie leiden. Wenn ein Kind einen Teller fallen läßt, dann sucht es nach irgendwem oder nach irgend etwas, das es gestoßen hat, das die Schuld an dem Unfalle hat. In sich selbst sucht es nicht die Ursache, die Schuld. So machen es die Antisemiten. Es geht vielen Leuten schlecht. Sie suchen nach etwas, das die Schuld hat. Die Verhältnisse haben es mit sich gebracht, daß viele gegenwärtig dieses Etwas in dem Judentume sehen.

Viel schlimmer als die Antisemiten sind die herzlosen

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Führer der europamüden Juden, die Herren Herzl und Nordau. Sie machen aus einer unangenehmen Kinderei eine welthistorische Strömung; sie geben ein harmloses Geplänkel für ein furchtbares Kanonenfeuer aus. Sie sind Verführer Versucher ihres Volkes. Sie opfern die Verständigung, die alle Vernünftigen wünschen müßten, ihrer Eitelkeit, die nach -Programmen dürstet, weil - wo Taten fehlen, zur rechten Zeit ein Programm sich einstellt.

So ungefährlich der Antisemitismus an sich ist, so gefähr­lich wird er, wenn ihn die Juden in der Beleuchtung sehen, in die ihn die Herzl und Nordau rücken.

Und sie verstehen sich auf die Sprache der Versucher, diese Herren : «Man wird in den Tempeln beten für das Gelingen des Werkes. Aber in den Kirchen auch! Es ist die Lösung eines alten Druckes, unter dem alle litten. Aber zunächst muß es licht werden in den Köpfen. Der Gedanke muß hinaus-fliegen bis in die letzten jammervollen Nester, wo unsere Leute wohnen. Sie werden aufwachen aus ihrem dumpfen Brüten. Denn in unser aller Leben kommt ein neuer Inhalt. Jeder braucht nur an sich selbst zu denken, und der Zug wird schon ein gewaltiger. Und welcher Ruhm erwartet die selbst­losen Kämpfer für die Sache! Darum glaube ich, daß ein Geschlecht wunderbarer Juden aus der Erde wachsen wird. Die Makkabäer werden wieder aufstehen.» Also Herr Theo­dor Herzl in seiner Schrift «Der Judenstaat».

Ich fürchte: es wird eine Zeit kommen, wo die Juden uns Nichtjuden nichts mehr glauben von dem, was wir ihnen über den Antisemitismus sagen, und dafür ihren jüdischen Ver­führern alles nachbeten. Und wie so viele Betörte werden die gefühivollen Juden die leeren Phrasen dieser Verführer in die Sprache ihres Herzens umsetzen. Die Verführten werden

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leiden; die Verführer aber werden triumphieren über die Erfolge, die ihre Eitelkeit errungen hat.

In Basel ist im Grunde über die Frage entschieden worden: was soll getan werden, um die Lösung der Judenfrage so un­möglich zu machen, wie es nur irgend angeht. Ob die Herren Herzl und Nordau wirklich daran glauben, daß das palästinen­sische Reich errichtet werden könne, vermag ich nicht zu ent­scheiden. Ich nehme zu Ehren ihrer Intelligenz hypothetisch an, daß sie nicht daran glauben. Wenn ich mit dieser meiner Annahme recht habe, dann muß man diesen Führern den Vorwurf machen, daß sie einer Auseinandersetzung zwischen Juden und Nichtjuden mehr Hindernisse in den Weg legen als die antisemitischen Wüteriche.

Die Zionistische Bewegung ist ein Feind des Judentums. Die Juden täten am besten, wenn sie die Leute, die ihnen Gespenster vormalen, sich genau ansähen.

DIE GOETHETAGE IN WEIMAR

#G031-1966-SE201 - Gesammelte Aufsätze zur Kultur- und Zeitgeschichte 1887 - 1901

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DIE GOETHETAGE IN WEIMAR

Bericht über die 13. Mitgliederversammlung

der Deutschen Goethe-Gesellschaft

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Am 8. Oktober fanden sich, zum dreizehnten Mal die Mitglieder der Deutschen Goethe-Gesellschaft in Weimar ein, um das ihnen liebgewordene Goethe-Fest zu feiern. Zum ersten Mal mußten sie dieses Fest begehen, ohne die Persön-lichkeit in ihrer Mitte zu sehen, welcher die Goethe-Gemeinde Unermeßliches zu verdanken hat: Die Großherzogin Sophie von Sachsen. Am 23. März dieses Jahres ist diese Frau, deren Name durch die Begründung des Goethe- und Schiller-Archivs mit der deutschen Literaturwissenschaft für alle Zeiten verknüpft ist, aus dem Leben geschieden.

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Ihre Gegenwart gab dem Fest in den verflossenen Jahren einen besonderen Glanz; die Erinnerung an sie, die Trauer um sie, gab ihm diesmal seinen Charakter. Im Zusammenhang mit einer Gedächtnisfeier für die verstorbene Frau sollte deshalb der Goethe-Tag begangen werden. Die beiden Gesellschaften, die ihre Blüte der Verstorbenen zu danken haben, die Goethe-und die Shakespeare-Gesellschaft, haben das beschlossen. Und die Leitung des Goethe- und Schiller-Archivs, der Schillerstiftung und des Großherzoglichen Hoftheaters haben sich mit den genannten Gesellschaften vereinigt, um ein Fest zur Erinnerung an ihre Pflegerin und Beschützerin zu veran­stalten. Kuno Fischer wurde berufen, dem Andenken der Hingeschiedenen eine Gedächtnisrede zu widmen. Er ist durch Bande der Freundschaft mit dem Weimarischen Hofe verbun­den. Die Treue und Hingebung an das Fürstenhaus, die seine Beziehungen zu diesem in ihm gezeitigt haben, kamen in seiner Erinnerungsrede am 8. Oktober zum Ausdruck. Seine Lebens- und Weltauffassung, seine Gesinnung und Empfindungsweise befähigen ihn, die Denkweise der Großherzogin wie wenige zu verstehen. Eine Fürstin im allereigent­lichsten Sinne des Wortes war die Verstorbene, dabei eine Persönlichkeit, welche sich große Aufgaben stellte, weil sie eine hohe Auffassung von ihrem fürstlichen Berufe hatte, und weil ihr eine seltene Energie aus dieser Aufgabe erwuchs. Es liegt Größe in dieser Auffassung; und die Art dieser Größe zu schildern, hatte Kuno Fischer übernommen. Wieviel in dieser Kraft, die ihr eigen war, auf Rechnung ihrer Abstam­mung aus dem zielbewußten und energischen Geschlecht der Oranier zu schreiben ist, wollte der Redner klarlegen. In dem Wahlspruch des Oranischen Hauses: «Je maintiendrai» kommt diese Energie zum Ausdruck. Die Großherzogin

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Sophie hat ihn auch zu dem ihrigen gemacht und in die deutschen Worte umgesetzt: «Die Herrschaft über sich selbst ist die Vorbedingung für jegliche Tätigkeit und für ernst­hafte, gewissenhafte Ausführungen übernommener Pflichten.» Aus dem Studium der Geschichte des Hauses erwuchs der Fürstin die Herrschaft über sich selbst und ein starkes Pflichtbewußtsein. Inwiefern die Geschicke dieses Hauses besonders geeignet sind, ein solches Bewußtsein zu erzeugen, suchte der Redner durch eine historische Darstellung klarzulegen. Was eine verfehlte Kindererziehung und eine günstige Lebensschule dazu beigetragen haben, um diese Frau auf die Höhe ihrer Anschauungen zu heben, setzte er deutlich auseinander. Die holländische Art in ihrem Charakter schilderte er. Ihre Liebe für die deutsche Literatur leitete er von dem Umstand ab, daß sie in dieser Literatur die Taten der ihr so nahestehenden Helden gefeiert fand. Schiller und Goethe haben niederländische Größe zum Vorwurf ihrer Dichtungen und Werke gemacht. In der deutschen Literatur fand die Großherzogin ihre Heimat wieder. Die Geschichte ihres Vaterlandes trat ihr in der deutschen Kunst entgegen.

Über den musikalischen Teil dieser Feier ist schon be­richtet worden. Auch ist dort schon erwähnt, daß das Hoftheater am Abend desselben Tages eine stimmungsvolle Aufführung der Gluckschen Oper «Orpheus und Eurydike» den Festteilnehmern bot. Wir fügen hier nur noch hinzu, daß man unter Bernhard Stavenhagens ausgezeichneter Leitung eine höchstgelungene Vorstellung erlebte. Fräulein Hofmann (Orpheus) und Frau Stavenhagen (Eurydike) haben auf die Gäste einen starken Eindruck gemacht.

Der 9. Oktober war der eigentlichen Goethe-Versammlung gewidmet. Eine bleibende Erinnerung nehmen die Teilnehmer

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dieser Versammlung mit nach Hause. Der Direktor des s Goethe- und Schiller-Archivs, Professor Suphan, teilte das Stück des Testamentes der Großherzogin Sophie mit, in dem sie die Zukunft des Goetheschen Nachlasses für alle Zeiten gesichert hat. Eine stärkere Bekräftigung hätten die Worte Kuno Fischers nicht finden können, als ihnen durch dieses Testament zuteil geworden ist. Die Pflege des Goetheschen Nachlasses, der ihr durch die Verfügung des letzten Enkels Goethes zum Geschenk gemacht worden ist, war dieser Frau bei Lebzeiten eine Herzensangelegenheit und eine hohe Pflicht. Ihr hat sie materielle Opfer gebracht, ihr hat sie viel Zeit und Mühe gewidmet. Für sie hat sie mütterlich gesorgt. Ihre schönen Worte sprechen für sich selbst. Im Testament heißt es: «Ich, Sophie von Sachsen, Königliche Prinzessin der Niederlande, beurkunde hiermit Folgendes: Mit Annahme des Vermächtnisses des Freiherrn Walter von Goethe habe ich zugleich für alle Zeiten die Verantwortlichkeit für eine pietätvolle Bewahrung der Schätze aus dem Nachlasse Goe­thes übernommen. Die gleiche Verantwortung trage ich gegen­über dem Nachlasse von Schiller, sowie allen durch Schen­kung und Ankauf erworbenen Handschriften anderer hervor­ragender deutscher Dichter. Zugleich gereicht es mir zur be­sonderen Freude, nicht nur für die Vollendung der Goethe-Ausgabe und der Goethe-Biographie, sondern auch dafür Sorge getragen zu haben, daß die in meinem Besitze befind­lichen Schätze nutzbringend erschlossen werden und Weimar erhalten bleiben, damit es auch ferner der geistige Mittel­punkt Deutschlands bleibe. Deshalb habe ich angeordnet, daß zur Erhaltung dieser Schätze ein Familienfideikommiß er­richtet wird, das unveräußerlich sein soll. Indem ich dieses Familienfldeikommiß hiermit beurkunde, bitte ich meinen

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Herrn Gemahl, in Form einer hausgesetzlichen Bestimmung die landesherrliche Bestätigung zu geben.» Das Goethe- und Schiller-Archiv wird dem jeweiligen Chef des Großherzoglichen Hauses eigentümlich gehören. Derselbe ist verpflichtet, für die Erhaltung und Verwaltung des Schatzes entsprechend Sorge zu tragen.

An diese bedeutsame Mitteilung Suphans schloß der Vor­sitzende, Dr. Ruland, den Bericht über das Goethe-National­museum. Er wies auf ein Bild hin, das von diesem Museum neu erworben und in dem Junozimmer des Goethe-Hauses ausgestellt ist. Die dargestellte Persönlichkeit und der Maler sind unbekannt. Es stammt aus dem Ende des vorigen oder dem Anfang dieses Jahrhunderts. Wer sich das Bild an­gesehen hat, wird der Meinung Rulands beistimmen müssen, daß es die Frau Rat im höheren Alter darstelle. Ihre und auch Goethes Züge sind unverkennbar. Das Bild war früher im Besitze von William Candidus in Cronberg. Noch einen an­deren Zuwachs des Museums erwähnte Ruland. Die Gräfin Vaudreuil, die Frau des französischen Gesandten, hat wäh­rend ihres Aufenthaltes in Weimar in freundschaftlichen Be­ziehungen zu dem Goetheschen Hause gestanden. In ihrem

Nachlasse haben sich Handzeichnungen Goethes vorgefunden. Ihre Nachkommen haben diese zu den Weimarischen Schät­zen hinzugefügt.

Leider mußten wir dieses Jahr die Gegenwart des verdienstvollen Schatzmeisters, Dr. Moritz, entbehren. Er wußte sonst stets den trockenen Kassenbericht durch allerlei launige Zwischenbemerkungen zu würzen. Sein Bericht, der verlesen wurde, zeigte, daß die Gesellschaft finanziell gut steht und in der letzten Zeit eine Zunahme der Mitgliederzahl zu ver­zeichnen hat.

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In den Nachmittagsstunden vereinigten sich die Festgäste zu dem üblichen Mittagessen. Die greisen Häupter der Goethe-Gemeinde und die jungen Stürmer, die trotz Natura­lismus und Das Goethe- und Schiller-Archiv, das in den Goethe-Tagen den Besuchern der Versammlung seine Räume öffnet, stellte Manuskripte von Freiligrath und Gustav Freytag aus, neben anderen der klassischen und nachklassischen Zeit entstam­menden Papieren.

Wie alljährlich versammelten sich in den Abendstunden die Goethe-Gäste auch diesmal in dem Weimarischen Künst­lerverein. Die stimmungsvollen Räume, die der Großherzog den Künstlern Weimars zu ihrem gemütlichen Zusammen­sein zur Verfügung gestellt hat, werden von den Mitglie­dern der Goethe-Gesellschaft gerne aufgesucht. Ein freies

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ungebundenes Leben herrschte da bis zum hellen Morgen. Und Künstler wie Burmester und Stavenhagen, dann die ausgezeichneten Sänger Heinrich Zeller und Gmür erfreuten die Gäste mit mancher künstlerischen Gabe, die oft mit grö­ßerem Enthusiasmus entgegengenommen wurde als die offi­ziellen Darbietungen. Was man im Verlauf des Tages schwer finden konnte: den zwanglosen Genuß, das gegenseitige offene Entgegenkommen, hier genoß man es viele Stunden lang.

Den Beschluß der Feier bildete eine Vorstellung im Groß-herzoglichen Hoftheater von Shakespeares «Wintermärchen» mit Fräulein Richard als Hermione und Karl Weiser als Leontes.

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KUNO FISCHER ÜBER DIE

GROSSHERZOGIN SOPHIE VON SACHSEN

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Seit 1885 findet sich alljährlich für einige Tage ein Kreis von Goetheverehrern in Weimar ein. Es sind die Mitglieder der Goethe-Gesellschaft, die nach dem Tode des letzten En­kels Goethes gegründet worden ist. Goethes letzter Sprosse hat den Nachlaß seines Großvaters der Großherzogin Sophie vererbt. Diese Frau hatte Sinn und Verständnis genug, um den wertvollen Schatz, der in ihre Hände gelegt worden ist, für die Literaturwissenschaft so fruchtbar wie möglich zu machen. Sie gründete das Goethe-Archiv und machte es zur Pilegestätte der Goethewissenschaft. Sie erbaute später dem teuren Vermächtnis ein eigenes, stattliches Haus. Der präch­tige Bau, eine Zierde Weimars, wird immer ein Denkmal der Blütezeit des deutschen Geistes bleiben. Still und mühevoll

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arbeitet in diesem Hause alltäglich eine kleine Zahl von n Gelehrten an der Goethe-Ausgabe, die mit Hilfe des hand-schriftlichen Nachlasses hergestellt wird. Ab und zu kommt in diese Räume ein fremder Gast, der die Papiere Goethes aufsucht, um sie seinen besonderen wissenschaftlichen Stu­dien dienstbar zu machen. Aber zur Pfingstzeit, da kommt alljährlich Leben in diese Räume. Die harmlosesten Genießer Goethescher Werke und die gelehrtesten Goetheforscher ver­sammeln sich in der Ilmstadt, um das Andenken des Geistes zu feiern, auf den so viele Linien der neueren Kulturentwick­lung zurückgehen. Ein Festvortrag und eine Theatervorstel­lung sind die geistigen Genüsse, die den «Goethegästen» geboten werden. Die Besichtigung des Goethe- und Schiller-Archivs und des Goethe-Nationalmuseums versetzt diese Gäste zurück in die große Zeit, in der Weimar der Mittel-punkt des deutschen Geisteslebens war. Beim Festvortrag erschien bisher stets die Großherzogin Sophie, deren Wirken die ganze Festlichkeit zu verdanken war. Im Anschlusse an ihre Archivgründung und unter ihrer besonderen Fürsorge wurde die Goethe-Gesellschaft geschaffen. Die Gäste grup­pierten sich um diese Frau. Die Beziehungen, in die sie sich zu der deutschen Literatur durch die Archivgründung gesetzt hat, fanden ihren lebendigen Ausdruck in der Goethever­sammlung.

Seit dem Frühling dieses Jahres weilt Sophie von Sachsen nicht mehr unter den Lebenden. Die Goetheversammlung wird nunmehr ohne dieses ihr erstes Oberhaupt stattfinden müssen. Zum ersten Male nach dem Tode der Großherzogin versammelten sich die Goethegäste gestern, am 8. Oktober, wieder in Weimar. Sie versammelten sich, um zunächst das Andenken der Verstorbenen zu feiern.

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Ein Bild der Geistesart und der Persönlichkeit dieser Frau sollte durch einen berufenen Mann den Versammelten vor­geführt werden. Keiner war berufener als der greise Philo­soph Kuno Fischer, der durch seine langjährigen Beziehungen zum Weimarischen Hofe ein treuer Verehrer dieses Hofes und ein warmer Lobredner seiner Taten geworden ist. Zwei­fellos hätte Kuno Fischer die Wärme, mit der er an dem Weimarischen Fürstenhause hängt, den Zuhörern mitgeteilt, wenn er mit der Kraft der Rede, die ihm einst eigen war, heute noch wirken könnte. Man hörte es jedem Worte des Gedächtnisredners an, daß es aus dem tiefsten Innern kam; aber man fühlte es diesmal im eigenen Innern nicht mit. Der meist gefeierte akademische Redner hat die zündende Gewalt über die Zuhörer nicht mehr. Und deshalb konnte man durch seine Rede nicht in die Stimmung kommen, die zur Feier des Tages notwendig war. Den Hochsinn der ver­storbenen Fürstin, ihre Freigiebigkeit, ihre Tatkraft und ihr Zielbewußtsein suchte der Redner aus ihrer Abstammung von dem Hause Oranien zu erklären. Die geistige Physiognomie der Verstorbenen zeichnete er mit den Strichen, die diesem geistreichen, an dem schönen Worte hängenden Philosophen zur Verfügung stehen. Ihre persönliche Entwicklung suchte er in das gebührende Licht zu rücken. Das Wohgefallen, das sie gerade an der deutschen klassischen Literatur finden mußte, suchte Kuno Fischer aus den Beziehungen zu erklären, welche diese Literatur zu dem Vaterlande der Fürstin hat. Holländische Helden und holländisches Leben ist durch unsere Geistesheroen künstlerisch dargestellt worden. Ihr eignes Empfinden, ihre eigene Gesinnung fand die Groß-herzogin, wenn sie sich in die Werke der Geister vertiefte, denen sie in Weimar ein Denkmal gesetzt hat.

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Eine streng konservative Gesinnung, sogar etwas von dem Glauben an das Gottesguadentum ging durch Kuno Fischers s Rede. Er glaubt, daß ein besonderes Geschick die Wirkesn-kreise der Persönlichkeiten bestimmt, die walten wie die Großherzogin. Eine fast mystische Kraft der Persönlichkeit legte er in die Großherzogin hinein. Ein religiöser Zug durch-drang die ganze Rede. Die Frömmigkeit der Betrauerten stand in der richtigen Beleuchtung, weil Kuno Fischer ver­riet, daß in ihm selbst fromme Empfindungen leben. Ein Mann hat da über eine Fürstin gesprochen, der ein guter Anhänger des monarchischen Prinzips, der ein Verehrer der herrschenden Gewalten ist, ein Mann, der mit Liebe den Orden trägt, der uns von seiner Brust entgegenglänzte. Was von einem alten Philosophen gesagt wurde: Gleiches kann nur von Gleichem erkannt werden, in Kuno Fischers Rede hat es sich wieder bewährt. Im Kopfe dieses Redners spiegelt sich die Welt nicht anders als in dem eines Fürsten. Er ver­steht die Fürsten. Deshalb kann er gut über sie reden. Er stellt seinen Geist gern in den Dienst der fürstlichen Per­sonen. Auf einen jüngeren Menschen der modernen Zeit machten diese Sätze manchmal den Eindruck, als ob sie einer Gesinnung entstammten, die einer abgelebten Zeit angehört. Den Jüngeren fehlen die Worte, wenn sie Fürsten loben sollen. Und wenn sie es tun, glaubt man ihnen nicht recht. Den greisen Geschichtsschreiber der Philosophie kleidet seine Gesinnung gut. Er hat sich seine Anschauungen in einei Zeit gebildet, die von dem Radikalismus unserer Gegenwart nichts ahnte. Mit diesen Anschauungen ist er zur Würdi­gung der klassischen Epoche Deutschlands und ihrer gegen-wärtigen fürstlichen Pfleger berufen. Die andern Anschau­ungen der Gegenwart hätten wahrscheinlich niemals zu einer

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Gesinnung geführt, die zur Wahrung der Traditionen Wei­mars notwendig ist. Man muß seinen Frieden mit gewissen Strömungen geschlossen haben, wenn man bei der Pflege dieser Traditionen ganz dabei sein will. Mit einem Herzen, das an der Gegenwart hängt und das nach Zukunft lechzt, kann man es nicht. Kuno Fischer ließ ein Stück Vergangen­heit vor uns auftauchen. Von vergangenen Taten redete er mit einer vergangenen Gesinnung.

Es gab Zuhörer im Saale, die mit der Rede nicht zufrieden waren. Ich glaube, diese Unzufriedenen haben unrecht. Die geistige Verwandtschaft, in der Kuno Fischer zu den Kreisen steht, denen die Verstorbene angehörte, befähigte ihn, ein echtes, glaubhaftes Bild zu malen. Ein wenig mehr von reli­giösem Freimut und etwas weniger Konservatismus hätte den Redner dazu geführt, ein verzerrtes Bild zu liefern. Hätte der Vortrag auf der Höhe des Gehaltes und der Ge­sinnung gestanden: die Zuhörer hätten in weihevoller Stim­mung den Saal verlassen. Vor ihren Augen hätte das Bild der Verstorbenen in deutlichen, klaren und wahren Zügen gestanden. Weil Kuno Fischers Feuer der Rede heute schwä­cher ist, wirkte auch sein Bild matt und zum Teil sogar ermüdend. Waren aber auch die Farben nicht leuchtend genug; sie waren richtig aufgetragen. Sie waren so verwen­det, wie es nur ein tiefer genauer Kenner der verstorbenen Fürstin kann. Aus intimer Kennerschaft heraus tönte manches Wort, das kein anderer gefunden hätte. Deshalb war Kuno Fischer der rechte Redner für diesen Tag.

Seine Rede soll im Novemberheft von «Cosmopolis» er­scheinen. Sie wird ein Denkmal sein für die hingegangene Fürstin, das ihrer würdig ist.

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DIE GOETHETAGE IN WEIMAR

Bericht über die 13. Mitgliederversammlung

der Deutschen Goethe-Gesellscha/t

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Über die Rede, welche Kuno Fischer zum Gedächtnisse der im März verstorbenen Großherzogin Sophie von Sachsen ge­halten hat, habe ich in der vorigen Nummer gesprochen. Eine schöne Illustration haben die Ausführungen dieses Redners am folgenden Tage in der Generalversammlung der Goethe-Gesellschaft gefunden. Prof. Bernhard Suphan, der Direktor des Goethe- und Schiller-Archivs, teilte mit, in welcher Weise die Verstorbene gesorgt hat für die Zukunft des handschrift­lichen Nachlasses Goethes und der übrigen literarischen Schätze, die sich im Laufe der letzten Jahre den Papieren Goethes angegliedert haben. Sie hat die Sendung begriffen in des Wortes höchster Bedeutung, die ihr durch das Ver­mächtnis von Goethes letztem Nachkommen zugefallen ist. Für alle Zeiten ist dafür gesorgt, daß das Weimarische Literaturarchiv in würdiger Art erhalten bleibt und den Zwecken der deutschen Literaturwissenschaft dienstbar ge­macht wird. Die Großherzogin hat ihr Archiv zu einem un­veräußerlichen Familienfideikommiß des großherzoglichen Weimarischen Hauses gemacht. Der Chef der Familie wird in Zukunft immer der jeweilige Eigentümer des Vermächtnisses sein. Er wird dafür zu sorgen haben, daß die Wissenschaft aus demselben einen der Sache entsprechenden Nutzen zieht. Der nächste Erbe des Archivs ist der gegenwärtige Erbgroß­herzog Wilhelm Ernst. In Worten, die aus voller Erkenntnis der mit dem Archiv übernommenen Verpflichtungen ent­sprungen sind, spricht die Großherzogin in ihrem Testament. Suphans Mitteilungen machten einen tiefen Eindruck auf die

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Versammlung. Nunmehr weiß man, welches das Schicksal der in Weimar aufbewahrten Literaturschätze sein wird.

Anschließend an Suphans Äußerungen sprach der Vor­sitzende der Goethe-Gesellschaft von dem Zuwachs, den das Goethe-Nationalmuseum in der letzten Zeit erfahren hat. Zu erwähnen ist da vor allem ein Porträt von dem Anfange dieses Jahrhunderts oder dem Ende des vorigen. Weder der Maler des Bildes noch die dargestellte Persönlichkeit sind überliefert. Aber wer das Bild im Goethe-Hause sich an-gesehen hat, wird nicht daran zweifeln, daß Ruland recht hat mit der Ansicht, daß es die Frau Rat in höherem Mter dar­stellt. Die Züge der Mutter Goethes sind unverkennbar. Eine andere interessante Neuheit sind eine Anzahl Goethescher Handzeichnungen aus dem Nachlasse der französischen Gräfin Vaudreuil, die deren Enkel dem Goethe-Hause zum Ge­schenk gemacht haben. Die Gräfin lebte einst in Weimar und verkehrte freundschaftlich in Goethes Haus. Sie hat die Zeich­nungen von dem Dichter erhalten.

Das Weimarische Hoftheater trug das Möglichste bei, um den Inhalt der diesjährigen Feier zu bereichern. Vor der Rede Kuno Fischers wurde unter der Leitung des greisen General­musikdirektors Ed. Lassen das Adagio aus Beethovens Trio (op. 96), das Franz Liszt für Orchester bearbeitet hat, nach derselben der Schlußsatz aus der Messe desselben Tondichters (in C, op. 86) von Mitgliedern der Hofoper vorgeführt. Am

8. fand eine Aufführung der Gluckschen Oper «Orpheus und Eurydike» unter Bernhard Stavenhagens ausgezeichneter Direktion und mit den Damen Fräulein Hofmann (Orpheus) und Frau Stavenhagen (Eurydike) statt, die auf die Zuschauer einen starken Eindruck machte. Am 9. bot das Theater den Besuchern Shakespeares «Wintermärchen» von Karl Weiser

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inszeniert und in den Hauptrollen von Fräulein Richard (Hermione) und Karl Weiser (Leontes) dargestellt.

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THEODOR MOMMSENS BRIEF

AN DIE DEUTSCHEN ÖSTERREICHS

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Eine Kundgebung, deren Bedeutung weit über den Kreis des­jenigen hinausreicht, was der bloßen Tagespolitik angehört, hat soeben Professor Theodor Mommsen der Öffentlichkeit übergeben. Auch diejenigen, die das Ohr rasch wegwenden, wenn sie hören, daß von Fragen der praktischen Politik ge­sprochen wird, müssen mit Interesse die Sätze verfolgen, die der berühmte Historiker an die Deutschen Österreichs gerichtet hat. Von «unerhörten Ehrlosigkeiten und Gewalt-taten», die den Deutschen des Donaureiches angetan werden, redet Mommsen. Er spricht von der Angst, die jeder Deutsche empfinden muß> wenn er sieht, daß «die Apostel der Bar­barisierung am Werke sind, die deutsche Arbeit eines halbes Jahrtausends in dem Abgrunde ihrer Unkultur zu begraben». Die Slawen und Magyaren gefährden die Mission der Deut­schen, drängen die deutsche Kultur zurück. Wie ist es nur möglich, fragt Mommsen, daß die Deutschen Österreichs augenblicklich nicht einig sind in dem einen Ziele, die Feinde ihrer Bildung mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln zu bekämpfen? Wie kommt es, daß es deutsche Österreicher gibt, welchen der Rosenkranz über das Vaterland geht, und welche die nationalen Interessen preisgeben, weil sie glauben, daß die Herrschaft der nichtdeutschen Elemente dem Katho­lizismus Vorteile bringe? Wie ist es möglich, daß, «wo alles auf dem Spiele steht, eine relativ so nebensächliche Frage,

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wie die Stellung der Semiten im Staate, die Einigkeit ge­fähidet? » Seid einig und hart, ruft unser Historiker den Brüdern in Österreich zu. Einig in dem Kampfe gegen die Vorstöße der andern Nationalitäten und hart in der Wahl der Mittel, der ihr euch in diesem Kampfe bedient.

Wenn die Glieder einer Gemeinschaft einig sein sollen, dann müssen sie es in dem Inhalt ihrer Ziele sein, in den Gedanken, die ihrer Wirksamkeit zugrunde liegen. Über den Inhalt dieser Ziele, über die Gedanken, aus denen die Deutschen Österreichs die Kraft zu ihrem Vorgehen schöpfen sollen, steht in dem Mahnruf Mommsens nichts. Dies muß an ihm zunächst auffallen. Die Auslassungen Mommsens sind bemerkenswert durch das, was sie nicht sagen. Denn gerade dadurch sind die Deutschen Österreichs in der letzten Zeit aus ihrer bevorzugten Stellung innerhalb der Monarchie ver­drängt worden, weil ihnen das fehlte, wovon auch Momm-sen nicht redet: ein großer politischer fruchtbarer Gedanken-inhalt. Wer in Österreich regieren will, muß imstande sein, dem Staate eine Aufgabe zu stellen und für die Lösung dieser Aufgabe inhaltvolle, wirksame Ideen mitbringen. Das Ver-fassungswesen Österreichs so zu regeln, daß die verschie­denen Nationen sich ihren Fähigkeiten und Wünschen gemäß entwickeln können; wirtschaftliche Reformen durchführen, nach denen das Volk schreit, und die Fragen zu lösen, die Österreich durch seine Weltstellung aufgegeben sind: dies muß derjenige verstehen, dem in Österreich die Führerrolle zukommen soll.

Es ist nun zweifellos, daß sich die politischen Verhältnisse in Österreich, so wie Mommsen andeutet, entwickelt haben, weil den Deutschen nach und nach die inhaltvollen politischen Ideen ausgegangen sind, und weil sie sich immer mehr der

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Aufgabe zugewendet haben, ihre Nationalität gegenüber den Ansprüchen der andern österreichischen Völker zu verteidi­gen und den «nationalen Gedanken» zu pflegen. Die Macht der Deutschen in Österreich wird immer in demselben Maße wachsen, in dem sich bei ihnen politische Ideen entwickeln, die den Lebensbedingungen dieses Staates entsprechen, in welchem eben viele Sprachen gesprochen werden. Und diese Macht wird geringer in dem Maße, in dem sie sich beschrän­ken auf die Betonung und Pflege der nationalen Empfin­dungen.

Taaffes Stärke lag darinnen, daß er über die obenangedeu­teten politischen Aufgaben Ansichten hatte. Seine Schwäche darinnen, daß diese Ansichten nicht bestimmt genug waren, weil sie nicht einer tieferen politischen Bildung, sondern einem in den wichtigsten Augenblicken versagenden Dilet­tantismus ihren Ursprung verdankten. Badeni kann nicht regieren, weil er keinen eigenen Gedanken hat, sondern nur die Taaffeschen Ideen in unwirksamer Weise nachahmt. Der Tag wird den Deutschen Österreichs wieder die ihrer Kultur-höhe entsprechende Machtstellung bringen, der ihnen poli­tische Führer bringt, welche die Frage beantworten können:

was ist in Österreich zu tun? Die slawischen Nationen wollen dem Staate ein bestimmtes Gefüge geben. Sie wollen Ein­richtungen, bei denen sich die nationalen Individualitäten frei entwickeln können. Diese freie Entwicklung kann durch Ge­walt nicht verhindert werden. Warum sollte es nicht möglich sein, daß die Deutschen einen österreichischen Staat schaffen, in dem die andern Nationen sich wohlfühlen? Die alte Ver­fassungspartei hat es nicht gekonnt. Unter ihrem Regiment fühlten sich die Nicht-Deutschen vergewaltigt. Sie hatte poli­tische Ideen. Aber diese bewegten sich nicht in der Richtung,

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in der sich der Staat entwickeln muß. Diese Verfassungspartei ist jetzt abgelöst worden von einer rein nationalen Partei. Diese scheint zunächst kein Interesse an der Gesamtgestal-tung des Staates zu haben. Ihre Mitglieder sprechen nicht von spezifisch österreichischen politischen Ideen. Sie wollen bloß die deutsche Nationalität verteidigen. Diese Verteidi­gung wird am besten gelingen, wenn sie nicht mehr Selbst­zweck ist.

Den Hinweis darauf, was die Deutschen in ihre gegen­wärtige Lage gebracht hat, vermißt man in Mommsens Kund­gebung. Diese wird daher auch in Österreich nichts beitragen können zur Wiedererlangung der verlorenen Zielbewußtheit bei den Deutschen. Die zwölf Stunden lang dauernde Rede des Abgeordneten Lecher, der durch seine Sprechanuskeln zur europäischen Berühmtheit gelangt ist, ist ein Symptom. Wenn man Gedanken hätte, brauchte man nicht so viel zu reden.

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DAS TAGESGESPRÄCH VON HEUTE

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Ein seltenes Ereignis haben wir in diesen Tagen erlebt. In Deutschland hat wieder einmal ein Buch Erfolg. Der Reichs-gerichtsbeamte a. D. Otto Mittelstädt hat in seinem Ruhe-sitze Montreux seine politische Weisheit zu Papier gebracht. Alle Welt spricht heute von dieser Weisheit, die 146 Druck-seiten anfüllt und unter dem Titel «Vor der Flut» der Öffent­lichkeit übergeben worden ist. In wenigen Tagen haben diese 146 Seiten mehrere Auflagen erlebt. Augenbliddich ist es nicht leicht, in Berlin ein Exemplar aufzutreiben. Man wird in 8 bis ,0 Buchhandlungen mit der Auskunft abgefertigt:

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«Momentan vergriffen». In der elften begegnet man Blicken von seiten des Buchhändlers, die besagen: Schätze dich glück­lich, daß du hier das Büchlein noch erhältst; wärest du eine Viertelstunde später gekommen, du hättest lange nach den «sensationellen» Broschüre suchen können. So etwas war nicht da, seit der Rembrandtdeutsche die Öffentlichkeit mit seinem unermeßlichen Erziehungsbuche überrascht hat, und seit das Schriftchen «Caligula» mit wenig witzigem Bezug auf die Gegenwart römische Geschichten unter die Leute brachte, die man ohne den mißlungenen Witz in jedem Buch über römische Geschichte lesen kann.

Mit «Rembrandt als Erzieher» spielte sich ein sonderbares Schauspiel ab. Wenn man vierzehn Tage lang durch Gast­höfe zieht und sich in die Nähe «besserer» Stammtische setzt, so kann man die phrasenhafte Wissenschaft zu hören be­kommen, die der Rembrandtdeutsche aufgetischt hat. Man braucht sich nur Zettelchen mitzunehmen und das Gehörte immer schnell nachzuschreiben. Auf jeden dieser Zettel schreibt man dann zu Hause noch einen passenden - oder noch besser einen unpassenden - Ausspruch eines bedeuten­den Mannes. Dann schicke man diese Zetteichen in eine Druckerei und lasse sie hintereinander abdrucken. So wird ein Buch von dem Charakter, dem Wesen und der Bedeutung von «Rembrandt als Erzieher» entstehen. Ich habe mich nach der Lektüre des zusammengestoppelten, mit billiger Weis­heit gefüllten Buches immer wieder gefragt: wie konnten kluge Leute ein solches Ding als europäisches Ereignis aus­posaunen? Aber man muß sich gewöhnen, an das Absurde als Wirklichkeit zu glauben, wenn man über das Geheimnis eines literarischen Erfolges nachgrübeln will.

Und heute erleben wir mit den politischen Unbeträchtlichkeiten

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des Herrn Mittelstädt das gleiche Schauspiel. Wenn man davon absieht, daß Mittelstädt einen ziemlich guten Stil schreibt und seine Allerweltsweisheit geschmackvoll aus­zudrücken versteht, so ist in seinen 146 Druckseiten nichts zu finden, was auf irgendeine Beachtung Anspruch machen kann. Wahrheiten wie die folgenden bilden den Inhalt. «Des Parlamentarismus insbesondere ist man bis zum physischen Ekel satt geworden. In Deutschland müssen überdies schon die unitarischen Bedürfnisse der Nation eine gewisse Tendenz zur Alleinherrschaft begünstigen. Alledem gegenüber türmen sich gerade in der Gegenwart zahllose Schwierigkeiten und Gefahren auf, denen jedes persönliche Regiment gewachsen sein soll.» «In energischer Ausgestaltung des Reichsgedan­kens müssen wir dahin streben, den gefährlichen Übergangs-zustand von heute tunlichst schnell zu überwinden.» «Deutschland liegt nicht auf einer einsamen Insel, sondern im Herzen des alten Europa, allen Stürmen und Erschütte­rungen ausgesetzt, die hier und dort loszubrechen drohen.» Wenn es in Montreux keine Kaffeehäuser geben sollte, in denen man aus den Zeitungen derlei Wissenschaft jeden Tag lesen kann, so müßte sich Herr Mittelstädt eine und die an­dere Zeitung selbst halten, damit er wisse, wie unnötig es ist, solche Dinge in einer besonderen Schrift zu sagen. Noch schlimmer sind die Selbstverständlichkeiten, die der Bro­schürenschreiber mit einem Tone hinschreibt, als wären sie unerhörter Einsicht entsprossen. «Kalser und Reich müssen sich entweder im Sinne der staatlichen Einheit vorwärts oder sie müssen sich auf dem Wege der Vielstaaterei rückwärts entwickeln, - einen Stillstand, ein Beharren auf dem Be­stehenden gibt es, wie die Dinge in Deutschland einmal liegen, schlechterdings nicht.»

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Man könnte die Kritik, die sich aus derlei Selbstverständ­lichem oder aus gangbaren Gemeinplätzen zusammensetzt, verzeihen, wenn der Verfasser etwas Vernünftiges darüber zu sagen hätte, was er an Stelle der von ihm so arg an­gefochtenen Verhältnisse der Gegenwart zu setzen wünscht. Aber mit seinen positiven Vorschlägen ist er nicht glücklicher als mit seinen Nörgeleien. «Überschaue ich die einmal ge­gebenen Verhältnisse deutscher Gegenwart, die allgemeinen und die individuellen Potenzen, auf die wir angewiesen sind, sehe ich völlig ab von allem Wünschenswerten und halte mich ausschließlich an das Ausführbare, so weiß ich heute nur noch ein heroisches Mittel, das die Monarchie und den monarchischen Einheitsstaat aus der demokratischen Ver­sumpfung herauszureißen geeignet wäre: das ist der Krieg. Für und wider die Majestät des Krieges ist mit sittlicher Ent­rüstung und pathetischer Begeisterung viel Aufwand schöner Worte getrieben worden. ... Ich für meinen Teil meine mit dem großen Florentiner: jeder Krieg ist gerecht und heilig, der um gerechter und heiliger Ziele willen geführt wird. All unser Leben ist Kampf gegen die uns feindlichen Natur­gewalten um uns und in uns. Auch die dumpfen, schweren, tierischen Massen elementarer Menschheit gehören zu den Naturkräften, deren Bändigung oder Vernichtung unabwend­bare Voraussetzung sittlicher Fortentwicklung ist. » Also um die dumpfen, schweren, tierischen Massen elementarer demo­kratischer Menschen zu bändigen, soll freiwillig ein Krieg entfesselt werden? Es ist keine Fabel, es steht in der Schrift des Herrn Mittelstädt. Was sagen die Friedenskämpfer zu solcher Weisheit? Man braucht ihr Anhänger nicht zu sein, um das Kriegsgeschrei Mittelstädts unvernünftiger zu finden als das utopistische Gezänke der Friedenskongresse.

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Es wäre betrübend, wenn der Erfolg des Buches Mittel städts auf etwas anderes als auf Neugierde zurückzuführen wäre. Begreiflich ist, daß jeder lesen will, was unter merk­würdigen Bedingungen in die Welt gesetzt wird. Schlimm wäre es, wenn sich wieder Köpfe fänden, die Mittelstädts Schrift für hohe politische Weisheit halten, wie sich solche gefunden haben, welche die Phrasen des Rembrandtdeutschen als europäisches Ereignis hingestellt haben.

#TI

DIE INSTINKTE DER FRANZOSEN

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Es ist nicht gerade leicht, sich ein zutreffendes Urteil über einen einzelnen Menschen zu bilden. Es kann vorkommen, daß wir jemand bis in die tiefsten Gründe seiner Seele hinein zu kennen glauben und daß er uns doch eines Tages mit einer Tat überrascht, die wir ihm nie und nimmer zugemutet hätten. Viel dunkler als die Einzelseele ist aber die geheim­nisvolle Macht, die man als Volksseele, als Inbegriff der Volksinstinkte bezeichnet.

Unglaubliche Überraschungen kann diese Volksseele be­reiten. Wenn die Dinge, die sich jetzt in Frankreich abspielen und deren bedauernswürdiges Objekt der Hauptmann Drey-fus ist, mir als Inhalt eines Romans entgegenträten, so würde ich wahrscheinlich den Verfasser als einen Phantasten be­zeichnen, dessen Einbildungskraft die Wirklichkeit in un­erhörter Weise verzerrt, ja fälscht. Man muß fast jeden Tag umlernen, wenn man die Wirklichkeit verstehen will.

Trocken und nüchtern will ich sagen, was ich meine. Ich habe den Kapitän Dreyfus immer für unschuldig gehalten. Kein einziger der Eindrücke, die ich von dem ersten Tage der Verhandlungen über seine Angelegenheit empfangen

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habe, hat mich in dieser meiner Überzeugung auch nur einemrs Augenblick wankend machen können.

Ich will von den Gründen meiner Überzeugung absichtlidi nur den allerschwächsten nennen. Wer Menschencharaktere beurteilen kann, wird mich verstehen. Ich sage mir: wer wirklich begangen hat, wessen Dreyfus beschuldigt wird, ver hält sich vor und nach der Verurteilung nicht so, wie der Kapitän sich verhalten hat. Alles, was er sagte und tat, trug einen Charakter, der auf das tiefste Bewußtsein der Unschuld hindeutet. Wenn mir heute jemand unwiderlegliche Beweise für die Schuld dieses Mannes brächte, so wäre ich fast ver­sucht, an ein Wunder zu glauben.

Und dennoch haben die Instinkte eines Volkes Dreyfus verurteilt! Unergründlich scheinen mir die Triebfedern dieser Instinkte. Wer da von nationalem Chauvinismus redet, scheint mir eine Banalität auszusprechen. Er will mit einem Wort über große Rätsel hinwegkommen. Wie leicht ist es doch, mit einem solchen Wort sich über die Unbegreiflich­keiten der Wirklichkeit hinwegzuhelfen!

Und was geht heute in Frankreich vor! Man lese, was die Besten der Nation über die Angelegenheit sagen, und man lese, was die zahlreichen andern in der Sache tun. Der gründ­liche Kenner der Menschenseele, Zola, will Dreyfus' Sache zu seiner eigenen machen. Der feinsinnige Octave Mirbeau denkt ebenso. Und ein Mann wie Scheurer-Kestner, an dessen edler Gesinnung zu zweifeln ein Frevel an der Menschen-natur wäre, setzt sich für den unglücklichen Kapitän ein. Und das alles genügt nicht, keinen Tag zu verlieren, um über Schuld oder Unschuld des schwergeprüften Mannes Klarheit zu gewinnen. Die Wunderlichkeit der Sache wäre das her­vorragendste Gefühl, das man hätte, wenn sie nicht ganz

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von der Traurigkeit über die Sache in den Schatten gestellt würde.

Dennoch kann ich es nur wunderlich nennen, wenn Schrift­steller, deren Talent ich nach ihren Leistungen aufs höchste schätzen muß, über die Sache sich so aussprechen, wie ich es zum Beispiel vor kurzem in der «Zukunft» gelesen habe. Von all den Wunderlichkeiten, die ein klügelnder Verstand gegen die naive menschliche Empfindung aussprechen kann, scheint mir die wunderlichste, wenn man sagt: wir Deutsche hätten keinen Grund, uns in die Angelegenheiten der Fran­zosen zu mischen. Ja, hört denn menschliches Mitgefühl da auf, wo die Strafgesetzparagraphen eines Staates aufhören? Ist die Staatsangehörigkeit ein Tyrann, der unsere Empfin­dung stumpf macht gegen jeden Fremden? Ich kann die Klugheit solcher Menschen nicht begreifen, die ihre Empfin­dungen nach Diplomatenmanier einrichten. Durch Bismarcks großes Vorbild ist solche Knebelung der Empfindungen sogar schon für Diplomaten veraltet.

Nichts kann uns abhalten, mit einem Menschen, der nach unserer Meinung unschuldig leidet, Mitgefühl zu haben. Das leugnen natürlich auch diejenigen nicht, die ihre Gefühls­äußerungen nach dem Muster der alten Diplomaten ein­richten.

Aber es gibt Leute, die es uns übel nehmen, wenn wir unseren Empfindungen einem Franzosen gegenüber aufrichtig und unverhohien Ausdruck geben. Spricht und schreibt man denn, um seine Empfindungen zu verschweigen? Mir scheint es fast als Pflicht, daß in dieser Sache jeder, der imstande ist die Feder zu führen, so deutlich wie möglich gegen die Stimme eines ganzen Volkes sein Urteil frei heraussage. Es handelt sich um eine Angelegenheit, welche die ganze gebildete

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Menschheit interessiert. Wer lebhaft empfindet, kann seine Empfindungen auch gegenüber einem Franzosen nimt zurückhalten; selbst wenn er wollte.

Ein Gefühl von Unsicherheit überkommt uns, wenn wir sehen, daß in einer ziemlich einfachen und doch folgen-schweren Sache große Volksmassen anders urteilen als wir selbst. Bei großen Dingen, die tiefe Einsicht fordern, sind wir an eine solche Disharmonie zwischen dem Volksinstinkt und dem Urteil des Einzelnen gewöhnt. Aber der Fall Drey­fus fordert keine tiefe Einsicht. Mir scheint, daß da jeder klar sehen kann, der sehen will. Wer den Eindruck hat, daß der Kapitän unschuldig ist, könnte nur durch Dinge um-gestimmt werden, von denen bisher auch nicht einmal ein flüchtiger Schein in die Öffentlichkeit gedrungen ist.

Wir fragen uns: Wie sollen wir unser Leben einrichten, wenn unser Glaube an den richtigen Fortgang der Welt-ereignisse jeden Tag in solcher Weise erschüttert werden kann? Um zu leben, müssen wir den Glauben haben, daß unsere Einsicht in die Menschheitsentwicklung nicht jeden Tag in dumpfe Ungewißheit und Unsicherheit verwandelt werden könne.

Solche Gedanken muß die Behandlung des Hauptmanns, der auf der Teufelsinsel schmachtet, in uns anregen.

Den Leuten, die mich darob auslachen, daß ich eine solch einzelne Tatsache mit der ganzen Menschheitsentwicklung zusammenbringe, gönne ich ihr Lachen. Und wenn es zu ihrer Gesundheit beiträgt - man sagt, Lachen sei immer gut -, so freue ich mich sogar. Höchstens gestatte ich mir, solchen Leuten gegenüber zu bemerken, daß nichts klein genug ist, um nicht Fragen anzuregen, die uns bis ins Tiefste unserer Seele hinein erschüttern.

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EMILE ZOLA AN DIE JUGEND

#TX

Zolas Persönlichkeit scheint mit jedem Tage vor uns zu wachsen. Es ist, als lernten wir ihn erst jetzt ganz verstehen. Der fanatische Wahrheitssinn, der ihm eigen ist, hat uns in seinen Kunstschöpfungen doch oft gestört. Jetzt, wo ihn dieser Wahrheitfanatismus in einer rein menschlichen Sache zu kühnem, heldenmäßigem Handeln führt, können wir nur Gefühle rückhaltloser Zustimmung, Verehrung haben. Was er seit Jahrzehnten als Künstler angestrebt hat, die reine, nackte Wahrheit zum Siege zu bringen: das stellt er sich jetzt in einer Angelegenheit zur Aufgabe, die er durch Lüge, Verleumdung, Feigheit, Eitelkeit und jämmerliches Vor­urteil entstellt glaubt. Man mag über den unglücklichen Hauptmann auf der Teufelsinsel denken, wie man will:

die Art, wie sich Emile Zola seiner Sache annimmt, wird immer zu den bemerkenswertesten Erscheinungen unserer Zeit gehören.

Als bewundernswerter Tatenmensch lebt sich seit Wochen Zola vor uns aus. Jede Einzelheit, die wir über ihn hören, gräbt sich uns tief ins Herz. Jedes Wort, das er in der Gerichtsverhandlung, die über ihn geführt wird, spricht, ist der Ausdruck eines großen Mannes. Daß er unbehilflich in mündlicher Rede ist und nur schwer die Worte findet, um die schwerwiegenden Empfindungen, die in seiner Seele leben, auszusprechen, stimmt wunderbar zum Bilde der großen Persönlichkeit.

Vor mir liegt der Brief, den er vor kurzem an die franzö­sische Jugend gerichtet hat. Ein Dokument unserer Zeit ist dieser Brief. Nicht sonderlich große Wahrheiten weiß er der Jugend zu sagen. Nur ein feines Etwas unterscheidet Zolas

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Sätze von den Dingen, die mancher beliebige Freiheit- und Gleichheitschwärmer auch an die Jugend richten könnte. Aber dieses Etwas ist eine Unendlichkeit. Es ist der Gefühls-inhalt einer Persönlichkeit, die alle Vorstellungen, welche uns von überwundenen Zeiten trennen. als tiefsten eigenen Seeleninhalt aus sich ausströmt.

Ich kann mir nüchterne Beurteiler denken, welche in Zolas Brief an die Jugend (er ist in Übersetzung bei Hugo Steinitz, Berlin SW., erschienen) nur liberale Alltagsphrasen finden. Auf das Lesen zwischen den Zeilen verstehen sich diese nicht. Zwischen den Zeilen stehen die Gefühle, die das Wert­vollste an dem Briefe sind.

Denken kann ich mir, daß ich lächelte, wenn ich in der Rede irgendeines Demagogen die Worte hörte: «0 Jugend, 0 Jugend, sei eingedenk der Leiden, welche deine Väter er­duldet haben, der fürchterlichen Kämpfe, in denen sie siegen mußten, um die Freiheit zu erobern, deren du dich heute erfreust. Wenn du dich heute frei fühlst, wenn du nach deinem Belieben gehen und kommen, deine Gedanken durch die Presse aussprechen kannst, eine Meinung haben und ihr öffentlich Ausdruck geben kannst, so verdankst du das alles der Intelligenz und dem Blute deiner Väter. Ihr Jünglinge, ihr seid nicht unter einer Gewaltherrschaft geboren, ihr wißt nicht, was es heißt, jeden Morgen beim Erwachen den Fuß des Herrschers auf dem Nacken zu verspüren, ihr habt es nicht nötig gehabt, vor dem Schwerte eines Diktators, vor der falschen Waage einer schlechten Justiz zu flüchten.» Jenes Etwas, von dem ich gesprochen habe, bewirkt, daß mir diese Sätze in monumentaler Größe erscheinen.

Es scheint doch ein recht tiefer Sinn in dem Satze zu liegen: wenn zwei dasselbe sagen, ist es nicht dasselbe.

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Wir leben in einer Zeit, die reich an Widersprüchen ist. Um diese Widersprüche zu empfinden, brauchen wir Deutsche nicht erst an den Franzosen unsere Beobachtungen zu machen. Auch in unseren eigenen Reihen finden sich Erscheinungen genug, die uns erröten machen.

Was man als «Jugend» bezeichnet, ist nicht einmal das Schlimmste. Die Verwirrung ist am größten bei den Män­nern, die heute in den Dreißigern stehen. Da gibt es die sich modern dünkenden Persönlichkeiten, die sich nicht schämen, ihre Sympathien für reaktionäre Vorstellungen auszusprechen. Solche Moderne in den besten Jahren können wir den Ten­denzen junkerhafter Cliquen zustimmen hören; und aus ihrem Munde müssen wir es vernehmen, daß die liberalen Gedanken unseres Jahrhunderts eine Kinderkrankheit un­serer Zeit seien. Wie «weise» sprechen solche Männer nicht oft von dem «abstrakten» Freiheitsgedanken, der angeblich dem widersprechen soll, was sie als wirkliche Staatsnotwen­digkeit ausposaunen.

Es ist empörend, wenn das Gefühl für einfache, banale Ge­rechtigkeit verloren geht, weil die Staatsnotwendigkeit for­dern soll, daß man diesem Gefühle nicht freien Lauf lasse! Über aller Staatsnotwendigkeit steht die Menschlichkeit, der ihr Recht werden muß. Die journalistischen Staatsmännlein muß ich belächeln, die da sagen: «Die französischen Gerichte haben über den Hauptmann Dreyfus gesprochen, und wir Deutsche haben uns da nicht hineinzumischen; was würden wir sagen, wenn Franzosen zu Gerichte sitzen wollten über einen Spruch, den man bei uns gefällt hat in den äußeren Formen des Rechtes! »

Zola hat die schwerste Anklage erhoben gegen das Urteil, das über den Kapitän Dreyfus erflossen ist. Ein Verbrechen

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hat er dieses Urteil genannt. Er hat die Menschen, die dieses Urteil herbeigeführt haben, als Verbrecher gebrandmarkt. Man klagt ihn deswegen an. Ob er recht hat oder nicht, das kann von nichts anderem abhängen, als allein davon, wie man über Schuld oder Unschuld von Alfred Dreyfus zu denken hat. Aber davon darf mit keinem Worte bei der Verhandlung gesprochen werden, die man über Zola führt. Über Dreyfus zu sprechen, verbietet die Staatsnotwendigkeit Ich habe keine Worte, um die Gefühle auszusprechen, die sich für mich an diese Tatsache knüpfen.

Wohin kommen wir, wenn wir in dieser Richtung uns weiter entwickeln?

Wie überzeugend, wie klar, wie einleuchtend dem unbe­fangenen Empfinden klingen Zolas Worte: «Ein Offizier ist verurteilt worden und niemand denkt daran, den guten Glau­ben seiner Richter anzuzweifeln. Diese haben ihn nach ihrem besten Meinen verurteilt auf Grund von Beweisstücken, welche sie für zuverlässig hielten. Da entstehen eines Tages zuerst bei einem und dann bei mehreren Zweifel. Diese Leute gelangen schließlich zu der Überzeugung, daß ein Be­weisstück, und zwar das wichtigste, das einzige wenigstens, von dem bekannt geworden ist, daß sich die Richter darauf gestützt haben, fälschlicherweise dem verurteilten Ange­klagten zugeschrieben worden ist, ja daß sogar dieses Be­weisstück zweifellos von der Hand eines andern herrührt. Sie machen diesen andern namhaft, und derselbe wird von dem Bruder des Gefangenen bezichtigt, wie es dessen Pflicht gebot. Auf diese Weise erzwingen sie, daß ein neuer Prozeß beginnt, bevor sie daran gehen, die Revision des ersten her beizuführen, welche auf Grund einer Verurteilung im andern Prozeß erfolgen muß.» Wie mysteriös, um nicht ein anderes

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Wort zu gebrauchen, nimmt sich gegenüber dieser unzwei­deutigen Rede das Gespenst der Staatsnotwendigkeit aus!

Zola sagt: «Die Sache ist eben die: ein falscher Richter-spruch ist in die Welt gegangen; gewissenhafte Männer sind gewonnen worden, haben sich zusammengetan, widmen sich der Sache mit immer größerem Eifer und setzen ihr Vermögen und ihr Leben aufs Spiel, nur damit der Gerechtigkeit Genüge geschehe! »

Die journalistischen Staatsmännlein aber sagen: «Die fran­zösische Regierung ist nicht verpflichtet, gegen den Willen der Mehrheit der Bevölkerung ein Wiederaufnahmeverfahren ein­zuleiten, weil Dreyfus nach den in seinem Lande geltenden Regeln einmal verurteilt worden ist». Einem Zeitungsschrei­ber obliegt es nicht, zu konstatieren, daß es in allen Ländern der Brauch ist, bei Landesverratsprozessen ähnlich zu ver-fahren, wie man in Frankreich beim Falle Dreyfus verfahren ist. Ihm steht es besser an, das Widerliche eines solchen Brauchs zu charakterisieren.

Doch was rede ich viel von den freiwilligen Schleppträgern staatsmanruscher Einsicht! Als Vertreter einer Zeitschrift, die der freiheitlichen Entwicklung dienen soll, will ich lieber aus vollem Herzen meinem Gruß hinübersenden dem großen Künstler, der heute vor den Schranken des Gerichts in uner­schrockenster Weise all dem dient, was dem wahren Fort­schritt frommt.

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#TI

ZOLAS SCHWUR

UND DIE WAHRHEIT ÜBER DREYFUS

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Die monumentale Rede, welche Emile Zola vor dem franzö­sischen Gerichtshofe verlesen hat, gehört nicht nur der Ge­schichte des Prozeßwesens; sie gehört der Literatur an. In Zolas gesamten Werken wird sie einen Ehrenplatz einneh-men, denn sie läßt uns tiefe Blicke in die Seele des großen Schriftstellers, des tapferen, bewundernswerten Kämpfers für Wahrheit und Rechtlichkeit tun. Heldenhaft erscheint mir der Schluß dieser Rede. Einen solch feierlichen Schwur bei allem, was ihm heilig ist, bat ein Mann getan, in dem der Wille zur Wahrheit in höchster Vollendung vorhanden ist.

Alle, die in der Dreyfusangelegenheit klar sehen, deren Instinkte nicht durch kleinlichen Chauvinismus oder übel an­gebrachte Staatsweisheit irregeführt sind, müssen die Empfin­dungen, die Zola zu diesem Schwur drängten, auch in sich verspüren.

Und nach der Rede, die Zolas großer Anwalt mit so viel Glut und so viel Überlegenheit gehalten hat, ist es nicht schwer> klar zu sehen. Nur unheilbare Blindheit für Recht und Menschlichkeit kann noch an Dreyfus' Unschuld zweifeln. Man braucht bloß gesunden, unverdorbenen Menschenver­stand zu haben, um hier die Wahrheit zu sehen.

Für diejenigen, die sehen wollen, brauche ich diese Zeilen nicht zu schreiben. Aber es gibt in dieser Sache ein Mittel, auch diejenigen zum Sehen zu zwingen, die sich der Wahrheit verschließen wollen. Zola hat gesagt: die maßgebenden Per­sönlichkeiten wissen die Wahrheit. Jawohl, sie kennen sie. Und ich will hier schlicht erzählen, was die Wahrheit ist. Wie sich eine auf wichtigsten Posten stehende Persönlichkeit,

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welche diese Wahrheit kennen muß, und die in keiner Weise in der Sache Partei ist, ausgesprochen hat, will ich erzählen.

Es war im Jahre 1894, da suchte Frankreich ein Bündnis mit Rußland. Die russische Regierung erhielt damals von der französischen alle die Angaben über das französische Heer ausgeliefert, die Dreyfus verraten haben soll. In Rußland kam raan den Angaben der französischen Regierung mit einigem Mißtrauen entgegen. Man suchte nach einer zweiten Quelle, um sich Einblick in die militärischen Verhältnisse Frankreichs zu verschaffen. Und nun bedienten sich die französischen Staatslenker Esterhazys. Ihm wurden die den Russen nötigen Angaben ausgeliefert. Er lieferte sie an Rußland weiter. Dort wollte man durch einen Verräter die offiziellen Angaben be­stätigt haben. Die Briefe, in denen er dies tat, wurden unter­zeichnet: Kapitän Dreyfus. Es soll sich um etwa zwanzig Briefe handeln. Auf Dreyfus verfiel man, weil dessen Hand­schrift derjenigen Esterhazys ähnlich ist. Um die Sache vöffig einleuchtend zu machen, mußte den Russen der Scheinbeweis geliefert werden, daß ihnen wirklich ein Verräter die wich­tigen Mitteilungen gemacht hat. Esterhazy hatte man zuge­sichert, daß von seiner Rolle niemals gesprochen werden soll. Um seinen Angaben den notwendigen Nachdruck zu geben, mußte man die Entrüstung über den Verrat öffentlich kund-geben: und zu diesem Zwecke opferte man Alfred Dreyfus. Mit seinem Leben wurde Rußlands Glaube an Frankreich erkauft.

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#TI

UNZEITGEMÄSSES ZUR GYMNASIALREFORM

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Es ist jetzt viel von Gymnasialreform die Rede. Wenn man die Berichte über Verhandlungen liest, die über diese Sache geführt werden, bekommt man einen sonderbaren Eindruck. Es wird über alles mögliche gesprochen, über die Hauptsache aber wenig. Ob ein paar Stunden für den lateinischen und griechischen Unterricht mehr oder weniger angesetzt werden sollen oder nicht, ob der deutsche Aufsatz in dieser oder jener Weise gepflegt werden soll: darüber gibt es endlose Debatten. Und doch sind diese Dinge die gleichgültigsten der Welt. Der Hauptmangel unseres Gymnasiums ist mit Händen zu greifen. Es tut ganz und gar nichts dazu, seine Zöglinge bis zu dem Punkte zu bringen, an dem sie imstande sind, das moderne Geistesleben zu begreifen.

Oder ist es nicht richtig, daß der absolvierte Gymnasiast von heute ratlos gegenübersteht der eigentlichen Grundlage unserer Welt- und Lebensauffassung, den modernen natur­wissenschaltlichen Ideen? Was Sokrates, was Plato gelehrt, was Cäsar geschrieben hat, ist kein lebendiger Bestandteil unseres Geisteslebens. Was Darwin geoffenbart, was die moderne Physiologie, Physik, Biologie enthüllen, sollte es werden.

Es fällt mir nicht ein, den Bildungswert der Griechen und Römer zu unterschätzen. Doch bin ich der Ansicht, daß das Vergangene nur dann für die Bildung unserer Zeit den rechten Wert erhält, wenn es aus dem Gesichtswinkel der Gegenwart gesehen wird. Wer den Inhalt unserer Zeitbildung nichr kennt, kann auch zu Sokrates und Plato nur in ein schiefes Verhältnis kommen.

Mit dem Geiste der Gegenwart müßte alles Lehren auf dem

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Gymnasium erfüllt sein. Menschen, die von diesem Geiste durchdrungen sind, sollten allein Lehrer sein. Man sage nicht, daß es gleichgültig sei, ob der Lehrer des Griechischen oder Lateinischen von moderner Naturwissenschaft etwas versteht oder nicht. Im Geistesleben hängt alles zusammen. Tausend Einzelheiten wird ein moderner Geist anders lehren als ein in der klassischen Philologie eingerosteter, der nichts kennt als sein «Fach».

Unabsehbare Konsequenzen für unser ganzes Geistesleben hätte es, wenn unsere Gymnasiasten im Sinne der natur-wissenschaftlichen Weltauffassung unserer Zeit erzogen wür­den. Unser gesamtes öffentliches Leben müßte eine andere Gestalt annehmen. Zahlreiche Diskussionen über das Verhält­nis von Religion und Wissenschaft, von Glauben und Wissen usw. würden uns erspart bleiben. Es würden nicht mehr Dinge vorgebracht werden können, die vom Standpunkte des moder­nen Denkens längst abgetan sind.

Man wende nicht ein: die Ansichten der naturwissenschaft­lichen Weltanschauung seien zum größten Teile noch Hypo­thesen, die erst noch der Prüfung bedürfen. Ihnen gegenüber sei jeder Zweifel berechtigt. Ich müßte erwidern: das gilt jeder Ansicht gegenüber, der alten nicht minder als der neuen. Aber wir haben nicht die Aufgabe, unserer heranwachsenden Generation Überzeugungen zu überliefern. Wir sollen sie dazu bringen, ihre eigene Urteilskraft, ihr eigenes Auffas­sungsvermögen zu gebrauchen. Sie soll lernen, mit offenen Augen in die Welt zu sehen.

Ob wir an der Wahrheit dessen, was wir der Jugend über­liefern, zweifeln oder nicht: darauf kommt es nicht an. Unsere Überzeugungen gelten nur für uns. Wir bringen sie der Jugend bei, um ihr zu sagen: so sehen wir die Welt an; seht

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zu, wie sie sich euch darstellt. Fähigkeiten sollen wir wecken, nicht Überzeugungen überliefern.

Nicht an unsere «Wahrheiten» soll die Jugend glauben, sondern an unsere Persönlichkeit. Daß wir Suchende sind, sollen die Heranwachsenden bemerken. Und auf die Wege der Suchenden sollen wir sie bringen. Wie wir mit den Dingen uns abfinden, sagen wir unsern Nachkommen und überlassen es ihnen, wie ihnen dasselbe gelingt.

Nicht vorenthalten dürfen wir den Gymnasiasten deshalb den Inhalt dessen, was wir als Ersatz der von uns überwun­denen religiösen Vorstellungen gewonnen haben. Sie sollen nicht mit Empfindungen heranwachsen, die dem modernen Denken widersprechen.

Viele werden das von mir Gesagte für die Ausgeburt der Phantasie eines Menschen halten, der so sehr eingenommen ist von den Ideen der naturwissenschaftlichen Weltanschau­ung, daß er gar nicht bemerkt, wie sehr er damit die entgegen­gesetzten Empfindungen anderer übersieht. Darauf kommt es nicht an. Jene anderen betonen ihre Forderungen. Wir wollen dasselbe mit den unsrigen tun. Kein katholischer Bischof wird sich scheuen, die Schule in seinem Sinne zurück zu reformieren; wir wollen auch ohne Rücksicht unsere Meinung sagen über den Weg, der dahin führen muß, wo wir die Welt haben wollen. Mäßigung stumpft die Waffen.

DER UNIVERSITÄTSUNTERRICHT UND DIE ERFORDERNISSE DER GEGENWART

#G031-1966-SE235 - Gesammelte Aufsätze zur Kultur- und Zeitgeschichte 1887 - 1901

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DER UNIVERSITÄTSUNTERRICHT UND DIE ERFORDERNISSE DER GEGENWART

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Wir leben nun einmal in der Zeit der Reformen. Das «Volk» will von unten herauf, die Regierungen von oben herab neue Zustände herbeiführen. Deshalb kann man sich nicht wun­dern, wenn an verschiedenen Stellen Reformgedanken auch über die konservativsten Einrichtungen unseres öffentlichen Lebens, die Universitäten, auftauchen. Von Überilüssigkeiten wie der sogenannten «Lex Arons» spreche ich hier nicht. Sie wird ein unschädliches Gesetz sein, wenn man sie nicht miß­braucht. Aber welches Gesetz gibt keinen Anlaß zu Mißbräuchen! Mißbraucht man dieses Gesetz, dann wird es schäd­lich sein; mißbraucht man es nicht, dann ist es unnötig. Aber es ist doch müßig, stets immer den gesetzgebenden Körper­schaften die Frage aufzuwerfen: wozu? Man will doch auch etwas zu tun, zu sprechen, und zu - reformieren haben. Ich möchte von etwas anderem reden, das mir wichtiger erscheint, weil es von einem Manne herrührt, der Erfahrung auf dem einschlägigen Gebiete hat, und dem es darum zu tun ist, Bes­serung zu schaffen auf einem Gebiete, dem er sich mit allen seinen Kräften gewidmet hat. Ernst Bernheim hat soeben ein Schrjftchen herausgegeben, das den «Universitätsunterricht und die Erfordernisse der Gegenwart» (Verlag S. Calvary & Go., Berlin 1898) behandelt. Der Verfasser weiß tief-liegende Schäden aufzudecken. Schäden die bekannt sind. Denn er geht davon aus, daß «heute» die Studenten mehr schwänzen, als dies ehedem der Fall war, und als dies bei bescheidensten Ansprüchen wünschenswert ist. Und - ge­wiß im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen - sucht der Verfasser die Ursache nicht - bei den Studenten, sondern

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in der Eigentümlichkeit des Universitätsunterrichtes. Er findet, daß die Vorlesungen für die Studenten zu uninter­essant geworden sind. Den Grund für diese Tatsache findet er darinnen, daß die Spezialisierung der Wissenschaften es gegenwärtig den Dozenten zur Notwendigkeit macht, kleine Gebiete mit Aufführung unendlicher Details zum Gegen-stande der sogenannten Privatvorlesungen zu machen. «Früher hat man z. B. allgemeine Weltgeschichte, allgemeine Geschichte des Altertums, des Mittelalters, der neueren Zeit im Rahmen einer solchen Vorlesung behandelt; jetzt unternimmt das kaum noch irgend jemand; man trägt die Geschichte des Mittelalters z. B. in einzelnen Abschnitten vor, wie Geschichte der Völkerwanderung, der deutschen Kaiserzeit, vom Interregnum bis zur Reformation, ja in noch kürzeren Abschnitten; außerdem wird Verfassungsgeschichte, Wirtschaftsgeschichte, Kirchen- und Kunstgeschichte in geson­derten Kollegien gelesen. Das ist nun ganz gut und schön für den, der sich zum Forscher ausbilden will und, um bei dem gewählten Beispiel zu bleiben, etwa das Mittelalter zu seinem Arbeitsfeld ausersehen hat; derjenige aber, der Lehrer werden und sein Staatsexamen in der Geschichte ablegen will, sieht sich so überhäuft mit derartigen Vorlesungen, wenn er in derselben Weise auch Altertum, Neuzeit u. a. m. kennen lernen soll, daß er nicht aus noch ein weiß. Anfangs macht er sich mit Zuversicht eines Neulings kühn daran, fünf, sechs, sieben Privatvorlesungen anzunehmen, bald jedoch reicht seine Kraft nicht aus, so viele Stunden täglich aufzupassen und nachzuschreiben. Er ist im günstigsten Falle so verständig, mehrere von den Vorlesungen ganz aufzugeben und sich auf das regelmäßige Hören einiger zu beschränken, meistens hält er sich verpflichtet, die einmal angenommenen nicht ganz

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und verfällt in regelloses , das ihm schließlich die ganze Sache verleidet, ihn mutlos und gleichgültig macht.»

Bernheim wirft diesen Verhältnissen gegenüber die Frage auf, ob es denn gerechtfertigt ist, gegenüber der heute so weit gehenden Spezialisierung der Wissenschaften die Einrichtung der Privatvorlesungen überhaupt noch aufrechtzuerhalten. Will ein Dozent alle Einzelheiten seiner Wissenheit heute vorbringen, so muß er sich so sehr in das Spezielle verlieren, daß ihm keine Zeit übrig bleibt, die großen, leitenden Ge­sichtspunkte vorzubringen in seiner persönlichen Auffassung. Dazu kommt, daß es nicht einmal mehr notwendig ist, diese Summe der Einzelheiten im Kolleg vorzubringen. Denn wir besitzen gegenwärtig über diese Einzelheiten Kompendien, die ausgezeichnet sind, und von deren Vollendung man sich früher keine Ahnung hat bilden können. Von diesen Gesichts­punkten ausgehend, kommt Bernheim zu dem Resultate: man solle die Privatvorlesungen anders gestalten. Sie sollen über weit geringere Zeiträume ausgedehnt werden. Man solle in ihnen auf die Aufzählung und kritische Würdigung des Ein­zelnen verzichten und sich zur Aufgabe machen, orientierende Vorträge zu halten, in denen man die Auffassung über einen Gegenstand, die allgemeinen Gesichtspunkte entwickelt. Da­gegen sollen die praktischen Übungen an den Universitäten, die Arbeiten in den Seminarien eine größere Ausdehnung erfahren. Sie sollen nicht, wie jetzt, in späteren Semestern, sondern schon im Beginne der Universitätsstudien anfangen. Hier soll der Student die Methoden des wissenschaftlichen Arbeitens erlernen; hier soll er sich zum Forscher praktisch heranbilden.

Ich verkenne nicht die Vorzüge, die ein Universitätsunter­richt

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hätte, der im Sinne dieser Vorschläge eingerichtet wäre. Vor allen Dingen erscheint es mir sehr wünschenswert, die Privatvorlesungen im Sinne des Verfassers umzugestalten. Denn es ist nicht zu leugnen, daß vieles von dem, was heute auf dem Katheder gesagt wird, einfacher und bequemer aus den bestehenden Handbüchern zu gewinnen ist. Und vor allen Dingen wird eine solche Reform die Persönlichkeit der Uni­versitätslehrer mehr in den Vordergrund treten lassen. Und nichts wirkt auf den Menschen mehr als eben die Persönlich­keit. Durch eine eigentümliche, wenn auch noch so subjektiv gefärbte Auffassung wird ein empfänglicher Geist mehr ange­regt, als durch eine Unzahl «objektiver» Tatsachen.

Dagegen möchte ich dem Vorschlage Bernbeims bezüglich der praktischen Übungen nicht so unbedingt beistimmen. Für den Durchschnittsstudenten mag es wünschenswert sein, wenn er unter Anleitung eines Dozenten die Arbeitsmethoden bis in die Einzelheiten hinein lernt. Aber man sollte doch nicht immer auf den Durchschnittsmenschen bedacht sein. Man könnte es, wenn es wahr wäre, daß der bevorzugte Geist unter allen Umständen sich auch gegen alle fesselnden Hindernisse Bahn bricht. Aber das ist eben nicht wahr. Die Dinge, die man dem Durchschnittsmenschen zum Frommen macht, hindern den besseren Geist an der Entfaltung seiner Individualität. Sie bewirken eine Verkümmerung seiner Selbständigkeit. Und wenn man, wie es der Verfasser will, heim Examen den Nachweis fordert, an einer bestimmten Zahl von praktischen Übungen teilgenommen zu haben, so bildet eine solche Maß­regel für den, der seine eigenen Wege gehen will, eine Fessel. Der Schwerpunkt des Universitätsunterrichts muß in der per­sönlichen Anregung durch die Lehrer bestehen. Deshalb Vor­lesungen mit allgemeinen Gesichtspunkten und in persönlicher

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Auffassung. An den Übungen lasse man den teilnehmen, der das Bedürfnis hat. Bei den Prüfungen aber frage man nicht, was jemand während seiner Studienzeit getrieben hat, sondern was er leisten kann. Wie er sich seine Befähigung erworben hat, das muß gleichgültig sein. Man kann praktische Übungen abhalten für diejenigen, die sie brauchen, aber man mache sie nicht denjenigen zur Pflicht, die den Anforderungen des Examens auch ohne sie entsprechen.

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DER GOETHETAG IN WEIMAR

Bericht über die 14. Mitgliederversammlung

der Deutschen Goethe-Gesellschaft

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Die diesjährige Goethe-Versammlung fand am 4. Juni in Gegenwart des Großherzogs, des Erbgroßherzogs und der Erbgroßherzogin und einer stattlichen Menschenmenge statt. Von hervorragenden und bekannten Freunden seien hervor­gehoben, aus Berlin: Die Professoren Erich Schmidt und Carl Frenzel, Buchhändler Wilhelm Hertz, Bankier Meier-Gobn, Reichstagsabgeordneter Alexander Meyer, Ernst von Wilden­bruch, als Vertreter der «Rundschau» Dr. Paetow, ferner Dr. Osborn und andere. Aus Frankfurt a. M. waren erschie­nen: Professor Veit Valentin und der Bildhauer Rumpf. Die Universität Jena war durch den Kurator Eggeling und Profes­sor Michels vertreten. Aus Freiburg i. Br. war Friedrich Kluge erschienen. Von bedeutenden auswärtigen Bühnerkänstlern bemerkten wir außer Lewinsky, den ewig jungen Carl Sonn­tag und Edward von Darmstadt. Geheimer Hofrat Dr. Karl Ruland eröffnete die Versammlung mit einem Hinweis auf die unter Bernhard Suphans und Erich Schrnidts Redaktion

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zu Weihnachten erscheinende Festschrift der Goethe-Gesell­schaft, an der die Herren Dr. Karl Schüddekopf (Weimar) und Dr. Walzel (Bern) augenblicklich arbeiten. Sie wird be­handeln Goethes Verhältnis zu den Romantikern und nament­lich durch Herausgabe bisher unbekannter oder wenig beach­teter Briefe der beiden Schlegel, Arnims, Zacharias Werners und anderer ein besonderes Interesse gewinnen. Ferner be­merkte der Vorsitzende, daß vor kurzem wieder eine neue Übersetzung vom ersten Teile des Goetheschen Faust ins Englische aus der Feder eines Mr. E. Webb erschienen und in mehreren Exemplaren für Mitglieder der Gesellschaft ausge­legt sei (Verlag von Longmans Green & Co, 39 Paternoster Row, London). Sodann wies Ruland auf eine neue, am heutigen Tage zum ersten Male der Öffentlichkeit enthüllte Goethe-Büste aus dem Atelier des wohlbekannten Bildhauers Rumpf in Frankfurt a. M. hin, die aus dem lebendigen Grün der Blattpflanzen hinter der Rechierbühne verheißungsvoll herabgrüßte. Das von den Anwesenden mit Recht bewun­derte Werk stellt den jungen Goethe dar, etwa in der Zeit, als er nach Weimar kam (,775).

Darauf bestieg Professor Dr. von Wilamowitz-Möllendorf von der Berliner Universität die Rednerbühne und hielt einen formvollendeten, von tiefstem Nachdenken zeugenden Vor­trag über Goethes «Pandora». Dieses letzte Zeugnis von Goethes streng-klassischem Stil, so begann der Redner, sei ja schon vielfach Gegenstand eingehender Forschung gewesen; aber populär habe es nie werden können. Die meisten der Leser ständen wohl noch heute auf dem Standpunkte der Frau von Stein, die geäußert habe, daß nur einige Teile genieß­bar seien. Goethe gab das auch in liebenswürdiger Weise zu. Allein wir müssen, auch wenn wir an dem unserer Sprache

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fremden, ihr aufgezwungenen antiken Rhythmus Anstoß nehmen, doch den Versuch nicht aufgeben, dem Kerne der Dichtung immer mehr beizukommen. Ob Goethe sich im Epimetheus selbst geschildert, ob Frau von Levetzows Toch­ter und Minna Herzlieb sich in den Töchtern des Epimetheus widerspiegeln, wie behauptet ist, das sei zwar psychologisch von Wert, indessen zum Verständnis des künstlerischen Orga­nismus ganz nebensächlich. Bei der nun folgenden Inhalts­angabe weist Redner auf manches Rätsel bin, das unlösbar scheine, wie die Herkunft des Sohnes Prometheus', Phileros, der das Symbol hat des Triebes zum Höheren, zur Liebe. Das Liebesverhältnis zwischen Phileros und Epimeleia, auf dessen Ausführung Pamino und Pamina nicht ohne Einfluß geblieben zu sein schienen, habe Goethe glücklich aus dem Symbolischen heraus in das rein menschliche übergeführt. Das Schema der Fortsetzung des Gedichtes helfe wenig zur Klärung dieses Verhältnisses; jedenfalls habe Pandora mit dem Ölzweig erscheinen sollen, dem Symbol des Friedens, sie selbst als Vertreterin der Schönheit. Kunst und Wissen­schaft, vertreten durch Phileros und Epimeleia, seien als die Vermittler zwischen Himmel und Erde anzusehen. Prome­theus, versöhnt, wird den Ölkranz tragen und sich seiner Gebilde freuen; und Elpores Erscheinung am Ende weckt Mut und Hoffnung. Nach dem ersten Schritt zur menschlichen Kultur durch das Feuer scheine der Weg für Kunst und Wissenschaft geebnet. Aber Pandoras Lade sei dunkel, unver­ständlich. Könnte denn den Menschen Kunst und Wissen­schaft plötzlich vom Himmel in den Schoß fallen? Das sei ein Goethe ganz fremder Gedanke; denn der Mensch könne sich nur durch eigene Arbeit emporringen. Um in diese durch die Lektüre aufsteigenden Empfindungen Ordnung und Klarheit

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zu bringen, müsse man einmal die objektive Vorlage des Dichters, den mythologischen Niederschlag der Fabel betrach­ten, zweitens aber die Zeitverhältnisse und die Gemütsstim­mung ins Auge fassen, die den Dichter bei seinem Werke beeinflußt hätten. Goethe kannte wahrscheinlich die Über­lieferung des Hesiod, wenn er auch von ihm abweicht. Wohl auch nicht unbekannt war ibm die Fabel des Plato (Prota­goras) vom Feuerraub des Prometheus, wodurch der Mensch existenz:fähig wird, wenn er zunächst auch noch roh bleibt. Aidos und Dike als Göttinnen werden herabgesandt, die Scheu und das Gefühl für Gerechtigkeit. Die Schule Platos war gerichtet auf Eros, das heißt das Sehnen der Menschen nach der Unendlichkeit, die Wiederkehr der Pandora rege die Men­schen zur Arheit an, das sei der Hauptgedanke. Andererseits müsse man sich vergegenwärtigen, wie es in Weimar und in Goethes Seele nach dem Tilsiter Frieden (i 807) aussah. Anna Amalia war tot, ihr galt die Verherrlichung des Vorspieles: «Zur Eröffnung des Weimarischen Theaters am 19. September 1807.» Tiefe Gedanken beschäftigten den Dichter am 19. November in Jena, worüber die Tagebücher Auskunft geben; er studierte damals alte Philosophie, auch für ihn erblühte der Ölbaum im Garten des Prometheus. Pandora weist auf die Güter hin, die unverlierbar sind: Freiheit und Ideale. Über einem zertrümmerten Staate hatte Plato seine Akademie gegründet; über die Trümmer des deut­schen Reiches führte die Lade Pandoras herauf. Wer aber ist nun Pandora? Epimetheus hat sie besessen; er muß sie daher gekannt haben. Sie ist die Schönheit in tausend Gebilden und die Offenbarung der Form, um den Inhalt zu veredeln. ,I8'ex ist die beste Erklärung dessen, was Form heißt; man denke an Schillers «Ideale», und die Verbindung von Phileros und

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Epimeleia bekundet die Reife der Menschheit für Kunst und Wissenschaft. Hat unser Volk, zu dessen Charaktereigentüm­lichkeiten ja auch das Formlose, Ungebundene gehört, diese Mahnung wohl verstanden? Was noch nicht erreicht sei, das müsse künftiger Geschlechter Tätigkeit hervorbringen, auf dem Altar der Schönheit müsse das Feuer der Titanenklnder erhalten werden.

Im Vorhergehenden war es nur möglich, eine ganz kurze Skizze vom Inhalt des bedeutenden Vortrages zu geben, der im nächsten Bande des Goethe-Jahrbuches erscheinen wird.

Aus den Verhandlungen, die sich an den Festvortrag anschlossen, sei zunächst erwähnt der überaus witzige Kassen-bericht des Schatzmeisters der Gesellschaft, Kommerzierrat Dr. Moritz. Redner hob hervor, daß es auch im abgelaufenen Jahre der Gesellschaft leider nicht gegönnt gewesen sei, die Lücken, die der natürliche Lauf der Dinge und mancherlei persönliche Verhältnisse in den Mitgliederbestand gerissen, voll zu ergänzen. Der entsprechenden Mitgliederzahl des Jahres 1896 gegenüber sei im abgelaufenen Geschäftsjahr 1897 ein Ausfall von etwa 40 Mitgliedern zu verzeichnen. Indessen sei bei der Gediegenheit der jedes Jahr neben dem Jahrbuch erscheinenden Schriften, die doch nur anregend wir­ken könnten, ein erneuter Aufschwung zu erhoffen. Am 3 I. Dezember 1897 bestand die Gesellschaft aus 2635 Mitgliedern. Die Einnahmen und Ausgaben der Gesellschaft haben gegen das Vorjahr keine wesentlichen Änderungen erfahren. - Dagegen hat die Einrichtung des Gebäudes für das Archiv den Anlaß zu außerordentlichen Aufwendungen ge­geben (20000 M.), die jedoch ohne Inanspruchnahme des Reservefonds von rund 66 000 M. bis auf einen kleinen Rest durch die gewöhnlichen Einnahmen gedeckt sind. Der Bericht

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war, wie gesagt, von allerlei köstlichen Blumen entzückenden Humors durchsetzt. Eine insbesondere liebevolle Teilnahme erwies der Redner den weiblichen Mitgliedern, die früher 23, jetzt aber nur 15 vom Hundert aller Mitglieder ausmachen. Stürmische Heiterkeit erregte unter anderem die Darlegung der Gründe, die manche bisherige Mitglieder in letzter Zeit zum Austritt aus der Gesellschaft bewogen haben. Daß der Druck, der auf der «notleidenden Landwirtschaft» liegen soll, auch den Bestand der Mitglieder hat mindern können, das hätte sich vor dem Verlesen eines authentischen Schreibens aus diesen Kreisen durch den Herrn Schatzmeister wohl nie­mand träumen lassen. Redner schloß mit einem witzig auf sich angewendeten Worte Goethes von einer «kalten Musik, die erst fünf Stunden nach dem Anhören Herz und Gemüt zu erfassen vermöge». Er hoffe, daß seine Auseinander­setzungen eine ähnliche Wirkung auf die Zuhörer ausüben werden. Lauter Beifall folgte dem köstlichen Intermezzo des geistvollen Redners.

Darauf teilte Geheimer Hofrat Dr. B. Suphan mit, daß nicht nur die Bibliothek, die sich jetzt auf mehr als 4100 Bän­de belaufe, in erfreulichem Wachstum begriffen sei, sondern daß namentlich die Sammlung von Handschriften in letzter Zeit ganz bedeutende Zuwendungen von hohem Werte erfahren habe. So seien am 3. Juni vom Sohne des verstorbenen Dichters Viktor von Scheffel die Originalmanuskripte vom «Trompeter von Säckingen», von «Ekkehard», «Gaudeamus», «Juniperus», von den «Bergpsalmen» (z. T. mit Illustratio­nen), alles «wundervoll gefaßt», dem Großherzog übergeben worden. Die Frau Erbgroßherzogin habe wertvolle und um­fangreiche Originalhandschriften der einstigen Mitarbeiter am «Tübingen-Stuttgarter Morgenblatt für gebildete Stände»,

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das vom Bruder des Dichters Hauff redigiert wurde, dem Goethe-Schiller-Archiv zum Geschenk gemacht. Weiter führte Dr. Suphan aus, wie wenig berechtigt die gelegentlich erho­benen Klagen über den zu trägen Fortschritt im Drucke der Ausgabe zu Goethes Werken seien. Er müsse demgegenüber einmal laut und öffentlich erklären, daß redlich gearbeitet werde, daß aber der Natur der Sache nach manches nur lang­sam weiterrücken könne, und führt an einigen des Humors nicht entbehrenden Beispielen aus, wie oft die Kräfte der Mitarbeiter durch Beantwortung unzähliger Anfragen aller Art auf die Probe gestellt würden. Sodann machte Dr. Suphan unter Hinweis auf einen im letzten Heft der «Deutschen Rund­schau» erschienenen lesenswerten Aufsatz Herman Grimms über «Die Zukunft des Weimarischen Goethe - Schiller -Archivs» die Mitteilung, daß demnächst eine neue Arbeit, ein monumentales Goethe-Schiller-Wörterbuch in Angriff ge­nommen werden solle. Vorarbeiten seien bereits vorhanden, wie ein Programm von Otto Hoffmann in Steglitz über Her­ders Sprachschatz usw. Gelehrte ersten Ranges hätten ihre Mitwirkung in Aussicht gestellt, allein das ganze deutsche Volk könne sich an der Mitarbeit beteiligen. Viel Heiterkeit erregte eine von Dr. Suphan angefertigte Riesenmusterpost­karte mit dem auf der offenen Seite aufgezeichneten Schema zur Ausfüllung von Materialien zum Wörterbuche. Zum Schlusse stattete Geheimer Hofrat Dr. Ruland, der Direktor des hiesigen Museums, Bericht über das Goethe-National-museum ah, in dem gleichfalls die Arbeit nicht stocke. Vor emiger Zeit habe Professor Dr. Furtwängler in München die von Goethe gesammelten geschnittenen Steine einer genauen Durchsicht unterzogen, infolge dieser Untersuchung müsse mancher bisher bestehende Irrtum berichtigt werden. Die

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Ergebnisse dieser Untersuchung würden demnächst durch den Druck weiteren Kreisen zugänglich gemacht werden. Von dem Museum neuerdings zugegangenen Geschenken sei in erster Linie die Büste des alten Goethe aus dem Atelier des Profes­sor Eberlein in Berlin hervorzuheben, die, ein Geschenk des Großherzogs, künftig im Gartenzimmer des Goethe-Hauses aufbewahrt werden soll. Ferner seien zu erwähnen eine Büste der Herzogin Anna Amalia aus Fürstenhurger Porzellan, eine Zuschrift Goethes an den Grafen Gneisenau vom 12. Juli 1829. Mit dem Wunsche, die freundliche Gesinnung aller Freunde und Gönner der Gesellschaft möge auch in Zukunft dem Museum erhalten bleiben, schloß Dr. Ruland seine Aus-führungen.

Darauf folgte eine mehrstündige Pause, die zum Teil zur Besichtigung der Sammlung verwendet wurde, und am Nach­mittag fand das Festessen statt, das durch verschiedene geist­volle Tischreden gewürzt, in behaglichster Stimmung ver­zehrt wurde. Besonders witzig, ja geradezu von zündendem Humor war der Trinkspruch Alexander Meyers auf die Damen, worin der Redner in liebenswürdiger, schalkhafter Art seinen persönlichen Gewinn zum Ausdruck brachte, den er dem Festvortrage am Morgen entnommen habe. Am Abend fand Joseph Lewinsky mit dem Vortrage Schiller­scher und Goethescher Balladen im gefüllten Hoftheater dankbaren Beifall. Nach dem Theater gab es Ront bei der Frau Erbgroßherzogin; allein viele der Gäste wachten dem kommenden Morgen in der bekannten Osteria beim Hof-theater unter Gesang und heiterer Unterhaltung entgegen.

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DIE SOZIALE FRAGE

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Es ist nicht leicht, heute über die «soziale Frage» zu sprechen. Unendlich viel trägt dazu bei, gegenwärtig unser Urteil über diese Frage in der ungünstigsten Weise zu beeinflussen. Keine Sache ist wie diese «von der Parteien Gunst und Haß ver­wirrt» worden. Wie auf wenigen Gebieten stehen sich die Ansichten schroff gegenüber. Was wird nicht alles vorgebracht? Und wie bald bemerkt man bei vielen auftretenden Ansichten, daß sie von Geistern herrühren, die mit den größtmöglichen Scheuledern durch die Welt der Tatsachen spazieren.

Ich kann aber die Hindernisse, die einer wünschenswerten Beurteilung der sozialen Frage von den Parteileidenschaften in den Weg gelegt werden, nicht einmal für die schlimmsten halten. Durch sie werden doch nur diejenigen beirrt, die innerhalb des Parteigetriebes stehen. Wer jenseits dieses Ge­triebes steht, hat immer die Möglichkeit, ein persönliches Urteil zu bilden. Ein viel bedeutsameres Hindernis scheint mir darin zu liegen, daß es unseren denkenden Köpfen, un­seren wissenschaftlich geschulten Kulturträgern durchaus nicht gelingen will, einen sicheren Weg, eine methodische Art zu finden, wie diese Frage in Angriff zu nehmen ist.

Immer und immer wieder komme ich zu dieser Überzeu­gung, wenn ich Schriften über die soziale Frage lese von Autoren, die wegen ihrer wissenschaftlichen Bildung durch­aus ernst zu nehmen sind. Ich habe bemerkt, daß auf diesem Gebiete die Art des Denkens, die unsere Forscher unter dem Einflusse des Darwinismus sich zu eigen gemacht haben, vor­läu fig durchaus noch nicht segensreich wirkt. Man mißver­stehe mich nicht. Ich sehe ein, daß mit der darwinistischen

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Denkweise einer der größten Fortschritte vollbracht ist, welcher die Menschheit hat machen können. Und ich glaube, daß der Darwinismus auf allen Gebieten menschlichen Den­kens segensreich wirken muß, wenn er richtig, d.h. seinem Geiste gemäß, angewendet wird. Ich selbst habe in meiner «Philosophie der Freiheit» ein Buch geliefert, das, nach meiner Meinung, ganz im Sinne des Darwinismus geschrieben ist. Es ist mir bei der Konzeption dieses Buches ganz eigen­tümlich gegangen. Ich habe über die intimsten Fragen des menschlichen Geisteslebens nachgedacht. Ich habe mich dabei um den Darwinismus gar nicht gekümmert. Und als mein Gedankengebäude fertig war, da ging mir die Vorstellung auf: Du hast ja einen Beitrag zum Darwinismus geliefert.

Nun finde ich, daß es namentlich die Soziologen nicht so machen. Sie fragen erst bei den darwinistisch denkenden Naturforschern an: Wie macht ihr es? Und dann übertragen sie deren Methoden auf ihr Gebiet. Sie begeben dabei einen großen Fehler. Die Naturgesetze, die im Reich der organi­schen Natur walten, übertragen sie einfach auf das Gebiet des menschlichen Geisteslebens; es soll für die menschliche Entwicklung genau dasselbe gelten, was an der tierischen zu beobachten ist. Nun liegt in dieser Auffassung zweifellos ein gesunder Kern. In der ganzen Welt ist gewiß eine gleich­artige Gesetzmäßigkeit zu finden. Aber es ist durchaus nicht notwendig, daß deshalb auch dieselben Gesetze sich auf allen Gebieten betätigen. Die Gesetze, welche die Darwinisten gefunden haben, wirken im Tier- und Pflanzenreiche. Im Men­schenreiche haben wir nach Gesetzen zu suchen, die im Geiste der darwinistischen gedacht sind - die aber diesem Reiche ebenso spezifisch eigen sind wie die organischen Entwick­lungsgesetze den genannten Naturreichen. Eigene Gesetze

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für die Menschheitsentwicklung haben wir zu suchen, wenn diese auch Im Geiste des Darwinismus gedacht sein werden. Ein einfaches Übertragen der Gesetze des Darwinismus auf die Entwicklung der Menschheit wird zu befriedigenden An­schauungen nicht führen können.

Mir ist das besonders wieder bei der Lektüre des Buches aufgefallen, um dessentwillen ich diese Gedanken nieder­schreibe: «Die soziale Frage im Lichte der Philosophie» von Dr. Ludwig Stein (Verlag von Ferdinand Enke, Stuttgart 1897). Die Betrachtungsweise des Verfassers wird durchaus von der Absicht beherrscht, die soziale Frage in einem Sinne zu behandeln, der dem in der darwinistischen Naturwissen­schaft herrschenden entspricht. «Was Buckle vor einem Men­schenleben für den Begriff der Kausalität in der Geschichte geleistet hat daß er nämlich, unterstützt von der aufkom­menden Statistik dessen unbedingte Geltung für das gesamte geschichtliche Leben nachwies, das muß heute, nachdem wir die Errungenschaften Darwins und seiner Nachfolger ein­geheimst haben, für den der Entwicklung geschehen» (S. 43). Von dieser Tendenz ausgehend untersucht Ludwig Stein, wie sich die verschiedenen Formen, von denen das gesellschaftliche Zusammenleben der Menschen beherrscht wird, ent­wickelt haben Und er sucht zu zeigen, daß dabei «Anpassung» und «Kampf ums Dasein» dieselbe Rolle spielen wie in der tierischen Entwicklung. Ich will zunächst eine von diesen Formen herausgreifen, um die Betrachtungsweise Steins anschaulich zu machen: die religiöse. Der Mensch findet sich inmitten verschiedener Naturgewalten. Diese greifen in sein Leben ein Sie können ihm nützlich oder schädlich wer­den. Nützlich w erden sie ihm wenn er Mittel findet, durch die er die Naturgewalten in dem Sinne verwenden kann, daß

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sie seinem Dasein dienen. Werkzeuge und Einrichtungen er­findet der Mensch, um sich die Naturgewalten dienstbar zu machen. Das heißt, er sucht sein eigenes Dasein demjenigen seiner Umgehung anzupassen. Es mögen viele Versuche ge­macht werden, die sich als irrtümlich erweisen. Unter un­zählig vielen werden aber immer solche sein, die das Rechte treffen. Diese bleiben die Sieger. Sie erhalten sich. Die irr­tümlichen Versuche gehen zugrunde. Das Nützliche erhält sich im «Kampf ums Dasein». Unter den Naturgewalten findet der Mensch neben den sichtbaren auch unsichtbare. Er nennt sie neben den rein natürlichen die göttlichen Mächte. Er will sich auch diesen anpassen. Er erfindet die Religion mit dem Opferdienst und glaubt dadurch, die göttlichen Mächte zu bewegen, daß sie zu seinem Nutzen wirken. In derselben Weise betrachtet Stein die Entstehung der Ehe, des Eigen­tums, des Staates, der Sprache, des Rechtes. Alle diese For­men sind entstanden durch Anpassung des Menschen an seine Umgebung; und die heutigen Formen der Ehe, des Eigen­tums usw. haben sich deswegen erhalten, weil sie sich im Kampfe ums Dasein als die den Menschen nützlichsten er­wiesen haben.

Man sieht, Stein sucht einfach den Darwinismus auf das menschliche Gebiet zu übertragen.

Ich werde nun in einem folgenden Artikel an der Hand des genannten Buches zeigen, wohin eine solche Übertragung führt.

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FREIHEIT UND GESELLSCHAFT

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In der letzten Nummer dieser Zeitschrift habe ich die An­sicht ausgesprochen, daß die Beurteilung der sozialen Fragen in der Gegenwart unter dem Umstande leidet, daß die Den­ker, die ihre wissenschaftlichen Fähigkeiten in den Dienst dieser Frage stellen, allzu schablonenhaft die Resultate, welche Darwin und seine Nachfolger für das Tier- und Pflanzenreich gewonnen haben, auf die Entwicklung der Menschheit übertragen. Ich habe als eines der Bücher, denen ich diesen Vorwurf zu machen habe, «Die Soziale Frage» von Ludwig Stein genannt.

Ich finde meine Meinung über dieses Buch namentlich durch den Umstand bestätigt, daß Ludwig Stein in sorg­fältiger Weise die Ergebnisse der neueren Soziologie sammelt, die wichtigsten Beobachtungen aus dem reichen Materiale her­aushebt, und dann nicht darauf ausgeht, mit dem Geiste des Darwinismus aus den Beobachtungen spezifisch soziologische Gesetze abzuleiten, sondern die Erfahrungen einfach so inter­pretiert, daß sich in ihnen genau dieselben Gesetze aufzeigen lassen, die im Tier- und Pflanzenreiche herrschen.

Die Grundtatsachen der sozialen Entwicklung hat Ludwig Stein richtig herausgefunden. Trotzdem er gewalttätig die Gesetze des «Kampfes ums Dasein» und der «Anpassung» auf die Entstehung der sozialen Institutionen, der Ehe, des Eigentums, des Staates, der Sprache, des Rechtes und der Religion anwendet, findet er in der Entwicklung dieser In­stitutionen eine wichtige Tatsache, die in der tierischen Ent­wicklung in der gleichen Weise nicht vorhanden ist. Diese Tatsache läßt sich in der folgenden Weise charakterisieren. Alle die genannten Institutionen entstehen zunächst in der

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Weise, daß die Interessen des menschlichen Individuums in den Hintergrund treten, dagegen diejenigen einer Gemein­schaft eine besondere Pflege erfahren. Dadurch nehmen im Anfange diese Institutionen eine Form an, die im weiteren Verlaufe ihrer Entwicklung bekämpft werden muß. Würde durch die Natur der Tatsachen im Anfange der Kulturent­wicklung nicht dem Streben des Individuums, seine Kräfte und Fähigkeiten allseitig zur Geltung zu bringen, ein Hemm­nis entgegengehalten, so hätten sich die Ehe, das Eigentum, der Staat usw. nicht in der Weise entwickeln können, wie sie sich entwickelt haben. Der Krieg Aller gegen Alle hätte jede Art von Verbänden verhindert. Denn innerhalb eines Verbandes ist der Mensch immer genötigt, einen Teil seiner Individualität aufzugeben. Dazu ist der Mensch auch im An­fange der Kulturentwicklung geneigt. Dies wird durch ver­schiedenes bestätigt. Es hat anfangs z. B. kein Privateigentum gegeben. Stein sagt darüber (S. 91): «Es ist eine Tatsache, welche von den Fachforschern mit einer Einstimmigkeit be­hauptet wird, die um so überzeugungskräftiger wirkt, je seltener eine solche gerade auf diesem Gebiete zu erzielen ist, daß die Urform des Eigentums eine kommunistische ge­wesen und während der unmeßbar langen Periode bis tief in die Barbarei hinein wohl auch geblieben ist.» Ein Privat­eigentum, das den Menschen in die Lage setzt, seine Indi­vidualität zur Geltung zu bringen, gab es demnach im An­fange der Mensehbeitsentwicklung nicht. Und wodurch könnte drastischer illustriert werden, daß es eine Zeit gegeben hat, in der die Opferung des Individuums im Interesse einer Ge­meinschaft als richtig gegolten hat, als durch den Umstand, daß die Spartaner zu einer gewissen Zeit einfach schwache Individuen ausgesetzt und dem Tode preisgegeben haben,

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damit sie der Gemeinschaft nicht zur Last fallen? Und welche Bestätigung findet dieselbe Tatsache durch den Umstand, daß Philosophen früherer Zeiten, z. B. Aristoteles, gar nicht daran gedacht haben, daß die Sklaverei etwas Barbarisches hat? Aristoteles sieht es als selbstverständlich an, daß ein gewisser Teil der Menschen einem andern als Sklaven dienen muß. Man kann eine solche Ansicht nur haben, wenn es einem vorzüglich auf das Interesse der Gesamtheit ankommt und nicht auf dasjenige des Einzelnen. Es ist leicht nachzuweisen, daß alle gesellschaftlichen Institutionen im Anfange der Kul­tur eine solche Form gehabt haben, die das Interesse des Individuums demjenigen der Gesamtheit zum Opfer bringt.

Aber es ist ebenso wahr, daß im weiteren Verlauf der Entwicklung das Individuum seine Bedürfnisse gegenüber denen der Gesamtheit geltend zu machen bemüht ist. Und wenn wir genau zusehen, so ist in der Geltendmachung des Individuums gegenüber den im Anfange der Kulturentwick­lung notwendig entstehenden Gemeinschaften, die sich auf Untergrabung der Individualität aufbauen, ein gutes Stück geschichtlicher Entwicklung gegeben.

Bei gesunder Überlegung wird man anerkennen müssen, daß gesellschaftliche Institutionen notwendig waren, und daß sie nur mit Betonung gemeinsamer Interessen entstehen konnten. Dieselbe gesunde Überlegung führt aber auch dazu anzuerkennen, daß das Individuum gegen die Opferung seiner eigenartigen Interessen kämpfen muß. Und dadurch haben im Laufe der Zeit die sozialen Institutionen Formen angenommen, die den Interessen der Individuen mehr Rech­nung tragen, als dies in früheren Zuständen der Fall war. Und wenn man unsere Zeit versteht, so darf man wohl sagen, die Fortgeschrittensten streben solche Gemeinschaftsformen

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an, daß durch die Arten des Zusammenlebens das Individu­um so wenig wie möglich in seinem Eigenleben behindert wird. (Es schwindet immer mehr das Bewußtsein, daß die Gemeinschaften Selbstzweck sein können. Sie sollen Mittel zur Entwicklung der Individualitäten werden. Der Staat z. B. soll eine solche Einrichtung erhalten, daß er der freien Ent­faltung der Einzelpersönlichkeit den möglichst großen Spiel­raum gewährt. Die allgemeinen Einrichtungen sollen in dem Sinne gemacht werden, daß nicht dem Staate als solchem, sondern daß dem Individuum gedient ist. J. G. Fichte hat dieser Tendenz einen scheinbar paradoxen, aber ohne Zweifel einzig richtigen Ausdruck gegeben, indem er sagte: der Staat ist dazu da, um sich selbst allmählich überflüssig zu machen. Diesem Ausspruche liegt eine wichtige Wahrheit zugrunde. Im Anfange braucht das Individuum die Gemeinschaft. Denn nur aus der Gemeinschaft heraus kann es seine Kräfte ent­wickeln. Aber später, wenn diese Kräfte entwickelt sind, dann kann das Individuum die Bevormundung durch die Gemeinschaft nicht mehr ertragen. Es sagt sich dann so: ich richte die Gemeinschaft in der Weise ein, daß sie der Ent­faltung meiner Eigenart am zweckdienlichsten ist. Alle staat­lichen Reformationen und Revolutionen in der neueren Zeit haben den Zweck gehabt, die Einzelinteressen gegenüber den Interessen der Gesamtheit zur Geltung zu bringen.

Es ist interessant, wie Ludwig Stein jeder einzelnen gesell­schaftlichen Einrichtung gegenüber diese Tatsache betont. «Die offensichtliche Tendenz der ersten sozialen Funktion, der Ehe, ist eine ständig sich steigernde, weil mit psychischen Faktoren sich komplizierende Verpersönlichung - ein Kampf um die Individualität» (S. 79). In bezug auf das Eigentum sagt Stein (S. i06): «Das soziale Ideal ist, philosophisch gesehen,

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ein durch den kommunistischen Zug in den Staats­einrichtungen gemilderter Individualismus.» Für die Institu­tion des Staates im allgemeinen gilt nach Stein: «die offen­bare Tendenz des sozialen Geschehens» geht auf «unausgesetzte Verpersönlichung» und auf «Heraustreiben der in­dividuellen Spitze der soziologischen Pyramide». Bei Betrach­tung der Entwicklung der Sprache sagt Stein: «Wie der sexuelle Kommunismus in eine individuelle Monogamie mündet, wie das ursprüngliche Grundeigentum unwidersteh­lich in persönliches Privateigentum sich auflöst, so ringt das Individuum dem im Interesse der Gesellschaft liegenden sprachlichen Kommunismus seine geistige Persönlichkeit, seine Sprache, seinen Stil ab. Auch hier also heißt die Losung: Selbstbehauptung der Individualität». Von der Entwicklung des Rechts sagt Stein: «Die Seele der Entwicklung des Rechts, das sich ursprünglich auf die ganze Gens erstreckte, um sich allmählich der einzelnen körperlichen Individuen zu bemäch­tigen und dann innerhalb dieser Individuen von der Körper­haftigkeit in die feinsten und zartesten seelischen Verästelun­gen, zeichnet uns ein flüchtiges zwar, aber doch genügend charakterisierendes Bild von dem in unendlicher Fortbewe­gung befindlichen Individualisierungsprozeß des Rechts» (S.151).

Mir scheint nun, daß es nach Feststellung dieser Tatsachen Aufgabe des soziologischen Philosophen gewesen wäre, überzugehen zu dem soziologischen Grundgesetz in der Mensch­heitsentwicklung, das mit logischer Notwendigkeit daraus folgt, und das ich etwa in folgender Weise ausdrücken möchte. Die Menschheit strebt im Anfange der Kulturzustände nach Entstehung sozialer Verbände; dem Interesse dieser Verbände wird zunächst das Interesse des Individu­ums

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geopfert; die weitete Entwicklung führt zur Befreiung des Individuums von dem Interesse der Verbände und zur freien Entfaltung der Bedürfnisse und Kräfte des Einzelnen.

Nun handelt es sich darum, aus dieser geschichtlichen Tat­sache die Folgerungen zu ziehen. Welche Staats- und Gesell­schaftsform kann die allein erstrebenswerte sein, wenn alle soziale Entwicklung auf einen Individualisierungsprozeß hinausläuft? Die Antwort kann allzu schwierig nicht sein. Der Staat und die Gesellschaft, die sich als Selbstzweck ansehen, müssen die Herrschaft über das Individuum anstreben, gleichgültig wie diese Herrschaft ausgeübt wird, ob auf absolutistische, konstitutionelle oder republikanische Weise. Sieht sich der Staat nicht mehr als Selbstzweck an, sondern als Mittel, so wird er sein Herrschaftsprinzip auch nicht mehr betonen. Er wird sich so einrichten, daß der Einzelne in größtmöglicher Weise zur Geltung kommt. Sein Ideal wird die Herrschaftlosigkeit sein. Er wird eine Gemeinschaft sein, die für sich gar nichts, für den Einzelnen alles will. Wenn man im Sinne einer Denkungsweise, die sich in dieser Rich­tung bewegt, sprechen will, so kann man nur alles das be­kämpfen, was heute auf eine Sozialisierung der gesellschaft­lichen Institutionen hinausläuft. Das tut Ludwig Stein nicht. Er geht von der Beobachtung einer richtigen Tatsache, aus der er aber nicht ein richtiges Gesetz folgern kann, zu einer Schlußfolgerung über, die einen faulen Kompromiß darstellt zwischen Sozialismus und Individualismus, zwischen Kom­munismus und Anarchismus.

Statt zuzugestehen, daß wir nach individualistischen In­stitutionen streben, versucht er, einem Sozialisierungsprinzip beizuspringen, das doch sich zur Berücksichtigung des Einzelinteresses nur insoweit herbeiläßt, als die Bedürfnisse der

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Gesamtheit dadurch nicht beeinträchtigt werden. Zum Bei­spiel für das Recht sagt Stein (S. 607): «Unter Sozialisierung des Rechts verstehen wir den rechtlichen Schutz der wirt­schaftlich Schwachen; die bewußte Unterordnung der Inter­essen der Einzelnen unter die eines größeren gemeinsamen Ganzen, weiterhin des Staates, letzten Endes aber des ganzen Menschengeschlechts.» Und eine solche Sozialisierung des Rechts hält Ludwig Stein für wünschenswert.

Ich kann eine Ansicht, wie diese ist, mir nur erklären, wenn ich annehme, daß ein Gelehrter durch allgemeine Schlagworte der Zeit so eingenommen worden ist, daß er gar nicht imstande ist, aus seinen richtigen Vordersätzen die entsprechenden Nachsätze zu folgern. Die aus der soziologi­schen Beobachtung gewonnenen richtigen Vordersätze würden Ludwig Stein zwingen, den anarchistischen Individualismus als das soziale Ideal hinzustellen. Dazu gehörte ein Mut des Denkens, den er offenbar nicht hat. Den Anarchismus scheint Ludwig Stein überhaupt nur in der grenzenlos blödsirnigen Form zu kennen, in der er durch das Gesindel der Bomben-werfer seiner Verwirklichung zustrebt. Wenn er Seite 597 sagt: «Mit einer denkenden, zielbewußten, organisierten Arbeiterschaft, für welche die Gesetze der Logik bindende Gültigkeit haben, verständigt man sich», so beweist er das, was ich gesagt habe. Mit der kommunistisch denkenden Arbeiterschaft ist eben heute eine Verständigung nicht mög­lich für denjenigen, der die Gesetze der sozialen Entwicklung nicht nur kennt wie Ludwig Stein, sondern der sie auch richtig zu deuten weiß, wie es Ludwig Stein nicht kann.

Ludwig Stein ist ein großer Gelehrter. Sein Buch beweist das. Ludwig Stein ist ein kindlicher Sozialpolitiker. Sein Buch beweist das. Beides ist also in unserer Zeit recht gut vereinbar.

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Wir haben es zu einer Reinkultur in der Beobachtung gebracht. Aber ein guter Beobachter ist noch lange kein Denker. Und Ludwig Stein ist ein guter Beobachter. Was er uns als Resultate von seiner und anderer Beobachtung mit­teilt, ist uns wichtig: was er aus diesen Beobachtungen fol­gert, geht uns nichts an.

Ich habe sein Buch mit Interesse gelesen. Es war mir wirk­lich nützlich. Ich habe aus ihm sehr viel gelernt. Aber ich habe immer aus den Voraussetzungen andere Schlüsse ziehen müssen, als Ludwig Stein aus ihnen gezogen hat. Wo die Tatsachen durch ihn sprechen, regt er mich an; wo er selbst spricht, muß ich ihn bekämpfen.

Ich frage mich nun aber doch: warum kann denn Ludwig Stein trotz richtiger Einsichten zu verkehrten sozialen Idealen kommen? Und da komme ich auf meine ursprüngliche Be­hauptung zurück. Er ist nicht imstande, aus den sozialen Tat­sachen die sozialen Gesetze wirklich zu finden. Hätte er dies gekonnt, dann wäre er nicht zu einem faulen Kompromiß zwischen Sozialismus und Anarchismus gekommen. Denn wer wirklich Gesetze erkennen kann, der handelt unbedingt in ihrem Sinne.

Immer wieder muß ich darauf zurückkommen, daß in unserer Zeit die Denker feige sind. Sie haben nicht den Mut, aus ihren Voraussetzungen, aus ihren Beobachtungen die Pol­gerungen zu ziehen. Sie schließen Kompromisse mit der Un-logik. Die soziale Frage sollten sie deshalb überhaupt nicht an-schneiden. Sie ist zu wichtig. Bloß um auf richtige Voraus. setzungen ein paar triviale Schlußfolgerungen zu bauen, die eines gemäßigten Sozialreformers würdig wären, Vorlesungen zu halten und sie dann als Buch herauszugeben, dazu ist diese Frage einmal nicht da.

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Ich betrachte Steins Buch als einen Beweis davon, wie viel unsere Gelehrten können, wie wenig sie aber wirklich denken können. Wir brauchen in der Gegenwart Mut; Mut des Denkens, Mut der Konsequenz; wir aber haben leider nur feige Denker.

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Die Mutlosigkeit des Denkens möchte ich geradezu als den hervorsteehendsten Zug unserer Zeit ansehen. Einen Gedan­ken, seinen Konsequenzen nach, abzustumpfen, ihm einen anderen «ebenso berechtigten» gegenüberstellen: das ist eine ganz allgemeine Tendenz. Stein erkennt, daß die menschliche Entwicklung dem Individualismus zustrebt. Der Mut, darüber nachzudenken, wie wir aus unseren Verhältnissen heraus zu einer dem Individualismus Rechnung tragenden Gesellschafts­form gelangen können, fehlt ihm. Vor kurzem hat E. Münster-berg ein Buch des Brüsseler Professors Adolf Prins übersetzt («Freiheit und soziale Pflichten» von Adolf Prins, autorisierte deutsche Ausgabe von Dr. E. Münsterberg, Verlag Otto Lieb-mann, Berlin 1897). Prins kennt ihrem ganzen Inhalte nach die Wahrheit, die allem Sozialismus und Kommunismus ohne weiteres den Kopf absehlagen muß: «Und ich denke, unter den Elementen, die die ewige Grundlage der Menschheit bilden, ist die Verschiedenheit der Menschen eines der wider­standsfähigsten.» Keine sozialistische oder kommunistische Staats- oder Gesellschaftsform kann der natürlichen Ungleich­heit der Menschen die gebührende Rechnung tragen. Jede nach irgendwelchen Prinzipien in ihrem Wesen vorherbe­stimmte Organisation muß notwendig die volle freie Entwick­lung des Individuums unterdrücken, um sich als Gesamt-organismus durchzusetzen. Auch wenn ein Sozialist im allge­meinen

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die Berechtigung der vollen Entwicklung aller Einzel-persönlichkeiten anerkennt, wird er bei praktischer Verwirk­lichung seiner Ideale den Individuen diejenigen Eigenheiten abzuschleifen suchen, die in sein Programm nicht passen.

Interessant ist der Gedankengang des belgischen Profes­sors. Daß die Anhäufung der Herrschaftsgewalten an einer Stelle schädlich ist, gibt er von vornherein zu. Er redet des­halb den mittelalterlichen Einrichtungen mit ihren auf lokale Verbände und landschaftliche Individualitäten gestützten Ver­waltungs- und Rechtspflegesystemen das Wort gegenüber den aus dem Römertum stammenden Bestrebungen, die mit Über­gehung der Einzeleigentümlichkeiten alle Gewalten an einer Stelle vereinigt, zentralisiert haben wollen (S. 40 ff). Prins ist sogar gegen das allgemeine Wahlrecht, weil er findet, daß dadurch eine Minderheit durch die Herrscha/t einer viel-leicht unbeträchtlichen Mehrheit vergewaltigt wird. Dennoch kommt auch er dahin, faule Kompromisse zwischen Sozialis­mus und Individualismus zu empfehlen. Daß alles Heil aus der Betätigung der Individualitäten entspringt: das hätte sich diesem Denker aus allen seinen Betrachtungen ergeben müs­sen. Er hat nicht den Mut, das einzugestehen und sagt: «Aber das höchste Maß von Individualität erwächst nicht aus einem Übermaß von Individualismus» (S. 63). Ich möchte dem ent­gegnen: von einem «Übermaß» des Individualismus kann überhaupt nicht gesprochen werden, denn niemand kann wissen, was von einer Individualität verlorengeht, wenn man sie in ihrer freien Entfaltung beschränkt. Wer hier Maß halten will, der kann gar nicht wissen, welche schlummernden Kräfte er mit seiner plumpen Maßanlegung aus der Welt austilgt. Praktische Vorschläge zu geben gehört nicht hierher; wohl aber ist hier der Ort zu sagen, daß, wer die Entwicklung der

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Menschheit zu deuten weiß, nur für eine Gesellschaftsform eintreten kann, die die ungehinderte allseitige Entwicklung der Individuen zum Ziele hat, und der jede Herrschaft des einen über den andern ein Greuel ist. Wie der einzelne mit sich selbst fertig wird, das ist die Frage. Jeder einzelne wird diese Frage lösen, wenn er nicht durch alle möglichen Gemein­schaften daran gehindert wird.

Von allen Herrschaften die schlimmste ist diejenige, welche die Sozialdemokratie anstrebt. Sie will den Teufel durch Beelzebub austreiben. Aber sie ist heute nun einmal ein Ge­spenst. Und da bekanntlich das Rot die aufregendste Farbe ist, so wirkt sie auf viele Menschen ganz schrecklich. Aber nur auf Menschen, die nicht denken können. Diejenigen, die den­ken können, wissen, daß mit der Realisierung der sozial­demokratischen Ideale alle Individualitäten unterdrückt sein werden. Weil aber diese sich nicht unterdrücken lassen kön­nen - denn die menschliche Entwicklung hat es einmal auf Individualität abgesehen -, so wäre der Tag dei Sieges der Sozialdemokratie zugleich der ihres Unterganges.

Das scheinen diejenigen nicht einzusehen, die sich von dem roten Fahnenfetzen der Sozialdemokratie in solcher Weise einschüchtern lassen, daß sie glauben, jede Theorie über das Zusammenleben der Menschen müsse mit dem nötigen Tropfen sozialen Öles geschmiert sein. So ölig sind die bei­den, die Ludwig Steins und die Adolf Prins'.

Beide wissen sich nicht recht zu helfen. Sie denken. Da­durch müßten sie Individualisten oder, sagen wir es ohne Vorbehalt heraus, theoretische Anarchisten werden. Aber sie haben Angst, höllische Angst vor den Konsequenzen ihres eigenen Denkens und deshalb ölen sie die Konsequenzen ihres Denkens ein wenig mit den staatssozialistischen Allüren des

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Fürsten Bismarck und mit dem sozialdemokratischen Nonsens der Herren Marx, Engels und Liebknecht. Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen.

Das gilt aber doch nicht für Denker. Ich bin der Ansicht, daß sich jeder für die ungeschwächte Konsequenz der Anschau­ung, die seiner Natur gemäß ist, ins Zeug legen soll. Ist sie falsch, dann wird schon eine andere siegen. Aber ob wir siegen werden, das überlassen wir der Zukunft. Wir wollen bloß im Kampf unsern Mann stellen.

Den Leuten vom Denkhandwerk kommt es entschieden zu, in der Diskussion über die soziale Frage mitzuwirken. Denn man sagt ihnen nach, daß ihr Handwerk die blinde Partei-leidenschaft nicht aufkommen läßt. Aber eine Leidenschaft brauchen auch die Denker. Diejenige der rücksichtslosen An­erkennung ihrer eigenen Ansichten. Die Denker unserer Zeit haben diese Rücksichtslosigkeit nicht.

Ludwig Stein bedauert in der Einleitung zu seinem Buche, daß die Philosophen der Gegenwart sich so wenig mit der sozialen Frage beschäftigen. Ich möchte das nicht in dem gleichen Maße bedauern. Wären unsere Philosophen Denker, die den Mut haben, die Konsequenzen aus ihren Gedanken zu ziehen, dann könnte ich Stein beistimmen. Wie die Dinge aber liegen, würde bei einer regen Anteilnahme der Philoso­phen an der Diskussion der sozialen Fragen nichts Sonder­liches herauskommen. Und Ludwig Stein hat das mit seinem dicken Buche bewiesen. Es steht in demselben nichts, was für die Frage irgend in Betracht käme. Den allgemeinen Kohl, der uns von den Mittelparteien und Kompromißkandidaten in aller Herren Länder aufgetischt wird, setzt uns Ludwig Stein mit ein wenig philosophlschem Salat vor. Er wird da­durch nicht schmackhafter.

BISMARCK, DER MANN DES POLITISCHEN ERFOLGES

#G031-1966-SE263 - Gesammelte Aufsätze zur Kultur- und Zeitgeschichte 1887 - 1901

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BISMARCK, DER MANN DES POLITISCHEN ERFOLGES

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Napoleon der Erste hat sicherlich das Glaubensbekenntnis der meisten großen Politiker ausgesprochen, als er sagte: «Die Ereignisse dürfen nie die Politik bestimmen, sondern die Politik muß die Ereignisse bestimmen. Sich von jedem Vorfall hinreißen lassen, heißt überhaupt kein politisches System haben.» Bismarcks Größe beruht darauf, daß er genau das entgegengesetzte Glaubensbekenntnis zu dem seinigen mach­te. Wir sind geneigt, wenn wir das Leben eines großen Poli­tikers betrachten, zu fragen: Welche politische Idee schwebte ihm vor? Was wollte er? Und wir schätzen ihn dann um so höher, je mehr er von seinen Zielen verwirklicht hat. Hätte Bismarck jemand im Beginne seiner politischen Laufbahn ge­fragt, was er wolle, so hätte er wohl kaum etwas anderes geantwortet als: Ich wili die Pflichten gewissenhaft erfüllen, die mir mein Amt auferlegt. Und hätte man ihn nach einer leitenden politischen Idee gefragt, die ihn bestimme, so hätte er mit einer solchen Frage wahrscheinlich nichts anz:afangen gewußt. Wie entfernt von der Idee eines solchen Deutschen Reiches, dessen Verwirklichung er gedient hat, mögen seine politischen Gedanken in den Revolutionsjahren gewesen sein, als er seinen Platz in den Reihen der Frankfurter Bundes­tagsmitglieder am besten dadurch auszufüllen glaubte, daß er jeder modernen Regung des deutschen Geistes als der erbit­tertste Feind entgegentrat.

Es gab damals Idealisten, die durch die Macht der Gedan­ken dem deutschen Volk ein Einheitsreich schaffen wollten. Bismarck hatte für solchen Idealismus nicht das geringste Verständnis. Und dreiundzwanzig Jahre später hat Bismarck

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verwirklicht, was jene Idealisten damals für möglich, er damals für ein lächerliches Hirngespinst gehalten hat.

Auf die Gefahr hin, von den Leuten, die einen großen Mann nur durch Superlative des Lobens zu erkennen glauben, für einen Verkleinerer Bismarcks gehalten zu werden, spreche ich es aus: Bismarck verdankt seine Erfolge dem Umstand, daß er seiner Zeit niemals auch nur um wenige Jahre voraus war. Die Idealisten des Jahres 1848 mußten scheitern, weil sie eine Idee verwirklichen wollten, die erst 1871 reif zur Verwirklichung war. Bismarck war für diese Idee erst in dem Augenblicke zu haben, als sie reif war, ins Dasein zu treten.

Goethe hat die problematischen Naturen in dieser Weise charakterisiert: es sind «Naturen, die keiner Lage gewachsen sind, und denen keine genug tut». Verwandelt man diesen Satz in sein Gegenteil, so hat man eine Charakteristik Bis­marcks: Er war ein Mensch, der jeder Lage gewachsen war, und dem jede genug tat.

Daß man ein Ideal haben kann und an seiner Verwirk­lichung arbeiten will, eine solche Empfindung lag Bismarck ganz fern. Wer ein solches Ideal hat, wird immer mehr oder weniger eine problematische Natur sein, denn ihm wird die wirkliche Lage der Dinge - die doch dem Ideale nicht ent­spricht - niemals genug tun. Dafür hatte Bismarck ein feines Gefühl für diese wirkliche Lage der Dinge, für die realen Forderungen seiner Zeit; und er hatte den rücksichtlosen Willen zu verwirklichen, was die Zeit, der Augenblick for­derte. Man hätte ihm in der Zeit vor 1870 tausend Gründe anführen können, die dafür sprachen, die nationale Einheit der Nord- und Süddeutschen herbeizuführen: er hätte darüber gelächelt. Im Jahre 1870 sprachen zu ihm die Tatsachen, und er führte diese Einheit herbei.

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Ich sage es rückaaltlos heraus: Bismarck ist der größte Politiker geworden, weil er es verstand, im allerbesten Sinne des Wortes den Mantel nach dem Winde zu drehen. Aber ich spreche Bismarck diese Worte nur nach. In der Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses vom 2. Juni 1865 erwider­te Bismarck dem Abgeordneten Virchow, der ihm vorwarf, er habe keine festen Prinzipien, sondern richte seine politi­schen Entschlüsse bald so, bald so ein, je nachdem der Wind verschieden blase: «Virchow hat uns vorgeworfen, wir hätten, je nachdem der Wind gewechselt hätte, auch das Steuerruder gedreht. Nun frage ich, was soll man denn, wenn man zu Schi fle fährt, anderes tun, als das Ruder nach dem Winde drehen, wenn man nicht etwa selbst Wind machen will.»

Bismarck hat nie darüber nachgedacht, wie die Welt sein soll. Solches Denken hat er als müßige Geschäftigkeit ange­sehen. Was sein soll, hat er sich von den Ereignissen sagen lassen; seine Sache war, im Sinne der von den Ereignissen gestellten Forderungen kraftvoll zu handeln.

Aber seine Kraft hat eine ganz bestimmte Richtung. Kein anderer hätte ihr diese Richtung gegeben. Bismarck ist am 1. April 1815 in einem preußischen Junkerhause geboren. Seine Erziehung führte ihn dazu, als die Persönlichkeit zu wirken, die sich selbst einzig bezeichnend auf den Grabstein setzen mußte: «Ein treuer deutscher Diener Wilhelms 1.»

Man wird vergebens suchen, wenn man in der Weltge­schichte zwei Männer finden will, die so füreinander bestimmt waren wie Bismarck und Wilhelm 1. Ein Monarch, der seine Aufgaben in der eines Erbherrschers einzig würdigen, einzig richtigen Weise erfaßt: sich des Mannes zu bedienen, der die Interessen seines Thrones aus angeborener Selbstlosigkeit und mit Riesenkraft in Einklang zu setzen weiß mit den lange

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gehegten Idealen der Mehrheit des Volkes. Und einen Diener, der dazu erzogen ist, die titanische Kraft, die ihm eignet, in den Dienst des Herrschers zu stellen den er ohne weitere Frage als seinen «Herrn» anerkennt.

Man fragt sich nach den Ursachen solcher Harmonie. Ich erkenne da die Wirkungen der Religion. Man kann ein Herr­scher wie Wilhelm 1. und man kann ein Staatsmann wie Bis­marck nur als Christ sein.

Bismarck war in seinem Leben jeder Lage gewachsen. Er tat, was die Ereignisse von einem treuen deutschen Diener des preußischen Königs forderten. Er dachte über die Berech­tigung seines Tuns nicht nach. Das überließ er dem lieben Gott. Wir können Bismarck ins Herz sehen. Wir können wissen, wie er sich durch sein Verhältnis zu Gott abfand mit seiner Aufgabe. Moritz Busch berichtet von einem Gespräch in Varzin, in dessen Verlauf Bismarck gesagt hat: «Niemand liebe ihn wegen semer politischen Tätigkeit. Er habe damit niemand glücklich gemacht, sich selbst nicht,... wohl aber viele unglücklich. Ohne mich hätte es drei große Kriege nicht gegeben, wären achtzigtausend Menschen nicht umgekommen, und Eltern, Brüder, Schwestern und Witwen trauerten nicht. Das habe ich indessen, fuhr er fort, mit Gott ausgemacht.»

Und mit Gott hat Bismarck auch sein Verhältnis zu seinem König ausgemacht. Ihm gab Gott das Amt, diesen König groß zu machen. Und er kannte nichts anderes, als die Pflich­ten dieses Amtes rediich zu erfüllen. Es war nicht sein Ideal, ein Deutsches Reich zu gründen. Es war das Amt, das ihm durch Gott und seinen König übertragen war. Er war nicht dazu da, Ideale zu erfüllen; er war nur jedem Amte ge­wachsen.

Daß das Hohenzollern-Haus mächtig werde, das war Bismarcks

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Prinzip. Wenn man bei ihm von einem Prinzipe sprechen darf. Denn solches forderte die Zeit.

Und noch etwas anderes forderte die Zeit. Sie fordert von dem König, daß er mit dem Volke gehe. Auch das hat Bismarck erkannt. Ein königstreues und später ein kaiser-treues Volk wollte Bismarck schaffen. Deshalb hat er das allgemeine Wahlrecht eingeführt. Deshalb hat er den Anfang gemacht mit sozialpolitischen Reformen.

Es ist eine Lüge, wenn behauptet wird, Bismarck sei je ein Freund der liberalen Bourgeoisie gewesen. In Wahiheit war er immer ihr größter Feind. Er sah in ihr die Verkörpe­rung des republikanischen Geistes. Der Liberalismus will die Republik, oder wenn er vorgibt, diese nicht zu wollen, so soll doch der König weiter nichts sein als der erbliche Präsident. Dies ist Bismarcks Meinung. Ich möchte darüber die Worte anführen, die er im deutschen Reichstage am 26. November 1884 selbst gesprochen hat: «Was ist denn das unterscheiden­de Kennzeichen zwischen Republik und Monarchie? Doch durchaus nicht die Erblichkeit des Präsidenten. Die polnische Republik hatte einen König, er hieß König und war unter Umständen erblich. Die englische aristokratische Republik hat einen erblichen Präsidenten, der König oder Konigin ist; aber in den Begriff einer Monarchie nach deutscher Definition paßt die englische Verfassung nicht. Ich unterscheide zwischen Monarchie und Republik auf der Linie, wo der König durch das Parlament gezwungen werden kann, ad faciendum, irgend etwas zu tun, was er aus freiem Antriebe nicht tut. Ich rechne eine Verfassung diesseits der Scheidelinie noch zu den monar­chischen, wo, wie bei uns, die Zustimmung des Königs zu den Gesetzen erforderlich ist, wo der König das Veto hat und das Parlament ebenfalls ... Die monarchische Einrichtung

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hört auf, diesen Namen zu führen, wenn der Monarch ge­zwungen werden kann, durch die Majorität des Parlaments, sein Ministerium zu entlassen, wenn ihm Einrichtungen auf-gezwungen werden können durch die Majorität des Parla­ments, die er freiwillig nicht unterschreiben würde, denen gegenüber sein Veto machtlos bleibt.» Von dem Liberalismus der Bourgeoisie glaubte Bismarck, daß er Einrichtungen an-strebe, die den Herrscher zwingen, einfach seinen Namen willenlos unter die Beschlüsse der Mehrheit des Parlaments zu setzen. Von den Proletariern aber glaubte er, daß sie ihr leibliches und geistiges Wohl höher stellen als eine bestimmte Regierungsform. Einem sozialen Königtum, dachte er, würde das Proletariat die Hand reichen gegen die republikanischen Neigungen des Bürgertums. Und ein königsfreundliches Prole­tariat dachte er sich heranzuziehen durch das allgemeine Wahlrecht.

Ich glaube, es hätte eine Möglichkeit gegeben für Bismarck, sein soziales Königtum zu verwirklichen. Diese Möglichkeit wäre eingetreten, wenn Lassalle nicht 1864 durch den frivolen Pistolenschuß Rakowitzas sein Leben verloren hätte. Mit Prinzipien und Ideen konnte Bismarck nicht fertig werden. Sie lagen außerhalb des Kreises seiner Weltanschauung. Er konnte nur mit Menschen verhandeln, die ihm reale Tatsachen entgegenhielten. Wäre Lassalle am Leben geblieben, so hätte er die Arbeiter wahrscheinlich bis zu der Zeit, in der Bismarck für sozialreformatorische Pläne reif war, so weit gebracht gehabt, daß diese Arbeiter eine Lösung der sozialen Frage für Deutschiand im Einklange mit Bismarck hätten finden können. Um die soziale Frage zur rechten Zeit im Sinne Bismarcks zu lösen: dazu fehlte Lassalle. Mit den sozialistischen Parteien, die sich bald nach Lassalles Tode nicht unter der Führerschaft

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eines lebendigen Menschen, sondern unter den abstrakten Theorien Marxens als politischer Faktor geltend machten, konnte Bismarck nichts anfangen. Wäre ihm Lassalle als Machtfaktor, mit den Arbeitern als diese Macht gegenüber­gestanden: Bismarck hätte den sozialen Staat mit dem König an der Spitze gründen können. Mit Parteidoktrinen wußte aber Bismarck nichts anzufangen.

Mit Machtfaktoren wußte er zu rechnen. Theorien und Prinzipien waren ihm gleichgültig. Am 26. November 1884 sagte er dem Abgeordneten Rickert: «Ob meine Auffassung in eine wissenschaftliche Theorie paßt, ist mir gleich: sie paßt in meine staatsrechtliche Auffassung, und ich werde in meiner Auffassung über den König die vollziehende Gewalt und erbliche Monarchie dieser die Freiheit zu bewahren wissen.»

Ein treuer deutscher Diener seines Herrschers war Bis­marck Ein Feind der liberalen Bourgeoisie nicht minder. Und wenn diese Bourgeoisie heute seine begeistertsten An­hänger stellt, so kommt dies davon, daß in ihren Kreisen die Anbetung des Erfolges die verbreitetste Tugend ist. Es ist merkwürdig: Nur der nationale Enthusiasmus hat den deut­schen Bourgeois eine Zeitlang über die ihm entgegengesetzte Gesinnung Bismarcks hinweggeholfen. Das bleibende Denk­mal dieser Täuschung ist die Nationalliberale Partei. Sie ist eine idealistische Partei. Nationale Empfindungen haben sie immer zusammengehalten. Sie hat Bismarck eine Zeitlang zu-gejubelt. Er hat sich ihrer solange bedient, als er glaubte, daß eine ideale Gruppe den Forderungen der Zeit dienen könne.

Aber auch die Masse des Volkes hat Bismarck dazu gezwun­gen, seine Größe anzuerkennen. Er genießt eine beispiellose Popularität. Er, der am 5. Mai 1885 in einer Reichstagssitzung

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sagte: «Ich würde sehr nachdenklich werden, was ich wohl dem Lande Schädliches beabsichtigt oder unbeabsichtigt herbeigeführt haben könnte, wenn ich dort (nach links) an Popularität gewonnen hätte. Der Herr Vorredner kann wohl sicher sein, daß ich danach nicht strebe, wie ich denn über­haupt nach Popularität in meinem ganzen Leben nie einen Pfifferling gestrebt habe.»

Nein, Bismarck hat nie nach Popularität gestrebt. Und wenn die Menge laut nach Idealen gerufen hätte, die nach zehn Jahren hätten verwirklicht werden können: Bismarck hätte sich um das laute Rufen der Menge nicht gekümmert. Er war stets der rechte Mann, der den Augenblick zu benutzen wußte.

Aber er hat diesen Augenblick stets so benutzt, daß seine Taten den historischen Traditionen, den religiösen Überzeu­gungen gemäß waren, in denen er aufgewachsen war. Er war aufgewachsen in den Überzeugungen eines preußischen Edel-manns und konnte sich anpassen den ähnlichen Überzeugun­gen seines Herrn, des Königs und Kaisers Wilhelm 1. Mit diesem Ideale eines Monarchen war Bismarcks Weltanschau­ung mit in das Grab gesunken.

Er hätte sich keine bessere Grabschrift setzen können als:

«Ein treuer deutscher Diener Wilhelms 1. »

Und so mögen sie mir es denn übelnehmen, wie sie wollen, diejenigen, die nur anerkennen können, wenn sie in Super­lativen loben. Ich sage doch mit Bismarck, dem großen Heim-gegangenen, die beste Maxime des Politikers ist:

«Was soll man denn, wenn man zu Schi fle fährt, anders tun, als das Ruder nach dem Winde drehen, wenn man nicht etwa selbst Wind machen will.»

*

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Nachschrift anläßlidi eines Wiederabdru&s des vorstehenden Aufsatzes in der Wochenschrift «Dreigliederung des sozialen Organismus», Stuttgart

Die vorstehenden Betrachtungen sind nach Bismarcks Hin-gang 1898 niedergeschrieben. Jetzt nach dem Erscheinen des dritten Bandes seiner «Gedanken und Erinnerungen» können sie erscheinen, ohne daß ihr Inhalt verändert wird. Denn gerade durch diese Veröffentlichung zeigen die Farben, in denen damals Bismarcks Bild skizzenhaft gemalt werden konnte, ihre volle Berechtigung. Am Schluß dieses dritten Bandes steht der Satz: «Die Aufgabe der Politik liegt in der möglichst richtigen Voraussicht dessen, was andere Leute unter gegebenen Umständen tun werden. Die Befähigung zu dieser Voraussicht wird selten in dem Maße angeboren sein, daß sie nicht, um wirksam zu werden, eines gewissen Maßes von geschäftlicher Erfahrung und Personalkenntnis be­dürfte...» -

Man setze neben diesen Satz den dieser Betrachtungen:

«Bismarck hat nie darüber nachgedacht, wie die Welt sein soll. Solches Denken hat er als müßige Geschäftigkeit angesehen. Was sein soll, hat er sich von den Ereignissen sagen lassen. Seine Sache war, im Sinne der von den Ereignissen gestellten Forderungen kraftvoll zu handeln.» Man kann sagen, mit bewundernswerter Objektivität beurteilt Bismarck von dem Gesichtspunkt aus, auf dem er stets gestanden, auch seine Entlassung. Er hielt sein Bleiben im Dienste für notwendig, weil er im Bereiche derjenigen, die in Betracht kamen, keinen sah, dem die Ereignisse der damaligen Zeit sagen konnten, was sein soll, und weil man das, was sie ihm gesagt haben, nicht wissen wollte. Man liest darüber in «Gedanken und Erinnerungen»: «Wie genau, ich möchte sagen subaltern

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Captivi die befolgte, zeigte sich darin, daß er über den Stand der Staatsgeschäfte, die zu übernehmen er im Begriffe stand, über die bisherigen Ziele und Absichten der Reichsregierung und die Mittel zu deren Durchführung keine Art von Frage oder Erkundigung an mich gerichtet hat.»

Auf dem Titelblatt des dritten Bandes steht: «Den Söhnen und Enkeln zum Verständnis der Vergangenheit und zur Lehre für die Zukunft.» Heute muß man diese Widmung mit den allerschmerzlichsten Gefühlen lesen. Man kann sich nicht erwehren zu denken, Bismarck hatte eine Ahnung von dem, was kommen müsse, wenn kein Politiker da ist, der Ohren hat zu hören, was die Ereignisse sagen. Hätte er erlebt, was geschehen ist, er würde wohl noch manchmal ähnliches ausgesprochen haben wie: «Ich kann mich beunruhigender Eindrücke nicht erwehren wenn ich bedenke, in welchem Umfange diese Eigenschaften in unseren leitenden Kreisen verlorengegangen srnd.» Er meint die Eigenschaften, die er­kennen lassen, was andere Leute unter gegebenen Umständen tun werden, und die man durch Erfahrung sich erwerben muß. Im Politischen muß man den Wind empfinden und nach ihm das Steuer führen, wenn man nicht selbst Wind machen will.

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FRIEDRICH JODL «WESEN UND ZIELE DER

ETHISCHEN BEWEGUNG IN DEUTSCHLAND»

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Oft habe ich in dieser Zeitschrift von der Revolutionierung der Geister im neunzehnten Jahrhundert gesprochen. Ich habe gesagt, daß wir auf dem Wege sind, durch Vertiefung in das Wesen der Natur und durch kühne, freie Selbsterkenntnis

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uns eine Weltanschauung aufzubauen, durch welche die in den verflossenen Jahrhunderten herrschenden religiösen Vor­stellungen aus Köpfen und Herzen der Menschen vertrieben werden sollen. Aber ich habe auch stets betont, daß sich die moderne freie Weltanschauung nur langsam der Geister be­mächtigt, und daß rückständige Ansichten immer wieder und wieder mit etwas neuer Schminke aufgeputzt, dem Siegeslauf dieser Weltanschauung sich hemmend in den Weg stellen. Nur wer in den Geist der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse die ses Jahrhunderts eindringt und mit dem durch dieses Eindrin­gen gewonnenen freien Blick die Stellung des Menschen in der Welt zu erfassen imstande ist, ist berufen, über die Anforde­rungen der modernen Zeit zu sprechen. Es gibt aber Leute, die durchaus den erforderlichen freien Blick nicht gewinnen können. Sie versuchen dann alle möglichen Fetzen der alten Weltanschauung herüberzuretten in die neue Zeit und wollen mit solchen Erbstücken reformierend auf die Gegenwart ein­wirken. Zu ihnen gehören die Führer der sogenannten «Gesellschaft für ethische Kultur». Ich ersehe dies aufs neue aus einem Schriftchen, das soeben in zweiter Auflage erschie­nen ist und den Titel trägt: «Wesen und Ziele der ethischen Bewegung in Deutschland». Es hat den Wiener Philosophie-professor Friedrich Jodl zum Verfasser. Von der Philosophie, die der gelehrte Herr vertritt, erhält man eine Vorstellung, wenn man seine Sätze (S. 15) liest: «Wir fußen auf der Überzeugung, daß es eine Wissenschaft vom sittlichen Leben gibt, wie es eine Naturwissenschaft, wie es eine Wissenschaft vom wirtschaftlichen Leben gibt; und daß die Zeit vorüber, unwiderbringlich vorüber ist, wo es Wissenschaft überhaupt nur im Dienste und als Bestandteil der Religion gab.» Das Gehirn sträubt sich, solche Sätze nachzudenken. Verehrtester

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Herr Professor! Es gibt nur eine Weltansicht, und aus dieser fließen unsere sittlichen Erkenntnisse, wie unsere wirtschaft­lichen und naturwissenschaftlichen. Und bei demjenigen, bei dem sittliche, naturwissenschaftliche und wirtschaftliche Er­kenntnisse nebeneinanderherlaufen, der hat es eben noch nicht zu einer einheitlichen Weltanschauung gebracht. Solange sich diese Weltanschauung auf der religiösen Offenbarung auf-baute, solange mußte sie eine sittliche Ansicht im Sinne dieser Offenbarung im Gefolge haben. Und wer seine Weltansicht nicht aus der Bibel, sondern aus der modernen Natur- und Menschheitserkenntnis schöpft, muß auch zu sittlichen Über­zeugungen kommen, die im Sinne dieser Erkenntnis sind. Und eine Ethik, wie sie dieser Professor der Philosophie will, deren Ziel ist (S. 15): «harmonische Ausgestaltung der Persönlichkeit, innere Trefflichkeit des Willens und Charak­ters und Wohlfahrt und Entwicklungsfähigkeit des Geschlech­tes» und die dieses Ziel ohne Zugrundelegung und Ausfluß irgendeiner Weltanschauung erreichen will, ist eine Summe leerer Redensarten. Die Gesellschaft aber, die zur Pflege solcher Ethik errichtet worden ist, ist eine inhaltlose Bildung, die eine auf nichts gebaute Sittlichkeit pflegen will, weil sie eine im Sinne moderner Erkenntnis gehaltene Ethik aufzubauen unfähig ist.

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JULES MICHELET

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Vor hundert Jahren - am 21. August 1798 - wurde zu Paris der große Historiker Jules Michelet geboren. Seine Größe ist heute so unbestritten, daß jüngst die höchsten republika­nischen Behörden - der Präsident der Republik, die Minister,

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die Kammermitglieder, die Mitglieder des Pariser Gemeinde­rates, der Universität u. a. - beschlossen, die Jahrhundert-feier der Geburt dieses Mannes zu begehen. Ein Historiker von heute wird zweifellos an Michelet viel auszusetzen haben. Denn jenes temperamentlose «Über-den-Dingen-Stehen», jene Kälte der Betrachtungsweise, die man gegenwärtig «histo­rische Objektivität» nennt, eignete ihm durchaus nicht. Er hat sich selbst dadurch charakterisiert, daß er von seinem Verhältnis zu seinen Zeitgenossen gesagt hat: «Ich habe mehr als sie geliebt». Trockene historische Darstellung war nicht Michelets Sache. In jedem Satze, den er niederschreibt, spürt man, ob Sympathie oder Antipathie des Autors den Zug der Feder begleitet hat. An seiner Geschichtsschreibung hat die Phantasie nicht weniger Anteil als der Verstand. Die Gestalten und Vorgänge der Vergangenheit läßt er in drama­tischer Lebendigkeit vor den Augen des Lesers entstehen.

Michelet kennt das Leben, das Leben der Einzelnen nicht weniger als das Leben des ganzen Volkes. Seine «Geschichte der französischen Revolution», die «Geschichte Frankreichs» beweisen das ebenso wie sein «Ludwig XIV.» und seine Schrift «Das Volk». Wo Michelet Persönlichkeiten schildert, geht er stets den intimsten Motiven des Handelns in der Seele nach; und wo er Ereignisse darstellt, weiß er die Fäden des historischen Zusammenhangs mit bewundernswerter Anschaü­lichkeit nachzuzeichnen. Ihm ist Geschichte nicht allein Kennt­nis des Geschehenen, sondern Grundlage für lebendiges, tat-volles Wirken in der Gegenwart. Wir hören nirgends in seinen Werken einen bloßen Berichterstatter, sondern einen Mann, der uns viel, sehr viel über die Tatsachen zu sagen hat, von denen er berichtet. Eine richtunggebende Persönlichkeit war Michelet. Und eine solche, die nicht aus ihrer Richtung

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zu bringen war, noch dazu. Nach dem Staatsstreich von 185 I gab er lieber sein Amt auf, als daß er seine republikanische Gesinnung durch Leistung des Huldigungseides verleugnet hätte.

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LITERATENKLUGHEIT UND TEUFELSINSEL

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Es ist nun ganz klar, denn der Mann, der die Leitartikel der «Zukunft» schreibt, hat es soeben verkündet: es kommt nur von der gräßlichen Beschränktbeit der Menschen, daß sie sich nicht aufschwingen können, zu dem erhabenen Standpunkte : ich maße mir kein Urteil über Schuld oder Unschuld des Kapitän Dreyfus an. Und weiter kommt es von dieser gräß-lichen Beschränktheit, daß sie «politische Dinge nicht politisch beurteilen können». Zwar könnten wir andern, wenn wir wollten sagen: wir können vielleicht menschliche Dinge besser menschlich beurteilen als der Leitartikler der «Zukunft», der seine hohe politische Einsicht sich in Friedrichsruh allmählich erworben hat. Aber wozu würde uns solch allgemein mensch­licher Standpunkt nützen, da ja der betreffende Herr doch keine Ahnung davon zu haben scheint, daß alle Früchte des Unterrichtes in Friedrichsruh vergeblich sind, wenn die nötige Veranlagung nicht vorhanden ist. Man kann noch so viele «Stunden» bei dem größten Staatsmanne nehmen, und man wird dadurch nicht Psychologe bis zu dem geringen Grade werden, der dazu nötig ist, um zu sagen: nach allem, was wir wissen, muß Dreyfus unschuldig sein. Für mich zum Beispiel hat das Verhalten Dreyfus' während und nach der Gerichtsverhandlung 1894 genügt, um ihn für unschuldig zu

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halten. Der Leitartikler der «Zukunft» aber meint, es müsse doch auf das Urteil Pellieux's, der die Akten kennt, und des Herrn Cavaignac ankommen, der, als die Revision in Sicht war, aus dem Ministerium verschwand; davon aber scheint er nichts zu halten, daß ein wirklicher Menschenkenner wie Zola geschworen hat, Dreyfus sei unschuldig. Ja, es ist so weit gekommen. Man nimmt heute in deutschen Zeitschriften Urteile hin, für die ein Lachen die höchste Auszeichnung wäre, die man ihnen gewähren sollte.

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DREYFUS-BRIEFE

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Die Menschen mit einem klaren Blick für die Vorgänge des Lebens müssen längst von der vollkommenen Schuldlosigkeit des unglücklichen Gefangenen auf der Teufelsinsel überzeugt sein. Wenn bei solchen Menschen noch das Gefühl des Ab­scheus gegenüber einer beispiellosen Knebelung des Rechtes und der Enthusiasmus für die Gerechtigkeit zu dem klaren Blick hinzukommen, dann muß sich ihre Entrüstung in solch starken Anklagen entladen, wie sie Zola, Björnson und andere erhoben haben.

Daß es in Frankreich Leute gibt, welche sich gegen das freie Walten des Rechtes in dieser Sache auflehnen, ist be­greiflich. Denn wer sind diese Leute? Solche, die sich fürch­ten vor der Enthüllung des wahren Tatbestandes, weil sie in der Angelegenheit eine Rolle gespielt haben, um die sie kein anständiger Mensch beneiden kann. Solche, die aus Partei­interes sen behaupten müssen, daß sie von der Schuld Dreyfus' überzeugt sind, weil sie diese vor sich selbst begangene Lüge

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als Parteiparole brauchen. Und solche, die zu dumm, oder zu feige sind, um auf die wahren Verhältnisse den Blick zu werfen.

Auch in Deutschland haben wir Leute, die sich einem Ein­treten für den gepeinigten Kapitän feindlich entgegensetzen. Sie spielen freiwillig Staatsmann und sagen : wir dürfen uns in die Angelegenheiten der Franzosen nicht mischen. Dabei drohen sie mit dem Gespenst eines deutsch-französischen Krieges. Es hat zwar noch niemand den Beweis erbracht, daß eine Aufhellung der in den Nebel der Lüge, der Partei-leidenschaft und politischen Korruption gehüllten Sache das mindeste zu einem solchen Kriege beitragen könnte. Aber auf die Massen wirkt eine solche «Gespenstdrobung» stark ein; und es kltzelt die eigene Eitelkeit, zu behaupten: ich habe staatsmännische Einsicht und spreche von einem höheren politischen Gesichtspunkte aus über die armen naiven Läm­mer, die sich von riißverstandenem menschlichen Mitleid hin­reissen lassen, für einen Menschen einzutreten, der sie - da er doch Franzose ist - gar nichts angeht.

Mögen nun die Gegner eines durch die Begeisterung für Recht und Freiheit hervorgerufenen Eintretens für einen Märtyrer der Ungerechtigkeit, Verblendung und Korruption was immer für Motive haben; eines gilt von ihnen allen:

sie haben nicht das geringste psychologische Urteil. Ein sol­ches hat nur derjenige, welcher nach dem ganzen Wesen eines Menschen zu entscheiden vermag, ob dieser einer Handlung, die ihm zugerechnet wird, überhaupt fähig ist, oder nicht. Alle Leute mit psychologischem Urteil konnten aus dem Ver­halten des Hauptmann Dreyfus vor, während und nach seiner Verurteilung mit Bestimmtheit sagen: Dieser Mann muß un­schuldig sein.

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In den letzten Wochen ist zu den Gründen, welche diese Menschen mit psychologischem Blick hatten, noch ein weiterer hinzugetreten. Die Briefe, die Dreyfus vom Dezember 1894 bis zum März 1898 an seine Gattin geschrieben hat, sind veröffentlicht worden. Sie sind ein psychologisches Dokument ersten Ranges. Ich möchte die Empfindungen rücklialtlos ver­zeichnen, die beim Lesen dieser Briefe durch meine Seele gezogen sind. Dreyfus ist eine Persönlichkeit mit Eigen­schaften, die ich hasse. Er ist mir unsympathisch, wie mir nur ein Mensch unsympathisch sein kann. Er ist ein bornierter Chauvinist. Er schreibt seiner Gattin: «Erinnerst Du Dich, wie ich Dir erzählte, ich hätte, als ich vor zehn Jahren im September in Mübihausen weilte, ein deutsches Musikkorps den Jahrestag der Schlacht von Sedan feiern gehört. Mein Schmerz war damals so groß, daß ich vor Wut weinte, meine Bettücher zerriß vor Zorn und mir zuschwor, alle meine Kräfte, meine ganze Intelligenz dem Dienste meines Vater­landes gegen den Feind, der auf solche Weise den Schmerz der Elsässer beleidigte, zu widmen.» Eine verbohrte Soldaten-natur ist Dreyfus. Die Entrüstungsrufe, die er aus seinem Gefängnis, aus dem Exil an seine Gattin sendet, tragen alle einen kleinlichen Charakter. Keine Löwennatur bäumt sich auf gegen maßlose Ungerechtigkeit, sondern ein kleiner Pa­triot und Gesellschaftsmensch, der sich selbst umgebracht hätte, wenn er sich nicht verpflichtet fühlte zu leben, bis seine «Ehre» und der gute Name seiner Kinder wiederhergestellt ist. Für eine mir sympathische oder große Persönlichkeit trete ich nicht ein, sondern ich spreche gegen das mit Füssen ge­tretene Recht der Persönlichkeit, gegen die mit Kot be­worfene Freiheit.

Zusammengeschrumpft auf ein paar Vorstellungen ist das

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ganze Seelenleben des Gemarterten. Die große Anzahl Briefe bringen nur den einen Schmerzensschrei in unzähligen Ver­änderungen: «Mein Herz blutete, es blutet noch, es lebt nur in der Hoffnung, daß man mir eines Tages die Tressen, die ich auf edle Weise erwarb und niemals beschmutzte, zurück-geben werde.» Wie wenig außer diesem hat der Gequälte seiner heldenhaften Frau zu sagen! Wie eine «fixe Idee» die Reden eines Wahnsinnigen, so durchzieht dieser Gedanke alle Briefe des Gefangenen. Und sein Zustand muß ein wahnsinn-ähnlicher sein. Sein inneres Leben ist ausgelöscht bis auf diesen einen Gedanken. Für jeden Psychologen ist ohne weiteres klar, daß dieses Seelenleben bei einem Punkte angelangt ist, der es zum Verräter seiner eigenen Schuld machen müßte, wenn es eine solche gäbe. Dieser bis zu fixen Ideen getriebene Mann würde heute gestehen, wenn er etwas zu gestehen hätte.

Dreyfus' fixe Ideen sind aber solche, die ein glaubwürdiger Beweis seiner Unschuld sind. Niemand, der mit psycholo­gischem Blick diese Briefe liest, kann noch an die geringste Schuld dieses Mannes glauben. Als ein mit monumentalen Worten sprechendes Zeugnis sollten diese Briefe gelesen werden, daß heute in der Republik Frankreich das Recht der Persönlichkeit, daß die Freiheit zerstampft werden kann, daß der Mensch rechtlos sein kann in einem Staate, der sein Dasein auf sogenannte Freiheitsrechte stützt.

Gäbe es Richter, könnte es bei den gegenwärtigen Staats-verhältnissen solche geben, welche nicht nach dem Buchstaben der Gesetze Urteile fällen, die den Tatsachen gegenüber wie Hohn sich ausnehmen, so bedurfte es nur dieser Briefe, um Dreyfus aus seiner Verbannung zu holen, ihn von aller Schuld freizusprechen und ihm zu gewähren, was er verlangt und

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wessen er noch fähig ist. Aber die Richter können keine Psychologen sein. Stärker für sie als der Beweis, den die Briefe für die Unschuld liefern, spricht der Umstand, ob es irgendwo einen vieldeutigen Paragraphen gibt, der spitzfindig zu Gunsten oder Ungunsten des Verurteilten ausgelegt wer­den kann.

EIN GEGNER DER «PROPAGANDA DER TAT»

#G031-1966-SE281 - Gesammelte Aufsätze zur Kultur- und Zeitgeschichte 1887 - 1901

#TI

JOHN HENRY MACKAY UND RUDOLF STEINER DER INDIVIDUALISTISCHE ANARCHISMUS:

EIN GEGNER DER «PROPAGANDA DER TAT»

Offener Briel an Herrn Dr. Rudolf Steiner,

Herausgeber des «Magazins für Literatur»

#TX

Lieber Herr Dr. Steiner!

Dringender als je in den letzten Jahren tritt in diesen Tagen die Bitte meiner Freunde an mich heran, gegen die «Taktik der Gewalt» von neuem Stellung zu nehmen, um meinen Namen nicht zusammengeworfen zu sehen mit jenen «An­archisten», die - keine Anarchisten, sondern samt und son ders revolutionäre Kommunisten sind. Man macht mich dar­auf aufmerksam, daß ich Gefahr laufe, im Falle der inter­nationalen Maßregel einer Internierung der «Anarchisten» als Ausländer aus Deutschland verwiesen zu werden.

Ich lehne es ab, dem Rate meiner Freunde zu folgen. Keine Regierung ist so blind und so töricht, gegen einen Menschen vorzugehen, der sich einzig und allein durch seine Schriften, und zwar im Sinne einer unblutigen Umgestaltung der Ver­hältnisse, am öffentlichen Leben beteiligt. Zudem habe ich seit Jahren leider auch fast jede äußerliche Fühlung mit der sozialen Bewegung in Europa verloren, deren äußere Entwicklung

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mein Interesse - nebenbei gesagt - heute nicht mehr in dem Grade in Anspruch nimmt, wie der geistige Fort­schritt der Idee gleicher Freiheit in den Köpfen der einzelnen, auf dem allein noch alle Hoffnung der Zukunft beruht.

Ich habe 1891 in meinem Werke «Die Anarchisten» (in beiden Ausgaben jetzt im Verlage von K. Henckell & Co. in Zürich und Leipzig) im achten Kapitel, das sich «Die Propaganda des Kommunismus» betitelt, so scharf und un­zweideutig mit Auban gegen die «Propaganda der Tat» Stel­lung genommen, daß auch nicht der leiseste Zweifel darüber bestehen kann, wie ich über sie denke. Ich habe das Kapitel eben zum ersten Male seit fünf Jahren wieder gelesen und habe ihm nichts hinzuzufügen; besser und klarer könnte ich auch heute nicht sagen, was ich über die Taktik der Kom­munisten und ihre Gefährlichkeit in jeder Beziehung denke. Wenn ein Teil der deutschen Kommunisten sich seitdem von der Schädlichkeit und der Zwecklosigkeit jeden gewaltsamen Vorgehens überzeugt hat, so beanspruche ich einen wesent­lichen Anteil an diesem Verdienste der Aufklärung.

Im übrigen pflege ich mich nicht zu wiederholen und bin überdies seit Jahren mit einer umfangreichen Arbeit be­schäftigt, in der ich allen das Individuum und seine Stellung zum Staate betreffenden Fragen psychologisch näherzutreten suche.

Endlich hat sich in den sieben Jahren seit dem Erscheinen meines Werkes die Situation denn doch gewaltig geändert, und man weiß heute, wo man es wissen will, und nicht nur in den Kreisen der Einsichtigen allein, daß nicht nur hinsicht­lich der Taktik, sondern auch in allen Grundfragen der Welt­anschauung zwischen den Anarchisten, die es sind, und denen, die sich fälschlich so nennen und genannt werden, unüber­brückbare

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Gegensätze bestehen, und daß beide außer dem Wunsch einer Verbesserung und Umgestaltung der sozialen Verhältnisse nichts, aber auch gar nichts miteinander gemein haben.

Wer das aber immer noch nicht weiß, kann es aus der Broschüre von Benj. R. Tucker « Staatssozialismus und An­archismus» erfahren, die er für 20 Pfennig von dem Verleger B. Zack, Berlin SO, Oppelnerstraße 45, beziehen kann, und in der er obendrein noch ein Verzeichnis aller Schriften des individuellen Anarchismus findet - eine unvergleichliche Ge­legenheit, sein Wissen um den Preis eines Glases Bier in unschätzbarer Weise zu vermehren.

Wohl gibt es eine Schmutzpresse (sie nennt sich merk­würdigerweise mit Vorliebe selbst die anständige), die fort-fährt, selbst feststehende, historisch gewordene Tatsachen immer von neuem zu fälschen. Aber gegen sie ist jeder Kampf nicht nur eine Zwecklosigkeit, sondern eine Entwürdigung. Sie lügt, weil sie lügen will.

Mit freundschaftlichem Gruße Ihr ergebener

John Henry Mackay

z. Zt. Saarbrücken, Rheinprovinz, Pesterstr. 4

den 15. September 1898.

#TI

Antwort an John Henry Mackay

#TX

Lieber Herr Mackay!

Vor vier Jahren, nach dem Erscheinen meiner «Philosophie der Freiheit», haben Sie mir Ihre Zustimmung zu meiner Ideenrichtung ausgesprochen. Ich gestehe offen, daß mir dies innige Freude gemacht hat. Denn ich habe die Überzeugung, daß wir in bezug auf unsere Anschauungen so weit übereinstimmen,

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wie zwei voneinander völlig unabhängige Naturen nur übereinstimmen können. Wir haben gleiche Ziele, ob­wohl wir uns auf ganz verschiedenen Wegen zu unserer Gedankenwelt durchgearbeitet haben. Auch Sie fühlen dies. Ein Beweis dafür ist die Tatsache, daß Sie den vorstehenden Brief gerade an mich gerichtet haben. Ich lege Wert darauf, von Ihnen als Gesinnungsgenosse angesprochen zu werden.

Ich habe es bisher immer vermieden, selbst das Wort «indi­vidualistischer» oder «theoretischer Anarchismus» auf meine Weltanschauung anzuwenden. Denn ich halte sehr wenig von solchen Bezeichnungen. Wenn man in seinen Schriften klar und positiv seine Ansichten ausspricht: wozu ist es dann noch nötig, diese Ansichten mit einem gangbaren Worte zu bezeichnen? Mit einem solchen Worte verbindet jedermann doch ganz bestimmte traditionelle Vorstellungen, die das­jenige nur ungenau wiedergeben, was die einzelne Persön­lichkeit zu sagen hat. Ich spreche meine Gedanken aus; ich bezeichne meine Ziele. Ich selbst habe kein Bedürfnis, meine Denkungsart mit einem gebräuchlichen Worte zu benennen.

Wenn ich aber in dem Sinne, in dem solche Dinge ent­schieden werden können, sagen sollte, ob das Wort «indivi­dualistischer Anarchist» auf mich anwendbar ist, so müßte ich mit einem bedingungslosen «Ja» antworten. Und weil ich diese Bezeichnung für mich in Anspruch nehme, möchte auch ich gerade in diesem Augenblicke mit wenigen Worten genau sagen, wodurch «wir», die «individualistischen Anarchisten», uns unterscheiden von denjenigen, welche der sogenannten «Propaganda der Tat» huldigen. Ich weiß zwar, daß ich für verständige Menschen nichts Neues sagen werde. Aber ich bin nicht so optimistisch wie Sie, lieber Herr Mackay, der Sie einfach sagen: «Keine Regierung ist so blind und töricht,

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gegen einen Menschen vorzugehen, der sich einzig und allein durch seine Schriften, und zwar im Sinne einer unblutigen Umgestaltung der Verhältnisse, am öffentlichen Leben be­teiligt. » Sie haben, nehmen Sie mir diese meine einzige Ein­wendung nicht übel, nicht bedacht, mit wie wenig Verstand die Welt regiert wird.

Ich möchte also doch einmal deutlich reden. Der «indivi­dualistische Anarchist» will, daß kein Mensch durch irgend etwas gehindert werde, die Fähigkeiten und Kräfte zur Ent­faltung bringen zu können, die in ihm liegen. Die Individuen sollen in völlig freiem Konkurrenzkampfe sich zur Geltung bringen. Der gegenwärtige Staat hat keinen Sinn für diesen Konkurrenzkampf. Er hindert das Individuum auf Schritt und Tritt an der Entfaltung seiner Fähigkeiten. Er haßt das Individuum. Er sagt: Ich kann nur einen Menschen gebrau­chen, der sich so und so verhält. Wer anders ist, den zwinge ich, daß er werde, wie ich will. Nun glaubt der Staat, die Menschen können sich nur vertragen, wenn man ihnen sagt:

so müßt ihr sein. Und seid ihr nicht so, dann müßt ihr eben -doch so sein. Der individualistische Anarchist dagegen meint, der beste Zustand käme dann heraus, wenn man den Men­schen freie Bahn ließe. Er hat das Vertrauen, daß sie sich selbst zurechtfänden. Er glaubt natürlich nicht, daß es über­morgen keine Taschendiebe mehr gäbe, wenn man morgen den Staat abschaffen würde. Aber er weiß, daß man nicht durch Autorität und Gewalt die Menschen zur Freiheit er­ziehen kann. Er weiß dies eine: man macht den unabhän­gigsten Menschen dadurch den Weg frei, daß man jegliche Gewalt und Autorität aufhebt.

Auf die Gewalt und die Autorität aber sind die gegen­wärtigen Staaten gegründet. Der individualistische Anarchist

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steht ihnen feindlich gegenüber, weil sie die Freiheit unter­drücken. Er will nichts als die freie, ungehinderte Entfaltung der Kräfte. Er will die Gewalt, welche die freie Entfaltung niederdrückt, beseitigen. Er weiß, daß der Staat im letzten Augenblicke, wenn die Sozialdemokratie ihre Konsequenzen ziehen wird, seine Kanonen wirken lassen wird. Der indivi­dualistische Anarchist weiß, daß die Autoritätsvertreter im­mer zuletzt zu Gewaltmaßregeln greifen werden. Aber er ist der Überzeugung, daß alles Gewaltsame die Freiheit unter­drückt. Deshalb bekämpft er den Staat, der auf der Gewalt beruht - und deshalb bekämpft er ebenso energisch die «Propaganda der Tat», die nicht minder auf Gewaltmaß­regeln beruht. Wenn ein Staat einen Menschen wegen seiner Überzeugung köpfen oder einsperren läßt - man kann das nennen, wie man will -, so erscheint das dem individuali­stischen Anarchisten als verwerflich. Es erscheint ihm natür­lich nicht minder verwerflich, wenn ein Luccheni eine Frau ersticht, die zufällig die Kaiserin von Österreich ist. Es ge­hört zu den allerersten Grundsätzen des individualistischen Anarchismus, derlei Dinge zu bekämpfen. Wollte er der­gleichen billigen, so müßte er zugeben, daß er nicht wisse, warum er den Staat bekämpft. Er bekämpft die Gewalt, welche die Freiheit unterdrückt, und er bekämpft sie ebenso, wenn der Staat einen Idealisten der Freiheitsidee vergewal­tigt, wie wenn ein blödsinniger eitler Bursche die sympa­thische Schwärmerin auf dem österreichischen Kaiserthrone meuchlings hinmordet.

Unsern Gegnern kann es nicht deutlich genug gesagt wer­den, daß die «individualistischen Anarchisten» energisch die sogenannte «Propaganda der Tat» bekämpfen. Es gibt außer den Gewaltmaßregeln der Staaten vielleicht nichts, was diesen

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Anarchisten so ekelhaft ist wie diese Gaserios und Lucchenis. Aber ich bin doch nicht so optimistisch wie Sie, lieber Herr Mackay. Denn ich kann das Teilchen Verstand, das zu so groben Unterscheidungen wie zwischen «Individualistischem Anarchismus» und «Propaganda der Tat» nun doch einmal gehört, meist nicht finden, wo ich es suchen möchte.

In freundschaftlicher Neigung Ihr Rudolf Steiner

#TI

Richtigstellung

#TX

Einer der Häuptlinge der Kommunisten, Herr Gustav Landauer, antwortet in der Nummer 41 der «Sozialisten» auf den in Nummer 39 des «Magazins für Literatur» ent­haltenen Brief John Henry Mackays wie jemand, der nichts kann als seine Parteiphrasen nachplappern und der jeden Andersdenkenden als einen schlechten Kerl ansieht. Mackay ist, nach Landauers Meinung, nicht aus Prinzip Gegner der Gewalt, sondern weil es ihm an Mut gebricht. Landauer verrät eine intime Verständnislosigkeit und rückhaltlose Un­wissenheit. So behauptet er, Mackay werde in der neuen Ausgabe seines «Sturm» an Stelle des Verses «Kehre wieder über die Berge, Mutter der Freiheit, Revolution! » setzen:

«Bleib nur drüben hinter den Bergen, Stiefmutter der Frei­heit, Revolution! » Nun ist kürzlich die dritte und vierte Auflage des «Sturm» vermehrt, aber sonst völlig unver­ändert und unverkürzt (bei K. Hendiell & Co. in Zürich) erschienen. Ich möchte Herrn Landauer fragen, ob er dreist die Unwahrheit behauptet, trotzdem er die Wahrheit kennt, oder ob er ins Blaue hinein Menschen in der öffentlichen Meinung herabsetzt, ohne sich die Mühe zu nehmen, erst nachzusehen, ob seine Behauptungen auch richtig sind. Und was der « mutige » Herr weiter schreibt, mit völliger Ver­schweigung

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alles Wichtigen in Mackays Brief, zeigt nur, daß er auch den «Sozialisten» in der Weise redigiert, welche in Mackays Briefe als die in der Presse heute zumeist übliche gekennzeichnet wird.

#TI

JOSEPH MÜLLER: «DER REFORMKATHOLIZISMUS»

#TX

In der Schrift «Der Reformkatholizismus. Die Religion der Zukunft. Für die Gebildeten aller Bekenntnisse dargestellt» tritt der bayerische Geistliche Dr. Joseph Müller dafür ein, daß der Katholizismus sich die Errungenschaften der mo­dernen Wissenschaft zunutze machen müsse. Er könne da­durch seine alte Zauberkraft von neuem erhalten. Die Kirche könne die Lehren der Gegenwart ganz gut vertragen; sie müsse ihnen nur, damit sie dem religiösen Empfinden dienen können, den katholischen Stempel aufprägen. Ähnliche An-sichten vertritt ja auch Professor Schell. Die Herren können sich nicht entschließen zu glauben, daß der Katholizismus der Todfeind der modernen Wissenschaft, und daß er keiner Re­form durch dieselbe fähig ist. Wenn eine wissenschaftliche Wahrheit von einem katholisch empfindenden Menschen kommentiert wird, so verliert sie sofort ihre ursprüngliche Bedeutung. Denn der katholische Philosoph will nicht und kann nicht wollen, daß seine Prinzipien umgestaltet werden; er will dagegen die moderne Wissenschaft so pressen und drehen, daß sie in die dogmatischen Vorstellungen der Kirche paßt. Man kann sich von der Richtigkeit dieser Bemerkungen durch Lesen derjenigen wissenschaftlichen Schriften über-zeugen, die in der letzten Zeit von katholischen Philosophen in die Welt gesetzt worden sind.

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#TI

SCHULE UND HOCHSCHULE

I

#TX

Am 21. November 1898 hielt Professor Wilhelm Förster einen Vortrag: «Schule und Hochschule im Lichte der neuen Lebensbedingungen.» Dieser Vortrag war die erste öffent­liche Kundgebung des Strebens einer Anzahi von Männern aus allen Teilen Deutschlands und Österreichs, der Hochschul­pädagogik die ihr gebührende Stellung in der Reihe der Wissenschaften zu verschaffen. Der Mittelpunkt dieser Be­strebungen muß naturgemäß Berlin sein. Die bisher ge­machten Erfahrungen und errungenen Einsichten auf dem Gebiete der Hochschulpädagogik zu sammeln und Mittel und Wege zu finden, wie dieselben zu erweitern und für das Hochschulleben fruchtbar zu machen sind, bildet den Haupt-inhalt dieser Bestrebungen. Die Aufgabe, welche hiemit ge­stellt wird, ist naturgemäß eine schwierige. Die berechtigte Forderung, daß der Unterricht an der Hochschule frei und ein Ergebnis der geistigen Individualität des Gelehrten sein soll, scheint im Widerstreite zu sein mit jeglichem Bestreben, diesem Unterricht Gesetze vorzuschreiben. Universitätslehrer sind heute in erster Linie Pfleger ihrer Wissenschaft. Denn die Hochschule soll die Bewahrerin und Bilderin der Wissen­schaft sein. Soll man dieser berechtigten Tendenz die andere entgegensetzen: daß der Hochschullehrer auch Lehrer sein soll? Und wie verträgt sich solches Lehrertum mit den Inter­essen der freien Wissenschaft? Kurz, welche Ansprüche an den Hochschulunterricht stellt die Hochschulpädagogik, und in welchen Grenzen kann ihnen entsprochen werden? Das ist die Frage, welche die oben erwähnte Vereinigung zu lösen haben wird. Näher getreten soll dieser Frage in acht Vorträgen

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werden, von denen derjenige Försters der erste war. Die übrigen finden in der nächsten Zeit statt, und zwar, Montag, den 28. November (abends 8 ½ Uhr in der Aula des Friedrich-Werderschen Gymnasiums): Dr. Hans Schmid-kunz über «Hochschulpädagogik». Über diesen Vortrag, der sich mit den Zielen und nächsten Absichten der jungen Be­wegung befaßt hat, soll in der nächsten Nummer dieser Zeit­schrift berichtet werden. Die weiteren Vorträge sind: Mon­tag, 5. Dezember, Dr. Bruno Meyer: «Kunstunterricht»; Montag, 12. Dezember, Dr. Rudolf Steiner: «Hochschulpäd­agogik und öffentliches Leben»; Montag, den 9. Januar, Dr. Hans Schmidkunz: «Die Einheitlichkeit im Universitätsunter­richt»; Montag, den 16. Januar, Dr. Alexander Wernicke (Professor an der technischen Hochschule in Braunschweig):

«Der Übergang von der Schule zur Hochschule»; Montag, den 23. Januar, Dr. Wilhelm Förster: «Der mathematisch-naturwissenschaftliche Unterricht»; Montag, den 30. Januar, Ludwig Schultze-Strelitz, Herausgeber des «Kunstgesanges»:

«Wissenschaft und Kunst des Gesanges».

Der Vortrag Professor Försters über «Schule und Hoch­schule im Lichte der neuen Lebensbedingungen» mag hier kurz skizziert werden: Die «neuen Lebensbedingungen» be­stehen in den von der großen Entwicklung der Wissenschaft, sowie der Technik und des Verkehrs geschaffenen Zuständen und Bewegungen. Als das Charakteristische dieser Zustände und Bewegungen können hauptsächlich die folgenden Er­scheinungen betrachtet werden: Die Verminderung des Ein­flusses der Vergangenheit und der darauf begründeten Au­toritäten infolge der außerordentlichen Erweiterung und Bereicherung des gemeinsamen Schatzes an Ergebnissen der Wissenschaft und an Schöpfungen der Kunst und Technik,

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sowie infolge der damit verbundenen Erweiterung und Be­reicherung der Vorstellungswelt aller Schichten der Bevölke­rung der Kulturländer; ferner die Zunahme der Teilung der Arbeit und der Sonderung der Interessen bei gleichzeitiger Steigerung der gegenseitigen Abhängigkeiten aller vonein­ander; dementsprechend eine Verstärkung der Hingebung der Einzelnen an engere Gemeinschaften, verbunden mit einer Verschärfung des Sondergeistes dieser engeren Gemein­schaften und der Eigensucht der ihnen angehörenden Ein­zelnen gegen andere Gemeinschaften und deren Glieder, da­neben aber doch eine Zunahme des allgemeinen Mitgefühis und der Erkenntnis der Solidarität der Menschenwelt; end­lich das Ringen der neuen Geistesschöpfungen nach umfas­sender klarer Gestaltung und leitender Wirksamkeit gegen­über den Geistesschöpfungen der Vergangenheit oder in Ver­schmelzung mit denselben.

Entsprechend den veränderten Lebensbedingungen sind auch die neuen Aufgaben der Schule heute andere geworden als in vergangenen Zeiten. Nach der Auffassung der Autori­täten des sozialen und politischen Lebens steht im Vorder-grunde die Aufgabe der Schule, den engsten Anschluß der Seelen der zu erziehenden und zu bildenden Jugend an die Vergangenheit zu sichern. Erst in zweiter Linie steht dann für diese Auffassung die Aufgabe, die Jugend für das Ver­ständnis, die Verwertung und die Vervollkommnung der sämtlichen, von der Menschheit erarbeiteten geistigen Besitz­tümer zu erziehen.

Es entspricht den Motiven dieser Auffassung, daß die letztere Aufgabe bei den staatlichen Schul-Einrichtungen und

-Leistungen um so mehr zu ihrem Rechte kommt, je höher die Erziehungsstufe der zu unterweisenden Jugend ist, je

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mehr dieselbe nämlich zu höherer geistiger Mitarbeit an der Erhaltung und Vermehrung der sogenannten Kulturgüter berufen wird, also in den obersten Stufen der Mittelschulen und in den Hochschulen; daß dagegen auf der untersten Stufe, in der Elementarschule, in welcher es sich nicht um die Vorbereitung zu jener Mitarbeit, sondern nur um die unerläßlichste Kenntnis der elementaren Verständigungs- und Arbeitsmittel und der bestehenden Einrichtungen und Vor­schriften zu handeln scheint, die erstere Aufgabe fast das ganze Gesichtsfeld der Schulbehörden, sowie der Lehrer und der Schüler einnimmt. Aber auch in den Mitteischulen, selbst bis in die oberen Klassen der Gymnasien und Realgymnasien, wird die Erfüllung der umfassenderen Unterrichtsaufgaben durch jene autoritative Einengung der Überlieferung der geistigen Besitztümer vielfach empfindlich gestört. Daß die Hochschulen vor solcher Einengung bewahrt werden müssen, sehen auch die regierenden Autoritäten im Interesse der Leistungsfähigkeit der Nation sehr wohl ein, aber die fana­tischen Interessenten der unveränderten Erhaltung des Be­stehenden haben bei uns bereits begonnen, die Regierungen auch hierin unsicher und wankend zu machen und dadurch neuerdings auch die Wirksamkeit der einsichtsvollen Verbesse­rungen, welche den Hochschulen im Sinne einer Vervollkomm­nung ihrer pädagogischen Leistungen bereits gewährt worden sind, ernstlich in Frage zu stellen.

Erscheint es wirklich durchführbar, die gewaltigen Kräfte, welche die neuen Lebensbedingungen geschaffen haben, ledig­lich zu gehorsamen Dienern einer noch so intelligenten und wohlmeinenden, aber engherzigen und ängstlichen Minder­heit zu machen?

Ist aber nicht Schule und Hochschule für uns alle dazu

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berufen, die gesunden und unvergänglichen Grundsätze der aus vollster Geistesfreiheit hervorgehenden Selbstbeschei­dung gerade erst recht in dem jetzigen Sturm und Drang der geistigen und sozialen Bewegungen zu klarer Erkenntnis und allgemeiner Geltung zu bringen und dadurch die Stabilität der menschlichen Lebensgemeinschaften nicht autoritativ, sondern auf dem Boden ernster, freier Überzeugung und Selbstgesetzgebung definitiv zu sichern.

Der weitere Vortrag war reich an Gedanken über die Schule und Hochschule im Zusammenbange mit dem öffent­lichen Leben und der allgemeinen Volksethik. Im einzelnen sei noch folgender Vorschlag hervorgehoben: Professor För­ster sagte: Ich glaube nämlich, daß der längst von großen Pädagogen der Vergangenheit betretene Weg der Heran­ziehung der Jugend selber zu gegenseitiger Unterweisung endlich mit voller Tatkraft und Konsequenz allgemein und in allen Stufen des Schulwesens beschritten werden sollte. Hierdurch können die bedeutendsten und wirksamsten Lehrer freier gemacht werden, teils für die Leitung der allgemeinen Erziehung Aller zur echten Bildung in dem oben dargelegten Sinne, teils zur intensivsten und förderlichsten Unterweisung der in den verschiedensten Gebieten besonders begabten Schüler. Und diese letzteren, deren eigene Lernzeit durch die Befreiung des Unterrichtes von dem Schwergewichte der wenig Begabten auf kleine Bruchteile der bisherigen Zeitaufwinde herabgemindert werden könnte, würde dann, unter der Ober­leitung der Lehrer, die Unterweisung und Förderung der weniger begabten Mitschüler und der jüngeren Stufen über­tragen, eine herrliche Gewöhnung an die Ausübung sozialer Pflichten, gemäß den höheren Gaben, zugleich mit Klärung und Festigung des eigenen Wissens verbunden. Dabei wird

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es sehr wohi vorkommen können, daß ein und derselbe Jüng­ling in einem Fache die Freunde unterweist, in einem an­deren von ihnen unterwiesen wird. Dem Einwurfe, daß viele der minder Begabten größerer pädagogischer Kunst bedürfen, ist leicht dadurch zu begegnen, daß in der allge­meinen Leitung auch des unmittelbaren Unterrichtes diese Kunst und Erfahrung hrnreichend zur Geltung kommen kann, und daß andrerseits die allerreichste Erfahrung dafür vor­liegt, wie viel unmittelbarer sich die jugendlichen Menschen untereinander zu beeinflussen und zu fördern vermögen, als es der viel Ältere der Jugend gegenüber vermag.

Man betrachte doch nur die außerordentlich intensive Lehr-kraft, welche schon die vorübergehenden freien Genossen­schaften der vor einem und demselben Examen stehenden jungen Leute untereinander entfalten und die nachhaltigen Erfolge dieser gegenseitigen Förderung, bei der die Begab­teren so oft ziemlich schwere Proben von edelster sozialer Gesinnung abzulegen haben.

Beim Hochschul-Unterricht sind in der Entwicklung eines freien Privatdozententums schon verwandte Gedanken ent­halten; auch sind bereits in manchen Zügen der seminaristi­schen Einrichtungen Ansätze zu gegenseitiger Förderung der Lernenden vorhanden, ebenso in den freieren oder fach-wissenschaftlichen Vereinen der Studierenden, und zwar noch mehr an den technischen Hochschulen als an den Universi­täten. Ich möchte glauben, daß in solcher Richtung noch viel mehr zu erreichen wäre, vielleicht sogar mit der Zeit eine menschenwürdigere und zweckmäßigere Gestaltung des gan­zen Prüfungswesens. Eine frühe und alle Schulstufen um­fassende Kultivierung von Lern- und Lehr-Gemeinschaften würde der ganzen sozialen Erziehung zur Menschlichkeit und

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Gerechtigkeit gewiß außerordentlich zugute kommen und dann auch dazu helfen, die Auswüchse der Hingebung an engere Gemeinschaftsbildungen, nämlich die ungesunden Übertreibungen des Korps- und Kameradschaftsgeistes mit seinen Ausschließlichkeiten und Verfemungen in allen Le­benskreisen zu vermindern.

#TI

II

#TX

Der bereits in letzter Nummer erwähnte Vortrag des Dr. Hans Schmidkunz hat ungefähr folgenden Inhalt: Die acht Vorträge «Schule und Hochschule» führen eine pädagogische Bewegung vor die Öffentlichkeit, deren Ziele zusammenzu fassen sind in dem Schlagwort «Hochschulpädagogik», und deren Gemeinsames, abgesehen von den Einzeithemen der übrigen Redner, der heutige, sozusagen zentrale Vortrag dar­legen soll.

Wer sein Kind einer Elementarschule übergibt, vertraut auf ihre Pädagogik; hauptsächlich sind es die Lehrerseminare, worin diese wurzelt. Gegenüber den «höheren» Schulen ist dieses Vertrauen schon geringer; indessen wird auch ihre Pädagogik immer besser, und auch für sie entfaltet sich ein Seminarwesen. Am wenigsten vertraut auf Pädagogik, wer seine Jugend einer Hochschule übergibt; der tüchtige Ge-lehrte oder Künstler ist noch lange nicht auch der tüchtige Lehrer. Auf die verwunderte Frage nach dem Recht solcher Ansprüche ist zu antworten: es gibt eine Pädagogik von Wissenschaft und Kunst, oder kurz eine Hochschulpädagogik; ihre Anläufe durchzuführen ist unsere Aufgabe.

Die Hochschulpädagogik hat einerseits einen allgemeinen, ihr mit jeder anderen Pädagogik gemeinsamen, und anderer­seits einen besonderen Inhalt. Die Einwände gegen ihre

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Berechtigung erledigen sich teils durch die geschichtliche Analogie der Gymnasialpädagogik, teils durch die Frage, ob denn die Grundforderungen der Pädagogik überhaupt in nichts vergehen sollen, sobald es sich um Wissenschaft und Kunst und um das oberste Jugendalter handelt. Den be­sonderen Inhalt der Hochschulpädagogik können wir hier und jetzt nicht entwickeln. Aber anerkannt muß werden, daß sie bereits über junge Fortschritte verfügt, daß es nicht gilt, uns gegen die Hochschullehrer zu stellen, vielmehr, mit ihnen zu gehen, und daß wir aber auch berechtigt sind, uns über sie hinaus an die Öffentlichkeit zu wenden.

Den gegenwärtigen Hochschullehrern Vorschriften zu ma­chen, sei fern von uns, obschon es auch für hochschulpäda­gogische Tätigkeit Allgemeingültiges gibt. Was wir als Mittel für unsere Zwecke brauchen, ist vornehmlich zweierlei. Erstens eine Sammelstelle für alles Wissenswerte, die aller­dings reich ausgestattet sein müßte. Zweitens die Über­tragung des Grundsatzes der seminaristischen Lehrerbildung auf unser Gebiet, also die Schaffung eines hochschulpädago­gischen Seminars. Der Plan eines solchen liegt ausgearbeitet vor. Auch seine Verwirklichung ist ohne reiche Mittel nicht möglich.

So kühn dieser Gedanke erscheint, so sehr soll ihn doch die Überzeugung ergänzen, daß nur, wer seiner eigenen Un­vollkommenheit sich tief bewußt ist, zum Pädagogen und speziell zum Hochschulpädagogen taugt. Und je mehr wir die Not unserer gegenwärtigen geistigen Verhältnisse fühlen, desto mehr werden wir hoffen, durch eine vervollkommnete Bildung der künftigen Generation von Lenkern des Volks diese Not überwinden zu können. Möge jeder das Seinige dazu beitragen!

#SE031-297

#TI

III

#TX

Den dritten Vortrag über «Schule und Hochschule» hielt am 5. Dezember Professor Dr. Bruno Meyer über «Kunstunter­richt». Der wesentliche Inhalt des Vortrages ist: Für die Kunst ist von «Hochschulpädagogik» noch nicht lange die Rede. Dafür hat dieselbe hier den großen Vorteil, auf einen ganz bestimmten Ausgangspunkt zurückgeführt werden zu können. Nachdem die Kunst als ein individuelles Vermögen -auch innerhalb der kunstgeschichtlich sogenannten «Schu­len» - immer nur vom Meister auf den Lehrling übertragen worden war, trat erst, als das XVI. Jahrhundert zur Neige ging, als die Schöpfung der Caracci in Bologna eine Kunst-Akademie ins Leben. Noch ist von einer Organisation in­dessen nichts zu spüren. Das grundsätzlich Neue liegt nur darin, daß nicht mehr naiv die künstlerische Eigenart des Meisters sich, so gut es eben gehen wollte, mitteilte, sondern das Studium der Kunst als ein objektives aufgefaßt wurde, und es sich darum handelte, geschichtlich vorliegende Höhe­punkte des Erreichten durch die Lehre als dauernden Besitz nachgeborenen Generationen zu erhalten. Die großen Inge­nien der eben abgelaufenen Epoche schienen einen Wett­bewerb mit dem Einzelnen auszuschließen. Aber es konnte niemandem entgehen, daß sie nicht durch die gleichen Vor­züge ihren Rang erreicht hatten. Konnten sie jeder für sich in seiner Richtung nicht übertroffen werden, so lag der Ver­such nahe, einen Weg zu höheren Höhen der Kunst durch Vereinigung der bei ihnen getrennt auftretenden Vorzüge zu bahnen: der Eklektizismus begann. Was machte er denn anderes, als was jeder Künstler macht, der nicht in einem Modelle sein Ideal verkörpert findet, sondern es auf Grund

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zahlreicher Naturstudien kombinatorisch entstehen läßt? Aber dieser Vergleich trifft nicht zu, und an diesem Irrtum scheitert die eklektische Schule. Eine naturalistische Gegen-wirkung alten Stiles macht sich geltend und verdunkelt die Erfolge der neuen Schule.

Trotzdem lag auf diesem Wege die Zukunft des Kunst­unterrichtes. An den modernen Künstler werden - wie an den modernen Menschen überhaupt - Ansprüche erhoben, denen nicht zu entsprechen ist, wenn seine Ausbildung sich in den engen Schranken der Überlieferung von Person zu Person hält. So war nur noch die Frage, wo die unumgäng­liche Organisation gefunden werden würde. Die epoche­machende Grundlage für diese notwendige Neu-Schöpfung bildet die Entstehung der Pariser Akademie, die in die Jahre 1648-71 fällt. Speziell das Jahr i666 sah die Krönung des Gebäudes durch die französische Akademie in Rom sich voll­ziehen. Hier tritt zuerst eine bewußte schulmäßige Organi­sation auf: Fächer-Gliederung, regelmäßige Wettbewerbe, Römer-Preise mit mehrjährigem Studien-Aufenthalt in Ita­lien. Eine opulente und verständnisvolle staatliche Kunst­pflege, die auch das Mäzenatentum der Privaten erweckt und in rechte Wege leitet, tut das ihrige, die Früchte der Hochschul-Arbeit zu sichern und einzuheimsen.

Und doch gibt es kaum etwas Umstritteneres, etwas er­bitterter Angefeindetes als die Kunstakademien, die sich im Laufe der Zeit erstaunlich vermehrten. In der Tat, die Pariser Muster-Stiftung konnte den hereingebrochenen Verfall nicht aufhalten. Auch blieb sie von Pedanterie nicht frei. Das Neue aber ist in der Kunst noch mehr als in der Wissenschaft individuell und spottet des Regel-Zwanges. Dennoch weist die reiche französische Kunst-Entwicklung von jetzt einem

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Viertel-Jahrtausend, namentlich aber im letztverflossenen Jahrhundert, kaum einen bahnbrechenden, ja fast nicht ein­mal irgend einen bedeutenderen Meister auf, der nicht seinen Weg durch die Akademie genommen hätte. Kein Kunststil überdauert die Stürme der Revolution; aber die Akademie unter David bildet den ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht. Und überall gruppiert sich um die Akademien - so traurige Erfahrungen auch manche mit ihren begabtesten Schülern (und mehr eigentlich umgekehrt!) machen - das Kunstleben. Es genügt nächst Paris-Berlin, Wien, Antwer­pen, Düsseldorf, München zu nennen.

Sollen die Kunstakademien, an deren Notwendigkeit und Unersetzbarkeit zu zweifeln blanke Torheit ist, Ersprieß­liches leisten, so kommt alles auf ihre Abgrenzung und ihre Leitung an.

Die Kunst-Hochschule darf nicht mit der Kunst-Schule ver­quickt werden. Es gibt eine subalterne Ausübung der Kunst, wie jeder höchsten menschlichen Geistes-Tätigkeit, eine bloß routinierte Verwertung und Verwendung des bereits Vor­handenen. Für die Befähigung hierzu haben besondere Lehr­anstalten zu sorgen.

Ebenso besonnen haben sich die Akademien gegen die Bau-schulen abzusetzen, nicht etwa gegen die den vorerwähnten Kunstschulen ungefähr parallel stehenden Anstalten, die «Baugewerkschulen» und ähnlich genannt werden, sondern gegen die Hochschulen der Baukunst. Diese haben wegen der weitgreifenden zwecklichen und technischen Bedingtheit der Baukunst ihre richtige Stelle im Rahmen der Polytechniken, und so weit die Baukunst als Ingredienz einer universalen Bildung des darstellenden Künstlers erfordert wird, muß ihr an den speziell so zu nennenden Kunst-Akademien eine

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eigenartige zweckentsprechende Vertretung gegeben werden. Daß auch die Zeichenlehrer-Seminare nicht in den Rahmen

der künstlerischen Hochschul-Bildung fallen, braucht gerade nur erinnert zu werden. - Wie und wo die pädagogische Vor­bildung künftiger Kunst-Hochschul-Lehrer zu vermitteln ist, bleibt eine besondere Frage, die mit derjenigen nach der Ausbildung der Zeichen-Lehrer nichts zu tun hat.

Grundsätzlich zu trennen sind ferner die Kunst-Akade­mien von den Künstler-Akademien. Beide haben lediglich nichts miteinander zu schaffen, so wenig wie die wissenschaft­lichen Akademien mit den «Gelehrten-Schulen». Dadurch wird auch die ungesunde Einmischung der Kunst-Akademien (als Lehr-Anstalten) in das öffentliche Ausstellungswesen ab-geschnitten.

Endlich haben die Kunst-Akademien sich auch sachgemäß über ihre Beziehungen zur allgemeinen Bildung und deren Pflanzstätten zu orientieren. Daß sie an letztere besondere Anforderungen zu stellen hätten, wird um so mehr zu be­streiten sein, je mehr - und zwar mit Recht - an der Be­hauptung festgehalten wird, daß die technisch gründliche Aus­bildung einen frühen Beginn der kunstakademischen Studien bedinge. Hiernach fällt der Austritt aus der Schule in so frühe Zeit, daß von einer Modifikation des bis dahin zu erteilenden Unterrichts mit Rücksicht auf den zukünftigen Beruf noch keine Rede sein kann. Dagegen erwächst daraus dieser Art von Hochschulen die Verpflichtung, auch dem Aus­bau der allgemeinen Bildung ihrer Zöglinge in erheblichem Grade Rechnung zu tragen, und zwar diese Studien derselben unter eine ganz strenge schulmäßige Kontrolle zu nehmen.

Selbstverständlich aber fällt der Schwerpunkt der «Leitung» einer Kunst-Hochschule in die Lösung ihrer spezifischen Aufgaben.

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Es handelt sich da um die Anordnung und die Methode der für den künftigen Künstler notwendigen Unterweisung. Hier muß der schlechthin beherrschende Gesichtspunkt sein, daß Kunst als solche völlig unlehrbar ist. Man kann nur Wis­sen übertragen, Fertigkeiten üben und - den Willen ver­edeln. Die letztere rein erzieherische Aufgabe unterscheidet sich in nichts von der mit jedem Unterrichte verbundenen. In den beiden ersteren Richtungen hat die Kunst-Pädagogik zumeist die Schwierigkeit mit aller Pädagogik gemein, ein täglich anwachsendes Material in einer nicht wesentlich aus­dehnungsfähigen Zeit bewältigen zu müssen. Sie kann dem nur durch Bereicherung mit Disziplinen und durch Verbes­serung der Methoden nachkommen. Hierauf erschöpfend ein­zugehen, ist hier nicht möglich. In einem kurzen Referat läßt sich darüber nur berichten, daß viele erziehungs-technische Einzelheiten sowohl durch den ganzen Vortrag an geeigneten Stellen berührt, wie insbesondere am Schluß in größerem Zusammenhange erörtert wurden.

HOCHSCHULE UND ÖFFENTLICHES LEBEN

#G031-1966-SE301 - Gesammelte Aufsätze zur Kultur- und Zeitgeschichte 1887 - 1901

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HOCHSCHULE UND ÖFFENTLICHES LEBEN

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Seit einiger Zeit kann man mit immer größerer Deutlichkeit Urteile hören und lesen, die darauf hinauslaufen, daß es mit unserem Hoehsehulwesen unmöglich so weiter gehen könne, wie es bisher gegangen ist. Daß die Universitäten mit ihren aus einer verflossenen Kulturepoche herrührenden Verfas­sung, Einrichtung und Lehrmethoden sich innerhalb des mo­dernen Lebens geradezu komisch ausnehmen, wird nachgerade

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in weiteren Kreisen anerkannt. Die hier vorliegende Frage in ihrer vollen Tiefe zu erfassen, dazu sind aber die gebildetsten unserer Zeitgenossen nicht immer fähig. Und das ist erklärlich. Denn unsere Zeit ist in bezug auf die Ein­richtungen ihrer Bildungsanstalten so sehr hinter ihren eigenen Forderungen zurückgeblieben, daß diejenigen, welche in diesen Anstalten sich ihre Bildung geholt haben, unmög­lich wissen können, was ihnen mangelt, um auf der Höhe der Zeit und ihrer eigenen Aufgabe zu stehen. Wie sollte z. B. ein aus einer gegenwärtigen Juristenfakultät hervor­gehender Rechtsgelehrter eine Ahnung davon haben, was ihm angesichts des modernen Kulturlebens fehlt?

Einem Juristen wird heute ein Bildungsinhalt vermittelt, auf den dasjenige nicht den geringsten Einfluß genommen hat, was unsere Zeit groß macht. Daß unter dem Einfluß der moder­nen naturwissenschaftlichen Errungenschaften und der in ihrem Gefolge stehenden neuen Menschenkenntnis alle Rechtsver­hältnisse ein anderes Gesicht annehmen: davon hat der heutige Jurist keine Ahnung. Der Gerichtssaal ist heute für den­jenigen, der mit den Erkenntnissen moderner Naturwissen­schaft, Psychologie und Soziologie, einen halben Tag darin verweilt, eine Fundgrube unbeschreiblicher Komik. Die Juri­stenfakultäten sorgen dafür, daß diejenigen, die sie zur Pflege des Rechts ausbilden, die schlimmsten Dilettanten in all dem sind, was der modern Gebildete über die Natur und das Wesen des Rechtes weiß.

Ich habe das hervorstechendste Beispiel genannt, das sich mir geboten hat, um die Reformbedürftigkeit unseres Hoch­schulwesens zu illustrieren. Ich hätte es vielleicht nicht getan, wenn nicht gerade die durch die Juristenfakultät erzogenen Zeitgenossen am lästigsten würden. Wir können wenige

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Schritte im Leben machen, ohne es mit einem Juristen zu tun zu haben. Und wir machen immer wieder die Erfahrung, daß die Juristen gegenwärtig die Leute mit der aliergeringsten Bildung sind.

In der medizinischen Fakultät steht die Sache wesentlich besser. Hier herrscht sowohl moderner naturwissenschaft­licher Geist wie eine den Ansprüchen der Pädagogik ent­sprechende Methode. Diese Pädagogik der Medizin, die ihren Ausdruck in den Kliniken findet, ist sogar in jeder Beziehung ausgezeichnet. Die Medizin muß natürlich mit den natur-wissenschaftlichen Errungenschaften des Zeitalters rechnen. Die Jurisprudenz braucht es nicht. Man kann wohl reaktionär regieren, und man kann auch Gerichtsurteile fällen, die dem modernen Rechtsbewußtsein einen Schlag versetzen, aber man kann nicht reaktionär kurieren.

Am wenigsten reaktionär können diejenigen Hochschulen verfahren, welche sich mit dem modernsten Zweige der Kultur, mit der Technik, befassen. Auf diesem Gebiete haben die modernen Bedürfnisse zugleich eine entsprechende Methode des Unterrichtens hervorgebracht. Und man kann unbedingt behaupten, daß heute kein Elektrotechniker so unsinnig unterrichtet wie ein Professor des römischen Rechtes oder einer der Literaturgeschichte. Daher wird der Elektro­techniker im allgemeinen brauchbare Menschen für das öffent­liche Leben, der Professor für Literaturgeschichte komische Gestalten hervorbringen, die sich im besten Falle zu Kritikern von allerlei Journalen eignen, die auch ein paar nette Dinge über Ibsen oder Gerhart Hauptmann zu sagen wissen, die aber doch dem modernen Leben so fremd wie möglich gegenüberstehen.

Die medizinische Fakultät und die technischen Hochschulen

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beweisen, daß die höheren Anstalten ihre pädagogischen Aufgaben am besten dann erfüllen, wenn sie ihre Unterrichts-prinzipien im Sinne der Forderungen des modernen öffent­lichen Lebens einrichten. Damit habe ich auf einen der wesentlichsten Differenzpunkte zwischen der Pädagogik der niederen und derjenigen der Hochschulen hingewiesen.

Die niederen Schulen haben die beneidenswerte Aufgabe, den Menschen zu nichts weiter zu machen als zu einem Men­schen im allervollkoramensten Sinne des Wortes. Sie haben sich zu fragen: welche Anlagen liegen in jedem Menschen, und was müssen wir demgemäß in jedem Kinde zur Ent­faltung bringen, damit es dereinst die Menschennatur in harmonischer Ganzheit zur Darstellung bringe? Ob das Kind später Mediziner oder Sdiiffbauer werde, das kann dem Pä­dagogen, dem es mit sechs Jahren zur Ausbildung in die Hände gegeben wird, ganz einerlei sein. Er hat dieses Kind zum Menschen zu machen.

Anders schon ist es, wenn das Kind eine höhere Schule besuchen soll. Ein Gymnasium, ein Realgymnasium oder eine Realschule. Die moderne Volksschulpädagogik hat sich einen hohen Grad von Freiheit erobert. Sie ist wirklich dahin ge­kommen, die Bedürfnisse der Menschennatur zu studieren und fordert immer energischer eine Gestaltung des nieder­sten Erziehungswesens, die gemäß diesen Bedürfnissen ist. Pestalozzi, Herbart und dessen zahlreiche Schüler wollen im Grunde nichts anderes als einen Kindesunterricht und eine Kindeserziehung, die den Forderungen der Menschennatur entsprechen. Eine Pädagogik, die das Kind der Psycholo­gie ist.

Der Gymnasiallehrer kann unmöglich sein Wirken im Sinne einer Pädagogik mit ähnlichen Grundsätzen einrichten.

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Denn das Gymnasium ist ein Überbleibsel aus einer Kultur­periode, welche sich zur Aufgabe gesetzt hat, die ursprüng­liche Natur des Menschen zu Gunsten gewisser religiöser Vorurteile umzuformen. Das Christentum, das davon aus-ging, den ursprünglichen Menschen so umzugestalten, daß er für ein höheres, übernatürliches Leben reif ist, im Zusam­menhange mit dem Glauben, daß das Altertum ein für alle­mal vorbildlich sei für alle Kultur, haben dem Gymnasium seine Physiognomie gegeben. Von dieser Voraussetzung, nicht von dem Nachdenken über die Bedürfnisse der Menschen-natur, stammt der Lehrstoff, der in den Gymnasien absolviert wird. Eine Gymnasialpädagogik kann im allerbesten Sinne nicht mehr tun, als die Grundsätze feststellen, wie der auf die charakterisierte Weise einmal feststehende Gymnasial­lehrstoff in bester Art in den Kopf des jungen Menschen hineingepfropft werden kann. Eine wirkliche Gymnasial­pädagogik müßte vor allen anderen Dingen die Frage beant­worten: was ist in dem Menschen zwischen seinem 12. und i8. Jahre zu entwickeln? Ob ein auf Grund einer wirklichen psychologischen Erkenntnis gewonnenes Urteil den gegen­wärtigen Gymnasiallehrplan ausklügeln würde, möchte ich sehr bezweifeln.

Auch kann ich nicht glauben, daß aus solchen psychol gischen Erwägungen etwas sich ergeben würde, was nur im entferntesten an das erinnert, was Realgymnasium oder Real­schule dem jungen Menschen bieten. Diese Anstalten ver­danken ihren Ursprung einer halben Erkenntnis und einem halben Wollen. Die halbe Erkenntnis besteht darin, daß man - aber eben nur bis zur Hälfte - eingesehen hat: das Gymnasium entspricht nicht mehr den Bedürfnissen des mo­dernen Geistes. Das Leben stellt andere Anforderungen, als

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eine Unterrichtsanstalt erfüllen kann, die aus Anschauungen herausgewachsen ist, denen man ihre Mittelalterlichkeit kaum bestreiten kann. Das halbe Wollen liegt darin, daß man Real-gymnasien und Realschulen nicht den modernen Forderun­gen gemäß eingerichtet hat, sondern daß man aus ihnen ein Mittelding zwischen dem alten Gymnasium und derjenigen Anstalt machte, in welcher der moderne Mensch vorgebildet werden müßte.

Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß es die Pädagogik nicht so weit gebracht hat, Unterrichtsziele und Unterrichts-methoden für den Menschen zwischen seinem i 1. und 18. Jahre zu finden. Sie kann auch noch nicht die Frage ent­scheiden: inwiefern dürfen Unterricht und Erziehung in die­sem Lebensalter noch der allgemeinen Menschennatur dienen, und inwiefern müssen sie dem Menschen die Möglichkeit geben, sich die Vorkenntnisse für den kommenden Lebens-beruf zu verschaffen. Man kann diese Frage auch anders fassen. Man kann sagen: es ist die Entscheidung zu treffen zwischen den Forderungen der allgemeinen Menschennatur und jenen des öffentlichen praktischen Lebens.

In viel ängstlicherer Weise tritt diese Frage an denjenigen heran, der etwas über Lehrweise an den Hochschulen ent­scheiden will. Denn bei der Hochschule ist es ganz zweifellos, daß sie den Bedürfnissen des öffentlichen Lebens dienen und hinter der Aufgabe, die ihr dadurch gestellt wird, die Pflege der allgemeinen Menschennatur zurücktreten lassen muß. Wichtig ist aber, sich darüber klar zu werden, inwiefern die Hochschule, trotzdem sie Berufsmenschen: Juristen, Medi­ziner, Gymnasiallehrer, Ingenieure, Chemiker, Künstler zu bilden hat, doch und vielleicht eben deswegen gewisse päda­gogische Aufgaben zu erfüllen hat.

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Wenn die Männer, die in diesem Jahre unter der Führung des Dr. Schmidkunr und des Professors Wilhelm Förster sich zur Pflege einer Hochschulpädagogik vereinigt haben, sich eine sachgemäße Aufgabe stellen wollen, so müssen sie zu-nächst zur Beantwortung der oben von mir gestellten Frage etwas beitragen.

Ihre Tendenz muß eine zweifache sein. Erstens müssen sie für die einzelnen Wissenschaften die besten Unterrichts-methoden finden. Denn von einer allgemeinen Hochschul­pädagogik kann nicht die Rede sein. Auf den niederen Unter­richtsstufen hat man die allgemeine Menschennatur im Auge. Und sie fordert ganz allgemeine Prinzipien, nach denen man alle Unterrichtsgegenstände gleichmäßig behandelt. Auf der Hochschule machen die einzelnen Wissenschaften ihre Sonder­rechte geltend. Chemie fordert eine andere Unterrichtsweise als Jurisprudenz.

Zugleich kommt aber noch etwas anderes in Betracht. Der Grad von Ausbildung, den ein Mensch durch die Hochschule erwirbt, bringt ihn später in eine gewisse höhere soziale Stellung. Er hat dementsprechend in Dingen mitzureden, zu denen eine ganz andere Bildung erforderlich ist als die seines Faches. Da das öffentliche soziale Wirken eines Men­schen von gewissen höheren Berufen ganz untrennbar ist, entsteht die Aufgabe, dem Hochschüler neben seiner Berufs­bildung auch eine entsprechende allgemeine höhere Bildung zu geben. Wie die Hochschulen einzurichten sind, damit sie den beiden eben gekennzeichneten Forderungen genügen, will ich in der nächsten Nummer dieser Zeitschrift zur Sprache bringen.

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II

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Es ist nun schon ein Vierteljahrhundert her, da klagte Lothar Meyer> der große Theoretiker der Chemie, über die Uni­versität: «Sie leitet nicht mehr wie früher den Geist der Nation in die Bahnen weiterer Entwicklung; die Geschichte droht über sie hinweg zur neuen Tagesordnung überzugehen. Das ist der Schaden, der der Universität durch engherzige Unduldsamkeit und kurzsichtige Seibstüberhebung ihrer ton-angebenden Kreise bereitet worden ist.» (Vergl. was darüber A. Riedler in seiner lesenswerten Schrift «Unsere Hoch­schulen und die Anforderungen des zwanzigsten Jahrhun­derts» sagt.) Als ein Symptom für die Rückständigkeit des Universitätsunterrichtes hat schon vor Jahren Eduard von Hartmann angeführt, daß die Universitätslehrer ihre Kol­legien heute noch immer so lesen> als wenn die Buchdrucker-kunst nicht erfunden wäre. Was der Hochschullehrer zumeist liest, könnte sich der Student durch eigene Lektüre bequemer und besser aneignen, wenn es ihm eben - nicht vorgelesen, sondern als gedrucktes oder sonstwie vervielfältigtes Buch oder Heft übergeben würde. Es ist überflüssig, eine Anzahl von Zuhörern zu dem Zwecke zu versammeln, um ihnen etwas vorzulesen, was sie sich besser in der eigenen Stube aneignen könnten. - Es ist aber nicht bloß überflüssig. Es ist im besten Sinne des Wortes unpädagogisch. Ein junger Mensch wird ermüdet durch eine Vorlesung, deren Inhalt er nicht dem Stoffe nach beherrscht. Man stelle sich nur einmal vor, was es heißt, ein Kolleg über chemische Theorien zu hören, wenn man gar nichts von chemischen Theorien weiß. Und man stelle dem entgegen den Genuß, den ein junger Mann hat, der sich aus irgend welchem Leitfaden über chemi­sche

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Theorien unterrichtet hat, und der dann einen Univer­sitätslehrer eine Anschauung über diese Theorien in leben­diger Rede aussprechen hört - in der lebendigen Rede, die allen Dingen, und seien sie die abstraktesten, den Zauber des Persönlichen gibt. Dieser Zauber kann aber nur zum Vor-schein kommen, wenn der Hochschullehrer nicht liest, son­dern in freier Rede vorträgt. Dann wirkt das Kolleg auf den Studenten, wie es wirken soll. Der Lehrer gibt dem Zuhörer etwas, was kein gedrucktes Buch vermitteln kann. Meiner Ansicht nach müßten die Vorlesungen der Hochschule so ein­gerichtet werden, daß sie aus dem Innern der berufenen Persönlichkeiten heraus das vermitteln, was kein totes Lehr­buch oder kein toter Leitfaden vermitteln kann. Was aber ein solcher zu bieten vermag, das soll nicht Gegenstand der Vorlesung sein. Denn für denjenigen, der einen Leitfaden lesen kann, ist eine Vorlesung des Leitfadens überflüssig. Und nur solche junge Menschen sollten die Hochschule be­suchen, die einen Leitfaden oder ein Lehtbuch lesen können. In der Regel sind die jungen Menschen, wenn sie auf die Hochschule kommen, 18 Jahre alt. Wer einst im Leben als Chemiker etwas Vernünftiges leisten wird, der l,ain in diesem Alter ein chemisches Lehrbuch verstehen, wenn er es liest. Stellt man der Abiturientenprüfung des Gymnasiums eine einleuchtende Aufgabe, so muß es die sein, daß der Abiturient jedes beliebige wissenschaftliche Buch, das mit den Anfangsgründen beginnt und methodisch weiter schreitet, versteht. Wer dazu nicht imstande ist, dürfte nicht als reif zum Besuche einer Universität oder anderen Hochschule erklärt werden.

Kann vorausgesetzt werden, daß der Gymnasialabiturient reif ist, einen Leitfaden der Chemie, der Mathematik, der

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Geschichte usw. zu lesen, so ergibt sich alles folgende von selbst. Der Universitätslehrer kündigt ein Kolleg an, damit zugleich: wo das Buch oder das autographierte Heft zu haben ist, auf das er seine Vorträge aufbaut. Der Student kauft sich dieses Buch oder dieses Heft. Er kommt daher in die Vorlesung mit vollständiger Beherrschung des Stoffes, über den der Universitätslehrer vorträgt. Nun bringt dieser Lehrer alles dasjenige vor, was man persönlich sagen muß, oder was andererseits gehört werden muß, das heißt nicht gelesen werden kann. Der berühmte Anatom Hyrtl hat von seinen Zuhörern verlangt, daß sie das Kapitel, über das er im Hör­saal sprach, zuerst aus seinem Buche sich genau angeeignet haben.

Ich glaube mit der Forderung, daß der Hochschullehrer nicht ein Buch vorlesen, sondern auf Grund eines Buches das geben soll, was man nur persönlich geben kann, eine wichtige Forderung des Hochschulwesens ausgesprochen zu haben. Denn von den kleinen Fragen, wie ist der Unterricht in der Philosophie, in der Mathematik, in der Mechanik usw. systematisch zu erteilen, halte ich gar nichts. Auf derjenigen Unterrichtsstufe, auf der die Hochschule steht, entscheiden über die Reihenfolge, in der der Inhalt einer Wissenschaft vorzubringen ist, nicht methodische Tüfteleien, sondern der natürliche Gang der Wissenschaft und die praktischen Be­dürfnisse, um welcher willen das betreffende Fach an der Hochschule gelehrt wird.

Auf den unteren Stufen des Unterrichtes muß der Lehr­stoff so eingerichtet werden, daß er in der besten Weise der jugendlichen Natur vermittelt werden kann. Man hat auf diesen Stufen zum Beispiel nicht zu fragen, welche Gestalt hat die Lehre von den Tieren angenommen, sondern, was

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ist notwendig, dem sechs- bis elfjährigen Menschen aus der Tierkunde zu vermitteln, wenn der Lehrgang den Bedürf­nissen der jugendlichen Menschenseele entsprechen und außer­dem so eingerichtet werden soll, daß die Menschennatur in harmonischer Aliheit in jeder einzelnen Persönlichkeit so gut als nur möglich zum Vorschein komme?

Solche Fragen kann die Hochschule sich nicht stellen. Sie hat nicht die Aufgabe, Menschen im allgemeinen zu bilden, sondern für einen bestimmten, freigewählten Beruf vorzu­bereiten. Aus dieser ihrer Aufgabe entspringt ein Teil der Forderungen, wie unterrichtet werden soll. Aus dem jeweili­gen Stande der Wissenschaft ergibt sich selbst die Methode, nach welcher diese Wissenschaft gelehrt werden muß. Mathe­matik, Zoologie usw. können nur in der Reihenfolge und Gestalt gelehrt werden, welche die wissenschaftlichen Lehren gegenwärtig aus sich selbst, aus ihrer wissenschaftlichen Wesenheit angenommen haben. Daneben sind die Bedürf­nisse des praktischen Lebens maßgebend. Ein Maschinen­bauer muß so unterrichtet werden, wie es heute die prak­tischen Verhältnisse des Maschinenwesens verlangen.

Etwas, was für den Hodischulunterricht vor allen Dingen in Betracht kommt, ist der Umstand, daß die Hochschule nicht den Menschen im allgemeinen als Ziel der Ausbildung ansehen kann, sondern den spezialisierten Menschen, den Juristen, Chemiker, Maschinenbauer. Daß ihm Chemie, Juris­prudenz, Maschinenkunde usw. dem neuesten Stande der Wissenschaft gemäß übermittelt werden, das kann der Hoch-schüler verlangen.

Er kann aber ferner auch noch etwas von der Hochschule verlangen. Sie muß ihm die Möglichkeit bieten, derjenigen sozialen Stellung gewachsen zu sein, in die ihn ein gewisser

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Beruf bringt. Die soziale Stellung eines Maschinenbauers for­dert gewisse Kenntnisse in Geschichte, Philosophie, Statistik, Nationalökonomie usw. Diese Kenntnisse, nach freier Wahl, sich anzueignen, muß die Hochschule Gelegenheit bieten. Das wird nur möglich sein, wenn zu den Fakultäten für die Berufswissenschaften eine Fakultät für allgemeine Bildung hinzutritt, in welcher der Student alles das finden kann, was er zur Ergänzung seines speziellen Berufsstudiums braucht.

Zum vollkommensten Berufsmenschen und zum Träger der Gegenwartskultur muß die Hochschule ihre Hörer machen. Es ist natürlich, daß eine solche Aufgabe nur erreicht werden kann, wenn eine einheitliche Hochschule für alle Berufe be­steht. Denn nur eine solche Einheitsschule kann sozusagen das Abbild, den Mikrokosmos der Gegenwartskultur bieten. Nur eine solche Hochschule kann dem Elektrotechniker die Möglichkeit bieten, sich über den neuesten Stand der Zoo­logie zu unterrichten, wenn er dazu das Bedürfnis hat.

Die heute abgesondert bestehenden technischen, landwirt­schaftlichen Hochschulen, Kunstakademien usw. müssen den Universitäten angegliedert werden.

Wenn dieses Ziel erreicht ist, dann kann gesagt werden: welche Einrichtung muß der einheitlichen Hochschule ge­geben werden, damit sie ihrer oben gekennzeichneten dop­pelten Aufgabe genüge? Diese Frage ist die Kardinaifrage einer wirklichen Hochschulpädagogik. Eine solche Pädagogik ist, ihrer ganzen Natur nach, grundverschieden von aller Pä­dagogik der niederen Schulen. Diese letztere Pädagogik stellt ein Bild der allgemeinen Menschennatur in den Vordergrund und hat die Frage zu beantworten: wie ist der Unterricht ein­zurichten, damit der Mensch, der zu unterrichten ist, diesem Bilde so nahe als möglich komme. Die Hochschulpädagogik

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hat es nicht mit einem solchen Bilde der Menschennatur zu tun; sie hat es überhaupt zunächst nicht mit dem Menschen, sondern mit einer Institution, mit der Hochschule zu tun, die sie zum Bilde des gegenwärtigen Kulturzustandes zu machen hat. Wie sich dann der einzelne Mensch, seiner Be­rufswahl, seinen menschlichen Bedürfnissen und Neigungen nach, in den Organismus der Hochschule eingliedert: das ist zunächst seine Sache.

Gefährlich für die Entwicklung des Hochschulwesens halte ich die Tendenz, nach dem Muster der Pädagogik niederer Stufen eine Hochschulpädagogik schaffen zu wollen. Der Tod der Universität wäre es, wenn man eine Schablone aufstellte, nach der zum Beispiel Philosophie ebenso nach gewissen Grundsätzen zu unterrichten wäre, wie Rechnen in der Volks­schule nach Grundsätzen unterrichtet wird.

Die Folge, in der die philosophischen Lehren im Kolleg der Hochschule vorzubringen sind, ergibt die Wissenschaft selbst. Und alles Nachdenken über ein anderes Wie als das von der Wissenschaft geforderte ist sinnlos. Der junge Mensch, der zur Universität kommt, will vor allen Dingen nicht unter der Schulmeisterfrage leiden, die sich etwa der Lehrer stellte: wie muß ich unterrichten, damit ich in metho­discher Folge meine Sache dem Zuhörer am besten ein­trichtere? Der junge Mensch will erfahren: wie stellt sich der Mann, dem ich zuhöre, die Philosophie vor, welche Ge­stalt gibt er ihr, ihrer wissenschaftlichen Natur nach? Ich halte es für den größten Reiz des Universitätsunterrichtes, daß der Zuhörer weiß: er hat es mit Männern der Wissen­schaft zu tun, die sich geben, wie ihre Persönlichkeit und ihre Wissenschaft es von ihnen verlangen, und die ihre Natur nicht in Unterrichtsregeln einschnüren.

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Man sieht, was ich von der Hochschule verlange. Sie soll die größte Vollkommenheit eines Mikrokosmos des jeweiligen Kulturzustandes vereinigen mit dem höchsten Maße von Frei­heit. Dem Hörer soll Gelegenheit geboten werden, soviel wie nur möglich von der Gegenwartskultur aufzunehmen; aber keine Zwangsregeln sollen ihn in seinem Werdegang begleiten. Im Zusammenhange damit möchte ich der bar-barischen Maßregel der Staaten gedenken, die sich anmaßen, Unterrichtsgang und Lehrzeit festzusetzen. Natürlich hingen alle solche Maßnahmen zusammen mit der Niedertretung und Ertötung, welche das Individuum vom Staate zu erleiden hat. Es ist gegenüber der unendlichen Verschiedenheit der Indi­vidualitäten eben barbarisch, von dem Befähigten zu ver­langen, daß er ebensolang Medizin studieren soll wie der minder Befähigte. Dem Umstande muß durchaus Rechnung getragen werden, daß ein Mensch genau dasselbe in zwei Jahren absolvieren kann, zu dem ein anderer fünf braucht.

Damit glaube ich, die wichtigsten Fragen berührt zu haben, die gegenwärtig mehr oder weniger bewußt alle diejenigen beschäftigen, die von einer notwendigen Reform unseres Hochschulwesens sprechen.

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MORITZ VON EGIDY

Gestorben am 29. Dezember 1898

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Was so häufig von Persönlichkeiten, die im besten Lebens­alter sterben, als inhaltleere Phrase gesagt wird, kann wohl mit vollem Recht von Moritz von Egidy ausgesprochen wer­den: er ist zu früh von uns gegangen. Denn man wird wohl

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das Richtige treffen, wenn man behauptet, daß diesem Manne die wichtigsten Jahre seiner Entwicklung noch bevorstanden. Dieses Urteil werden kaum seine blinden Anhänger und Ver­ehrer haben. Aber sie dürften gerade in diesem Falle nicht die rechten Beurteiler sein. Als solche wird man vielmehr diejenigen betrachten dürfen, welche trotz der Wärme, die von Egidy ausging, bei seinen Worten kalt blieben, und welche, trotz des Sympathischen seiner Persönlichkeit, ihm nur fremd gegenüberstehen konnten.

Egidy war einer von denjenigen Menschen, die immer als lebendige Beweise dafür existieren werden, daß der Idealis­mus dem Menschengeschlechte eine notwendige Weltanschau­ung ist. Ein Ideal menschlicher Gesellschaftsordnung schwebte ihm vor. An diesem Ideale hing sein Herz. Das Recht der freien Persönlichkeit, die sich unbedingt, allseitig, ihren Fähigkeiten vollkommen entsprechend, ausleben kann, ge­hörte zum wesentlichen Inhalt dieses Ideals. Egidy hat den Beruf des Offiziers aufgeben müssen, als er zu der Erkennt­nis kam, daß er in der persönlichen Freiheit sein gesellschaft­liches Ideal zu suchen habe. Und man muß ihm zugestehen, daß er von diesem ersten Schritte an durch seine ganze öffent­liche Wirksamkeit hindurch sich als mutvolle, charakterstarke Persönlidikeit erwiesen hat, die in jedem Augenblicke sich selbst in dem denkbar stärksten Maße die Treue hält.

Warum aber gab es doch solche, die kalt blieben, wenn sie Moritz von Egidy von seinen Idealen reden hörten? Die Antwort darauf dürfte sein, daß dieser Mann zu den Bedürf­nissen seines Herzens nicht die plastische Kraft des Gedan­kens hatte, welche den unbestimmten, dunklen Idealen die sicheren, klaren Wege zu weisen versteht. Etwas Verschwom­menes hatten alle Ausführungen Egidys. Seine Anhänger

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waren daher nicht die Köpfe, die mit sicheren Instinkten durch das Leben schreiten und wissen, was sie wollen. Die­jenigen verstanden ihn, die hin- und herschwanken zwischen alten Überlieferungen und modernen Vorstellungen. Die da­vor zurückschrecken, durch völlige Klarheit einer Weltan­schauung das Wohlbehagen zu verscheuchen, das in der Hin-gabe an unbestimmte, mystische Mächte liegt. Die auch ver­meiden wollen, das Seelenmartyrium auf sich zu nehmen, das derjenige zu bestehen hat, der die Elemente jahrtausendalter Erziehung durch die Vorstellungen einer neuen Weltanschau­ung zu verdrängen sucht.

Die Menschen, die das Herz auf dem rechten Flecke und die Vernunft auf einem etwas verlorenen Posten haben, waren Egidys Anhänger. Durch solche Menschen kann im einzelnen ungemein viel Ersprießliches gewirkt werden. Man braucht nur an das mannhafte Eintreten Egidys in Sachen Ziethens zu erinnern, um das zu beweisen. Für die großen Aufgaben der Zeit werden aber Geister von dieser Art weniger leisten.

Das alles aber würde gerade bei Egidy wahrscheinlich an­ders geworden sein, wenn ihm eine längere Lebensdauer beschieden gewesen wäre. Zwar fand man ihn bis zuletzt immer auf Seite derjenigen Geistesströmungen, denen die Gedankenunklarheit zu den unbewußten Axiomen gehört. Seine Stellung gegenüber dem russischen Friedensmanifest, bei dem sich ein klarer Kopf nicht das Geringste vorstellen kann, beweist dies. Aber trotz alledem ist innerhalb der Ent­wicklung Egidys eine stetige Klärung seiner Anschauungen zu bemerken. Er ist bis jetzt nicht dazu gekommen, seinen individualistisch-anarchistischen Anschauungen einen Unter­grund in den Ideen des modernen Denkens zu geben. Er

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sprach viel von «Entwicklung» und davon, daß auf dem Ent­wicklungsgedanken der weitere Fortschritt der menschlichen Gesellschaft sich aufbauen müsse. Aber von den konkreten Gesetzen, die sich aus der naturwissenschaftlichen Entwick­lungslehre ergeben, und von deren Anwendung auf das menschliche Leben war in seinen Schriften und Reden wenig zu merken. So kam es, daß alles, was von ihm ausging, be­denklich an die «ethische Kultur» und an die Bestrebungen des Pfarrers Naumann erinnerte - das heißt an geistige Strö­mungen, die nicht vermögen, das Leben im Sinne der neuen Erkenntnisse zu reformieren, und die deshalb das nach der Meinung ihrer Träger in den alten religiösen Vorstellungen Ewig-Wahre - die sogenannten hleibenden sittlichen Ideen -in einer neuen Form im Geiste der Menschen wieder lebendig machen wollen. Für das Unhaltbare in diesen Vorstellungen fehlt in diesen Kreisen das Verständnis. Ihre Angehörigen wissen z. B. nicht, daß die Vorstellungen der christlichen Sittenlehre nur einen Sinn für diejenigen haben, die an die christliche Weltanschauung glauben. Alle diejenigen, die den Glauben an diese Weltanschauung verloren haben, können nicht von einer Reform der sittlichen Vorstellungen des Chri­stentums sprechen, sondern allein von einer Neugeburt des sittlichen Lebens aus dem Geiste der modernen Weltanschau­ung heraus.

Ernst von Wolzo gen hat in einer der letzten Nummern der Wiener Wochenschrift «Die Zeit» auf das Ungereimte hin­gewiesen, das in unserem Zeitalter dadurch zur Erscheinung kommt, daß neben den größten Fortschritten auf dem Ge­biete des Denkens und der Erkenntnis die überlebtesten reli­giösen Ideen ihr Wesen treiben. Die schlimmste Reaktion macht sich heute neben dem stolzesten Freiheitsbewaßtsein

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geltend. Wolzogen nennt deshalb unser Jahrhundert nicht mit Unrecht das «ungereimte>.

Persönlichkeiten wie Moritz von Egidy, werden in der Zu­kunft geradezu als typisch für die Erscheinung, die Wolzogen meint, angesehen werden.

In ihrer Brust sind zwei Seelen vorhanden: das moderne Zeitbewußtsein in allgemeiner, verworrener Form und das angestammte christliche Empfinden. An beiden deuteln sie nun so lange herum, bis das eine zu dem andern zu stimmen scheint. Die beiden Strömungen, die auf zwei Gruppen von Menschen verteilt sind, auf eine kleine fortschrittliche und eine große, mächtige, reaktionäre, vereinigen sie in einer Per­sönlichkeit. Sie gewinnen Anhänger aus dem Grunde, weil sie im Grunde weder der einen noch der andern Partei einen Strich durch die Rechnung machen. Bei allen «Halben» wer­den sie daher Zustimmung in reichlichem Maße finden; die «Ganzen» aber werden mit der Grausamkeit, die aus der Erkenntnis fließt, ihnen stets kalt und fremd gegenüber­stehen. Aber diese «Ganzen» werden doch ein Gefühl des Bedauerns nicht unterdrücken können. Und Persönlichkeiten vom Schlage Egidys gegenüber wird dieses Gefühl besonders deutlich sein. Was könnten Naturen wie diese mit ihrer Wärme und Kühnheit, mit ihrer Ehrlichkeit und Rücksichts­losigkeit wirken, wenn sie sich ganz in den Dienst der Gegen­wart stellen wollten! Wenn sie zu der Modernität ihres Her­zens auch die des Intellektes hätten!

Zu der Begeisterung, mit der Moritz von Egidy die ener­gischen Worte sprach: «Es ist himmelschreiend, wie man sich an dem Heiligsten des Menschen, an seinem Wachstum-, seinem Vervollkommnungsdrang versündigt, indem man blindwütig, kindisch roh, gewaltprotzig gegen das Allmachtsgesetz

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der Entwicklung ankämpft», möchte man die klare Erkenntnis hinzuwünschen, was im Sinne dieses Entwick­lungsgesetzes wirklich fruchtbar für die Zukunft ist.

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ZUR PROBLEMATIK

DES JOURNALISTEN UND KRITJKERS

anläßlich des Todes von Emil Scbifl am 23 Januar 1899

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Eine für die Gegenwart bedeutsame Persönlichkeit ist uns vor einigen Tagen durch den Tod genommen worden. Kein schaffender Künstler oder Gelehrter, keine produktive Natur war Emil Schiff, der am 23. Januar gestorben ist. Er hat kein Gebiet des geistigen Lebens mit neuen Ideen befruchtet. Alles, was er schrieb, war bloße Berichterstattung; zumeist sogar reine Tagesschriftstellerei. Er war Journalist. Aber wenn man dies in bezug auf Emil Schiff ausspricht, muß man an das Goethesche Wort erinnern: Das Was bedenke, mehr bedenke Wie. Er wirkte wie ein verkörperter Protest auf den Journalismus der Gegenwart. Wie stände es um den Journalismus: hätten wir viele seinesgleichen! Eine allgemein herrschende Ansicht der Gegenwart kann den Begriff des Journalisten nicht von dem der Oberflächlichkeit trennen. Wer möchte dieser Ansicht eine gewisse Berechtigung ab­sprechen? Wie war dagegen Emil Schiff! Jedes Feuilleton, das er schrieb, roch nach Gründlichkeit. Mancher Gelehrte, der über ein entlegenes und wegen der Einseitigkeit leicht zu beherrschendes Thema schreibt, könnte sich diesen oder jenen Zeitungsartikel Schiffs zum Muster nehmen.

Der Journalist schreibt für den Tag. Wer das tut, muß

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den Tag verstehen. Aber der Tag, das «Heute» ist das Er­gebnis der ganzen menschlichen Kulturarbeit. Und in der kleinsten Tageserscheinung können Dinge zum Vorschein kommen, die man nur auf der breitesten Basis einer ganz allgemeinen Bildung beurteilen kann. Man stelle sich einen Journalisten vor, der in würdiger Weise aus Anlaß von Helm-holtz', du Bois-Reymonds oder Treitschkes Tod schreiben will! Es ist gewiß weniger schwierig, für eine gelehrteste Zeitschrift über das Gehirn der Nagetiere zu schreiben.

Es wird behauptet, daß in unserer Zeit eine gewisse Viel­seitigkeit sich nicht mit Gründlichkeit paaren läßt. Der Reich­tum dessen, was wir auf den einzelnen Gebieten heute wissen müssen, wenn wir «gründlich» sein wollen, ließe sich nicht vereinigen mit der universellen Beherrschung des Geistes­inhaltes unserer Zeit. Wäre das richtig, so wäre es auch die Ansicht, daß der Tagesschriftsteller oberflächlich sein muß. Emil Schiff ist der lebendige Gegenbeweis dieser Behauptung. Wodurch ist er dieser Gegenbeweis geworden?

Man braucht nur ein paar Tatsachen zusammenzustellen, um diese Frage zu beantworten. Emil Schiff bat von seinem neunzehnten Jahre ab die Rechtswissenschaft studiert; dann wurde er Journalist. In seinem neunundzwanzigsten Jahre begann er Studien über höhere Mathematik, analytische Me­chanik, in seinem zweiunddreißigsten über Medizin. Im siebenunddreißigsten konnte er eine Doktordissertation schreiben über «Cabanis», einen der vielseitigsten Menschen des vorigen Jahrhunderts. Schiffs Freunde erzählen, daß dieser sich in seinen letzten Lebenstagen mit englischer und römischer Geschichte beschäftigt hat, und daß am Bette des Sterbenden Cervantes zu sehen war. Man wird also wohl kein falsches Urteil fällen, wenn man sagt, daß der Unermüdliche

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noch vieles dem weiten Umkreis seines Wissens einverleibt hat, das sich urkundlich nicht nachweisen läßt.

Es wäre gewiß unrichtig, wenn man behaupten wollte, daß Schiff nur deshalb in solch emsiger Weise bemüht war, sein Wissen nach allen Seiten auszubilden, um ein vollkom­mener Journalist zu werden. Ihm war eine allseitige Bildung ein persönliches Bedürfnis. Etwas nicht zu wissen, schien seinen auf Universalität angelegten Geist zu beunruhigen. Aber gerade solche Menschen gehören in die Journalistik. Für diesen Beruf ist nichts zu gut. Und wenn man auch sagen muß, ein Mensch mit solchem Erkenntnisdrange müßte das Ideal eines Gelehrten geworden sein: bedauern darf man nicht, daß er Journalist geworden ist. Weil ein großer Teil unserer gebildeten Welt bloß die Tagesliteratur sich aneignet, braucht diese Persönlichkeiten, wie Emil Schiff eine war.

Nur durch Charaktere von seiner Art ist es möglich, die so viel besprochenen Schäden der Journalistik aus der Welt zu schaffen. Das menschliche Wissen bildet ein in sich ge­schlossenes Ganzes. Man kann allenfalls Spezialist sein und die allgemeine Bildung entbehren. Man muß dann über die Einflüsse Byrons auf die deutsche Literatur rein Tatsäch­liches zusammenstellen; oder über die Fortpflanzung der Moose berichten, was man mit den Augen gesehen hat. Aber man kann unmöglich über eine politische Erscheinung oder eine wissenschaftliche Entdeckung seinen Zeitgenossen be­richten, wenn man diese nicht auf Grund einer umfassenden Bildung in das ganze Kulturgetriebe der Gegenwart einzu­gliedern weiß. Unsere Journalisten können das zumeist nicht. Leider wird der Mangel einer solchen Fähigkeit auch viel zu wenig bemerkt. Viel mehr Glück als die Schiffs haben jetzt diejenigen, die eine eitle Belesenheit in paradoxer Weise zur

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Schau zu tragen verstehen. Der Journalist kann so einseitig, ja so unwissend wie möglich sein, wenn er nur «amüsant» ist. Ja, amüsant! Man kann da eigentlich gar nicht wider­sprechen. Aber es kommt nur darauf an, für wen amüsant. Für diejenigen, die ein ernsthaftes Bedürfnis haben, an dem Kulturleben der Gegenwart teilzunehmen, oder für diejeni­gen, die durch inhaltlosen Witz die Zeit hinbringen wollen, die ihnen von ihren Berufsgeschäften übrig bleibt. Der Pamphletist gilt heute mehr als der kenntnisreiche, urteils­fähige Berichterstatter. In höchstem Ansehen stehen Artikel-schreiber, die ein paar Phrasen aus dem Katechismus der Agrarier aufgenommen haben, und diese mit ein paar stili­stischen Schnörkeln aus einer oberflächlichen Nietzschelektüre zu verbrämen wissen. Das Einseitige, Oberflächliche und Paradoxe beherrschen die Tagesschriftsteller. Von alledem das Gegenteil war Emil Schiff eigen. Er war ein sachgemäßer Journalist. Er hatte das dem Berichterstatter so notwendige Gewissen. Und er konnte dasjenige erfüllen, was dieses Ge­wissen ihm vorschrieb, denn er arbeitete unablässig an der Vervollkommnung semer Urteilsfähigkeit.

Man kann der Ansicht sein, daß niemand als Tagesschrift­steller über ein Theaterstück schreiben soll, der nicht wenig­stens die Grundzüge des Darwinismus kennt, und daß nie­mand über den Fürsten Bismarck schreiben soll, der nicht das Wesentliche der Soziologie versteht. Solch strenge Bedingun­gen erfüllte Emil Schiff. Er verband die Genauigkeit eines Ge­lehrten mit dem vielseitigen Interesse des Zeitungsschreibers. Die bloße Phrase war ihm ganz fremd.

Für produktive Naturen wird es wahrscheinlich gar nichr leicht sein, dem journalistischen Beruf in solch vollkommener Weise zu entsprechen, wie es Schiff tat. Sie werden zu sehr

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mit der Ausbildung des Eigenen beschäftigt sein, um sich das Fremde in solch ausgiebigem Maße anzueignen. Schiff konnte in solch einziger Art über andere und anderes berichten, weil ihn das Eigene nie störte.

Alles Reden über Reformen innerhalb gewisser Lebens-und Kulturverhältnisse ist wertlos, wenn man nicht erkennt, daß sich eine solche Reform auf Grund vollkommener mensch­licher Auslese aufbauen muß. Wir wissen heute, daß man den Menschen nicht gegen seine Anlagen entwickeln kann. Wer von Erziehung spricht und glaubt, daß es allgemeine Grundsätze gibt, nach denen sich die menschliche Natur formen läßt, versteht nichts von den modernen wissenschaft­lichen Errungenschaften. Wir können nichts weiter tun, als die in einem Menschen gelegenen Anlagen zur Ausbildung bringen. Und wir müssen Bedingungen schaffen, daß die­jenigen Menschen, die für irgendeine Lebenssphäre besonders geeignet sind, sich auch in diese stellen können. Eine Berufs-klasse wird dann am besten versorgt sein, wenn die natür­lichen Verhältnisse geeignet sind, diejenigen Menschen in sie zu führen, die ihrem Wesen gemäß am besten für sie taugen.

Um solche Bedingungen zu schaffen, muß allerdings die Erkenntnis und Würdigung der Persönlichkeiten vorhanden sein, die eine solche Tauglichkeit besitzen. Nach dieser Er­kenntnis und Würdigung richten sich die Anforderungen, die man an gewisse Berufe stellt. Und diese Anforderungen ent­sprechen genau dem, was man auf dem Gebiete der National-ökonomie die Nachfrage nennt. Nach dieser Nachfrage wird sich immer das Angebot richten. Wenn die Leser unserer Zeitungen nach Schwätzern fragen, so werden sich ihnen Kerrs anbieten; wenn sie nach allseitig gebildeten, gewissen-haften Schriftstellern verlangen, werden ihnen Schiffs ent­gegentreten.

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Das ist ein ehernes Gesetz in der geistigen Ent­wicklung der Menschheit. Deshalb darf nicht achtlos vorüber-gegangen werden an solch vorbildlichen, einzigen Persönlich­keiten, wie Emil Schiff eine war.

Jeder Leserkreis hat die Journalisten, die er verdient. Emil Schiff war nur für einen auserlesenen bestimmt. Das ist nicht gerade schmeichelhaft für unsere Zeit; denn dieser Mann wurde im Grunde doch wenig beachtet. Man hat in vielen Kreisen seinen Artikeln wohl kaum mehr Verständnis ent­gegengebracht als denen eines beliebigen Satzdrechslers mit spärlichem, literarhistorischen Wissen. Nur wenige Menschen haben bei seinen Lebzeiten den Wert dieses Mannes gekannt.

#TI

PROFESSOR SCHELL

#TX

«Der Katholizismus ist als solcher ein Prinzip des Fortschritts; was aber etwa bei den katholischen Völkern wirklich und wahrhaft dem geistigen Fortschritt im Wege steht, ist nicht wesenhaft katholisch. Man muß es rücksichtslos erforschen und bekämpfen, damit der Katholizismus sein eigenstes Wesen ungehindert entfalte!» . . . «Das Ideal, das die theo­logische Forschung leitet, ist die Überzeugung, daß die Gleichung zwischen richtig erfaßter Offenbarung und richtig gedeuteter Wirklichkeit herzustellen sei. Wenn ungläubige Gelehrte, von anderen Idealen geleitet, anders urteilen, so verbinden sie eben mit den Worten Gott und Christentum eine ganz andere Vorstellung als der Theologe»... So schrieb vor einigen Jahren ein idealistisch gesinnter deutscher Theo­loge, der Würzburger Professor Hermann Schell. («Der

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Katholizismus als Prinzip des Fortschritts», Würzburg 1897. Die Schrift hat vor kurzem die 7. Auflage erlebt.) Vor einigen Tagen hat nun der Papst eine deutliche Meinung darüber abgegeben, ob er über das «Wahrhaft Katholische» ebenso denke wie dieser Würzburger Professor. Er hat Schells Schrif­ten auf den Index der für Gläubige verbotenen Bücher gesetzt. Damit ist gesagt, daß die Lehren dieses Professors ketzerisch sind. Es wird nun erzählt, daß Professor Schell sich unter­worfen habe. Wenn das wahr ist, dann hat Schell einfach als wahrhafter und echter Katholik gehandelt. Und wieder einmal haben diejenigen Recht behalten, die für den Katholi­zismus als einzig maßgebend das berühmte Wort des Kardi­nals Rauscher halten: «Die Kirche kennt keinen Fortschritt». -Schell gehört zu jenen Bekennern des katholischen Glau­bens, die sich der Macht der wissenschaftlichen Errungen­schaften nicht entziehen können. Sie empfinden die Macht der Erkenntnisse, die sich der Mensch durch sein freies Denken erwirbt. Aber sie können aus ihrem Religionsbekenntnisse nicht heraus. Sie suchen nach einer Vereinigung ihres Glau­bens mit der Wissenschaft. Ihnen gegenüber muß immer wieder betont werden, daß alle freie Wissenschaft sich aus der Kraft des menschlichen Geistes heraus entwickelt hat; und daß in Wahrheit der Katholizismus niemals irgendein Ergebnis der freien Forschung aus inneren Gründen zuge­geben hat. Er ist stets nur so weit zurückgewichen, als er vor der Macht des menschlichen Geistes zurückweichen mußte. Er hat neben sich gelten lassen, was er nicht aus der Welt schaffen konnte. Es gibt innerhalb des Katholizismus nichts, was es ihm möglich machte, seine eigenen Lehren mit den Fortschritten des menschlichen Geistes in Einklang zu brin­gen. Es ist gut, wenn dies hüben und drüben zugestanden

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wird. Der wahre Katholik muß sich feindlich allem entgegen­stellen, was der menschliche Geist aus sich selbst erzeugt. Und der moderne Geist muß sich feindlich gegenüberstellen dem, was die Kirche auf Grund ihres Offenbarungsglaubens lehrt. Alle Überbrückung dieses Gegensatzes ist eine - nicht notwendig subjektive, aber jedenfalls objektive -Verfälschung des Tatbestandes. Und diese Verfälschung ist schädlich. Denn sie verhindert, daß der Kampf zwischen zwei Weltanschau­ungen in ehrlicher Weise ausgefochten werde. Wenn Profes­sor Schell sagt: «Warum soll es nun in unserer Gegenwart unkirchlich sein, die fortgeschrittene, vertiefte und erweiterte Philosophie der Neuzeit mit dem Offenbarungsglauben in eine fruchtbare Bundesgenossenschaft zu bringen?», so verhindert ein solcher Standpunkt den Fortgang der Entwicklung, der den tatsächlichen Faktoren entspricht. Er schafft zwischen ehrlichen Anhängern der Kirche und ehrlichen Gegnern eine Zwischengruppe, die das Aufeinanderprallen verhindert und die Entscheidung hinausdrängt. Den Bekennern des freien Denkens ist der Papst lieber als Professor Schell. Wo sie «Ja» sagen, sagt der Papst «Nein». Und das ist gut. Und der Papst hat sein gutes Recht dazu. Er ist in allen Dingen unfehlbar, die er ex cathedra verkündigt. Wer über den Katholizismus spricht, hat sich deswegen einzig an den Papst zu halten. Seit die Unfehlbarkeit Dogma geworden ist, muß das anerkannt werden. - Es gibt gewiß naive Gemüter, die es Gläubigen von der Art Professor Schells übelnehmen, daß sie sich unter­werfen. Sie möchten wir fragen: Wäre denn die Nicht-Unter­werfung nicht einfach sinnlos? Was soll der Professor Schell denn machen? Soll er weiter behaupten: seine Lehre sei rich­tiger Katholizismus und der römische Bischof habe Unrecht. Dann müßte aber doch der Professor Schell zugleich sagen:

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der Katholizismus schließt eben den Fortschritt aus. Also müßte er sich der Inkonsequenz zeihen. Entweder bleibt Schell Katholik, dann ist seine Lehre falsch - denn der Papst hat sie für falsch erklärt, und an diese Erklärung hat sich der­jenige zu halten, der Katholik sein will -, oder Schell bleibt nicht Katholik: dann ist seine Lehre auch falsch, denn der Katholizismus kennt eben dann keinen Fortschritt. - Noch naivere Gemüter werden vielleicht sagen: Professor Schell könnte das Dogma der Unfehlbarkeit bekämpfen und sagen, daß er und nicht der Papst den richtigen Katholizismus ver­trete. Doch mit Verlaub gesagt: das wäre das Allerschlimmste. Denn das hätte, wenn er es für notwendig hielte, Professor Schell längst tun müssen. Er ist ein echter Katholik bisher gewesen; also ein Bekenner des Unfehlbarkeitsdogmas. Wenn er nun durch seine eigenen Lehren in Gegensatz mit dem Papst kommt, dann kann er nur - abschwören.

So geht es allen, die sich einer Autorität preisgeben. Sie sind ihr verfallen. Wenn sie von ihr loswollen, dann müssen sie erst von ihren eigenen Anschauungen loskommen.

ÜBER DEN LEHRFREIMUT

#G031-1966-SE327 - Gesammelte Aufsätze zur Kultur- und Zeitgeschichte 1887 - 1901

#TI

ÜBER DEN LEHRFREIMUT

#TX

In den weitesten Kreisen gehört zu werden verdienen die Sätze, die vor einigen Tagen der neugewählte Rektor der Heidelberger Universität zu den Studenten gesprodaen hat, als sie ihm den üblichen Faekelzug darbrachten. Wir haben es ja in den letzten Wochen so oft hören müssen, daß die Profes­soren Beamte des Staates seien und daß die Regierungen sie demgemäß behandeln müßten. Was kann eine reaktionäre

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Regierung mit einer solchen Forderung alles machen? Jeder Universitätslehrer, der auf einem Standpunkt steht, welcher dem rückschrittlichen Sinn oder auch nur dem Unverstand der Machthaber zuwider ist, kann als widerspenstiger Beamter verfolgt werden. Die den Universitäten gewährleistete Lehr-und Lernfreiheit kann durch diese Forderung einfach aus der Welt geschafft werden. Kürzlich hat Professor Paulsen in den «Preußischen Jahrbüchern» darauf hingewiesen, daß Profes­sor von profiteri stammt, d. i. von «öffentlich bekennen». Mit ihm erklärt sich der Heidelberger Rektor, Professor Ost-hoff, einverstanden. Aller Fortschritt der Wissenschaft hängt an der Lehr- und Lernfreiheit. Nur wenn der Universitäts­lehrer öffentlich bekennen kann, was ihm seine Wissenschaft als Resultat geliefert hat, kann er seinen Beruf im höheren Sinne erfüllen. Läuft irgend eines dieser Resultate den In­teressen eines Staates zuwider, so hat der Staat sich nach der Wissenschaft zu reformieren. Aus den Errungenschaften des geistigen Lebens müssen den gesellschaftlichen Einrichtungen immer neue Lebenssäfte zugeführt werden. Osthoff betont, daß das notwendige Gegenstück zur Lehrfreiheit der Lehr-freimut ist. Wohin soll dieser Lehrfreimut gelangen, wenn der Lehrer bei jedem Wort hinschielen muß nach den Macht-habern? Wie ein heller Sonnenstrahl fiel die Rede Osthoffs in unseren allseitig von den Mächten der Finsternis verdun-kelten Gesichtskreis hinein. Wir hören aus ihr die Gesinnung heraus: Ihr sollt der freien Forschung mehr gehorchen als den staatlichen Interessen! Genossen in dieser Gesinnung muß man dem Heidelberger Rektor wünschen. Gegen den Freimut der Hochschullehrer, gegen den Unabhängigkeits­sinn der freien Forscher werden die reaktionären Gewalten auf die Dauer nicht bestehen können. Auch die Kirchen haben

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die Lichter, die der geistige Fortschritt entzündet hat, niemals verlöschen können. Am allermeisten brauchen wir in den geistigen Berufen Männer, die die Freiheit bekennen, weil sie die Freiheit lieben. Von Ministerien des Geistes sprechen und der Reaktion dienen, das sollten unsere Professoren den « Staatsmännern» überlassen.

#TI

ZUR LITERATUR ÜBER DIE FRAUENFRAGE

#TX

Die Freunde des menschlichen Fortschrittes, die durch ihr Temperament und vielleicht auch durch eine gewisse gestei­gerte Urteilsfähigkeit zu Lobrednern einer radikalen Richtung werden, haben im wesentlichen zwei Arten von Gegnern. Die einen sind diejenigen, deren Gefühle an dem Hergebrach­ten hängen, weil sie in ihm das Gute zu erkennen glauben. Diese sehen in reformatorischen Ideen mehr oder weniger den Ausfluß eines intellektuellen oder sittlichen Mangels. Das sind die eigentlichen konservativen Naturen. Zu ihnen kommt eine zweite Art von Gegnern. Diejenigen, die reformatorischen Ideen an sich nicht feindiich gesinnt sind, die aber nicht müde werden, bei jeder auftauchenden korrekten Fortschrittsfrage, die in den «Verhältnissen liegenden entgegenstehenden Schwierigkeiten» zu betonen. Sie sehen ihre Aufgabe darin zu bremsen, auch wenn sie den Ideen der Radikaleren an sich durchaus nicht feindlich gegenüberstehen. Für die erste Art von Gegnern gibt es nur ein Heilmittel: die Zeit. Mit Vor­stellungen kann man nicht unmittelbar an sie herankommen. Sie können für ein Neues nur dadurch gewonnen werden,

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daß es ihnen immerfort wieder vorgeführt wird und sich auf diese Weise ihre Gefühle seiner Macht anpassen.

Anders scheint die Sache bei denjenigen Gegnern, deren Gefühle mit dem Neuen sympathisieren, und die sich nun über die «gewissen Schwierigkeiten» nicht hinwegsetzen kön­nen. Sie müßten vor allem zu einer Erkenntnis kommen, nämlich zu derjenigen, daß die Hauptmasse dieser Schwierig-keiten weniger in der Macht der Verhältnisse liegt, die der Mensch nicht bändigen kann, als vielmehr in ihren eigenen vorgefaßten Meinungen. Sie können zu keinem Urteil über den menschlichen Fortschritt kommen, weil sie durch ihre Einbildungen über das, was nun einmal notwendig erscheint, sich selbst fortwährend alle möglichen Schwierigkeiten auf-türmen. Wie viele der wichtigsten «Lebensfragen» leiden unter solchen eingebildeten Schwierigkeiten! Könnten wir nicht zum Beispiel in der Reform des höheren Schulwesens viel weiter sein, wenn die beteiligten Kreise nicht immerfort wieder alles mögliche vorbrächten über die Notwendigkeit, gewisse Einrichtungen des gegenwärtigen Unterrichtswesens beizubehalten? Und wieviel von dem, was da als Notwendig­keit betont wird, beruht nur auf Einbildung!

Es ist kein Zweifel, daß zu den «Fragen», die in unserer Zeit durch solche Bremsernaturen am meisten zu leiden haben, die sogenannte «Frauenfrage» gehört. Wenn über sie ge­sprochen wird, kann man wahrnehmen, wie die höchsten Berge solcher eingebildeten Schwierigkeiten aufgetürmt wer­den. Die Klarheit darüber, welches wirkliche Gewicht einzel­nen in der Gegenwart bestehenden Verhältnissen zukommt, könnte manches Vorurteil in kürzester Zeit hinwegräumen. Man brauchte nur deutlich hinzusehen, um zu erkennen, wie die Dinge wirklich liegen.

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Wenn die Zeitschrift, deren erstes Heft eben ausgegeben wird, das hält, was sie verspricht, und wozu sie in der besten Weise den Anfang macht, dann wird sie gerade im Sinne dieser Klärung in der denkbar günstigsten Weise wirken. Darstel­lungen der Lebens- und Existenzbedingungen der Frauen wollen die «Dokumente» bringen. «Unbeeinflußt von allen parteiströmungen und Parteistandpunkten soll die Zeitschrift den Frauen unabhängige, sachliche, streng an die Tatsachen gebundene Belege Dokumente - über die wirklichen Zu­stände des Lebens geben; sie soll den Frauen die Wege anzeigen, die sie einschlagen müssen, um ihre Interessen zu verteidigen, das heißt die Forderungen zum Ausdruck brin­gen, die. sie zu stellen gezwungen sind, um sich in dem Existenzkampfe zu behaupten, die Forderungen nach wirt­schaftlicher, sozialer und politischer Gleichstellung.»

Welch dringende Forderungen dies sind, geht am besten aus einer statistischen Mitteilung hervor, die die Herausgebe­rinnen in ihrer Vorrede machen. «Bei der Berufszählung 1890 ging hervor, daß von den 9 Millionen über 10 Jahre alten Frau­en in Österreich 6¼ Millionen in selbständigem Erwerb stan­den.» Auf 100 arbeitende Männer kommen in Österreich 79, in Deutschland 39, in England 26, in Amerika ,5 selbständig erwerbende Frauen. Wer könnte leugnen, daß gegenüber diesen tatsächlichen Verhältnissen die Stellung, welche Gesell­schaft und Staat den Frauen anweisen, geradezu wie ein Hohn sich ausnimmt? Gesellschaftliche Einrichtungen sind doch nur dann gesund, wenn sich in ihnen die tatsächlich bestehenden Verhältnisse ausdrücken. Die Aufgaben, welche diese tatsächlichen Verhältnisse der Frau stellen, fordem ge­bieterisch eine Reform ihrer öffentlichen Stellung.

Es gehört zu den Unbegreiflichkeiten, die im Geistesleben

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der Gegenwart vorhanden sind, daß selbst naturwissenschaft­lich denkende Köpfe sich den Forderungen der Frauen feind­lich entgegenstellen. Was wird alles über das Wesen der Frau geredet, und was wird daraus gegen die Forderungen der Frau abgeleitet! Immerfort kann man es hören, wie die Frau gar nicht in der Lage sein soll, an dem öffentlichen Leben teilzunehmen. Von naturwissenschaftlich Denkenden sollte man solche Reden am wenigsten erwarten. Wie würden sie zetern, wenn man ein physikalisches Experiment deshalb verhinderte, weil man aus dem Wesen der mitwirkenden Kräfte erklären wollte, daß ein Ergebnis unmöglich sei. Über das, was möglich ist - würden sie mit Recht sagen -, kann allein die Erfahrung entscheiden. Und nur so kann ein im modernen Sinne denkender Mensch über die Frauenfrage ur­teilen. Wir wissen gar nichts über den Fortgang einer Kultur, an der die Frauen denjenigen Anteil nehmen, den ihnen eine völlig freie Entwicklung ihrer Fähigkeiten gibt. Uns steht es allein zu, die Möglichkeit einer solchen freien Entfaltung her­beizuführen. Und wer in dieser Weise denkt, der kann nur den Worten Björnstjerne Björnsons beistimmen, die er in einem im ersten Heft der «Dokumente» abgedruckten interes­santen Brief an Fräulein Fickert schreibt: «Die Frauenfrage ist aus der harten Notwendigkeit geboren; ihre Ideale bergen neue Hoffnungen für die Menschheit. Wir stehen noch vor Aufgaben, die - es wird sich schon nach und nach erweisen -nicht anders gelöst werden können als in dem Geiste, der vorzüglich der Geist der Frau ist. Wir warten darauf, daß er durch sie in unseren öffentlichen Verhandlungen der herr­schende werde. Aber dann möge sie sich auch darauf vorbe­reiten! Ebenso in ihren Anlagen, wie in ihrem Charakter.»

Ein Aufsatz des österreichischen Rechtslehrers Anton Menger

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über «Die neue Zivilprozeßordnung und die Frauen» zeigt, wie wenig die gegenwärtige Gesetzgebung den tatsäch­lichen Verhältnissen Rechnung trägt, und eine Auseinander­setzung über die soziale Lage der Unterlehrerinnen gibt ein Bild davon, welche wirtschaftlichen Kämpfe eine Frau zu bestehen hat, die in das Berufsleben eintritt.

Nur wenn sie völlige Freiheit in der Entwicklung ihrer Kräfte genießt, kann die Frau den Anteil zu der Kulturarbeit der Menschheit liefern, der ihr nach ihrer Natur möglich ist. Deswegen wird diejenige Lebensanschauung den Forderungen der Frau am meisten gerecht werden, welche der menschlichen Entwicklung überhaupt die Richtung nach der unbegrenzten Geltung der Freiheit zu geben sucht. Die unbegrenzte Freiheit des Menschen sucht der individualistische Anarchismus zu verwirklichen. Nur wer die Ziele und den Geist dieser Lebens­auffassung nicht im geringsten kennt, kann sie in Zusammen­hang bringen mit jenem Anarchismus, der in der «Propaganda der Tat» ein Mittel zur Verwirklichung der Freiheit erblickt. Man braucht nur mit klaren Worten auszusprechen, was der individualistische Anarchismus will: und sogleich ergibt sich, daß er der allergrößte Feind sein muß von jeder Propaganda der Tat. Was über den Unterschied von Anarchismus und dieser Propaganda zu sagen ist, haben J. H. Mackay und ich in Nr.39 des vorigen Jahrganges dieser Zeitschrift ausgeführt.

Der individualistische Anarchismus tritt bei jedem Men­schen auf, der im Sinne der modernen Naturanschauung denkt - und zwar konsequent denkt. Diese Naturanschauung zeigt uns die Entwicklung des Menschen aus niederen Orga­nismen in einer rein natürlichen Weise. Die Entwicklung kann heute nicht abgeschlossen sein. Sie muß fortgehen. Wie in den niederen Organismen die Kräfte lagen, die sie heraufführten

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bis zum Menschen, so liegen in diesem die Kräfte zur Weiterentwicklung. Alles, was wir unternehmen, um den Menschen in eine vorbestimmte Ordnung einzuzwängen, hin­dert diese Weiterentwicklung. Wer eine staatliche oder gesell­schaftliche Ordnung festsetzt, kann dies nur auf Grund der bisherigen Entwicklung. Wenn man aber eine bestimmte Ordnung des menschlichen Zusammenlebens auf der Grund­lage dieser bisherigen Entwicklung festlegt, so beschneidet man das Zukünftige durch das Vergangene. Wir können gar nicht wissen, welche Entwicklungskeime in dem Menschen noch verborgen zur Weiterentwicklung liegen. Deshalb kön­nen wir auch keine Ordnung festsetzen, in welcher sich der Mensch entwickeln soll. Er muß die volle Freiheit besitzen, alles zu entwickeln, was in ihm keimt. Die Ordnung, die er braucht, wird sich dann immer von selbst aus dieser Freiheit ergeben. Dies ist der Grund, warum die von einem der besten Freiheitsmänner gegründete Zeitschrift des indivi­dualistischen Anarchismus, die in Amerika erscheinende «Liberty» den Wahlspruch trägt: Freiheit ist nicht die Toch­ter, sondern die Mutter der Ordnung.

Aus der Denkweise, der diese Zeitschrift entsprungen ist, geht nun auch die Schrift «Die Frauen/rage, Eine Diskussion zwischen Victor Yarros und Sarah E. Holmes» hervor. (Die deutsche Übersetzung ist kürzlich im Verlag von A. Zack, Berlin, erschienen.) Man lese diese Schrift, wenn man eine wirklich unbe/angene Aussprache über die «Frauenfrage» wünscht. Es wird viele geben, die durch eine solche Schrift erst erfahren müssen, was Vorurteilslosigkeit heißt. Sie wer­den sehen, wie klein der Kreis ist, den sie mit ihren staatlich großgezogenen Anschauungen zu übersehen vermögen. Zwei Menschen sprechen da mit- und zum Teil gegeneinander,

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denen die Freiheit wirklich Lebensbedürfnis ist, die eine Vorstellung von der Freiheit haben, gegen die das Freiheits­gefasel der «Liberalen» eine Kinderei ist. Man verlange von mir nicht, daß ich den Inhalt erzähle. Wer diesen Inhalt kennen will, der lese die Schrift, die nur 17 Seiten lang, und in der mehr enthalten ist als in den dicken Büchern des geist­vollen, aber mit allen Vorurteilen gesalbten Treitschke. Reine, natürliche Geistesluft atmet man da, und ist froh, einmal ein Viertelstündehen heraus zu sein aus der Stickluft des Schrift­tums, das nur Vergangenheit ausströmt. Wer sich aus der Knechtschaft unserer kirchlichen, staatlichen und gesellschaft­lichen Ordnungen heraus noch eines bewahrt hat: Die Liebe zur Freiheit, der wird aufatmen, wenn er den Ausführungen dieser Schrift folgt.

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HEINRICH VON TREITSCHKE «POLITIK»

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Vor kurzem ist der zweite Band Treitschkes «Politik» erschie­nen. Ein ehrlicher Bekenner des Monarchismus spricht sich über die Staatsformen aus. Drei mögliche Staatsbildungen un­terscheidet er: die Theokratie, die Monarchie, die Republik. In der Theokratie fußt die oberste Staatsgewalt auf dem Glauben, daß sie von den göttlichen Mächten eingesetzt ist und in ihrem Namen regiert. Ein Auflehnen wider sie ist zugleich eine Versündigung gegen die göttliche Weltordnung. Diese bei morgenländischen Völkern vorkommende Staats­form hat in den Weltanschauungen der abendländischen Völ­ker keinen Boden. Die Republik baut sich auf der Volksmacht auf. Sei sie eine Aristokratie, sei sie eine Demokratie:

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die höchste Gewalt ist in Volkshänden. Die regierenden Mächte haben diese Gewalten nur vom Volke übertragen. Sie kann ihnen daher auch jederzeit wieder genommen wer­den. In der Monarchie hat die Familie des Regenten die Ge­walt nicht durch Übertragung aus dem Volke. Woher hat sie sie also? Treitschke beantwortet diese Frage damit, daß er sagt: sie hat sie durch die historische Entwicklung erhalten. Sie ist in ihren Besitz gelangt, und aus dieser Tatsache hat sich im Volke allmählich das Gefühl entwickelt, daß die Macht eben bei dieser Familie sein müsse. Das Volk hat sich von Generation zu Generation daran gewöhnt, dieser Familie das Recht zu regieren zuzugestehen. Dieses Bekenntnis aus dem Kopfe eines Anhängers und begeisterten Verteidigers der Monarchie ist wichtig. Treitschke ist aus der Zeit heraus-gewachsen, in welcher die historische Entwicklung als eine Art göttliches Wesen verehrt worden ist. Diese Zeit sagte:

was im Laufe der Geschichte sich entwickelt hat, das hat ein Recht auf Bestand; und der einzelne vermag nichts gegen diese Entwicklung. Auf das Zeitalter der Aufklärung, welches nur das als berechtigt anerkannte, was vor der Vernunft des einzel­nen bestehen kann, folgte in unserem Jahrhundert diese histo­rische Denkweise. Man sah in dem, was sich im Laufe der Zeiten von selbst gemacht hat, etwas Höheres, als was der einzelne von sich aus als das Richtige anerkennen kann. Klar und deutlich zeigt aber gerade Treitschkes Ausführung, daß monarchisch gesinnt nur derjenige moderne Mensch sein kann, der die Macht der geschichtlichen Entwicklung anerkennt. Wäre Treitschke nicht Bekenner der historischen Weltan­schauung, so könnte er auch nicht Monarchist sein. Man kann sich eine Vorstellung davon machen, wie Treitschke über jemanden gelächelt haben möchte, der ihm den obigen Satz

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entgegengehalten hätte. Denn Treitschke war Fanatiker des Historismus und konnte den, der es nicht ist, nur für einen bornierten Kopf ansehen. Für die Wissenschaft der Politik ist es aber wichtig, daß Treitschke mit der ganzen Schärfe, die ihm eigen war, gezeigt hat: im Abendiande ist die histo­rische Denkweise Voraussetzung für eine wissenschaftliche Begründung des monarchischen Prinzipes. Der notwendige Schluß, der sich aus seiner Anschauung ergibt, wäre der, daß nicht historisch Denkende im Abendlande auch nicht Beken­ner des Monarchismus sein können.

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COLLEGIUM LOGICUM

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In der Sitzung des Preußischen Abgeordnetenhauses vom ,3. März (1899) hat der Abgeordnete Virchow gesagt, daß er als Exarainator die traurige Wahrnehmung eines entschie­denen Niederganges der allgemeinen Bildung unserer höheren Schüler gemacht habe. Er vermißt namentlich die Fähigkeit logischen Denkens, das für einen richtigen Betrieb des wissen­schaftlichen Studiums unbedingt erforderlich ist. Früher wur­de z. B. von den Medizinern gefordert, daß sie im Beginne ihrer Fachstudien ein logisches Kolleg hörten. Heute hält man das nicht mehr für notwendig. Man glaubt, ein gesundes Den­ken bedürfe der Kenntnis logischer Regeln nicht. Sie gelten vielen als ein alter Zopf. Und in diesem Sinne hat der Minister der geistlichen und Unterrichtsangelegenheiten auch dem Ab­geordneten Virchow geantwortet. Er sagte, während seiner Studienzeit sei die Logik noch Zwangskolleg gewesen, und er erinnere sich, wie über dieses collegium logicum gespottet

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wurde. Denn das alles, was da als Logik zu hören war, hätten die Studenten schon aus dem deutschen Unterricht vom Gym­nasium her gewußt; und dann sei auch die Behandlung son­derbar gewesen. Was stand da alles in den gebräuchlichen Lehrbüchern? meinte der Minister. Und er führte den bekann­ten Schluß an: «, sagt ein Kreten­ser; wenn das ein Kretenser sagt, so muß es aber selbst ge­logen sein; folglich sind doch nicht alle Kretenser Lügner.» In des Herrn Ministers Kopf spukt des Mephistopheles Aus­spruch im Goetheschen Faust: «Ich rat' euch drum zuerst Collegium Logicum. - Da wird der Geist euch wohl dressiert,

- in spanische Stiefel eingeschnürt, - daß er bedächtiger so fortan - hinschleiche die Gedankenbahn. - Was ihr sonst auf einen Schlag - getrieben, wie Essen und Trinken frei, - eins, zwei, drei dazu nötig sei.» Es gibt aber noch einen Goethe-sehen Ausspruch, der dem Herrn Minister weniger gegenwär­tig gewesen zu sein scheint: «Dein Gutgedachtes, in fremden Adern, wird sogleich mit dir selber hadern.» - Wenn jemand die Erfahrung macht, daß ein Schuster schlechte Stiefel an-fertigt, so wird er kaum für die Abschaffung der Stiefel und für das Barfußlaufen stimmen. Das wäre unlogisch. Was tut aber der Minister anderes mit der Logik? Ganz dasselbe, was der tut, der barfuß läuft, weil er einmal an einen schlechten Schuster geraten ist. Hat er mit solcher Unlogik nicht gerade den Beweis für die Notwendigkeit logischer Schulung er bracht? -Man sehe sich nur einmal in der gegenwärtigen wissen­schaftlichen Literatur um. Der Mangel an logischer Schulung springt empörend in die Augen. Ja, man kann noch weiter gehen. Man kann heute die Wahrnehmung machen, daß Forscher, die in ihrem Spezialfach Meister sind, bei allen

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möglichen Anlässen Theorien und Ergebnisse ihrer Studien vorbringen, die einem logisch geschulten Denker physisches Unbehagen verursachen. Unser ganzes geistiges Leben leidet darunter. Ein wahres Martyrium muß oft derjenige durch­machen, der auf irgend einem Gebiete die wissenschaftliche Literatur verfolgt. Er muß dicke Bücher lesen, weil er die tatsächlichen Resultate kennen muß, die sie enthalten. Er muß sich aber oft ein paar Brocken aus einem Wust nutzloser, weil unlogisch aufgebauter Theorien herauslösen.

Der Unterrichtsminister meinte, wenn die gesamte Aus­bildung logisch ist, dann werde auch ohne logisches Kolleg ein logisches Denken erreicht. Eine solche Behauptung gleicht der, daß man Musiker werden könne durch das bloße musika­lische Gefühl, ohne erst die Theorie der Musik zu lernen. Denken ist eine Kunst und hat eine Technik wie jede andere Kunst. Wenn in den alten Logiken diese Technik in zopfiger Weise gelehrt wird, dann suche man diese alten Logiken zu verbessern. Wer nur ein wenig den Gang des geistigen Lebens verfolgt, der weiß, daß gerade für die Logik in den letzten Jahren Ausgezeichnetes geleistet worden ist. Würden die neueren Ergebnisse dieser Wissenschaft für den allgemei­nen Unterricht nutzbar gemacht, so könnte viel erreicht werden.

Es besteht eine dringende Notwendigkeit, daß jedermann, der sich mit irgend einem Zweige der Wissenschaft beschäf­tigt, dies auf dem Grunde einer ganz allgemeinen Bildung tue. Auf alles Einzelwissen fällt erst das rechte Licht, wenn es im Zusammenhange mit den gemeinsamen Zielen alles Er­kennens betrachtet wird. Das kann nur derjenige, der sieh eine allgemeine Bildung erworben hat. Und diese kann nur erlangt werden, wenn als Grundlage aller speziellen wissenschaftlichen

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Ausbildung eine Summe philosophischer Ei-kenntnisse geboten wird. Solche Erkenntnisse liefern die Logik, die Psychologie und gewisse allgemeine Zweige der Philosophie überhaupt. Ohne in sie eingeweiht zu sein, kann jemand die Methoden irgend einer Spezialwissenschaft zwar handhaben, er kann aber die Absichten des geistigen Strebens nicht verstehen. Er kann uns sein Wissen nicht so vermitteln, daß wir es im Zusammenhange mit der ganzen Kulturent­wicklung sehen.

Es wäre traurig, wenn an den leitenden Stellen der Unter­riehtsverwaltungen gar kein Sinn für solch einfache Wahr­heiten vorhanden wäre. Es sollte niemand auf dem Gyrnna­siam oder auf einer andern höhern Lehranstalt unterrichten, der nicht weiß, was der Zweig des Wissens, den er lehrt, für die Gesamtheit des menschlichen Geisteslebens bedeutet. Der Geschiehtslehrer müßte wissen, in welchem Verhältnis die geschichtlichen Erkenntnisse zu dem mathematischen, naturwissenschaftlichen Wissen in der menschlichen Seele stehen. Dazu muß er erstens die logischen Methoden kennen, nach denen alle Wissenschaften verfahren, und er muß Psycho­logie verstehen, damit er seine einzelne Wissenschaft in ein richtiges Verhältnis zur Gesamtausbildung der menschlichen Seele zu bringen weiß.

Diese Dinge sind wichtiger als eine lückenlose Bildung in einer Spezialwissenschaft. Denn Lücken in einzelnen Erkennt­niszweigen lassen sich im Falle der Notwendigkeit ausfüllen. Bei der allgemeinen Grundlage aller wissenschaftlichen Bil­dung ist das nicht der Fall. Wenn ein Lehrer der Geschichte die Einzelheiten des Dreißigjährigen Krieges im Bedarfsfalle nicht gegenwärtig hat, so mag er sich hinsetzen und sie lernen. Aber die allgemeine Bildung muß sein ganzes Wesen durchdringen.

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Sie kann er nicht nachholen, wenn er sie sich zur rechten Zeit nicht angeeignet hat.

Virchow hat eine wichtige Frage berührt. Diese Frage hat gar nichts damit zu tun, welcher Ansicht man in der Frage der Gymnasialbildung sich zuwendet. Man kann der Meinung sein, daß die Einrichtung unserer Gymnasien eine veraltete ist. Die allgemeine Bildung hat in dem modernen Kulturleben Quellen genug. Man braucht heute, um sich eine solche Bil­dung anzueignen, durchaus nicht acht oder neun Jahre mit der Erlernung der griechischen und lateinischen Sprache gequält zu werden. Aber alle höheren Schulen müssen so eingerichtet werden, daß sie eine allgemeine Bildung bieten. Und die Spezialstudien auf den Universitäten und anderen Hochschu­len müssen auf einer allgemeinen philosophischen Grundlage erbaut werden.

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GUTENBERGS TAT

ALS MARKSTEIN DER KULTURENTWICKLUNG

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Man muß bis zur Gründung des Christentums zurückgehen, wenn man in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit auf einen Zeitpunkt stoßen will, der so bedeutsam erscheint wie die Wende des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts. Allem, was in den letzten vier Jahrhunderten vor sieh ge­gangen ist, stehen wir mit unserm ganzen Denken und Empfmden unermeßlich viel näher als dem, was sich vorher abgespielt hat. Wir fühlen, daß unser eigenes Kulturleben mit den Begebenheiten dieses Zeitalters ein Ganzes ausmacht,

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und daß alles Vorhergehende wie etwas Abgeschlossenes sich ausnimmt.

Gutenbergs Erfindung steht wie der große Markstein da, der dieses Abgeschlossene trennt von der Kulturepoche, die heute noch fortwirkt. Wenn wir näher zusehen, erscheint uns Gutenberg wie ein Mitwirkender bei allem, was in den letzten Jahrhunderten geschehen ist. Unser materielles und geistiges Leben bestätigt vollkommen, was Wimpheling bald nach Gutenberg ausgesprochen hat: «Auf keine Erfindung oder Geistesfrucht können wir Deutsche so stolz sein, wie auf die des Buchdrucks. Welch ein anderes Leben regt sich in allen Ständen des Volkes, und wer wollte nicht dankbar der ersten Begründer und Förderer dieser Kunst gedenken.» Man darf aber auch sagen, keine Kunst trat so in dem rechten Zeitpunkt in die Geschichte ein wie der Buchdruck. Es ist, als ob in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts alle Welt auf die Tat Gutenbergs gewartet hätte. Ein Umschwung in dem gesellschaftlichen Zusammenleben, in den Vorstellungen und Gefühlen der Menschen bereitete sich seit langem vor. Die deutsche Mystik, die das dreizehnte, vierzehnte und fünf­zehnte Jahrhundert brachte, ist die Vorherverkünderin der neuen Epoche. Die Mystiker wollten sich frei machen von den Ideen, die eine alte Tradition dem Menschen überliefert hat, und die nur auf das Zeugnis von Autoritäten hin ge­glaubt werden konnten. Im Innern der eigenen Seele wollte man den Quell alles geistigen Lebens suchen. Ein Drang nach Befreiung der Persönlichkeit, der Individualität griff Platz. Der einzelne Mensch wollte die Gedanken selbst prü­fen, an die er sich bei seinen Kulturaufgaben zu halten hat. Aus einem solchen Drang heraus mußte das Bedürfnis nach einem neuen Mittel zur Aneignung des menschlichen Wissens

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erwachsen. Wer den Willen hat, sich schrankenlos der Auto­rität hinzugeben, der kann nicht anders, als hingehen und sich mündlich die Anschauungen dieser Autorität übermitteln lassen. Wer für sich, auf eigenes Denken bauend, die Wahr­heit und das Wissen suchen will, der bedarf des Buches, das ihn unabhängig von der Autorität macht. Gutenberg hat den Menschen das Buch in die Hand gedrückt in einer Zeit, in der sie das lebhafteste Bedürfnis darnach hatten. Luther hat den Deutschen die Bibel in ihre Muttersprache übersetzt. Die Wege, auf denen diese nunmehr verständliche Bibel hinaus­wandern konnte in alle Welt, hat Gutenberg geebnet. Die Reformation ist nicht denkbar ohne die vorhergegangene Erfindung des Buchdrucks.

Die Art, wie die durch die Buchdruckerkunst allen Men­schen zugänglichen Geistesschätze zunächst wirkten, beweist ganz augenscheinlich, welche ungeheure Bedeutung diese Kunst hat. Vor ihrer Erfindung war die Kenntnis natur-wissenschaftlicher Gesetze ein Geheimnis weniger. Die gro­ßen Volksmassen waren auf den schlimmsten Aberglauben angewiesen, wenn sie sich natürliche Erscheinungen, die sich stündlich vor ihren Augen abspielten, erklären wollten. Das Buch brachte dieser Masse die Möglichkeit, sich Vorstellungen zu bilden über den natürlichen Verlauf dessen, was sich fort­während vor ihren Augen und Ohren abspielt. Aber die jahrhundertelang bloß auf Autoritätsglauben angewiesene Menge war wenig vorbereitet, sich wirklich sachgemäße Vor­stellungen zu bilden. In den Büchern wurden Vorstellungen vermittelt, von denen man vorher nie etwas gehört hatte. Man glaubte daher, es müsse doch noch mehr hinter solchen Vorstellungen stecken, als die einfachen, schlichten Buch­staben der neuen Kunst vermitteln. Durch solchen Glauben

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war der Boden geebnet für alle möglichen «geheimen Wissen­schaften» und Künste, für die Charlatane, die sich als Besitzer eines besonderen höheren Wissens ausgaben, und denen das Volk willig Glauben entgegenbrachte, sich von ihnen betören lassend, weil es sich nur langsam an die Bildung eines eigenen, unabhängigen Urteils gewöhnen konnte.

Wir können die durch Jahrhunderte großgezogene Un­fähigkeit, natürliche Tatsachen schlicht zu erklären, noch an den tiefsinnigen Büchern eines so auserlesenen Geistes wie Jacob Böhme (1575-1624) beobachten. Dieser einfache Mann ist wirklich groß in der Darstellung aller Dinge, die man durch Einkehr in das eigene Herz und Gemüt gewinnen kann. Er wird aber höchst abenteuerlich, wenn er physikalische oder andere natürliche Geschehnisse erklären will.

Solche Erscheinungen zeigen, welchen Anteil Gutenbergs Tat an der Erweiterung des Gesiehtsl::reises der abendländi­schen Menschheit hat. Durch die Buchdruckerkunst wurde die Einsicht in die Natur dem größten Teil der Menschheit erst erobert.

Durch diese Eroberung des Naturwissens erlangte das Geistesleben der Neuzeit ein ganz anderes Gepräge. So welt­fremd und naturfeindlich das in Klöster eingeschlossene Leben des Mittelalters ist, so weltfremd ist im Grunde auch die ganze Bildung vor dem fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert. Was konnte Gegenstand einer solchen Bildung sein? Nichts anderes, als was der Mensch aus sich selbst herausspann. Man ließ sich nicht durch die Naturerscheinun­gen belehren; man schärfte allein die logischen Waffen des Verstandes. Die Scholastik ist das Ergebnis eines solch welt-fremden Bildungswesens. Man darf ruhig behaupten, die Scholastik konnte nur so lange maßgebend für das Geistesleben

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sein, als es bloß geschriebene, für die meisten unzu­gängliche Bücher gab. Der Bildungsweg, den jemand vorher durchmachen mußte, der an diese Bücher herangelangen wollte, war ein solcher, daß er den ganzen menschlichen Geist in eine Richtung brachte, die für die Scholastik empfänglich war. Der Buchdruck machte es möglich, ganz neue Kräfte zur Teilnahme an der Geisteskultur heranzuziehen. Menschen konnten an der Förderung der Bildung mitwirken, die nicht in eine besondere Bahn hineingezwängt worden waren. Da­durch wurde auch die ganze Pbysiognomie der Bildung eine andere. Statt sich bloß mit weltfremder Scholastik zu be­schäftigen, wurde der Blick auf die Erfahrung, auf das wirk­liche Leben gelenkt. Gutenberg darf auch als stiller Teil­nehmer an all den Leistungen betrachtet werden, die sich an die Namen Kopernikus, Kepler, Galilei) Baco von Verulam knüpfen. Denn des Kopernikus' wirkungsreiches Buch, das der Astronomie neue Wege wies, Keplers Entdeckungen von der Bewegung der Himmelskörper: sie konnten für die Welt nur recht fruchtbar werden, wenn sie auf ein Geschlecht trafen, das eine weltfreundliche, nicht eine weltfremde Bil­dung suchte.

Gutenberg hat den großen Pfadfindern der Wissenschaft und Kunst in der Neuzeit die Möglichkeit geschaffen, zu einem weiten Kreis von Menschen zu sprechen. Das Gedeihen einer naturwissenschaftlichen Weltanschauung hängt an der Beteiligung möglichst vieler an der Bildung. Solange allein im Mensehengeiste die Wahrheit gesucht wurde, genügte es, wenn wenige sich diesem Suchen bingaben und ihre Er­gebnisse den andern mitteilten. Seit aber die Wahrheit in den unermeßlich vielen Tatsachen der äußern Welt gesucht wird, ist es notwendig, daß der Kreis derer ein möglichst

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großer ist, die an der Bereicherung der Bildung interessiert sind.

Aber nicht allein die geistige Kultur, auch das gesellschaft­liche und wirtschaftliche Leben wartete geradezu im fünf­zehnten Jahrhundert auf das neue Mittel zur Verbreitung des menschlichen Gedankens, der festgestellten Tatsachen und Erfahrungen. Das Anwachsen und die sich entwickelnde Selb­ständigkeit des Kaufmaunstandes stellten höhere Anforde­rungen an die persönliche Tüchtigkeit des Einzelnen als frühere Verhältnisse. Vorher war die Betätigung des Indivi­duums durch die Gesamtheit, der es angehörte, durch den gesellschaftlichen Organismus, in den es eingegliedert war, streng bestimmt und innerhalb ganz enger Grenzen verlau­fend. Im fünfzehnten Jahrhundert erfuhren alle diese Dinge eine Erweiterung. Das Individuum löste sich aus den Ver­bänden, die ihm seine Ziele früher vorgeschrieben hatten. Das ganze Leben wurde komplizierter. Die festen Genossen­schaften hatten sich gelockert. Der Einzelne mußte sich seinen Weg durch das Leben selbst bahnen. Nicht die Gilde war nunmehr maßgebend für das, was zu geschehen hatte, son­dern die Persönlichkeit. Der Großkaufmann konnte bei seinen Schreibern und Prokuristen nur mehr auf persönliche Tüchtigkeit sehen. Familienrücksichten, Standeszugehörig­keit, die früher den Ausschlag darüber gegeben hatten, wer an einem bestimmten Platz stehen sollte, fielen jetzt ganz weg. Es entstand das Bedürfnis nach einem weiten Weltblick bei dem Einzelnen. Der Mensch mußte sich orientieren über das, was in der Welt vorging. Wieder war es Gutenbergs Erfindung, die solches möglich machte. An die Stelle der primitiven Verständigungsmittel über die Weltverhältnisse, die das Mittelalter allein gekannt hat, trat die gedruckte

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Mitteilung. Die erste «Zeitung» erschien schon 1505. Sie brachte bereits Nachrichten über Brasilien.

Durch die gedruckte Mitteilung wurde erst das möglich, was man öffentliche Meinung nennt. Die ganze Menschheit wurde gleichsam herangezogen zu der großen Beratung, die den Gang der Weltereignisse lenkt. In Flugschriften, Trak­taten, Pamphleten sprach der Einzelne zur Gesamtheit. Das siebzehnte Jahrhundert bildet das Zeitungswesen und mit diesem auch den Einfluß des Volksgeistes aus. Neben den Kabinetten und den einzelnen Staatsmännern tritt das Volk auf die Weltbühne und spricht mit, wenn es sich um die großen politischen und Kulturfragen handelt. Und der ein­zelne Staatsmann sieht sich gezwungen, sich der öffentlichen Meinung anzupassen, wenn er erfolgreich wirken will. Wir sehen, daß Staatsmänner die Motive für ihr Vorgehen durch die Presse verbreiten, um nicht machtlos zu sein; wir sehen die Achtung vor der öffentlichen Meinung bei den führenden Persönlichkeiten immer mehr wachsen. Wallensteins Offi­ziere senden Berichte über ihre Waffentaten an die Mün­chener Zeitungen; die österreichische Regierung beklagt sich bei der brandenburgischen, daß die Berliner Zeitungen eine anti-österreichische Tendenz haben. Der Druckkunst ist es zu danken, daß allmählich mit dem Volksgeiste, als mit einem innerhalb des Weltgetriebes voll berechtigten Elemente, gerechnet werden mußte.

Es ist durchaus nicht zu weit gegangen, wenn man das Aufklärungszeitalter als wesentlich mitbedingt durch den Buchdruck ansieht. In Gutenbergs Mainzer Werkstätte wurde der Grund gelegt zu der Gesinnung, welcher der Philosoph Kant einen monumentalen Ausdruck verlieh durch die Worte:

«Habe die Kühnheit, dich deiner eigenen Vernunft zu bedienen.»

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Denn diese Vernunft mußte erst allmählich heran­gezogen werden zu soleher Kühnheit. Das konnte sie nur, wenn sie sieh ständig Kunde zu verschaffen wußte von dem, was in der Welt vorgeht. Und wer einen Nutzen davon haben will, daß er sieh seiner eigenen Vernunft bedient, der muß aueh darauf reehnen können, daß auf sein Mitreden gehört wird. Das achtzehnte Jahrhundert durfte und konnte auf­geklärt sein, weil das siebzehnte eine öffentliche Meinung entwickelt und einen Wert derselben begründet hat.

Was die Öffentlichkeit der Meinung bedeutet, das lernten die maehthabenden Faktoren, das lernten aber auch diejeni­gen bald kennen, welehe ihr Seherflein zum Fortschritt des Geisteslebens beitragen wollten. Wir können es verfolgen, wie sich Macht und Bildung mit der Buchdruckerkunst ver­banden, weil von ihr ein erfolgreiehes Wirken abhing. Der Buchdruck findet seine besten Pilegestätten in der Nähe der Bildungsanstalten, und Gelehrte verbrüdern sieh mit der neuen Kunst, ja werden selbst Buehdrucker, um ihren Werken Geltung in der Welt zu verschaffen. Die päpstlichen Ge­sandten senden nun nieht mehr bloß ihre eigenen Beriehte wöchentlieh naeh Rom, sondern aueh die Zeitungen, in denen die Volksstirnme zum Ausdruck kam.

Es hat eine tief symbolische Bedeutung, daß der Buch­druckerkunst mit einem ähnlichen Mißtrauen begegnet wurde wie dem Wissen, der Erkenntnis selbst. Und es ist bezeich­nend, daß Gutenbergs Genosse Fust oder Faust in Beziehung gebracht wurde mit der kulturhistorisch interessantesten Sage der neueren Zeit. Weil der Mensch des Wissens, der Erkenntnis sich bemächtigt habe, ist er von Gott abgefallen. Dies ist die Bedeutung des Sündenfalles. Nur dem Eingreifen des Teufels vermochte man den Erkenntnisdrang des Menschen

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zuzuschreiben. Und die «schwarze Kunst», die große Verbündete des Erkenntnisdranges, sie wurde nicht weniger als ein Werk der Hölle hingestellt. Von Faust wurde gesagt:

«er wollte sieh hernacher keinen Theologum mehr nennen lassen, ward ein Weltmenseh, nannte sieh ein Dr. Medicinae». Daß sieh an Wissenschaft und Buchdruckerkunst eine ähnliche Sagenbildung anschloß, zeigt ihre tief innerliche Verwandt-schaft.

Mit der Ausbreitung der Buchdruckerkunst sehen wir zu-gleich die Dichtung, die ganze Literatur volkstümlich wer­den. Der gelehrte Anstrich, den bis dahin das geistige Leben hatte, machte einem ganz neuen Geiste Platz. Der fröhliche Schwank, der lustige Schelmenstreich zieht in die Erzählungs­kunst ein. Man weiß, daß man nunmehr zum Volke sprechen kann, und man ist daher bestrebt, diesem auch Dinge zu bieten, die mit seiner eigensten Gesinnung, mit seinem Fühlen und Vorstellen zusammenhängen. Und aus dem Volke selbst, das jetzt Anteil nimmt am geistigen Leben, wachsen diesem neue Kräfte zu. Man darf nicht unterschätzen, wie­viel die Buchdruckerkunst dazu beigetragen hat, daß Per­sönlichkeiten wie zum Beispiel Hans Sachs sich zu einer be­deutenden Höhe des Schaffens emporschwingen konnten. Wie viel wäre wohl nie vor seine Augen getreten, wenn es ihm nicht der Buchdruck vermittelt hätte.

Durch Gutenberg wurde die Brücke geschaffen zwischen zwei Welten, die berufen sind, miteinander zu wirken, die nur durch ein stetiges Einwirken aufeinander einen gedeih-liehen Entwicklungsprozeß der Menschheit herbeiführen können. Fichte hat es in seinen «Reden an die deutsche Nation» als einen schweren Schaden der Kultur bezeichnet, wenn ein Gelehrtenstand einem auf sich selbst angewiesenen

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Volke gegenübersteht, das ihn nicht versteht, und aus dem ihm nicht fortwährend neue, frische Triebkräfte zugeführt werden. In vollem Sinne des Wortes ist ein solches Urteil nur über die Kultur des Mittelalters zu fällen. Die letzten vier Jahrhunderte haben durch den Buchdruck einen voll­ständigen Wandel darin geschaffen. Die Teilnahme des Volkes an ihrer Arbeit hat auch auf die Gelehrten im allergünstig­sten Sinne zurückgewirkt. Die letztern hatten alle Fühlung mit den andern Klassen verloren. Man kann das am besten an den ersten naturgeschichtlichen Büchern sehen, die man dem Volke überlieferte. Diese waren ganz durchsetzt mit allen möglichen Wundergeschichten. Man glaubte, daß das Volk nicht reif sei für wirkliche natürliche Wahrheiten. Auch darin lernte man gar bald um. Man wurde im Gegenteil dazu angetrieben, die eigenen Gedanken zu klären, ihnen eine bessere Form zu geben, weil man verstanden sein wollte. Die Notwendigkeit, das Wissen mitzuteilen, bewirkte so eine Klärung des Wissens selbst. Man fing an, über die Kunst nachzudenken, wie man der Bildung am besten Eingang in den weitesten Kreisen verschaffen könne. Die großen päd­agogischen Gedanken des Comenius über die Aufgaben der Volkserziehung setzen das Bedürfnis nach einer regen Wech­selwirkung zwischen dem nach Wissen verlangenden Volke und den Trägern des ganzen Geisteslebens voraus.

So können wir den Einfluß von Gutenbergs Tat in das ganze moderne Leben hinein verfolgen. Wenn andere Geistes-helden den Inhalt für dieses Leben geschaffen haben, so hat er die Mittel geboten, um diesen Inhalt zur vollen Geltung und Wirkung zu bringen. Deshalb sind wir so heimisch in allem, was die vier letzten Jahrhunderte hervorgebracht haben; und deshalb ist uns auch alles so fremd, was wir

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uns geschichtlich aneignen über die Zeiten, die vor der Er­findung der Druckkunst liegen. Wie der Mensch denkt, das hängt mehr, als man gewöhnlich anzunehmen geneigt ist, von der Art ab, wie er mit seinem Mitmenschen zusammen­hängt, wie er mit ihnen in Wechselwirkung tritt. Wie die Sprache selbst, die erst eine Brücke baut von Mensch zu Mensch, eine Schöpferin der Kultur ist, so ist das gedruckte Wort, dieses mächtige Vermittlungswesen, dieser berufene Stellvertreter des gesprochenen Worts, ein Mitschöpfer der modernen Kultur. Der Mensch hat sich dieses gedruckten Worts in dem Zeitalter bemächtigt, in dem er anfing, den höchsten Wert auf seine Individualität, auf die persönliche Tüchtigkeit zu legen. Er hat sich durch dieses Hervorkehren der Persönlichkeit abgewendet von den alten Genossen­schaften, innerhalb deren ihm der Raum zu eng wurde. Die Druckkunst hat ihm ein neues Mittel gegeben, um an der Stelle des alten beschränkten einen neuen Zusammenschluß zu suchen, welcher dem erweiterten Lebenshorizont ent­spricht. Je mehr sich der Mensch individualisierte, desto mehr brauchte er ein von seiner unmittelbaren Persönlichkeit ab­gelöstes Mittel, um wieder zur Gesamtheit zu gelangen. So erwies sich die Buchdruckerkunst als das einigende Band in dem Zeitpunkte der Geschichte, in dem das Leben die ge­bietende Forderung an den einzelnen Menschen und auch an das einzelne Volk gestellt hat, sich abzusondern, um sich für den großen Daseinskampf tüchtig zu machen.

Seit die Druckkunst erfunden ist, zeigt sie sich als die be­rufene Verbündete des menschiichen Fortschritts. Wo dieser eine gewisse Höhe erreicht, tritt jene begünstigend an seine Seite; wo der Fortschritt Hemmnisse findet, leidet auch die Buchdruckerkunst. Ein deutlich sprechendes Beispiel bietet

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die segensreiche Wirksamkeit, die von der niederländischen Vereinigung der «Brüder des gemeinsamen Lebens» ausging. Sie ist von Gerhard Groote (1340-1384) aus Deventer ge­gründet worden und hat sich zur Aufgabe gesetzt, die Bildung aus einem gelehrten Monopol zu einem Quell der Volks-wohlfahrt zu machen. Diese Vereinigung hat eine bedeutende pädagogische Tätigkeit entfaltet. Die Entstehung einer gro­ßen Anzahl von Schulen ist auf diese Wirksamkeit zurück-zuführen. Mit dem Erscheinen der Buchdruckerkunst kommt ein ganz neues Leben in die Kulturarbeit der Brüder des gemeinsamen Lebens. Es wird ihnen möglich, für die weiteste Verbreitung guter Unterrichtsbücher zu sorgen. Sie nahmen selbst das Drucken dieser Bücher in die Hand und wurden dadurch zu Förderern der neuen Kunst in Holland und im ganzen nordwestlichen Deutschland. Zeigt diese Tatsache die Zusammengehörigkeit von Fortschritt und Buchdruck, so ist der Rückschritt, der in dieser Kunst nach einer ersten Zeit großer Blüte und rascher Verbreitung im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert eintrat, für diese Zusammengehörig­keit nicht minder bezeichnend. Die Bauernkriege, die un­seligen religiösen Wirren mit ihrer blutigen, verwüstenden Folge, dem Dreißigjährigen Kriege, versetzten der Kultur, die im Beginne der Neuzeit eine wundervolle Höhe erreicht hatte, eine Reihe schwerer Schläge. Und an dem Niedergange der geistigen und materiellen Kultur nahm die Druckkunst nun ebenso teil, wie sie es früher an ihrem Gedeihen getan hatte.

Unverkennbar ist auch die Wechselwirkung eines niedern Standes der allgemeinen Volksbildung und der Druckkunst an den Schwierigkeiten, die diese in Spanien fand. Die geist­liche Zensur und die Bevormundung des Volks von seiten

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der Geistlichkeit waren im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert hier größer als in Mitteleuropa. Daher verbrei­tete sich auch die Buchdruckerkunst nur langsam; und auch das Wenige, was sie hier leistete, ist auf den Einfluß wis­senschaftlich interessierter Einzelpersönlichkeiten zurückzu­führen. Und weil so diese Kunst in Spanien keinen rechten Boden hatte, wurde es in der Folgezeit möglich, daß hier die Unterjochung des Geisteslebens durch die Jesuiten, durch die Inquisition eine besondere Heimstätte fand. Am grellsten zeigt sich an der Türkei, daß nur derjenige im modernen Kulturleben eine Rolle spielen kann, der zugleich ein Förderer der Kunst Gutenbergs ist. Die Türken haben sich bis in das achtzehnte Jahrhundert herein als vollkommene Feinde dieser Kunst erwiesen. Der Sultan Bajazet hat 1483 das Drucken mit der Todesstrafe bedroht, und sein Sohn hat das Verbot erneuert. Dieses Volk hat solch kulturfeindliche Maßregeln damit bezahlen müssen, daß es jede Bedeutung innerhalb des geistigen Lebens Europas verloren hat. Interessant ist es, das Verhältnis von geistigem Leben und Buchdruckerkunst in Ungarn zu verfolgen. Dort herrschte in der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts der König Matthias Corvinus. Er hatte für Wissenschaften und Künste ein tiefgehendes Interesse. Deshalb fand die Buchdruckerkunst schon von ,473 an in der Hauptstadt Ungarns eine eifrige Pflege. Ein reges geistiges Leben herrschte daher in diesem Lande, das in bezug auf Kultur wegen seiner geographischen Lage mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen hat.

Der Mensch ist ein Wesen, das nur aus der Erkenntnis der Vergangenheit zu einem wahrhaft zweckvollen Wirken in der Zukunft gelangen kann. Die Geschichte ist seine große Lehrmeisterin. Man vergleiche nun, wieviel genauer, intimer

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wir die letzten vier Jahrhunderte kennen als die früheren Zeiten, in denen der Buchdruck noch nicht der Begleiter aller Kultur war. Bei den letztern sind wir nur zu oft auf bloße Mutmaßungen und kühne Hypothesen angewiesen, denn die historische Überlieferung läßt uns für große Gebiete im Stich. Die Buchdruckerkunst ist also nicht nur eine eifrige Mit­arbeiterin an aller Kultur, sie ist auch die beste, die treueste Bewahrerin der Schätze der Vergangenheit, die der Mensch so notwendig für die Zukunft braucht.

Im neunzehnten Jahrhundert, dem Zeitalter der natur-wissenschaftlichen Erkenntnis und der Technik, ist die Buch­druckerkunst mit ihren Fortschritten nicht hinter andern Kulturfaktoren zurückgeblieben. Sie kann sich mit ihren gro­ßen technischen Fortschritten würdig den andern Errungen­schaften unserer Gegenwart an die Seite stellen. Und wenn wir heute nicht ohne Optimismus dem eben anbrechenden Jahrhundert entgegenleben und freudig in die Zukunft der menschlichen Entwicklung blicken, so verdanken wir zum nicht geringen Teil diese Stimmung dem Genie Johannes Gutenberg.

DIE DRUCKKUNST

#G031-1966-SE354 - Gesammelte Aufsätze zur Kultur- und Zeitgeschichte 1887 - 1901

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DIE DRUCKKUNST

Zur Feier des Iünfbundertsten Geburtstages

ihres Schöpfers

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Kein Zweifel kann darüber bestehen, daß die Physiognomie des geistigen Lebens, innerhalb dessen der moderne Menseh steht, eine Sehöpfung der vier letzten Jahrhunderte ist. Wer in die Gesehichte zurüekbh·ekt, fühlt an der Wende des fünf­zehnten und sechzehnten Jahrhunderts einen Ruck der Kultur,

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der wenige seinesgleichen in der Entwicklung der Menschheit hat. Was auch Schulkonferenzen zugunsten des Studiums der Alten sagen mögen: jeder Unbefangene fühlt heute, wie unermeßlich viel näher ihm alles steht, was die Geistesentwicklung seit jener Zeitenwende hervorgebracht hat, als alles Frühere. Er fühlt das Zusammengehörige dieser Geistesentwicklung, und ihm erscheint das Vorhergehende wie eine fremdere, in sich abgeschlossene Welt. Diese Kultur der letzten Jahrhunderte, sie hat gegenüber ihren Vorgän­gerinnen etwas von Siegerzuversicht, von Siegerkraft, von Zukunftssicherheit in sich. Man braucht sich, um das zuzu­geben, nicht den üblichen Verurteilern des mittelalterlichen Geisteslebens anzuschließen. Man kann sich den freien Blick wahren für die Höhe des Denkens, zu der sich zum Beispiel ein Thomas von Aquino gehoben hat. Aber hatte dieses Den­ken die Siegeskraft in sich, welche der Kultur der Neuzeit innewohnt? Thomas von Aquino war es doch gerade, der vor dem blindesten Aberglauben kapitulieren mußte. Sein Todes-jahr ist zugleich dasjenige der ersten offiziellen Hexenver­brennung. Die Kirche hat sich gegen solchen Glauben lange gewehrt; ihre Wissenschaft hat nicht die Macht gehabt, ihn zu überwinden. Es gab vor dem sechzehnten Jahrhundert wirklich Naturforscher, die Methoden handhabten und Ver­suche anstellten, welche im Geiste der unsrigen gehalten sind. Man braucht sich nur an den genialischen Roger Bacon zu erinnern. Als was nahm das Volk die Ergebnisse ihrer physi­kalischen Versuche? Als Resultat von Zauberkünsten. Erst seit dem sechzehnten Jahrhundert vollführt der Glaube an die Natürlichkeit der Naturvorgänge seinen Eroberungszug durch die Welt. Erst seit dieser Zeit verspürt er die Kraft in sich, zum Siege zu kommen.

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Die dem sechzehnten vorhergehenden Jahrhunderte be­reiten diesen Glauben vor. Die deutsche Mystik eines Tauler, eines Meister Eckhart ringt danach, die Wahrheit nicht einer übernatürlichen Offenbarung verdanken zu müssen, sondern sie auf natürlichem Wege aus der menschlichen Seele aus­strömen zu lassen. Und sobald der Glaube sich festsetzte, daß in dem Menschen selbst die Offenbarung zu suchen sei, mußte auch immer mehr das Bedürfnis des Einzelnen er­wachen, unmittelbar tätigen Anteil an der Kulturentwick­lung zu nehmen.

Der Boden war damit gewonnen für eine neue Art der Mitteilung gefundener Wahrheiten. Man mußte dazu kom­men, Dinge mit sich selbst abzumachen, bezüglich derer man sich vorher den Rat besonders begnadeter Menschen gesucht hat. Der unmittelbare Einfluß solcher Menschen verlor an Kraft. Man wollte nicht mehr bloß hörend hinnehmen; man wollte mitdenken. Einer Art von Mittei]ung bedurfte man, die losgelöst war von der unmittelbaren Gegenwart der Per­sönlichkeit.

Die Tatsache ist nicht hinwegzuleugnen, daß die Geschichts­schreiber des geistigen Lebens über die Jahrhunderte des Mittelalters wenig zu sagen wissen. Was da getrieben wurde, haben wenige miteinander abgemacht. Reichtum gewinnt das geistige Leben erst, als die Zahl derer, die sich an ihm be­teiligen, eine große wird.

Zu solcher Teilnahme hat Johannes Gutenberg die Mensch­heit aufgerufen. Er hat der Welt überliefert, was vorher das Besitztum weniger war. Er hat an die Stelle einer künstlichen Auslese geistiger Führer eine natürliche gesetzt. Es war ein Zufall, wenn unter den wenigen, die im Mittelalter an dem Geistesleben teilnahmen, gerade ein Auserwählter war. Das

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wurde anders, als die Kunst erfunden war, Bildung in die weitesten Kreise zu tragen. Wie anders kann das billige Buch aus der Masse der Menschen diejenigen auslesen, die zur Kulturförderung berufen sind, als das künstliche Auslese-prinzip des Mittelalters!

Und solche Ausbreitung der Kultur war im sechzehnten Jahrhundert eine der denkbar größten geschichtlichen Not­wendigkeiten. Der Schauplatz, auf dem sich die Menschen-geschicke abspielten, wurde gewaltig vergrößert. Die Welt, auf der der Mensch seine Tätigkeit entwickeln mußte, wurde durch die Entdeckungen und durch die damit verbundene Vergrößerung aller Verkehrsbeziehungen eine ausgedehntere. Eine ungeheure Summe von menschlicher Kraft, die bis da­hin brach gelegen hatte, mußte zur Mitarbeit an den Welt-geschicken herangezogen werden. Diese Kraft ruhte gebunden in den Menschen, in den Individuen. Das Individuum mußte mächtiger eingreifen in den Gang der Entwicklung. Dazu mußte sich sein Gesichtskreis vergrößern. Die Buchdruck-kunst löste unzählige Kräfte, die in den Persönlichkeiten ge­bunden lagen.

Die anderen Entdeckungen und Erffndungen stellten dem Menschen größere Aufgaben, als er früher zu bezwingen hatte. Die Druckkunst gab ihm die Möglichkeit, diese Auf­gaben zu lösen.

Es ist symbolisch tief bezeichnend, daß die neue Kunst nicht aus den Kreisen der gelehrten Bildung hervorgegangen ist. Ein Mann der Praxis ist zu ihr gelangt. Eine Persönlich­keit, die losgelöst ist von ihrem Stande, von ihrer Familie. Herausgewachsen war Johannes Gutenberg aus den Verhält­nissen seiner Umgebung als ein einzelner Mann, rein auf sich gestellt. Nicht innerhalb einer Tradition wirkte er, wie die

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Vertreter des Gelehrtenstandes. Er ist der Typus des mo­dernen Menschen, der erreichen will, wessen er bedarf, nicht durch die überlieferten Besitztümer eines Verbandes, aus dem er herausgewachsen ist, der vielmehr seine Sache auf sich selbst, auf seine eigene Tüchtigkeit stellen will.

Nicht die traditionellen Mächte, die aus der mittelalter­lichen Kultur herausgewachsen sind, konnten die neue Kunst schaffen, sondern der neuzeitliche Mensch, das auf sich ge­stellte Individuum, das ein Ergebnis der an der Wende des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts umgewandelten sozialen Verhältnisse ist.

Welche Bedeutung hat im Grunde aller Streit um die Vater­stadt der Druckkunst? Gutenbergs Vaterland ist die moderne Kulturwelt. Er mußte herauswachsen aus allen Vaterschaften zur echten modernen Menschlichkeit, um der Menschheit die internationale Kunst des Druckens zu schaffen. Seit von dcr Linde sein monumentales Werk über die Buchdruckkunst geschaffen hat, ist aller Streit über andere Anteile an der Erfindung aus der Welt geschafft. Und unserer Emplindung entspricht es, daß ein entwurzelter, ein typisch moderner Mensch der modernen Zeit ihr Gepräge geschaffen hat.

Die Gutenberg-Feiern wurden von Jahrhundert zu Jahr-hundert glänzender. Nichts ist natürlicher als dies. Denn die Menschheit wird sich immer mehr bewußt, was sie Guten­berg zu verdanken hat. Jeder Tag verwirklicht Neues, was er möglich gemacht hat.

Eine außerordentlich verdienstvolle Arbeit zur Feier des fünfhundertsten Geburtstages Johann Gutenbergs haben Dr. Heinrich Meißner und Dr. Johannes Luther geliefert («Die Erfindung der Buchdruckerkunst»). In ansprechender, durch­sichtig klarer Art werden die Verrichtungen und Vorstel­lungen

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des Altertums und Mittelalters geschildert, die als eine Art Vorbereitung der Menschheit auf Gutenbergs Kunst angesehen werden dürfen. Besonders fein ist die Kultur des Holztafeldrucks, des unmittelbaren Vorgängers der Typo­graphie, geschildert. Man erkennt aus dieser Charakteristik, wie aus dem Lern- und Bildungsdrang der Volksmassen das Bedürfnis nach der Druckkunst geboren ist. Mit Freuden dürfen es diejenigen, welche die Signatur des Geisteslebens in den letzten vier Jahrhunderten als eine antikirchliche er-kennen, begrüßen, daß von den Verfassern der Eitlfluß der Kirche auf die Verbreitung der Gutenbergschen Kunst nicht überschätzt wird. Die Kirche wich eben nur zurück vor der neuen Bildung, die ihr in den Lettern entgegenkam, und war klug genug, mit einem Kulturfaktor zu rechnen, dessen Wirkung sie nicht aufhalten konnte. In ihrem Geiste wäre es vielmehr gelegen gewesen, die Politik fortzusetzen, die auf dem Toulouser Konzil einen so krassen Ausdruck in dem Verbot des Bibellesens und des Besitzes der Bibel für Laien gefunden hat.

Gutenbergs Persönlichkeit, sein Leben und seine Taten werden klar gekennzeichnet, die Ausbreitung des Druckens in den ersten Jahrzehnten anschaulich geschildert. Die Ver­fasser haben eine glückliche Gabe erwiesen in der Grup­pierung des eben nicht ganz leicht zu behandelnden Tat-sachenmaterials. Daß ihre Darstellung auf dem Standpunkte der gegenwärtigen Kenntnisse über den Gegenstand voll-kommen steht, und daß sich daher jedermann aus dem Buche in zeitgemäßer Weise unterrichten kann, scheint gegenüber den Qualitäten der Autoren, eine überflüssige Bemerkung zu sein.

Die Mode der Zeit, Bücher mit Abbildungen zu überladen,

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kommt hier einmal einer Sache zugute. Es ist für denjenigen, der sich über die ersten Stadien des Druckens Vorstellungen machen will, im höchsten Grade wünschenswert, daß ihm die ersten Drucke in Abbildungen vor die Augen treten.

Es wird wenige Kulturtaten geben, an deren Geschichte so weite Kreise Interesse haben wie an der Druckkunst. Diesem Umstande trägt das Buch in jeder Beziehung Rech­nung. Es verdient durchaus populär zu werden.

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EIN DENKMAL

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Ein Politiker hat das Leben der österreichischen Deutschen in der Gegenwart einen Kirchhof genannt, auf dem eine Unzahl von Hoffnungen begraben liegen. Ein Außenstehender wird sich nur schwer eine Vorstellung von den Gründen machen können, durch die den Deutschen des Donau- und Alpenlan­des ihr Schicksal in den letzten Jahrzehnten bestimmt worden ist. Wer aber, wie ich, die ersten dreißig Jahre seines Lebens in Österreich verbracht hat, wer namentlich seine akademische Lernzeit im Anfange der achtziger Jahre in Wien verlebt hat, für den gibt es in dem Gange der Entwicklung Österreichs kaum etwas Unbegreifliches. Denn er hat an zahlreichen ein­zelnen Persönlichkeiten individuelle Schicksale sich abspielen sehen, die nichts weitet sind, als eine Wiederholung jenes Entwicklungsganges im Kleinen. Und in diesen einzelnen Fällen ist alles verständlich, wenn man den Charakter, das Temperament des österreichischen Deutschen, und, im Ver­hältnisse dazu, die Eigentümlichkeiten des Geisteslebens in seinem Staate in Betracht zieht.

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Ich möchte an dem Beispiele eines Studienfreundes zeigen, wie leicht gerade in Österreich Talente zugrunde gehen können, die unter anderen Umständen es wahrscheinlich zu einer ersprießlichen Wirksamkeit brächten. Ich begann in den achtziger Jahren meine Studien an der Wiener Technischen Hochschule. Es war eine Zeit, in der sich in Österreich viel entschied. Der Liberalismus, der nach der Niederlage von Königgrätz eine kurze Blütezeit erlebt hatte, weil maßgebende Kreise von ihm die Rettung des durch die Bureaukratie in die völlige Verwirrung gebrachten Staates erhofften, war in seinem Ansehen gesunken. Er hatte die Führung im Reiche verloren, teils aus Schwäche, teils weil man ihm eine allzu kurze Zeit zur Verwirklichung seiner Absichten gelassen hatte. Wir jungen Leute von damals erwarteten von ihm nichts Erhebliches mehr. Mit um so größerer Begeisterung verschrieben wir uns der aufstrebenden deutsch-nationalen Bewegung. Ihre Führer kümmerten sich wenig um das, was man vorher «österreichischen Staatsgedanken» genannt hatte. Sie sahen in diesem ein wirklichkeitfeindliches Abstraktum. Ein österreichischer Staat, der auf die Mannigfaltigkeit seiner Volkskulturen keine Rücksicht nimmt, sondern auf der Grundlage eines recht gemäßigten Fortschrittes sich mit einer allen möglichen ererbten Vorurteilen und Rechten Rechnung tragenden Demokratie abfinden will, erschien den Jüngeren ein Unding. Um so hoffnungsfreudiger glaubten die jüngeren Deutschen in die Zukunft blicken zu dürfen, wenn sie ihr eigenes Volkstum betonten, wenn sie sich in ihre National-kultur vertieften und den Zusammenhang mit dem Gange des Geisteslebens in Deutschland pflegten. In solche Ideale lebten sich die deutschen akademischen Jünglinge in den achtziger Jahren ein. Sie bemerkten nicht, daß die Entwicklung

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der wirklichen Vorgänge eine Richtung nahm, in der nur Bestrebungen Aussicht auf Erfolg hatten, die auf viel gröberen Voraussetzungen ruhten, als die ihrigen waren. Die große Wirkung, die bald darauf Georg von Schönerer erzielte, der an die Stelle der idealistischen deutsch-nationalen Ten­denzen den Rassenstandpunkt des Antisemitismus setzte, konnte uns zu keiner Bekehrung veranlassen. Selten tun ja Idealisten in einem solchen Falle etwas anderes, als in Klagen ausbrechen über die Verkennung ihrer berechtigten Bestrebun­gen. Diesen Idealisten wurde damals in Österreich gewisser­maßen der Boden unter den Fußen weggezogen. Ihre Tätig­keit wurde gelähmt durch einen öffentlichen Geist, an dessen Bestrebungen sie keinen Anteil haben wollten. Mit diesen Worten könnte man das Schicksal einer großen Anzahl von Persönlichkeiten bezeichnen, die in der charakterisierten Zeit ihren Studien oblagen. Wenige nur haben sich aufgerafft, um in Lebensberufen Befriedigung zu suchen, die abseits lagen von dem öffentlichen Leben Österreichs; viele sind in uner­freulicher Resignation einem dumpfen Philisterleben verfal­len; nicht wenige aber haben völlig Schiffbruch gelitten im Leben.

Einem von den letzteren möchte ich mit diesen Zeilen ein kleines Denkmal setzen. Er heißt Rudolf Ronsperger. In vollstem Sinne des Wortes war er einer der eben gekenn­zeichneten Idealisten. Eine vielversprechende poetische Be­gabung an ihm zeigte sich denen, die, wie ich, mit ihm während der Studienjahre befreundet wurden. Die deutsch-nationale Idee war der Boden, auf dem sich solche Talente entwickelten. Bei Ronsperger kam nun zu dem Schiffbruch, den wir mit dieser Idee erlebten, noch etwas anderes, das aber nicht minder charakteristisch ist für österreichische Verhältnisse.

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Er hatte nicht ein Gymnasium, sondern eine Oberreal-schule absolviert. Diese österreichischen Oberrealschulen sind in gewisser Beziehung Muster moderner Bildungsanstalten. Man wird da, ohne Latein und Griechisch, auf eine Bildungs-höhe gebracht, die in jeder andern Richtung der des Gymna­siums vollkommen gleichkommt; nur entbehren ihre Träger eben der Kenntnis des Lateinischen und Griechischen. Des­halb ist ihnen der Zugang zur Universität versagt. Diese Real­schulen sind ein lautsprechendes Zeugnis für die in Österreich auf allen Gebieten heimische Halbheit. Man bleibt fast überall in den Ansätzen zu berechtigten Zielen stecken. Zu den letzten Konsequenzen fehlt zumeist die Spannkraft. So war es mit den Realschulen. Man richtete sie so ein, daß die Schüler eine modern-humanistische Bildung erhalten; und dann versperrte man den idealistischer veranlagten unter ihnen den Weg zu einem Berufe, den sie sich, nach ihrer Vorbildung, allein wünschen können. Dieser Halbheit in der Einrichtung des Bildungswesens fallen unzählige Persönlichkeiten zum Opfer . Ronsperger gehörte zu diesen. Er war durch die Art seiner Begabung und durch die Richtung, welche diese Begabung innerhalb der Realschule genommen hatte, für einen tech­nischen Beruf ganz ungeeignet. Später das nachzuholen, was ihm die Pforten der Universität erschiossen hätte, dazu reichte seine Tatkraft nicht aus. Darin war er selbst ganz öster­reichisch. Er blieb in Halbheiten stecken. Sein Lebensgang ist die begreifliche Folge seines österreichischen Charakters und der geschilderten österreichischen Verhältnisse. Er und ich haben als Studenten manches gemeinsam durchiebt; das spätere Leben führte uns auseinander. Er hat mir im freund­schaftlichen Umgange manches erfreuliche Gedicht und einige dramatische Leistungen mitgeteilt; darunter auch ein Drama

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«Hannibal», über das sich später Heinrich Laube nicht ohne Anerkennung ausgesprochen hat. Ich hörte dann nur noch, daß er Eisenbahnbeamtet geworden sei. - Vor wenigen Mona­ten nun übergab mir seine Schwester, die Frau eines ange­sehenen in Berlin lebenden Schriftstellers, den Nachlaß des Studienfreundes. Er hat, nachdem ihm alle Hoffnung ge­schwunden war, mit achtunddreißig Jahren seinem Leben ein Ende gemacht.

Aus dem Inhalte dieses Nachlasses, der Lyrisches und Dramatisches enthält, etwas mitzuteilen, fühle ich mich nicht veranlaßt, trotzdem er ein Lustspiel in vier Aufzügen enthält, das bei einer Preisbewerbung in Wien vor den Preisrichtern Lob gefunden hat wegen des sehr guten Dialogs und nur deshalb zurückgewiesen werden mußte, weil der vom Leben Mißhandelte dieses Leben allzu unwirklich gezeichnet hatte. Nicht diese Leistungen sind es, die für den Unglücklichen eine tiefe Anteilnahme herausfordern müssen, sondern sein Leben. Für dieses Leben fand sich in dem Nachlaß ein deutlich sprechendes Dokument. Es ist ein Brief an mich, mehrere Jahre vor Ronspergers Selbstmord geschrieben. Er schrieb in diesem Briefe von seinen zerstörten Hoffnungen, von den Leiden, die ihm auferlegt waren; er sucht unsere alte Freund-schaft wiederzubeleben, um sich einigermaßen mit meiner Hilfe wieder zurechtzufinden. Er hat den Brief nicht abge­sandt, weil - er meine Adresse nicht erfragen konnte. In dieser Tatsache spricht sich mir symbolisch sein ganzes Schick­sal aus. Er ist ein Repräsentant der namentlich in Österreich so zahlreichen Charaktere, die mit allem ihrem Streben so weit gehen, bis die Wirklichkeit an sie herantritt. Und wenn diese Wirklichkeit auch Hindernisse von lächerlicher Kleinlichkeit bietet, wie in diesem Falle, - sie betreten diese Wirklichkeit

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nicht. Es ist meine Überzeugung, daß unzählige Mtersgenos­sen Rudolf Ronspergers sich ebenso charakterisieren könnten, wie er es in diesem Briefe getan hat. Ich teile einiges daraus mit, weil ich es nicht für einen zufälligen einzelnen Fall, sondern für etwas Typisches halte. «In meinen äußeren Lebensumständen ist wenig Bemerkenswertes vorgegangen. Zuerst nach Leitmeritz, später nach Kostomlat, dann wieder nach Leitmeritz versetzt, endlich seit nunmehr fast zwei Jahren Verkehrsbeamter in Nimburg, bin ich jetzt in einer Stellung, wie sie sich ein Subaltembeamter angesehener und angenehmer nicht wünschen kann . . . Über die Schicksale, oder besser die Wandlungen, die mein Inneres in den letzten Jahren erfahren, gäbe es etwas mehr zu berichten. Es mag sich vieles, vielleicht alles, in meinen Anschauungen über Welt und Mensch geändert haben - eine feste Überzeugung ist mir selbst in den fünf Jahren bitterer Kämpfe nicht verlorenge­gangen: die Überzeugung von meinem dichterischen Berufe. Sie ist mir lebendig geblieben, trotzdem ich mich einem Lebensberufe ergeben, der sonst gewöhnlich den ganzen Menschen bei Tag und Nacht in Anspruch nimmt und ihm meist die Fähigkeit raubt, sich solchen von seinen Amtsge­schäften ganz abweichenden, mit ihnen beinahe unverein­barenden Nebengedanken zu ergeben. Sie hat sich mir erhal­ten trotz des spöttischen Lächelns aller, die durch Zufall von ihr Kenntnis erhielten. Und wenn man auch in der großen Welt nichts hören wird von meinem Geschreibsel - ich glaube es kühn sagen zu dürfen: Ich bin doch ein Poet . . . Sie werden das vielleicht Selbstüberhebung nennen. Aber wem die Poesie so zum Lebensbedürfnis geworden wie mir, wer so wie ich sein ganzes Fühlen und Denken in Poesie umzusetzen ge­drängt wird wie ich, der kann wohl mit Fug und Recht be­haupten,

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daß er zum Didater berufen. Ob auserwählt? - Das ist eine Frage, &e ich nicht mit beantworten kann, weil ich mich dadurch selbst um ein gut Teil meiner Hoff­nungen bringen würde - und das tut ein Sanguiniker erster Sorte nicht, wie ich einer bin. Aber ich bin nicht blind für all die Fehler, die ich besitze, und die dazu beigetragen, daß ich das bis jetzt nicht erreichte, was allein bestimmend und zwar endgültig bestimmend auf meine Berufsrichtung ein-wirken könnte: einen Erfolg. - Energielosigkeit ist der erste und größte all dieser Fehler; der Mangel an Kraft und Be­harrlichkeit, jener eisernen Ausdauer, jener ziel- und siegesbe­wußten Zähigkeit in der Verfolgung einmal gefaßter Pläne, die immer die Begleiteigenschaften des Talentes sind und ihm unter den schwierigsten Umständen zum Durchbruch verhelfen. - Ohne unbescheiden zu sein, kann ich sagen: ich hätte Gutes geleistet, wenn das Glück mich gehätschelt und ein warmer Sonnenblick meine Fähigkeit aufblühen gemacht hätte, wenn meine Neigungen auf keinen Widerstand gestos­sen und meine Versuche vom Schicksal begünstigt worden wären. In der Richtung des Windes wäre ich flott gesegelt; und ich hätte vielleicht viel erreicht, was andere unter gleich günstigen Umständen nie erlangt hätten. Gegen den Wind zu segeln, fehlte mir Mut und Kraft. - Ohnmächtige Ver­suche mache ich viele - und daß ich nicht ganz scheiterte und kopfüber in die Wogen stürzte, das allein gibt mir noch die Hoffnung, daß der Wind sich doch vielleicht noch einmal drehen werde und den ungeschickten Schiffer vorwärts treiben könnte, der es nicht lernen wollte, die Segel zu drehen.»

Diese Drehung des Windes ist nun leider nicht eingetreten. Mehr Energie hätte Rudolf Ronsperger einen eigenen Weg suchen lassen, abseits von den durch österreichische Kulturverhältnisse

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vorgezeichneten Bahnen; weniger Idealismus und Gemüt hätte es bewirkt, daß er sich dem Berufe angepaßt hätte, in den ihn diese Verhältnisse gebracht haben. Er hätte dann die Überzeugung von seinem Dichterberufe im dumpfen Meere der Alltäglichkeit begraben.

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THOMAS BABINGTON MACAULAY

Geboren am 25. Oktober 1800

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Es gibt wenige Geschichtswerke, deren Lektüre ein so sicheres Gefühl erweckt, daß sie uns in den Geist der geschilderten Epochen führen, wie Macaulays «Geschichte Englands» . Zwei­fellos gibt es Historiker, die ihren Stoff kunstvoller zu gestal­ten, die Persönlichkeiten plastischer herauszuarbeiten ver­stehen, und solche, die irn Zusammentragen von Einzelheiten einen noch größeren Fleiß aufzubringen vermögen als Macau­lay. Das harmonische Zusammenwirken dieser drei Fähig­keiten, wie es bei ihm sich findet, kann man jedoch bei nur ganz wenigen Geschichtsschreibern in gleicher Weise antre£ fen. Die beiden ersten Bände des Werkes sind im November 1848 erschienen. Man hatte der Veröffentlichung in England mit den allergrößten Hoffnungen entgegengesehen. Das Außerordentlichste versprach man sich von dem Manne, dem man als Essayisten und als Politiker seit mehr als zwanzig Jahren die größte Hochachtung entgegengebracht hatte. Macaulay übertraf noch alles, was man erwartet hatte. In der denkbar kürzesten Zeit lagen Übersetzungen in die deut­sche, französische, holländische, dänische, schwedische, rus­sische, italienische, spanische, polnische, böhmische, ungarische

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und persische Sprache vor. Eine solch schnelle Verbreitung des Buches über die ganze gebildete Welt ist vollkommen verständlich, wenn man das erwähnte sichere Gefühl in Be­tracht zieht, das sein Studium erweckt. Es gehört zu den schriftstellerischen Leistungen, zu denen man sogleich nach dem ersten Bekanntwerden mit ihnen ein vollkommenes Ver­trauen gewinnt. Die beiden ersten Bände umfassen den kurzen Zeitraum der englischen Geschichte von 1685 bis 1689; in den späteren Bänden gelang es Macaulay, die Ereignisse noch bis 1704 zu schildern. Zehnjährige sorgfältige Studien gingen dem Erscheinen voran. Auch wenn man sich über diese Sorg­falt nicht aus der Biographie Macaulays unterrichtet, lernt man sie aus dem Werke bald kennen. Jeder Satz spricht sie eindringlich aus. Die Schilderung der Tatsachen ist von einer Lebhaftigkeit, daß man fast einen Zeitgenossen zu hören glaubt, die Charakterzeichnung der dargestellten Persönlich­keiten wiegt uns oft in die Illusion, es er zähle jemand auf Grund persönlicher Bekanntschaft. Diese vollkommene Reife seines historischen Urteils ist ein Ergebnis des Lebensganges und der ganz einzigartigen Charakteranlage Macaulays. Er war fast stets in Lebensiagen, die ihm den denkbar größten Erfahrungshorizont darboten. Sein Vater wurde mit sechzehn Jahren von einem schottischen Handelshaus nach Jamaika geschickt. Er lernte dort die Schrecken der Sklaverei kennen. Das veranlaßte ihn, einen Teil seines Lebens ihrer Bekämp­fung zu widmen. Nach seiner Rückkehr in die Heimat beauf­tragte ihn eine zum Zwecke der Sklavenbefreiung gegründete Gesellschaft mit der Kolonisierung von frei gewordenen Sklaven an der Küste von Sierra Leone. Die Sinnesweise einer solchen an Kulturaufgaben großen Stils berangereiften Persönlichkeit mußte dazu beitragen, daß auch im Sohne ein

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großer, freier Geist heranwuchs. Der Vater beeinflußte den jungen Macaulay durchaus nach dieser Richtung hin. Das Elternhaus versammelte oft zahlreiche Männer, die in einer weitverzweigten Wirksamkeit standen. Der alte Macaulay tat alles, was des Sohnes Interesse an den Verhandlungen und Arbeiten dieser Männer erwecken konnte. - Als Macau­lay fünfundzwanzig Jahre alt war, erschien seine erste bedeu­tende schriftstellerische Arbeit in der «Edinburger Revue» über Milton. Sie machte den Verfasser mit einem Schiage zum berühmten Mann. Eine Berühmtheit in solch jungen Jahren erhebt denjenigen, der die Vorbedingungen dazu hat, auf eine höhere Warte des Wirkens. Sie verleiht die Kraft, die dazu notwendig ist, das Talent zu den Dingen und zu den Zeit­genossen in das rechte Verhältnis zu bringen. Die Aufmerk­samkeit derjenigen, die sich für das öffentliche Leben interes­sieren, mußte sich in einem Lande wie England bald auf den jungen Schriftsteller lenken. 1830 wurde er in Wiltshire zum Abgeordneten gewählt. Er war in einer aufgeregten Zeit Volksvertreter. Die französische Jnlirevolution entfachte über­all den Ruf nach Erweiterung der Freiheit. Macaulay war es vergönnt, 1831 als Parlamentarier sich an der Debatte über den Reformentwurf Lord Russels zu beteiligen. Die Erhal­tung der englischen Verfassungszustände stand in Frage. Macaulay trat in einer Weise auf, die ihm zu dem Ruf eines großen Schriftstellers auch den eines bedeutenden Politikers hinzufügte. Drei Jahre später stellte sich wieder eine Erweite­rung seines Schaffensgebietes ein. Er wurde zum Mitglied des hohen Rates von Indien gewählt. Er verwaltete sein Amt in Englands Kolonien auf der Grundlage einer hoch-sinnigen ethischen Lebensanschauung. Seine Tätigkeit in Indien dauerte bis 1837. Sie hat segensreiche Spuren sowohl

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in der materiellen wie in der geistigen Kultur des Landes zurückgelassen. - Bis zum Jahre 1847 führte Macaulay fortan ein ruhigeres Leben, fast ausschiießlich den ausgedehnten Studien für seine «Geschichte Englands» obliegend. 1847 trat er nochmals ins Parlament ein. Wie groß sein Einfluß war, der sich auf nichts weiter stützte als auf die überzeugende Wir­kung seiner Worte und Gründe, ersieht man daraus, daß es ihm 1853 gelang, einen auf die Ausschiießung des Ober­archivars aus dem Parlament bezüglichen Gesetzesvorschlag, der vor seiner Rede so gut wie beschiossen war, mit einer Majorität von über hundert Stimmen zu Fall zu bringen.

Daß Macaulay die glücklichen Lagen, in die er kam, im Sinne einer umfassenden Wirksamkeit ausnützen konnte, das findet in den außerordentlichen Anlagen seines Geistes die Erklärung. Zu einem geradezu wunderbaren Gedächtnis kam eine seltene orientierende Kombinationsgabe, die ihn als Historiker ein Ereignis durch das andere, oft recht fern­liegende, hell beleuchten ließ und die ihn auf dem Felde der praktischen Tätigkeit energisch überall die geeigneten Mittel zu den ihm vorschwebenden Zielen finden ließ. Ich möchte, um dieses sein Geistesvermögen zu kennzeichnen, eine seiner glänzenden geschichtlichen Analogien anführen. Sie findet sich in dem Aufsatze «Burleigh und seine Zeit»: «Das einzige Ereignis der neueren Zeit, welches man füglicherweise mit der Reformation vergleichen kann, ist die französische Revolu­tion, oder, um es noch bestimmter auszudrücken, jene große Umwälzung in den politischen Anschauungen, welche sich während des achtzehnten Jahrhunderts in fast allen Ländern der zivilisierten Welt vollzog und in Frankreich ihren größten und schrecklichen Triumph feierte. Jede dieser denkwür­digen Begebenheiten möchte am richtigsten als eine Empörung

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der menschlichen Vernunft gegen eine Kaste bezeichnet wer­den. Die eine war ein Kampf um die geistige Freiheit, von der Laienwelt gegen die Geistlichkeit geführt; die andere war ein Kampf um politische Freiheit, den das Volk gegen Fürsten und Adel führte. In beiden Fällen wurde der Geist der Neuerung anfangs von einer Gesellschaftsklasse ermutigt, die man in erster Reihe auf seiten des Vorurteils hätte vermuten sollen. Friedrich, Katharina, Joseph und die französischen Großen waren es, unter deren Schutz jene Philosophie, welche später alle Throne und Aristokratien Europas mit Vernichtung bedrohte, ihre furchtbare Entwicklung erhielt. Der gegen das Ende des fünfzehnten und zu Anfang des sech­zehnten Jahrhunderts beginnende Eifer, mit welchem man sich gelehrten Studien widmete, fand eine warme Ermutigung bei den Häuptern derselben Kirche, welcher die wissenschaft­liche Aufklärung so verderblich werden sollte. Als es zum Ausbruch kam, geschah es in beiden Fällen mit einer Heftig­keit, daß selbst manche von denen, welche sich anfänglich durch die Freiheit ihrer Ansichten ausgezeichnet hatten, mit Entsetzen und Ekel sich abwandten. Die Gewalttätigkeiten der demokratischen Partei verwandelten Burke in einen Tory und Alfieri in einen Hofmann. Die Leidenschaftlichkeit der in Deutschland an der Spitze der religiösen Bewegung stehen­den Männer machte Erasmus zu einem Verteidiger der Miß­bräuche und veranlaßte Thomas Morus, den Autor der Utopia, gegen die Anhänger der Neuerungen als Verfolger aufzutreten.»

Wenn man die Charakterzeichnungen historischer Persön­lichkeiten liest, die Macaulay geliefert hat, wird man oft an die monumentale Art Emersons erinnert. Während dieser aber als Rhetor und Moralschriftsteller auf den fein ausge­arbeiteten

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Gedanken hitiatbeitet und der Trefflichkeit des Aperçus vor der naturalistischen Wirklichkeitsdarstellung den Vorzug gibt, ist bei Macaulay das Umgekehrte der Fall. Aber seine Vertiefung in die Wirklichkeit ist eine so reife, so gründliche und gedankenvolle, daß sich die historische Treue bei ihm von selbst zum schlagenden Aperçu umgestaltet. So, wenn er Burleiga, den Staatsmann der Königin Elisabeth, mit den Worten kennzeichnet: «Niemals verließ er seine Freunde, als bis es mißlich wurde, länger bei ihnen auszu­halten. Er war ein vortrefflicher Protestant, so lange es nicht mit großem Vorteil verbunden war, ein Papist zu sein. Er empfahl seiner Gebieterin so nachdrücklich, wie es möglich war, ohne ihre Gunst dabei aufs Spiel zu setzen, die Befolgung einer duldsamen Politik. Er ließ niemanden auf die Folter spannen, außer wenn die Wahrscheinlichkeit damit verbunden war, ein nützliches Geständnis zu erpressen. Er war so mäßig in seiner Begehrlichkeit, daß er nur dreihundert ver­schiedene Landgüter hinterließ, obgleich er, wie uns sein ehrlicher Diener berichtet, viel mehr hätte hinterlassen kön­nen, wenn er zu seinem eigenen Gebrauch aus der Staats­kasse hätte Gelder entnehmen wollen, wie das von manchem Schatzmeister geschehen ist.»

Ein Vorbild geschichtlicher Darstellung ist in Macaulays «Geschichte Englands» das Kapital über den Zustand Eng­lands im Jahre i685. Es ist ein moderner Zug in der Ge­schichtsschreibung, die ehemalige, rein diplomatisch-politische Methode durch die kulturhistorische zu ersetzen. Macaulay wird in dem genannten Kapitel ein vollkommener Kultur-historiker, weil ihn die innere Wahrheit seines Gegenstandes dazu veranlaßt und ihm es sein umfassender Sinn unmöglich macht, die Beziehungen, welche die Dinge verknüpfen, nicht

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in ihre fernsten Winkel hinein zu verfolgen. - Sein Ge­schichtswerk bis über das Jahr 1704 hinauszuführen, war dem Unermüdlichen nicht möglich. Ein Herzleiden raffte dies starke Leben im Jahre 1858 hinweg.

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MAX MÜLLER

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Am 28. Oktober 1900 ist einer der populärsten Gelehrten unserer Zeit gestorben. Die Art, wie man über Max Müller nach dem Eintreffen der Todesnachricht sprach, erinnerte an die Worte der Hochschätzung, die man vor einigen Jahren beim Ableben Hermann Helmholtz' hören konnte. An die Namen beider Gelehrten knüpft derjenige heute ähnliche Vorstellungen, der auf eine gewisse allgemeine Bildung An­spruch macht. Und doch ist es nicht dasselbe, was sich in den Köpfen der Zeitgenossen abspielt, wenn sie den einen Namen wie den anderen nennen. Bei Hermann Helnaholtz wußten die Leute, daß er einer der größten Physiker ist. Er gehörte zu denen, die, nach einem alten Worte, mehr gerühmt als gelesen werden. Es ist wohl noch manchem im Gedächtnis, daß wir es erleben mußten, das Denkmal des großen Physi­kers auf der Potsdamer-Brücke in Berlin mit einem unrich­tigen Titel eines seiner Bücher geziert zu sehen. Bei Max Müller liegt die Sache anders. Er wird wirklich gelesen. Unzählige der Vorstellungen, die er in seinen reizvoll geschrie­benen Werken über die Entwicklung der Sprache, über Mythologie, über Religionen niedergelegt hat, sind ein Be­standteil der Zeitbildung geworden. Er hat die geistige Ent­wicklung der morgenländischen Völker der Allgemein-Bildung

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des Abendlandes vermittelt. Er verstand, dies in einer Weise zu tun, daß auch solche sich mit seinen Arbeiten beschäftigen, die nicht innerhalb eines gelehrten Berufes stehen. Er war einer der bedeutendsten geistigen Anreger der Gegenwart. Seine Fachgenossen, die Sprach- und Religionsforscher, schät­zen seine Arbeiten nicht so hoch wie die anderen. Er gilt ihnen als Sanskrit-Forscher und Sanskrit-Mytholog gar nicht einmal als Gelehrter, der in aliererster Linie genannt werden müßte. Sie sagen, kaum eine seiner Grundvorstellungen kön­ne sich gegenüber dem heutigen Stande der Wissenschaft behaupten. Darüber irgendein Urteil abzugeben, darf sich nicht anmaßen, wer nicht Fachrnann auf dem Gebiete der Sprachforschung ist.

Eines aber kann der Nichtfachinann von Max Müller be­haupten: Was er für unser abendiändisches Kulturleben ge­leistet hat, ist, rein dem Umfange der Arbeit nach, so bedeu­tend wie die Schöpfungen nur ganz weniger Schriftsteller. Er hat das älteste Denkmal des indischen Geisteslebens (Rigveda) in sechs großen Bänden (London 1849-1874) herausgegeben; er bat die Herausgabe eines der monumen­talsten Werke unserer Zeit, der gesamten «Heiligen Bücher des Ostens» veranlaßt, an dem Gelehrte fast aller Kultur­nationen arbeiten, und zu dem er selbst Wichtiges beige­steuert hat. Und während er so unablässig bemüht war, die Bildungsschätze des Orients den Europäern vor Augen zu führen, hat er in seinen Vorlesungen über «Die Wissenschaft der Sprache» (die 1875 deutsch erschienen sind), in seinen «Essays» und in einer großen Zahl anderer Werke und Abhandlungen die Gesetze der geistigen Entwicklung der Menschheit darzulegen gesucht.

Die Weise, wie Max Müller das alles getan hat, entsprach

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in hohem Maße den Bedürfnissen und Neigungen der zweiten Jahrhunderthälfte. Dieser Zeit ist die geschichtliche Betrach­tungsweise sympathisch gewesen. Sie unterscheidet sich da­durch wesentlich von dem ihr vorangegangenen Zeitalter. Dieses glaubte zu Aufschlüssen über die menschliche Natur, über die Gesetze der Sprache, der Sittlichkeit, der Religion dadurch gelangen zu können, daß sie die Natur des gegenwär­tigen Menschen, als fertigen Einzelwesens, beobachtete. Das wurde anders, je weiter das Jahrhundert vorschritt. Man wollte den Menschen der Gegenwart aus dem Menschen der Vergangenheit erklären. Man glaubte nicht mehr daran, daß die Betrachtung des vollentwickelten Menschen zum Beispiel darüber Auskunft geben könne, wie religiöse Bedürfnisse entstehen, woraus sittliche Vorstellungen entspringen.

Man wollte die ersten Anfänge solcher Vorstellungen kennenlernen und von dem Begreifen unentwickelterer Kul­turen zu dem der Gegenwart allmählich aufsteigen. Man wollte auch kennenlernen, wie verschiedene Kulturvölker zu ihrer Bildung kommen, um durch Vergleichung die Gesetze der Menschheitsentwicklung ergründen zu können. Man kann immer mehr davon ab, den Menschen als Individuum zu betrachten; man lernte, ihn als Glied der ganzen Menschheit ansehen. Ganz innerhalb einer solchen Vorstellungsrichtung liegen die Gedanken Max Müllers. Er hat uns den Orient erschlossen, um das Übereinstimmende und Verschiedene der mannigfaltigen Kulturen zu zeigen und auf diese Weise zur Erkenntnis der in allen waltenden großen Gesetze zu gelangen.

Erst gegen Ende des Jahrhunderts hat man einzusehen begonnen, daß auch in dieser Betrachtungsweise eine Ein­seitigkeit liegt. Eine der anregendsten Schriften Friedrich

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Nietzsches ist die «Unzeitgemäße Betrachtung: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben». Er suchte zu zeigen, wie sich der Mensch das Leben in der Gegenwart verdirbt dadurch, daß er immer in das geschichtliche Werden blickt. Es ist Nietzsches Meinung, daß das Lehen höher stehe als das Wissen vom Leben. Frage ich mich bei jeder meiner Vor­stellungen, wie sie geworden ist, so lähme ich mein freies Drauf-los-Leben. Ich glaube bei jedem meiner Schritte erst nachdenken zu müssen, ob er denn auch im Sinne der bis­herigen gesetzmäßigen Entwicklung liegt. Wir haben es so oft hören müssen, daß in den letzten Jahrzehnten, wenn irgendwo ein neuer Impuls sich geltend machen wollte, sofort die Bekenner der geschichtlichen Betrachtungsweise kamen und sagten: das sei unhistorisch. Über der geschicht­lichen Betrachtungsweise ist uns die philosophische allmählich verlorengegangen. An der Philosophie selbst haben wir es in der schlimmsten Weise erfahren müssen. Unsere Zeit ist arm geworden an neuen philosophischen Gedanken. Ja, man sieht mit Verachtung auf diejenigen herab, die solche Gedan­ken noch vorbringen wollen. Man hat unserer Zeit sogar die Fähigkeit abgesprochen, neue Gesetze zu geben, bevor man vollständig in den Werdeprozeß der Rechtsentwicklung ein­gedrungen ist.

In der Verbreitung einer solchen Gesinnung liegen die Schattenseiten eines Wirkens wie dasjenige Max Müllers ist. Und hiermit sind wir an den Punkt gelangt, wo dieser be­deutende Schriftsteller die Vorwärtsstrebenden unter unseren Zeitgenossen unbefriedigt läßt. Inwieweit er von der Sprach­wissenschaft und Religionsforschung der Gegenwart überholt ist, das können wir ruhig den Fachleuten zur Entscheidung anheimgeben. Daß seine philosophischen Anlagen keine sehr

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bedeutenden waren, das ist es, was diejenigen stören muß, welche in den schriftstellerischen Leistungen der Gegenwart nach Elementen suchen, die für die großen Weltanschauungs­fragen in Betracht kommen. Max Müller hat nicht begreifen können, warum Ernest Renan es bedauert hat, daß er Histo­riker und nicht Naturforscher geworden ist. Dies hängt mit den gekennzeichneten philosophischen Anlagen Max Müllers zusammen. Er ist der Naturwissenschaft immer ganz ferne geblieben. Er hat sich nicht entschließen können, den «Rubi­kon des Geistes» zu überschreiten, der von dem Menschen zu der übrigen Natur führt. Er verfolgte geschichtlich das Werden der Sprache, soweit das die Geschichte, die Wissen­schaft vom Menschen, eben tun kann. Will man das Hervor­gehen der Sprache aus Fähigkeiten niederer Art kennen­lernen, so muß man die geschichtliche Betrachtungsweise ver­lassen und zur naturwissenschaftlichen übergehen. Müller zählt 121 Sprachwurzeln auf, die der Sprache der Arier zugrunde liegen. Sie sollen ebenso viele ursprüngliche Begriffe ausdrücken. Soweit gelangt der Historiker. Der Naturforscher gelangt weiter. Er sucht in tierischen Fähigkeiten den Ur­sprung alles dessen, was beim Menschen auftritt. Wer alles ablehnt, was nicht der Geschichte zugänglich ist, kommt nie zu solchen Ursprüngen. Der Naturforscher untersucht die Naturgesetze der Gegenwart. Er beleuchtet von der Gegen­wart aus die Vergangenheit. Die geschichtliche Betrachtungs­weise wird sich allmählich zur naturwissenschaftlichen er­weitern müssen, wenn sie für unsere Weltanschauung frucht­bar werden will. Wir können nie und nimmer das Gegen­wärtige bloß aus seinem Werden verstehen; wir müssen viel-mehr auch das Werden, die Entwicklung, aus der Gegenwart begreifen. Der Geologe forscht nach den Ursachen, die heute

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noch immer die Oberfläche der Erde verändern. Von da aus eröffnet sich für ihn die Perspektive in die Vergangenheit. Einen Umschwung nach dieser Richtung wird auch die Be­trachtung über den Menschen erfahren müssen. In Max Müllers Schriften ist aber von einer solchen Erkenntnis wenig zu finden. Das trennte ihn von der Denkweise der Natur-forscher. Es wird als ein Mangel seines Wirkens immer mehr und mehr erkannt werden.

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AHASVER

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Einer meiner Studienkollegen, ein energisch arbeitender, ziel-bewußter jüdischer Student, sagte mir - es war vor etwa zwanzig Jahren in Wien -, als wir auf den Antisemitismus zu sprechen kamen: «Es ist noch nicht lange her, da hätte ich es fast als selbstverständlich betrachtet, wenn wir libe­ralen Juden auch äußerlich durch Anschluß an eine christliche Konfession unsere Zugehörigkeit zu den Völkern, unter denen wir leben und mit denen wir uns eins fühlen, zum Ausdruck brächten. Heute aber, im Angesicht des Antisemi­tismus, würde ich mir lieber zwei Finger meiner Hände ab­schneiden lassen als einen derartigen Schritt unternehmen.»

Für mich hat es nie eine Judenfrage gegeben. Mein Ent­wicklungsgang war auch ein solcher, daß damals, als ein Teil der nationalen Studentenschaft Österreichs antisemitisch wurde, mir das als eine Verhöhnung aller Bildungserrungen­schaften der neuen Zeit erschien. Ich habe den Menschen nie nach etwas anderem beurteilen können als nach den indivi­duellen, persönlichen Charaktereigenschaften, die ich an ihm

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kennenlerne. Ob einer Jude war oder nicht: das war mir immer ganz gleichgültig. Ich darf wohl sagen: diese Stim­mung ist mir auch bis jetzt geblieben. Und ich habe im Anti­semitismus nie etwas anderes sehen können als eine An­schauung, die bei ihren Trägern auf Inferiorität des Geistes, auf mangelhaftes ethisches Urteilsvermögen und auf Abge­schmacktheit deutet.

Der Kulturhistoriker der letzten Jahrzehnte des neunzehn­ten Jahrhunderts - ob auch der ersten des zwanzigsten? -wird zu untersuchen haben, wie es möglich war, daß im Zeitalter des naturwissenschaftlichen Denkens eine Strömung entstehen konnte, die jeder gesunden Vorstellungsart ins Gesicht schlägt. Wir, die wir mitten in den Kämpfen leben und gelebt haben: wir können nur mit Schaudern Revue halten über eine Anzahl von Erfahrungen, die uns der Anti­semitismus bereitet hat.

Ich habe ihn oft kennengelernt, den Typus des modernen Juden mit der Stimmung, die sich in den Worten meines obenerwähnten Studienkollegen ausdrückt. Robert Jaffé hat nun in Emil Zlotnicki, dem Helden seines Romanes «Alias­ver», diesen Typus geschildert. Er hat ihn geschildert mit all der Wärme und Eindringlichkeit, die aus den bittersten Lebenserfahrungen, aus trüben Enttäuschungen hervorquel­len. Man empfindet auf jeder Seite des Romans die tiefe innere Wahrheit der Charakterzeichnung und der Schilderung der typischen Tatsachen. Ein Stück Zeitgeschichte entrollt sich vor unserer Seele, dargestellt von einem, der beim Ab­laufen dieser Geschichte mit seiner ganzen Seele dabei war. Das macht, daß eine individuell empfundene Psychologie dem Roman eine im höchsten Grade interessante Färbung gibt.

Ein Roman aus dem sozialen Leben der Gegenwart ist

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daher «Ahasver». Gesellschaftliche Strömungen werden in satten Farben geschildert, Strömungen, die tief eingreifen in das Leben des Einzelnen. Das Schicksal eines interessanten Individuums erscheint in charakteristischer Weise auf dem Hintergrunde der Zeitkultur. In der Zeichnung des Einzel-lebens, das seine Lust und seinen Schmerz von den großen Menschheitsgegensätzen wie eine angeborene Gabe empfängt, liegt die Kunst Jaffés. In diesem Sinne ist er Psychologe. Er ist es in dem guten Sinne, daß er Vollmenschen der Gegen­wart schildert, die aber zugleich etwas Typisches in ihrem Dasein enthalten.

Der wird den Roman unbedingt mit dem allergrößten In­teresse verfolgen müssen, der sich einmal vertiefen will in feine Verästelungen des Seelenlebens, wie es als Ergebnis vielfach unerfreulicher, beklagenswerter, aber darum um so beachtenswerterer Züge der Zeitkultur erscheint.

Vielleicht kann dem Antisemitismus keine herbere, aber wegen der sinmg künstlerischen Beweisführung überzeugen­dere Verurteilung zuteil werden, als es hier geschieht.

Dem künstlerischen Empfinden der individuell erlebten, innerlich so wahren Psychologie steht allerdings bei Jaffé noch nicht ein bedeutendes künstlerisches Vermögen zur Seite. Charaktere und Situationen sind unpiastisch, und die Komposition des Romans läßt viel zu wünschen übrig. Ich glaube, daß es leichtfertig wäre, aus diesem Buche auf die künstlerische Znkunft des Verfassers Schlüsse zu ziehen. Im höchsten Sinne sympathisch muß das große Wollen berühren. Den Anfänger verrät die Arbeit allerdings auch auf jeder Seite. Die Leute treten auf und treten ab, die Situationen kommen und gehen ohne große Wahrscheinlichkeit, ohne tiefere Motivierung. Freunde, die sich lange nicht gesehen

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haben, treffen sich, weil der Autor sie zusammenführen muß, um das Aufeinanderplatzen der sozialen Gegensätze zu zeigen. Dann aber reden sie sofort, ohne sich irgend etwas Individuelles mitzuteilen, von sozialpolitischen, lebensphilo­sophischen Theorien.

Man mißverstehe mich nicht. Ich bin der letzte, der solche Gespräche aus der Literatur verbannen will. Ich habe sogar den Glauben, daß der ernste Mensch Gefallen haben muß an Kunstwerken, die Menschen schildern, deren Interessen über den Kreis auch des besseren Alltäglichen hinausgehen. Wir teilen uns, wenn wir nicht gerade Bierphilister oder Mitglieder von Kaffeekränzchen sind, doch auch im Leben unsere Ansichten mit. Warum soll das also nicht im Kunst­werke geschehen? Aber so unvermittelt, wie das von Jaffé geschieht, kommt das doch wohl im Leben nicht vor. Es dauert zum Beispiel bei mir, der ich mich gerade nicht zu den untheoretischen Menschen zähle, mindestens eine Viertel­stunde, bis ich an einen Freund, den ich lange nicht ge­sehen habe, die Frage stelle, wie sich sein lebensphilosopbi­sches oder sozialpolitisches Glaubensbekenntnis geändert hat.

Wenn aber Robert Jaffé zu Schilderungen kommt, die psy­chologische Feinkunst, lyrische Empfindung verlangen, dann wird er im höchsten Grade anziehend. Dann verrät sich der Dichter in jeder Zeile.

Alles in allem: wir haben im «Ahasver» einen psycholo­gischen Zeitroman, den man trotz aller Schwächen, trotz der Anfängerschaft des Autors nur mit dem höchsten Inter­esse lesen kann.

ADOLF BARTELS, DER LITERARHISTORIKER

#G031-1966-SE382 - Gesammelte Aufsätze zur Kultur- und Zeitgeschichte 1887 - 1901

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ADOLF BARTELS, DER LITERARHISTORIKER

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Wer nur ein klein wenig sich selbst zu beobachten vermag, der weiß, was es mit der sogenannten «Unbefangenheit» bei geschichtlichen Betrachtungen auf sich hat. Wir urteilen doch alle von einem persönlich gefärbten Standpunkt aus, zu dem uns Ort und Zeit unserer Geburt und das Leben gebracht haben. Am stärksten tritt das zutage, wenn unsere Betrachtung den geistigen Schöpfungen gilt. Es wäre eitel Selbsttäuschung, wenn man sich nicht eingestehen wollte, daß letzten Endes nicht zwei Menschen über ein Bild oder eine Dichtung gleicher Meinung sein können. Und die ver­schiedenen Meinungen fließen auch in unser geschichtliches Urteil ein. Der wird den geschichtlichen Zusammenhang, in den er Lessing stellt, ganz anders schildern, der in ihm den großen Pfadfinder der neuen Literatur sieht; und ganz anders derjenige, der mit Eugen Dühring in ihm nur eine vom «Judentum» hinaufgeschraubte Scheingröße sieht. Wer diese Selbstbeobachtung hat, wird mit manchem Werk der Geistes-geschichte milder zu Gericht gehen als ein solcher, der an das Märchen von der «Unbefangenheit» glaubt.

Man muß sich das vorhalten, wenn man an ein Buch heran-tritt, das in vieler Hinsicht charakteristisch für unsere gegen­wärtige Art der Literaturgeschichtsschreibung ist, an Adolf Bartels' «Geschichte der deutschen Literatur» (Verlag Eduard Avenarius, Leipzig 1901), von dem bis jetzt der erste Band erschienen ist. Adolf Bartels ist, das soll hier gleich voraus-geschickt werden, ein Mann, der Geist und Geschmack hat. Er hat von beiden sogar so viel, daß ihn sein Maß immerhin berechtigt, von seinem Standpunkt aus die Entwicklung der deutschen Literatur zu betrachten. Wie aber Bartels diesen

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seinen Standpunkt zur Geltung bringt, das wirkt auf jemand, der Selbstbeobachtung und Selbstkritik hat, entschieden ab­stoßend. Ich brauche nur einen einzigen Satz hierher zu setzen, um diese Empfindung zu rechtfertigen. Bei Besprechung Goethes wendet Bartels ein Wort Jacob Burckhardts auf den «Faust» an: «Faust ist ein echter und gerechter Mythus, das heißt ein großes urtümliches Bild, in welchem jeder sein Wesen und sein Schicksal auf seine Weise wieder zu ahnen hat.» Zu diesem Satze des großen Geschichtsschreibers setzt Herr Bartels hinzu: «Jawohl, und besonders, wenn er ein germanischer Mensch ist». So etwas lesen wir in dieser Literaturgeschichte immer wieder und wieder. Adolf Bartels will als «germanischer Mensch» sein Buch schreiben. Was er eigentlich damit sagen will, kommt völlig ans Tageslicht, wenn man ein wenig zwischen den Zeilen zu lesen versteht. Es fällt mir nicht ein, Herrn Bartels gleichzustellen mit den platten Parteimenschen, die den «germanischen Menschen» erfunden haben, um damit ein möglichst wohlklingendes Wort für die Rechtfertigung ihres Antisemitismus zu haben. Ich habe vor Bartels' Wissen und Geschmack zuviel Achtung, um in den Fehler zu verfallen, der in einer solchen Gleich­stellung läge. Aber eines scheint mir gewiß: auf einem ähnlichen Boden wie die unsinnigen Schwätzereien der Anti-semiten sind doch auch Bartels' Auslassungen über den «ger­manischen Menschen» erwachsen.

Sein ganzes Buch gewinnt etwas Unwahres dadurch, daß er uns die Urteile, die doch nur Herr Bartels fällt, als solche aufschwatzen möchte, die vom Standpunkte des «germani­schen Menschen» gefällt seien. Und was viel schlimmer ist, dadurch gewinnt sein Buch etwas Gefährliches. Denn das Unwahre, das darin liegt, daß er sich seine persönliche Mei­nung

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zu der eines «germanisch» Fühlenden umdeutet, wird für jhrl selbst zu einer Gefahr. Er wird kleinlich und - auch von seinem Standpunkt aus - ungerecht. Man braucht kein unbedingter Anhänger Wilhelm Scherers zu sein, man kann die Fehler der Literaturbetrachtung dieses Mannes durchaus erkennen; aber man muß es doch kleinlich finden, wenn Bartels bei Gelegenheit der Besprechung des Christus-Epos «Heliand» schreibt: «Dagegen läßt Scherer an der Dichtung wenig Gutes: sie ist ihm ein bloßes Lehrgedicht . . . . Man merkt doch, daß Scherers Literaturgeschichte ursprünglich für das Publikum der geschrieben war.» Ver­ständlich ist dieser Satz Bartels' doch nur, wenn er so aufgefaßt wird, daß das Publikum der «Neuen Freien Presse» als ein jüdisches gedacht wird. Das also sind zuletzt doch die Blüten des «germanischen» Geistes, daß ein Maun, der durch seinen wissenschaftlichen Ernst und seinen Geist auf eine andere Beurteilung unbedingt Anspruch hat, verdächtigt wird, für ein gewisses Publikum zu schreiben.

Ebenso kleinlich ist es, wenn Moses Mendelssohn mit den Worten charakterisiert wird: «Mit Moses Mendelssohn, seinem , seinen , seinem , beginnt der jüdische Einfluß auf die deutsche Lite­ratur, sein im Grunde nüchterner Deismus wird das Glau­bensbekenntnis weiter Kreise und wird noch von Hettner genannt. Es wird nötig sein, das Kapitel Mendelssohn einmal völlig neu zu schreiben und das Spezifisch-Jüdische in Moses' Wesen und Wirken ins Licht zu stellen - als Mensch dürfte er da, wie ich glaube, nicht allzuviel verlieren». - Man sieht, wie geschraubt Herr Bartels werden muß, damit die edle Menschlichkeit, die auch

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er bei Moses Mendelssohn nicht zu leugnen wagt, doch eine Darstellung möglich mache, bei welcher - der Jude etwas verliert.

Daß Lessings «Nathan» durch Bartels' Standpunkt in ein schiefes Licht gestellt wird, ist wohl selbstverständlich. Er sagt, daß er ein Tendenzgedicht sei mit den «Fehlern des Tendenzgedichtes». Wie wenig da Herr Bartels sich selbst versteht, geht aus den Worten hervor, die er an seine Be­trachtungen des «Nathan» knüpft. «Wir zweifeln keinen Augenblick mehr, daß das Christentum als Religion, nicht bloß als Sittenlehre, dem Judentum und dem Mohammedanis­mus ganz entschieden überlegen ist, und wir würden in einem objektiven Werke - und das sollen alle dramatischen sein -allerdings mit Recht verlangen, daß der Vertreter des Chri­stentums neben denen der beiden anderen Religionen als die geistig höchststehende Persönlichkeit hingestellt würde . . .». Herr Bartels hätte ein christliches Tendenzgedicht also lieber als Lessings «Nathan». Das ist sein persönliches Urteil. Aber er soll das doch gestehen und nicht damit flunkern, daß jedes Dichterwerk «objektiv» sein soll. Das ist denn doch Eng­herzigkeit. Und diese Engherzigkeit, dieser beschränkte Gesichtskreis ist ein Hauptmangel von Bartels' ganzem Buch. Was soll man dazu sagen, wie dieser Literatistiker Schiller zu Leibe geht? Herr Bartels hat manches gegen Schiller zu sagen. Er scheint ihm überschätzt. Wir wollen darüber nicht rechten mit Herrn Bartels. Wenn er einfach sagte, Schiller ist «für Volk und Jugend» bis heute «als Erzieher unent­behrlich und in einem gewissen Stadium der Erziehung nach wie vor der fortreißende große Dichter und Mensch; die Bühne muß einstweilen in Ermangelung eines vollständigen Ersatzes an ihm festhalten, die Entwicklung der Literatur

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aber ist über ihn hinausgelangt . . . », so möchte man zwar viel dagegen einwenden können; aber es ließe sich ernsthaft darüber reden. Der Ernst hört aber auf, und die Komik be­ginnt, wenn Herr Bartels bei Schiller «germanisch» wird: «Er ist der einzige bedeutende Dramatiker seines Stammes, und wenn ich auch an ein Gesetz des Kontrastes glaube, das zum Typus den Gegentypus, also zum lyrischen Gefühlsmenschen den dramatischen Willensmenschen gebieterisch verlangt, so finde ich doch die Dramatik Schillers der schwäbischen Lyrik nicht entsprechend, finde, hier in Übereinstimmung mit zahl­reichen anderen Beurteilern, etwas Undeutsches, ja Ungerma­nisches in ihr. Das hat denn auch die Annahme eines kelti­schen Blutzusatzes in Schiller veranlaßt . . .». Also, weil Schiller den «Germanen» Bartels nicht ganz befriedigt, muß Schiller kein «reiner Germane» sein.

Wer die Dinge nach allen Seiten durchschaut, hat für solche Ausführungen wie die des Herrn Bartels nur ein -Lächeln. Das Gefährliche liegt aber darin, daß viele, die einen - noch engeren Gesichtskreis haben als Bartels, sich «germanisch» angeheimelt fühlen müssen von seiner Eng­herzigkeit. Ich finde in dem Buche allerdings nur antisemi­tische Mücken. Aber wundern könnte ich mich nicht, wenn diese Mücken bei zahlreichen Lesern sich zu ganz ansehn­lichen antisemitischen Elefanten auswüchsen. Und es fehlt mir doch der Glaube, daß eine solche Wirkung Herrn Bar­tels - sehr unangenehm wäre. Sein ganzes Wirken kann mich wenigstens vor diesem Glauben nicht bewahren.

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DIE«POST»ALS ANWALT DES GERMANENTUMS

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Ein Herr, der seinen Namen verschweigt, hat in der «Post» vom 23. September eine Erwiderung geschrieben gegen meinen mit voller Namensnennung veröffentlichten Artikel über Herrn Bartels, den Literarhistoriker. Auch meinen Namen unterschlägt der Herr. Seine Auslassungen sind charakteristisch für die Auffassungen der Angehörigen einer gewissen Presse von ihren journalistischen Pflichten. Ent­weder ist nämlich dieser Herr so ungebildet, daß er einen einfachen Gedankengang nicht verstehen kann, oder er faßt seine journalistische Pflicht dahin auf, daß er einen Artikel, den er bekämpft, nicht erst ordentlich zu lesen braucht. Denn seine Erwiderung ist nichts anderes als eine Kette von Ver­drehungen dessen, was ich gesagt habe. Ich habe behauptet, Herr Bartels urteile lediglich von seinem persönlichen Stand­punkte aus und dekretiere diesen Standpunkt zu einem «ger­manischen». Darin liege etwas Unwahres. Und das werde für Herrn Bartels gefährlich, weil er sich dadurch zu Eng­herzigkeiten und Ungerechtigkeiten hinreißen läßt. Die «Post» behauptet, ich hätte Herrn Bartels wegen seines germani­schen Standpunktes angegriffen. Für jeden vernünftigen Menschen ist klar, daß ich gerade zu beweisen suchte, daß Herr Bartels mit Unrecht seinen Standpunkt einen «germani­schen» nennt. Es wäre nutzlos, sich mit Leuten herumzu­schlagen, die nicht kämpfen gegen das, was man gesagt hat, sondern gegen die Verdrehungen, die sie erst zurechtgezim­mert haben. Der Kritiker der «Post» ist nicht verständig genug, um ihm zu sagen, daß ich - nach meinen Dar-legungen - genau dasselbe vorzubringen hätte, wenn ein anderer Literarhistoriker von seinem persönlichen Standpunkte

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aus urteilte und dann behaupten wollte, er hätte vom «jüdischen» Standpunkte aus geurteilt.

Wie der Artikeischreiber der «Post» liest, das geht aus einer anderen Stelle deutlich hervor. Er sagt, ich hätte Herrn Bartels vorgeworfen, daß er in Schillers Lyrik etwas Un­germanisches finden wollte. An der betreffenden Stelle meines Aufsatzes ist nicht von Schillers Lyrik, sondern von dessen Dramatik die Rede.

Jedem, der Einwendungen gegen das macht, was ich wirk­lich gesagt habe, stehe ich mit dem Beweis zur Verfügung, daß ich nicht, wie die «Post» mich verdächtigt, «den philo­semitischen Heerbann gegen Bartels mobilzumachen und mit Alarmrufen ganz Israel und seine Schildknappen auf die Schanzen zu bringen» bemüht war, sondern daß ich lediglich den «gesunden Menschenverstand» gegen einzelne Bartels­sche Behauptungen zu verteidigen gesucht habe. Einen Kampf zu führen gegen Verdrehungen der Worte des Angegriffenen überlasse ich der «Post» und dem Verteidiger des - Ger­manentums. Ich empfinde zwar Herrn Bartels' Standpunkt nicht als «deutsch» oder «germanisch»; aber ich empfinde ge­wissenloses Lesen entschieden als «undeutsch». Es «deutsch» zu empfinden, vermögen nur die - Antisemiten.

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EIN HEINE-HASSER

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Es wird oft gesagt: Große Männer haben die Schwächen ihrer Tugenden. Nicht weniger richtig ist aber auch, daß die Nach­beter großer Männer die Schwächen von deren Untugenden in hervorragendem Maße erben. Der erste Satz ist anwendbar

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auf den großen Ästhetiker und Literarhistoriker Fried­rich Theodor Vischer, der lange Zeit eine Zierde der Stutt­garter Technischen Hochschule war; die andere Wahrheit kommt einem in den Sinn, wenn man sich seinen Nachfolger auf der Lehrkanzel betrachtet, den Herrn Carl Weitbrecht. Vischers weitem Blick in künstlerischen Dingen war ein ge­wisser Zug von Spießbürgerlichkeit beigemischt; dem feinen Humoristen, der uns den herzerquickenden Roman «Auch Einer» geschenkt hat, verdirbt fortwährend ein «innerer Philister» das Konzept. Und so erfreulich es ist, daß Vischer dem Goethe-Götzendienst der Urteilslosen mit seinem dritten Teil des «Faust» gehörig auf die Finger geklopft hat: recht unbehaglich wirkt bei all dieser Freude, daß der ehrliche Schwabe bei seiner «Abfertigung» doch gar zu biedermän­nisch zu Werke geht. Doch das sind eben Fehler großer Tugenden. Carl Weitbrecht fehlen diese Tugenden; das hat er in seinen vielen Schriften hinlänglich gezeigt. Kein Zweifel ist, daß er von Vischer manches gelernt hat. Und deshalb hat sein Buch «Diesseits von Weimar» viel Gutes. Er hat auf manche Vorzüge der Goetheschen Natur hingewiesen, die dem großen Geist in dem späteren Leben teilweise verloren­gegangen sind. Ganz abstoßend wirkt aber die Kehrseite der Vischerschen Vorzüge in den zwei Bändchen, die Carl Weitbrecht als «Deutsche Literaturgeschichte des neunzehn­ten Jahrhunderts» vor kurzem in der «Sammlung Göschen» (Nr. 134 und 135 dieser Sammlung, G. J. Göschensche Ver­lagshandlung, Leipzig 1901) hat erscheinen lassen.

Man braucht nicht sehr argwöhnisch zu sein, um beim Lesen dieser zwei Bändchen zu dem Glauben zu kommen, das erste sei geschrieben, um dem «deutschen Juden» Heine alles erdenkliche Schlimme anzuhängen; das zweite, um einem

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verbissenen Groll gegen alles sogenannte «Moderne» Luft zu machen. Unter den mancherlei Urteilen, die da auftauchen, erscheint immer wieder, in den verschiedensten Umschrei­bungen, dies: ein Dichter, ein Schriftsteller ist um so braver, je weniger er es macht wie der böse Heine. Nur ein paar Proben seien hierhergestellt. «Als Goethe starb, war Heine der Mann der Zeit - das kennzeichnet die Lage: der Alte in Weimar ist verstummt, und ein deutscher Jude in Paris gibt den Ton an.» Nur im Vorübergehen sei auf eine kleine Gedankenlosigkeit des Herrn Weitbrecht aufmerksam ge­macht. Nach seinen Äußerungen auf Seite 8 hatte eigentlich der «Alte von Weimar» schon im Anfange des neunzehnten Jahrhunderts nichts mehr zu sagen. «Das Leben, das er» (Goethe) «im ersten Drittel des Jahrhunderts lebte und literarisch zum Ausdruck brachte, hatte nur wenig mehr gemein mit dem, was die Nation in dieser Zeit lebte und kämpfte; so wie er sein persönliches Leben aus dem ver­gangenen Jahrhundert herübergebracht hatte, so lebte er es im neuen Jahrhundert zu Ende . . . eine einsame Größe, ihrer Unsterblichkeit sicher, aber der Gegenwart mehr und mehr entfremdet.» Was verschlägt es Carl Weuhrecht, daß er Goethe bereits am Ende des achtzehnten Jahrhunderts geistig tot sein läßt: um einen «eleganten» Eingang für eine Ab-schlachtung Heines zu haben, darf man schon den Genius Goethes zweimal köpfen.

Was hat doch der. arme Heine, nach Weitbrechts Meinung, alles auf dem Gewissen! «Von Heine wie kaum von einem anderen haben die Deutschen auf Generationen hinaus ge­lernt, die eigene Nation zu verachten und schlecht von ihr zu reden, weil ihre Regierungen sträfliche Dumniheiten machten, weil die Freiheit, die die französische Revolution

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meinte, nicht so schnell in Deutschland einzuführen war; von ihm haben sie gelernt, das Kritteln und Witzeln über die deutschen Dinge für ein höheres Zeichen von Geistesbildung und Geistesfreiheit zu halten als die geduldige selbstverleug­nende Arbeit an diesen Dingen; von ihm haben sie den eitlen Ton gelernt, der die Schmerzen und Unzufriedenheiten des Einzelnen gleich als Menschheitsschinerzen ausposaunt und vergißt, daß zwischen dem Einzelnen und der Menschheit die Nation steht». Herr Carl Weitbrecht mag über Heinrich Heine denken, wie er es, nach seiner Begabung, vermag. Leute, die Heine verstehen, können sich über die Privat­meinung Weitbrechts wohl kaum aufregen. Worüber man aber mit Herren wie Carl Weitbrecht ein ernstes Wort reden muß, das ist die, gelinde gesagt, verletzende Anmaßung, mit der er «die Deutschen» zu Trotteln stempelt. Denn nur Trottel könnten sich in dem Sinne «gelehrig» erweisen, wie das in dem obigen Satz Weitbrechts geschildert wird. Hat denn die Schwabenseele Carl Weitbrechts nirgends so etwas, was ihr die Scham kommen ließe über solche Charakteristik ihrer Nation?

Oftmals wird von Weitbrecht Heine herangezogen, um zu sagen, wie andere - anders waren. «Was bei Heine geist-reich selbstgefälliges Spiel war, war bei Lenau ernstes, un­heilbares Leiden». Lernen Sie, Herr Weitbrecht, die Geister aus sich heraus charakterisieren, denn was Lenau war, hat mit dem, was Heine war, gar nichts zu tun. Es geht aber in diesem Tone weiter. Zwar muß Herr Weitbrecht Menzels niederträchtige Denunziation, die zu Gutzkows Bestrafung das ihrige beitrug, selbst als solche anerkennen; aber er kann an dieser Anerkennung nicht vorbeikommen ohne den ge­schmacklosen Satz: «Heine fühlte sich sehr geschmeichelt,

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sich feierlichst an die Spitze der ganzen Bewegung gesetzt zu sehen . . . und prägte den giftigen unehrlichen Titel des für Wolfgang Menzel, dessen unnötig ze­ternde Kritik über Gutzkows nichtigen Roman aller­dings dem Bundestag den äußeren Anlaß zu seiner Torheit gegeben hatte.»

Sogar Freiligraths männliche Art, die Leiden der Verban­nung zu tragen, inspiriert Herrn Weitbrecht zu einem Aus­fall auf den «deutschen Juden»: «Weichlich gefiennt oder mit dem Exil kokettiert hat er» (Freiligrath) «darum nicht.» Recht drollig ist die Vorstellung, die sich Weitbrecht davon macht, wie Heine die Geister am Gängelbande führte. «Heine war's, der Platen und Immermann verfeindet hatte.» Also wäre der gute Platen dem «Juden in Paris» nicht auf den Leim gegangen: er hätte den «Nimmermann» nicht als den «eitlen Geck» in seinem «Romantischen Oedipus» dar­gestellt. Gustav Schwab und Paul Pfizer waren, im Sinne Weitbrechts, zu ganz anderem berufen, als was sie geleistet haben, aber sie «waren den unehrlichen Fechterstreichen Heines nicht gewachsen». Bei der Besprechung Emanuel Geibels leistet sich unser Literarhistoriker den schönen Satz:

«Wo er in seinen früheren Gedichten die Knappheit des einfachen lyrischen Stimmungsgebildes oder des ganz ge­drungenen Liedes zu erreichen oder zu erstreben schien, da war er meist abhängig von Vorbildern, unter denen sich so-gar Heine befand; je mehr er aber sich selbst gab, desto mehr Aufwand brauchte er.» 0 Jammer über Jammer: armer Geibel, man muß dir nachsagen, daß du einmal leidlich ge­dichtet hast; aber es ist nichts damit, denn zu solchem Können hat dich ja - Heinrich Heine verführt.

Ich denke, nach diesen Proben können wir von Herrn

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Weitbrecht Abschied nehmen. Über den weiteren Verlauf seiner Ausführungen die rechten Worte schreiben, hieße -grausam werden.

Schade ist nur, daß eine «Sammlung» wie die Göschensche, die so viel Gutes enthält, die zwei Bändchen Weitbrecht­schen Gezeters sich einverleibt hat.

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DER WISSENSCHAFTSBEWEIS DER ANTISEMITEN*

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Wir verstehen es, wenn die Antisemiten versuchen, ihr Pro­gramm auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen. Sahen wir doch in diesen Tagen die Sozialdemokratie am Werke, ihre von Bernstein wissenschaftlich gefährdete Parteidoktrin vor der Unterhöhlung zu retten. Das ist sicher ein lobens­wertes Streben, wenn nicht Päpstlichkeit dabei im Schwange ist, wie in Lübeck, oder aber der Beweis sich auf Trug­schlüssen und geschickt versteckter Wahrheit aufbaut, wie in der «Staatsbürger-Zeitung» (22.9.), wo Professor Paulsen zum Kronzeugen des Antisemitismus angerufen wird.

Der besagte Artikel stützt sich auf Paulsens «System der Ethik», ein vielgelesenes und älteres Werk, das schon 1896 in 4. Auflage vorlag. Wer je mit objektivem Verständnis Paulsensche Werke, sei es das angezogene «System der Ethik», die «Geschichte des gelehrten Unterrichts», seine

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* Wir geben diesem von uns befreundeter Steite zugegangenen Artikel gern Raum, ohne uns mit der darin vertretenen Auffassung über die Stellung des Prof. Paulsen zum Antisemitismus zu identi­fizieren, und behalten uns vor, auf die Frage zurückzukommen.

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Die Redaktion

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«Philosophia militans» oder gar seine «Einleitung in die Philosophie» studiert hat, der kann Paulsen unmöglich eine Tendenz wie die ihm von antisemitischer Seite unterschobene zutrauen. Davor bewahrt den genannten Gelehrten der feine historische Sinn, der alle seine Arbeiten durchzieht. Alles, was Paulsen in seinem «System der Ethik» über Nationalität und Religion der Juden sagt, ist diesem geschichtlichen Ver­ständnis erwachsen, und so darf er wohl mit Recht sagen:

«Das Bewußtsein, das auserwählte Volk Gottes zu sein, durchdringt Religion und Nationalität». Selbstverständlich ist das eine geschichtliche Rekonstruktion des Judentums aus seiner grauen Vergangenheit. Wenn der Artikelschreiber der «Staatsbürger-Zeitung» objektiv sehen gelernt hätte, dann müßte ihm das schon der Begriff der jüdischen «Nationalität» angedeutet haben. Doch hätte ein solches Eingeständnis die ganze Tendenz des antisemitischen Artikels niedergerissen. In demselben Augenblick, wo die Juden die «Bodenständig­keit» ihrer alten Heimat verloren, war ihr starrer Nationalis­mus bis ins Herz getroffen, und getreu allen menschlichen Entwicklungs- und Anpassungsgesetzen hat der Prozeß neuer «Bodenständigkeit» bei ihnen eingesetzt.

Daß wir es hier nur mit einem geschichtlich möglichen und sogar notwendigen Ereignis zu tun haben, sollte unseren Antisemiten die Historie beweisen. Die Slawen des östlichen Deutschlands sind dort «bodenständig» geworden, wo einst Germanen saßen, und mitten in slawischen Ländern erhalten sich germanische Sprachinseln (die Sachsen Siebenbürgens) . All die Wanderungen der Vorzeit sind ein Zerreißen des alten Heimatbandes und ein neuer Kontrakt mit der Natur. Ein Teil der Geschichte ist, möchte man sagen, wechselnde Bodenständigkeit, manchmal mißlungen, in vielen Fällen auch

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geglückt. Die Mischung, wie sie uns zwischen Slawen und Germanen vorliegt, wird ungefähr dem ethnologischen Zu­stand entsprechen, in dem sich das Judentum inmitten euro­päischer oder anderer Kulturstaaten befindet. Wäre der Pro­zeß der Assimilierung nicht künstlich aufgehalten worden, so dürfte jedenfalls der Jude unter uns nicht an einer grö­ßeren Exklusivität leiden als etwa die Slawen in germanischen Ländern. Dem Verfasser des genannten antisemitischen Ar­tikels ist hoffentlich die deutsche Jugendgesetzgebung bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts soviel bekannt, um uns recht zu geben. Selbst das Jahrhundert der «Aufklärung» und «Humanität» hat diesbezügliche Paragraphen ersonnen, die an Zustände der Sklaverei erinnern. Darüber gibt jedes Polizeirecht des achtzehnten Jahrhunderts Auskunft. Sicher haben diese Dinge den Juden eine gewisse «Beweglichkeit und Internationalität» gegeben, von der Paulsen redet. Sind denn aber diese Eigenschaften so durchaus undeutsch, «un­teutsch» würden unsere Antisemiten sagen? Haben nicht Hunderttausende von Deutschen die heimische Erde ver­lassen, um an der anderen Seite des Ozeans das Glück zu versuchen? Und gerade unter diesen Ausgewanderten sind beträchtliche Prozente Oberdeutscher, also unverfälschter Germanen. Wenn diese Hunderttausende ein nationales Glaubensbekenntnis ablegen sollten, so wurde oder müßte es, nach ihren Taten zu urteilen, lauten: «Ubi bene, ibi patria», «Wo es mir wohl geht, da ist mein Vaterland». Und stimmen gerade nicht «nationale» Blätter, zu denen sich die «Staatsbürger-Zeitung» gewiß doch auch zählt, das Klagelied an, daß viele von den im Auslande lebenden Deutschen so bald ihr Deutschtum verleugnen? Ja, dieses nationale Unter­tauchen soll sogar zu den Kennzeichen des deutschen

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«Michels» gehören. Also hüben und drüben «Beweglichkeit und Internationalität», nicht nur als Spezifikum des Juden­tums.

Das Verlrnüpftfühlen «auf Leben und Tod» mit dem Volke, dem man angehört, beruht nicht auf der Rasse, son­dern auf der moralischen Tüchtigkeit des Einzelnen. Die «Staatsbürger-Zeitung» tut so, als ob das «Stehen und Fallen» mit dem eigenen Volke stets unter Deutschen zu finden gewesen wäre, anders hätte doch der Gegensatz zum Judentum keinen Sinn. Dem scheinbar historisch ungeschul­ten Schreiber der «Staatsbürger-Zeitung» ist wohl unbekannt, daß sieben preußische Minister mit klangvollen Adelsnamen Napoleon ihre Dienste anboten, daß i 8o8 nicht weniger als sieben höhere Offiziere wegen Feigheit vor dem Feind von den Kriegsgerichten zum Tode verurteilt wurden. Namen wie von Lindener, von Ingersleben, von Poser, von Hacke, von Romberg dürften keine jüdischen sein. Dem Verfasser ist auch wohl unbekannt, daß sich nach dem Rüdizuge von Jena und Auerstädt wieder befreite Preußen, die mindestens zur Hälfte doch «bodenständig» waren, weigerten, das Gewehr zu nehmen. Um Napoleon 1. scharwenzelten deutsche Für­sten, und seinen Fürstentag verherrlichten dieselben. In den «Vertrauten Briefen», den «Feuerbränden», der «Gallerie preußischer Charaktere» aus den Tagen nach 1806/07 war neben mancher Schmähung viel wahrer Kern. Betrafen die Anklagen etwa Juden? Steins zornigster Brief galt einem deutschen Reichsfürsten, dem von Nassau-Usingen. Zu der Tiefe des Steinschen Bekenntnisses: «Ich habe nur ein Vater-land, das ist Deutschland», kann sich nur ein moralischer Pfichtbegriff durchringen, wie ihn Stein kannte. Die sitt­liche Verantwortlichkeit in erster Linie entscheidet über das

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Mitgehen «auf Leben und Tod». Und dies Moment fehlte auch den Rassedeutschen, als Napoleon das Vaterland nieder­trat. Da half keine «Bodenständigkeit».

Nun meint die «Staatsbürger-Zeitung», der Jude könne diesen Pakt auf Leben und Tod niemals eingehen «ohne die Aufgebung des altnationalen Religions-Zeremoniells». Das Zeremoniell scheint also dem Schreiber des Artikels wesentlich zu sein. Was sagt er zu den Sekten, die sich ab­seits von Landeskirchen bilden? Was schließlich zu der evan­gelischen Landeskirche, die sich nicht zuletzt durch ihr Zere­moniell vom Mutterschoß der römisch-katholischen Kirche loslöste. Das Zeremoniell kann also wirklich nicht ausschlag­gebend sein: nein, es ist die Religion an sich.

Paulsen soll nun einmal der wissenschaftliche Ehrenretter der Antisemiten sein. Da ist es jedenfalls auch für sie nicht ohne Belang, wenn der verdienstvolle Gelehrte in seiner «Einleitung in die Philosophie», 4. Auflage, S.294, von der jüdischen Religion sagt, daß «die besondere Begabung des israelitischen Volkes in dem Ernst und der Tiefe» liege, wo­mit es die moralischen und religiösen Dinge erfaßt. «Ernst und Tiefe» lassen einen Stein, Blücher, Fichte, Scharuhorst u. a. handeln, als es auf Leben und Tod geht. Mangelnder «Ernst» erzeugte die elende Verräterei jener Tage trotz des rassereinen Deutschtums und der Angehörigkeit zum Staate, den noch vor kurzem ein Friedrich der Große glorreich regiert hatte. Was das Judentum an «Ernst und Tiefe» hat, ist wirklich nicht so spezifisch jüdisch eingeengt, wie uns die Antisemiten gern glauben machen wollen.

Die jüdische Religion hat all die Momente, die assimila­tionsfähig machen, die speziell dem Christentum die Iland reichen: das sind die Momente der Denaturierung und Denationalisierung.

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Paulsen, der klassische Beweis der «Staats-bürger-Zeitung», sagt dazu auf S. 295 seiner «Einleitung in die Philosophie»: «Als Momente in dieser Entwicklung» (der Gottes- und Weltvorstellung der Juden) «treten hervor zuerst die Zentralisierung des Kults durch das Königtum und Priestertum, sodann die Moralisierung, Denaturierung und endlich Denationalisierung des Gottesbegriffs durch das Pro­phetentum.» Die «Staatsbürger-Zeitung» weiß aber, für welche Kreise sie schreibt, sonst könnte sie nicht ein so unwissenschaftliches Gaukelspiel treiben wie in ihrem Leit­artikel in der Nummer vom 22. September. Ihr macht es eben nichts, daß sich Paulsen selber gegen den Vorwurf des Antisemitismus verwahrt. Sie sieht auch nicht, daß der Ethi­ker Paulsen allgemein das Entartete geißelt, selbstverständ­lich auch im Judentum. Wissenschaft hin! Wissenschaft her! heißt es bei dem Artikelschreiber der «Staatsbürger-Zeitung».

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VERSCHÄMTER ANTISEMITISMUS

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Der Antisemitismus verfügt nicht gerade über ein großes Besitztum an Gedanken, nicht einmal über ein solches an geistreichen Phrasen und Schlagwörtern. Man muß immer wieder dieselben abgestandenen Plattheiten hören, wenn die Bekenner dieser «Lebensauffassung» den dumpfen Empfin­dungen ihrer Brust Ausdruck geben. Man erlebt da eigen­tümliche Erscheinungen. Man mag über Eugen Dühring denken, wie man will; über eines müssen diejenigen, die ihn kennen, sich klar sein: er ist ein in vielen wissenschaftlichen

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Gebieten gründlich bewanderter, in mathematischen, physikalischen Fragen höchst anregender, in vieler Beziehung origineller Denker. Sobald er auf Dinge zu sprechen kommt, in denen sein Antisemitismus ins Spiel kommt, wird er in dem, was er sagt, platt wie ein kleiner antisemitischer Agi­tator. Er unterscheidet sich von einem solchen nur noch durch die Art, wie er seine Plattheiten vorbringt, durch das Glänzende seines Stiles.

Solche Paradeschriftsteller zu haben, ist für die Anti­semiten von besonderem Wert. Man wird kaum bei irgend-einer Parteirichtung mehr als bei dieser ein fortwährendes Berufen auf Autoritäten finden. Der und jener hat nun auch das oder jenes abfällige Wort über die Juden gesagt; das ist etwas stets Wiederkehrendes in den Veröffentlichungen der Antisemiten.

So kam es denn diesen Leuten besonders gelegen, als sie in dem Buche eines deutschen Universitätslehrers, noch dazu eines solchen, der in den weitesten Kreisen ein gewisses Ansehen genießt, in dem «System der Ethik mit einem Um­riß der Staats- und Gesellschaftslehre» des Berliner Pro­fessors Friedrich Paulsen, wieder einige der alten Glanz-phrasen des Antisemitismus aufspüren konnten. - In der Tat: man begegnet in dem ersten Kapitel des vierten Buches der genannten Ethik Sätzen, welche - vielleicht etwas weni­ger elegant - ein antisemitischer Agitator unter Bierphilistern eines kleinen Städtchens auch gesagt haben oder der Winkel-redakteur eines antisemitischen Blättchens - allerdings auch weniger elegant - geschrieben haben könnte. Und sie sind zu lesen in einer philosophischen Sittenlehre, geschrieben von einem deutschen Professor der Philosophie und Pädagogik, der gut besuchte Vorlesungen hält, der Bücher schreibt, die

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zumeist Anerkennung finden, ja der sogar vielen als einer der besten Philosophen unserer Zeit gilt. Er schreibt, was man so oft gehört hat:

«Verschieden durch Abstammung, Religion und geschicht­liche Vergangenheit, bildeten sie» (die Juden) «Jahrhunderte hindurch eine fremde Schutzbürgerschaft in den europäischen Staaten. Die Aufnahme in das Staatsbürgerrecht erfolgte augenscheinlich auf Grund der Gleichheit nicht nur der Sprache und der Bildung, sondern vor allem ihrer politischen Bestrebungen mit denen der Bevölkerungsgruppe, die seit 1848 entscheidenden Einfluß auf das Staatsleben gewann. Mit der Veränderung der politischen Konstellation seit 1866 ist die Anschauung von der Stellung der Juden zu den Nationalstaaten in weiten Kreisen der Bevölkerung eine andere geworden. Wenn ich mich nicht täusche, hängt die den Juden abgeneigte Stimmung nicht zum wenigsten von der instinktiven Empfindung ab, daß der Jude seine Zukunft, die Zukunft seiner Familie nicht ebenso ausschließlich mit der Zukunft des Staates oder Volkes, unter dem er lebt, verknüpft sieht, als es die anderen Staatsbürger tun: würde Ungarn heute russisch, so würde sich der bisher ungarische Jude bald darin finden, nun ein russischer Jude zu sein, oder er wurde die ungarische Erde von den Füßen schütteln und nach Wien oder Berlin oder Paris ziehen, und bis auf weiteres ein österreichischer, deutscher oder französischer Jude sein.»

Wenn ich Paulsens «System der Ethik» zufällig an der Stelle aufschlage, wo diese Ausführungen stehen, ohne den ganzen Zusammenhang zu kennen, in dem sie sich finden, dann würde ich zunächst erstaunt darüber sein, daß ein Philosoph der Gegenwart Dinge dieser Art in einem ernsten Buche zu schreiben wagt. Denn zunächst fällt an diesen

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Sätzen etwas auf, was auf alles andere eher schließen ließe, als daß sie von einem Philosophen herrühren, dessen erstes und notwendigstes Werkzeug eine widerspruchslose Logik sein soll. Logisch sein heißt aber vor allen Dingen, die Widersprüche in dem wirklichen Leben näher zu unter­suchen, sie auf ihre wirklichen Gründe zurückzuführen. Man kann fragen: darf ein Philosoph das tun, was Professor Paulsen macht: den Wandel in zwei aufeinanderfolgenden Zeitstimmungen, die sich gründlich widersprechen, einfach registrieren, ohne die Ursachen dieses Wandels aufzudecken oder wenigstens den Versuch einer solchen Aufdeckung zu machen? Die im Jahre 1848 an die Oberfläche der geschicht­lichen Entwicklung tretenden freiheitlichen Anschauungen brachten die Überzeugung, daß eine Gleichheit der Juden «der Sprache und der Bildung», ja auch der «politischen Bestrebungen» mit den abendländischen Völkern vorhanden sei. Eine spätere Zeit erzeugte in vielen Kreisen eine «den Juden abgeneigte Stimmung». Diesen Wandel zu verstehen, macht sich Paulsen leicht. Er führt ihn auf eine «instinktive Empfindung» zurück, die er dann näher beschreibt.

Wir werden in einer Fortsetzung dieses Aufsatzes sehen, was es mit dieser «instinktiven Empfindung» wirklich auf sich hat. Für diesmal sei nur auf das Unstatthafte hinge­wiesen, in einer philosophischen Darstellung der «Sitten­lehre» sich auf «instinktive Empfindungen» zu berufen, deren Grundlage und Berechtigung man nicht untersucht. Es ist doch gerade das Geschäft des Philosophen, das auf Illare Vorstellungen zu bringen, was bei anderen Leuten als un­klare Vorstellung sich einnistet. Dazu aber nimmt Paulsen nicht einmal einen Anlauf. Er macht die «instinktiven Emp­findungen», die er wahrzunehmen glaubte, einfach zu den

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seinigen und sagt dann, der vagen, unphilosophischen Vorder­sätze durchaus würdig: «Erst wenn die Juden völlig seßhaft werden . . . wird das Gefühl der Ahnormität ihres Staats-bürgertums völlig verschwinden. Ob dies geschehen kann ohne die Aufgebung der altnationalen Religionsübung, ist allerdings wohl fraglich». Mir ist, nachdem ich diesen Satz gelesen habe, nur eines fraglich: ob es nicht unerhört ist, an solcher Stelle, in einem Buche, das auf so viele in einer wichtigen Sache berechnet ist, so Gegenstandsloses zu sagen? Denn man frage sich, was denn Professor Paulsen eigentlich behauptet hat. Er hat nichts gesagt, als daß er glaube, «in­stinktive Empfindungen» wahrzunehmen, und daß er über das, was werden soll, sich keine Meinung bilden könne. Wer das für philosophisch halten will, der mag es tun. Ich halte es für philosophischer, über Dinge zu schweigen, in denen ich so offen bekennen muß, daß ich keine Meinung habe.

Das, wie gesagt, müßte zunächst derjenige sagen, der in Paulsens Buch nur die eine Stelle läse. Und der hätte zu-nächst auch recht. Wir wollen in einem zweiten Teil dieses Artikels zeigen, wie sich die Paulsensche Ausführung im Lichte seines übrigen Denkens, und dann, wie sie sich im Lichte des deutschen Geisteslebens der letzten Jahrzehnte ausnimmt. Ich hoffe, daß man in einer solchen Betrachtung ein nicht uninteressantes Kapitel zur «Psychologie des Anti­semitismus» finden werde.

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II

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Diejenigen dumpfen Empfindungen, aus denen neben aller­lei anderem auch der Antisemitismus entspringt, haben das Eigentümliche, daß sie alle Geradheit und Einfachheit des Urteils untergraben. An keiner sozialen Erscheinung hat man das in neuerer Zeit vielleicht besser beobachten können als am Antisemitismus selbst. Ich war dazu in meinen Wiener Studienjahren vor etwa zwanzig Jahren in der Lage. Es war die Zeit, in welcher der bis dahin in der Hauptsache radikal-demokratische niederösterreichische Gutsbesitzer Georg von Schönerer zum «nationalen» Antisemiten wurde. Bei Schö­nerer selbst diesen Umschwung zu erklären, wird nicht so ganz leicht sein. Wer diesen Mann in seinem öffentlichen Wirken zu beobachten Gelegenheit hatte, weiß> daß er eine ganz unberechenbare Natur ist, bei der die persönliche Laune mehr als der politische Gedanke bedeutet, die ganz von einer ins Unbegrenzte gehenden Eitelkeit beherrscht wird. Nicht die eigenen Wandlungen dieses Mannes, sondern vielmehr die Wandlungen derer, die seine Anhänger wurden, sind in der Entwicklungsgeschichte des neuen Antisemitismus eine bedeutungsvolle Tatsache. Vor Schönerers Auftreten war es in Wien leicht, sich mit den jungen Leuten, die unter dem Einflusse der liberalen Gesinnungen herangewachsen waren, zu unterhalten. Es lebte in diesem Teile der Jugend echter, von der Vernunft getragener Freiheitssinn. Antisemitische Instinkte gab es auch damals. Auch im vornehmeren Teil des deutschen Bürgertums fehlten diese Instinkte nicht. Aber man war überall auf dem Wege, solche Instinkte als un-berechtigt anzusehen und zu überwinden. Man war sich klar darüber, daß solche Dinge Überbleibsel aus einer weniger vorgeschrittenen

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Zeit seien, denen man nicht nachgeben dürfe . Jedenfalls war man sich klar darüber, daß alles, was man mit dem Anspruch auf öffentliche Geltung sagte, nicht auf solchem Gesinnungshoden erwachsen sein dürfe wie der Anti­semitismus, dessen sich damals ein wahrhaft auf Bildung Anspruchmachendet wirklich geschämt hätte.

Auf die studentische Jugend und im übrigen zunächst auf geistig nicht sehr hochstehende Bevölkerungsklassen wirkte Schönerer. Die Leute, die von freieren Lebensauffassungen zu seiner unklaren Weise übergingen, fingen plötzlich an, in einer ganz anderen Tonart zu reden. Leute, die man vorher von «wahrer Menschenwürde», «Humanität» und den «frei­heitlichen Errungenschaften des Zeitalters» hatte deklamieren hören, fingen nun an, rüchhaltlos von Empfindungen, von Antipathien zu reden, die zu ihren früheren Deklamationen sich wie Schwarz zu Weiß verhielten und zu denen sie sich kurz vorher, ohne von Schamröte überströmt zu werden, nicht bekannt haben würden. Es war der Punkt im Geistes­leben solcher Menschen erreicht, den ich am liebsten damit charakterisieren möchte, daß ich sage: die strenge Logik ist aus der Reihe der Mächte gestrichen, die den Menschen im Innern beherrschen. Man kann sich davon jeden Augenblick überzeugen. Keiner der eben ins antisemitische Lager Über-gegangenen wagte es, gegen seine ehemaligen liberalen Grundsätze im Ernste etwas vorzubringen. Jeder behauptete vielmehr: im Wesen bekenne er sich nachher wie vorher zu diesen Grundsätzen, was aber die Anwendung dieser Grundsätze auf die Juden betreffe, ja . . . Und nun folgte eben irgendeine Phrase, die jedem gesunden Denken ins Gesicht schlug. Durch den Antisemitismus ist die Logik ent­thront worden.

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Für jemand, der, wie ich, immer sehr empfindlich gegen Sünden wider die Logik war, wurde jetzt der Verkehr mit solchen Leuten besonders peinlich. Damit nicht der eine oder der andere glaubt, über diesen Satz schlechte Witze machen zu können, bemerke ich, daß ich meine Nervosität gegenüber der Unlogik ohne alle Unbescheidenheit gestehen darf. Denn «logisches Denken» halte ich für allgemeine Menschenpfficht und die besondere Nervosität in solchen Dingen für eine Anlage, für die man so wenig kann wie für seine Muskel­kraft. Ich selbst aber war durch diese meine Nervosität ge­eignet, den Entwicklungsgang des Antisemitismus an einem besonderen Beispiele - ich möchte sagen - intim zu studieren. Ich sah jeden Tag unzählige Beispiele von Korrumpierung des logischen Denkens durch dumpfe Gefühle.

Ich weiß, daß ich hier nur von einem Beispiele rede. Die Dinge haben sich vielfach anderswo anders vollzogen. Aber ich glaube, daß man eine Sache doch wahrhaft nur verstehen kann, wenn man sie irgendwo intim kennengelernt hat. Und für die Beurteilung des «Falles Paulsen» bin ich vielleicht gerade durch diese meine «Studien» ganz besonders vor­bereitet. Allen schuldigen Respekt vor dem Herrn Professor. Aber ein bedenklicher logischer Konflikt liegt bei ihm vor. Nicht so kraß wie bei meinen vom Liberalismus zum Schö­nererianismus sich bekehrenden Altersgenossen. Das ist wohl selbstverständlich. Aber ich denke: der gelindere Fall Paulsen wird durch den krasseren Fall eben in die rechte Perspektive gerückt.

Im zweiten Buch seines «Systems der Ethik», in dem Auf­satz über die Begriffe von «Gut und Böse», schreibt Paulsen:

«Das Verhalten eines Menschen ist moralisch gut, sofetn es objektiv im Sinne der Förderung der Gesamtwohlfahrt zu

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wirken tendiert, subjektiv, sofern es mit dem Bewußtsein der Pflichtmäßigkeit oder der sittlichen Notwendigkeit be­gleitet ist.» Kurz vorher schreibt Paulsen über den Satz «Der Zweck heiligt die Mittel»: «Versteht man den Satz so: nicht ein beliebiger erlaubter Zweck, sondern der Zweck heiligt die Mittel; es gibt aber nur einen Zweck, von dem alle Wert­bestimmung ausgeht, nämlich das höchste Gut, die Wohlfahrt oder &e vollkommenste Lebensgestaltung der Menschheit».

Kann es von diesen beiden Sätzen aus eine Brücke geben zu den Anschauungen, welche die Abneigung gegen die Juden zeitigt? Müßte man nicht im wahrhaft logischen Fortschritt des Denkens die Läuterung einer solchen Abneigung durch die Vernunft energisch fordern? Was tut statt dessen Paul­sen? Er sagt: «Mit der Veränderung der politischen Konstel­lation seit i866 ist die Anschauung von der Stellung der Juden zu den Nationalstaaten in weiteren Kreisen der Bevöl­kerung eine andere geworden.» Mußte er nun diese Wand­lung nicht als einen Abfall von seinem moralischen Ideal, von der Hingabe an den einen Zweck halten, der wirklich die Mittel heiligt? Der Liberalismus hat mit dem Glauben an die «vollkommenste Lebensgestaltung der Menschheit» als sitt­liches Ideal Ernst gemacht. Dieser Ernst läßt aber eine Ver­änderung, wie die seit i866 eingetretene, nicht zu. Er macht es unmöglich, die Menschheit in einer Weise willkürlich zu begrenzen.

Wer liegt es, wo Paulsen, um nicht bitter gegen den Antise­mitismus werden zu müssen, lau gegen die Logik wird.

Ein weiteres Eingehen auf diesen logischen Riß verspare ich dem Schluß dieses Artikels.

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III

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Daß ein Urteil wie das des Professors Paulsen über die Juden innerhalb eines Werkes möglich ist, das den Anspruch macht, auf der Höhe der philosophischen Zeitbildung zu stehen, dafür muß es tiefere Gründe in der geistigen Kultur der Gegenwart gehen. Wer den Gang der geistigen Entwicklung im neunzehnten Jahrhundert verfolgt, wird auch, bei einiger Unbefangenheit, leicht zu diesen Gründen geführt werden. Es gab in dieser Entwicklung immer zwei Strömungen. Die eine war in gerader Linie die Nachfolge der «Aufklärung» des achtzehnten Jahrhunderts; die andere war eine Art Gegen-strömung gegen die Ergebnisse der Aufklärung. Das ewige Verdienst der letzteren wird es sein, dem Menschen als höchstes Ideal das «reine, harmonische Menschentum» selbst vorgehalten zu haben. Eine sittliche Forderung von unver­gleichlicher Höhe liegt darin, zu sagen: man sehe ab von allen zufälligen Zusammenhängen, in die der Mensch gestellt ist, und suche in allem, in Familie, Gesellschaft, Volk usw., den «reinen Menschen» zur Geltung zu bringen. Wer solches aus­spricht, weiß natürlich ebensogut wie die weisen Philister, daß Ideale im unmittelbaren Leben nicht ausgeführt werden können. Ist es denn aber unsinnig, in der Geometrie vom Kreis zu sprechen, weil man ja doch mit dem Bleistift nur einen ganz unvollkommenen Kreis aufs Papier bringen kann? Nein, es ist gar nicht unsinnig. Es ist vielmehr höchst töricht, solch Selbstverständliches zu betonen. Ebenso töricht ist es, in der Ethik davon zu sprechen, was wegen der Unvoll­kommenheit alles Wirklichen nicht sein kann. Das wahrhaft Wertvolle ist hier doch nur, die Ziele anzugeben, denen man sich nähern will. Das hat die Aufklärung getan.

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Dieser Anschauung trat die andere gegenüber, die ihre Wurzeln in der Betrachtung der geschichtlichen Entwicklung suchte. Man berührt, wenn man davon spricht, große Fehler in der Bildung des neunzehnten Jahrhunderts, die mit großen Tugenden zusammenhängen. Man braucht nur die Namen Jacob und Wilhelm Grimm zu nennen, um an die ganze Bedeutung des Satzes zu erinnern: der Mensch des neun­zehnten Jahrhunderts lernte seine eigene Vergangenheit be­greifen, er lernte verstehen, was er jetzt ist durch das, was er einst war. In unsere sprachliche, in unsere mythische Ver­gangenheit haben uns die Brüder Grimm eingeführt. Ihre Überzeugung ist in den schönen Worten enthalten: «Es wird dem Menschen von heimatswegen ein guter Engel beige­geben, der ihn, wenn er ins Leben auszieht, unter der ver­traulichen Gestalt eines Mitwandernden begleitet; wer nicht ahnt, was ibm Gutes dadurch widerfährt, der mag es fühlen, wenn er die Grenze des Vaterlandes überschreitet, wo ihn jener verläßt. Diese wohltätige Begleitung ist das unerschöpf­liche Gut der Märchen, Sagen und Geschichte.» Man weiß, daß im neunzehnten Jahrhundert auf der Bahn solcher An­schauungen rüstig vorwärtsgegangen wurde. Die willkürlichen Vorstellungen, die sich die Zeitgenossen Rousseaus über die Urzustände der Menschheit gemacht hatten, wurden durch die Betrachtungen der wirklichen Verhältnisse ersetzt. Sprach­wissenschaft, Religionswissenschaft, allgemeine Kultur- und Völkergeschichte machten die größten Fortschritte. Man such­te nach allen Richtungen zu erforschen, wie der Mensch ge­worden ist.

Das alles zu unterschätzen, könnte nur einem Toren bei-fallen. Es zeitigte aber auch einen Mangel unserer Lebens-anschauungen, der nicht übersehen werden darf. Die Kenntnis

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der Vergangenheit hätte bloß unser Wissen bereichern sollen; statt dessen beeinflußte sie die Motive unseres Handelns. Das Nachdenken über das, was gestern mit mir vorgegangen ist, wird mir zum Hemmschuh, wenn es mir heute die Unbefangenheit der Entschlüsse raubt. Wenn ich mich heute nicht nach den Verhältnissen richte, die mir entgegentreten, sondern darnach, was ich gestern getan habe, so bin ich auf dem Holzwege. Wenn ich handeln will, soll ich nicht in mein Tagebuch, sondern in die Wirklichkeit schauen. Die Gegenwart läßt sich aus dem Gesichtspunkt der Vergangen­heit wohl ersehen, sie läßt sich aber daraus nicht beherrschen. Friedrich Nietzsche hat in einer seiner interessanten Schriften, in seiner «Unzeitgemäßen Betrachtung» über «Nutzen und Schaden der Historie für das Leben», beleuchtet, was für Schäden eintreten, wenn die Gegenwart durch die Vergangen­heit gemeistert werden soll.

Wer offene Augen für die Gegenwart hat, der weiß, daß es unrichtig ist, wenn man meint, es sei die Zusammengehörig­keit der Juden untereinander größer als ihre Zusammenge­hörigkeit mit den modernen Kulturbestrebungen. Wenn es in den letzten Jahren auch so ausgesehen hat, so hat dazu der Antisemitismus ein Wesentliches beigetragen. Wer, wie ich, mit Schaudern gesehen hat, was der Antisemitismus in den Gemütern edler Juden angerichtet hat, der mußte zu dieser Überzeugung kommen. Wenn Paulsen eine Ansicht ausspricht wie die von den Sonderinteressen der Juden, so zeigt er nur, daß er nicht unbefangen zu beobachten versteht. Lassen wir uns doch unser Urteil, wie wir in der Gegenwart zusammen­leben sollen, nicht trüben durch unsere Vorstellungen darüber, daß wir in der Vergangenheit gesonderte Entwicklungen durchgemacht haben. Warum tritt uns denn gerade ein ge­wisser

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verschämter Antisemitismus innerhalb der gebildeten Welt dort entgegen, wo das Studium der Geschichte zum Ausgangspunkt genommen wird? Die Zukunft wird ja gewiß nichts anderes bringen als die Wirkungen der Vergangenheit; aber wo herrscht denn in der Natur die Regel, daß die Wir­kungen gleich seien ihren Ursachen?

Wer Paulsens ganze Denkweise in Betracht zieht, wird zugestehen müssen, daß er eine Einzelerscheinung innerhalb der Kreise der sogenannten historischen Bildung ist. Ich werde noch in einer Schlußausführung dies im besonderen erhärten.

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IV

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Friedrich Paulsen hat einmal in trefflichen Worten die Schattenseiten unserer Gegenwart charakterisiert. In seinem Aufsatz: «Kant, der Philosoph des Protestantismus» sagt er: «Die Signatur unseres zu Ende gehenden Jahrhunderts ist: Glaube an die Macht, Unglaube an die Ideen. Am Ende des achtzehnten Jahrhunderts stand der Zeiger der Zeit umge­kehrt: der Glaube an Ideen war allherrschend, Rousseau, Kant, Goethe, Schiller die Großmächte der Zeit. Heute, nach dem Scheitern der ideologischen Revolutionen von 1789 und 1848, nach den Erfolgen der Machtpolitik gilt das Stichwort vom Willen zur Macht.» Zweifellos ist, daß unsere Zeit das Verständnis für die Mission eines wahren Idealismus nicht hat. Goethe hat einmal geäußert: wer die Bedeutung einer Idee wirklich durchschaut hat, der lasse sich den Glauben an sie durch keinen scheinbaren Widerspruch mit der Er­fahrung rauben. Die Erfahrung müsse sich der einmal als richtig erkannten Idee fügen. Gegenwärtig findet ein solcher

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Gedanke wenig Anklang. Die Ideen haben die Schlagkraft in unserem Vorstellungsleben verloren. Man weist auf die

Wie es mit den Ideen im wissenschaftlichen Fortschritte steht, so muß es sich mit ihnen auch im sittlichen Leben verhalten. Paulseti gibt das theoretisch auch zu, indem er den obenangeführten Satz vertritt. Er weicht in der Praxis davon ab, wenn er den Antisemitismus als eine teilweise berechtigte Erscheinung hinstellt. Wer an die Ideen glaubt, der kann sich durch die geschichtliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte in der unbedingten Gültigkeit dieser Ideen nicht beirren lassen. Er müßte sich sagen: mögen die Dinge einstweilen so

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liegen, daß die Wirklichkeit den absolut liberalen Ideen scheinbar widerspricht; diese Ideen sind von solchem Wider­spruch unabhängig. Der Antisemitismus ist ein Hohn auf allen Glauben an die Ideen. Er spricht vor allem der Idee Hohn, daß die Menschheit höher steht als jede einzelne Form (Stamm, Rasse, Volk), in der sich die Menschheit auslebt.

Aber wohin steuern wir, wenn die Philosophen, diese Trä­ger der Ideenwelt, diese berufenen Anwälte des Idealismus, selbst nicht mehr das gehörige Vertrauen in die Ideen haben? Was soll werden, wenn sie sich dieses Vertrauen dadurch rauben lassen, daß ein paar Jahrzehnte hindurch die Instinkte einer gewissen Volksmenge andere Wege einschlagen, als diese Ideen vorzeichnen? Ein Mann wie Paulsen kann nur durch eine übermäßige Achtung vor der geschichtlichen Wir­lichkeit zu Behauptungen geführt werden, wie die sind, wegen deren ich diese Ausführungen geschrieben habe. In dem Widerspruche, in dem er sich zu seinen eigenen Behauptungen setzt, zeigt sich bei Paulsen so recht> daß er in dem Banne der von mir gekennzeichneten falschen historischen Bildung steht. Er schwingt sich nicht dazu auf, an der geschichtlichen Entwicklung der Volksinstinkte Kritik zu üben; er läßt viel­mehr diese Volksinstinkte ein gewichtiges Wort mitreden. Daß das so ist, drückt sich auch zur Genüge in der unbestimm­ten Art aus, wie Paulsen über die Antipathien gegenüber den Juden spricht. Diese Art gibt sich eben durchaus als «ver­schämter Antisemitismus» zu erkennen. Nirgends ist es mehr nötig als auf diesem Gebiete, daß man seinen Glauben an die Ideen durch eine entschiedene, unzweideutige Stellungnahme dokumentiere.

Man klagt mit Recht darüber, daß die Philosophie in der Gegenwart ein geringes Ansehen genießt. Sie würde dieses

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geringe Ansehen verdienen, wenn sie den Glauben an das verlöre, was sie vor allem zu hüten hat, an die Ideen. Der Philosoph muß seine Zeit begreifen. Er begreift sie nicht da­durch, daß er an ihre Verkehrtheiten Konzessionen macht, sondern lediglich dadurch, daß er diesen Verkehrtheiten die ihm aus seiner Ideenwelt stammende Kritik entgegensetzt. Der philosophische Sittenlehrer sollte es mit allem, was die Antisemiten von den Juden behaupten, so halten wie der Mineraloge, der auch dann behaupten wird, Salz bildet würfel­förmige Kristalle, wenn ihm einer einen Salakristall zeigt, dem durch irgendwelche Umstände die Ecken abgeschlagen sind.

Der Antisemitismus ist nicht allein für die Juden eine Gefahr, er ist es auch für die Nichtjuden. Er geht aus einer Gesinnung hervor, der es mit dem gesunden, geraden Urteil nicht Ernst ist. Er befördert eine solche Gesinnung. Und wer philosophisch denkt, sollte dem nicht ruhig zusehen. Der Glaube an die Ideen wird erst daun wieder zu seiner Geltung kommen, wenn wir den ihm entgegengesetzten Unglauben auf allen Gebieten so energisch als möglich bekämpfen.

Es ist schmerzlich, sehen zu müssen, daß sich gerade ein Philosoph zu Grundsätzen in Widerspruch setzt, die er selbst klar und trefflich gekennzeichnet hat. Ich glaube nicht, daß sich leicht ein Mann wie Paulsen intensiv für den Antisemitis­mus einsetzen kann. Davor bewahrt ihn, wie so viele andere, der philosophische Geist. Aber gegenwärtig ist in dieser Angelegenheit mehr erforderlich. Jede unbestimmte Haltung ist vom Übel. Die Antisemiten werden die Aussprüche einer jeden Persönlichkeit als Wasser auf ihre Mühle benutzen, wenn diese Persönlichkeit auch nur durch eine unbestimmte Äußerung dazu Veranlassung gibt. Nun kann der Philosoph ja immer sagen, er sei nicht verantwortlich für das, was die

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andern aus seinen Lehren machen. Das ist zweifellos zuzu­geben. Wenn aber ein philosophischer Sittenlehrer in die aktuellen Tagesfragen eingreift, dann muß in gewissen Din­gen seine Stellung klar und unzweideutig sein. Und mit dem Antisemitismus als Kulturkrankheit liegt heute die Sache so, daß man bei niemandem, der in öffentlichen Dingen mitredet, in Zweifel sein sollte, wie man seine Aussprüche über den­selben auslegen kann.

ZWEIERLEI MASS

#G031-1966-SE414 - Gesammelte Aufsätze zur Kultur- und Zeitgeschichte 1887 - 1901

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ZWEIERLEI MASS

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Die Schrift «Heine, Dostojewskij und Gorkij » von Dr. J. E. Poritzky (verlegt bei Richard Wöpke in Leipzig), die soeben erschienen ist, bietet, neben manchen anderen beachtens­werten Ausführungen, auch eine Betrachtung über die Heine­Literatur am Ausgange des neunzehnten Jahrhunderts. Man wird an Grundübel unserer literarischen Gegenwart erinnert, wenn man die Gedanken Poritzkys liest. Namentlich die Selbständigkeit des Urteilens bei vielen Literaten unserer Zeit wird fraglich, wenn man die Beleuchtungen Heines verfolgt. Denn es ist ohne Zweifel richtig, worauf Poritzky hinweist (S. 6): «Die germanischen Urteile Julian Schmidts und Hein­rich v. Treitschkes sind noch immer nicht überwunden; sie setzen vielmehr ihre Wirkung im stillen weiter fort.» Es gibt eben leider heute viele «Schriftsteller», in denen weder die Fähigkeit noch auch der Wille vorhanden ist, solche Urteile unbefangen auf ihren Wert zu prüfen. Ein Urteil von sich zu geben, haben diese «Schriftsteller», die zuweilen ganz angesehene Stellungen einnehmen können, durchaus nötig;

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eines zu haben, darauf verzichten sie schon eher. Die Heine­Literatur ist ein guter Boden, um Beobachtungen nach diesen Richtungen hin machen zu können.

Man braucht nur etwas aufmerksam die Dinge zu verfolgen, und da wird man finden, daß die Phrasen, mit denen sich die Gegner Heines breitmachen, immer wieder dieselben sind. Nun kommt bei Heine noch etwas ganz Besonderes hinzu. Es kann Leute geben, die sonst nicht unbedeutend sind und denen Heine gegenüber ein unbefangenes Urteil versagt ist. Auf ein solches Beispiel weist Poritzky treffend hin (S. 6 ff.):

«Der sonst geistreiche Hehn nennt Heine einen jüdischen Nachäffer.»

Victor Hehn hat ein Buch über Goethe geschrieben, das großes Ansehen genießt. In diesem Buche finden sich die folgenden Sätze: «Heine hat kein Gemüt, sondern nur ein großes Talent der Nachahmung. Wie mancher seiner Stammes-brüder mit der Zunge so kunstreich schnalzen kann, daß man wirklich eine Nachtigall zu vernehmen glaubt, wie ein anderer Art und Stil genau treffend wiedergibt, wie in den langen Jahren der Kladderadatsch in allen lyrischen Formen aller Dichter und Dichterschulen sich erging, so wußte auch Heine die einfältige Treue des Volksliedes, die Phan­tasien E. Th. A. Hoffmanns und der Romantik, Goethes Herzenslaute und melodiösen Gesang mit so virtuoser Kunst nachzupfeifen, daß man sich täuschen ließ und die Similisteine für echt hielt.» Poritzky zeigt, daß man mit einem solchen Vor­wurf, wenn man will, jeden schaffenden Geist treffen kann; daß aber andererseits gar nichts damit gesagt ist, wenn man für dieses oder jenes Geistesprodukt ein Vorbild nachweist.

Man fragt sich aber doch: wie kommen unter die mancherlei gesunden, geistvollen Ausführungen, die Hehn in seinen

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«Gedanken über Goetäe» vorbringt, solche Absurditäten? Man kann dafür keinen anderen Grund finden als den, daß Hehn seine gesunde Urteilsfähigkeit sofort verlor, wenn er auf den «Juden» Heine stieß. Er hatte ein allgemeines Urteil, das natürlich besser Vorurteil heißen muß, über den «Juden», und das machte es ihm unmöglich, der Einzelpersönlichkeit Heine gegenüber noch besonders eine Prüfung anzustellen. Nun ist gerade bei Victor Hehn etwas nachzuweisen, was Poritzky nach der Aufgabe, die er sich gestellt hat, nicht her­vorheben konnte, was idi aber doch hier anfügen möchte.

Goethe spricht einmal von den Geistern, die auf seine Ent­widdung den allergrößten Einfluß ausgeübt haben, und nennt als solche: Shakespeare, Spinoza und Linné. Daß Spinozas Judentum für das ganze Gefüge seiner Weltanschauung nicht nur nicht gleichgültig ist, sondern einen tiefgehenden Einfluß auf sie geübt hat, dafür hat Lazarus in seinem ausgezeichneten Buche über die «Ethik des Judentums» den Beweis erbracht. Es ist nun zweifellos, daß Spinozas Wirkung auf Goethe eine ganz außerordentliche ist. Wir begreifen manche Empfindung, manche Vorstellung bei Goethe nur, wenn wir uns vergegen­wärtigen, daß er sich immer wieder und wieder in die Ideen­welt des Spinoza vertieft hat, ja daß Goethes stürmische Leidenschaften ihren inneren Ausgleich oftmals durch Versen­kung in die philosophische Ruhe des Amsterdamer Weltwei­sen gefunden haben. Vieles von dem, was Hehn bei Goethe bewundert, verdankt Goethe, und wir mit ihm, dem Spinoza. Und nach dem Durchgang durch Goethes Geist nimmt auch Victor Hehn die «jüdische» Philosophie des Spinoza als etwas Großes hin. - Wenn er aber bei Heine ein ganz ähnliches Verhältnis zu Goethe nachweisen zu können glaubt, dann

- schnalzt Heine wie eine Nachtigall.

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Ist es solchen Erscheinungen gegenüber nicht grell in die Augen springend, wie urteilsios selbst bedeutende Persönlich­keiten werden können, wenn ein mehr oder weniger offener Antisemitismus bei ihnen vorhanden ist. Übrigens hat Poritz­ky auf Seite 7 seines Schriftchens eine Zusammenstellung neuerer Heine-Beurteilungen gegeben, die in wahrhaft ergötz­licher Weise zeigt, wie in der Literatur alles gesunde Urteil aufhören kann, wenn die Verlockung eintritt, nicht mehr mit einerlei Maß zu messen.

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IDEALISMUS GEGEN ANTISEMITISMUS

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Zwei merkwürdige Bücher sind kurz hintereinander erschie­nen. Das erste hieß: «Gesetz, Freiheit und Sittlichkeit des künstlerischen Schaffens». Der Verfasser ist Lothar von Kunowski. Er hat der ersten jetzt eine zweite Schrift folgen lassen unter dem Titel: «Ein Volk von Genies». Beide Bände sollen nur Teile eines umfangreichen Gesamtwerkes sein, das den Titel führt: «Durch Kunst zum Leben». In gewissen Kreisen gilt nun Lothar von Kunowski geradezu als Prophet. Man kann Ausdrücke der rüchhaltlosesten Bewunderung hören. Wie ein neues Evangelium wird angepriesen, was er über das Wesen der Kunst und über das sittliche Leben sagt.

Wenn auch für denjenigen, der die Entwicklung des deut­schen Geisteslebens im neunzehnten Jahrhundert wirklich kennt, darin kein neuer Gedanke enthalten ist, so kann doch auch ein solcher sich dem Urteile anschließen, das vor kurzem von wichtiger Seite über Kunowski gefällt worden ist. Sein Buch wird da als ein solches bezeichnet, in «dem ein ernster

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Mann sich über Fragen ausspricht, die ihn jahrelang marterten:

der Schmerzensschrei eines Künstlers, der ziellos im Dunkeln tappte; der Jubelruf eines, der endlich das Ziel sieht».

Gewiß ist vieles unreif in den beiden Büchern; gewiß ist alles, was Kunowski sagt, früher gründlicher und umfassender gesagt worden: es ist an den beiden Büchern doch etwas, was auch für den Kenner der einschlägigen Literatur im höchsten Maße erfrischend ist. Es ist nämlich seit Jahrzehnten über Kunst und ihre Beziehungen zum Leben nicht mit einem sol­chen durch Erkenntnis hervorgebrachten Idealismus gespro­chen worden wie von Kunowski.

Dem deutschen Volke schreibt Kunowski eine große Kul­turmission zu Es soll eine Erneuerung der sittlichen Welt­anschauung hervorbringen durch eine wahrhafte Erfassung der Kunst. «Eine neue Kunstlehre wird eine neue Lebens-lehre sein müssen und umgekehrt, eine neue Auffassung des Lebens wird wurzeln müssen in einer verjüngten Kunst-lehre... Wenige wissen, was sie sagen mit der Forderung einer Volkskunst, einer Kunst, die jeden Angehörigen des Volkes zum Künstler macht in allen Handlungen des Lebens.» Es könnte scheinen, als ob die Art, wie Kunowski sich über «Kunst und Volk» ausspricht, von denen für ihre Zwecke auszunützen sei, welche unter diesem Schlagworte allerlei Volks- und Rassenantipathien verbreiten möchten. Und der vor einigen Monaten erschienene erste Band des Werkes ist auch in diesem Sinne - ganz ungerechtfertigterweise - ausge­nützt worden.

Der jetzt erschienene zweite Band hat vielen, die Kunowski früher glaubten, zu den ihrigen rechnen zu können, eine gründliche Enttäuschung gebracht. Er spricht sich an vielen Stellen klar und unzweideutig über die «Rassenfrage» aus.

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Und was er an solchen Stellen sagt, zeigt, wie ein idealistisch gesinnter Mensch über diese «Frage» denken muß. Namentlich weist Kunowski allen Antisemitismus weit von sich. Scharf tadelt er den Engländer Chamberlain wegen seiner Ausfälle gegen die «Semiten» in dem Buche: «Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts.» Und von dem gleichen Ge­sichtspunkte aus sind Urteile gefällt, die es den Antisemiten unmöglich machen, sich auf Kunowski zu berufen, den sie sonst gewiß gern anführen möchten, wenn sie, in ihrem Sinne, davon fabeln, daß die starken Wurzeln der Bildung und Kul­tur im «Volkstum» wurzeln. Aber Kunowski faßt den Begriff «Volk» durchaus so auf, daß jeder Antisemitismus mit seiner Auffassung unvereinbar ist. «Wir Deutschen sind bestimmt», sagte er, daß wir «die Form der umzubildenden Welt allen Völkern vorbehalten, sie alle herbeirufen, das Werk durch­zuführen, vornehmlich die Romanen und Semiten, denen wir Unendliches verdanken, mit denen wir, im Unendlichen einig, auch die Endlichkeit des Irdischen gemeinsam erweitern wer­den. In dieser liebevollen Gerechtigkeit liegt dle Zukunft des Deutschen, liegt sein Weltreich geborgen, seine Verjüngung zu einem neuen Menschen, zu einem neuen Volk». Kunowski will keinen Rassenkampf; er will das Bedeutsame aller Rassen in die Kultur der Zukunft hinüberführen: «Das Sittengesetz des Juden, der Staat des Römers, die Kunst der Griechen, die Pyramide des Ägypters» müssen sich in uns vereinigen, damit wir «in der Weltschmiede selbständig arbeiten» können. Be­sonders schön kommt dieser Gedanke in folgendem Ausspruch zum Vorschein: «An unseren Altären ruhen Kreuz, Halb­mond und Bundeslade, in unseren Wäldern lustwandeln Za­rathustra, Moses, Sokrates, Dante, Rousseau, in unseren Auen wachsen neu Jerusalem, Athen, Sparta, Florenz und Paris.»

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Dem engherzigen Rassenstandpunkt setzt Kunowski den seinigen mit den Worten gegenüber: «Ziel der Welteroberung ist nicht Verbreitung des unveränderten deutschen Typus, vielmehr Erzeugung eines neuen Kulturmenschen, der weder Germane, noch Romane, noch Semit ist.» Diese Vorstellung gipfelt in dem Satz: «Völker werden durch Völkerverschmel­zung in der Glut einer neuen Kultur, die den Rassenhaß verbrennt.»

Als ein bedeutsames Symptom der Zeit darf Kunowskis Buch aufgefaßt werden. Wir wollen wieder einen Idealismus. Keinen verschwommenen, den nur die Phantastik erzeugt; aber einen solchen, der auf der Erkenntnis und Bildung beruht. Kunowski macht sich zum Wortführer eines solchen. Es ist bezeichnend, daß er dadurch wie von selbst zum Gegner des erkenntnis- und bildungsfeindlichen Antisemitismus, des engherzigen «Germanentums» wird.

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STEFAN VON CZOBEL «DIE ENTWICKLUNG

DER RELIGIONSBEGRIFFE ALS GRUNDLAGE

EINER PROGRESSIVEN RELIGION»

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Ein Mann, der mit der Naturwissenschaft und der Kultur­geschichte in ihrer gegenwärtigen Gestalt sich gründlich aus­einandergesetzt hat, gibt in diesem Buche eine umfassende Darstellung vom Werdegange der religiösen Vorstellungen im Verlauf der Menschheitsentwicklung. Auf zwei Quellen des religiösen Lebens wird hingewiesen: auf die aus der äußeren sinnlichen Erfahrung stammenden Empfindungen und Vor­stellungen, welche den noch unentwickelten Menschen auf die

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tieferen Kräfte der Welt hinweisen, und auf die inneren Geisteskräfte des Menschen, die ihn durch seelische Vertie­fung zu Gedanken über das Göttliche führen. Eine seltene Kenntnis der verschiedenen Religionssysteme macht es dem Verfasser möglich, diese beiden Quellen bei allen für das Abendland und seine Kultur in Betracht kommenden Weltan­schauungen aufzuzeigen und ihren Einfluß bis in die äußersten Verzweigungen des religiösen Lebens zu verfolgen. Was Paul Asmus in seinem geistvollen Buche «Die indo-germanische Religion in den Hauptpunkten ihrer Entwicklung» (Halle 1875) vom Gesichtspunkte der deutschen idealistischen Welt-auffassung zu schildern bestrebt war, das sucht von Czohel in realwissenschaftlicher Art auf Grundlage der modernen Kulturwissenschaft, nämlich den Stammbaum der Religionen zu gewinnen. Wer nach einem tieferen inneren Lehen sucht, wird in diesem Werke eine Summe von wissenschaftlichen Ergebnissen und Ausführungen finden, die geeignet sind, dieses innere Leben zu befruchten. Er kann dem Buche auch dann sein Interesse zuwenden, wenn er, wie der Schreiber dieser Zeilen, auf Grund der inneren Erfahrung zu anderen Anschauungen gelangt ist, als die sind, welche von Czobel als Kern der bisherigen Religionsentwicklung herausschält, und dem er eine Mission für die Gegenwart und die nächste Zukunft des religiösen Lebens beilegt.

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SIEBEN BRIEFE VON FICHTE AN GOETHE

ZWEI BRIEFE VON FICHTE AN SCHILLER

Mit Erläuterungen von Rudolf Steiner

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Die ersten sieben der hier mitgeteilten neun Briefe Fichtes hat dieser in den ersten Monaten seiner Wirksamkeit an der Goethes Obhut anvertrauten Hochschule dem letzteren ge­schrieben. Die Zeit ist ein ihre Bedeutung wesentlich mithe­stimmender Umstand. Sie zeigen uns, daß Fichtes persönliches Auftreten und seine Art, den Lehr- und Philosophenberuf aufzufassen, dem Verhältnis Goethes zu ihm gleich im An­fange ihrer Bekanntschaft den Charakter geben mußte, den es dann in der Folgezeit beibehalten hat. Fichtes Art zu wirken hatte etwas Gewaltsames. Ein gewisses Pathos der Idee, das sich seinen wissenschaftlichen sowohl wie seinen politischen Ideen beigesellte, führte ihn inuaer dahin, daß er seine Ziele auf dem geraden, kürzesten Wege zu erreichen suchte. Und wenn ihm etwas hindernd in den Weg trat, dann wurde seine Unbeugsarakeit zur Schroffheit, die Energie zur Rücksichts­losigkeit. Fichte lernte nie begreifen, daß alte Gewohnheiten stärker sind als neue Ideen, und geriet dadurch fortwährend in Konflikte mit den Leuten, mit denen er zu tun hatte. Zu den meisten dieser Konflikte lag der Grund darin, daß er sich die Menschen durch sein persönliches Wesen entfremdete, bevor er sie zu seinen Ideen erhoben hatte. Sich mit dem all-täglichen Leben abzufinden, dazu fehlte Fichte die Fähigkeit. Alles das machte es Goethe unmöglich, für Fichtes Person immer so energisch einzutreten, daß es der Anerkennung entsprochen hätte, die er dessen wissenschaftlichen Leistungen und Fähigkeiten entgegenbrachte.

Das Buch, das Fichte mit dem Briefe Nr. i Goethe übersendet,

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ist der erste Abdruck der «Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre», der damals bogenweise ausgegeben wur­de (vgl. J. G. Fichtes Leben und literarischer Briefwechsel, 2. Auflage, Leipzig 1862, I. Band, S. 211).

Das Werk, in dem sich Fichte mit Goethe vereinigt zu sehen hofft, sind Schillers «Horen». Dieser hatte Goethe am ,3. Juni ,794 zur Mitarbeiterschaft aufgefordert und dabei zugleich bemerkt, daß die H. H. Fichte, Woltmann und von Humboldt sich mit ihm zur Herausgabe dieser Zeitschrift vereinigt hätten. Goethe schickte seine Zusage erst am 24.Juni an Schiller (vgl. Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe, 4. Aufl., I. Band, S. 1 ff.).

Am ,8. Mai 1794 war Fichte in Jena eingetroffen, und schon am 24. Juni ist er genötigt, Goethes und des Herzogs Schutz gegen verleumderische Gerüchte anzurufen, die sich über seine öffentlichen Vorlesungen über «Moral für Gelehr­te» verbreitet hatten (vgl. Brief Nr.2). Die energische Art, in der Fichte seinen Verleumdern entgegentritt, und die Entschiedenheit, mit der er den Herzog bittet, sich seiner anzunehmen, führt, offenbar durch Goethes Vermittlung (Brief Nr.3), zu einer vorläufigen Befestigung seiner Stellung, da der Herzog sich durch die Gerüchte in seiner Schätzung des Philosophen nicht beirren ließ. Fichte sah sich veranlaßt, die Unrichtigkeit dessen, was man über seine Vorlesungen sagte, dadurch zu beweisen, daß er sie Wort für Wort drucken ließ (vgl. Brief Nr.2). Sie erschienen unter dem Titel: «Einige Vorlesungen über die Bestimmung des Gelehrten» (Jena, Gabler ,794). Zur Ausführung von Fichtes Wunsch, den Abdruck dem Herzoge wicknen zu dürfen, ist es nicht gekom­men, wohl aber dazu, daß letzterer den jüngst berufenen Lehrer bei jeder Gelegenheit auszeichnete (vgl. Fichtes Leben

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I. 216 f.). Fichtes Äußerungen über den Herzog (Brief Nr.2) sind ein wichtiger Beitrag zur Charakteristik Karl Augusts. Man muß nur bedenken, daß dieser Fürst in solcher Weise bewundert wird von einem Manne, der ein Jahr vorher von den Fürsten Europas schrieb: «Sie, die größtenteils in der Trägheit und Unwissenheit erzogen werden, oder wenn sie etwas kennen, eine ausdrücklich für sie verfertigte Wahrheit kennen; sie, die bekanntermaßen an ihrer Bildung nicht fort-arbeiten, wenn sie einmal regieren, die keine neue Schrift lesen als höchstens etwa wasserreiche Sophistereien, und die alle­mal wenigstens um ihre Regierungsjahre hinter ihrem Zeit­alter zurück sind.» Diese Stelle gehört der anonymen Schrift an, von der im ersten Briefe die Rede ist, nämlich Fichtes «Beiträgen zur Berichtigung der Urteile des Publikums über die französische Revolution.» Diese sowie die andere ano­nyme Schrift: «Die Zurückforderung der Denkfreiheit von den Fürsten Europas, die sie bisher unterdrückten (Eine Rede, Heliopolis im letzten Jahre der alten Finsternis) »waren vor der Berufung Fichtes nach Jena erschienen. Und es ist, nach Fidites Äußerungen im zweiten Briefe, nicht zu bezweifeln, daß die Personen, die für Fichtes Anstellung wirkten, zu denen in erster Linie der Jurist Hufeland gehörte, von diesen Schriften wußten. Auch für Goethe scheint das zu gelten, denn er nennt die Berufung Fichtes «eine Tat der Kühnheit, ja Verwegenheit» (Tag- und Jahreshefte ,794). Fichte selbst hat den Personen gegenüber, die zwischen ihm und der Weimarischen Regierung vermittelten, wohl kein Hehl aus seiner Denkart gemacht; daher ist der gereizte Ton zu verstehen, in dem er von den auf seine anonymen Schriften bezüglichen Vorwürfen spricht.

Aus Brief Nr.6 geht hervor, daß Fichte besonderen Wert

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darauf legte, von Goethe verstanden zu werden. Im Einklang damit steht eine Mitteilung W. v. Humboldts (Briefwechsel Schillers und W. v. Humboldts, 22. September 1794) über ein Gespräch mit Fichte, wobei letzterer geäußert hatte, daß er Goethe für die Spekulation zu gewinnen wunsche und sein Gefühl für ein solches erklären müsse, das in philo­sophischen Dingen richtig leite: «Neulich, fuhr er (Fichte) fort, hat er (Goethe) mir ein System so bündig und klar dargelegt, daß ichs selbst nicht klarer hätte darstellen kön­nen.» Daß Goethe ein lebhaftes Interesse für Fichtes Philo­sophie hatte und durchaus keine ablehnende Haltung gegen sie einnahm, beweist nicht allein die Stelle in einem Brief an Fichte vom 24. Juni ,794 (Briefe W. A. X. S. 167), worin er über die ersten Bogen der «Wissenschaftslehre» sagt: «Das Übersendete enthält nichts, das ich nicht verstände oder wenigstens zu verstehen glaubte, nichts, das sich nicht an meine gewohnte Denkweise willig anschlösse», sondern auch der Umstand, daß Goethe sich ausführliche Auszüge aus dieser Schrift machte, die im Goethe-Archiv noch erhalten sind.

Ähnliche öffentliche Vorlesungen, wie die obenerwähnten vom Somrnerhalbjahr 1794 hatte Fichte auch für den Winter 1794/95 angekündigt. Diese Vorlesungen gehörten zu den besuchtesten der Universität und wurden von den Studenten mit größter Begeisterung aufgenommen. Da Fichte eine an­dere geeignete Stunde nicht finden konnte, las er Sonntag vormittag 9 bis 10. Das Jenaische Konsistorium nahm hieran Anstoß, und das Weimarische Oberkonsistorium konnte den Gründen des erstern «einstimmigen Beifall nicht versagen», «maßen es allerdings scheint, daß dieses Unternehmen ein intendierter Schritt gegen den öffentlichen Landesgottes­dienst

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sei, ja wenn auch hierbei diese Absicht nicht wäre, oder solche Absicht dadurch nicht erreicht werden könnte, ein dergleichen gesetz- und ordnungswidriges gleichwohl wegen des unangenehmen Eindrucks, den es bei dem jena­ischen und benachbarten Publikum sowohl als auswärts zu­verlässig machen wird, immer von sehr übeln Folgen, be­sonders auch dem Ruf der Akademie selbst äußerst nach­teihg sein müßte». So heißt es in der Eingabe des Ober­konsistoriums an die Landesregierung. Fichte wandte sich in einem ausführlichen Brief an den akademischen Senat. Er setzte die Gründe auseinander, warum er die betreffende Stunde wählen mußte, und legte dar, daß der Charakter seiner öffentlichen Vorlesungen sie sehr wohl geeignet mache, an Sonntagen gehalten zu werden, da sie nicht auf Belehrung durch Wissenschaft, sondern auf moralische Erbauung und Charakterveredlung abzielen. Gleichzeitig rief Fichte auch Goethes Beistand an in dieser Angelegenheit; und der Brief, in dem er es tut, ist der hier unter Nr.6 mitgeteilte. Der akademische Senat berichtete in dieser Sache an den Herzog in dem Sinne, «daß zwar dem Professor Fichte ein fürsetz­licher Schritt gegen den öffentlichen Landesgottesdienst nicht wohl beizumessen, jedoch er in Ansehung seiner moralischen Vorlesungen anzuweisen, sie nicht des Sonntags zu halten; falls aber derselbe jetzt mitten im halben Jahre eine andere schickliche Zeit durchaus nicht ausmitteln könnte, wie wir jedoch nicht glauben noch wünschen, allenfalls ihm zwar für den Rest des jetzt laufenden Wintersemesters und ohne Konsequenz die Haltung derselben am Sonntag gestattet werden könne, allein soldienfalis ihm dabei schlechterdings zur Bedingung gemacht werden müsse, daß sie ihm nicht vor völlig geendigtem Nachmittagsgottesdienste gestattet sein

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solle». Vom Herzog wurde die folgende Entscheidung ge­troffen: «So haben wir nach Euerm Antrag resolvirt, daß dem mehrerwähnten Professor Fichte die Fortsetzung seiner moralischen Vorlesungen am Sonntage äußerstenfalls nur in den Stunden nach geendigtem Nachmittagsgottesdienste ge­stattet sein solle». Es war aber nur der Umstand, daß «etwas so Ungewöhnliches, als die Anstellung von Vorlesungen der Art am Sonntag während der zum öffentlichen Gottesdienst bestimmten Stunden ist», hier vorlag, der Karl August zu seiner Entscheidung veranlaßte. Von den Vorlesungen selbst sagt das herzogliche, an den akademischen Senat gerichtete Entscheidungsdekret: «Wir haben uns gern davon überzeugt, daß, wenn dessen (Fichtes) moralische Vorlesungen dem. . eingehefteten trefflichen Aufsatz gleichen, sie von vorzüg­lichem Nutzen sein können». Die Gegner Fichtes beabsich­tigten dagegen die Vorträge ganz unmöglich zu machen, da ihnen ihr Inhalt unbequem war. Als Fichte am 3. Februar die wegen des Zwischenfalls seit Anfang November aus­gesetzten Vorlesungen wieder aufnimmt, setzt er dafür die Stunde Sonntag nachmittag 3 bis 4 fest.

Der in Brief Nr.7 erwähnte Professor Woltmann war Historiker, ein Lieblingsschüler Spittlers. Er wurde mit Fichte zugleich, erst 23 jährig, nach Jena berufen, gehörte zu den intimsten Freunden des Philosophen und kam später auch zu Schiller in Beziehung.

*

Die beiden Briefe Fichtes an Schiller unterscheiden sich, was vielleicht nicht überflüssig ist zu bemerken, von denen an Goethe dadurch, daß sie in deutscher, jene in der von Fichtes Hand leserlicheren lateinischen Schrift geschrieben sind.

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Im Juli ,799 übersiedelte Fichte nach Berlin. Die bekannte Anklage wegen Atheismus hat zu seiner Entlassung aus Jena geführt. Er suchte einen neuen Wirkungskreis. Zu den Plänen, die für die Zukunft in ihm auftauchten, gehört auch der der Gründung einer wissenschaftlichen Zeitschrift, die den von Fichte an ein solches Institut gestellten Anfor­derungen besser entsprechen sollte als die Jenaische Allge­meine Literaturzeitung, mit der sowohl er wie Schelling un­zufrieden waren. Während des Winters 1799/1 8oo weilte Fichte wieder Iturze Zeit in Jena, wo er seine Familie vor­läufig zurückgelassen hatte. Er traf hier mit Schelling zusam­men. Die beiden verabredeten die Gründung und Einrichtung der Zeitschrift, für die auch Goethe und Schiller als Mit­arbeiter gewonnen werden sollten. Der erste der beiden an Schiller gerichteten Briefe enthält die Aufforderung zur Mit-arbeiterschaft und zugleich eine ausführliche Auseinander­setzung über Zweck und Anlage der Zeitschrift. Aus dieser Sache, für die, wie aus dem Briefe hervorgeht, Cotta als Verleger gewonnen werden sollte, wurde nichts . Der Plan wurde dann nochmals mit J. F. G. Unger als Verleger auf­genommen, und von diesem auch ein gedrucktes Zirkular versandt, welches das Erscheinen der «Jahrbücher der Kunst und der Wissenschaft» von Neujahr i 8o 1 ab versprach. Auch diesmal kam die Angelegenheit nicht zur Ausführung. Goethe sah einer solchen Unternehmung von seiten Fichtes mit Miß­trauen entgegen. Er schreibt am 16. September 1 8oo an Schiller offenbar darauf bezüglich (das Zirkular trägt das Datum 28. Juli 1800): «Der Ton der Ankündigung ist völlig Fichtisch. Ich fürchte nur, die Herren Idealisten und Dyna­miker werden ehester Tage als Dogmatiker und Pedanten erscheinen und sich gelegentlich einander in die Haare geraten.»

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Die übersandte Schrift ist: «Der geschlossene Han­delsstaat.»

Der zweite Brief Fichtes an Schiller vom 18. August 1803 behandelt in seinem ersten Teile eine Privatangelegenheit Fichtes (Verkauf seines Hauses in Jena u. a. noch auf die Zeit seines Jenaer Aufenthaltes bezügliche Dinge), in der er Goethes und Schillers Beistand angerufen hatte. Am 29. August schreibt Goethe darüber an Zelter (Briefwechsel I, 80): « Sagen Sie ihm (Fichte), daß wir seine Angelegenheit bestens beherzigen. Leider ruht auf dem, was Advokaten-hände berühren, so leicht ein Fluch.» Der zweite Teil des Briefes bezieht sich auf die Aufführung von Goethes «Natür­licher Tochter» in Berlin. Die Erstaufführung dieses Stückes fand daselbst am 12. Juli 1803 statt. Der Brief ist in einer vielfach von der obigen abweichenden Gestalt in «Schillers und Fichtes Briefwechsel aus dem Nachiasse des Erstern» 1847 von I. H. Fichte (S. 70-75) herausgegeben. Dies be­rechtigt zum Wiederabdruck. Wahrscheinlich hat ihn Schiller zum Durchlesen an Goethe gesandt, und es ist die Rück­sendung versäumt worden, so daß er unter Goethes Papieren verblieben ist. Mithin ist das hier Gedruckte die letztwillige Fassung, dagegen kann das, was I. H. Fichte veröffentlicht hat, nur dem Brouiilon entnommen sein, das der Heraus­geber vielleicht noch an einigen Stellen überarbeitet hat. Was das große Publikum bei dem Stücke kalt ließ, ja geradezu abstieß: der Umstand, daß durch eine hohe Kunstform alles Stoffartige getilgt ist, zog Fichte wie auch Schiller an (vgl. dessen Brief vom 18. August 1803 an Wilhelm von Hum­bo]dt) . Was die klassische Ästhetik (namentlich Schiller in seinen «ästhetischen Briefen») als Forderung aufstellte: Ver­tilgung des Interesses an der dargestellten Begebenheit durch

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Erhebung zum reinen Genusse dessen, was die künstlerische Phantasie daraus gemacht hat, sah Fichte hier erfüllt. Des­halb wollte er auch von jeder Kürzung des Stückes abraten. Am 28. Juli 1803 (Briefwechsel I. S. 67) schreibt Goethe an Zeltet, daß er Lust habe, «einige Szenen abzukürzen, welche lange scheinen müssen, selbst wenn sie vortrefflich gespielt werden». Darauf erwidert Zelter am 10. August:

«Fichte ist mit einer Abkürzung der nicht einverstanden; er glaubt das Stück sei ganz, rund und könne durch Abkürzung nur leiden. » Der Philosoph be­trachtete die Kunstform als das allein Maßgebende, während der Dichter mit dem Geschmack des Publikums rechnen wollte. Fichte forderte in weit höherem Maße als Goethe, daß das Publikum zum Genusse der höchsten ästhetischen Produktionen erzogen werden müsse. Die Erfüllung der idealen Forderungen stand ihm in erster Linie. Wenn das Publikum dazu nicht vorhanden war, so müsse es seiner Meinung nach gebessert werden. Goethe war geneigt, den Menschen die Kunst näherzubringen; Fichte wollte die Men­schen nach den von ihm für richtig gehaltenen Ideen gerade­zu umwandeln.

Mit der Kommentierung dieser Briefe hat mich Bernhard Suphan beauftragt, der sie vorher bereits durchgearbeitet hatte und mir seine auf die Gesichtspunkte, von denen aus die Schriftstücke zu betrachten sind, sowie auf verschiedenes Einzelne bezüglichen Notizen übergab.

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Fichte an Goethe

I.

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Verehrungswürdiger Mann,

Ich suchte Sie bald nach Ihrer Abreise, urn Ihnen den eben erst fertig gewordnen ersten Bogen zu übergeben. Ich fand Sie nicht; und überschicke, was ich lieber übergeben hätte.

So lange hat die Philosophie Ihr Ziel noch nicht erreicht, als die Resultate der reflektierenden Abstraktion sich noch nicht an die reinste Geistigkeit des Gefühls anschmiegen. Ich be­trachte Sie, und habe Sie immer betrachtet als den Repräsen­tanten der letztern auf der gegenwärtig errungenen Stufe der Hu­manität. An Sie wendet mit Recht sich die Philosophie: Ihr Gefühl ist derselben Probierstein.

Für die Richtigkeit meines Systems bürgt unter andern die innige Verkettung Alles mit Einem, und Eines mit Allem, die nicht Ich hervorgebracht habe, sondern die sich schon vorfindet; sowie die ungemeine, und alle Erwartung übertreffende Frucht­barkeit, die ich ebenso wenig selbst hineingelegt habe; so daß sie mich sehr oft zum Staunen hingerissen hat, und hinreißt. Beides entdeckt sich nicht im Anfange der Wissenschaft, sondern nur allmählich, so wie man in ihr weiter fortschreitet.

Ob ich die Empfehlung einer klärerern Darstellung auch jetzt noch behaupte, weiß ich nicht. So viel weiß ich, daß ich es zu einer höhern, und zu jeder beliebigen Klarheit erheben könnte, wenn die erforderliche Zeit gegeben wird: - aber ich habe, mit meinen öffentlichen Vorlesungen die Woche wenigstens drei Druckbogen zu arbeiten, andere Geschäfte abgerechnet; und er­warte deshalb Nachsicht.

Ich hoffte - vielleicht weil ich es sehnlich wünschte - mich mit Ihnen in Einem Werke vereinigt zu sehen. Ich weiß nicht, ob ich es noch hoffen darf. Wenigstens hatte vor einigen Tagen Hrr. Schiller Ihren Entschluß noch nicht.

Ich bin mit wahrer Verehrung

Ihr innigst ergebener

J. G. Fichte

Jena, d. 21. Jun. ,794

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II.

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Verehrungswüdigster Gönner, und Freund,

Noch in meinem letzten Briefe nahm ich bloß des edlen Man­nes, und großen Geistes Freundschaft in Anspruch; ich glaubte nicht binnen ein paar Tagen in der Lage zu sein, Ihr politisches Ansehen in Anspruch zu nehmen.

Man meldet mir von Weimar aus: «es würden daselbst Schändlichkeiten (es sind genau zu reden nur Dummheiten) herum geboten, die ich in meinen Vorlesungen vorgetragen haben solle. Meine Lage sei gefährlich. Es sei von einer ge­wissen Klasse eine förmliche Verbindung gegen mich geschlossen. Der Herzog höre Sie, und was es noch an Männern gibt, seltner, als andre, die in jenen Bund gehörten; ich solle nicht so sicher sein, der Folgen halber, - kurz, ich könne abgesetzt sein, ehe ich mirs versähe, u.s.w. u.s.w.» Man gibt mir Ratschläge, die ich sicher befolgen würde, wenn ich - Parmenio wäre. - «Ich soll eine gewisse anonyme Schrift ableugnen, die mir Zuge-schrieben wird.» Mag ein andrer sich so etwas erlauben; ich halte es mir nicht für erlaubt. Anerkennen werde ich auch keine anonyme Schrift. Wer seine Schriften anerkennen will, der tut es gleich bei der Herausgabe. Wer anonym schreibt, will sie nicht anerkennen.

«Ich soll mich doch nur wenigstens dieses halbe Jahr in acht nehmen, um die Politik nicht zu berühren.» Ich lese nicht Politik, und bin dazu nicht berufen. Das Naturrecht werde ich freilich, wenn es in meinem Kursus an der Reihe ist, meiner Überzeugung gemaß lesen, man verhiete es mir denn ausdrück­lich, und öffentlich; aber es kommt im ersten Jahre gewiß noch nicht an die Reihe. Ich handle dieses halbe Jahr nach Regeln, nach denen ich immer handeln werde; und werde immer so handeln, wie ich dieses halbe Jahr handle. Ich habe keine be­sondre Sommer- und keine besondre Winter-Moral.

«Ich soll mich verstecken, um desto mehr Gutes stiften zu können.» Das ist Jesuiter Moral. Ich bin dazu da Gutes zu tun, wenn ich kann; aber Böses tun darf ich unter keiner Bedingung, und auch nicht unter der des künftigen Gutestuns.

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Betrachte ich mich hierbei völlig isoliert, so wäre ich der letzte unter den Menschen, wenn ich bei meinen Grundsätzen, und bei der etwanigen Kraft, mit der ich sie gefaßt habe, irgend etwas fürchten, und darum auch nur um eines Fußes Breite von meiner Bahn weichen wollte. Wer den Tod nicht fürchtet, was unter dem Monde soll der doch fürchten? - Überhaupt, es wäre dann lächerlich, wenn ich jene Dinge nur einer ernsthaften Maßregel würdigen wollte.

Aber ich bin leider nicht mehr isoliert. An mein Schicksal ist das Schicksal mehrerer Menschen gebunden. Ich rede nicht von meiner Frau. Sie wäre es nicht, wenn ich ihr nicht die gleichen Grundsätze zutraute. Aber an sie ist ein 74jähriger Greis, ihr Vater, unzertrennlich gebunden. Sein Alter bedarf der Ruhe; er kann nicht der Gefahr, umhergetrieben zu werden, sich aus­setzen, der ich selbst mich wohl aussetzen darf. Es ist also die Frage, und es ist nötig> daß diese Frage beizeiten beantwortet werde: Kann und will der Fürst, dem ich mich anvertraut habe, mich schützen? will er's unter folgenden Bedingungen?

Ich komme kün/tigen Sonnabend nach Weimar, und stelle mich den Leuten, die mir etwas zu sagen haben könnten, unter's Gesicht, um zu sehen, ob sie Mut genug haben, mir Zu sagen, was sie andern von mir sagen. Ich lasse die bis jetzt öffentlich gehaltnen 4 Vorlesungen, in welchen ich jene Torheiten gesagt haben soll, und welche ich mit gutem Vorhedacht wörtlich niederschreibe, und wörtlich ablese ehestens unverändert wört­lich abdrucken. Es würde die höchste Vergünstigung für mich sein, wenn der Herzog mir erlauben wollte, ihm dieselben zu­zueignen. Mit voller Wahrheit könnte ich diesen Fürsten einer unbegrenzten Verehrung versichern, die alles was ich je von ihm gehört, später das, daß er mir bei der Meinung, die das Publi­kum nun einmal von mir gefaßt hat, ein Lehramt auf seiner Universität anvertraute, in mir gegründet, und welche die per­sönliche Bekanntschaft mit Demselben ins unendliche erhöht hat. Es würde mich sehr freuen, vor dem ganzen Publikum zeigen zu können, daß ich einen großen Mann verehren kann, auch wenn er ein Fürst ist; und ich sollte glauben, daß diesem Fürsten,

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der in sein Menscbsein seinen höd,sten Wert setzen kann, die Versicherung einer Verehrung, die dem Menschen in ihm, und nicht dem Fürsten gilt, nicht unangenehm sein könnte. - Ich bin erbötig auf diesen Fall bin, Ihnen, oder dem Herzoge selbst die Schrift in Probebogen vorher vorzulegen; sowie auch, wenn es verlangt wird, die Dedikation: ob es mich gleich, ich gestehe es, noch mehr freuen würde, wenn man mir ohne vorläufige Untersuchung zutraute, daß ich mich in einer 50 delikaten Sache würde zu benehmen wissen.

Wenn man es verlangt, so will ich versprechen, daß eine ge-wisse anonyme Schrilt nicht fortgesetzt werden soll; ja ich will sogar versprechen binnen einer beliebigen Zeit keine anonyme Schrilt üher politische Gegenstände zu schreiben> (wenn nicht etwa die Selbstverteidigung es notwendig macht) . - Daß ich dies leicht versprechen, und hinterher doch tun könne, was ich wolle, da ich unentdeckt zu bleiben hoffen dürfte - diesen Ein-wurf erwarte ich von niemanden, mit dem ich unterbandeln soll. Was ich verspreche, halte ich, und wenn auch keiner, als ich selbst, weiß, daß ich es halte.

In meinen Vorlesungen aber kann ich nichts ändern; und werden sie nicht gebilligt, so müssen sie mir überhaupt öffent­lich untersagt werden. Ich soll, und werde sagen, was ich nach meiner besten Untersuchung für wahr halte> ich kann irren; ich sage es meinen Zuhörern täglich, daß ich irren kann; aber nach­geben kann ich nur Vernunftgründen. (Wenigstens hat bis jetzt noch niemand sich auch nur den Schein gegeben, als ob er das, was man für meine Irrtianer hält, aus Prinzipien widerlegen könnte.) Ich werde es an seinem Orte, und zu seiner Zeit, d. i. wenn es in der Wissenschaft, die ich lehre, an die Reihe kommt, sagen. Es wird in meinen Vorlesungen zu seiner Zeit auch von der Achtung gegen eingeführte Ordnung> usw. die Rede sein; und diese Pffichten werden mit nicht geringerm Nachdrncke eingeschärft werden.

Unter diesen Bedingungen nun erwarte ich Schutz, und Ruhe zu Jena, wenigstens so lange mein alter Schwiegervater lebt; und ich bitte darüber um das Wort des biedern Fürsten.

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Darf ich einige Betrachtungen hinzusetzen, um die Billigkeit meiner Bitte darzutun. Ich habe keinen Schritt getan, um den Ruf zu erhalten, den ich erhalten habe. Man kannte mich, als

man mich rufte; man wußte, welche Sch . . .

würden; man wußte, welche Meinung das Publikum von mir gefaßt hatte; ich habe an den gehörigen Mann geschrieben, und der Brief muß noch existieren, «daß ich eher Mensch gewesen, als akademischer Lehrer, und es länger zu bleiben hoffte, und daß ich nicht gesinnt sei, die Pflichten des erstern aufzugeben, und daß ich, wenn das die Meinung sei, auf den erhaltenen Ruf Verzicht tun müsse»; ich schrieb dies. als von gewissen Grund-sitzen die Rede war.

Ich hin gewarnt worden; man hat mir in der Schweiz von verschiedenen Orten her gesagt, daß man mich bloß deshalb riefe, um mich in seine Gewalt zu bekommen. Ich habe diese Drohungen verachtet; ich habe der Ehre des Fürsten, der mich rief, getraut. Er wird mich schützen; oder kann Er's unter den genannten Bedingungen wenigstens bis auf die bestimmte Zeit nicht, so wird Er mir's freimütig sagen. In diesem Falle schreibe ich künftigen Dienstag den Meinigen, die ich nicht ohne Vor-bedacht in der Schweiz zurückgelassen habe, zu bleiben, wo sie sind; und kehre nach Vollendung meiner halbjährigen angefan­genen Vorlesung, in mein ruhiges Privatleben zurück.

Vergeben Sie den entschiedenen Ton, mit welchem ich geredet habe. Ich wußte, daß ich mit einem Manne, und mit einem gütig gegen mich gesinnten Manne redete. Mein Antrag wäre lächer­lich, wenn bloß von mir die Rede wäre; ich darf keine Gefahr fürchten: aber mein Bewegungsgrund entschuldigt mich vor mei­nem Herzen, und wird mich vor dem Ihrigen entschuldigen.

Mit wahrer warmer Hochachtung

Ihr innigst ergehner

Jena, d. 24. Jun. ,794 Fichte

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III.

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Ich kann Ihnen jetzt, Verehrungswürdiger Herr Geheimer Rat, nur meinen innigen Dank sagen, und Ihre gütige Einladung auf künftigen Sonnabend annehmen.

Über verschiedenes, was mir nicht ganz deutlich ist, verspreche ich mir Ihre nihere gütige Erklärung. - Verteidigen kann ich mich nicht, denn ich bin nicht angeklagt; ich bin nur lügenhaft

verleumdet; und hinterm Rücken verleumdet, und ich weiß nicht, ob jemand mir selbst sagen wird, was mich zu einer Ver­teidigung nötigte.

Ich bin mit der wahrsten Hochachtung

Ihr innigst ergebner

Jena, d. 25. Jun. ,794 Fichte

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IV.

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Euer Hochwohigeboren übersende ich die bis jetzt fertig abge­schriebenen zwei Vorlesungen. Den Mangel der Korrektheit bitte ich mit dem Grunde zu entschuldigen, den ich hatte, Ihnen keine größere zu geben, als sie beim mündlichen Vortrage hatten.

Mit Hochachtung und warmen Dank

Ihr innigst ergebner

Jena, d. I. Jul. ,794 J. G. Fichte

#TI

V.

#TX

Überbringer dieses, mein Freund und Zuhörer, Hrr. Fhr. v. Bielfeld bat sich ein paar Zeilen von mir an Euer Hochwohl­geboren aus, und ich nehme mir die Freiheit, Ihnen bei dieser Gelegenheit die fünfte mit für den Abdruck bestimmte Vor­lesung zu überschicken.

Ihr Beifall ist derjenige, den ich vorzüglich wünsche, und es machte mir große Freude, aus Ihrem Briefe zu sehen, daß Sie denselben auch diesen Vorlesungen nicht gänzlich versagten.

Mit inniger Hochachtung empfehle ich Ihnen mich, und alle meine literarischen Arbeiten.

Jena, d. 5. Jul. ,794 Fichre

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VI.

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Oft, mein Verehrtester Herr Geheimer Rat, habe ich bei Ausarbeitung des beiliegenden Teils meines Lehrbuches daran gedacht, daß Sie es lesen würden; und mehrere Male, wenn ich schon im Begriffe war, es nun gut sein zu lassen, hat dieser Ge­danke mich vermocht, das Niedergeschriebene von neuem völlig umzuarbeiten. Wenn es dadurch doch noch nicht so weit gekommen ist, daß ich vollkommen damit zufrieden sein kann -die Probe davon ist immer die, ob ich mir Sie als völlig damit zufrieden denken kann - so lag das an der gebietenden Lage, in welcher ich schrieb. Wenn ein Bogen durchgelesen war, mußte ein anderer erscheinen; und dann mußte ich es gut sein lassen.

Mit freier Verehrung für Ihren Geist und Ihr Herz empfehle ich mich Ihrem Wohlwollen.

Jena, d. 30. September 1794 Fichte

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VII.

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Hochwohigeborener Herr

Höchstzuverehrender Herr Geheimer Rat.

Der nie gebeten hat, bittet, und so viel ich einsehe, um Ge­rechtigkeit.

I. Ich habe ein Publikum angefangen, das auf den Zustand der Akademie einen Einfluß hat, den nur Ich weiß, und den ich, um nicht unbescheiden zu scheinen, nie sagen werde. Gesetzt es hat keinen; es ist ein Publikum, und ich bin verbunden, eins zu lesen.

In den Wochentagen sind die Stunden so besetzt, daß man uns armen Nicht-Senatoren offiziell verbietet, die nötigen Privata zu lesen (worüber unter Nr.2).

Ich opfere von meinem Sonntage, den ich nicht frei, sondern nur zu andern der Akademie gleichfalls gewidmeten Geschäften bestimmt habe, eine Stunde für dieses Publikum.

Menschen, die nie bekannt waren, viel Religion zu besitzen, schreien seitdem über den «Sabbathsschänder», hetzen die Bür­gerschaft und die Geistlichkeit auf mich; erzählen an Studenten,

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daß sie die nächste Senatssitzung sich das Verdienst machen würden, gegen mich Klage zu erheben; und bis heute - Dien­stags - haben sie es schon so weit gebracht, daß sie ihre Indig­nation unsern frommen Weibern mitgeteilt. - Ich nenne auf Nachfrage Mann, und Weib.

Warum ich bitte, ist folgendes:

Ich habe mich sorgfältig nach dem Gesetze erkundigt, laut der Beilage. «Es ist darüber kein Gesetz da.»

(Und dabei im Vorbeigehen! - Hat unsere Akademie Gesetze für die Professoren, oder nicht? Ich bin in das zweite Halbjahr Professor und weiß es gewiß nicht. Was ich weiß, habe ich bitt­weise - Das ist für einen Mann, der dem Gesetze buchstäblich nachkommt, darum, weil er gern frei ist, allerdings hart.)

Ist wirklich keines da, so bitte ich binnen hier und Sonntag um e'n Gesetz, d. i. nicht um eine bloß für mich geltende Ordre, sondern um einen gemeingültigen, öffentlich promulgierten Be­fehl: Um einen fürstlichen Befehl.

1.) binnen hier, und Sonntag - Ich habe mich anheischig ge­macht durch öffentlichen Anschlag, jeden Sonntag zu lesen, ich bin in Vertrage mit den Studenten; ich will diesen Vertrag nicht brechen; und ich kann nur, wenn ich krank werde - ich habe alle Anlage, künftigen Sonntag gesund zu sein - oder wenn ich ein Verbot erhalte, das ich respektieren kann, und mit Ehren darf.

2.) einen fürstlichen Befehl. - Befehlen des Senats, ohnerachtet ich völlig rechtlos zu sein scheine, will und werde ich mich nicht unterwerfen.

3.) sollte bis Sonntag ein solcher Befehl nicht auf eine mich überzeugende Art ankommen, so lese ich ohne Zweifel; entledige durch gegenwärtige Anfrage mich aller möglichen Verantwortung, und mache Anspruch auf Schutz in diesem Vorhaben.

4.) ich behalte mir vor, diejenigen, die mein Unternehmen verleumdet und mich beschimpft haben, gerichtlich zu belangen, sobald die Sache bis dahin ausgemittelt sein wird.

2. Es wird von mir, lange nach dem Abdruck des Lektions­kataloges durch die besondern Bedürfnisse der Studierenden eine

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Art von Einleitung in die transzendentale Philosophie gefordert. Ich lege dafür Platners Aphorismen über Logik und Metaphysik zum Grunde, und lese von 6 bis 7 Uhr.

Der Dekan der philosophischen Fakultät Hrr. H. R. Ulrich mel­det mir officialiter, daß ich angehalten werde, diesen Unfug zu unterlassen, damit Hrr. H. R. Reichardt die Stunde von 6 bis 7 zum - - «Dupliren» der Pandekten brauchen könne. Für Logik sei die Stunde von 3 bis 4 festgesetzt. - Ich antworte darauf i.) daß mir kein solches Gesetz bekannt gemacht worden, noch ich es angenommen 2.) daß ich von 3 bis 4 Uhr wirklich lese, was unsere guten Vorväter unter Logik gedacht haben mögen, die theoretische Philosophie 3.) daß demnach dieses Zumuten eigent­lich soviel sage: ich solle gar nicht lesen; und daß ich mit meh­rerm Rechte sagen könne, Hrr. Reichardt solle nur nicht duplie-ren, sondern sich so einrichten, daß er auskomme.

Gerade so spielt man mit Prof. Wolttmann. Er liest Staaten-geschichte von 6 bis 7 Uhr. Um des gleichen Duplierens Willen mutet man ihm an sie von 4 bis 5 Uhr zu lesen, welche Stunde dafür festgesetzt sei. Er liest in dieser Stunde Universalgeschichte, die auch darauf verlegt ist. - Mithin heißt jene Zumutung, er solle Staatengeschichte gar nicht lesen, damit Hrr. Reichardt die Pandekten duplieren könne. Das wagen jene Menschen uns zu bieten, und wir stehen rechtlos da.

3. In meinen öffentlichen Vorlesungen sind oft gegen 500 Zu­hörer gewesen. Ich habe im vorigen Sommer dazu das Gries­bachische Auditorium mir erbeten, das für zahlreiche Versamm­lungen von jeher gebraucht worden. Der Hrr. G. K. R. Griesbach findet seitdem, daß dadurch die Bänke abgerieben werden und schlägt es mir ab mit seinem vollen Rechte. Ich, gleichfalls mit meinem vollen Rechte, frage nach einem öffentlichen philoso­phischen Auditorium; setze voraus, daß das doch ein möglicher Aufenthalt für Menschen sein müsse, und gehe vorigen Sonntag, morgens 9 Uhr in dem größten Regen dahin. Ich finde meine Zuhörer vor der Tür, die mir sagen, daß im Auditorium die Fen­ster eingeschlagen, daß es voll Unrat sei usw. und sie bäten mich, daß ich nach meinem Hause gehen und daselbst lesen möchte.

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Ich gehe in diesem heftigen Regen zurück, weil ich ihr Begehren menschlich finde; und der Trupp meiner Zuhörer mit mir. Wenn dadurch ein Geräusch auf den Straßen entstanden; wo liegt doch die Schuld?

4. Man wird sagen, die Stunde von 9 bis ,0 falle während der kirchlichen Versammlungen. - 1.) Man nenne mir nur eine andere. Um i Uhr, gleich nach Tische zu lesen, würde mir höchst ungesund sein; auch wrn ich für meine Betrachtungen den offe­nen Geist meiner Zuhörer in den Morgenstunden; nicht ihren gefüllten Bauch, der keine Ohren hat. In den spätern Nachmit­tags- und Abendstunden ist gleichfalls kirchliche Versammlung, Konzert, Klub. - In den frühern Morgenstunden schlafen die Studierenden noch, weil sie diesen einzigen Tag zum Ausschlafen haben. 2.) Für die Studenten ist die Stadtkirche nicht, sondern die Kollegen-Kirche. Diese ist von II bis 12 Uhr; und darum habe ich diese außerdem allerbequemste Stunde nicht gewählt. Ich selbst werde von nun an die Kollegen-Kirche besuchen, und vielleicht mancher meiner Zuhörer mit mir. 3.) Die physikalische Gesellschaft hat ihre Sitzungen gleichfalls Sonntags während der Nachmittagspredigt, und ich wußte nicht, daß ihr jemand ein Verbrechen daraus gemacht. Ohne Zweifel hat dieselbe sie aus dem gleichen Grunde auf diesen Tag ,verlegen müssen, weil in den Wochentagen kein Zeit zu zahlreichen Versammlungen ist. Auf unserer Universität sind gottiob! alle Stunden besetzt.

5. Von der moralischen Seite angesehen, müßte es allerdings jeden verständigen Mann gegen mich einnehmen, wenn er glau­ben könnte, daß ich durch jenes Unternehmen, ich weiß nicht welche Aufgeklärtheit affigieren wolle; und allerdings mögen viele unter den Tadlern, der Analogie ihrer eignen Kleingeisterei nach, mir so etwas zutrauen. Ein solcher Verdacht ist mir so lächerlich, daß ich keine Geduld habe, ihn zu widerlegen. Ich ging noch in die Schule, als ich über eine solche Aufklärung schon hinweg war. - Ich bin schwer daran gegangen, ehe ich den Sonn­tag wählte. Das beweist mein Aufschub der Eröffnung dieser Vorlesungen, ohnerachtet ich sehr oft von den Studierenden da­zu aufgefordert worden; weil ich noch immer hoffte eine Stunde

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in der Woche auszumitteln: das beweisen meine sorgfältigen wie­derholten Anfragen bei mehreren.

6. Es ist diesen Leuten nicht, weder um wahre noch einge­bildete Religion zu tun. Mein wahres Verbrechen ist dies, daß ich Einfluß und Achtung unter den Studierenden, und Zuhörer habe. Möchte ich doch immer an den höchsten Feiertagen lesen, wenn es vor leeren Bänken wäre! Daher ergreifen sie jeden Vor-wand, um mich zu hindern; und werden aus bloßem odio acade­mico alt-orthodoxe Christen sogar.

Mein inniges volles Zutrauen zu Ihnen, mein Verehrungswür­digster Herr Geheimer Rat, bewog mich, mich vorzüglich und ohne weitere Förmlichkeit, an Sie zu wenden. Dem ohnerachtet ersuche ich Sie, jeden dienlichen Gebrauch von diesem Briefe zu machen, und ihn, insoweit er es sein kann, als offiziell anzusehen; oder mich gütigst wissen zu laßen, was für Wege ich einzuschla­gen habe, um binnen hier und Sonntag zu meinem Zwecke zu kommen.

Mein Entschluß ist übrigens ganz fest. Ich kann unbeschadet meiner Ehre, nach diesen Vorfällen nicht heimlich, und in der Stille mir ein Dementi geben; dem Gesetze aber werde ich ohne Widerwillen, ohne Anmerkungen, mit Freude, wie ein guter Bür­ger gehorchen; jetzt, wie immer. - Außer dem Falle des Gesetzes aber bin ich auf das Äußerste gefaßt.

Mit inniger wahrer Hochachtung

Euer Hochwohlgeboren ganz gehorsamster Diener

J. G. Fichte, Prof.

Jena, d. 19. November 1794

Fichte an Schiller

#G031-1966-SE442 - Gesammelte Aufsätze zur Kultur- und Zeitgeschichte 1887 - 1901

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Fichte an Schiller

VIII.

Berlin, den 2. Febr. 1800

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Ich danke Ihnen, mein verehrtet Freund, für die Aussichten, die Sie mir und der Literatur eröffnen.

Ohne just einen bestimmten Plan vorlegen zu können, waren meine Gedanken für ein kritisches Institut folgende.

Die Wissenschaft muß schlechthin, scheint es mir, sobald als möglich eine Zeitlang unter erne strenge Aufsicht genommen wer­den, wenn die wenigen guten Saatkörner, die da gestreut wor­den, nicht in kurzem unter dem reichlich aufschießenden Unkraute zugrunde gehen sollen. Auf dem Gebiete der ersten Wissenschaft, der Philosophie, die allen andern aus der Verwirrung helfen sollte, schwatzt man den alten Sermon fort, als ob nie etwas ge­gen ihn erinnert worden wäre, und verdreht das neue, daß es sich selbst durchaus nicht mehr ähnlich ist. Zum Glück ist man dabei so feig, daß man erschrickt und sich zusammennimmt, so­bald einer das Unwesen ernstlich rügt, es aber wieder forttreibt, sobald die Aufsicht einzuschlummern scheint. Ich halte es für sehr möglich, durch eine 2 bis 3 Jahre fortgesetzte strenge Kritik die Schwätzer auf dem Gebiete der Philosophie zum Stillschwei­gen zu bringen, und den bessern Platz zu machen. Da es nun möglich ist, so muß es geschehen.

Um einen festen Punkt zu haben, arbeite ich gegenwärtig an einer neuen Darstellung der Wissenschaftslehre, die meiner Hoff­nung nach so klar sein soll, daß man einem jeden von wissen­schaftlichem Geiste anmuten könne, sie zu verstehen. Was diese in der wissenschaftlichen Literatur wirkt, werde ich fortdauernd beobachten und referieren. Ich werde über das ganze Gebiet der Wissenschaft soweit mich verbreiten, als eignes Vermögen und Mitarbeiter, die eine ähnliche Gesinnung uns allmählich zuführen wird, es erlauben, ohne eben auf Universalität Anspruch zu machen. Was nicht durchaus gründlich geschehen kann, muß lie­ber unterbleiben.

Ich denke mit einem Berichte über den gegenwärtigen Zustand der deutschen Literatur anzufangen, in welchem ich die faulen

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Flecke derselben, - die Fabrikenmäßige Betreibung der Schrift-stellerei durch Buchhändler und Autoren, die Lächerlichkeit der Rezensierinstitute, die elenden Beweggründe zur Schriftstellerei usw. unverhohlen aufdecken und Vorschläge zur Verbesserung tun werde. In diesem Berichte werde ich die kritischen Maß­regeln unseres Instituts in wissenschaftlicher Rücksicht angeben. Ich werde es im Manuskripte Ihrer und Goethes Beurteilung vorlegen.

Ich maße mir kein Urteil an, was in der Kunst, in der wir denn doch nun durch Goethes und Ihr Muster und durch einige recht gute Philosopheme der neuern Philosophie wissen, worauf es ankommt - von Seiten der Kritik geschehen könne. Ihnen beiden kommt es zu zu entscheiden, welches die notwendigsten Lehren für die Kunstjünger unserer Zeit sind, und wie diese an den Erscheinungen der Zeit anschaulich gemacht werden müssen. Goethe hat ja in seinen Propyläen und andern seiner neuesten Schriften auch hierin Muster aufgestellt. Universalität, glaube ich, müßte man auch hier nicht beabsichtigen, sondern nur immer das jetzt eben nötigste sagen.

Schelling besteht darauf, daß eine wissenschaftliche Zeitschrift von uns beiden künftige Ostern ihren Anfang nehmen solle, und hat sich, da ich bis dahin nichts liefern kann, erboten, den ersten Teil selbst zu besorgen. Da ich allerdings der Meinung auch hin, daß gleich nach Erscheinung einer Elementar-Philosophie, die auf allgemeine Verständlichkeit Anspruch macht, die Aufsicht an­heben und man die ersten Äußerungen beobachten müsse, so werde ich unmittelbar nachher dazutreten. Ist es Ihnen und Goe­the nicht möglich so bald beizutreten, so lassen Sie uns wenig­stens auf spätere Vereinigung hoflen. Man läßt dann das erstere nur wissenschaftliche Institut eingehen, macht einen andern Titel, usw

*

Daß Cotta den Vorschlag nicht begierig annehmen solle, daran habe ich keinen Zweifel. Möchten Sie nicht die Güte haben, mir Vorschlage zu tun, welche Bedingungen ich für Sie und Goethe

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fordern soll: wenn Sie nicht zu seiner Zeit lieber unmittelbar mit ihm unterhandeln wollen.

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Ich lege, ebensowoM in Cottas als in meinem Namen zwei Exemplare meiner neuesten Schrift für Sie und Goethe bei. Diese Schrift macht durchaus keine Ansprüche und entstand auf die gelegentliche Veranlassung alberner Gespräche, die ich rund um mich herurn über den abgehandelten Gegenstand hören mußte.

Ich bitte um Verzeihung, daß ich auch die Bestimmung d. M. 1, die gar keine Novität mehr ist, beilege.

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Leben Sie recht wohl mit den Ihrigen, genießen Sie der besten Gesundheit und behalten Sie mich lieb.

Ganz der Ihrige Fichte

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IX.

Berlin, d. 18. August 1803

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Den Einen Punkt dieses Schreibens an Sie, mein verehrungs-würdiger Freund, hat Hrr. Zelter in einem Schreiben an Hrr. G. R. Goethe versprochen, und ich habe übereilt den Auftrag ange­nommen, ob ich gleich vermute, daß es Goethen eigentlicher um Zelters Urteil, als um ein Urteil überhaupt zu tun war. Der zweite betrifft meine Angelegenheit; und ich bitte sehr um Ver­zeihung, daß ich Sie damit unterbreche. Ich würde darüber ent­weder an den Regierungsrat (nicht Geheimen Rat, wie Z. durch einen Irrtum an Goethe geschrieben) Voigt, der sich in der Sache schon gütig verwendet, oder an D. Niethammer geschrieben ha­ben, wenn ich nicht zweifelte, ob der erstere von seiner Reise nach Dresden schon zurück sei, und den zweiten gleichfalls ab­wesend vermutete. Ich schreibe, was dieses betrifft, auf ein be­sonderes Blatt, damit es den R. R. Voigt oder auf den Fall seiner Abwesenheit einem andern Rechtsfreunde, den Sie oder Goethe für meine Sache interessieren, mitgeteilt werden könne; indem ich hier nur noch Sie und Goethe bitte und beschwöre, Ihr Interesse

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­1 des Menschen

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für diese Angelegenheit noch nicht ermüden zu lassen, damit nicht, wie es nach der Antwort des Hr. Salzmann das An-sehen bekommt, durch das bis jetzt geschehene nur lediglich der Verlust derselben beschleunigt werde. Die Sache scheint mir ge­recht, sie scheint ruir von allgemeinem Beispiele, und ich möchte wünschen, daß Sie und Goethe ein Stündchen fänden, meine bei­liegende Instiuktion, die zunächst freilich auf die Fassungskraft eines Advokaten berechnet und darum etwas zu deutlich ist, ge­meinschaftlich durchzulesen.

*

Goethes «Natürliche Tochter» habe ich die zweimal, da sie hier aufgeführt worden, mit aller Aufmerksamkeit gesehen, und glaube zu jeder möglichen Ansicht des Werks durch dieses Medium mich erhoben zu haben. So sehr ich Goethes Iphigenle, Tasso und aus einem andern Fache Hermann und D. verehrt und ge­liebt und kaum etwas Höheres für möglich gehalten habe, so ziehe ich doch dieses Werk allen seinen übrigen vor und halte es für das dermalig höchste Meisterstück des Meisters. Klar wie das Licht und ebenso unergründlich, in jedem seiner Teile leben­dig sich zusammenziehend zur absoluten Einheit, zugleich zer­fließend in die Unendlichkeit, wie jenes. Dieser streng organische Zusammenhang macht es mir nun ganz unmöglich, irgendeinen Teil davon wegzudenken oder inissen zu wollen. Was in dem ersten Teile sich noch nicht ganz erklärt, als die geheirrmisvollen Andeutungen eines verborgenen Verhältnisses zwischen dem Her­zoge, und seinem Sohne, beider, und noch anderer, geheime Ma­chinationen, bereiten ohne Zweifel das Künftige vor und erfüllen schon jetzt das Gemüt mit einem wunderbaren Schauer.

Daß ein Werk von dieser Tiefe und Simplizität zugleich, von irgendeiner vorhandenen Schauspielergesellschaft in seinem in­nern Geiste ergriffen und dargestellt werden solle, darauf ist ohne Zweifel Verzicht zu tun. Der rechte Zuschauer aber soll durch die Beschränktheit der Darstellung hindurch das Ideal der­selben und durch dieses hindurch das Werk erblicken. Dies ist der Weg, den ich habe gehen müssen, und der bei dramatischen Kunstwerken mir gerade der rechte scheint. Daher mag es kom­men,

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daß Zelter, der mit der Lektüre angehoben und hieraus sich selber die idealische Darstellung gebildet, bei Erblickung der wirklichen ungenügsamer gewesen ist denn ich, der ich sonst eben nicht großer Genügsamkeit mich rühmen kann. - Nun dem ge­meinen Zuschauer zuförderst diese Erhebung über die Beschränkt­heit der Darstellung angemutet - bei gemeinen Werken ist er deren überhoben, da fällt die Darstellung und die Sache, weil beide gemein und flach sind, sehr richtig zusammen - ihm ferner eine 2 bis 3 Stunden dauernde strenge Aufmerksamkeit ange­mutet, weil eben das Ganze ein Ganzes ist, und er gar keinen Teil versteht, wenn er nicht alle versteht - dagegen bei den ge­meinen Stücken er abwesend sein kann, wenn er will, und wie­derum aufmerken, wenn er will, und doch immer ein ganzes .. Sandkorn nämlich, - glücklich antrifft - endlich ihm den durch­aus ermangelnden Sinn für das Inwendige im Menschen, und die Handlung, die auf diesem Schauplatze vorgeht, angemutet - da­her Direktion, Stadt und Hof glauben, in den beiden letzten Akten dieses Werkes sei keine Handlung, und allerdings hätte Goethe für diese beiden Akte, durch die simple Erzählung: Euge­nia gebe ihre Hand einem Justizrate, ersparen können - diese Anmutungen alle, so ist begreiflich, mit welchen Gesichtern sie aufgenommen werden. Ich aber für mein Teil bestärke mich nur immer mehr, je älter ich werde, und jemehr hier täglich irgend­eine Dummheit mich drückt, und je mehrere Meisterwerke sie von dorther uns schicken, in der unbarmherzigen Gesinnung, daß man allerdings das höchste, und allein das höchste, vor die Augen des Publikum bringen solle, ohne alles Mitleid mit der Lang-weile, und Unbehaglichkeit der Unbildung, daß man gar nicht das Schlechte flicken, und das Gute, so Gott will, daran an­knüpfen, sondern dieses rein vernichten, und das Gute rein er­schaffen solle, und daß es nie besser mit dem Schlechten werden wird, als bis man durchaus nicht weiter Notiz davon nimmt, daß das Schlechte vorhanden ist.

Unter den Schauspielern trug, meines Erachtens, Madame Fleck als Eugenie bei weitem den Preis davon. Besonders war ihr Spiel im zweiten Aufzuge, im Ausdrucke der freudigen Erwartung

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im Sonette, in der demnächst folgenden dichterischen Phantasie - sodann bei Anlegung des Schmucks, dem Hervor­brechen ihrer adeligen freigebigen Gesinnung usw. begeistert und begeisternd. Eigentlich verdorben hat sie nichts, dessen ich mich erinnerte. Ifiland stellte den zärtlichen Vater, besonders im drit­ten Akte, den im Gedanken des geglaubten Verlustes zergehen­den, sehr gut dar und machte auf sein Publikum einen mächtigen

Eindruck: aber es blieb immer ein zärtlicher Vater aus einem seiner Berge Familienstücke: die Vornehmheit des ersten Vasal­len, geheimen Gemahls der stolzen Prinzessin, Vaters der hohen Tochter, die Bedeutsamkeit des finster drohenden Gestirns am politischen Horizonte dieses Reichs, gingen verloren - nicht zum Schaden des Stückes, wie mir's scheint, beim wahren Zuschauer; denn wer Iffianden außerdem kennt, wird ihn nicht für identisch mit einer solchen Person nehmen, und auf den Wink des Dich­ters Würde, und Hoheit, und Tiefe gern supplieren. Mattausch, als König, war recht stattlich. Noch verdient Bessel (der sonst unbedeutende Rollen spielt) als Weitgeistlicher der Erwähnung. Er spielte nicht ohne Kraft; und manche Rohheit im Benehmen mochte der günstige Zuschauer auf das Doffieben des geistlichen Herrn zu schieben. Bethmann, als Gerichtsarzt, spielte gerade nicht unsorgfältig, wie ihm bat vorgeworfen werden wollen, aber was läßt aus diesem ungelenksamen, eintönigen Organe sich machen? Herdt, als Mönch, ließ nicht von seiner Natur, die Ak­zente so zu setzen, wie das natürliche Atmen es erfordert; doch verstand man ihn ganz, und man mochte sich nun eben die Rolle anders und richtig sprechen. Beschart spielte den Gouverneur glatt und galant weg, wie dies seine Manier ist; und dies tat der Rolle nicht übel. Die Rolle der Hofmeisterin war einer Sängerin, welche aus an sich sehr löblicher Vorsicht auf die Zeit, da sie mit ihrer Singstimme auf die Neige kommen dürfte, sich auf die Rezitation legen will, der Madame Schiel, übertragen. Diese brachte nun dazu allerdings die Gestikulation vom Operutheater, singen aber durfte sie nicht, und reden konnte sie nicht. Ich glaube zwar wohl überhaupt die Absicht und Bedeutung dieser Rolle erraten zu haben; die Worte aber habe ich beidemal nicht

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gehört; hierüber daher ist in meiner Erkenntnis eine Lücke ge­blieben. Aus Schwadkes - der den Sekretär spielte - gründlicher Seichtigkeit läßt keine Goethische Person sich machen. Dieser Mann wäre ganz in die Konversationsstücke aus dem Englischen zu exilieren.

Noch eine mir sehr auferbaalich und sehr lehrreich gewesene Anekdote. Die Rolle der Nonne war den ersten Tag mit Madame Herdt besetzt, welche sich also benahm, daß das Publikum in ein lautes Gelächter ausbrach - und diesmal zwar mit dem voll­kommensten Recht. Wie hilft sich die Direktion den zweiten Tag? Nun, sie läßt diese Rolle ganz weg - nur Eine der un­nützen Personen, mochte sie denken, welche in den beiden letzten Akten auftreten - (wie erst, in steigender Angst alle Mittel der Rettung versucht werden müssen, ehe zum letzten sonderbaren gegriffen wird, und wie noch nebenbei alle Stände des seinem Untergange entgegengehenden Reichs nach ihrem wenigsten Gei­ste vor den Augen des Zuschauers vorbeigeführt werden sollen, darauf geraten solche Beurteiler freilich nicht), - läßt aber die Rolle der Eugenia unverändert; dergestalt, daß nun der gewagte Blick in den Gewaltsbrief der Begleiterin ohne Zwischenglied und unmittelbar auf die Verweigerung ihn zu sehen, aus Furcht einen der beiden geliebten Namen zu erblicken, erfolgt. Hieraus lerne nun Goethe, wie er's zu machen hat, um die in seinen Werken so oft zögernde Handlung rascher fortgehen zu lassen!

Eine Frage: wie denkt sich der Verfasser die äußere Darstel­lung der Nation an dem Haufen, dieses Chores, aus dem seine einzelnen Repräsentanten sich loswinden und in die Handlung verfiechten? (was, im Vorbeigehen hiesigerlei Volk auch nicht faßt, und in der Ungerschen Zeitung z. B. gemeint wird, sie kämen und verschwänden, wie müßige Spaziergänger). Soll wirk­lich wenigstens ein Anfang des unermeßlichen Lebens und Trei­bens sichtbar sein, den nun die Phantasie ins Unbegrenzte fort-setze; oder soll der Zuschauer diesen Haufen wie mit dem Auge der Phantasie erblicken? Bei der hiesigen Aufführung trugen nur gegen das Ende des vierten Aufzugs, als Eugenia Anstalt macht, das Volk aufzurufen, plötzlich, wie gerufen, 2 oder 3 lumpige

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Kerls einen Koffer Studentengut und ein paar kleine mit Kauf­mannszeichen zierlichst versehene Ballen im Hintergrunde der Bühne vorüber, der die übrige Zeit hindurch von lebendigen Wesen leer blieb. Mir schien dies entweder zu viel oder zu wenig. Hab ich Recht oder Unrecht?

Da ich in meinem letzten des Auspochens bei der ersten Auf­führung erwähnte, zur Berichtigung, - denn selber dem Berliner Haufen möchte ich nicht gern mehr Böses nachsagen, als wahr ist - folgendes: es ist ganz notorisch, daß - Schadow die Aus­pocher bestellt, ordentlich vorher angeworben und organisiert hat. Ich schreibe Ihnen dieses zu jedem Gebrauche, wenn Sie es nicht schon längst wissen, denn es ist stadtkundig; nur möchte ich nicht gern der sein, der es Ihnen geschrieben hätte. So be­hauptet man auch, daß nicht Woltmann, sondern Iffland der Verfasser der letzthin erwähnten Beurteilung in der Ungerschen Zeitung sei. Ähnlich sieht es beider historischen Parteilosigkeit für schlechtes und gutes.

Ich empfehle mich Ihrem Wohlwollen.

Der Ihrige Fichte

NIETZSCHEANISMUS

#G031-1966-SE453 - Gesammelte Aufsätze zur Kultur- und Zeitgeschichte 1887 - 1901

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III

NIETZSCHEANISMUS

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Zwei Forderungen sind es, denen die Schöpfungen des Men­sdiengeistes genügen müssen, gleichwie die Blumen, wenn sie uns Freude machen sollen: sie müssen echt und frisch sein. Unechte Wahrheit, das ist grundlose Behauptung, und unechte Schönheit, das ist unnatürliche, ausgeklügelte Kunst, sind uns zuwider wie eine künstliche Rose. Aber auch, wenn sie echt sind, die Wahrheit und Schönheit, so verlieren sie ihren Reiz, sobald sie alt geworden sind, und Zustimmung und Anerkennung werden ihnen nur mehr aus Gewohnheit gezollt. Die Wahrheitsgründe wirken am besten auf uns, wenn der psychologische Prozeß, durch den sie Eingang in unseren Geist gefunden haben, noch wie ein gegenwärtiges Erlebnis in uns ist. Wir wollen nicht nur die Wahrheiten in unserem Bewußtsein haben, sondern unseren Überzeu­gungen sollen auch die Nachwirkungen anhängen von den Schwierigkeiten, durch die sie erworben worden sind. Ein schönes Kunstwerk, das nicht mit unmittelbarer, elementarer Macht auf uns wirkt, sondern auf das unser Sinn seit langer Zeit gelenkt ist, verliert das Ergreifende, das eine Schöpfung hat, der wir zum ersten Male das Auge entgegenstellen, das Ohr öffnen.

Deshalb bedarf von Zeit zu Zeit unser ganzes Wesen einer Auffrischung. Unser geistiger Bestand muß zurüchgeworfen werden in das Chaos. Was Jahrhunderte lang als Wahrheit gegolten hat, muß angezweifelt und neu bewiesen werden. Was Menschenalter hindurch als Schönheit bewundert wor­den ist, muß es sich gefallen lassen, blasierter Gleichgültig­keit zu begegnen. Dagegen läßt sich nichts machen; das ist das Schicksal des Menschengeistes. Radikale Zerstörer der

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Kulturerrungenschaften, Geister, die in allen Dingen wieder anfangen wollen, werden mit Notwendigkeit von Zeit zu Zeit erscheinen.

Einer der radikalsten dieser Geister ist Friedrich Nietzsche. Was er drucken ließ, macht das Antlitz jeder logisch-gewissen-haften Philisterseele schamrot. Man kann kühnlich ein Buch von Ihm nehmen und von jedem Satz das Gegenteil auf­schreiben; dann wird man ungefähr das herausbringen, was die meisten Menschen außer Nietzsche «wahr» und «richtig» nennen. Die gegenwärtigen Anhänger des wagehalsigen Zweiflers mögen mir diese Behauptung nicht übelnehmen. Sie wären ja doch niemals von sich selbst aus zu Nietzsche­schen Ansichten gekommen; sie sprechen und schreiben nach; in ihrem tiefsten Selbst brauchen sie sich also nicht verletzt zu fühlen. Viele wären ja doch auch ganz gute Philister, wenn sie nicht Nietzscheaner wären.

Friedrich Nietzsche stellt alles in Frage. Er zweifelt nicht bloß daran, ob dies oder jenes wahr sei, sondern er fragt:

ob denn Wahrheit überhaupt ein erstrebenswertes Ziel sei. Er erklärt nicht nur den moralischen Vorurteilen> sondern der ganzen Moral den Krieg. Er will nicht allein zum rein­sten, absolutesten Ausleben der menschlichen Persönlichkeit erziehen; nein, er will das Vorurteil «Mensch» selbst über­winden und zum «Übermenschen» hinüberleiten, der alles abgestreift hat, was den «Menschen» begrenzt und ein­schränkt. Zu einem plastischen Bilde dieses «Übermenschen» hat es Nietzsche nicht gebracht. Er hat in bisweilen poetisch-herrlichen Bildern und Aphorismen in seinem «Zarathustra» über den Übermenschen phantasiert; er hat viel gesagt, was der «Übermensch» nicht sein wird, und was er nicht an sich haben wird: aber zur positiven Aufstellung dieses Zukunftsideals

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hat es der Denker-Ikaros nicht bringen können. Wer die vielen Variationen, in denen Nietzsche sein Thema ausgeführt hat, überblickt, wird finden, daß aus ihnen allen heraustönt das oberste Gesetz: der Mensch hat nur die ernzige Aufgabe, die Summe seiner Persönlichkeit rücksichts­los, so stark als möglich und so weit als möglich, zur Geltung zu bringen. Lebe so, wie du dich am besten und vollsten durchsetzen kannst. Das ist Nietzsches erste Grundregel. Was du vermagst, das tue. Der «Wille zur Macht» ist daher das Leitmotiv alles Lebens. Sklavenmoral nennt es Nietzsche, was sich durch irgend welche sittlichen Grundsätze ein­schränken läßt in der Entfaltung seines souveränen Ichs. Menschenwürdig ist nur die Herrenmoral, die ein «Ja» sagt in sittlichen Dingen, nicht weil sie es für «gut» findet, son­dern weil sie will, weil sie die individuelle Macht auf diese Weise am besten durchsetzen kann. Diese «Jasager» sind Nietzsches Idealmenschen. Um ihrer willen sind all die an­dern Sklavenseelen da, die keine eigene Bestimmung haben. Sie sind die «Guten», und sie haben das Recht, die Hand. lungen der andern als «schlecht» zu bezeichnen, weil sie es wollen, und weil sie das rechte Herrenbewußtsein haben. Diese andern aber sind zu schwach, um ein ebenso energisches «Ja» zu sagen. Sie ziehen sich von dem Schauplatze der Tat auf jenen des Gewissens zurück, sie beurteilen die Hand-lungen der Menschen nicht nach der Macht, die sie bringen, sondern nach dem sittlichen Gefühle. Damit wird aller mo­ralische Maßstab umgekehrt, meint Nietzsche. Nur schwache, geistig krüppelhafte Personen lassen sich auf einen solchen Standpunkt ein. Sie müssen viel leiden im Leben, weil sie nicht Kraft genug haben, um sich die Freuden der Tat zu verschaffen. Sie haben daher auch Gefühl für das Leiden

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ihrer Mitmenschen. Mitleid kehrt in ihre Seelen ein. Der Mensch mit dem Herrenbewußtsein kennt das Mitleid nicht, er hat für die Schwachen, die Kranken nur Verachtung. Sie sind ihm die «Schlechten», während er der Starke, der Ge­sunde, der Gute ist. Jene Schwachen aber kehren den Spieß um. Sie nennen eine Handlung «gut», wenn sie möglichst wenig Leid und möglichst viel Wohl bei den Mitmenschen bewirkt. Wo eine Handlung den andern Menschen in seinem Wohlsein beeinträchtigt, wo sie ihren Träger auf Kosten eines andern zur Macht bringen soll, da nennen sie dieselbe «bös». «Gut» und «bös» sind die Grundbegriffe der Sklaven-moral, wie «gut» und «schlecht» jene der Herrenmoral. Selbstlosigkeit will jene, rücksichtsloses Durchsetzen des eigenen Selbst diese. Als das Grundkennzeichen und den Hauptmangel der abendländischen Kultur sieht es Nietzsche an, daß in derselben durch die Ausbreitung des Christentums mit seiner Verherrlichung von Mitleid und Selbstlosigkeit alles Herrenbewußtsein geschwunden ist, daß die Sklaven-moral zur allgemeinen Gesinnung geworden ist. «Jenseits von Gut und Böse» will daher Nietzsche den Moralstand-punkt der Zukunft fixieren; gründlich soll dem mitleids vollen Gesindel mit dem Armenleutegeruch und dem selbst­losen Pöbel mit der moralsauren Gesinnung das Handwerk gelegt werden. Ein echter Nietzscheaner geht nicht gern da­hin, wo viele Menschen sind, denn da riecht es nach Ge­wissen. Deshalb flieht Zarathustra-Nietzsche die Menschen und geht in die Einsamkeit. Nietzsche empfiehlt den Men­schen, sich moralische Schwielen wachsen zu lassen, damit sie getrost auf die Leiden ihrer Mitbrüder treten können, ohne von Mitgefühl gequält zu werden. Daß die ohne solche Schwielen darunter erdrückt werden: was kümmert's

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die Drückenden. Ihnen sagt ja ihr Meister: «Werdet hart». Wahrhaftig, schwerfälligen Geistes darf man nicht sein,

wenn man bei solchen Gedankengängen mitkommen soll. Wer noch ein wenig Disziplin seines Bewußtseins fühlt, der wird auch bald hinter Nietzsche zurückbleiben. Ich empfand es als theoretische Ehrensache, ihm überalihin zu folgen. Manchmal war mir's, als ob sich mein Gehirn von seinem Boden löste, manchmal fingen die feinsten Fasern desselben zu zappeln an; ich glaubte es zu spüren, wie sie sich sträub­ten, die von allen Urvätern ererbten Lagen so ganz plötzlich verlassen zu müssen. Vielleicht aber ist der Urgrund der Dinge so schwer zu erreichen, daß wir gar nicht zu ihm gelangen können, wenn wir nicht unser Gehirn aufs Spiel setzen wollen! So denkt nun freilich Dr. Hermann Türck nicht, der Nietzsches «Übermoral» einfach aus dem morali­schen Wahnsinn heraus erklärt. Perverse moralische Instinkte vorauszusetzen, um das Irrtümliche eines moralischen Stand­punktes sachlich aus seinem Träger zu erklären, ist mir etwas zu - Nietzscheisch. Nietzsche erklärt allerdings die Moral-lehren der einzelnen Philosophen nur für eine Umschreibung, Einkleidung und Verbrämung der in ihren organischen Tiefen waltenden Instinkte. Aber man sollte diesen Mann nicht mit seinen eigenen Münzen bezahlen. Er überzieht dieselben mit einer ganz dünnen Schicht eines schwer bestimmbaren Edel-metalls. Nehmen wir sie in unsere «Armenleutartig»-riechen-den Hände: sofort ist die Zauberschicht verschwunden. Türck läßt sich deshalb auch nicht genügen mit dieser Widerlegung; er zeigt die Notwendigkeit des selbstlosen Handelns, das moralische des Mitleids. Er beweist, wie notwendig beide sind zur Begründung eines wahren Staatswesens und des gesellschaftlichen Zusammenlebens der Menschen. Doch wozu

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das alles. Wer Nietzsche liest und sich ernstlich in ihn vertieft, braucht, um wieder zurechtzukommen, keine theo­retische Widerlegung, sondern mehrwöchentliche gesunde Gebirgsluft und sehr viele kalte Bäder. Die ihn nicht lesen, für die braucht er auch nicht widerlegt zu werden. Die ihn aber nur halb lesen und dann nachbeten, die lassen sich nicht widerlegen. Es ist auch gar nicht nötig, sie werden ganz gesunde Kulturgigerln bleiben, und ihre Umgebung hat doch etwas zu lachen.

In Flaschen abzapfen sollte man aber Nietzsche nicht. Bei dieser Gelegenheit geht alles Aroma verloren und schales Zeug bleibt zurück. Nietzsches Schöpfungen verdunsten eben rasch. Deshalb kann uns das Buch «Die Weltanschauung Friedrich Nietzsches» von Dr. Hugo Kaatz nicht gefallen. Wem soll mit solchen Zusammenstellungen Nietzschescher Aussprüche gedient sein? Höchstens der dritten der eben angeführten Menschenkategorie. Aber um das Nietzschegi­geritum zu fördern, sollte man keine Bücher schreiben. Es sickert genug durch von den Ansichten Nietzsches selbst und derer, denen er ernsthaft den Kopf verdreht hat, um die intellektuellen Hosen der Interessenten umzustülpen. Wir haben genug an Nietzsche selbst. Also nichts mehr von Aus­zügen aus seinen Werken.

Noch weniger erbaulich sind aber die Bücher der Portsetzer und Ausbauer der Nietzscheschen Weltauffassung. Eine Probe hat F. N. Finck geliefert. Hier wird der nackte, kahle Egoismus auf die Moralfahne der Zukunft geschrieben und ein Leben gefordert, welches das Gedeihen der willkürlich­sten, launenhaftesten Individualität und zwar nach den nie­dersten Bedürfnissen derselben zur einzigen Aufgabe macht. Was sich als Nachfolge haltloser Genialität entwickelt, zeigt

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dieses Büchlein. Der Kern desselben liegt darinnen, daß eine sich über ganz Mitteleuropa ausbreitende Nervenerkrankung statuiert wird. Die Heilung derselben obliegt den Nietzsche­isch gesinnten Ärzten der Zukunft. Nun, wir glauben: die Medizin wird schon auch fortkommen ohne den Einfluß und die Beihilfe von dieser Seite,

Nietzsche fußt auf durchaus berechtigten philosophischen Prinzipien. Ein solches ist der Standpunkt jenseits von «Gut und Böse». Die Moralbegriffe sind wie alles Bestehende in der Zeit geworden; sie haben sich in der Zeit geändert und werden sich weiter ändern. Wer das wahrhaft sittliche Leben nicht in seinem tieferen Wesen, jenseits von der jeweiligen Ansicht über «Gut und Böse» sieht, der begreift die Gründe desselben überhaupt nicht. Auch dahin muß der Mensch ge­führt werden, wo er, abgesehen von allen Vorurteilen und Zweifeln, ein souveränes, rücksichtsloses «Ja» sagt, weil er es für gut findet. Aber bei Nietzsche wird alles zum Zerr­bilde. Er reißt die Dinge nicht bloß aus dem Boden; nein, er wühlt auch noch im Erdreich, und manchmal ganz sinn­los, herum. Er will sich hinauforganisieren zur höchsten Geistesphase, wo aller Zwang aufhört; aber er verliert alle irdische Gedankenluft und kann bald gar nicht mehr atmen. Sein Geist schwebt fortwährend zwischen irdischer Atmo­sphäre und luftleerem Raum. Daher das Unsichere, Schwan­kende, Haltlose seines Geistes. Er war erst begeisterter Wag­nerianer. Er hat das beste Buch über Wagnerianismus ge­schrieben, die «Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik». Später wurde ihm diese ganze Richtung zu schwer, zu sehr am Boden haftend. Er wollte keinen Boden unter den Füßen. Oder wenn, dann wollte er ihn «tanzend» im leichten Fluge übersetzen. «Alle Kunst muß leichte Füße

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haben», ist sein Grundsatz. Deshalb hört er «Carmen» mi t Entzücken und gibt allem Wagnerianismus den Abschied -Nietzsches Nerven bekamen allmählich etwas Elastisch-

Widerstrebendes: sie sprangen federartig ab, wenn sie an einen Gegenstand herankamen. Nietzsche wurde immer mehr und mehr ein elektrischer Nervenapparat. Er kam mit einem Dinge der Welt zusammen, erzeugte einen elektrischen Fun­ken, wurde aber sogleich abgestoßen und an eine andere Spitze angeworfen. Und so ging es fort. So entstanden die Schriften seiner letzten Jahre. Der unerträgliche Zustand steigerte sich endlich zum Wahnsinn.

Wer Gelegenheit hat sich nachher gehörig zu erholen, und wer kein Philister ist, der lese Nietzsche. Wir empfehlen es allen, die nicht wollen, daß ihr Gehirn sauer wird.

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FRIEDRICH NIETZSCHE

«ALSO SPRACH ZARATHUSTRA», IV. TEIL

Jüngste Publikation aus Nietzsches Nachlaß.

Ein Buch für alle und keinen. Vierter und letzter Teil.

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Gierig warteten Nietzsches Schüler auf den vierten Teil von des Meisters Hauptwerk: «Also sprach Zarathustra». Nun ist er erschienen: der Schluß des tiefsinnigsten aller oberfläch­lichen Bücher. Verzeiht mir, ihr Anhänger eines neuen Göt­zen, daß ich dergleichen Frevelworte ausspreche! Aber ihr werdet auch zu schwerfällig, wenn von Nietzsche die Rede ist. Wo bleiben die leichten Beine, die Tanzbeine, die euch Nietzsche anzüchten wollte! Tanzet doch vor diesem Zarathustra,

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statt vor ihm zu knien! Ich habe keinen Weihrauch für Nietzsche. Ich weiß auch, daß er Opfergerüche nicht leiden kann. Lieber sind ihm die lachenden Gesichter als die betenden. Und lachen mußte ich oft, während ich diesen Zarathustra las. Denn wovon spricht uns dieser vierte Teil? Zarathustra will doch den Menschen überwinden. Nicht diese oder jene Schwachheit, nicht diese oder jene Untugend der Menschheit will Zarathustra überwinden, sondern die Mensch­heit selbst soll abgestreift werden, damit das Zeitalter des Übermenschen erscheine. Die Tat Zarathustras aber, von der uns dieser vierte Teil des Buches erzählt, ist eine arge Dummheit. Hat denn dieser Einsiedler, der fern von Men­schenvorurteil und Pöbelwahn in einer Höhle, in guter Luft mit reinen Gerüchen lebt, nicht einmal so viel verlernt, daß er einem alten Wahrsager in die Falle geht, der ihm den Glauben beibringen will, alle diejenigen, die sich heute «höhere Menschen» nennen, die dürsteten nach dem Reiche, von dem Zarathustra träumt. Ein Notschrei ist es, den Zara­thustra vernahm, als er vor seiner Höhle saß, und der alte Wahrsager hatte sich eingefunden, dessen Weisheit lautet:

«Alles ist gleich, es lohnt sich Nichts, Welt ist ohne Sinn, Wissen würgt.» Dieser deutet den Notschrei als den des höheren Menschen, der bei Zarathustra Erlösung suchen will. Und Zarathustra macht sich auf den Weg, den höheren Men­schen, von dem der Notschrei kam, zu suchen. Er findet sie nacheinander, alle die Menschen, die sich für höher, für besser halten, als ihre Mitmenschen es sind, denen das Trei­ben der letzteren zum Ekel geworden ist, die sich nach Neuem, nach Besserem sehnen. Und alle ladet er ein in seine Höhle zu gehen. Dort sollen sie warten, bis er zurückkommt und ihnen das neue Leben eingießt. Es sind tiefe, bedeutsame

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Worte, die Zarathustra bei jeder neuen Begegnung mit einem Kandidaten der Übermenschheit redet, Worte, weise bis zur Tollheit, tief bis zum Grunde des Meeres, wo doch auch unreinliches, schlammiges Erdreich ist. Die Kandidaten sind: zwei Könige, der Gewissenhafte des Geistes, der Zauberer, der Papst außer Dienst, der häßlichste Mensch, der freiwillige Bettler und Zarathustras eigener Schatten. Jede dieser Gestalten stellt ein Zerrbild dar irgendeines Trägers einer einseitigen Kulturbestrebung, innerhalb wel­cher der Mensch keine Befriedigung finden kann. Sie hahen alle gebrochen mit ihrer Vergangenheit, mit den Lebens-anschauungen und Lebensgewohiiheiten ihrer Umgebung und suchen nach einem neuen Heile. Sie fanden es auf ihrem Wege nicht. Da treten sie denn die Wanderung nach Zara­thustras Behausung an, auf daß da die große Sehnsucht in ihnen gestillt werde. Nach den vielen Begegnungen (es waren acht «höhere Menschen» gekommen, diese machen mit dem Esel, den die beiden Könige mitgebracht hatten, und mit dem Wahrsager zehn) und namentlich nach den vielen geist­vollen Unterredungen fühlt sich Zarathustra müde, und er schläft gerade zur Mittagsstunde ein. Er liegt unter einem Baume, der von einem Weinstock umrankt ist. Und wie er schläft, da geht er im Traume an ihm vorüber, der große Augenblick, in dem er die Welt vollkommen sieht, er schweIgt in Seligkeit. «Was geschah mir: Horch! Flog die Zeit wohl davon? Falle ich nicht? Fiel ich nicht - horch! in den Brunnen der Ewigkeit?

- Was geschieht mir? Still! Es sticht mich - wehe - in's Herz? In's Herz! Oh zerbrich, zerbrich, Herz, nach solchem Glücke, nach solchem Stiche!

- Wie? Ward die Welt nicht eben vollkommen? »

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Den Seinigen gibts der Herr im Schlafe, gilt sonst nur von der baren Unschuld. Daß auch der Übermensch solche unschuldige Anwandlungen hat, mag all den Einfältigen und Armen an Geist Trost sein, denn man wird sie von seinem Reiche nicht ausschließen. Da Zarathustra ausgeschlafen, tritt er den Heimweg an, um seine Gäste zu begrüßen. Was hier sich abspielt, ist eine Art Zarathustra-Festmahl. Der Gast­geber hält den Haupt-Toast. Er spricht nur von «höheren Menschen», was diese sind und was sie nicht sind. Sie dürfen ja nicht glauben, daß sie schon Bürger des neuen Reiches sind. Das könnten sie auch nie werden. Sie könnten nur die Brücke, den Übergang zum Gebiet des Übermenschen bilden. Wieder sind es schöne Worte, die Zarathustra da spricht, bevor er mit seinen Freunden anstößt auf das Wohl des Übermenschen. Man möchte von manchem Ausspruche, daß er zum Sprich­wort würde: «Was der Pöbel ohne Gründe einst glauben lernte, wer könnte ihm durch Gründe Das - umwerfen?

Und auf dem Markte überzeugt man mit Gebärden. Aber Gründe machen den Pöbel mißtrauisch.

Und wenn da einmal Wahrheit zum Siege kam, so fragt euch mit gutem Mißtrauen:

Hütet euch vor den Gelehrten! Die hassen euch: denn sie sind unfruchtbar! Sie haben kalte vertrocknete Augen, vor ihnen liegt jeder Vogel entfedert.»

Oder: «Wollt Nichts über euer Vermögen: es gibt eine schlimme Falschheit bei Solchen, die über ihr Vermögen wollen.

Sonderlich, wenn sie große Dinge wollen! Denn sie wecken Mißtrauen gegen große Dinge, diese feinen Falschmünzer und Schauspieler: -

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- bis sie endlich falsch vor sich selber sind, schieläugig, übertünchter Wurmfraß, bemäntelt durch starke Worte, durch Aushänge-Tugenden, durch glänzende falsche Werke.»

Oder. «Ohnmacht zur Lüge ist lange noch nicht Liebe zur Wahrheit.» - Als Zarathustra geendigt hatte, ging er ins Freie. Er sehnte sich nach reineren Gerüchen. Diese «höheren Menschen» haben offenbar noch viel von dem - Nietzsche so verhaßten - Armenleutegeruch mitgebracht. Die Gäste blieben allein und besprachen sich über Zarathustras Tisch-und Zukunftsweisheit. Nach einiger Zeit erhob sich in der Höhle ein Lärmen. Zarathustra hörte das von außen und freute sich darob. Denn nun, dachte er, sei alle schwere und schwüle Lebensauffassung von diesen Übergangsmenschen gewichen; sie haben das Lachen gelernt. Zum Lachen gehört nämlich - im Sinne Zarathustras -, daß man die Ideale der Menschheit abgestreift, überwunden hat, also über ihre Un­erreichbarkeit nicht mehr betrübt ist. Faust, wie uns Goethe ihn gezeichnet hat, steckt noch tief in menschlichen Vor­urteilen. Das Hauptvorurteil ist die Grund-Idee des Faust: Nie werde ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! Du bist so schön. Zarathustra will jeden Augenblick festhalten, aus ihm herauspressen so viele Lust und Seligkeit, als nur darinnen ist. Denn als Torheit gilt es Zarathustra, durch Entbehrung in der Gegenwart die Seligkeit der Zukunft erkaufen zu wollen. Zarathustra ist auch ein Faust: aber ein in sein Gegenteil verwandelter. Zarathustra müßte zu Me­phistopheles sagen: könnte je der Augenblick kommen, den ich nicht voll genieße, zu dem ich nicht sage: blühe ewig, denn du bist so schön, dann hast du mich schon unbedingt. Dieser Weisheit voll glaubt Zarathustra seine Übergangs-menschen, als er das Geschrei aus der Höhle hört; und er

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geht hinein. Aber was muß er sehen! Den abscheulichsten, lächerlichsten Götzendienst. Alle die erleuchteten Geister beten den Esel an, den die beiden Könige mitgebracht! Zarathustra hat ihnen ihre Ideale genommen; vor diesen können sie nicht mehr im Staub liegen. Aber ihre Gesinnung hat die aufrechte Haltung verlernt; sie sind zu staubverwandt. Also beten sie, statt ihrer Ideale, den Esel an. Das ist Zara­thustras große Torheit. Er glaubte diese Menschen reif für sein Übergangsstadium, und sie sind Götzendiener geworden, weil sie keine Idealisten sein sollten. Aber sie sind nun glücklich. Das genügt Zarathustra. Ihm ist es lieber, wenn die Menschen vor einem Esel lachen und tanzen, als wenn sie über unerreichbare Ideale schwermütig werden. Auch ein Geschmack!

Aber geschmacklos finde ich es doch, daß Zarathustra noch nicht einmal die kleinlichste Eitelkeit überwunden hat, daß sein Ohr noch zugänglich ist Schmeichelworten, wie sie der häßlichste Mensch spricht: «War Das - das Leben? Um Zarathustra's Willen, wohlan! Noch Ein Mal!» - -Denn nun fühlt sich Zarathustra so geschmeichelt, daß er seinen Gästen das tiefsinnige Nachtwandler-Lied deutet, das die Summe seiner Weisheit ausspricht. Und dieselben Men­schen, die eben den Esel angehetet haben, sollen nun den tiefen Sinn folgender Worte fassen:

0, Mensch! Gib acht!

Was spricht die tiefe Mitternacht?

«Ich schlief, ich schlief -,

Aus tiefem Traum hin ich erwacht: -

Die Welt ist tief,

Und tiefer als der Tag gedacht.

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Tief ist ihr Weh ,

Lust - tiefer noch als Herzeleid:

Weh spricht: Vergeh!

Doch alle Lust will Ewigkeit -,

- will tiefe, tiefe Ewigkeit!

Sie verstanden das natürlich nicht. Denn sie waren dabei eingeschlafen und schliefen noch fort, als Zarathustra längst aufgestanden war, um den neuen Morgen zu genießen. End­lich erst findet er: «Wohlan! sie schlafen noch, diese höheren Menschen, während ich wach bin: das sind nicht meiner echten Gefährten! Nicht auf sie warte ich hier in meinen Bergen.» Er rief seine Tiere: den Adler und die Schlange. Da geschieht ein Wunderbares: Zarathustra ist von einer Vogelschar umringt, und ein Löwe liegt zu seinen Füßen, ein lachender Löwe. «Zu dem Allen sprach Zara­thustra nur Ein Wort: -. » Jetzt erst begreift Zarathustra, daß er dem Wahr­sager auf den Leim gegangen war. Derselbe hatte ihn zu seiner letzten Sünde verleitet: zum Mitleiden mit dem höhe­ren Menschen! - «und sein Antlitz verwandelte sich in Erz». Also war Zarathustra aufgesessen.

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KURT EISNER «PSYCHOPATHIA SPIRITUALIS.

UND FRIEDRICH NIETZSCHE

DIE APOSTEL DER ZUKUNFT»

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Ein Geist von so kühner, grotesker Gedankenrichtung, wie Friedrich Nietzsche es ist, muß notwendig widersprechende Empfindungen in denen hervorrufen, die sich genau und liebevoll mit ihm beschäftigen. Seine unbedingten Bewun­derer verstehen gewiß am wenigsten von seinen stolzen Ideen. In diese Reihe gehört aber Kurt Eisner nicht. Seine -Verehrung läßt den aus einer eigenen bedeutenden Indivi­dualität hervorbrechenden Widerspruch nicht verstummen; auch nicht einmal die Ironie, zu der Nietzsches Einseitig­keiten herausfordern. Neben rücksichtslos anerkennenden Sätzen, wie: «Nietzsches Zarathustra ist nur ein Kunstwerk wie Faust», oder: «Die Lieder Zarathustras fluten breit und gewaltig dahin wie Wagners Musikströme. Die Philosophie ist hier in Musik gesetzt, der Gedanke in Ton, nicht ver­flüchtigt, nein umgeglüht», finden sich andere: «Nietzsche ist ein echter Reaktionär, weil sein Vorwärts ein Rückwärts ist. Und weil er ein Reaktionär ist, so wird ihn die Zukunft verschmähen», oder: «Nietzsches Lehre ruht auf morschem Grund, durch seine eigene Schuld». Die vornehme Denkweise Nietzsches ist Eisner durchaus sympathisch, nicht aber der widerdemokratische Charakter derselben. Die Entwicklung der einzelnen Auserlesenen soll nicht mit der Unterdrückung und Versumpfung großer Massen erkauft werden. Eisner will die Masse aristokratisieren. «Wahrhafter Aristokratismus ist erst möglich bei walirhaftem Altruismus.» «Die Demokratie muß zur Panaristokratie werden.» Eisner will im Gegensatz zu Nietzsche die Gemeinschaft über den Einzelnen gesetzt

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wissen. «Der Herdeninstinkt ist Gesundheit, der Ichinstinkt ist Entartung.» Der Nietzscheschen Devise: «Werdet hart! »setzt Eisner ein «Werdet weich!» entgegen. Jenes entspricht dem rücksichtslosen «Durch» des individuellen Machtinhaltes, dieses dem selbstlosen Streben der Persönlichkeit, die den Menschen auch im anderen Individuum als einen gleich­wertigen achtet.

Bei solch durchdringendem Verständnis Nietzsches, bei solch unbefangener Kritik des Denker-Poeten kann Eisners Urteil über das «Nietzsche-Affentum» natürlich nur ein voll-ständig vernichtendes sein. Nirgends hat ja das Herdenartige einer Anhängerschaft ein so charakteristisches Gepräge an-genommen wie bei der Nietzsche-Herde. Die Verachtung des Herdenhaften ist zum wüsten Herdengebrüll geworden. Es hat noch nie eine drolligere Gefolgschaft gegeben als die Nietzsches Sie, diese Brüller, wissen ja alle nicht, worinnen der Wert von des Meisters Werken liegt. Das Geheimnis liegt darinnen, daß Kranklaeiten, Mißbildungen mehr zum Denken anregen als die volle frische Gesundheit. Die Krank­heiten des Geistes liefern wichtige Beiträge zur Psychologie. Der Reiz von Nietzsches Ideen liegt in dem abnormen Ge­wande, in dem sie auftreten. Durch Äußerlichkeiten wird man auf manches aufmerksam, woran man sonst vorüber-ginge. Mir erging es mit Nietzsches Ideen folgendermaßen. Ihr Inhalt erschien mir zumeist nicht neu. Ich hatte ihn in mir schon ausgebildet, bevor ich Nietzsche kennenlernte. Beim Durchgange durch Nietzsches Geist kamen mir aber diese Ideen verzerrt, karikiert vor. Ein an sich gesunder Gedankeniluß mußte sich durch eine Felsenge durchdrängen, die seinem ruhigen Laufe Gewalt antat. Nietzsche war mir nie ein philo­sophisches, sondern immer ein psychologisches Problem.

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Weil dies meine Stellung zu dem seltsamsten Geiste der Neuzeit ist, muß ich Kurt Eisners Schrift als eine mir sehr sympathische bezeichnen und sie dem weitesten Leserkreise empfehlen, wenn ich auch mit manchem in ihr Enthaltenen nicht ubereinstimmen kann.

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MITTEILUNG UND BERICHTIGUNG

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Weimar. Dieser Tage ist die Übersiedlung der Bücher- und Manuskriptenschätze des geisteskranken Philosophen Friedrich W. Nietzsche von Naumburg nach Weimar erfolgt, wo fortan dessen Schwester, Frau Dr. Elisabeth Förster, im Verein mit Dr. Koegel und Steiner die Vorbereitungen für eine Gesamtausgabe aller Werke ihres Bruders trifft. Später sollen diese Bücher dem Goethe-Schiller-Archiv einverleibt werden.

Beilage zur

Wir erhalten folgende berichtigende Zuschrift:

Sehr geehrte Redaktion!

Im Anschluss an die Meldung Ihres geschätzten Blattes vom

17. September 1896, daß das «Nietzsche-Archiv» von Naum­burg nach Weimar übergesiedelt ist, wird berichtet, daß Frau Dr. Elisabeth Förster-Nietzsche, die Schwester Nietz­sches, im Verein mit Dr. Fritz Koegel und mir die Heraus­gabe der Werke ihres Bruders besorgt. Die Nennung meines Namens in diesem Zusammenhang beruht auf einem Irrtum. Ich habe keinen Anteil an der Herausgabe von Nietzsches Werken.

Weimar, September 1896. Dr. Rudolf Steiner

Beilage zur #SE031-470

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NIETZSCHE-ARCHIV

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Von Herrn Dr. Rudolf Steiner erhalten wir aus Weimar fol­gende Zuschrift:

In der Nummer vom 15. September Ihres Blattes sind im Anschlusse an die Meldung, daß das «Nietzsche-Archiv» von Naumburg nach Weimar übergesiedelt ist, Angaben über meine Person enthalten, die auf einem Irrtum beruhen, und um deren Berichtigung ich höflichst ersuche. Ich habe nie eine «Assistentenstellung» beim «Goethe- und Schillerarchiv» innegehabt, sondern als Herausgeber einer Anzahl von natur-wissenschaftlichen Bänden der Weimarischen Goethe-Aus­gabe eine Reihe von Jahren in diesem Archiv gearbeitet. Meine Interpretation Nietzsches, die ich in der Schrift «Friedrich Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit» geliefert habe, steht in keinem Zusammenhange mit den Publika­tionen des «Nietzsche-Archivs». Die Biographie Nietzsches wird von dessen Schwester, Frau Dr. Elisabeth Förster­Nietzsche besorgt, alleiniger Herausgeber von Nietzsches Werken ist Dr. Fritz Koegel. Ich stehe in keinem offiziellen Verhältnisse zum «Nietzsche-Archiv». Auch ist ein solches für die Zukunft nicht in Aussicht genommen.

Aus «Hamburger Fremdenblatt», Sonnabend, 3. Okt. 1896, 1. Beilage

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NIETZSCHE IN FROMMER BELEUCHTUNG

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«Sie wollen auch, auf ihre Art, die Menschheit , nach ihrem Bilde, sie würden gegen das, was ich bin, was ich will, einen unversöhnlichen Krieg machen, gesetzt daß sie es verstünden.» Solche Worte richtete Friedrich Nietzsche gegen das Heer der biederen Philister, die nach Art des rückständigen Verstandestheologen David Strauß den flach­köpfigen Freigeistern ein neues Evangelium predigen wollten. Nun aber sind sie auch an ihn geraten, die «Bildungsphili­ster», und messen ihn mit ihren Maßen. Kaum haben wir eine von den Schriften hinuntergewürgt, die uns eine Phi­listermeinung über Nietzsche bringt, so erscheint schon eine neue - und wir kommen aus der Magenverstimmung nicht heraus. Und können wir uns durchaus nicht angewöhnen, all das Zeug, was gar noch in unseren Zeitungen und Zeit­schriften über Nietzsche gedruckt steht, einfach zu über­schlagen: dann wehe unserem Magen.

Wir, die wir mutig genug sind, «Ja» zu sagen, wo Nietz­sche Psychologie, Geschichte und Natur, die gesellschaftlichen Institutionen und Sanktionen reinigen will von den tausend­jährigen Vorurteilen und Altweiberempfindungen der Theo­logie - wir leiden an der gegenwärtigen Nietzsche-Literatur.

Zu all den Nietzsche-Interpreten, die uns in kurzen oder langen Auseinandersetzungen ihre Weisheit über den großen Anti-Mystiker, Anti-Idealisten und Immoralisten gesagt haben, zu der wackeren Frau Lou Salomé, zu dem kritischen Wirrkopf Franz Servaes, zu Zerbst, der am liebsten Nietzsche zum Gottsucher machen möchte, und zu all den andern, die über Nietzsche reden, ohne je von seinem Geiste einen Hauch verspürt zu haben, hat sich nun auch Herr Hans Gallwitz

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gesellt. «Friedrich Nietzsche, ein Lebensbild», nennt er ein Buch, das in einer «Reihe» mit anderen Büchern erscheint. Heinrich von Stephan, Alfred Krupp, Fridtjof Nansen sind ebenfalls in biographischen Schriften, welche dieser Reihe angehören, beschrieben worden.

Herr Hans Gallwitz redet mancherlei über Nietzsche. Er bewegt sich vorzugsweise in den Gebieten der Lehre des Immoralisten, in denen er einen Wortanklang der Sätze Nietzsches mit solchen des Apostel Paulus finden kann, und dann sagt er ungefähr so: wie schade, daß Nietzsche den Apostel Paalus nicht verstanden hat, er hätte dann so vieles besser mit den Worten dieses Glaubenslehrers als mit seinen eigenen aussprechen können. Am liebsten möchte Herr Hans Gallwitz Nietzsche überhaupt zu einem Anhänger des Apostel Paulus machen... Doch, was geht es mich an, daß Herr Hans Gallwitz eine solche Anhänglichkeit an den Apostel Paulus hat!

Ich möchte nicht den Apostel Paulus bekämpfen; ich möchte bloß auf einige Herzensergießungen des Herrn Hans Gallwitz hinweisen, um zu zeigen, wie weit dieser Nietzsche-Interpret von den Lehren dessen entfernt ist, den er be­schreiben will.

Im Grunde ärgert sich Herr Hans Gallwitz am allermeisten über die Gottlosigkeit Friedrich Nietzsches Er kann nicht umhin, das ganz offen zu gestehen: «Nietzsche setzt seine Lehre vom Schaffenden jeder auf den Glauben an Gott ge­gründeten Weltanschauung entgegen. Gottesglauhe und freies Schaffen schließen sich aus. » Wir, die zu Nietzsches Lehren Jasagenden wissen ganz gut, daß Gott nur ein vornehmes Wesen sein kann, und daß ein vornehmes Wesen nicht un­freie

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Kinder, sondern freie Menschen in die Welt stellt, die berufen sind, als Herren zu schaffen in der Welt, in die sie hineingeboren sind. Aber Herr Hans Gallwitz ist anderer Meinung. Er glaubt nicht daran, daß Gott die Erde den Menschen zur freien Verfügung gestellt hat, auf daß sie auf ihr schaffen, nach seinem Ebenbilde. Er glaubt daran, daß Gott ein Geschlecht von Stümpern geschaffen hat, dem er immer wieder von neuem auf die Beine helfen muß, wenn es was Ordentliches leisten soll. «Der beschränkte Erdensohn, dessen Denken und Wollen erst an den Ordnungen dieser Erde zur Entfaltung kommt, kann nur die ihm sich darbieten­den Antriebe und Zwecksetzungen ein wenig weiter führen und klären; er kann nichts Neues aus sich heraus schaffen, keinen neuen Anfang setzen. Seine Tätigkeit gleicht immer nur der des Gärtners, welcher durch selbstlose, treue Pflege den Pflanzen einige neue Kräfte und Werte abgewinnt; das geschieht nicht durch gewaltsames Dareinfahren, sondern der Schaffende muß sich abhängig machen von dem Material, welches ihm gegeben ist, er muß auch mit dessen Mängeln zu rechnen wissen, wenn anders er etwas fertigstellen will.» Ein Gärtner will Herr Hans Gallwitz sein; ein Schaffender aber will Friedrich Nietzsche sein. Wie könnte ich Gärtner sein, wenn der liebe Gott mir nicht einen Garten zur Pflege übergeben hätte: spricht demutsvoll Hans Gallwitz. - «Was wäre denn zu schaffen, wenn Götter da wären?» spricht Friedrich Nietzsche. Die Götter haben eine Welt geschaffen; aber sie wollten auch noch ein Wesen, wie sie selbst sind, schaffen; und da schufen sie den Menschen, der nun weiter schafft. Sie aber haben sich zurückgezogen, und nur, wenn der Mensch sich ein höchstes Ideal schaffen will, dann nennt er es Gott, weil er in sich den einzigen Gott findet, sagt Nietzsche.

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Die Götter haben sich Handlanger geschaffen, die alle Augenblicke in die Irre gehen, und die nicht schaffen können, sondern nur «durch selbstlose, treue Pflege den Pflanzen einige neue Kräfte und Werte» abgewinnen können, sagt Herr Hans Gallwitz.

Alles was göttlich in dem Menschen ist, wollte Friedrich Nietzsche in dem Menschen erwecken, auf daß er ein Schaffen­der werde, wie Gott selbst ein Schaffender ist; alles Gött­liche will Herr Hans Gallwitz aus dem Menschen pressen, auf daß er ein Gärtner werde, «welcher durch selbstlose, treue Pflege den Pflanzen einige neue Kräfte und Werte ah-gewinnt».

Seine Ansicht von dem «Menschen als Gärtner» stellt Herr Hans Gallwitz Nietzsche entgegen, der da die Lehre verkün­det hat von dem «Menschen als Schaffenden». Herr Hans Gallwitz hat mit seinem Buche nur gezeigt, daß er besser getan hätte, die Briefe des Apostels Paulus zu lesen als die Schriften Nietzsches Doch - die ersteren kennt er! Er hätte sich wohl mit irgendeiner für ihn nützlicheren Arbeit befassen können in der Zeit, in der er Nietzsches Werke las; und wenn er, statt uns ein Buch über Nietzsche zu schenken, Obst oder Rüben gepflanzt hätte - dann wäre er ein besserer Gärtner gewesen.

Ich nehme Abschied von dem Gärtner Hans Gallwitz. Er mag sich trösten über meine Spöttereien. In den «Preußischen Jahrbüchern» ist er ja gelobt worden. Und die «Preußischen Jahrbücher» sind ein angesehenes Organ. Dort hat ihn der­selbe Herr gelobt, der sich in einer vorhergehenden Nummer nicht hat enthalten können, Nietzsche selbst zu verspotten. In denselben Jahrbüchern, deren Herausgeber die fade Faselei des Herrn «Brand» mit den Worten begleitet hat, daß er

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sich für Nietzsche nur als für eine literarische Erscheinung interessiere.

Es wird heute nur einige Menschen geben, die im Lager Friedrich Nietzsches stehen: Leute, die zu ihm stehen, weil sie ihn verstehen können. Ihnen wird es obliegen, treue Wache zu halten gegen das Andringen aller derer, die ihn ausnützen wollen im Dienste irgendwelcher althergebrachter Anschauungen. Denn Friedrich Nietzsche ist der modernste Geist, den wir haben. Aber wir Wächter Nietzsches werden vielleicht scharfe Waffen brauchen. Wir werden sie haben und zu führen verstehen. Denn wir haben von Nietzsche das Fechten gelernt, und er ist ein guter Fechtineister.

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EIN WIRKLICHER «JÜNGER» ZARATHUSTRAS

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Vor etwa neun Jahren lernte ich in Wien einen Mann kennen, von dem ich mir manche schöne geistige Frucht für die Zu­kunft versprach. In den Zeitschriften und Zeitungen wurde damals sein Name viel genannt. Er hatte vor kurzem von der Berliner Philosophischen Gesellschaft einen Preis für die beste Darstellung der Hegelschen Weltanschauung erhalten. Weitere Kreise nahmen Interesse an ihm, und zwar auch solche, denen ein Buch über die Hegelsche Philosophie höchst gleichgültig gewesen wäre, wenn die Lebenslage des Ver­fassers es nicht zu einem sensationellen Ereignisse gemacht hätte. Denn dieser Verfasser arbeitete sein Werk in dem kulturfernen, ungarischen Nest Zombor aus, wo er als -Gerichtsschreiber gewirkt hatte. Daß ein Mann, der vom frühen Morgen bis zum späten Abend in einem Winkel des

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Magyarenlandes Gedanken ausspricht, welche eine angesehene deutsche gelehrte Gesellschaft als die tiefsten über die wirkungsvollste Philosophie des Jahrhunderts hezeichnete das machte ihn in den Augen vieler zu einer pikanten Persönlichkeit.

Ich ergötzte mich an den Keimen der Weltanschauung, die dieser Mann in sich trug, und die er mit seltener Beredsamkeit bei seinem damaligen Besuche in Wien mir vor Augen führte Eine Fülle von zukunftverheißenden Ideen lebte in ihm und in schwungvoller, von philosophischem Enthusiasmus getrage­ner Sprache legte er seine Ansichten dar. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er mit uns zusammensaß: mit der großen öster­reichischen Dichterin Marie Eugenie delle Grazie, dem Wie­ner Universitätsprofessor Laurenz Müllner und mir. Ein in­neres Frohlocken durchzuckte mich bei dem Gefühle, daß wir in der Gegenwart solche Menschen haben.

Ich spreche von Eugen Heinrich Schmitt, der seither sich in gewissen Kreisen durch seine der individualistisch-anar­chistischen Richtung angehörenden Schriften eine große Aner­kennung erworben hat. Ich habe ihn seit jener Begegnung nicht wiedergesehen. Er lebt in Pest und ist mit Energie bestrebt, durch seine Weltanschauung auf das Lehen der Gegenwart zu wirken. Die Richtung, die sein Geist genom­men hat, habe ich nicht wieder aus dem Auge verloren. Seine Ansichten nahmen allmählich eine Gestalt an, die meiner Gedankenwelt so nahe als möglich steht.

Und jetzt sendet er uns aus der ungarischen Hauptstadt eine Schrift herauf, die alles übertrifft, was er bisher geleistet hat, die zu den glänzendsten Morgensternen auf dem Himmel der modernen Gedankenwelt gehört: «Friedrich Nietzsche an der Grenzscheide zweier Weltalter.» Ich habe lange kein

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Buch gelesen, das eine so freie, reine Geistesatmosphäre um mich verbreitet hat wie dieses. Eugen Heinrich Schmitt sieht von demselben Gesichtspunkte aus in die Vorstellungswelt Nietzsches, von dem aus ich vor kurzem diejenige Goethes betrachtet habe (vergleiche mein Buch über «Goethes Weltan­schauung»). Wie eine Handreichung über Meilen hinweg erscheint mir die Tatsache dieses Buches. Über das Verhältnis des modernen Menschen zu den großen Rätselfragen des Da­seins hat E. H. Schmitt dieselbe Auffassung wie ich. Auch er kennt den Weg, auf dem wir Gegenwärtigen allein zu jener in sich harmonischen, das Weltall mit einer großen Empfin­dung und einem großen Gedanken umspannenden Anschau­ung und Lebensführung gelangen können, die den Griechen der älteren Zeit in einer naiven und kindlichen Form be­schieden war. Die Griechen dieser älteren Zeit lebten in der sinnlichen Natur, ihre menschliche Wesenheit war für sie ein Stück Natur. Und wenn ihnen das Bild der großen Schöpferin vor Augen trat, so enthielt dieses Bild stets auch den ganzen, vollen Menschen in sich. Da kam Sokrates, da kam Plato. Sie sprachen die große Wahrheit aus, daß in dem Menschen etwas lebt, das höher als alle Natur ist: der Geist. Und heraus­gerissen aus dem All war dieser menschliche Geist, den eine ältere Generation in ungetrennter Gemeinschaft mit der Natur wahrgenommen hatte. Als eine Welt für sich, neben und über der Natur, stand fortan dieser Geist vor den Augen der Men­schen. Die platonische Ideenwelt ist der aus der Natur geris­sene Geist, der nun über den Wassern schwebte. Ein schatten­haftes Gebilde wurde dieser Geist, als er den Zusammenhang mit den feuchten, warmen Säften der Natur verloren hatte. Ein wirkliches Leben wollte diesem Geiste das Christentum geben. Aber es fand den Weg nicht zurück zur Natur, den Sokra­tes

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und Plato vorwärts zum Geiste gegangen waren. Es versetz­te den Geist in ein eigenes Reidi; und was Plato Ideen nannte: das nannten die Christen Gott und Engel. Aber Gott und die Engel waren nicht natürlidie Wesen im Stoffe dieser Welt. Hinzuerfunden waren sie zu dieser Welt. In das Jenseits waren sie versetzt; und das Diesseits wurde verleumdet als das irdische Jammertal.

Der Weg vom Himmel zur Erde muß wiedergefunden werden. Denn die Erde selbst hat den Geist, den Himmel in sich; und nur die Menschen haben es verlernt, den Geist auf der Erde auch zu finden, von dem sie Kenntnis erlangt haben.

Wir können nicht zurück zur Weltanschauung der Griechen. Denn wir haben den Geist in seiner eigenen Gestalt sehen ge­lernt. Aber wir können diesen Geist in uns aufleben lassen, wir können uns von ihm durchdringen lassen. Und wenn wir ihn wirklich geschaut haben und dann den Blick zurück zur Natur wenden: dann werden wir sehen, daß das Licht, das in unserem Kopfe als Geist aufleuchtet, dasselbe ist wie das­jenige, das die Natur selbst ausstrahlt. Wir blicken in unser Inneres, und der Geist leuchtet darin auf; und unser Auge wird sonnenhaft und blickt in die Natur und sieht in ihr den gleichen Geist.

Wir haben einen Umweg nötig, den die Griechen noch nicht nötig hatten. Wir müssen erst den Geist in uns sehen, um ihn in der Natur wiederzusehen. Die Griechen wußten nichts von dem Geiste im Innern und konnten genug haben mit dem Geiste, der ihnen aus der Natur entgegenleuchtete. Und der Mensch, der den Umweg zu machen versteht, von der Natur zum Geiste und wieder zurück zur Natur: diesen Menschen hat Goethe in seinen besten Jahren geahnt; aus

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diesem Geiste heraus hat er auf der Höhe seiner Entwicklung als Dichter und Naturforscher geschaffen. Und diesen Geist hat Nietzsche als «Übermenschen» verkündet. In dieser Er-kenntnis begegnet sich E. H. Schmitt wieder mit mir, der ich dieselbe Ansicht vom Übermenschen schon in meinem Buche:

«Friedrich Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit» ver­treten habe

In der reichhaltigen Nietzsche-Literatur der Gegenwart ist dieses Buch eines der allerbesten, geschrieben von einem Geiste, der nicht blinder Anhänger ist, und der nicht von dem Wirbel Nietzschescher Dithyramben im bewußtlosen Tanze mitgerissen wird, sondern einer, von dem Nietzsche, wenn er ihn noch miterleben könnte, sagen würde: Du bist ein Schüler Zarathustras, denn du folgst nicht seinen, sondern deinen Wegen.

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FRIEDRICH NIETZSCHE

UND DAS «BERLINER TAGEBLATT»

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In Weimar ist gegenwärtig Friedrich Nietzsche untergebracht. Kein Wunder, daß in dieser «gebildeten» Stadt ein wackerer Bürger das Bedürfnis fühlt, sich in die Lehre des Philosophen zu vertiefen. Er möchte wissen, in welcher Reihenfolge er dessen Schriften lesen solle. Was tut er? Er wendet sich an das «Berliner Tageblatt». Dieses gibt ihm in der Nummer vom 28. Januar 1900 folgende Auskunft: «Sie fragen, in welcher Reihenfolge Sie die philosophischen Schriften Friedrich Nietz- -sches lesen sollen, um in das Verständnis dieses nicht eben leicht verständlichen führenden Geistes einzudringen. Wir raten, mit der Biographie Nietzsches von Frau Elisabeth

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Förster-Nietzsche zu beginnen, da sein tragischer Lebensgang der beste Schlüssel für seine Gedankenwelt ist. Sodann lesen Sie einige der (über Schopen­hauer, vom Nutzen und Nachteil der Historie, von der Eni -stehung der Tragödie, über Richard Wagner); und im An­schluß daran die beiden sich ergänzenden großen Studien:

und . Nach diesen systematischen Arbeiten des gesunden Friedrich Nietzsche mögen Sie sich den Aphorismenbänden des erkran­kenden und kranken Philosophen zuwenden, etwa in der Reihenfolge: , , , , und erst zuletzt seine großartigste Schöpfung , deren Ver­ständnis die genaue Vertrautheit mit der geistigen Struktur des Mannes voraussetzt. Haben Sie diesen mühevollen, aber gewiß mit reichem geistigen Gewinn lohnenden Weg zurück­gelegt, so lassen Sie alle empfangenen Eindrücke ausklingen in der Lektüre seiner .»

Diese Zeilen sind symptomatisch für die bodenlose Unwis­senheit und Unbildung, mit der die Macher unserer Zeitungen ausgestattet sind, und zugleich für den grenzenlosen Leicht­sinn, der ihnen in der Auffassung ihres Berufes zukommt. Für jeden, der die Augen offen hat, ist das natürlich eine so bekannte Tatsache, wie die, daß jeden Morgen die Sonne aufgeht. Es scheint aber doch, daß es noch zahlreiche naive Menschen gibt, die es für möglich halten, sich in einer solch wichtigen Frage, wie die obige ist, an die Oberflächlichkeit der Zeitungsmacher zu wenden. Der Herr, der obige Notiz verfaßt hat, redet wie jemand, der etwas von Nietzsche versteht. Er weiß nicht das geringste von ihm. Denn er weiß gar nicht einmal, in welcher Reihenfolge Nietzsche seine Bücher geschrieben

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hat. Der Wissenbedürftige in Weimar soll erst:

Einige «Unzeitgemäße Betrachtungen» lesen und dann die großen Studien: «Genealogie der Moral» und «Jenseits von Gut und Böse», weil in diesen systematischen Schriften noch der gesunde Nietzsche spricht; dann sollen darankommen die Aphorismenbände des kranken Nietzsche: «Morgenröte», «Menschliches-Allzumenschliches» usw. Nun ist «Mensch­liches-Allzumenschliches» im Jahre 1878, «Morgenröte» 1881, «Genealogie der Moral» aber 1887 und «Jenseits von Gut und Böse» 1888 erschienen. Die im letzten Jahr vor der Erkrankung erschienen Werke hält der Gelehrte des «Ber­liner Tageblatts» für die früheren; die 1878, also sechs Jahre nach dem Beginne von Nietzsches Schriftstellerlaufbahn, er­schienene Aphorismensammlung «Menschliches-Allzumensch­liches» hält er für ein Werk des schon kranken Nietzsche. Armer Fragesteller in Weimar! Du bist am Ende naiv genug, dich an deinen antwortenden Zeitungsmacher zu halten. Frage ihn doch einmal, wie du Mathematik studieren sollst? Er wird dir antworten: Erst mußt du Integralrechnung, dann Differentialrechnung lernen, dann dich an die Trigonometrie machen, dann wirst du genügend vorbereitet sein, das Einmal-eins zu lernen. So sieht es in den Köpfen der Zeitungsmachet aus!!

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FRIEDRICH NIETZSCHE ALS DICHTER

DER MODERNEN WELTANSCHAUUNG

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Die Anschauungen, die gegenwärtig über Friedrich Nietzscne im Umlauf sind, widersprechen seinem wirklichen Verhält­nisse zu den weltbewegenden Ideen der zweiten Hälfte der neunzehnten Jahrhunderts. Wer die Fäden verfolgt, die von ihm zu dem Geistesleben der letzten Jahrzehnte führen, der wird in ihm nicht den Finder neuer Anschauungen sehen können, sondern einen Geist, der das zu einer persönlichen Herzensangelegenheit gemacht hat, was Vernunft und Er­fahrung anderer hervorgebracht haben. Nietzsche schuf nicht selbst neue Anschauungen; aber er fragte sich, wie sich mit denen, die ihm auf seinem Lebenswege begegneten, leben lasse. Er macht dadurch die Ideen der neuesten Zeit zu seinem ganz individuellen Schicksal. Und da er eine komplizierte Natur ist, so sind seine Erlebnisse in den Schachten der modernen Ideen geistige Phänomene von seltenem Interesse. Nietzsche selbst leitete die Kompliziertheit seiner Natur aus seiner Abstammung her. Was Goethe als tiefe Tragik der Menschenseele charakterisiert: «Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust», es war Nietzsche als Erbstück zugefallen. Das gesunde Wesen, das seiner Mutter bis zu ihrem Tode eignete, hatte sich auf ihn übertragen; aber es hatte in ihm zu kämpfen mit einer «zweiten Seele», die vom Vater stammte, den Nietzsche selbst schildert: «er war zart, liebenswürdig und morbid, wie nur ein zum Vorübergehn bestimmtes Wesen, eher eine gütige Erinnerung an das Lehen, als das Lehen selbst.»

Das Griechentum, die Weltanschauung Schopenhauers, die Kunst Richard Wagners, die Vorstellungsart der modernen

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naturwissenschaftlichen Einsicht, die ethischen Ideen der Gegenwart: das waren hintereinander die geistigen Elemente, die auf Nietzsches Seele wirkten, und deren Wirkung im Spiegel seiner eigenartigen Persönlichkeit seine Werke zum Ausdruck bringen. Er bekannte sich nicht zu denen, die das Griechentum aus einer naiven Lebensführung, aus einem kind-lichen Herzen und einer sorglosen Phantasie herleiten konn­ten. Die sonnige Kunst des alten Hellenentums muß vielmehr aus den schmerzlichsten Erlebnissen herausgewachsen sein. Nicht weil den Griechen das Leben leicht ward, suchten sie nach einem harmonischen Ausdruck desselben in der Kunst, sondern weil sie von dem Elend und den Schmerzen des Daseins die bittersten Erfahrungen hatten, bedurften sie einer Kunst, die ihnen dieses Dasein erträglich machte. Das Leben bedarf der Kunst, welche die Nichtigkeit des Daseins erhebt zu dem Anschauen eines Göttlichen. Aber diese Kunst ist, nach Nietzsches Meinung, dem Griechentum verlorengegan­gen, als es nicht mehr, über das rein Menschliche hinaus, zum Göttlichen strebte, sondern in Euripides sich mit der nüchternen Nachahmung des bloß Natürlichen begnügte. Sokrates ist der Verführer des Euripides und damit des ursprünglichen Griechentums geworden. Mit seinem Her­unterholen der Vorstellungen vom Himmel auf die Erde, mit seinem «Erkenne dich selbst» hat er in dem Gemüte die Sehn­sucht über das Menschliche hinaus zu dem Überinenschlich­Göttlichen ertötet. Das nichtige Dasein, über das die Kunst hinwegführen sollte, wurde nunmehr selbst der Gegenstand derselben. An der Unfähigkeit, sich über die Nichtigkeit des Daseins zu erheben, krankt seit Sokrates und Euripides das Abendland. Die Renaissance-Kultur war nur eine vorüber­gehende Sehnsucht aus dem allgemeinen Niedergange heraus.

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Einem Geiste, der so empfand> mußte die pessimistische Weisheit Arthur Schopenhauers einen tiefen Eindruck machen. Nietzsche fand durch Schopenhauer die Grundstimmung seines Gemütes, wie sie sich Ihm aus der Vertiefung in das Griechentum ergeben hatte, philosophisch gerechtfertigt. Und wie er in Schopenhauer den Weisen fand, der ihm die Gründe für seine tragische Stirumung entgegenbrachte, so fand er in Richard Wagner den Künstler, der, wie es ihm schien, aus der gleichen Stimmung heraus, eine neue Kunst schuf. Nicht mehr eine solche, die irdisch-nichtiges Dasein nachbildet, son­dern eine solche, die das Nichtige vergessen macht, indem sie dem Menschen wieder ein Göttliches vorzaubert. Den Wiederbringer einer Kultur, die Sokrates vernichtet hat, sah Nietzsche in Wagner. Er sah ihn so lange, als er nur das eigene Idealbild, das er sich von Wagner gebildet hatte, betrachtete. Er schuf sich den wirklichen Wagner zu einem solchen Idealbilde um, das er brauchte, um die Kultur des Abendlandes, die er als Niedergangserscheinung empfand, ertragen zu können. Ein tragisches Ereignis war es in seinem Leben, als er gewahr wurde, daß sein Idealbild von Wagner nichts mit dem wirklichen Wagner zu tun hatte. Er wurde nunmehr ebenso heftiger Gegner Wagners, wie er früher sein Anhänger war. Im Grunde wurde er aber nur Gegner seines eigenen Ideals. Er fiel nicht von Richard Wagner ab; er fiel von dem Vorstellungskreise ab, in dem er in einer Epoche seines Lebens den Ausweg gesucht hatte aus der Grundstimmung seiner Seele gegenüber der Nichtigkeit des Daseins.

Nietzsche vertiefte sich nunmehr in die Wirklichkeit dieses Daseins selbst, um aus ihm das Glück zu holen, das ihm ein illusorisches Ideal der Kunst, die über dieses Dasein hinwegführen

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soll, nicht hatte bringen können. Er ergriff die Ideen des modernen naturwissenschaftlichen Denkens; vor allem den umfassenden Entwicklungsgedanken, der zeigt, wie Voll­kommenes aus Unvollkommenem hervorgeht. Sollte eine Ver­tiefung dieses Gedankens nicht ganz anders imstande sein, die Wirklichkeit erträglich zu machen, als die Ideen eines unwirklichen Göttlichen, das zu der Wirklichkeit nur lünzuer-funden wird? Wie der Mensch aus unter ihm stehenden Geschöpfen sich entwickelt hat, so kann er über sich hinaus sich zum «Übermenschen» fortentwickeln. So zaubert er aus der Wirklichkeit selbst hervor, was die künstlerische Illusion bieten sollte. Das Leben erhält eine Aufgabe, die fest in diesem Leben wurzelt und doch über dieses Leben hinausgeht. Wie läßt sich mit dem modernen Entwicklungsgedanken leben? Das war Nietzsches persönliche Frage gegenüber dem naturwissenschaftlichen Denken. Es läßt sich mit ihm leben, weil er uns ein Leben der Lust, der unendlichen Freude schenkt, durch die Idee an unsere eigene Zukunftsentwick­lung, durch den Aufblick auf den «Übermenschen». Diesem Übermenschen sang Friedrich Nietzsche in seinem «Zara­thustra» ein hohes Lied. Er wurde der Dichter der modernen Weltanschauung. Er wurde es, weil ihm Erlebnis des Herzens ward, was bei den Pfadfindern der modernen Anschauungen Erlebnis der Vernunft, des Kopfes war.

KURZER AUSZUG AUS EINEM VORTRAG ÜBER FRIEDRICH NIETZSCHE

#G031-1966-SE486 - Gesammelte Aufsätze zur Kultur- und Zeitgeschichte 1887 - 1901

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KURZER AUSZUG AUS EINEM VORTRAG ÜBER FRIEDRICH NIETZSCHE

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Das folgende Gedankeaskelett lag drei Vorträgen zu Grunde, die ich in der letzten Zeit über den dahingegangenen Philo­sophen und Dichter bei drei Veranstaltungen in verschiede­ner Gestalt gehalten habe. Der erste fand im Kreise der von L. Jacobowski begründeten Gesellschaft der «Kommenden» statt, der zweite auf freundliche Aufforderung des «Vereins zur Förderung der Kunst», bei dessen Nietzschefeier am 15. September im Rathaussaale, der dritte bei einer Nietzsche­feier, die der Rezitator Kurt Holm im Verein mit mir am 18. September im Architektenhause veranstaltet hat. An der ersten Feier beteiligten sich auch der Oberregisseur Moest und der Rezitator Max Laurence durch Vortrag Nietzschescher Schöpfungen; im «Verein zur Förderung der Kunst» hatte ich die große Freude, mit L. Manz, der Nietzsche-Dichtungen rezitierte, und mit Conrad Ansorge und Eweyk zusammen­zuwirken. Dieser sang zwei von Ansorge mit wahrer Größe komporierte Lieder, die der Komponist selbst begleitete. Ein Harmonium-Vortrag ergänzte die Feier. Dienstag am 18. stand mir Kurt Holm mit seinen Rezitationen aus «Zara­thustra» und Nietzsches Gedichten zur Seite.

«Lieber im Eise leben als unter modernen Tugenden und anderen Südwinden! » Diese Worte, die Friedrich Nietzsche im ersten Kapitel seines unvollendet gebliebenen Werkes «Umwertung aller Werte» ausspricht, geben die Empfindung wieder, unter der er immer gelebt hat. Er fühlte sich als unzeitgemäße Persönlichkeit, die andere Wege gehen mußte als die ganze Zeitgenossenschaft. Nicht als Messias, noch als Verkünder einer neuen Weltanschauung kann er uns erscheinen.

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Wie glänzend, wie hinreißend er auch seine gewaltigen 1 Ideen ausspricht: sie sind nicht als originelle aus seinem Geiste entsprungen; es sind die Ideen, welche in dieser oder jener Form schon von anderen Geistern des neunzehnten Jahrhunderts ausgesprochen worden sind; es sind Ideen, die tief im Geistesleben der letzten Jahrzehnte wurzeln. Wodurch er sich von anderen unterscheidet, das sind die Empfindungen, die Seelenerlebnisse, die er unter der Wirkung dieser Ideen erfahren hat. Der Zusammenbruch jahrhundertealter Vor­stellungen unter der Wucht der modernen naturwissenschaft­lichen Anschauungen wirkte auf wenige so erschütternd, so persönlich wie auf Nietzsche. Was die meisten nur mit dem Kopfe durchlebt haben, die Wandiung eines alten in einen neuen Glauben: das wurde für Nietzsche ein ganz persön­liches, sein Herz zermarterndes, individuelles Erlebnis. Und mit diesem Erlebnis stand er einsam, abseits von dem Wege, den die Zeitgenossen mit ihren Empfindungen und Vor­stellungen gingen. Aus den Gedanken, die ilrrn während seiner Studienzeit über die Kunst und die Weltanschauung der Griechen überliefert wurden, wuchs ihm seine eigene Auffassung der alten Kultur heraus. Er sah nicht wie andere in Sokrates, Plato, Sophokles, Euripides die großen Reprä­sentanten des echten griechischen Volkes; er dachte sich eine höhere, umfassendere Kunst und Weisheit in Griechenland heimisch im Zeitalter vor Sokrates, eine Kultur, die seit Sokrates eine Verwässerung, eine Abschwächung erlitten hat. Nach dieser uralten Kultur sehnte er sich mit seiner ganzen Seele zurück. Sie ist der Menschheit verlorengegangen. Nur im Zeitalter der Renaissance hat sie eine kurze Wiedergeburt erlebt. In Schopenhauers Philosophie glaubte er wieder eine Weisheit zu vernehmen, wie sie die Griechen vor Sokrates

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innehatten, und in Richard Wagners Kunst vermeinte er Töne zu hören, wie sie seit jenen alten Zeiten der Menschheit nicht erklungen sind. Es bedeutete einen Höhepunkt in Nietzsches Leben, als ihn, Anfang der siebziger Jahre, eine innige Freund-schaft mit Richard Wagner verband. Was in diesem Genius lebte, was sich als dessen Kunst von ihm losrang, das ideali­sierte Nietzsche noch. Er schuf sich Wagner zu einem Ideal um, rn das er alles hineinlegte, was er in dem Griechenland der vorsokratischen Zeit verwirklicht glaubte. Nicht was Wagner wirklich war, verehrte er, sondern die ideale Vorstel­lung, das Bild, das er sich von Wagner machte. Gerade als Wagner 1876 dabei war, zu erreichen, was er erstrebte, da wurde Nietzsche gewahr, daß er nicht die wahre Kunst Wag­ners verehrt, sondern ein Ideal, das er sich selbst gebildet hatte. Jetzt erschien ihm dieses Ideal als etwas Fremdes, etwas, das seiner innersten Natur gar nicht entsprach. Er wurde nun ein Gegner seiner eigenen früheren Ideen. Nicht Wagner hat der spätere Nietzsche bekämpft, sondern sich selbst, seine ihm fremd gewordene Vorstellungswelt. So war im Grunde Nietzsche einsam mit seinen Gedanken schon in der Zeit, als die Freunde Wagners ihn zu den ihrigen zählten; und vollends einsam mußte er sich fühlen, als er Gegner seiner eigenen früheren Ideen wurde. Hatte er früher wenig­stens Empfindungen gehegt, die sich an eine mächtige Kultur-erscheinung anschlossen - jetzt kämpfte er als völlig Verlas­sener mit sich allein. In der Stimmung, die sich aus solcher Verlassenheit und Einsamkeit ergab, nahm er die Ideen der modernen Naturwissenschaft auf. Nicht so wie andere konnte er sich mit dem Gedanken abfinden, daß der Mensch sich aus niederen Organismen allmählich entwickelt habe. In seinem Geiste wuchs dieser Gedanke. Hatte es die Tierheit bis zum

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Menschen gebracht, so ist es nur natürlich, daß der Mensch über sich hinausschreite zu einem noch höheren Wesen, als er selbst ist, zu dem Übermenschen. Der moderne Zeitgeist hatte genug zu tun damit, die weittragenden Ideen der neuen Naturwissenschaft zunächst auf sich wirken zu lassen; er blieb dabei stehen, den Menschen aus seiner Vergangenheit zu begreifen. Nietzsche mußte den Gedanken der Menschheits­entwicklung aber sogleich im Hinblick auf eine fernste Zu­kunft in sich verarbeiten. So stand er auch einsam mit dem Erlebnis, das die moderne Naturwissenschaft in ihm her­vorrief.

Wer das Geistesleben des letzten halben Jahrhunderts kennt, kann sich sagen, daß alle Ideen, die bei Nietzsche auf­treten, auch sonst vorhanden sind; er muß aber gestehen, daß die Art, in der sie auf Nietzsche gewirkt haben, eine solche ist, wie sie bei keiner andern Persönlichkeit zu finden ist. Nicht Verkünder einer neuen Weltanschauung ist daher Nietzsche, sondern ein Genius, der als Einzelpersönlichkeit mit seinem ureigensten Seelengeschick unser tiefstes Interesse erweckt.

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FRIEDRICH NIETZSCHE

gestorben am 25. August 1900

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Hätte vor zehn Jahren, als der Wahnsinn dem Schaffen Friedrich Nietzsches ein plötzliches Ende machte, jemand vorausgesagt, daß er in kurzer Zeit zu den gelesensten und noch mehr besprochenen deutschen Schriftstellern gehören werde: man hätte ihn wahrscheinlich ausgelacht. Der Mann, von dessen Werken heute Auflagen nach Auflagen erscheinen,

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mußte für die Schriften, die er noch selbst der Öffentlichkeit übergab, die Druchkosten bestreiten. Gegenwärtig besteht in Weimar ein eigenes «Nietzsche-Archiv», das dafür sorgt, daß keine Zeile der mittlerweile so berühmt gewordenen Persön­lichkeit der Öffentlichkeit vorenthalten werde. Nietzsche hat, kurz vor der vollständigen Umnachtung seines Geistes, ge­schrieben: «Ich habe der Menschheit das tiefste Buch gegeben, das sie besitzt, meinen Zarathustra: ich gebe ihr über Kurzem das unabhängigste.» In diesem «unabhängigsten Buche» woll­te er der Menschheit lehren, ganz neue Wertmaßstäbe an alle Dinge zu legen. Es sollte «Umwertung aller Werte» heißen. In dem ersten Kapitel dieser Schrift, das nach seiner Erkran­kung herausgegeben worden ist, lesen wir: «Dies Buch gehört den Wenigsten. Vielleicht lebt selbst noch keiner von ihnen. Es mögen die sein, welche meinen Zarathustra verstehen:

wie dürfte ich mich mit Denen verwechseln, für welche heute schon Ohren wachsen?» Man darf sagen, Nietzsche hat sich in doppeltem Sinne geirrt. Wer die Entwicklung des Geistes­lebens in den letzten Jahrzehnten verfolgt hat, der kann sich sagen, Nietzsches Anschauungen sind keineswegs die «unab­hängigsten». Er hat nur zuweilen originelle, zuweilen aber auch paradoxe und höchst einseitige Folgerungen aus Ideen gezogen, die in der Zeitkultur wohl vorbereitet lagen. Wenn man die Schriftsteller verfolgt, aus denen er seine Bildung geholt hat, dann wird man zu einem anderen Urteil über seine Unabhängigkeit geführt, als das ist, mit dem seine mehr als zweifelhafte gegenwärtige Anhängerschaft so selbstgefällig auftritt. Und auch mit der zweiten der angeführten Behaup­tungen hat sich Nietzsche geirrt. Wenn man Umschau hält in einer gewissen Publizistik der Gegenwart, wird man be­denklich den Kopf schütteln müssen über die Unzahl von

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Ohren, die bereits in so kurzer Zeit für den «Unabhängigen» gewachsen sind. Nietzsches Gedanken bilden, in bequeme Schlagworte geprägt, ein beliebtes Ausdrucksmittel «geist-reicher» Journalisten.

Man mag über Nietzsches Weltanschauung denken, wie man will: die Art, wie er populär geworden ist, wird man nicht anders bezeichnen können denn als eine tiefe Verirrung unserer Zeitkultur. Ein hervorstechendes Merkmal bei fast allen seinen Anhängern ist der Mangel an einem sachgemäßen Urteil und das flatterhafte Interesse für die Ideen einer durch ihre persönlichen Lebensschicksale interessanten Persönlich­keit. Wer Nietzsches Schriften wirklich mit Verständnis liest, der wird sich vor allen Dingen darüber klar werden, daß er es mit einem Mann zu tun hat, der dem wirklichen Leben der Gegenwart, den großen Bedürfnissen der Zeit ganz fernstand. Er hat sich alles, was er kennenlernte, im Sinne der Anschau­ungen zurechtgelegt, die er sich durch einen einseitigen klas­sischen und philosophischen, in mancher Beziehung ganz ab­normen Bildungsgang erworben hat, mit Ausschluß jeglicher Lebenserfahrung, ohne Kenntnis der wahren Bedürfnisse der Gegenwart. Er war in vollster geistiger Vereinsamung mit sich selbst und seinen Gedanken und Empfindungen beschäf­tigt. Deshalb konnte er auch nur zu Ideen kommen, die als Äußerungen einer merkwürdigen Einzelpersönlichkeit interes­sieren können, zu denen sich aber in der Form, wie er sie ausgesprochen hat, kein anderer, im wahren Sinne des Wortes, als Anhänger bekennen sollte. Wer ihn dennoch geradezu als einen Geist hinstellt, der für unsere Zeit charakteristisch ist, der beweist nur, daß Verständnislosigkeit für die eigentlichen Bedürfnisse der Gegenwart bei vielen auch eine charakteri­stische Erscheinung dieser Gegenwart ist.

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Die Betrachtung des Entwicklungsganges Nietzsches möge diese Behauptung bestätigen. Er ist am 15. Oktober 1844 in Röcken geboren. Sein Vater war protestantischer Prediger. Nietzsche war fünf Jahre alt, als der Vater starb. Er schildert ihn selbst mit den Worten: «Er war zart, liebenswürdig und morbid, wie nur ein zum Vorübergehn bestimmtes Wesen, eher eine gütige Erinnerung an das Leben, als das Leben selbst.» - Innerhalb einer frommen protestantischen Familie wuchs Nietzsche heran. Er war ein im orthodoxen Sinne frommer Knabe. Wir wissen aus der Biographie, die seine Schwester geliefert hat, daß er von seinen Klassenkameraden wegen seiner religiösen Denkungsart der «kleine Pastor» genannt worden ist. Auf dem Gymnasium zu Schulpforta, der Musteranstalt für klassische Bildung, brachte er die Schuljahre zu. An den Universitäten Bonn und Leipzig hat er sich der klassischen Altertumswissenschaft gewidmet und sich in der Vorstellungswelt des alten Griechentums so eingelebt, daß ihm diese alte Kultur als ein Ideal menschlicher Entwicklung, als der Inbegriff alles Großen und Edlen erschien. Er ist in der Schätzung des Griechentums später so weit gegangen, daß er das Vorhandensein des Sklaventums, dieser Begleiterschei­nung einer frühen Bildungsstufe, als etwas besonders Muster-gültiges und Wertvolles pries. Am Ende seiner Studienlauf-bahn lernte er die Philosophie Arthur Schopenhauers und Richard Wagner kennen. Die Schriften des ersteren und die Persönlichkeit des letzteren wirkten geradezu faszinierend auf ihn. Durch seine begeisterungsfähige, starken Eindrücken gegenüber empfindliche Natur war er beiden Geistern förm­lich willenlos verfallen.

Die Schätzung der griechischen Kultur, die er als eine wahr­haft große nur für die Zeit vor dem Auftreten Sokrates' ansah,

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verband sich bei ihm mit der rückhaltlosen Bewunderung Schopenhauers und Wagners. Er sah nunmehr im alten Grie­chentum eine Kultur, durch die der Mensch den ewigen Mäch­ten der Welt näherstand, als das später der Fall war. Er sagte sich: in dieser alten Zeit sind die Menschen ganz im Banne ihrer ursprünglichen Instinkte und Triebe gewesen, sie haben nach allen Seiten voll ausgelebt, was die Natur in sie gelegt hat. Durch Sokrates sind sie von dieser Kultur abge­bracht worden. Sokrates habe einseitig den Geist, den Ver­stand gepflegt. Er habe durch das Denken die Urtriebe der Menschen eingeschränkt; die Tugend, die man ausgeklügelt, sollte an die Stelle der frischen, urkräf tigen Instinkte treten. In Schopenhauers Lehre glaubte Nietzsche eine Rechtfertigung für diese seine Anschauungsart zu finden. Denn Schopenhauer nennt auch das menschliche Vorstellen, den Verstand, nur ein Ergebnis des blinden, vernunftlosen Willens, der in allen Naturerscheinungen waltet. Und in Wagners Musik glaubte Nietzsche Töne zu hören, die wieder aus den Tiefen der menschlichen Natur kommen, denen sich die Bildung der verflossenen Jahrhunderte entfremdet hat. Er verherrlichte das alte Griechentum vom Standpunkt der Schopenhauerschen Philosophie und feierte zugleich das Musikdrama Wagners als die Wiedergeburt dieser verlorenen Kultur in seiner ersten Schrift «Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik» (1872). In der folgenden Zeit unternahm er von diesem Gesichtspunkte aus in seinen vier «Unzeitgemäßen Betrach­tungen» einen Feldzug gegen die gesamte moderne Bildung. In einer Festschrift, die er 1875 für die Aufführungen in Bayreuth verfaßte, erreichte er den extremsten Ausdruck für diese seine Anschauungsweise.

In derselben Zeit wurde ihm auch klar, daß er sich den

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Einflüssen Wagners und Schopenhauers wie hypnotisiert hin-gegeben hatte. Er empfand die ganze Anschauung als ein fremdes Element, das er sich eingeimpft hatte. Er wurde zum heftigsten Gegner dessen, was er bisher vertreten hatte. Er kämpfte nunmehr für eine streng wissenschaftliche Betrach­tung des Lebens. Durch das Studium von Werken, die im naturwissenschaftlichen Geist der damaligen Zeit geschrieben waren, wurde er von seiner früheren Anschauung abgebracht. Er hatte sich in Friedrich Albert Langes «Geschichte des Materialismus», in Dnhrings Schriften, in die Ausführungen der französischen Moralschriftsteller vertieft. Wer diese Schriften kennt, der sieht in den Standpunkten, zu denen sich Nietzsche in seinen Werken: «Menschliches, Allzumensch­liches», «Morgenröte» und «Die fröhliche Wissenschaft» bekennt, extreme Schlüsse aus den Ideen, die von den ge­nannten Schriftstellern vertreten worden sind. Nietzsche sieht jetzt in den Vorstellungen, die er vorher gelehrt hat, falsche Ideale, welche die nüchterne, verstandesklare Beobachtung der Dinge in einen romantischen Nebel einhüllen. Immer mehr steigert sich seine Antipathie gegen Schopenhauer und Wagner. Im Jahre 1888 verfaßt er dann seine Schrift «Der Fall Wagner», welche in Worte ausklingt, wie diese: «Die Anhängerschaft an Wagner zahlt sich teuer. Ich beobachte die Jünglinge, die lange seiner Infektion ausgesetzt waren. Die nächste, relativ unschuldige Wirkung ist die des Ge-schmacks. Wagner wirkt wie ein fortgesetzter Gebrauch von Alkohol. Er stumpft ab, er verschleimt den Magen. . . . Der Wagnerianer nennt zuletzt rhythmisch, was ich selbst, mit einem griechischen Sprichwort, nenne.»

Noch einmal gewinnt etwas einen starken Einfluß auf Nietzsche. Es ist der Darwinismus. Auch hier schreitet er

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sogleich zu den extremsten Folgerungen vor. Ohne Zweifel hat ein im Jahre 1881 erschienenes Buch eines genialen, leider früh verstorbenen Naturforschers W. H. Rolph «Biologische Probleme», ihm weitgehende Anregungen gegeben. Er wird Von der Idee des «Kampfes ums Dasein» aller Wesen, der im Darwinismus eine mächtige Rolle spielt, fasziniert. Aber er nimmt diese Idee nicht in der Darwinschen Form an; er gestaltet sie in dem Sinne um, in dem sie Rolph ausgebildet hat. Darwin war der Ansicht, daß die Natur bei weitem mehr Wesen hervorbringt, als sie mit den vorhandenen Nahrungs­mitteln erhalten kann. Die Wesen müssen also um ihr Dasein kämpfen. Diejenigen, welche am vollkommensten, am zweck­mäßigsten eingerichtet sind, bleiben übrig; die andern gehen zu Grunde. Rolph ist anderer Meinung. Er sagt: nicht die Not des Daseins ist die treibende Macht der Entwicklung, sondern der Umstand, daß jedes Wesen sich mehr aneignen will, als es zu seiner Erhaltung bedarf, daß es nicht nur seinen Hunger stillen, sondern über seine Bedürfnisse hinausgehen will. Die lebendigen Geschöpfe kämpfen nicht nur für das Notwendige, sondern sie wollen immer mächtiger werden. Rolph setzt an Stelle des «Kampfes ums Dasein» den «Kampf um Macht». Diesen Gedanken stellt nun Nietzsche in den Mittelpunkt seiner Ideenwelt. Er drückt ihn paradox aus:

«Leben selbst ist wesentlich Aneignung, Verletzung, Über­wältigung des Fremden und Schwächeren, Unterdrückung, Härte, Aufzwängung eigner Formen, Einverleibung und min­destens, mildestens Ausbeutung.» Diesen Gedanken überträgt er auf die sittliche Weltordnung. Er verbindet sich ihm mit einer Ansicht, die er schon früher aus Schopenhauers Philo­sophie angenommen hat: daß es auf die Masse der Menschen nicht ankomme, daß die Massen nur dazu da seien, um einzelnen

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Auserlesenen als dienende Wesen die Bahnen möglich zu machen, auf denen sie zur höchsten Macht steigen. Die Geschichte soll nicht zuln Glück des Einzelnen führen, sondern sie soll nur ein Umweg sein, um die Macht einiger hervor­ragender Individuen zu befördern. Auf diesem Umweg soll der Mensch sich zum «Übermenschen» entwickeln, wie er sich vom Affen zum Menschen entwickelt hat. In dem halb poetisch, halb philosophisch gehaltenen Werke «Also sprach Zarathustra» hat Nietzsche das Hohe Lied dieses «Über­menschen» gesungen. Wieder findet er wie in seinen Jugend­jahren in der bisherigen Kulturentwicklung einen großen Irrtum. Der «höherwertige Typus Mensch ist oft genug schon dagewesen: aber als ein Glücksfall, als eine Ausnahme, nie­mals als gewollt. Vielmehr ist er gerade am besten gefürchtet worden, er war bisher beinahe das Furchtbare; - und aus der Furcht heraus wurde der umgekehrte Typus gewollt, gezüch­tet, erreicht: das Haustier, das Herdentier, das kranke Tier Mensch, - . . .» Nietzsche war nunmehr von seiner Idee des «Willens zur Macht» so hypnotisiert, daß ihm alles andere neben dem brutalen Kampf um Unterdrückung des Schwä­cheren gleichgültig wurde, daß er in dem keine Mittel scheu­enden Renaissance-Menschen Cesare Borgin das Muster eines Übermenschen sah.

Immer mehr hat sich Nietzsche unter dem Einfluß solcher Vorstellungen in eine Weltanschauung paradoxer Art hinein­getrieben, die weitab liegt von der Kultur der Gegenwart. Charakteristisch ist seine Stellung zur «Arbeiterfrage». Er sagt: «Die Dumaheit, im Grunde die Instinkt-Entartung, welche heute die Ursache aller Dummheiten ist, liegt darin, daß es eine Arbeiter-Frage gibt. Über gewisse Dinge Iragt man nicht. - Man hat den Arbeiter militärtüchtig gemacht,

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man hat ihm das Koalitions-Recht, das politische Stimmrecht gegeben: was Wunder, wenn der Arbeiter seine Existenz heute bereits als Notstand (moralisch ausgedrückt als Un­recht -) empfindet? Aber was will man? nochmals gefragt. Will man einen Zweck, muß man auch die Mittel wollen:

will man Sklaven, so ist man ein Narr, wenn man sie zu Herren erzieht.» Vom Standpunkt Nietzsches aus ist das alles konsequent. Diejenigen, die aber in diesem Standpunkt nicht eine durch die Persönlichkeit Nietzsches höchst inter­essante, extreme Ausgestaltung einer absterbenden Ideen­weit sehen, sondern ein lebensfähiges Glaubensbekenntnis, müssen blind gegenüber den Forderungen der Gegenwart sein. Ein merkwürdiger Denker ist am 25. August gestorben; nicht einer der führenden Geister in die Zukunft.

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HAECKEL, TOLSTOI UND NIETZSCHE

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Wer die tieferen Impulse im Geistesleben der Gegenwart sucht, dem stellen sich drei Persönlichkeiten vor die Seele. In einseitiger Art, aber mit monumentaler Größe repräsen­tiert jede dieser Persönlichkeiten, was unsere Zeit am tiefsten bewegt: Haeckel, Tolstoi, Nietzsche. Wahrheit, Güte, Schön­heit werden die ewigen Ideale der Menschheit genannt. Es ist, als ob jede der drei Persönlichkeiten von einem andern dieser Ideale die Ausdrucksmittel genommen hätte, mit denen sie sagt, was sie zu sagen hat. Haeckel redet die Sprache der Wahrheit, Tolstoi die der Güte, Nietzsche die der Schönheit.

Man muß aus der Entwicklung des ganzen neuzeitlichen Denkens die Gesichtspunkte gewinnen, von denen aus man

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eine Ansicht über die drei repräsentativen Männer unserer Weltanschauung bilden kann. Man wird den Blick vorerst nach zwei Taten in dieser Entwicklung schweifen lassen müssen. Nach jener großen Tat im sechzehnten Jahrhundert, die Kopernikus vollbracht, und durch welche der Mensch seine gegenwärtig gültige Anschauung über die Erde erlangt hat, wonach diese ein Stern unter Sternen ist. Und man muß nach der andern Tat im neunzehnten Jahrhundert ausschauen, durch die das Organisch-Lebendige, ja der Mensch selbst als Naturwesen erkannt worden ist. An die Namen Lamarck und Darwin wird zunächst denken, wer sich diese Tat vor Augen stellt. Doch war Goethe ihr erster Verkünder

Edel sei der Mensch,

Hilfreich und gut!

Denn das allein

Unterscheidet ihn

Von allen Wesen,

Die wir kennen.

. . .

Nach ewigen, ehrnen,

Großen Gesetzen

Müssen wir alle

Unseres Daseins

Kreise vollenden.

In diesen Worten, die Goethe schon im letzten Drittel des achtzehnten Jahrhunderts gesprochen, liegt die Verkün­digung einer «natürlichen Schöpfungsgeschichte».

Es hat lange gedauert, bis der Mensch sich gewöhnt hat, in den «ewigen, ehrnen und großen Gesetzen» die festen Grundsäulen seiner Welterkenntnis zu sehen. Der mittel­alterliche Mensch blickte zum Sternenhimmel empor und

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sah - nicht solche ewige, ehrne Gesetze, sondern men­schenähnliche Intelligenzen. Und bis ins achtzehnte Jahr­hundert hinein sah der Mensch in dem Bau seines Organis­mus und in dem der anderen Lebewesen nicht «ewige Ge­setze», sondern das Walten einer «ewigen Weisheit», die er nur nach Art der menschlichen Vernunft denken konnte. Das Christentum war ein mächtiger Förderer solcher Denk-Gesinnung. Es hatte die «bloße, grobe Materie» zu einem Wesen niederer Art herabgesetzt. Wie sollte es sich mit dieser Materie und ihren eingeborenen Gesetzen begnügen, wenn es auf die Erklärung der wunderbaren Bewegungen im Himmelsäther oder des zweckvollen Baues der organi­schen Wesen ankam! Die Wissenschaft mußte Stück für Stück von unserem Weltenbaue für die «ewigen, ehrnen Gesetze» erobern. Kopernikus tat das für den Sternenhimmel, Goethe, Lamarck, Darwin für das, was lebt auf der Erde. -

Und in demselben Maße, in dem die Wissenschaft der alten Weltanschauung Stück um Stück entriß, in demselben Maße wurde der christliche Geist zäher in der Rettung dessen, was er noch für sich retten konnte. Die Welt des Raumes mußte Luther der Wissenschaft lassen. Um so energischer wollte er die Welt der Seele für die Religion in Anspruch nehmen. Eine strenge Scheidung vollzog er zwischen der Welterklärung und dem Evangelium. Diesem sollte keine Wissenschaft etwas anhaben können; es sollte dem Glauben erhalten bleiben, der zum Heile führt. Nicht zufällig tritt mit der neuen wissenschaftlichen Welterklirung Luthers evangelische Lehre gleichzeitig in die Weltgeschichte ein. Sie mußte kommen, wenn neben dem Wissen noch der Glaube Geltung haben sollte. Ihm mußte das Gebiet zugewiesen werden, das von der Wissenschaft noch nicht berührt war.

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Und wie Luther dem Kopernikus, so steht Kant der mo­dernen «natürlichen Schöpfungsgeschichte» gegenüber. Alles schien am Ende des achtzehnten Jahrhunderts dem vernünf­tigen Denken zu verfallen. Da kam Kant und erklärte, daß der Mensch gar nicht veranlagt sei, das wirkliche Wesen der Dinge zu erkennen. Die tiefsten Impulse seines Denkens hat Kant verraten, als er die Worte niederschrieb: «Ich mußte also das Wissen vernichten, um zum Glauben Platz zu bekommen.» Dieses Wissen ist nach Kants Meinung nur ein beschränktes; niemals kann es dahin dringen, wo die Gegenstände des Glaubens, Gott, Freiheit und Unsterblich­keit, ihr Gebiet haben. Der Glaube hat seine ewige Be­rechtigung neben Vernunft und Wissenschaft.

Nur eine notwendige Folge solcher Voraussetzungen war es, daß Kant der Ansicht war, dem Menschen werde der Bau eines lebendigen Wesens niemals so erklärlich sein, wie es eine Maschme ist. Übernatürlich müsse die Schöpfungs geschichte des Organisch-Lebendigen bleiben: das war bei Kant doch der Weisheit letzter Schluß.

Das neunzehnte Jahrhundert hat Schritt für Schritt das Lebendige in das Netz der «ewigen, ehrnen Gesetze» eingesponnen. Kant erscheint uns heute wie ein neuer Luther, wie der letzte aus der Reihe derjenigen Geister, die noch irgend etwas, möglichst viel, für den der Wissenschaft un­zugänglichen Glauben retten wollten. Die Entwicklung schrei­tet über diese Geister hinweg. Die «natürliche Schöpfungs­geschichte» kann auch das Stück Glauben nicht mehr gelten lassen, das Kant noch retten wollte. Die wissenschaftliche Denkweise ist im Begriffe, vollends die christliche aufzulösen Kant ist uns nur noch interessant als einer der letzten großen Vertreter des christlichen Geistes.

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Als Haeckel, Tolstoi und Nietzsche im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts, jeder auf seine Art, sich die Frage stellten, wie läßt sich mit den neuen Idealen der Mensch­heit leben, da standen sie vor der im Sinne der Wissenschaft revolutionierten Weltanschauung.

Haeckel fand sich in die Weltlage im Sinne des naiven Naturforschers. Was die Wissenschaft ihm vor Augen führt, ist ihm die Wahrheit. Und die Wahrheit ist ihm zugleich gut und schön. Er baut die Welt der Lebewesen bis herauf zum Menschen nach «ewigen, ehrnen Gesetzen» auf. Alles wird von ihm radikal zurückgewiesen, was sich dieser Welter-klärung nicht beugt. Er hat keine Zeit, darüber nachzusinnen, ob der schönheitstrunkene, ob der nach sittlicher Vollendung ringende Geist in der von Vernunft und Wissenschaft auf­gebauten Welt ihre Rechnung finden. Vielmehr ist ihm bei­des selbstverständlich. Anders Tolstoi, und anders Nietzsche. Sie können sich mit ihren Idealen nicht von vornherein in die neue Weltlage finden. In beiden lebt das alte Christen­tum fort als die Grundstimmung ihres Wesens. Tolstoi meint, daß der Mensch sich nur glücklich fühlen könne in einem Handeln, das von echt christlicher Gesinnung eingegeben ist. Nicht die Wahrheit der Wissenschaft, sondern die Liebe, wie sie das reine Christentum in dem Menschen erzielt, kann zur höchsten Befriedigung führen. Die Wahrheit hat sich der Liebe, die Vernunft der Güte unterzuordnen. Was soll alle Wissenschaft mit ihrer Erklärung des Geistes nach «ewigen, ehrnen Gesetzen», da doch dieser Geist fest und sicher in sich ruht und das Urgesetz der Liebe, ohne alle Wissenschaft, als sein Wesen anerkennen muß? Vor allem wissenschaftlichen Forschen kennt der Geist dieses sein Wesen. Tolstoi bekämpft das wissenschaftliche Bekenntnis,

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weil er glaubt, daß es den Geist zu einem bloßen Natur-wesen herabwürdige, weil es ihn von außen erkennen will, da er sich doch selbst das nächste ist und sein Wesen in sich findet. Rückkehr zur wahrhaft christlichen Anschauung voin Geiste predigt daher Tolstoi Der Wissenschaft gehört das Räumliche und Zeitliche. Das Räumliche und Zeitliche ist aber sündhaft. Gerade in der Überwindung des Räumlichen und Zeitlichen muß der Geist sein Wesen finden. Wenn er zu der Überzeugung kommt, daß sein individuelles Dasein Sünde ist, und daß er allein in der Liebe zum All seine Seligkeit finden kann, dann hat der Mensch sein Ziel erreicht. Niemals ist diese Ansicht hinreißender geschildert worden, als von Tolstoi in der Novelle «Der Tod des Iwan Iljitsch». Der Mensch kommt sterbend zu der Überzeugung, daß das Dasein in jedem Falle voll von Unrecht ist. Durch diese Überzeugung erhält der Tod seinen tiefsten Sinn. Man stirbt mit dem Bekenntnis, daß man nur unrecht lehen könne. Man überwindet so sterbend das Dasein und rechtfertigt es da­durch, daß man es für nichtig erklärt. Wer als Schätzer des Lebens stirbt, stirbt nicht mit dem wahren, menschlichen Bekenntnis. Tod ist Vernichtung des Einzeldaseins, und nur wer an die Berechtigung dieser Vernichtung in dem Augen­blicke glaubt, da in Wirklichkeit diese Vernichtung eintritt, der stirbt mit der Wahrheit im Herzen.

Es kann keinen größeren Gegensatz zu dieser Verklärung des Todes geben als Nietzsches Lebenstrunkenheit. Auch für Nietzsche hat die materielle, von «ewigen, ehrnen Gesetzen» beherrschte Welt keinen Daseinswert in sich. In jeder seiner Lebensperioden hegt er diese Gesinnung. Die christliche Ver­achtung des materiellen Daseins steckt in ihm. Er trägt sie, wie wir alle, im Blute. Aber wie Tolstoi jenseits dieser Welt

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seine höhere christliche errichten will, so Nietzsche innerhalb der unbefriedigenden zeitlichen eine beseligende, aber nicht minder zeitliche. Er stellt zunächst dem Christentum das Griechentum gegenüber. Und im Griechentum sieht er die verkörperte Welt der Schönheit, des starken, idealen Lebens-genusses. Als ästhetisches Phänomen, als Erscheinung der Kunst läßt sich allein die Welt ertragen. Wer die Welt sich durch Schönheit verklären kann, ist wahrer Mensch. Auch Nietzsche will das unmittelbare Leben des Alltags über­winden; aber er will es nicht durch den Tod, sondern durch ein höheres Leben überwinden. Und als Nietzsche sich in die moderne Naturwissenschaft vertieft, wird er nicht wie Tolstoi ihr Bekämpfer, sondern er löst für sich aus ihr los, was ihm zu seiner Philosophie des höchsten Lebensgenusses dienlich sein kann. Er entwickelt aus dem Menschen den Übermenschen. Nicht was ist, soll Zweck des Daseins sein, sondern was werden kann. Und es macht Nietzsche trunken vor Begeisterung für die «ewigen, großen Gesetze», weil er sich sagen kann: sie entwickeln aus dem Menschen den Über-menschen, wie sie aus dem Wurm den Menschen entwickelt haben. Das Zeitliche, das Wirkliche, wenn auch das Zukünftig-Wirkliche, wird der Inhalt der Lebensweisheit Nietzsches. Und kann man sich einen schärferen Kontrast denken, als Tolstois Todessehnsucht und Nietzsches Lebenstrunkenheit, wie sie sich äußert in der Idee, daß alle Dinge, so wie sie heute sind, ewig wiederkehren werden?

So kehrt sich denn Tolstois Weltbild völlig um, wenn man von ihm zu Nietzsche übergeht. Was jenem Zweck, wird diesem Mittel. Die großen Genien der Menschheit: Konfu­zius, Buddha, Sokrates, Christus sind für Tolstoi die großen Lehrer der Menschheit. Sie sollen sich für die andern opfern.

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Für Nietzsche sind alle übrigen Menschen nur da, um auf dem Umweg durch sie zu den großen Geistern zu kommen. Die Menschheit muß sich opfern, um aus ihrem Schoße einige wenige große Individuen zu erzeugen, die um ihrer selbst willen da sind. Wer das Dasein schätzt wie Nietzsche, kann wohl so denken. Dieses Dasein hat um so mehr Wert, je mehr Lebensgenuß aus ihm gesogen werden kann. Die großen Lebensgenießer erfüllen das Daseinsziel am besten. Um ihret­willen scheint dieses Dasein berechtigt. Anders für Tolstoi Die großen Lebensgenießer sind am schlimmsten dem nich­tigen, wertlosen Dasein verfallen, wenn sie nicht in den Dienst der allgemeinen Liebe treten, welche allen Menschen Erlösung bringt von dem irdischen, nichtigen Dasein.

So stehen sich die drei merkwürdigen Repräsentanten un­serer Zeitbildung gegenüber: der naive Wahrheitsforscher Haeckel, für den alles Alte untergehen muß, weil die neue Wahrheit zum Siege bestimmt ist, der Prophet des Guten Tolstoi, der ein wahres Christentum den Mitmenschen in die Seele führen will, das sie zu Überwindern nicht nur des am Nichtigen haftenden alten Christentums, sondern auch der ebenso am Nichtigen hängenden Wissenschaft machen soll, und Nietzsche, der das alte Christentum ebenso überwinden will, aber aus dem Geiste der neuen Wissenschaft heraus eine höhere Menschlichkeit bilden will, die das Nichtige im Irdischen überwindet, weil sie innerhalb dieses Jrdischen das wahrhaft Wertvolle findet, das würdig ist, genossen zu wer­den, das trotz seiner Zeitlichkeit und Räumlichkeit nicht ver­ächtlich ist, weil es höchsten Lebensgehalt darstellt. Ihm sind Schönheit und echter Lebensgenuß, was Tolstoi das Gute, was Haeckel die Wahrheit ist.

DAS NIETZSCHE-ARCHIV UND SEINE ANKLAGEN GEGEN DEN BISHERIGEN HERAUSGEBER

#G031-1966-SE505 - Gesammelte Aufsätze zur Kultur- und Zeitgeschichte 1887 - 1901

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DAS NIETZSCHE-ARCHIV UND SEINE ANKLAGEN GEGEN DEN BISHERIGEN HERAUSGEBER

Eine Enthüllung

1 Die Herausgabe von Nietzsches Werken

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Es durfte in weiteren Kreisen bekannt sein, daß sich in Weimar ein Nietzsche-Archiv befindet, in dem die hinter-lassenen Handschriften des unglüddichen Philosophen auf-bewahrt sind, und dessen Leitung die Schwester des Er­krankten besorgt, Frau Elisabeth Förster-Nietzsche. Seit einer Reihe von Jahren ist außerdem eine Gesamtausgabe der Werke Nietzsches im Erscheinen begriffen, die im Jahre 1897 bis zum zwölften Bande gediehen war. Die ersten acht Bände umfassen alle Werke, die vor Nietzsches Erkrankung bereits gedrucht waren, und den nachgelassenen Antichrist, der als abgeschlossenes Werk im Augenblicke der Erkrankung vor-lag. Die folgenden Bände sollen den Nachlaß enthalten, näm­lich frühere Entwürfe zu den später in vollkommenerer Ge­stalt ausgearbeiteten Schriften, und Entwürfe, Notizen und so weiter zu unvollendet gebliebenen Werken. Die vier bis jetzt erschienenen Nachlaßbände umfassen alles aus dem Nietzscheschen Nachlaß, das bis zum Ende des Jahres 1885 entstanden ist. Seit dem Jahre 1897 ist kein neuer Band der Ausgabe erschienen.

Soeben ist nun ein Herr Dr. Ernst Horneffer mit einer Broschüre aufgetreten: «Nietzsches Lehre von der Ewigen Wiederkunft und deren bisherige Veröffentlichung» (Leipzig,

C. G. Naumann)> in der er die Gründe auseinandersetzt, warum in so langer Zeit nichts von Nietzsches Werken er­schienen ist, und warum der 11. und der 12. Band wieder

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aus dem Buchhandel zurückgezogen worden sind. Diese Bro­schüre des Herrn Dr. Horneffer und ein Buch, das auch vor kurzem erschienen ist, sind die Veranlassung, warum ich hier es einmal unternehme, einiges über die Art mitzuteilen, wie vom Nietzsche-Archiv aus die Verbreitung der Leistungen des von so tragischem Geschick heimgesuchten Denkers gehand­habt wird. Jch werde leider gezwungen sein, in diesem Aufsatze auch einiges Persönliche vorzubringen. Ich tue das nicht gerne. Allein hier gehört das Persönliche durchaus zur Sache, und die Erfahrungen, die ich mit dem Nietzsche-Archiv gemacht habe, sind geeignet, Licht zu verbreiten darüber, wie die verantwortlichen Personen mit dem Nachlaß einer der merkwürdigsten Persönlichkeiten der neueren Geistesge­schichte verfahren.

Die zweite Veröffentlichung, von der ich oben gesprochen habe, ist eine deutsche Übersetzung des französischen Buches:

«La philosophie de Nietzsche» von Henri Lichtenberger. Die Übersetzung hat Friedrich von Oppeln-Brom.kowski besorgt. Dies erwähnt Frau Elisabeth Förster-Nietzsche in ihrer Vor­rede. Mir hat es auch der Übersetzer selbst gesagt. Dennoch trägt das Buch auf dem Titelblatte die Worte: «Die Philo-sophie Friedrich Nietzsches von Henrj Lichtenberger. Einge­leitet und übersetzt von Elisabeth Förster-Nietzsche.» Doch das nur nebenbei. Die Hauptsache ist, daß Frau Elisabeth Förster-Nietzsche in ihrer Einleitung diese seichte, ober­flächliche Darstellung der Lehre ihres Bruders sozusagen zu der offiziellen Interpretion seiner Weltanschauung macht. Jedermann, der nur eine Ahnung von dem großen Wollen Friedrich Nietzsches hat, muß im tiefsten Innern verletzt sein, wenn er sieht, daß die verantwortliche Hüterin des Nachlasses dieses Buch in ihren besonderen Schutz nimmt.

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Für Kenner der Nietzscheschen Ideen brauche ich über dieses Buch weiter nichts zu sagen. Es gehört zu den zahlreichen Nietzsche-Publikationen, die man lächelnd beiseite legt, wenn man ein paar Seiten darinnen gelesen hat. Daß ich nicht aus persönlicher Animosität gegen dieses Machwerk auftrete, wird man mir glauben, denn meine eigene Schrift über «Nietzsche als Kämpfer gegen seine Zeit» wird nicht nur von Frau Förster-Nietzsche auf der ersten Seite ihrer Einleitung als «bedeutend» bezeichnet, sondern auch von Henri Lichten-berger selbst im Laufe seiner Darstellung gelobt. Über die «Einleitung» der Frau Förster-Nietzsche verliere ich weiter kein Wort. Sie ist wie alles, was von dieser Frau über ihren Bruder gesagt wird; und ich werde ja leider in dem folgenden genötigt sein, mich mit ihr zu beschäftigen.

Horneffers Schrift ist zu dem Zwecke geschrieben, um den bisherigen Herausgeber der Nietzsche-Ausgabe, Dr. Fritz Koegel, als einen wissenschaftlich unfähigen Menschen zu kennzeichnen, der diese Ausgabe schlecht gemacht hat, ja, der bei Bearbeitung des i 1. und 12. Bandes so viele grobe Fehier gemacht hat, daß diese Bände aus dem Buchhandel zurückgezogen werden mußten. Horneffer versteigt sich zu der Behauptung: «Es ist ein schlimmes Geschick, aber eine nicht zu unterdrückende Wahrheit, auch das ist Nietzsche noch begegnet: er ist zunächst einem wissenschaftlichen Charlatan in die Hände gefallen.» Ich habe Dr. Koegels Verteidigung nicht zu führen. Das mag er selbst tun. Die An-gelegenheit, um die es sich hier handelt, ist aber eine Sache, die die Öffentlichkeit interessiert. Und es muß jemand, der wie ich aus genauer Beobachtung die Dinge kennt, sagen, was er zu sagen hat.

Ich bemerke von vornherein, daß nicht wahr ist, was schon

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öfter und nun auch wieder vor kurzem als Mitteilung durch die Zeitungen gegangen ist, daß ich selbst je Nietzsche-Heraus­geber war. Ich muß diese Unwahrheit um so mehr hier fest­stellen, als Richard M. Meyer in seiner soeben erschienenen Literaturgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts mich als Nietzsche-Herausgeber bezeichnet, trotzdem er eigentlich wissen müßte, daß dies unwahr ist, denn er ist ein öfterer Besucher des Nietzsche-Archivs und Freund der Frau Förster­Nietzsche. Das ist nur ein Pröbchen dafür, mit welchem Leichtsinn heute Bücher geschrieben werden. Wenn ich auch nie Nietzsche-Herausgeber war, so habe ich doch viel im Nietzsche-Archiv verkehrt und Frau Förster-Nietzsche ge­nügend kennen gelernt. Das werden die folgenden Ausführun­gen beweisen.

Aber ich habe auch Dr. Fritz Koegel bei seiner Arbeit beobachtet: ich habe unzählige Nietzsche-Probleme mit ihm durchgesprochen. Ich kenne ihn und kenne auch den Hergang bei seiner Entlassung aus dem Nietzsche-Archiv und weiß, wie es gekommen ist, daß ihm die weitere Herausgabe der Werke abgenommen worden ist. Bevor ich zur Darstellung des wahren Sachverhaltes schreite, will ich mich über die offizielle Darlegung von Seite des Nietzsche-Archivs, die Dr. Ernst Horneffer gegeben hat, aussprechen.

Dr. Fritz Koegel ist ein Mann von künstlerischen Fähig­keiten und wahrem wissenschaftlichen Geist. Er hat für die Weltanschauung Nietzsches ein tiefes Verständnis. Ich stimme mit ihm in manchen Punkten nicht überein, und wir haben manche Kontroverse gehabt. Die Nietzsche-Ausgabe hat er mit stets sich steigernder Begeisterung gemacht. Er arbeitete wie ein Mann, der bei seiner fortlaufenden Tätigkeit, die Probleme voll durchlebt und sie im Geiste nachschafft. Seit

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er nät den Nachlaßbänden beschäftigt war, hat er mir fast von jedem Schritte seiner Arbeit eingehende Mitteilung ge­macht. Die Manuskripte Nietzsche selbst habe ich niemals durchstudiert. Nur in einzelnen Dingen haben wir beraten. Ich hatte kein offizielles Verhältnis zur Ausgabe, sondern nur ein freundschaftliches zu Dr. Koegel. Noch immer muß ich der Stunden gedenken, in denen wir viel von dem rätsel­baftesten Bestandteil der Lehre Nietzsches, von der «ewigen Wiederkehr» aller Dinge sprachen. In den vollendeten Schrif­ten sind ja nur spärliche Andeutungen über diese Idee. Mit Ungeduld sehnten wir die Zeit herbei, in der Koegel zur Bearbeitung der «Wiederkunfts»-Papiere kommen sollte. Die ersten dieser Papiere stammen aus dem Jahre 1881. Koegel hat nun diese im 12. Bande der Ausgabe veröffentlicht. Und diese Veröffentlichung bietet den hauptsächlichsten Angriffs-punkt des Dr. Horneffer und angeblich den Hauptgrund, waruln Dr. Koegel die Herausgeberschaft abgenommen wor­den ist.

Koegel hat in einem Manuskriptheft Nietzsches, das im Sommer 1881 niedergeschrieben ist, Aufzeichnungen gefun­den, die sich auf die «Ewige Wiederkunft» beziehen. Es sind 235 Aphorismen. Ferner befindet sich in demselben Hefte eine Disposition Nietzsches zu einem Buche «Die Wieder­kunft des Gleichen». Koegel hat sich nun gesagt: nach dieser Disposition wollte Nietzsche eine Schrift verfassen. Die Aphorismen stellen den Inhalt dieser Schrift dar in noch ganz ungeordneter Reihenfolge und in unvollendeter Gestalt. Denn Nietzsche ist von der Abfassung dieser Schrift abge­kommen. Wir haben also ihren Inhalt nur in einer unvoll­endeten Weise vor uns. Nietzsche hat bald anderen Arbeiten sich zugewandt. Da der Nachlaß ein Bild von Nietzsches

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Geistesentwicklung geben und zu diesem Zwecke auch die unvollendeten Schriften enthalten soll, so mußte Dr. Koegel die unvollendete «Wiederkunft des Gleichen» natürlich in an­gemessener Form zum Abdruck bringen. Die Disposition war da und 235 Aphorismen in ganz willkürlicher Aufein­anderfolge, wie Nietzsche die Gedanken zu den einzelnen Punkten der Disposition eingefallen waren. Koegel nahm, was natürlich war, die Aphorismen durch, teilte jedem Punkt der Disposition zu, was für ihn bestimmt war, und suchte für die einzelnen Abteilungen einen Gedankenfaden, so daß die Aphorismen nach Möglichkeit ein geschlossenes Ganzes bildeten.

Nun macht sich Dr. Horneffer, Koegels Nachfolger, darüber her. Er erklärt, die meisten der Aphorismen hätten gar nicht zur «Ewigen Wiederkunft» gehört, sondern es hätte sich zunächst um den «Zarathustra» gehandelt, dessen erstes blitz­artiges Aufschießen in seinem Gedankenprozesse Nietzsche in dem gleichen Hefte verzeichnet. Nur wenige, nämlich 44 Aphorismen gehörten dem «ewigen Wiederkunftsgedanken» an. Horneffer veröffentlicht diese 44 Aphorismen neuerdings als «Beilage» zu seiner Broschüre. Ferner beschuldigt er Koegel, daß dieser den Inhalt der Lehre von der «ewigen Wiederkunft» nicht verstanden habe, und deshalb in ganz widersinniger Weise bei der Zuteilung der einzelnen Aphoris­men zu den Punkten der Disposition verfahren wäre. Eine weitere Behauptung Horneffers ist die, daß «der Plan Nietz­sches, eine prosaische Schrift über die Wiederkunft des Gleichen, wie Koegel es sich vorstellt, zu schreiben, nur schr kurze Zeit bestanden haben kann> daß er nie bestanden hat,» Verzeihen Sie, Herr Dr. Horneffer, Sie schreiben da etwas ganz Unerhörtes hin. Was meinen Sie denn nun eigentlich?

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Hat der Plan nur kurze Zeit bestanden, oder hat er nie bestanden? Sie scheinen zu glauben, daß dies dasselbe ist. Dann erlauben Sie mir, an Ihrem gesunden Verstande zu zweifeln. Hat der Plan kurze Zeit bestanden, dann war es Dr. Koegels Pflicht, die Gestalt, die er angenommen hat, im Sinne der Anlage des Nachlaßwerkes festzuhalten. Hat er nie bestanden, dann durfte natürlich auch nichts als «Wieder­kunft des Gleichen» publiziert werden. Denn dann gehören die Aphorismen zu anderen Schriften. Dr. Horneffer kriegt das Taschenspielerkunststück zustande, in zwei aufeinander­folgenden Zeilen sowohl zu behaupten, daß er bestanden, wie daß er nicht bestanden habe.

Ein so organisierter Verstand ist eine schöne Vorbedingung für den Bearbeiter einer Nietzsche-Ausgabe! Dieser Herr entpuppt sich auch sogleich in seiner ganzen Größe. Er unter­nimmt es in einzelnen Fällen zu beweisen, daß Koegel den einzelnen Punkten der Disposition falsche Aphorismen zuge­teilt habe. In allen diesen Fällen zeigt Herr Dr. Horneffer, daß er nicht weiß, worauf es bei diesen Aphorismen ankommt; und daß seine Meinung, die Aphorismen gehören nicht in die betreffende Abteilung, nur auf seinem totalen Unverstand beruht. Ich will ein paar Fäile herausgreifen. Horneffer nimmt den 70. von Koegel verzeichneten Aphorismus und behauptet, daß er besage: «daß Moral nur physiologisch zu verstehen sei. Alle moralischen Urteile sind Geschmacksurteile. Gesunden und kranken Gemack gibt es nicht, es kommt immer auf das Ziel an.» Koegel ordnet den Aphorismus, dem diese Worte angehören, dem Kapital ein «Einverleibung der Leidenschaf­ten». Horneffer sagt: «Dies ist ein selbständiger, in sich ab-geschlossener Gedanke aus dem Gebiete der Moral, mir geht das Verständnis aus, wie man dies unter Einverleibung der

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Leidenschaften bringen kann.» Ich glaube, daß Herrn Hor­neffer das Verständnis dafür ausgegangen ist, denn er hat nie das Verständnis für den Aphorismus überhaupt gehabt. Horneffer unterschiägt einfach das, worauf es ankommt, näm­lich, daß der Mensch sich in seiner Beurteilung des Wertes der Nahrung irrt, weil er statt auf den Nutzen als Nahrungs­mittel zu sehen, sich nach dem Geschmacke richtet. Nicht was trefflicher nährt, sondern was besser schmeckt, will der Mensch genießen. Er ist also mit seiner Leidenschaft auf einer falschen Fährte; er hat sich durch verschiedene Bedin­gungen eine irrtümliche Leidenschaft einverleibt. Wegen dieses seines Sinnes gehört der Aphorismus in das Kapitel «Einverleibung der Leidenschaften». Ein anderes Beispiel. Horneffer behauptet: «Aph. 33, 34, 35 führen aus, daß wir unberechtigter Weise das Unorganische verachten, obwohl wir sehr davon abhängig sind.» Dazu macht er die Bemerkung:

«Ich weiß nicht, wie das mit den Grundirrtümern und ihrer Einverleibung zusammenhängen soll.» Horneffer weiß das nicht, weil er wieder nicht weiß, was die Aphorismen für einen Sinn haben. Nun, ich will es ihm sagen. Nietzsche spricht davon, daß wir das Unorganische gering schätzen, daß wir bei Erklärung unseres Organismus auf das Unorganische in ihm zu wenig Rücksicht nehmen. «Wir sind zu drei Viertel eine Wassers äule und haben unorganische Salze in uns.» Wenn wir so etwas nicht beachten, so sind wir einem Grund-irrtum unterworfen. Wir glauben, das Organische bedürfe zu seiner Erklärung der Rücksicht auf das Unorganische nicht. Deshalb stehen diese Aphorismen mit Recht an dieser Stelle. Eine weitere «Leistung» des Herrn Dr. Horneffer ist der Satz: «Wir lesen Aph. 121 und 122, daß wir nicht tolerant sein sollen, in Aph. 130, daß der Egoismus nicht immer

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schlimm gedeutet zu werden braucht. Es ist wirklich nicht faßlich, was Koegel veranlaßt hat, dies und ähnliches unter Einverleibung des Wissens zu bringen.» Jawohl, es ist für Herrn Dr. Horneffer nicht faßlich, weil er wieder keine Ahnung hat, worauf es ankommt. Sonst hätte er in Aph. 121 nicht unterschlagen: «Die Wahrheit um ihrer selbst willen ist eine Phrase, etwas ganz unmögliches.» Das besagt nämlich:

der Mensch gibt sich dem Irrtum hin: er strebe die Wahrheit an, um sie zu wissen; während es ganz andere, ganz egoistische Gründe sind, die ihn dazu veranlassen. Der Glaube an das «Wissen um seiner selbst willen» ist also einverleibt.

So könnte man Herrn Dr. Horneffer in jedem einzelnen Fall nachweisen, daß er nur deshalb Koegel vorwirft, dieser habe die Aphorismen unter falsche Gesichtspunkte gebracht, weil er - Horneffer - absolut nichts von dem Sinn dieser Aphorismen versteht.

Aber mit Herrn Horneffers Logik hapert es überhaupt ge­waltig. Nietzsche spricht im Anfange des «Ewigen Wieder­kunfts».Manuskriptes davon, daß der Mensch durch die Bedingungen des Lebens genötigt ist, sich falsche Vorstellun­gen von den Dingen zu machen. Solche Vorstellungen, die den Tatsachen nicht entsprechen, weil die richtigen Begriffe weniger lebenfördernd wären als die falschen. Es kommt dem Menschen zunächst gar nicht darauf an, ob eine Vor­stellung wahr oder falsch ist, sondern ob sie lebenerhaltend, lebenfördernd ist. Und Nietzsche bemerkt, daß die aller­primitivsten Vorstellungen, wie Subjekt und Objekt, Gleiches und Ähnliches, der freie Wille solche falsche, aber zum Le­ben notwendige Vorstellungen seien. Es gibt in Wahrheit nicht zwei gleiche Dinge. Die Vorstellung der Gleichheit ist also falsch. Es bringt uns aber vorwärts, doch den Begriff der

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Gleichheit bei unserer Betrachtung anzuwenden. Dies tun wir nun - nach Nietzsche - nicht nur bei den prüiiitivsten Vorstellungen, sondern bei den komplizierten erst recht. Nietzsche führt die primitiven nur an, um zu sagen: seht, selbst die einfachsten, durchsichtigsten Vorstellungen sind falsch. Wie interpretiert Herr Dr. Horneffer. Er sagt: «Also nur die allerprimitivsten Begriffe sind mit diesen Grund-irrtümern gememt, die in Urzeiten gebildet worden sind.» Er beschuldigt Koegel, daß er auch kompliziertere Vorstellun­gen unter dem Begriff «Einverleibung der Grundirrtümer» bringt. Der neue Nietzsche-Herausgeber kann Nietzsche nicht einmal lesen.

Dr. Horneffer bringt noch einige Scheingründe für seine Behauptung vor, die Zusammenstellung der «Ewigen Wieder­kunfts»-Aphorismen durch Koegel sei unrichtig. Es steht in dem Manuskript-Heft noch eine andere Disposition, die Horneffer für eine Disposition zum Zarathustra hält, denn auf den «ersten Blitz des Zarathustra-Gedankens» soll sich die Angabe beziehen, die unter dieser Disposition steht:

«Slls-Maria 26. August 1881». Unter der oben erwähnten Disposition der «Wiederkunft des Gleichen» steht «Anfang August 1881 in Sils-Maria». Nun behauptet Horneffer, die Disposition vom 26. August gebe «Stimmungen an, mit denen die verschiedenen Kapitel eines Werkes zu schreiben sind.» Gewiß; das ist Horneffer zuzugeben. Der erste Punkt dieser Disposition heißt zum Beispiel «Im Stile des ersten Satzes der neunten Symphonie. Chaos sive natura. «Von der Entmensch­lichung der Natur». Prometheus wird an den Kaukasus an-geschmiedet. Geschrieben mit der Grausamkeit des Kratos, «der Macht». So sind auch die anderen Punkte dieser Dis­position. Zugleich meint aber Dr. Horneffer: «der ganze

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Charakter dieser Disposition beweist ihre Zugehörigkeit zum Zarathustra». Das ist aber eine der allerschlimmsten Behaup-tun gen> die mir in der ganzen Nietzsche-Literatur begegnet sind. Denn nichts weist darauf hin, daß die Disposition zum Zarathustra gehöre; ihrem ganzen Inhalt nach kann sie aber nur zu einem Werke gehören, das nicht der Zarathustra ist, denn sie enthält nicht die Hauptidee, um derentwillen der Zarathustra geschrieben ist: die Idee des Übermenschen. Sie enthält vielmehr als Hauptgedanken die «ewige Wieder­kunft», die im Zarathustra nur vorübergehend erwähnt wird. Nietzsche ist ganz offenbar von einem über die «ewige Wiederkunf t» geplanten Hauptwerke abgekommen, weil der «Übermensch» in den Mittelpunkt seiner Gedanken trat, und dieser ihn zum Zarathustra veranlaßte. Auch die Worte «Gaya Scienza» (Fröhliche Wissenschaft) finden sich in dem «Wiederkunft»-Heft. Horneffer sagt: «So ergibt sich aus äußeren und innneren Kennzeichen, daß dieses Heft eine Vorarbeit der fröhlichen Wissenschaft ist... In der fröhlichen Wissenschaft am Schluß des vierten Buches und damit am Schluß des ursprünglichen Werkes überhaupt - das fünfte Buch ist erst später hinzugefügt - spricht Aph.341 den Ge­danken der ewigen Wiederkunft aus.» Das ist für Herrn Dr. Horneffer der «nächstliegende» Gedanke. Für jeden anderen, besseren logischen Kopf ist das durchaus nicht der nächstliegende Gedanke. Denn die letzte Niederschrift der «fröhlichen Wissenschaft» ist im Januar 1882, den Nietzsche deshalb den « schönsten aller Januare» nennt, entstanden. Warum sollte er da nicht Gedanken aus einem Manuskript-heft benutzt haben, das einem im August des vorigen Jahres geplanten und aufgegebenen Werke entspricht? Dies ist natürlich für jede logisch denkende Persönlichkeit die «nächstliegende

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Annahme». Für Herrn Dr. Horneffer ist es nicht der Fall. Doch dieser weiß für seine Meinung noch etwas anzu­führen. Nietzsche hat in einem Briefe, den Peter Gast «erst seit kurzem dem Archiv zur Verfügung» gestellt hat, an diesen am 3. Sept. 1883 aus Sils-Maria geschrieben: «Dieses Engadin ist die Geburtsstätte meines Zarathustra. Ich fand eben noch die erste Skizze der in ihm verbundenen Gedanken; darunter steht .» Nun steht dieser Satz nicht einmal unter der Dispo­sition, von der Horneffer meint, sie gehöre zum Zarathustra; sie steht unter der Disposition, die ganz zweifellos zu einem Werke über die «Wiederkunft des Gleichen» gehört - denn diese Disposition ist so überschrieben. Es folgt also aus dieser Briefstelle nichts weiter, als daß Nietzsche sich geirrt hat. Er erinnerte sich, daß der Zarathustra-Gedanke im Sommer 1881 bei ihm Wurzel gefaßt hat, fand in dem alten Hefte die Bemerkung, sah sie flüchtig an, und glaubte, die Worte darunter bezögen sich auf den Zarathustra. Herr Dr. Hor­neffer sieht die Disposition allerdings nicht flüchtig an, son­dern sehr genau, und glaubt auch, die Worte beziehen sich auf den Zarathustra. Bei ihm ist es kein Gedächtnisfehler, sondern - etwas anderes.

Darin scheint überhaupt die Hauptstärke des neuen Nietzsche-Herausgebers zu bestehen, daß er die Buchstaben der Manuskripte genau anzusehen vermag. Und durch diese Eigenschaft ist es ihm nun gelungen, Dr. Koegel wirkliche, unzweifelhafte Fehler nachzuweisen. Koegel hat sich nämlich hie und da einmal verlesen. Er hat die ungemein schwer zu entziffernden Buchstaben Nietzsches falsch gedeutet. Er hat einmal statt «Procter» «Proklos», einmal statt «Selbstregulierung»

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«Selbsterziehung», statt «Welten» «Wellen» gelesen, und er hat ähnliche Verbrechen mehr begangen. Einmal ist es ihm sogar passiert, daß er ein Stück eines Aphorismus an eine falsche Stelle gesetzt hat. (Dies ist mir nämlich durch die Broschüre des Herrn Dr. Horneffer wahrscheinlich gewor­den. Die Manuskripte kenne ich nicht.) Damit ist bewiesen, daß Herr Dr. Horneffer ein Organ besser philologisch ausge­bildet hat, das bei Dr. Fritz Koegel auf Kosten des Kopfes etwas zurückgeblieben zu sein scheint, und das man in «guter Gesellschaft» nicht nennen darf, wenn es auch gegenwärtig im Nietzsche-Archiv mehr geschätzt zu sein scheint als der Kopf. Denn ich gestehe in bezug auf Dr. Koegel ohne weiteres zu: Er war mehr mit den Nietzscheschen Ideen beschäftigt, als mit den einzelnen Buchstaben seiner Manuskripte. Gerade deshalb war er aber auch trotzdem ein besserer Herausgeber, als es Herr Dr. Horneffer nach der ersten Leistung zu sein scheint. Denn es ist doch klar, daß in der Zeit, die zwischen den beiden oben genannten Dispositionen liegt (Anfang August bis Ende August 1881) Nietzsche eine Schrift über die «Wiederkunft» geplant hat. Es mag sein, daß die zweite Disposition, vom 26. August, die Stimmungen angibt, darauf hinweist, daß er diese «Wiederkunft»-Schrift poetisch fassen wollte. Der Zarathustra hätte diese Schrift aber nie werden können, denn sie hat einen anderen Hauptgedanken im Mittelpunkt als der Zarathustra. Erst als der Übermensch­Gedanke diesen ersteren Hauptgedanken verdrängt hatte, konnte die erste Schrift aufgegeben und zum Zarathustra übergegangen werden. - Genug: Es gab in Nietzsches Ent­wicklung 1881 die Absicht, eine Schrift über die «Wieder­kunft» zu schreiben. Es liegt eine Disposition zu ihr vor. In den Nachlaßbänden werden unvollendete Nietzsche-Schriften

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veröffentlicht. Fritz Koegel hat durch sachgemäße Zusammen- 1 stellung von 235 Aphorismen uns eine Vorstellung gegeben, wie diese Schrift etwa geplant war. Es liegt in der Natur der Sache, daß bei Zusammenstellung ungeordneter Aphoris­rnen die Subjektivität des Herausgebers bis zu einem gewissen Grade freies Spiel hat. Die Anordnung hätte ein Anderer vielleicht etwas anders als Dr. Koegel gemacht. Wir hätten dann eine Publikation, die vielleicht von der Koegelschen abwiche, aber deshalb nicht unrichtig zu sein brauchte, wenn sie aus dem Geiste Nietzsches heraus gemacht wäre. Und Dr. Koegel hat aus dem Geiste Nietzsches herausgearbeitet. Anderswoher, als aus diesem Geiste heraus, scheint Dr. Hor­neffer zu arbeiten. Meiner Übetzeugung nach lag ein Grund zur Zurückziehung des 12. Bandes nicht vor. Doch hat Dr. Koegel ja ein paar Lesefehler gemacht, und wenn Nietzscheherausgeber und -Verleger Geld genug haben, so mögen sie wegen ein paar Verlesungen eine neue Ausgabe machen. Das ist natürlich ihre Sache. Ob man aber einen Herausgeber entläßt wegen ein paar Versehen? Ich sehe mich deshalb, weil ich Horneffers Ausführungen als nichtig betrachten muß, gezwungen, meine Beobachtungen über die Vorgänge bei der Entfernung Koegels von Nietzsche-Archiv und Nietzsche-Ausgabe zu erzählen.

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II. Zur Charakteristik der Frau Elisabeth Förster-Nietzsche

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Die ersten Anzeichen, daß Frau Elisabeth Förster-Nietzsche eine Änderung in dem Verhältnisse Dr. Fritz Koegels zur Herausgabe der Nietzsche-Ausgabe eintreten lassen wolle, traten zutage ganz kurze Zeit nach der Verlobung des letzteren im Herbst 1896. Wenige Tage nach dieser Ver­lobung mit einer Dame aus dem Freundeskreise der Frau Förster-Nietzsche sagte die letztere zu mir, diese Verlobung bereite ihr Schwierigkeiten. Sie wisse nicht, wie sie die Stel­lung Dr. Koegels gestalten solle, damit sie einen Rückhalt für seine Verheiratung bilden könne. Von diesem Zeitpunkte an befand ich mich, der sowohl mit Frau Förster-Nietzsche wie mit Dr. Koegel verkehrte, in einem wahren Kreuzfeuer. Zwischen den beiden gab es fortwährend Auseinander­setzungen, und ich mußte, wenn ich mit Frau Förster-Nietz­sche sprach, allerlei merkwürdige Behauptungen über Dr. Koegel hören; wenn ich mit Dr. Koegel zusammentraf, ver­nahm ich immerwährende bittere Klagen darüber, daß er sich Frau Förster-Nietzsches Verhalten ihm gegenüber nicht anders erklären könne, als daß sie ihn auf die eine oder die andere Weise aus seiner Stellung drängen wolle. Ich suchte nach beiden Seiten hin zu beruhigen und fand im übrigen meine Lage ziemlich widerlich. Ich kam damals in jeder Woche zweimal zu Frau Förster-Nietzsche. Sie hatte sich von mir Privatstunden über die Philosophie ihres Bruders geben lassen. Ich hätte gewiß nie über diese privaten Angelegen­heiten gesprochen, wenn sie nicht geeignet wären, in der Öffentlichkeit ein richtigeres Bild über die Qualitäten der Leiterin des Nietzsche-Nachiasses zu geben, als dies durch die heute erscheinenden offiziellen und offiziösen Kundgebun­gen

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des Archivs erlangt werden kann. Das was ich vorbringe ist geeignet, zu zeigen, in welchen Händen Nietzsches Schrif­ten sind. Und darüber etwas zu erfahren, hat man heute ein Recht, da Friedrich Nietzsches Lehre einen so großen Einfluß in der Gegenwart ausübt. Die Privatstunden, die ich Frau Förster-Nietzsche zu geben hatte, belehrten mich vor allen Dingen über das Eine: Daß Frau Förster-Nietzsche in allem, was die Lehre ihres Bruders angeht, vollständig Laie ist. Sie hat nicht über das Einfachste dieser Lehre irgend ein selb-ständiges Urteil. Die Privatstunden belehrten mich noch über ein anderes. Frau Elisabeth Förster-Nietzsche fehit aller Sinn für feinere, ja selbst für gröbere logische Unterscheidungen; ihrem Denken wohnt auch nicht die geringste logische Folge­richtigkeit inne; es geht ihr jeder Sinn für Sachlichkeit und Objektivität ab. Ein Ereignis, das heute stattfindet, hat morgen bei ihr eine Gestalt angenommen, die mit der wirk­lichen keine Ähnlichkeit zu haben braucht; sondern die so gebildet ist, wie sie sie eben zu dem braucht, was sie erreichen will. Ich betone aber ausdrücklich, daß ich Frau Förster­Nietzsche niemals im Verdachte gehabt habe, Tatsachen ab­sichtlich zu entstellen, oder bewußt unwahre Behauptungen aufzustellen. Nein, sie glaubt in jedem Augenblicke, was sie sagt. Sie redet sich heute selbst ein, daß gestern rot war, was ganz sicher blaue Farbe trug. Ich muß das ausdrücklich vorausschicken, denn nur unter diesem Gesichtspunkte ist alles das aufzufassen, was ich noch vorbringen will.

Bald nach Dr. Koegels Verlobung benutzte Frau Förster-Nietzsche meine Anwesenheit im Nietzsche-Archiv gelegent­lich einer Privatstunde, um mir zu sagen, daß ihr Zweifel an den Fähigkeiten des Dr. Koegel aufgestiegen seien. Sie schätze ihn ja außerordentlich als Künstler und «Ästhetiker», sagte

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sie, aber er sei kein Philosoph. Deshalb könne sie sich nicht denken, daß er fähig sei, die letzten Bände der Ausgabe, in denen die «Umwertung aller Werte» veröffentlicht werden sollte, entsprechend zu bearbeiten. Sie halte dafür, daß ich, der ich Philosoph sei und in Nietzsches Gedankenkreis ganz eingeweiht, zur Ausgabe zugezogen werden müsse. Sie machte auch Angaben über Einzelheiten, wie sie sich ein Verhältnis von mir zum Nietzsche-Archiv künftig etwa denke. Ich legte einer solchen Unterredung und solchen Angaben von seiten der Frau Förster-Nietzsche keinen besonderen Wert bei. Denn ich kannte sie und wußte, das sie heute dies und morgen jenes will, und daß es ganz zwecklos ist, ernsthaft mit ihr sich aus­einanderzusetzen, wenn zu einer solchen Auseinandersetzung etwas Logik gehört. Ich sagte nur, was sie da sage, hätte gar keine Bedeutung, denn Dr. Koegel sei kontraktraäßig Heraus­geber der Nietzsche-Ausgabe Von einer Erklärung meiner­seits, daß ich bereit wäre, auch Herausgeber zu werden, könne keine Rede sein, denn eine solche Erklärung sei sinn­los, wenn nicht erst mit Dr. Koegel eine Auseinandersetzung stattgefunden hätte. Festzuhalten ist hierbei, daß ich nicht nur damals meine Zustimmung zur Herausgabe von Nietz­sches Schriften nicht gegeben habe, sondern auch von dem Standpunkt ausgegangen bin, daß bei den Kontrakten zwischen Frau Förster-Nietzsche und dem Verleger der Nietz­sche-Ausgabe, die ich kannte, eine solche Zusage meinerseits ein Unsinn gewesen wäre. Nun kannte ich Dr. Koegels Ge­reiztheit und Verbitterung in jenen Tagen. Er war durch das fortwährende unglaubliche Gebaren der Frau Förster-Nietz­sche in eine geradezu krankhafte Aufregung hineingetrieben worden. Ich wußte, daß er in dieser Lage es nicht mehr vertrug, von der ganz sinnlosen Unterredung zwischen Frau

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Förster-Nietzsche und mir zu erfahren. Außerdem war es völlig zwecklos, sie ihm mitzuteilen, denn sie war vollständig resultatlos verlaufen. Ich bat deshalb Frau Förster-Nietzsche, mir ihr Wort zu geben, daß über diese Unterredung niemals gesprochen werde. Sie gab dieses Wort. Das war an einem Sonnabend. Dr. Koegels Schwester wohnte in jenen Tagen bei Frau Förster-Nietzsche. Ana darauffolgenden Dienstag sagte nun zu dieser Frau Förster-Nietzsche folgendes. Ich hätte zugesagt, mit Dr. Koegel zusammen die «Umwertung aller Werte» herauszugeben. Sie, die Schwester, mdge Dr. Koegel fragen, ob er damit einverstanden sei. Frau Förster­Nietzsche sagte das nicht zu Dt. Koegel selbst, der inzwischen wiederholt im Nietzsche-Archiv anwesend war, sondern ließ es ihm durch seine Schwester sagen. So hat Frau Elisabeth Förster-Nietzsche nicht nur von der Unterredung drei Tage nachher gesprochen: sie hat das Resultat in ganz falscher Gestalt mitgeteilt. Von dieser eigentümlichen Auffassung, die Frau Förster-Nietzsche von einem gegebenen Worte hatte, war nachher noch öfter die Rede. Und Frau Förster-Nietzsche hat sich über diese ihre Auffassung in einem unerbetenen Brief an mich am 23. September 1898 in folgender Weise ausgesprochen: «ich glaubte, daß das Versprechen (es war nicht bloß ein Versprechen, sondern ein verpfändetes Wort) nur für die Zwischenzeit gelte, ehe ich Dr. Koegel das ganze Arrangement vorschlüge, denn natürlich mußte ich bei dem Anerbieten eines zweiten Herausgebers sagen, wen ich dabei im Auge hatte und daß der in Aussicht genommene damit einverstanden sei.» Frau Förster-Nietzsche glaubte also, daß sie ein am Sonnabend gegebenes Wort am Dienstag darauf nicht mehr zu halten brauchte. Frau Dr. Förster-Nietzsche findet es natürlich, daß sie bei dem Anerbieten eines zweiten

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Herausgebers sagt, ich hätte zugesagt, obgleich das nicht rich­tig war, und obgleich jeder logisch denkende bei den kontrakt­lich bestehenden Verhältnissen der Ansicht sein mußte, daß erst die Sachen mit Dr. Koegel geordnet sein mußten, bevor über einen zweiten Herausgeber geredet werden könne. Da sachliche Gründe nicht vorlagen, um Dr. Fritz Koegel einen zweiten Herausgeber an die Seite zu setzen, hätte eine Zusage meinerseits nur als eine Intrige gegen diesen gedeutet werden können. Alles was Frau Elisabeth Förster-Nietzsche in der Unterredung vom 6. Dezember vorbrachte, waren keine Angriffe auf das, was er bis dahin geleistet hatte, sondern nur die ganz vage, durch nichts sachlich gerechtfertigte Ver­mutung, Dr. Koegel werde wahrscheinlich die auf den 12. folgenden Bände nicht allein machen können. Damit ich Dr. Koegel gegenüber nicht als Intrigant erscheine, mußte Frau Elisabeth Förster veranlaßt werden, vor Zeugen und in Dr. Koegels und meiner Gegenwart ausdrücklich zu erklären, daß ich eine Zusage nicht gegeben habe. Das hat sie auch erklärt. Später wollte sie den ihr unangenehmen Eindruck, den eine solche Erklärung gemacht hatte, verwischen. Des-halb erzählt und verbreitet sie den Sachverhalt seither so:

am 6. Dezember habe eine Unterredung stattgeffinden und sie habe aus Rücksicht für mich diese Unterredung abgeleug­net. Durch ihren Mangel an logischem Unterscheidungsver-mögen scheint es ihr nicht klar zu sein, worauf es ankam. Nicht darauf kam es an, ob sie mit mir am 6. Dezember über Dr. Koegel und ihre Absichten mit ihm überhaupt gesprochen habe, sondern darauf, daß ich nicht eine Zusage gegeben habe. Ich habe eine solche Zusage schon deshalb nicht gegeben, weil ich Frau Förster-Nietzsche gerade klar zu machen versuchte, daß jede Zusage meinerseits bei den

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bestehenden Kontraktverhältnissen ein Unding wäre. Ich habe eine Zusage auch deshalb nicht geben können, weil es damals meine feste Überzeugung war, daß es nur persönliche Gründe seien, die Frau Förster-Nietzsche veranlaßten, eine Änderung in Berug auf Dr. Koegel eintreten zu lassen. Diese Überzeugung ist bei mir auch bis heute durch nichts erschüt­tert. Ich halte alles später vorgebrachte Sachliche nur für eine Maske, die ein ursprünglich rein aus persönlichen Gründen von Frau Förster-Nietzsche angestrebtes Ziel - Entfernung Dr. Koegels von der Herausgeberschaft - als eine objektiv -durch die behauptete Unfähigkeit Koegels - gerechtfertigte Handlung erscheinen lassen soll.

Die Unterredung zwischen Fraü Förster-Nietzsche und mir hat Sonnabend, den 5. Dezember 1896 stattgefunden. Alle unangenehmen Verhandlungen, die sich an dieses Ereignis knüpften, zogen sich noch viele Wochen hin. Ich bemerke aus­drücklich, daß in dieser ganzen Zeit niemals die Rede davon war, daß Frau Förster-Nietzsche an der Gediegenheit dessen zweifle, was Dr. Koegel bis dahin für die Nietzsche-Ausgabe gearbeitet hatte. Und es war damals das Koegelsche Manu­skript der «ewigen Wiederkunft» für den zwölften Band längst fertig. Ich kannte dieses Koegelsche Manuskript, habe aber nie die Unterlagen dafür, die Nietzscheschen Hefte, ken­nengelernt. Was Frau Förster-Nietzsche von den letzteren da­mals kannte, weiß ich nicht, Koegels Manuskript kannte sie aber genau. Sie hat oft davon gesprochen und mir gegenüber niemals in dieser ganzen Zeit einen Zweifel darüber ausge­sprochen, daß daran etwas fehlerhaft sein könnte. Ich muß das sagen, denn in Horneffers Broschüre steht: «Zur Recht fertigung von Frau Dr. Förster-Nietzsche, die zuerst die Un wissenschaftlichkeit der Koegelschen Arbeit erkannt hat (schon

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Herbst 1896)...» Diese Angabe kann also nicht richtig sein. Wie aber Frau Förster-Nietzsche später die ganze Angelegen­heit zurechtfrisierte, das geht aus einer Stelle des erwähnten unerbetenen Briefes an mich hervor. Darin steht zu lesen: «Ich habe Ihnen das Manuskript über die Wiederkunft des Gleichen Oktober 1896 zur Prüfung gegeben, weil ich so großer Sorge darum war. Sie selbst haben die Unzusammenge­hörigkeit des Inhaltes verschiedentlich konstatiert und meine Besorgnis gerechtfertigt und erwähnt. Trotzdem haben Sie Dr. Koegel kein Wort über Ihren Zweifel über die Zu­sammenstellung des Manuskripts gesagt.» In dieser Brief-stelle ist alles unrichtig. Die Sache war so. Während einer längeren Abwesenheit des Dr. Koegel von Weimar, besuchte Dr. Franz Servaes das Nietzsche-Archiv Frau Förster-Nietz­sche ersuchte mich, ihm einiges aus dem zum Druck bereit liegenden Manuskript Koegels, die «Ewige Wiederkunf t», vorzulesen. Ich wollte das nicht unvorbereitet tun und er­suchte, mir das Manuskript bis zum nächsten Tage zu über­lassen, damit ich mich für die Vorlesung vorbereiten könne. Ich las dann nicht das ganze Manuskript vor, sondern nur eine Reihe von Aphorismen. Zufällig überschlug ich damals gerade die, von denen jetzt behauptet wird, sie gehören nicht zur «Ewigen Wiederkunft». Später, als Frau Förster­Nietzsche mit mir wieder anknüpfen wollte, im Frühling 1898, hörte ich, daß Frau Förster, durch einige Kritiker der mittlerweile gedruckten «Wiedergeburt», Koegels Arbeit tadeln gehört habe, und daß sie jetzt, nach anderthalb Jahren, an die Zurüchziehung des zwölften Bandes denke. Ich sagte damals, es sei doch ein sonderbarer Zufall, daß jetzt die­jenigen Aphorismen für nicht in das Buch gehörig angesehen würden, die ich damals, weil auch ohne Vorlesung derselben,

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ein partielles Verständnis des Grundgedankens möglich sei, überschlagen habe. Als ich zuerst von der Zurückz:iehung des Bandes hörte, glaubte ich, daß nach Untersuchung der Manu­skripte Nietzsches sich ganz andere Fehler ergeben hätten als die von Horneffer behaupteten. Ich kenne ja diese Manu­skripte nicht. Es ist für mich nicht gleichgültig, daß Frau Förster-Nietzsche die obige falsche Behauptung bezüglich einer Prüfung der Manuskripte macht, denn sie hat den er-wähnten Brief nicht nur an mich gerichtet, sondern, wie ich nunmehr weiß, den Inhalt auch anderen mitgeteilt. Ich muß daher feststellen: 1. Es ist nicht richtig, daß mir gegenüber Frau Förster Zweifel an der Güte der Koegelschen Arbeit geäußert hat. 2. Es ist nicht richtig, daß mir Frau Förster je das Koegelsche Manuskript zur Begutachtung gegeben hat.

3. Es ist nicht richtig, daß ich jemals «die Unzusammen­gehörigkeit des Inhalts konstatiert» habe.

Infolge der unrichtigen und unstatthaftigen Mitteilung meiner Unterredung mit Frau Förster-Nietzsche an Dr. Koe­gels Schwester wurde die Spannung im Nietzsche-Archiv immer größer. Die Auseinandersetzungen nahmen immer breitere Dimensionen an. Es wurden auch andere Persön­lichkeiten in die Sache hineingezogen. Im ganzen Verlaufe der Angelegenheit spielte aber der Zweifel an Koegels Fähig­keiten, nach meiner Überzeugung, keine Rolle. Die Abnei­gung der Frau Förster-Nietzsche gegen Koegel wurde immer größer. Sie war zunächst durch die bestehenden Verträge nicht in der Lage, Koegels Stellung zu ändern. Er blieb zu­nächst Herausgeber. Aber Frau Förster-Nietzsche erschwerte ihm das Herausgeben in jeder Weise. Sie beschränkte ihn in der freien Benutzung der Nietzscheschen Manuskripte. Das führte dazu, daß zuletzt das Verhältnis unhaltbar wurde.

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Eines Tages war Dr. Koegel nicht mehr Nietzsche-Heraus­geber. Nun traten später wiederholt an mich Freunde der Frau Förster-Nietzsche heran, die mir die Absicht der letz­teren andeuteten, mich unter gewissen Voraussetzungen zum Herausgeber zu machen. Ich hatte schon früher eine solche Eventualität vorausgesehen und war mit Dr. Koegel darin einig, wenn eines Tages sein Verhältnis zum Nietzsche­Archiv unmöglich geworden wäre, einem etwaigen Ruf der Frau Förster-Nietzsche zu folgen. Ich habe mich aber niemals, nicht früher und auch nicht später, um die Herausgeberschaft beworben. Aber da von den erwähnten Freunden der Frau Förster-Nietzsche stets betont worden ist, daß ich der ge­eignetste Nietzsche-Herausgeber sei, und es schade wäre, wenn die Ausgabe wegen persönlicher Zerwürfnisse in weni­ger berufene Hände käme: so entschloß ich mich zweimal, nach Weimar zu fahren, nachdem mein Hinkommen jedes­mal ausdrücklich durch die genannten Freunde der Frau Förster-Nietzsche, nachdem diese mit ihr verhandelt hatten, telegraphisch gefordert worden war. Die Einzelheiten der Verhandlungen, die nunmehr stattfanden, haben kein Inter­esse. Erwähnen will ich nur, daß bei meiner letzten Unter­redung mit Frau Förster-Nietzsche diese verlangte, ich solle über die Unterredung vom 6. Dezember 1896 an ihren Vetter als Vertrauensmann eine «einfach-wahre» Darstellung schrei­ben. Es wurde auch in Gegenwart eines Dritten ein Entwurf eines Briefes über den Sachverhalt an den Vetter im Nietzsche­Archiv versucht. Ich sah bald, daß Frau Förster-Nietzsche nicht die Wahrheit wollte, wie ich sie oben dargestellt habe, sondern etwas anderes. Ich ging fort und sagte: ich will mir die Sache überlegen. Ich hatte aber das Gefühl: mit dieser Frau ist nichts zu machen. Ich habe mich seitdem nie wieder

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mit der Angelegenheit beschäftigt; ich wollte Frau Förster­Nietzsche einfach ignorieren. Am 23. Sept. 1898 schrieb sie mir dann den oben erwähnten Brief. Was sonst in demselben steht, ist ebenso unrichtig wie die eine Stelle, die ich erwähnt habe. Ich habe diesen unerbetenen, mir ganz gleichgültigen Brief unbeantwortet gelassen. Später erfuhr ich, daß Frau Förster-Nietzsche für die Verbreitung seines unrichtigen In­halts gesorgt hat.

Ich hätte auch jetzt geschwiegen, wenn ich nicht durch Horneffers Broschüre und durch die Protektion, die das Buch von Lichtenberger erfahren hat, in die Empörung darüber getrieben worden wäre: in welchen Händen Nietzsches Nach­laß ist.

Es könnte sein, daß Frau Förster-Nietzsche noch Briefe von mir hat, in denen etwas steht, was sie gegen meine jetzigen Behauptungen aufzeigen könnte. Ich habe eben, trotzdem ich Frau Förster-Nietzsche bald erkannt habe, im­mer darauf Rücksicht genommen, daß sie Friedrich Nietzsches Schwester ist. Da habe ich vielleicht aus Höflichkeit und Rücksicht im Loben ihrer Eigenschaften zu viel getan. Nun ich erkläre, daß das eine große Dummheit von mir war, und daß ich gerne bereit bin, jedes Lob, das ich Frau Förster. Nietzsche gespendet habe, in aller Form zurückzunehmen.

ZUR «WJEDERKUNFT DES GLEICHEN»

#G031-1966-SE529 - Gesammelte Aufsätze zur Kultur- und Zeitgeschichte 1887 - 1901

#TI

ZUR «WJEDERKUNFT DES GLEICHEN»

VON NIETZSCHE

Eine Verteidigung der sogenannten

«Wiederkunit des Gleichen» von Nietzsche

Von Dr. E. Horneller

#TX

Der frühere Herausgeber der unveröffentliehten Sc+iriften Nietz­sehes, Dr. Fritz Koegel, hat aus zusammenhangslosen Aphorismen ein naeh seiner Meinung zusammenhängendes, in Wahrheit aber völlig sinnloses Bueh zusammengestellt, das er als von Nietzsehe stammend, wenigstens von Nietzsehe geplant, herausgibt. Auf diese Veröffentliehung gründeten sieh fortgesetzt die töriehtsten Vorstellungen. Es war daher für die jetzigen Herausgeber im Nietzsehe-Arehiv unumgänglieh, einen öffentliehen Naehweis die­ser fehlerhaften Herausgabe, die übrigens aueh lnzwisehen rück­gängig gemaeht war, zu liefern, um davor zu warnen. Anderer­seits waren die von Koegel gemaehten Fehler hier wie aneh über­all so stark und so zahireieh, daß man sein Verfahren sciileehter-dings nieht ungerügt lassen konnte. Wenigstens ieh vermoehte es nieht, ruhig mitanzusehen, wie dureh diesen Bearbeiter die Sehöpfung Nietzsehes mißhandelt worden war. Ich gab also eine vorläufige Mitteilung über Koegel's Arbeitsweise in einem Schrift-ehen: «Nietzsehes Lehre von der ewigen Wiederkunft und deren bisherige Veröffentlichung». Im Mittelpunkt dieser Darlegung steht der Naehweis der völlig verunglückten, in rohe Verunstal­tungen Nietzsehes auslaufenden Rekonstruktion der Nietzsehe fälsehlieh heigelegten Schrift «die Wiederkuaft des Gleiehen».

Daß Koegel auf meine Broschüre antworten würde, das habe ich erwartet. Daß aber ein anderer sieh finden würde, der Koe­gel's Unsinn in Schutz nähme - ieh gestehe, das habe ich nicht erwartet. Sonst haben sieh alle Urteilsfähigen, soviel mir bekannt ist, mit Grausen abgewendet von solcher Herausgeber-Tätigkeit, wie ich sie dort aufgedeckt habe. - Dr. Rudolf Steiner, der seiner Zeit hier in Weimar lebte und als Mitherausgeber im

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Nietzsche-Archiv, als die philosophische Ergänzung Dr. Koegel's in Aussicht genornmen war, ein Vorhaben, das sich nachher aber zersehlug, unternimmt es, Koegel's Arbeit zu verteidigen («Maga­zin für Literatur» 1900 Nr.6). Ich glaube, es war das wenig klug von ihm. Er kompromittiert sich mit dieser Verteidigung; schon dadurch kompromittiert er sich, daß er es überhaupt wagt, der­gleichen in Schutz zu nehmen, mehr aber noch dadurch, wie er es tut. Um das erstere zu beurteilen, muß man seine Schrift lesen. Über das letztere nur wenig Andeutungen.

Zunächst gesteht Steiner, daß er das in Frage stehende Manu­skript Nietzsches gar nicht kenne. Ich habe aber jeden Gelehrten, der sieh ein selbständiges Urteil über die aufgeworfenen Fragen bilden will, aufgefordert, sieh hier in Weimar das Manuskript anzusehen. Ich wüßte nicht, daß ich eine Ausnahme gemacht hätte. Auch für Steiner hätten sich Mittel und Wege zur Besich­tigung des Manusltripts gefunden. So redet er also überhaupt wie der Blinde von der Farbe. Wenn er das Manuskript sähe, würde er sich vielleicht doch noch besinnen, hier ein zusammen­hängendes Buch anzunehmen, so bunt durcheinandergewürfelt wie hier die Aphorismen stehen. Er würde sich z. B. denn doch wundern, wenn er unmittelbar bei der entscheidenden Skizze der Wiederkunftsidee einen Aphorismus findet, der mit den Worten beginnt: «Im Lohengrin gibt es viel blaue Musik» u. s. w. So unzusammenhängend sind aber die Aphorismen das ganze Heft hindurch. Ehe er also redete, hätte er sieh das einmal ansehen sollen. Koegel's Veröffentlichung ist - objektiv - eine vollkom­mene Fälschung.

Steiner wirft mir vor, ich hätte mich gar nicht klar ausge-drückt, ob ich denn nun an das von Koegel rekonstruierte Buch glaubte oder nicht. Er beruft sich dabei auf eine Stelle, wo ich aus gewissen Daten den Schiuß ziehe, «daß der Plan Nietzsehes, eine prosaische Schrift über die Wiederkunft des Gleichen, wie Koegel es sich vorstellt, zu schreiben, nur sehr kurze Zeit bestan­den haben kann, daß er nie bestanden hat.» Ich gestehe, daß ich mein Buch allerdings für Leser geschrieben habe, die etwas wenigstens denken können. Ich setzte voraus, daß man es ver­stehen würde, daß der zweite Satz eine Verstärkung des ersten

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ist und das Ganze bedeutet: nie. Hier einen Widerspruch kon­statieren, ist lächerlich.

Steiners Haupteinwand ist dieser: Ich suche in meinem Buche zu beweisen, daß die von Koegel rekonstruierte Schrift eine falsche Hypothese ist daß er unter die Rubriken einer von Nietz­sche stammenden Disposition fälschlich Aphorismen bringt, die nicht dazu gehören Steiner behauptet nun, ich hätte die betref­fenden Aphorismen an denen ich Anstoß genommen hätte, nur lückenhaft wiedergegeben; er sagt, ich hätte wichtige Gedanken derselben unterschlagen D'iese aber hinzugenommen, ergebe sich, daß die Aphorismen zu der betreffenden Überschrift gehörten. Ich will einen Fall den Steiner erwähnt, genauer besprechen. Man wird sehen, mi't welchen Mitteln Steiner die Zugehörigkeit beweist.

Der Inhalt des Aphorismus ,0 bei Koegel (Nietzsehe Werke Bd. XII) ist dieser Fur das Wesentliche jeder Nahrung sind wir unempfänglich durch Wurzen, die unserem Geschmack zugang lich sind, müfen wir zu der Nahrung erst verfuhrt werden So ist es auch im Moralischen Die moralischen Urteile smd ddie Würzen der Handlungen, uber den eigentlichen Wert der Hand-lungen ist nichts ausgesagt Eine Handlung richt schmecken, uns aber sehr schädlich sern Nietzsche sp

weiter von den Bedingungen der Veranderung des Geschmacks d.h. des moralischen Geschmacks, daß Urteile wie «gesund» und «krank» in der Moral keinen Sinn haben, es kommt auf das Ziel der jeweiligen Entwicklung an u. s. w. Steiner rückt ohne Be­denken den am Anfang stehenden Neben- und Hilfsgedanken in den Vordergrund und sagt: «Nicht was trefflicher nährt, sondern was besser schmeckt will der Mensch genießen. Er ist also mit seiner Leidenschaft (sic!) auf einer falschen Fährte; er bat sich durch verschiedene Bedingungen eine falsche Leidenschaft einver leibt. Wegen dieses seines Sinnes gehort der Aphorismus in das Kapitel «Einverleibung der Leidenschaften» Auf diese Weise kann man das Blaue vom Himmel herunter beweisen Von Ge schmack und Schmecken ist hier nur gleichnisweise die Rede. In dem Ganze handelt es sich um Moral und moralische Urteile Die Einführung des Wortes «Leidenschaft» von Seiten Steiners

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ist eine vollkommene Willkürlichkeit, es ist eine Vergewaltigun n g des Gedankens, die ich nicht mitmachen kann. Solche Künste der Interpretation widerstreben meinem wissenschaftlichen Gewissen Und selbst wenn man den Gedanken von Geschmack und Schmecken in den Vordergrund rückt, ist die Unterstellung des Wortes «Leidenschaft» ungerechtfertigt. Ich halte auch das für eine höchst gezwungene Weiterführung des Gedankens. Zieht man die allgemeine Verfassung unseres Manuskriptes in Rück­sicht, wo die verschiedensten Gedanken aus allen Gebieten der Philosophie neben einanderstehen, so sieht man, daß auch dieser Aphorismus ein vollkommen in sich abgeschlossener Gedanke aus dem Gebiete der Moral ist, der mit einer erkenntnistheore-tischen Skizze: «was ist Wahrheit?», wie sie hier vorliegt, nicht das geringste zu tun hat. Deutungen, wie die Steiners, kommen, wie gesagt, objektiv für mich einer Fälschung gleich.

Aph. 121, 122 könnten an der richtigen Stelle stehen, wenn der betreffende Gedanke, den Steiner anführt, daß es keine ob­jektive Wahrheit gibt, ungefähr der entgegengesetzte wäre. An dieser Stelle wird gerade ein Wille zur Wahrheit, der in gewis­sem Sinne unbedingt auftritt und über dessen Wert und Konse­quenzen nachher geurteilt werden soll, vorausgesetzt. Ich müßte mich umständlich wiederholen, wenn ich das ausführlicher nach­weisen wollte. Man siehe meine Schrift. Ich bedaure, daß Steiner nichts davon verstanden hat.

Ein anderer Fall läßt sich hier noch behandeln, der Steiner in einem noch schlimineren Lichte zeigt. Nietzsche spricht von Gundirrttimern und meint damit allererste menschliche Vorstel­lungen, wie die Begriffe eines Objekts, Subjekts, eines freien Willens, gleicher Dinge, ähnlicher Dinge u, s. w. Nietzsche führt diese Beispiele selber an. Diese Vorstellungen, auf denen alles menschliche Urteilen und Handeln beruht, sind aber falsche Vor­stellungen, und somit ruht die gesamte menschliche Erkenntnis, die immer mit solchen Begriffen operiert und operieren muß, auf falscher Gundlage. Ich sage nun, daß in einem Abschnitt, wo auf diese Weise die Fehlerhaftigkeit der allgemeinen Grundlage der menschlichen Erkenntnis nachgewiesen wird, niemals die Be­richtigung irgend welcher einzelnen Irrtümer später Wissenschaft

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stattfinden kann, z. B. die Berichtigung des Irrtums, daß wir un­berechtigter Weise das Unorganische verachten, während wir doch sehr davon abhangig sind. «Wir sind zu drei Viertel eine Was sersäule und haben unorganische Salze in uns.» Steiner sagt:

<Steiner sagt, auf diese Weise ließe sich die Anordnung Koegels in jedem einzelnen Falle rechtfertigen. Möglich, - auf diese Weise. Neugierig bin ich trotzdem auf den Nachweis, mit welchem Rechte zum Beispiel ein Aphorismus, in dem es heißt, daß an-dauernder Kaffee-Konsum bedenklich sei, in einem Abschnitt steht, wo es sich um die Frage handelt, ob der unbedingte Wille zur Wahrheit ein lebenförderndes Prinzip sei, ob nicht die Wis­senschaft, schrankenlos durchgeführt, die Lebenskraft untergräbt, mit welchem Rechte ein Aphorismus, der sagt, man solle den Tod als Fest empfinden, und ein anderer, der sagt, daß der Egois­mus nicht immer schlimm ausgelegt zu werden braucht, in einem Abschnitt stehen, der die Entstehung des Willens zur Wahrheit

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schildern soll, warum ein letzter, wo es heißt, daß die Mensch­heit Nietzsches Vorschläge in dle Praxis umsetzen werde, z. B. auch in der Frage der Behandlung der Verbrecher, warum dieser Aphorismus in einem Abschnitt steht, der che ewige Wieder­kunft behandeln sollte (solche Ungeheuerlichkeiten macht näm­lich Koegel in Menge, Steiner nennt das Koegels «wahren wissen­schaftlichen Geist»!) - den Beweis der Zusammengehörigkeit die­ser Gedanken möchte ich wirklich sehen. Also heraus mit dem Beweise! Die drei Beispiele, die Steiner bringt - mehr bringt er nämlich nicht und falsch sind sie außerdem noch - genügen nicht.

Die ganze Anlage der Steinerschen Widerlegung ist verfehlt. Wenn man mich widerlegen will, so muß man meine Rekon­struktion der Skizze oder des Entwurfs, den Koegel seinem Buche zu Grunde legt, widerlegen. Darüber sagt Steiner kein Wort. Diese Frage umgeht er völlig. Ist meine Rekonstruktion dieser Skizze richtig, so fällt Koegels Buch unwideruflich dahin. Ist sie falsch, dann läßt sich vielleicht weiter reden. Aber dann muß sie durch eine andere ersetzt werden. Und auf diesen Ge­dankengang müßen dann die Koegelschen Aphorismen aufgereiht werden. Das heißt nicht, zu Nietzsche einen Kommentar schrei­ben; das wollen wir Koegel nicht zumuten. Aber dies Buch hat Koegel selbst gemacht. Er wird doch wissen, was er damit ge­meint hat. In forilaufender Darstellung skizziere er kurz den Ge­dankengang seines Buches. Das kann man verlangen. Tut er es nicht, so bleibt meine Behauptnmg stehen, daß er sich bei seiner Anordnung überhaupt nichts gedacht hat.

Steiner stellt in Aussicht, Koegel werde sich noch selbst ver­teidigen. Ich habe lange darauf gewartet; ich hatte gehofft, ich würde den beiden Herren gleich zusammen antworten können. Wir müßen uns aber auch wohl fernerhin auf ein unverbrüch­liches Schweigen Koegels, das das Zeichen vollkommener Hilf­losigkeit ist, gefaßt machen. Auf so unerhörte Angriffe, wie ich sie gegen ihn gerichtet habe, müßte er antworten.

Steiner macht mir noch einige Einwände, auf die ich besonders hinweisen möchte. Sie charakterisieren die ganze Art seiner Wi­derlegung. Koegel legt für seine Schrift «die Wiederkunft des Gleichen» eine Disposition zu Grunde, die den Gedanken der

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ewigen Wiederkunft behandelt, und ich behaupte, daß diese Dis­position nicht für ein bestimmtes Werk gemeint war, sondern die erste flüchtige Skizze der Hauptidee Nietzsches ist, die dann nach kurzer Zeit den Anstoß zum Zarathustra gab. Hierfür führe ich als unmittelbaren Beweis eine briefliche Äußerung Nietzsches selbst an, wo er auf diese Disposition anspielt Er schreibt über sie zwei Jahre nach ihrer Abfassung «Dieses Engadin ist die Ge burtsstätte meines Zarathustra Ich fand ehen noch dze erste Skizze der in ihm verbundenen Gedanken, darunter steht sollte man meinen Steiner sagt hier hat sich Nietzsche «ge irrt». Ich möchte auf diese Ausflucht Steiners diese Art zu wider legen, aufmerksam machen Bei der Beurteilung seines Haupt werkes, seiner Hauptidee ob eine Skizze derselben zu diesem Hauptwerk gehbrt oder nicht, soll sich Nietzsche geirrt haben! Koegel hat sich nicht geirrt, Gott bewahre! Nietzsche hat sich ge-irrt! Zu solchen Mitteln muß man greifen, urn eine unsinnige Hypothese zu retten! Es g ibt aber einen Beweis daß Nietzsche sich über diese Skizze gar nicht geirrt haben kann. Ich führe- noch ein anderes direktes Zeugnis Nietzsches an, das Steiner einfach ignoriert. Im «Ecce homo» schreibt Nietzsche fünf Jahre- später über die-selbe Skizze «Die Grundkomposition des Werkes (d.h.

des Zarathustra!) der ewige Wiederkunftsge-danke, diese hochste Formel der Bejahung die uberhaupt erreicht werden kann, ge-hört in den August des Jahres 1881 er ist aul ein Blatt hinge worfen, mit der Unterschrift 6ooo Fuß nenseits von Mensch und Zeit.» Es ist evid nt daß Nietzsche hiermit dieselbe Skizze meint; es ist ferner evident, daß er sie hier aus dem Kopfe zitiert Dar aus folgt, daß sich ihm diese Skizze tief eingeprägt hatte, daß er über sie, als eine überaus wichtige Aufzeichnung, sich nie, weder früher noch später geirrt haben kann. Und zudem beurteilt Nietzsche sie hier a'uf die gleiche Weise-. Ich begreife nicht, wie Steiner dieses Gitat vollkommen verschweigen kann. Wenn man wissenschaftliche Polemik treibt, muß man doch das betreffende Buch, das man angreift, wenigstens lesen. Aber Steiner ist kühn;

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er wird sagen: hler irrt sich Nietzsche zum zweiten Male-. Und Steiner muß annehmen, daß Nietzsche sich noch ein drittes Mal über seine- eigene Schöpfung geirrt hat. Steiner wirft mir vor daß nicht die ewige Wiederkunft, sondern der Übermenseh der Hauptgedanke des Zarathustra sei, und daß deshalb meine Kon­stuktionen hinfällig würden. Daß der Ühermenseh einen breiten Raum des jetzigen Zarathustra einnimmt, leugne ich nicht; aber trotzdem ist mindestens der Ausgangspunkt für den Zarathustra, der Gedanke, der den Anstoß zu diesem Werke- gegeben hat, der Wiederkunftsgedanke. Den Beweis enthält meine- ganze- Schrift. Aber Nietzsche sagt es hier ja auch ganz unzweideutig: «Die Gundkomposition des Werkes (d.h. des Zarathustra), der Ewige Wiederkunftsgedanke» u. s. w. Nun, Steiner weiß es besser. Hier «irrt» sich Nietzsche eben wieder. Ich muß hier bemerken, daß es doch zweckinäßig wäre, einen gewissen wissenschaftlichen An­stand zu wahren. Fährt man in dieser Weise fort, mich zu wider­legen, so muß es mir einfach unwürdig erscheinen, überhaupt darauf zu antworten. Bei der Beurteilung der Disposition «zum Entwurf einer neuen Art zu leben», die ich zum Zarathustra ziehe-, ignoriert Steiner meinen Hauptgrund, daß bei der unmit­telbar folgenden und nur formal geänderten Überschrift «Finger­zeige zu einem neuen Leben» das Wort «Zarathustra» selbst in unserem Manuskript auftritt. Überhaupt liegt Ste-iners Haupt-kunst der Widerle-gung irn Verschweigen. Ich mache Koege-l kei­neswegs nur die falsche Zusammenstellung seines Buches zum Vorwurf, ich habe noch zahllose andere Fehler Koe-gels der aller-verschiedensten Art aufgedeckt, die mit dieser Zusammenstellung nichts zu tun haben. Diese Fehler verschweigt Steiner bis auf einen Fall, den er zugibt, sämtlich. Was denkt Steiner z. B. über Koegels Herausgabe des II. Bandes, wo dieser einen Text zu­sammenbraut aus der Nietzsche-schen Original-Ausgabe, aus spä­teren Einzeidinungen Nietzsches aus den verschiedensten Jahren und, unglaublich zu denken, aus den ersten Vorstufen und Vorarbeiten Nietzsches, dle noch vor dem Duckmanuskript liegen? Hierfür hat Steiner kein Wort der Rechtfertigung und kann es nicht haben. Nur das erwähnt Steiner, daß ich Koe­gel Lese-fehler moniere-, und darüber macht Steiner sich lustig.

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Und was sind es für sinnentstellende Lesefehler, die ich erwähne! Wenn ein Laie mir sagt, darauf komme- es doch nicht an, das seien doch Kleinigkeiten, so verstehe ich das obwohl hier eigent­lich jeder stutzig werden sollte-. Steiner aber war hier im Goethe-Archiv. Er muß doch wissen was eine- Ausgabe- ist Ich verstehe-nicht, wie man seine eigene wissenschaftliche Vergangenheit mit solchem Zynismus durchstreichen kann.

Die Motive fur Ste-iners Auftreten sind vollkommen sichtbar Steiner hat seiner Zeit hier schon die Fehlerhaftigkeit der Koegel schen Zusammenstellung erkannt; die-sen Tatbestand will er aber jetzt nicht aufkommen lassen. Daß er die- Fehlerhaftigkeit der Koege-lschen Arbeit erkannt hatte, ergibt sich aus folgenden Gründen: Bei einer Vorlesung des Koegelschen Druckmanuskripts hat Steiner die Sachen die nicht hineinpassen überschlagen. Stei­ner, der diese- Tatsache- zugibt, erklärt zwar daß sei der rezne Zufall gewesen! Indessen Frau Dr Forster Nietzsche wird eine­Briefstelle Steiners veroffentlichen wo er das Ungenugende der Koegelschen Arbeit selber lebhaft beklagt Nein, Steiner hatte damals schon die- Unhaltbarkeit der Koe-gelsehe-n Arbeit erkannt hatte- aber, von Koegel bedroht und eingeschüchtert auch dafur werden die- Beweise erbracht werden nicht den Mut, das offen zu sagen, wodurch er diese- ungluckselige Ve-roffentlichung hatte verhindern können Die-selbe- Methode- namlich, seine Arbeit zu decken, die Koegel Frau Dr Forster Nietzsche gegenuber anwen dete, wendete er auch Steiner gegenuber an, bei letzterem aller dings mit etwas mehr Erfolg als bei Frau Dr Forster Nietzsche Daß diese Version nicht aufkomme- dan'i verteidigt Steiner jetzt Koegel, damit man glaube, er habe nie-, weder fuher noch jetzt an der Richtigkeit der Koegelschen Aufstellung gezweifelt Ob er hiermit seine Position gerade verbessert, mochte- ich be-zweifeln Oder aber Steiner halt wirklich die- Zusammenstellung Koegels für richtig - nun dann ist er eben so unfahig wie Koegel, und ich muß ihn bitten, alles, was ich uber Koe-ge-l als wissenschaft liche Potenz gesagt habe auf sich zu ubertragen Auf alle Falle hat er sich mit Koegels Veröffentlichung identifiziert, und somit nimmt er zum mindesten an dessen wissenschaftlichem Bankerott teil. Ich wünsche ihm Glück dazu!

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ERWIDERUNG AUF DIE OBIGEN AUSFÜHRUNGEN

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Bevor ich mich auf den sachlichen Inhalt von Dr. Horneffers Ausführungen einlasse -, muß ich die «Wahrheitsliebe», die­gegenwärtig im Nietzsch-Archiv herrscht, charakterisieren. Herr Dr. Horneffer sagt in einem obigen Aufsatze: «Steiner stellt in Aussieht, Koegel werde sich noch selbst verteidigen.» Auf jeden unbefangenen Leser, der nicht noch einmal genau meinen, am 10. Februar erschienenen Aufsatz durchliest, muß dieser Satz den Eindruck machen, als ob ich meinen damali­gen Angriff auf das Nietzsche-Archiv und dessen gegenwärtige Leitung im Einverständnis mit Dr. Koege-l unternommen hätte. Dies ist aber vollkommen unrichtig. Ich schrieb in meinem Aufsatze wörtlich: «Ich habe Dr. Koegels Verteidigung nicht zu führen. Das mag er selbst tun.» In Wahrheit hat Dr. Koegel von meinem Angriff nicht das geringste gewußt, be­vor er gedruckt war. Die Gründe zu diesem Angriff habe icin am Schlusse meines Aufsatzes selbst angegeben. Es gibt keine-anderen, als die dort angeführten rein sachlichen. Als ich Dr. Horneffers Manuskript erhielt, dachte ich, die Behauptung, ich stelle eine Verteidigung Dr. Koe-ge-ls in Aussicht, beruhe­auf einem flüchtigen Lesen meines Angriffes. Da ich jede- un­nötige Erörterung in der Öffentlichkeit vermeiden wollte, schrieb ich an Dr. Horneffer, daß diese seine Behauptung auf einem vollständigen Irrtum beruhe, daß ich bei Abfassung meines Aufsatzes nichts von Dr. Koe-gel in Aussicht habe stel­len können. Er hätte nun Gelegenheit gehabt, in dem ihm später zugesandten Korrekturabzug den unrichtigen Satz zu tilgen. Er hat es nicht getan. Dr. Horneffer behauptet also, daß ich im Einverständnis mit Dr. Koegel gehandelt habe, trotz­dem ihm diese Behauptung als unwahr bezeichnet worden ist.

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Zweitens schreibt Dr. Horneffer «Die Motive für Steiners Auftreten sind vollkommen sichtbar. Steiner hat hier schon die Fehlerhaftigkeit der Koegelschen Zusammenstellung er­kannt; diesen Tatbestand will er aber nicht aufkommen lassen.»

«Daß er die- Fehlerhaftigkeit der Koegelsche-n Arbeit er­kannt hatte, ergiebt sich aus folgenden Gründen: Bei Vor­lesung des Koegelschen Druckrnanuskripts hat Steiner die Sachen, die nicht hineinpassen, überschlagen. Steiner, der diese Tatsache zugibt, erklärt zwar, das sei der reine Zufall gewesen! Indessen Frau Dr. Förster-Nietzsche wird eine Briefstelle Steiners veröffentlichen, wo er das Ungenügende der Koe-ge-lschen Arbeit selber lebhaft beklagt. Nein, Steiner hatte damals schon die Unhaltbarke-it der Koegelschen Arbeit erkannt, hatte aber, von Koege-l bedroht und eingeschüch­tert - auch dafür werden Beweise- erbracht werden - nicht den Mut, das offen zu sagen, wodurch er diese unglückselige Veröffentlichung hätte verhindern können.» Diese Beschul­digungen Dr. Horneffers gegen mich beruhen natürlich auf Behauptungen der Frau Förster-Nietzsche. Und ich sehe mich daher genötigt, auf den Brief der letzteren vom 23. Sept. 1898 an mich, von dem ich bereits in meinem Aufsatz vom 10. Februar d. J. sprach, zurückzukommen. In diesem Briefe finden sich neben andern Behauptungen auch die folgenden, die jetzt in Dr. Horneffers Aufsatz wiederkehren: «Ich habe Ihnen das Manuskript über die Wiederkunft des Gleichen Oktober 1896 zur Prüfung gegeben, weil ich so großer Sorge darum war. Sie selbst haben das Unzusammengehörige des Inhalts verschiedentlich konstatiert und meine Besorgnis ge­rechtfertigt und vermehrt. Trotzdem haben Sie Dr. Koege-l kein Wort über Ihren Zweifel über die- Zusammenstellung

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des Manuskripts gesagt, sondern im Gegenteil noch deshalb gelobt. Hätten Sie den Mut gehabt, Dr. Koegel Ihre Zweifel auszusprechen, so wäre eine Revision des ganzen Manu­skripte-s unvermeidlich gewesen. Da Sie diesen Mut aber nicht hatten, so rnußte ich der Sache ihren Lauf lassen. Mir fehlte die wissenschaftliche Ausdrucksweise, um die Fehler beweisen zu können.» Es muß einmal ganz Mar und deutlich gesagt werden: 1. Es ist nicht wahr, daß mir Frau Förster-Nietzsche im Oktober oder zu einer anderen Zeit das Ma­nuskript über die Wiederkunft des Gleichen zur Prüfung gegeben hat. 2. Es ist ebenso unwahr, daß ich die Unzu­samrnengehörigkeit des Inhalts verschiedentlich konstatiert habe. Beide- Behauptungen sind eine E#ndung der Frau Förster-Nietzsche. Weiter ist es unwahr, daß ich auf irgend eine Art von Dr. Koegel eingeschüchtert worden bin. Dr. Koegel hat mir gegenüber nichts weiter getan, als einen Brief geschrieben, nachdem ihm durch seine Schwester die- in meinem Angriff erwähnte Mitteilung geworden war, die er nicht anders denn als Beweis für eine Intrige- von mir auf­fassen konnte. Es muß vielmehr betont werden, daß ich nie in die Lage gekommen bin, irgendeine- «Prüfung» der Koegel­schen Arbeit vorzunehmen. Wenn Frau Förster-Nie-tzsche eine solche beabsichtigte - was ich, nach allem was vor­gefallen ist, nicht annehmen kann - so kann nur sie es ge­wesen sein, die nicht den Mut gehabt hat, eine solche vornehmen zu lassen. Ich mußte hier cinmal das Märchen von der «Einschüchterung» entsprechend beleuchten, das er-funden worden ist, um meine in der damals sehr heiklen Situation beobachtete korrekte Haltung in einem zweifel-haften Lichte erscheinen zu lassen. Wodurch Frau Förster-Nietzsche beweisen will, daß ich von Koegel bedroht und

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eingeschüchtert worden bin: das wollen wir abwarten, und dann weiter sprechen; ebenso die Veröffentlichung der Brief-stellen, in denen ich das Ungenügende der Koegelsche-n Arbeit lebhaft beklage. Ich kann nämlich alles ruhig ab­warten; denn ich kann nur volle Klarheit über diese Sache, in der ich mir keines Unrechtes bewußt bin, wünschen.

Ich komme- zu einer dritten Behauptung, die Dr. Horneffer der Frau Förster-Nie-tzsche gläubig nachspricht: «Dr. Rudolf Steiner, der seiner Zeit in Weimar lebte und als Mitheraus­geber im Nietzsche-Archiv, als philosophische- Ergänzung Dr. Koe-gels in Aussicht genommen war, ein Vorhaben, das sich nachher zerschlug...» Wenn «in Aussicht genommen» irgendwie andeuten soll, daß ich mit einem solchen Vor­schlag einverstanden gewesen wäre, so muß ich eine solche Andeutung auf das entschiedenste zurückweisen. Dieses «In-Aussicht-Nehmen» existierte- nur in der Phantasie der Frau Förster-Nietzsche. Wenn sie mir von einer solchen Sache-sprach, so sagte- ich nie etwas anderes, als das, was sich in die Worte- zusammenfassen läßt: «Wenn ich auch wollte -ich wollte nämlich nie -, so wäre es unrnöglich, eine solche Mithe-rausge-berschaft in Scene zu setzen», denn nach den bestehenden Kontrakten zwischen Nie-tzsches Erben und der Firma Naumann (der Verlagshandlung von Nietzsches Wer­ken) war das damals ausgeschlossen. Ich konnte ül:erhaupt niemals als Mitherausge-ber Dr. Koegels in Frage kommen. Und es war damals lediglich Courtoisie gegen Frau Förster­Nietzsche-, daß ich ihre- ins Blaue- hine-ingehenden Phantasien mit anhörte. Sie- hat den Umstand, daß ich ihr zugehört habe, dann dazu benützt, um mich in ganz ungehöriger Weise in die Angelegenheit zu verwickeln, mit der ich offiziell nicht das allergeringste zu tun hatte.

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Und weil ich nichts zu tun hatte, weil ich von nielnand ein Mandat hatte, Koegels Arbeit zu priife-n, so karn es nie-zu einer solchen Prüfung. Von einem offiziellen Zusammen-arbeiten rnit Dr. Koegel hätte schon aus dem Gunde nie-die Rede sein können, den ich in meinem Angriff (v. 10. Febr.) mit den Worten ausdeutete: «Ich stimme- mit ihm in manchen Punkten nicht übe-rein, und wir haben manche Kon­troverse gehabt.» Auch habe ich mich doch ganz: klar in dem Satze ausgesprochen: «Die- Anordnung hätte ein Anderer vielleicht etwas anders gemacht als Dr. Koegel.» Nun, es ist wohl nicht schwer zu erraten, daß ich mit einem solchen Anderen auch mich selbst meine. Was aus der «Wieder­kunft des Gleichen» geworden wäre, wenn ich Herausgeber gewesen wäre, kann ich nicht wissen; ganz dasselbe vermut­lich nicht, was sie durch Dr. Koegel geworden ist.

Ich verstehe nur das Eine nicht. Ich könnte jetzt so wunderbar damit renommieren, daß ich, ohine die Manu­skripte Nietzsches zu sehen, die Fehlerhaftigkeit der Koegel-sehen Arbeit erkannt habe-. Vor dem Einwand, daß ich die Herausgabe hätte verhindern müssen, brauchte ich mich gar nicht zu fürchten. Denn ich hatte bei einem Verhältnis zum Nietzsche-Archiv, das so unoffiziell wie möglich war, gar keine Möglichkeit zu einer solchen Verhinderung. Dr. Koegel und die Firma Naumann hätten damals die- Herausgabe der Koegelsche-n Arbeit in jedem Augenblicke erzwingen können. Ich könnte also herrlich auf dem Lorbeer uhen, der mir durch die- Unwahrheit, daß ich die- Schlechtigkeit der Koegel­schen He-rausgeberschaft eingesehen habe, geflochten würde -wenn ich wollte. Nun ich ziehe die Wahrheit vor und über­lasse anderen die Vertretung der Unwahrheit.

Als im Frühjahr 1898 mir zu Ohren kam, daß der Band

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mit der «Wiede-rkunft des Gleichen» aus dem Buchhandel gezogen werden muß wegen des Ungenügenden der Koegel­schen Arbeit, da dachte- ich: diese Behauptung sei begründet. jdn erinnerte mich, daß ich bei der Vorlesung für Dr. Servaes einiges in Koege-ls Manuskript überschlagen habe. Ich gestehe offen, daß ich nun das Gefühl hatte, mein Überschlagen sei damals einem richtigen Blicke für die Sache entsprungen. Bis Dr. Horneffe-rs Schrift erschien, habe- ich das geglaubt. Erst diese Schrift hat mich darüber belehrt, daß die Irrtümer Dr. Koegels doch nicht so erhebliche gewesen sind, wie von Seite des Nie-tzsche--Archivs ausposaunt worden war. Und damit komme ich zu der obigen Entgegnung Dr. Horneffers. Zunächst wirft er mir vor, daß ich mir die- Manuskripte Nietzsche-s nicht angesehen habe, bevor ich den Angriff unter­nommen habe. Zu dem, was ich zu sagen hatte, brauchte ich aber die Manuskripte- nicht zu sehen. Um Dr. Hornefler zu beweisen, daß er Aphorismen Nietzsche-s falsch deutet, dazu konnte- mir eine- Einsicht in die Handschriften nichts nützen. Denn der Wortlaut dieser Aphorismen liegt mir doch vor. Ich gehe nun auf den Aphorismus 70 (in Koegels Ausgabe), von dem Dr. Horneffer in seiner Entgegnung spricht, ein. Er lautet: «Das Wesen je-der Handlung ist dem Menschen so unschmackhaft wie das Wesentliche jeder Nahrung: er würde- lieber verhungern als es essen, so stark ist sein Ekel zumeist. Er hat Würzen nötig, wir müssen zu allen Speisen verführt werden: und so auch zu allen Handlungen. Der Geschmack und sein Verhältnis zum Hunger, und dessen Verhältnis zum Bedürfnis des Organismus! Die moralischen Urteile- sind die Würzen. Der Geschmack wird aber hier wie dort als etwas angesehen, was über den Wert der Nah­rung, Wert der Handlung entscheidet: der größte Irrtum! -

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Wie verändert sich der Geschmack? Wami wird e-r laß und uufrei? Wann ist er tyrannisch? - Und ebenso bei den Urteilen über gut und böse: eine physiologische Tatsache ist der Grund jeder Veränderung im moralischen Geschmack; diese physiologische Veränderung ist aber nicht etwas, das notwendig das dem Organismus Nützliche jeder Zeit forderte. Sondern die- Geschichte des Geschmacks ist eine Geschichte für sich und eben so sehr sind Entartungen des Ganzen als Fortschritte die Folgen dieses Geschmacks. Gesunder Ge­schmack, kranker Geschmack, - das sind falsche Unterschei­dungen, - es gibt unzählige Möglichkeiten der Entwicklung:

was jedesmal zu der einen hinführt, ist gesund: aber es kann widersprechend einer andern Entwicklung sein. Nur in Hin­sicht auf ein Ideal, das erreicht werden soll, gibt es einen Sinn bei und . Das Ideal aber ist immer höchst wechselnd, selbst beim Individuum (das des Kindes und des Mannes!) - und die Kenntnis, was nötig ist, es zu erreichen, fehlt fast ganz.» Um was handelt es sich hier? Es wird gesagt: unser Geschmack wählt nicht das, was dem Organismus aus physischen Gründen nützlich ist, sondern das, was ihm durch Würzen angenehm gemacht ist. Wie die-Würzen zu den natürlichen Bedürfnissen des Organismus verhalten sich die moralischen Urteile zu dem eigentlichen natürlichen Antrieb des menschlichen Handelns. Wir brau­chen Würzen, damit wir diese- und nicht jene- Nahrung wählen. Wir brauchen ein moralisches Urteil, damit wir diese-oder jene Handiung vollbringen. Es ist aber der größte- Irr-tum, wenn wir glauben, dieses moralische Urteil entscheide etwas über die- Vorteilbaftigkeit der Handlung. Es ist ebenso der größte Irrtum, als wenn wir glauben, daß der durch Würzen bedingte gute Geschmack über den Nährwert der

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Speisen entscheide. Die- Geschichte der Moral ist wie die Geschichte- des Geschmacks eine- Geschichte- für sich. Wie wir uns Grundirrtümern hingeben, um die Wirklichkeit zu beherrschen, so geben wir uns moralischen Irrtümern hin, urn dies oder jenes zu tun. Wenn mich irgend ein Trieb dazu bringt, etwas zu vollbringen, und ich glaube: ich tue-dies deshalb, weil ich eine bestimmte moralische- Vorschrift befolge, so habe- ich mir auf dem Gebiete- des Tuns, der Affekte-, genau so einen Irrtum einverleibt, wie ich mir einen Irrtum einverleibt habe-, wenn ich zwei Dinge-, die nie ganz gleich sein können, unter dem Gesichtspunkt der Gleich­heit betrachte-. Man sehe sich doch einmal den Aphorismus 21 der «fröhlichen Wissenschaft» an: «Zur Erziehung und zur Einverleibung tugendhafter Gewohnheiten kehrt man eine Reihe von Wirkungen der Tugend heraus, welche- Tugend und Privat-Vorteil als verschwistert erscheinen lassen, - und es gibt in der Tat eine- solche Geschwisterschaft! Der blind-wütende Fleiß z. B., diese- typische Tugend eines Werkzeuges wird dargestellt als der Weg zu Reichtum und Ehre und als das heilsamste- Gift gegen die- Langeweile und Leiden­schaften: aber man verschweigt seine Gefahr, seine höchste Gefährlichkeit. Die Erziehung verfährt durchweg so: sie- sucht den Einzelnen durch eine- Reihe- von Reizen und Vorte-ilen zu einer Denk- und Handlungsweise zu bestimmen, welche-, wenn sie Gewohnheit, Trieb und Leidenschaft geworden ist, wider seinen letzten Vorteil, aber in ihm und über ihn herrscht.» Man nehme dazu Aphoris­mus 13 derselben «fröhlichen Wissenschaft»: «Es kommt darauf an, wie- man gewöhnt ist, sein Leben zu würzen .. man sucht diese oder jene Würze immer nach seinem Tem­perament.» Es muß für jeden, der wirklich in die Sache eindringt,

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klar sein, daß dies zusammengehörige- Gedanke-ngänge sind. In die im Januar 1882 entstandene- «fröhliche- Wissen-schaft» ist ehen mancher Gedanke- he-rühergenommen aus dem Wiederkunftsmanuskript vom August 1881. Alle diese Gedanken stellen dar, wie die Einverleibung von Gewohn­heiten, Trieben, Leidenschaften mit Hilfe der moralischen Irrtümer geschieht. Dr. Horneffer stellt die- Sache- einfach so dar: dieser Aphorismus 70 sagt: «daß Moral nur physio­logisch zu verstehen sei. Alle moralischen Urteile sind Ge­schmacksurteile Gesunden und kranken Geschmack gibt es nicht, es kommt auf das Ziel an» und er fügt dieser banalen Interpretation bei: «Mir geht das Verständnis aus, wie- man dies unter Einverleibung der Leidenschaften bringen kann.» (Vgl. E. Horneffer, «Nietzsche, Lehre- von der Ewigen Wieder­kunft» S.38.) Mir aber wirft er in der obigen Entgegnung «Vergewaltigung» des Nie-tzsche-sche-n Gedankens vor, die er nicht mitmachen könne. Ich aber sage ihm, wer in dem Aph. 70 nichts anders sieht als Horneffer, der ist eben ganz un­fähig, Nietzsche zu interpretieren. Es ist einfach eine Stumpf­heit, hier nichts zu sehen, als «Im ganzen handelt es sich um Moral und moralische Urteile.» Ne-in, es handelt sich darum, inwiefern die- Moral gundirrtümliche- Leidenschaften, Triebe und Gewohnheiten einimpft.

Es widerstrebt mir eigentlich, bei solcher Unfähigkeit des Gegners mich auf weiteres einzulassen, zumal er wie alle Menschen, die unfähig sind, an einem maßlosen Gelehrten-dünkel leidet. Aber er soll nicht wieder sagen können: ich verschweige irgend etwas von seinen Nichtigkeiten. Er ent­stellt und verdreht, was ich gesagt habe, in der unglaub­lichsten Weise. Ich habe behauptet: Die Disposition mit der Überschrift «Die Wie-de-rkunft des Gleichen» kann keine

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Disposition zum Zarathustra sein, «denn sie- enthält nicht die Hauptidee, um derentwillen der Zarathustra geschrieben ist:

die- Idee des Übermenschen.» Und ich sage-, wenn Nietzsche in einem Briefe- an Peter Gast am 3. September 1883 diese Disposition in ein näheres Verhältnis zum Zarathustra bringt, als sie ihrem Inhalte nach gebracht werden kann, so irrt er sich. Wer nicht zugibt, daß Nietzsche öfters ungenau ist, wenn er Angaben über seine- Arbeiten nach einiger Zeit macht, mit dem ist nicht zu streiten, denn ein solcher leugnet unbestreitbare- Tatsachen. Im «Ecce homo» macht Nietzsche Angaben über frühere- Werke, die- durchaus nicht den Ab­sichten entsprechen, die- er bei Abfassung gehabt hat. Ich habe- ganz genau gesagt, wie ich mir denke, daß aus dem Plane, eine- Schrift über die- «Wiede-rkunft» zu schreiben, sich der andere- zum Zarathustra entwickelt hat. Anfang August plante- Nietzsche ein Werk über die «Wie-de-rkunft des Gleichen». Die Disposition, die- die- Überschrift trägt «Die- Wiederkunft des Gleichen» entspricht dieser Schrift. Aphorismen, die sich Nietzsche aufgeschrieben hat, sind Vor-arbeiten dazu. Was von die-sen Aphorismen wirklich ver­wendet worden ware-, ob uberhaupt irgend eine der Aufze-ich nungen, darüber können wir alle- nichts wissen. Natürlich hätte die Schrift über die «Wie-de-rkunft», wenn sie- Nietzsche vollendet hätte, eine andere- Gestalt gehabt, als ihr ein Herausgeber aus den ersten Vorarbeiten geben kann. Nietz­sche ist aber von dieser Schrift abgekommen. Ganz allmählich trat der Gedanke- des «Übermenschen» in den Vordergrund. Der Zarathustra entstand. Man sieht: es widerspricht diese meine Annahme nicht einmal dem, was Nietzsche sagt: «Die Grundkomposition des Werkes (das heißt des Zarathustra), der ewige Wie-derkunftsgedanke, diese höchste Formel der

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Bejahung, die- überhaupt erreicht werden kann, - gehört in den August des Jahres 1881». Aus dieser Grundkomposjtjon ist eben ein ganz: anderes Werk geworden, als wozu sie-ursprünglich bestimmt war. Ich möchte doch Herrn Dr. Horneffer fragen, ob es heißt «wissenschaftlichen Anstand wahren», wenn man aus den Behauptungen des Gegners macht, was man will. Die ernstgemeinten Einwendungen eines Gegners «lächerlich» finden, ist zwar dünkelhaft - ob aber auch «anständig»? So sagt Herr Dr. Horneffer, er finde es «lächerlich» einen Widerspruch in seiner Behauptung zu konstatieren: «daß der Plan Nietzsches, eine- prosaische-Schrift über die Wiede-rkunft des Gleichen zu schreiben, nur sehr kurze- Zeit bestanden haben kann, daß er nie be­standen hat.» Nun ich will ihm verraten, daß ich dieses Monstrurn von Behauptung sehr denkenden Lesern vorgelegt habe. Sie haben zwar mir nicht ganz recht gegeben; daß aber ein Meister des Stiles diesen Satz nicht geschrieben hat: darüber waren alle- einig.

Ich habe leider heute nicht den Raum, auf Dr. Horneffe-rs Forderung einzugehen: «Wenn man mich widerlegen will, so muß man meine Rekonstuktion der Skizze oder des Ent­wurfs, den Koege-l seinem Buch zu Grunde legt, widerlegen.» Nun eine- Beleuchtung dieser «Re-konstruktion» soll ihm in nächster Nummer werden. Dann wird sich auch Gelegenheit finden, die- tieferliegenden wahren Gründe des ganzen Wieder­kunfts - Feldzuges aufzudecken. Denn es gibt solche.

DIE «SOGENANNTE» WIEDERKUNFT DES GLEICHEN VON NIETZSCHE

#G031-1966-SE549 - Gesammelte Aufsätze zur Kultur- und Zeitgeschichte 1887 - 1901

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DIE «SOGENANNTE» WIEDERKUNFT DES GLEICHEN VON NIETZSCHE

Eine Fortsetzung meiner Erwiderung

au! E. Horneflers Aufsatz «Eine Verteidigung

der sogenannten von Nietzsche»

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Ernst Horneffer stellt in Hinblick auf meine in Nr.6 dieser Zeitschrift abgedruckte Widerlegung seiner Broschüre «Nietz­sches Lehre von der Ewigen Wiederkunft und deren bis­herige Veröffentlichung» folgende Forderung: «Die ganze Anlage der Steinerschen Widerlegung ist verfehlt. Wenn man mich widerlegen will, so muß man meine Rekonstruktion der Skizze oder des Entwurfs, den Koegel seinem Buche zu Grunde legt, widerlegen». Ich glaube nun zwar nicht, daß ich eine solche Verpflichtung behufs Aufrechterhaltung meiner gegen Horneffer erhobenen Einwände habe. Denn diese Einwände beziehen sich nicht auf die Rekonstruktion Horneffers, sondern auf seine falsche Interpretation einzelner Nietzschescher Aphorismen. Und wer Nietzsche somißversteht wie Horneffer, um dessen Rekonstruktion der «Wiederkunft des Gleichen» braucht man sich eigentlich nicht zu kümmern. Wenn ich nun doch auch an diese Rekonstruktion einzelne Ge­danken anknüpfte, so geschieht es, weil die Märchenbildung nun einmal zu den Mitteln des «Nietzsche-Archivs» gehört, und es mir nicht angezeigt erscheint, daß zu den vielen andern Märchen sich auch noch das von meiner Kapitulation vor Horneffers Rekonstruktion gesellt.

Wer Nietzsches Gedanken von der ewigen Wiederkunft aller Dinge und seinen Zusammenhang mit dem im 12. Bande der Gesamtausgabe S. 5 abgedruckten «Entwurf» «Die

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Wiederkunft des Gleichen» verstehen will, muß die Quelle dieses Gedankens kennen. Denn ohne Zweifel ist der Aufsatz, der mit diesem Entwurf geplant war, so aufzufassen: daß der Wiederkunftsgedanke den Anlaß zu ihm gebildet hat, und daß alles übrige zu dieser Idee hinzugekommen ist, um sie zu stützen.

Wie kam Nietzsche zu der Idee der ewigen Wiederkunft aller Dinge? Ich habe wiederholt im Gespräche mit Frau Elisabeth Förster-Nietzsche und mit Dr. Koegel im Jahre 1896 auf die Quelle dieser Idee hingewiesen. Ich habe meine damals ausgesprochene Überzeugung auch heute noch: daß Nietzsche bei Gelegenheit der Lektüre von Eugen Dührings: «Kursus der Philosophie als streng wissenschaftlicher Welt-anschauung und Lebensgestaltung» (Leipzig 1875), und unter dem Einilusse dieses Buches die Idee gefaßt hat. Auf S. 84 dieses Werkes findet sich nämlich dieser Gedanke ganz klar ausgeprochen; nur wird er da ebenso energisch bekämpft, wie ihn Nietzsche verteidigt. Das Buch ist in Nietzsches Biblio­thek vorhanden. Es ist, wie zähireiche Bleistiftstriche am Rande zeigen, von Nietzsche eifrig gelesen worden. Übrigens weiß man auch ohne dies, daß Nietzsche ein eifriger Dühring­Leser war. Dühring sagt: «Der tiefere logische Grund alles bewußten Lebens fordert däher im strengsten Sinne des Worts eine Unerschöpflichkeit der Gebilde. Ist diese Unend­lichkeit, vermöge deren immer neue Formen hervorgetrieben werden, an sich möglich? Die bloße Zahl der materiellen Teile und Kraftelemente würde an sich die unendliche Häu­fung der Kombinationen ausschließen, wenn nicht das stetige Medium des Raumes und der Zeit eine Unbeschränktheit der Variationen verbürgte. Aus dem> was zählbar ist, kann auch nur eine erschöpibare Anzahl von Kombinationen folgen.

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Aus dem aber, was seinem Wesen nach ohne Widerspruch gar nicht als etwas zählbares konzipiert werden darf, muß auch die unbeschränkte Mannigfaltigkeit der Lagen und Be­ziehungen hervorgehen können. Diese Unbeschränktheit, die wir für das Schicksal der Gestaltungen des Universums in Anspruch nehmen ist nun mit jeder Wandlung und selbst rait dem Eintreten eines Intervalls der annähernden Be­harrung oder der vollständigen Sichselbstgleichheit, aber nicht mit dem Aufhören alles Wandels verträglich. Wer die Vorstellung von einem Sein kultivieren möchte, welches dem Ursprungszustande entspricht sei daran erinnert, daß die zeitliche Entwicklung nur eine einzige reale Richtung hat und daß die Kausalitat ebenfalls dieser Richtung gemaß ist Es ist leichter, die Unterschiede zu verwischen, als sie fest zuhalten, und es kostet daher wenig Muhe, mit Hinweg setzung über die Kluft das Ende nach Analogie des Anfangs zu imaginieren. Hüten wir uns jedoch vor solchen oberfläch­lichen Voreiligliteiten; denn die einmal gegebene Existenz des Universums ist keine gleichgültige Episode zwischen zwei

Zuständen der Nacht, sondern der einzige feste und lichte Grund, von dem aus wir unsere Rückschlüsse und Vorwegnahmen bewerkstelligen.» Dühring muß als mathematisch geschulter Kopf den Gedanken einer ewigen Wiederholung gleicher Welizustände bekämpfen. Denn nur wenn die Zahl der Kombinationen eine begrenzte wäre, müßte, nachdem alle Möglichkeiten erschöpft sind, die erste wiederkehren. Nun ist aber in dem stetigen Raume nicht eine begrenzte, sondern eine unendliche Zahl von Kombinationen möglich. Es können also ins Endlose neue Zustände eintreten. Dühring findet auch, daß eine immerwä::rende Wiederholung der Zu­stände keinen Reiz für das Leben hat: «Nun versteht es

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sich von selbst, daß die Prinzipien des Lebensreizes mit ewiger Wiederholung derselben Formen nicht verträglich sind.» Nehmen wir nun den mathematisch-logisch unmög­lichen Gedanken doch an, machen wir die Voraussetzung, daß mit den materiellen Teilen und Kraftelementen eine zähl­bare Anzahl von Kombinationen möglich sei, so haben wir die Nietzschesche Idee der : hüten wir uns vor solchen Ausschweifungen des Begriffs! Folglich ist die Zahl der Lagen, Veränderungen, Kombinationen und Entwicklungen dieser Kraft zwar ungeheuer groß und praktisch , aber jedenfalls auch bestimmt und nicht unendlich, das heißt: die Kraft ist ewig gleich und ewig tätig: - bis diesen Augenblick ist schon eine Unendlichkeit abgelaufen, das heißt, alle möglichen Entwicklungen müssen schon da­gewesen sein. Folglich muß die augenblickliche Entwicklung eine Wiederholung sein und so die, welche sie gebar und die, welche aus ihr entsteht und so vorwärts und rückwärts weiter! Alles ist unzänligemal dagewesen, insofern die Ge­samtiage aller Kräfte immer wiederkehrt . . .» Und Nietzsches Gefühl gegenüber diesem Gedanken ist genau das gegen­teilige von dem, das Dühring bei ihm hat. Nietzsche ist dieser Gedanke die höchste Formel der Lebensbejahung. Aphoris­mus 43 (bei Horneffer, 234 in Koegels Ausgabe) lautet: «die zukünftige Geschichte: immer mehr wird dieser Gedanke siegen, - und die nicht daran glauben, die müssen ihrer Natur

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nach endlich aussterben! - Nur wer sein Dasein für ewig wiederholungsfähig halt, bleibt übrig . unter solchen aber ist ein Zustand möglich, an den kein Utopist gereicht hat! »Es ist der Nachweis möglich, daß viele der Nietzscheschen Gedanken auf dieselbe Art entstanden sind, wie der ewige Wiederkunftsgedanke. Nietzsche bildete zu irgend einer vor­handenen Idee die Gegen-Idee. Schließlich führte ihn die­selbe Tendenz auf sein Hauptwerk: «Umwertung aller Werte. »

Man kann in Dühring einen Denker sehen, der die von der abendländischen Geistesentwicklung hervorgebrachte Er­kenntnis, wenn auch einseitig, so doch konsequent vertritt. Nietzsche konnte durch ihn nur so angeregt werden, daß er seinen Ausführungen und Wertmaßstäben die entgegen­gesetzten gegenüberstellte. Wer Dührings «Kursus der Phi­losophie» mit Nietzsches Aphorismen über die «Wieder­kunft» vergleicht, kann das auch im einzelnen beweisen.

Dühring glaubt an die absolute Gültigkeit gewisser Grund-wahrheiten. «So wenig man bei einer mathematischen Wahr­heit fragen kann wie lange sie wahr sei oder wahr sein werde, ebenso wenig kann man die absoluten Notwendig­keiten des Realen von einer Dauer, sondern muß umgekehrt die Dauer und deren jedesmalige Größe von jenen selbst ab­hängig machen.» Aus solchen unumstößlichen Grundwahr­heiten leitet Dühring die Unmöglichkeit einer ewigen Wieder­kunft gleicher Zustände ab. Nietzsche nimmt diese ewige Wiederkunft an. Er muß somit auch die absolute Gültigkeit der Dühringschen Grundwahrheiten leugnen. Warum be­kennt sich Dühring zu diesen Grundwahrheiten? Weil sie ihm einfach wahr sind. Für Nietzsche können sie nicht wahr sein. Ihre Wahrheit kann also nicht der Grund sein,

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warum sie von dem Menschen anerkannt werden. Der Mensch muß sie brauchen, trotzdem sie unwahr sind. Und er braucht sie, um sich mit ihnen in der Wirklichkeit zurechtzufinden, diese zu beherrschen. Was als wahr anerkannt ist, ist nicht wahr; aber es gibt uns die Macht über die Wirklichkeit. Wer die Wahrheit der Erkenntnis annimmt, braucht zu deren Rechtfertigung keinen anderen Grund; ihre Wahrheit an sich ist Grund genug. Wer die Wahrheit leugnet, muß fragen:

warum nimmt der Mensch diese Irrtümer in sich auf, warum verleibt er sich sie ein? Die Antwort auf diese Fragen will Nietzsche in den vier ersten Kapiteln des Werkes über die «Ewige Wiederkunft» geben.

Ich werde nun zeigen, wie dieses Werk unter solchen Gesichtspunkten aufzufassen ist. Ich werde ferner zeigen, warum Nietzsche von dem Plane, es zu schreiben, abgekom­men ist. Dabei wird sich eine Hypothese über die Gründe ergeben, warum man rm Nietzsche-Archiv diese Publikation mit so scheelen Augen ansieht, warum man von einer «so­genannten» «Wiederkunft des Gleichen» spricht. Von Horneffers Rekonstruktion wird sich zeigen, was sie wert ist.

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Daß Nietzsches Lehre von der «Ewigen Wiederkunft aller Dinge» die Gegen-Idee zu dem von Dühring in seinem «Kursus der Philosophie» vertretenen Standpunkt gegen­über dieser Idee ist, glaube ich in dem letzten Artikel (Nr.16 Spalte 401 ff. dieser Zeitschrift) bewiesen zu haben. Ich möchte noch darauf hinweisen, daß sich Nietzsche selbst über eine solche Bildung von Gegen-Ideen ausgesprochen hat. Auf Seite 65 des II. Bandes der Gesamtausgabe von Nietzsches

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Werken lesen wir folgenden «Aphorismus»: «Was ist die Reaktion der Meinungen? Wenn eine Meinung aufhört, interessant zu sein, so sucht man ihr einen Reiz zu verleihen, indem man sie an ihre Gegenmeinung hält. Gewöhnlich ver­führt aber die Gegenmeinung und macht nun neue Bekenner:

sie ist inzwischen interessanter geworden.» Ich will noch einiges anführen, was beweist, daß Nietzsche diese Idee der «Ewigen Wiederkunft» nicht anders als naturwissenschaftlich auffaßte. Frau Lou Andreas-Salomé hat nämlich erst in der Zeitschrift «Freie Bühne», Mai 1892 und dann in ihrem Buche «Friedrich Nietzsche in seinen Werken» eine Mit­teilung gemacht, die zur Aufhellung der Tatsachen inter­essant ist, trotzdem das ganze Buch dieser Frau, die 1882 einige Monate mit Nietzsche verkehrte, eine vollständig schiefe Auffassung seiner Lehre gibt. Frau Lou Salomé be­hauptet: «Schon ein oberflächliches Studium zeigte Nietzsche bald, daß die wissenschaftliche Fundamentierung der Wieder­kunftsidee auf Grund der atomistischen Theorie nicht durch­führbar sei; er fand also seine Befürchtung, der verhängnis­volle Gedanke werde sich unwiderleglich als richtig beweisen lassen, nicht bestätigt und schien damit von der Aufgabe seiner Verkündigung, von diesem mit Grauen erwarteten Schicksal befreit zu sein. Aber nun trat etwas Eigentümliches ein: weit davon entfernt, sich durch die gewonnene Einsicht erlöst zu fühlen, verhielt sich Nietzsche gerade entgegen­gesetzt dazu; von dem Augenblick an, wo das gefürchtete Verhängnis von ihm zu weichen schien, nahm er es ent­schlossen auf sich und trug seine Lehre unter die Menschen; in dem Augenblick, wo seine bange Vermutung unbeweisbar und unhaltbar wird, erhärtet sie sich ihm, wie durch einen Zauberspruch, zu einer unwiderleglichen Überzeugung. Was

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wissenschaftlich erwiesene Wahrheit werden sollte, nimmt den Charakter einer mystischen Offenbarung an, und fürder­hin gibt Nietzsche seiner Philosophie überhaupt als end­gültige Grundlage, anstatt der wissenschaftlichen Basis, die innere Eingebung - seine eigene persönliche Eingebung». Gegen diese Ansicht der Frau Lou Andreas-Salomé, daß sich in Nietzsches Geist eine anfänglich naturwissenschaft­liche Idee in eine mystische Eingebung verwandelt hat, wendet sich Nietzsches langjähriger Freund, Peter Gast, in seiner wirklich hervorragenden, tiefgründigen Einleitung, die er vor einigen Jahren zu «Menschliches, Allzumensch­liches» geschrieben hat. Er verurteilt jede Hinüberspielung von Nietzsches Anschauungen ins Mystische und sagt, daß die Lehre von der Wiederkunft eine «rein mechanistisch zu verstehende Lehre von der Erschöpfbarkeit, Mso Repetition, der kosmischen Molekularkombinationen» sei. Frau Lou Salomé gibt also für die ersten Zeiten, in denen Nietzsche den Wiederkunftsgedanken vertrat, zu, daß er «auf Grund der atomistischen Theorie» gedacht sei; Peter Gast nimmt die mechanische Auffassung an mit Ausschluß aller Mystik, durch die Frau Lou Salomé die Sache dann verworren macht. Die mechanische Auffassung ist aber die Gegen-Idee zur Dühringschen, und wir müssen daher annehmen, daß Nietz­sche im Jahre i88i die «Ewige Wiederkunft» in dieser mechanischen Fassung konzipiert hat. Ich war sogleich, als ich durch Dr. Koegel seine Abschriften des Wiederkunfts­manuskriptes erhielt, im Sommer 1896 ein entschiedener Vertreter der Peter Gastschen Auffassung. Ich hatte gegen manche Personen zu kämpfen, die damals zu einer mystischen Auffassung sich bekannten. Dieser mechanische Gedanke Nietzsches stimmt nun aber nicht zu der ganzen übrigen

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Gestalt, welche unsere mechanische Wissenschaft hat. Wer im Sinne der rationellen Mechanik denkt, muß wie Dühring die «ewige Wiederkunft» bekämpfen. Wollte sie Nietzsche verteidigen, so durfte er nicht für diese eine mechanische Conception allein sondern er mußte für die ganze mecha­nische Naturanschauung die Gegen-Meinung aufstellen. Er mußte zeigen, daß diese ganze mechanische Auffassung nicht so unumstößlich sei wie sie von Leuten vom Schlage Düh-rings gehalten wurde. Von da aus gelangte er zu der Frage nach dem Werte der Wahrheit. Warum werden die allge­mein anerkannten Wahrheiten als solche geglaubt? Das wurde seine Frage. Dühring und Andere hätten einfach darauf ge-antwortet: nun weil sie eben wahr sind, weil sie der Wirk­lichkeit entsprechen Nietzsche sagte sich, daß dies gar nicht der Fall ist. Wo entspricht irgend einer unserer Begriffe der Wirklichkeit? Nirgends. «Unsere Annahme, daß es Körper, Flächen, Linien, Formen gibt, ist erst die Folge unserer An­nahme, daß es Substanzen und Dinge, Beharrendes gibt . So gewiß unsere Begriffe Erdichtungen sind, so sind es auch die Gestalten der Mathematik. Desgleichen gibt es nicht, -wir können eine Fläche, einen Kreis, eine Linie ebenso wenig verwirklichen als einen Begriff.» (Aph. 18 S. ,7 des 12. Bandes der K'oegelschen Ausgabe.) Diese Begriffe, diese Er-dichtungen sind aber die Dinge, mit denen die Wissen­schaften operieren Es kann also gar nicht die Rede sein von der Absolutheit der wissenschaftlichen Wahrheiten. War­um nehmen wir sie denn doch an? Weil wir sie brauchen, um uns in der Wirklichkeit zu orientieren. Es gibt nirgends einen Kreis nirgends eine Fläche; aber wir orientieren uns mit solcher Erdichtung innerhalb der Wirklichkeit. Nicht die Wahrheit, sondern die Zweckdienlichkeit für das Leben ist

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der Grund zu unserem Glauben an die sogenannten Wahr-heiten. Um diese Zweckdieniidikeit aber gewahr zu werden müssen wir die Anwendbarkeit unserer Begriffsdichtungen an unserem eigenen Leibe erfahren. Wir müssen uns diese Erdichtungen einverleiben und versuchen, mit ihnen zu leben. Bisher hat die Mensdilieit ihre sogenannten Wahrheiten nur deshalb geglaubt, weil sie sich sie einverleibt hat, und gefunden hat, daß sich mit ihnen leben läßt. Will man nun tiefer dringen in das Gefüge der Weitwesenheit, so kann man nicht dabei stehen bleiben, diese Einverleibung, wie sie hisher geschehen ist, einfach mitzumachen. Es könnte ja sehr wohi sein, daß sich auch mit ganz anderen Meinungen leben ließe. Ein Beweis gegen die «ewige Wiederkunft» hat nur die Bedeutung, daß er zeigt, man kann diese Idee mit den Erdichtungen nicht vereinigen, von denen man bisher ge­funden hat, daß sich bei ihrer Einverleibung leben läßt. Will man aber dahinter kommen, ob die «ewige Wiederkunf t» eine Lebensmöglichkeit hat, dann muß man versuchen, mit den Gegenmeinungen der bisherigen Ideen zu leben. Man muß sich zurückversetzen in den Zustand der Unschuld, in dem noch keine Meinungen einverleibt sind; man muß sich zum «Experiment» machen, um zu sehen, wie sich mit an­deren Ideen leben läßt als den bisherigen. Nur so können wir das Leben wirklich prüfen, ob es in seinen tiefsten Tiefen lebenswert ist. Wenn wir die Schwere von uns abgestreift haben, die wir in uns empfinden durch den Glauben an ab­solute Wahrheiten, wenn wir uns «wie die Kinder zu dem stellen, was früher den Ernst des Lebens ausgemacht hat», dann können wir probieren, wie sich mit Meinung und Gegenmeinung leben läßt. (Aph. 148 in Band 12 S.89 in Koegels Ausgabe.) Die bisherigen Menschen waren beschwert

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mit der Zuversicht, daß sich nur mit den einverleibten Er­dichtungen leben läßt. Man werfe diese Zuversicht ab; man streife allen Glauben an bestimmte Meinungen ab; man experimentiere mit allen Trieben, Leidenschaften und warte ab, wie weit sie sich einverleiben lassen das heißt wie weit sich mit ihnen leben läßt. Man muß das Leben erleichtern von allen einverleibten Erdichtungen. Zunächst wird das aller­dings eine Erniedrigung, Abschwächung des Lebens geben. Denn wir sind darauf eingerichtet, mit dem bisher angesam-melten Rüstzeug zu leben. Werfen wir es ab, so schwächen wir uns zunächst. Aber gerade dadurch machen wir uns fähig, es im Gegensatz zum alten Schwergewicht einmal mit dem «neuen Schwergewicht» mit der «ewigen Wiederkunft» zu versuchen. Noch einmal als «Einzelner» wollen wir den Lebenskampf aufnehmen, auf breiterer Basis als mit den bis­her einverleibten Erdichtungen. «Ein Spiel der Kinder, auf welches das Auge des Weisen blickt, Gewalt haben über diesen und jenen Zustand» (Aph. 148 in Koegels Ausgabe). Was muß nun bei einem solchen versuchenden Leben heraus­kommen, wenn uns das Leben lebenswert erscheinen soll, wenn wir nicht lieber die Vernichtung wählen wollen? «Ein absoluter Überschuß muß nachzuweisen sein, sonst ist die Vernichtung unserer selbst in Hinsicht auf die Menschheit als Mittel der Vernichtung der Menschheit zu wählen». (In demselben Aphorismus.) Wir haben dadurch einen Maßstab gewonnen für die Einverleibung einer neuen Lehre. Bisher haben wir nur immer mit der entgegengesetzten Lehre ge­lebt; jetzt wollen wir sehen, ob die «Lehre von der Wieder­kunft» einen Überschuß an Lust gibt. «Damit ist der Zu­sammenhang zwischen Punkt 4 des Entwurfs» von der «Ewi­gen Wiederkunft» gegeben mit dem Punkt 5. Der erste

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heißt: «Der Unschuldige. Der Einzelne als Experiment. Die Erleichterung des Lebens, Erniedrigung, Abschwächung, Übergang.» Der letztere lautet: «Das neue Schwergewicht:

die ewige Wiederkunft des Gleichen u. s. w.» - Diese beiden letzten Kapitel hätten also darzustellen gehabt, welche Auf-gabe Nietzsche vor sich hatte, wenn er ein «neues Schwer­gewicht» schaffen wollte. Im Gegensatz dazu sollten die drei ersten Kapitel zeigen, wie die Menschheit bisher sich ent­wickelt hat. Sie hat sich mit Hilfe von Irrtümern durchs Leben durchgekämpft (Einverleibung der Grundirrtümer) . Die irrtünilichen Glaubenssätze wurden geglaubt, weil sie sich als nützlich erwiesen. Aber nicht bloß die Glaubenssätze, durch die wir uns in der Wirklichkeit orientieren, sind ein­verleibte Irrtümer: auch die Triebe und Leidenschaften, auch Lust und Unlust sind solche Irrtümer. Was ich als Schmerz empfinde, ist in Wirklichkeit kein Schmerz. Es ist nur ein ganz gleichgültiger Reiz zunächst ohne Lust oder Unlust. Erst, wenn ich ihn mit Hilfe meines Gehirns interpretiere, wird er Schmerz oder Lust. «Ohne Intellekt gibt es keinen Schmerz, aber die niedrigste Form des Intellekts tritt da zu Tage, der­jenige der , der . - Es gibt eine Art, von einer Verletzung überrascht zu werden (wie jener, der auf dem Kirschbaume sitzend eine Flintenkugel durch die Backe bekam), daß man gar nicht den Schmerz fühlt. Der Schmerz ist Gehirnprodukt.» (Aph. 47 in Koegels Ausgabe). Indem wir das Leben nach den Eindrücken von Lust und Schmerz bewerten, bewegen wir uns also gar nicht in einem Reiche der Wirklichkeit, sondern in einer Sphäre unserer Interpretation. Es kommt somit im Leben nicht darauf an, wie ein Reiz auf uns wirkt, sondern wie wir glauben, daß er auf uns wirkt. Dieser Glaube ist ein ebenso einverleibter, wie der an die

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Grundirrtümer. Wie diese sich vererben, so vererben sich die Einschätzungen, die Interpretationen der Reize. «Ohne Phantasie und Gedächtnis gäbe es keine Lust und keinen Schmerz. Die dabei erregten Affekte verfügen augenblicklich über vergangene ähnliche Fälle und über die schlimmen Möglichkeiten, sie deuten aus, sie legen hinein. Deshalb steht em Schmerz im allgemeinen ganz außer Verhältnis zu seiner Bedeutung für das Leben, - er ist unzweckmäßig. Aber dort, wo eine Verletzung nicht vom Auge oder dem Getast wahr­genommen wird, ist sie viel weniger schmerzhaft, da ist die Phantasie ungeübt.» (Aph. 50 in Koegels Ausgabe). Ich will nun hier an einem Beispiel erweisen, wie tiefgebend Dührings Einfluß auf Nietzsches Gedanken im Jahre 1881 war. Dühring sagt in seinem «Kursus der Philosophie»: wenn «Empfindun­gen und Gefühie einfach wären, so müßte über sie durch unmittelbares axiomatisches Urteil in verwandter Art ent­schieden werden, wie über einen mathematischen Grund­satz» . . . «Die Art von Beifall oder Einstimmung, die eine völlig einfache Erregung mit sich brächte, würde eben auch eine nicht mißverständliche Tatsache sein und in ihrem Ge­biet ebenso gelten müssen, wie eine geometrische oder phy-sikalische Notwendigkeit.» (Kursus der Philosophie, Seite 165.) Man siebt, Dühring behauptet, daß ein Reiz nur eine Folge nach sich ziehen kann d.h., daß er durch sich lust-oder schmerzvoll ist. Nietzsche stellt auch hier der Dühring­schen Meinung die Gegenmeinung gegenüber: «Warum tut ein geschmttener Finger wehe? An sich tut er nicht wehe (ob er schon «Reize» erfährt), der, dessen Gehirn chioroformiert ist, hat keinen «Schmerz» im Finger». (Aph. 48 in Koegels Ausgabe.) Auch die moralischen Triebe und Leidenschaften beruhen auf einer Interpretation der Wirklichkeit, nicht auf

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einem wahren Sachverhalt, sondern auf einem als wahr geglaubten. «Wenn wir die Eigenschaften des niedersten belebten Wesens in unsere übersetzen, so werden Triebe daraus». (Aph. 64 in Koegels Ausgabe.) «Im Wohlwollen ist verfeinerte Besitzlust, verfeinerte Ge­schlechtslust, verfeinerte Ausgelassenheit des Sicheren usw.» (Aph.95 bei Koegel.) Bei unseren Handeln haben wir nicht die Wirklichkeit: Besitzlust, die verfeinerte Geschlechtslust im Auge, sondern die uns einverleibte Leidenschaft des Wohl­wollens, die aber nur eine Interpretation des Wirklichen ist. Wir sehen, wie die Menschen zu «Wahrheiten» und «Leiden­schaften» kommen. Sie interpretieren die Wirklichkeit und verleihen sich die Interpretationen ein. In dem Augenblicke, wo die Menschen dahinter kommen, daß sie nicht die Wirk­lichkeit, sondern ihre Interpretationen der Wirklichkeit be­sitzen, beginnt auch der Zweifel an diesen Interpretationen. Während man sich bisher das als wahr einverleibt hat, was lebenfördernd war, gleichgültig ob es wahr oder falsch war, frägt man jetzt nach der Wahrheit als solcher. Man hat das lebenfördernde als «wahr» bezeichnet. Dadurch hat «das Wahre» ein gewisses Ansehen, einen Wert erhalten. Man fing an, nach «dem Wahren» zu streben. Aber man konnte nichts anderes tun, als eine Auslese halten unter den Grund-irrtümern. Denn man hatte doch nichts anderes als diese. Eine besonders ausgelesene Gattung von Grundirrtümern nannte man «Wahrheiten». Man hatte sogar zum Feststellen dessen, was Wahrheit ist, auch nichts als die Irrtümer. Woher kann ein solches Streben stammen? Nur aus dem Glauben, daß die Wahrheit das Leben steigert (Leidenschaft der Er­kenntnis) .

So ungefähr mögen die Ideen ausgesehen haben, die Nietzsche

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durch den Kopf gingen, als er i88i in Sils-Maria den «Entwurf» zur «Wiederkunft des Gleichen» schrieb. Diese Vorstellung wenigstens gewann ich von dem Sachverhalt, als mir Dr. Koegel im Sommer 1896 seine Zusammenstellung der einzelnen Aphorismen gab. Wer nun den Band 12 (den Frau Förster-Nietzsche aus dem Buchhandel hat zurückziehen lassen) liest, wird den Eindruck gewinnen, daß die unter den einzelnen Kapiteln eingereihten Aphorismen den Hauptge­dankengang in einzelnen Punkten mehr oder weniger aus­führen, verdeutlichen. Es ist kein Zweifel, daß Nietzsche diese einzelnen Aphorismen in zwangloser Reihenfolge aufge­schrieben hat. Für die Anordnung ein absolut richtiges Prin­zip zu finden, wird daher nie möglich sein. Auch die Frage, ob der eine oder der andere Aphorismus wegbleiben könnte oder nicht, wird der eine Herausgeber so, der andere anders beantworten. Dr. Horneffer behauptet: nur die 44 von ihm in seiner Broschüre «Nietzsches Lehre von der Ewigen Wieder­kunft» angeführten hätten eine Berechtigung, dem Entwurf zugeteilt zu werden. Ich frage mich vergeblich, warum er den Aphorismus 50 (der Koegelschen Ausgabe) wegläßt, der in­haltlich sich sinngemäß den Aphorismen eingliedert, die Koegel als 49 und 5' abdruckt und die doch Horneffer selbst als berechtigte anerkennt. Ich verstehe nicht, warum Aphoris­mus 119 nicht unter den Entwurf fallen soll, da doch darin ganz klar von einverleibten Irrtümern die Rede ist. «Das Großartige in der Natur, alle Empfindungen des Hohen, Edlen, Anmutigen, Schonen, Gütigen, Strengen, Gewaltigen, Hinreißenden, die wir in der Natur und bei Mensch und Geschichte haben, sind nicht unmittelbare Gefühle, sondern Nachwirkungen zahlloser uns einverleibter Irrtümer,... »Man vergleiche diesen Aphorismus mit dem 51. dem Dr.

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Horneffer wieder eine Stelle in der « Wiederkunft » gönnt:

« . . . Ebenso ist das Maß der Lust nicht im Verhältnis zu unserer jetzigen Erkenntnis, - wohi aber zur der primitivsten und längsten Vorperiode von Mensch- und Tierheit. Wir stehen unter dem Gesetze der Vergangenheit, das heißt ihrer Annahmen und Wertschätzungen.» Aber wozu sich um das einzelne streiten, da es einmal in der Natur dieser Aphorismen liegt, daß sie der eine so, der andere anders anordnen kann. Auf was viel mehr ankommt, das ist dies: ich glaube durch meine Darlegungen gezeigt zu haben, daß die Nietzschesche Idee der «Ewigen Wiederkunft» richtig das ist, als was sie Peter Gast angibt: «Die rein mechanisch zu ver­stehende Lehre von der Erschöpfbarkeit, also Repetition, der kosmischen Molekularkombinationen», und daß Nietzsche, um diese Idee im Gegensatz zu Dühring zu halten, in den vier ersten Kapiteln eine Art neuer Erkenntnislehre liefern wollte. In dieser sollte sich zeigen, daß die Weise, wie die bisherigen «Wahrheiten» entstanden sind, kein Hindernis dafür ist, diesen die Gegenmeinungen entgegenzusetzen. Ich setze ein­mal den Fall: Dr. Koegel hätte wirklich ganz Unrecht, und es gehörten nur die 44 Aphorismen, die Horneffer anführt, zur «Ewigen Wiederkunft», so bliebe dieser Gedanke doch bestehen, denn auch aus diesen 44 Aphorismen folgt nichts anderes. Also mit einer mechanisch zu verstehenden Lehre und nicht mit einer «religiösen Idee», wie Dr. Horneffer meint, haben wir es zu tun. Und es war gerade Frau Lou Andreas' Fehler, daß sie die durchsichtige Klarheit dieser Idee in einem mystischen Nebel untergehen ließ. Diese Nietzsche­sche Idee ist vielmehr so konzipiert, daß wir uns sie nur dann einverleiben werden, wenn wir bei dem «Experiment», das wir mit ihr anstellen, finden, daß wir uns mit ihr innerhalb

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der gesamten Natur so orientieren können, wie mit der bis­herigen Naturlehre. Und wenn Horneffer fragt: «Wie konnte er auf den Gedanken verfallen, zu ihrer Stütze die Physik und überhaupt die Naturwissenschaften herbeizurufen?», so ist darauf zu antworten: «Das hätte er tun müssen, wenn er die Idee in derselben Weise hätte durchführen wollen, in der er sie konzipiert hatte. Allerdings nicht, um die Idee zu beweisen, sondern um zu zeigen, daß sie einverleibbar ist. Die ganze Naturwissenschaft hätte ein anderes Gesicht unter dem Einflusse dieser Idee gewinnen müssen. Denn das Ge­fühl hätte nie geduldet, daß die Naturwissenschaft in der alten Weise fortwirtschaftet, und daneben das religiöse Emp­finden sich mit einer dem Naturerkennen widersprechenden Idee abfindet. Ein neuer Konkurrenzkampf der Meinungen hätte vielmehr durchgekämpft werden müssen. Das «neue Schwergewicht» kann sich nur dann behaupten, wenn es sich als lebenfördernder erweist als die alten naturwissenschaft­lichen Wahrheiten. Dr. E. Horneffer sagt auf S. 26 seiner Schrift: «Nietzsches Lehre von der ewigen Wiederkunft»: «Ich will noch erwähnen, daß ich nicht glaube, daß Nietzsche seiner Lehre von der ewigen Wiederkunft eine breitere, naturwissenschaftliche Unterlage hat geben wollen. Ich be­zweifle, daß er je beabsichtigt hat, sie durch empirische Kennt­nisse ausführlicher zu beweisen . . . Denn wozu der ausführ­liche Nachweis, daß wir über die nachweisbare Erfahrung hinausgehende Vorstellungen, daß wir Irrtümer brauchen, sofern dieselben auf das Leben günstig einwirken? Wozu der weitere Nachweis, daß die ewige Wiederkunft eine Vorstel­lung ist, die, ob wahr oder falsch, sehr günstig auf das Leben einwirken muß? Setzt diese Art, philosophische Vorstellun­gen zu empfehlen, nicht gerade die Annahme voraus, daß sie

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empirisch überhaupt nidit beweisbar sind? » Nein, gewiß, diesen Nachweis setzt sie nicht voraus. Aber die Forderung erhebt sie, durch Einverleibung zu entscheiden, ob die neue Meinung günstiger auf das Leben einwirkt, als die alten naturwissenschaftlichen Meinungen. Nicht mit den alten naturwissenschaftlichen Methoden konnte und durfte Nietz­sche sein «neues Schwergewicht» beweisen, sondern mit diesem seinem neuen Schwergewicht mußte er die alten Methoden selbst besiegen; er mußte die größere Stärke der neuen Idee durch das Experiment beweisen. Und weil er sich zu einem solchen Nachweis außerstande sah, deshalb ließ er die neue Idee zunächst fallen; deshalb trat immer mehr dafür in seinem Geiste eine Idee in den Vordergrund, die nicht gegen die alten naturwissenschaftlichen Wahrheiten gerichtet war, sondern die in ihrer Richtung lag, die Idee des Über­menschen. Denn der Übermensch ist eine mit allen anderen modernen naturwissenschaftlichen Ideen durchaus vereinbare Vorstellung. Man lese im «Zarathustra»: «Der Mensch ist ein Seil, geksiüpft zwischen Tier und Übermensch... Ich liebe den, welcher arbeitet und erfindet, daß er dem Übermen­schen das Haus baue und zu ihm Erde, Tier, Pflanze vor-bereite: denn so will er seinen Untergang». Diese Worte sind ganz im Einklange mit der großen modernen Ent­wicklungsidee der Naturwissenschaft gesprochen. «Alle We­sen bisher schufen etwas über sich hinaus: und ihr wollt die Ebbe dieser großen Flut sein und lieber noch zum Tiere zurückgehen, als den Menschen überwinden? Ihr habt den Weg vom Wurme zum Menschen gemacht, und vieles ist in euch noch Wurm. Einst waret ihr Affen, und auch jetzt noch ist der Mensch mehr Affe, als irgend ein Affe». Diese Zara­thustra-Worte hat ein Mann gesprochen, den nicht die «Ewige

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Wiederkunft», sondern der große Entwicklungsgedanke der neueren Naturwissenschaft zum dichtenden Propheten mach­te. Daß sich aus dem Plan zu einem Werke über die «Ewige Wiederkunft» derjenige zum «Zarathustra» entwickelt hat:

dies hat keinen anderen Grund als den, daß Nietzsche in diesem Augenblicke nicht die «Ewige Wiederkunft», sondern die Idee des Übermenschen für lebenfördernder gehalten hat. Wenn später dann doch der Gedanke der «Ewigen Wieder­kunft» wieder auftaucht, wenn wir ihn sporadisch in der «Fröhlichen Wissenschaft», im «Zarathustra» selbst finden, wenn er ihn sogar als die Krönung, als letzten positiven Gedanken, seines sonst ganz negativen Werkes «Umwertung aller Werte» hinstellt, so kann dies keinen anderen Grund als den haben, daß die sich vorbereitende Erkrankung in ihm den Sinn dafür abstumpfte, wie wenig lebenfördernd dieser Gedanke ist, wie wenig er sich im Kampfe der Meinungen behaupten kann, und daß Nietzsche eine gewisse Schwäche für den Gedanken hatte, nachdem er einmal in ihm aufge­taucht war. Ich fürchte mich nicht vor dem pöbelhaften Vor­wurfe, daß ich kein wahrer Nietzsche-Verehrer sei, weil ich meine obige Überzeugung ausspreche. Ich weiß, wie schwer sie mir geworden ist, diese Überzeugung, daß die Vorstadien der Erkrankung in die letzte Phase des Nietzscheschen Philo­sophieren doch hineinspielen.

Also ein verfehltes Werk war es, ein Werk, dessen Grund-konzeption unhaltbar, weil nicht lebenfördernd war. Und Nietzsche empfand, daß er mit dieser Grundkonzeption nichts anfangen konnte. Deshalb hat er das Werk nicht zu, Ausführung gebracht. Der Herausgeber von Nietzsches Nach-laß konnte kein anderes als ein unhaltbares Werk zustande bringen. Frau Förster-Nietzsche sagt in ihrer Einleitung zu

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Lichtenbergers Buch über «Die Philosophie Friedrich Nietz­sches»: «Der damalige Herausgeber Dr. Fritz Koegel hat, ohne von den späteren noch unentzifferten Manuskripten Kenntnis zu nehmen, den Inhalt eines geschriebenen Heftes meines Bruders aus dem Sommer 1881 unter eine nicht dazu gehörige Disposition gebracht... Das von Dr. Koegel zusam­mengestellte Manuskript flößte mir von vornherein Miß­trauen ein und ich hatte zur Prüfung, ehe es veröffentlicht wurde, die Zuziehung eines sachverständigen Herausgebers gewünscht . . . Ich selbst war zuerst durch die tödliche Krank­heit meiner Mutter und dann durch eigene Krankheit ver­hindert, die Sache genauer zu untersuchen; nachdem unter­dessen aber verschiedene Kritiker, so zum Beispiel in der «Zukunft» und in der «Frankfurter Zeitung», sich über diese wunderliche und dürftige Veröffentlichung, die jeden auf­richtigen Nietzsche-Verehrer enttäuschen mußte, mit Erstau­nen und Mißfallen ausgesprochen hatten, sah ich mich im Herbst 1898 genötigt, die Verlagsfirma zu veranlassen, den XII. Band aus dem Buchhandel zu ziehen.» Nun die «Dürftig­keit» der Veröffentlichung lag nicht an dem Herausgeber, sondern daran, daß das Werk selbst ein verfehltes war. Und kein aufrichtiger Nietzsche-Verehrer konnte dadurch in seiner Nietzsche-Verehrung irgendwie beeinträchtigt werden, daß er sah, wie Nietzsche sich ein paar Wochen lang mit dem Plane zu einem unausführbaren Werke getragen hat. Und daß sich die Sache so verhält, daran kann der Angriff Horneffers gegen Koegel auch nicht das geringste ändern. Auch die 44 Aphorismen, die jetzt Horneffer nach der Durchsiebung des Manuskriptes veröffentlicht, beweisen, daß Nietzsches Idee der «Ewigen Wiederkunft» im Jahre 1881 eine natur­wissenschaftlich-mechanistische Gegen-Idee der Dühringschen

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Anschauung war und daß sie als solche unhaltbar, verfehlt ist. Dem Eingeständnis dieser Tatsache wurde nun und wird vom Nietzsche-Archiv entgegengearbeitet. Der naturwissenschaft­liche Charakter und die naturwissenschaftliche Tragweite dieser Idee werden geleugnet. Aber Dr. Koegel mag noch so viele Fehler bei der Herausgabe gemacht haben: diese Tat­sache ist richtig und, wer unbefangen ist, wird sie gerade durch Horneffers Angriff auf Koegel bestätigt finden. Und jede Ausgabe von Friedrich Nietzsches Werken, die diese Tatsache verschleiert, wird eine objektive Fälschung sein. Weil der Gedanke der «Ewigen Wiederkunft» naturwissen­schaftlich unhaltbar ist: deshalb will man im Nietzsche-Archiv, daß ihn Nietzsche nie naturwissenschaftlich konzipiert habe. Deshalb fing Frau Förster-Nietzsche, als ihr die Unhaltbar­keit klar gemacht wurde, an, zu behaupten, dieser Gedanke wäre nicht nur später, sondern auch schon im Jahre 1881 so gefaßt gewesen, wie Frau Lou Andreas-Salomé behauptet, daß er von Nietzsche später angefaßt worden ist: als ein Mysterium. Man sehe, was Frau Förster-Nietzsche mir im September 1898 schreibt: «Konnte dieser erschütternde Ge­danke nicht prachtvoll, unwiderleglich, wissenschaftlich be­wiesen werden, so war es besser und pietätsvoller (sie), ihn als ein Mysterium zu behandeln, als eine geheimnisvolle Vorstellung, die ungeheure Folgen haben kann.» Nicht die Fehler, die Koegel gemacht hat, bilden den Ausgangspunkt des ganzen Kampfes; nein, sondern die Tatsache, daß er als Herausgeber aus dem «Wiederkunftsgedanken» kein «Myste­rium», gemacht hat. Man sehe doch in Frau Lou Salomé's Buch S. 225: «Was wissenschaftlich erwiesene Wahrheit wer­den sollte, nimmt den Charakter einer mystischen Offenbarung an». Frau Förster-Nietzsche marschiert also nicht allein in

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holder Eintracht mit der von ihr sonst so sehr bekämpften Frau Lou Salomé; nein, sie überbietet sie in bezug auf die Wiederkunftslehre noch. Was Frau Salomé nur für die letzte Zeit Nietzsches in Anspruch nimmt; Frau Förster­Nietzsche legt es Nietzsche bei von dem Augenblicke an, in dem er den Gedanken konzipierte. Es ist für mich, der ich die stürmische Gegnerschaft der Frau Förster-Nietzsche gegen Frau Lou Salomé recht oft zu bemerken Gelegenheit hatte, jetzt drollig zu sehen, wie sie Friedrich Nietzsche auf die Schleichwege - nicht etwa Eduard von Hartmanns -sondern von Lou Andreas-Salomé führt. Und Herr Dr. Horneffer ist in der Lage, dem «Ewigen Wiederkunfts»-Werk einen Plan zu Grunde zu legen, der genau ebenso auf diese Schleichwege von Frau Lou Salomé führt. Er sagt doch:

«Nietzsche wollte seine Idee der ewigen Wiederkunft als eine religiöse Idee hinwerfen.»

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FRAU ELISABETH FÖRSTER-NIETZSCHE

UND IHR RITTER VON KOMISCHER GESTALT

Eine Antwort auf Dr. Seidls «Demaskierung»

#TX

Herr Dr. Arthur Seidl hat sich veranlaßt gefühlt, durch eine «Demaskierung» meiner Person, Frau Elisabeth Förster-Nietzsche gegen die Behauptungen in Schutz zu nehmen, die ich in einem Artikel des «Magazin für Literatur» (Nr. 6 des laufenden 69. Jahrgangs) ausgesprochen habe. Er gebraucht zu dieser «Entlarvung» die folgenden Mittel. Er legt meinen Ausführungen unlautere, ja unsaubere Motive unter. Er be­hauptet ins Blaue hinein Dinge, über die er nichts wissen kann, als was ihm Frau Förster-Nietzsche erzählt hat. Er beschuldigt mich widerspruchvoller Aussagen in meinem Artikel. Er fälscht eine von mir gegebene Darstellung eines Sachverhaltes, entweder, weil er nicht im Stande ist, zu verstehen, was ich geschrieben habe, oder, weil er absichtlich durch Entstellung meine Handlungsweise in einem schiefen Lichte erscheinen lassen will. Er erfindet eine neue Inter­pretation des alten Heraklit, um eine metaphysisch-psycholo­gische Erklärung der Tatsache zu liefern, daß Frau Förster­-Nietzsche heute rot nennt, was gestern blau war. Er erzählt von den Fehlern, die er in Koegels Ausgabe von Nietzsches Werken gefunden hat. Dazwischen schimpft er.

Ich will diese Mittel des Herrn Dr. Arthur Seidl der Reihe nach besprechen. Es ist sehr charakteristisch für die Gesin­nung dieses Herrn, daß er mir zumutet: ich hätte, um dem von mir «mit stark umstrittenen Erfolg» herausgegebenen «Magazin» durch eine «solenne Sensation» aufzuhelfen, den Artikel über das Nietzsche-Archiv und über Frau Förster- Nietzsche

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geschrieben. Wenn irgend etwas innerhalb des literarischen Banausentums das Gerede von dem «umstrit­tenen Erfolg» veranlaßt hat, so ist es gerade der Umstand, daß ich mit den größten Opfern das «Magazin» leite, ohne journalistische Kniffe und «Sensationen» zu Hilfe zu nehmen, rein nach sachlichen Gesichtspunkten. Die Banausen fänden es natürlich rationeller, wenn ich mich aller möglichen Pfiffe bediente. Ich habe auf alle Erfolge verzichtet, die mir je «Sensationen» hätten bringen können. Herr Dr. Seidl unterschiebt mir aus einer echt banausischen Gesinnung heraus, daß ich in einer so wichtigen Sache, wie diejenige Nietzsches ist, auf Sensationsmacherei ausgehe. Ich habe am Schlusse meines Artikels klar und deutlich gesagt, welche Motive mich getrieben haben. «Ich hätte auch jetzt geschwiegen, wenn ich nicht durch Horneffers Broschüre und durch die Protek­tion, die das Buch von Lichtenberger erfahren hat, in die Em­pörung darüber getrieben worden wäre: in welchen Händen Nietzsches Nachlaß ist.» Es gibt eben Leute, die nicht an sachliche Motive glauben können. Sie übertragen ihre eigene Denkweise auf die anderen. Nietzsche würde sagen: ihnen fehlen die elementarsten Instinkte geistiger Reinlichkeit. Auf andere Motive, die mir Dr. Seidl unterschiebt, komme ich im weiteren noch zu sprechen.

Zunächst ist es nötig, daß ich die von Dr. Seidl in der unverantwortlichsten Weise entstellten Tatsachen richtig stel­le, insofern sie sich auf die Rolle beziehen, die ich bei dem Bruch zwischen Frau Elisabeth Förster-Nietzsche einer - und Dr. Fritz Koegel andrerseits gespielt haben soll. Im Herbst 1896 übersiedelte Frau Förster-Nietzsche mit dem Nietzsche-Archiv von Naumburg a. d. S. nach Weimar. Ungefähr in der Zeit ihrer Übersiedlung ging durch einen großen Teil der

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deutschen Presse die Notiz, daß ich mit Dr. Koegel zusammen die Nietzsche-Ausgabe mache. Der Urheber dieser unwahren Notiz ist niemals zu entdecken gewesen. Mir war dieselbe höchst peinlich, denn ich kannte Dr. Koegels Empfindlichkeit in dieser Richtung. Er legte einen großen Wert darauf, in der Öffentlichkeit als alleiniger Herausgeber derjenigen Teile der Ausgabe auch genannt zu werden, die er wirklich allein bearbeitete. Bis dahin hatte er die ganze Ausgabe bis ein­schließlich des zehnten Bandes gemacht, mit Ausnahme der von Dr. von der Hellen besorgten Teile, des 2. Bandes von «Menschliches, Allzumenschliches» und der Schrift «Jenseits von Gut und Böse» im 7. Band. Außerdem versicherte er, daß er beim Abgange Dr. von der Hellens vom Nietzsche-Archiv von Frau Förster-Nietzsche die bestimmte Zusage erhalten habe, alleiniger Herausgeber aller (auf den achten Band folgenden) Nachlaß-Bände zu sein. Ich hatte alle Ur­sache, den Anschein nicht aufkommen zu lassen, als ob ich mein freundschaftliches Verhältnis zu Frau Förster-Nietzsche dazu benützen wollte, um mich in die Herausgeberschaft einzuschmuggeln. Und Dr. Koegel hatte die Vertrauensselig­keit verloren, da er im Laufe der Zeit eine große Zahl von Differenzen mit Frau Förster-Nietzsche hatte, die in ihm wiederholt den Glauben erweckt hatten, seine Stellung sei erschüttert. Es war von meiner Seite notwendig, über mein ganz unoffizielles Verhältnis zum Nietzsche-Archiv keine Un­klarheit aufkommen zu lassen. Als ich Frau Förster-Nietzsche, auf ihre Aufforderung hin, zum ersten Male in Weimar be­suchte, sagte ich ihr, daß dem durch obige Zeitungsnotiz entstandenen Gerücht, als ob ich am Nietzsche-Archiv ange­stellt werden sollte, entschieden entgegengetreten werden muß. Frau Förster-Nietzsche stimmte dem bei und bedauerte

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gleichzeitig, daß die Sache nicht der Wahrheit entsprechen könne. Ich hatte das Gefühl, Frau Förster-Nietzsche hätte damals meine Anstellung gerne gesehen, aber ihr stand die bestimmte Zusage an Dr. Koegel entgegen, daß er für die Zukunft alleiniger Herausgeber sein werde. Ich betone aber ausdrücklich, daß von einer etwaigen Unfähigkeit Dr. Koegels, die Ausgabe allein zu machen, mit keinem Worte gesprochen wurde. Ich habe nun an eine Reihe deutscher Zeitungen, mit Zustimmung der Frau Förster-Nietzsche, eine Berich­tigung der angeführten Notiz gesandt, welche die Worte ent­hielt: «Alleiniger Herausgeber von Nietzsches Werken ist Dr. Fritz Koegel. Ich stehe in keinem offiziellen Verhältnis zum Nietzsche-Archiv Auch ist ein solches für die Zukunft nicht in Aussicht genommen.» Dr. Koegel war zu dieser Zeit auf einer Urlaubsreise. Im Nietzsche-Archiv zurückgelassen hatte er das Druckmanuskript der von ihm zusammenge­stellten «Wiederkunft des Gleichen». Er hatte mir bereits im Juli desselben Jahres diese Zusammenstellung zugesandt. Ich habe dann öfter mit ihm über die in dem Druckmanuskript verbundenen Gedanken gesprochen. Nietzsches Manuskript dazu habe ich nie durchgenommen. Ich sprach nun im Okto­ber 1896 wiederholt auch mit Frau Förster-Nietzsche über die «Wiederkunft des Gleichen» und vertrat schon damals den Gedanken, der auch heute noch meine Überzeugung bildet, daß Nietzsche die Hauptidee von der «Ewigen Wieder­kunft» aller Dinge bei der Lektüre Dührings aufgestiegen ist. In Dührings «Kursus der Philosophie» findet sich näm­lich dieser Gedanke ausgesprochen, nur wird er da bekämpft. Wir sahen in Nietzsches Exemplar des Dühringschen Buches nach und fanden an der Stelle, wo von dem Gedanken die Rede ist, die charakteristischen Nietzscheschen Bleistiftstriche

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am Rande. Ich teilte Frau Förster-Nietzsche damals noch manches andere über das Verhältnis der Philosophie ihres Bruders zu anderen philosophischen Strömungen mit. Die Folge war, daß sie eines Tages mit dem Plane herausrückte: ich solle ihr diese meine Anschauungen und Ergebnisse in Privatstunden entwickeln. Natürlich hatte ich schon damals das Gefühl, mit dem jetzt Dr. Seidl krebsen geht, daß zunächst diese Vorträge von dem Herausgeber der Nietzscheschen Schriften zu halten seien; und ich erklärte der Frau Förster-Nietzsche, daß ich zu den Vorträgen mich nur bereit erklären könne, wenn Dr. Koegel damit einverstanden wäre. Ich sprach mich mit Dr. Koegel aus, und der Plan mit den Privatstunden wurde verwirklicht. Wenn Herr Dr. Seidl in einem unerhört schimpfenden Ton behauptet, ich hätte kein Recht, diese Vorträge solche über die «Philosophie Nietzsches» zu nennen, so erwidere ich ihm, daß ich keine Bezeichnung für eine solche unwahre Behauptung habe, für die er nicht den geringsten Beweis erbringen kann. Denn es ist einfach eine Lüge, wenn diese Vorträge mit einer anderen Bezeichnung belegt werden. Ich muß doch wohl wissen, was ich in den Stunden behandelt habe. Herr Dr. Seidl weiß gar nichts davon. Ich habe Nietz­sches Auffassung von der griechischen Philosophie, sein Ver­hältnis zur modernen, besonders zur Kantschen und Schopen­hauerschen Weltanschauung und die tieferen Grundlagen seines eigenen Denkens behandelt. Die Gründe, warum Frau Förster-Nietzsche bei mir Stunden nahm, deutet Herr Dr. Seidl in - ich kann wirklich nicht anders sagen - kindischer Weise. Sollte es aber wahr sein, was er darüber sagt, dann hätte er mit der Aufdeckung dieser angeblichen Gründe Frau Förster-Nietzsche den allerschlechtesten Dienst erwiesen. Er mutet ihr eine Hinterlistigkeit und ein frivoles Spiel mit

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Menschen zu, das ich ihr trotz allem, was ich von ihr weiß, nicht zumute. Sie soll, als sie mich um die Stunden bat, nicht etwas haben lernen wollen, sondern mich examinieren, ob ich zum Nietzsche-Herausgeber tauge. Es kann doch wohl kein Zweifel darüber sein, daß ich, wenn ich von einem solchen Plane nur das geringste geahnt hätte, empört Frau Förster-Nietzsche verlassen hätte auf Nimmer-Wiedersehen. Dr. Seidl ist der Ansicht, daß diese Frau mit einem solchen Plan im Hinterhalte unter allerlei Vorwänden mich einge­fangen hat. Wer so etwas tut, handelt frivol. Ich überlasse es Herrn Dr. Seidl, sich mit Frau Förster-Nietzsche über diese Interpretation ihrer Handlungsweise auseinanderzusetzen.

Ich fahre in der Darstellung des Sachverhaltes fort. Es ging alles so ziemlich gut bis zu Dr. Koegels Verlobung, die, wenn ich mich recht erinnere, Ende November 1896 stattfand. Ein Erinnerungs-Irrtum meinerseits könnte höchstens auf einige Tage sich beziehen. Herr Dr. Seidl findet sich genötigt, mir die «ebenso böswillige als einfältige Insinuation» vorzu­werfen: ich hätte einen Zusammenhang zwischen Dr. Koegels Verlobung und der «Erleuchtung» der Frau Förster-Nietzsche über Koegels Begabung «á tout prix» herstellen wollen. Ich glaube, nur eine nicht ganz reinliche Phantasie kann in meinem Satze (in dem «Magazin»-Aufsatz) eine böswillige Insinuation sehen. Ich habe nichts weiter gesagt, als: «Bald nach Dr. Koegels Verlobung benutzte Frau Förster-Nietzsche meine Anwesenheit im Nietzsche-Archiv gelegentlich einer Privatstunde, um mir zu sagen, daß ihr Zweifel an den Fähigkeiten des Dr. Koegel aufgestiegen seien». Hören wir doch, was in dieser Beziehung ein gewiß klassischer Zeuge sagt, nämlich Frau Elisabeth Förster-Nietzsche selbst. In dem auch von Dr. Seidl erwähnten unerbetenen Brief an mich vom

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September 1898 schreibt sie: «Dr. Koegel sollte nicht nur Herausgeber, sondern auch Sohn und Erbe des Archivs sein. Das letztere war aber nur möglich, wenn mich mit Dr. Koegel eine aufrichtige gegenseitige Freundschaft verbunden hätte. Diesen Mangel fühlte ich auch und hatte gehofft, daß wir durch seine Heirat befreundeter werden könnten. Da ich mich aber in der Braut vollständig geirrt hatte, so wurde der Mangel an Freundschaft und Vertrauen nach der Verlobung viel stärker fühlbar als vorher.» Herr Dr. Arthur Seidl! Sie wagen es, mich wegen meines Verhaltens zu Frau Dr. Förster-­Nietzsche einen «Ritter von der traurigen Gestalt» zu nennen. Sehen Sie einmal her wie Sie kämpfen! Was Sie eine «bös­willige» und «einfältige Insinuation» von mir nennen, ist nichts weiter als die Wiedergabe einer Briefstelle der «ein­samen Frau», für die Sie so «tapfer» eintreten, Sie Ritter von komischer Gestalt.

Tatsache ist, daß fast unmittelbar nach der Verlobung eine tiefgehende Differenz zwischen Frau Förster-Nietzsche und Dr. Fritz Koegel eintrat. Für mich wurde diese Differenz mit jedem Tage bemerkbarer und mit jedem Tage peinlicher. So oft ich mit Dr. Koegel zusammentraf, erzählte er erregt über Scenen mit Frau Förster-Nietzsche und bemerkte, daß er mit jedem Tage mehr das Gefühl habe, sie wolle ihn los sein. Kam ich zu den Stunden der Frau Förster-Nietzsche, dann brachte sie alles mögliche gegen Dr. Koegel vor. Es ist charakteristisch, wie sich ihre Einwände gegen Koegels Eignung zum Herausgeber wandelten. Zunächst tat sie tief beleidigt darüber, daß Dr. Koegel es unterlassen habe, auf seine Verlobungsanzeigen zu setzen: «Archivar des Nietzsche­Archivs». Bald darauf erschien ein neues Motiv auf der Bildfläche. Die Familie in Jena, in die Dr. Koegel hineinheiratete,

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sei eine fromme; Dr. Koegel werde unmöglich seine Stellung im Nietzsche-Archiv mit einer solchen Verwandtschaft ver­einigen können. Es wäre doch schlimm, wenn der Nietzsche­-Herausgeber sich kirchlich trauen und seine Kinder taufen lassen müsse. Als heiteres Intermezzo kam noch etwas da­zwischen. Dr. Koegel las damals die Korrekturbogen der französischen Ausgabe des Zarathustra, weil vom Nietzsche-Archiv aus diese Ausgabe auf ihre Richtigkeit geprüft werden sollte. Bei Lesung eines Bogens im Nietzsche-Archiv war Koegels Braut anwesend. Es wurde über die französische Übersetzung eines Satzes disputiert, und Dr. Koegel gab seiner Braut recht bezüglich des richtigen französischen Aus­druckes eines Gedankens, gegen die Meinung Frau Förster­Nietzsches. Diese klagte mir darauf, daß sie nun nicht mehr Herrin in ihrem Archiv sei. Allniählich gingen aus solchen Einwendungen gegen Dr. Koegel andere hervor, ganz in successiver Entwicklung. Frau Förster-Nietzsche fing an, Koegels philosophische Fachmaunschaft zu bezweifeln. In diesem Stadium war die Angelegenheit, als am 5 . Dezember Frau Förster-Nietzsche den Versuch unternahm, mich in die Sache zu verwickeln. Auf mich hat das ganze Verhalten dieser Frau mit all den Winkelzügen, an denen es so reich war, einfach den Eindruck gemacht: sie will Koegel nicht mehr haben und sucht nach allen möglichen Gründen. Dr. Arthur Seidl hat dafür in seiner komischen Ritterlichkeit den Aus-druck: «Was damals bestimmter unbeweisbarer Instinkt noch bei ihr war, subjektives Gefühl und dunkle Empfindung erst, daß die Sache nicht ganz richtig, etwas nicht in Ordnung sei -es sollte sich gar bald . . . als schwerer objektiver Fehler und als wissenschaftliche Unhaltbarkeit denn auch herausstellen». Merkwürdig, höchst merkwürdig: bei Frau Elisabeth Förster

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Nietzsche äußert sich der Instinkt, daß etwas wissenschaftlich nicht in Ordnung sei, dadurch, daß sie beleidigt tut, wenn sich ihr Herausgeber auf seinen Verlobungsanzeigen nicht als «Archivar am Nietzsche-Archiv» kennzeichnet, oder in der Furcht, daß er sich kirchlich trauen lassen werde.

Soll ich die Rolle charakterisieren, die ich bis dahin in der ganzen Angelegenheit einnahm, so kann ich nicht anders sagen, als, ich benahm mich als «ehrlicher Makler». Ich suchte Frau Förster-Nietzsche alle Gründe vorzuführen, die ich für die unveränderte Beibehaltung Dr. Koegels als Heraus. geber finden konnte. Ich suchte den zuweilen hochgradig erregten Dr. Koegel zu beruhigen. Da kam der 5 . Dezember. Ich hatte bei Frau Förster-Nietzsche Stunde. Sie hatte mir schon am vorhergehenden Tage durch eine Karte, die sie mir gab, angedeutet, daß sie mir am nächsten Tage wichtiges zu sagen habe. Diese Karte war natürlich ganz überflüssig, denn ich wäre an jenem Sonnabend auf jeden Fall zur Stunde erschienen. Kaurn war ich da, ging es über Dr. Koegel her. Er sei Künstler und Ästhetiker, aber kein Philosoph. Die «Umwertung aller Werte» könne er nicht allein herausgeben. Ich habe nie in Abrede gestellt, daß Frau Förster-Nietzsche damals mir einzureden versucht hat: ich solle neben Dr. Koegel Herausgeber werden, daß sie allerlei nebulose Be­merkungen über Modi des Zusammenarbeitens gemacht hat usw. Ich habe gegenüber Dr. Koegel aus dieser ihrer Rederei kein Hehl gemacht. Nur in diesem Augenblicke gingen die Wogen der gegenseitigen Erbitterung zwischen Frau Förster­Nietzsche und Dr. Koegel zu hoch. Ich sah voraus, daß die bloße Mitteilung, Frau Förster-Nietzsche habe den Plan, mit seiner Stellung eine Veränderung vorzunehmen, Dr. Koegel zum äußersten reizen werde. Frau Förster-Nietzsche aber

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mußte ich aus Courtoisie doch anhören. Ich sagte ihr, daß bei Dr. Koegels gegenwärtiger Gereiztheit, es höchst unrat­sam sei, ihn irgend etwas von ihrem Plane wissen zu lassen. Ich selbst habe nie meine Einwilligung zu diesem Plane gegeben. Alles, was ich sagte, läßt sich in den Konditional­satz zusammenfassen: «Gnädige Frau, auf meine Zustim­mung kommt nichts an; selbst wenn ich wollte, wäre ein solches Wollen ohne Folge». - Frau Förster-Nietzsche durfte diese Worte nicht so auffassen, daß ich gewollt hätte, son­dern nur als ein bedingungsweises Eingehen auf ihren Plan, nicht um zuzustimmen, sondern, um sie ad absurdum zu führen. Ich wollte ihr begreiflich machen: erstens, daß sie doch jetzt nicht Dr. Koegels Stellung ändern könnte, nachdem sie ihm die Zusage der alleinigen Herausgeberschaft gemacht hatte; zweitens, daß Dr. Koegel sich nie auf das Zusammen-arbeiten mit einem zweiten Herausgeber einlassen werde. Das war alles, was von meiner Seite geschah. Man sieht: ich wollte nichts als die «ehrliche Maklerrolle» weiter spielen. Wenn Frau Förster-Nietzsche nunmehr geglaubt hat, sie könne über mich verfügen, wie es ihr beliebt, so entspringt das nur ihrer Eigentümlichkeit, daß sie der Meinung ist, sie könne die Leute wie Schadifiguren dorthin stellen, wohin sie will. Ich hatte meinetwegen nicht den geringsten Grund, Frau Förster-Nietzsche das Wort abzunehmen, über ihren Plan nicht zu sprechen. Es war dies durchaus ihr Wunsch. Ich glaube sogar ausdrücklich bemerkt zu haben: bei meinem Verhältnisse zu Dr. Koegel müsse ich ihm so etwas sagen. Nun gut: wir kamen überein, über einen Plan der Frau Förster-Nietzsche, dessen Absurdität ich ihr dargelegt hatte, nicht zu sprechen. Herr Dr. Arthur Seidl hat die Unverfroren­heit, dies so darzustellen: «er stellte an die genannte Dame,

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der gegenüber er sich warm verpflichtet fühlen mußte (oder hätte müssen), das Ansinnen, bei eventl. harangue ihrer Per­son von andrer Seite seine Person zu schützen und eine de facto gepflogene Rücksprache mit dem Munde dann zu be­streiten - rund und nett gesagt: die Zumutung einer Lüge».

Hier ist es, wo Herr Dr. Seidl eine objektive Fälschung begeht. Ich habe auf ausdrücklichen Wunsch der Frau Förster-Nietzsche ihr mein Wort gegeben, von ihrem Plane nicht zu Dr. Koegel zu sprechen, und habe mir dann selbstverstind­lich das Gleiche auch von ihr erbeten. Denn ich wußte, was herauskommt, wenn sie etwas erzählt. Wo in aller Welt kann da von der Zumutung einer «Lüge» gesprochen werden. Aber Herr Dr. Seidl will etwas ganz anderes sagen. Er will den Glauben erwecken, als ob ich, nachdem Frau Förster-Nietzsche das Wort, das nicht meinetwegen, sondern ihretwegen ge­geben war, gebrochen hatte, ihr zugemutet hätte, irgend etwas abzuleugnen. Ich werde sogleich erzählen, wie es mit dieser vermeintlichen Ableugnung steht. Vorher aber muß ich Herrn Dr. Seidl sagen, daß er entweder nicht fähig ist, die von mir (im «Magazin»-Artikel) gegebene Darstellung zu verstehen, oder daß er sie absichtlich fälscht. Er hat zwischen zwei Dingen zu wählen, entweder hat er zu bekennen, daß er einen klar formulierten Satz nicht versteht, oder das andere, daß er absichtlich eine Fälschung begeht, um mich zu verleumden. Im ersteren Fall erhöht sich für mich der Eindruck von seiner komischen Ritterschaft; im zweiten aber muß ich ihm sagen, was Carl Vogt in dem berühmten Materialismusstreit dem Göttinger Hofrat gesagt hat:

«Auf groben Klotz ein grober Keil,

Auf einen Schelmen anderthalbe! »

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Auf den Sonnabend folgte der Sonntag. An diesem Tage hatte Frau Förster-Nietzsche im Nietzsche-Archiv für Dr. Koegel ein Verlobungsessen arrangiert. Es waren verschie­dene Herren des Weimarischen Goethe-Archivs geladen, ferner Gustav Naumann, der mit seinem Oheim zusammen die Verlagshandlung leitete, in dem Nietzsches Werke er-schienen, ich und andere. Frau Förster-Nietzsche hielt wäh­rend des Essens eine Rede, in der sie Koegels Verdienste um die Nietzsche-Ausgabe in anerkennenden Worten pries. Nach dem Essen nahm sie Gustav Naumann zur Seite und teilte ihm mit: Dr. Koegel sei kein Philosoph; er kann die «Um-wertung aller Werte» gar nicht machen. Dr. Steiner sei Philo­soph, er habe ihr prachtvoll Philosophie gelesen; der kann und wird die «Umwertung» machen. Herr Gustav Naumann glaubte es seiner Freundschaft zu Dr. Koegel schuldig zu sein, ihm diese Unterredung mit Frau Förster-Nietzsche noch an demselben Abend mitzuteilen. Nun war der Ausbruch der Erregung bei Dr. Koegel, den ich hatte vermeiden wollen, da. Ich traf diesen noch an demselben Abend. Ich beruhigte ihn, indem ich ihm sagte: ich werde alles tun, um ihn zu halten; ich werde nie meine Einwilligung geben, zweiter Herausgeber zu werden. Von meiner ergebnislosen Unter­redung mit Frau Förster-Nietzsche am Sonnabend erwähnte ich nichts, weil ich ja durch mein Wort gebunden war; und selbst, wenn das nicht der Fall gewesen wäre, so wäre es nicht nötig gewesen; denn wozu über das Gerede der Frau Förster-Nietzsche Worte verlieren, da es ohne meine Ein­willigung zu nichts führen konnte. Am darauffolgenden Mitt­woch erhielt ich von Dr. Koegel, der nach Jena zu seinen künftigen Schwiegereltern gefahren war, einen Brief, worin er mir mitteilte, Frau Förster-Nietzsche habe am Dienstag

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Koegels Schwester (deren sie sich damals als offizieller Ver­mittlerin zwischen sich und Dr. Koegel bediente, trotzdem sie diesen immer selbst hätte sprechen können) gesagt, daß ich erklärt halbe, ein Zusammenarbeiten von mir mit Dr. Koegel ginge ausgezeichnet, und ich sei mit Freuden bereit, darauf einzugehen. Beides war unrichtig, wie aus meiner Dar­legung des Sachverhaltes hervorgeht. (Dr. Seidl freilich hat die Dreistigkeit a priori zu behaupten, es sei richtig. Auch ein philosophischer Grundsatz: was man nicht beweisen kann, behauptet man a priori.) Ich mußte an diesem Mittwoch eben wieder zur Stunde zu Frau Förster-Nietzsche gehen. Ich stellte sie nun zur Rede. Ich erklärte ihr, daß sie durch ihre unrichtigen Angaben mich in eine fatale Situation gebracht habe. Dr. Koegel könne sich die Sache unmöglich anders erklären, als daß ich die Rolle eines Intriganten spiele, der ihm andere Dinge vorspiegelt, als hinter den Kulissen vor-gehen. Ich erklärte ihr auf das allerhestimmteste, daß ich in einem vorläufigen Briefe an Dr. Koegel die Sache aufklären werde, und daß ich verlangen muß, daß sie selbst vor Dr. Koegel und mir die Sache richtig stelle. Ich sagte damals, daß ich es geradezu unglaublich finde, durch sie in einer In­trigantenrolle zu erscheinen; wo ich mlch doch in jeder Weise bemüht hätte absolut auf Klarheit des Sachverhaltes zu sehen. Zugleich bemerkte ich, um Frau Förster-Nietzsche die ganze Größe der Unannehmlichkeit, die sie mir bereitet hat, klarzulegen ich würde mich lieber erschießen, als durch eine Intrige mi: eine Stellung ergattern. Diese Worte hat dann Frau Förster-Nietzsche so verdreht, daß sie später des öfteren behauptet hat: ich hätte gesagt, ich müßte mich erschießen, wenn sie ihre unrichtigen Angaben nicht zurücknehme. Dr. Seidl wärmt auch das unsinnige Duell-Märchen wieder auf.

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Nie hat Dr. Koegel mir mit einem Duell gedroht. Er hat aller-dings an Naumann geschrieben, wenn sich bewahrheiten sollte, was Frau Förster über eine Intrige von mir gesagt habe, wolle er mich herausfordern. Diese Briefstelle Dr. Koegels ist Frau Förster-Nietzsche bekannt geworden; und sie hat später, in der Absicht, mich in die Feindschaft mit Dr. Koegel hineinzureiten, mit dieser nur hinter meinem Rücken ausgesprochenen Drohung - um in Dr. Seidls ge-schmackvoller Vergleichssprache zu bleiben - «wie mit der Mettwurst nach dem Schinken» geworfen. Sie konnte mir diese Duellandrohung mündlich und schriftlich nicht oft genug vor Ohren und Augen bringen. Herr Dr. Seidl er­dreistet sich zu sagen: ich hätte Frau Förster-Nietzsche «flehentlich gebeten», mich «herauszulügen». Wenn Herr Dr. Seidl nicht als solch komischer Ritter treu alles nach­plapperte, was ihm gesagt worden ist: man müßte ihn wahr­haftig für einen Schelm halten. Frau Förster-Nietzsche be­hauptete nun in der eben besprochenen Unterredung: sie hätte mir am vorhergehenden Tag - also am Dienstag - einen Brief geschrieben, in dem ich die Aufklärung für ihr Ver­halten fände. Ich sagte, mir wäre ein solcher Brief höchst gleichgültig; ich habe aber keinen erhalten. Und merkwürdig, am Mittwochnachmittag, einige Stunden nach der Unter­redung mit Frau Förster-Nietzsche fand ich einen Brief von ihr vor, in dem sie folgendes schrieb: «Also ich war heute aus bestimmten Gründen genötigt Fräulein Koegel zu sagen, daß ich Sie gefragt hätte: ob Sie in dem Fall, daß ich Sie darum bäte mit Dr. Koegel die Umwertung herauszugeben, geneigt wären es zu tun und ob Sie glaubten, daß Sie beide in einem Jahr damit fertig würden; - Sie hätten darauf mit Ja geantwortet. Auch hätten Sie davon gesprochen, daß Dr.

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Koegel Ihnen schon dergleichen Absichten von meiner Seite gesagt habe. Dies war alles am Sonnabend. Ich teile es Ihnen schnell mit, damit Sie unterrichtet sind.» Also Frau Förster­Nietzsche hatte den Glauben: sie könne in jeder Weise über mich verfügen; sie brauche nur zu befehlen: ich sage, du hast das getan und dann ist es so. «Ich teile es Ihnen schnell mit, damit Sie unterrichtet sind.» Es war auch drin­gend nötig, dieses Unterrichten. Nur schade, daß ich den Brief erst erhalten habe, nachdem Frau Förster-Nietzsche schon das Unheil angerichtet hatte. Sonst hätte ich ihr vor-her gesagt: Wenn Sie aus bestimmten Gründen sich be­müßigt sehen, von mir unrichtiges zu sagen, so werde ich aus bestimmten Gründen mich genötigt sehen, Sie der Un­wahrheit zu zeihen. Nun kam es am 10. Dezember zu der bestimmten Erklärung der Frau Förster-Nietzsche vor Dr. Koegel, mir und zwei Zeugen, daß nicht richtig sei, was sie zu Koegels Schwester in bezug auf mich gesagt habe. Am nächsten Tage war es ihr schon wieder leid, daß sie diese Erklärung abgegeben habe, und sie suchte die Sache nun in folgender Art zu drehen. Sie pochte darauf, daß doch an dem fraglichen Sonnabend ein Gespräch zwischen ihr und mir stattgefunden habe. Ich müsse das zugeben. Ich erklärte ihr nun am Sonnabend den i 1. Dezember wieder bestimmt: es komme gar nicht darauf an, daß überhaupt irgend ein Gespräch stattgefunden habe, sondern lediglich darauf, daß die Angaben, die sie Koegels Schwester gemacht habe, un­richtig seien. Für mich wäre nun die Sache abgetan. Ich kann den Beweis führen, daß ich nie Frau Förster gegenüber irgendwie verlangt habe, sie solle etwas ableugnen; sondern ihr ganz bestimmt von dem Augenblicke an, als ich durch Dr. Koegel von ihren unrichtigen Angaben gehört hatte, ihr

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auch diese Unrichtigkeit vorgehalten habe. Am Sonntag den 12. Dezember schrieb sie mir einen Brief, aus dem klar her­vorgeht, daß ich sie nie gebeten, mich herauszulügen, son­dern daß ich immer die Unrichtigkeit ihrer Angaben ihr ins Gesicht behauptet habe. In diesem Briefe schreibt sie: «Es ist doch schade, daß wir bisher niemals ordentlich über die ganze Sache gesprochen haben. Denken Sie, daß ich in der Tat fest überzeugt war, daß Sie genau so gut wie ich wüßten, die viel umstrittene Unterhaltung hätte wirklich stattgefun-den. Nun denken Sie, gestern ist mir auf einmal ein Licht aufgegangen, daß Sie wirklich und wahrhaftig fest überzeugt sind nichts von den Sachen, deren ich mich genau entsinne, gehört zu haben.» Also Frau Förster-Nietzsche baute sich goldene Brücken, indem sie angibt, sich genau zu entsinnen. Das Vergnügen gönnte ich ihr. Mir liegt nichts daran, wie sie sich die Dinge zurecht legt. Aber sie gibt hier zu, daß ich sie niemals - wie jetzt Dr. Seidl «ritterlich» plappert -«flehentlich gebeten» habe, zu lügen, sondern daß ich ihr frank und frei gesagt habe: es ist nicht wahr, daß ich meine Zustimmung gegeben habe. Recht nett stellt Frau Förster­Nietzsche die Sache weiter dar: «Wie grenzenlos schade, daß ich nicht eher davon überzeugt worden bin, denn dann hätte das Ganze ein soviel anderes fröhlicheres natürlicheres An­sehen gewonnen. Das war ja dann nichts weiter als eines jener so oft vorzüglich bei Gelehrten vorkommenden Fälle von Zerstreutheit, der eine spricht andeutungsweise von be­stimmten Dingen, der andere hört zerstreut, sagt Ja und macht freundliche Gesichter und vergißt dann die ganze Sache in der nachfolgenden philosophischen Vorlesung.» Nun darf Frau Förster-Nietzsche versichert sein, daß ich eine Zusage meinerseits gewiß nicht vergessen hätte. Was sie aber gesagt

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hat, war für mich bedeutungs- und eigentlich gegenstandslos. So. Nun komme. ich wieder zu Ihnen, Herr Dr.Arthur Seidl. Ich habe Ihnen bewiesen, daß Sie leichtfertig genug waren, Dinge nachzusprechen, deren Unrichtigkeit leicht dar-zulegen ist. Bevor ich Ihnen die Windigkeit Ihrer Behaup­tungen über meine angeblichen Widersprüche zeige, frage ich Sie noch um zwei Dinge. 1. Sie schreiben hin: «Und es darf dabei nicht übersehen werden, wie in dem ganzen, vom Zaune gebrochenen Kampfe die eigennützigen und persön­lichen Motive durchaus nur auf Seiten ihrer (der Frau Förster­Nietzsche) Gegner lagen, welche sich als Nietzsche-Heraus­geber doch pekuniäre Vorteile schaffen wollten.» Da Sie im Plural von Nietzsche-Herausgebern sprechen, so unterstellen Sie, daß ich jemals nach pekuniären Vorteilen in dieser Sache gestrebt habe. Ich war nie Nietzsche-Herausgeber; wollte es nie werden, habe mir also niemals pekuniäre Vorteile ver­schaffen wollen. Sie werden für diese Ihre Behauptungen den Beweis nicht erbringen können. Sie setzen also Verleum­dungen in die Welt. 2. Sie behaupten: Ich hätte mich der Frau Förster-Nietzsche gegenüber warm verpflichtet fühlen müssen. Ich fordere Sie auf, mir das allergeringste zu nennen, was Frau Förster-Nietzsche berechtigt, von mir irgendeinen besonderen Dank zu beanspruchen.

Nun aber zu Ihren «logischen Widersprüchen» in meinem Aufsatze. Sie, Herr Dr. Arthur Seidl, behaupten: aus meiner Darstellung gehe hervor, daß Frau Förster-Nietzsche im Herbst 1896 schon von der Fehlerhaftigkeit der Bände 11 und 12 überzeugt gewesen sein müsse, da sie doch behaup­tete, Dr. Koegel könne die «Umwertung» nicht herausgeben. Sie sagen: «Nun, ich dächte, man kann in solchem Falle Zweifel und Beängstigungen lediglich auf Grund vorliegender

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Proben und bereits geleisteter Arbeiten empfinden, die ebendamals bis einschließlich Band 12 von Dr. Koegel vor­gelegen haben mußten.» Wenn in dieser Erwiderung nur ein Milligramm Verstand ist, dann will ich «Peter Zapfel» heißen. Ich erkläre auf Grund der Tatsachen, daß Frau För­ster-Nietzsche im Herbst 1896 nichts wußte von Fehlern im 11. und 12. Band und schließe daraus, daß sie ihre Be­hauptung, Dr. Koegel könne die «Umwertung» nicht heraus­geben, auf nichts stützte; und der Dr. Seidl kommt und sagt:

Ja gerade daraus, daß sie ihn für unfähig erklärt hat, die «Umwertung» herauszugeben, ersieht man, daß sie die Fehler­haftigkeit von Band 11 und 12 erkannt haben muß. Man denke sich diesen Philosophen Seidl als Richter. Der Ver­teidiger eines Angeklagten weist nach, dieser könne einen Mord nicht begangen haben, der um 12 Uhr in Berlin nach­weislich geschehen ist, weil der Angeklagte erst um i Uhr in Berlin angekommen ist. Der Dr. Seidl als Richter wirft sich in die Brust und sagt: Sie Herr Verteidiger, Sie sind kein Logiker: Wenn der Angeklagte erst um 1 Uhr in Berlin angekommen ist, so kann ja doch der Mord nur nach eins geschehen sein. Nun, auf die Logik des Herrn Dr. Seidl lasse ich mich, nach dieser Probe, nicht weiter ein. Das scheint denn doch zu unfruchtbar. Es ist doch der Gipfelpunkt des Unsinns, daß der alte Heraklit herhalten muß, um zu recht­fertigen, daß Frau Förster-Nietzsche heute rot nennt, was gestern blau war. «Alles fließt», sagt der gute Heraklit; des­halb dürfen auch die Aussagen der Frau Förster-Nietzsche über einen und denselben Gegenstand «fließen». «Die blaue Farbe von gestern kann aber in der Tat je nach der Be­leuchtung von heute, in unserem Auge eine rötliche Nuance annehmen dürfen.» Gewiß darf sie das, weiser Herr Dr.

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Seidl; wenn Sie aber von der Farbe, die heute erst eine rote Nuance angenommen hat, behaupten, sie hätte sie schon gestern gehabt, dann haben Sie einfach gelogen, trotz Ihrer geistreichen Heraklit-Interpretation. Sie stehen zum alten Heraklit nicht anders als zu mir: Sie wissen von beiden ganz gleichviel: nämlich nichts. *

Über den Wert des Lichtenbergerschen Buches streite ich mich mit Ihnen nicht, Herr Dr. Seidl. Denn Sie sind in der Rechtfertigung dieses Buches aus dem Nietzscheschen Satz mit den «leichten Füßen» ebenso glücklich, wie mit der Ab­leitung des «Heute blau, morgen rot» aus dem Heraklitschen «Alles fließt». Gewiß, Herr Dr. Seidl, sind leichte Füße ein großer Vorzug; aber sie müssen in solchen Fällen, wie der ist, um den es sich hier handelt, einen geisterfüllten Kopf tragen. Zarathustra ist ein Tänzer, sagt Nietzsche. Herr Dr. Seidi wertet flugs diesen Nietzscheschen Wert um: Jeder Tänzer ist ein Zarathustra. Was man doch alles heute in Weimar lernen kann!

Daß Sie, Herr Dr. Seidl, mein Büchelchen «Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit» herunterreißen, sei Ihnen ver­ziehen. Sie dürfen mir übrigens glauben, daß ich die Schwä­chen dieses vor 5 Jahren geschriebenen Buches besser kenne

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* Dr. Seidl bemüht sich, das Widerspiuchvolle in dem Verhalten der Frau Förster-Nietzsche anthropologisch zu erklären; nun ich denke, ich hätte, um ieden moralischen Vorwurf von ihr abzuwehren, in meinem Aufsatz gesagt: ,,Ich betone aber ausdrücklich, dass ich Frau Förster-Nietzsche niemals im Verdachte gehabt habe, Tatsachen absicht­lich zu entstellen, oder bewusst unwahre Behauptungen aufzustellen. Nein, sie glaubt in iedem Augenblicke, was sie sagt." Für diese Inter­pretation der seelischen Eigenschaften der Frau Förster-Nietzsche im Stile des Herrn Dr. Seidl das pomphafte Wort ,,anthropologische Erklärung" zu gebrauchen, geht gegen meinen Geschmack.

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als Sie. Ich würde vielleicht heute manches anders schreiben. Aber es hat einen Vorzug vor vielen, es ist ein ehrliches Buch in jeder Zeile. Deshalb hat es nicht nur bei Nietzsche­Anhängern Lob gefunden, sondern ein grimmiger Nietzsche-Gegner hat kürzlich gefunden, daß ich unter Nietzsches An­hängern der einzige bin, der «ernst genommen werden kann». Herr Dr. Seidl behauptet, daß es im «Zarathustra» nicht auf die Idee des «Übermenschen», sondern auf die «Ewige Wiederkurift» ankomme. Er bringt dafür einen Grund vor, der wahrhaft «gottvoll» ist. Dieser Gedanke kommt nicht weniger als dreimal im Zarathustra vor. Nun dreimal kom­men auch noch manche andere Gedanken im Zarathustra vor. Nach Herrn Seidis Logik könnten sie a]so ebensogut über den «Übermenschen»-Gedanken gestellt werden, der nicht dreimal vorkommt, sondern wie ein roter Faden durch das Ganze geht. Und daß «das Ganze» auf den Wiederkunfts-Gedanken hinausläuft, ist einfach nicht wahr. Herr Dr. Seidl scheint auch die Fadenscheinigkeit seiner Logik zu fühlen, er beruft sich, um mehr zu beweisen, als er im stande ist, darauf, daß Richard Strauß den «hochzeitlichen Ring der Ringe» zum «leichtfüßigen» Ringeireigen eines idealen Walzer-Rhytbmus machte. Daran erkenne ich Herrn Dr. Arthur Seidl. Ich habe nämlich die Ehre, ihn noch von Weimar her zu kennen. Es war bei ihm stets so: immer wo Begriffe fehlen, da stellt bei ihm zur rechten Zeit die Musik sich ein.

Ein logisches Pröbchen des Herrn Dr. Seidl, das allerdings auf die gegenwärtige Schule im Nietzsche-Archiv zu deuten scheint, möchte ich zum Schluß doch noch anführen. Mit allerlei Gewäbrsmännern behauptet Herr Dr. Seidl, Frau Förster-Nietzsche habe «bisher in allen entscheidenden Punkten

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wegen der Veranstaltung der Gesamtausgabe das Rich­tige getroffen». Nun behauptet sie und mit ihr die jetzigen Herausgeber: In dem bisher wichtigsten Punkt, in bezug auf die Herausgeberschaft Dr. Koegels, hätte sie gründlich das Falsche getroffen. Wie heißt es doch in der Logik: Alle Kretenser sind Lügner, sagt ein Kretenser. Da er selbst Lügner ist, so kann es auch nicht wahr sein, daß alle Kre­tenser Lügner sind. Frau Förster-Nietzsche hat stets das Richtige getroffen, also hat sie auch das Richtige getroffen, als sie behauptete, sie hätte mit Dr. Fritz Koegel das Un­richtige getroffen. Das ist Nietzsche-Herausgeber-Logik.

Nun möchte ich doch noch mit ein paar Worten auf Ihre dreisten Behauptungen am Schluß Ihres Aufsatzes eingehen. Herr Dr. Seidl, Sie, nicht ich, sind es, der unkundigen Leuten Sand in die Augen streut. Denn ich habe die Fehler die Sie der Koegelschen Ausgabe wieder vorrücken und über die Sie nicht genug «Moritaten» zu erzählen wissen, von vornherein zugegeben. Ich habe sogar zugestanden, daß man eine Aus­gabe mit solchen Fehlern zurückziehen mag, wenn die Mög­lichkeit geboten ist. Nicht auf diese Fehler kommt es an. Die glaube ich Ihnen auch, ohne daß ich erst wieder Ihnen nach-prüfe, wie Sie es bei Dr. Koegel tun. Die Hauptsache meiner Widerlegung der Hornefferschen Broschüre besteht in dem Nachweis, daß die von Dr. Koegel in Band 12 zusammen-gestellten Aphorismen sehr wohl eine Vorstellung von der Gestalt der «Ewigen Wiederkunftslehre» geben, die diese Lehre bei Nietzsche im August i88 r angenommen hat. Um einen solchen Nachweis zu führen, braucht man nur die in Band 12 gedruckten Aphorismen vor sich zu haben. Die Lesefehler, die Koegel gemacht hat, ändern daran nichts. Herr Dr. Seidl drückt sich um eine Entgegnung auf diesen

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meinen Nachweis herum mit der ganz nichtssagenden Ver­dächtigung: ich urteile, ohne die Manuskripte gesehen z u haben. Nein, ich habe sie nicht gesehen; aber das> was ich behaupte> dazu brauche ich sie eben nicht gesehen zu haben. Es fehlt mir hier der Raum, um meine Überzeugung bezüg­lich Nietzsches Idee der «Ewigen Wiederkunft» tiefer zu begründen. Ich werde es anderswo tun. Die Sache liegt näm­lich - wie mit einer fast an Gewißheit grenzenden Wahr­scheinlichkeit behauptet werden darf - so, daß Nietzsche die Idee der «Ewigen Wiederkunft» bei Dühring aufgegriffen hat und sie als die gegenteilige Ansicht der allgemein-gültigen und auch von Dühring vertretenen zunächst für eine Be­arbeitung in Aussicht genommen hat. Der «Entwurf», den Koegel im 12. Band. mltgetellt hat, gehört der Zeit an, in der Nietzsche einen solchen Plan hatte. Dieser hat aber die Idee bald fallen lassen, weil er empfunden hat, daß der «Entwurf» von 1881 sich nicht ausführen läßt. Später tritt sie dann nur noch sporadisch auf, wie im Zarathustra, und ganz am Ende seines Wirkens erscheint sie wieder, wie ich jetzt glaube, als eines der Symptome des sich vorher ver­kündenden Wahnsinns. Was Dr. Koegel im 12. Bande ver­öffentlichte, konnte deshalb nur ein mangelhaftes Werk sein, einfach weil die Einfügung des Wiederkunftsgedankens in Nietzsches Ideengebäude eine mangelhafte war. Und den Mangel fühlten einige Kritiker, zum Beispiel Herr Kretzer (in einem Artikel in der «Frankfurter Zeitung»). Und um diese Zeit fing an, die frühere «dunkle Empfindung» der Frau Förster-Nietzsche ein «objektiver Fehler» des Dr. Koegel zu werden. Sie schreibt in dem schon erwähnten unerbetenen Brief an mich: «Konnte dieser erschütternde Gedanke nicht prachtvoll, unwiderleglich, wissenschaftlich bewiesen werden,

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so war es besser und pietätvoller ihn als ein Mysterium zu behandeln, als eine geheimnisvolle Vorstellung, die unge­heuere Folgen haben konnte. Der wissenschaftliche Beweis wäre schon noch gekommen! Aus allen Aufzeichnungen meines Bruders geht hervor, daß er diesen Gedanken so behandelt wünschte: Die dürftige, ver­fehlte, gefälschte Veröffentlichung Dr. Koegels hat diesen ungeheuren Gedanken gemordet! Das verzeihe ich ihm nie.» Ich glaubte: hier haben wir des Pudels Kern. Nietzsches Werk über die «Ewige Wiederkunft» aus dem Jahre 1881 ist ein unhaltbares. Nietzsche hat den Plan aufgegeben, weil er unhaltbar war. Dr. Koegel mußte als Nachlaßherausgeber eine Vorstellung von diesem unhaltbaren Werke geben. Das ist sein Hauptverbrechen. Was unhaltbar bei Nietzsche ist, soll als Fälschung des Herausgebers erklärt werden. Frau Förster-Nietzsche behauptet auf S. LXIV ihrer Einleitung zum Lichtenbergerschen Buch, daß «diese wunderliche und dürftige Veröffentlichung jeden aufrichtigen Nietzsche-Ver­ehrer enttäuschen mußte». Nun, die aufrichtigen Nietzsche-Verehrer können nicht enttäuscht werden, wenn sie sehen, daß der Verehrte einen mangelhaften Plan faßt und ihn dann, weil er die Mangelhaftigkeit erkennt, zurücklegt. Wer der Meinung der Frau Förster-Nietzsche ist, diese embryonalen Gedankenentwicklungen hätten mit Zuziehung der späteren sie vervollkommenden veröffentlicht werden sollen (siehe Einleitung zu Lichtenberger S. LXIV): gerade der hat die Tendenz: die Gestalt der Wiederkunftsidee, wie sie Nietzsche im Jahre 1881 hatte, hätte durch Zuziehung späterer Ge­danken verfälscht werden sollen.

Ich habe nie die Verdienste der Frau Förster-Nietzsche' die sie wirklich hat, bestritten. Ich erinnere mich sogar noch

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eines gewissen Briefes, den ich an Frau Förster-Nietzscne, damals allerdings nicht unerheten schrieb, und in dem ich mich über diese wirklichen Verdienste schriftlich ausließ, weil Frau Förster-Nietzsche damals so etwas brauchte. Sie schrieb mir am 27. Oktober 1895 einen Brief, in dem sie sich für mein Schreiben bedankte: «Ihr Manifest gegen die Ungläu­bigen und Unbelehrten gefällt Dr. Koegel und mir außer­ordentlich und lesen wir es mit großer Erbauung. Herzlichen Dank dafür.» Durch nichts aber war Frau Förster-Nietzsche berechtigt, mich in eine Angelegenheit hineinzuziehen, die mich nichts anging, in die ich nicht hineingezogen sein wollte. Und wenn dieses Hineinziehen dann Folgen hatte, die Dr. Seidi «mehr brutal als besonders effektvoll» nennt, so war ich wieder der erste, der bedauerte, daß solche Szenen not­wendig gemacht wurden. Niemand anders aber hat sie not-wendig gemacht als Frau Förster-Nietzsche

Wenn nur die «einsame Frau» in Weimar von niemand schlechter behandelt worden ist, als von mir! Natürlich bis zu dem Zeitpunkte, in dem sie mich in unerhörter Weise provozierte. Ob ihr wohl solche Ritter von komischer Gestalt besser bekommen, wie Herr Dr. Arthur Seidl einer ist!?

ERWIDERUNG

#G031-1966-SE594 - Gesammelte Aufsätze zur Kultur- und Zeitgeschichte 1887 - 1901

#TI

ERWIDERUNG

#TX

In dem Aufsatz: «Der Kampf um die Nietzsche-Ausgabe» behauptet Frau Elisabeth Förster-Nietzsche «Von den drei Herren, die mich mit ihren Angriffen verfolgen, Dr. Fritz Koegel, Dr. Rudolf Steiner und Gustav Naumann, hat jeder den leidenschaftlichen Wunsch gehabt und die seltsamsten

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Versuche gemacht, alleiniger Herausgeber der Nietzsche­Werke zu bleiben oder zu werden oder wenigstens als Mit­arbeiter beteiligt zu sein.» So weit sich dieser Satz auf mich bezieht, ist er völlig aus der Luft gegriffen und kann nur den Zweck haben, meinem im «Magazin» (io. Februar 1900) enthaltenen Angriff auf das Nietzsche-Archiv häßliche, per­sönliche Motive unterzuschieben, die mir so fern wie mög­lich lagen. Es ist einmal meine Überzeugung, daß die Ver­waltung des Nachlasses Friedrich Nietzsches jetzt nicht in sachgemäßer Weise gebaneihabt wi