Schreibrichtung

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Der Name des Propheten Mohammed, oben als Ligatur, unten auf der Grundlinie verbunden, wie in einfacheren Drucken üblich; zu lesen von rechts nach links.

Die Schreibrichtung oder Schriftrichtung, in der die Schriftzeichen einer geschriebenen Sprache beim Schreiben aneinandergefügt bzw. die Leserichtung, in der sie gelesen werden, ist in verschiedenen Kulturkreisen unterschiedlich. Dabei wird zwischen einer primären und einer sekundären Schreibrichtung unterschieden. Die primäre Schreibrichtung gibt an, in welcher Richtung die einzelnen Schriftzeichen aufeinanderfolgen; die sekundäre Schreibrichtung bestimmt die Aufeinanderfolge der Zeilen.

Die Griechische Schrift der Frühzeit von etwa 800 - 600 v. Chr. hatte noch eine variable Schreibrichtung. Es gibt Texte mit primär linksläufiger oder rechtsläufiger Orientierung und solche mit bustrophedoner („wie der Ochse pflügt“) Schreibweise, bei denen die Schreibrichtung zeilenweise wechselt.

Die lateinische Schrift wird primär waagerecht von links nach rechts geschrieben, ist also rechtsläufig. Die Schrift ist also vom Körper weg in die Welt hinaus gerichtet. Sekundär folgen einander die Zeilen von oben nach unten.

Die meisten semitischen Schriften, beispielsweise das Hebräische oder Arabische, werden hingegen primär waagerecht von rechts nach links, also linksläufig geschrieben. Die Schrift wird hier gleichsam vom irdischen Umkreis, vom Horizont her in die Verkörperung hereingeholt. Die Zeilen folgen einander auch hier sekundär von oben nach unten.

Die Chinesischen, Japanischen und Koreanischen Schriften werden traditionell primär von oben nach unten und sekundär von rechts nach links, also linksläufig geschrieben - das gilt konsequenterweise auch für einzeilige Texte. Die Schrift wird hier sozusagen vom Himmel herunter und dann zeilenweise aus dem Umkreis ins Innere geholt. Durch den westlichen Einfluss werden heute viele Texte aber auch in der lateinischen Schriftrichtung verfasst. Die klassische mongolische Schrift, die heute noch in der Inneren Mongolei gebräuchlich ist, wird primär ebenfalls von oben nach unten geschrieben, sekundär allerdings von links nach rechts, also rechtsläufig.

Kalligrafie des berühmten Orchideenpavillon von Wang Xizhi, geschrieben im Spätfrühling des Jahres 353. Gelesen wird der Text von oben nach unten bzw. zeilenweise von rechts nach links.

Nur einige philippinische Schriften wie etwa die Tagbanuwa-Schrift werden traditionell auf Bambusstäben primär in vertikalen Spalten von unten nach oben und von links nach rechts geschrieben. Hier wird die Schrift gleichsam aus der Erde geholt und zum Himmel erhoben.

Über den geistigen Hintergrund der verschiedenen Schreibrichtungen bemerkte Rudolf Steiner in einer Fragenbeantwortung zu einem pädagogischen Vortrag vom 15. April 1924:

„Was die Anordnung der Schrift betrifft, Schreiben von links nach rechts und so weiter, so führt das in sehr starke Tiefen der Kulturgeschichte hinein. Es kann höchstens eine kleine Andeutung gegeben werden. Es handelt sich darum, daß in früheren Zeiten der menschlichen Entwickelung ein instinktives Schauen bei den Menschen vorhanden war, daß die Menschen die physischen Erscheinungen tatsächlich nicht so intensiv gesehen haben, wie sie das heute tun, dafür aber das in den physischen Erscheinungen lebende Geistige. Man stellt sich gewöhnlich nicht klar genug vor, wie anders der Mensch in alten Zeiten in die Welt geschaut hat als heute. Die Menschen denken so leicht, ein alter Grieche habe etwa zum Himmel hinaufgeschaut und habe die Bläue, weil das südliche Blau noch intensiver ist als das nördliche, in derselben Schönheit gesehen, wie es der heutige Grieche sieht. Das ist nicht der Fall. Das griechische Auge hat noch nicht so einen lebendigen Eindruck von dem Blau haben können. Das läßt sich nachweisen durch das Wort, das den Griechen fehlt. Die Griechen haben alles in mehr nach dem Rot und Gelb hinneigenden Nuancen gesehen, haben den Himmel mehr grünlich als bläulich gesehen. Das ganze Seelenleben der Menschen, insofern es auch von den Sinnen abhängig ist, hat sich im Laufe der Zeiten geändert. - Weil das Hebräische mit Recht genannt werden kann eine derjenigen Sprachen, die den lebendigen Zusammenhang haben mit der menschlichen Urschrift, so haben sie gerade dieses noch erhalten, den Zug von rechts nach links, der sich bei uns nur noch erhalten hat in dem Rechnen, das wir zwar auch als eine alte Erbschaft in unserer Zivilisationsära haben - eine viel ältere Erbschaft als unsere Handschrift - , von dem wir es aber nur nicht bemerken. Wenn Sie addieren oder subtrahieren, also rechnen - was aus morgenländischer Anschauung stammt - , so schreiben Sie zwar zunächst die Zahlen von links nach rechts, aber die Natur der Zahlen selbst erfordert von Ihnen, daß sie von rechts nach links die Rechnung machen. Daraus können Sie noch gut ablesen, wie unser Zahlensystem viel älteren Ursprungs ist als unser Schriftsystem. Das ist dasjenige, was darüber etwa zu sagen ist. Wenn Sie dann die Schrift nehmen im Chinesischen: Nun, da brauchen Sie nur den ganzen Habitus der chinesischen Kultur ins Auge zu fassen, die darauf angelegt ist, statt desjenigen, was wir ganz lebendig haben im Kosmos oder aus dem Kosmos - das Umkreisen um die Erde, die Richtung von links nach rechts oder von rechts nach links - , das hat der Chinese in seinem Gefühl nicht so. Er hat in der Richtung von unten nach oben oder von oben nach unten die zunächst älteste Richtung, in die sich das menschliche Fühlen hineinversetzen kann.“ (Lit.:GA 309, S. 91)

Literatur

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